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+The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Gaugöttinnen
+
+Author: E. L. Rochholz
+
+Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
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+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
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+Drei Gaugöttinnen
+
+Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.
+
+Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben
+
+von
+
+E.L. Rochholz.
+
+1870
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+ * * * * *
+
+
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+
+Vorwort.
+
+
+Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
+die nachfolgende Schrift am Titel trägt, drei nächstverwandte Wesen aus
+der deutschen Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
+Perioden seines akademischen Jünglingsalters und während der ersten
+Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgängen,
+Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung örtlicher Alterthümer
+nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung
+den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss sei
+ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergänzen helfe.
+Während sich ihm letzteres bald als eine gemüthliche Täuschung erweisen
+musste, war ihm darüber doch das Glück beschert, reichliche, nachhaltige
+Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
+einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
+Lebensänderungen nicht mehr veralten lässt. Und so erklärt sich der
+Ursprung unseres Buches als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer
+gereifte und hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
+der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
+man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht uns eigentlich nichts
+an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thälern der
+Altmühl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
+Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
+Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt
+wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
+innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ältester Zeit
+bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
+nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
+die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
+waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
+Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
+zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung dieser
+Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt ein älterer, als
+der durch die Kirche veranlasste je hatte sein können. Und also führte
+uns die _Gauheilige_ in rückschreitender Metamorphose auf die
+_Gaugöttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
+approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstützt
+wird, lässt sich mit ferner versuchten Einwänden nicht weiter mehr
+aufkommen. Auch führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste
+Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch ungeschwächt und
+persönlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
+Amélie Bosquet die Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen
+einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
+dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
+Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.
+
+Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
+Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
+Die dem Germanen eigenthümliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
+vor allen Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
+Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
+Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
+welche Wächterinnen der züchtigen Geschlechterliebe, der häuslichen
+Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war
+es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
+Wort frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
+bekleiden und als solche die Geschäfte der Tempeljungfrau, Priesterin,
+Heilräthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
+langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
+furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
+überrascht durch das in barbarischer Form überlieferte römische
+Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengöttinnen
+kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
+satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
+Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
+nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, sondern ebenso
+die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
+herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
+allerdings nöthigender Grund, sie später einmal zu Christentugenden zu
+subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
+Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
+erzwungene, innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des
+Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
+hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, anstatt dass
+umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
+legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
+Klerus, der dem Cölibat den übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
+zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
+Himmelsherrin, auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des
+Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwürde
+verkündenden Mythus durfte der Mönch kein Recht belassen, sondern musste
+ihn so weit und so unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis
+heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar auf einer
+Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprüchen
+bereitete, als ölschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
+auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke
+brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das
+aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
+Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin gewesen, hier eine Frau
+Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
+Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
+den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
+nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
+149). So ursprünglich schon steckt in dem Legenden erzählenden Mönch
+ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
+Waldteufel, wo in der fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
+Spessarts die Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
+Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
+Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwüstenden Riesin
+wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena
+
+ --auf des gefürchteten Gipfels
+ Schneebehangener Scheitel,
+ Den mit Geisterreigen
+ Kränzten ahnende Völker.
+
+Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafür
+ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
+der Männerwelt, rein aus Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an
+die neue Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des Lebens,
+für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
+einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrösse
+erobert und sogar den Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser
+Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
+Streben des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein
+frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
+gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
+erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
+persönliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
+bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
+Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
+germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
+Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
+Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
+die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.
+
+Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.
+
+E.L.R.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergöttin.
+
+
+Erster Abschnitt.
+_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.
+
+Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
+Grabstätten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
+fliessend; ähnliches kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und
+Embleme Walburgis.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.
+
+Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgöttinnen und
+Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes
+Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und süsse
+Hündlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
+und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in
+dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
+Eulogienbrode.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Walburgistag, des Meien hochgezît_.
+
+Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
+den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
+Ruthenzug.--Maigraf und Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche
+und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: sämmtliches
+als Abbilder eines göttlichen Werbungs- und Vermählungsmythus, welcher
+im Frühlings- und Erntevorgang spielt.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Maiengeding und Walbernzins_.
+
+Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
+Gerichte, gezeigt aus den Weisthümern.--Urkundliche Berechnung der
+Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
+Walpersmännchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
+verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
+fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.
+
+
+Fünfter Abschnitt.
+_Der Mythus vom Maienthau_.
+
+Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. Thau als
+Quelle von Leben, Lebensdauer und Körperschönheit, angewendet
+als Heilbad, Stärke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
+Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
+durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
+seiner naturgeschichtlichen Begründung. Thauschlepper
+und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
+Walburg in den Riesen- und Hexensagen.
+
+
+Sechster Abschnitt.
+_Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung_.
+
+Die westfälische Walburg. Die phallischen Götzenbilder zu Antwerpen und
+Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
+Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
+den Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. Etymologische
+Erklärung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
+Anwendung.--Schluss: die Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
+Meth, Ael und Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank.
+
+
+II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.
+
+Erster Abschnitt.
+_Verena, eine alemannische Gauheilige_.
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
+Altäre in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Verena, die Müllerpatronin_.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen
+Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als Ehegöttin. Der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Verena, die Geburtshelferin_.
+
+Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
+Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von der
+Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnischgletscher.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Verena als Frau Venus_.
+
+Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
+Vrenenhäuser, zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
+auf den ursprünglichen Mythus.
+
+
+III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.
+
+
+1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.
+
+Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
+Stabes, der Spindel und der Mäuse.
+
+2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
+Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
+werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.
+
+3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
+und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
+Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
+Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische Bräuche.
+
+4) Die Rolle der Maus bei den Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen
+Zweckbrode. Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
+Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walküre.
+
+_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
+Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen Mäuschen. Das
+Kalenderzeichen des Gertrudentages.
+
+
+Nachträge
+
+
+Wortregister
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+I.
+
+Walburg mit drei Aehren,
+
+die Ackergöttin.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
+
+
+Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
+der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
+jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den
+thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
+der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die
+entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
+Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des
+Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
+Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
+einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
+Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
+Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
+dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu
+vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
+nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden
+kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
+ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
+Ausarbeitung.
+
+Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
+sind nachfolgende.
+
+Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
+nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin
+Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
+Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
+eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
+seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
+Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
+commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba
+etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb;
+er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
+Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
+des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle
+übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende
+Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch
+Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J.
+888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im
+J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen
+Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin
+Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden
+aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem
+Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
+Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
+in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber
+die erste _umfassendere_ Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
+Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb
+1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der
+Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen
+Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä
+Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende, von
+uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
+secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
+tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
+Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
+Kirchengesch. 2, 347 und 356.
+
+Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
+Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
+Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
+Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in
+diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
+diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete.
+Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
+begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
+Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
+Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
+Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
+Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares
+Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
+auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und
+hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser
+Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
+des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss
+auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
+in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
+Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in
+der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der
+Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
+von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
+er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte
+demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
+übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
+Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr
+Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
+noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter
+Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter
+Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
+Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
+Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
+in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
+gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
+1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster
+Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
+Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
+seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
+auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel
+umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
+Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
+Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
+jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
+einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie
+stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben
+so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen
+Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen
+heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
+Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell,
+an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
+sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine
+Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
+Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
+geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
+Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.
+
+Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
+Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
+neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
+Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.
+
+Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
+781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren
+im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
+Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
+und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
+870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und
+bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
+Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
+Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und
+wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche
+zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
+Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt.
+Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
+streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der
+Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre
+Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus
+ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
+Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen
+Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
+werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub,
+zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei
+Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
+madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
+(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
+Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt
+gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
+Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
+Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in
+gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
+Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
+Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm
+(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass
+Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
+spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
+Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen
+Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem
+Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich
+am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
+302. Wir werden später darauf noch zurückkommen.
+
+Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts
+anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
+Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
+Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in
+seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
+auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein
+Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden
+ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne
+ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten
+Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein.
+Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt
+Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und
+überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
+tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
+sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spätere
+Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
+nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
+durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
+geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
+als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
+Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
+silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des
+Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
+und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend;
+unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
+selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
+mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
+Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
+vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
+sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
+gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
+diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
+geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders.
+
+Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
+begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
+Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
+(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
+erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
+Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
+die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb,
+folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
+Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
+nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
+fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen
+Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
+trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste
+Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et
+Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
+omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
+administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
+auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
+begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
+Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
+Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
+und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
+verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf
+verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].
+
+Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen
+Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
+Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
+in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
+bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
+1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die
+versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das
+Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
+1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März
+fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
+einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
+Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
+Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
+beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
+Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
+Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
+Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es
+die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
+sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen,
+oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
+Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.--Der Eichstädter
+Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten
+Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine
+Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
+desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
+306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
+darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
+reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein
+wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.
+
+So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
+Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu
+Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
+statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
+Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei
+sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im Stande der Gnaden
+befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
+
+Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
+derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht.
+Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein,
+sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig,
+und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
+Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit
+von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe
+vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
+fügt erklärend bei:
+
+ ûz dem sarksteine,
+ dâ inne lît diu reine,
+ vil heilic ol vlûzet,
+ des diu werlt vil genûzet.
+ der iht siecheite hat,
+ des wirt al ze hant rat,
+ als man ez dar an strîchet.
+
+In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine
+lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
+Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
+Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl
+und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für
+immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
+Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine
+des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
+Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
+damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die
+Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom
+nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
+Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen
+verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
+olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich
+davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.
+
+Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
+auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu
+Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
+Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
+Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi
+Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
+Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
+achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
+auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
+Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
+der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel
+der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu
+entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
+Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die
+Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären
+ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der
+Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
+Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe
+schwitzen müssen:
+
+ Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
+ In cavea Martis num pugil illa fuit?
+
+Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
+Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
+gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt
+Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
+athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner
+6. Homilie über den Brief an die Coloss.--Nork, Realwörtb. 3, 301.
+
+Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta
+SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme
+geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch
+lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und
+seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
+Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
+heilt:
+
+ Hinc quendam fastidiosum
+ Fame paene mortuum
+ Alloquens per visionem
+ Monet, ut de calice
+ Ejus biberet; quo facto
+ Esuriit solito.
+
+Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde
+von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
+auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
+er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher
+Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
+welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist
+einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
+dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
+Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.
+
+Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
+totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
+dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
+Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest
+Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias
+ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
+wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen,
+geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius
+erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen
+Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
+Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
+daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
+zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
+kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
+dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
+hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
+518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
+
+Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
+Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation
+verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
+Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
+welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
+einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
+linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte
+Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an
+(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist
+Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
+Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und
+im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl.
+Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
+Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt
+wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
+erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in
+der Hand haltend:
+
+Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
+Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
+Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt
+das Grabmal).--P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl.
+Walburgis. Regensb. 1708.
+
+Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
+Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
+Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
+vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
+sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
+aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.
+
+Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
+eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von
+Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei
+Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
+der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
+gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest
+gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
+habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.
+
+Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das
+topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868)
+folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
+Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg
+bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
+Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
+zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
+bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
+Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
+Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
+Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei
+Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
+Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
+Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
+bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
+Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei
+Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles
+vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
+Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in
+altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
+Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
+tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
+Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
+Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.
+
+Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
+nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
+Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
+ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich
+von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
+Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten
+Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
+Bolland. 3, 518.
+
+Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
+Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
+2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
+Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
+Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
+erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.
+
+Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
+Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
+Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.
+
+Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
+Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
+Aldenaerde, Brügge, Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später
+noch zu handeln sein.
+
+Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.
+
+In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
+Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche
+daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
+einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
+fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
+gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu
+dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
+Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
+übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König
+Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
+diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
+Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.
+
+25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstädt in der
+Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. März: Gretser l.c.
+pag. 907.
+
+1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstädt; gefeiert in
+der Eichstädt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica.
+Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz.
+Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die
+Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
+Liturgia 4, 768.
+
+4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstädt (Bollandisten
+ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland.
+522; zu Veurne, in der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912.
+
+12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter Walb.kloster.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.
+
+
+Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die
+bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des
+Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch
+das Eichstädter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da
+zwischen den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
+Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau
+gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3,
+tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch
+davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thüre
+des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rüden angefallen wird;
+auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp
+(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller
+Hunde angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der Heiligen
+als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren Zeit nachweisen. Die
+Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt spielt nicht in dieser Stadt,
+sondern in einem Orte, welcher römisch Aureatum heisst und schon seit
+Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit
+einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
+beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse
+gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstädter
+Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von
+Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft
+geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind
+Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der
+Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
+München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll röm.
+Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, deutlich unterscheidet man
+noch den Lauf der Römerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser
+1620 von der Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
+dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau
+vorstellte, zu deren Füssen, von Erde überschüttet, angeblich ein Hund
+liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei
+Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind
+seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele
+entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
+Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, aber deutschen
+Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
+und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber
+derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer
+Kirche nicht, wo Walburgis frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair.
+Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf
+den frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft
+angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben
+musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes,
+dessen herabhängende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Händen berührt
+werden. Man sagt, hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund
+begraben.
+
+Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg führen dasselbe
+Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form
+und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi
+genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier
+nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der
+Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
+jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengöttinnen
+und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde
+erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten
+die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und
+Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
+umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter
+(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter der Frû Gauden umbellen
+den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hündinnen. Colshorn, Märch.
+u. Sag. no. 75. Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
+daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei
+_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde,
+welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25.
+289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das überirdische
+Hündchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege
+hiefür: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
+hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden
+steht gerade über der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist
+der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat.
+Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das
+Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad.
+Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
+Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwähnten Kapelle zu
+Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von
+der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen.
+Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.
+
+Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das
+freundlich-wohlthätige Geleitsthier der schönen Weissen Frau ist es
+gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die
+des Gewitters feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der
+Rost, der während der Hitze der Hundstage das Getreide befällt, war dem
+Römer versinnlicht durch das Götterpaar des Robigus und der Robigo, die
+beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
+Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien
+geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in
+seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den
+Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hündchen
+schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und
+Kornähre abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die Ursache
+des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:
+
+ Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
+ Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.
+
+Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljährlich
+zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im
+April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt,
+Fastelabendgebräuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese für die
+Landwirthschaft gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man das
+Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.),
+oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederösterreich wird am 28. Dec.
+(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das
+wird das Wind- und Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer,
+so sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu befürchten. Ein
+Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man müsse
+die Windhunde füttern." Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das
+eben angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte
+Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das
+Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der
+erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschädigen
+konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brôt, ez hat gesnîget.
+Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers Hackelberg
+in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter über an der
+Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so
+mildherziges Haus im Frühjahr drauf mit Milch und Butter reichlich
+gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten
+noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
+Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten)
+jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet
+die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm
+traben, denen söllent sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der
+Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
+Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für jeden
+geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die
+oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspätzlein, die man
+in Baiern Nackete Hündlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen
+Tölpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud;
+beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein
+wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag.
+2, 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes sprang die
+Vorstellung über auf den Biss der wüthenden Hunde, hielt aber in beiden
+Fällen die Kornähre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht
+man im Felde zum ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf
+Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und streicht sie
+stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden
+gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. S. 402. Ein latein.
+Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen
+also beginnenden Hymnus:
+
+ Walburga venit: cedite
+ vesane grex, molossi!
+ Cedunt, pavent, obmutuit
+ os impotens latrandum.
+
+Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass
+euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe
+Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst.
+Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen
+Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und
+diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nächsten
+Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4,
+149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea
+canicida, canivora genannt war.
+
+Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um
+thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische
+Butter auf ein Stück Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm
+entzwei, mach ein Löchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit
+Brod zu, schmiere Meyenbutter drüber, lass es aufessen. Dies ist ao.
+1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll;
+reissen an den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor
+ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine
+Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen.
+Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den
+Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermünze) auf Butterbrod,
+so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in
+Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der
+Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig
+reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon
+verabreicht, damit es in keinen bösen Wind komme. Wir werden hievon im
+fünften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession
+von Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg
+gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten
+Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen
+abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzählen von einem am
+Wolfshunger leidenden Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst
+eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
+Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch.
+
+ Sualaveldico in pago
+ Fuit quaedam faemina,
+ Quae languore fortissimo
+ Aegrotare coeperat.
+ Namque tam intemperata
+ Edendi ingluvies
+ Incessit semisanatam,
+ Ut nulla edulii
+ Abundantia valeret
+ A suis saturari,
+ Exhaustis jam parentibus,
+ Sed fame accrescente
+ Anxiata hinc dolore
+ Hinc pudore maximo.
+ Tandem divinitus tale
+ Occurrit consilium.
+ Rogat suos se deferri
+ Ad Walpurgae gratiam.
+ Quo delata, biduanis
+ Incumbebat precibus,
+ Quibus exorata virgo
+ Gradiendi miserae,
+ Qua privata diu fuit,
+ Sospitatem reddidit.
+
+ Bona quaedam monialis,
+ Vocato preabytero,
+ Benedici panem fecit
+ Redditque famelicae.
+ Quo gustato nequam illa
+ Fames voracissima,
+ Virgine sacra favente,
+ Coepit se subtrahere,
+ Sic paulatim decrescendo,
+ Ut prius accreverat.
+ Sic crescente fastidio,
+ Pro mira esurie,
+ Tandem nil aliud cibi
+ Praeter solum caseum,
+ Nihil de potu gustare
+ Nisi tantum lac poterat.
+
+Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bändigung der Hundswuth
+gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin
+misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe.
+So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839.
+Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss
+nothwendig auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie
+kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
+Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Büschel
+in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers
+Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre
+Dame de trois épis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne
+erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen
+der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae Geburt
+und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142.
+"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blüht, so wird
+er vor Jacobi nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
+diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet
+ihren über das sündige Menschengeschlecht erzürnten Sohn, nicht alle
+Feldfrucht zumal zerstören zu wollen, sondern doch noch so viel an den
+Aehren stehen zu lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein
+ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur
+Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim elsäss. Stifte Katzenthal
+gelegen ist. Ebenso lässt Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer
+Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwählt, mitten aus dem Winterschnee
+drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der
+Hand trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornähre
+brachen und vereinigten die römischen Brautpaare und benannten nach
+demselben den Eheabschluss stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn,
+so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben
+Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
+Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom
+reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, der Frühlings-Genius der
+aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen
+verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen
+Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur
+entgehen, wenn man in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem
+färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen
+Verfolgung ins Fruchtkorn:
+
+ Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
+ Geschwind erwachsen in einer Nacht.
+
+ In des Ackers Mitte verbarg alsbald
+ Wodan den Knaben in Aehrengestalt.
+
+ Als Aehre ward er mitten ins Feld,
+ In die Aehren mitten als Korn gestellt:
+
+ "Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
+ Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!"
+
+Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 44) ist die
+hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern
+und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause
+einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den
+daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie ein kleines
+Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst
+auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit
+langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig
+(golden), in den Händen trägt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles
+Zukünftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser
+Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
+auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch sein
+Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag).
+Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der
+Bauer willfahrt, als die Reiter vorüber brausten. Des andern Morgens
+fand er in den heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher wird
+die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner,
+erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind
+in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine
+Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trägt.
+Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Städten des bair.
+Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen
+Volksbelustigung gewesen.
+
+Plätze, Strassen und Häuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den
+Festumzug eröffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh
+gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe
+zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres
+Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den
+Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt dorten nur
+noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum
+Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In
+Niederösterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht,
+sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gärten und trägt die schon
+vorhin erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
+vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
+Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den
+Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold
+auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern
+und Moosfräulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer über sein
+Ross legt und die sich Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der
+französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich lokalisirt. Um
+die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem südfranzös. Dorfe
+Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte
+ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und
+sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen
+eines Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt
+und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jährlich
+im Frühling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in
+der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und
+Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
+10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf
+Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte
+vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die
+vergötterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frühling umherirrend
+sich dem Zephyr ergab und daher die Macht über die Blüthen der Bäume und
+Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler Estourgoux,
+verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der
+Felseinöde des dortigen Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier
+aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
+gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in
+beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit Kreuzen gekrönt sind. Unter
+grossem Zudrange des Volkes werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der
+Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens
+getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
+aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das Gewölk vertrieben,
+sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rücken pflegt. A. SS.
+Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.
+
+Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
+Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen einer ursprünglich
+edleren Vorstellung von gütig gesinnten und für den Erntewachsthum
+bemüht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung,
+emsig das Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner Sage
+bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mühle
+heimträgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er
+grüsst sie:
+
+ Gott vermîr ich iren danz,
+ Gott vermîr ich iren kranz!
+
+Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des
+Mehles ledig wird!
+
+Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von
+Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209);
+allein damit verbürgt er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach
+überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim
+Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die
+Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wächst im Korn schwarzer Raden,
+am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf,
+Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in abergläubischer
+Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des
+Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als
+Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby,
+Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen,
+geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des
+Schutzgeistes reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur
+etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
+Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder
+Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau
+bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss,
+Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des
+Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
+_Milchtrut_, anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wörtb. 62): so
+wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valküre
+galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allüberall ihren Schützling
+umflog, wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
+marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in umgekehrter
+Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrättelein
+die Stallrosse und zöpft ihnen Schweif und Mähne, dass sie schwitzen;
+denn es ist gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener
+himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt,
+Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel
+noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der
+Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen.
+
+Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten;
+das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu
+Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai
+einen reichlich geschmückten Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen,
+wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128.
+205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt _drei_ Aehren vom
+fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune.
+Schönwerth 1, 432.
+
+Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis
+Eulogienbroden.
+
+Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede
+zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich
+einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es
+war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen
+Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
+religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor
+ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein ähnlicher Brauch war nun auch
+dem deutschen Heidenthum geläufig gewesen und dauerte noch lange fort in
+dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsächsischer Name
+Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für Alle; Gott, auf
+dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte
+bewahren. Eine natürliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung
+derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Dürftigkeit
+geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den
+Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und
+ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit
+derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
+bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite
+Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen
+Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. Das Christenthum
+vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten der Germanen nicht
+abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen:
+"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die
+angelsächsischen Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass
+man diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr einen andern
+Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz
+mit grünen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches
+Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans
+Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der
+Sättigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten
+trat später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den
+Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- und Festtagen unter
+dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain béni) überreichlich
+an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein
+durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung
+von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem
+daselbst erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, Fische,
+und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3.
+II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getränk
+jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils
+aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andächtigen
+gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre
+werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
+Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der
+hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten
+Brode. Hierüber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder
+gesungen, von denen ein kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist
+diese. Ein blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume sagen:
+Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grüne
+Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum
+Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, überbrachte dahin die Brode
+und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am
+Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie
+bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg,
+untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich
+und das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. 300).
+Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hühner. Sie
+lassen nicht auf die gewöhnlichen Zinshühner schliessen, von denen in
+der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der
+Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
+nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche
+galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und
+gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch für heilsame Thiere
+gehalten (Schönwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein
+und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym.
+Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei,
+allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des
+Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und
+Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
+
+ Puella quaedam ab ipsis
+ Heu caeca cunabulis,
+ Audita opinione
+ Virginis eximiae,
+ Desiderio flagravit
+ Veniendi maximo.
+ Quam quidam in visione
+ Nocturna submonuit,
+ Oratorium adiret
+ Tanti desiderii,
+ Oblatas mundas offerret,
+ Altari imponeret.
+ Quas illatas statim binae
+ Gallinae comederent;
+ Quibus pastae deservirent
+ Matris excubiis.
+ Venit, attulit, imponit,
+ Preces fudit intimas.
+ Astant duae moniales
+ Gallinae videlicet,
+ Praevisae in visione,
+ Quae oblatas colligunt,
+ Et requirunt diligenter
+ Quae, unde, cur venerit.
+ Quibus illa dum exponit
+ Singula veraciter,
+ Domino propitiante
+ Et beata Virgine,
+ Incognitum lumen coeli
+ Novis hausit oculis.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Walburgistag, des Meien hochgezît.
+
+ Der meie der ist rîche,
+ er füeret sicherlîche
+ den walt an sîner hende,
+ der ist nu niuwes loubes vol:
+ der winter hat ein ende.
+
+ Neidhart von Reuenthal (1234).
+
+
+Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der göttlichen Wesen
+unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer
+älteren Sprachweise lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda nennt
+den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svâsudhr; der Winter
+dagegen (Vetr) hat den Vindlôni und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl
+und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr
+abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
+einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen waren ein Brauch,
+welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Südbaiern und der
+Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort
+herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch
+des Winters, der es erst auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt.
+Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm
+die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt
+gewappnet auf den Plan:
+
+ sein panzer was ein grüenes graz,
+ sein koller darauf ein weisser klee,
+ sein halsperg was veyolvar,
+ sein bugler wag von rosenbluet.
+ er füert in seiner hende
+ ein sper, was michel lanc
+ vnd was eitel vögelingesang.
+
+A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub
+gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah auf Walburgis oder
+1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In
+Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des
+Ortes seine Maigräfin, die Majinde, erwählte, indem er seinen
+Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thüringen war es der in
+Pappellaub eingebundne Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein
+Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
+steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet,
+der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten und führte die im Busche
+versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern
+Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der
+Provence Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An diesem
+letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen bändergeschmückten
+Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und
+das Gefolge singt vor den Häusern:
+
+ Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum,
+ Lass dich beschauen 'rum und 'num.
+ Maienröslein, komm in grünen Wald hinein,
+ Wir wollen alle lustig sein;
+ So fahren wir vom Maien in die Rosen.
+
+Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein,
+Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder die Hühner nehme, der
+Stock keine Trauben, der Baum keine Nüsse, der Acker keine Frucht mehr
+trage; denn das Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen
+Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, 56. Fällt der Nachdruck
+der scenischen Festaufführung auf das Vertreiben des Winters, so nennt
+man dasselbe den Tod austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise,
+mit dem Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit
+Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der König einen mit Goldpapier
+beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm
+sein Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Königstochter
+werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein
+Bündel Lichtspäne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom
+erzürnten Vater niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei
+Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die eine angeführt
+vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit Handspiessen bewaffnet,
+Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der
+mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein
+Speerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch
+des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung
+des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
+glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln
+unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der
+Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen Birken- und
+Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mühe
+zum Grünen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glänzender als
+es durch Speerkämpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die
+Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik
+(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt
+Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer Mairitt,
+welchen die Bürger von Soest im J. 1446 während ihrer Fehde gegen den
+Bischof von Köln ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte
+in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
+unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie
+zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo
+sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die
+Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und Vesten, führten Heerden,
+Güterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder
+frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden
+Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grünen Maien"
+nach Hause. Wie hier der grüne Mai, unter welchem das Kriegsheer
+einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste
+die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
+Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und
+Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst.
+Diese Kadettenzüge sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und
+_Kinderspiel_, pg. 490. Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem
+zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der
+mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm
+die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach
+seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft
+niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden
+sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die
+Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart
+in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen
+Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der
+Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen Mädchen in
+öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem
+Höchstbietenden zugeschlagen. Der Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria
+IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen"
+ausgeboten und den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile
+daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hüter
+"Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der
+Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz,
+das ehmals im ganzen Eifellande üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag.
+1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen
+unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen gleichfalls ins
+Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker,
+Hess. Sag. no. 317[2].
+
+Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
+Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
+nachweisen, über deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
+sagen lässt, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
+genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen
+einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Würzburg
+gethan worden und sah hier das berühmte Maispiel mit an, das die
+gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljährlich zu begehen
+pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
+verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
+Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
+ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre
+Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
+Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, hielt das
+Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im Frühling zu Ehren der
+Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
+wurde. Sämmtliche Wittwen unter fünfzig Jahren und alle mannbaren
+Mädchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
+Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar den Reihen
+führte, ergötzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fühlte
+sich zu frischem Beginne angespornt. Das Männervolk machte dabei den
+Zuschauer. Den Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die
+ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
+künftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemüthe,
+traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
+bei diesem Feste geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre
+Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
+Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwählte, die er noch
+nicht näher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
+ein heidnisches Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "_König_" er sich
+selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
+Mädchen sich den Titel der "_Königin_" beilegen, wenn eben diejenigen
+Männer, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
+worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen Scherz nachher
+tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
+die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
+werden wollte: unter Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig
+Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
+der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
+weit Herbelo's Nachricht.
+
+Der Ehemann, welcher, hier _König_ genannt wird, ist im heutigen
+Frühlingsspiele der Maigraf oder Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut
+die Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
+sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Männer ins
+Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekränzt, tragen
+Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen
+Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
+genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
+keineswegs aus nackten, sondern aus entblössten Tänzerinnen, d.i. aus
+solchen, die als Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt
+haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den Reihen treten,
+ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
+lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mönchsphantasie ein
+züchtiger Frühlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
+angebliche Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
+Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
+als eben dieses grausame Missverständniss von Seite des Klerus.
+
+Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen der Walburgisfeier.
+In derselben Mainacht werden glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen
+auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
+das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
+schön bleibt. Man wählt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
+ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Prätorius,
+Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem
+Kammerfenster des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
+Sinnbildern:
+
+ Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
+ Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
+
+ Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden,
+ Gott bewahre dich im finstern Gaden.
+
+
+ I lôss sie grüessen durh e höchi Tanne,
+ die Zît isch cho zum Wîben--und zum Manne,
+ I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli Thau:
+ i wött, mî Holdi wär mî Frau.
+ Rosmeri und Zypresse,
+ ass i de nit vergesse;
+ Rosmeri und Nägeli drî,
+ g'hörsch, i möcht gern bî der sî!
+ bî der sî, wie's Rösli hockt
+ am-ene einige Stengel:
+ Der Herr ist schön, sî Frau ist schön
+ und s' Chind ist wie ne Engel.
+
+Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein dürrer
+Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
+das Fenster der Verführten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
+Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
+noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
+erforscht zur selbigen Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
+Walburg selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt eine
+aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der österreichische Brauch
+des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
+Mädchen, welche Lust haben, ihres Zukünftigen Beschaffenheit
+vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
+feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
+hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise herum durch
+die Finger läuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
+
+ Voaten, i ziech di,
+ Walpurga, i bid di,
+ zag von main Man
+ alle Seiten an.
+
+Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart und fest, so
+werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfälzer
+Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren Schuh über den Peuntbaum und
+horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herüberschallt;
+eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
+
+ Hunderl, ball, ball,
+ ball über neunmal,
+ ball über's Land,
+ wau mein feins Liab wahnd.
+
+Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
+Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
+Liebeszaubers.
+
+Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Mädchen
+an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
+sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
+_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
+24). Eine Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
+stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
+gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
+Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund aus und liess an der
+Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70.
+Dies führt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
+das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen
+Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
+vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
+erklärt, dass sich am 14. Febr. die Vögel zu paaren beginnen, und ein
+gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das
+Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
+dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
+welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
+nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
+das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder brütenden
+Vögel. Alles überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
+und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
+Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
+Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
+12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
+(ausser den vielen bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
+422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
+mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum Entgelt erhalten
+dieses Tages die Briefträger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
+Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
+dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
+und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
+bleibender Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende
+Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
+
+ Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
+ so früh vor Sonnenschein,
+ ich junge Maid am Fensterschlag
+ will euer Valentin sein.
+
+Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmädchen des
+festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
+erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
+er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
+kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Männer oft schon vor
+Sonnenaufgang in der Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
+Geliebten vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei ihren
+Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
+Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen mit zugemachten
+Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
+desjenigen hören, den sie gern möchten. Suchen wir die Erklärung und den
+Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
+vorausgeschilderten Maibräuchen, so finden wir dafür den nordischen
+Natur-Mythus von der Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften
+getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
+der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
+Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch kinderlos. Da
+wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), spröde sträubt sie
+sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
+gerührt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
+entflieht Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf
+Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der äusserlichste Umriss
+der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
+Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzüge der späteren Sagen und
+Bräuche finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der
+aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
+gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
+Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres grünen und
+schimmern dann alle Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen
+Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
+Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage müssten die Hexen den
+letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
+ebenso an Mariae Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
+damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
+wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
+Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
+auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt nichts und ist eine blosse
+Folge späterer Zeiteintheilung. In den Volksbräuchen ist noch vielfach
+die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
+der 12. Mai als der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat
+übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein säen und
+dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); oder die älteste
+Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
+(Meklenburg) rückwärts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
+einige Stücke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
+oder man steckt beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige
+senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thüringen)--alles, damit der Flachs
+gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
+184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
+der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
+Liebesbündnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
+Kindermärchen vom Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
+die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
+Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
+Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch nickende
+Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Nährkraft. Sigfried, von dem
+gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
+Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
+Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
+sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies heisst in
+der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
+der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
+den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
+worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier
+überreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
+Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
+andere als dich will ich zum Weibe haben!
+
+Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
+obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
+geworden ist, war einst eine Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das
+Glück der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten
+ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine oberpfälzische
+Sage (Schönwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
+trägt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
+gegenseitig in Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel und
+Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
+Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
+liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
+(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schöner sei, die Heidengöttin
+Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
+Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf dessen
+Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
+möge sie nur bei der nächsten Ausfahrt begleiten und sich selber
+überzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
+Wagen und fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten hört. Da senkt
+sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
+zahllosen Menge angefüllten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
+Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch
+dem Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er sprang auf den
+Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
+die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
+erloschen mit einem mal sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
+Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
+gegen Tag gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.--Wir werden
+dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
+Kirche selbst angeben hören; denn allerdings sind schon die bisher von
+ihr gemeldeten Züge unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
+Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre nächtlichen
+Höhenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
+Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
+der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
+Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
+Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und trägt
+eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
+Abbild ist Pindars "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
+römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
+Gerstensaat.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Der immer gleichlautende Auskündungsspruch:
+
+ Heut zum Lehen,
+ Morgen zur Ehe,
+ Ueber ein Jahr zu einem Paar--
+
+steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
+von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
+Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Maiengeding und Walbernzins.
+
+
+Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
+waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
+und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
+verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach späterer
+christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
+karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
+üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
+Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
+sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
+erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten
+Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung
+bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, sondern auch
+über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, somit über Krieg und Frieden,
+und ihre Aussprüche waren die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie
+unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und Parlamenten
+anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil der Tag sich aus der
+Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
+und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften (Weihnachten bis
+Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
+Klöpfleinsnächte und Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und
+Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den heidnischen
+Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In gleicher Analogie spricht man
+von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewährten
+Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch
+noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
+pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
+14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
+dem Wintergerichte zusammen, erst später auch mit dem Herbstgerichte zu
+Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
+zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
+Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch.
+Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
+(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding
+da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
+vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
+Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
+Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
+Walburgis auch später in den Städten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
+"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Räth zusammen schwerend",
+heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
+Gesellsch. Die Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
+derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der täglichen
+Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
+iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt überkompt, dass
+einer ein aug domit bedecken müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
+bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
+Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
+geendet, die für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft
+nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den späteren
+Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
+beköstigen, den Schöffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
+einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
+zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
+Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
+in den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
+I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
+obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
+Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
+Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und
+Bünzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
+jährlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage für den Lehensherrn
+beliefen, zeigt folgendes Aktenstück.
+
+ Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
+ verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
+ Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
+ HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
+ Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--für Höuw vnd Haber über Nacht
+ 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt an einem
+ Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
+ Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
+ Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
+
+Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren die Bräuche, unter
+denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu überbringen hatten.
+
+Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knütl
+alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
+alter hessischer Münze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
+überbrachte, hiess das Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh
+Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
+der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er sich, so verdoppelte
+sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend hätte ihn die ganze
+Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
+die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
+Walpertsmännchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
+Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit
+nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslänglich zu
+verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
+aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
+Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
+Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
+sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
+abzutragen verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
+Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
+Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
+hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann auf einen breiten Stein
+unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
+spät einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
+Aber auch dabei kamen dem Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
+zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
+wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
+erhielt, welches mit der Zeit für ganze Gemeinden zu nicht
+unbeträchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bräuche
+und Sagen.
+
+Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jährlich
+an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
+welcher dem Churfürsten von Mainz zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen.
+Gleichzeitig kam dann sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt
+in dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei Musik, Tanz und
+Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
+hammerführenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
+und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren.
+Mit Eichlaub bekränzt singt der heimkehrende Zug:
+
+ Willst du mit nach Walpern gehn,
+ Willst du mit, so komm!
+
+Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
+Schusterzunft den grünen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
+bekränzt nebst ihren Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
+und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für die
+Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die übrigen
+hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstörten, von
+dem aus die Orte des Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei
+Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, pflegte man
+sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es sollen die zwei
+Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
+wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
+Kostbarkeiten behängt die Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens
+anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
+angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die
+Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die städtischen
+Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
+nichts, was dieser Geschichte einer zerstörten Raubburg aufhelfen
+könnte, wohl aber dass der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg.
+Schwörtages ist, an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer
+Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestätigte
+ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem
+Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht aus dem Filz,
+den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
+Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
+gelungenen Kriegszuge der Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss,
+oder einer militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
+der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses örtliche Holzrechte
+verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
+Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich für die Nutzung
+überlassener Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
+der Frau "den kühlen Mai".
+
+Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, 37) an den
+Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fällt,
+dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu füllen vermag, so ist
+auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
+Wunderkräftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
+Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann
+gemeindeweise zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition
+entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhängigkeit
+der Landschaft durch einen glücklichen Waffenstreich errungen worden
+sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
+die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
+"Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
+Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
+zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
+das sie nicht länger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
+Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
+ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
+älteste und festete Gebäu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
+Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr älterer Name war Walburg, sagt
+Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
+unmittelbarer Nähe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch
+die aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. Müllenhoff, Glossar zum
+Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
+geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen,
+wofür der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
+Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt der Tafelmusik
+musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlärmen. Solcher
+Wohlstand reizte die habsüchtige Gräfin Walburg und sie beredete ihren
+Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
+nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
+Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten denn die Bauern eine
+lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
+schöne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Säcken des
+zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor
+erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort:
+
+ Rühret die Hände, Zerschneidet die Gebände!
+
+Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, zuckten die
+Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
+entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
+und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
+Gräfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
+mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
+Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
+gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
+Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
+dorten ein Bauer aus dem Boden gepflügt und daheim aufbewahrt hatte,
+entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
+heilkräftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
+sterken.
+
+So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
+Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugräfin und Burgfrau,
+mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhört und die politische
+Selbständigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
+die hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich an einem
+oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
+Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
+Broken. _Dreimal_ des Jahres müssen die Hexen ihre drei hohen
+Tagsatzungen abhalten, sagt Prätorius Blockesberg (1668) 499, und
+zergrübelt sich über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
+sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
+dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
+ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.
+
+Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
+Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fällt, theilt W.
+Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
+Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
+Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
+liegt, hatte der böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
+Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber und Töchter
+entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
+Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
+geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemäss ein grosses Feuer
+auf dem Berge angezündet und der übliche Reigentanz um das Feuer
+gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
+Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe plötzlich zu
+überfallen. König Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnügen
+zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
+hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
+seinen Namen erhalten haben.
+
+Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
+Bräutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
+ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden können, wird der winterliche
+Tyrann, König Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
+zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Fünfter Abschnitt.
+
+Der Mythus vom Maienthau.
+
+
+Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich
+die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's
+45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
+den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
+Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn
+erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
+der ersteren ist hier die Rede.
+
+Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
+und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
+reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
+eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
+Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine
+Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
+und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
+mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
+Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
+Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
+Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
+Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer
+zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
+reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr.
+Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
+Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine
+Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts
+eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König
+Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt
+wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen
+Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel,
+wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
+genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die
+hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
+trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
+Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3,
+no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
+Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin
+Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
+no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
+Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen
+können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
+einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
+ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut.
+Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
+Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
+Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und
+piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
+das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
+sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
+margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen:
+
+ Die Rose stand in Thau,
+ Es waren Perlen grau;
+ Als Sonne sie beschienen,
+ Da wurden sie Rubinen.
+
+Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
+die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
+319-330):
+
+ uon dem leime gab er ime daz fleisch,
+ der tow becechenit den sweihc.
+
+übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
+dass es soll blühen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flüchten
+beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
+Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
+Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
+kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
+wenn man einen Baum im Maienthau schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
+der die drei letzten Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des
+Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang des
+Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
+liess hierauf die Bäume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
+Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen für die Menschen
+rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
+Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
+firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
+grôz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
+niemer her ab, wan daz, sûmeliche maister wèn, daz daz tov daruz werde.
+Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwünschter, wie hier hernach noch
+des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
+Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse
+weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen
+erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wächst kein
+Gras; daher in G. Bürgers Romanze:
+
+ Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
+ Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,
+ Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
+
+Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
+(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
+Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
+Panzer, BS. 2, pg. 54.
+
+Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des Liebreizes und der
+Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
+
+ Wenns thaut, wirds grön,
+ werden alle Jungfern schön.
+
+Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
+Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
+neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
+frischgrünende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
+umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in
+seinem Trojan. Krieg--verjüngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
+gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
+
+ Es giengen drei heilige Frawen
+ zu Morgens in dem Tawe.
+
+So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger Christian von Hameln dem
+bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
+Fuss darauf:
+
+ Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
+ ein wîp, nâch der mîn herze stê;
+ sô wünsche ich, daz si mit blôzen füezen
+ noch hiure müeze ûf iu gê.
+
+Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
+kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
+genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
+man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
+setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen
+Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
+der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
+einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.
+
+Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und
+Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
+milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
+Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
+den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu
+Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
+Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in
+Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
+frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
+Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
+Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und
+schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
+Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
+keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
+bayz (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
+Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
+denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
+taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
+genaden auf vns reüdige menschen!
+
+Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
+Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
+erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
+mit diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
+stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen
+bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie
+badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
+Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau,
+worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
+Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll
+milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
+zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
+
+In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die
+Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
+wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans
+une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore,
+Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
+Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
+no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
+berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
+sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen
+solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Isländer und
+Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
+heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine
+Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
+mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
+Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:
+
+ Das hilft für's Gah,
+ für's Bläh,
+ für'n U'flat.
+
+Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die
+Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
+30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut für abgehauene Arme,
+für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
+bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
+"Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern
+liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten
+Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein
+Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
+seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
+Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
+Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
+KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
+des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
+Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
+pars 2, pag. 305.
+
+Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den näher rückenden Mai
+zu vertrösten als auf die Zeit ihrer gänzlichen Herstellung.
+Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
+besonderen Mittel gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
+Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
+Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
+heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzündung blickt man
+eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
+Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
+Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
+und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
+Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
+Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetränkten
+Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsäss. Sundgau, eine halbe
+Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
+Walburgiskapelle ein kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und
+Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mütter mit ihren siechen
+Kindern hieher, um sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an
+Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
+Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
+(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
+allgemeine Sitte ausführlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
+Bresthaften, die ihre Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai
+daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
+sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
+Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
+abzubilden, oder ein mit fröhlichen Leuten unter Trommel- und
+Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
+Gesellen.--König Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
+Städtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
+Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
+linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
+erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die
+Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
+enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
+Tochter, so erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
+sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
+grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
+Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
+allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
+z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
+
+ die Teutschen wurden wohlgemut,
+ sie giengen in der ketzer plut,
+ als wer's ain mayentawe.
+
+Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
+
+Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als bürgerlicher
+Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
+Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
+besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
+
+ Heiliwog, Gottesgob,
+ Glück ins Hus, Unglück drus!
+
+Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
+nach Panzers BS. 2, 301:
+
+ O du guter Walbernthau,
+ Bringe mir, so weit ich schau,
+ In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein Schmalz!
+
+Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mädchen, das
+sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bächlein gejagt und
+da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
+darf die Kübelmarie, "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
+Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
+747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen heimkehrt, wird in der
+Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schüssel Wasser
+begossen. Schönwerth 1, 400. Zu Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der
+Dorfhirte alle übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
+Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
+Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
+mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
+Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewölbes, durch das die
+hölzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
+angezündetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
+Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
+
+Diese Züge führen über zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
+(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
+zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
+Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
+nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
+öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
+fällt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
+Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmückung des
+Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse für den
+Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
+aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte
+Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den Chorsängern
+preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
+Vielleicht, dass man diesen welschen Mönchsbrauch aus dem altrömischen
+Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den
+Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des Tiber zog
+und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So manchen Schluck da der
+Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
+Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Römerthum unberührt
+gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die
+Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
+Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
+Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
+und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
+Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrängnissen einer langen
+Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
+Landschaften kennen ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich
+auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
+der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
+gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
+pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
+als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
+Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
+Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
+Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
+trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer
+Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so trugen
+sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen als Trinkgefässe
+dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
+Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
+macht alljährlich die Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und
+geniesst daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten
+Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
+holländisch Gröningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
+Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
+Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
+Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der
+über eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
+niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette nicht
+sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
+sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
+Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mädchen die Symbole der
+künftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und
+Eier und Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
+folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
+Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
+Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
+beide und die vorhin genannten Maigetränke zielen, sagen uns einige im
+Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
+in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
+Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser
+Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
+beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
+bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
+dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
+Verjüngungstrank. Bei thüringisch Arnstadt liegt der kräuterreiche
+Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster
+getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
+Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn
+dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin gebannt. Sie
+heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
+ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
+öl-und älschenkende Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet;
+noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier abgehaltene
+Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
+Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrücklich erzählt die
+Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter
+an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
+darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
+Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und kann weder wieder zum
+Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
+Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich über
+jenen Verlust besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in
+Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier als ein
+neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
+Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen Stadt Eltmann, er war
+von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
+werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
+lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
+Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
+Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
+Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der Erenbürg, eines hohen
+sattelförmigen Berges beim oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das
+urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
+Königshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen
+abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch
+berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier war das Schloss
+von drei schönen Fräulein, die beim Trocknen die Wäsche nur in die Luft
+warfen, so blieb sie hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
+steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
+abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
+Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht über die
+blüthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen für
+unerschöpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
+duftenden Bratwürste. So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch
+1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
+
+ Gott geb dir des Himmels Thau
+ Und die Fettigkeit der Au
+ Und die Fülle der Halmen
+ Und den Most der Palmen.
+
+Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
+Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten
+örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
+geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
+den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
+der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
+vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
+sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
+
+Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
+Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
+der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
+vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt,
+ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf
+Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
+Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
+Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
+stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf
+es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
+verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um
+dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen,
+dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen
+Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr
+Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
+Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
+Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
+Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
+fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
+verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien
+abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
+und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
+Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
+und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
+
+ Deine milde Hand giebt Segen,
+ Giebt uns Sonnenschein und Regen.
+
+So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
+abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
+Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum
+selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
+Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
+Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg,
+Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
+Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter
+dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
+Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde
+daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei
+halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer
+Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
+findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
+
+Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
+schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
+Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
+als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
+Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der
+Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
+Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
+Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
+abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
+herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches
+Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
+haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
+Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
+stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits
+ausführlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
+das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
+Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
+nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
+man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster
+Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der
+Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
+wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am
+Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger,
+Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
+veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt
+derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
+bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
+Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem
+Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
+eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
+Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
+345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
+Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
+Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt,
+da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet.
+Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich.
+Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
+Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
+beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
+nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
+reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre
+rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der
+Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
+Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
+anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
+Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
+moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
+Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
+betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben:
+Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
+habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
+unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
+sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
+omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10.
+Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf
+Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren
+Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
+heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
+welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem
+angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft
+bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
+dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
+ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
+sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
+Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
+eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
+Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den
+Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
+die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
+ad diem 10. Maii.
+
+Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
+umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf
+alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern
+selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krönest
+das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
+eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich
+beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das
+Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
+jene Worte nachdrücklich wiederholt:
+
+ Umkrön das Jahr mit deiner Hand,
+ Mit deinen Fussstapfen düng das Land.
+
+Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
+besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
+den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt
+der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
+Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
+no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
+Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht
+hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag.
+no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
+Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
+denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
+haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
+Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
+und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
+nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in
+den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom
+Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt
+und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
+Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele
+Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit
+alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der
+Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
+Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen
+damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
+zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen
+das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
+gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die
+aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
+entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in
+Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden.
+Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
+acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
+der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein
+Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande
+einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
+und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis
+stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
+führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
+trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
+nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros
+(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
+Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
+Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
+steuern und waren der Athene gewidmet.
+
+Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
+unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.
+
+Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber,
+Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
+ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens
+und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
+heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der
+Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden
+Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
+Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
+Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
+verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
+zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
+Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
+besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
+mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe,
+denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S.
+559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
+verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht
+seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
+und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die
+thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier
+Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
+Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
+ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
+abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen,
+indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
+feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
+einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen
+Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
+weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
+dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
+beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso
+gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
+Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
+voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
+denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
+Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
+um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn
+aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
+Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
+die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
+Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
+den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
+ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
+fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
+exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
+lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
+zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
+im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
+machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
+oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit
+fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
+konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
+sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
+ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
+weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
+einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und
+füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
+Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9.
+Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist
+das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
+stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
+_Ankenbrüt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
+zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
+Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im
+Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
+Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust,
+frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse.
+Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
+wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf,
+rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte
+er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
+machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
+schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
+Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
+seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
+seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
+Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
+habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
+Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
+seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht
+weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
+Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt,
+heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
+demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
+Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
+Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
+dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
+können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
+sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
+die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die
+Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen,
+ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
+uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
+giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
+zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
+
+ Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,
+ Mengmol e Tröpfli Morgethau.
+
+Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
+darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel:
+
+ Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli.
+
+Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
+Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit
+Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk
+Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht:
+Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm.
+Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie
+der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
+wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
+Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
+möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
+Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
+von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
+Sprache kehrt auf seine Zunge zurück.
+
+Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
+Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
+berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
+Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
+gebracht werden kann.
+
+Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
+Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so
+taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
+Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn,
+Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und
+silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
+Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile
+vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten
+Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
+aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
+verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
+das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft
+(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
+und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
+und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
+der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
+sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
+Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus
+dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
+und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
+einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
+Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das
+Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde,
+wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "_damit
+das Gras wächst_" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol.
+Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
+Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale
+umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
+Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten
+Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau
+tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
+Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen
+Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
+der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der
+teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
+die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
+ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr.
+1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch
+veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
+Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
+verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen
+osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
+Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die
+Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
+Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
+ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer
+Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie
+darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür
+den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs
+Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
+ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in
+der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
+Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
+mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen
+an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des
+Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
+es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich;
+statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
+den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
+abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von
+unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die
+Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
+so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
+Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die
+Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe
+ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches
+Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
+werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
+Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das
+Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
+Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
+tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
+gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
+hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
+Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
+Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
+ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige
+Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
+vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
+diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden
+Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens
+Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
+schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
+Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
+jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin
+Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
+dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie
+nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann
+eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
+Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
+die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
+Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
+Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung
+ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
+Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
+Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
+265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die
+Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit
+ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
+rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
+die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am
+Schlusse.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Sechster Abschnitt.
+
+Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung.
+
+
+Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen
+und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
+Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in
+ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
+Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
+niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
+zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
+gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
+Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
+nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
+nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits
+im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
+westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
+Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
+alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten
+Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
+man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein
+Heidentempel der _Göttin_ Walburg gewesen, und dass man in der
+Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
+wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
+Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
+hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
+unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern
+und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
+Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
+gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
+Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
+haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so
+mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
+ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon
+im Harz wird _Wilibald_ ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um
+Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber
+vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst
+sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
+Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
+Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber.
+Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau,
+menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
+Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
+erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
+sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
+Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
+Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
+Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
+Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat
+sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
+herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1,
+lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
+deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem
+Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
+Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in
+seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
+hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus
+einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt
+Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens
+überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür
+spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt
+auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die
+Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
+tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon
+berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
+Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
+selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
+Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr
+zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
+dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist
+solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
+erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
+begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
+vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt
+habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe
+abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
+schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens
+allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
+norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da
+sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
+Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen
+Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
+doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
+Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
+der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
+Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
+das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
+priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen
+Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er
+werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe
+den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
+ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
+Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch
+Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
+altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
+ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
+Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als
+dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
+findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am
+Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
+findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des
+dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die
+Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines
+Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten
+Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
+einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide
+Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im
+vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
+Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der
+Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
+und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter
+Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
+des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
+S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
+Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
+entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung
+des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit
+ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
+schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen
+nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
+sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu
+glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als
+eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
+Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser
+Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass
+dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
+und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
+uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
+Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und
+kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder
+moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen."
+
+Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
+Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
+Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
+Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
+Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61:
+Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
+II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
+Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
+1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
+adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
+in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
+solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
+vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
+divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties
+de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
+Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
+Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in
+bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck;
+dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
+von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
+Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
+gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
+breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das
+stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
+oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
+beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen
+Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
+obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten
+Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
+der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein.
+Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
+Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des
+Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
+OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
+Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland
+Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete
+Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
+dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
+sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
+spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
+varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
+beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
+wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
+und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben
+darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
+des Naturmenschen noch gänzlich schlummert.
+
+Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit
+den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
+vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes
+Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die
+Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier
+den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
+
+Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der
+Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des
+Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
+Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
+Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen.
+Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns
+sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
+Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
+Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
+vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf
+den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
+Gewährende.
+
+Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
+Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
+diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
+durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
+dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen
+Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
+entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
+Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
+Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum
+regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
+bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
+dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
+wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
+nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den
+jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist
+Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst
+Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
+Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
+angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.
+
+Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische
+Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die
+leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu
+Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden
+(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes
+wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
+sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
+die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal
+Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach
+der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
+Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
+niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt,
+Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer
+Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
+zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
+Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren
+Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
+Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im
+Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
+selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
+verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss,
+oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar
+in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
+Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird
+eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III,
+516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg
+verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
+Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen
+Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie
+z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
+(Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
+hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre
+und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
+erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
+Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
+Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in
+schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
+Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das
+Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
+der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
+besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
+starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen
+Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
+der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
+hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse
+Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag.
+107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
+ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
+diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den
+Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
+der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde
+Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere
+zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
+Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen
+Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
+darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen
+grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau
+Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie
+ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild
+umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
+Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
+Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute
+nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
+sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland
+erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
+letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
+Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf
+den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
+ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon
+ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
+darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
+sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die
+Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
+das Garn."--
+
+Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am
+Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel
+erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
+als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
+von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
+schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
+Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
+Wunschkinder herauszuschöpfen.
+
+In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
+117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
+Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist
+Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
+das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und
+Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
+Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
+und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
+heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Müllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
+bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
+Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
+diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
+älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.
+
+Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
+oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
+lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
+dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
+Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter
+genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
+Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
+fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
+welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
+heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
+und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
+74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
+Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
+Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
+Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
+die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
+Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des
+Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne
+des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
+Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre
+Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
+Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
+führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
+Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb.
+3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen
+Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der
+grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der
+Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie
+Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
+Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
+der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem
+Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
+geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den
+Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in
+der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
+Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in
+den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der
+Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
+(âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So
+braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
+Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger
+(Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit
+dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten
+somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der
+Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten
+haben.
+
+Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
+abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
+
+ Auf den Wald und auf die Wiese,
+ Mit dem ersten Morgengrau,
+ Träuft ein Quell vom Paradiese,
+ Leiser frischer Maienthau.
+
+ Wenn den Thau die Muschel trinket,
+ Wird in ihr ein Perlenstrauss;
+ Wenn er in den Eichstamm sinket,
+ Werden Honigbienen draus.
+
+ Mit dem Thau der Maienglocken
+ Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,
+ Badet sie die goldnen Locken
+ Und sie glänzt vor Himmelslicht.
+
+ Selbst ein Auge rothgeweinet
+ Labt sich mit den Tropfen gern,
+ Bis ihm freundlich nieder scheinet
+ Thaugetränkt der Abendstern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+II.
+
+Verena mit dem Kamme,
+
+die Kindsmutter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Verena, eine Gauheilige.
+
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und
+Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.
+
+Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der
+Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch
+eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang
+mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die
+Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in
+die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter
+ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen
+römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann
+nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,
+schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer
+verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade
+entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
+unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
+Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die
+ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu
+Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;
+Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser
+Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,
+entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.
+
+Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,
+begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte
+hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen
+nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener
+Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode
+der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die
+Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren
+Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre
+verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen,
+jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von
+lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger
+Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;
+begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
+dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre
+bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters
+Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des
+Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen
+überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und
+Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung
+im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben
+will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur
+Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie
+trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
+des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den
+Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und
+setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward
+erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben
+und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der
+Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das
+Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit
+naiver Zweifellosigkeit angesetzt.
+
+Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die
+geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,
+denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf
+und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der
+dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu
+entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende
+mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der
+romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in
+römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen
+denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
+das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen
+war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer
+schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,
+Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine
+solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der
+Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die
+deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend
+oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften
+Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind
+Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.
+Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken
+noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu
+den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen
+wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche
+nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
+alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige
+nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen
+Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die
+ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth
+des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche
+Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des
+Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in
+Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am
+1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese
+feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste
+bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch
+in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind
+Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,
+Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch
+Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter
+Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken
+Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit
+einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst
+der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den
+Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für
+die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält
+Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des
+Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert
+von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese
+Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät
+in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von
+Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit
+der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht
+verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer
+Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
+Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
+Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige
+nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich
+anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel
+versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den
+Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm
+jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag
+voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.
+
+Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken
+konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das
+Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher
+Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr
+600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung
+über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den
+wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den
+Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer.
+Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster
+Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig
+von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation
+zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche;
+nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
+Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil
+im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.
+Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es
+sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der
+Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
+aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit
+Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur
+gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St.
+Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;
+ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur
+gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem
+kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft
+Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die
+beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil
+des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und
+Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium
+noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion
+Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler,
+Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in
+denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum
+Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:
+zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu
+thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57),
+Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),
+Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau
+im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127),
+Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug
+1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den
+deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen,
+Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders
+gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen
+Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet
+von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des
+Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden
+Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde
+gehört.
+
+Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher
+Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten
+Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren
+gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht
+sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
+(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das
+benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner
+Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen
+selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct.
+881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung
+bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses
+geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst
+nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht
+werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals
+nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein
+grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
+Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von
+Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das
+Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung
+dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten
+Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder
+erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben,
+und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat
+1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben
+sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der
+christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden
+Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche
+gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden
+und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten
+Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle
+Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung
+unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen
+führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
+Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber
+auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre
+Untersuchung hernach überzugehen hat.
+
+An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt
+gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein
+Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit
+das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen
+sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
+erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe
+wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten
+die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert
+dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen
+Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog
+Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
+kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
+Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des
+gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder
+singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten
+Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die
+Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
+verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne
+dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt
+hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner
+Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem
+weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen
+Wîhegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst
+täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.
+
+Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas
+Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am
+Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur
+Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über
+den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom
+Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser
+Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das
+bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in
+diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am
+Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte
+_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da
+hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie
+ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst
+hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe,
+lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen
+Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller
+in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am
+Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen
+Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres
+1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren
+eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des
+römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen
+Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft,
+zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche
+Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die
+Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige
+Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt
+zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
+Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus
+erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum
+wieder in die Stiftskirche zurück.
+
+Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich
+verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen
+sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des
+Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin
+seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
+Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien
+werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000
+Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst
+aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein
+geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
+133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu
+Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche
+zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof
+Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript
+verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger
+Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches
+nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich
+mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden
+vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der
+grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen
+silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag
+(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und
+Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine
+Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut
+und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt
+wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im
+benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
+entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche,
+Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die
+Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte,
+unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts
+anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und
+Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der
+Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen
+Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
+Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken
+mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer
+warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme
+gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
+überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein
+kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines
+Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder
+zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird
+seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich
+nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
+flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm
+Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte
+nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh.
+Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so
+geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen
+sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene
+Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld.
+betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände
+schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag
+mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c.
+93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist
+vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen
+Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der
+Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel
+besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347
+doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum,
+also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869
+eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl
+im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler
+Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin
+gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so
+vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
+Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht
+und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener
+Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.
+
+Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die
+Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst
+Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in
+Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose
+virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh
+eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus
+Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur
+eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch
+andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
+kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
+geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes
+ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen
+Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring
+anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach
+forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der
+Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
+der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage
+erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich
+ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches
+wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er
+wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit
+leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde
+zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
+Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch
+die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos
+steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit
+trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld
+wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch
+schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden;
+schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die
+arglistigste Bosheit.
+
+Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die
+Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem
+Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem
+ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die
+Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte
+Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden
+mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit
+deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die
+Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu
+stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote
+hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
+verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser
+legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den
+ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden
+Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen,
+eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam
+fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden
+Abschnitten geltend.
+
+Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist
+enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v.
+F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem
+Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder
+im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es
+Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) für vorliegende
+Arbeit diplomatisch getreu copieren.
+
+ Von sand verene (roth) [106b]
+
+ Verena diu edel meit,
+ als, uns daz puch von ir seit.
+ Die was ---- ----
+ und ez quam also,
+ Do der cheiser maximian [106c]
+ furt mauricium mit im dan
+ Her gen deutschen landen,
+ si begunde nach im belangen
+ So ser, daz si im fuor nach,
+ wanne vil gerne si in sach.
+ Verena was ein christenin,
+ und do si quam ze meilan in,
+ Die geuangen christen
+ die heimpt si an den vristen
+ Vnd bechlagt mit in ir not,
+ dar zue si in helfe pot
+ Mit trinchen und mit ezzen.
+ uerena, die vermezzen,
+ Si lie durch nieman daz
+ durch vorhte noch durch haz,
+ Swa die christen warn erslagen
+ und auch da si warn begraben,
+ Die staete suocht si alle tage
+ mit weinen vnd mit chlage.
+
+ Mit reinem leben was si sus
+ pei einem, der hiez, maximus.
+ Nu wart ir schir alda geseit,
+ daz mauricij schar preit
+ Durch got wer erslagen,
+ daz begunde die vrowe chlagen
+ Vnd wolde nicht leng'r da bestan,
+ si fuor ub'r die alben dan
+ Vnd ze einem wazzer si quam,
+ daz ist genant aram.
+ Alda vant si einen man,
+ der gevlohen was chomen dan
+ Der sagt ir die rechten maere,
+ wie ez mauricio ergangen waer.
+ Davon wolt si nicht furbaz,
+ in einer chlause si da saz
+ Mit chlage und mit leide.
+ da warn inne reine meide,
+ Der leben was also gestalt,
+ si waer iunc oder alt,
+ Daz si anders lebte nicht
+ wan chraut, arbaiz und anders nicht,
+ Des lebte si daz gantz iar; [106d]
+ daz quam auch von ier werch dar
+ Vnd des tages ein lutzel brot,
+ daz man igleicher pot.
+ Nu was dapei ein getwerch,
+ daz verchauft den meiden ir werch
+ Vnd chauft in da mit ettewaz,
+ daz die samenunge gaz
+ Anders lebten die vrowen nicht,
+ gab man in aber immer icht,
+ Des enpizzen si nimmer
+ und gabens durch got immer.
+ Sus was gestalt ir reines leben.
+ got hat verene den geist gegeben,
+ Daz man vber al daz lant
+ ir leben vil rein erchant,
+ Daz man sei het fur heilic gar,
+ daz auch si was furwar.
+ Wan got durch sei tet wunder
+ mit zeihen besunder.
+ Auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+ Solcher dinge tet si vil
+ mit got auff daz zil,
+ Daz man sei d'r meide muet'r nant
+ weiten uber al daz lant.
+ Nu was in der gegent da
+ ein richter sam anderswa,
+ Der het got gar verchorn.
+ dem was der meide leben zorn,
+ Vnd daz man ier so wol sprach;
+ mit zorn er daz an ier rach,
+
+ Wan er die vrowen vie,
+ dehein gut er ier nie geschehen lie.
+ Doch quam zaller zeit zu ir
+ ein liechter iungelinch fir[3],
+ Der pot ier guten trost,
+ si wurde schir da von erlost.
+ Doch vragt si in, wer er wer?
+ do sprach er offenwaer,
+ Er waer ir mag mauricius,
+ und mit der rede alsus
+ Quamen zu mauricio hin in [107a]
+ alle die gesellen sin
+ Und gruezten die vrowen schone,
+ damit schieden si davon.
+ Nu wart derselbe richter
+ vberladen mit sichtum swer,
+ Der gedacht rechte wider,
+ er lief hin und viel nider
+ Chlagunde für die reinen meit
+ und seinen sichtvm er ir chleit.
+ Doch pat si got umb in,
+ der richter gie gesunt hin
+ Vnd mit grozzer gedult
+ bat im vergeben sein schulde.
+ Daz was ysa getan,
+ die magt wart do leidich lan
+ Vnd gie zu iern swestern wider,
+ da si got diente sider.
+ Nu quamen die swest'r auch in not,
+ daz si ninder heten prot
+ Vnd grozzen hunger liten
+ doch mit dultichleichen siten.
+ Ier werches acht man nicht ein har,
+ wan ez was ein hunger iar.
+ Do verena die not ersach,
+ zu got von himel si do sprach:
+ Wan du deiner geschefte gist
+ ier leibnar zu rechter frist,
+ Jesu christ, du waist wol,
+ wez dein gesinde leben schol.
+ Do si daz vollen gesprach,
+ vor der chlause man ligen sach
+ Viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ Wan daz prot wuchs in ier munde,
+ daz si lange vñ manic stunde
+ Heten da von ier leipnar,
+ des lobt got die rein schar.
+ Nu was verena, die genende,
+ chumen an ier lebens ende,
+ Vnd do si nu siech wart,
+ ier andacht sich nie verchart.
+ Da si vercheren scholt daz leben [107b]
+ und den geist widergeben,
+ Do quam unser vrowe dar
+ mit der hymelischen schar;
+ Vnd do verena sei ersach,
+ zu gotes mueter si do sprach:
+ Waz gernde han ich,
+ daz gotes mueter siechet mich?
+ Do sprach unser vrowe zu ier:
+ verena, volge mir,
+ Da hin, da du immer mer
+ vreude hast ane ser.
+ Mit der rede si verschied,
+ got ir sele da beriet
+ Der ewigen gnaden.
+ die vrowe wart begraben
+ In der chlause alda,
+ die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3],
+ Da got wol scheinen lie,
+ daz er sei minte hie.
+ Wand nieman wirt entwert,
+ der rechter dinge an sei gert.
+ Nu derhoret got dehein pet so gern,
+ so daz wir seiner hulden gern,
+ Dem gibt er, der die suohet,
+ vil gern, swer ir geruhet
+ Mit hertzen und mit andacht.
+ daz wir ze hulden in werden pracht,
+ Des helf uns maria
+ und ir dirne uerena. amen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] fiér, stark und stolz.
+
+[4] zerzyaca: Zurzach.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Verena, die Müllerpatronin.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen
+Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die
+Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren
+Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des
+Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den
+Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als
+die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller,
+Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
+ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6,
+457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher
+Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle
+Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete,
+suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf
+des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne
+fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte,
+schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg
+und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener
+eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er
+ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso bändigt sie den Gläubigen
+zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser
+stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe,
+dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet
+und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne
+den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in
+dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein
+altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
+wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits
+entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits
+des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug,
+hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der
+andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
+Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das
+nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war
+sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier
+gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch
+den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
+ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu
+sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere
+Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner
+Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau,
+und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe
+die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von
+den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom
+unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen
+aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft
+und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5]
+Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf
+einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
+blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein
+weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse
+mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der
+Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem
+Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch
+ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als
+1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll
+wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer
+Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
+erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über
+dem Steine zu lesen stand:
+
+ Auf diesem Stein hier aus der Aaren
+ Die heilig Verena ist gefahren
+ Ohne Ruder, Schiff und Schalten,
+ Wie solches geglaubt die frommen Alten.
+
+Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath
+der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie
+bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft
+der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht
+mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
+befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen)
+zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein
+kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm
+Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst
+ahd. verscif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus
+Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.
+
+Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der
+Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses
+Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des
+heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die
+Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
+Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung,
+auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen,
+besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm
+Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So
+hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
+Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam
+und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen
+zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des
+griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem,
+drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks
+Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden
+Gemahl:
+
+ Ich steh fürwahr nicht aufe,
+ Ich lass dich nicht herein;
+ Ich hab die Nacht gemalen
+ Mit sechs jungen Knaben.
+ Davon bin ich so müd.
+
+Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein
+drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der
+Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem
+gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen König ausserehelich mit der
+Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der
+Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin,
+Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute
+Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden;
+sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl.
+Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso
+steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der
+die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
+erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik
+berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser
+verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der
+Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen
+Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin
+Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle
+für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein,
+hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31.
+Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken
+musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem
+Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem
+fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol.
+Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus
+den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue
+beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische
+Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die
+wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur
+Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem
+Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu
+verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:
+
+ Dort niden in jenem Holze
+ Leit sich ein Mülen stolz,
+ Sie malet uns alle Morgen
+ Das Silber, das rothe Gold.
+ Dort hoch auf jenem Berge
+ Da geht ein Mülenrad,
+ Das malet nichts denn Liebe
+ Die Nacht bis an den Tag.
+
+Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf,
+dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mühlsteine machen, wie
+Verena auf der Aare und der Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch
+die Stadtpatronin Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der
+Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben,
+denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es
+urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St.
+Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge
+und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus,
+wird mit einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und schwimmt
+damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die
+hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem
+Wasser einher, als wäre es festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt.
+in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
+Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. Brigida ist
+neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte
+aufgestellt und wird bei Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein
+berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flüsse und Seen
+sind die Adern, durch welche die älteste Kultur in die Länder floss, und
+die Mühle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
+denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee
+sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Müller
+und Becken schlagen sich mit Säcken; der Aargauer: sie putzed (die
+Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flügt
+(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schüttid: schütten die Frucht
+auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner
+Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in
+den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der
+Himmelsmühle (Uhland, no. 344) knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas
+lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen,
+dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte gilt und ein in diesem
+befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der
+Schwabenspiegel bestimmt: diu müle hat ouch bezzer reht danne ander
+hiuser. swer in der müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem
+sol man hût unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in
+henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein eine besondere
+Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet
+sich nemlich in einem alten Liede folgende Prüfung erwähnt über
+Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere
+steht am Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er rechts,
+so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; geht er aber zu Grund, so
+ists ein Metzenkind.--Der jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein
+_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht:
+die auf dem Felde, in der Mühle und im Mutterschosse. Bereits sind in
+der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen örtlichen Felsen
+und erratischen Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen
+Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich tragen.
+Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in Betracht. Jener vorhin
+erwähnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trägt ein über
+Faustgrösse ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der
+Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die Stadt
+heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in
+dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenförmig
+gewölbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe
+Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus
+kirchlich gereicht hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der
+würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage über
+zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des
+Neckarstroms 1740, 46.
+
+Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin hindeutender Zug ist
+enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu
+Solothurn gegründet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern
+konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern
+Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von
+unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus diesem Mehl
+gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten
+Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darüber:
+
+ Dum panis victus solitus
+ exhaustus fuit plenius,
+ farris pastus positus
+ est ad fores celitus.
+
+Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
+wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an quadraginta sacci, und
+Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein
+Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae.
+Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht
+(107a) nacherzählt zu sein:
+
+ vor der clause man ligen sach
+ viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ wan daz prot wuchs in ier munde.
+
+Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch
+Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn
+da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikönig, zur Zeit der Zwölften,
+sein Mehl von der Boitzenburger Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû
+Freen und verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden ausschütte.
+Thut er dies folgsam, so findet er die Säcke wohlgefüllt des andern
+Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name
+zusammengefallen in den der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus
+Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die Spitze
+der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein
+Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden das Land
+durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415
+ausdrücklich als um Halberstadt bestehend bestätigt, und der vierte
+Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
+Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen
+Gauheiligen erläutern.
+
+Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden,
+Brod und Wein überbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz
+sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken
+bedient. Er erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der Aare
+von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass auch sämmtliche
+Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen
+musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man
+läuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom
+herab gefahren kam. Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke
+empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
+Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
+tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der
+Spottreim:
+
+ Wenig Brod und sûre Wî:
+ ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî!
+
+Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines
+Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen,
+um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darüber der
+Entwendung verdächtigt, tritt ihr der argwöhnische Priester plötzlich in
+den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in
+Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides
+als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher kommt es, dass die
+Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf
+in der Hand haben. Das Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste
+Aufzeichnung berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form
+einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die
+des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemässe vor Alters
+steinern war. Das Zürcher Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm.
+1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
+Klostergründer König Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen
+lassen. Geschichtsfreund 8, 19.
+
+Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls
+unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es
+ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus
+Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964
+berichten. Auch sie zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau,
+pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
+mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena,
+mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedächtnisse
+fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern
+Innthal und hatte die Schweine zu füttern. Für jeden Armen sparte sie
+sich eine Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
+geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich die Gabe in
+Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im
+Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen
+Hausstand zurück; wollte man sie jedoch über die Feierabendzeit im Felde
+fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die
+Sichel in die Höhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen.
+Sie ist die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in ihrem
+Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen
+spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten.
+Als sie an den brückenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurück und liess
+Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf
+dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
+errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur
+Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im
+Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2,
+no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, überschwamm sie auf einem
+schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Höhle, die
+beim würtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg
+her überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih gespiesst,
+und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch
+zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier
+einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet
+Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als
+Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und
+Butter von ihrer täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des
+nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische Schlossherr sie
+auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und
+Milch in ihrer Schürze in einen Strehl und in warme Lauge.
+
+Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
+landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
+Verenatag knüpften.
+
+Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-,
+Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76)
+verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten
+(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht
+noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V
+Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und
+Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe
+Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fünf "geschlossnen
+Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht
+Tage nach dem auf Verena nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit
+hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jährliche
+Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt.
+Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt
+Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86
+die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena
+und Martini an.
+
+Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September sind unter
+unserer Landbevölkerung folgende üblich.
+
+Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, draejet, löset, umg'heiet,
+brünnelet--und z'Abig s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn
+solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
+Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena schön Wetter
+war, so erzählen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen
+unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber
+regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Säen hinaus.
+Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn
+aber nit, so chan er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner
+Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
+sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der Abendimbiss ist, mit
+ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz
+1862, 259.--
+
+Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es,
+ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein
+strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.
+
+A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf berathet sich, ob
+er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er
+daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trägt s'
+Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs
+Feld gebracht, s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die
+Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen mit 1.
+Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. März, giengen sie wieder zu Ende.
+Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und
+schliessen mit dem Josephstag, 19. März.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5]
+
+ A Solodoro igitur
+ discedens proficiscitur,
+ ubi Rhenus labitur,
+ Zurziacham graditur.
+
+Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus
+Ratdolt.
+
+[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit,
+sagt die Originallegende; erst später wird der Name Hirtacus dazu
+gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Verena, die Geburtshelferin.
+
+
+Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln
+am Verenentage. Mythische Nachklänge von der Gewitterriesin: das
+Vrenelisgärtli am Glärnisch u.s.w.
+
+Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und
+stellen hiefür diejenigen Erzählungen voran, welche der ältesten
+zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der
+Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehören. Diese von G. Waitz
+nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch für diejenigen
+Thatsachen, über welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als
+Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener
+Periode anknüpft.
+
+Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange
+kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins
+Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in
+der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen
+Thronfolger.
+
+Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga
+geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und
+obwohl schon mehrere Töchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald
+aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem
+solchen beglückt. Dieser war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol.
+Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht
+zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.
+
+Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter
+Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung
+nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden
+Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und übernachteten daselbst im
+Stifte. Hier träumte Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich
+wünschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
+Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.
+
+Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in kinderloser Ehe gelebt,
+hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Töchter bekommen.
+Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn
+diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben
+begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den Zurzacher
+Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu ihnen begeben, die
+Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines
+Reichthums opfern, dafür werde er seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt
+sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns
+diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
+Unvermögenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib
+vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.
+
+Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib
+geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel,
+entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie
+liessen sich auch in allerlei Schmähungen über derlei Pflichtigkeiten
+aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend
+fort. Dafür starben er und sein Weib eines jähen Todes, und seine
+Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an
+Gliederlähmung.
+
+So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der Legende über den durch
+Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwähnt aber ist, dass
+derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden
+Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen
+hinab und schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
+wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und
+Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein;
+auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt
+das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu
+handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach,
+gestorben zu Heidelberg, verdankt.
+
+Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in
+das Städtchen Klingnau hinüber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren
+es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht
+stundenweit über den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen
+Felsentreppen ersteigt man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer
+einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. Wer
+seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, muss nach dem
+Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Männer her, die man ein
+knarrendes Wägelchen über die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig
+laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden
+lassen, dann aber zu einer Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand
+mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
+wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebüsch
+ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach
+Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mündung in den Rhein
+gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz
+oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese
+Erzählung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe
+zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden
+Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn dafür eben fliesst in der
+Zurzacher Stiftskirche jener heilkräftige Brunnen. Die hier
+hinabsteigenden Wallfahrer dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich
+schöpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
+Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; letzteres ein Brauch
+aus der frühesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von
+Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St.
+Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor.
+Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
+Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib
+wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche geführt
+und kommt hier zufällig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche
+trieft und des Weibes Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus
+Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch
+auf der Stelle sehend.
+
+Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt
+die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das
+von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte
+unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel;
+nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar über der
+Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen
+Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.
+
+Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine
+Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsäule
+errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge
+Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des
+Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den
+Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Röhre hinab,
+durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind
+der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfüllung
+ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus
+der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten
+"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und
+Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem
+Ergöw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
+abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein
+unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fuoss in dz loch stosse, da dz
+wasser herfür quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie
+fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter
+gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom
+Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht
+sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen
+Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda gleicht also vollkommen der von
+den Albanesen verehrten Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge
+deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es
+gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Märch. 1, S. 37. Holda
+hütet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt
+sie als Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch für die
+gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen können, und
+nimmt die unmündig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die
+kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, überall lokalisirte
+Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
+herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Schon
+altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der
+geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der
+Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:
+
+ du bist der gezeichent brunne,
+ darin schein diu lebendiu sunne.
+
+Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:
+
+ Storch--Storch--Steine,
+ Mit dem langen Beine,
+ Mit dem kurzen Knie:
+ Jungfrau Marie
+ Hat ein Kind gefunden
+ In dem goldnen Brunnen.
+ Wer solls (aus der Taufe) heben?
+ Der Gothe und die Göthen.
+
+Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert
+ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den
+Fängen und zudem auf jedem Flügel je ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser
+macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer,
+Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits
+verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachträglich noch
+folgende aargauische anführen. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre
+1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljährlich am
+Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen
+Brunnenstuben den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser
+Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den
+abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die
+gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben
+entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:
+
+ Der Bach chunnt, der Bach chunnt:
+ Sind mini Buebe-n-alli gsund?
+ Jo jo jo!
+
+ Der Bach ist cho, der Bach ist cho:
+ Sind mini Buebe-n-alli do?
+ Jo jo jo!
+
+In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der
+dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden
+Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in
+Oberfrick aus dem altverschütteten Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus
+dem Stampfelgraben des dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
+Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der übrigen
+Schweiz gehören folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der
+toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der
+Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach
+in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch
+bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau
+Saelde trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550.
+
+Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern
+entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände erlaubten, in
+Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus
+vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen
+lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber
+fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der
+Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227.
+Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen
+sein musste, erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim
+beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen über
+die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515,
+20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen folgende Theorie.
+"Die in Seen und Flüssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestüm
+trügerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so
+erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt
+gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon
+das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches
+Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese
+lassen sich an Flüssen und Quellen blicken, kämmen ihr langes
+Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die
+Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist,
+nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die männliche,
+und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in
+Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber
+Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle
+tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit
+dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren an
+Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die
+geschichtlich ältesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind.
+Die zürcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspült und
+in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind
+ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau.
+Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf
+derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind
+altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der römischen, theils
+aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste Insel,
+deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war für einen grossen
+Theil der Weiler und Höfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen
+Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
+gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz.
+Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich bestand bis zur Reformation
+das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu
+_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker
+Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.
+
+Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvögtin
+der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich
+geopferten Gegenständen, vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen
+Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern
+kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den krönleinartigen Kopfschmuck
+der Tschäppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und
+Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den
+Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
+Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es
+ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens über das Haar
+gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das
+Kirchspiel genannt, ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach
+Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum Opfer
+aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein.
+Erscheinen dann im Herbste die Züge der übrigen Wallfahrerinnen, so
+nehmen sie ein solches Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während
+ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen häuft sich
+hier an, dass man die veralteten darunter alljährlich am Charsamstag
+abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezündet wird,
+mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in
+dessen Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
+Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach
+alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der Gemeindebann von Jung
+und Alt umschritten, so dürfen bei diesem Männergeschäfte die Mädchen
+allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für
+die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
+Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, die
+gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und
+überhängen damit die Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem
+Verenas Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss
+hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der
+Sigrist, setzt den schönsten der geopferten Kränze der Heiligen aufs
+Haupt und schmückt mit den übrigen den Grundstein.
+
+Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man überhaupt Kunde hat,
+ist es gerade ihr Gürtel, der sie als eine die Ehen und Geburten
+beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem
+ehemaligen schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten
+Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem
+entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der
+Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis
+über den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter
+(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird
+nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des
+römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist
+so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur Welt geboren worden.
+
+Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen
+Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.
+
+Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen Klingnau an der
+Aare führt über den Achenberg. Auf der Hochebene dieses beträchtlichen
+Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter
+Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von
+Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
+Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige Jahreszeit,
+des Berges wilde Schönheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau
+und Klettgau hinüber, die Wunderthätigkeit des Ortes und der den
+andächtigen Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann
+zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier
+zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer.
+Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne nicht über eine in Felsen
+gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo
+die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen
+Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken daheim ein Krüglein
+voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.
+
+Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September
+als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig
+bemittelter Mann aus dem Städtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der
+Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie
+auf jener berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
+das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten
+daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern
+Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, traf hier einen ihn
+freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit.
+Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere,
+sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung
+gesteckt und sie gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei,
+dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der
+Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand
+wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Händen fassen
+konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau
+nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem
+Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf,
+und ach! da hieng gerade über seinem Kopfe gewaltig sausend ein
+umrollender Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück nach
+Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut,
+musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem
+Zehrfieber gestorben sein.
+
+Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die
+Müllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthätigkeit nicht gesehen
+sein. Es ist dies zwar ein öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe
+Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet
+er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
+Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena
+die erwählte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der
+Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle
+entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die
+gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und
+die Ortssage fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit
+abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus
+einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von Büttisholz einst in
+der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstücke
+schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach
+einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
+dass auch die Quelle versiegt war.
+
+Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben,
+berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei
+schon in ältester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die
+über diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die
+auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
+Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenüber
+entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte
+Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen
+angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer
+Sag. no. 1 mit dem Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den
+Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen,
+sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trägt, wie schon bemerkt
+worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.
+
+Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der Nähe der Stadt Zug,
+gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghöhe an der alten Strasse,
+die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein
+herkömmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform
+gebauten Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und meldete,
+der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Müller
+in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine
+Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der
+Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen
+Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste über der
+Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen
+diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15.
+Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
+hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und Doppelhaken".
+Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden verkündigen des Ortes
+Wunderthätigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das
+St. Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der Figur der
+Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten
+Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die
+Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie der Zugerkalender vom J.
+1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrücklich berichtet:
+"Bist du krank und die Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen
+nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam
+zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich
+Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hören. Auch
+wird dir den Sommer hindurch so ein kühler Spaziergang in der Frühe
+überaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Stärkung für
+deine schwache Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins
+aus ihrem Krüglein einzuschenken geruht."
+
+Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach
+errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren
+gesetzt und haben übereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige
+trägt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein,
+in der andern hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
+dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt
+des Krügleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der
+Flügelthüre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt,
+hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
+Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das nichtlesende
+Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren
+oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1.
+September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten
+den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hält und zu Füssen ein
+geschnäbeltes Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
+Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche
+Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete,
+dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher
+hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr
+geheilten Aussatz hervor:
+
+ auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+
+In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen
+Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete
+ihnen die Betten, kehrte den Boden, säuberte die Kleider, wusch alte
+Erbschäden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf
+solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie dasjenige in
+der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte sein Krüglein mit Lauge und
+seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die
+durch Papst Urban seit 1625 neu bestätiget worden, ist nach dem dritten
+Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
+Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu verabreichen.
+
+Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten Legendenaufzeichnung
+gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden
+dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals
+eine Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man
+hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem
+verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darüber erblindete,
+erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug
+vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den
+Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls."
+Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus
+und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe
+einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden
+war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der
+Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich
+auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefäss zu setzen, sie
+würden sonst zu viel Töchter gebären. Ein Stück von diesem
+Verenakrüglein hat nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und
+dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift
+abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen
+allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden:
+Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Küssennacht,
+Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht
+Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses
+Werk; obenauf liegt in Lebensgrösse gehauen ihr Bild in
+Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in
+fliegenden Haaren, es hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der
+rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
+Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus Menschenliebe sich
+unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt,
+sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das
+mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rössli ist ihr
+Aufenthalt. Aus dem Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor
+hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
+sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült sie ihr
+Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen
+Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem
+Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird,
+erklärt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier
+Gotteshöfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen,
+welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese
+verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80
+Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu
+gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Messpriester den
+Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie
+sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese Höfe
+ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu
+verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher
+Hand an den Gemeinderath von Reckingen übergegangen und hat seit dem
+Jahre 1854 die gründliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene
+letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen
+Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu
+gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude,
+wird darüber zusehends grösser und ist mit einem male wieder unsichtbar.
+Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen
+niemals das Füllen erblicken, wohl aber statt dessen eine
+weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier
+Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
+Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.
+
+Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in
+Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nähig sind
+("übergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen
+(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
+Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
+Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese
+Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden wurde Ross und
+Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rüstpferd lässt die
+Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige
+Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst.
+Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
+Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des
+Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig
+der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar
+darauf der Kapelle in Grünthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt
+Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal,
+1860, 6.
+
+Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich
+in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wäldchen, das nach
+einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhölzli heisst. Am
+südlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt
+dorten eine schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
+das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschädliche
+Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist freundlich, nur will sie in
+ihrem Geschäfte nicht gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa
+ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss einen
+geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwärts heisst sie
+nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strähl-Anneli, oder nach
+ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den
+verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
+Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm durch die
+Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme
+niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits
+die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen
+Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus
+Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt
+und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer,
+Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmännin
+gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschäfte gewidmet, die
+Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst
+der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun
+zwar unsern ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige
+Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- und
+Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das
+klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich
+darüber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der
+zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Römer ihre Bildsäule mit einem
+Kamme in der Hand vorstellten, erzählt hiebei: Als einst die römischen
+Frauen die Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
+Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen
+die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsäule,
+die den Kamm trug.
+
+Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt
+schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr
+beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mädchen das
+schöne Haupthaar und zugleich den schönen Schatz. Am 1. September, als
+dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden,
+deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
+katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um
+Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein
+neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener
+Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Köpfen ihrer Kinder eine
+gründliche Wäsche abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf
+geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs.
+Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:
+
+ Chind, bis ietz still und fîn,
+ oder es chunnt Frau Vrin,
+ die het ne grosse Striegel
+ und zert di kech am Riegel.
+
+Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist
+also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die
+lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm
+behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei
+weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
+nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden
+solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein:
+
+ Ach mî liebi Jumpfere Vre',
+ gsehst, i ha kes Schätzeli meh,
+ strähl und wäsch mi doch au nett,
+ dass mî Hansli Freud ab mer het!
+
+Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen
+"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen
+Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19
+folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks
+Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der
+Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal:
+
+ Frene, Frene, dorra weg!
+
+In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende,
+geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des
+weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende
+Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt.
+Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit
+schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil
+es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so
+übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es
+im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell
+als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu
+entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das
+Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine
+heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in
+der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt
+geworden.
+
+Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas,
+wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen
+gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur
+demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke
+(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und
+zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin
+bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie
+denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um
+unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und
+Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde
+man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie
+nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird
+sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm
+(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon
+die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst,
+lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des
+Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte
+anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom
+fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten
+stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass
+ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während
+Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im
+fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert;
+ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in
+der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern,
+der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
+Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
+dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von
+Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und
+rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der
+bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die
+rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
+Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena).
+Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage
+in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des
+Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern
+Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist
+stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
+Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und
+staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258.
+Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte
+Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
+Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen
+Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher
+verwandelt hat.
+
+Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl.
+Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern,
+zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am
+südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im
+ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des
+Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend
+gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen
+Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die
+Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen
+einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen
+heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in
+ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen.
+Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen
+breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für
+immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee,
+es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich
+über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
+einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte
+auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten
+grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach:
+"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten
+gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite
+Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in
+der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern
+eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.
+
+Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit
+alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm,
+Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach
+einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch.
+Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
+Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie
+werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen
+kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den
+Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte
+Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst
+von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.
+
+So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit
+zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen
+lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte,
+Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel,
+die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel
+hervor bohrt--verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh
+angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte
+die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen
+besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der
+demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die
+der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des
+Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der
+jenseitigen Thalwand eindrückt.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
+Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken,
+Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am
+Schwarzwald, ob Laufenburg.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Verena als Frau Venus.
+
+Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und
+Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt
+auf den ursprünglichen Mythus.
+
+Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen
+Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf
+dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt.
+Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in
+Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und
+an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240
+veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C.,
+und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres
+Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen.
+Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon
+von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche
+Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit
+aufgeführt.
+
+ Tannhäuser war ein junges Bluet,
+ Der wot gross Wunder gschaue,[8]
+ Gieng auf Frau Vrenelis Berg
+ Zu selbige schöne Jungfraue.
+
+ Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
+ Chlopft er an a d'Pforte:
+ Frau Vrene, wend er mi inne loh,
+ Will halte eu'e Orde!
+
+ "Tannhäuser, i will der mi Gspile ge
+ Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
+ Diner Gspilinne begehr ich nit,
+ Min Leben ist mer z'lieb.
+
+ Diner Gspilinne darf i nüt,
+ Es ist mir gar hoch verbotte,
+ Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+ Tannhauser sass am Figebaum,
+ Drunter er war entschlafe.
+ Es chunt em für i sinem Traum,
+ Er müess uf Rom wallfahrte.[11]
+
+ Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
+ Wohl unters höchsti Thor,
+ Frogt er dem oberste Priester noh,
+ Wo in der Stadt Rom wär.
+
+ Wo er i d'Chille ie chunt,
+ Vor'm Pobst thet er sich gneige:
+ Gott grüeze eure Heilige, Pobst,
+ Mine Sünd will i eu azeige.
+
+ Der Pobst het do en düere-düere Stab,
+ Vo Dürri war er gspalte:
+ "So wenig de Stab meh z'grüene chunt,
+ So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
+
+ Und wenn i nümme z'Gnade chum
+ Und nümme mag werde bihalte,
+ So gohn i uf Frau Vrenis Berg
+ Und leben bîn ihr im Walde.
+
+ Es goht nit meh als dritthalb Tag,
+ So fieng der Stab a z'gruene,
+ Er treit es Laub so grüen wie Gras,
+ Darzue drei schöni Blueme.[10]
+
+ De Pobst schickt sine Botten us,
+ Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre;
+ Er schickt sie us in alli Land,
+ Der Tannhuser blibt verfahre.
+
+ Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg,
+ Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
+ Tannhuser soll do usse cho,
+ Sine Sünde eigen ehm nochg'losse!
+
+ "Zun-ech usse cho, das chan i nit,
+ Do muess i bliben inne.
+ Muess bliben bis am Jüngste Tag,
+ Dä gohts mer erst, wies cha und mag!"
+
+ Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
+ Der Bart wachst ihm drum umme,
+ Und wenn er drümal ummen isch,
+ So wird der Jüngst Tag bald chumme.
+ Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
+ Öb der Bart es drittmol umme goht
+ Und der Jüngsti Tag well chumme.
+
+Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen
+südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und
+wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen
+Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes
+Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter
+Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich
+bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und
+wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten
+"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler
+histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der
+Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses
+Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm
+(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene
+die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither
+weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt.
+
+Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von
+Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr
+vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres
+berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber
+empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen
+Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach.
+Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine
+Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte
+hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst
+die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine
+Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt
+durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des
+Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her,
+die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh
+und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den
+Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag
+und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein
+lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die
+Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind
+einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der
+Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei
+allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
+verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger,
+hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter
+(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg.
+Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu
+grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht
+mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um
+den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit
+ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine
+Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur
+Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich
+mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein
+paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der
+letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es
+war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und
+hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da
+von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden,
+durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand,
+brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
+folgenden Reim:
+
+ Frû Frîen
+ wolle geren frîen
+ un konne keinen krien,
+ da feng se an de schrîen.
+
+Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen
+Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren
+verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no.
+12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in
+dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre
+Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl
+die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen
+Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist
+die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa,
+domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven
+Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und
+Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S.
+414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
+Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben
+Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsächs.
+frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn:
+pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch
+sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber;
+"de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es
+luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate
+übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname
+Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht
+durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit
+priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus
+Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs,
+norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das
+an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs,
+dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
+Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins
+Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung
+war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre
+Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander
+gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems
+gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und
+Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die
+mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet,
+hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube
+eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist
+die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen
+ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen,
+zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So
+urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.
+
+Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angeführten Namen
+der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und
+Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen
+einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
+schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im
+Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in
+denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast
+der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur
+dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und
+Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von
+der Omeiss 36, lässt die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fünfzig
+Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum
+gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628
+regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der
+Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
+_Kröten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner
+Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede
+selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:
+
+ Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen
+Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen
+Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier
+Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte
+angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761.
+Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
+Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das
+Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei,
+Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt
+(ed. K. Gödeke, S. 151):
+
+ zuo Basel in der Malentz gassen
+ do hat sich fraw Venus nider glassen.
+
+Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden
+Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach
+begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der
+ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an
+einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen
+ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden.
+An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der
+ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen
+fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
+Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten
+Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der
+Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt,
+erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen
+Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
+gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres
+erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte.
+Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen
+"Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter
+die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst.
+So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden.
+
+Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch nicht
+aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und Kaiser Friedrichs
+hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen
+Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die
+andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd
+Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem
+latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
+aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des
+Neumonds begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
+entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die Zurzacher Dult
+schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie
+hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich
+zusammenhieng. Kirchen und Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht
+verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die
+Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname
+Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines örtlichen
+Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzügen
+besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzüge gehen von einer
+Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des
+Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe
+der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint
+liegt.
+
+Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche häute
+Venus heissen, ist ursprünglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei
+unserem gegenwärtigen Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie
+hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt
+hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim Dorfe Eib an
+der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge
+auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort
+Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er
+bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das
+Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb
+Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt
+die Venus vor einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums 1860,
+88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst
+urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein
+Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch.
+Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
+führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein,
+Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmöglich alle dem Latein
+abgesehen sein können, empfand schon Fischart, der in seiner
+Uebersetzung von Bodinus Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei
+Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
+und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede
+den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem
+abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem
+romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist,
+bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform
+Feenesleute, wie die Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23
+heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort,
+Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins
+Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch
+Fayer, gälisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des
+Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und
+Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als
+Feen dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass sie
+Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört jedoch der Name
+des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesänger, gestorben um 1196; dessen
+Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande
+gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils,
+ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
+örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.
+
+Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die
+Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch
+die Kirche zur Patronin der Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur
+Mutter der Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
+Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit denen sie im
+Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem schattigen Lusthain
+(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklärlich Tannhauser. Auf den
+bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesänger Tannhuser (gestorben um
+1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
+Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht
+geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn auch unter
+anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefür
+giebt Grimm Myth. 888.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Uhland C.
+
+[9] Uhland A.
+
+[10] Uhland B.
+
+[11] Nach Uhland C.
+
+[12] Uhland A.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+III.
+
+Gertrud mit der Maus,
+
+die Allerseelenherrin.
+
+ * * * * *
+
+
+Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den heidnischen Namen einer
+germanischen Walküre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr
+bezeichnet sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda
+genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das
+altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib,
+virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe
+niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schläfer
+auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp,
+bezeichnet. Der Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen
+Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten Walküre
+entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon
+Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen Frauen genannt; ebendaselbst
+eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen
+Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah,
+verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud
+bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen,
+dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 übersetzt trutari
+mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das
+Geschäft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
+müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden spinnende
+Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen
+Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den
+Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem
+Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben
+genannten Göttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des
+Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
+Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den
+Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit
+Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird
+Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die
+nächtlich wühlende Maus, kündet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die
+Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge
+dessen versöhnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man
+die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen Mäuschen bäckt.
+
+Dies ist der äusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.
+
+Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre älteste
+Legende in vielfältigen Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden
+sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
+unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in Nivelles,
+zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS.
+sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles,
+zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I.
+Gemahlin Ita um 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als
+erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
+gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, erzählt, dass
+Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach
+Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten
+Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
+geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser Angabe hinzu,
+dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen
+desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl.
+Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man
+dorten die Klostergründungen und Vergabungen zu Karleburg und zu
+Neustadt am Main beilegt, ja man führt daselbst noch eine dritte hl.
+Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und
+nachmalige Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von
+dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
+frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und dass man aus eben
+dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grösste deutsche
+Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche
+Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens
+bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
+Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert
+angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der
+Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
+Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so
+die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit
+den frühesten Anfängen des Christenthums in Deutschland zusammen.
+
+Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei
+zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet
+wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4,
+25. In holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
+Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die
+Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin
+der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne"
+trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434.
+Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trägt
+Gertrudens hölzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen.
+Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab,
+der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des
+Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an
+welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen
+eingewoben, zwei, Weihrauchfässer schwingende Engel umschweben sie.
+Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der
+Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag,
+durch zwei Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit
+correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbüchlein (edd.
+Strobel) lautet:
+
+ so kumet die liebe sant Geretrud,
+ die so entschlief in gottes willen,
+ und stulen die ratten und miuse ir spillen
+ und trugen sie in ir miuseloch.
+
+Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger Münster gewesen, auf das
+sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Könighovens Chronik 571 beruft,
+war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend,
+umschwommen von Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
+in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der
+Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; für jetzt seien die
+landwirtschaftlichen und bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt,
+die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.
+
+Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich knüpfenden
+Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der
+Winter, und mit dem 17. März der Frühling beginnen soll, so ziehen mit
+dem letzteren Termin die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei
+Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
+lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft
+die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2,
+71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es
+beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste
+Gärtnerin verehrt ist. Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren
+Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende
+Sprüche;
+
+ Sünte Katherin
+ smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn.
+ Sünte Gerderut
+ tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.)
+
+ Sankt Gertraud
+ führt die Kuh ins Kraut,
+ das Ross zum Zug,
+ die Bienen zum Flug.
+
+ Gerdrut
+ geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)
+
+ Sant Gertrud
+ Säit Zibelä und Chrût. (Schweizerisch.)
+
+Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln,
+wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im
+Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der
+Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz.
+Merzafülli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fällt auf 17. März und die
+Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen
+guten Frühling.
+
+Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzählt von ihm
+folgendes Märchen, enthalten in Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866,
+no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer
+brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf
+Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats übers
+Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und füllte das ganze
+Geschirr. Dieser Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten
+male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grösse,
+und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr
+müsset ohne Almosen gehen, all mein Gebäcke wird zu gross für euch! Zur
+Strafe verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch
+ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum
+Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie nach Futter in die
+Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth.
+3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorüber, wo frisches
+Brod duftete, und sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu
+erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
+sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafür sind diese
+zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber
+ist zum Kukuk geworden. In Prätorius Weltbeschreibung und darnach in
+Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur
+theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott
+den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen:
+Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen Raubvogel verwandelt, der
+unaufhörlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt
+hierüber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe
+ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafür,
+als man auf des Kindes flache Hand hinzählen könne. Das Büblein gieng
+darauf ein und machte sein hingestrecktes Händchen immer hohler und
+schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden
+wollte, noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen,
+so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf
+Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.
+
+So wird hier der Specht, ursprünglich ein nahrungsspendender Bote
+Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und
+geht in die Gestalt des gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über.
+Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwünschter
+Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies
+besagen die nachfolgenden Kindersprüche:
+
+Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk,
+Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em dürre
+Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis
+acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf ertönt,
+heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod,
+franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschöl
+cucu (Butterbrod), und weil seine säuerlichen Blättchen von den Kindern
+genascht werden, auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das
+Brod, 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen
+Guggichbrödle.
+
+Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
+Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
+Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und Speckwähen
+benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange
+seinen Ruf ertönen lässt, als die Brütezeit dauert und er die Eier
+andrer Vögel aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die Reife
+der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier für
+buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme
+verfällt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn
+erregten Theuerung knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen
+und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
+oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem
+Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er
+soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in
+welches jene Beckerin mit ihren Töchtern verwandelt ist; das ist bis
+Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne
+abwärts gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts gönd, schlôt 's ûf. Hält
+der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen
+Opfer er selber zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch:
+
+ Am achten des Aprils,
+ da soll der Kukuk kommen;
+ Kommt er am achten nicht,
+ so ist er todt oder gefangen.
+ Kommt er am zehnten nicht,
+ so hängt er gefangen im Zaun.
+ Und kommt er am zwanzigsten nicht,
+ so ist er gefangen im Korn;
+ Und kommt er am dreissigsten nicht,
+ so ass ihn der Hirt mit Polenta.
+
+Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der Anbau in der
+ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwäbisch Mundingen
+Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und
+daraus erklärt sich vollständig der Schwabenstreich des Städtchens
+Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels
+Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch
+bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene Haber schnelle
+(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in
+Zürich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhäusern zu nahe, eine
+Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den
+richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
+Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis
+in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu,
+in Meiers Kinderreim. no. 87:
+
+ Schrei sie mir in Deckelkräbe
+ Wie viel Jahr darf ich noch lebe?
+
+Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und
+Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer
+verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag
+4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
+Myth. 3, 222):
+
+ Kukuk, Kukuk, Gerderut:
+ stäck dîne vêr Hörns herut!
+
+Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher ihm die
+Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in
+die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Göthes Lied
+Frühlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April
+gehörten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und
+der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
+man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung
+ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfälisch der
+Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht
+man:
+
+ Gugguger im Sessel,
+ Gieb mir dein Geld zu lesen,
+ Will dein Geld dir wieder geben,
+ Sag, wie viel Jahr thu ich leben?
+
+Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers
+Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften unter wunderbarem, weit
+vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die
+Gestalt einer gewöhnlichen Taube hat, aber an ihren Füsschen ein kleines
+Schilfstühlchen mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden
+stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde nie, wo sie
+aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und blüht es im folgenden Sommer
+am schönsten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die
+Taube wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder Taube, die
+ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Göttermutter,
+die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem
+goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg
+der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
+Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843.
+
+VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.
+
+Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:
+
+ Gugger uf em grüene Ast,
+ Du, mi liebe, schüeche Gast:
+ Gugg mer doch, bis au so guet,
+ Wie mängis Jahr no han i z'guet?
+
+Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und auf den Sack schlägt,
+dem geht es das Jahr über nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der
+Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar
+also reden lässt:
+
+ Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack
+ u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),
+ dass i kei Batze by mer ha,
+ jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"
+ Un Aenni lost und fraglet di:
+ Wie mängs Jahr ächt no leben i?
+
+Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zürcher Chirurg
+Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, Zürich 1646, 13: "Vnd da der
+guckguck Fünffe herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
+anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. Sie fiel
+aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum sterben sich
+zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck
+hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem
+letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie
+jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fünft finger auff,
+andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben
+habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"
+
+Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der
+hört auch den Kukuk nicht mehr; was man verwünschen will, das soll des
+Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende
+Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache
+bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der
+Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
+Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
+daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke
+abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, und von einem
+Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzählt, dass es nie
+mehr habe den Kukuksruf hören können, ohne nicht in heftiges Weinen
+auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus.
+317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
+Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim
+Frühlingsbade ertrunken, im nächsten Frühjahre:
+
+ Aelter wird mein Ellenbogen,
+ Schwächer wird mein Handgelenke,
+ Ja, der ganze Körper zittert,
+ Wenn des Kukuks Ruf ich höre!
+
+Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ältesten
+Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein
+verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem
+transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech.
+und römische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und
+eine Säule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus
+der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altrömischer Mythe
+die ausgesetzten Zwillingssöhne des Mars, Romulus und Remus, aufgeässt
+und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein
+Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte
+Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und Gefängnisse
+aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu
+füttern, lässt er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes
+Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vögel
+Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den
+Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab
+weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem
+Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in
+Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
+der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart),
+welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und
+so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.
+
+Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind,
+aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht
+dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die
+Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich
+da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche
+erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende
+Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir
+nunmehr in Ausführung.
+
+Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der
+Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben
+die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu
+nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm
+Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc
+prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum
+archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea.
+Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
+niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und
+Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem
+Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S.
+Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der
+groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se uouer dat Leuuer-Meer.
+Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin
+schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf
+und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos
+Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon später. Gertrudens Kirche und die von
+den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der
+Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof,
+an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe
+verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
+und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem
+letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor
+Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der
+unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit
+lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem
+Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter
+klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin
+Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie
+ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
+Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
+gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147.
+Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin
+geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist,
+allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die
+Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre
+liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
+Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
+Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.
+
+Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als
+Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas.
+no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
+abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein
+Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu
+mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte
+und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde.
+Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen
+Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und
+nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
+Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das
+plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang
+ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
+sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser
+drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine
+weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor
+der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau,
+wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse
+Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so
+erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.--Weisse
+Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine
+Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den
+Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des
+Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines
+Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und
+lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das
+Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt
+den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn,
+von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen
+Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen
+Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte
+einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen bis ins Herz
+hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der
+niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists
+nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des
+Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde
+heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse
+auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.
+
+Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit
+entschlafen ist, kommt ein _rothes Mäuschen_ zum Munde heraus und geht
+durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen
+rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können.
+Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen
+Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte
+die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335.
+In Gestalt eines _weissen Mäuschens_ kommt der Alb durchs Schlüsselloch
+ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich
+schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es
+nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die
+Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben
+Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte
+nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit
+dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den
+Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich
+schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür
+hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
+wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche
+gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an.
+Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag.
+no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
+geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das
+Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein
+wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no.
+96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem
+Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus
+seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
+Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte
+der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen
+Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn
+sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die
+Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle,
+Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der
+Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich
+einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will
+hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine
+Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet.
+Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige
+Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert
+weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber,
+näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein.
+Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe
+begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von
+wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste
+ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als
+Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess.
+Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von
+Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen
+Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt,
+auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und
+rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund des Königs
+zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse mit Eisenbrücken
+geträumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben.
+Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige ähnliche Sagen aus
+Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende
+Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflügelter. Aus
+dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no.
+408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031,
+und Vonbun, Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden und
+umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit Geister, so können sie
+sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschützen und
+den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den
+Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei hier wiederum
+vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzuführen. Unser
+übelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, holländ.
+morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause
+auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird
+es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand,
+so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den
+Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt
+dieser bald. Verlassen sämmtliche Mäuse mit einem Male das Haus, so ist
+dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom.
+Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:
+
+ Der Aberglaube redt re noh,
+ (Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh,
+ Glaubt' i's, i müesst mi schäme):
+ Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz,
+ Geb's i dem Hus en andre Tanz,
+ Das heisst, es g'hei bald z'säme.
+
+Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die
+Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als
+sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8,
+82. Als die Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons Götzentempel
+aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre
+Felder mit dem Mäusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77,
+66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurück und
+übersandten dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf goldne Mäuse
+und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage
+heimgesucht gewesnen philistäischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4.
+Aehnliche Sühnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der
+Priesterkönig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine
+Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141.
+Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der phönizischen Ceres zum
+Sühnopfer gebracht. Welcker, Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen
+und im äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
+Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus
+dar, sowie auch eine Münze von Metapont die sechszeilige Gerstenähre
+zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer,
+Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen
+dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trägt die Maus auf dem
+Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl.
+Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die
+Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die
+agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte
+Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Mäuse
+vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud
+gewährt, welche, indem sie die Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen
+abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu
+baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
+Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die allbekannte
+Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der
+magischen Pfeife knüpft, mit deren Tone die Mäuse vertrieben werden, und
+hiervon noch später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen
+Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
+Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten
+Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzählt.
+Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und
+Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem
+fremden Mann überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
+Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor
+und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den Hauswinkeln,
+Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er
+trat sein Kleid aufschürzend in den Strom, die Thiere ihm nach und
+ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn.
+Allein die Bürger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am
+folgenden Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war
+purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und nun spielte er
+eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm
+binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum
+zwölften Altersjahre, die führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des
+vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
+wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit
+unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten erst wieder ans
+Licht geführt; denn seitdem spricht man in diesem Lande
+niedersächsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die
+Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen
+Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafür
+vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Mäuseheere
+wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf
+seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee,
+und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben
+verloren.
+
+Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis
+lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch Angionini mit dem Erbieten
+erschien, den Ort von seinen Ratten und Mäusen zu befreien. Er lockte
+alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den
+versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle
+Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn
+sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die
+Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die Mäuse, weil sie
+Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit
+hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frühling den
+Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182);
+wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende
+Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du
+singst mir alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
+singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich folgenden
+Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein
+Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man
+hängt dem gefangnen Thiere ein Glöckchen an und lässt es laufen; es
+springt aus dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
+Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die
+Pfeifchen im Schweife der hölzernen Spielrösschen und die thönernen, die
+man an der Stelle des Schwänzleins in die Erntenudel der gebacknen
+Mäuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt
+die Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch Weingärten;
+die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten
+(Kloster Weingarten, 1857, 48):
+
+ Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.
+
+Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in
+seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei lebendigem Leibe gefressen
+wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer
+Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und
+der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine Mäuse
+pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen
+wird nebst der eben berührten Sage von Trithemius in der Hirsauer
+Chronik 1, 116 erzählt und zur Unterstützung dieser Begebenheit, wie es
+scheint, dorten S. 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über
+einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am
+thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Güttingen soll sich
+desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Mäusen
+aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es
+haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3,
+307), und jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo Smintheus, S.
+78 ff.) über diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der
+Erklärung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein
+zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und
+damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte
+Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit
+Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt
+der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt.
+Mäuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder
+Seuchenzeit einstellen. Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den
+Irchelberg flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer
+gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur
+Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende
+Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Mäuse gehext habe.
+Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher
+gebräuchliche Phrase: Mach mir keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und
+will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes Bürgergeneral, 9.
+Auftritt.
+
+Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele
+hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern über
+die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:
+
+ Kommt ein Mäuschen,
+ will ins Häuschen,
+ da 'nein, da 'nein!
+
+Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu
+sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse,
+welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schädigung der
+Lutmäuse beim Amte Glurns anhängig machte, erhielten beide Parteien
+ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt,
+für Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der Beschluss
+lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich
+gänzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und
+jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre,
+oder Jugend halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein
+weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no.
+708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540,
+welches die Mäuse als Saatenverwüster anklagen und verurtheilen liess;
+der Mäuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des
+Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
+nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen durch Hunde
+und Katzen unsicher seien; füglich auch nicht erscheinen. Diebolt,
+Histor. Welt, 1715, S. 1117.
+
+Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern,
+findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknüpften
+volksmedizinischen Bräuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein
+Opfer hinausläuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den
+Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen,
+dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
+wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da
+hast du einen hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In
+Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
+Steindel.--Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen Zahn, gieb du mir
+einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es
+(Alemann. Kinderl. S. 338):
+
+ Müsli, Müsli, nimm de Zah,
+ gim-mer en schöne goldige dra,
+ frei en schöne wîsse,
+ ass ech's Brod cha bîsse.
+
+Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht
+selber verschluckt, hoch gegen Himmel:
+
+ Seh, liebe Herrgett, en Zah!
+ Gieb mer wider en andre dra.--
+
+In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht beim Schneidezahn:
+
+ Se, Mäusle, has du dean Za,
+ sez mer derfür en andra na!
+
+Beim Mahlzahn heisst es:
+
+ Wolf, Wolf, da has en Za,
+ gi mer derfür no koen Biberza!
+
+Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwäbisch Name des
+wälschen Hahns (Birlinger, Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass
+mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein
+altarabischer Spruch in Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den
+Schichtzahn gleichfalls der Sonne:
+
+ Liebes Kind, nimm deinen Zahn,
+ Der dir ausgefallen,
+ Wirf ihn zu der Sonn' hinan,
+ Sprich mit frohem Lallen:
+ Gieb mir einen bessern dran!
+ Und du wirst von allen
+ Neuen Zähnen keinen Zahn
+ Schwarz und schief und stumpf empfahn,
+ Sondern jeden wohlgethan.
+ Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.
+
+Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, Lichtalfenheim,
+zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine
+Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in
+Süddeutschland Wölfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden
+dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht
+auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
+zum Opfer fällt.
+
+In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 lässt sich die
+Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen
+silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das
+Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn
+wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst
+anderen dahin einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten
+Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der
+hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in Höhlen wohnenden
+Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine
+Zähne in den Boden säet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die
+Zähne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
+erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft
+man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn
+heisst in Süddeutschland Wölfle, und wölfen ist zahnen: Aus Wolfs- und
+Rosszähnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst
+umhieng, und selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den
+Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des Bären und
+Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als Amulette getragen zu werden.
+Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz
+bei Plinius überein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden
+zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung
+angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus
+Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte
+Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken.
+Höchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
+welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen hat. Das
+Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale
+Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu
+stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen
+habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das
+Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
+darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
+Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen Kirchenvisitation strenge
+Nachforschung hierüber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die
+Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel
+gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
+muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von
+Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter
+Analyse aus pulverisirten Mäusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die
+uns persönlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien
+dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu
+trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten,
+dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht
+verhalten können, gepulverte Mäuse unter der Speise zu essen verordnet;
+denn diese Heilmethode gründet sich auf ein blosses Wortspiel und steht
+nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen,
+dämonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
+Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die Muskelschwäche
+am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da
+latein. musculus beides ist, Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin
+nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
+geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprünglich unter dem
+Einflusse der wälschen Universitäten zu Padua und Montpellier stand.
+Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
+des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt
+daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wörtlich nach: "Das
+Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Mäusslin, so umb den Hals der
+Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht
+mehr gehorchen kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck
+und pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt
+durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der
+Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zürich 1554, Blatt 126b;
+Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45:
+"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib
+auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."
+
+Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwörterb. 3, 125, der
+schon vorhin erwähnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die
+dorten enthaltenen Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen
+stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür bedeutet.
+
+Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der Wurzel mûsch,
+stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch
+Yajnavalkya III, 214 (übers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus
+wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstände sind,
+so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen
+Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen.
+Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt Plautus in den Gefangenen
+den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555,
+sagt das Vorwort:
+
+ Mein frischgebachen brot
+ muoss leiden vil der not
+ von hunden vnd von katzen,
+ von meusen vnd von ratzen,
+ zerhülchen's, schliefen drein,
+ wolt, sie schwimmen im Rhein!
+
+Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ältester Zeit
+für bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest,
+durch die man dem schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen
+glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
+deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
+unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um Weihnachten und
+Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben
+in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren
+Umzug hält, nicht spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das
+Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von
+den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das
+Mäuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen
+die Mäuse (Aargau). Man darf alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst
+stehlen sie das Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach
+Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, Scheunenbodenläufer, in Dänemark
+Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch
+so fest, dass der dänische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774)
+während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur
+Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die
+Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel übrig bleibt,
+schüttet man gegen die Kornmäuse in die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch
+v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bäckt man die
+Fasnachtsküchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit
+ihr dem wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das
+Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt
+in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der
+gebacknen Mäuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils
+bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die Garben
+der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser Nachtarbeit nicht mit
+zusehen können, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben,
+jedoch vermehren sich die Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit
+flucht. Bavaria 2, 300.
+
+Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach
+unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den Mäusen, die hiemit sich
+begnügen und den Geizigen heimsuchen mögen. Die Beinchen vom
+Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht,
+streut man gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge.
+Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz,
+worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis zur Ernte auf und salbt damit
+die Räder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt
+der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die
+Katze für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die Scheune kommen.
+Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schüttet man in die Scheunentenne
+und spricht: Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide in
+Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in
+die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der sie Abladende fragt
+den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei,
+erwiedert Jener, so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich meine Gerste
+hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt.
+Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten
+einführst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine
+rechte Hand und sprich:
+
+ Da leg ich dem Menschen das Brot
+ und allen Mäusen den bittern Tod."
+
+Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf
+dass die Mäuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kräuterb.
+3, S. 9a.
+
+Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in
+Mausform gebackenen Zweckbrode.
+
+Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Bäuerin junge
+Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig und bäckt sie in Butter ab;
+hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen aus der
+Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen
+grösseren Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein
+thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx Rumpolts
+Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in dieses Mehlmäuslein die
+Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blätter. Noch älter ist folgende
+Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
+gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie schôn. seüd sie
+weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd
+deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch
+bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein,
+zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt
+von dieser Nudel:
+
+ Bachen wir ein Küchelein,
+ Meuselein und Streubelein
+ Und trinken auch den kühlen Wein,
+ Kaku-kaka-nai,
+ Dass man fröhlich sei.
+
+In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst
+es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:
+
+ Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,
+ Wämmä de Zucker nid spart und wämmä cha gnueg devu esse.
+
+Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach
+beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus
+Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern
+demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte
+Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl
+scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt
+man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen
+Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und
+Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer
+eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner,
+Sagb. no. 641.
+
+Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber
+werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren
+Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt
+man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt
+es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern
+wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung
+des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen
+und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt
+Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen
+umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern
+und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht
+zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
+Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das
+gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich
+im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker Flur
+getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen
+heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei
+Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel
+mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein
+Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom
+Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst.
+Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist,
+so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
+der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen
+Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man
+dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21]
+wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die
+Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr
+daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche
+Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen
+und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3.
+Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und
+sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle,
+Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der
+Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
+Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und
+entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss
+Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete, wurde ihrem Priester
+Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl.
+Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser
+Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte
+ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen
+Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign.
+Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der
+Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud
+gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an
+dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und
+dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr
+aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke
+Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von
+Unterfranken 13, 154.
+
+Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich,
+weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu
+trinken.
+
+Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter
+und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich
+den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten,
+um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des
+siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der
+Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum
+"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth.
+53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert.
+an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
+Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
+getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt
+auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne
+(Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte
+nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis);
+Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich
+gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther
+Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von
+Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S.
+699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
+trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der
+Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine _gute
+Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste
+Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese
+Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das
+Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
+eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der
+weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern
+jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck
+Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt
+Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle
+aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend,
+so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte
+Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die
+Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer
+des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen
+Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer
+verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als
+sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem
+Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie
+Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in
+Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
+Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere
+Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren
+Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie
+trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der
+Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und
+öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
+zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta
+und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus
+zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd
+eine Beata und Sancta genannt.
+
+Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem
+schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende.
+
+Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine
+Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit
+Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen
+Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach
+dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz
+und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des
+Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie
+je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an
+der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe
+dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
+weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen.
+Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach:
+So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser
+gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer,
+BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches
+Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich
+dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
+Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen
+Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
+Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch der Satan
+konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl.
+Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser
+Vorfall war später in der Heppener Kirche künstlich gemalt zu sehen.
+Mittelhochd. Dichtungen tragen ähnliches auf die hl. Maria über, die als
+Schutzgeist eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
+deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den Schutzbefohlnen aufs
+Turnier ziehen und in Gefechten mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert
+daraus, dass Maria hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen
+Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Götterwagen mit
+zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walküren
+gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetümmel
+mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu
+deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.
+
+ * * * * *
+
+Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem
+gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigürchen einer aus
+Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hähnchens ausgegraben
+und beides uns zu einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der
+Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an römischen
+Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat jüngst auch zur Entdeckung
+eines wohlerhaltnen Brennofens geführt; man erhob daselbst eherne
+Legionsadler, Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4.
+Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz
+gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch
+dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der
+Regenerationskraft. Die Maus trägt eine Schelle um den Hals gebunden;
+denn nach Apollodor (Fragmente) wurde für Sterbende Erz an einander
+geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu
+Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der
+Macht der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das Krähen des
+Hahnes das Licht des neuen Tages.
+
+Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn.
+Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. Die Figur ist aus
+ungesäuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus
+der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen
+Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen
+bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und Kamingesimse, finden
+aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
+Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zähne
+nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvölker 4, 165.
+
+[14] Firmenich, Völkerstimm. 3, 112.
+
+[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[17] Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285.
+
+[18] Alemann. Kinderlied.
+
+[19] Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien ihm ausgefallen;
+der Traumdeuter erklärte dies dahin, der Monarch werde alle seine
+Verwandten überleben. Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
+Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der schwarze Zahn, der
+alles benagende Zahn der Zeit.
+
+[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei
+Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. März der hl. König Guntram
+abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber
+dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
+gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit
+offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram
+an, weil er seine Schätze den Armen geschenkt und dafür einen ihm von
+Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.
+
+[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl.
+Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in
+Preussen, überschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer
+Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die
+Messe nach Kulm kommen zu können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre
+Fussspur in jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
+Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten auf den Wellen
+der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Königin
+Berta zurückgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers
+silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Nachträge.
+
+
+[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den
+Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat
+ihre neueste Vervollständigung gefunden durch die drei Bildergruppen
+eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im
+Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen
+die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Männer dar. Aus
+einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um
+Haupt und Lenden Epheukränze tragend, jeder auf einem phantastischen
+adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus
+reitet der Maikönig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem
+Ornamente der drei stumpfen Blätter, über welche sein Hirschgeweih
+emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die
+Hüfte trägt er einen Gürtel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit
+Pfeil und Speer Rosen in die gegenüberliegende Burg. Ihre Absicht steht
+auf den sie umgebenden Spruchbändern zu lesen.
+
+ Wol vf alle mine wilden man,
+ wir wellent festen und buirge han.
+
+ Schiessen alle, nieman lôss abe
+ an büte gewinnen, will einer habe.
+
+Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den
+Sommerreitern her eilender Jüngling mit herbei getragnen Brettern zu
+überbrücken strebt. Von den Zinnen herab kämpfen fünf dicht in
+Wollenfliesse gekleidete Männer, die Winterkönige; denn auch sie tragen
+Kronen wie der Maikönig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr
+Burgwart am Söller stösst ins Rom; das Spruchband über ihnen besagt:
+
+ Vnser vesten, die ist wol behuot
+ mit gilgen, klewen, rosenbuot.
+
+Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen
+Frühlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in
+welchem die Maikönigin bereits Platz genommen hat. Auch sie trägt die
+offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch
+gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
+Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten
+Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_
+abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen
+alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss
+hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels
+agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnäbelte
+Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im
+Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls
+das dreifache Blätterornament zeigt. Im Luft hängt ein kurzes krummes
+Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze,
+mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zügel
+seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen
+arabeskenhaft umrankt.
+
+[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die
+Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
+Eisensärglein neben Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In
+den von mir eröffneten und beschriebnen heidnischen Waldgräbern zu
+Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des
+Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer
+Alterthümersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.
+
+[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
+_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich
+verrathende späte Entstehung dieses Gedichtes weiter bestätigt. Es
+leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in
+der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwähnten
+römischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem
+Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt
+worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen,
+die oft citirte Inschrift aber längst als unecht erkannt worden.
+
+[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
+gelten mancher Orten gleichmässig als weissagende Liebesboten. In
+Deutschböhmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man
+bald heiraten werde; der Specht hat es bestätigt, sagt man dann.
+Grohmann, Abgl. S. 70.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Wortregister.
+
+
+Ankenbrüt.
+Ankenschnittenprozession.
+Ara, Aarefluss bei Solothurn.
+arbaiz, Erbsen.
+Aufburg bei Zurzach, röm. Castrum.
+
+Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwünscht.
+Bilihildis, hl., aus fränkisch Veitshochheim.
+Brod,
+ den Elementen geopfert.
+ Erntebrod.
+ Eulogienbrod.
+ gegen Tollwuth.
+ gegen Wolfshunger.
+ phallische Zweckbrode.
+ Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt.
+Brunnen Walburgis,
+ im Elsass.
+ in Franken.
+ in Holland.
+ in Tirol.
+Brustbein Walburgis.
+Butterschnitte,
+ als Präservativ und Heilmittel.
+ bei kirchl. Prozessionen.
+Buttergewinn, zauberischer.
+
+Elben in Mausgestalt.
+Emmetsheimer Steinbild phallisch.
+Erntebrode.
+Ernteopfer.
+Eulogienbrod.
+
+Fadenziehen, ein Liebesorakel.
+Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.
+
+Gertraud von Osten.
+Gertrud,
+ Verstorbene beherbergend.
+ zu Rosse.
+ als Waldfrau.
+ Gertrudenkirchen,
+ niederdeutsche.
+ ostfränkische.
+ Gertrudenkraut.
+ Gertrudenminne trinken.
+ Gertrudentag, Kalenderregeln.
+ Gertrudenvogel.
+ Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen.
+ G's Mantel.
+ G's Spindel mit den zwei Mäusen.
+ G's Schiff als Trinkgefäss.
+ G's Wagen.
+Gnadenstein Walburgis.
+
+Hagel, ein König.
+Hagelfeierpredigten.
+Hagelsquelle.
+Heiden- und Schönbrunnen.
+Heidenkirchen,
+ als spätere Walburgskirchen.
+ als spätere Verenakirchen.
+Heilquellen Verena's.
+Heilwag.
+Helgenbronn.
+Holpurga.
+Honigfall.
+Hund,
+ als Walburgis Gefolgsthier.
+ als das anderer Göttinnen.
+ als Speisenname.
+ gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert.
+Hühner, kirchlich geheiligte.
+
+Käsbrunnen.
+Kleinkinderbrunnen.
+Kleinkindersteine.
+Klumpfüsse,
+ durch Walburg geheilt.
+Konstanzer Bisthumsgrenzen.
+Kornähre,
+ Mittel gegen Hundebiss.
+ Mariae und Walburgis Emblem,
+ das des hl. Oswald.
+ Sinnbild von Obereigenthum.
+ der Truden Zaubergestalt.
+Korngarbe, Walburgis Versteck.
+Kriemhiltengraben am Jung-Albis.
+Kukuk,
+ ein verwünschter Becker.
+ auf dem Binsenstühlchen weissagend.
+ als Lebensorakel.
+ als Theuerungsprophete.
+
+Lehmkugeln,
+ in Heiligengräbern.
+ in Heidengräbern, _s. Nachträge_.
+Lebermeer.
+
+Maibad.
+Maiengericht, dessen Kostenbetrag.
+Maienthau,
+ abstreifen.
+ baden im Maienthau.
+ Maienthau der Erdmännlein.
+ kosmetisch.
+ medicinisch.
+ sprichwörtlich.
+ zauberisch.
+Maigraf, Maigräfin.
+ _s. Nachträge_.
+Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken.
+Mairitt.
+Mauritius, Verenas Verwandter.
+Maus,
+ als Alb.
+ vor Gericht geladen.
+ als Ortsgeist.
+ als Pestthier.
+ als Seele wandernd.
+ als Sühnbild.
+ als antikes Stellfigürchen in Gräbern.
+ in Gestalt des Zweckbrodes.
+ als Stadtwahrzeichen.
+Maus weisse, geheiligt.
+Maustrank.
+Mausöhrleinkraut.
+Mäusegespann.
+Mäuse machen.
+Metzentanz in Zurzach.
+Minnetrinken.
+Mühle als Ort der Liebesabenteuer.
+Mühlstein,
+ als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe.
+ schwimmender.
+Müllerbräuche am Verenentage.
+
+Oel,
+ hl., ein Augenmittel.
+ aus Heiligenknochen.
+ der Walburgishexen.
+
+Ortschaften des Namens Walburg.
+Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer.
+Osterbad, reiten ins.
+
+Pfeife, magisch wirkende.
+Phallische Götterbilder, ihr Zweck.
+
+Reimsprüche beim Meienpflanzen.
+Richard, Walburgis Vater.
+Rimleins- und Römleinsbrunnen.
+Roggenähre, Mittel gegen tolle Hunde.
+Ross,
+ Gertrudens.
+ Verenae.
+Rutscherzins.
+
+Schnecke, als Kukuk angerufen.
+Schuh,
+ goldner Walburgis.
+ Schuhwerfen als Liebesorakel.
+ Schuhzins am Walberfeste.
+Silber geschabtes, gegen die Tollwuth.
+Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schützend.
+Sommer,
+ den, ins Land reiten.
+ _s. Nachträge_.
+Specht,
+ als Gertrudenvogel ein verwünschter Becker.
+ ein verwandelter Gott.
+ als Liebesorakel _s. Nachträge_.
+Spindel,
+ der hl. Walburg.
+ der hl. Gertrud.
+Spinnverbot an Walburgis.
+Stärketrunk.
+Stillicidium Walburgs.
+Storch, Gertrudens Vogel.
+Strähl-Anneli.
+
+Teufelsstein in Verenae Einsiedelei.
+Thau abstreifen,
+ zu Milch- und Buttergewinn.
+ als Mittel gegen Kornbrand.
+Thautrinken.
+Tobel-Vreneli.
+
+Valentinstag.
+Venes- und Vrenesberge.
+Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen.
+Venus-Vrene,
+ in dem mundartl. Tannhäuserliede.
+ in den Ritterdichtungen.
+ Die Venus- und Vrenenhäuser.
+Verena,
+ ihre Namensformen.
+ Niederdeutsch: Frû Frêen und Frû Frîen.
+ Rhätisch: Vereina.
+ Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
+ Verenabad.
+ Ve. als Gebirgsriesin.
+ Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkrönlein.
+ Verenaloch:
+ zu Baden.
+ im Entlebuch.
+ auf der Schafmatt im Jura.
+ Müllerpatronin.
+ Schifferpatronin.
+ Verenareliquien.
+ Verenastift.
+ Verenatag als Gerichtstermin;
+ Gesundheits- und Wirthschaftsregeln.
+ Ve. als Weisse Frau 139.
+Verenae,
+ Bildsäulen.
+
+ Dienstross.
+ Fingerring.
+ Geburtsgürtel.
+
+ Heilquellen.
+ Kamm und Krüglein.
+ Katze.
+ Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz.
+ Kapelle, ein Römercastrum.
+ Kleinkindersteine.
+ Kindersegen bescherend.
+ vierzig Mehlsäcke.
+ Mühlstein.
+Vrenelisgärtli, Gletscher am Glärnisch.
+
+Walber,
+ der Führer des Maienzugs:
+ in eine Korngarbe gebunden.
+ ein Bergname.
+ Riesenname.
+ Walberbaum.
+ Walbernthau.
+Walburg,
+ als Flur- und Ortsname.
+ mundartl. Namensformen.
+ Die Heilige:
+ als Nichte Winfrids.
+ als Heidengöttin.
+ als Riesin.
+ vor dem W. Jäger in die Korngarbe flüchtend.
+ Walburga Westfalica.
+Walburgis-kirchen,
+ als Heidenkirchen.
+ als Römercastrum.
+ Ortskirchen.
+ hl. Quellen.
+ Reliquien:
+ Brustbein, ölschwitzend.
+ Stab.
+ in Wittenberg und Köln.
+ im Auslande.
+ Schönheitswettstreit.
+ Spindel und Goldschuh.
+ Steinernes Venusbild.
+ phallisch dargestellt.
+ Wildgans.
+Walburgistag,
+ als ungebotne Gerichtszeit.
+ Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der
+ Landschaft:
+ in Thüringen.
+ in Unterwalden und Friesland.
+ in Ostpreussen.
+Walper,
+ Anna, als Hexe inquirirt.
+ Walperherren, Walpermännchen und -zins.
+ Zug nach Walpern.
+Walburga-Holpurga.
+Wasserkirchen.
+Wasserfrauen.
+Wasservogel, _s. Nachträge_.
+Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne.
+Wiborada, die hl. v. Klingnau.
+Wîhegazza.
+Wilibald,
+ der hl.:
+ Walburgis Bruder.
+ ein Hüne.
+ Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
+Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen.
+Wolbermai.
+
+Wolbrygabend.
+Wolfszahn, Amulett.
+Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
+
+***** This file should be named 12012-8.txt or 12012-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/2/0/1/12012/
+
+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
diff --git a/12012-8.zip b/12012-8.zip
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--- /dev/null
+++ b/12012-8.zip
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diff --git a/12012-h.zip b/12012-h.zip
new file mode 100644
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--- /dev/null
+++ b/12012-h.zip
Binary files differ
diff --git a/12012-h/12012-h.htm b/12012-h/12012-h.htm
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+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">
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+<html>
+<head>
+ <meta name="generator" content=
+ "HTML Tidy for Windows (vers 1st January 2004), see www.w3.org">
+ <meta http-equiv="Content-Type" content=
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+
+ <title>The Project Gutenberg eBook of Drei Gaug&ouml;ttinnen, by
+ E. L. Rochholz.</title>
+ <style type="text/css">
+ /*<![CDATA[ XML blockout */
+ <!--
+ P { margin-top: .75em;
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+ H1,H2,H3,H4,H5,H6 {
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+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+</head>
+
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+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Gaugöttinnen
+
+Author: E. L. Rochholz
+
+Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+ <h1>Drei Gaug&ouml;ttinnen</h1>
+
+ <h2>Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.</h2>
+
+ <h3>Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben</h3>
+
+ <h4>von</h4>
+
+ <h3>E.L. Rochholz.</h3>
+
+ <h4>1870</h4>
+ <hr class="bigrule">
+ <br>
+ <a name="Page_Roman_003" id="Page_Roman_003"></a> <a name=
+ "Vorwort" id="Vorwort"></a>
+
+ <h2>Vorwort.</h2><br>
+
+ <p>Den ersten fr&uuml;hzeitigen Anlass, in den drei heiligen
+ Frauen, deren Namen die nachfolgende Schrift am Titel tr&auml;gt,
+ drei n&auml;chstverwandte Wesen aus der deutschen
+ G&ouml;tterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den Perioden
+ seines akademischen J&uuml;nglingsalters und w&auml;hrend der
+ ersten Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf
+ Jagdg&auml;ngen, Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung
+ &ouml;rtlicher Alterth&uuml;mer nachzog und in andauerndem
+ Verkehre mit der Natur und der Bev&ouml;lkerung den damals
+ herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksged&auml;chtniss
+ sei ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden
+ erg&auml;nzen helfe. W&auml;hrend sich ihm letzteres bald als
+ eine gem&uuml;thliche T&auml;uschung erweisen musste, war ihm
+ dar&uuml;ber doch das Gl&uuml;ck beschert, reichliche,
+ nachhaltige Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich
+ fesselnde Gewalt einen einmal in uns erwachten Plan auch unter
+ unerwartet eintretenden Lebens&auml;nderungen nicht mehr veralten
+ l&auml;sst. Und so erkl&auml;rt sich der Ursprung unseres Buches
+ als eine fr&uuml;h erworbene, in langer Zeitdauer gereifte und
+ hier erst sp&auml;t zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
+ der Art, von welcher bei G&ouml;the (Bd. 44, 193) das runde Wort
+ steht: "Was man nicht gesehen hat, geh&ouml;rt uns nicht und geht
+ uns eigentlich nichts an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in
+ den heimatlichen Th&auml;lern der Altm&uuml;hl und des Mains der
+ hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und Gertrud begegnete und
+ nicht lange hernach in den schweizerischen der Aare und des
+ Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena n&auml;her bekannt
+ wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
+ innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit
+ &auml;ltester Zeit bis auf die Gegenwart herrschend geblieben
+ ist, dass diese Drei hier nicht etwa die Patrone oder
+ Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern die Schutzheiligen
+ <a name="Page_Roman_004" id="Page_Roman_004"></a>ihres
+ politischen Gaues in einer Periode gewesen waren, als dessen
+ politische Grenzen noch keineswegs mit denen des Kirchensprengels
+ zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
+ zeitgen&ouml;ssisch gewesen mit der &auml;ltesten Gaueintheilung
+ dieser Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand &uuml;berhaupt
+ ein &auml;lterer, als der durch die Kirche veranlasste je hatte
+ sein k&ouml;nnen. Und also f&uuml;hrte uns die <i>Gauheilige</i>
+ in r&uuml;ckschreitender Metamorphose auf die
+ <i>Gaug&ouml;ttin</i>. Gegen diese Folgerung, die selbst von der
+ kirchlich approbirten Gestalt der Legende mit historischen
+ Angaben unterst&uuml;tzt wird, l&auml;sst sich mit ferner
+ versuchten Einw&auml;nden nicht weiter mehr aufkommen. Auch
+ f&uuml;hrt ja die Gaug&ouml;ttin ihre bei uns verblasste
+ Herrschaft &uuml;ber Christenmenschen anderw&auml;rts immer noch
+ ungeschw&auml;cht und pers&ouml;nlich fort, so z.B. in der
+ Normandie, wo nach dem Zeugnisse von Am&eacute;lie Bosquet die
+ Aufsicht &uuml;ber das Land den Feen geh&ouml;rt, jede einen
+ einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt
+ und dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem
+ gemeinsamen Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen
+ Punkte bezeichnet.</p>
+
+ <p>Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht
+ gedachtes Idealbild menschlicher Th&auml;tigkeitgewesen. Wie der
+ Mensch, so sein Gott. Die dem Germanen eigenth&uuml;mliche
+ Auffassung des Eherechtes, welche ihn vor allen
+ Kulturv&ouml;lkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
+ Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn
+ (Tac. Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten
+ bedingt, welche W&auml;chterinnen der z&uuml;chtigen
+ Geschlechterliebe, der h&auml;uslichen Ordnung, des Fleisses und
+ Friedens waren. Eine n&auml;chste Folge hievon war es, dass die
+ Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das Wort
+ fr&ocirc;wa, fr&aacute;uja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis
+ oder weisen Frau bekleiden und als solche die Gesch&auml;fte der
+ Tempeljungfrau, Priesterin, Heilr&auml;thin oder Aerztin
+ verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer langen
+ Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
+ furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann
+ geistig &uuml;berrascht durch das in barbarischer Form
+ &uuml;berlieferte r&ouml;mische Kirchenthum. Durch den ersten
+ Vorgang wurden die Germaneng&ouml;ttinnen kriegerisch <a name=
+ "Page_Roman_005" id="Page_Roman_005"></a>umgewandelt,
+ militarisirt, durch den zweiten aber vollends satanisirt, zwei
+ Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser Buch in
+ allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
+ nicht bloss die Richtschnur des &ouml;ffentlichen Glaubens,
+ sondern ebenso die des Privatlebens wurde dabei mit in die
+ tiefste Erniedrigung herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche
+ Tugenden der Heidin ein allerdings n&ouml;thigender Grund, sie
+ sp&auml;ter einmal zu Christentugenden zu subtilisiren und eine
+ Walburg, eine Verena oder Gertrud zu Kirchenheiligen zu erheben;
+ allein diese Vereinbarung war und blieb eine erzwungene,
+ innerlich unwahre, und verf&auml;lschte den sittlichen Kern des
+ Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als
+ ob hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen w&auml;re,
+ anstatt dass umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus
+ nachfolgte und ihn legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber
+ durfte ein ehefeindlicher Klerus, der dem C&ouml;libat den
+ &uuml;bertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend zuschrieb und
+ nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die Himmelsherrin,
+ auf das ganze &uuml;brige Geschlecht aber die Ursache des
+ S&uuml;ndenfalles zu w&auml;lzen fortfuhr, einem solchen, die
+ Frauenw&uuml;rde verk&uuml;ndenden Mythus durfte der M&ouml;nch
+ kein Recht belassen, sondern musste ihn so weit und so
+ unabl&auml;ssig herabw&uuml;rdigen, dass die Folgen davon bis
+ heute den Aberglauben aufzureizen verm&ouml;gen. Wenn daher zwar
+ auf einer Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel
+ unter Segensspr&uuml;chen bereitete, als &ouml;lschwitzende
+ Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie auf der andern Seite
+ zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertr&auml;nke brauend,
+ Seuchen und Misswachs herabbeschw&ouml;rend, Besen salbend, das
+ aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der
+ Walburgisnacht. Dorten war sie die ehestiftende Liebesg&ouml;ttin
+ gewesen, hier eine Frau Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154).
+ Dorten trank der Mensch auf ihren Namen die Minne, sie selbst
+ reichte dem in den Himmel eingehenden Helden den
+ Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische,
+ aber nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft
+ geblieben war (S. 149). So urspr&uuml;nglich schon steckt in dem
+ Legenden erz&auml;hlenden M&ouml;nch ein Blumauer, der die
+ <a name="Page_Roman_006" id="Page_Roman_006"></a>Aeneide
+ travestirt. Ihm haust da ein spukender Waldteufel, wo in der
+ fr&auml;nkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und Spessarts die
+ Haing&ouml;ttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
+ Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin Walburg wird ihm zum
+ Blocksbergsgespenste, die Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau,
+ und zur landverw&uuml;stenden Riesin wird die im Firnengolde des
+ unerreichten Gletschers thronende Verena</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>&mdash;auf des gef&uuml;rchteten Gipfels</p>
+
+ <p>Schneebehangener Scheitel,</p>
+
+ <p>Den mit Geisterreigen</p>
+
+ <p>Kr&auml;nzten ahnende V&ouml;lker.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe
+ daf&uuml;r ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter
+ dem Widerstreite der M&auml;nnerwelt, rein aus
+ Fr&ouml;mmigkeitsbed&uuml;rfniss und Kinderliebe sich an die neue
+ Kirche ergab! F&uuml;r treues Ausharren in den Pr&uuml;fungen des
+ Lebens, f&uuml;r opferbereites, dem&uuml;thiges Dulden zum Wohle
+ der Mitmenschen war ihm einst der Himmel zugesagt gewesen, es
+ hatte ihn durch eigne Seelengr&ouml;sse erobert und sogar den
+ Preis der Verg&ouml;tterung sich erworben. Dieser Himmelsgenuss
+ hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische Streben
+ des Weibes, sich zur W&uuml;rde der Gottheit empor zu heben, ein
+ frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
+ gemeinen Leiblichkeit zur&uuml;ckversetzt, um nun erst durch ein
+ Mirakel erl&ouml;st zu werden. Denn von nun an sollte es nicht
+ mehr auf das pers&ouml;nliche Verdienst, sondern auf das
+ Geheimniss der Gnade angewiesen bleiben. Diesen zweimaligen
+ Bildungsweg, den das deutsche Weib in der Vorzeit einzuschlagen
+ hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem germanischen
+ Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der Mythe
+ und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung
+ gebracht. Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck
+ unsrer Schrift, die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier
+ Landsleute empfiehlt.</p>
+
+ <p>Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.</p>
+
+ <p><b>E.L.R.</b></p>
+ <hr class="bigrule">
+ <a name="Page_Roman_007" id="Page_Roman_007"></a> <a name=
+ "Inhalt" id="Inhalt"></a>
+
+ <h2>Inhalt.</h2><br>
+
+ <div class="content">
+ <h3><a href="#Vorwort">Vorwort.</a></h3>
+
+ <h3><a href="#Inhalt">Inhalt.</a></h3>
+
+ <h3><a href="#Teil_1">I. Walburg mit drei Aehren, die
+ Ackerg&ouml;ttin.</a></h3>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4>
+
+ <p>Walburgs und ihrer drei Br&uuml;der Taufbrunnen,
+ Klosterstiftungen, Grabst&auml;tten und Reliquien.&mdash;Oel,
+ aus Stein und Bein der Walburgisgruft fliessend; &auml;hnliches
+ kirchlich verehrtes Wunder&ouml;l. Abbildungen und Embleme
+ Walburgis.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen
+ Abbildungen und Hymnen.</h4>
+
+ <p>Der Hund, ein Geleitsthier etlicher
+ Fruchtbarkeitsg&ouml;ttinnen und Heiligen; verehrt als
+ saatenfressender Sturmwind und als breigef&uuml;ttertes
+ Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und
+ s&uuml;sse H&uuml;ndlein als Zweckspeisen beim
+ Dreschermahl.&mdash;Walburgis Emblem der Aehre und der Garbe,
+ ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verd&uuml;sterung in
+ dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
+ Eulogienbrode.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Walburgistag, des Meien hochgez&icirc;t.</h4>
+
+ <p>Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den
+ Tod austragen, den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt,
+ Laubeinkleidung und Ruthenzug.&mdash;Maigraf und
+ Maigr&auml;fin. Das Mailehen ausrufen. Nachtspr&uuml;che und
+ Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages:
+ s&auml;mmtliches als Abbilder eines g&ouml;ttlichen Werbungs-
+ und Verm&auml;hlungsmythus, <a name="Page_Roman_008" id=
+ "Page_Roman_008"></a>welcher im Fr&uuml;hlings- und
+ Erntevorgang spielt.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4>
+
+ <p>Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der
+ ungebotenen Gerichte, gezeigt aus den
+ Weisth&uuml;mern.&mdash;Urkundliche Berechnung der
+ Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.&mdash;Der
+ Rutscherzins, die Walpersm&auml;nnchen und
+ Walperherren.&mdash;Aus der mit der Zinspflichtigkeit
+ verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den
+ Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_5">F&uuml;nfter
+ Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4>
+
+ <p>Landwirthschaftliche Erbs&auml;tze &uuml;ber den Maienthau.
+ Thau als Quelle von Leben, Lebensdauer und
+ K&ouml;rpersch&ouml;nheit, angewendet als Heilbad, St&auml;rke-
+ und Minnetrunk.&mdash;Bannbeschreitung, Oeschprozession um die
+ Flurzelgen und Mairitt durch die Saat. Der Mythus vom
+ Thau-abstreifen in seiner naturgeschichtlichen Begr&uuml;ndung.
+ Thauschlepper und Thaustreicher als zaubernde Butter- und
+ Milchgewinner. Walburg in den Riesen- und Hexensagen.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_6">Sechster Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4>
+
+ <p>Die westf&auml;lische Walburg. Die phallischen
+ G&ouml;tzenbilder zu Antwerpen und Emmetsheim, um Kindersegen
+ angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen Darstellung der
+ Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in den
+ Gebildbroden zur Mittwinter- und Fr&uuml;hlingszeit.
+ Etymologische Erkl&auml;rung des Namens Walburg nach dessen
+ freundlicher und feindlicher Anwendung.&mdash;Schluss: die
+ G&ouml;tterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, Meth, Ael und
+ Oel gew&uuml;rzten Unsterblichkeitstrank.</p>
+
+ <h3><a href="#Teil_2">II. Verena mit dem Kamme, die
+ Kindsmutter.</a></h3>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena, eine alemannische Gauheilige.</h4>
+
+ <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der
+ Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von <a name=
+ "Page_Roman_009" id="Page_Roman_009"></a>der thebaischen
+ Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums.
+ Verenas Weihkirchen und Alt&auml;re in der Schweiz, ihr
+ Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches
+ Gedicht: Von sand Verene.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena, die M&uuml;llerpatronin.</h4>
+
+ <p>Ihre Attribute: der schwimmende M&uuml;hlstein; ihre
+ &ouml;rtlichen Kleinkindersteine. Die M&uuml;llerpatronin als
+ Eheg&ouml;ttin. Der in Stein verwandelte Brodkipf und die
+ unersch&ouml;pflichen Mehls&auml;cke. Wirthschaftsregeln am
+ Verenentage.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4>
+
+ <p>Ihre &ouml;rtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und
+ Wasserkirchen; die ihr geopferten M&auml;dchen- und
+ Brautkr&auml;nze; ihr Geburtsg&uuml;rtel, Haarkamm und
+ Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
+ Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachkl&auml;nge von
+ der Gewitterriesin: das Vrenelisg&auml;rtli am
+ Gl&auml;rnischgletscher.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4>
+
+ <h4>Verena als Frau Venus.</h4>
+
+ <p>Das Tannh&auml;userlied in aargauischer Version; die Frau
+ Venus-Vrene des Volksliedes. Die Venus-, Feens- und
+ Vrenenberge, sowie die Venus- und Vrenenh&auml;user,
+ zur&uuml;ckgef&uuml;hrt aus ihrer gegenseitigen
+ Namensvertauschung auf den urspr&uuml;nglichen Mythus.</p>
+
+ <h3><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die
+ Allerseelenherrin.</a></h3>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_1">Die hl. Gertrud, heidnisch
+ nach Namen, Legende und Attributen.</a></h4>
+
+ <p>Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens,
+ Schiffes, Stabes, der Spindel und der M&auml;use.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_2">Der Gertrudentag mit seinen
+ Kalenderregeln und Zeitthieren.</a></h4>
+
+ <p>Specht, Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den
+ Namen der Heiligen und werden in deren Namen berufen als
+ Lebens- und Todesboten.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_3">Gertrud als
+ Seelenherrin.</a></h4>
+
+ <p>Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben und erscheinen in
+ Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
+ Menschenseele, sowie als Rachegeist <a name="Page_Roman_010"
+ id="Page_Roman_010"></a>Abgeschiedner; der ihr geopferte
+ Wechselzahn. Einschl&auml;gige volksmedicinische
+ Br&auml;uche.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_4">Die Rolle der Maus bei den
+ Erntebr&auml;uchen, die in Mausform gebackenen
+ Zweckbrode.</a></h4>
+
+ <p>Gertrudens M&auml;usegespann, wiederkehrend in den
+ Ortssagen. Das Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja
+ und Walk&uuml;re.</p>
+
+ <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_5">Symbole.</a></h4>
+
+ <p>Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
+ Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der S&uuml;ssen
+ M&auml;uschen. Das Kalenderzeichen des Gertrudentages.</p>
+
+ <h2><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die
+ Allerseelenherrin.</a></h2>
+
+ <h3><a href="#Nachtrage">Nachtr&auml;ge.</a></h3>
+
+ <h3><a href="#Wortregister">Wortregister.</a></h3>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 002 --><a name="Page_002" id="Page_002"></a> <a name=
+ "Teil_1" id="Teil_1"></a>
+
+ <h2>I. Walburg mit drei Aehren,</h2>
+
+ <h3>die Ackerg&ouml;ttin.</h3>
+ <hr class="smallrule">
+ <!-- 003 --><a name="Page_003" id="Page_003"></a> <a name=
+ "Teil_1_Abschnitt_1" id="Teil_1_Abschnitt_1"></a>
+
+ <h3>Erster Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4><br>
+
+ <p>Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht
+ unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die
+ verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfr&auml;uliche
+ Maik&ouml;nigin, aus dem frischen Gr&uuml;n der Haine &uuml;ber
+ den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und
+ umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf
+ finsterer Bergh&ouml;he die entsetzliche Nachtk&ouml;nigin, Hagel
+ und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche
+ Satanst&auml;nze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der
+ Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche
+ Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und
+ demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
+ Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich
+ widersprechenden H&auml;lften eines urspr&uuml;nglich
+ einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur w&uuml;rdigen
+ Gesammtheit eines germanischen G&ouml;tterbildes zu vereinbaren.
+ Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach
+ deren &auml;ltester Aufzeichnung, unter Weglassung der
+ ausschm&uuml;ckenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle
+ und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die
+ Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung.</p>
+
+ <p>Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu
+ berufen hat, sind nachfolgende.</p><!-- 004 --><a name="Page_004"
+ id="Page_004"></a>
+
+ <p>Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es
+ Wilibalds Reise nach Jerusalem enth&auml;lt) schrieb eine
+ Landsm&auml;nnin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und
+ der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte
+ Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also
+ noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius
+ und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein
+ Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte
+ der zu Marschal Ney's Armee geh&ouml;rende General Dominik Joba
+ etliche Wochen in Eichst&auml;dt, ber&uuml;chtigt als Inkunabeln-
+ und Gem&auml;ldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800
+ die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist
+ sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichst&auml;dt, S. 365.
+ Dies ist die Hauptquelle f&uuml;r alle &uuml;brigen
+ Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die n&auml;chstfolgende
+ Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der
+ M&ouml;nch Wolfhard zu Hasenried, das sp&auml;tere Herrieden a.d.
+ Altm&uuml;hl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das
+ Eichst&auml;dter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der
+ Bischof von Eichst&auml;dt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds
+ und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn
+ K&ouml;nigin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem
+ Stifte K&ouml;nigsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der
+ Bischof &uuml;berschickt ihr und ihrem Convente das verlangte
+ Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der
+ <i>seligen</i> Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in
+ der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die
+ f&uuml;nfte, aber die erste <i>umfassendere</i> Erz&auml;hlung
+ der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bisch&ouml;fliche
+ Verfasser war von Kolmar im Elsass geb&uuml;rtig und starb 1322.
+ Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk &uuml;bersetzte der
+ Eichst&auml;dter Stadtschreiber David W&ouml;rlein und dedicirte
+ es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu
+ Ingolstadt 1608 bei Andr&auml; Angermayer. Auf diese beiden
+ Schriften st&uuml;tzen sich nachfolgende, <!-- 005 --><a name=
+ "Page_005" id="Page_005"></a> von uns gleichfalls benutzte
+ Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda
+ 287.&mdash;Bollandisten tom. 3., 25 Febr.&mdash;Gretser, Vitae
+ Sanctor. tom. X.&mdash;Matth. Rader, Bavaria sancta,
+ 1704.&mdash;Alle nennenswerthe weitere Literatur &uuml;ber die
+ Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2,
+ 347 und 356.</p>
+
+ <p>Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu
+ Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire,
+ hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium
+ gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach
+ Th&uuml;ringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu
+ dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu
+ Regensburg, Freising, W&uuml;rzburg und Eichst&auml;dt
+ gr&uuml;ndete. Eine Schaar gebildeter M&auml;nner und Frauen aus
+ dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und &uuml;bernahm die
+ Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit
+ verwendete er als Abtissinnen in Th&uuml;ringen, Kunitrud und
+ Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach
+ Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
+ Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angels&auml;chsischen
+ F&uuml;rstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald,
+ Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch
+ Th&uuml;ringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau
+ mit den drei Br&uuml;dern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem
+ sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des
+ Hahnenkamms in das Altm&uuml;hlthal nach dem jetzigen
+ Eichst&auml;dt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet
+ mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die
+ Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon
+ vorher im J. 740 bei Eichst&auml;dt ein Kl&ouml;sterlein in der
+ Regel des hl. Benedict gegr&uuml;ndet und war f&uuml;nf Jahre
+ nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J.
+ 741) zum ersten Bischof von Eichst&auml;dt eingesetzt worden.
+ Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu
+ Heidenheim ein gleiches Kloster, <!-- 006 --><a name="Page_006"
+ id="Page_006"></a> f&uuml;gte demselben 760 einen Frauenkonvent
+ in der Benedictinerregel bei und &uuml;bergab dessen Leitung an
+ Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die
+ Geschwister sich da auszuw&auml;hlen, wo ihr Reiseross jeweilen
+ stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch f&uuml;r
+ heilkr&auml;ftig gehaltener Quellen z&auml;hlt man in der
+ Eichst&auml;dter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob
+ dem Eichst&auml;dter Forellenweiher an der Landstrasse im
+ Weissenburger Walde und heisst R&ouml;mleins- oder
+ Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier R&ouml;mer
+ getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
+ in der Fronte bis zur H&ouml;he aufgemauert und mit Quadern,
+ einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein,
+ Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen
+ liegt zun&auml;chst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier
+ heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus
+ einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner
+ Sommerd&uuml;rre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem
+ der zwei gr&uuml;nen H&ouml;henz&uuml;ge, die den
+ Eichst&auml;dter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach
+ dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene
+ Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er
+ das Stift Heilsbronn, nach jener m&auml;chtigen "Hails- oder auch
+ Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreik&auml;stigen
+ Brunnen gefasst wurde und aus 32 R&ouml;hren sprang; sie stand im
+ vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerst&ouml;rt.
+ Eben so liess sich die Schwester Walburg im
+ mittelfr&auml;nkischen St&auml;dtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen
+ nieder, welcher der Sch&ouml;n- und Heidenbrunnen heisst. Als
+ aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten
+ (jetziges Rentamt) auch der K&auml;sbrunnen, ein Hungerquell, an
+ welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald
+ erbaute sich beim Schlosse Hohentr&uuml;dingen das Stift
+ Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen
+ ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer
+ <!-- 007 --><a name="Page_007" id="Page_007"></a> der drei
+ "Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als
+ ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794.
+ 936.</p>
+
+ <p>Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen
+ sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater
+ Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D.
+ Popp, Errichtung der Di&ouml;cese Eichst&auml;dt, wird von nun an
+ Folgendes zu gelten haben.</p>
+
+ <p>Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald
+ 7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichst&auml;dter Kathedrale,
+ die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess
+ nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab er&ouml;ffnen und erblickte
+ drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore
+ perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen
+ gebundene Rosse den Sarg nach Eichst&auml;dt und bleiben hier
+ freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar
+ die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche
+ benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den
+ Sarg ber&uuml;hrt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf
+ Kr&uuml;cken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da:
+ Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt!
+ Dar&uuml;ber l&auml;sst er die Kr&uuml;cken fallen und ist
+ geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser
+ Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende
+ Erz&auml;hlung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als
+ n&auml;mlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gef&auml;hrtin
+ Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gr&uuml;ndete aus
+ ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
+ Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichst&auml;dt
+ abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte
+ Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu
+ Eichst&auml;dt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer
+ wundersamen Fl&uuml;ssigkeit &uuml;berzogen, die bei
+ Ber&uuml;hrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha
+ tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae
+ <!-- 008 --><a name="Page_008" id="Page_008"></a> extorqueri
+ valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so
+ ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so
+ ber&uuml;hmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein
+ Theil der Reliquien zu Eichst&auml;dt, der andere kam nach
+ Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier
+ Stadtr&auml;the in einem silber&uuml;berzogenen S&auml;rglein in
+ gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die
+ Reformation die Kl&ouml;ster des Sprengels der Reihe nach
+ aufgehoben wurden: Solenhofen, W&uuml;lzburg, Baring, Heidenheim,
+ Monheim, zerst&ouml;rte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt
+ Rader 3, 48) auch die hl. Gr&uuml;fte, so dass Wunnibalds Sarg in
+ Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos
+ verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
+ Walburgis dort verwahrt gewesener bisch&ouml;flicher Stab, auf
+ dessen Ber&uuml;hrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei
+ sp&auml;ter auf dem Walpersberge bei K&ouml;ln von den Jesuiten
+ verwahrt worden und allj&auml;hrlich am 1. Mai im Flurumgang
+ durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden
+ sp&auml;ter darauf noch zur&uuml;ckkommen.</p>
+
+ <p>Von den K&ouml;rpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu
+ Eichst&auml;dt nichts anderes mehr als nur das Brustbein
+ vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der
+ schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche.
+ Dieser Altar, ein l&auml;nglichter Steinw&uuml;rfel, ist in
+ seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als
+ ein auf seine Breitseite umgelegter &auml;lterer Steinsarg
+ erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Br&uuml;che
+ vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine H&ouml;hlung
+ geht der L&auml;nge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte
+ von der Art des n&auml;chsten Eichst&auml;dterbruches, aufgesetzt
+ auf zwei kurze Tr&auml;ger aus Sandstein. Diese Bank heisst der
+ Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fl&auml;che liegt Walburgis
+ Brustbein. Anfangs Oktober f&auml;rbt sie sich blaulicht und
+ &uuml;berl&auml;uft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen
+ Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig
+ <!-- 009 --><a name="Page_009" id="Page_009"></a> ausgehauenen
+ Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907
+ (&dagger; 1625); der sp&auml;tere Falkenstein, Nordgau. Alterth.
+ 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her,
+ sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne
+ Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet
+ werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
+ als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist
+ durchweg mit Silberblech &uuml;berzogen, die Vorderseite wird mit
+ einer von innen silberbeschlagenen Eisenth&uuml;re verschlossen.
+ Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das
+ stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und
+ geschmacklos und schnell verfl&uuml;chtigend; unaufgesammelt soll
+ es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken:
+ Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs
+ verschlossne Glasfl&auml;schlein zum Verkauf umgeleert: An Ort
+ und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine
+ messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben,
+ den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies
+ Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten
+ Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese
+ Wolle in schmerzende Z&auml;hne und Ohren steckt. Frauen tragen
+ derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schn&uuml;rwerk
+ des Mieders.</p>
+
+ <p>Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das
+ Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich
+ unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss
+ in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch
+ nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima
+ Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten
+ nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die
+ Geschichte der Eichst&auml;dter Bisch&ouml;fe und dieses Mirakels
+ schrieb, folgende Zeit daf&uuml;r zur Geltung gebracht worden zu
+ sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von
+ Heidenheim in die Gruft nach Eichst&auml;dt &uuml;bertragen
+ wurden, beginnt das Oel zu <!-- 010 --><a name="Page_010" id=
+ "Page_010"></a> fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als
+ der Heiligen Todestag; alle &uuml;brigen Monate, heisst es,
+ bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken.
+ Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die
+ &auml;lteste Aufzeichnung der Legende ausdr&uuml;cklich: die
+ apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum
+ canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium
+ ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X,
+ 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen
+ altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen
+ wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche
+ zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
+ Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag
+ Walburgis sei, und k&uuml;mmerte sich nicht weiter darum, dass
+ das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon
+ seit alter Zeit zu f&uuml;nf verschiednen Monaten und Tagen
+ kirchlich begangen wurde<a name="FNanchor_1_1" id=
+ "FNanchor_1_1"></a><a href=
+ "#Footnote_1_1"><sup>[1]</sup></a>.</p>
+
+ <p>Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male n&ouml;thigte,
+ den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen,
+ liegt in der Eichst&auml;dter Oelquelle selbst, die eine
+ intermittirende ist und ausserdem in fr&uuml;heren Jahrhunderten
+ viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz
+ aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
+ <!-- 011 --><a name="Page_011" id="Page_011"></a> 1237 sammt
+ seinem Domkapitel von der B&uuml;rgerschaft verjagt wurde. Die
+ versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verw&uuml;stet,
+ das Walburgis&ouml;l h&ouml;rte auf zu fliessen. Sicherer jedoch
+ ist derselbe Fall, da 1713 zum gr&ouml;ssten Schrecken des
+ Klosters vom 15. Februar bis 9. M&auml;rz fast kein Tropfen
+ Fl&uuml;ssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer
+ alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
+ Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
+ Eichst&auml;dt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos.
+ Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara
+ hielt (gedruckt zu Eichst&auml;dt 1730, 4&deg;), heisst es S. 27:
+ Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine
+ entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im
+ Kloster zur&uuml;ck gestellt hatte; zur H&auml;lfte trank es die
+ erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
+ sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern
+ m&uuml;ssen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst!
+ worauf jenes halbgeleerte Gef&auml;ss sich sogleich wieder ganz
+ mit Oel anf&uuml;llte.&mdash;Der Eichst&auml;dter Bischof Philipp
+ von Rathsamhausen, Verfasser der dritt&auml;ltesten
+ Walburgislegende, erz&auml;hlt, wie er es selbst becherweise
+ gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de
+ oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A.
+ SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht
+ mehr geflossen war und die darob verzagten Eichst&auml;dter ihren
+ Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein
+ Weinl&auml;gel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass,
+ damit anf&uuml;llen konnte. Ibid. pag. 307.</p>
+
+ <p>So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L.
+ Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 &uuml;ber "die ungeheure
+ Menge" Walburgis&ouml;l zu Eichst&auml;dt, die in alle Gegenden
+ verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht
+ wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Berg&ouml;l von grosser
+ Durchsichtigkeit und sehr fl&uuml;chtig sein; wer es bei sich
+ trage, behaupten die M&ouml;nche, m&uuml;sse sich im
+ <!-- 012 --><a name="Page_012" id="Page_012"></a> Stande der
+ Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege.</p>
+
+ <p>Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem
+ Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche urspr&uuml;nglich
+ nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der
+ M&auml;rtyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien
+ nahegebrachte Dinge sind heilkr&auml;ftig, und so auch das Oel,
+ das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen
+ herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erz&auml;hlt Reinfrit
+ von Braunschweig (Grimm, Altd. W&auml;lder 2, 185), wie ole von
+ irme l&icirc;be vl&ocirc;z; und das Gedicht von Katharinens
+ Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) f&uuml;gt erkl&auml;rend
+ bei:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>&ucirc;z dem sarksteine,</p>
+
+ <p>d&acirc; inne l&icirc;t diu reine,</p>
+
+ <p>vil heilic ol vl&ucirc;zet,</p>
+
+ <p>des diu werlt vil gen&ucirc;zet.</p>
+
+ <p>der iht siecheite hat,</p>
+
+ <p>des wirt al ze hant rat,</p>
+
+ <p>als man ez dar an str&icirc;chet.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher &ouml;lspendenden
+ Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl
+ und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist
+ noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer
+ Eintiefe an seiner Oberfl&auml;che quoll Heil&ouml;l und wurde
+ von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete f&uuml;r
+ immer, als der Eigenth&uuml;mer der Kapelle damit Wucher zu
+ treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu
+ Eichst&auml;dt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden,
+ ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so
+ reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof
+ Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gef&auml;sse f&uuml;r die
+ Kranken anf&uuml;llen liess. Sax, Eichst&auml;dt. Hochstift S.
+ 101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl.
+ Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heil&ouml;l, das
+ in kleinen Fl&auml;schlein an die Gl&auml;ubigen verkauft wurde.
+ Heute steht diese <!-- 013 --><a name="Page_013" id=
+ "Page_013"></a> "Oelkapelle" noch; einige Quellen
+ olivengr&uuml;nes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man
+ sammelt j&auml;hrlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland,
+ 196.</p>
+
+ <p>Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich
+ indessen auf solcherlei Stein&ouml;l allein nicht
+ beschr&auml;nken m&ouml;gen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel
+ aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine
+ Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns
+ Kaiserchronik 3, 556 aufgef&uuml;hrt sind, zu Rom sei bei Christi
+ Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber
+ ergossen. Zugleich f&auml;llt damals auch ein Honigregen.
+ Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen z&auml;hlt
+ Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen
+ nunmehr wunderth&auml;tiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor.
+ theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
+ der Erzschelm 4, 42) setzen diese Z&auml;hlung noch weiter fort.
+ Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu betr&auml;ufen, um
+ damit den Dieb zu entdecken, r&auml;th Felix Hemmerlin (1454) in
+ seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl.
+ Elisabeth in Th&uuml;ringen, die Martyrknaben zu Novara und noch
+ andere, deren Gebein, in Kirchenalt&auml;ren ausgesetzt, Oel
+ giebt, und Rader 3, 41 f&uuml;gt bei, Gleiches stehe der
+ Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes
+ streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem t&auml;glichen
+ Faustkampfe Oel habe schwitzen m&uuml;ssen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?</p>
+
+ <p>In cavea Martis num pugil illa fuit?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Im Stil der Kirchenv&auml;ter wird der mit dem Satan ringende
+ Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit
+ dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht
+ fassen k&ouml;nne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2):
+ Venimus ad fontem&mdash;Unctus es quasi athleta Christi.
+ Denselben Gedanken &auml;ussert auch Chrysostomus in seiner 6.
+ Homilie &uuml;ber den Brief an die Coloss.&mdash;Nork,
+ Realw&ouml;rtb. 3, 301.</p><!-- 014 --><a name="Page_014" id=
+ "Page_014"></a>
+
+ <p>Von der Wunderwirkung des zu Eichst&auml;dt fliessenden Oeles
+ sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und
+ besonders h&auml;ufig Lahme geheilt habe; Gretser f&uuml;gt bei,
+ X, 917, es f&ouml;rdere die Geburten, auch lutherische Frauen
+ h&auml;tten in Kindesn&ouml;then damit den Versuch gemacht und
+ seien dar&uuml;ber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards
+ Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders
+ den Wolfshunger heilt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Hinc quendam fastidiosum</p>
+
+ <p>Fame paene mortuum</p>
+
+ <p>Alloquens per visionem</p>
+
+ <p>Monet, ut de calice</p>
+
+ <p>Ejus biberet; quo facto</p>
+
+ <p>Esuriit solito.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden
+ F&uuml;ssen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum
+ Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich
+ hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine
+ K&ouml;rperkraft wieder erlangt hatte, zu lebensl&auml;nglicher
+ Leibeigenschaft &uuml;bergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die
+ mystische Kraft, welche dem Walburgis&ouml;l beigelegt wurde,
+ erkl&auml;rt sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe
+ er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen &uuml;ber
+ ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des
+ Herrn&mdash;und der Herr wird ihn aufrichten.</p>
+
+ <p>Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden
+ sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S.
+ Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch
+ in vielen Provinzen das Wunder&ouml;l zu haben gewesen. Oel,
+ Knochen, f&uuml;nf Z&auml;hne und ein Gewandrest Walburgis wurden
+ zu Wittenberg j&auml;hrlich am Montag nach Misericordias
+ ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit
+ hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth,
+ Landgr&auml;fin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an
+ Luther &uuml;ber, der wie J. Mathesius erz&auml;hlt, es einst
+ seinen Joachimsthaler G&auml;sten zu einem and&auml;chtigen
+ Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in
+ <!-- 015 --><a name="Page_015" id="Page_015"></a> der Kaiserpfalz
+ zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J.
+ 1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig
+ Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgis&ouml;l
+ auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner
+ Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen
+ Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
+ hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906.
+ Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.</p>
+
+ <p>Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu
+ nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die
+ w&auml;hrend der Reformation verw&uuml;stet wurde (more
+ Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45)
+ liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem
+ Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen
+ Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
+ linken ein Buch, zu F&uuml;ssen ein Wappenschild. Dieser
+ s&auml;ulengeschm&uuml;ckte Aufbau mit Perlenfries geh&ouml;rt
+ den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem
+ gegen&uuml;ber liegenden &auml;hnlichen Grabstein ist Wunnibald
+ ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis
+ 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Br&uuml;gel in Ansbach
+ und im Jahresberichte des histor. Vereins f&uuml;r Mittelfranken
+ 1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist
+ dargestellt auf einem Teppich, welcher urspr&uuml;nglich in der
+ Eichst&auml;dter Kirche aufbewahrt wurde und nun im M&uuml;nchner
+ Nationalmuseum ist.&mdash;Auf folgenden Stichen erscheint die
+ Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfl&auml;schlein in der
+ Hand haltend:</p>
+
+ <p>Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst.
+ 1629.&mdash;P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della
+ Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.&mdash;Matth. Rader,
+ Bavaria sancta. M&uuml;nchen 1704 (wiederholt das
+ Grabmal).&mdash;P. Goudin, Unersch&ouml;pflicher Gnadenbrunnen
+ der hl. Walburgis. Regensb. 1708.</p><!-- 016 --><a name=
+ "Page_016" id="Page_016"></a>
+
+ <p>Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf
+ dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen,
+ Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu
+ behandelnde Stoff vervollst&auml;ndigt wird, wird von ihnen im
+ Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat
+ auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten
+ Walburgsreliquien zu gelten.</p>
+
+ <p>Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von
+ Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen
+ H&uuml;gel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer
+ eingefriedet. Der Eintritt f&uuml;hrt drei Stufen abw&auml;rts,
+ die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der
+ Pestkarren, die R&auml;der sind mit Filz beschlagen, um die zur
+ Pestzeit geh&auml;uften Leichen ger&auml;uschlos abzuf&uuml;hren.
+ Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei
+ heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den G&ouml;tzen
+ geopfert. Sch&ouml;ppner, Bair. Sagb. no. 889.</p>
+
+ <p>Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, z&auml;hlt
+ das topographisch-statistische Handbuch des K&ouml;nigreichs
+ (M&uuml;nchen 1868) folgende auf: Walbenhof, Ein&ouml;de bei
+ Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf
+ Walberngr&uuml;n bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut;
+ hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt
+ abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
+ zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.)
+ Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei
+ der Stadt Hof; Walburgswinden, Ein&ouml;de bei Neustadt a.d.
+ Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei
+ Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei
+ gleichnamige D&ouml;rfer bei Rottenburg und bei Schwabach;
+ Walpershof, <!-- 017 --><a name="Page_017" id="Page_017"></a>
+ Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.;
+ Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut;
+ Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei
+ Erding; W&ouml;lbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut,
+ Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau,
+ Ein&ouml;de bei Neuburg an der Donau. Diese Liste l&auml;sst sich
+ jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen
+ Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im
+ Altm&uuml;hlthale B&uuml;rgli, in
+ altbairisch-oberpf&auml;lzischer Mundart Walberl (nicht zu
+ verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und
+ Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w.
+ Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in
+ einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber
+ foecundissimus begr&uuml;sst. Schneller W&ouml;rtb. 4, 61.</p>
+
+ <p>Das schw&auml;bische Rittergeschlecht von Waldburg, einst
+ Truchsessen, nunmehr w&uuml;rtembergische Standesherren, theilt
+ sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach,
+ Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen
+ Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, s&uuml;d&ouml;stlich von
+ Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
+ Walburgiskapelle. Von den zu K&ouml;ln bei den Jesuiten
+ aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges
+ erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518.</p>
+
+ <p>Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen
+ mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die
+ Rede sein wird; 2) zu Kn&ouml;rsheim bei Maurm&uuml;nster; 3) bei
+ Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als
+ Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom
+ Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc.
+ Const. 2, 8.</p>
+
+ <p>Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
+ Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf
+ ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser,
+ 906.</p>
+
+ <p>Der gr&ouml;ssere Theil der &auml;ltesten Kirchen
+ Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu
+ Gr&ouml;ningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde,
+ Br&uuml;gge, <!-- 018 --><a name="Page_018" id="Page_018"></a>
+ Z&uuml;tphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen sp&auml;ter
+ noch zu handeln sein.</p>
+
+ <p>Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut
+ Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in
+ folgenden Kirchen.</p>
+
+ <p>In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs.
+ Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu K&ouml;ln ein Finger, in
+ der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom
+ benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich
+ zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis
+ (Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegr&uuml;ndet) nennen bei
+ Herz&auml;hlung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen
+ Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln
+ des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis &uuml;bersendete
+ 1482 der Eichst&auml;dter Bischof Wilhelm von Reichenau an
+ K&ouml;nig Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury
+ verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg
+ gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in
+ Actis SS. ausf&uuml;hrlich berichtet.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_1_1" id=
+ "Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1">[1]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.</p>
+
+ <p>25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu
+ Eichst&auml;dt in der Kathedrale, und zu Antwerpen in der
+ Basilica.&mdash;20. M&auml;rz: Gretser l.c. pag. 907.</p>
+
+ <p>1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach
+ Eichst&auml;dt; gefeiert in der Eichst&auml;dt. Kathedrale und
+ zu Antwerpen in der Basilica. Bollandisten, 25. Febr., tom.
+ III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. Klosters Rheinau
+ stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die Feier:
+ Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
+ Liturgia 4, 768.</p>
+
+ <p>4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu
+ Eichst&auml;dt (Bollandisten ibid. 514b); zu Tornacum,
+ Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. 522; zu Veurne, in
+ der flandr. Di&ouml;cese Ypern: Gretser X, 912.</p>
+
+ <p>12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichst&auml;dter
+ Walb.kloster.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_2" id="Teil_1_Abschnitt_2"></a>
+
+ <h3>Zweiter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.</h4><br>
+
+ <p>Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit
+ denen die bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und
+ Sohn, des Matth&auml;us Rader Bavaria Sancta (1615)
+ ausgeschm&uuml;ckt haben, ist Bd. 3 auch das Eichst&auml;dter
+ Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da zwischen
+ den And&auml;chtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
+ Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer
+ Jungfrau gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die
+ Acta SS. (saec. 3, tom. II, 291) <!-- 019 --><a name="Page_019"
+ id="Page_019"></a> und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen
+ jedoch noch davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die
+ Nachts an die Th&uuml;re des reichen Hofbauern kommend, von den
+ scharfen R&uuml;den angefallen wird; auf dieses Wort werden sie
+ zahm; und darum, erz&auml;hlt Bischof Philipp (&dagger; 1320),
+ habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller Hunde
+ angerufen. Es l&auml;sst sich indess dieses Attributthier der
+ Heiligen als anderen Ursprunges und aus einer viel fr&uuml;heren
+ Zeit nachweisen. Die Vorgeschichte des Bisthums Eichst&auml;dt
+ spielt nicht in dieser Stadt, sondern in einem Orte, welcher
+ r&ouml;misch Aureatum heisst und schon seit Aventins Zeiten, der
+ 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit einem
+ Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
+ beiden D&ouml;rfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger
+ Heerstrasse gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die
+ Eichst&auml;dter Bisch&ouml;fe Aureatensis ecclesiae episcopi,
+ und Walburg wird ebenso von Celtes im 2. Buche seiner Oden die
+ Zierde der Aureatensischen Landschaft geheissen. An den beiden
+ Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind Votivsteine des
+ Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der Fortuna
+ geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
+ M&uuml;nchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll
+ r&ouml;m. Geschirrtr&uuml;mmer und Reste von Brenn&ouml;fen,
+ deutlich unterscheidet man noch den Lauf der R&ouml;merstrasse.
+ Als nun der gelehrte Jesuite Gretser 1620 von der
+ Universit&auml;t Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
+ dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine
+ Frau vorstellte, zu deren F&uuml;ssen, von Erde
+ &uuml;bersch&uuml;ttet, angeblich ein Hund liegen sollte. Gretser
+ schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei Steinbilder, eine Frau
+ darstellend mit dem Hunde zu deren F&uuml;ssen, sind seit dem J.
+ 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele entdeckt
+ worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
+ Nehalennia, eines zwar von R&ouml;merh&auml;nden gemeisselten,
+ aber deutschen G&ouml;tterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers
+ Antiquitat. Septentr. 236, <!-- 020 --><a name="Page_020" id=
+ "Page_020"></a> und in Wolfs Beitr&auml;gen 1, 149 sind diese
+ Bildwerke beschrieben. Aber derselbe typische Hund fehlt nun auch
+ in der Krypta der Heidenheimer Kirche nicht, wo Walburgis
+ fr&uuml;hestes Grab gewesen war. Panzer, bair. Sag. 1, S. 132
+ beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf den
+ fr&uuml;hesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der
+ Gruft angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild
+ getragen haben musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier
+ des Brackenhauptes, dessen herabh&auml;ngende Ohren von zwei
+ Jungfrauen mit den H&auml;nden ber&uuml;hrt werden. Man sagt,
+ hier seien die Abk&ouml;mmlinge des Rittergeschlechtes Hund
+ begraben.</p>
+
+ <p>Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg
+ f&uuml;hren dasselbe Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss
+ quadrirt, also genau in Form und Farbe des Hohenzollerschen
+ Helmkleinods: caput et collum molossi genannt in Speners
+ Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier nun wirklich
+ die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der Wahl
+ derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
+ jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn
+ Heideng&ouml;ttinnen und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom
+ Hunde gefolgt. Aller Hunde erster ist Garmr, besagt die Edda von
+ Odhinns Hund. Grauhunde begleiten die drei Nornen. Die
+ Fruchtbarkeitsg&ouml;ttinnen Frau Harke, Frau Gode und Frau Frick
+ haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
+ umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die
+ Pudelmutter (Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 T&ouml;chter
+ der Fr&ucirc; Gauden umbellen den Jagdwagen ihrer Mutter als eben
+ so viele H&uuml;ndinnen. Colshorn, M&auml;rch. u. Sag. no. 75.
+ Das H&uuml;ndchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
+ daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die
+ drei <i>steinernen</i> Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt
+ von einem Hunde, welcher gleich ihnen zu Stein geworden war.
+ Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. 289. 290. Es ist daher kein
+ Absprung, wenn die <!-- 021 --><a name="Page_021" id=
+ "Page_021"></a> Sage das &uuml;berirdische H&uuml;ndchen auch der
+ Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege hief&uuml;r:
+ Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
+ h&ouml;lzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu
+ Baden-Baden steht gerade &uuml;ber der daselbst sprudelnden
+ Quelle, neben demselben ist der Hund in Stein gehauen, der das
+ Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. Baader, Bad. Sag. 131. Aus
+ diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das Wahrzeichen der Burgen
+ gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. Sagb. 2, 591),
+ sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
+ Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben
+ erw&auml;hnten Kapelle zu Marienbrunn; derselbe galt da von so
+ alter Abkunft, dass man, z.B. von der Hundskapelle bei Innsbruck
+ sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. Zingerle, Tirol. Sitt.
+ no. 950.</p>
+
+ <p>Ueber die Farbe dieses H&uuml;ndchens belehrt uns die
+ Farbensymbolik; als das freundlich-wohlth&auml;tige Geleitsthier
+ der sch&ouml;nen Weissen Frau ist es gleichfalls ein weisses,
+ aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die des Gewitters
+ feuerroth. So erkl&auml;rt es sich in Mythe und Opfer. Der Rost,
+ der w&auml;hrend der Hitze der Hundstage das Getreide
+ bef&auml;llt, war dem R&ouml;mer versinnlicht durch das
+ G&ouml;tterpaar des Robigus und der Robigo, die beide den Namen
+ des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
+ G&ouml;tterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest
+ der Rubigalien geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des
+ Getreidekorns in seiner H&uuml;lse bis zu seinem Heraustreten aus
+ der Fruchtscheide durch den Priester zu Rom am Hundsthore
+ (Catularia porta) rothe H&uuml;ndchen schlachten und verbrennen
+ liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und Korn&auml;hre
+ abzuwehren, weil man den gl&uuml;henden Hundsstern f&uuml;r die
+ Ursache des Getreidebrandes hielt. Erkl&auml;rend sagt daher
+ Ovid. Fast. 4, 941:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>F&uuml;r den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am
+ Altar,</p>
+
+ <p>Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aus &auml;hnlichem Grunde musste in Deutschland der
+ <!-- 022 --><a name="Page_022" id="Page_022"></a> Frohnknecht
+ allj&auml;hrlich zur Zeit der Hundstage die &uuml;beralten Hunde
+ todtschlagen, zu Leipzig im April und August, in Norddeutschland
+ zur Fasnacht. J.P. Schmidt, Fastelabendgebr&auml;uche. Rostock
+ 1793, 150. 153. Waren diese f&uuml;r die Landwirthschaft
+ gef&auml;hrlichen Fristen vor&uuml;ber, so verg&ouml;tterte man
+ das Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat.
+ Deor.), oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu
+ Nieder&ouml;sterreich wird am 28. Dec. (Kindleinstag) Mehl und
+ Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das wird das Wind- und
+ Feuerf&uuml;ttern genannt. Zerf&uuml;hrt der Wind dies Opfer, so
+ sind im n&auml;chsten Jahre keine sch&auml;dlichen St&uuml;rme zu
+ bef&uuml;rchten. Ein Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus
+ zum Dache hinaus: "man m&uuml;sse die Windhunde f&uuml;ttern."
+ Birlinger, Schw&auml;b. Sag. 1, 191 und no. 301. Das eben
+ angef&uuml;hrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden
+ gebrachte Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde
+ anwendete, da das Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet
+ ventus und velter. War der erste Schnee gefallen, ehe Frost und
+ Sturm die keimende Saat besch&auml;digen konnten, so sagte unsre
+ Vorzeit: gib den winden br&ocirc;t, e&#549; hat gesn&icirc;get.
+ Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. J&auml;gers
+ Hackelberg in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter
+ &uuml;ber an der Herdstelle und frass nichts als Asche; zum
+ Ersatz aber war ein so mildherziges Haus im Fr&uuml;hjahr drauf
+ mit Milch und Butter reichlich gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117.
+ Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten noch bestimmte
+ Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
+ Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde
+ (erhalten) jeder 4 Mietschen (franz&ouml;s. miche). Eine Offnung
+ von 1469 verpflichtet die Lehensleute gegen den aufreitenden
+ Vogt: vnd h&auml;t er zwen wind mit jm traben, denen s&ouml;llent
+ sy geben ain h&ucirc;slaib. So bildet sich aus der Vorstellung
+ vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
+ Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein f&uuml;r
+ jeden geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen,
+ <!-- 023 --><a name="Page_023" id="Page_023"></a> so erhalten die
+ oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte
+ Mehlsp&auml;tzlein, die man in Baiern Nackete H&uuml;ndlein
+ heisst; wer aber bei der Arbeit einen T&ouml;lpelstreich gemacht
+ hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; beiderlei Namen sind
+ Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene H&uuml;ndlein wirft man
+ zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. 2,
+ 516. Von den die Saaten zerw&uuml;hlenden Hunden des Windes
+ sprang die Vorstellung &uuml;ber auf den Biss der w&uuml;thenden
+ Hunde, hielt aber in beiden F&auml;llen die Korn&auml;hre und das
+ Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht man im Felde zum
+ ersten Male Roggen bl&uuml;hen (dies f&auml;llt auf
+ Walburgistag), so nimmt man drei bl&uuml;hende Aehren und
+ streicht sie stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie
+ von tollen Hunden gebissen. Curtze, Waldeck. Volks&uuml;berlief.
+ S. 402. Ein latein. Gebetb&uuml;chlein: Cultus divae Walburgae,
+ Augsb. 1751, bringt S. 23 einen also beginnenden Hymnus:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Walburga venit: cedite</p>
+
+ <p>vesane grex, molossi!</p>
+
+ <p>Cedunt, pavent, obmutuit</p>
+
+ <p>os impotens latrandum.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod
+ mit, dass euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben
+ lautet dieselbe Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein
+ Hund beisst. Birlinger, Schw&auml;b. Sag. 1, no. 706. So pflegten
+ schon die phigalischen Arkadier nach dem Festessen die Hand an
+ den Brodresten abzuwischen und diese beim Heimgehen einzustecken,
+ damit ihnen auf dem n&auml;chsten Kreuzwege die Hekate mit ihren
+ Hunden nichts anhaben konnte (Athen&auml;us 4, 149 C.). Denn auch
+ dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea canicida,
+ canivora genannt war.</p>
+
+ <p>Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt
+ vor: Um th&ouml;richter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu
+ kuriren, gieb meyische Butter auf ein St&uuml;ck Brod gestrichen.
+ Item, schneide einen Meywurm entzwei, mach <!-- 024 --><a name=
+ "Page_024" id="Page_024"></a> ein L&ouml;chlein ins Brod, steck
+ ihn hinein, kleib es oben mit Brod zu, schmiere Meyenbutter
+ dr&uuml;ber, lass es aufessen. Dies ist ao. 1591 zweimal probiert
+ worden an Hunden. Bisweilen werden die K&uuml;he toll; reissen an
+ den Str&auml;ngen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt
+ vor ihnen st&auml;nde und sie erschlagen wollte. Da gebe man
+ ihnen eine Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes
+ immerhin laufen. Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda,
+ lib. XII, 479, geben den Hunden geschabet Silber (Abschabsel
+ einer Silberm&uuml;nze) auf Butterbrod, so sollen sie nicht toll
+ werden.&mdash;Die Fortdauer dieses Brauches in
+ S&uuml;ddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das
+ Festmahl der Ankenschnitten, sg. Ankebr&uuml;t bereitet,
+ Schnitten mit Butter und Honig reichlich bestrichen, und auch dem
+ Vieh beim ersten Austrieb davon verabreicht, damit es in keinen
+ b&ouml;sen Wind komme. Wir werden hievon im f&uuml;nften Kapitel
+ unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession von
+ Berom&uuml;nster noch einmal zu handeln haben. Unter den von
+ Walburg gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem
+ unbekannten Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex
+ pervetusto codice" stehen abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg.
+ 803) und erz&auml;hlen von einem am Wolfshunger leidenden
+ M&auml;dchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst eines
+ Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
+ Nahrung mehr geniesst als K&auml;se und Milch.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Sualaveldico in pago</p>
+
+ <p>Fuit quaedam faemina,</p>
+
+ <p>Quae languore fortissimo</p>
+
+ <p>Aegrotare coeperat.</p>
+
+ <p>Namque tam intemperata</p>
+
+ <p>Edendi ingluvies</p>
+
+ <p>Incessit semisanatam,</p>
+
+ <p>Ut nulla edulii</p>
+
+ <p>Abundantia valeret</p>
+
+ <p>A suis saturari,</p>
+
+ <p>Exhaustis jam parentibus,</p>
+
+ <p>Sed fame accrescente</p>
+
+ <p>Anxiata hinc dolore</p>
+
+ <p>Hinc pudore maximo.</p>
+
+ <p>Tandem divinitus tale</p>
+
+ <p>Occurrit consilium.</p>
+
+ <p>Rogat suos se deferri</p>
+
+ <p>Ad Walpurgae gratiam.</p>
+
+ <p>Quo delata, biduanis</p>
+
+ <p>Incumbebat precibus,</p>
+
+ <p>Quibus exorata virgo</p>
+
+ <p>Gradiendi miserae,</p>
+
+ <p>Qua privata diu fuit,</p>
+
+ <p>Sospitatem reddidit.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Bona quaedam monialis,</p><!-- 025 --><a name="Page_025"
+ id="Page_025"></a>
+
+ <p>Vocato preabytero,</p>
+
+ <p>Benedici panem fecit</p>
+
+ <p>Redditque famelicae.</p>
+
+ <p>Quo gustato nequam illa</p>
+
+ <p>Fames voracissima,</p>
+
+ <p>Virgine sacra favente,</p>
+
+ <p>Coepit se subtrahere,</p>
+
+ <p>Sic paulatim decrescendo,</p>
+
+ <p>Ut prius accreverat.</p>
+
+ <p>Sic crescente fastidio,</p>
+
+ <p>Pro mira esurie,</p>
+
+ <p>Tandem nil aliud cibi</p>
+
+ <p>Praeter solum caseum,</p>
+
+ <p>Nihil de potu gustare</p>
+
+ <p>Nisi tantum lac poterat.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die
+ B&auml;ndigung der Hundswuth gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem,
+ das der Aehre, dahin misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur
+ auf diesen Einzelfall beziehe. So behauptet es die Schrift
+ Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. Allein die den
+ winterlichen Sturmwinden wehrende Maig&ouml;ttin muss nothwendig
+ auch die Korng&ouml;ttin selbst sein und als solche ist sie
+ kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
+ Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem
+ B&uuml;schel in der Hand, welcher Korn&auml;hren bezeichnet.
+ Ebenso verzeichnet M. Hubers Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5
+ die Abbildung Mariae als "Nostre Dame de trois &eacute;pis", mit
+ drei Aehren in der Hand einem Landmanne erscheinend. Die
+ Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden S&auml;tzen der
+ Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird ges&auml;et auf Mariae
+ Geburt und schosset vmb Waldpurgi" K&ouml;nig, Schweiz.
+ Haussbuch, Basel 1706, 142. "Wenn der Roggen vor Walburgis
+ schosset und vor Pfingsten bl&uuml;ht, so wird er vor Jacobi
+ nicht reif." Pr&auml;torius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
+ diese Erbs&auml;tze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria
+ bittet ihren &uuml;ber das s&uuml;ndige Menschengeschlecht
+ erz&uuml;rnten Sohn, nicht alle Feldfrucht zumal zerst&ouml;ren
+ zu wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu
+ lassen, als genug ist f&uuml;r Hund und Katze, d.h. f&uuml;r ein
+ ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet
+ man zur Muttergotteskirche von Dreien&auml;hren, die beim
+ els&auml;ss. Stifte Katzenthal gelegen ist. Ebenso l&auml;sst
+ Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer Wallfahrt im Pinzgauer
+ Kirchthale <!-- 026 --><a name="Page_026" id="Page_026"></a>
+ erw&auml;hlt, mitten aus dem Winterschnee drei Aehrenhalme
+ hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand
+ tr&auml;gt. Kaltenb&auml;ck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer
+ Korn&auml;hre brachen und vereinigten die r&ouml;mischen
+ Brautpaare und benannten nach demselben den Eheabschluss
+ stipulatio. Tr&auml;umt man von geschnittnem Korn, so bedeutet
+ es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben Doppelsinn
+ des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
+ Aehrenb&uuml;schel in Walburgis Hand. Wenn sie in der
+ Walburgisnacht vom reitenden W. J&auml;ger verfolgt wird, sie,
+ der Fr&uuml;hlings-Genius der aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem
+ noch einmal losbrechenden Frostriesen verfolgt, so verbirgt sie
+ sich in den innersten Fruchtkeim des jungen Saatfeldes. Denn,
+ sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur entgehen, wenn man
+ in ein Kornfeld fl&uuml;chtet. So birgt nach dem
+ f&auml;r&ouml;ischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des
+ Riesen Verfolgung ins Fruchtkorn:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Ein Kornfeld liess da Wodans Macht</p>
+
+ <p>Geschwind erwachsen in einer Nacht.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>In des Ackers Mitte verbarg alsbald</p>
+
+ <p>Wodan den Knaben in Aehrengestalt.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Als Aehre ward er mitten ins Feld,</p>
+
+ <p>In die Aehren mitten als Korn gestellt:</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>"Nun steh hier ohne Furcht und Graus,</p>
+
+ <p>Wenn du mich rufst, f&uuml;hr ich dich nach Haus!"</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Neun N&auml;chte vor dem 1. Mai (erz&auml;hlt Grohmann,
+ B&ouml;hm. Sagb. 1, 44) ist die hl. Walburgis auf der Flucht,
+ unaufh&ouml;rlich verfolgt von wilden Geistern und von Dorf zu
+ Dorf ein Versteck suchend. Man l&auml;sst ihr daher im Hause
+ einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor
+ den daher brausenden Feinden gesichert ist. Daf&uuml;r legt sie
+ ein kleines Goldst&uuml;ck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein
+ Bauer, der sie einst auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt
+ sie als eine Weisse Frau mit langwallendem Haare, eine Krone auf
+ dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig (golden), in den H&auml;nden
+ tr&auml;gt sie einen dreieckigen Spiegel <!-- 027 --><a name=
+ "Page_027" id="Page_027"></a> (der alles Zuk&uuml;nftige zeigt)
+ und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser Reiter
+ (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
+ auch ein anderer Bauer, welcher Regen f&uuml;rchtend Nachts noch
+ sein Getreide einf&uuml;hrte (das mandelweise aufgeschobert noch
+ draussen lag). Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu
+ verstecken. Kaum hatte ihr der Bauer willfahrt, als die Reiter
+ vor&uuml;ber brausten. Des andern Morgens fand er in den
+ heimgef&uuml;hrten Aehren statt Roggen Goldk&ouml;rner. Daher
+ wird die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man
+ ferner, erz&auml;hlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den
+ Orten Strass und Lind in Untersteiermark neben einem Tannenwalde
+ zur Zeit des Vollmondes eine Gestalt gehen, die statt des Kopfes
+ eine feurige (goldne) Garbe tr&auml;gt. Diese Erscheinungsweise
+ war in den kleinen St&auml;dten des bair. Frankenwaldes am
+ Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen Volksbelustigung
+ gewesen.</p>
+
+ <p>Pl&auml;tze, Strassen und H&auml;user waren da mit
+ Birkenreisern besteckt: Den Festumzug er&ouml;ffnete der Walber,
+ ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh gewickelter Mann, dem die
+ Aehren in Form einer Krone &uuml;ber dem Kopfe zusammengebunden
+ waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres Handwerkes
+ begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den Ofen
+ treibenden Winter) ihre Hantierung aus&uuml;bend. Heute gilt
+ dorten nur noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum,
+ den der zum Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt:
+ Bavaria III, 1, 357. In Nieder&ouml;sterreich sind besonders die
+ Erntetage der hl. Walburg geweiht, sie durchgeht da alle Aecker,
+ Matten und G&auml;rten und tr&auml;gt die schon vorhin
+ erw&auml;hnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
+ vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
+ Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und
+ auf den Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt
+ Korn Gold auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der
+ den Lohjungfern und Moosfr&auml;ulein nachsetzende
+ Schimmelreiter, der sie quer &uuml;ber sein Ross legt und die
+ <!-- 028 --><a name="Page_028" id="Page_028"></a> sich
+ Str&auml;ubenden in St&uuml;cke reisst, hat sich in der
+ franz&ouml;sischen Legende zweimal verk&ouml;rpert und kirchlich
+ lokalisirt. Um die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem
+ s&uuml;dfranz&ouml;s. Dorfe Villemont, hatte der Oberherr der
+ Provence vergebens geworben, er jagte ihr daher zu Pferde nach,
+ holte sie ein, warf sie auf sein Ross und sprengte mit seiner
+ Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen eines
+ Fl&uuml;sschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals
+ ereilt und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden
+ zweimal j&auml;hrlich im Fr&uuml;hling ihre Reliquien
+ prozessionsweise um die Fluren getragen in der Voraussetzung,
+ dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und Reblande
+ Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
+ 10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das
+ Pfarrdorf Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau
+ Florina. (Rom feierte vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest
+ zur Erinnerung an die verg&ouml;tterte sabinische Nymphe Flora,
+ die einst im Fr&uuml;hling umherirrend sich dem Zephyr ergab und
+ daher die Macht &uuml;ber die Bl&uuml;then der B&auml;ume und
+ Blumen bekam). Florina, ein Bauernm&auml;dchen aus dem Weiler
+ Estourgoux, verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu
+ entrinnen, in der Felsein&ouml;de des dortigen
+ Cousath&auml;lchens, und als ein Versucher sie hier
+ aufsp&uuml;rte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
+ gegen&uuml;berstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft
+ und liess in beiden ihre Fusstapfen zur&uuml;ck, die nun mit
+ Kreuzen gekr&ouml;nt sind. Unter grossem Zudrange des Volkes
+ werden j&auml;hrlich am 1. Mai die Gebeine der Heiligen aus der
+ Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Th&auml;lchens
+ getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
+ aussehen, so hat noch stets ein g&uuml;nstiger Wind das
+ Gew&ouml;lk vertrieben, sobald jener Umgang von Mazorit heran zu
+ r&uuml;cken pflegt. A. SS. Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de
+ S. Florina, Virg. et Mart.</p>
+
+ <p>Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
+ Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Tr&uuml;bungen
+ <!-- 029 --><a name="Page_029" id="Page_029"></a> einer
+ urspr&uuml;nglich edleren Vorstellung von g&uuml;tig gesinnten
+ und f&uuml;r den Erntewachsthum bem&uuml;ht gewesenen Geistern.
+ Sie alle theilen, bei n&auml;herer Untersuchung, emsig das
+ Gesch&auml;ft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenb&uuml;rgner
+ Sage bei M&uuml;ller, S. 382, st&ouml;sst ein Bauer, der seinen
+ Sack Mehl aus der M&uuml;hle heimtr&auml;gt, auf einen Trupp
+ Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er gr&uuml;sst sie:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gott verm&icirc;r ich iren danz,</p>
+
+ <p>Gott verm&icirc;r ich iren kranz!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er
+ nie des Mehles ledig wird!</p>
+
+ <p>Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden
+ Gestalten an von Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis
+ (Sch&ouml;nwerth, Oberpfalz 1, 209); allein damit verb&uuml;rgt
+ er nur, dass man der Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin nach
+ &uuml;berstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als
+ abgebraucht beim Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf
+ der Stelle, wo die Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da
+ w&auml;chst im Korn schwarzer Raden, am Baume der Maerentakken
+ (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, Ndl. Sag. S. 689).
+ Aber gerade damit wird nur in abergl&auml;ubischer
+ Verd&uuml;sterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen
+ Charakter des Alb und der Elbin gilt, dass sie unter
+ verschiedenen Namen als Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme,
+ Tremsemutter, Alte, Kornbaby, Kornkind und Kornengel,
+ Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, geisterhaft auf der
+ Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des Schutzgeistes
+ reinen J&uuml;nglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur etwas
+ braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
+ Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms
+ oder Federflaums eine sch&ouml;ne, bis auf den Schleier
+ splitternackte Jungfrau bei sich im Schlafgemache. Spricht der
+ Aberglaube vom Trudenfuss, Flederwisch und Federkiel der Mahr,
+ von der Schmetterlingsgestalt des Toggeli, nennt man in
+ Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
+ <i>Milchtrut</i>, <!-- 030 --><a name="Page_030" id=
+ "Page_030"></a> anderw&auml;rts Molkendieb (Weinhold, Schles.
+ W&ouml;rtb. 62): so wird damit einbekannt, dass statt des
+ Gespenstes einst eine Valk&uuml;re galt, die in Schwanenhemd und
+ Vogelgewand all&uuml;berall ihren Sch&uuml;tzling umflog,
+ wesshalb noch der F&uuml;nfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
+ marevoet, an die Stubenth&uuml;ren gekreidet wird, zwei in
+ umgekehrter Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das
+ Nachtschr&auml;ttelein die Stallrosse und z&ouml;pft ihnen
+ Schweif und M&auml;hne, dass sie schwitzen; denn es ist
+ gleichfalls nur die l&auml;cherliche Verschrumpfung jener
+ himmlischen Valk&uuml;re, die auf den Thaurossen des Morgens
+ heranritt, Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht.
+ Solcher Abkunft dunkel noch eingedenk, schreibt der Volksglaube
+ vor, gegen den Besuch der Nachtmahr <i>zwei Sicheln</i> gekreuzt
+ vors Bette zu legen.</p>
+
+ <p>Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei
+ Jahresernten; das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum
+ und Erbgut. Die zu Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause
+ hatten, mussten dahin am 1. Mai einen reichlich geschm&uuml;ckten
+ Maibaum &uuml;berbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die
+ drei vorgeschriebnen Korn&auml;hren mangelten: Grimm, RA. 128.
+ 205. 361. Der oberpf&auml;lzer Bilmesschnitter pfl&uuml;ckt
+ <i>drei</i> Aehren vom fremden Acker, damit fliegt ihm dessen
+ Ernte in seine eigne Scheune. Sch&ouml;nwerth 1, 432.</p>
+
+ <p>Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von
+ Walburgis Eulogienbroden.</p>
+
+ <p>Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten
+ Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und
+ Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse
+ mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl
+ zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und
+ den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
+ religi&ouml;sen Zusammenk&uuml;nften aufzuheben und zu bekennen,
+ dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein
+ &auml;hnlicher Brauch war nun <!-- 031 --><a name="Page_031" id=
+ "Page_031"></a> auch dem deutschen Heidenthum gel&auml;ufig
+ gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der
+ Geldonien, deren angels&auml;chsischer Name
+ Friedensb&uuml;rgschaft hiess. In ihnen stand Einer f&uuml;r
+ Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte
+ Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine nat&uuml;rliche Folge hievon
+ war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die
+ unverschuldet in D&uuml;rftigkeit geriethen. Die reichlichen
+ Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern
+ nachweisbar verbunden waren, verb&uuml;rgen dies, und ausserdem
+ war es eine Sache der Nothwendigkeit, f&uuml;r die Mahlzeit
+ derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
+ bev&ouml;lkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung
+ weite M&auml;rsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den
+ allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu k&ouml;nnen.
+ Das Christenthum vermochte daher diese religi&ouml;sen Mahlzeiten
+ der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem
+ kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig,"
+ schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angels&auml;chsischen
+ Bisch&ouml;fe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man
+ diese Feier der Heiden bestehen l&auml;sst, nur muss man ihr
+ einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen
+ verlegen, den Festplatz mit gr&uuml;nen Maien umstecken, Thiere
+ schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll
+ man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern
+ das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der S&auml;ttigung
+ willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat
+ sp&auml;ter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in
+ den Kirchen der romanischen L&auml;nder an den Ged&auml;chtniss-
+ und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz.
+ pain b&eacute;ni) &uuml;berreichlich an Jedermann ausgetheilt
+ wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die
+ Kirche ihren Bed&uuml;rftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So
+ wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst
+ erfolgten Begr&auml;bnisse Walburgis Fleisch, Brod, K&auml;se,
+ Fische, <!-- 032 --><a name="Page_032" id="Page_032"></a> und
+ Bier unter die Wallfahrer <i>als Eulogie</i> ausgetheilt (A. SS.
+ saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren
+ Esswaare und Getr&auml;nk jeder Art in die dortige Kirche
+ getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen
+ Genusse in Gesellschaft der And&auml;chtigen gebraucht zu werden.
+ Rinder, Schweine, Brods&auml;cke und Trinkgeschirre werden
+ genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
+ Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der
+ Nachdruck der hievon handelnden Erz&auml;hlungen verbleibt jedoch
+ immer auf dem geweihten Brode. Hier&uuml;ber hat der unbekannte
+ Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein
+ k&uuml;rzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein
+ blindgebornes M&auml;dchen zu Kempten h&ouml;rt Nachts im Traume
+ sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und
+ die gr&uuml;ne Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und
+ trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das M&auml;dchen thats,
+ &uuml;berbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar
+ legen. Da erschienen zwei Klosterh&uuml;hner am Altare, "duae
+ gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in
+ ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten
+ den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und
+ das M&auml;dchen war dar&uuml;ber sehend geworden (ibid. pag.
+ 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden
+ H&uuml;hner. Sie lassen nicht auf die gew&ouml;hnlichen
+ Zinsh&uuml;hner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt
+ ist, dass die Leibeignen regelm&auml;ssig f&uuml;nfe der Kirche
+ zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
+ nicht der Altar; es m&uuml;ssen vielmehr heilige gewesen sein,
+ und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von
+ Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden
+ noch f&uuml;r heilsame Thiere gehalten (Sch&ouml;nwerth, Oberpf.
+ Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn
+ kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb.
+ 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines
+ Symbol <!-- 033 --><a name="Page_033" id="Page_033"></a> der
+ Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der
+ Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Br&auml;utel- und
+ Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Puella quaedam ab ipsis</p>
+
+ <p>Heu caeca cunabulis,</p>
+
+ <p>Audita opinione</p>
+
+ <p>Virginis eximiae,</p>
+
+ <p>Desiderio flagravit</p>
+
+ <p>Veniendi maximo.</p>
+
+ <p>Quam quidam in visione</p>
+
+ <p>Nocturna submonuit,</p>
+
+ <p>Oratorium adiret</p>
+
+ <p>Tanti desiderii,</p>
+
+ <p>Oblatas mundas offerret,</p>
+
+ <p>Altari imponeret.</p>
+
+ <p>Quas illatas statim binae</p>
+
+ <p>Gallinae comederent;</p>
+
+ <p>Quibus pastae deservirent</p>
+
+ <p>Matris excubiis.</p>
+
+ <p>Venit, attulit, imponit,</p>
+
+ <p>Preces fudit intimas.</p>
+
+ <p>Astant duae moniales</p>
+
+ <p>Gallinae videlicet,</p>
+
+ <p>Praevisae in visione,</p>
+
+ <p>Quae oblatas colligunt,</p>
+
+ <p>Et requirunt diligenter</p>
+
+ <p>Quae, unde, cur venerit.</p>
+
+ <p>Quibus illa dum exponit</p>
+
+ <p>Singula veraciter,</p>
+
+ <p>Domino propitiante</p>
+
+ <p>Et beata Virgine,</p>
+
+ <p>Incognitum lumen coeli</p>
+
+ <p>Novis hausit oculis.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_3" id="Teil_1_Abschnitt_3"></a>
+
+ <h3>Dritter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Walburgistag, des Meien hochgez&icirc;t.</h4>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Der meie der ist r&icirc;che,</p>
+
+ <p>er f&uuml;eret sicherl&icirc;che</p>
+
+ <p>den walt an s&icirc;ner hende,</p>
+
+ <p>der ist nu niuwes loubes vol:</p>
+
+ <p>der winter hat ein ende.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Neidhart von Reuenthal (1234).</p>
+ </div>
+ </div><br>
+
+ <p>Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der
+ g&ouml;ttlichen Wesen unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die
+ Volkssitte im Verein mit unsrer &auml;lteren Sprachweise
+ l&auml;sst hier&uuml;ber keinen Zweifel &uuml;brig. Die Edda
+ nennt den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes
+ Sv&acirc;sudhr; der Winter dagegen (Vetr) hat den Vindl&ocirc;ni
+ und Vindsvalr zum Vater, den Windk&uuml;hl und Windschweller, der
+ selbst wieder vom feuchten und nassen V&acirc;sadhr abstammt.
+ Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
+ einem Zweikampfe, und dessen scenische Auff&uuml;hrungen
+ <!-- 034 --><a name="Page_034" id="Page_034"></a> waren ein
+ Brauch, welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach
+ S&uuml;dbaiern und der Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus
+ dem Walde in den Heimatsort herein abgeholt; dies geschieht
+ jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch des Winters, der es erst
+ auf einen f&ouml;rmlichen Kampf ankommen l&auml;sst. Deshalb muss
+ der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem L&auml;rm
+ die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und
+ kommt gewappnet auf den Plan:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>sein panzer was ein gr&uuml;enes gra&#549;,</p>
+
+ <p>sein koller darauf ein weisser klee,</p>
+
+ <p>sein halsperg was veyolvar,</p>
+
+ <p>sein bugler wag von rosenbluet.</p>
+
+ <p>er f&uuml;ert in seiner hende</p>
+
+ <p>ein sper, was michel lanc</p>
+
+ <p>vnd was eitel v&ouml;gelingesang.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>A. Keller, Altd. Erz&auml;hlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des
+ in Laub gekleideten, zu Rosse einziehenden Maik&ouml;nigs geschah
+ auf Walburgis oder 1. Mai und hiess: <i>den Sommer in das Land
+ reiten</i>.<a name="FNanchor_NACHTRAG_1_22" id=
+ "FNanchor_NACHTRAG_1_22"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_1_22"><sup>[Nachtrag 1]</sup></a> In
+ D&auml;nemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den
+ Jungfrauen des Ortes seine Maigr&auml;fin, die Majinde,
+ erw&auml;hlte, indem er seinen Blumenkranz von der Schulter ihr
+ zuwarf; in Th&uuml;ringen war es der in Pappellaub eingebundne
+ Grask&ouml;nig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein Laubgewand
+ aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
+ steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes
+ bezeichnet, der Pfingstk&ouml;nig auf die Brautwerbung geritten
+ und f&uuml;hrte die im Busche versteckt, gehaltene Prinzessin im
+ Triumphe heim; sie heisst in Flandern Pfingstblume, Pinxterbloem,
+ in England the queen of the May, in der Provence
+ Rosenm&auml;dchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienr&ouml;slein. An
+ diesem letzteren Orte tr&auml;gt am Walburgistage ein Kind einen
+ b&auml;ndergeschm&uuml;ckten Maien um, ein anderes mit einem
+ Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und das Gefolge singt vor den
+ H&auml;usern:</p><!-- 035 --><a name="Page_035" id=
+ "Page_035"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Maienr&ouml;slein, kehr dich dreimal 'rum,</p>
+
+ <p>Lass dich beschauen 'rum und 'num.</p>
+
+ <p>Maienr&ouml;slein, komm in gr&uuml;nen Wald hinein,</p>
+
+ <p>Wir wollen alle lustig sein;</p>
+
+ <p>So fahren wir vom Maien in die Rosen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier,
+ Brod, Wein, Oel spenden wollen, angew&uuml;nscht, dass der Marder
+ die H&uuml;hner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine
+ N&uuml;sse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das
+ Ertr&auml;gniss des Jahres h&auml;ngt von dem kleinen
+ Fr&uuml;hlingsopfer ab. St&ouml;ber, Els&auml;ss. Volksb. 1842,
+ 56. F&auml;llt der Nachdruck der scenischen Festauff&uuml;hrung
+ auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod
+ austragen, oder wie im b&ouml;hmischen Saazer Kreise, mit dem
+ B&auml;ndertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust
+ mit B&auml;ndern geschm&uuml;ckt hat. Dabei tr&auml;gt der
+ K&ouml;nig einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als
+ Scepter, zwischen zwei Brauth&uuml;tern folgt ihm sein
+ T&ouml;chterlein. Letztere melden, dass der Tod um die
+ K&ouml;nigstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst,
+ statt der Waffe ein B&uuml;ndel Lichtsp&auml;ne (Schleissen) in
+ der Hand tragend, und wird vom erz&uuml;rnten Vater
+ niedergestochen. In S&uuml;dschweden r&uuml;ckten am 1. Mai zwei
+ Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die St&auml;dte, die
+ eine angef&uuml;hrt vom Winter, der in Pelze geh&uuml;llt, mit
+ Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die
+ andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen
+ bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den
+ Winter &uuml;berwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes
+ f&uuml;r den Sieger erkl&auml;rt wurde. War die Witterung des
+ Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
+ gl&uuml;hende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte
+ Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm
+ dies der Blumengraf auf seine Ehre und r&uuml;ckte mit frischen
+ Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den
+ warmen Stuben mit M&uuml;he zum Gr&uuml;nen gebracht hatte.
+ <!-- 036 --><a name="Page_036" id="Page_036"></a> Ein Gastmahl
+ und Trinkgelage, gl&auml;nzender als es durch Speerk&auml;mpfe
+ errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus
+ Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15
+ Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkw&uuml;rdig (schreibt Uhland,
+ Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westf&auml;lischer
+ Mairitt, welchen die B&uuml;rger von Soest im J. 1446
+ w&auml;hrend ihrer Fehde gegen den Bischof von K&ouml;ln
+ ausf&uuml;hrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in
+ den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
+ unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten.
+ Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger
+ Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und
+ Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerst&ouml;rten D&ouml;rfer und
+ Vesten, f&uuml;hrten Heerden, G&uuml;terwagen, selbst
+ aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei
+ gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der
+ verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter
+ dem gr&uuml;nen Maien" nach Hause. Wie hier der gr&uuml;ne Mai,
+ unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde
+ gehauen wird, so r&uuml;cken am Fr&uuml;hlingsfeste die
+ Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
+ Gemeindew&auml;lder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die
+ Ruthen und St&auml;be, wornach dorten das Maifest der Stabtag
+ oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenz&uuml;ge sind beschrieben
+ im <i>Alemann. Kinderlied</i> und <i>Kinderspiel</i>, pg. 490.
+ H&auml;ufig kn&uuml;pft sich eine Ortssage daran von einem zu
+ derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach
+ der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr
+ erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder
+ abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen,
+ er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und
+ Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im
+ Abschnitte <i>Maiengeding</i> noch besonders die Rede sein. Der
+ Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der
+ Eifel, Rheinpfalz <!-- 037 --><a name="Page_037" id=
+ "Page_037"></a> und Hessen ein Innungsrecht der &ouml;rtlichen
+ Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in
+ der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsf&auml;higen
+ M&auml;dchen in &ouml;ffentlicher Versammlung zur "Versteigerung"
+ einzeln ausgerufen und dem H&ouml;chstbietenden zugeschlagen. Der
+ Erl&ouml;s ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso
+ werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und
+ den K&auml;ufern einzeln zugetheilt. Die f&uuml;r beide Theile
+ daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene
+ H&uuml;ter "Sch&uuml;tzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim
+ Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu
+ bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande
+ &uuml;blich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der
+ Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die M&auml;dchen unter
+ Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolensch&uuml;ssen
+ gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht
+ einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317<a name=
+ "FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href=
+ "#Footnote_2_2"><sup>[2]</sup></a>.</p>
+
+ <p>Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die
+ Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem
+ Leben der hl. Bilihildis nachweisen, &uuml;ber deren Zeitalter
+ freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen l&auml;sst, dass ihr
+ Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird.
+ Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenm&auml;dchen
+ einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach
+ W&uuml;rzburg gethan worden und sah hier das ber&uuml;hmte
+ Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken
+ allj&auml;hrlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich
+ beschrieben in der von Herbelo <!-- 038 --><a name="Page_038" id=
+ "Page_038"></a> metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz
+ Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses
+ breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein
+ Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts &uuml;ber unsre
+ Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug.
+ Nach altem Herkommen, das wie eine religi&ouml;se Satzung galt,
+ hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken allj&auml;hrlich im
+ Fr&uuml;hling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab,
+ wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. S&auml;mmtliche Wittwen
+ unter f&uuml;nfzig Jahren und alle mannbaren M&auml;dchen traten
+ mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
+ Laubgewinde in den H&auml;nden tragend. W&auml;hrend eine Schaar
+ den Reihen f&uuml;hrte, erg&ouml;tzte sich die andere am Anblick
+ der Gespielinnen und f&uuml;hlte sich zu frischem Beginne
+ angespornt. Das M&auml;nnervolk machte dabei den Zuschauer. Den
+ Vornehmen erg&ouml;tzte die vornehme Haltung, den Bauern die
+ l&auml;ndliche oder volksth&uuml;mliche. Ein Jeder erlas sich
+ unter ihnen die k&uuml;nftige Gattin, und wenn auch noch nicht
+ vertraut mit ihrem Gem&uuml;the, traf er hier nach ihrer
+ Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste
+ geschlossnen Ehevertr&auml;ge hatten das Jahr &uuml;ber ihre
+ Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in
+ einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau
+ erw&auml;hlte, die er noch nicht n&auml;her als vom blossen
+ Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches
+ Herkommen, f&uuml;r dessen Gesetzgeber und "<i>K&ouml;nig</i>" er
+ sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg
+ konnten diese M&auml;dchen sich den Titel der
+ "<i>K&ouml;nigin</i>" beilegen, wenn eben diejenigen M&auml;nner,
+ welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
+ worden waren, &uuml;ber dieses Spiel als &uuml;ber einen blossen
+ Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher
+ die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein
+ kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter
+ Thr&auml;nen bewog sie ihren Vater, beim K&ouml;nig Chlodwig
+ Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf
+ alsdann der Regent <!-- 039 --><a name="Page_039" id=
+ "Page_039"></a> durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende
+ machte. So weit Herbelo's Nachricht.</p>
+
+ <p>Der Ehemann, welcher, hier <i>K&ouml;nig</i> genannt wird, ist
+ im heutigen Fr&uuml;hlingsspiele der Maigraf oder
+ Lauchk&ouml;nig, die von ihm erw&auml;hlte Braut die
+ Maik&ouml;nigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen
+ versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die
+ zuschauenden M&auml;nner ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie
+ sind bemalt und bekr&auml;nzt, tragen Laubguirlanden, Abends
+ Fackeln: lauter Einzelz&uuml;ge unsrer heutigen
+ Fr&uuml;hlingsbr&auml;uche. Damit erledigt sich auch die von
+ Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo
+ ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus
+ entbl&ouml;ssten T&auml;nzerinnen, d.i. aus solchen, die als
+ Botinnen des Fr&uuml;hlings Frauenmantel und Haube abgelegt
+ haben, hochgesch&uuml;rzt, blossarmig und baarh&auml;uptig in den
+ Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut
+ geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von
+ der M&ouml;nchsphantasie ein z&uuml;chtiger Fr&uuml;hlingstanz
+ schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche
+ Frankenk&ouml;nig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
+ Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere
+ Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverst&auml;ndniss
+ von Seite des Klerus.</p>
+
+ <p>Doch wir kehren zur&uuml;ck zu den ferneren Volksbr&auml;uchen
+ der Walburgisfeier. In derselben Mainacht werden
+ glattgesch&auml;lte, schmuckbehangene B&auml;umchen auf die
+ Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
+ das Jahr &uuml;ber klar fliessen, und diese eben so lange wieder
+ frisch und sch&ouml;n bleibt. Man w&auml;hlt dazu besonders die
+ Zweige der Eberesche mit ihren rothen Beeren, davon heisst sie
+ selber der Wolbermay (Pr&auml;torius, Blockesberg, 460). Die
+ Reime, die man an den Baum h&auml;ngt oder vor dem Kammerfenster
+ des M&auml;dchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
+ Sinnbildern:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gr&uuml;ss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,</p>
+
+ <p>Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.</p>
+ <!-- 040 --><a name="Page_040" id="Page_040"></a>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Gr&uuml;ss dich Gott durch einen Seidenfaden,</p>
+
+ <p>Gott bewahre dich im finstern Gaden.</p>
+ </div>
+ </div><br>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>I l&ocirc;ss sie gr&uuml;essen durh e h&ouml;chi
+ Tanne,</p>
+
+ <p>die Z&icirc;t isch cho zum W&icirc;ben&mdash;und zum
+ Manne,</p>
+
+ <p>I l&ocirc;ss sie gr&uuml;essen durh es H&auml;mpfeli
+ Thau:</p>
+
+ <p>i w&ouml;tt, m&icirc; Holdi w&auml;r m&icirc; Frau.</p>
+
+ <p>Rosmeri und Zypresse,</p>
+
+ <p>ass i de nit vergesse;</p>
+
+ <p>Rosmeri und N&auml;geli dr&icirc;,</p>
+
+ <p>g'h&ouml;rsch, i m&ouml;cht gern b&icirc; der
+ s&icirc;!</p>
+
+ <p>b&icirc; der s&icirc;, wie's R&ouml;sli hockt</p>
+
+ <p>am-ene einige Stengel:</p>
+
+ <p>Der Herr ist sch&ouml;n, s&icirc; Frau ist sch&ouml;n</p>
+
+ <p>und s' Chind ist wie ne Engel.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein
+ d&uuml;rrer Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden
+ Ueberraschung vor das Fenster der Verf&uuml;hrten (Bavaria II,
+ 269), oder ein Strohpopanz, Namens Walburg, wird der Faulen
+ aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land noch nicht umgegraben
+ hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen erforscht zur selbigen
+ Nacht das M&auml;dchen ihre Zukunft aus mehrfachen von Walburg
+ selbst herr&uuml;hrenden Liebesorakeln. Die Heilige tr&auml;gt
+ eine aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der
+ &ouml;sterreichische Brauch des Fadenziehens, welchen Vernaleken,
+ Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die M&auml;dchen, welche Lust haben,
+ ihres Zuk&uuml;nftigen Beschaffenheit vorauszuwissen, setzen sich
+ Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen feinen
+ Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
+ hinter einem Mariabilde gehangen hat. W&auml;hrend er im Kreise
+ herum durch die Finger l&auml;uft, spricht man stille und mit
+ geschlossnen Augen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Voaten, i ziech di,</p>
+
+ <p>Walpurga, i bid di,</p>
+
+ <p>zag von main Man</p>
+
+ <p>alle Seiten an.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wie dabei der Faden sich anf&uuml;hlt, weich und glatt, hart
+ und fest, so werden des einstigen Mannes Eigenschaften
+ <!-- 041 --><a name="Page_041" id="Page_041"></a> sein. Das
+ oberpf&auml;lzer Bauernm&auml;dchen schleudert ungesehen ihren
+ Schuh &uuml;ber den Peuntbaum und horcht, aus welcher Gegend her
+ wiederholtes Hundegebell her&uuml;berschallt; eben daher wird
+ einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Hunderl, ball, ball,</p>
+
+ <p>ball &uuml;ber neunmal,</p>
+
+ <p>ball &uuml;ber's Land,</p>
+
+ <p>wau mein feins Liab wahnd.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Sch&ouml;nwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der
+ Hund, Walburgs Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum
+ Gelingen des Liebeszaubers.</p>
+
+ <p>Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der
+ mannbaren M&auml;dchen an die jungen Ortsburschen, fand bei den
+ Moselfranken nicht am 1. Mai, sondern am ersten Sonntag in
+ Fastnachten statt und hiess daselbst der <i>Valentinstag</i>; es
+ wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal 24). Eine
+ Waldh&ouml;hle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
+ stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
+ gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein
+ heiliger Mann, Konrad von Heuwa, zerst&ouml;rte beide von Grund
+ aus und liess an der Stelle ein <i>Valentins</i>kirchlein
+ erbauen. Sch&ouml;ppner, B. Sagb. no. 70. Dies f&uuml;hrt uns auf
+ den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, das eigentl.
+ Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im n&ouml;rdlichen
+ Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein
+ vorausbegangner, vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte
+ Stadtsage Londons erkl&auml;rt, dass sich am 14. Febr. die
+ V&ouml;gel zu paaren beginnen, und ein gleichfalls alter
+ Sprachgebrauch nennt darum das M&auml;nnchen Valentin, das
+ Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau
+ zusammen mit dem von Russwurm ver&ouml;ffentlichten Holzkalender
+ der Inselschweden, in welchem der 1. Mai mit folgender
+ Kalenderrune verzeichnet steht: ein nach oben gekehrter Halbring,
+ in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist das Sinnbild des Eies
+ <!-- 042 --><a name="Page_042" id="Page_042"></a> im Neste der zu
+ dieser Zeit wieder br&uuml;tenden V&ouml;gel. Alles
+ &uuml;berschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
+ und anonyme Liebeserkl&auml;rungen. Es liegt uns ein Bericht des
+ Londoner Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens
+ wurden 150,000 Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr
+ 175,000; Mittag 12,000&mdash;bis zum Abend noch einmal weitere
+ 60,000, so dass an diesem Tage (ausser den vielen
+ bez&uuml;glichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) 422,000
+ Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
+ mehr, als an allen &uuml;brigen Tagen des Jahres. Daf&uuml;r zum
+ Entgelt erhalten dieses Tages die Brieftr&auml;ger eine besondere
+ Mahlzeit, bestehend aus Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe
+ no. 6, 11. Febr. 1860). Auch dabei galt ehemals die Sitte,
+ Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen und daran die
+ Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar bleibender
+ Treue zu kn&uuml;pfen. Allbekannt ist das dahin zielende
+ Liebeslied der Hamletischen Ophelia:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Guten Morgen, es ist St. Valentinstag</p>
+
+ <p>so fr&uuml;h vor Sonnenschein,</p>
+
+ <p>ich junge Maid am Fensterschlag</p>
+
+ <p>will euer Valentin sein.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind
+ Landm&auml;dchen des festen Glaubens, der erste Mann, den sie am
+ Morgen dieses Tages erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr
+ Ehemann, vorausgesetzt, dass er nicht mit ihnen im gleichen Hause
+ wohne, nicht ihr Anverwandter und kein Verheirateter sei. Daher
+ stellen sich junge M&auml;nner oft schon vor Sonnenaufgang in der
+ N&auml;he des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre Geliebten
+ vor&uuml;ber kommen m&uuml;ssen, und diese wiederum gehen bei
+ ihren G&auml;ngen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch
+ einem Nichtersehnten aus dem Wege gehen k&ouml;nnen, oder sitzen
+ mit zugemachten Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis
+ sie die Stimme desjenigen h&ouml;ren, den sie gern m&ouml;chten.
+ Suchen wir die Erkl&auml;rung und den Zusammenhang des also
+ gefeierten <!-- 043 --><a name="Page_043" id="Page_043"></a>
+ Valentintages sammt den vorausgeschilderten Maibr&auml;uchen, so
+ finden wir daf&uuml;r den nordischen Natur-Mythus von der
+ Brautwerbung der G&ouml;tter. Das in zwei H&auml;lften getrennte
+ Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich der
+ winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
+ Vergebens will ihn Wali-Odhin verdr&auml;ngen, er ist noch
+ kinderlos. Da wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde),
+ spr&ouml;de str&auml;ubt sie sich gegen seine Liebe, bis er sie
+ mit dem Zauberstab des Lichtpfeils ger&uuml;hrt hat. Als sie ihm
+ darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, entflieht
+ Uller-Odhin, geh&uuml;llt in Pelze und dahinschreitend auf
+ Schlittschuhen, in den Hochnorden zur&uuml;ck. Dies der
+ &auml;usserlichste Umriss der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie
+ erst durch unsere altdeutschen Gottheiten und Stammhelden, und
+ alle Einzelz&uuml;ge der sp&auml;teren Sagen und Br&auml;uche
+ finden dabei ihr &uuml;berraschendes Verst&auml;ndniss. Mit der
+ aufsteigenden Fr&uuml;hlingssonne wird Wuotans, und Frouwas
+ Hochzeitsfest gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von
+ Gunther und Sigfried durch Wettspiele erworben, in dieser
+ wonnigsten Zeit des Jahres gr&uuml;nen und schimmern dann alle
+ H&ouml;hen von den bei der G&ouml;tterhochzeit abgehaltenen
+ Festt&auml;nzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug
+ aller Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage
+ m&uuml;ssten die Hexen den letzten Schnee vom Blocksberge
+ wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder ebenso an Mariae
+ Lichtmess m&uuml;ssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, damit
+ die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
+ wachse wie die Spr&uuml;nge der T&auml;nzer sind. Ob dabei das
+ Fest auf 14. Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12.
+ Mai, oder gar erst auf Pfingsten angesetzt wird, verschl&auml;gt
+ nichts und ist eine blosse Folge sp&auml;terer Zeiteintheilung.
+ In den Volksbr&auml;uchen ist noch vielfach die Rechnung nach dem
+ alten Kalender beibehalten und folglich wird da der 12. Mai als
+ der fr&uuml;here erste begangen und der Tag Pancratius hat
+ &uuml;bernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man
+ Lein <!-- 044 --><a name="Page_044" id="Page_044"></a> s&auml;en
+ und dabei recht lange Schritte machen (Th&uuml;ringen, Hessen);
+ oder die &auml;lteste Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage
+ (Harz), oder an Lichtmess (Meklenburg) r&uuml;ckw&auml;rts vom
+ Tische springen; oder die Hausfrau muss einige St&uuml;cke tanzen
+ und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); oder man steckt
+ beim S&auml;en die Harke oder grosse Hollunderzweige senkrecht in
+ die Erde (Meklenburg, Th&uuml;ringen)&mdash;alles, damit der
+ Flachs gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl.
+ Aufl. 1, S. 184. Hauptgehalt aller dieser Br&auml;uche aber
+ bleibt in gleicher Wiederkehr der erneute Wucher des Erdreiches
+ und die Fruchtbarkeit der neuen Liebesb&uuml;ndnisse. Von der
+ deutschen Heldensage an bis hinab in das Kinderm&auml;rchen vom
+ Dornr&ouml;schen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn die
+ in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
+ Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
+ Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, tr&auml;umerisch
+ nickende Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende
+ N&auml;hrkraft. Sigfried, von dem gesagt ist, dass wenn er durchs
+ Kornfeld schritt, die Aehren nur an den Thauschuh seiner
+ Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des Schnitters.
+ Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen sie
+ wieder zusammen, bis seine Sichel alle gef&auml;llt hat. Dies
+ heisst in der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer
+ umgebne Burg, nimmt der Schlafenden den Helm vom Haupte,
+ schneidet ihr mit seinem Schwerte den Panzer, der weder Haken
+ noch Nesteln hat, von Brust und Armen, worauf sie erwacht, ein
+ Trinkhorn mit Meth f&uuml;llt, dem Befreier &uuml;berreicht und
+ ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, Rechts-
+ und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
+ andere als dich will ich zum Weibe haben!</p>
+
+ <p>Wohin aber in diesem sagenhaften G&ouml;ttergewimmel mit
+ Walburgis? Auch sie, obschon sie unter dem Einflusse der Kirche
+ eine ehelos lebende Heilige geworden ist, war einst
+ <!-- 045 --><a name="Page_045" id="Page_045"></a> eine
+ Sch&ouml;nheitsg&ouml;ttin gewiesen, von welcher das Gl&uuml;ck
+ der ehelichen Liebe und das Gedeihen der l&auml;ndlichen Arbeiten
+ ausgieng. Von ihrer Frauensch&ouml;nheit berichtet noch eine
+ oberpf&auml;lzische Sage (Sch&ouml;nwerth 1, 389), die alle
+ Spuren hohen Alterthums an sich tr&auml;gt. Bekanntlich pflegten
+ sich Heiden- und Christenpriester gegenseitig in
+ Religionsdisputationen &uuml;ber die Vorz&uuml;ge ihrer Himmel
+ und Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit,
+ dass beide Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum
+ repertum ankommen liessen. So kommt es zwischen einem Priester
+ und einem Heidenweibe (Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer
+ sch&ouml;ner sei, die Heideng&ouml;ttin Walburg oder die
+ Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine Hexe
+ beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erkl&auml;rt aber auf
+ dessen Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes
+ leibhaftig bei, er m&ouml;ge sie nur bei der n&auml;chsten
+ Ausfahrt begleiten und sich selber &uuml;berzeugen. Am bestimmten
+ Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen Wagen und
+ f&auml;hrt durch die L&uuml;fte, bis man Glocken l&auml;uten
+ h&ouml;rt. Da senkt sich der Wagen und man steht in der Mitte
+ einer prachtvollen, mit einer zahllosen Menge angef&uuml;llten
+ Kirche: In der That wandelte auch die Mutter Gottes leibhaftig
+ auf dein Altar herum, voll Glanz und Sch&ouml;nheit. Doch dem
+ Priester schien sie zu &uuml;ppig und verf&uuml;hrerisch, er
+ sprang auf den Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes
+ Crucifix mit den Worten unter die Augen: Bist du die Mutter des
+ Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da erloschen mit einem mal
+ s&auml;mmtliche Lichter, dichte Finsterniss und Stille herrschte,
+ der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es gegen Tag
+ gieng, befand er sich im Gem&auml;uer eines Galgens.&mdash;Wir
+ werden dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte
+ Venus von der Kirche selbst angeben h&ouml;ren; denn allerdings
+ sind schon die bisher von ihr gemeldeten Z&uuml;ge unkirchlich
+ genug: der Hund an der Kette und der Flachsfaden auf der Spindel
+ sind ihre Orakel; ihre n&auml;chtlichen H&ouml;henfeuer
+ leuchtendem Reihentanze der Liebenden <!-- 046 --><a name=
+ "Page_046" id="Page_046"></a> und diese werden ohne Priester
+ zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
+ der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
+ Marterwerkzeuges tr&auml;gt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem
+ Bruder Oswald. Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in
+ goldnem Schuh und tr&auml;gt eine goldne Krone, sie ist selber
+ das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes Abbild ist Pindars
+ "r&ouml;thlichf&uuml;ssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
+ r&ouml;mische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
+ Gerstensaat.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_2_2" id=
+ "Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2">[2]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Der immer gleichlautende Ausk&uuml;ndungsspruch:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Heut zum Lehen,</p>
+
+ <p>Morgen zur Ehe,</p>
+
+ <p>Ueber ein Jahr zu einem Paar&mdash;</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird
+ dorten dem von den Kaisern ausge&uuml;bten Ehezwangsrechte
+ unterschoben, welches von Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden
+ sein soll.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_4" id="Teil_1_Abschnitt_4"></a>
+
+ <h3>Vierter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4><br>
+
+ <p>Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier
+ Jahreszeiten waren eben so viele Volksversammlungen (Allding),
+ allgemeine Opferfeste und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu
+ zweit auf Sommer und Winter verlegt, hiessen die Gerichte
+ Maigeding und Herbstgeding, nach sp&auml;terer christlicher
+ Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den karolingischen
+ Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
+ &uuml;blich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer
+ (Walburgis), Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten).
+ Ungebotene Gerichte hiessen sie im Gegensatze der vom
+ Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil erstere in ihrem
+ Zusammentreffen mit gleichm&auml;ssig vorausbestimmten Fristtagen
+ allgemein gewusst waren und keiner vorg&auml;ngigen Ansagung
+ bedurften. Sie entschieden nicht bloss &uuml;ber Mein und Dein,
+ sondern auch &uuml;ber die Idealg&uuml;ter von Freiheit und Ehre,
+ somit &uuml;ber Krieg und Frieden, und ihre Ausspr&uuml;che waren
+ die allgiltigen der Volkssouver&auml;net&auml;t, wie sie unsre
+ Zeit in ihren Landsgemeinden, St&auml;ndeversammlungen und
+ Parlamenten anerkennt. Sie benannten sich nach N&auml;chten, weil
+ der Tag <!-- 047 --><a name="Page_047" id="Page_047"></a> sich
+ aus der Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender
+ nach Neumond und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zw&ouml;lften
+ (Weihnachten bis Dreik&ouml;nig) nennt man in Schwaben und dem
+ angrenzenden Theile der Schweiz Kl&ouml;pfleinsn&auml;chte und
+ Nideln&auml;chte; in Baiern Rauch-, L&ouml;seln&auml;chte und
+ Gennachten; in Deutschb&ouml;hmen Undern&auml;chte; bei den
+ heidnischen Angelsachsen hiessen sie Muttern&auml;chte. In
+ gleicher Analogie spricht man von Fasnacht, Rumpelnacht und der
+ durch die Ortspolizei gew&auml;hrten Freinacht. So hiess denn
+ auch das Maigericht Walburgisnacht, d&auml;nisch noch Valdborg
+ aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" pflegt
+ die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
+ 14. Jahrhundert. Anf&auml;nglich steht das Walburgsgericht noch
+ zu Zweit mit dem Wintergerichte zusammen, erst sp&auml;ter auch
+ mit dem Herbstgerichte zu Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu
+ Sondernau von 1615 setzt zweimaliges Jahresgericht fest, das
+ Mertensgericht (11. Nov.) und das Welbermael, Walburgismahlzeit
+ am 1. Mai. Z&ouml;pfl, Alterth. des Deutsch. Reichs und Rechts 1,
+ 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen (gedruckt im
+ Wetting. Archiv 125): "Wir s&ouml;llend ouch dry rechte geding da
+ haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht
+ tag vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff
+ sannt Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu
+ Dietikon und Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1,
+ 78. Dabei blieb Walburgis auch sp&auml;ter in den St&auml;dten
+ ein Termin der Aemter-Erneuerung; "jerlichen zu Meyen, wann Statt
+ und Ampt R&auml;th zusammen schwerend", heisst es im Zuger Recht
+ 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. Gesellsch. Die
+ Tagl&ouml;hner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
+ derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der
+ t&auml;glichen Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund
+ schlafens underziehen an iren tagarbeiten und das anheben, so der
+ stock ein blatt &uuml;berkompt, dass einer ein aug domit bedecken
+ m&uuml;ge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) bis uf
+ <!-- 048 --><a name="Page_048" id="Page_048"></a> Margaretha (13.
+ Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im Alterthum hatten die
+ Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen geendet, die
+ f&uuml;r die Verk&ouml;stigung der weither gekommenen Mannschaft
+ nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den
+ sp&auml;teren Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und
+ seine Leute zu bek&ouml;stigen, den Sch&ouml;ffen Trank und
+ Speise zu verabreichen und ihnen einen Zinskuchen mit dem
+ hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg zu verehren. Die
+ Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. Hier folgt
+ eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen in
+ den Freien&auml;mtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri,
+ Scrin. L, I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und
+ Untergerichtsherr; der obergerichtliche Entscheid stand beim
+ Landvogt zu Baden, der daher nebst Landschreiber, Weibel und
+ Substituten mit anwesend sein musste. Das Stift hatte ausser in
+ Wolen auch noch in den D&ouml;rfern Muri, Boswil und B&uuml;nzen
+ dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
+ j&auml;hrlich <i>achtmal</i> wiederholten Gerichtstage f&uuml;r
+ den Lehensherrn beliefen, zeigt folgendes Aktenst&uuml;ck.</p>
+
+ <blockquote>
+ Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
+ verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
+ Sch.&mdash;Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10
+ Sch.&mdash;Durch die HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener,
+ Pfarer vnd Weibel am Nachtmal verzert 3 Gld. 10
+ Sch.&mdash;f&uuml;r H&ouml;uw vnd Haber &uuml;ber Nacht 1 Gld.
+ 8 Sch.&mdash;Hrn. Landvogt Br&auml;men v. Z&uuml;rich verehrt
+ an einem Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.&mdash;Sinem Diener 1
+ Kronen.&mdash;Hn. Landschryber Zur Louben an einer Spanischen
+ Dublon 7 Gld. 1 Pf.&mdash;Sinem Substituten 1 Gld.&mdash;In die
+ Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
+ </blockquote>
+
+ <p>Alterth&uuml;mlich und von naiver Umst&auml;ndlichkeit waren
+ die Br&auml;uche, unter denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins
+ zu &uuml;berbringen hatten.</p>
+
+ <p>Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg
+ <!-- 049 --><a name="Page_049" id="Page_049"></a> am Kn&uuml;tl
+ allj&auml;hrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs
+ Hellern alter hessischer M&uuml;nze bezahlt werden. Der
+ Gemeindemann, der ihn &uuml;berbrachte, hiess das
+ Walpertsm&auml;nnlein. Er musste des Morgens fr&uuml;h Schlag
+ sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
+ der Schlossbr&uuml;cke sich niedersetzen. Versp&auml;tete er
+ sich, so verdoppelte sich progressiv mit jeder Stunde der Zins,
+ am Abend h&auml;tte ihn die ganze Gemeinde nicht mehr zu zahlen
+ vermocht. Vorsichtshalber schickte daher die Gemeinde stets zwei
+ Abgeordnete zusammen ab. Hatte das Walpertsm&auml;nnchen seine
+ sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach Vorschrift hier
+ drei Tage lang bewirthet. Schlief es w&auml;hrend dieser Zeit
+ nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es
+ lebensl&auml;nglich zu verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil,
+ so wurde es augenblicklich aus dem Schlosse hinausgeschafft.
+ Schon an dreihundert Jahre war diese Zinszahlung im Gebrauche und
+ bestand noch im Anfange dieses Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag.
+ no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der sg. Rutscherzins, welcher,
+ wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist abzutragen
+ verabs&auml;umt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
+ Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
+ Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe
+ Schernberg hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann f&uuml;r Mann
+ auf einen breiten Stein unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich
+ hier um eine weitere Stunde zu sp&auml;t einstellte, bezahlte ihn
+ je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). Aber auch dabei kamen dem
+ Versp&auml;teten noch mancherlei kleine Hilfsmittel zu gut,
+ welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
+ wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein
+ Gegengeschenk erhielt, welches mit der Zeit f&uuml;r ganze
+ Gemeinden zu nicht unbetr&auml;chtlichen Nutzniessungen sich
+ gestaltete, lehren folgende Br&auml;uche und Sagen.</p>
+
+ <p>Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts,
+ die j&auml;hrlich an Walburgis nach altem Rechte hinaus
+ <!-- 050 --><a name="Page_050" id="Page_050"></a> in den Wald
+ Wagweide zogen, welcher dem Churf&uuml;rsten von Mainz
+ zugeh&ouml;rte, und sich 4 Eichen schlugen. Gleichzeitig kam dann
+ s&auml;mmtliche B&uuml;rgerschaft ihnen dahin nach und hielt in
+ dem f&uuml;rstlichen Schlosse ein dreit&auml;giges Einlager bei
+ Musik, Tanz und Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an
+ Walburgis Vormittag alle hammerf&uuml;hrenden Gewerke der Stadt
+ in jenen Wald und halten da bei Tanz und Gesang bis tief in die
+ Nacht aus, Bier wird f&auml;sserweise mitgefahren. Mit Eichlaub
+ bekr&auml;nzt singt der heimkehrende Zug:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Willst du mit nach Walpern gehn,</p>
+
+ <p>Willst du mit, so komm!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dies nannte man den Gr&uuml;nenmaitag. Aehnlich begeht
+ daselbst die Schusterzunft den gr&uuml;nen Montag, welcher der
+ erste ist nach Jacobi. Sie bekr&auml;nzt nebst ihren
+ Wohnh&auml;usern die Strassen zum Paul, zu den Predigern und die
+ Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf f&uuml;r
+ die Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die
+ &uuml;brigen hammerf&uuml;hrenden Gewerke ein Raubschloss im
+ Steigerwalde zerst&ouml;rten, von dem aus die Orte des
+ Th&uuml;ringerwaldes lange bel&auml;stigt worden waren. Zwei
+ Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschm&uuml;ckt,
+ pflegte man sonst zu Pferde in der Stadt herum zu f&uuml;hren, es
+ sollen die zwei S&ouml;hnlein der Edelfrau jenes Schlosses
+ gewesen sein (man benennt es wechselnd bald Dienstberg, bald
+ Greifenberg), die mit all ihren Kostbarkeiten beh&auml;ngt die
+ Sieger fussf&auml;llig um Schonung ihres Lebens anflehten und
+ Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die angeblichen
+ Raubritter geworden sind, waren urspr&uuml;nglich die
+ Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die
+ st&auml;dtischen Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und
+ Landbote v. 1846, enthalten nichts, was dieser Geschichte einer
+ zerst&ouml;rten Raubburg aufhelfen k&ouml;nnte, wohl aber dass
+ der Gr&uuml;nenmaitag ein Ueberrest des sg. Schw&ouml;rtages ist,
+ an welchem die Handwerker j&auml;hrlich der vom Mainzer Bischof
+ neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof
+ best&auml;tigte <!-- 051 --><a name="Page_051" id="Page_051"></a>
+ ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wof&uuml;r die Schuster dem
+ Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe &uuml;berreichten, gemacht
+ aus dem Filz, den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten.
+ Berlepsch, Chron. d. Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher
+ pseudohistorischer Sagen von einem gelungenen Kriegszuge der
+ B&uuml;rger und Bauern gegen das Herrenschloss, oder einer
+ milit&auml;rischen Execution gegen den Herrschaftswald ist
+ einfach der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses
+ &ouml;rtliche Holzrechte verbunden waren. In einem niederl.
+ Volksliede (Uhland in Pfeiffers Germania V.) bringt der Zinsbauer
+ (wahrscheinlich f&uuml;r die Nutzung &uuml;berlassener
+ L&auml;ndereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
+ der Frau "den k&uuml;hlen Mai".</p>
+
+ <p>Wie sich der Sieg Gideons &uuml;ber die Midianiter (Richter 6,
+ 37) an den Thau kn&uuml;pft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell
+ so reichlich f&auml;llt, dass man des Morgens eine Schale Wassers
+ daraus zu f&uuml;llen vermag, so ist auch in den deutschen
+ Lokalgeschichten aus dem Glauben an die Wunderkr&auml;ftigkeit
+ des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim Maigerichte bewaffnet
+ zu erscheinen, den Walburgiszins Mann f&uuml;r Mann gemeindeweise
+ zu entrichten, die h&auml;ufig sich wiederholende Tradition
+ entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische
+ Unabh&auml;ngigkeit der Landschaft durch einen gl&uuml;cklichen
+ Waffenstreich errungen worden sei. Die Maifahrt wird zur
+ Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und die Schweizersage
+ trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
+ "Walperk&uuml;he" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn
+ zinsen, der Anlass, die V&ouml;gte auf Sarnen und Rozberg zu
+ vertreiben und deren Burgen zu brechen; die Ditmarschen datiren
+ ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, das sie nicht l&auml;nger
+ auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
+ Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
+ ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von
+ Dahlmann. Das &auml;lteste und festete Geb&auml;u im
+ Ditmarschenlande war die Grafenburg Bocklenburg in der Wolberaue
+ gelegen. Ihr <!-- 052 --><a name="Page_052" id="Page_052"></a>
+ &auml;lterer Name war Walburg, sagt Dahlmann im Neocorus 1, 565;
+ ein Eigenthum der Grafen von Stade, in unmittelbarer N&auml;he
+ des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerst&ouml;rung durch die
+ aufst&auml;ndischen Bauern f&auml;llt 15. M&auml;rz 1145.
+ M&uuml;llenhoff, Glossar zum Quickborn 1856, S. 315. Der Graf
+ hatte den reichen Bauern Heine zu Gast geladen, ihn reichlich
+ bewirthen und mit Saitenspiel erg&ouml;tzen lassen, wof&uuml;r
+ der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
+ Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Korns&auml;cke, statt
+ der Tafelmusik musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof
+ durchl&auml;rmen. Solcher Wohlstand reizte die habs&uuml;chtige
+ Gr&auml;fin Walburg und sie beredete ihren Gemahl, dass er die
+ Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren nachgesehen hatte,
+ gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
+ R&uuml;ckst&auml;nden einforderte. Am Martinsabend f&uuml;hrten
+ denn die Bauern eine lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse
+ hinauf. Auf dem ersten sass eine sch&ouml;ne Dirne, dem Grafen zu
+ Willen bestimmt; allein in den S&auml;cken des zweiten Wagens
+ lagen Bewaffnete eingen&auml;ht. Als der Zug das Schlossthor
+ erreicht und gesperrt hatte, ert&ouml;nte das Losungswort:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>R&uuml;hret die H&auml;nde,</p>
+
+ <p>Zerschneidet die Geb&auml;nde!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Korns&auml;cken,
+ zuckten die Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in
+ das innerste Gemach entsprungen, allein seine zahme Elster kam
+ schreiend ihm nachgeflogen und verrieth ihn, er wurde aus dem
+ Verstecke gerissen und erstochen. Die Gr&auml;fin sprang aus dem
+ Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat mit ihrem Tode
+ dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
+ Landst&uuml;ck, f&uuml;gt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher
+ Fruchtbarkeit gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen
+ darauf erntete. Auch eine Wallfahrt zum Haupte St. Peters war
+ daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das dorten ein Bauer aus dem Boden
+ gepfl&uuml;gt und daheim aufbewahrt hatte, entsprang ihm wieder
+ und stellte sich in <!-- 053 --><a name="Page_053" id=
+ "Page_053"></a> die Wallfahrtskirche, wo es heilkr&auml;ftige
+ Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter sterken.</p>
+
+ <p>So wird Walburgs G&ouml;ttermythe zur Kirchenlegende, ihre
+ Burg zur Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen
+ Gaugr&auml;fin und Burgfrau, mit deren Untergang die Steuer der
+ Leibeignen aufh&ouml;rt und die politische Selbst&auml;ndigkeit
+ des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und die
+ hartherzig Zins eintreibende Gr&auml;fin Walburg verwandelt sich
+ an einem oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur
+ saatenvertilgenden Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht
+ wird eine Nachtfahrt auf den Broken. <i>Dreimal</i> des Jahres
+ m&uuml;ssen die Hexen ihre drei hohen Tagsatzungen abhalten, sagt
+ Pr&auml;torius Blockesberg (1668) 499, und zergr&uuml;belt sich
+ &uuml;ber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so sehr
+ vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese
+ Heilige dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre
+ Abrechnung mit ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag
+ verschimpfiren.</p>
+
+ <p>Eine &auml;hnliche Fr&uuml;hlingssage, bei welcher jedoch noch
+ deutlicher der Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut
+ f&auml;llt, theilt W. Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre
+ 1, 128) mit aus Curickens Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und
+ aus Temme-Tettau's Ostpreuss. Sag. no. 208. 209. Auf dem
+ Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig liegt, hatte der
+ b&ouml;se K&ouml;nig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
+ Fischer an der Weichselm&uuml;ndung brandschatzte und ihre Weiber
+ und T&ouml;chter entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter
+ Berchta dem Sohne des Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich
+ aber nachher, sie ihm zu geben. Da kam der Abend, an welchem der
+ Sitte gem&auml;ss ein grosses Feuer auf dem Berge angez&uuml;ndet
+ und der &uuml;bliche Reigentanz um das Feuer gehalten wurde.
+ Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
+ J&uuml;nglingen, sich der Burg zu n&auml;hern und dieselbe
+ pl&ouml;tzlich zu &uuml;berfallen. K&ouml;nig Hagel, der dem
+ Tanze des Volkes mit Vergn&uuml;gen zugesehen hatte, wurde
+ ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, <!-- 054 --><a name=
+ "Page_054" id="Page_054"></a> wie hast du mich verrathen! Und
+ davon soll das nachmals erbaute Danzig seinen Namen erhalten
+ haben.</p>
+
+ <p>Der Name der Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin Holda-Berchta ist hier
+ in der Sage zwischen Br&auml;utigam und Braut getheilt. Damit
+ diese Beiden, nachdem sie bereits ins Mailehen gegeben sind, ein
+ Paar werden k&ouml;nnen, wird der winterliche Tyrann, K&ouml;nig
+ Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
+ zerst&ouml;rt. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse
+ Stadt.</p>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_5" id="Teil_1_Abschnitt_5"></a>
+
+ <h3>F&uuml;nfter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4><br>
+
+ <p>Von der Adventzeit bis zu Ostern l&auml;sst die katholische
+ Kirche t&auml;glich die Rorate-Messe singen, die ihren Namen
+ tr&auml;gt von der Stelle Jesaia's 45, 8: Rorate, coeli, desuper
+ et nubes pluant justum; thauet, Himmel, den Gerechten! Wolken,
+ regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden Segen erhoffte das
+ Heidenthum von der Thaug&ouml;ttin selbst und sah ihn
+ erf&uuml;llt mit deren Ankunft in der Walburgis- und
+ Johannisnacht. Nur von der ersteren ist hier die Rede.</p>
+
+ <p>Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht
+ zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist
+ da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist
+ seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb
+ dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter
+ w&auml;chst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja
+ keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist
+ er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem
+ doppelten Heuertr&auml;gniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
+ Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr
+ gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg
+ <!-- 055 --><a name="Page_055" id="Page_055"></a> heisst es vom
+ Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm
+ (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den g&ouml;ttlichen M&auml;chten
+ die Festfeuer zur&uuml;ckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den
+ drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen
+ Monat &uuml;ber keinen mehr. Maienthau macht gr&uuml;ne Au. Oder,
+ der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut
+ es im Mai f&uuml;nfmal, so erwartet man eine Viertelsernte;
+ zehnmal, so giebts eine halbe; f&uuml;nfzehnmal, so giebts eine
+ volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als
+ K&ouml;nig Gustav III. von Schweden einem ostgothl&auml;nder
+ Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte
+ und ihn &uuml;ber dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte
+ der Landmann l&auml;chelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein
+ Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
+ genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold l&auml;utern.
+ Daher tr&auml;gt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe
+ (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher tr&auml;gt bei den
+ Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh
+ (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kinderm&auml;rchen (Grimm 3,
+ no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in
+ der Walburgisnacht im Gew&auml;sser der Bode die goldne Krone der
+ Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf.
+ Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo
+ Regenwasser in grosse Kr&uuml;ge, dass sie sich das ganze Jahr
+ durch nach Bed&uuml;rfniss damit behelfen k&ouml;nnen." Coler,
+ Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen
+ Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
+ ganze Lebensgeschichte enth&uuml;llen, wenn man ernstlich
+ hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die
+ Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel
+ selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb.
+ bei H. Sch&ouml;nsperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des
+ hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da
+ das taw allermeyst fellt, so trinken <!-- 056 --><a name=
+ "Page_056" id="Page_056"></a> sie das begeret taw in sich und
+ werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
+ margariten gar fein. Aehnlich in Fr. R&uuml;ckerts
+ Vierzeilen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Die Rose stand in Thau,</p>
+
+ <p>Es waren Perlen grau;</p>
+
+ <p>Als Sonne sie beschienen,</p>
+
+ <p>Da wurden sie Rubinen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aus Erde und Thau formte der Sch&ouml;pfer Adams Fleisch und
+ Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed.
+ Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>uon dem leime gab er ime da&#549; flei&#383;ch,</p>
+
+ <p>der tow becechenit den &#383;weihc.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>&uuml;bereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie
+ ein Thau sein, dass es soll bl&uuml;hen wie eine Rose. In das
+ Fruchtholz des Waldes fl&uuml;chten beim Weltuntergange die
+ beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, Leben und
+ Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
+ Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die
+ Oesch, kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein
+ Holzwuchs, heisst es; wenn man einen Baum im Maienthau
+ sch&uuml;ttelt, so stirbt er ab. Der Ritter, der die drei letzten
+ B&auml;ume bei seinem Hause f&auml;llen will, sieht des Morgens
+ unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die &uuml;ber den Untergang
+ des Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen
+ verschwinden. Er liess hierauf die B&auml;ume stehen und sein
+ Geschlecht blieb in Wohlstand. Wenn die Engel im Himmel weinen,
+ um Gottes Erbarmen f&uuml;r die Menschen rege zu halten, so
+ entsteht daraus unser Thau; dies lautet in Grieshabers Deutsch.
+ Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem firmamente? da&#549;
+ sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
+ gr&ocirc;&#549; wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain
+ &#549;eher niemer noch niemer her ab, wan da&#549;,
+ s&ucirc;meliche maister w&egrave;n, da&#549; da&#549; tov
+ daru&#549; werde. Ein unbethaut bleibender Ort ist ein
+ verw&uuml;nschter, wie hier hernach noch des Weiteren zu
+ berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der Schlacht
+ gefallen sind, wehklagt <!-- 057 --><a name="Page_057" id=
+ "Page_057"></a> David: Ihr Berge zu Gilboa, es m&uuml;sse weder
+ thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen H&ouml;hen
+ erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen,
+ w&auml;chst kein Gras; daher in G. B&uuml;rgers Romanze:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,</p>
+
+ <p>Da ist ein Pl&auml;tzchen, da w&auml;chst kein Gras,</p>
+
+ <p>Das wird von Thau und von Regen nicht nass.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein
+ Schatz (verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem
+ Wiesenweg, welcher der Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt
+ kein Thau und Reif behangen. Panzer, BS. 2, pg. 54.</p>
+
+ <p>Maienthau ist eine Quelle der K&ouml;rpersch&ouml;nheit, des
+ Liebreizes und der Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wenns thaut, wirds gr&ouml;n,</p>
+
+ <p>werden alle Jungfern sch&ouml;n.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden
+ Knaben auf der Gasse zu rufen. Eos hat t&auml;glich ihren
+ altersgrauen Gatten Titon mit Thau neu zu beleben. Hellfunkelnder
+ Thau trieft perlend hernieder und frischgr&uuml;nende Hyacinthen
+ sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera umarmt. Mit dem
+ Wasser aus dem Paradiese, erz&auml;hlt Konrad v. W&uuml;rzburg in
+ seinem Trojan. Krieg&mdash;verj&uuml;ngt Medea Jasons alten
+ Vater. Die drei Marien gehen zu des Herren Grab durch den Thau
+ (Uhland, Volksl. 832, 3):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Es giengen drei heilige Frawen</p>
+
+ <p>zu Morgens in dem Tawe.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>So sch&ouml;n ist die Geliebte, dass der Minnes&auml;nger
+ Christian von Hameln dem bethauten Anger keine hellere Zier zu
+ schenken weiss als ihren nackten Fuss darauf:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Her Anger, bitet, da&#549; mir swaere sul
+ b&#367;&#549;en</p>
+
+ <p>ein w&icirc;p, n&acirc;ch der m&icirc;n her&#549;e
+ st&ecirc;;</p>
+
+ <p>s&ocirc; w&uuml;nsche ich, da&#549; si mit
+ bl&ocirc;&#549;en f&uuml;e&#549;en</p>
+
+ <p>noch hiure m&uuml;e&#549;e &ucirc;f iu g&ecirc;.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen
+ verschiedene kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze
+ <!-- 058 --><a name="Page_058" id="Page_058"></a> Sonnnenthau
+ einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio
+ genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht
+ der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und
+ B&auml;ndern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein.
+ Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste
+ geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen
+ heilkr&auml;ftigen Thee. Sommer, Th&uuml;ring. Sag. 148. 156.</p>
+
+ <p>Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thausch&uuml;ssel,
+ Parasol und Frauenm&auml;ntelchen genannt, bietet dem Sennen
+ nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem
+ Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher
+ Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Sch&ouml;nwerth,
+ Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rong&eacute; wird zu Saintes
+ Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
+ Morgenr&ouml;the und Sonnenaufgang aromatische Kr&auml;uter
+ sammelt und sie in Oliven&ouml;lflaschen verschliesst. Wolf,
+ Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu
+ haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gef&uuml;llten und
+ verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
+ Wunderb&uuml;chlein, S. 233. Um seltne K&uuml;chenkr&auml;uter
+ jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die
+ Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit
+ einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen
+ hin vnd her, druck es au&#549; in ein sauber kandel vnd bay&#549;
+ (beize) die kre&uuml;ter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise
+ schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e<sup>3</sup> gegen Ausschlag
+ vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn
+ waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein
+ an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns
+ re&uuml;dige menschen!</p>
+
+ <p>Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also
+ mitgetheilt. In einer H&ouml;hle des Berges Harder, die vom
+ Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals
+ Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit <!-- 059 --><a name=
+ "Page_059" id="Page_059"></a> diesen Erdm&auml;nnlein in gutem
+ Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes
+ Fr&uuml;hjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo
+ ihn die Zwerge abholten und in die H&ouml;hle trugen. Sie badeten
+ damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
+ Weisszeug; zum Entgelt daf&uuml;r &uuml;berschickten sie den
+ Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders
+ gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind,
+ h&auml;ngt ihre H&ouml;hle voll milchweisser Steinzapfen, lauter
+ im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat,
+ und heisst davon das Mondmilchloch.</p>
+
+ <p>In der Normandie, der Bretagne und den Pyren&auml;en badet das
+ Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau
+ des Haberfeldes w&auml;lzt: se rouler ce jour-l&agrave; le matin
+ dans la ros&eacute;e, ou se baigner dans une fontaine guerit de
+ la gale et de toutes maladies cutan&eacute;es. De Nore, Coutumes,
+ mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
+ Saalfeldischen M&auml;dchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm,
+ Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62,
+ "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten,
+ scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich fr&uuml;h
+ nacket drein w&auml;lzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem
+ matutinum in vere, S. Walpurgisthau."&mdash;Isl&auml;nder und
+ Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten
+ wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die
+ Engl&auml;nder setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter
+ den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau
+ gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der
+ Altbaier w&auml;scht sich im Maienthau, dazu sprechend:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Das hilft f&uuml;r's Gah,</p>
+
+ <p>f&uuml;r's Bl&auml;h,</p>
+
+ <p>f&uuml;r'n U'flat.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Das Gah ist g&auml;her Tod und fallendes Uebel; Bl&auml;h die
+ Rinderaufgelaufenheit, Stillf&uuml;lli; Unflat der Aussatz.
+ Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut f&uuml;r abgehauene
+ F&uuml;sse, gut <!-- 060 --><a name="Page_060" id="Page_060"></a>
+ f&uuml;r abgehauene Arme, f&uuml;r ausgestochene Augen", so
+ sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den
+ Verst&uuml;mmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
+ "Benetze deine Augenh&ouml;hlen mit Morgenthau, der auf den
+ Baumbl&auml;ttern liegt", sprechen die drei Schw&auml;ne zu dem
+ von der Stiefmutter geblendeten M&auml;dchen. Haltrich,
+ Siebenb&uuml;rg. M&auml;rch. S. 36. 216. "Heute Nacht f&auml;llt
+ ein Thau, sagt die Kr&auml;he, so wunderheilsam: wer blind ist
+ und bestreicht seine Augen damit, der erh&auml;lt sein Gesicht
+ wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im b&ouml;hmischen
+ M&auml;rchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten
+ verk&uuml;ndete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
+ KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in
+ Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder
+ am dortigen Grabe Walburgis pl&ouml;tzlich wieder sehend geworden
+ war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305.</p>
+
+ <p>Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den
+ n&auml;her r&uuml;ckenden Mai zu vertr&ouml;sten als auf die Zeit
+ ihrer g&auml;nzlichen Herstellung. Stillschweigend ist also
+ vorausgesetzt, dass dieser Termin die besonderen Mittel
+ gew&auml;hre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. Da
+ bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
+ Halme und Bl&auml;tter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst
+ sie mit heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen
+ Augenentz&uuml;ndung blickt man eine halbe Stunde unbeschrieen in
+ den Maithau. Gegen den Wolf (fratte Schenkel) sitzt man nackt ins
+ Feld hinein. Das Rind, das an der Blutschwine, Abzehrung, leidet,
+ wird in den Thau gestellt, das Zugvieh und das Ross
+ hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
+ Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der
+ Merz ins Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem
+ thaugetr&auml;nkten T&uuml;chlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen,
+ im els&auml;ss. Sundgau, eine halbe Stunde entfernt, fliesst im
+ Orte Helgenbronn neben der dortigen Walburgiskapelle ein
+ kr&auml;ftiger Wasserquell, Helgenbronn und Kinderbrunnen
+ genannt. <!-- 061 --><a name="Page_061" id="Page_061"></a> Am 1.
+ Mai kommen die M&uuml;tter mit ihren siechen Kindern hieher, um
+ sie zu baden; h&auml;ufiger noch geschieht es auch an Johannis,
+ 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
+ Haut w&auml;scht. A. St&ouml;bers briefl. Mittheil. Kaspar
+ Scheidt, Mayenlob (abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S.
+ 316) beschreibt die allgemeine Sitte ausf&uuml;hrlich und
+ anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die Bresthaften, die ihre
+ H&auml;user nicht verlassen k&ouml;nnen, lassen sich im Mai
+ daheim warme B&auml;der zurichten, es fahren die jungen Weiber
+ darein, wenn sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und
+ wenn man daher ein Bild des Maien malt, so pflegt man zwei
+ Eheleute beisammen im Wasserbade abzubilden, oder ein mit
+ fr&ouml;hlichen Leuten unter Trommel- und Pfeifenklang dahin
+ ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
+ Gesellen.&mdash;K&ouml;nig Albrecht hatte 1308 gerade seine
+ Badefahrt beendet, im St&auml;dtchen Baden das Maifest abgehalten
+ und war auf dem Wege, seine Gemahlin Elisabeth im benachbarten
+ Rheinfelden abzuholen, als er am linken Reussufer von seinem
+ Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings erschlagen wurde.
+ Nicht lange, so ergieng gegen die M&ouml;rder die Blutrache. Ihre
+ Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften enthauptet, auch
+ nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten Tochter, so
+ erz&auml;hlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
+ sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter
+ den grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir
+ meinen frommen Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die
+ typisch gewesene allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage
+ entstanden, wiederholt sich z.B. in dem Liede vom baier.
+ Krieg:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>die Teutschen wurden wohlgemut,</p>
+
+ <p>sie giengen in der ketzer plut,</p>
+
+ <p>als wer's ain mayentawe.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".</p>
+
+ <p>Auch symbolische Maib&auml;der gab es, sowohl kirchlicher als
+ b&uuml;rgerlicher Art. Noch vor etlichen Jahren giengen
+ <!-- 062 --><a name="Page_062" id="Page_062"></a> Schulmeister
+ und Chorknaben in der Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt
+ Heilwag, von Haus zu Haus, und besprengten damit dreimal die
+ Bewohner unter den Worten:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Heiliwog, Gottesgob,</p>
+
+ <p>Gl&uuml;ck ins Hus, Ungl&uuml;ck drus!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>St&ouml;ber, Els&auml;ss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz
+ lautet dieser Spruch, nach Panzers BS. 2, 301:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>O du guter Walbernthau,</p>
+
+ <p>Bringe mir, so weit ich schau,</p>
+
+ <p>In jedem H&auml;lmlein Gras ein Tr&ouml;pflein
+ Schmalz!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes
+ M&auml;dchen, das sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen
+ ein B&auml;chlein gejagt und da begossen oder getaucht. Beim
+ Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade darf die K&uuml;belmarie,
+ "K&uuml;bele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den Brunnen
+ springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
+ 747. 986. Wer zuerst vom Pfl&uuml;gen oder Auss&auml;en
+ heimkehrt, wird in der Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit
+ einer Sch&uuml;ssel Wasser begossen. Sch&ouml;nwerth 1, 400. Zu
+ Wall in B&ouml;hmen bl&auml;st am 1. Mai der Dorfhirte alle
+ &uuml;brigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
+ Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen.
+ Reinsberg, Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu
+ Johannis gegenseitig mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth.
+ 587. Am Himmelfahrts- und Pfingsttage wurde durch jenes Loch des
+ Kirchengew&ouml;lbes, durch das die h&ouml;lzernen Figuren des
+ Salvators und der Taube emporschwebten, angez&uuml;ndetes Werg
+ auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. Wiedemanns
+ Chronik d. St. Hof.</p>
+
+ <p>Diese Z&uuml;ge f&uuml;hren &uuml;ber zum Thau- und
+ Minnetrinken. Gervasius von Tilbury (ed. Liebrecht, Otia
+ imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie zu seiner Zeit
+ in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als Pfingsttrank
+ galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) nachgewiesen,
+ dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg
+ <!-- 063 --><a name="Page_063" id="Page_063"></a> auf dem
+ &ouml;ffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe
+ 13. Jahrh. f&auml;llt die Meldung von der Waldprozession, welche
+ das Domkapitel zu Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige
+ hieb zur Ausschm&uuml;ckung des Doms. Je zwei Tage vorher hatte
+ es seit 1270 die Seelmesse f&uuml;r den Cleriker Bouteille zu
+ begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch aufs Pflaster
+ ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gef&uuml;llte
+ Weinflaschen mit der f&uuml;nften in der Mitte standen, die den
+ Chors&auml;ngern preisgegeben wurden. Fl&ouml;gel, Gesch. des
+ Groteskkomischen 170. 233. Vielleicht, dass man diesen welschen
+ M&ouml;nchsbrauch aus dem altr&ouml;mischen Feste der Anna
+ Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten m&ouml;chte, wo an den
+ Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die l&auml;ndlichen Ufer des
+ Tiber zog und hier Laub- und Schilfh&uuml;tten errichtete. So
+ manchen Schluck da der Trinker nach einander aus dem Weinbecher
+ thun konnte, auf so viele Lebensjahre hoffte er es zu bringen.
+ Allein das vom R&ouml;merthum unber&uuml;hrt gebliebne
+ Skandinavien kennt gleichwohl eine &auml;hnliche Sitte. Die
+ Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung
+ in den Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften
+ "Mark in die Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man
+ dorten nicht mehr und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa,
+ der am 1. Mai seinen Einzug in die Stadt hielt und sie von den
+ Bedr&auml;ngnissen einer langen Belagerung rettete. Allg. Augsb.
+ Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen Landschaften kennen
+ &auml;hnliche Wasser- und Weingelage, die altherk&ouml;mmlich auf
+ dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach
+ fliesst der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein
+ so besonders gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden
+ darnach zu verlangen pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem
+ Ehlborn fordern, so gilt dies als ein Zeichen ihres nahen Todes,
+ denn ein solcher Trunk, sagen die Leute, ist gleichsam die letzte
+ Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem Pfingstborn bei der
+ Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere Heilkraft zu,
+ <!-- 064 --><a name="Page_064" id="Page_064"></a> sammelte auf
+ der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, trank denselben und
+ wusch sich damit, und wenn allj&auml;hrlich die Steinauer Kinder
+ mit ihren Eltern hier heraus zum Fr&uuml;hlingsfeste zogen, so
+ trugen sie eine Menge irdener kleiner Kr&uuml;ge mit, die ihnen
+ als Trinkgef&auml;sse dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker,
+ Hess. Sag. no. 329. Zum Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde,
+ wo Wilibald die Heiden taufte, macht allj&auml;hrlich die
+ Eichst&auml;dter Schuljugend ihren Waldmarsch und geniesst
+ daselbst die f&uuml;r dies Jugendfest altgestifteten
+ Erg&ouml;tzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten
+ Walburgskirche zu holl&auml;ndisch Gr&ouml;ningen entspringt, ist
+ unversiegbar und der Schatz der Stadt. Bolland. 522. Des
+ Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder Oswald am Ifinger
+ in Tirol entspringen liess, ist schon im Vorhergehenden gedacht
+ worden. Damit der Ordelbach zu Eichst&auml;dt, der &uuml;ber eine
+ achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
+ niedergeht, beim Anschwellen im Fr&uuml;hlinge sein Felsenbette
+ nicht sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine
+ Felsenspalte in sein Wasser hinab gegossen. Sch&ouml;ppner, Bair.
+ Sagb. no. 1136. Beim Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben
+ und M&auml;dchen die Symbole der k&uuml;nftigen Ernte im Orte
+ umher, Semmel und Speck an S&auml;bel gespiesst, und Eier und
+ Butter in K&ouml;rbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
+ folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit
+ gelben Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume
+ abgezapfte Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein;
+ jedoch wohin sie beide und die vorhin genannten Maigetr&auml;nke
+ zielen, sagen uns einige im Erblassen begriffene Traditionen. Auf
+ dem Walpersberge bei Dresden sitzt in der Walburgisnacht und zu
+ beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem Stuhle und vertheilt an
+ die Anwesenden Schwerter, um zu k&auml;mpfen. Dieser Teufel ist
+ Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
+ beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden
+ Schlachtjungfrauen bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher
+ <!-- 065 --><a name="Page_065" id="Page_065"></a> tritt an die
+ Stelle Walburgis zu dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau
+ Holle und bietet den Verj&uuml;ngungstrank. Bei th&uuml;ringisch
+ Arnstadt liegt der kr&auml;uterreiche Bergwald Walperholz, der
+ einst auf seiner H&ouml;he ein Walburgiskloster getragen haben
+ soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und Jagdbuche,
+ ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut w&auml;chst, denn
+ dahin ist der Geist einer betr&uuml;gerischen Bierzapferin
+ gebannt. Sie heisst Frau Holle, in altv&auml;terischer Tracht
+ umgeht sie jene Buche und ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein,
+ DSagb. no. 587. Damit ist die &ouml;l- und &auml;lschenkende
+ Walburg als eine thauspendende Walk&uuml;re angedeutet; noch dazu
+ waltet sie in jenem durch das schon erw&auml;hnte, hier
+ abgehaltene Maifest der Arnst&auml;dter bedeutsam gemachten
+ Walde. Reynitzsch, Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben.
+ Ausdr&uuml;cklich erz&auml;hlt die Walburgislegende (Act. SS.
+ tom. 2, pg. 301, cap. V), wie F&uuml;rstent&ouml;chter an
+ Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und
+ Speise darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum
+ gebotenes Trinkgef&auml;ss (hanapp) pl&ouml;tzlich abhanden und
+ kann weder wieder zum Vorschein gebracht, noch die Art seines
+ Verschwindens ermittelt werden. Doch als die Wallfahrer, wieder
+ auf der Heimreise begriffen, sich &uuml;ber jenen Verlust
+ besprachen, stand es pl&ouml;tzlich unversehrt vor ihnen in Mitte
+ ihres Weges. Es wurde ins Kloster zur&uuml;ckgeschickt und hier
+ als ein neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein
+ runder Steinthurm hohen Alters bei der unterfr&auml;nkischen
+ Stadt Eltmann, er war von drei reichen Nonnen erbaut und konnte
+ nicht anders eingenommen werden als durch ein blindes Ross, das
+ man drei Tage hatte dursten lassen; alsdann verrieth es durch
+ Stampfen den Belagerern die geheime Wasserleitung. Im
+ benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und Drachensage
+ lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
+ Walburgisberg sind die volksth&uuml;mlichen Namen der
+ Erenb&uuml;rg, eines hohen sattelf&ouml;rmigen Berges beim
+ oberfr&auml;nkischen Dorfe Wiesentau; das urkundlich 1062 genannt
+ <!-- 066 --><a name="Page_066" id="Page_066"></a> wird und ein
+ Bestandtheil des karolinger K&ouml;nigshofes Forchheim gewesen
+ war. Des Berges Gipfel ist mit Steinw&auml;llen abgegrenzt, an
+ seinem Fusse liegen Grabh&uuml;gel, aus denen man antiquarisch
+ ber&uuml;hmtgewordene kupferne Streit&auml;xte erhoben hat. Hier
+ war das Schloss von drei sch&ouml;nen Fr&auml;ulein, die beim
+ Trocknen die W&auml;sche nur in die Luft warfen, so blieb sie
+ h&auml;ngen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel steht eine
+ Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
+ abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon
+ vor Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht
+ &uuml;ber die bl&uuml;thenreiche Landschaft ist reizend;
+ zahlreiche Wirthe sorgen f&uuml;r unersch&ouml;pfliche Libationen
+ bei den gleichzeitigen Brandopfern der duftenden Bratw&uuml;rste.
+ So erf&uuml;llt sich der alttestamentliche Segensspruch 1. Mos.
+ 27, 28, in allen Theilen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gott geb dir des Himmels Thau</p>
+
+ <p>Und die Fettigkeit der Au</p>
+
+ <p>Und die F&uuml;lle der Halmen</p>
+
+ <p>Und den Most der Palmen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die Festbr&auml;uche beim Sommerempfang, da man zu den wieder
+ fliessenden Brunnquellen in hellen Haufen hinausr&uuml;ckte, die
+ darauf gegr&uuml;ndeten &ouml;rtlichen Wasserrechte in
+ Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen geschm&uuml;ckt wie
+ ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um den
+ Ortsbrunnen steckte&mdash;haben sich als das Fest der
+ Bannbeschreitung, der Oeschprozession und des Mairittes hier und
+ da noch gefristet, und vervollst&auml;ndigen diesen vorliegenden
+ Abschnitt vom Maienthau nicht nur, sondern schliessen ihn erst
+ wirklich nachdrucksam ab.</p>
+
+ <p>Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
+ Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen
+ Benennungen der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur-
+ und Fohrumganges vorgenommen. Die ganze m&auml;nnliche
+ Bev&ouml;lkerung des Ortes, Jung und Alt, ist verpflichtet daran
+ Theil zu nehmen und wird den Tag &uuml;ber auf Gemeindekosten
+ verpflegt. Die dabei vorkommende <!-- 067 --><a name="Page_067"
+ id="Page_067"></a> symbolische Ged&auml;chtnissch&auml;rfung, die
+ an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen Marksteine mit
+ Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein stossen)
+ vorgenommen wird, ist hinl&auml;nglich bekannt; eben so wenig
+ bedarf es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den
+ Knabenpistolen verknallt und welches Weinquantum vom
+ M&auml;nnerdurst weggetrunken wird, um dann nach lustigem
+ Tagwerke dem K&uuml;chleinbackwerk entgegen zu ziehen, dessen
+ w&uuml;rziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die
+ st&auml;dtischen B&uuml;rgerschaften pfl&uuml;gten ebenso unter
+ grossem milit&auml;rischen Aufwande ihr Gebiet zu umgehen, haben
+ jedoch seit dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts der Kosten
+ wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. Dagegen haben sich
+ katholischer Seits zu Stadt und Land die Oeschprozessionen
+ reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai fallenden
+ kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den verschiednen
+ Zelgen der Dorfflur errichteten Alt&auml;ren die vier Evangelien
+ abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem
+ Wasser und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter
+ den bei diesem Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805
+ vorgeschriebnen Versikeln und Liedern schliesst ein von der
+ ganzen Gemeinde gesungenes:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Deine milde Hand giebt Segen,</p>
+
+ <p>Giebt uns Sonnenschein und Regen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen
+ Schwarzwalde abgehalten. Anderw&auml;rts geschieht dies schon am
+ Markustage, 25. Apr. In Tirol glaubt man, diese Prozession sei
+ &auml;lter als das Christenthum selbst, denn schon der Heiland
+ habe derselben beigewohnt. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 720; und
+ allerdings findet sie sich unter dem Namen Rogationes schon unter
+ den Karolingern kirchlich eingef&uuml;hrt (Rettberg, Kirchgesch.
+ 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur Abwehr
+ des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittg&auml;nge waren
+ unter dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der
+ protestantischen Bev&ouml;lkerung <!-- 068 --><a name="Page_068"
+ id="Page_068"></a> an der Elbe &uuml;blich und durch ein
+ besonderes Volksgel&uuml;bde daselbst gestiftet gewesen. Die
+ dortigen Lutheraner ruhten j&auml;hrlich drei halbe Werktage von
+ aller Arbeit und begaben sich zur Anh&ouml;rung einer Predigt,
+ durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
+ findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783,
+ 282.</p>
+
+ <p>Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der
+ Mairitt; schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei
+ Emminghaus, Memorabil. Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch
+ aus alter Zeit: Up Walpurgis, als men in den meien plach tho
+ riden na alter zede und gewonte. Die Ankenschnittenprozession zu
+ luzernisch Berom&uuml;nster wird bereits in der Urkunde von 1223
+ erw&auml;hnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
+ Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des
+ Ortes, der Dragonermannschaft und den sich anschliessenden
+ Wallfahrern zu Pferde abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz
+ folgen zu Rosse mit, vom Rosse herab wird gepredigt. Der Ritt
+ geht vom St&auml;dtlein weg auf aargauisches Gebiet nach
+ Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute haftender
+ Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
+ Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde
+ ins Maul st&ouml;sst. Diese und &auml;hnliche berittene
+ Prozessionen sind bereits ausf&uuml;hrlich beschrieben in den
+ <i>Naturmythen</i> (Leipzig 1862) S. 17; nur das mittlerweile neu
+ gefundene Material wird hier nachgetragen. Der Blutritt in
+ Schw&auml;bisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
+ nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu
+ Fusse hat man dabei schon &uuml;ber siebentausend Reiter
+ gez&auml;hlt. Franz Sauter, Kloster Weingarten 1857, 35. In den
+ oberschw&auml;bischen D&ouml;rfern findet der Maithauritt am 1.
+ Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang wieder
+ heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und l&auml;sst
+ am R&uuml;ckwege die bequem gelegnen Wirthsh&auml;user nicht
+ unbesucht. Birlinger, Schw&auml;b. Sag. 2, no. 123.
+ <!-- 069 --><a name="Page_069" id="Page_069"></a> Bei den
+ Vlamingen heissen die am 1. Mai veranstalteten kirchlichen
+ Umritte Marienprozessionen, doch f&auml;llt derjenige zu
+ Anderlecht bei Br&uuml;ssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
+ bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
+ Pistolensch&uuml;ssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit
+ verh&auml;ngtem Z&uuml;gel quer &uuml;ber die Felder, indem man
+ annimmt, dadurch werde die Ernte eine gesegnetere. Ein Bauer, der
+ sich diesem Herumtraben auf seinem Felde widersetzte, fand
+ nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. 345. In Anderlecht
+ ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem Wettjagen der
+ erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
+ B&auml;nderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die
+ Kirche gef&uuml;hrt, da mit einem Rosenkranz geschm&uuml;ckt und
+ feierlich wieder hinaus geleitet. Reinsberg, Festl. Jahr. 140.
+ Beim sg. K&ouml;nigsreiten in &ouml;sterreich. Schlesien, wobei
+ Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der Gemeinde,
+ geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
+ beste Wettrenner K&ouml;nig. In Sachsen gilt um Pfingsten das
+ Kranzreiten nach einem geschm&uuml;ckten Baum, ist aber in
+ Nietleben bereits zum "Betteln reiten" herabgesunken. Sommer,
+ Th&uuml;ring. Saga S. 154. Unsre rechtgl&auml;ubigen Bauern,
+ bemerkt &uuml;ber die fr&auml;nkische Bev&ouml;lkerung in der
+ Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre
+ Pferde am Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage
+ uns neue Kleider anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen.
+ Johannes Boem, genannt Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in
+ Unterfranken, schrieb 1530 De moribus, legibus et ritibus
+ gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio Scriptor. Wirceburg.) den
+ Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland betrifft; hier ist
+ der w&uuml;rzburgische Pfingstritt also beschrieben: Pentecostes
+ tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos habent
+ aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
+ unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert,
+ totius agri sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut
+ <!-- 070 --><a name="Page_070" id="Page_070"></a> segetes Deus ab
+ omni injuria et calamitate conservare velit. Allj&auml;hrlich
+ zweimal, am 10. Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das
+ s&uuml;dfranz&ouml;sische Dorf Villemont das Kirchenfest seiner
+ Ortsheiligen Solangia und tr&auml;gt deren Reliquien in
+ Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld heisst und
+ den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf welchem
+ das Gras stets sch&ouml;ner und dichter steht als auf dem
+ angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der
+ And&auml;chtigen, die oft bis auf F&uuml;nftausend anw&auml;chst,
+ nicht zu fassen vermag und folglich da und dorten in die Saat
+ hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon ziemlich hoch
+ steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, sondern
+ richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
+ Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637
+ mit eignen Augen &uuml;berzeugt haben soll. Das Gegentheil aber
+ erfolgte an dem Flachsacker eines Geizigen, als der
+ Eigenth&uuml;mer hier der Prozession den Durchgang verweigerte;
+ es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und die Anpflanzung
+ wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, ad diem
+ 10. Maii.</p>
+
+ <p>Solcherlei Fr&uuml;hlingsbr&auml;uche, die jungen Saaten
+ prozessionsweise zu umreiten und zu durchreiten, st&uuml;tzen
+ sich auf heidnischen und auf alttestamentlichen Glauben und
+ wollen Abbilder sein eines den G&ouml;ttern selbst beigelegten
+ gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12&mdash;Du kr&ouml;nest
+ das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von
+ Fett&mdash;liess eine Gottheit erblicken, welche das reifende
+ Kornfeld pers&ouml;nlich beschreitet und mit ihrer Fussspur
+ ertragsf&auml;hig macht, weshalb das Kirchenlied von Nikolaus
+ Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 jene Worte
+ nachdr&uuml;cklich wiederholt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Umkr&ouml;n das Jahr mit deiner Hand,</p>
+
+ <p>Mit deinen Fussstapfen d&uuml;ng das Land.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen
+ Wenden von besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl.
+ Vorzeit); von dem auf den Bergwiesen striemenweise
+ <!-- 071 --><a name="Page_071" id="Page_071"></a> fetter und
+ &uuml;ppiger wachsenden Grase sagt der Tiroler, hier ist der
+ fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der Alpgeist mit
+ schmalzigen F&uuml;ssen dr&uuml;ber gegangen (Zingerle, Tirol.
+ Sag. no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des
+ ausreitenden Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch
+ gr&uuml;ne Frucht hinziehenden gelben Streifen vorreifender
+ Korn&auml;hren. Wolf, Hess. Sag. no. 31. 56. Von den &uuml;ber
+ die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden Hufen des
+ G&ouml;tterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
+ denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet,
+ diese haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die
+ sommerlichen Strichregen und Windst&ouml;sse zu geben, dann wird
+ er sich weniger lagern und die Aehre weniger ins giftige
+ Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz nahverwandte
+ landwirthschaftliche Erfahrung st&uuml;tzt sich auch der Ritt in
+ den Maienthau. Bekanntlich h&auml;ngt die Befruchtung der
+ Korn&auml;hren vom Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung
+ der Bl&uuml;then aussch&uuml;ttelt und verbreitet. Diese
+ Verbreitung geschieht aber bei der Unregelm&auml;ssigkeit der
+ Bewegung nur unregelm&auml;ssig, daher bleiben viele H&uuml;lsen
+ der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte &uuml;bt nun
+ seit alter Zeit folgende Methode zur k&uuml;nstlichen
+ Unterst&uuml;tzung der Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten
+ des Kornackers ziehen zwei M&auml;nner ein Seil &uuml;ber der
+ H&ouml;he des bl&uuml;henden Getreides hin und streifen damit
+ gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
+ zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die
+ &uuml;brigen aber gegen das Sichlagern gest&auml;rkt und der
+ ausfallende Samenstaub wird in ihnen gleichf&ouml;rmig vertheilt.
+ So wird also Brand und Mutterkorn verh&uuml;tet, die aus einer
+ und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
+ entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen
+ verg&ouml;ttert, in Kunstgebilden dargestellt und bis auf die
+ Athene &uuml;bertragen worden. Unterhalb der Akropolis zu Athen
+ stand der Thurm der Winde, unter dessen acht Relieffiguren auf
+ einer seiner acht Seiten der <!-- 072 --><a name="Page_072" id=
+ "Page_072"></a> Ostwind (Apeliotes), der den gedeihlichen
+ Saatregen mit sich f&uuml;hrt, dargestellt war als ein Genius mit
+ heitrer Miene, gefl&uuml;gelt, mit flatterndem Gewande
+ einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb
+ tragend und neben reifenden Fr&uuml;chten eine Korn&auml;hre.
+ Droben auf der Akropolis stand die Athenestatue, die den Beinamen
+ Pandrosos (Allesbethauende) f&uuml;hrte, als eine andere Demeter
+ verehrt wurde und Aehren in der Hand trug (Welcker, Griech.
+ G&ouml;tterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie nach
+ demjenigen der drei T&ouml;chter des Cekrops, welche Aglauros
+ (Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und
+ den Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon
+ (Brand und Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten
+ dem Mehlthau steuern und waren der Athene gewidmet.</p>
+
+ <p>Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und
+ Mythe unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedr&uuml;ckt haben.</p>
+
+ <p>Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, geh&ouml;rt nach Kuhns
+ Vermuthung (Weber, Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. d&ocirc;ha
+ Milch, ableitend, von duh, ziehen, ducere, so dass also im
+ Vorgange des Thauens das Gesch&auml;ft des Melkens und
+ Milchausdr&uuml;ckens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch
+ ton heisst waschen. Hundertf&auml;ltig stimmen nun Mythen und
+ Br&auml;uche in der Annahme &uuml;berein, aus dem rechtzeitigen
+ Abstreifen des am Halme h&auml;ngenden Morgenthaues lasse sich
+ Milch und Butter gewinnen, als gediegenes Produkt fertig
+ herauspressen, und das in diesen Thau getriebene Milchthier
+ ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
+ verbietet, T&uuml;cher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter
+ den Himmel zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen.
+ Liebrecht, Gervas. Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im
+ Oekonom. Kalender besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau
+ vom schossenden Getreide mit subtilen T&uuml;chern aufzufangen
+ und diese in Gef&auml;sse auszuwinden habe, denn solcher Thau sei
+ unsres <!-- 073 --><a name="Page_073" id="Page_073"></a> Landes
+ Manna. Pr&auml;torius, Blockesberg S. 559. Grohmann, B&ouml;hm.
+ Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun verstorbenen
+ Simanek aus Kaurim. Er schm&uuml;ckte in der Walburgisnacht seine
+ Kuh mit gr&uuml;nen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst
+ nackt aus und f&uuml;hrte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt
+ dr&uuml;ckte er die thaubenetzte Decke in ein Gef&auml;ss aus,
+ indem er dabei mit den vier Zipfeln umgieng wie beim Melken, und
+ gab das gewonnene Wasser den Thieren unter die Tr&auml;nke. Sie
+ waren dann das ganze Jahr milchreich. Es ist eine von Sachsen bis
+ nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, abwechselnd um Mai, Ostern
+ oder Pfingsten, den Fr&uuml;hthau zu gewinnen, indem man die
+ Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf feierlich
+ abstreift. Die am fr&uuml;hesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
+ einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erh&auml;lt den
+ Preisnamen Dauf&auml;jer, Dauschl&ouml;pper, das wettrennende
+ Ross den Namen Thaustrauch, weil sie den ersten Thau erfolgreich
+ weggefegt haben, und werden mit dem am Rennziel auf der Stange
+ steckenden Blumenmaien oder Brodweck beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag.
+ S. 380-88. Westf&auml;l. Sag. 2, S. 165. Ebenso gilt in Holland
+ das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische Natur des
+ Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
+ voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum
+ gehen denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und
+ erhorchen die Zukunft, auf Walburgis in das gr&uuml;ne Korn, auf
+ Pfingsten ins Roggenfeld, um in Thau zu baden, mit den hinter
+ sich her gezogenen T&uuml;chern ihn aufzusammeln, daheim
+ auszupressen und so die Milch jeder fremden Weidekuh f&uuml;r
+ sich zu gewinnen. Sch&ouml;nwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
+ die Hexen in Holstein Daustr&icirc;ker. Die ao. 794 zu Frankfurt
+ versammelten Bisch&ouml;fe erkl&auml;rten eine letztj&auml;hrige
+ Hungersnoth daraus, dass der Teufel den Leuten, welche den
+ Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren ausgefressen habe:
+ experimento enim didicimus in anno, quo illa valida fames
+ irrepsit, <!-- 074 --><a name="Page_074" id="Page_074"></a>
+ ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
+ exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575.
+ Niedlich lauten die Hist&ouml;rchen von den Zwergen, die sich des
+ gleichen Vortheils zu bedienen suchen und dar&uuml;ber
+ kl&auml;glich entdeckt werden. Wenn die Zwerge im Harz in die
+ Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar machenden
+ Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick oder
+ eine lange Stange und fuhren damit oben &uuml;ber das Feld hin.
+ Damit fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden
+ sichtbar und konnten t&uuml;chtig durchgepr&uuml;gelt werden.
+ Pr&ouml;hle, Harzsag. 1, 199. 210. Um sich nun gegen die
+ Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man ihnen auf
+ folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
+ weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes
+ durch einander gesch&uuml;ttelt liegen, l&auml;sst sie vom
+ Nachtthau benetzt werden und f&uuml;ttert damit s&auml;mmtliche
+ Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. Darstellungen aus dem
+ Gebiet des Abgl., Gr&auml;tz bei Kienreich 1801, S. 9. Da auf
+ &auml;hnlich magische Weise auch der Butterraub ausge&uuml;bt
+ wird, so ist das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1.
+ Mai alle Speisen recht stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der
+ Schweiz eine dickgestrichene <i>Ankenbr&uuml;t</i>, am
+ Familientische zu essen, allen Hausthieren davon zukommen zu
+ lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
+ St&uuml;ck zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erz&auml;hlt
+ Jac. Sprenger im Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende
+ Begebenheit. An einem Maitag empfanden mehrere zusammen &uuml;ber
+ Feld Spazierende grosse Lust, frische Maibutter zu geniessen. Sie
+ standen zuf&auml;llig an einem Flusse. Ich will euch solche
+ besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein wenig. Er gieng
+ in den Fluss, setzte sich mit dem R&uuml;cken gegen den Lauf,
+ r&uuml;hrte mit den H&auml;nden r&uuml;ckw&auml;rts und es
+ dauerte nicht lange, so brachte er eine f&ouml;rmliche
+ Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai machen. Die
+ Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz <!-- 075 --><a name=
+ "Page_075" id="Page_075"></a> trefflich schmeckend.&mdash;Ein
+ aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am Maitag
+ Gras h&auml;ufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe
+ in seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen
+ versichert in seinem f&uuml;r Kaiser Max I. verfassten Liber octo
+ questionum (gedruckt bei Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in
+ der sechsten Frage: Exploratum habemus, maleficas in fluminibus
+ concitatis hausisse butyrum temporibus. Daher heisst es, in der
+ Walburgisnacht fliege der Drache um und trage seinen
+ Gl&auml;ubigen Butter und Schmalz aus fremden H&auml;usern zu.
+ Was er nicht weiter schleppen kann, speit er auf die
+ Schwindgruben; die gelbweissen Algen in Tellergr&ouml;sse, die
+ man auf dem D&uuml;ngerhaufen zuweilen erblickt, heissen daher
+ Drachenschmalz. Sch&ouml;nwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
+ demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
+ Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
+ Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste,
+ obschon dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr
+ eintragen k&ouml;nnen, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig
+ nicht aus den Blumen, sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur
+ Zeit des Siebengestirns auf die Blumen f&auml;llt;" und daher
+ erz&auml;hle Galenus, 3. B. de alimentis, die Bauern h&auml;tten
+ am Morgen, wenn sie Honig auf den B&auml;umen kleben gesehen, ein
+ Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
+ uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau
+ im Mai giebt starke Bienenschw&auml;rme. Thau und Honigfall wird
+ von einem Engel uns zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann.
+ Gedichten:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Mengmol e H&auml;mpfeli Bluememehl,</p>
+
+ <p>Mengmol e Tr&ouml;pfli Morgethau.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist,
+ so ist sie darum auch so s&uuml;ssschmeckend; denn, sagt
+ Hebel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>D&ouml;rt oben wachst kei Gras, d&ouml;rt wachse numme
+ Rosinli.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die b&ouml;hmische Haing&ouml;ttin Medulina hat ihren Namen
+ vom <!-- 076 --><a name="Page_076" id="Page_076"></a> Honigtranke
+ Meth. Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein
+ K&ouml;rbchen mit Pflanzen, in der andern einen Strauss
+ tr&auml;gt. Im Fr&uuml;hlinge tr&auml;gt das Volk Honig in die
+ W&auml;lder, stellt ihn auf die Baumst&ouml;cke und spricht:
+ Medulina, da hast du, du giebst es &uuml;bers Jahr wieder!
+ Grohmann, B&ouml;hm. Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala,
+ 15. Gesang, wird erz&auml;hlt, wie der ertrunkene
+ Lemmink&auml;inen von der Mutter wieder ins Leben gebracht wird.
+ Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
+ Sprachverm&ouml;gen verhelfen. Da fleht die Mutter ein
+ Honigbienchen an, es m&ouml;chte hinauf in den neunten Himmel
+ fliegen, wo Gott aus seinem Honigkeller die zu Schaden gekommenen
+ Kinder salbt. Das Bienchen bringt von dieser Salbe herbei, die
+ Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die Sprache kehrt auf
+ seine Zunge zur&uuml;ck.</p>
+
+ <p>Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
+ Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur
+ so weit ber&uuml;hrt werden, als dadurch der innerliche Grund
+ seiner missgestalteten Meinungen an der Hand der bisher
+ vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung gebracht werden kann.</p>
+
+ <p>F&uuml;llt der K&ouml;nigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen
+ mit dem Wasser des Lebens und heilt damit den alten kranken
+ K&ouml;nig (Grimm KM. 3, S. 178), so taucht dagegen die Hexe am
+ Walpernabend ihren Finger in sieben Bouteillen, beschmiert sich
+ damit und f&auml;hrt so auf den Blocksberg. Kuhn, Nordd. Sag. S.
+ 192. Dies aber sind urspr&uuml;nglich jene Zinnkannen und
+ silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der
+ Waldwohnung der Erdm&auml;nnchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198),
+ oder die n&auml;chtlicher Weile vom Ritterschloss Breuerberg in
+ der Wetterau zum zerst&ouml;rten Nonnenkloster Erlesberg
+ hin&uuml;ber wandern. Wolf DMS. no. 454.&mdash;Das Horn, aus
+ welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
+ verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht;
+ selbst das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung
+ gekn&uuml;pft <!-- 077 --><a name="Page_077" id="Page_077"></a>
+ (Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein
+ Kuhfuss und sein Inhalt ein seuchentr&auml;chtiger Satanstrank.
+ Mit Fackeln wird Saat und Gras aus dem Boden gez&uuml;ndet, unter
+ Glockenklang mit Musik und Gesang der Lenz geweckt, doch auch
+ dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt sich ins
+ D&auml;monische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
+ Entz&uuml;nden der n&auml;chtlichen Freudenfeuer &uuml;berall das
+ Hexenbrennen, und aus dem lustigen Fr&uuml;hlingsbrauch, die nun
+ endlich in Ruhe kommenden Besen und Sch&uuml;rgabeln in Flammen
+ aufgehen zu lassen, macht der Unverstand einen Luftritt der
+ Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst Verbrennen des
+ Satans in Bocksgestalt. W&auml;hrend noch im J. 1839 das
+ M&auml;rzfest im Bergell unter Trommelschlag und H&ouml;rnerklang
+ begangen wurde, wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden
+ trug und l&auml;utete, "<i>damit das Gras w&auml;chst</i>"
+ (Leonhardi, Rh&auml;tische Sitt. 1844), gilt im kathol. Frickthal
+ und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
+ Reifl&auml;uten im Mai, wie das Gewitterl&auml;uten im Sommer. Im
+ tiroler Innthale umgeht am J&ouml;rgentage, 24. April, die
+ russige Prozession die Felder. Mit Kuh- und Hausglocken, mit
+ Hafen und Pfannen l&auml;rmend, im unfl&auml;tigsten Sennenhemde
+ und mit berusstem Gesichte, Kr&ouml;ten und Eidechsen zur Schau
+ tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden
+ bei ihrer R&uuml;ckkehr ins Dorf daf&uuml;r beschenkt. Und damit
+ alle sittlichen Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel
+ kommen, tritt an die Stelle der rossetummelnden Saatenreiter die
+ h&auml;ssliche Bocksreiterei und der teufelsverschworene
+ Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse die Sichel
+ angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
+ ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der &ouml;sterreich.
+ Gymnas. Ztschr. 1858, 410 aus einer Hds. des Olm&uuml;zer Archivs
+ einen Segensspruch ver&ouml;ffentlicht gegen "die Pylweisse om
+ sent Wolbrygh-obent"; der Besegner giebt dabei dem Stallthiere
+ eine geweihte Kerze zu verschlucken. "Es wor am Walburgisobende
+ geschahn, <!-- 078 --><a name="Page_078" id="Page_078"></a> wenn
+ de P&uuml;lewesen osfaren", schreibt hievon der Schlesier A.
+ Gryphius, Dornrose 51 (nach Weinholds Schles. W&ouml;rtb. 1855,
+ 10). Mit Heil&ouml;l salbt die Schlachtenjungfrau den
+ wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem Brustbein fliessenden
+ Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze ausfahrende
+ Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpf&auml;lzer
+ Sagen Sch&ouml;nwerths 1, 372 ausf&uuml;hrlich besprochnen
+ Hexen&ouml;l, und wenn sie dar&uuml;ber im fremden Stalle
+ betroffen wird, "streicht ihr der Bauer daf&uuml;r den Buckel,
+ dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Th&ocirc;rs
+ Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der
+ Ackergott, ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, l&auml;sst sie
+ die vollen Garben in der Tenne austreten. Hierauf aber wird die
+ Trud zum Alp, welcher den Schlafenden auf die Brust tritt, dass
+ er erstickt, oder, wenn ihr dieser mangelt, die neubelaubten
+ B&auml;ume reitet, dass man alle Verkr&uuml;ppelungen an Eschen
+ und Fichten Trudenpf&ouml;tschen nennt. Das Stallthier wurde des
+ Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus
+ getrieben, dass es zuletzt dem thaum&auml;hnigen Rosse der
+ jungfr&auml;ulichen Walk&uuml;ren glich; statt ihrer aber liess
+ hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in den Stall
+ schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens abgehetzt
+ und voll Schweiss dastehen, nur M&auml;hne und Schweif ist von
+ unbekannter Hand in zierliche Frauenz&ouml;pfchen geflochten.
+ Statt die H&auml;user mit Maien zu schm&uuml;cken und den
+ Walbernbaum aufzupflanzen, werden so viele Ruthen auf den
+ D&uuml;ngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die Kinder machen
+ sich aus Weiden kleine Galgen und &uuml;berspringen sie in die
+ Wette; wer dabei nicht anst&ouml;sst, in dessen Hause werden die
+ Milchk&uuml;he ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224.
+ Ein f&ouml;rmliches Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt;
+ mit knallenden Peitschen werden sie aus der Dorfflur
+ hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, Hexen-Auspletschen in
+ der Oberpfalz (Sch&ouml;nwerth 1, 312), das
+ Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
+ Hinausblitzen in Deutschb&ouml;hmen <!-- 079 --><a name=
+ "Page_079" id="Page_079"></a> (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit
+ einem t&uuml;chtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die
+ Hausschwelle gesetzte Milchsch&uuml;ssel, dass kein Tropfen davon
+ drinnen bleibt; dann h&ouml;rt die Kuh auf, blaue Milch zu geben.
+ Darstell. aus d. Gebiet des Abgl. (Gr&auml;tz 1801) S. 126. So
+ weit erstreckt sich die Umwandlung alles Nat&uuml;rlichen ins
+ Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des urspr&uuml;nglich
+ so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe r&uuml;stige
+ Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13.
+ Jahrhundert vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen
+ gepredigt, so heissen diese doch immer noch sch&ouml;ne
+ Jungfrauen, die mit brennenden Wachslichtern in den St&auml;llen
+ die Thiere besorgen, dass des Morgens Wachstropfen in den
+ M&auml;hnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter schattigen
+ Waldb&auml;umen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen
+ dem Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten
+ Ausdrucke jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame
+ Abonde, die K&ouml;nigin Habundia, unsre deutsche G&ouml;ttin
+ Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es dem Hause Gl&uuml;ck und
+ Vorsput. So anfangs als Allg&uuml;tige verehrt, sind sie nun
+ feindselig und gef&uuml;rchtet; erst eine &uuml;berirdisch
+ sch&ouml;ne Holda, dann eine trief&auml;ugige Unholdin; erst eine
+ thaufrische Walburgis, unter deren Schritt der Acker von Oel
+ trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, die im peinlichen
+ Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim Hexentanze in einer
+ eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, Ztschr. f.
+ Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bev&ouml;lkerung
+ ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der
+ Heiligen Festtag heisst Wolprip&auml;&auml;w (Russwurm, Eibofolke
+ 2, 263. 1, 74. 98). Die Serben nennen den Hexenritt na Walporu.
+ Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 265. Noch bevor diese
+ Satanisierung der deutschen G&ouml;tter durch die Kirche genugsam
+ durchgef&uuml;hrt werden konnte, verwandelten sie sich mit ihrer
+ im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
+ r&uuml;ckw&auml;rtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes
+ zeigen <!-- 080 --><a name="Page_080" id="Page_080"></a> wir nun
+ die J&ouml;ten- und dann die Walk&uuml;rennatur Walburgis und
+ sind damit am Schlusse.</p>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_1_Abschnitt_6" id="Teil_1_Abschnitt_6"></a>
+
+ <h3>Sechster Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Walburg, die G&ouml;ttin der Zeugung und
+ Ern&auml;hrung.</h4><br>
+
+ <p>Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen
+ unabh&auml;ngigen Di&ouml;cesen und Stifte gab den ersten Anlass,
+ die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten,
+ w&auml;hrend man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen
+ vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die
+ Ingolst&auml;dter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten
+ der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der
+ oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg.
+ Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender
+ Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen
+ Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder
+ 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig
+ gesprochen worden, dagegen die Eichst&auml;dter Walburg sei
+ bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe
+ jener westf&auml;lischen Namensschwester zu einigem kirchlichen
+ Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der
+ Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles M&ouml;gliche
+ entgegen. Der gr&ouml;ssere Theil der dortigen alten
+ Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit
+ geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu
+ Gr&ouml;ningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der
+ <i>G&ouml;ttin</i> Walburg gewesen, und dass man in der
+ Walburgiskirche zu Veurne (Di&ouml;cese Ypern) sogar noch die
+ Stelle zeigt, wo dieser G&ouml;ttin Menschenopfer gebracht worden
+ sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c.
+ 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird
+ zugleich durch ihren Baustil unterst&uuml;tzt; die
+ <!-- 081 --><a name="Page_081" id="Page_081"></a> zu
+ Gr&ouml;ningen ist eine Rotunde mit thurm&auml;hnlichen Mauern
+ und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum
+ Nachbardorfe Helgen f&uuml;hren soll. Diejenige zu Antwerpen, in
+ der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer
+ Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und
+ die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun
+ den Walburgiscult nordw&auml;rts verfolgt, um so mehr tritt seine
+ heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem
+ bisch&ouml;flichen Bruder die vergr&ouml;berte Gestalt der Riesen
+ an. Schon im Harz wird <i>Wilibald</i> ein H&uuml;ne genannt
+ (Pr&ouml;hle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als
+ die Heerden weidende und Strandr&auml;uber vertilgende Riesin
+ Walberech. Seer&auml;uber ers&auml;uft sie, Viehdiebe frisst sie
+ lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm,
+ ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die
+ Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland
+ nach England hin&uuml;ber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine
+ gleich ungest&uuml;me Heidenfrau, menschliches Mass
+ &uuml;berschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
+ Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
+ erz&auml;hlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in
+ Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und
+ die Steine dazu von Dollgellen in der Sch&uuml;rze hergetragen.
+ Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte
+ sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen
+ von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick.
+ (Vulpius) Curiosit&auml;ten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene
+ Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
+ herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitr&auml;gen 1, Tafel
+ II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen
+ ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches
+ G&ouml;tterbild. Es ist ein &uuml;ber dem Antwerpner Steenport in
+ die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das
+ noch in seinen urspr&uuml;nglichen <!-- 082 --><a name="Page_082"
+ id="Page_082"></a> Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten
+ aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme
+ bis zur Kopfh&ouml;he anbetend empor und zieht die aus einander
+ gespreizten Beine herauf. Dass es ein G&ouml;tterbild war,
+ urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle &auml;lteren
+ Geschichtschreiber Antwerpens &uuml;berein, unter denen auch der
+ ber&uuml;hmte Bollandist Papebrochius; daf&uuml;r spricht ferner
+ die allgemeine Verehrung, deren es genoss, daf&uuml;r zeugt auch,
+ dass unfruchtbare Frauen ihm Kr&auml;nze und Blumen opferten, die
+ Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als
+ Heilpulver tranken, um bald des Muttergl&uuml;ckes theilhaftig zu
+ werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527;
+ Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye,
+ Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten
+ III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher
+ Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein K&uuml;chengeschirr
+ zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne
+ weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den
+ Anst&auml;ndigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die
+ Ortslegende, deren Gramaye erw&auml;hnt, erz&auml;hlt, dass der
+ hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische
+ Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an
+ ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingef&uuml;hrt habe.
+ Die Heiden h&auml;tten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur
+ sehr z&auml;he abgelassen, und daher r&uuml;hre denn der bei den
+ dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren
+ Hartn&auml;ckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei.
+ Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen
+ Walburgis fest, welche in der M&ouml;nchsprache Venus und, da sie
+ phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
+ Hermaphroditengestaltung entspringt aus den urspr&uuml;nglichen
+ Grundbegriffen der eddischen G&ouml;tterlehre, zu Folge welcher
+ die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins
+ Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem
+ linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott,
+ <!-- 083 --><a name="Page_083" id="Page_083"></a> erzeugt aus
+ sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackerg&ouml;ttin Walburg musste
+ doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein
+ Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch,
+ gleich dem m&auml;nnlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fr&ocirc;),
+ welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdr&uuml;cklichen
+ Beif&uuml;gung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte
+ &uuml;ber Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des
+ Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti
+ priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
+ Fricconi. Sein Name gr&uuml;ndet in der Wurzel pr&icirc; =
+ freien, woraus auch &Pi;&rho;&#943;&alpha;&pi;&omicron;&sigmaf;,
+ selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen
+ Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun
+ gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
+ Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichst&auml;dter
+ Gebiete, als dem s&uuml;ddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit
+ der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den St&auml;dten
+ Eichst&auml;dt und Weissenburg am Ausg&auml;nge des grossen
+ Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter
+ mehrfachem r&ouml;mischem Grundgem&auml;uer im Garten des
+ dortigen Wirthshauses ein antiker Steinw&uuml;rfel, dessen eine
+ Seite die Grabinschrift einer r&ouml;mischen Ehefrau, die andere
+ die eines Merkuraltares tr&auml;gt. Letztere zeigt die Herme
+ einer stark gebr&uuml;steten Frau; auf der andern ist eine nackte
+ Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen,
+ beide H&auml;nde am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den
+ Einzeltheilen vors&auml;tzlich verst&uuml;mmelt. Noch im vorigen
+ Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
+ Steinbild, um dadurch zum Kindersegen bef&auml;higt zu werden,
+ und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier
+ durchreisend den Stein besah und um ihn f&uuml;r seine
+ Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichst&auml;dter Bischof
+ wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als <i>Nahrung
+ des Wirthes</i> in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v.
+ Eichst. 1857, S. 287. Von der M&ouml;nchsweisheit wurde dieses
+ Bild abwechselnd bald der <!-- 084 --><a name="Page_084" id=
+ "Page_084"></a> G&ouml;tze Miplezeth (1 K&ouml;nige 15, 13), bald
+ Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der
+ Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit
+ der V&ouml;lker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden
+ Prinzips, die eine sp&auml;tere, ihrer S&uuml;nde bewusste Zeit
+ &auml;ngstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen
+ Bemerkung, dass schl&uuml;pfrige religi&ouml;se Ceremonien nichts
+ gemeinsam haben mit schl&uuml;pfrigen nationalen Sitten. In dem
+ Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre
+ Vorstellungen &uuml;ber Wohlanst&auml;ndigkeit veranlassen uns zu
+ glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch k&ouml;nne nichts
+ anderes als eine Erfindung der Z&uuml;gellosigkeit sein. Allein
+ es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend
+ einem Volke die Stifterin religi&ouml;ser Ceremonien gewesen
+ w&auml;re. Im Gegentheile ist es verb&uuml;rgt, dass dergleichen
+ Br&auml;uche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
+ und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit
+ in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein
+ derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend f&uuml;r ihre
+ Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in
+ abgekl&auml;rten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen
+ l&auml;cherlich erscheinen."</p>
+
+ <p>Folgerichtig wurde nun die G&ouml;ttin der Fruchtbarkeit nicht
+ nur in ihrer K&ouml;rpergestalt priapisch gedacht, sondern auch
+ die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise k&uuml;nstlich
+ geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten
+ des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl
+ gebacken, erw&auml;hnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX,
+ 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra
+ virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren
+ war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
+ 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis
+ placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis
+ obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos
+ saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die
+ <!-- 085 --><a name="Page_085" id="Page_085"></a> weiblichen
+ Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden,
+ bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und f&uuml;gt noch
+ hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains,
+ qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbr&auml;uche
+ umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu
+ &ouml;ffnen. Das Milchbrod der fr&auml;nkischen Eierweckchen, in
+ bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach
+ Kl&auml;rungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von
+ Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon (&dagger; 1803 zu
+ Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren
+ Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv
+ f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird
+ als Geschenk nur an M&auml;dchen gegeben, dagegen das
+ stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in
+ den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung
+ unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau
+ hier&uuml;ber gesungenen Schnaderh&uuml;pfeln, in denen das
+ stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obsc&ouml;ne Gebildbrod
+ der Meissner Fummeln, &uuml;ber welche Sch&auml;fer im ersten
+ Theil der deutschen St&auml;dtewahrzeichen 1858 gehandelt hat,
+ und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten
+ Nonnenkr&auml;pflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der
+ in den Cannstatter Grabh&uuml;geln aufgefundenen
+ Fr&ocirc;bildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und
+ Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA.
+ Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
+ Klausm&auml;nner, Hanselm&auml;nner, Grittebenze; in
+ Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche
+ &auml;hnlich gestaltete Brodfigur wird gew&ouml;hnlich nur die
+ Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen,
+ Br&uuml;ste, Rockkn&ouml;pfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
+ sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus
+ einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz,
+ altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also
+ die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder
+ <!-- 086 --><a name="Page_086" id="Page_086"></a> zu Antwerpen
+ und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind
+ symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der
+ Menschheit angeh&ouml;rende, und m&uuml;ssen eben darum gegen
+ unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des
+ Naturmenschen noch g&auml;nzlich schlummert.</p>
+
+ <p>Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu
+ erkl&auml;ren und mit den Hauptz&uuml;gen seines Mythus in
+ Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in
+ zwei H&auml;lften sich scheidet, in ein lichtes
+ Fr&uuml;hlingsgebiet und in ein d&auml;monisches Nachtreich, so
+ f&uuml;hrt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt.
+ Die sch&ouml;nere Seite mache hier den Beginn, weil sie
+ sprachlich die ergiebigere ist.</p>
+
+ <p>Wenn der liebende Wuotan im Fr&uuml;hlingsbeginne seine
+ Verm&auml;hlung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so
+ tr&auml;gt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio,
+ nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von
+ Brautjungfern, welche die schwanenweissen W&uuml;nschelfrauen,
+ Schwanenjungfrauen sind, nord. &ocirc;skmeyjar,
+ Wunschm&auml;dchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet
+ Lust und Liebe, und f&uuml;hrt uns sogleich 1) auf Walburgis
+ Mutter <i>Wunna</i>, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona
+ mater, und die niederdeutsche Legende eine <i>Frau Guta</i>
+ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
+ vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann f&uuml;hrt
+ Wunsch 2) auf den Namen eines der Br&uuml;der Walburgis,
+ Wunnibald: der den Wonnewunsch Gew&auml;hrende.</p>
+
+ <p>Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten
+ Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden
+ Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald
+ und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut,
+ auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name
+ kn&uuml;pft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und
+ felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd.
+ Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
+ <!-- 087 --><a name="Page_087" id="Page_087"></a> Wiliburc und
+ Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
+ K&ouml;nigstochter Werburga auch Walburg hiess: W&ecirc;rburga,
+ Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam
+ Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis
+ Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allm&auml;chtige
+ Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. S&auml;mmtliche
+ Namen in Walburgis' Sippschaft sind also n&auml;chstverwandt mit
+ den h&ouml;chsten G&ouml;tternamen. Der Himmel nun, in den jenes
+ Liebesheer gefl&uuml;gelter Jungfrauen das G&ouml;tterpaar
+ geleitet, ist Walhall, nordisch Valh&ouml;ll, und der
+ silbergedeckte Saal darin heisst Valaski&acirc;lf, der Wunschhof,
+ also eine Wahlburg, eine Burg der Auserw&auml;hlten. In gleicher
+ Namensbildung wie Walburg besteht der angels&auml;chsische Name
+ der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensb&uuml;rgschaft.</p>
+
+ <p>Allein jenem Wonnemonat der Verm&auml;hlung Odhins geht des
+ Gottes st&uuml;rmische Brautwerbung im Mittwinter (den
+ Zw&ouml;lften) voraus, wo die leidenschaftlich W&uuml;nschenden
+ zu Verw&uuml;nschten, die Liebenden zu W&uuml;thenden, ihre
+ Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexent&auml;nzen werden
+ (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann &auml;ndert sich die
+ Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin
+ Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der
+ auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres
+ Gefolges sind die Walk&uuml;ren, welche die auf dem Wal Gefallnen
+ ausw&auml;hlen und f&uuml;r den Himmel erk&uuml;ren. Die Wolen,
+ sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende
+ Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten
+ durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme,
+ ihre Br&uuml;nne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer.
+ Noch fliesst Thau aus den M&auml;hnen ihrer Rosse herab und
+ reiche Ernten tr&auml;gt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
+ zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
+ Kriegsm&auml;nteln, als fiele ein dichtes Schneegest&ouml;ber,
+ und von ihren Zauberges&auml;ngen <!-- 088 --><a name="Page_088"
+ id="Page_088"></a> verwandelt sich der Nachtthau in Reif und
+ Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, gefl&uuml;gelt
+ umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass
+ dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein
+ dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen
+ auf die Th&uuml;ren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das
+ leichenank&uuml;ndende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt
+ einer weissen Gans (Sch&ouml;nwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
+ Schwanenfuss wird zum G&auml;nsefuss verkr&uuml;ppelt, aus der
+ K&ouml;nigin Berta wird eine K&ouml;nigin Gansfuss, Reine
+ p&eacute;dauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b
+ erkl&auml;ren, warum die hl. Werburg so h&auml;ufig mit der hl.
+ Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin,
+ dass beiden die Wildg&auml;nse gehorsam gewesen seien. Dahin
+ geh&ouml;ren nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu
+ Monheim an Klumpf&uuml;ssigen geschehen, wie z.B. eine Frau
+ Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertr&uuml;dingen)
+ dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS.
+ l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenf&uuml;ssige
+ Walk&uuml;re und der f&uuml;r seinen gel&auml;hmten Fuss im Thau
+ Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv.
+ 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgel&auml;hmte nach alemannischem
+ Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland
+ die Hexe daustr&icirc;ker heisst, weil sie in sch&auml;digender
+ Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm
+ RA. 94. 630. An fr&uuml;hzeitigen Ueberg&auml;ngen des Namens
+ Walburg in das Gebiet des D&auml;monischen kann es daher nicht
+ mangeln. Walahild heisst eine der Walk&uuml;ren; Walgund ist die
+ im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene K&ouml;nigstochter;
+ Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke,
+ kriegsgewaltige K&ouml;nig (im mhd. Gedichte K&ouml;nig Laurin),
+ welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der
+ Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und
+ liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen
+ S&uuml;dlandes. <!-- 089 --><a name="Page_089" id="Page_089"></a>
+ Vala wird dorten die b&ouml;se Stiefmutter genannt im
+ M&auml;rchen von Schneewittchen. Maurer, Isl&auml;nd. Sag. 107.
+ 280. Die niederd. Hexe Valr&icirc;derske ist eine Pferdemahr, die
+ sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient,
+ schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock,
+ Myth. 421. So viel &uuml;ber den Namen Walburg, insoweit er der
+ Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der W&uuml;nschelburg
+ wohnende G&ouml;tterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin,
+ eine leichensammelnde Walk&uuml;re, ein die Fr&uuml;chte und
+ Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur
+ landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden,
+ gleich dem &uuml;brigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit
+ der Viehzucht zu thun und wird dar&uuml;ber zur G&ouml;ttin der
+ W. Jagd. Bei dem 1588 zu N&uuml;rnberg abgehaltenen grossen
+ Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anf&uuml;hrung "der
+ Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde
+ J&auml;gerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche,
+ sch&uuml;ttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer
+ Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum
+ Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdg&ouml;ttin;
+ dieser aber erwiederte: Bannet das Ungeth&uuml;m, aber nur heute
+ nicht!" Vulpius, Curiosit&auml;ten, Bd. 10, S. 397. In
+ Mitteldeutschland geht sie mit dem Gesch&auml;fte des Flachsbaues
+ und Spinnens um; in S&uuml;ddeutschland erst erscheint sie als
+ Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterw&auml;hnten
+ Gesch&auml;fte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
+ Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die
+ M&auml;gde auf den D&ouml;rfern verstecken ihre Spindeln vor
+ ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein th&uuml;ringischer Bericht,
+ Curiosit&auml;ten, Bd. 2, 472; und eine schon &auml;ltere Notiz
+ in Pr&auml;torius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
+ darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel
+ lassen, sonst machen die Hexen Bratw&uuml;rste daraus, d.h.
+ ungleichf&auml;diges Garn. Die Th&uuml;ringer geben vor, dann
+ ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das
+ Garn."&mdash;</p><!-- 090 --><a name="Page_090" id=
+ "Page_090"></a>
+
+ <p>Das schicksalwebende Wunschm&auml;dchen webt das Eheband,
+ darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits
+ erw&auml;hnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene
+ Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende
+ Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland
+ dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen
+ Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn
+ (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
+ Wunschkinder herauszusch&ouml;pfen.</p>
+
+ <p>In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott,
+ Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt
+ zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der
+ bez&uuml;gliche Schimpfname ist Hullsluder. Sch&ouml;nwerth 3,
+ 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur
+ Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. W&ocirc;d und
+ Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle
+ und Frau Hulle. Was in den Zw&ouml;lften gesponnen wird, das
+ besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle.
+ Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde <i>Verhellen</i>, bei
+ M&uuml;llenhoff 178 <i>Ver-Wellen</i>. Der bierschenkenden Frau
+ Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist
+ schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem
+ Gesch&auml;fte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
+ &auml;lschenkenden Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin werde hier
+ abgeschlossen.</p>
+
+ <p>Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten
+ Aehren oder Aehrenb&uuml;schel des Ackers, welche die Schnitter
+ zum Opfer stehen lassen, bekr&auml;nzt, umbetet, umtanzt und eben
+ so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der
+ allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde
+ des 13. Jahrh. W&ucirc;tfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat
+ ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also
+ in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen
+ ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem
+ <!-- 091 --><a name="Page_091" id="Page_091"></a> man das
+ <i>Wodelbier</i> als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische
+ Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und
+ so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende
+ pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald
+ und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren.
+ Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe
+ eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt
+ (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst
+ solchen Heilquellen das besondere Heil&ouml;l: es ist dies die
+ N&auml;hrkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich
+ bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der M&auml;hne des
+ Walk&uuml;renrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens-
+ und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die
+ Walk&uuml;re Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in
+ den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses
+ Trankes? Zum Meth f&uuml;hrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach
+ Ostern, der altbair. Bursche sein M&auml;dchen, es soll sich
+ dabei sch&ouml;n und stark trinken. Schmeller, W&ouml;rtb. 3,
+ 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem
+ h&auml;uslichen Feste fehlen darf, Alus, das B&auml;rtige, denn
+ es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat
+ H&ouml;rner, sagt er von der St&auml;rke dieses Getr&auml;nkes,
+ ja Gerste bedeutet ihm &uuml;berhaupt so viel wie Getr&auml;nk.
+ Schleicher, Litthau. M&auml;rch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
+ Wirkung des M&uuml;nchner Bockbieres pflegt der Baier eben
+ dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige
+ Walk&uuml;re Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun,
+ allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden
+ Runen, oder von Aelrun, die den G&ouml;ttern den St&auml;rketrank
+ kredenzende, so verschl&auml;gt diese doppelte Etymologie hier in
+ der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
+ Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier
+ l&auml;ngst in den Eigennamen und in die bez&uuml;glichen Symbole
+ eingedrungen. Der Skandinavier nennt das <!-- 092 --><a name=
+ "Page_092" id="Page_092"></a> Bier, das er im Heidenthum den
+ Alfen opferte (&acirc;lfabl&ocirc;t), heute das Engelbier:
+ Engel&ouml;l (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in
+ England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg.
+ 23), in Breslau Sch&ouml;ps, in Wollin Bockh&auml;nger (Klemm,
+ Nahrung, 335), in M&uuml;nchen Bock, dessen Ausschank daselbst
+ mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er
+ h&auml;lt dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch
+ f&uuml;r das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich f&uuml;r das
+ Fliessen des Walburgis&ouml;les gegolten haben.</p>
+
+ <p>Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt
+ des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt,
+ umschrieben:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Auf den Wald und auf die Wiese,</p>
+
+ <p>Mit dem ersten Morgengrau,</p>
+
+ <p>Tr&auml;uft ein Quell vom Paradiese,</p>
+
+ <p>Leiser frischer Maienthau.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wenn den Thau die Muschel trinket,</p>
+
+ <p>Wird in ihr ein Perlenstrauss;</p>
+
+ <p>Wenn er in den Eichstamm sinket,</p>
+
+ <p>Werden Honigbienen draus.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Mit dem Thau der Maienglocken</p>
+
+ <p>W&auml;scht die Jungfrau ihr Gesicht,</p>
+
+ <p>Badet sie die goldnen Locken</p>
+
+ <p>Und sie gl&auml;nzt vor Himmelslicht.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Selbst ein Auge rothgeweinet</p>
+
+ <p>Labt sich mit den Tropfen gern,</p>
+
+ <p>Bis ihm freundlich nieder scheinet</p>
+
+ <p>Thaugetr&auml;nkt der Abendstern.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 094 --><a name="Page_094" id="Page_094"></a> <a name=
+ "Teil_2" id="Teil_2"></a>
+
+ <h2>II. Verena mit dem Kamme,</h2>
+
+ <h3>die Kindsmutter.</h3>
+ <hr class="smallrule">
+ <!-- 095 --><a name="Page_095" id="Page_095"></a> <a name=
+ "Teil_2_Abschnitt_1" id="Teil_2_Abschnitt_1"></a>
+
+ <h3>Erster Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena, eine Gauheilige.</h4><br>
+
+ <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der
+ Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der
+ Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer
+ Bisthums. Verena's Weihkirchen und Alt&auml;re in der Schweiz.
+ Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches
+ Gedicht <i>von sand Verene</i>.</p>
+
+ <p>Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung
+ fr&uuml;hzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion
+ einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen
+ hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der fr&uuml;hesten
+ schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende
+ von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die
+ Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abw&auml;rts weiter
+ ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten
+ gestandenen r&ouml;mischen Legion, welche dorten zum
+ Christenthume &uuml;bergetreten, dann nach Italien und unter
+ Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu
+ Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd,
+ decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen,
+ gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
+ unerm&uuml;dlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
+ Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben
+ die &auml;ltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl.
+ Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und
+ Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in
+ <!-- 096 --><a name="Page_096" id="Page_096"></a> Z&uuml;rich
+ u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz &auml;usserlich
+ vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer
+ m&auml;rchenhaften Zuthaten, ungef&auml;hr Folgendes.</p>
+
+ <p>Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten
+ Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie
+ einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb,
+ beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich
+ hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie
+ jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm,
+ wanderte sie, um deren Gr&auml;ber zu besuchen, &uuml;ber die
+ Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem
+ letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die
+ christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom r&ouml;mischen
+ Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben,
+ als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgef&auml;hrlicher Krankheit
+ erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkth&auml;tiger Menschenliebe
+ schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt
+ sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
+ dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier
+ ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines
+ Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der
+ ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst
+ &uuml;berlassnen Auss&auml;tzigen; ihnen &uuml;berbringt sie, was
+ sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber
+ der Knecht jenes Priesters verd&auml;chtigt sie der Veruntreuung
+ im Haushalte. W&auml;hrend sie eines Tages sich wieder zu den
+ Siechen begeben will, tritt ihr argw&ouml;hnischer Herr
+ unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene
+ Knecht hebt den Deckel vom Kr&uuml;glein, das sie tr&auml;gt.
+ Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
+ des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt.
+ F&uuml;r den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem
+ Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber
+ ihrer Grabst&auml;tte ward erst eine kleine Kapelle gebaut,
+ nachmals wurden ihre <!-- 097 --><a name="Page_097" id=
+ "Page_097"></a> Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche
+ versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des
+ vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu
+ Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit
+ angesetzt.</p>
+
+ <p>Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage
+ &uuml;ber die geschichtliche Thatsache, dass und wie die
+ arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft
+ Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von
+ Reichs wegen einger&auml;umt worden war, sich der dortigen
+ R&ouml;merchristen durch milit&auml;rische
+ Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die
+ nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebr&auml;ischen
+ und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische
+ Klerus und setzte der deutsche in r&ouml;misch-kirchlichem
+ Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen
+ St&auml;dten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
+ das politische und dann das kirchliche R&ouml;merthum das
+ herrschende gewesen war. Daher finden sich die Alt&auml;re,
+ Reliquien und Historien der Theb&auml;er schon von Alters her vor
+ in Bonn, K&ouml;ln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg,
+ Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche
+ Legionenstadt der R&ouml;mer gewesen. Seit dem Jahre 1000
+ verfasst der Klerus dieser St&auml;dte die sg. Weltchroniken, als
+ deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den
+ Theb&auml;ern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend.
+ Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser
+ Art im Mittelalter besass, dar&uuml;ber sind Nachweise gegeben in
+ den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862,
+ Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch
+ nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene urspr&uuml;nglich
+ nicht zu den Theb&auml;ern geh&ouml;rte oder zu schwierig mit
+ diesen zu vereinbaren gewesen w&auml;re, denn was h&auml;tte die
+ phantastische K&uuml;hnheit dieser gelehrten M&ouml;nche nicht
+ mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
+ alemannischem <!-- 098 --><a name="Page_098" id="Page_098"></a>
+ Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur
+ allm&auml;hlich kirchliche Anerkennung fand und in den
+ &uuml;brigen Kirchensprengeln unbekannt, ja f&ouml;rmlich
+ ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Theb&auml;er wurden, volle
+ 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes
+ vorgezogen. Recht auffallende &ouml;rtliche Missverh&auml;ltnisse
+ stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten
+ ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis)
+ geschehene Enthauptung der Theb&auml;er gegr&uuml;ndet; allein er
+ l&auml;sst am 1. Sept., als dem kirchlichen Ged&auml;chtnisstage,
+ Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als
+ Einsiedler die Rhonemor&auml;ste bewohnt und urbar gemacht hatte.
+ Das gleiche Missverh&auml;ltniss findet auch in der Di&ouml;cese
+ Solothurn statt. Die beiden Theb&auml;er Ursus und Victor sind
+ Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen
+ Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber
+ zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen
+ war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar
+ tr&auml;gt die dortige am linken Ufer der Aare liegende
+ Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer
+ gew&ouml;lbten, von einem Eremiten geh&uuml;teten Kapelle
+ versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die
+ Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal
+ dasjenige Martyrologium; welches f&uuml;r die Zurzacher
+ Stiftsherren urspr&uuml;nglich das massgebende war, enth&auml;lt
+ Verenas Namen und Ged&auml;chtnissfest, wie dies unzweifelhaft
+ aus des Minoriten Paulus Schwenger R&ouml;mischem Martyrologium
+ erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. C&ouml;ln 1753, S.
+ 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas
+ kirchlicher Cultus &uuml;berhaupt erst sp&auml;t in Aufnahme
+ gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund,
+ obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der
+ dorten einheimischen Theb&auml;erlegende urspr&uuml;nglich
+ gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine
+ Alemannin, geh&ouml;rt dem Konstanzer Sprengel an und hat erst
+ diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
+ <!-- 099 --><a name="Page_099" id="Page_099"></a> Das Konstanzer
+ bisch&ouml;flich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
+ Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) l&auml;sst
+ die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen,
+ sondern gleich anf&auml;nglich zu den Alemannen kommen und da
+ heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens
+ dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen
+ doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius
+ entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn
+ Verenatag auf einen Sonntag fiele.</p>
+
+ <p>Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus
+ erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels
+ betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herk&ouml;mmlicher
+ Annahme zu Folge nach g&auml;nzlicher Zerst&ouml;rung
+ Vindonissas, des urspr&uuml;nglichen Bischofsitzes, um das Jahr
+ 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen
+ Gebietsausdehnung &uuml;ber einen grossen Theil Alemanniens
+ begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch
+ heidnischen Alemannen f&uuml;r den Christenglauben zu gewinnen.
+ Es war das ausgedehnteste aller Bisth&uuml;mer. Vom Gotthard
+ reichte es &uuml;ber den Neckar bei Marbach und zum Kloster
+ Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach
+ S&uuml;d, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen
+ Strassburg. Vor der Reformation z&auml;hlte es 1760 Pfarrkirchen,
+ 350 Kl&ouml;ster, 17,000 Priester und M&ouml;nche; nach der
+ Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
+ Diejenigen von letzteren, die f&uuml;r unsre lokale Frage
+ belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen
+ sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh.
+ gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau,
+ Schaffhausen, Z&uuml;richgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern,
+ Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
+ aufw&auml;rts &uuml;ber die Seen ins Oberhasle bis zu den
+ Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher
+ unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell,
+ der n&ouml;rdliche Theil des <!-- 100 --><a name="Page_100" id=
+ "Page_100"></a> Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft
+ Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster,
+ Sargans und das Rheinthal, als zu Chur geh&ouml;rend. Dazu
+ z&auml;hlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen
+ Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden
+ mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. W&uuml;rtemberg,
+ die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Alg&auml;u,
+ der untere Theil des &ouml;sterreich. Rheinthals nebst mehreren
+ vorarlberg. Dekanaten und Gottesh&auml;usern. Dasselbe
+ z&auml;hlte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang
+ dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also
+ mit Ausschluss der Zahl der Kinder. N&uuml;scheler,
+ Gottesh&auml;user der Schweiz, f&uuml;hrt diejenigen schweiz.
+ Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder
+ Alt&auml;re besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und
+ Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu
+ G&auml;chlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen
+ (52), zu M&uuml;lheim (55), M&auml;rst&auml;tten (57),
+ Langrickenbach (77), W&auml;rtb&uuml;hl (169), Rickenbach (172),
+ Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese s&auml;mmtlich
+ im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl.
+ Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und St&auml;fa im
+ Kt. Z&uuml;rich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S.
+ 69). Von den &uuml;brigen im Aargau, in den Kantonen und den
+ deutschen Nachbarl&auml;ndern der Verena geweihten Kirchen,
+ Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser
+ Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des
+ hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage
+ (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange
+ die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und
+ daher h&auml;tten zu ihren entfernt wohnenden Kirchg&auml;ngern
+ selbst die Erdm&auml;nnchen von Dangstetten im Schwarzwalde
+ geh&ouml;rt.</p>
+
+ <p>Uebergehend auf die Gr&uuml;ndung und fr&uuml;hesten
+ Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt
+ werden, <!-- 101 --><a name="Page_101" id="Page_101"></a> dass
+ die &auml;ltesten Stiftsurkunden in mehrfachen
+ Feuersbr&uuml;nsten und Verw&uuml;stungen verloren gegangen und
+ die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind.
+ Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
+ (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise
+ fr&uuml;hzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der
+ Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in
+ den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in
+ einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten
+ Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in
+ welchem einst seine Leiche begraben w&uuml;rde; und dieses
+ geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist
+ l&auml;ngst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine
+ Echtheit untersucht werden k&ouml;nnen. Zwischen ihr und der
+ nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl
+ durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse
+ Zeitl&uuml;cke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
+ Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach
+ von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen
+ verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch
+ Krieg und Pl&uuml;nderung dergestalt, dass es von den
+ M&ouml;nchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs
+ Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut
+ und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umge&auml;ndert
+ haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof
+ Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche
+ incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang,
+ Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in
+ diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift,
+ M&uuml;nsterkirche und Klostergeb&auml;ude abermals in Asche
+ gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so d&uuml;rftig
+ fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen
+ aus der &auml;ltesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005
+ zur&uuml;ckgeht, einige werthvolle Erg&auml;nzungen, die den
+ damaligen Ort, seine Lage <!-- 102 --><a name="Page_102" id=
+ "Page_102"></a> und Umgebung unzweifelhaft richtig
+ veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erz&auml;hlungen f&uuml;hrt
+ sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
+ Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die M&uuml;nsterkirche,
+ damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und
+ Schicksal unsre Untersuchung hernach &uuml;berzugehen hat.</p>
+
+ <p>An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine
+ altr&ouml;mische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas
+ und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht.
+ Allein man liess hier aus Nachl&auml;ssigkeit das Ewige Licht
+ ausgehen oder vers&auml;umte an den vorgeschriebnen Tagen sogar
+ die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
+ erf&uuml;llte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen
+ Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm;
+ Engelsstimmen erf&uuml;llten die Luft mit Gesange, und wenn die
+ Zurzacher W&auml;chter dar&uuml;ber verwundert dem Orte zueilten,
+ f&uuml;hlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt
+ von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard
+ (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
+ kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
+ Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse
+ her des gleichen Weges strahlende M&auml;nner, im feierlichen
+ Schritte Lieder singend, nachr&uuml;ckten, die mit Kreuzen und
+ Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Pl&ouml;tzlich
+ erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte
+ &uuml;ber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
+ verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der
+ (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals
+ eine Besch&auml;digung gezeigt h&auml;tte. Dieses Wunder ergriff
+ den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die
+ Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und
+ &uuml;bergab sie der Ortskirche unter dem Namen
+ W&icirc;hega&#549;&#549;a, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse
+ gewesen, welche einst t&auml;glich Verena gewandelt war, um den
+ Kranken ihren Beistand zu leisten.</p><!-- 103 --><a name=
+ "Page_103" id="Page_103"></a>
+
+ <p>Diese kurze Erz&auml;hlung berichtet, dass schon im 9.
+ Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer urspr&uuml;nglichen
+ Ruhest&auml;tte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die
+ Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche
+ erhoben wurde, und gew&auml;hrt eben damit volle Sicherheit
+ &uuml;ber den &auml;ltesten Ruheort der Heiligen, nemlich
+ &uuml;ber die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher
+ Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird
+ unterst&uuml;tzt von dem Passionale der W&uuml;rzburger Cartusia,
+ das bis ins 10. Jahrhundert zur&uuml;ckreicht und 1583 gedruckt
+ worden ist; in diesem heisst es: "In der N&auml;he von Zurzach
+ lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen
+ Auss&auml;tzigen und Armen." Die vorhin genannte
+ <i>Weihegasse</i> eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte
+ f&uuml;hrt, da hinaus tr&auml;gt Verena den Auss&auml;tzigen
+ Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst
+ ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine n&ouml;rdlich
+ vom Flecken am hohen Rheinufer liegende H&auml;usergruppe, lauter
+ Ruinentr&uuml;mmer der Vorburg und des Br&uuml;ckenkopfes der
+ r&ouml;mischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses
+ Kastells hat Ferd. Keller in den Z&uuml;rch. Antiquar. Mittheill.
+ 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch
+ f&uuml;nfzehn Eichenpf&auml;hle von der r&ouml;mischen
+ Jochbr&uuml;cke, etliche davon sind beim g&uuml;nstigen
+ Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse
+ M&uuml;he, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem
+ Gusslager von Kalkm&ouml;rtel. Innerhalb des r&ouml;mischen
+ Kastellgrabens liegt der H&uuml;gel Kirchlibuck mit seiner
+ kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der
+ Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo
+ stabil das &ouml;sterliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher
+ zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der
+ religi&ouml;sen Sodalit&auml;ten; derjenige Priester, der dabei
+ die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, tr&auml;gt zugleich
+ der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
+ Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision
+ voraus erblickte, <!-- 104 --><a name="Page_104" id=
+ "Page_104"></a> so zieht dann die Prozession psalmensingend mit
+ dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zur&uuml;ck.</p>
+
+ <p>Die urkundlichen Nachrichten &uuml;ber specielle, in Zurzach
+ kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J.
+ 1347 und kn&uuml;pfen sich hier an den Namen der K&ouml;nigin
+ Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnk&ouml;nigs Andreas.
+ Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in
+ ihren Brandtr&uuml;mmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
+ K&ouml;nigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne
+ Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der
+ 11,000 Jungfrauen; die F&uuml;rstin f&uuml;gt Peters- und
+ Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie
+ nachmals dem Stifte K&ouml;nigsfelden 1357: ein geschlagen
+ silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
+ 133. Bei dem h&ouml;chst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde
+ es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiens&auml;rglein" in
+ Nothf&auml;llen aus der Kirche zu nehmen und in Privath&auml;user
+ zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen
+ Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem
+ abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein
+ Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers
+ Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 w&ouml;rtlich mitgetheilt
+ steht; es ergiebt f&uuml;r unsere Zwecke: In der runden
+ vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in
+ der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der
+ kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen
+ Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem
+ Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465
+ verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae.
+ Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als
+ 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den
+ Hergang schildert Heinr. K&uuml;ssenberg, seit 1521 Kaplan im
+ benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
+ entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche,
+ Pfarrkirche, Moritzkapelle <!-- 105 --><a name="Page_105" id=
+ "Page_105"></a> und Verenagruft wurden ausger&auml;umt, in
+ letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der
+ Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach
+ Er&ouml;ffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als
+ "eine kleine Truhe, ein St&uuml;cklein von Verenas Krug und
+ Holztr&uuml;mmer von Verenas Todtenbaum". Ihre &uuml;brigen
+ Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser
+ enthielt ein in einem h&ouml;lzernen S&auml;rglein (Schrein)
+ eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
+ R&uuml;ckgratstr&uuml;mmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren,
+ zusammengebacken mit Asche und Kohle.<a name=
+ "FNanchor_NACHTRAG_2_23" id="FNanchor_NACHTRAG_2_23"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_2_23"><sup>[Nachtrag 2]</sup></a>
+ W&auml;hrend man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei
+ dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und
+ nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
+ &uuml;berbracht. Von den vier Reliquienbeh&auml;ltern blieben
+ unversehrt ein kleines vergoldetes S&auml;rglein, ein grosses und
+ der R&ouml;hrknochen eines Armes; diese drei St&uuml;cke wurden
+ nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen
+ Tages zu Zurzach, der R&ouml;hrknochen wird seitdem f&uuml;r
+ Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts
+ vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
+ fl&uuml;chtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt
+ und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem
+ Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige
+ Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen
+ Helltum und anderes, so gefl&ouml;kt worden, wider gen Zurzach."
+ Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen
+ Stiftsherren bei der Tagsatzung &uuml;ber die erlittene
+ Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchenger&auml;the
+ mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte
+ Verzeichniss der verlornen Gegenst&auml;nde schliesst mit der
+ Betheuerung: "das hochw&uuml;rdig Helthum St. Vrenen mag mit keim
+ gut bezalt werden, <i>dess wir beroubt sin worden</i>." Huber
+ l.c. 93. Unverw&uuml;stet waren allein geblieben: "Eine kupferne
+ Hand, ist verg&uuml;lt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild
+ ein beschlagen G&uuml;rteli; Silber von St. Verena
+ <!-- 106 --><a name="Page_106" id="Page_106"></a> k&ouml;pfli
+ (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift
+ Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in
+ der vorhin erw&auml;hnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig
+ genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also
+ eben dasselbe Bruchst&uuml;ck, welches der Stiftspropst Joh.
+ Huber 1869 eine kleine "k&ouml;stlich eingefasste Partikel"
+ nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze
+ Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die
+ gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das
+ Haller Pfarramt, dies k&ouml;nne man bei so vielerlei
+ Heilth&uuml;mern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
+ Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien
+ ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche
+ &uuml;bertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt.
+ Huber l.c. 131.</p>
+
+ <p>Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen
+ die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgen&ouml;ss. B&uuml;nde
+ 3, 279) zuerst Erw&auml;hnung thut und also sich ausdr&uuml;ckt:
+ ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus
+ corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene
+ desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfr&uuml;h eine
+ Heilige genannt, w&auml;hrend sie 1290, als ihr der Z&uuml;rcher
+ Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen
+ Altar stiftet, erst nur eine <i>selige</i> Jungfrau heisst.
+ Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern
+ wunderth&auml;tigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
+ kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
+ geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren
+ gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener
+ Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen
+ goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein
+ B&ouml;sewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst
+ das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da
+ &uuml;berbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
+ der Ring wieder findet. Diese vielen V&ouml;lkern ohnedies
+ gemeinsame Sage erinnert hier <!-- 107 --><a name="Page_107" id=
+ "Page_107"></a> jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen
+ vors&auml;tzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im
+ Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der
+ samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu
+ erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Gl&uuml;ck
+ nur um so geh&auml;ufter zum Gl&uuml;ckskinde zur&uuml;ckkehren
+ m&uuml;sse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
+ Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und
+ durch die T&uuml;cke eines Schalks in ihrem guten Rufe
+ beeintr&auml;chtigt; waffenlos steht das Aschenbr&ouml;del dem
+ sie vernichtenden Ger&uuml;chte ausgesetzt. Damit trifft man eben
+ auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine
+ Zeit lang dem &auml;ussern Elende preisgegeben, um dadurch
+ schliesslich in ein um so h&ouml;heres Licht empor ger&uuml;ckt
+ zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende
+ st&auml;rker als die arglistigste Bosheit.</p>
+
+ <p>Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss
+ gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische
+ Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdl&auml;ndischen
+ Theb&auml;er zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute
+ man dem hl. Moritz und seinen Legion&auml;ren die Kapelle zur
+ Aufburg, &uuml;ber ihrer sp&auml;teren Gruft die der Maria
+ geweihte Stiftskirche mit den Alt&auml;ren der Theb&auml;er. Ihre
+ Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen
+ verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und
+ aufgez&auml;hlt. Deutlich verr&auml;th sich dadurch die
+ Bem&uuml;hung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich
+ gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem
+ m&auml;nnlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666
+ Theb&auml;er und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
+ verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist z&auml;her als dieser
+ legendenbildende Mechanismus der Kirche. St&uuml;ckweise streift
+ Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie
+ umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es
+ urspr&uuml;nglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen
+ und Gebirgsstr&ouml;me einsam fortwaltende <!-- 108 --><a name=
+ "Page_108" id="Page_108"></a> Naturg&ouml;ttin. Als solche macht
+ sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.</p>
+
+ <p>Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene
+ ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte
+ Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen
+ citirt in seinem Berichte &uuml;ber die Wien. Hdss. no. 35. 42.
+ Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt
+ gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien
+ (&dagger; 29. Mai 1868) f&uuml;r vorliegende Arbeit diplomatisch
+ getreu copieren.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="linenum">[106b]</p>
+
+ <p>Von sand verene (roth)</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Verena diu edel meit,</p>
+
+ <p>als, uns da&#549; puch von ir &#383;eit.</p>
+
+ <p>Die was &mdash;&mdash; &mdash;&mdash;</p>
+
+ <p>und e&#549; quam al&#383;o,</p>
+
+ <p class="linenum">[106c]</p>
+
+ <p>Do der cheiser maximian</p>
+
+ <p>furt mauricium mit im dan</p>
+
+ <p>Her gen deutschen landen,</p>
+
+ <p>&#383;i begunde nach im belangen</p>
+
+ <p>So &#383;er, da&#549; &#383;i im f&#367;r nach,</p>
+
+ <p>wanne vil gerne &#383;i in &#383;ach.</p>
+
+ <p>Verena was ein christenin,</p>
+
+ <p>und do &#383;i quam ze meilan in,</p>
+
+ <p>Die geuangen christen</p>
+
+ <p>die heimpt &#383;i an den vristen</p>
+
+ <p>Vnd bechlagt mit in ir not,</p>
+
+ <p>dar zue &#383;i in helfe pot</p>
+
+ <p>Mit trinchen und mit e&#549;&#549;en.</p>
+
+ <p>uerena, die verme&#549;&#549;en,</p>
+
+ <p>Si lie durch nieman da&#549;</p>
+
+ <p>durch vorhte noch durch ha&#549;,</p>
+
+ <p>Swa die christen warn er&#383;lagen</p>
+
+ <p>und auch da &#383;i warn begraben,</p>
+
+ <p>Die &#383;taete s&#367;cht &#383;i alle tage</p>
+
+ <p>mit weinen vnd mit chlage.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Mit reinem leben was &#383;i &#383;us</p>
+
+ <p>pei einem, der hie&#549;, maximus.</p>
+
+ <p>Nu wart ir &#383;chir alda geseit,</p>
+
+ <p>da&#549; mauricij &#383;char preit</p><!-- 109 --><a name=
+ "Page_109" id="Page_109"></a>
+
+ <p>Durch got wer er&#383;lagen,</p>
+
+ <p>da&#549; begunde die vrowe chlagen</p>
+
+ <p>Vnd wolde nicht leng<sup>r</sup> da bestan,</p>
+
+ <p>&#383;i f&#367;r ub<sup>r</sup> die alben dan</p>
+
+ <p>Vnd ze einem wa&#549;&#549;er &#383;i quam,</p>
+
+ <p>da&#549; ist genant aram.</p>
+
+ <p>Alda vant &#383;i einen man,</p>
+
+ <p>der gevlohen was chomen dan</p>
+
+ <p>Der &#383;agt ir die rechten maere,</p>
+
+ <p>wie e&#549; mauricio ergangen waer.</p>
+
+ <p>Davon wolt &#383;i nicht furba&#549;,</p>
+
+ <p>in einer chlau&#383;e &#383;i da &#383;a&#549;</p>
+
+ <p>Mit chlage und mit leide.</p>
+
+ <p>da warn inne reine meide,</p>
+
+ <p>Der leben was al&#383;o gestalt,</p>
+
+ <p>&#383;i waer iunc oder alt,</p>
+
+ <p>Da&#549; &#383;i anders lebte nicht</p>
+
+ <p>wan chraut, arbai&#549; und anders nicht,</p>
+
+ <p class="linenum">[106d]</p>
+
+ <p>Des lebte &#383;i da&#549; gantz iar;</p>
+
+ <p>da&#549; quam auch von ier werch dar</p>
+
+ <p>Vnd des tages ein lutzel brot,</p>
+
+ <p>da&#549; man igleicher pot.</p>
+
+ <p>Nu was dapei ein getwerch,</p>
+
+ <p>da&#549; verchauft den meiden ir werch</p>
+
+ <p>Vnd chauft in da mit ettewa&#549;,</p>
+
+ <p>da&#549; die &#383;amenunge ga&#549;</p>
+
+ <p>Anders lebten die vrowen nicht,</p>
+
+ <p>gab man in aber immer icht,</p>
+
+ <p>Des enpi&#549;&#549;en &#383;i nimmer</p>
+
+ <p>und gabens durch got immer.</p>
+
+ <p>Sus was ge&#383;talt ir reines leben.</p>
+
+ <p>got hat verene den geist gegeben,</p>
+
+ <p>Da&#549; man vber al da&#549; lant</p>
+
+ <p>ir leben vil rein erchant,</p>
+
+ <p>Da&#549; man &#383;ei het fur heilic gar,</p>
+
+ <p>da&#549; auch &#383;i was furwar.</p>
+
+ <p>Wan got durch &#383;ei tet wunder</p>
+
+ <p>mit zeihen besunder.</p>
+
+ <p>Au&#549;&#383;etzig behaft macht &#383;i slecht,</p>
+
+ <p>plint, chrump macht &#383;i gerecht.</p>
+
+ <p>Solcher dinge tet &#383;i vil</p>
+
+ <p>mit got auff da&#549; zil,</p>
+
+ <p>Da&#549; man sei d<sup>r</sup> meide muet<sup>r</sup>
+ nant</p>
+
+ <p>weiten uber al da&#549; lant.</p><!-- 110 --><a name=
+ "Page_110" id="Page_110"></a>
+
+ <p>Nu was in der gegent da</p>
+
+ <p>ein richter &#383;am anderswa,</p>
+
+ <p>Der het got gar verchorn.</p>
+
+ <p>dem was der meide leben zorn,</p>
+
+ <p>Vnd da&#549; man ier &#383;o wol &#383;prach;</p>
+
+ <p>mit zorn er da&#549; an ier rach,</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wan er die vrowen vie,</p>
+
+ <p>dehein gut er ier nie geschehen lie.</p>
+
+ <p>Doch quam zaller zeit zu ir</p>
+
+ <p>ein liechter iungelinch fir<a name="FNanchor_3_3" id=
+ "FNanchor_3_3"></a><a href=
+ "#Footnote_3_3"><sup>[3]</sup></a>,</p>
+
+ <p>Der pot ier guten trost,</p>
+
+ <p>&#383;i wurde &#383;chir da von erlost.</p>
+
+ <p>Doch vragt &#383;i in, wer er wer?</p>
+
+ <p>do &#383;prach er offenwaer,</p>
+
+ <p>Er waer ir mag mauricius,</p>
+
+ <p>und mit der rede al&#383;us</p>
+
+ <p class="linenum">[107a]</p>
+
+ <p>Quamen zu mauricio hin in</p>
+
+ <p>alle die gesellen &#383;in</p>
+
+ <p>Und grue&#549;ten die vrowen &#383;chone,</p>
+
+ <p>damit &#383;chieden &#383;i davon.</p>
+
+ <p>Nu wart der&#383;elbe richter</p>
+
+ <p>vberladen mit &#383;ichtum &#383;wer,</p>
+
+ <p>Der gedacht rechte wider,</p>
+
+ <p>er lief hin und viel nider</p>
+
+ <p>Chlagunde f&uuml;r die reinen meit</p>
+
+ <p>und &#383;einen &#383;ichtvm er ir chleit.</p>
+
+ <p>Doch pat &#383;i got umb in,</p>
+
+ <p>der richter gie ge&#383;unt hin</p>
+
+ <p>Vnd mit gro&#549;&#549;er gedult</p>
+
+ <p>bat im vergeben &#383;ein &#383;chulde.</p>
+
+ <p>Da&#549; was y&#383;a getan,</p>
+
+ <p>die magt wart do leidich lan</p>
+
+ <p>Vnd gie zu iern &#383;western wider,</p>
+
+ <p>da &#383;i got diente &#383;ider.</p>
+
+ <p>Nu quamen die swest<sup>r</sup> auch in not,</p>
+
+ <p>da&#549; &#383;i ninder heten prot</p>
+
+ <p>Vnd gro&#549;&#549;en hunger liten</p>
+
+ <p>doch mit dultichleichen &#383;iten.</p>
+
+ <p>Ier werches acht man nicht ein har,</p>
+
+ <p>wan e&#549; was ein hunger iar.</p>
+
+ <p>Do verena die not er&#383;ach,</p>
+
+ <p>zu got von himel &#383;i do &#383;prach:</p>
+ <!-- 111 --><a name="Page_111" id="Page_111"></a>
+
+ <p>Wan du deiner ge&#383;chefte gist</p>
+
+ <p>ier leibnar zu rechter frist,</p>
+
+ <p>Jesu christ, du wai&#383;t wol,</p>
+
+ <p>we&#549; dein gesinde leben &#383;chol.</p>
+
+ <p>Do &#383;i da&#549; vollen ge&#383;prach,</p>
+
+ <p>vor der chlause man ligen &#383;ach</p>
+
+ <p>Viertzig &#383;ekche mit mele vol.</p>
+
+ <p>er gedacht ir not da wol,</p>
+
+ <p>Wan da&#549; prot wuchs in ier munde,</p>
+
+ <p>da&#549; &#383;i lange v&ntilde; manic &#383;tunde</p>
+
+ <p>Heten da von ier leipnar,</p>
+
+ <p>des lobt got die rein &#383;char.</p>
+
+ <p>Nu was verena, die genende,</p>
+
+ <p>chumen an ier lebens ende,</p>
+
+ <p>Vnd do &#383;i nu &#383;iech wart,</p>
+
+ <p>ier andacht &#383;ich nie verchart.</p>
+
+ <p class="linenum">[107b]</p>
+
+ <p>Da &#383;i vercheren &#383;cholt da&#549; leben</p>
+
+ <p>und den geist widergeben,</p>
+
+ <p>Do quam unser vrowe dar</p>
+
+ <p>mit der hymelischen &#383;char;</p>
+
+ <p>Vnd do verena &#383;ei er&#383;ach,</p>
+
+ <p>zu gotes mueter &#383;i do &#383;prach:</p>
+
+ <p>Wa&#549; gernde han ich,</p>
+
+ <p>da&#549; gotes mueter siechet mich?</p>
+
+ <p>Do sprach unser vrowe zu ier:</p>
+
+ <p>verena, volge mir,</p>
+
+ <p>Da hin, da du immer mer</p>
+
+ <p>vreude hast ane &#383;er.</p>
+
+ <p>Mit der rede &#383;i ver&#383;chied,</p>
+
+ <p>got ir &#383;ele da beriet</p>
+
+ <p>Der ewigen gnaden.</p>
+
+ <p>die vrowe wart begraben</p>
+
+ <p>In der chlause alda,</p>
+
+ <p>die noch hai&#549;&#549;et z<sup>r</sup>zyaca,<a name=
+ "FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href=
+ "#Footnote_4_4"><sup>[4]</sup></a><a name=
+ "FNanchor_NACHTRAG_3_24" id=
+ "FNanchor_NACHTRAG_3_24"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_3_24"><sup>[Nachtrag 3]</sup></a></p>
+
+ <p>Da got wol &#383;cheinen lie,</p>
+
+ <p>da&#549; er &#383;ei minte hie.</p>
+
+ <p>Wand nieman wirt entwert,</p>
+
+ <p>der rechter dinge an &#383;ei gert.</p>
+
+ <p>Nu derhoret got dehein pet &#383;o gern,</p>
+
+ <p>&#383;o da&#549; wir &#383;einer hulden gern,</p>
+
+ <p>Dem gibt er, der die &#383;&#367;het,</p>
+
+ <p>vil gern, &#383;wer ir geruhet</p><!-- 112 --><a name=
+ "Page_112" id="Page_112"></a>
+
+ <p>Mit hertzen und mit andacht.</p>
+
+ <p>da&#549; wir ze hulden in werden pracht,</p>
+
+ <p>Des helf uns maria</p>
+
+ <p>und ir dirne uerena. amen.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_3_3" id=
+ "Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3">[3]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>fi&eacute;r, stark und stolz.</p>
+ </div><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href=
+ "#FNanchor_4_4">[4]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>zerzyaca: Zurzach.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_2_Abschnitt_2" id="Teil_2_Abschnitt_2"></a>
+
+ <h3>Zweiter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena, die M&uuml;llerpatronin.</h4><br>
+
+ <p>Ihre Attribute: der schwimmende M&uuml;hlstein; ihre
+ &ouml;rtlichen Kleinkindersteine; die M&uuml;llerpatronin als
+ Eheg&ouml;ttin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die
+ unersch&ouml;pflichen Mehls&auml;cke. Wirthschaftsregeln am
+ Verenentage.</p><br>
+
+ <p>Allj&auml;hrlich am Verenatage lassen die M&uuml;ller im
+ aargauer Surbthale die M&uuml;hlsteine sch&auml;rfen und die
+ M&uuml;hlb&auml;che putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm
+ und Kr&uuml;glein, an allen M&uuml;hlen und Banngemarkungen des
+ Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige
+ Wohnst&auml;tte an den Str&ouml;men zu Koblenz und Zurzach
+ aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller
+ Wassergewerke beeinflussende Patronin der M&uuml;ller, Schiffer
+ und Fischer. Hief&uuml;r sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
+ &auml;ltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz
+ Mon. 6, 457. Unter den G&uuml;tern, die ein Mann zu seinem
+ Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand
+ sich eine besonders werthvolle M&uuml;hle. Als nun den Mann
+ hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er
+ wenigstens noch etwas an ihr zu schm&auml;lern und &auml;nderte
+ den Lauf des M&uuml;hlebaches, indem er ihn auf seine
+ Landst&uuml;cke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es
+ vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach
+ pl&ouml;tzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und
+ trat dann wieder in sein urspr&uuml;ngliches Bette zur&uuml;ck.
+ Nun kam <!-- 113 --><a name="Page_113" id="Page_113"></a> Jener
+ eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf,
+ was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.&mdash;Ebenso
+ b&auml;ndigt sie den Gl&auml;ubigen zu lieb die verheerenden
+ Str&ouml;me. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur
+ Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher H&ouml;he, dass er
+ alle Kornfluren &uuml;berschwemmte. Man suchte Abhilfe durch
+ Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit
+ Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die &uuml;ber die ganze
+ Feldbreite hinst&uuml;rzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur
+ Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette
+ zur&uuml;ck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
+ wieder sch&ouml;n aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen
+ bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom
+ Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt
+ mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr
+ den Mund zu und f&uuml;hrte sie mit der andern wie durch ein
+ Gew&ouml;lbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
+ W&auml;hrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale
+ wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei
+ umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der
+ Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Pr&auml;fekten
+ Hirtacus<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href=
+ "#Footnote_6_6"><sup>[6]</sup></a> und in ihrer Klause durch den
+ Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
+ ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der
+ Zelle zu sehen ist und die Krallen des B&ouml;sen
+ eingedr&uuml;ckt tr&auml;gt. Eine friedlichere Wohnstatt
+ aufsuchend, nahm sie einen M&uuml;hlstein, der an der Solothurner
+ Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs
+ Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in
+ dessen N&auml;he die Aare in den Rhein m&uuml;ndet. In der Gegend
+ w&uuml;theten eben Seuchen, von den Ausd&uuml;nstungen eines
+ Leichenackers <!-- 114 --><a name="Page_114" id="Page_114"></a>
+ herr&uuml;hrend, den der Strom unterw&uuml;hlt hatte; aber die
+ Krankheit h&ouml;rte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden
+ bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und
+ beeilte sich, eine so wohlth&auml;tige Frau zu sich heim zu
+ f&uuml;hren.<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href=
+ "#Footnote_5_5"><sup>[5]</sup></a> Auch ihren M&uuml;hlstein
+ wollte man nicht zur&uuml;cklassen. Man lud ihn auf einen Wagen
+ und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
+ blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen
+ oder Stein weiter zu schaffen; doch zur&uuml;ck nach Koblenz
+ zogen ihn die Rosse m&uuml;helos, wo er nun neben der Th&uuml;re
+ der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung
+ aufgestellt ist, geschm&uuml;ckt mit dem Schnitzbilde der
+ Heiligen. Man misst ihm &uuml;bernat&uuml;rliche Kraft bei. Auch
+ ist das Gew&ouml;lbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt
+ geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle
+ ein&auml;scherte; es h&auml;ngt voll w&auml;chserner F&uuml;sse
+ und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder
+ ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
+ erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst
+ &uuml;ber dem Steine zu lesen stand:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Auf diesem Stein hier aus der Aaren</p>
+
+ <p>Die heilig Verena ist gefahren</p>
+
+ <p>Ohne Ruder, Schiff und Schalten,</p>
+
+ <p>Wie solches geglaubt die frommen Alten.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die Koblenzer sind seitdem bew&auml;hrte Fischer und Fergen,
+ die auf den Rath der Heiligen die St&uuml;dlerzunft
+ gr&uuml;ndeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung
+ s&auml;mmtlicher Z&uuml;nfte mit eingegangen. Dieser
+ Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen
+ Landv&ouml;gten verbrieftes F&auml;hrrecht mit der Obliegenheit
+ zu, s&auml;mmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
+ befahrende Schiffe und G&uuml;ter durch <!-- 115 --><a name=
+ "Page_115" id="Page_115"></a> die dortigen Strudel (genannt
+ Laufen) zu f&uuml;hren. Am Gew&ouml;lbe der Zurzacher
+ Stiftskirche h&auml;ngt daher ein kunstreich geschmiedetes
+ Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437
+ angef&uuml;hrte ahd. Glosse lautet: <i>verenna</i> cymba; was
+ sonst ahd. ver&#383;cif heisst, nhd. F&auml;hre. Graff,
+ Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: <i>mit ferennu
+ quamun</i>, navigio venerunt.</p>
+
+ <p>Allein Verena, die M&uuml;llerpatronin, &uuml;bt zugleich auch
+ das Gesch&auml;ft der Liebesg&ouml;ttin; somit ist vorerst das
+ Einheitliche im Wesen dieses Doppelgesch&auml;ftes hier
+ nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen
+ Cultus zu entbl&ouml;ssen, der im Verenacultus nachklingt. Die
+ Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
+ Beziehungen &uuml;bertragen, die ehliche Verbindung auf die
+ Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst
+ griechisch ackern, bes&auml;en, besamen; das weibliche Saatfeld
+ heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der
+ Ausges&auml;ete (Bachofen, Gr&auml;bersymbolik 204). So hat auch
+ Mahlen und M&uuml;hle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
+ Theokrit (4, 58) ist
+ &mu;&upsilon;&lambda;&lambda;&omicron;&sigmaf; cunus; Festkuchen
+ dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den
+ grossen Thesmophorien den G&ouml;ttinnen zu Ehren in Syrakus
+ umhergetragen. Athen&auml;us XIV, 647 A. Den Sinn des griech.
+ &mu;&upsilon;&lambda;&lambda;&omega; (coire) und des Wortspiels
+ bei Petronius: molere mulierem, dr&uuml;ckt unsre eigne Sprache
+ in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert
+ die M&uuml;llerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Ich steh f&uuml;rwahr nicht aufe,</p>
+
+ <p>Ich lass dich nicht herein;</p>
+
+ <p>Ich hab die Nacht gemalen</p>
+
+ <p>Mit sechs jungen Knaben.</p>
+
+ <p>Davon bin ich so m&uuml;d.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den
+ Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die M&uuml;hle in
+ unsern &auml;ltesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der
+ Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte
+ <!-- 116 --><a name="Page_116" id="Page_116"></a> vom rheinischen
+ K&ouml;nig ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des M&uuml;llers
+ Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und
+ geboren auf der Reism&uuml;hle am bair. W&uuml;rmsee. Aretin,
+ Bair. Sag. 1803. Sch&ouml;ppner, Sagenb. no. 22. K&ouml;nig
+ Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der N&auml;he jener
+ M&uuml;hle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt
+ f&uuml;r eines der &auml;ltesten Geb&auml;ude in Hirschau. Vgl.
+ Sch&ouml;nhuth, Burgen W&uuml;rtembergs 1, 88. Meier,
+ Schw&auml;b. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im
+ w&uuml;rtemberger Schussenthale die Grieslem&uuml;hle, in der die
+ eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
+ erzogen worden. Birlinger, Schw&auml;b. Sag. no. 340. Aventins
+ Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger
+ Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der
+ h&uuml;bschen M&uuml;llerin auf der Gretelm&uuml;hle lustig
+ verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau
+ M&uuml;llerin erz&auml;hlt alles Volkslied bis auf G&ouml;thes
+ "Der M&uuml;llerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu
+ Augsburg der Name Hahnreim&uuml;hle f&uuml;r eine der
+ st&auml;dtischen M&uuml;hlen. Im M&uuml;hlgraben liegt jener
+ grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf,
+ Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des
+ erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige
+ Bergelmir sammt seiner Frau in einem M&uuml;hlkasten. Myth. 426.
+ Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden
+ Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum
+ f&uuml;hren selbst die alles verleihenden Lichtg&ouml;tter Apollo
+ und Zeus den Beinamen
+ &mu;&upsilon;&lambda;&epsilon;&upsilon;&sigmaf;, bei den
+ eleusinischen G&ouml;ttinnen wird ehliche Treue beschworen, der
+ Ceres legifera opfert die br&auml;utliche Dido, der r&ouml;mische
+ Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat
+ die wendische Braut zu sitzen, w&auml;hrend sie von ihren
+ Freundinnen zur Hochzeit geschm&uuml;ckt wird. Haupt, Lausitzer
+ Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1,
+ S. 76) von der M&uuml;hle zu verstehen, welche reines Gold und
+ treue Liebe mahlt:</p><!-- 117 --><a name="Page_117" id=
+ "Page_117"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Dort niden in jenem Holze</p>
+
+ <p>Leit sich ein M&uuml;len stolz,</p>
+
+ <p>Sie malet uns alle Morgen</p>
+
+ <p>Das Silber, das rothe Gold.</p>
+
+ <p>Dort hoch auf jenem Berge</p>
+
+ <p>Da geht ein M&uuml;lenrad,</p>
+
+ <p>Das malet nichts denn Liebe</p>
+
+ <p>Die Nacht bis an den Tag.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Damit h&ouml;rt denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der
+ Legende auf, dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem
+ M&uuml;hlsteine machen, wie Verena auf der Aare und der
+ W&uuml;stenheilige Antonius auf der Wolga. Auch die Stadtpatronin
+ Z&uuml;richs, zugleich die angebliche Gef&auml;hrtin der
+ Theb&auml;er, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt
+ gemacht haben, denn ihr M&uuml;hlstein lag einst am Seeufer bei
+ Herrliberg, da wo es urkundlich <i>Im steinin Rad</i> heisst.
+ Reithard, Sag. a.d. Schweiz.&mdash;St. Jakob von Compostella
+ macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge und landet damit
+ zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, wird mit
+ einem M&uuml;hlstein am Halse in die G&uuml;nz gest&uuml;rzt und
+ schwimmt damit in diesem reissenden Gew&auml;sser. Rader, Bavaria
+ Sancta 1, 23. Die hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins
+ Meer versenkt, gieng auf dem Wasser einher, als w&auml;re es
+ festes Feld. Sie wird allj&auml;hrlich am 1. Okt. in der
+ Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
+ Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der M&uuml;hlstein der hl.
+ Brigida ist neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der
+ innern Klosterpforte aufgestellt und wird bei
+ Krankheitsf&auml;llen als wunderth&auml;tiger Heilstein
+ ber&uuml;hrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die
+ Fl&uuml;sse und Seen sind die Adern, durch welche die
+ &auml;lteste Kultur in die L&auml;nder floss, und die M&uuml;hle
+ mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
+ denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem
+ Schnee sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der
+ Franke: M&uuml;ller und Becken schlagen sich mit S&auml;cken; der
+ Aargauer: sie putzed (die Himmlischen fegen <!-- 118 --><a name=
+ "Page_118" id="Page_118"></a> das Korn), sie ritered (sieben es),
+ der Staub fl&uuml;gt (wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie
+ sch&uuml;ttid: sch&uuml;tten die Frucht auf, die in dichtem
+ Strome aus der Worfelm&uuml;hle schiesst. Nach K&auml;rntner
+ Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott
+ Getreide in den Kasten sch&uuml;ttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3,
+ 30. Im Liede von der Himmelsm&uuml;hle (Uhland, no. 344)
+ kn&uuml;pft Matth&auml;us die Korns&auml;cke auf, Lukas
+ l&auml;sst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch
+ zusammen, dass die M&uuml;hle im alten Rechte als Freist&auml;tte
+ gilt und ein in diesem befriedeten Ort begangner Frevel mit dem
+ Tode bestraft wird. Der Schwabenspiegel bestimmt: diu m&uuml;le
+ hat ouch be&#549;&#549;er reht danne ander hiuser. swer in der
+ m&uuml;le stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem sol man
+ h&ucirc;t unde har abslahen. ist e&#549; vier schillinge wert,
+ man sol in henken. Und eben daher stand auch dem M&uuml;hlstein
+ eine besondere Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935
+ verwiesen hat. Es findet sich nemlich in einem alten Liede
+ folgende Pr&uuml;fung erw&auml;hnt &uuml;ber Beschaffenheit und
+ Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere steht am
+ Ufer des Rheins, ein M&uuml;hlstein wird gerollt; f&auml;llt er
+ rechts, so tr&auml;gt sie einen Knaben, links, ein M&auml;dchen;
+ geht er aber zu Grund, so ists ein Metzenkind.&mdash;Der
+ jungfr&auml;ulichen Verena M&uuml;hlstein aber ist ein
+ <i>schwimmender</i>; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich
+ erworbene Frucht: die auf dem Felde, in der M&uuml;hle und im
+ Mutterschosse. Bereits sind in der histor. Zeitschrift Argovia 3,
+ 15 die mehrfachen &ouml;rtlichen Felsen und erratischen
+ Bl&ouml;cke des Aargaus aufgez&auml;hlt, welche den Namen
+ Kleinkindersteine und eine dem gem&auml;sse Ortstradition an sich
+ tragen. Hier kommen nur die auf Verena bez&uuml;glichen in
+ Betracht. Jener vorhin erw&auml;hnte Felsblock in der Solothurner
+ Verena-Einsiedelei tr&auml;gt ein &uuml;ber Faustgr&ouml;sse
+ ausgerundetes Loch, das man f&uuml;r die Spuren der Hacke der
+ Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern f&uuml;r die
+ Stadt heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt
+ gleichfalls in dem eben genannten Dorfe Koblenz
+ <!-- 119 --><a name="Page_119" id="Page_119"></a> vom Kalchofen,
+ einem ofenf&ouml;rmig gew&ouml;lbten, isolirten Kalkfelsen am
+ dortigen linken Rheinufer. Derselbe Glaube herscht im
+ Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus kirchlich gereicht
+ hatte. Eine Felsh&ouml;hle beim Bergschlosse Teck auf der
+ w&uuml;rtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine
+ Sage &uuml;ber zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne
+ Knaben. Antiquarius des Neckarstroms 1740, 46.</p>
+
+ <p>Ein fernerer auf die Korn- und M&uuml;hleng&ouml;ttin
+ hindeutender Zug ist enthalten in dem Schicksale des
+ Schwesternhauses, das die Heilige zu Solothurn gegr&uuml;ndet
+ hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern konnten ihre
+ Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern Mangel. Da
+ geschah es, dass eines Morgens eine Reihe S&auml;ckchen Mehl von
+ unbekannter Hand vor die Th&uuml;re gestellt wurden und die aus
+ diesem Mehl gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen.
+ Im alten Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte,
+ heisst es dar&uuml;ber:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Dum panis victus solitus</p>
+
+ <p>exhaustus fuit plenius,</p>
+
+ <p>farris pastus positus</p>
+
+ <p>est ad fores celitus.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
+ wunders&uuml;chtig die bestimmte Zahl dieser S&auml;cke an
+ quadraginta sacci, und Christoph Greuter zu Augsburg hat sie
+ sogar in Kupfer gestochen; ein Nachstich steht in Richters
+ Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. Augsb. 1736, 42. Der
+ Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht (107a)
+ nacherz&auml;hlt zu sein:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>vor der clause man ligen sach</p>
+
+ <p>viertzig &#383;ekche mit mele vol.</p>
+
+ <p>er gedacht ir not da wol,</p>
+
+ <p>wan da&#549; prot wuchs in ier munde.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena
+ wird durch Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von
+ Halberstadt gemeldet. Wenn da der Bauer zwischen Weihnachten und
+ Dreik&ouml;nig, zur Zeit der Zw&ouml;lften, <!-- 120 --><a name=
+ "Page_120" id="Page_120"></a> sein Mehl von der Boitzenburger
+ M&uuml;hle heimf&auml;hrt, so begegnet ihm Fr&ucirc; Freen und
+ verlangt, dass er die S&auml;cke &ouml;ffne und ihren Hunden
+ aussch&uuml;tte. Thut er dies folgsam, so findet er die
+ S&auml;cke wohlgef&uuml;llt des andern Tages an derselben
+ Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name zusammengefallen in den
+ der Heideng&ouml;ttin Fr&ecirc;a (wie Paulus Diaconus Wodans
+ Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zw&ouml;lften sich an die
+ Spitze der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick
+ (ein Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zw&ouml;lf Jagdhunden
+ das Land durchst&uuml;rmt. Der Name Fr&ecirc;ne wird von Kuhn
+ l.c. S. 414 und 415 ausdr&uuml;cklich als um Halberstadt
+ bestehend best&auml;tigt, und der vierte Abschnitt unsres
+ vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
+ Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der
+ aargauischen Gauheiligen erl&auml;utern.</p>
+
+ <p>Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche
+ abgebildet werden, Brod und Wein &uuml;berbringend. Bereits hat
+ der spottlustige Nachbarscherz sich dieses Zuges der
+ Verenalegende zu seinen &ouml;rtlichen Schw&auml;nken bedient. Er
+ erz&auml;hlt, wie einst das kleine St&auml;dtchen Klingnau an der
+ Aare von einer Feuersbrunst so ganz zerst&ouml;rt worden, dass
+ auch s&auml;mmtliche Kirchenglocken mitverbrannten und man sich
+ mit einer irdenen behelfen musste, deren Schall denn nicht weit
+ reichte. Mit dieser musste man l&auml;uten, als die hl. Verena
+ auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom herab gefahren kam.
+ Kling au! rief man &auml;rgerlich zur stummen Glocke empor, in
+ der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
+ Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
+ t&auml;gliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem
+ gilt der Spottreim:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wenig Brod und s&ucirc;re W&icirc;:</p>
+
+ <p>ach Gott, wer m&ouml;cht' au z'Klinglau s&icirc;!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd
+ eines Priesters in Zurzach habe sich Verena die t&auml;gliche
+ Nahrung abgebrochen, um die benachbart wohnenden Siechen damit zu
+ speisen. Dar&uuml;ber der Entwendung verd&auml;chtigt,
+ <!-- 121 --><a name="Page_121" id="Page_121"></a> tritt ihr der
+ argw&ouml;hnische Priester pl&ouml;tzlich in den Weg und
+ untersucht. Doch der Wein in ihrem Kr&uuml;glein ist nun in
+ Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt,
+ beides als zur Reinigung der Auss&auml;tzigen dienend. Daher
+ kommt es, dass die Bilds&auml;ulen Verenas bald Waschkanne und
+ Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf in der Hand haben. Das
+ Kr&uuml;glein der Heiligen ist, wie die &auml;lteste Aufzeichnung
+ berichtet, urspr&uuml;nglich steinern gewesen und hatte die Form
+ einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht
+ nothwendig die des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das
+ Trockengem&auml;sse vor Alters steinern war. Das Z&uuml;rcher
+ Frauenm&uuml;nsterstift berief sich 10. Christm. 1282 auf einen
+ in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
+ Klostergr&uuml;nder K&ouml;nig Ludwig das Mass eines
+ <i>Kornviertels</i> hatte aushauen lassen. Geschichtsfreund 8,
+ 19.</p>
+
+ <p>Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der
+ gleichfalls unbeachteten Gestalt einer andern deutschen
+ Gauheiligen aufzuzeigen. Es ist dies die Kraichgauer und Tiroler
+ Heilige Notburga, von deren Cultus Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587,
+ und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 berichten. Auch sie
+ z&auml;hmte wilde Str&ouml;me, lehrte Acker- und Weinbau, pflegte
+ und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
+ mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl.
+ Verena, mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen
+ Ged&auml;chtnisse fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler
+ Schlosse Rothenburg im untern Innthal und hatte die Schweine zu
+ f&uuml;ttern. F&uuml;r jeden Armen sparte sie sich eine
+ Sch&uuml;rze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
+ geiziger Sp&auml;her sie dar&uuml;ber anhielt, verwandelte sich
+ die Gabe in Hobelscheiten und in Sautr&auml;nke. Als sie auf dem
+ Bauernhofe Eben im Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte
+ Segen in den gesunknen Hausstand zur&uuml;ck; wollte man sie
+ jedoch &uuml;ber die Feierabendzeit im Felde fortarbeiten lassen,
+ so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die Sichel in die
+ H&ouml;he, <!-- 122 --><a name="Page_122" id="Page_122"></a>
+ liess sie aus und diese blieb in der Luft h&auml;ngen. Sie ist
+ die Patronin der Dienstm&auml;gde geworden, wie sie selbst in
+ ihrem Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren
+ Leichenwagen spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen,
+ wohin sie wollten. Als sie an den br&uuml;ckenlosen Inn kamen,
+ wich der Fluss zur&uuml;ck und liess Wagen und Leichengefolge
+ trocknen Fusses hin&uuml;berschreiten. Jenseits auf dem
+ Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
+ errichtete eine Kapelle &uuml;ber dem Grabe, die seit 1434 zur
+ Wallfahrtskirche vergr&ouml;ssert wurde. Auch ihre ehemalige
+ Magdkammer im Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut
+ worden. Panzer, BS. 2, no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam,
+ &uuml;berschwamm sie auf einem schneeweissen Hirschen den Neckar
+ und verbarg sich in einer H&ouml;hle, die beim w&uuml;rtemberger
+ Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg her
+ &uuml;berbrachte ihr der Hirsch t&auml;glich das Brod, ans Geweih
+ gespiesst, und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr
+ Grab. Jetzt noch zeigen die Kraichgauer &uuml;bers Feld hin den
+ Weg, welchen das treue Thier einschlug. Ueber die hl. Rategundis
+ von bair. Wolfratshausen berichtet Jac. Schmid, Leben hl. Hirten
+ und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als Dienstmagd auf dem Schlosse
+ Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und Butter von ihrer
+ t&auml;glichen Kost sich abgespart und den Auss&auml;tzigen des
+ n&auml;chsten Siechenhauses zugetragen; als der argw&ouml;hnische
+ Schlossherr sie auf dem Wege dahin betraf und untersuchte,
+ verwandelte sich Butter und Milch in ihrer Sch&uuml;rze in einen
+ Strehl und in warme Lauge.</p>
+
+ <p>Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
+ landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
+ Verenatag kn&uuml;pften.</p>
+
+ <p>Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner
+ Zins-, Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing,
+ S. 76) verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein
+ Murmotten (Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit
+ diesem Tage geht <!-- 123 --><a name="Page_123" id=
+ "Page_123"></a> noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder
+ auf. In den V Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau,
+ Kulm, Lenzburg und Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit
+ ihr also auch derselbe Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine
+ dieser f&uuml;nf "geschlossnen Zeiten" dauerte acht Tage vor dem
+ ersten Sonntag vor Verenentag bis acht Tage nach dem auf Verena
+ n&auml;chstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit hat im J. 1595
+ in Folge der Kirchenreformation vier j&auml;hrliche
+ Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag
+ angesetzt. Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.&mdash;Das
+ "Verzeichnuss der Statt Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688
+ (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 die obrigkeitlichen
+ Visitationen der Weinkeller allj&auml;hrlich auf Verena und
+ Martini an.</p>
+
+ <p>Von den Bauernregeln &uuml;ber die Witterung am 1. September
+ sind unter unserer Landbev&ouml;lkerung folgende &uuml;blich.</p>
+
+ <p>Wenn's Vreneli z'morndes s'Chr&uuml;egli &ucirc;sleert,
+ draejet, l&ouml;set, umg'heiet, br&uuml;nnelet&mdash;und z'Abig
+ s'Chitteli wider tr&ouml;chnet, denn isch guet; denn solch ein
+ richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
+ Keimung des Samens besonders g&uuml;nstig. Wenn es an Verena
+ sch&ouml;n Wetter war, so erz&auml;hlen die Bauern im Frickthaler
+ Dorfe Gansingen, so sassen unsre Leute am Tische und assen ruhig
+ ihr Vesperbrod; wenn es aber regnete, so hiengen sie den Kornsack
+ an und standen zum S&auml;en hinaus. Wenns a d'Verena regnet,
+ muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn aber nit, so chan
+ er's fr&ouml;lich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner Bauer
+ muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
+ sein Brods&auml;cklein, das Zimmis-ch&ouml;rbli, worin der
+ Abendimbiss ist, mit ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am
+ Kummetkopf. Illustrirte Schweiz 1862, 259.&mdash;</p>
+
+ <p>Verenatag g&uuml;nnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem
+ Tage, heisst es, ist alles Obst reif und der Fruchtstiel
+ abgetrocknet; ist es aber ein strenger Regentag, so fault das
+ Obst hernach auf den Hurden.</p><!-- 124 --><a name="Page_124"
+ id="Page_124"></a>
+
+ <p>A d'Vrenetag got der Chabis uf e R&ocirc;t; der Krautskopf
+ berathet sich, ob er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt
+ er nicht zu, so ist er daheim geblieben und nicht mit in Rath
+ gegangen. Vrein am Rain tr&auml;gt s' Abendbrod heim: das
+ Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs Feld gebracht,
+ s' Vreneli z&uuml;ndt a, und s' Mareili l&ouml;scht ab: die
+ Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesn&auml;chte
+ begannen mit 1. Sept.; mit Mariae Verk&uuml;ndigung, 25.
+ M&auml;rz, giengen sie wieder zu Ende. Heute aber beginnen die
+ Lichtarbeiten gew&ouml;hnlich erst mit 2. Nov. und schliessen mit
+ dem Josephstag, 19. M&auml;rz.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_5_5" id=
+ "Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5">[5]</a>
+
+ <div class="note">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>A Solodoro igitur</p>
+
+ <p>discedens proficiscitur,</p>
+
+ <p>ubi Rhenus labitur,</p>
+
+ <p>Zurziacham graditur.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei
+ Eberhardus Ratdolt.</p>
+ </div><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href=
+ "#FNanchor_6_6">[6]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis
+ inflammavit, sagt die Originallegende; erst sp&auml;ter wird
+ der Name Hirtacus dazu gef&uuml;gt. Auch das mhd. Gedicht nennt
+ ihn einfach Richter.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_2_Abschnitt_3" id="Teil_2_Abschnitt_3"></a>
+
+ <h3>Dritter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4><br>
+
+ <p>Ihre &ouml;rtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und
+ Wasserkirchen; die ihr geopferten M&auml;dchen- und
+ Brautkr&auml;nze; ihr Geburtsg&uuml;rtel, Haarkamm und Waschkrug;
+ ihre &ouml;rtlichen und kirchlichen Heilquellen.
+ Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachkl&auml;nge von
+ der Gewitterriesin: das Vrenelisg&auml;rtli am Gl&auml;rnisch
+ u.s.w.</p>
+
+ <p>Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige
+ verleiht, und stellen hief&uuml;r diejenigen Erz&auml;hlungen
+ voran, welche der &auml;ltesten zwischen die Jahre 1005 bis 1032
+ fallenden Aufzeichnung der Verenalegende (bei Pertz 6, 457)
+ angeh&ouml;ren. Diese von G. Waitz nachgewiesene Zeitbestimmung
+ gilt namentlich auch f&uuml;r diejenigen Thatsachen, &uuml;ber
+ welche der Verfasser jener Bruchst&uuml;cke entweder als
+ Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen
+ jener Periode ankn&uuml;pft.</p>
+
+ <p>Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe
+ <!-- 125 --><a name="Page_125" id="Page_125"></a> Machthilde
+ lange kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach
+ ins Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches
+ Almosen, und in der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die
+ Herzogin einen Thronfolger.</p>
+
+ <p>Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte
+ Gerbirga geehlichet, des vorhin erw&auml;hnten Burgundenherzogs
+ Konrad Tochter, und obwohl schon mehrere T&ouml;chter, doch noch
+ keinen Sohn bekommen. Sobald aber die Eltern zum Grabe Verenas
+ wallten, wurden sie auch mit einem solchen begl&uuml;ckt. Dieser
+ war, wie Casp. Lang beif&uuml;gt (Histor. theol. Grundriss der
+ christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht zu
+ seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.</p>
+
+ <p>Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in
+ zweiter Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der
+ Regierung nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen,
+ machten die beiden Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und
+ &uuml;bernachteten daselbst im Stifte. Hier tr&auml;umte
+ Reginlinda von der Empf&auml;ngniss, die sie sich w&uuml;nschte,
+ und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
+ Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.</p>
+
+ <p>Eine adelige Frau im Elsass hatte fr&uuml;herhin in
+ kinderloser Ehe gelebt, hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und
+ dann drei T&ouml;chter bekommen. Durch die hl. Verena hingegen
+ erhielt sie erst noch Zwillingss&ouml;hne, denn diese Heilige
+ besonders ist es, welche die Eltern mit M&auml;dchen und Knaben
+ begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf &ouml;fters von den
+ Zurzacher Stiftsherren eingeladen worden, er m&ouml;chte sich zu
+ ihnen begeben, die Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so
+ geringen Theil seines Reichthums opfern, daf&uuml;r werde er
+ seinen Wunsch nach S&ouml;hnen erf&uuml;llt sehen. Jedoch er
+ spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns diese
+ Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
+ Unverm&ouml;genden und an Mannesart <!-- 126 --><a name=
+ "Page_126" id="Page_126"></a> die Allerletzten? Darauf wurde sein
+ Weib vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.</p>
+
+ <p>Ein H&ouml;riger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches
+ Weib geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach
+ zufiel, entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins,
+ sondern sie liessen sich auch in allerlei Schm&auml;hungen
+ &uuml;ber derlei Pflichtigkeiten aus und machten sich sammt ihren
+ Kindern zuletzt ganz aus der Gegend fort. Daf&uuml;r starben er
+ und sein Weib eines j&auml;hen Todes, und seine Nachkommenschaft,
+ die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchg&auml;ngig an
+ Gliederl&auml;hmung.</p>
+
+ <p>So viel erz&auml;hlen die &auml;ltesten Aufzeichnungen der
+ Legende &uuml;ber den durch Verena gespendeten Ehesegen; nicht
+ besonders mit erw&auml;hnt aber ist, dass derselbe herstammt aus
+ der in dortiger Stiftskirche fliessenden Heilquelle. Man steigt
+ zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen hinab und
+ sch&ouml;pft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
+ wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut-
+ und Augen&uuml;bel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders
+ dienlich sein; auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld
+ gesprengt und vertilgt das Ungeziefer. Von diesem Umstande
+ scheint nachfolgende Ortssage zu handeln, die man der Mittheilung
+ des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, &dagger; zu Heidelberg,
+ verdankt.</p>
+
+ <p>Eine Zurzacher Frau war W&ouml;chnerin und schickte ihren Mann
+ bei Nacht in das St&auml;dtchen Klingnau hin&uuml;ber, um eine
+ Ammenfrau herbeizuholen, deren es im damaligen Dorfe Zurzach noch
+ keine gab. Der Weg dahin geht stundenweit &uuml;ber den sehr
+ wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen Felsentreppen ersteigt
+ man die letzte H&ouml;he zum Rothen Kreuz, einer einzelnen
+ Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter
+ Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gef&uuml;rchteter Spukort.
+ Wer seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun vers&auml;umt hat,
+ muss nach dem Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen
+ M&auml;nner her, die man ein knarrendes W&auml;gelchen &uuml;ber
+ die Waldwipfel <!-- 127 --><a name="Page_127" id="Page_127"></a>
+ hinfahren sieht, oder die ledig laufenden Rosse, die sich vom
+ Begegnenden an das Halstuch binden lassen, dann aber zu einer
+ Gr&ouml;sse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand mehr zu ihnen
+ emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
+ wohlbekannte H&ouml;he erreichte, soll, wie man berichtet,
+ dichtes Geb&uuml;sch ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er
+ verirrte und statt nach Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu
+ deren M&uuml;ndung in den Rhein gerieth. Denn am andern Morgen
+ fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz oberhalb des dortigen
+ Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese Erz&auml;hlung
+ scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtsh&uuml;lfe
+ zun&auml;chst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in
+ dem fremden Aarthale zu Klingnau h&auml;tte suchen sollen. Denn
+ daf&uuml;r eben fliesst in der Zurzacher Stiftskirche jener
+ heilkr&auml;ftige Brunnen. Die hier hinabsteigenden Wallfahrer
+ d&uuml;rfen sich einen Krug voll unentgeltlich sch&ouml;pfen,
+ dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
+ Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augen&uuml;bel an;
+ letzteres ein Brauch aus der fr&uuml;hesten Zeit des
+ Christenthums, dem schon Gregorius von Nazianz das Wort redet. So
+ heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. Gallen geholt,
+ gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. Grundriss
+ (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
+ Gertrudislegende erz&auml;hlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein
+ blindes Eheweib wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der
+ Nivellerkirche gef&uuml;hrt und kommt hier zuf&auml;llig unter
+ eine der Kirchenlampen zu stehen, welche trieft und des Weibes
+ Mantel besch&uuml;ttet. Die Umstehenden nehmen daraus Anlass, der
+ Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch auf
+ der Stelle sehend.</p>
+
+ <p>Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender
+ Wirkung besitzt die Heilige in den B&auml;dern der Stadt Baden.
+ Dies ist das Verenabad, das von je her ein Freibad gewesen war,
+ dessen sich Arme und Presthafte unentgeltlich bedienen konnten.
+ Vormals lag es unter offnem Himmel; <!-- 128 --><a name=
+ "Page_128" id="Page_128"></a> nunmehr hat es Einwandung und
+ Bedachung; in seinem unmittelbar &uuml;ber der Quelle gebauten
+ Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen Platz,
+ die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt
+ werden.</p>
+
+ <p>Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin
+ durch eine Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht
+ eine Steins&auml;ule errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten
+ Figur der Heiligen. Junge Ehefrauen, die sich nach einem Erben
+ sehnen, verschaffen sich hier des Nachts, wenn das verbrauchte
+ Wasser abgeflossen ist, durch den Bademeister heimlich Zutritt;
+ sie senken ein Bein in die R&ouml;hre hinab, durch die der
+ Sprudel emporwallt, lassen es recht durchw&auml;rmen und sind der
+ sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen
+ Erf&uuml;llung ihrer m&uuml;tterlichen W&uuml;nsche. Das Alter
+ dieses Frauenbrauches erhellt aus der 1578 zu Basel erschienenen,
+ von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten "Wahrhaftigen und
+ fleissigen Beschreibung der uralten Statt und Graveschafft Baden,
+ sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem Erg&ouml;w
+ gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
+ abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil,
+ wann ein unfruchtbare Fraw darinnen bade, v&ntilde; ein f&#367;ss
+ in dz loch stosse, da dz wasser herf&uuml;r quillet, es werde St.
+ Verena bey Gott erwerben, dz sie fruchtbar werde."&mdash;Dass
+ dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter gewesen, lernt man aus
+ Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom Teich der Frau
+ Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie
+ gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die
+ neugebornen Kinder." Diese m&uuml;tterliche G&ouml;ttin Holda
+ gleicht also vollkommen der von den Albanesen verehrten
+ Geburtsg&ouml;ttin Ora, einem W&uuml;nschelweibe, verm&ouml;ge
+ deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in
+ der es gew&uuml;nscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes.
+ M&auml;rch. 1, S. 37. Holda h&uuml;tet die Seelen der Ungebornen
+ unter dem Spiegel der Brunnen, &uuml;bergiebt sie als
+ Fr&ouml;schlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch
+ <!-- 129 --><a name="Page_129" id="Page_129"></a> f&uuml;r die
+ geb&auml;renden M&uuml;tter, damit sie ins leibliche Dasein
+ eingehen k&ouml;nnen, und nimmt die unm&uuml;ndig wieder
+ Hinsterbenden abermals zu sich in die kristallne Tiefe. Daher
+ stammt die allverbreitete, &uuml;berall lokalisirte Sage von den
+ Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
+ herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgen&auml;hrt werden.
+ Schon altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum
+ Preise der geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau;
+ so um 1260 der Dominikanerm&ouml;nch Eberhart von Sax, der von
+ der Mutter Gottes sagt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>du bist der gezeichent brunne,</p>
+
+ <p>darin schein diu lebendiu sunne.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Und Nachkl&auml;nge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim
+ vom Storch fort:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Storch&mdash;Storch&mdash;Steine,</p>
+
+ <p>Mit dem langen Beine,</p>
+
+ <p>Mit dem kurzen Knie:</p>
+
+ <p>Jungfrau Marie</p>
+
+ <p>Hat ein Kind gefunden</p>
+
+ <p>In dem goldnen Brunnen.</p>
+
+ <p>Wer solls (aus der Taufe) heben?</p>
+
+ <p>Der Gothe und die G&ouml;then.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild;
+ jetzt ziert ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel,
+ als auch in den F&auml;ngen und zudem auf jedem Fl&uuml;gel je
+ ein Wickelkind tr&auml;gt. Dieses Wasser macht unfruchtbare
+ Frauen zu gesegneten Kindsm&uuml;ttern. Sch&auml;fer,
+ St&auml;dtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S.
+ 17 bereits verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich
+ nachtr&auml;glich noch folgende aargauische anf&uuml;hren. In der
+ Stadt Aarau war es bis zum Jahre 1812 obrigkeitlich festgesetzt
+ gewesen, den Stadtbach allj&auml;hrlich am Verenatag abschlagen
+ zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen Brunnenstuben
+ den S&auml;uglingsvorrath holte, so steht dieser Kleinkinderbach
+ noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den abgestellten
+ Bach eines Abends wieder anlaufen l&auml;sst, zieht ihm die
+ gesammte Stadtjugend unter <!-- 130 --><a name="Page_130" id=
+ "Page_130"></a> Fackelschein mit laubumflochtnen St&auml;ben
+ entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Bach chunnt, der Bach chunnt:</p>
+
+ <p>Sind mini Buebe-n-alli gsund?</p>
+
+ <p>Jo jo jo!</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Bach ist cho, der Bach ist cho:</p>
+
+ <p>Sind mini Buebe-n-alli do?</p>
+
+ <p>Jo jo jo!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus
+ der dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem
+ Stinkenden Br&uuml;nnli (&uuml;ber Gipslager ablaufend), am Fusse
+ des Ebenberges; in Oberfrick aus dem altversch&uuml;tteten
+ Spagenbrunn, im Dorfe K&uuml;ttigen aus dem Stampfelgraben des
+ dortigen M&uuml;hlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
+ Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der
+ &uuml;brigen Schweiz geh&ouml;ren folgende: der Waldweiher
+ Dreibrunnen in der toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik
+ von Wyl 1, 123); der Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri
+ im Kt. Zug; der Stempbach in Stans, und der Seltenbach in
+ luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch bemerkenswerth ist, dass
+ er den Namen der deutschen Gl&uuml;cksg&ouml;ttin Frau Saelde
+ tr&auml;gt. L&uuml;tolf, F&uuml;nfort. Sag, S, 550.</p>
+
+ <p>Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den
+ Bekehrern entweder diabolisirt oder, wenn es die Umst&auml;nde
+ erlaubten, in Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der
+ hl. Remaclus vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er
+ sich hatte huldigen lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und
+ macht nun auch jene Weiber fruchtbar, die sich in die Fusstapfe
+ hinein stellen, welche bei der Quelle Groossbek zu Spaa seinen
+ Namen tr&auml;gt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. Dass dieser vertriebne
+ Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen sein musste,
+ erkl&auml;rt uns die Kirche ausdr&uuml;cklich. Abt Tritheim
+ beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen
+ &uuml;ber die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim,
+ <!-- 131 --><a name="Page_131" id="Page_131"></a> Joh. Hasselberg
+ 1515, 20. Sept.) und entwickelt dabei &uuml;ber die Wassernixen
+ folgende Theorie. "Die in Seen und Fl&uuml;ssen hausenden Geister
+ sind wie des Wassers Ungest&uuml;m tr&uuml;gerisch, reizbar und
+ grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so erscheinen sie, wie
+ es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt gegebnen feuchten
+ Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon das
+ Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends
+ weibliches Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund
+ <i>Wasserfrawen</i>. Diese lassen sich an Fl&uuml;ssen und
+ Quellen blicken, k&auml;mmen ihr langes Frauenhaar, reden die
+ Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die Heiligen und die
+ Engel jedoch, deren Gem&uuml;thszustand unwandelbar ist, nehmen
+ insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die
+ m&auml;nnliche, und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner
+ Geist sich in Weibesgestalt gezeigt habe."&mdash;Die
+ gegentheilige Anschauung greift aber Platz, wenn die Kirche
+ Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle tolerant zu
+ sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit dem
+ lieben Gott ins Gesicht; und daher r&uuml;hrt es, dass in unsren
+ an Quellen, Str&ouml;men und Seen so reichen oberdeutschen
+ Landschaften die geschichtlich &auml;ltesten Christentempel
+ Wasserkirchen heissen und sind. Die z&uuml;rcherische dieses
+ Namens ist rings von den Seewellen umsp&uuml;lt und in ihrer
+ Unterkirche fliesst das Heiligbr&uuml;nnlein. Wasserkirchen sind
+ ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und
+ Rheinau. Auf der Rheininsel zu S&auml;ckingen siedelt sich der
+ hl. Fridolin an, auf derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar
+ begraben. Alle diese Orte sind altchristliche Niederlassungen,
+ theils schon aus der r&ouml;mischen, theils aus der
+ merowingischen Periode. Ufnau, des Z&uuml;rchersees gr&ouml;sste
+ Insel, deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war
+ f&uuml;r einen grossen Theil der Weiler und H&ouml;fe am untern
+ See, war schon zur Zeit der irischen Apostel ein Sitz des
+ Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
+ gegen&uuml;berliegenden Ufer zu St&auml;fa war der hl. Verena
+ geweiht. <!-- 132 --><a name="Page_132" id="Page_132"></a>
+ Schweiz. Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Z&uuml;rich
+ bestand bis zur Reformation das kleine Nonnenkloster der
+ Schwestern von Konstanz, welches hiess zu <i>St. Verena in
+ Brunngassen</i>; es wurde 1551 von dem ber&uuml;hmten Buchdrucker
+ Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur
+ Froschau.</p>
+
+ <p>Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die
+ Schirmv&ouml;gtin der Eheb&uuml;ndnisse sein, und wir sehen dies
+ deutlich aus den ihr kirchlich geopferten Gegenst&auml;nden,
+ vornemlich den Brautkr&ouml;nlein. Die katholischen
+ Landm&auml;dchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen
+ bei besondern kirchlichen oder weltlichen Festanl&auml;ssen den
+ kr&ouml;nleinartigen Kopfschmuck der Tsch&auml;ppelein, chapelet.
+ Er besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich
+ umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft &uuml;ber den Scheitel
+ hin w&ouml;lbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
+ Sammtk&auml;ppchen, oben napff&ouml;rmig abgerundet und mit
+ Korallen gestickt; es ist so winzig, dass es oben mittels eines
+ Seidenfadens &uuml;ber das Haar gebunden werden muss. Ist nun in
+ der Landschaft von Leuggern, das Kirchspiel genannt, ein
+ M&auml;dchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu
+ wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tsch&auml;ppelein zum
+ Opfer aufzuh&auml;ngen; es ist ein Dank daf&uuml;r, unter die
+ Haube gekommen zu sein. Erscheinen dann im Herbste die Z&uuml;ge
+ der &uuml;brigen Wallfahrerinnen, so nehmen sie ein solches
+ Brautkr&auml;nzchen vom Gitter und setzen es w&auml;hrend ihres
+ Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von K&auml;ppchen
+ h&auml;uft sich hier an, dass man die veralteten darunter
+ allj&auml;hrlich am Charsamstag abnimmt und in dem Osterfeuer,
+ das vor der Kirche angez&uuml;ndet wird, mitverbrennt. Etwas
+ Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in dessen
+ Kapelle jener M&uuml;hlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
+ Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier
+ nach alter Gepflogenheit allj&auml;hrlich im Fr&uuml;hling der
+ Gemeindebann von Jung und Alt umschritten, so d&uuml;rfen bei
+ diesem M&auml;nnergesch&auml;fte die M&auml;dchen allein sich
+ nicht mit <!-- 133 --><a name="Page_133" id="Page_133"></a>
+ anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen f&uuml;r die
+ Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
+ Feldblumen und flechten in die Wette Kr&auml;nze daraus ins Haar,
+ die gleichfalls Sch&auml;ppeli heissen, tragen diese zur
+ Dorfkapelle und &uuml;berh&auml;ngen damit die
+ Horizontalst&auml;be des Eisengitters, hinter welchem Verenas
+ M&uuml;hlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei
+ Fuss hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse
+ erscheint der Sigrist, setzt den sch&ouml;nsten der geopferten
+ Kr&auml;nze der Heiligen aufs Haupt und schm&uuml;ckt mit den
+ &uuml;brigen den Grundstein.</p>
+
+ <p>Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man
+ &uuml;berhaupt Kunde hat, ist es gerade ihr G&uuml;rtel, der sie
+ als eine die Ehen und Geburten beschirmende Heilige aufs
+ deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem ehemaligen
+ schw&auml;bischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit
+ regulirten Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie
+ er aus dem entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet
+ sich aus der Gr&ouml;sse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums
+ Konstanz, das wirklich bis &uuml;ber den Neckar bei Marbach
+ reichte. Dieser G&uuml;rtel, schreibt Richter (Sigprangender
+ Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird nach
+ allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht.
+ Des r&ouml;mischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf
+ in Elsass, ist so durch Verenas vielverm&ouml;genden Beistand zur
+ Welt geboren worden.</p>
+
+ <p>Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und
+ dessen Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt
+ sind.</p>
+
+ <p>Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das St&auml;dtchen
+ Klingnau an der Aare f&uuml;hrt &uuml;ber den Achenberg. Auf der
+ Hochebene dieses betr&auml;chtlichen Bergzuges steht umgeben von
+ tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter Wirthschaftsgerechtsame,
+ benachbart eine durch den Bischof Sigismund von Konstanz 1062
+ eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter
+ Gottes. Jeden Samstag wird <!-- 134 --><a name="Page_134" id=
+ "Page_134"></a> hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
+ Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die g&uuml;nstige
+ Jahreszeit, des Berges wilde Sch&ouml;nheit mit seiner
+ erstaunlichen Fernsicht ins Hegau und Klettgau hin&uuml;ber, die
+ Wunderth&auml;tigkeit des Ortes und der den and&auml;chtigen
+ Besuchern gew&auml;hrte p&auml;pstliche Ablass f&uuml;hrt alsdann
+ zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald
+ hier zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um
+ hohe Feuer. Doch kein Wallfahrer verl&auml;sst den Berg, ohne
+ nicht` &uuml;ber eine in Felsen gehauene Treppe zu der Schlucht
+ beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo die Wegscheide in das
+ Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderth&auml;tigen
+ Verenabr&uuml;nnlein und l&auml;sst auch f&uuml;r seine Kranken
+ daheim ein Kr&uuml;glein voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle
+ geht folgende Sage.</p>
+
+ <p>Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1.
+ September als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt
+ hiess, kam ein wenig bemittelter Mann aus dem St&auml;dtchen
+ Klingnau hier bergan gestiegen in der Absicht, seinen Kindern so
+ wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie auf jener
+ ber&uuml;hmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
+ das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen
+ Leuten daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen
+ unsichern Betrachtungen erreichte er das Verenabr&uuml;nnlein,
+ traf hier einen ihn freundlich anredenden Mann und theilte ihm
+ seine heutige Absicht mit. Der Unbekannte verwies ihn an die
+ Bergquelle. "Schon mancher Andere, sagte er, hat in deiner Lage
+ hier die leere Hand in den Wassersprung gesteckt und sie
+ gef&uuml;llt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, dass
+ man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng
+ der Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier
+ stand wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei
+ H&auml;nden fassen konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes
+ Unbekannten Wort, Schau nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu
+ wunderlich vor; noch <!-- 135 --><a name="Page_135" id=
+ "Page_135"></a> vor dem Kistchen knieend, wendete er mit
+ blinzelnder Neugier das Gesicht auf, und ach! da hieng gerade
+ &uuml;ber seinem Kopfe gewaltig sausend ein umrollender
+ M&uuml;hlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zur&uuml;ck
+ nach Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten
+ verstreut, musste sich daheim zu Bette legen und soll bald
+ hernach an einem Zehrfieber gestorben sein.</p>
+
+ <p>Was soll hier dieser M&uuml;hlstein wohl besagen? Hinter ihm
+ schwebt die M&uuml;llerpatronin Verena und will in ihrer
+ Mildth&auml;tigkeit nicht gesehen sein. Es ist dies zwar ein
+ &ouml;fters sich wiederholender Sagenzug, siehe Aargau. Sag. no.
+ 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet er sich
+ auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
+ B&uuml;ttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer
+ Pfarrkirche Verena die erw&auml;hlte Patronin sei. Man zeigt
+ dorten mitten im Felde der Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in
+ welcher sonst eine Quelle entsprang Namens Goldloch und
+ Verenaloch. Man schrieb derselben die gleiche befruchtende
+ Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und die Ortssage
+ f&uuml;gt bei, wer ehemals in der Abendd&auml;mmerung mit
+ abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng
+ aus einer weiblichen ein Goldst&uuml;ck. Als nun Knaben von
+ B&uuml;ttisholz einst in der Verabredung hieher gekommen waren,
+ nach empfangenem Goldst&uuml;cke schnell sich umzuschauen,
+ erblickten sie eine sch&ouml;ne Jungfrau, die nach einem
+ Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
+ dass auch die Quelle versiegt war.</p>
+
+ <p>F&auml;si, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766
+ herausgegeben, berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer
+ Jurapasses Schafmatt sei schon in &auml;ltester Zeit ein Bad
+ gewesen zur Erquickung der Reisenden, die &uuml;ber diesen
+ steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die auf
+ des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
+ Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle
+ gegen&uuml;ber entspringe das Verenawasser. Ebenso
+ <!-- 136 --><a name="Page_136" id="Page_136"></a> hat Gabriel
+ Walser im Kartenblatte Kanton Basel des Homannischen Atlas an der
+ Schafmatt bei Oltigen angemerkt: <i>Verenaloch</i>; und es ist
+ dies dasselbe, dessen die Aargauer Sag. no. 1 mit dem
+ Beif&uuml;gen gedenken, dass die aus dem Elsass &uuml;ber den
+ Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee
+ fallen, sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen
+ tr&auml;gt, wie schon bemerkt worden, auch der Sprudel im Freibad
+ zu Baden.</p>
+
+ <p>Hier ist auch jene Verenakapelle zu erw&auml;hnen in der
+ N&auml;he der Stadt Zug, gelegen am Fusse des Kaminstals, einer
+ Bergh&ouml;he an der alten Strasse, die nach Aegeri und weiter
+ nach Einsiedeln f&uuml;hrt; auch hier ist ein herk&ouml;mmlicher
+ Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform gebauten
+ Kirchleins war fr&uuml;herhin eine Inschrift angebracht und
+ meldete, der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer
+ Bischof M&uuml;ller in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither
+ ist noch zweimal eine Renovirung n&ouml;thig gewesen. Anfangs des
+ vorigen Jahrhunderts wurde der Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach
+ abgesendet, um im dortigen Stift einen Reliquientheil vom Arme
+ der Heiligen nebst einem Atteste &uuml;ber der Reliquie Echtheit
+ in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen diese neu
+ erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. Sept.
+ 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
+ hinausgetragen "unter dem Knallen der M&ouml;rser und
+ Doppelhaken". Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenw&auml;nden
+ verk&uuml;ndigen des Ortes Wunderth&auml;tigkeit. Unweit des
+ Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das St.
+ Verenabr&uuml;nneli, der Brunnenstock geschm&uuml;ckt mit der
+ Figur der Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem
+ benachbarten Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl
+ haben damit die Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgeh&ouml;rt, wie
+ der Zugerkalender vom J. 1858, welchem diese Angaben entnommen
+ sind, ausdr&uuml;cklich berichtet: "Bist du krank und die
+ G&uuml;tterli (Arzneigl&auml;schen) des Doktors wollen nicht
+ anschlagen, so muss ich dir sagen, <!-- 137 --><a name="Page_137"
+ id="Page_137"></a> dass in dieser Kapelle wirksam zu beten ist,
+ besonders am Verenentage selbst. Da hast du allj&auml;hrlich
+ Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu
+ h&ouml;ren. Auch wird dir den Sommer hindurch so ein k&uuml;hler
+ Spaziergang in der Fr&uuml;he &uuml;beraus gut thun. Du bekommst
+ dadurch Appetit und findest St&auml;rkung f&uuml;r deine schwache
+ Leber im nahen R&ouml;thelberg, sofern dir Verena nicht eins aus
+ ihrem Kr&uuml;glein einzuschenken geruht."</p>
+
+ <p>Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden
+ und Herznach errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu
+ kirchlichen Ehren gesetzt und haben &uuml;bereinstimmend die
+ gleichen Attribute: die Heilige tr&auml;gt in der einen Hand die
+ Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkr&uuml;glein, in der andern
+ h&auml;lt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
+ dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal<a name="FNanchor_7_7"
+ id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7"><sup>[7]</sup></a>
+ hat in der Rechten statt des Kr&uuml;gleins zwar den langen
+ Brodkipf, doch gleich daneben, auf der Fl&uuml;gelth&uuml;re
+ dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, hier
+ aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
+ Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der f&uuml;r das
+ nichtlesende Landvolk bestimmt gewesen war und statt der
+ Heiligennamen deren Figuren oder Symbole in kleinen Holzschnitten
+ giebt. Hier ist unterm 1. September eine aufrecht stehende Katze
+ zu sehen, die in den Vorderpfoten den langgezahnten zweireihigen
+ Haarkamm h&auml;lt und zu F&uuml;ssen ein geschn&auml;beltes
+ Giessk&auml;nnlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
+ Verenas hat die &auml;ltere Legende auf eine opferwillige
+ menschenfreundliche Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege
+ Anderer so weit widmete, dass sie sogar den Schmuz der
+ verlassenen Armuth nicht scheute. Daher hebt das von uns S. 108
+ ff. mitgetheilte <!-- 138 --><a name="Page_138" id=
+ "Page_138"></a> mhd. Gedicht 106a den von ihr geheilten Aussatz
+ hervor:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>auz&#383;etzig behaft macht &#383;i &#383;lecht,</p>
+
+ <p>plint, chrump macht &#383;i gerecht.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In diesem Sinne erz&auml;hlt dann auch Richter, Sigprangender
+ Triumphwagen Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in
+ den Mund, bereitete ihnen die Betten, kehrte den Boden,
+ s&auml;uberte die Kleider, wusch alte Erbsch&auml;den aus und
+ zwagete die mit Siechthum beladenen H&auml;upter." Auf solche
+ Anschauung hin wurden nachmals die "Armenb&auml;der", wie
+ dasjenige in der Stadt Baden, gegr&uuml;ndet, jeder Gast hatte
+ sein Kr&uuml;glein mit Lauge und seinen Kamm selber mitzubringen.
+ Die dortige Verena-Bruderschaft, die durch Papst Urban seit 1625
+ neu best&auml;tiget worden, ist nach dem dritten Paragraphen
+ ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
+ Almosen und bestimmte j&auml;hrliche Spendm&auml;hler zu
+ verabreichen.</p>
+
+ <p>Das Steinkr&uuml;glein Verenas wird in der &auml;ltesten
+ Legendenaufzeichnung gleichfalls mit einer besondern
+ Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden dasselbe einst an jenem
+ Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals eine
+ R&ouml;merstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die
+ man hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe
+ ihrem verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie
+ dar&uuml;ber erblindete, erschien ihr nachts die Heilige und
+ sprach: "Noch ist der Steinkrug vorhanden, der mir diente den
+ Siechen das Haupt zu baden und den Angesteckten die Kleider zu
+ waschen, daraus wasche dich gleichfalls." Die Frau suchte und
+ fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus und bekam
+ das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gew&auml;hrte dasselbe
+ einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet
+ worden war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung
+ gehabt; der Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt
+ schwangere Weiber, sich auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein
+ Wassergef&auml;ss zu setzen, sie w&uuml;rden sonst zu viel
+ T&ouml;chter geb&auml;ren. <!-- 139 --><a name="Page_139" id=
+ "Page_139"></a> Ein St&uuml;ck von diesem Verenakr&uuml;glein hat
+ nachmals der F&uuml;rstabt von St. Blasien erworben und
+ daf&uuml;r den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher
+ Stift abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu
+ dessen allgemeiner Abl&ouml;sung, in folgenden acht badischen
+ Nachbargemeinden: Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen,
+ Rheinheim, K&uuml;ssennacht, Dangstetten und Bechtisbohl. In der
+ Krypta der Stiftskirche steht Verenas steinernes Grabmal, ein von
+ hohem Alter zeugendes, kunstloses Werk; obenauf liegt in
+ Lebensgr&ouml;sse gehauen ihr Bild in Matronenkleidung, doch zum
+ Zeichen bewahrter Jungfr&auml;ulichkeit in fliegenden Haaren, es
+ h&auml;lt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der rechten
+ einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
+ Niedrigkeitsdiensten der Bade- und W&auml;schermagd aus
+ Menschenliebe sich unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als
+ bloss kirchlich verehrt, sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden
+ und heisst die Weisse Frau. Das mitten im Marktflecken stehende
+ Haus zum Weissen R&ouml;ssli ist ihr Aufenthalt. Aus dem
+ Vorh&ouml;flein desselben schreitet um Mitternacht vor hohen
+ Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
+ sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier sp&uuml;lt
+ sie ihr Weisszeug aufs sorgf&auml;ltigste, und stolzen Ganges
+ kehrt sie auf jenen Vorhof zur&uuml;ck. Dass dieser Hausname zum
+ Weissen Ross auf die dem Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen
+ Rosse zu beziehen sein wird, erkl&auml;rt sich auch aus
+ nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier Gottesh&ouml;fe in
+ der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, welches auf
+ vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wof&uuml;r diese
+ verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von
+ den 80 Juchart haltenden G&uuml;tern zu entrichten, die
+ Unterhaltung der dazu geh&ouml;renden Antoniuskapelle zu
+ bestreiten und f&uuml;r den Messpriester den Messwein zu liefern.
+ Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie sonst im
+ ganzen Lande gesetzlich abgel&ouml;st worden ist, haben diese
+ H&ouml;fe ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital
+ <!-- 140 --><a name="Page_140" id="Page_140"></a> von Fr. 6259 zu
+ verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus
+ geistlicher Hand an den Gemeinderath von Reckingen
+ &uuml;bergegangen und hat seit dem Jahre 1854 die gr&uuml;ndliche
+ Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene letztere liegt in
+ demjenigen Hofe, der nach seinem vierst&ouml;ckigen Meierhaus das
+ Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erz&auml;hlt man, kommt zu
+ gewissen Zeiten des Nachts ein F&uuml;llen gelaufen, umtrabt das
+ Geb&auml;ude, wird dar&uuml;ber zusehends gr&ouml;sser und ist
+ mit einem male wieder unsichtbar. Bemerkenswerth ist nun hiebei
+ der angebliche Umstand, dass Frauen niemals das F&uuml;llen
+ erblicken, wohl aber statt dessen eine weissgekleidete Frau,
+ welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier Ecken
+ bed&auml;chtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
+ Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.</p>
+
+ <p>Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich
+ beisteht, in Franken auf einem Rosse einher kommt, und
+ Schwangere, welche n&auml;hig sind ("&uuml;bergehen"), einem
+ Schimmel Haber aus ihrer Sch&uuml;rze zu geben pflegen (Wolf,
+ Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
+ Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
+ Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit
+ diese Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster K&ouml;nigsfelden
+ wurde Ross und Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein
+ gleiches R&uuml;stpferd l&auml;sst die Ortssage von
+ Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige Dorfgeist in
+ der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. Aargau.
+ Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
+ Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste
+ des Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross,
+ das Ludwig der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte
+ er unmittelbar darauf der Kapelle in Gr&uuml;nthal bei
+ Vilsbiburg, die davon bis jetzt Sattelkapelle heisst. Holland,
+ Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, 1860, 6.</p>
+
+ <p>Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die
+ <!-- 141 --><a name="Page_141" id="Page_141"></a> sagenhafte
+ Verena sich in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden
+ W&auml;ldchen, das nach einem tief eingeschnittenen Wasserbette
+ das Tobelh&ouml;lzli heisst. Am s&uuml;dlichen Waldrande, hart am
+ Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt dorten eine
+ sch&ouml;ne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
+ das Haar k&auml;mmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber
+ unsch&auml;dliche Nachmittagslamm. Auch das M&uuml;tterlein ist
+ freundlich, nur will sie in ihrem Gesch&auml;fte nicht
+ gest&ouml;rt und von den Vor&uuml;bergehenden nicht etwa
+ ausgelacht sein, sonst setzt es f&uuml;r den Sp&ouml;tter gewiss
+ einen geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli.
+ Anderw&auml;rts heisst sie nach ihrem in der Sonne blitzenden
+ Kamm das Str&auml;hl-Anneli, oder nach ihrem buschigen Grauhaar
+ das Heuel-M&uuml;tterli, denn Heuel bezeichnet den verzausten
+ Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
+ Liebreize nackter Jungfrauensch&ouml;nheit, zieht einen Goldkamm
+ durch die Locken und l&auml;sst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die
+ Spitze der Grashalme niederfliessen. Von allen diesen
+ Erscheinungsweisen berichten bereits die Aarg. Sag. 1, S. 131.
+ 240 und die Naturmythen S. 139. Einen Silberkamm und eine
+ Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus Klingnau im
+ Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt und
+ gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar.
+ Murer, Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas
+ Landsm&auml;nnin gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen
+ Gesch&auml;fte gewidmet, die Haarpflege zu leiten und den Aussatz
+ zu heilen; somit besass also einst der Aargau zwei weibliche
+ Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun zwar unsern
+ &auml;sthetischen Begriffen geradezu, eine so widerw&auml;rtige
+ Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Sch&ouml;nheits-
+ und Liebesg&ouml;ttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber,
+ auch das klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und
+ sprach sich dar&uuml;ber eben so offenherzig aus, wie die
+ Verenasage thut. Suidas, der zum Namen Aphrodite bemerkt, dass
+ die R&ouml;mer ihre Bilds&auml;ule mit einem <!-- 142 --><a name=
+ "Page_142" id="Page_142"></a> Kamme in der Hand vorstellten,
+ erz&auml;hlt hiebei: Als einst die r&ouml;mischen Frauen die
+ Kr&auml;tze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
+ K&auml;mme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur
+ Aphrodite, ihnen die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten
+ sie mit einer Bilds&auml;ule, die den Kamm trug.</p>
+
+ <p>Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser
+ Abschnitt schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und
+ wirklich in der ihr beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem
+ ihr folgsamen M&auml;dchen das sch&ouml;ne Haupthaar und zugleich
+ den sch&ouml;nen Schatz. Am 1. September, als dem kirchlich
+ gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, deren
+ Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
+ katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur
+ um Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen
+ auf ein neues vor Krankheit gesch&uuml;tzt zu haben. Am gleichen
+ Tage ist es in jener Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an
+ allen K&ouml;pfen ihrer Kinder eine gr&uuml;ndliche W&auml;sche
+ abh&auml;lt, dem j&uuml;ngsten M&auml;dchen wird der erste Zopf
+ geflochten; das beh&uuml;tet vor Kopfweh und giebt einen feinen
+ Haarwuchs. H&auml;lt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme,
+ so gilt folgender Reim:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Chind, bis ietz still und f&icirc;n,</p>
+
+ <p>oder es chunnt Frau Vrin,</p>
+
+ <p>die het ne grosse Striegel</p>
+
+ <p>und zert di kech am Riegel.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarb&uuml;schel. Die
+ Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Sch&ouml;ppners
+ Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache
+ mit B&uuml;rste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar
+ abgeht. Man macht dem kleinen M&auml;dchen dabei weis, der neue
+ scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
+ nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich
+ anmelden solle, und hief&uuml;r hat man folgendes
+ Spr&uuml;chlein:</p><!-- 143 --><a name="Page_143" id=
+ "Page_143"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Ach m&icirc; liebi Jumpfere Vre',</p>
+
+ <p>gsehst, i ha kes Sch&auml;tzeli meh,</p>
+
+ <p>str&auml;hl und w&auml;sch mi doch au nett,</p>
+
+ <p>dass m&icirc; Hansli Freud ab mer het!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter
+ dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei
+ unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberb&uuml;chlein
+ giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen
+ (nicht aber die <i>Wanzen</i>, wie Simrocks Mythologie III, 377
+ druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit
+ &uuml;ber die Warzen und spricht dreimal:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Frene, Frene, dorra weg!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise
+ vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine
+ Eigenth&uuml;mlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon
+ durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das
+ Frauengem&uuml;th von hingebender Menschenliebe erf&uuml;llt.
+ Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es
+ sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu
+ versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener
+ praktischer Hilfe hat, so &uuml;bernimmt es freiwillig das
+ Gesch&auml;ft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit
+ gr&ouml;sserem Gl&uuml;cke als der Mann, da es weniger schnell
+ als er in Dienstleistungen erm&uuml;det, mehr und l&auml;nger als
+ er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in M&uuml;hen und
+ Nachtwachen. So erscheint das Weib allen V&ouml;lkern
+ w&auml;hrend grosser allgemeiner Leiden als eine heroische,
+ opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der
+ Kunstdarstellung der Rettungsengel f&uuml;r die schmerzbehaftete
+ Welt geworden.</p>
+
+ <p>Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen
+ Charakterz&uuml;gen Verenas, wie es dem humanen Geiste der
+ christlichen Lehre gelang, die zum M&auml;rchen gewordne Gestalt
+ einer heidnischen Hilfs- und Heilg&ouml;ttin allm&auml;hlich "zur
+ dem&uuml;thigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester",
+ <!-- 144 --><a name="Page_144" id="Page_144"></a> wie Gelpke
+ (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu
+ entg&ouml;ttern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche
+ Spuren der Heideng&ouml;ttin bleiben hinter dem kirchlichen
+ Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute
+ zuweilen den ihr geweihten Altar verl&auml;sst, um unter
+ mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten
+ B&uuml;schen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude
+ nachzuschweifen. Kaum w&uuml;rde man dann die G&ouml;ttin oder
+ die Heilige noch in ihr vermuthen, tr&uuml;ge sie nicht ihren
+ alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie
+ wieder ein "alt heidnisch Wasserg&ouml;tzli", wie der Berner H.R.
+ Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat,
+ und schon die rohe H&auml;rte, mit der sie ungl&auml;ubigen
+ Misseth&auml;tern die Strafe zumisst, l&auml;sst ihr und ihrer
+ Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher
+ Priesters sie f&auml;lschlich der Veruntreuung im Haushalte
+ anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens
+ vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner
+ Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, L&auml;hmung,
+ Blindheit und Tobsucht. Daf&uuml;r, dass ein Weib eigensinnig am
+ Verenentag daheim bleibt und spinnt, w&auml;hrend Alles sich in
+ die Kirche begiebt, wird sie von den R&uuml;ckkehrenden im
+ fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den H&auml;nden
+ festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im
+ Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest.
+ Gleichf&uuml;rchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem
+ Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
+ Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
+ dreingreifender K&ouml;rperst&auml;rke herscht besonders in den
+ mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich
+ in den deutschen und rh&auml;tischen Alpen finden. Sie tr&auml;gt
+ in B&uuml;nden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze
+ den Namen <i>Verein</i>, gebildet wie die rh&auml;tischen
+ Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
+ Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Pr&auml;tigau (urkdl.
+ <!-- 145 --><a name="Page_145" id="Page_145"></a> Valzena). Eine
+ solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub,
+ Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der
+ weitl&auml;ufigen Eisw&uuml;ste des Selvretta. Hier hat die
+ "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern H&ouml;hlenwohnungen in der
+ Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets
+ reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
+ Holz oder Stein in sich; es l&auml;sst nichts drinnen, sagen die
+ Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v.
+ B&uuml;nden 1, 140. 258. B&uuml;ndner VolksBl. 1832, 214). Am
+ namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisg&auml;rtli, jenes
+ weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
+ Gl&auml;rnisch, 9,353 Fuss &uuml;ber Meer, das sich wegen der
+ angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus bl&uuml;henden
+ Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.</p>
+
+ <p>Nachfolgende eigenth&uuml;mliche Sage hier&uuml;ber beruht auf
+ der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer
+ in z&uuml;rch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem
+ Orte im Bezirk Affoltern liegt am s&uuml;dlichen Fusse des Albis
+ der unheimliche T&uuml;rlersee, der tiefste im ganzen
+ Z&uuml;rcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an
+ des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der
+ Umgegend geh&ouml;rte in der Vorzeit einer starken, herrischen
+ und arbeitsr&uuml;stigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess.
+ Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler
+ der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am
+ Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit
+ geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich
+ weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit
+ H&uuml;lfe fahrender Sch&uuml;ler zog sie in einer einzigen Nacht
+ einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied
+ so ihr Eigenthum f&uuml;r immer vom Gel&auml;nde der Gegner. Der
+ Graben war gezogen bis zum T&uuml;rlersee, es fehlte nur noch der
+ letzte Spatenstich, so w&uuml;rden die Wasser sich &uuml;ber ganz
+ Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
+ einer der fahrenden Sch&uuml;ler <!-- 146 --><a name="Page_146"
+ id="Page_146"></a> die Frau und entf&uuml;hrte sie durch die
+ L&uuml;fte auf die Westseite des Gl&auml;rnisch, setzte sie hier
+ auf einer weiten gr&uuml;nenden Berghalde ab, wies ihr diese zum
+ Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten
+ hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser sch&ouml;ne
+ Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte.
+ Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur
+ Eiss&auml;ule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten
+ Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt her&uuml;berblinkt.</p>
+
+ <p>Dieser eben erw&auml;hnte Graben am Jungalbis ist
+ rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und tr&auml;gt in der
+ Offnung von Borsikon (Grimm, Weisth&uuml;mer 1, S. 51) den
+ auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon
+ handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Z&uuml;rch.
+ Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
+ Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erz&uuml;rnte
+ schwur, sie werde den T&uuml;rlersee abgraben, seis nun Gott lieb
+ oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem
+ Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so
+ gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen
+ Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde
+ fortriss bis auf den Gl&auml;rnisch in Vrenelis G&auml;rtli.</p>
+
+ <p>So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive
+ Steinzeit zur&uuml;ck. Der erratische Block, aus dem Verena die
+ Neugebornen hervorholen l&auml;sst; der M&uuml;hlstein, auf dem
+ sie wilde Str&ouml;me bef&auml;hrt; die Felskl&uuml;fte,
+ Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen
+ Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der
+ Rheininsel hervor bohrt&mdash;verk&uuml;nden eine
+ urspr&uuml;ngliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt
+ sp&auml;ter ins Satanische umgeschlagen haben w&uuml;rde,
+ h&auml;tte die Kirche sie nicht fr&uuml;hzeitig noch
+ christianisirt. Statt der Heiligen bes&auml;sse man alsdann eine
+ alles versteinernde Hexe; oder statt der dem&uuml;thig dienenden
+ Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der
+ Unterschlagung beschuldigt <!-- 147 --><a name="Page_147" id=
+ "Page_147"></a> entspringt, &uuml;ber die ganze Breite des Thales
+ setzt und ihre Fussspur dr&uuml;ben in die Felsenplatte der
+ jenseitigen Thalwand eindr&uuml;ckt.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_7_7" id=
+ "Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7">[7]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
+ Pfarrkirche, waren pfarrgen&ouml;ssisch die Frickthaler
+ Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Densp&uuml;ren, Ober- und
+ Niederasp, schliesslich auch H&auml;ner am Schwarzwald, ob
+ Laufenburg.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_2_Abschnitt_4" id="Teil_2_Abschnitt_4"></a>
+
+ <h3>Vierter Abschnitt.</h3>
+
+ <h4>Verena als Frau Venus.</h4><br>
+
+ <p>Das Tannh&auml;userlied in aargauischer Version; die Frau
+ Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge,
+ die Venus- und Vrenenh&auml;user, aus ihrer gegenseitigen
+ Namensvertauschung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt auf den
+ urspr&uuml;nglichen Mythus.</p>
+
+ <p>Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt
+ verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im
+ aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al.
+ Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen
+ am n&auml;chsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch
+ gleichfalls nach m&uuml;ndlicher Ueberlieferung aufgeschrieben
+ und an Lassberg &uuml;bergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832,
+ 240 ver&ouml;ffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland f&uuml;r
+ seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier
+ unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die
+ mit jenem Stalderischen &uuml;bereinstimmen. Was die
+ Literaturgeschichte des Tannh&auml;user-Liedes betrifft, die
+ schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in
+ G&ouml;dekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis
+ zur Vollst&auml;ndigkeit aufgef&uuml;hrt.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Tannh&auml;user war ein junges Bluet,</p>
+
+ <p>Der wot gross Wunder gschaue,<a name="FNanchor_8_8" id=
+ "FNanchor_8_8"></a><a href=
+ "#Footnote_8_8"><sup>[8]</sup></a></p>
+
+ <p>Gieng auf Frau Vrenelis Berg</p>
+
+ <p>Zu selbige sch&ouml;ne Jungfraue.</p>
+ </div><!-- 148 --><a name="Page_148" id="Page_148"></a>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,</p>
+
+ <p>Chlopft er an a d'Pforte:</p>
+
+ <p>Frau Vrene, wend er mi inne loh,</p>
+
+ <p>Will halte eu'e Orde!</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>"Tannh&auml;user, i will der mi Gspile ge</p>
+
+ <p>Zu-m-ene ehliche Wib."<a name="FNanchor_9_9" id=
+ "FNanchor_9_9"></a><a href=
+ "#Footnote_9_9"><sup>[9]</sup></a></p>
+
+ <p>Diner Gspilinne begehr ich nit,</p>
+
+ <p>Min Leben ist mer z'lieb.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Diner Gspilinne darf i n&uuml;t,</p>
+
+ <p>Es ist mir gar hoch verbotte,</p>
+
+ <p>Sie ist ob em G&uuml;rtel Milch und Bluet</p>
+
+ <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Tannhauser sass am Figebaum,</p>
+
+ <p>Drunter er war entschlafe.</p>
+
+ <p>Es chunt em f&uuml;r i sinem Traum,</p>
+
+ <p>Er m&uuml;ess uf Rom wallfahrte.<a name="FNanchor_11_11"
+ id="FNanchor_11_11"></a><a href=
+ "#Footnote_11_11"><sup>[11]</sup></a></p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wo er in d'Stadt Rom inne chunt</p>
+
+ <p>Wohl unters h&ouml;chsti Thor,</p>
+
+ <p>Frogt er dem oberste Priester noh,</p>
+
+ <p>Wo in der Stadt Rom w&auml;r.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Wo er i d'Chille ie chunt,</p>
+
+ <p>Vor'm Pobst thet er sich gneige:</p>
+
+ <p>Gott gr&uuml;eze eure Heilige, Pobst,</p>
+
+ <p>Mine S&uuml;nd will i eu azeige.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Pobst het do en d&uuml;ere-d&uuml;ere Stab,</p>
+
+ <p>Vo D&uuml;rri war er gspalte:</p>
+
+ <p>"So wenig de Stab meh z'gr&uuml;ene chunt,</p>
+
+ <p>So wenig magst du Ablass erhalte."<a name="FNanchor_12_12"
+ id="FNanchor_12_12"></a><a href=
+ "#Footnote_12_12"><sup>[12]</sup></a></p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Und wenn i n&uuml;mme z'Gnade chum</p>
+
+ <p>Und n&uuml;mme mag werde bihalte,</p>
+
+ <p>So gohn i uf Frau Vrenis Berg</p>
+
+ <p>Und leben b&icirc;n ihr im Walde.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Es goht nit meh als dritthalb Tag,</p>
+
+ <p>So fieng der Stab a z'gruene,</p>
+
+ <p>Er treit es Laub so gr&uuml;en wie Gras,</p>
+
+ <p>Darzue drei sch&ouml;ni Blueme.<a name="FNanchor_10_10"
+ id="FNanchor_10_10"></a><a href=
+ "#Footnote_10_10"><sup>[10]</sup></a></p>
+ </div><!-- 149 --><a name="Page_149" id="Page_149"></a>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>De Pobst schickt sine Botten us,</p>
+
+ <p>Sie w&uuml;sset ehn niene meh z'gwahre;</p>
+
+ <p>Er schickt sie us in alli Land,</p>
+
+ <p>Der Tannhuser blibt verfahre.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Sie ch&ouml;mmet uf Frau Vrenelis Berg,</p>
+
+ <p>Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse</p>
+
+ <p>Tannhuser soll do usse cho,</p>
+
+ <p>Sine S&uuml;nde eigen ehm nochg'losse!</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>"Zun-ech usse cho, das chan i nit,</p>
+
+ <p>Do muess i bliben inne.</p>
+
+ <p>Muess bliben bis am J&uuml;ngste Tag,</p>
+
+ <p>D&auml; gohts mer erst, wies cha und mag!"</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Tannhuser sitzet am steinige Tisch,</p>
+
+ <p>Der Bart wachst ihm drum umme,</p>
+
+ <p>Und wenn er dr&uuml;mal ummen isch,</p>
+
+ <p>So wird der J&uuml;ngst Tag bald chumme.</p>
+
+ <p>Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,</p>
+
+ <p>&Ouml;b der Bart es drittmol umme goht</p>
+
+ <p>Und der J&uuml;ngsti Tag well chumme.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner H&uuml;gel, an
+ dessen s&uuml;dlichem Fusse vormals die Gerichtsst&auml;tte des
+ Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von
+ denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind,
+ heisst im Munde &auml;lterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau
+ Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen.
+ Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis
+ auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannh&auml;userlied,
+ und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich
+ geh&ouml;renden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg"
+ genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198.
+ Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das
+ Tannh&auml;userlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm
+ die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283.
+ 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die
+ G&ouml;ttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die
+ seither weiter vorger&uuml;ckte Sagen- und Sprachforschung
+ best&auml;tigt.</p>
+
+ <p>Die echte G&ouml;ttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen
+ <!-- 150 --><a name="Page_150" id="Page_150"></a> Liede von
+ Fi&ouml;lsvinnr und erz&auml;hlt also. Die G&ouml;ttin Freyja war
+ dem Halbgotte Odhr verm&auml;hlt und von diesem verlassen worden.
+ Vordem hatte sie wegen ihres ber&uuml;hmten Halsgeschmeides die
+ Schmuckfrohe geheissen, Mengl&ouml;d; nun aber empfieng sie den
+ neuen Namen die Thr&auml;nensch&ouml;ne, denn um den verlornen
+ Gemahl durchsuchte sie alle L&auml;nder und weinte ihm goldne
+ Thr&auml;nen nach. Sie mied der M&auml;nner Gemeinschaft; erbaute
+ sich auf einer Waldh&ouml;he eine Halle, &uuml;ber deren
+ Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit
+ heilkundigen M&auml;dchen eintr&auml;chtig zusammen. "Hilfeberg
+ heisst die H&ouml;he, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen
+ Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden
+ w&uuml;ssten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals
+ wieder zur&uuml;ck und sprach zum W&auml;chter des Berges: "Reiss
+ auf die Th&uuml;re, W&auml;chter! auf kalten Wegen komm ich her,
+ die Schicksalsschwestern sind an meiner langen S&auml;umniss
+ schuld, doch geh und frag erst Mengl&ouml;d, ob sie mich noch
+ liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit K&uuml;ssen und
+ sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir
+ blickend, endlich hat sich mein Sehnen erf&uuml;llt; mein lieber
+ Freund ist gekommen, nun sind wir beide fr&ouml;hlich!" Die
+ Verwandtschaftsz&uuml;ge zwischen diesem Mythus und dem
+ Tannh&auml;userliede sind einstweilen folgende.
+ Odhr-Tannh&auml;user wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene
+ weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen
+ Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
+ verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden
+ heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am
+ Thore. Der W&auml;chter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn
+ und f&uuml;hrt ihn in den Berg. Draussen l&auml;sst er den
+ d&uuml;rren Wanderstab liegen, der sogleich an zu gr&uuml;nen
+ f&auml;ngt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun
+ nicht mehr unterbrochne Gl&uuml;ck nach der L&auml;nge des
+ Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird.
+ Entz&uuml;ckt &uuml;ber diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit-
+ und Liebesdauer, <!-- 151 --><a name="Page_151" id=
+ "Page_151"></a> befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob
+ nun noch ein j&uuml;ngster Tag gedenkbar sein k&ouml;nne. Zur
+ Bekr&auml;ftigung dieser gegebnen Erkl&auml;rung sowohl als der
+ sogleich mitzutheilenden Etymologie der bez&uuml;glichen
+ Eigennamen, f&uuml;gen wir ein paar Sagenbruchst&uuml;cke bei,
+ die zu dem Kostbarsten geh&ouml;ren, was in der letzten Zeit zu
+ Tage kam. Pr&ouml;hle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war
+ eine Frau, die wohnte im Walde auf einem k&ouml;niglichen Schloss
+ und hiess Fr&ucirc; Fr&ecirc;en und Fr&ucirc; Fr&icirc;en. Sie
+ war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath
+ befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die
+ ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in
+ ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
+ folgenden Reim:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Fr&ucirc; Fr&icirc;en</p>
+
+ <p>wolle geren fr&icirc;en</p>
+
+ <p>un konne keinen krien,</p>
+
+ <p>da feng se an de schr&icirc;en.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen
+ von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen.
+ Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde G&ouml;ttin
+ heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldg&ouml;ttin, Frau
+ Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen
+ sieht; da hat Frau Holl &uuml;ber ihren Mann so bittre
+ Thr&auml;nen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass
+ diese Holl die G&ouml;ttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich
+ durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt,
+ Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als
+ Gemahlin Wodans genannte Fr&ecirc;a (ahd. Frouwa, domina) und
+ lebt in den nieders&auml;chs. Sagen bald unter den diminutiven
+ Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um
+ Halberstadt und Dr&uuml;beck als Fr&ucirc; Fr&icirc;en, Fr&ucirc;
+ Fr&ecirc;en fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit
+ diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
+ Sch&ouml;nheits- und Liebesg&ouml;ttin stehen nun die
+ oberdeutschen desselben Wortstammes in <!-- 152 --><a name=
+ "Page_152" id="Page_152"></a> fr&icirc;, mulier formosa,
+ entspricht das alemann. Adverb frein, fr&icirc;n: pulcher,
+ venustus. "Bis mer h&uuml;bsch fr&icirc;n", sei mir h&uuml;bsch
+ artig, h&uuml;bsch sittsam, sagt das Berner M&auml;dchen zu einem
+ allzu st&uuml;rmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste
+ L&uuml;t", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch.
+ Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Sch&ouml;nheitspr&auml;dikate
+ &uuml;bereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der
+ Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Sch&ouml;ne.
+ Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen;
+ gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und
+ geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst
+ irl&auml;ndisch Freyjuh&acirc;r, d&auml;nisch Fru&ecirc;h&acirc;r
+ und Venusgr&auml;s, norwegisch Mariagras, weil die Sch&ouml;nheit
+ das h&ouml;chste Epithet bleibt, das an G&ouml;ttinnen
+ hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass
+ hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
+ Figuren der G&ouml;ttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg
+ (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe
+ Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen gel&auml;ufig
+ und hat darin ihre Berechtigung, dass beide urspr&uuml;nglich nur
+ die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und
+ Herzensherrin eines &auml;lteren G&ouml;ttersystems gewesen sind,
+ welches vor der Trennung der nordischen G&ouml;tter in Asen und
+ Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke,
+ die mit dem Gemahl als Windsbraut einherst&uuml;rmt und
+ Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der
+ Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine famili&auml;re,
+ wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die
+ fr&uuml;here Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein
+ und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land
+ und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der
+ Liebe und Ehe. So urtheilt &uuml;ber die Vaneng&ouml;tter
+ &uuml;berhaupt Weinhold D. Frauen, 30.</p>
+
+ <p>Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die
+ <!-- 153 --><a name="Page_153" id="Page_153"></a>
+ angef&uuml;hrten Namen der G&ouml;ttin, eddisch Freyja,
+ langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch
+ Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und
+ derselben G&ouml;ttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
+ schweiz. Tannh&auml;userliedes im hochd. Liedtexte eine Frau
+ Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des
+ Mittelalters, in denen die Minneg&ouml;ttin modisch und gelehrt
+ die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem
+ dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise
+ nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten
+ &uuml;bertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der
+ Omeiss 36, l&auml;sst die Hexen in <i>Frau Fenusberg</i> fahren;
+ schon f&uuml;nfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (&dagger; 1440)
+ im Formicarius zum gleichen Zwecke den <i>Venusberg</i>, und nach
+ hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg <i>Frau
+ Holda</i>. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt
+ gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
+ <i>Kr&ouml;ten</i> zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt
+ in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im
+ Tannh&auml;userliede selber eine Verdammte, von welcher die
+ Strophe 4 sagt:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Sie ist ob em G&uuml;rtel Milch und Bluet</p>
+
+ <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die
+ &ouml;ffentlichen Frauenh&auml;user Venush&auml;user genannt und
+ nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch
+ Vrenenh&auml;user. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern
+ H&uuml;gel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst
+ Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die
+ jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
+ Auss&auml;tzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies,
+ das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess
+ beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach
+ in der Gauchmatt (ed. K. G&ouml;deke, S. 151):</p>
+ <!-- 154 --><a name="Page_154" id="Page_154"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>zuo Basel in der Malentz gassen</p>
+
+ <p>do hat sich fraw Venus nider glassen.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Auch dieser Umstand dient uns zur Erkl&auml;rung einer
+ sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen
+ die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession
+ einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim
+ Rhein liegenden Moritzkapelle und f&uuml;hrt an einer alten Linde
+ vorbei, deren zerkl&uuml;fteter Stamm mit Ziegelsteinen
+ ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert
+ worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten
+ das schon von der &auml;ltesten Legendenaufzeichnung
+ erw&auml;hnte Siechenhaus, das erst in diesen f&uuml;nfziger
+ Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
+ Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die
+ untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft
+ nun nachmals der Landvogt von Baden zur Er&ouml;ffnung der
+ Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser
+ Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum
+ thun musste. Daf&uuml;r erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
+ gestiftet von jener K&ouml;nigin Agnes, die zum Seelenheile
+ Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster
+ K&ouml;nigsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner
+ Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes"
+ ebenfalls Erw&auml;hnung, verlegt ihn aber f&auml;lschlich unter
+ die Linde des St&auml;dtchens Brugg, also dem Stifte
+ K&ouml;nigsfelden zun&auml;chst. So war Verena die Patronin der
+ Frauenh&auml;user und Metzen geworden.</p>
+
+ <p>Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrm&auml;rkte ist noch
+ nicht aufgehellt; Kaiser Sigismunds Best&auml;tigungsbrief und
+ Kaiser Friedrichs hernach wiederholte Approbirung nennt schon die
+ zwei dortigen Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach
+ Pfingsten beginnend, die andre mit dem zweiten Montag nach
+ Bartholom&auml;itag. Sie werden abwechselnd Dult und Messe
+ genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem latein.
+ indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
+ aus goth. dulds, ahd. tuld, <!-- 155 --><a name="Page_155" id=
+ "Page_155"></a> das in den Glossen als ein zur Zeit des Neumonds
+ begangenes Fest &uuml;bersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
+ entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit k&ouml;nnte die
+ Zurzacher Dult schon mit einem heidnischen Verenafeste
+ zusammengefallen sein, wie sie hernach mit dem christlichen Feste
+ daselbst wirklich und ausschliesslich zusammenhieng. Kirchen und
+ Kl&ouml;stern wurde fr&uuml;hzeitig das Marktrecht verliehen; die
+ Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die Elsasser Abtei
+ Selz seit 982, und daher r&uuml;hrt der andere Marktname Messe.
+ Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines
+ &ouml;rtlichen Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von
+ zahlreichen Pilgerz&uuml;gen besuchten Jahrmarkt. Alle
+ orientalischen Karavanenz&uuml;ge gehen von einer Tempelstadt aus
+ oder enden bei einer solchen; alle Jahrm&auml;rkte des
+ Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im
+ Worte Messe der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des
+ Gottesdienstes vereint liegt.</p>
+
+ <p>Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen,
+ welche h&auml;ute Venus heissen, ist urspr&uuml;nglich diese
+ wirklich zu suchen, und es ist bei unserem gegenw&auml;rtigen
+ Zwecke keineswegs &uuml;berfl&uuml;ssig zu zeigen, wie hierin das
+ so vielfach wiederkehrende Wortmissverst&auml;ndniss sich erzeugt
+ hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Tr&uuml;dinger beim
+ Dorfe Eib an der Rezat, n&auml;chst der Stadt Ansbach; er wohnt
+ hier auf dem Schlossberge auf dem Venibuck im Veniloch, Die
+ Eingebornen nennen diesen Ort Venesberg, allein auf dem
+ lithograph. neuen Steuerblatte steht er bereits als Venusberg
+ verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das Adelsgeschlecht der
+ Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb Regensburg am linken
+ Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt die Venus vor
+ einem gr&uuml;nen H&uuml;gel stehend. Anz. des German. Museums
+ 1860, 88. Das s&auml;chs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von
+ Wolkenstein, heisst urkundl. Fenigs- und Feinigsberg.
+ Gr&auml;sse, Sag. v. Tannh&auml;user, 18. Ein Finisloch,
+ ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. Lynker,
+ Hess. Sag. no. 152. <!-- 156 --><a name="Page_156" id=
+ "Page_156"></a> Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
+ f&uuml;hrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf:
+ Bechstein, Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen
+ unm&ouml;glich alle dem Latein abgesehen sein k&ouml;nnen,
+ empfand schon Fischart, der in seiner Uebersetzung von Bodinus
+ D&auml;monomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei Breisach
+ berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
+ und herumtr&auml;gt; allein, f&uuml;gt er bei, man pflegt im
+ deutschen Volksliede den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses
+ wiederum aus jenem abzuleiten. Hier nun ist die richtige
+ Ableitung folgende. Aus dem romanischen Worte Fee (fatua), ein
+ weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, bildet sich der mhd. Name
+ Feine und aus diesem die Pluralform Feenesleute, wie die
+ Erdm&auml;nnchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 heissen.
+ Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatl&auml;nder Patois fort,
+ Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht
+ ins Rh&auml;tische &uuml;ber, denn im Kt. Glarus heissen die
+ Waldgespenster pluralisch Fayer, g&auml;lisch Fairys. Wird also
+ der Quarzfelsen auf der Spitze des Feldberges im Taunus
+ abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und Venusstein
+ genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als Feen
+ dorthin verw&uuml;nschten b&ouml;sen Geister bezeichnet und dass
+ sie Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe geh&ouml;rt
+ jedoch der Name des Grafen Rudolf von Fenis, ein
+ Minnes&auml;nger, &dagger; um 1196; dessen Burg beim Bernerdorfe
+ Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande gelegen ist; sein
+ und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, ableitend von
+ latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
+ &ouml;rtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.</p>
+
+ <p>Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend.
+ Vrene, die Liebesg&ouml;ttin, wird vom h&ouml;fischen Geschmacke
+ zur Venus antikisirt, durch die Kirche zur Patronin der
+ Siechenh&auml;user, durch die Zeitsitte zur Mutter der
+ Frauenh&auml;user erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
+ Spracheinfluss zur K&ouml;nigin der Feen gemacht, mit
+ <!-- 157 --><a name="Page_157" id="Page_157"></a> denen sie im
+ Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesg&ouml;ttin in ihrem
+ schattigen Lusthain (im Tann) hausende Gemahl heisst eben so
+ erkl&auml;rlich Tannhauser. Auf den bairisch-salzburgischen
+ Ritter und Minnes&auml;nger Tannhuser (&dagger; um 1266) darf,
+ obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
+ Urban ist (der IV. dieses Namens &dagger; 1268), schon deshalb
+ nicht geschlossen werden, weil sich die Tannh&auml;usersage, wenn
+ auch unter anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt.
+ Belege hief&uuml;r giebt Grimm Myth. 888.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_8_8" id=
+ "Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8">[8]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland C.</p>
+ </div><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href=
+ "#FNanchor_9_9">[9]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland A.</p>
+ </div><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href=
+ "#FNanchor_10_10">[10]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland B.</p>
+ </div><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href=
+ "#FNanchor_11_11">[11]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Nach Uhland C.</p>
+ </div><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href=
+ "#FNanchor_12_12">[12]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Uhland A.</p>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 160 --><a name="Page_160" id="Page_160"></a> <a name=
+ "Teil_3" id="Teil_3"></a>
+
+ <h2>III. Gertrud mit der Maus,</h2>
+
+ <h3>die Allerseelenherrin.</h3><br>
+ <!-- 161 --><a name="Page_161" id="Page_161"></a> <a name=
+ "Teil_3_Abschnitt_1" id="Teil_3_Abschnitt_1"></a>
+
+ <p>Die heilige Gertrud, ahd. K&ecirc;redr&ucirc;d, tr&auml;gt den
+ heidnischen Namen einer germanischen Walk&uuml;re und
+ Speerjungfrau. Der mythologische Name Thr&ucirc;dhr bezeichnet
+ sowohl Th&ocirc;rs und Sifs Tochter, als auch eine der von der
+ Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden
+ Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh,
+ bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau,
+ die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges
+ Wort Trude ebenfalls die den Schl&auml;fer auf die Brust tretende
+ Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der
+ Trude ist daher der f&uuml;nfeckige Trudenfuss eigen, dessen
+ Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengefl&uuml;gelten
+ Walk&uuml;re entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird
+ im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fr&auml;nkischen
+ Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des
+ Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine
+ Electrudis (ahd. Alahtr&ucirc;d), die das Heiligthum, alah,
+ verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud,
+ Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf
+ den Wolken tanzen, dass Regen f&auml;llt; eine ahd. Glosse bei
+ Graff 5, 522 &uuml;bersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch
+ giebt der Volksglaube den Truden das Gesch&auml;ft, in der
+ Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
+ m&uuml;ssen. Da die Walk&uuml;re zugleich die den Lebensfaden
+ spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie
+ den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl.
+ Gertrud, <!-- 162 --><a name="Page_162" id="Page_162"></a> gleich
+ den G&ouml;ttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend
+ dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu
+ Rosse sitzend. Wie die eben genannten G&ouml;ttinnen mit ihrem
+ Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses
+ auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
+ Fr&uuml;hlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr
+ den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja
+ sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen
+ theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr
+ Geleitsthier, die n&auml;chtlich w&uuml;hlende Maus, k&uuml;ndet
+ mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch
+ Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen vers&ouml;hnt man
+ die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die
+ Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der S&uuml;ssen
+ M&auml;uschen b&auml;ckt.</p>
+
+ <p>Dies ist der &auml;usserliche Umriss dieser
+ heidnisch-christlichen Gestalt.</p>
+
+ <p>Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon
+ ihre &auml;lteste Legende in vielf&auml;ltigen
+ Widerspr&uuml;chen, die aus der Bem&uuml;hung entstanden sind,
+ die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
+ unterzubringen. Ihr &auml;ltester Biograph ist ein M&ouml;nch in
+ Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658
+ erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das
+ brabanter Stift Nivelles, zwischen Br&uuml;ssel und dem
+ hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um
+ 640 gegr&uuml;ndet und wird von deren Tochter Gertrud als erster
+ Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
+ gleichfalls ein Niveller M&ouml;nch im 10. Jahrhundert,
+ erz&auml;hlt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen
+ Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier
+ l&auml;ngere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent
+ Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
+ gef&uuml;hrt habe. Allein die Benediktiner f&uuml;gen dieser
+ Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer
+ andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt
+ <!-- 163 --><a name="Page_163" id="Page_163"></a> habe. Und so
+ gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls
+ Tochter, welcher man dorten die Klostergr&uuml;ndungen und
+ Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man
+ f&uuml;hrt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine
+ Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des
+ K&ouml;nigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen
+ ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
+ fr&uuml;hzeitig eine volksth&uuml;mliche Verehrung genoss, und
+ dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das
+ gr&ouml;sste deutsche Kaiserhaus ankn&uuml;pfte. Auch ihre
+ fr&uuml;hzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser
+ Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig
+ Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
+ Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8.
+ Jahrhundert angeh&ouml;rt, und das nach ihr benannte
+ Gertruidenburg am s&uuml;dlichen Ufer der Maas, das auf ihren
+ Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
+ Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall
+ treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr
+ gegr&uuml;ndeten Kirchen mit den fr&uuml;hesten Anf&auml;ngen des
+ Christenthums in Deutschland zusammen.</p>
+
+ <p>Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In
+ der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderth&auml;tiges
+ Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen
+ aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In
+ holl&auml;ndischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
+ Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches
+ stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich
+ als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied
+ "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden.
+ Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem
+ Blumenkranz behangen, tr&auml;gt Gertrudens h&ouml;lzernes
+ Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2,
+ no. 246. Dieser Stab wird sich sp&auml;ter als ein Rockenstab,
+ der Blumenkranz als <!-- 164 --><a name="Page_164" id=
+ "Page_164"></a> das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte
+ des Gertrudenbuches, K&ouml;ln 1506, ist sie abgebildet am Rocken
+ spinnend, an welchem drei M&auml;use hinauflaufen; in ihr Kleid
+ sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchf&auml;sser
+ schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der
+ Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender
+ bezeichnen den 17. M&auml;rz, als den Gertrudentag, durch zwei
+ M&auml;uslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine
+ damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim
+ Namensb&uuml;chlein (edd. Strobel) lautet:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>so kumet die liebe sant Geretrud,</p>
+
+ <p>die so entschlief in gottes willen,</p>
+
+ <p>und stulen die ratten und miuse ir spillen</p>
+
+ <p>und trugen sie in ir miuseloch.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Auf einem Gem&auml;lde, das vordem im Strassburger
+ M&uuml;nster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen
+ zu K&ouml;nighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger
+ Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von
+ M&auml;usen und &uuml;berragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
+ in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe
+ und der Maus, wird nachher ausf&uuml;hrlicher die Rede sein;
+ f&uuml;r jetzt seien die landwirtschaftlichen und
+ b&uuml;rgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an
+ den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.</p><a name=
+ "Teil_3_Abschnitt_2" id="Teil_3_Abschnitt_2"></a>
+
+ <p>Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. M&auml;rz) sich
+ kn&uuml;pfenden Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am
+ Katharinentage) der Winter, und mit dem 17. M&auml;rz der
+ Fr&uuml;hling beginnen soll, so ziehen mit dem letzteren Termin
+ die Hausm&auml;use aufs Feld. Davon heisst es bei Lasicz:
+ Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
+ lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am
+ Gertrudentag lauft die Maus den Rocken hinauf und beisst den
+ Faden ab. Schmeller, W&ouml;rtb. 2, 71. Mit diesem Tage werden
+ also die Spinnabende eingestellt und es beginnt die Gartenarbeit,
+ weshalb die Heilige auch als die erste G&auml;rtnerin
+ <!-- 165 --><a name="Page_165" id="Page_165"></a> verehrt ist.
+ Die Fr&uuml;hlingsw&auml;rme kommt, die Bienen nehmen ihren
+ Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden
+ folgende Spr&uuml;che;</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>S&uuml;nte Katherin</p>
+
+ <p>smitt den ersten St&ecirc;n in 'nen Rh&icirc;n.</p>
+
+ <p>S&uuml;nte Gerderut</p>
+
+ <p>t&uuml;ht ne wi'er herut. (Aus K&ouml;ln.)</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Sankt Gertraud</p>
+
+ <p>f&uuml;hrt die Kuh ins Kraut,</p>
+
+ <p>das Ross zum Zug,</p>
+
+ <p>die Bienen zum Flug.</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Gerdrut</p>
+
+ <p>geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem
+ Waldeckischen.)</p>
+ </div>
+
+ <div class="stanza">
+ <p>Sant Gertrud</p>
+
+ <p>S&auml;it Zibel&auml; und Chr&ucirc;t.
+ (Schweizerisch.)</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese
+ Kalenderregeln, wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke
+ ausdehnt und diese als im Dienste Gertrudens stehend aufweist.
+ Alle drei werden von der Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist
+ gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. Merzaf&uuml;lli, d.i. Fohlen;
+ Gertrudentag f&auml;llt auf 17. M&auml;rz und die Bauernpraktika
+ sagt: Schreit der Kukuk fr&uuml;h im M&auml;rz, so giebts einen
+ guten Fr&uuml;hling.</p>
+
+ <p>Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und
+ erz&auml;hlt von ihm folgendes M&auml;rchen, enthalten in
+ Asbj&ouml;rnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, no. 2. Christus und
+ Petrus erscheinen reisem&uuml;de und hungrig bei einer
+ brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube
+ trug. Auf Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die
+ Backpfanne und thats &uuml;bers Feuer, doch das Bischen gieng
+ sogleich hoch auf und f&uuml;llte das ganze Geschirr. Dieser
+ Kuchen war ihr f&uuml;r ein Almosen zu gross; zum zweiten male
+ nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe
+ Gr&ouml;sse, und als nun zum dritten male dasselbe geschah,
+ sprach das Weib: Ihr m&uuml;sset ohne Almosen gehen,
+ <!-- 166 --><a name="Page_166" id="Page_166"></a> all mein
+ Geb&auml;cke wird zu gross f&uuml;r euch! Zur Strafe
+ verw&uuml;nschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der
+ noch ihre rothe Haube tr&auml;gt und kohlschwarz ist wie sie, als
+ sie zum Schornstein hinausfuhr. Best&auml;ndig hungernd hackt sie
+ nach Futter in die Baumrinde.&mdash;Dieselbe Sage in deutscher
+ Version lautet bei Simrock, Myth. 3, 23 also: Christus gieng an
+ einem Beckerladen vor&uuml;ber, wo frisches Brod duftete, und
+ sandte einen der J&uuml;nger hin, um ein St&uuml;ck zu erbitten.
+ Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
+ sechs T&ouml;chtern von ferne stand, gab es heimlich her.
+ Daf&uuml;r sind diese zusammen als das Siebengestirn an den
+ Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk geworden. In
+ Pr&auml;torius Weltbeschreibung und darnach in Grimms Myth. 641
+ wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur theuern
+ Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott den
+ Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei
+ gerufen: Guck! guck! (ei sieh!) Daf&uuml;r ist er in einen
+ Raubvogel verwandelt, der unaufh&ouml;rlich dieses Geschrei
+ wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt hier&uuml;ber folgende
+ Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe ein
+ Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer
+ daf&uuml;r, als man auf des Kindes flache Hand hinz&auml;hlen
+ k&ouml;nne. Das B&uuml;blein gieng darauf ein und machte sein
+ hingestrecktes H&auml;ndchen immer hohler und schmaler. Da die
+ Alte nun in ihrem Z&auml;hlen gar nicht fertig werden wollte,
+ noch ein Pl&auml;tzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu
+ suchen, so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So
+ flieg und ruf Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.</p>
+
+ <p>So wird hier der Specht, urspr&uuml;nglich ein
+ nahrungsspendender Bote Gottes, ein die Nahrung hartherzig
+ verweigernder Theuerungsgeist und geht in die Gestalt des
+ gleichfalls eigenn&uuml;tzig gefassten Kukuk &uuml;ber. Daher
+ heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer
+ verw&uuml;nschter Beckerknecht und trage davon sein fahles,
+ mehlbestaubtes Gefieder. Dies besagen die nachfolgenden
+ Kinderspr&uuml;che:</p><!-- 167 --><a name="Page_167" id=
+ "Page_167"></a>
+
+ <p>Kukuk stahl Weggen.<a name="FNanchor_13_13" id=
+ "FNanchor_13_13"></a><a href=
+ "#Footnote_13_13"><sup>[13]</sup></a>&mdash;Kukuk,
+ Beckenknecht!<a name="FNanchor_14_14" id=
+ "FNanchor_14_14"></a><a href=
+ "#Footnote_14_14"><sup>[14]</sup></a>&mdash;Kukuk,
+ Speckbub!<a name="FNanchor_15_15" id=
+ "FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15"><sup>[15]</sup></a>&mdash;Kukuk,
+ schniet Speck up!<a name="FNanchor_16_16" id=
+ "FNanchor_16_16"></a><a href=
+ "#Footnote_16_16"><sup>[16]</sup></a>.&mdash;Der Gugger uf em
+ d&uuml;rre Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.<a name=
+ "FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href=
+ "#Footnote_17_17"><sup>[17]</sup></a> Der Sauerklee, Oxalis
+ acetosella, der zur nemlichen Zeit bl&uuml;ht, da des Kukuks Ruf
+ ert&ouml;nt, heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen
+ Schweiz Guggerbrod, franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo,
+ romansch paun e casch&ouml;l cucu (Butterbrod), und weil seine
+ s&auml;uerlichen Bl&auml;ttchen von den Kindern genascht werden,
+ auch Herrgottens&uuml;pple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das Brod,
+ 1868, 6. Auch die s&uuml;ssen Keime des Habermarks (Tragopogon)
+ heissen Guggichbr&ouml;dle.</p>
+
+ <p>Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
+ Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
+ Fastenzeit um Ostern b&auml;ckt, mit Speckw&uuml;rfeln belegt und
+ Speckw&auml;hen benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt,
+ weil er nur so lange seinen Ruf ert&ouml;nen l&auml;sst, als die
+ Br&uuml;tezeit dauert und er die Eier andrer V&ouml;gel
+ auss&auml;uft. Ist diese Zeit vor&uuml;ber und es beginnt die
+ Reife der Fr&uuml;hkirschen, so sieht er auch diese, heisst es,
+ in seiner Gier f&uuml;r buntgesprenkelte Eier an und frisst deren
+ so viele, dass ihm die Stimme verf&auml;llt und er nur noch
+ heiser ruft. Die Sage von der durch ihn erregten Theuerung
+ kn&uuml;pft sich an sein zeitweilen versp&auml;tetes Erscheinen
+ und an sein &uuml;ber die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
+ oberfr&auml;nkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei
+ langem Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS.
+ 2, no. 285. Er soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am
+ Himmel steht, in welches jene Beckerin mit ihren T&ouml;chtern
+ verwandelt ist; das ist bis Ende Juni. Die appenzeller
+ Bauernregel sagt hier&uuml;ber: Wenn d'Henne abw&auml;rts
+ g&ouml;nd, schl&ocirc;t s'Brod ab, wenn s'&ucirc;fw&auml;rts
+ <!-- 168 --><a name="Page_168" id="Page_168"></a> g&ouml;nd,
+ schl&ocirc;t 's &ucirc;f. H&auml;lt der Vogel diese Frist nicht
+ mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen Opfer er selber
+ zuerst wird; hievon erz&auml;hlt folgender venetianer Spruch:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Am achten des Aprils,</p>
+
+ <p>da soll der Kukuk kommen;</p>
+
+ <p>Kommt er am achten nicht,</p>
+
+ <p>so ist er todt oder gefangen.</p>
+
+ <p>Kommt er am zehnten nicht,</p>
+
+ <p>so h&auml;ngt er gefangen im Zaun.</p>
+
+ <p>Und kommt er am zwanzigsten nicht,</p>
+
+ <p>so ist er gefangen im Korn;</p>
+
+ <p>Und kommt er am dreissigsten nicht,</p>
+
+ <p>so ass ihn der Hirt mit Polenta.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Weil mit des Kukuks zeitgem&auml;ssem Erscheinen zugleich der
+ Anbau in der ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in
+ schw&auml;bisch Mundingen Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl.
+ Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und daraus erkl&auml;rt sich
+ vollst&auml;ndig der Schwabenstreich des St&auml;dtchens
+ Haiterbach, welches gegen die versp&auml;tete Ankunft des Vogels
+ Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller
+ Spruch bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger gr&uuml;ene
+ Haber schnelle (anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden
+ her, so bringt er in Z&uuml;rich einen sauern Wein; fliegt er den
+ Wohnh&auml;usern zu nahe, eine Jahrestheuerung (Gessner's
+ Thierbuch, Von den V&ouml;geln LXXI). H&auml;lt er den richtigen
+ Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
+ Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er
+ beides bis in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft
+ ihm der Schwabe zu, in Meiers Kinderreim. no. 87:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Schrei sie mir in Deckelkr&auml;be</p>
+
+ <p>Wie viel Jahr darf ich noch lebe?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie
+ Specht und Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die
+ Lebensdauer verk&uuml;ndendes Thier ist und im Dienste Gertrudens
+ gestanden hat;<a name="FNanchor_NACHTRAG_4_25" id=
+ "FNanchor_NACHTRAG_4_25"></a><a href=
+ "#Footnote_NACHTRAG_4_25"><sup>[Nachtrag 4]</sup></a> man ruft
+ ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
+ Myth. 3, 222):</p><!-- 169 --><a name="Page_169" id=
+ "Page_169"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Kukuk, Kukuk, Gerderut:</p>
+
+ <p>st&auml;ck d&icirc;ne v&ecirc;r H&ouml;rns herut!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Um so besser stehts um das berufende Kind, je p&uuml;nktlicher
+ ihm die Schnecke ihre vier F&uuml;hler zeigt; es erkrankt, wird
+ kreuzlahm, wenn es in die F&uuml;hler zwickt. Alemann. Kinderl.
+ S. 97. Aus G&ouml;thes Lied Fr&uuml;hlingsorakel ist die Sitte
+ allbekannt, nach der Zahl der im April geh&ouml;rten ersten
+ Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und der
+ Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
+ man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine
+ Weissagung ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel,
+ westf&auml;lisch der Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs
+ Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht man:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gugguger im Sessel,</p>
+
+ <p>Gieb mir dein Geld zu lesen,</p>
+
+ <p>Will dein Geld dir wieder geben,</p>
+
+ <p>Sag, wie viel Jahr thu ich leben?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118.
+ In Sommers Th&uuml;ring. Sag. no. 9 kommt in den Zw&ouml;lften
+ unter wunderbarem, weit vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die
+ Luft geflogen, welche die Gestalt einer gew&ouml;hnlichen Taube
+ hat, aber an ihren F&uuml;sschen ein kleines Schilfst&uuml;hlchen
+ mittr&auml;gt, das sie, wenn sie m&uuml;de wird, auf den Boden
+ stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst ber&uuml;hrt die Erde
+ nie, wo sie aber das St&uuml;hlchen hinsetzt, da gr&uuml;nt und
+ bl&uuml;ht es im folgenden Sommer am sch&ouml;nsten und
+ fruchtbarsten. Am Morgen des Dreik&ouml;nigtages wird die Taube
+ wieder zur Frau. Hier ist der Fr&uuml;hlingsbote, Kukuk oder
+ Taube, die ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg
+ die G&ouml;ttermutter, die nach Paulus Diaconus Frea heisst und
+ neben dem Gemahl Gwodan auf dem goldnen Thron in Walhalla sitzt.
+ Als Fr&uuml;hlingsg&ouml;ttin steht Freyja-Frigg der grossen
+ Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
+ Vrym&auml;nd. Compte rendu, Bruxelles 1843.</p>
+
+ <p>VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2,
+ 243.</p><!-- 170 --><a name="Page_170" id="Page_170"></a>
+
+ <p>Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu
+ rufen:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Gugger uf em gr&uuml;ene Ast,</p>
+
+ <p>Du, mi liebe, sch&uuml;eche Gast:</p>
+
+ <p>Gugg mer doch, bis au so guet,</p>
+
+ <p>Wie m&auml;ngis Jahr no han i z'guet?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Wer w&auml;hrend dem ungerades Geld bei sich tr&auml;gt und
+ auf den Sack schl&auml;gt, dem geht es das Jahr &uuml;ber nicht
+ aus, eine Volksmeinung, von welcher der Berner Volksdichter G.J.
+ Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar also reden
+ l&auml;sst:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Hans gh&ouml;rt di z'erst, er gryft i Sack</p>
+
+ <p>u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),</p>
+
+ <p>dass i kei Batze by mer ha,</p>
+
+ <p>jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"</p>
+
+ <p>Un Aenni lost und fraglet di:</p>
+
+ <p>Wie m&auml;ngs Jahr &auml;cht no leben i?</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der
+ Z&uuml;rcher Chirurg Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbes&auml;gnen,
+ Z&uuml;rich 1646, 13: "Vnd da der guckguck F&uuml;nffe
+ herf&uuml;r geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
+ anders nichts, dann das sy noch f&uuml;nff jahre zu leben hette.
+ Sie fiel aber bald in eine schw&auml;re krankheit und da sie zum
+ sterben sich zuzer&uuml;sten vermanet worden, wolte sie nicht
+ dran, dann der guckguck hette jhren anders verheissen. Vnd ob es
+ gleichwol mit jhren auff dem letzten gepfiffen, bliebe sie doch
+ jmmer auff jhrer meinung und als sie jetz kein wort mehr reden
+ kondte, streckte sie noch f&uuml;nft finger auff, andeutende,
+ dass sie, nach des guckgucks gesang noch f&uuml;nff jahr zu leben
+ habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"</p>
+
+ <p>Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht,
+ sagt man, der h&ouml;rt auch den Kukuk nicht mehr; was man
+ verw&uuml;nschen will, das soll des Kukuks werden, sich zum Kukuk
+ scheren. Der die Lebensdauer weissagende Vogel wird also damit
+ zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache bringt den Tod
+ ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der Trauer
+ gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
+ Glauben <!-- 171 --><a name="Page_171" id="Page_171"></a>
+ verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
+ daher auf den h&ouml;lzernen Grabkreuzen in Serbien so viele
+ Kukuke abgebildet, als Angeh&ouml;rige um einen Todten trauern,
+ und von einem Serbenm&auml;dchen, dem der Bruder gestorben war,
+ wird erz&auml;hlt, dass es nie mehr habe den Kukuksruf h&ouml;ren
+ k&ouml;nnen, ohne nicht in heftiges Weinen auszubrechen.
+ Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. 317.
+ Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
+ Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino
+ beim Fr&uuml;hlingsbade ertrunken, im n&auml;chsten
+ Fr&uuml;hjahre:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Aelter wird mein Ellenbogen,</p>
+
+ <p>Schw&auml;cher wird mein Handgelenke,</p>
+
+ <p>Ja, der ganze K&ouml;rper zittert,</p>
+
+ <p>Wenn des Kukuks Ruf ich h&ouml;re!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem
+ &auml;ltesten Mythus &uuml;berein. Altpolnisch hiess der Kukuk
+ Zywie und war ein verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum
+ hunc universi moderatorem transfigurari in cuculum. Myth. 643.
+ Dasselbe behauptet auch das griech. und r&ouml;mische Alterthum
+ vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und eine S&auml;ule
+ dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus der
+ Zeus (&Pi;&#8150;&kappa;&omicron;&sigmaf; &#8001;
+ &Zeta;&epsilon;&#8059;&sigmaf;), und ebenso hatte er nach
+ altr&ouml;mischer Mythe die ausgesetzten Zwillingss&ouml;hne des
+ Mars, Romulus und Remus, aufge&auml;sst und hiess davon Picus
+ Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein Name "der
+ Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die ber&uuml;hmte
+ Springwurzel, vor welcher die Th&uuml;ren der Schatzkammern und
+ Gef&auml;ngnisse aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine
+ Jungen mit ihr zu f&uuml;ttern, l&auml;sst er sie von dem Baume
+ fallen, unter den man ein rothes Tuch breitet. Wer sie dann in
+ den Mund nimmt, versteht aller V&ouml;gel Sprache. Wie Zeus sich
+ in den Kukuk verwandelt und sich auf den Scepterstab der Here
+ setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab weissagend gesessen
+ haben; dieser Stab selbst wird theils zur erl&ouml;sendem
+ Springwurzel, <!-- 172 --><a name="Page_172" id="Page_172"></a>
+ theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in Gold.
+ Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
+ der sp&auml;hende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl.
+ spechtes-hart), welcher der Schauplatz war von Gertrudens
+ Th&auml;tigkeit in Ostfranken, und so heisst das Thier mit
+ wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.</p>
+
+ <p>Wie diese eben beschriebnen Fr&uuml;hlingsthiere, weil sie
+ d&auml;monische sind, aus Gl&uuml;cksboten sich in vorahnende
+ Todesboten verkehren, so geschieht dies vornemlich mit Gertrudens
+ besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die Seelen der Abgeschiedenen
+ werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich da entweder in gute
+ oder in b&ouml;se Elbe zu verwandeln; als solche erscheinen sie
+ hierauf wieder als sch&auml;digende oder als bescherende
+ M&auml;use. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung
+ nehmen wir nunmehr in Ausf&uuml;hrung.</p><a name=
+ "Teil_3_Abschnitt_3" id="Teil_3_Abschnitt_3"></a>
+
+ <p>Wie Holda-Berchta die unm&uuml;ndig Verstorbenen, und
+ Valfreyja die in der Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben
+ nach &auml;lterem Kirchenglauben die Seelen der Abgeschiedenen
+ ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu nehmen. Hievon handelt
+ eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm Myth. 54 citirt:
+ Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc prima nocte
+ pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis,
+ sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. Erweitert
+ findet sich dieser merkw&uuml;rdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
+ niederd. <i>Spegel</i>, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier-
+ und Kr&auml;uterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de
+ Seele vth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge
+ hebben by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke
+ gemeinlyken vor de D&ouml;re der groten Stede gebuwet syn; und
+ darn&acirc; moth se &#367;uer dat Leuuer-Meer. Dieser hier das
+ Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin schon
+ erw&auml;hnten M&uuml;nstergem&auml;lde dargestellt, das den
+ Bischof Wilderolf und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in
+ der Sage von Hattos M&auml;usethurm zum Rheinstrom. Hievon
+ <!-- 173 --><a name="Page_173" id="Page_173"></a> sp&auml;ter.
+ Gertrudens Kirche und die von den Geistern darin abgehaltene
+ Todtenmesse spiegelt sich ab in der N&uuml;rnberger Sage von der
+ Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, an dem dieser
+ Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe verhehlt
+ hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
+ und auch Gertraud &uuml;berlebte ihn nicht lange. Drei Wochen
+ nach diesem letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die
+ Wittwe Imhof vor Tag in die Fr&uuml;hmesse nach St. Lorenz, hier
+ aber befiel sie der unheimliche Eindruck, als w&auml;ren statt
+ der Gemeinde und Geistlichkeit lauter Verstorbene versammelt. Als
+ sie nun, um anzufragen, aus ihrem Stuhle trat und eine vor ihr
+ knieende Jungfrau leise auf die Schulter klopfte, erkannte sie in
+ dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin Gertraud. Auf deren
+ Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie ihren Mantel
+ vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
+ Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
+ gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Sch&ouml;ppner, Sagb.
+ no. 1147. Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen
+ N&uuml;rnberger Patrizierin geworden, welche &uuml;ber das stumme
+ Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, allein Auskunft zu geben
+ vermag, deren Herzenszug aber noch immer die Liebe ist zu dem
+ ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walk&uuml;re
+ liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
+ Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
+ Abgeschiedenen die Gestalt von M&auml;usen annehmen.</p>
+
+ <p>Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie
+ erscheint als Weisse Maus. M&uuml;ller-Schambach,
+ Nieders&auml;chs. Sag. S. 269; dazu ebendas. no. 7. 264.
+ L&uuml;becks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
+ abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie
+ sei ein Weib gewesen, die &uuml;ber dem Wunsche, niemals zu
+ sterben, zu mehrhundertj&auml;hrigem Alter kam, zur Gr&ouml;sse
+ einer Maus zusammenschrumpfte und unter einem Glask&auml;stchen
+ in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. Bechstein
+ <!-- 174 --><a name="Page_174" id="Page_174"></a> DSagb. no. 212.
+ Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen Seher Tiresias,
+ der f&uuml;nf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und nach
+ seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
+ Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im G&ouml;the'schen Faust
+ schildert das pl&ouml;tzliche Ende der gespenstischen
+ T&auml;nzerin: "Mitten im Gesange sprang ein weisses
+ M&auml;uschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
+ sich folgende S&auml;tze. Wenn der von Gemeinde wegen
+ aufgestellte Feldmauser drei weisse M&auml;use f&auml;ngt und
+ t&ouml;dtet, so kommt er in die H&ouml;lle. Wer eine weisse Maus
+ qu&auml;lt, dem fressen die &uuml;brigen das Korn von der
+ Sch&uuml;tte. Vor der franz&ouml;s. Invasion 1798 waren im
+ Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, wo die Schildwache stand, in
+ jeder Nacht auf Himmelfahrt zw&ouml;lf weisse M&auml;use zu
+ erblicken, die man f&uuml;r zw&ouml;lf verw&uuml;nschte
+ Rathsherren hielt; so erz&auml;hlt uns die Bauernfrau Schenker
+ aus solothurnisch D&auml;niken.&mdash;Weisse M&auml;use,
+ berichtet V. Grohman &uuml;ber B&ouml;hmen, geniessen in diesem
+ Lande eine Art religi&ouml;ser Verehrung, man macht ihnen ein
+ Lager zwischen den Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit
+ ihnen das Gl&uuml;ck des Hauses sterbe. Ein Nest weisser
+ M&auml;use zu finden ist nur Sache eines Sonntagskindes. Auf
+ Schloss Drazic werden sie eigens gez&uuml;chtet, und l&auml;sst
+ man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so sch&uuml;ttet da das
+ Getreide um die H&auml;lfte mehr als sonst. Wer eine Maus
+ zertritt, der f&uuml;hrt den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol.
+ Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, von dessen Ausfall man
+ tr&auml;umt, um so n&auml;her verwandt der Freund, dessen Tod
+ drauf erfolgt (Aargau).<a name="FNanchor_18_18" id=
+ "FNanchor_18_18"></a><a href=
+ "#Footnote_18_18"><sup>[18]</sup></a> Dem Aberglauben gelten auch
+ die rothen M&auml;use in einem &auml;hnlichen Sinne. Der Zauberer
+ in Obermumpf vermochte einem mit offnem Munde Schlafenden als
+ rothes M&auml;uschen <!-- 175 --><a name="Page_175" id=
+ "Page_175"></a> bis ins Herz hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag.
+ 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der niederd. Pfarrer
+ M&auml;nnling in seinen Curiosit&auml;ten, Frkf. 1713: "Ists
+ nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden l&auml;sst,
+ die Seele des Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man
+ schlafe, aus dem Munde heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen
+ von in Gestalt der M&auml;use auswandernden Seelen wollen wir nun
+ folgen lassen.</p>
+
+ <p>Einer th&uuml;ringer Magd, die in der Gesindestube &uuml;ber
+ der Arbeit entschlafen ist, kommt ein <i>rothes M&auml;uschen</i>
+ zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein
+ mit zuschauendes Dienstm&auml;dchen r&uuml;ttelt die Schlafende
+ von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu k&ouml;nnen. Das
+ M&auml;uschen kehrte hierauf zur&uuml;ck, suchte hin und her nach
+ der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt.
+ Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb
+ todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines <i>weissen
+ M&auml;uschens</i> kommt der Alb durchs Schl&uuml;sselloch ins
+ Schlafzimmer und dr&uuml;ckt den Sohn. Die Mutter, welche
+ vorsorglich schon ein Tuch &uuml;ber die Brust des Schlafenden
+ gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn st&ouml;hnen h&ouml;rt, an
+ den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und
+ l&auml;sst den Schl&uuml;ssel dran stecken. In derselben Stunde
+ war im Nachbarorte ein M&auml;dchen pl&ouml;tzlich gestorben und
+ sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der
+ Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten
+ zuf&auml;llig den Schl&uuml;ssel von der Schublade abzog, worin
+ jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses M&auml;uschen
+ durchs Schl&uuml;sselloch und lief zur Th&uuml;r hinaus.
+ Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
+ wollen, als ein M&auml;uschen zur Th&uuml;re herein und in den
+ Mund der Leiche gelaufen kam, diese &ouml;ffnete die Augen und
+ geh&ouml;rte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95.
+ Dieselbe Begebenheit in Sommers Th&uuml;ring. Sag. no 40. In
+ gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
+ geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat
+ er das <!-- 176 --><a name="Page_176" id="Page_176"></a>
+ Schl&uuml;sselloch der Kammerth&uuml;re verstopft, so sieht er
+ statt der Maus ein wundersch&ouml;nes M&auml;dchen splitternackt
+ hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westf&auml;l. Sag.
+ no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen
+ Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem
+ Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
+ Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zur&uuml;ck.
+ Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog
+ rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er
+ nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus
+ Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar
+ die Grube verlassen hatten. Pr&ouml;hle, Harzsagen 1, S. 68. Die
+ Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast
+ einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer
+ Wiesel, aus seinem Munde dem n&auml;chsten B&auml;chlein
+ zugelaufen und will hin&uuml;ber. Der zuschauende Knecht legt
+ sein entbl&ouml;sstes Schwert wie eine Br&uuml;cke &uuml;ber den
+ Graben, das Thierlein geht dar&uuml;ber hin und verschwindet.
+ Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die
+ vorige Br&uuml;cke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht
+ sein Schwert weggethan. Also br&uuml;ckte dieser ihr abermals,
+ das Thierlein kam her&uuml;ber, n&auml;herte sich dem Schlafenden
+ und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen
+ den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet,
+ antwortete er: Mir tr&auml;umte, ich w&auml;re gar m&uuml;d und
+ hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf
+ dem Wege musste ich zweimal &uuml;ber eine eiserne Br&uuml;cke.
+ Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel f&auml;hrt die Seele
+ eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der
+ Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus
+ Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenk&ouml;nig Guntram,
+ dessen Seele in eines Schl&auml;ngleins Gestalt aus des
+ Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach
+ &uuml;berschleicht, in einen Berg schlieft und r&uuml;ckkehrend
+ &uuml;ber die n&auml;mliche Schwertbr&uuml;cke in den Mund
+ <!-- 177 --><a name="Page_177" id="Page_177"></a> des K&ouml;nigs
+ zur&uuml;ck geht. Der Erwachende erz&auml;hlt, vom grossen Flusse
+ mit Eisenbr&uuml;cken getr&auml;umt und im hohlen Berge den Hort
+ der Ahnen erblickt zu haben. Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no.
+ 433).<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href=
+ "#Footnote_19_19"><sup>[19]</sup></a> Einige &auml;hnliche Sagen
+ aus B&ouml;hmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22.
+ Die ausfahrende Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an,
+ zumal gefl&uuml;gelter. Aus dem Munde schlafender Hexen bricht
+ eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. 408), eine Hummel, Wespe,
+ ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, und Vonbun,
+ Beitr&auml;ge 2, 83. So viel von den M&auml;usen als ausfahrenden
+ und umwandernden Menschenseelen. Sind die M&auml;use damit
+ Geister, so k&ouml;nnen sie sowohl Segens- als auch Rachegeister
+ werden, den Freund besch&uuml;tzen und den Feindseligen
+ vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen &uuml;berhaupt den
+ V&ouml;lkern allgemein zum Omen. Das Gleichg&uuml;ltigere sei
+ hier wiederum vorangestellt, um zum historisch Wichtigen
+ emporzuf&uuml;hren. Unser &uuml;belverstandner Ausdruck maustodt,
+ anstatt mhd. murztot, holl&auml;nd. morsdood, spielt auf Maus und
+ Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause auf den Tod des
+ Hausherrn gedeutet wird. Tr&auml;umt man von M&auml;usen, so wird
+ es n&auml;chstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der
+ Zimmerwand, so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so
+ betrifft den Schl&auml;fer schon am Morgen Unheil; nagt sie an
+ seinem Kleide, so stirbt dieser bald. Verlassen s&auml;mmtliche
+ M&auml;use mit einem Male das Haus, so ist dies mit Aussterben
+ bedroht; man sagt: viel M&uuml;s, wenig L&uuml;t. Salom. Landolt,
+ Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:</p>
+ <!-- 178 --><a name="Page_178" id="Page_178"></a>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Der Aberglaube redt re noh,</p>
+
+ <p>(Me cha zwar uf das G'schw&auml;tz nid goh,</p>
+
+ <p>Glaubt' i's, i m&uuml;esst mi sch&auml;me):</p>
+
+ <p>Verl&ouml;i die Fr&uuml;ndi d'Wohnig ganz,</p>
+
+ <p>Geb's i dem Hus en andre Tanz,</p>
+
+ <p>Das heisst, es g'hei bald z's&auml;me.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>M&auml;use verk&uuml;ndeten den Ausbruch des marsischen
+ Krieges, als sie die Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den
+ Tod des Feldherrn Carbo, als sie dessen Schuhriemen zerbissen.
+ Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, 82. Als die
+ Philist&auml;er die Bundeslade geraubt und in Dagons
+ G&ouml;tzentempel aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der
+ Beulenpest und ihre Felder mit dem M&auml;usefrasse (percussit
+ inimicos in posteriora. Psalm 77, 66). Nach sieben Monaten
+ lieferten sie die Arche wieder zur&uuml;ck und &uuml;bersandten
+ dazu in einem K&auml;stlein als S&uuml;hnkleinode f&uuml;nf
+ goldne M&auml;use und f&uuml;nf goldne Aerse, beides nach er Zahl
+ der mit der Doppelplage heimgesucht gewesnen philist&auml;ischen
+ Landschaften. 1. Sam. 6, 4. Aehnliche S&uuml;hnbilder sind dem
+ ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der Priesterk&ouml;nig
+ Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt daf&uuml;r eine
+ Bilds&auml;ule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot
+ 2, 141. Vergoldete Aehren und goldne M&auml;use wurden der
+ ph&ouml;nizischen Ceres zum S&uuml;hnopfer gebracht. Welcker,
+ Griech. G&ouml;tterl. 1, 484. Im kretensischen und im
+ &auml;olischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
+ Feldmaus, M&uuml;nzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil
+ und der Maus dar, sowie auch eine M&uuml;nze von Metapont die
+ sechszeilige Gersten&auml;hre zugleich mit der Wanderheuschrecke
+ und der Maus aufweist. O Heer, Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst
+ Athene, wie man sie auf Gemmen dargestellt sieht (Tassie no.
+ 1585), tr&auml;gt die Maus auf dem Brustharnisch oder auf der
+ Schulter. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 22. In
+ allen diesen Sinnbildern ist mithin die Pestseuche an den
+ Misswachs, dieser an den M&auml;usefrass gekn&uuml;pft, und die
+ agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus
+ dargebrachte Opfer an und heben die herschenden Uebel
+ <!-- 179 --><a name="Page_179" id="Page_179"></a> auf, indem sie
+ die M&auml;use vertilgen. Dieselbe Abh&uuml;lfe wird nun aber
+ auch durch die hl. Gertrud gew&auml;hrt, welche, indem sie die
+ M&auml;useplage aufhebt, zugleich die Seuchen abwendet. So lange
+ schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu baierisch
+ Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
+ Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin geh&ouml;rt die
+ allbekannte Sage vom Rattenf&auml;nger zu Hameln. Da sich an sie
+ die Geschichte von der magischen Pfeife kn&uuml;pft, mit deren
+ Tone die M&auml;use vertrieben werden, und hiervon noch
+ sp&auml;ter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen Erntenudel
+ wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
+ Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der
+ Bezauberten Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula
+ Hamelensis nacherz&auml;hlt. Als die Stadt Hameln a.d. Weser im
+ J. 1284 mit einem Haufen M&auml;use und Ratten geplagt war, die
+ alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem fremden Mann
+ &uuml;berein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
+ Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife
+ hervor und sowie er darauf spielte, kamen die M&auml;use aus den
+ Hauswinkeln, D&auml;chern und Dachrinnen zu Haufen hervor und
+ folgten ihm zur Weser. Er trat sein Kleid aufsch&uuml;rzend in
+ den Strom, die Thiere ihm nach und ertranken. Nach verrichteter
+ Sache begehrte er den bedungenen Lohn. Allein die B&uuml;rger
+ waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am folgenden
+ Mittag wieder, diesmal in J&auml;gertracht, sein Hut war
+ purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender L&auml;nge, und
+ nun spielte er eine andere, von der gestrigen weit verschiedene
+ Pfeife. Da liefen ihm binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt
+ zu, vom vierten bis zum zw&ouml;lften Altersjahre, die
+ f&uuml;hrte er, 130 an der Zahl, in eine H&ouml;hle des vor dem
+ Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
+ wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen
+ weit unter der Erde fort his nach Siebenb&uuml;rgen und dorten
+ erst wieder ans Licht gef&uuml;hrt; denn seitdem spricht man in
+ diesem Lande nieders&auml;chsisch.&mdash;So <!-- 180 --><a name=
+ "Page_180" id="Page_180"></a> lassen sich auch in Wolfs Hess.
+ Sag. no. 14 die Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles
+ Gewitter, durch einen Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie
+ ihm aber den Lohn daf&uuml;r vorenthalten, ist der Ameisen- und
+ Grillenregen nebst dem M&auml;useheere wieder da. Von neuem wird
+ der Mann berufen, nun kommen jedoch auf seinen Pfiff alle Schafe
+ und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, und zuletzt alle
+ Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben verloren.</p>
+
+ <p>Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe
+ Drancyles-Nouis lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der M&ouml;nch
+ Angionini mit dem Erbieten erschien, den Ort von seinen Ratten
+ und M&auml;usen zu befreien. Er lockte alle diese Thiere in einen
+ Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den versprochnen Lohn
+ vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle Zuchtthiere
+ des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und G&auml;nse, um ihn
+ sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag.
+ 392. Die Uebereinstimmung dieser Erz&auml;hlungen lehrt, dass die
+ M&auml;use, weil sie Geister sind, nur dem magischen Ton der
+ Pfeife gehorchen und damit hinweggelockt werden. Wie man mit der
+ Bastpfeife im Fr&uuml;hling den Fruchtkeim in die Pflanze zu
+ blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); wie der Seefahrer dem
+ Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende Maus werde durch
+ sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du singst mir
+ alle M&auml;use aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
+ singenden Kinde. Zur Vertreibung der M&auml;use bedient man sich
+ folgenden Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte
+ schneidet man ein Pfeifchen und umgeht damit blasend am
+ Charfreitag das Haus, oder man h&auml;ngt dem gefangnen Thiere
+ ein Gl&ouml;ckchen an und l&auml;sst es laufen; es springt aus
+ dem Hause und alle &uuml;brigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
+ M&auml;use, S. 26. Abergl. aus B&ouml;hmen S. 62. 66. Denselben
+ Zweck hatten die Pfeifchen im Schweife der h&ouml;lzernen
+ Spielr&ouml;sschen und die th&ouml;nernen, die man an der Stelle
+ des Schw&auml;nzleins in <!-- 181 --><a name="Page_181" id=
+ "Page_181"></a> die Erntenudel der gebacknen M&auml;uschen
+ steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt die
+ Umschrift an der grossen Abteiglocke in w&uuml;rtembergisch
+ Weing&auml;rten; die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre
+ Umschrift lautet nach Sauten (Kloster Weingarten, 1857, 48):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn
+ Bischof Hatto in seinem Thurm zu Bingen von den M&auml;usen bei
+ lebendigem Leibe gefressen wird, weil er bei einer Hungersnoth
+ die Armen unter dem Vorgeben einer Brodvertheilung in eine
+ Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und der Sterbenden
+ Geschrei mit den Worten verh&ouml;hnte: H&ouml;ret, wie meine
+ M&auml;use pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit
+ bei den Unterthanen wird nebst der eben ber&uuml;hrten Sage von
+ Trithemius in der Hirsauer Chronik 1, 116 erz&auml;hlt und zur
+ Unterst&uuml;tzung dieser Begebenheit, wie es scheint, dorten S.
+ 140 ein &auml;hnlicher Fall vom J. 995 hinzugef&uuml;gt &uuml;ber
+ einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer
+ am thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg
+ G&uuml;ttingen soll sich desselben Frevels schuldig gemacht haben
+ und ebenso von den M&auml;usen aufgefressen worden sein.
+ Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es haben W. Menzel (Odin
+ 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, 307), und
+ j&uuml;ngsthin besonders ausf&uuml;hrlich Grohmann (Apollo
+ Smintheus, S. 78 ff.) &uuml;ber diesen Mythus und dessen
+ zahlreiche Sagen gehandelt, in der Erkl&auml;rung desselben aber
+ sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein zweifelhafter sein.
+ Der Erntegott schickt Undankbaren die M&auml;useplage und damit
+ die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorr&auml;the besorgte
+ Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen
+ mit Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn
+ in Gestalt der M&auml;use bis in seine Wasserburg, wo er der
+ gemeinsamen Seuche erliegt. M&auml;use werden daher Gottes
+ Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder Seuchenzeit einstellen.
+ Das Br&uuml;derpaar, das sich vor der Pest auf den
+ <!-- 182 --><a name="Page_182" id="Page_182"></a> Irchelberg
+ fl&uuml;chtet, erw&uuml;rgt sich da in der Hungersnoth um einer
+ gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117.
+ Zur Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine
+ stehende Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch
+ M&auml;use gehext habe. Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die
+ gegen jeden Flausenmacher gebr&auml;uchliche Phrase: Mach mir
+ keine M&auml;use. "Die Festung macht M&auml;use und will sich
+ nicht ergeben", heisst es ebenso in G&ouml;thes
+ B&uuml;rgergeneral, 9. Auftritt.</p>
+
+ <p>Die den K&ouml;rper in Mausgestalt verlassende und wieder
+ besuchende Seele hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man
+ mit den Fingern &uuml;ber die Brust des Kindes hinauf tippt,
+ sprechend:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Kommt ein M&auml;uschen,</p>
+
+ <p>will ins H&auml;uschen,</p>
+
+ <p>da 'nein, da 'nein!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit
+ verpflichtet zu sein, den M&auml;usen Recht und Gericht halten zu
+ sollen. Bei dem Prozesse, welchen die tiroler Gemeinde Stilfs
+ 1590 gegen die Sch&auml;digung der Lutm&auml;use beim Amte Glurns
+ anh&auml;ngig machte, erhielten beide Parteien ihren Procurator,
+ das Gericht war mit eilf namhaften M&auml;nnern besetzt, f&uuml;r
+ Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgeh&ouml;rt und der
+ Beschluss lautete: Die Lutm&auml;use seien gehalten binnen 14
+ Tagen den Landstrich g&auml;nzlich zu verlassen, jedoch unter
+ freiem Geleite gegen Hund, Katze und jeden andern Feind; "wo aber
+ ains oder mehr der Tierlein schwanger w&auml;re, oder Jugend
+ halber nicht fortkommen m&ouml;chte, dieselben sollen ein
+ weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle,
+ Sag. no. 708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu
+ Autun 1540, welches die M&auml;use als Saatenverw&uuml;ster
+ anklagen und verurtheilen liess; der M&auml;use Anwalt jedoch,
+ Barthol. Cassan&auml;us, nachmaliger Pr&auml;sident des Pariser
+ Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
+ nicht dreimal vorgeladen und k&ouml;nnten, so lange die Strassen
+ durch Hunde und Katzen unsicher <!-- 183 --><a name="Page_183"
+ id="Page_183"></a> seien; f&uuml;glich auch nicht erscheinen.
+ Diebolt, Histor. Welt, 1715, S. 1117.</p>
+
+ <p>Von hier aus &uuml;bergehend zu den der Kornmaus dargebrachten
+ Ernteopfern, findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier
+ gekn&uuml;pften volksmedizinischen Br&auml;uche, deren
+ allverbreiteter gleichfalls auf ein Opfer hinausl&auml;uft.
+ Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den Wechselzahn ins
+ Mausloch und verlangt daf&uuml;r von der Maus einen neuen, dessen
+ Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
+ wird.<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href=
+ "#Footnote_20_20"><sup>[20]</sup></a> In Pforzheim spricht man
+ (Grimm, Abgl. no. 631): M&auml;uschen, da hast du einen
+ h&ouml;lzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.&mdash;In
+ Schlesien: M&auml;usel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
+ Steindel.&mdash;M&auml;uschen, ich geb dir einen kn&ouml;chernen
+ Zahn, gieb du mir einen eisernen. Kuhn, Westf&auml;l. Sag. 2, S.
+ 34. Im Aargau heisst es (Alemann. Kinderl. S. 338):</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>M&uuml;sli, M&uuml;sli, nimm de Zah,</p>
+
+ <p>gim-mer en sch&ouml;ne goldige dra,</p>
+
+ <p>frei en sch&ouml;ne w&icirc;sse,</p>
+
+ <p>ass ech's Brod cha b&icirc;sse.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter
+ nicht selber verschluckt, hoch gegen Himmel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Seh, liebe Herrgett, en Zah!</p>
+
+ <p>Gieb mer wider en andre dra.&mdash;</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In W&uuml;rtemberg wirft es ihn &uuml;ber sich und spricht
+ beim Schneidezahn:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Se, M&auml;usle, has du dean Za,</p>
+
+ <p>sez mer derf&uuml;r en andra na!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Beim Mahlzahn heisst es:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wolf, Wolf, da has en Za,</p>
+
+ <p>gi mer derf&uuml;r no koen Biberza!</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Birlinger, Schw&auml;b. Sag, 1, no. 570. <i>Biber</i> ist
+ schw&auml;bisch Name des w&auml;lschen Hahns (Birlinger,
+ Schw&auml;b. W&ouml;rtb. 61) und bedeutet hier: lass mir den Zahn
+ nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein altarabischer
+ Spruch in <!-- 184 --><a name="Page_184" id="Page_184"></a>
+ R&uuml;ckerts Morgenl&auml;nd. Sagen 2, 264 opfert den
+ Schichtzahn gleichfalls der Sonne:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Liebes Kind, nimm deinen Zahn,</p>
+
+ <p>Der dir ausgefallen,</p>
+
+ <p>Wirf ihn zu der Sonn' hinan,</p>
+
+ <p>Sprich mit frohem Lallen:</p>
+
+ <p>Gieb mir einen bessern dran!</p>
+
+ <p>Und du wirst von allen</p>
+
+ <p>Neuen Z&auml;hnen keinen Zahn</p>
+
+ <p>Schwarz und schief und stumpf empfahn,</p>
+
+ <p>Sondern jeden wohlgethan.</p>
+
+ <p>Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Dem Sonnengotte Freyr ward von den G&ouml;ttern die Sonne,
+ Lichtalfenheim, zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der
+ Zahn ist also eine Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste
+ Milchzahn heisst in S&uuml;ddeutschland W&ouml;lfle (Alemann.
+ Kinderlied, S. 337), Wolfsz&auml;hne werden dem zahnenden Kinde
+ umgehangen, vielleicht in altheidnischer R&uuml;cksicht auf den
+ Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
+ zum Opfer f&auml;llt.</p>
+
+ <p>In Hahns Griechisch-albanes. M&auml;rchen no. 10 und 101
+ l&auml;sst sich die Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald
+ einen goldnen, bald einen silbernen einsetzen, besiegt darauf
+ ihres Vaters Feinde, befreit das Land und wird des fremden
+ Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn wirklich in Gold
+ gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst anderen dahin
+ einschl&auml;gigen Br&auml;uchen des Alterthums im eben genannten
+ Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen.
+ Der hellfunkelnde, unverw&uuml;stliche Zahn des im Boden oder in
+ H&ouml;hlen wohnenden Thieres soll auch dem jungen Menschen zu
+ Theil werden, wenn er seine Z&auml;hne in den Boden s&auml;et;
+ darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die Z&auml;hne des
+ erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
+ erwachsen die Stammv&auml;ter des kadmeischen Thebens. Den
+ Schneidezahn wirft man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe,
+ heisst es; der erste Zahn heisst in S&uuml;ddeutschland
+ W&ouml;lfle, und w&ouml;lfen ist <!-- 185 --><a name="Page_185"
+ id="Page_185"></a> zahnen: Aus Wolfs- und Rossz&auml;hnen bestand
+ die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst umhieng, und
+ selbst unter den Fundst&uuml;cken, die man seit 1857 aus den
+ Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Z&auml;hne des
+ B&auml;ren und Wolfes, durchbohrt, um an Schn&uuml;ren als
+ Amulette getragen zu werden. Z&uuml;rch. Antiq. Mitthll. 12, Heft
+ 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz bei Plinius &uuml;berein
+ HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfz&auml;hne werden zahnenden
+ Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Erm&uuml;dung
+ angeh&auml;ngt, ausgerissene Maulwurfsz&auml;hne gegen
+ Zahnschmerz. Weil die Maus Alles benascht, streut man dem
+ naschenden Kinde heimlich eine gepulverte Maus auf die Speise,
+ damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. H&ouml;chst
+ auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
+ welchem die &auml;lteste und die neueste Zeit zu erz&auml;hlen
+ hat. Das P&ouml;nitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von
+ Angers (Poenitentiale Andegavense) schreiben dem Priester vor,
+ die Frage an sein Beichtkind zu stellen, ob es von dem
+ zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen habe: edisti de
+ liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das Verbot
+ gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
+ darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
+ Bisch&ouml;fen aufgetragen, bei der j&auml;hrlichen
+ Kirchenvisitation strenge Nachforschung hier&uuml;ber
+ anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die Unsitte bis heute
+ fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel gegen
+ Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
+ muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel,
+ welches von Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach
+ neuerlich angestellter Analyse aus pulverisirten M&auml;usen.
+ Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die uns pers&ouml;nlich
+ umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettn&auml;sser seien
+ dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus
+ zu trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch
+ irreleiten, dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern,
+ welche <!-- 186 --><a name="Page_186" id="Page_186"></a> den Harn
+ nicht verhalten k&ouml;nnen, gepulverte M&auml;use unter der
+ Speise zu essen verordnet; denn diese Heilmethode gr&uuml;ndet
+ sich auf ein blosses Wortspiel und steht nicht in entfernter
+ Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, d&auml;monischen
+ Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
+ Gleichem zu vertreiben, schl&auml;gt nemlich Plinius vor, die
+ Muskelschw&auml;che am Halse der Harnblase durch eine
+ eingenommene Maus zu heilen, da latein. musculus beides ist,
+ Muskel und M&auml;uslein. Die deutsche Medicin nahm nicht bloss
+ diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
+ gekn&uuml;pfte Heilmethode an, um so mehr, als beides
+ urspr&uuml;nglich unter dem Einflusse der w&auml;lschen
+ Universit&auml;ten zu Padua und Montpellier stand. Peter
+ Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
+ des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und
+ schreibt daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127)
+ w&ouml;rtlich nach: "Das Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das
+ M&auml;usslin, so umb den Hals der Harnblasen herumbliegt,
+ verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht mehr gehorchen
+ kann." Die sp&auml;teren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck und
+ pflanzen den daran gekn&uuml;pften Aberglauben fort. "Der Geist
+ kumpt durch die m&uuml;ssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn",
+ schreibt der Z&uuml;rcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen,
+ Z&uuml;rich 1554, Blatt 126b; Johann von Muralt lehrt in seinem
+ Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: "Wann die junge Kinder so
+ hart verstopft, also dass jhnen der Leib auflauft, so gib jhnen
+ ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."</p>
+
+ <p>Ein &auml;hnliches Wortspiel scheint nach Nork,
+ Realw&ouml;rterb. 3, 125, der schon vorhin erw&auml;hnten Stelle
+ l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die dorten enthaltenen
+ Stichw&ouml;rter Pestbeule und Maus im Hebr&auml;ischen
+ stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschw&uuml;r
+ bedeutet.</p>
+
+ <p>Der Name Maus, sanskrit m&ucirc;scha, abgeleitet von der
+ Wurzel m&ucirc;sch, stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn
+ das indische Gesetzbuch Yajnavalkya III, 214 (&uuml;bers.
+ <!-- 187 --><a name="Page_187" id="Page_187"></a> von Stenzler)
+ zustimmend besagt: "Eine Maus wird der Getraidedieb sein, denn
+ wie die verschiednen Gegenst&auml;nde sind, so sind auch die
+ Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort beh&auml;lt diesen
+ Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet
+ stehlen. Quasi mures semper edimus alienum cibum, l&auml;sst
+ Plautus in den Gefangenen den Schmaruzer sagen. In des Hieron.
+ Bock Teutscher Speisekammer, 1555, sagt das Vorwort:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Mein frischgebachen brot</p>
+
+ <p>muoss leiden vil der not</p>
+
+ <p>von hunden vnd von katzen,</p>
+
+ <p>von meusen vnd von ratzen,</p>
+
+ <p>zerh&uuml;lchen's, schliefen drein,</p>
+
+ <p>wolt, sie schwimmen im Rhein!</p>
+ </div>
+ </div><a name="Teil_3_Abschnitt_4" id="Teil_3_Abschnitt_4"></a>
+
+ <p>Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit
+ &auml;ltester Zeit f&uuml;r bestimmte Zeitfristen allgemein
+ beobachtete Ueblichkeiten fest, durch die man dem
+ sch&auml;dlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen glaubte,
+ indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
+ deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
+ unseren Fasnachts- und Erntebr&auml;uchen. Man darf um
+ Weihnachten und Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre
+ Julzeit, halten (Volksglauben in der Mark), oder wo nach
+ oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren Umzug h&auml;lt, nicht
+ spinnen, sonst zerzausen die M&auml;use den Flachs. Das
+ M&auml;uslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im
+ Gedichte von den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet:
+ Dass dich das M&auml;uslein beisst! denn alles was man in der
+ Fasnacht spinnt, das fressen die M&auml;use (Aargau). Man darf
+ alsdann die M&auml;use auch nicht bereden, sonst stehlen sie das
+ Korn von der Sch&uuml;tte. Anstatt Maus sagt man dann (nach Kuhns
+ Nordd. Sag. pg. 411) B&ouml;nl&ouml;per,
+ Scheunenbodenl&auml;ufer, in D&auml;nemark Tede, die Kleinen.
+ Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch so fest, dass
+ der d&auml;nische Ortspfarrer Laurids Muns (&dagger; 1774)
+ w&auml;hrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern
+ stets nur Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing.
+ <!-- 188 --><a name="Page_188" id="Page_188"></a> Weihnacht. pg.
+ 13. Die Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel
+ &uuml;brig bleibt, sch&uuml;ttet man gegen die Kornm&auml;use in
+ die Mausl&ouml;cher. H.L. Fischer, Buch v. Abgl. 1790. 1, 237. In
+ Grochwitz bei Torgau b&auml;ckt man die Fasnachtsk&uuml;chlein.
+ in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit ihr dem
+ w&uuml;hlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier
+ das Gedeihen der k&uuml;nftigen Ernte mit einem Opferbrode
+ voraus. Dasselbe gilt in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des
+ Hofbauern die Mehlspeise der gebacknen M&auml;uschen als
+ Fasnachtsgericht aufgesetzt; daf&uuml;r hat es theils bei Nacht,
+ theils schon vor Sonnenaufgang die Strohb&auml;nder f&uuml;r die
+ Garben der Ernte vorauszuflechten; da die M&auml;use dieser
+ Nachtarbeit nicht mit zusehen k&ouml;nnen, so werden auch die
+ Garben vor ihnen sicher bleiben, jedoch vermehren sich die
+ M&auml;use, wenn man ihnen &uuml;ber dieser Arbeit flucht.
+ Bavaria 2, 300.</p>
+
+ <p>Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den
+ Aehren nach unten gekehrt in die Tenne; dies geh&ouml;rt den
+ M&auml;usen, die hiemit sich begn&uuml;gen und den Geizigen
+ heimsuchen m&ouml;gen. Die Beinchen vom Osterfleischkuchen,
+ welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, streut man
+ gegen das W&uuml;hlen des Maulwurfs in dessen frische G&auml;nge.
+ Grohmann, B&ouml;hm. Abgl. S. 58. In b&ouml;hmisch Raudnitz hebt
+ man vom Schmalz, worin man die Fasnachtskrapfen b&auml;ckt, bis
+ zur Ernte auf und salbt damit die R&auml;der des Erntewagens.
+ Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt der abladende Knecht
+ den Fuhrmann: Was f&auml;hrst du? Dieser antwortet: Die Katze
+ f&uuml;r die M&auml;use. Alsdann werden keine M&auml;use in die
+ Scheune kommen. Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl
+ sch&uuml;ttet man in die Scheunentenne und spricht:
+ M&auml;uschen, esst diese Br&ouml;ckchen und lasset das Getreide
+ in Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen
+ wird in die erste Scheunengarbe ein K&auml;se gebunden und der
+ sie Abladende fragt den Fuhrmann Wann haben wir Christtag?
+ Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, erwiedert Jener, so wissen die
+ M&auml;use auch nicht, wo ich <!-- 189 --><a name="Page_189" id=
+ "Page_189"></a> meine Gerste hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S.
+ 187. In des Albertus Magnus Egypt. Geheimnissen Heft 3, 73 heisst
+ es: "Wann du das Korn zum ersten einf&uuml;hrst, so nimm die
+ erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine rechte Hand und
+ sprich:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Da leg ich dem Menschen das Brot</p>
+
+ <p>und allen M&auml;usen den bittern Tod."</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht
+ abzuhalmen, auf dass die M&auml;use das Korn nicht fressen.
+ Schiller, Thier- und Kr&auml;uterb. 3, S. 9a.</p>
+
+ <p>Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen
+ Jahreszeiten in Mausform gebackenen Zweckbrode.</p>
+
+ <p>Mit erstem Fr&uuml;hlingsbeginn nimmt die oberdeutsche
+ B&auml;uerin junge Salbeibl&auml;tter, wickelt sie in Eierteig
+ und b&auml;ckt sie in Butter ab; hinten muss dann der Blattstiel
+ gleich einem Mausschw&auml;nzchen aus der Nudel vorstehen. Die um
+ dieselbe Zeit f&uuml;r den Marktverkauf gebackenen gr&ouml;sseren
+ Brodnudeln haben eben dieses Schw&auml;nzchen, doch ist es ein
+ th&ouml;nernes, damit die Kinder darauf pfeifen k&ouml;nnen. Marx
+ Rumpolts Kochbuch von 1581, Bl. 167b w&auml;hlt zur Einlage in
+ dieses Mehlm&auml;uslein die Pflanzen Bertram, Borrag und U.
+ Frauen Bl&auml;tter. Noch &auml;lter ist folgende Notiz in der
+ Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
+ gebachen von Salvey. nim d&uuml;r leutzbiren vnd mach sie
+ sch&ocirc;n. se&uuml;d sie weich vnd stoss sie in einem morsser.
+ bestreich ein saluenblat damit vnd deck ein anders daruber, druck
+ sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch bey einander bleiben.
+ mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, zeuch es dardurch
+ vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt von dieser
+ Nudel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Bachen wir ein K&uuml;chelein,</p>
+
+ <p>Meuselein und Streubelein</p>
+
+ <p>Und trinken auch den k&uuml;hlen Wein,</p>
+
+ <p>Kaku-kaka-nai,</p>
+
+ <p>Dass man fr&ouml;hlich sei.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>In A. Corrodi's Z&uuml;rcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860,
+ <!-- 190 --><a name="Page_190" id="Page_190"></a> S. 45) heisst
+ es von der st&auml;dtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>M&uuml;sli, weischt, du k&auml;nnsch es ja wol, sind gar
+ nid z' verachte,</p>
+
+ <p>W&auml;mm&auml; de Zucker nid spart und w&auml;mm&auml;
+ cha gnueg devu esse.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal
+ wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die M&uuml;slinudel
+ aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben
+ Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern
+ heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen
+ war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der
+ Maush&uuml;ter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich
+ sch&auml;tzt man einen in Arras, B&eacute;thune und St. Quentin
+ einheimischen K&auml;se-Pfannkuchen Namens Ratons, beides
+ bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der
+ N&uuml;rnberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird f&uuml;r
+ eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Sch&ouml;ppner, Sagb. no.
+ 641.</p>
+
+ <p>Gertruds Name verr&auml;th sich zwar bei diesen Erntespeisen
+ nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und
+ Wappenthiere in den weiteren Erntebr&auml;uchen, besonders beim
+ Heuschnitt erw&auml;hnt. In Schwaben sammelt man am
+ Himmelfahrtstage Maus&ouml;hrleinkraut, gnaphalium dioicum, und
+ h&auml;ngt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2,
+ 399; in Baiern wirft man Frauensch&uuml;hlein, melilotus, und
+ Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins
+ Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann
+ ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen
+ f&auml;hrt in der Walburgisnacht ein mit vier M&auml;usen
+ bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenf&uuml;ssig ist.
+ Temme, Volksag. von Pommern und R&uuml;gen 329. Hier ist in des
+ Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim
+ Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
+ K&ouml;penick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten
+ M&uuml;tterleins, das geb&uuml;ckt am Stabe geht, oder einer
+ Prinzessin, die ihr Haar k&auml;mmend sich im Spiegel des
+ dortigen Sees beschaut und dreimal um die K&ouml;penicker
+ <!-- 191 --><a name="Page_191" id="Page_191"></a> Flur getragen
+ zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran,
+ von vier kleinen M&auml;usen gezogen. Kuhn, M&auml;rk. Sag. no.
+ 111. Bei Marne in S&uuml;dditmarschen fliesst der Geldsot, in
+ welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt;
+ n&auml;chtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs
+ weissen M&auml;usen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet.
+ Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb.
+ no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt
+ solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
+ der Rh&ouml;n- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des
+ Grossen Tochter gilt. In den gekr&auml;uselten Wellen der
+ Mainstr&ouml;mung glaubt man dorten n&auml;chtlicher Weile
+ Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;<a name="FNanchor_21_21"
+ id="FNanchor_21_21"></a><a href=
+ "#Footnote_21_21"><sup>[21]</sup></a> wo sie zum Gebete
+ niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig
+ unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst
+ kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgeh&auml;ngt, welche
+ M&uuml;tter zu werden w&uuml;nschen. Das Gebet zu ihr lindert die
+ Geburtsschmerzen und f&ouml;rdert die Geburten. Jac. Schmid,
+ Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch
+ ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten
+ heilkr&auml;ftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50.
+ Sch&ouml;ppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu
+ Bamberg h&ouml;rte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
+ Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die
+ Messe und entgieng dar&uuml;ber dem Tode. Sch&ouml;ppner, no.
+ 207. W&auml;hrend sie auf Schloss Karleburg am Main einen
+ Frauenconvent gr&uuml;ndete, <!-- 192 --><a name="Page_192" id=
+ "Page_192"></a> wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die
+ Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unr&uuml;hmlich
+ verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht
+ misstraute, so liess ihn daf&uuml;r der Heilige erblinden,
+ stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu
+ Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte
+ Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg.
+ 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten;
+ letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von
+ der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen
+ Kl&ouml;sterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb
+ ersch&ouml;pft und d&uuml;rstend in der Einsamkeit stehen, als
+ pl&ouml;tzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang
+ die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV.
+ 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.</p>
+
+ <p>Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der
+ altherk&ouml;mmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen
+ ist: Gertrudis Minne zu trinken.</p>
+
+ <p>Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria)
+ seiner G&ouml;tter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten,
+ Abschiedsschm&auml;ussen feierlich den ersten oder letzten
+ Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf
+ Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten H&auml;lfte des
+ siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban.
+ Nach der Bekehrung trank das unter christlicher H&uuml;lle
+ fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und
+ Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat dar&uuml;ber aus unsern
+ einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe
+ Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
+ Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
+ getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe
+ zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und
+ Gertrudenminne (Wiener Jahrb&uuml;cher 1862). Heut zu Tage
+ scheint diese <!-- 193 --><a name="Page_193" id="Page_193"></a>
+ kirchliche Sitte nur, noch f&uuml;r Johannis zu gelten (so z.B.
+ im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und
+ Belgien allgemein &uuml;blich gewesen und soll dorten aus Abscheu
+ vor dem Andenken an den Verr&auml;ther Gysbrecht abgekommen sein,
+ dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich
+ Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den
+ Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
+ trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man f&uuml;r den
+ Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zur&uuml;ck
+ kehre, sich eine <i>gute Herberge</i> jenseits zu sichern, da der
+ abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud
+ angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer
+ Seelenherrin sp&auml;ter eine Patronin der Reisenden. Das Glas,
+ aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
+ eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht
+ bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe
+ machte, sondern jener weitesten, welche &uuml;ber den Todesstrom
+ f&uuml;hrt und unsern Ausdruck Absegeln f&uuml;r Sterben zur
+ Folge hat. Von dieser Seelen&uuml;berfahrt handelt Deutscher
+ Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus
+ einer Einsiedler Handschrift angef&uuml;hrt: "wenn die menschen
+ sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das
+ schon erw&auml;hnte Strassburger Kirchengem&auml;lde St. Gertrud
+ mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag.
+ 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei
+ heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das
+ sich rasch in ein st&uuml;rmendes Meerungeheuer verwandelt und
+ ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie
+ dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem
+ schiff&auml;hnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten
+ den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walk&uuml;ren den Asen
+ den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausge&uuml;bte
+ Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
+ Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach
+ <!-- 194 --><a name="Page_194" id="Page_194"></a> eine andere
+ Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren
+ j&uuml;ngeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthsh&auml;usern
+ Hollands gewesen war; sie tr&auml;gt den Beinamen Von Osten, weil
+ sie unter den Zechliedern der Wirthsg&auml;ste das geistliche
+ Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und &ouml;fters
+ hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
+ zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen
+ Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstm&auml;dchen gewesen,
+ in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern
+ Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.</p>
+
+ <p>Die in der Figur Gertruds enthaltenen Z&uuml;ge der
+ Walk&uuml;re sind ausser ihrem schon anfangs erkl&auml;rten
+ mythischen Namen nachfolgende.</p>
+
+ <p>Sie ist des von ihr erw&auml;hlten Mannes sch&uuml;tzender
+ Gefolgsgeist, seine Fylgja, l&auml;sst sich mit ihm in ein
+ Eheb&uuml;ndniss ein, sch&uuml;tzt ihn mit Gefahr ihres eignen
+ Lebens vor den feindlichen und den h&ouml;llischen Waffen, reitet
+ f&uuml;r ihn ins Gefecht und hinterl&auml;sst ihm, wenn sie nach
+ dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten
+ Besitz und t&uuml;chtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau,
+ welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte
+ diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber
+ war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes
+ Waldfr&auml;ulein im Gespr&auml;che mit seinem Weibe dieses
+ Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
+ weinend musste sie hierauf Mann und Kinder f&uuml;r immer
+ verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins
+ Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt,
+ wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in
+ Erf&uuml;llung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag.
+ no. 42 und 358 ist ein &auml;hnliches B&uuml;ndniss im Tone der
+ Ritterzeit erz&auml;hlt. Riddert von Berkhof hatte sich dem
+ Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
+ Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse
+ einen Becher Geerdenminne <!-- 195 --><a name="Page_195" id=
+ "Page_195"></a> zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
+ Heppener entgegen, wo der B&ouml;se bereits seiner wartete; doch
+ der Satan konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert
+ die hl. Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu
+ Rosse. Dieser Vorfall war sp&auml;ter in der Heppener Kirche
+ k&uuml;nstlich gemalt zu sehen. Mittelhochd. Dichtungen tragen
+ &auml;hnliches auf die hl. Maria &uuml;ber, die als Schutzgeist
+ eines Gef&auml;hrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
+ deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder f&uuml;r den
+ Schutzbefohlnen aufs Turnier ziehen und in Gefechten
+ mitk&auml;mpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert daraus, dass Maria
+ hier an die urspr&uuml;ngliche Stelle der kriegerischen Frouwa
+ getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem
+ G&ouml;tterwagen mit zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der
+ reitenden Walk&uuml;ren gleichfalls das Schlachtross besteigt und
+ sich ins Schlachtget&uuml;mmel mischt; eben dahin sei denn auch
+ jene Kirche in Vorderditmarschen zu deuten, deren Name ist Unse
+ leve Fru up dem perde.</p>
+ <hr class="smallrule">
+ <a name="Teil_3_Abschnitt_5" id="Teil_3_Abschnitt_5"></a>
+
+ <p>Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart,
+ auf einem gallor&ouml;mischen Grabfelde zu Rheinzabern das
+ Stellfig&uuml;rchen einer aus Terracotta geformten Maus nebst
+ demjenigen eines H&auml;hnchens ausgegraben und beides uns zu
+ einem h&ouml;chst sch&auml;tzbaren Andenken &uuml;bersendet. Der
+ Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an
+ r&ouml;mischen Alterth&uuml;mern in der ganzen Rheinpfalz, hat
+ j&uuml;ngst auch zur Entdeckung eines wohlerhaltnen Brennofens
+ gef&uuml;hrt; man erhob daselbst eherne Legionsadler,
+ Broncefig&uuml;rchen, Meilensteine, M&uuml;nzen aus dem 4.
+ Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem
+ unsrigen ganz gleiches H&auml;hnchen aus Glas gefunden. Die Figur
+ der Maus ist phallisch dargestellt und entspricht dadurch dem
+ Hahn, dem Symbol der Regenerationskraft. Die Maus tr&auml;gt eine
+ Schelle um den Hals gebunden; denn nach Apollodor (Fragmente)
+ wurde f&uuml;r Sterbende Erz an einander <!-- 196 --><a name=
+ "Page_196" id="Page_196"></a> geschlagen und die Spartaner
+ geleiteten ihre K&ouml;nige unter Glockenton zu Grabe; "der
+ Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der Macht
+ der D&auml;monen." Creuzer 4, 401. Ebenso verk&uuml;ndet das
+ Kr&auml;hen des Hahnes das Licht des neuen Tages.</p>
+
+ <p>Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns
+ durch Hn. Hermann Brunnhofer aus Oxford &uuml;berbracht worden.
+ Die Figur ist aus unges&auml;uertem Teig gebacken und mit
+ Eierklar glasirt. Die Landleute aus der Umgegend von Oxford
+ pflegen derlei Brodfig&uuml;rchen auf den dortigen
+ Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum
+ Essen bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Th&uuml;r- und
+ Kamingesimse, finden aber ihr Ende zuletzt doch im
+ Kindermagen.</p>
+ <hr class="smallrule">
+
+ <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_13_13" id=
+ "Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13">[13]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
+ Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen
+ die Z&auml;hne nicht mehr. Waitz, Anthropol. der
+ Naturv&ouml;lker 4, 165.</p>
+ </div><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href=
+ "#FNanchor_14_14">[14]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Firmenich, V&ouml;lkerstimm. 3, 112.</p>
+ </div><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href=
+ "#FNanchor_15_15">[15]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p>
+ </div><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href=
+ "#FNanchor_16_16">[16]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p>
+ </div><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href=
+ "#FNanchor_17_17">[17]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Curtze, Waldecker Volks&uuml;berlief. S. 285.</p>
+ </div><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href=
+ "#FNanchor_18_18">[18]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Alemann. Kinderlied.</p>
+ </div><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href=
+ "#FNanchor_19_19">[19]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Harun al Raschid tr&auml;umte, alle seine Z&auml;hne seien
+ ihm ausgefallen; der Traumdeuter erkl&auml;rte dies dahin, der
+ Monarch werde alle seine Verwandten &uuml;berleben.
+ Rosen&ouml;l, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
+ Wahrzeichen der indischen Todesg&ouml;ttin Kali ist der
+ schwarze Zahn, der alles benagende Zahn der Zeit.</p>
+ </div><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href=
+ "#FNanchor_20_20">[20]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr,
+ Einsiedeln bei Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28.
+ M&auml;rz der hl. K&ouml;nig Guntram abgebildet, schlafend
+ unter einem Baume neben einem B&auml;chlein. Ueber dieses legt
+ der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
+ gekommene Maus l&auml;uft dar&uuml;ber dem Berge zu, der im
+ Hintergrunde mit offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte
+ Gebet ruft den hl. Guntram an, weil er seine Sch&auml;tze den
+ Armen geschenkt und daf&uuml;r einen ihm von Gott im Schlafe
+ gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.</p>
+ </div><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href=
+ "#FNanchor_21_21">[21]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der
+ hl. Elisabeth von Th&uuml;ringen, nachher Dienstmagd auf einem
+ Hofe bei Kulm in Preussen, &uuml;berschritt hier die grossen
+ Teiche, die zwischen ihrer Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden
+ Sonntag, um rechtzeitig in die Messe nach Kulm kommen zu
+ k&ouml;nnen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre Fussspur in
+ jenem Gew&auml;sser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
+ Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen N&auml;chten
+ auf den Wellen der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen
+ schimmern, welche hier K&ouml;nigin Berta zur&uuml;ckgelassen.
+ Aargau. Sag. no. 2. S&auml;mmtliches erinnert an Homers
+ silberf&uuml;ssige Thetis und goldenf&uuml;ssige Hera.</p>
+ </div>
+ <hr class="smallrule">
+ <hr class="bigrule">
+ <a name="Nachtrage" id="Nachtrage"></a>
+
+ <h2>Nachtr&auml;ge.</h2><a name="Footnote_NACHTRAG_1_22" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_1_22"></a> <a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_1_22">[Nachtrag 1]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele <i>den
+ Sommer ins Land ritt</i> und in Scheingefechten den Winter
+ besiegte, hat ihre neueste Vervollst&auml;ndigung gefunden
+ durch die drei Bildergruppen eines altdeutschen Teppichs auf
+ der Wartburg, dessen Contouren im Anzeiger des German. Museums
+ 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen die Berennung und
+ Vertheidigung einer Burg durch Wilde M&auml;nner dar. Aus einem
+ Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend,
+ um Haupt und Lenden Epheukr&auml;nze tragend, jeder auf einem
+ phantastischen adlerklauigen Rosse, dem sg. <i>Wasser-</i> oder
+ <i>Pfingstvogel</i>. Voraus reitet der Maik&ouml;nig, kenntlich
+ durch seine offne Goldkrone mit dem Ornamente der drei stumpfen
+ Bl&auml;tter, &uuml;ber welche sein Hirschgeweih emporragt.
+ Daher heisst er in Oberdeutschland <i>Hirzmontagreiter</i>.
+ <!-- 197 --><a name="Page_197" id="Page_197"></a> Um die
+ H&uuml;fte tr&auml;gt er einen G&uuml;rtel von Rosen. Er und
+ sein Gefolge schiesst mit Pfeil und Speer Rosen in die
+ gegen&uuml;berliegende Burg. Ihre Absicht steht auf den sie
+ umgebenden Spruchb&auml;ndern zu lesen.</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Wol vf alle mine wilden man,</p>
+
+ <p>wir wellent festen und buirge han.</p><br>
+
+ <p>Schiessen alle, nieman l&ocirc;ss abe</p>
+
+ <p>an b&uuml;te gewinnen, will einer habe.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den
+ ein vor den Sommerreitern her eilender J&uuml;ngling mit herbei
+ getragnen Brettern zu &uuml;berbr&uuml;cken strebt. Von den
+ Zinnen herab k&auml;mpfen f&uuml;nf dicht in Wollenfliesse
+ gekleidete M&auml;nner, die Winterk&ouml;nige; denn auch sie
+ tragen Kronen wie der Maik&ouml;nig und schiessen und
+ schleudern lauter Lilien. Ihr Burgwart am S&ouml;ller
+ st&ouml;sst ins Rom; das Spruchband &uuml;ber ihnen besagt</p>
+
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p>Vnser vesten, die ist wol beh&#367;t</p>
+
+ <p>mit gilgen, klewen, rosenb&#367;t.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <p>Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem,
+ von allen Fr&uuml;hlingsthieren belebtem Rasen ein grosses
+ Lustzelt aufgeschlagen, in welchem die Maik&ouml;nigin bereits
+ Platz genommen hat. Auch sie tr&auml;gt die offne Goldkrone im
+ wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch gebreitet,
+ darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
+ Gesellschafter bedienen sie.&mdash;Schon Friedrich Panzer hat
+ im zweiten Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des
+ <i>Wasservogels</i> abbilden lassen, wie er sie auf einem
+ Wandbilde zu Forchheim im dortigen alten Schlosse, jetzigem
+ Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss hohe Figur zeigt
+ einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels agirend. Vor
+ dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschn&auml;belte
+ Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver
+ Ring im Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist,
+ die gleichfalls das dreifache Bl&auml;tterornament zeigt. Im
+ Luft h&auml;ngt ein kurzes krummes Schwert (das sg.
+ <i>Pfingstschwert</i>), in der Linken <!-- 198 --><a name=
+ "Page_198" id="Page_198"></a> schwingt er die Lanze, mit der
+ Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Z&uuml;gel
+ seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von
+ Seerosen arabeskenhaft umrankt.</p>
+ </div><a name="Footnote_NACHTRAG_2_23" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_2_23"></a><a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_2_23">[Nachtrag 2]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die Verenareliquien
+ untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
+ Eisens&auml;rglein neben R&uuml;ckgratstr&uuml;mmern vier
+ apfelgrosse Lehmkugeln. In den von mir er&ouml;ffneten und
+ beschriebnen heidnischen Waldgr&auml;bern zu Lunkhofen haben
+ sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des Leichenbrandes
+ vorgefunden und werden nun in der aargauer
+ Alterth&uuml;mersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.</p>
+ </div><a name="Footnote_NACHTRAG_3_24" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_3_24"></a><a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_3_24">[Nachtrag 3]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
+ <i>Zerzyaca</i>. Durch diese Namensform wird die sprachlich
+ schon sich verrathende sp&auml;te Entstehung dieses Gedichtes
+ weiter best&auml;tigt. Es leitet nemlich der Ortsname Certiacum
+ ab von einem bei Egid Tschudi in der <i>Gallia comata</i> S.
+ 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erw&auml;hnten
+ r&ouml;mischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem <i>Junius
+ Certus</i> aus dem Voltinianischen Geschlechte von seinem
+ gleichnamigen Erben gesetzt worden. Dieser Stein ist nachmals
+ durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, die oft citirte Inschrift
+ aber l&auml;ngst als unecht erkannt worden.</p>
+ </div><a name="Footnote_NACHTRAG_4_25" id=
+ "Footnote_NACHTRAG_4_25"></a><a href=
+ "#FNanchor_NACHTRAG_4_25">[Nachtrag 4]</a>
+
+ <div class="note">
+ <p>Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
+ gelten mancher Orten gleichm&auml;ssig als weissagende
+ Liebesboten. In Deutschb&ouml;hmen entnimmt man aus dem
+ Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man bald heiraten werde; der
+ Specht hat es best&auml;tigt, sagt man dann. Grohmann, Abgl. S.
+ 70.</p>
+ </div>
+ <hr class="bigrule">
+ <!-- 199 --><a name="Page_199" id="Page_199"></a> <a name=
+ "Wortregister" id="Wortregister"></a>
+
+ <h2>Wortregister.</h2>
+
+ <p><a href="#Letter_a">[A]</a> <a href="#Letter_b">[B]</a>
+ <a href="#Letter_e">[E]</a> <a href="#Letter_f">[F]</a> <a href=
+ "#Letter_g">[G]</a> <a href="#Letter_h">[H]</a> <a href=
+ "#Letter_k">[K]</a> <a href="#Letter_l">[L]</a> <a href=
+ "#Letter_m">[M]</a> <a href="#Letter_o">[O]</a> <a href=
+ "#Letter_p">[P]</a> <a href="#Letter_r">[R]</a> <a href=
+ "#Letter_s">[S]</a> <a href="#Letter_t">[T]</a> <a href=
+ "#Letter_v">[V]</a> <a href="#Letter_w">[W]</a></p>
+ <!-- A --><a name="Letter_a" id="Letter_a"></a> Ankenbr&uuml;t.
+ <a href="#Page_074">[1]</a><br>
+ Ankenschnittenprozession. <a href="#Page_068">[1]</a><br>
+ Ara, Aarefluss bei Solothurn. <a href="#Page_109">[1]</a><br>
+ arbaiz, Erbsen. <a href="#Page_109">[1]</a><br>
+ Aufburg bei Zurzach, r&ouml;m. Castrum. <a href=
+ "#Page_103">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- B --><a name="Letter_b" id="Letter_b"></a> Becker und
+ Beckerin, in Kukuk und Specht verw&uuml;nscht. <a href=
+ "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_166">[2]</a><br>
+ Bilihildis, hl., aus fr&auml;nkisch Veitshochheim. <a href=
+ "#Page_037">[1]</a><br>
+ Brod,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">den Elementen geopfert. <a href=
+ "#Page_022">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Erntebrod. <a href=
+ "#Page_189">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Eulogienbrod. <a href=
+ "#Page_031">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">gegen Tollwuth. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">gegen Wolfshunger. <a href=
+ "#Page_024">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">phallische Zweckbrode. <a href=
+ "#Page_084">[1]</a> <a href="#Page_085">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Brodkipf Verenas und Rategundis,
+ in einen Kamm verwandelt. <a href="#Page_096">[1]</a> <a href=
+ "#Page_121">[2]</a> <a href="#Page_122">[3]</a></span><br>
+ Brunnen Walburgis,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">im Elsass. <a href=
+ "#Page_060">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Franken. <a href=
+ "#Page_006">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Holland. <a href=
+ "#Page_064">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Tirol. <a href=
+ "#Page_006">[1]</a></span><br>
+ Brustbein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br>
+ Butterschnitte,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Pr&auml;servativ und
+ Heilmittel. <a href="#Page_023">[1]</a> <a href=
+ "#Page_024">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">bei kirchl. Prozessionen.
+ <a href="#Page_068">[1]</a></span><br>
+ Buttergewinn, zauberischer. <a href="#Page_074">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- E --><a name="Letter_e" id="Letter_e"></a> Elben in
+ Mausgestalt. <a href="#Page_187">[1]</a><br>
+ Emmetsheimer Steinbild phallisch. <a href="#Page_083">[1]</a><br>
+ Erntebrode. <a href="#Page_189">[1]</a><br>
+ Ernteopfer. <a href="#Page_188">[1]</a><br>
+ Eulogienbrod. <a href="#Page_031">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- F --><a name="Letter_f" id="Letter_f"></a> Fadenziehen, ein
+ Liebesorakel. <a href="#Page_040">[1]</a><br>
+ Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.
+ <a href="#Page_028">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- G --><a name="Letter_g" id="Letter_g"></a> Gertraud von
+ Osten. <a href="#Page_194">[1]</a><br>
+ Gertrud,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verstorbene beherbergend.
+ <a href="#Page_172">[1]</a> <a href=
+ "#Page_193">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">zu Rosse. <a href=
+ "#Page_195">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Waldfrau. <a href=
+ "#Page_194">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkirchen,</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">niederdeutsche. <a href=
+ "#Page_163">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">ostfr&auml;nkische. <a href=
+ "#Page_191">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkraut. <a href=
+ "#Page_190">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenminne trinken. <a href=
+ "#Page_163">[1]</a> <a href="#Page_192">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudentag, Kalenderregeln.
+ <a href="#Page_164">[1]</a> <a href=
+ "#Page_165">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenvogel. <a href=
+ "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_191">[2]</a> <a href=
+ "#Page_192">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens Fusstapfen in den
+ Mainwellen. <a href="#Page_191">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Mantel. <a href=
+ "#Page_191">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Spindel mit den zwei
+ M&auml;usen. <a href="#Page_164">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Schiff als Trinkgef&auml;ss.
+ <a href="#Page_163">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">G's Wagen. <a href=
+ "#Page_163">[1]</a></span><br>
+ Gnadenstein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- H --><a name="Letter_h" id="Letter_h"></a> Hagel, ein
+ K&ouml;nig. <a href="#Page_053">[1]</a><br>
+ Hagelfeierpredigten. <a href="#Page_067">[1]</a><br>
+ Hagelsquelle. <a href="#Page_006">[1]</a><br>
+ Heiden- und Sch&ouml;nbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a><br>
+ Heidenkirchen,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als sp&auml;tere Walburgskirchen.
+ <a href="#Page_016">[1]</a> <a href=
+ "#Page_080">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als sp&auml;tere Verenakirchen.
+ <a href="#Page_100">[1]</a></span><br>
+ <!-- 200 --><a name="Page_200" id="Page_200"></a> Heilquellen
+ Verena's. <a href="#Page_133">[1]</a><br>
+ Heilwag. <a href="#Page_063">[1]</a><br>
+ Helgenbronn. <a href="#Page_060">[1]</a><br>
+ Holpurga. <a href="#Page_090">[1]</a><br>
+ Honigfall. <a href="#Page_075">[1]</a><br>
+ Hund,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Walburgis Gefolgsthier.
+ <a href="#Page_018">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als das anderer G&ouml;ttinnen.
+ <a href="#Page_020">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Speisenname. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">gegen Sturmwind und Kornbrand
+ geopfert. <a href="#Page_022">[1]</a></span><br>
+ H&uuml;hner, kirchlich geheiligte. <a href=
+ "#Page_032">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- K --><a name="Letter_k" id="Letter_k"></a> K&auml;sbrunnen.
+ <a href="#Page_006">[1]</a><br>
+ Kleinkinderbrunnen. <a href="#Page_060">[1]</a> <a href=
+ "#Page_128">[2]</a> <a href="#Page_129">[3]</a> <a href=
+ "#Page_130">[4]</a><br>
+ Kleinkindersteine. <a href="#Page_118">[1]</a><br>
+ Klumpf&uuml;sse,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">durch Walburg geheilt. <a href=
+ "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_014">[2]</a> <a href=
+ "#Page_088">[3]</a></span><br>
+ Konstanzer Bisthumsgrenzen. <a href="#Page_099">[1]</a><br>
+ Korn&auml;hre,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Mittel gegen Hundebiss. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Mariae und Walburgis Emblem,
+ <a href="#Page_025">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">das des hl. Oswald. <a href=
+ "#Page_090">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Sinnbild von Obereigenthum.
+ <a href="#Page_030">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der Truden Zaubergestalt.
+ <a href="#Page_029">[1]</a></span><br>
+ Korngarbe, Walburgis Versteck. <a href="#Page_027">[1]</a><br>
+ Kriemhiltengraben am Jung-Albis. <a href="#Page_146">[1]</a><br>
+ Kukuk,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">ein verw&uuml;nschter Becker.
+ <a href="#Page_166">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">auf dem Binsenst&uuml;hlchen
+ weissagend. <a href="#Page_169">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Lebensorakel. <a href=
+ "#Page_170">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Theuerungsprophete. <a href=
+ "#Page_168">[1]</a></span><br>
+ <br>
+ <br>
+ <!-- L --><a name="Letter_l" id="Letter_l"></a> Lehmkugeln,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Heiligengr&auml;bern. <a href=
+ "#Page_105">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Heidengr&auml;bern, <i>s. Nachtr&auml;ge</i>.</span><br>
+ Lebermeer. <a href="#Page_172">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- M --><a name="Letter_m" id="Letter_m"></a> Maibad. <a href=
+ "#Page_062">[1]</a><br>
+ Maiengericht, dessen Kostenbetrag. <a href=
+ "#Page_048">[1]</a><br>
+ Maienthau,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">abstreifen. <a href=
+ "#Page_071">[1]</a> <a href="#Page_073">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">baden im Maienthau. <a href=
+ "#Page_059">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Maienthau der Erdm&auml;nnlein.
+ <a href="#Page_058">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">kosmetisch. <a href=
+ "#Page_057">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">medicinisch. <a href=
+ "#Page_058">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">sprichw&ouml;rtlich. <a href=
+ "#Page_061">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">zauberisch. <a href=
+ "#Page_073">[1]</a></span><br>
+ Maigraf, Maigr&auml;fin. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href=
+ "#Page_038">[2]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s.
+ Nachtr&auml;ge</i>.</a><br>
+ Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. <a href=
+ "#Page_037">[1]</a><br>
+ Mairitt. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href=
+ "#Page_068">[1]</a><br>
+ Mauritius, Verenas Verwandter. <a href="#Page_110">[1]</a><br>
+ Maus,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Alb. <a href=
+ "#Page_174">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">vor Gericht geladen. <a href=
+ "#Page_182">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Ortsgeist. <a href=
+ "#Page_173">[1]</a> <a href="#Page_174">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Pestthier. <a href=
+ "#Page_177">[1]</a> <a href="#Page_182">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Seele wandernd. <a href=
+ "#Page_174">[1]</a> <a href="#Page_175">[2]</a> <a href=
+ "#Page_176">[3]</a> <a href="#Page_177">[4]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als S&uuml;hnbild. <a href=
+ "#Page_178">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als antikes Stellfig&uuml;rchen
+ in Gr&auml;bern. <a href="#Page_195">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in Gestalt des Zweckbrodes.
+ <a href="#Page_189">[1]</a> <a href=
+ "#Page_196">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Stadtwahrzeichen. <a href=
+ "#Page_173">[1]</a></span><br>
+ Maus weisse, geheiligt. <a href="#Page_174">[1]</a><br>
+ Maustrank. <a href="#Page_185">[1]</a><br>
+ Maus&ouml;hrleinkraut. <a href="#Page_190">[1]</a><br>
+ M&auml;usegespann. <a href="#Page_190">[1]</a><br>
+ M&auml;use machen. <a href="#Page_182">[1]</a><br>
+ Metzentanz in Zurzach. <a href="#Page_154">[1]</a><br>
+ Minnetrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href=
+ "#Page_063">[2]</a><br>
+ M&uuml;hle als Ort der Liebesabenteuer. <a href=
+ "#Page_116">[1]</a><br>
+ M&uuml;hlstein,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Rechtsmittel bei der
+ Abkunftsprobe. <a href="#Page_118">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">schwimmender. <a href=
+ "#Page_117">[1]</a></span><br>
+ M&uuml;llerbr&auml;uche am Verenentage. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- O --><a name="Letter_o" id="Letter_o"></a> Oel,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">hl., ein Augenmittel. <a href=
+ "#Page_127">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">aus Heiligenknochen. <a href=
+ "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_009">[2]</a> <a href=
+ "#Page_012">[3]</a> <a href="#Page_013">[4]</a> <a href=
+ "#Page_014">[5]</a> <a href="#Page_015">[6]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der Walburgishexen. <a href=
+ "#Page_078">[1]</a></span><br>
+ <br>
+ Ortschaften des Namens Walburg. <a href="#Page_016">[1]</a><br>
+ Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. <a href=
+ "#Page_090">[1]</a><br>
+ Osterbad, reiten ins. <a href="#Page_069">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- P --><a name="Letter_p" id="Letter_p"></a> Pfeife, magisch
+ wirkende. <a href="#Page_179">[1]</a> <a href=
+ "#Page_180">[2]</a><br>
+ Phallische G&ouml;tterbilder, ihr Zweck. <a href=
+ "#Page_084">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- 201 --><a name="Page_201" id="Page_201"></a>
+ <!-- R --><a name="Letter_r" id="Letter_r"></a> Reimspr&uuml;che
+ beim Meienpflanzen. <a href="#Page_039">[1]</a><br>
+ Richard, Walburgis Vater. <a href="#Page_005">[1]</a> <a href=
+ "#Page_087">[2]</a><br>
+ Rimleins- und R&ouml;mleinsbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a>
+ <a href="#Page_064">[2]</a><br>
+ Roggen&auml;hre, Mittel gegen tolle Hunde. <a href=
+ "#Page_023">[1]</a><br>
+ Ross,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens. <a href=
+ "#Page_195">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenae. <a href=
+ "#Page_139">[1]</a></span><br>
+ Rutscherzins. <a href="#Page_039">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- S --><a name="Letter_s" id="Letter_s"></a> Schnecke, als
+ Kukuk angerufen. <a href="#Page_169">[1]</a><br>
+ Schuh,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">goldner Walburgis. <a href=
+ "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_055">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Schuhwerfen als Liebesorakel.
+ <a href="#Page_041">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Schuhzins am Walberfeste.
+ <a href="#Page_051">[1]</a></span><br>
+ Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. <a href=
+ "#Page_024">[1]</a><br>
+ Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau sch&uuml;tzend.
+ <a href="#Page_028">[1]</a> <a href="#Page_070">[2]</a><br>
+ Sommer,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">den, ins Land reiten. <a href=
+ "#Page_034">[1]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s.
+ Nachtr&auml;ge</i>.</a></span><br>
+ Specht,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Gertrudenvogel ein
+ verw&uuml;nschter Becker. <a href="#Page_166">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">ein verwandelter Gott. <a href=
+ "#Page_171">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Liebesorakel <a href=
+ "#Nachtrage"><i>s. Nachtr&auml;ge</i>.</a></span><br>
+ Spindel,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der hl. Walburg. <a href=
+ "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_040">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der hl. Gertrud. <a href=
+ "#Page_164">[1]</a></span><br>
+ Spinnverbot an Walburgis. <a href="#Page_089">[1]</a><br>
+ St&auml;rketrunk. <a href="#Page_063">[1]</a><br>
+ Stillicidium Walburgs. <a href="#Page_009">[1]</a><br>
+ Storch, Gertrudens Vogel. <a href="#Page_191">[1]</a><br>
+ Str&auml;hl-Anneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- T --><a name="Letter_t" id="Letter_t"></a> Teufelsstein in
+ Verenae Einsiedelei. <a href="#Page_113">[1]</a><br>
+ Thau abstreifen,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">zu Milch- und Buttergewinn.
+ <a href="#Page_072">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Mittel gegen Kornbrand.
+ <a href="#Page_071">[1]</a></span><br>
+ Thautrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href=
+ "#Page_063">[2]</a> <a href="#Page_064">[3]</a><br>
+ Tobel-Vreneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- V --><a name="Letter_v" id="Letter_v"></a> Valentinstag.
+ <a href="#Page_041">[1]</a><br>
+ Venes- und Vrenesberge. <a href="#Page_149">[1]</a><br>
+ Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. <a href=
+ "#Page_156">[1]</a><br>
+ Venus-Vrene,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in dem mundartl.
+ Tannh&auml;userliede. <a href="#Page_147">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">in den Ritterdichtungen. <a href=
+ "#Page_153">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Die Venus- und Vrenenh&auml;user.
+ <a href="#Page_153">[1]</a></span><br>
+ Verena,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">ihre Namensformen.</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Niederdeutsch: Fr&ucirc;
+ Fr&ecirc;en und Fr&ucirc; Fr&icirc;en. <a href=
+ "#Page_120">[1]</a> <a href="#Page_151">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Rh&auml;tisch: Vereina. <a href=
+ "#Page_144">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
+ <a href="#Page_142">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenabad. <a href=
+ "#Page_127">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Gebirgsriesin. <a href=
+ "#Page_145">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenagrab, mit den aufgeopferten
+ Brautkr&ouml;nlein. <a href="#Page_132">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenaloch:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">zu Baden. <a href=
+ "#Page_128">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">im Entlebuch. <a href=
+ "#Page_135">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">auf der Schafmatt im Jura.
+ <a href="#Page_136">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">M&uuml;llerpatronin. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Schifferpatronin. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenareliquien. <a href=
+ "#Page_104">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenastift. <a href=
+ "#Page_101">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Verenatag als Gerichtstermin;
+ <a href="#Page_122">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Gesundheits- und
+ Wirthschaftsregeln. <a href="#Page_123">[1]</a> <a href=
+ "#Page_142">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Weisse Frau. <a href=
+ "#Page_139">[1]</a></span><br>
+ Verenae,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Bilds&auml;ulen. <a href=
+ "#Page_133">[1]</a> <a href="#Page_137">[2]</a> <a href=
+ "#Page_139">[3]</a></span><br>
+ <br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Dienstross. <a href=
+ "#Page_139">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Fingerring. <a href=
+ "#Page_106">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Geburtsg&uuml;rtel. <a href=
+ "#Page_133">[1]</a></span><br>
+ <br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Heilquellen. <a href=
+ "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_126">[2]</a> <a href=
+ "#Page_133">[3]</a> <a href="#Page_135">[4]</a> <a href=
+ "#Page_137">[5]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kamm und Kr&uuml;glein. <a href=
+ "#Page_112">[1]</a> <a href="#Page_121">[2]</a> <a href=
+ "#Page_137">[3]</a> <a href="#Page_141">[4]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Katze. <a href=
+ "#Page_137">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kapellen und Kirchen i.d.
+ Schweiz. <a href="#Page_100">[1]</a> <a href=
+ "#Page_131">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kapelle, ein R&ouml;mercastrum.
+ <a href="#Page_103">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kleinkindersteine. <a href=
+ "#Page_118">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Kindersegen bescherend. <a href=
+ "#Page_124">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">vierzig Mehls&auml;cke. <a href=
+ "#Page_111">[1]</a> <a href="#Page_119">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">M&uuml;hlstein. <a href=
+ "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_135">[2]</a></span><br>
+ Vrenelisg&auml;rtli, Gletscher am Gl&auml;rnisch. <a href=
+ "#Page_145">[1]</a><br>
+ <br>
+ <!-- W --><a name="Letter_w" id="Letter_w"></a> Walber,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der F&uuml;hrer des
+ Maienzugs:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in eine Korngarbe gebunden.
+ <a href="#Page_027">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">ein Bergname. <a href=
+ "#Page_017">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Riesenname. <a href=
+ "#Page_088">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walberbaum. <a href=
+ "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_039">[2]</a> <a href=
+ "#Page_040">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walbernthau. <a href=
+ "#Page_062">[1]</a></span><br>
+ Walburg,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Flur- und Ortsname. <a href=
+ "#Page_025">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">mundartl. Namensformen. <a href=
+ "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a></span><br>
+ <!-- 202 --><a name="Page_202" id="Page_202"></a> <span style=
+ "margin-left: 1em;">Die Heilige:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">als Nichte Winfrids. <a href=
+ "#Page_005">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">als Heideng&ouml;ttin. <a href=
+ "#Page_080">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">als Riesin. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_088">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">vor dem W. J&auml;ger in die
+ Korngarbe fl&uuml;chtend. <a href="#Page_026">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walburga Westfalica. <a href=
+ "#Page_080">[1]</a></span><br>
+ Walburgis-kirchen,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als Heidenkirchen. <a href=
+ "#Page_016">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a> <a href=
+ "#Page_080">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als R&ouml;mercastrum. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Ortskirchen. <a href=
+ "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_066">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">hl. Quellen. <a href=
+ "#Page_006">[1]</a> <a href="#Page_064">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Reliquien:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Brustbein, &ouml;lschwitzend.
+ <a href="#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_008">[2]</a> <a href=
+ "#Page_009">[3]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Stab. <a href=
+ "#Page_008">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Wittenberg und K&ouml;ln.
+ <a href="#Page_014">[1]</a> <a href=
+ "#Page_017">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">im Auslande. <a href=
+ "#Page_018">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Sch&ouml;nheitswettstreit.
+ <a href="#Page_045">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Spindel und Goldschuh. <a href=
+ "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_027">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Steinernes Venusbild. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">phallisch dargestellt. <a href=
+ "#Page_082">[1]</a> <a href="#Page_084">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Wildgans. <a href=
+ "#Page_088">[1]</a></span><br>
+ Walburgistag,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">als ungebotne Gerichtszeit.
+ <a href="#Page_046">[1]</a> <a href=
+ "#Page_047">[2]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Sage von der auf diesen Zinstag
+ fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Th&uuml;ringen. <a href=
+ "#Page_049">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Unterwalden und Friesland.
+ <a href="#Page_051">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">in Ostpreussen. <a href=
+ "#Page_053">[1]</a></span><br>
+ Walper,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Anna, als Hexe inquirirt.
+ <a href="#Page_079">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Walperherren, Walperm&auml;nnchen
+ und -zins. <a href="#Page_049">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Zug nach Walpern. <a href=
+ "#Page_050">[1]</a></span><br>
+ Wasserkirchen. <a href="#Page_131">[1]</a><br>
+ Wasserfrauen. <a href="#Page_131">[1]</a><br>
+ Wasservogel, <a href="#Nachtrage"><i>s.
+ Nachtr&auml;ge</i>.</a><br>
+ Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. <a href=
+ "#Page_183">[1]</a> <a href="#Page_184">[2]</a><br>
+ Wiborada, die hl. v. Klingnau. <a href="#Page_141">[1]</a><br>
+ W&icirc;hegazza. <a href="#Page_102">[1]</a><br>
+ Wilibald,<br>
+ <span style="margin-left: 1em;">der hl.:</span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">Walburgis Bruder. <a href=
+ "#Page_005">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 2em;">ein H&uuml;ne. <a href=
+ "#Page_081">[1]</a></span><br>
+ <span style="margin-left: 1em;">Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
+ <a href="#Page_006">[1]</a></span><br>
+ Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. <a href=
+ "#Page_051">[1]</a><br>
+ Wolbermai. <a href="#Page_039">[1]</a><br>
+ Wolbrygabend. <a href="#Page_077">[1]</a><br>
+ Wolfszahn, Amulett. <a href="#Page_185">[1]</a><br>
+ Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. <a href=
+ "#Page_086">[1]</a><br>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
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@@ -0,0 +1,7256 @@
+The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugoettinnen, by E. L. Rochholz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Gaugoettinnen
+
+Author: E. L. Rochholz
+
+Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGOeTTINNEN ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Drei Gaugoettinnen
+
+Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.
+
+Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben
+
+von
+
+E.L. Rochholz.
+
+1870
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Den ersten fruehzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
+die nachfolgende Schrift am Titel traegt, drei naechstverwandte Wesen aus
+der deutschen Goetterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
+Perioden seines akademischen Juenglingsalters und waehrend der ersten
+Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgaengen,
+Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung oertlicher Alterthuemer
+nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevoelkerung
+den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedaechtniss sei
+ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergaenzen helfe.
+Waehrend sich ihm letzteres bald als eine gemuethliche Taeuschung erweisen
+musste, war ihm darueber doch das Glueck beschert, reichliche, nachhaltige
+Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
+einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
+Lebensaenderungen nicht mehr veralten laesst. Und so erklaert sich der
+Ursprung unseres Buches als eine frueh erworbene, in langer Zeitdauer
+gereifte und hier erst spaet zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
+der Art, von welcher bei Goethe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
+man nicht gesehen hat, gehoert uns nicht und geht uns eigentlich nichts
+an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thaelern der
+Altmuehl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
+Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
+Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena naeher bekannt
+wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
+innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit aeltester Zeit
+bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
+nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
+die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
+waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
+Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
+zeitgenoessisch gewesen mit der aeltesten Gaueintheilung dieser
+Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand ueberhaupt ein aelterer, als
+der durch die Kirche veranlasste je hatte sein koennen. Und also fuehrte
+uns die _Gauheilige_ in rueckschreitender Metamorphose auf die
+_Gaugoettin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
+approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstuetzt
+wird, laesst sich mit ferner versuchten Einwaenden nicht weiter mehr
+aufkommen. Auch fuehrt ja die Gaugoettin ihre bei uns verblasste
+Herrschaft ueber Christenmenschen anderwaerts immer noch ungeschwaecht und
+persoenlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
+Amelie Bosquet die Aufsicht ueber das Land den Feen gehoert, jede einen
+einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
+dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
+Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.
+
+Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
+Idealbild menschlicher Thaetigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
+Die dem Germanen eigenthuemliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
+vor allen Kulturvoelkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
+Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
+Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
+welche Waechterinnen der zuechtigen Geschlechterliebe, der haeuslichen
+Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine naechste Folge hievon war
+es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
+Wort frowa, frauja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
+bekleiden und als solche die Geschaefte der Tempeljungfrau, Priesterin,
+Heilraethin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
+langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
+furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
+ueberrascht durch das in barbarischer Form ueberlieferte roemische
+Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengoettinnen
+kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
+satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
+Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
+nicht bloss die Richtschnur des oeffentlichen Glaubens, sondern ebenso
+die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
+herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
+allerdings noethigender Grund, sie spaeter einmal zu Christentugenden zu
+subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
+Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
+erzwungene, innerlich unwahre, und verfaelschte den sittlichen Kern des
+Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
+hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen waere, anstatt dass
+umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
+legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
+Klerus, der dem Coelibat den uebertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
+zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
+Himmelsherrin, auf das ganze uebrige Geschlecht aber die Ursache des
+Suendenfalles zu waelzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwuerde
+verkuendenden Mythus durfte der Moench kein Recht belassen, sondern musste
+ihn so weit und so unablaessig herabwuerdigen, dass die Folgen davon bis
+heute den Aberglauben aufzureizen vermoegen. Wenn daher zwar auf einer
+Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segensspruechen
+bereitete, als oelschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
+auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertraenke
+brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwoerend, Besen salbend, das
+aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
+Dorten war sie die ehestiftende Liebesgoettin gewesen, hier eine Frau
+Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
+Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
+den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
+nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
+149). So urspruenglich schon steckt in dem Legenden erzaehlenden Moench
+ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
+Waldteufel, wo in der fraenkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
+Spessarts die Haingoettin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
+Fruehlingsgoettin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
+Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwuestenden Riesin
+wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena
+
+ --auf des gefuerchteten Gipfels
+ Schneebehangener Scheitel,
+ Den mit Geisterreigen
+ Kraenzten ahnende Voelker.
+
+Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafuer
+ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
+der Maennerwelt, rein aus Froemmigkeitsbeduerfniss und Kinderliebe sich an
+die neue Kirche ergab! Fuer treues Ausharren in den Pruefungen des Lebens,
+fuer opferbereites, demuethiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
+einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengroesse
+erobert und sogar den Preis der Vergoetterung sich erworben. Dieser
+Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
+Streben des Weibes, sich zur Wuerde der Gottheit empor zu heben, ein
+frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
+gemeinen Leiblichkeit zurueckversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
+erloest zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
+persoenliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
+bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
+Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
+germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
+Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
+Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
+die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.
+
+Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.
+
+E.L.R.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergoettin.
+
+
+Erster Abschnitt.
+_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.
+
+Walburgs und ihrer drei Brueder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
+Grabstaetten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
+fliessend; aehnliches kirchlich verehrtes Wunderoel. Abbildungen und
+Embleme Walburgis.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.
+
+Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgoettinnen und
+Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefuettertes
+Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und suesse
+Huendlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
+und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verduesterung in
+dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
+Eulogienbrode.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Walburgistag, des Meien hochgezit_.
+
+Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
+den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
+Ruthenzug.--Maigraf und Maigraefin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprueche
+und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: saemmtliches
+als Abbilder eines goettlichen Werbungs- und Vermaehlungsmythus, welcher
+im Fruehlings- und Erntevorgang spielt.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Maiengeding und Walbernzins_.
+
+Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
+Gerichte, gezeigt aus den Weisthuemern.--Urkundliche Berechnung der
+Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
+Walpersmaennchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
+verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
+fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.
+
+
+Fuenfter Abschnitt.
+_Der Mythus vom Maienthau_.
+
+Landwirthschaftliche Erbsaetze ueber den Maienthau. Thau als
+Quelle von Leben, Lebensdauer und Koerperschoenheit, angewendet
+als Heilbad, Staerke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
+Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
+durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
+seiner naturgeschichtlichen Begruendung. Thauschlepper
+und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
+Walburg in den Riesen- und Hexensagen.
+
+
+Sechster Abschnitt.
+_Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung_.
+
+Die westfaelische Walburg. Die phallischen Goetzenbilder zu Antwerpen und
+Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
+Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
+den Gebildbroden zur Mittwinter- und Fruehlingszeit. Etymologische
+Erklaerung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
+Anwendung.--Schluss: die Goetterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
+Meth, Ael und Oel gewuerzten Unsterblichkeitstrank.
+
+
+II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.
+
+Erster Abschnitt.
+_Verena, eine alemannische Gauheilige_.
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
+Altaere in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Verena, die Muellerpatronin_.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen
+Kleinkindersteine. Die Muellerpatronin als Ehegoettin. Der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Verena, die Geburtshelferin_.
+
+Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
+Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der
+Gewitterriesin: das Vrenelisgaertli am Glaernischgletscher.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Verena als Frau Venus_.
+
+Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
+Vrenenhaeuser, zurueckgefuehrt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
+auf den urspruenglichen Mythus.
+
+
+III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.
+
+
+1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.
+
+Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
+Stabes, der Spindel und der Maeuse.
+
+2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
+Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
+werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.
+
+3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
+und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
+Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
+Wechselzahn. Einschlaegige volksmedicinische Braeuche.
+
+4) Die Rolle der Maus bei den Erntebraeuchen, die in Mausform gebackenen
+Zweckbrode. Gertrudens Maeusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
+Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walkuere.
+
+_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
+Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Suessen Maeuschen. Das
+Kalenderzeichen des Gertrudentages.
+
+
+Nachtraege
+
+
+Wortregister
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+I.
+
+Walburg mit drei Aehren,
+
+die Ackergoettin.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
+
+
+Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
+der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
+jungfraeuliche Maikoenigin, aus dem frischen Gruen der Haine ueber den
+thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
+der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghoehe die
+entsetzliche Nachtkoenigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
+Seuche brauend, unkeusche Satanstaenze abhaltend, eine Feindin des
+Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
+Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
+einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
+Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
+Haelften eines urspruenglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
+dieselben zur wuerdigen Gesammtheit eines germanischen Goetterbildes zu
+vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
+nach deren aeltester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmueckenden
+kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
+ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
+Ausarbeitung.
+
+Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
+sind nachfolgende.
+
+Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
+nach Jerusalem enthaelt) schrieb eine Landsmaennin und Zeitgenossin
+Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
+Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
+eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
+seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
+Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
+commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehoerende General Dominik Joba
+etliche Wochen in Eichstaedt, beruechtigt als Inkunabeln- und Gemaeldedieb;
+er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
+Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
+des Hochstifts Eichstaedt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle fuer alle
+uebrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die naechstfolgende
+Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Moench
+Wolfhard zu Hasenried, das spaetere Herrieden a.d. Altmuehl, einer im J.
+888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstaedter Bisthum vergabten Abtei. Im
+J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstaedt Philipp von Rathsamhausen
+Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Koenigin
+Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Koenigsfelden
+aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof ueberschickt ihr und ihrem
+Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
+Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
+in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fuenfte, aber
+die erste _umfassendere_ Erzaehlung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
+Der bischoefliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebuertig und starb
+1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk uebersetzte der
+Eichstaedter Stadtschreiber David Woerlein und dedicirte es dem damaligen
+Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrae
+Angermayer. Auf diese beiden Schriften stuetzen sich nachfolgende, von
+uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
+secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
+tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
+Literatur ueber die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
+Kirchengesch. 2, 347 und 356.
+
+Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
+Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
+Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
+Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thueringen und Baiern kam und in
+diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
+diejenigen zu Regensburg, Freising, Wuerzburg und Eichstaedt gruendete.
+Eine Schaar gebildeter Maenner und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
+begleitete ihn dahin und uebernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
+Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
+Thueringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
+Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
+Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsaechsischen Fuerstenpaares
+Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
+auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thueringen nach Baiern gereist und
+hier im Sualafelder Gau mit den drei Bruedern zusammengetroffen. Dieser
+Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
+des Hahnenkamms in das Altmuehlthal nach dem jetzigen Eichstaedt, schloss
+auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
+in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
+Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstaedt ein Kloesterlein in
+der Regel des hl. Benedict gegruendet und war fuenf Jahre nachher auf der
+Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
+von Eichstaedt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
+er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fuegte
+demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
+uebergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
+Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwaehlen, wo ihr
+Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
+noch fuer heilkraeftig gehaltener Quellen zaehlt man in der Eichstaedter
+Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstaedter
+Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
+Roemleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
+Roemer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
+in der Fronte bis zur Hoehe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
+gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
+1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunaechst dem Kloster
+Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
+Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
+seitdem bei keiner Sommerduerre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
+auf einem der zwei gruenen Hoehenzuege, die den Eichstaedter Thalkessel
+umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
+Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
+Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
+jener maechtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
+einen dreikaestigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Roehren sprang; sie
+stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstoert. Eben
+so liess sich die Schwester Walburg im mittelfraenkischen Staedtchen
+Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schoen- und Heidenbrunnen
+heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
+Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Kaesbrunnen, ein Hungerquell,
+an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
+sich beim Schlosse Hohentruedingen das Stift Auhausen; seine
+Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
+Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
+geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
+Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.
+
+Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
+Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
+neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
+Dioecese Eichstaedt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.
+
+Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
+781. Letzterer wurde in der Eichstaedter Kathedrale, die beiden ersteren
+im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
+Walburgis Erdgrab eroeffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
+und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
+870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstaedt und
+bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
+Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
+Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg beruehrt und
+wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Kruecken voran in die Kirche
+zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
+Schwester kommt! Darueber laesst er die Kruecken fallen und ist geheilt.
+Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
+streitet indess die weiter gehende Erzaehlung von der Theilung der
+Walburg-Reliquien. Als naemlich Walburg gestorben war, hatte ihre
+Gefaehrtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gruendete aus
+ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
+Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstaedt abgegebenen
+Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
+werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstaedt wiederum aufgrub,
+zeigten sie sich mit einer wundersamen Fluessigkeit ueberzogen, die bei
+Beruehrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
+madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
+(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
+Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so beruehmt
+gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
+Eichstaedt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
+Jahrestage durch vier Stadtraethe in einem silberueberzogenen Saerglein in
+gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
+Kloester des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
+Wuelzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstoerte der Bildersturm
+(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Gruefte, so dass
+Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
+spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
+Walburgis dort verwahrt gewesener bischoeflicher Stab, auf dessen
+Beruehrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei spaeter auf dem
+Walpersberge bei Koeln von den Jesuiten verwahrt worden und alljaehrlich
+am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
+302. Wir werden spaeter darauf noch zurueckkommen.
+
+Von den Koerpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstaedt nichts
+anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
+Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
+Walburgiskirche. Dieser Altar, ein laenglichter Steinwuerfel, ist in
+seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
+auf seine Breitseite umgelegter aelterer Steinsarg erscheint. Sein
+Material ist Sandstein, wie ihn die Brueche vom benachbarten Pleinfelden
+ergeben. Durch seine Hoehlung geht der Laenge nach eine ebne
+ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des naechsten
+Eichstaedterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Traeger aus Sandstein.
+Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Flaeche liegt
+Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober faerbt sie sich blaulicht und
+ueberlaeuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
+tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
+sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spaetere
+Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
+nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
+durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
+geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
+als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
+Silberblech ueberzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
+silberbeschlagenen Eisenthuere verschlossen. Dies ist das Mirakel des
+Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
+und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verfluechtigend;
+unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
+selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
+mit Wachs verschlossne Glasflaeschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
+Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
+vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
+sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
+gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
+diese Wolle in schmerzende Zaehne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
+geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnuerwerk des Mieders.
+
+Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
+begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
+Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
+(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
+erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
+Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
+die Geschichte der Eichstaedter Bischoefe und dieses Mirakels schrieb,
+folgende Zeit dafuer zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
+Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
+nach Eichstaedt uebertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
+fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle uebrigen
+Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
+trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die aelteste
+Aufzeichnung der Legende ausdruecklich: die apostolorum Philippi et
+Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
+omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
+administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
+auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
+begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
+Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
+Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
+und kuemmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
+verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fuenf
+verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].
+
+Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male noethigte, den solennen
+Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
+Eichstaedter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
+in frueheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
+bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
+1237 sammt seinem Domkapitel von der Buergerschaft verjagt wurde. Die
+versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwuestet, das
+Walburgisoel hoerte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
+1713 zum groessten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. Maerz
+fast kein Tropfen Fluessigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
+einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
+Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
+Eichstaedt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
+beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
+Eichstaedt 1730, 4 deg.), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
+Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
+Glas voll davon im Kloster zurueck gestellt hatte; zur Haelfte trank es
+die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
+sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern muessen,
+oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
+Gefaess sich sogleich wieder ganz mit Oel anfuellte.--Der Eichstaedter
+Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittaeltesten
+Walburgislegende, erzaehlt, wie er es selbst becherweise gegen seine
+Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
+desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
+306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
+darob verzagten Eichstaedter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
+reichlich los, dass man ein Weinlaegel von einer halben Pinte, also ein
+wirkliches Fass, damit anfuellen konnte. Ibid. pag. 307.
+
+So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
+Hannover 1794, Bd. 3, 118 ueber "die ungeheure Menge" Walburgisoel zu
+Eichstaedt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
+statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
+Bergoel von grosser Durchsichtigkeit und sehr fluechtig sein; wer es bei
+sich trage, behaupten die Moenche, muesse sich im Stande der Gnaden
+befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
+
+Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
+derselben quillt, hatte die Kirche urspruenglich nicht verheimlicht.
+Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Maertyrer Asche und Gebein,
+sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkraeftig,
+und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
+Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzaehlt Reinfrit
+von Braunschweig (Grimm, Altd. Waelder 2, 185), wie ole von irme libe
+vloz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
+fuegt erklaerend bei:
+
+ uz dem sarksteine,
+ da inne lit diu reine,
+ vil heilic ol vluzet,
+ des diu werlt vil genuzet.
+ der iht siecheite hat,
+ des wirt al ze hant rat,
+ als man ez dar an strichet.
+
+In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher oelspendenden Steine; der eine
+lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
+Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
+Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberflaeche quoll Heiloel
+und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete fuer
+immer, als der Eigenthuemer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
+Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstaedt 1309 die Gebeine
+des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
+Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
+damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefaesse fuer die
+Kranken anfuellen liess. Sax, Eichstaedt. Hochstift S. 101. Die von Rom
+nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
+Quirinuskapelle ein Heiloel, das in kleinen Flaeschlein an die Glaeubigen
+verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
+olivengruenes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jaehrlich
+davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.
+
+Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
+auf solcherlei Steinoel allein nicht beschraenken moegen. Schon zu
+Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
+Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
+Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgefuehrt sind, zu Rom sei bei Christi
+Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
+Zugleich faellt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
+achterlei heilige Jungfrauen zaehlt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
+auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthaetiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
+Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
+der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zaehlung noch weiter fort. Mit dem Oel
+der hl. Helena einen Kristall zu betraeufen, um damit den Dieb zu
+entdecken, raeth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
+Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thueringen, die
+Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltaeren
+ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fuegt bei, Gleiches stehe der
+Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
+Jungfrau gewesen sei und also in diesem taeglichen Faustkampfe Oel habe
+schwitzen muessen:
+
+ Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
+ In cavea Martis num pugil illa fuit?
+
+Im Stil der Kirchenvaeter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
+Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
+gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen koenne. So sagt
+Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
+athleta Christi. Denselben Gedanken aeussert auch Chrysostomus in seiner
+6. Homilie ueber den Brief an die Coloss.--Nork, Realwoertb. 3, 301.
+
+Von der Wunderwirkung des zu Eichstaedt fliessenden Oeles sagen die Acta
+SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders haeufig Lahme
+geheilt habe; Gretser fuegt bei, X, 917, es foerdere die Geburten, auch
+lutherische Frauen haetten in Kindesnoethen damit den Versuch gemacht und
+seien darueber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
+Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
+heilt:
+
+ Hinc quendam fastidiosum
+ Fame paene mortuum
+ Alloquens per visionem
+ Monet, ut de calice
+ Ejus biberet; quo facto
+ Esuriit solito.
+
+Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Fuessen lahm, wurde
+von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
+auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
+er seine Koerperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslaenglicher
+Leibeigenschaft uebergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
+welche dem Walburgisoel beigelegt wurde, erklaert sich Jac. 5, 14: Ist
+einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
+dieselben sollen ueber ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
+Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.
+
+Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
+totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
+dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
+Wunderoel zu haben gewesen. Oel, Knochen, fuenf Zaehne und ein Gewandrest
+Walburgis wurden zu Wittenberg jaehrlich am Montag nach Misericordias
+ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
+wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgraefin von Hessen,
+geflossen war. Das Glas ging an Luther ueber, der wie J. Mathesius
+erzaehlt, es einst seinen Joachimsthaler Gaesten zu einem andaechtigen
+Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
+Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
+daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
+zusammen, um das Walburgisoel auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
+kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
+dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
+hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
+518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
+
+Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
+Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die waehrend der Reformation
+verwuestet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
+Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
+welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
+einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
+linken ein Buch, zu Fuessen ein Wappenschild. Dieser saeulengeschmueckte
+Aufbau mit Perlenfries gehoert den Werken der romanischen Periode an
+(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenueber liegenden aehnlichen Grabstein ist
+Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
+Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Bruegel in Ansbach und
+im Jahresberichte des histor. Vereins fuer Mittelfranken 1843. Der hl.
+Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
+Teppich, welcher urspruenglich in der Eichstaedter Kirche aufbewahrt
+wurde und nun im Muenchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
+erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelflaeschlein in
+der Hand haltend:
+
+Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
+Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
+Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. Muenchen 1704 (wiederholt
+das Grabmal).--P. Goudin, Unerschoepflicher Gnadenbrunnen der hl.
+Walburgis. Regensb. 1708.
+
+Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
+Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
+Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
+vervollstaendigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
+sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
+aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.
+
+Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
+eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Huegel stehend, von
+Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt fuehrt drei
+Stufen abwaerts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
+der Pestkarren, die Raeder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
+gehaeuften Leichen geraeuschlos abzufuehren. Walburg hat jener Pest
+gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
+habe hier noch den Goetzen geopfert. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 889.
+
+Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zaehlt das
+topographisch-statistische Handbuch des Koenigreichs (Muenchen 1868)
+folgende auf: Walbenhof, Einoede bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
+Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngruen bei Stadtsteinach; Walbertsberg
+bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
+Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
+zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
+bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
+Walburgswinden, Einoede bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
+Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
+Rosenheim, und zwei gleichnamige Doerfer bei Rottenburg und bei
+Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
+Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
+Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
+bei Erding; Woelbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
+Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einoede bei
+Neuburg an der Donau. Diese Liste laesst sich jedoch noch um vieles
+vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
+Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmuehlthale Buergli, in
+altbairisch-oberpfaelzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
+Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
+tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
+Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
+Walber foecundissimus begruesst. Schneller Woertb. 4, 61.
+
+Das schwaebische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
+nunmehr wuertembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
+Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
+ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, suedoestlich
+von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
+Walburgiskapelle. Von den zu Koeln bei den Jesuiten aufbewahrten
+Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
+Bolland. 3, 518.
+
+Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
+Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
+2) zu Knoersheim bei Maurmuenster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
+Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
+Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
+erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.
+
+Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
+Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
+Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.
+
+Der groessere Theil der aeltesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
+Heiligen geweiht, so zu Groeningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
+Aldenaerde, Bruegge, Zuetphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen spaeter
+noch zu handeln sein.
+
+Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.
+
+In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
+Mainz in der Gereonskirche zu Koeln ein Finger, in der Jesuitenkirche
+daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
+einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
+fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
+gegruendet) nennen bei Herzaehlung der daselbst verwahrten Reliquien zu
+dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
+Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
+uebersendete 1482 der Eichstaedter Bischof Wilhelm von Reichenau an Koenig
+Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
+diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
+Godefredus Henschenius in Actis SS. ausfuehrlich berichtet.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.
+
+25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstaedt in der
+Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. Maerz: Gretser l.c.
+pag. 907.
+
+1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstaedt; gefeiert in
+der Eichstaedt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica.
+Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz.
+Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die
+Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
+Liturgia 4, 768.
+
+4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstaedt (Bollandisten
+ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland.
+522; zu Veurne, in der flandr. Dioecese Ypern: Gretser X, 912.
+
+12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstaedter Walb.kloster.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.
+
+
+Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die
+bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des
+Matthaeus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmueckt haben, ist Bd. 3 auch
+das Eichstaedter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da
+zwischen den Andaechtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
+Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau
+gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3,
+tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch
+davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thuere
+des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rueden angefallen wird;
+auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzaehlt Bischof Philipp
+(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller
+Hunde angerufen. Es laesst sich indess dieses Attributthier der Heiligen
+als anderen Ursprunges und aus einer viel frueheren Zeit nachweisen. Die
+Vorgeschichte des Bisthums Eichstaedt spielt nicht in dieser Stadt,
+sondern in einem Orte, welcher roemisch Aureatum heisst und schon seit
+Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit
+einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
+beiden Doerfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse
+gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstaedter
+Bischoefe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von
+Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft
+geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind
+Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der
+Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
+Muenchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll roem.
+Geschirrtruemmer und Reste von Brennoefen, deutlich unterscheidet man
+noch den Lauf der Roemerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser
+1620 von der Universitaet Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
+dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau
+vorstellte, zu deren Fuessen, von Erde ueberschuettet, angeblich ein Hund
+liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei
+Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Fuessen, sind
+seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele
+entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
+Nehalennia, eines zwar von Roemerhaenden gemeisselten, aber deutschen
+Goetterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
+und in Wolfs Beitraegen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber
+derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer
+Kirche nicht, wo Walburgis fruehestes Grab gewesen war. Panzer, bair.
+Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf
+den fruehesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft
+angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben
+musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes,
+dessen herabhaengende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Haenden beruehrt
+werden. Man sagt, hier seien die Abkoemmlinge des Rittergeschlechtes Hund
+begraben.
+
+Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg fuehren dasselbe
+Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form
+und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi
+genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier
+nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der
+Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
+jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengoettinnen
+und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde
+erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten
+die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgoettinnen Frau Harke, Frau Gode und
+Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
+umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter
+(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Toechter der Fru Gauden umbellen
+den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Huendinnen. Colshorn, Maerch.
+u. Sag. no. 75. Das Huendchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
+daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei
+_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde,
+welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25.
+289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das ueberirdische
+Huendchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege
+hiefuer: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
+hoelzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden
+steht gerade ueber der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist
+der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat.
+Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das
+Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad.
+Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
+Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwaehnten Kapelle zu
+Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von
+der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen.
+Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.
+
+Ueber die Farbe dieses Huendchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das
+freundlich-wohlthaetige Geleitsthier der schoenen Weissen Frau ist es
+gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die
+des Gewitters feuerroth. So erklaert es sich in Mythe und Opfer. Der
+Rost, der waehrend der Hitze der Hundstage das Getreide befaellt, war dem
+Roemer versinnlicht durch das Goetterpaar des Robigus und der Robigo, die
+beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
+Goetterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien
+geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in
+seiner Huelse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den
+Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Huendchen
+schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und
+Kornaehre abzuwehren, weil man den gluehenden Hundsstern fuer die Ursache
+des Getreidebrandes hielt. Erklaerend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:
+
+ Fuer den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
+ Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.
+
+Aus aehnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljaehrlich
+zur Zeit der Hundstage die ueberalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im
+April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt,
+Fastelabendgebraeuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese fuer die
+Landwirthschaft gefaehrlichen Fristen vorueber, so vergoetterte man das
+Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.),
+oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederoesterreich wird am 28. Dec.
+(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das
+wird das Wind- und Feuerfuettern genannt. Zerfuehrt der Wind dies Opfer,
+so sind im naechsten Jahre keine schaedlichen Stuerme zu befuerchten. Ein
+Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man muesse
+die Windhunde fuettern." Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das
+eben angefuehrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte
+Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das
+Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der
+erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschaedigen
+konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brot, ez hat gesniget.
+Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jaegers Hackelberg
+in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter ueber an der
+Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so
+mildherziges Haus im Fruehjahr drauf mit Milch und Butter reichlich
+gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten
+noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
+Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten)
+jeder 4 Mietschen (franzoes. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet
+die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd haet er zwen wind mit jm
+traben, denen soellent sy geben ain huslaib. So bildet sich aus der
+Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
+Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein fuer jeden
+geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die
+oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspaetzlein, die man
+in Baiern Nackete Huendlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen
+Toelpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud;
+beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Huendlein
+wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag.
+2, 516. Von den die Saaten zerwuehlenden Hunden des Windes sprang die
+Vorstellung ueber auf den Biss der wuethenden Hunde, hielt aber in beiden
+Faellen die Kornaehre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht
+man im Felde zum ersten Male Roggen bluehen (dies faellt auf
+Walburgistag), so nimmt man drei bluehende Aehren und streicht sie
+stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden
+gebissen. Curtze, Waldeck. Volksueberlief. S. 402. Ein latein.
+Gebetbuechlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen
+also beginnenden Hymnus:
+
+ Walburga venit: cedite
+ vesane grex, molossi!
+ Cedunt, pavent, obmutuit
+ os impotens latrandum.
+
+Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass
+euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe
+Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst.
+Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen
+Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und
+diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem naechsten
+Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenaeus 4,
+149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea
+canicida, canivora genannt war.
+
+Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um
+thoerichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische
+Butter auf ein Stueck Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm
+entzwei, mach ein Loechlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit
+Brod zu, schmiere Meyenbutter drueber, lass es aufessen. Dies ist ao.
+1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kuehe toll;
+reissen an den Straengen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor
+ihnen staende und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine
+Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen.
+Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den
+Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermuenze) auf Butterbrod,
+so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in
+Sueddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der
+Ankenschnitten, sg. Ankebruet bereitet, Schnitten mit Butter und Honig
+reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon
+verabreicht, damit es in keinen boesen Wind komme. Wir werden hievon im
+fuenften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession
+von Beromuenster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg
+gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten
+Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen
+abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzaehlen von einem am
+Wolfshunger leidenden Maedchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst
+eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
+Nahrung mehr geniesst als Kaese und Milch.
+
+ Sualaveldico in pago
+ Fuit quaedam faemina,
+ Quae languore fortissimo
+ Aegrotare coeperat.
+ Namque tam intemperata
+ Edendi ingluvies
+ Incessit semisanatam,
+ Ut nulla edulii
+ Abundantia valeret
+ A suis saturari,
+ Exhaustis jam parentibus,
+ Sed fame accrescente
+ Anxiata hinc dolore
+ Hinc pudore maximo.
+ Tandem divinitus tale
+ Occurrit consilium.
+ Rogat suos se deferri
+ Ad Walpurgae gratiam.
+ Quo delata, biduanis
+ Incumbebat precibus,
+ Quibus exorata virgo
+ Gradiendi miserae,
+ Qua privata diu fuit,
+ Sospitatem reddidit.
+
+ Bona quaedam monialis,
+ Vocato preabytero,
+ Benedici panem fecit
+ Redditque famelicae.
+ Quo gustato nequam illa
+ Fames voracissima,
+ Virgine sacra favente,
+ Coepit se subtrahere,
+ Sic paulatim decrescendo,
+ Ut prius accreverat.
+ Sic crescente fastidio,
+ Pro mira esurie,
+ Tandem nil aliud cibi
+ Praeter solum caseum,
+ Nihil de potu gustare
+ Nisi tantum lac poterat.
+
+Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Baendigung der Hundswuth
+gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin
+misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe.
+So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839.
+Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigoettin muss
+nothwendig auch die Korngoettin selbst sein und als solche ist sie
+kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
+Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Bueschel
+in der Hand, welcher Kornaehren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers
+Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre
+Dame de trois epis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne
+erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Saetzen
+der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesaeet auf Mariae Geburt
+und schosset vmb Waldpurgi" Koenig, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142.
+"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blueht, so wird
+er vor Jacobi nicht reif." Praetorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
+diese Erbsaetze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet
+ihren ueber das suendige Menschengeschlecht erzuernten Sohn, nicht alle
+Feldfrucht zumal zerstoeren zu wollen, sondern doch noch so viel an den
+Aehren stehen zu lassen, als genug ist fuer Hund und Katze, d.h. fuer ein
+ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur
+Muttergotteskirche von Dreienaehren, die beim elsaess. Stifte Katzenthal
+gelegen ist. Ebenso laesst Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer
+Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwaehlt, mitten aus dem Winterschnee
+drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der
+Hand traegt. Kaltenbaeck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornaehre
+brachen und vereinigten die roemischen Brautpaare und benannten nach
+demselben den Eheabschluss stipulatio. Traeumt man von geschnittnem Korn,
+so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben
+Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
+Aehrenbueschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom
+reitenden W. Jaeger verfolgt wird, sie, der Fruehlings-Genius der
+aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen
+verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen
+Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur
+entgehen, wenn man in ein Kornfeld fluechtet. So birgt nach dem
+faeroeischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen
+Verfolgung ins Fruchtkorn:
+
+ Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
+ Geschwind erwachsen in einer Nacht.
+
+ In des Ackers Mitte verbarg alsbald
+ Wodan den Knaben in Aehrengestalt.
+
+ Als Aehre ward er mitten ins Feld,
+ In die Aehren mitten als Korn gestellt:
+
+ "Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
+ Wenn du mich rufst, fuehr ich dich nach Haus!"
+
+Neun Naechte vor dem 1. Mai (erzaehlt Grohmann, Boehm. Sagb. 1, 44) ist die
+hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhoerlich verfolgt von wilden Geistern
+und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man laesst ihr daher im Hause
+einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den
+daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafuer legt sie ein kleines
+Goldstueck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst
+auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit
+langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig
+(golden), in den Haenden traegt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles
+Zukuenftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser
+Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
+auch ein anderer Bauer, welcher Regen fuerchtend Nachts noch sein
+Getreide einfuehrte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag).
+Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der
+Bauer willfahrt, als die Reiter vorueber brausten. Des andern Morgens
+fand er in den heimgefuehrten Aehren statt Roggen Goldkoerner. Daher wird
+die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner,
+erzaehlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind
+in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine
+Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe traegt.
+Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Staedten des bair.
+Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen
+Volksbelustigung gewesen.
+
+Plaetze, Strassen und Haeuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den
+Festumzug eroeffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh
+gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone ueber dem Kopfe
+zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres
+Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den
+Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausuebend. Heute gilt dorten nur
+noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum
+Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In
+Niederoesterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht,
+sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gaerten und traegt die schon
+vorhin erwaehnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
+vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
+Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den
+Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold
+auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern
+und Moosfraeulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer ueber sein
+Ross legt und die sich Straeubenden in Stuecke reisst, hat sich in der
+franzoesischen Legende zweimal verkoerpert und kirchlich lokalisirt. Um
+die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem suedfranzoes. Dorfe
+Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte
+ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und
+sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen
+eines Fluesschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt
+und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jaehrlich
+im Fruehling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in
+der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und
+Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
+10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf
+Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte
+vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die
+vergoetterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Fruehling umherirrend
+sich dem Zephyr ergab und daher die Macht ueber die Bluethen der Baeume und
+Blumen bekam). Florina, ein Bauernmaedchen aus dem Weiler Estourgoux,
+verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der
+Felseinoede des dortigen Cousathaelchens, und als ein Versucher sie hier
+aufspuerte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
+gegenueberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in
+beiden ihre Fusstapfen zurueck, die nun mit Kreuzen gekroent sind. Unter
+grossem Zudrange des Volkes werden jaehrlich am 1. Mai die Gebeine der
+Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thaelchens
+getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
+aussehen, so hat noch stets ein guenstiger Wind das Gewoelk vertrieben,
+sobald jener Umgang von Mazorit heran zu ruecken pflegt. A. SS.
+Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.
+
+Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
+Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Truebungen einer urspruenglich
+edleren Vorstellung von guetig gesinnten und fuer den Erntewachsthum
+bemueht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei naeherer Untersuchung,
+emsig das Geschaeft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbuergner Sage
+bei Mueller, S. 382, stoesst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Muehle
+heimtraegt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er
+gruesst sie:
+
+ Gott vermir ich iren danz,
+ Gott vermir ich iren kranz!
+
+Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des
+Mehles ledig wird!
+
+Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von
+Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schoenwerth, Oberpfalz 1, 209);
+allein damit verbuergt er nur, dass man der Fruehlingsgoettin nach
+ueberstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim
+Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die
+Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da waechst im Korn schwarzer Raden,
+am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf,
+Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in aberglaeubischer
+Verduesterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des
+Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als
+Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby,
+Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen,
+geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des
+Schutzgeistes reinen Juenglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur
+etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
+Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder
+Federflaums eine schoene, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau
+bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss,
+Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des
+Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
+_Milchtrut_, anderwaerts Molkendieb (Weinhold, Schles. Woertb. 62): so
+wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valkuere
+galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allueberall ihren Schuetzling
+umflog, wesshalb noch der Fuenfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
+marevoet, an die Stubenthueren gekreidet wird, zwei in umgekehrter
+Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschraettelein
+die Stallrosse und zoepft ihnen Schweif und Maehne, dass sie schwitzen;
+denn es ist gleichfalls nur die laecherliche Verschrumpfung jener
+himmlischen Valkuere, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt,
+Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel
+noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der
+Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen.
+
+Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten;
+das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu
+Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai
+einen reichlich geschmueckten Maibaum ueberbringen und verloren ihr Lehen,
+wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornaehren mangelten: Grimm, RA. 128.
+205. 361. Der oberpfaelzer Bilmesschnitter pflueckt _drei_ Aehren vom
+fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune.
+Schoenwerth 1, 432.
+
+Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis
+Eulogienbroden.
+
+Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede
+zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich
+einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es
+war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen
+Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
+religioesen Zusammenkuenften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor
+ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein aehnlicher Brauch war nun auch
+dem deutschen Heidenthum gelaeufig gewesen und dauerte noch lange fort in
+dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsaechsischer Name
+Friedensbuergschaft hiess. In ihnen stand Einer fuer Alle; Gott, auf
+dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte
+bewahren. Eine natuerliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung
+derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Duerftigkeit
+geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den
+Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbuergen dies, und
+ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, fuer die Mahlzeit
+derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
+bevoelkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite
+Maersche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen
+Versammlungen rechtzeitig einfinden zu koennen. Das Christenthum
+vermochte daher diese religioesen Mahlzeiten der Germanen nicht
+abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen:
+"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die
+angelsaechsischen Bischoefe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass
+man diese Feier der Heiden bestehen laesst, nur muss man ihr einen andern
+Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz
+mit gruenen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches
+Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans
+Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der
+Saettigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten
+trat spaeter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den
+Kirchen der romanischen Laender an den Gedaechtniss- und Festtagen unter
+dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain beni) ueberreichlich
+an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein
+durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Beduerftigen jeglicherlei Gattung
+von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem
+daselbst erfolgten Begraebnisse Walburgis Fleisch, Brod, Kaese, Fische,
+und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3.
+II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getraenk
+jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils
+aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andaechtigen
+gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsaecke und Trinkgeschirre
+werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
+Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der
+hievon handelnden Erzaehlungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten
+Brode. Hierueber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder
+gesungen, von denen ein kuerzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist
+diese. Ein blindgebornes Maedchen zu Kempten hoert Nachts im Traume sagen:
+Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die gruene
+Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum
+Walburgisgrab in Monheim. Das Maedchen thats, ueberbrachte dahin die Brode
+und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhuehner am
+Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie
+bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg,
+untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich
+und das Maedchen war darueber sehend geworden (ibid. pag. 300).
+Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Huehner. Sie
+lassen nicht auf die gewoehnlichen Zinshuehner schliessen, von denen in
+der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmaessig fuenfe der
+Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
+nicht der Altar; es muessen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche
+galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und
+gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch fuer heilsame Thiere
+gehalten (Schoenwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein
+und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym.
+Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei,
+allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des
+Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Braeutel- und
+Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
+
+ Puella quaedam ab ipsis
+ Heu caeca cunabulis,
+ Audita opinione
+ Virginis eximiae,
+ Desiderio flagravit
+ Veniendi maximo.
+ Quam quidam in visione
+ Nocturna submonuit,
+ Oratorium adiret
+ Tanti desiderii,
+ Oblatas mundas offerret,
+ Altari imponeret.
+ Quas illatas statim binae
+ Gallinae comederent;
+ Quibus pastae deservirent
+ Matris excubiis.
+ Venit, attulit, imponit,
+ Preces fudit intimas.
+ Astant duae moniales
+ Gallinae videlicet,
+ Praevisae in visione,
+ Quae oblatas colligunt,
+ Et requirunt diligenter
+ Quae, unde, cur venerit.
+ Quibus illa dum exponit
+ Singula veraciter,
+ Domino propitiante
+ Et beata Virgine,
+ Incognitum lumen coeli
+ Novis hausit oculis.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Walburgistag, des Meien hochgezit.
+
+ Der meie der ist riche,
+ er fueeret sicherliche
+ den walt an siner hende,
+ der ist nu niuwes loubes vol:
+ der winter hat ein ende.
+
+ Neidhart von Reuenthal (1234).
+
+
+Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der goettlichen Wesen
+unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer
+aelteren Sprachweise laesst hierueber keinen Zweifel uebrig. Die Edda nennt
+den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svasudhr; der Winter
+dagegen (Vetr) hat den Vindloni und Vindsvalr zum Vater, den Windkuehl
+und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vasadhr
+abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
+einem Zweikampfe, und dessen scenische Auffuehrungen waren ein Brauch,
+welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Suedbaiern und der
+Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort
+herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch
+des Winters, der es erst auf einen foermlichen Kampf ankommen laesst.
+Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Laerm
+die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt
+gewappnet auf den Plan:
+
+ sein panzer was ein grueenes graz,
+ sein koller darauf ein weisser klee,
+ sein halsperg was veyolvar,
+ sein bugler wag von rosenbluet.
+ er fueert in seiner hende
+ ein sper, was michel lanc
+ vnd was eitel voegelingesang.
+
+A. Keller, Altd. Erzaehlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub
+gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikoenigs geschah auf Walburgis oder
+1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In
+Daenemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des
+Ortes seine Maigraefin, die Majinde, erwaehlte, indem er seinen
+Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thueringen war es der in
+Pappellaub eingebundne Graskoenig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein
+Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
+steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet,
+der Pfingstkoenig auf die Brautwerbung geritten und fuehrte die im Busche
+versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern
+Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der
+Provence Rosenmaedchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienroeslein. An diesem
+letzteren Orte traegt am Walburgistage ein Kind einen baendergeschmueckten
+Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und
+das Gefolge singt vor den Haeusern:
+
+ Maienroeslein, kehr dich dreimal 'rum,
+ Lass dich beschauen 'rum und 'num.
+ Maienroeslein, komm in gruenen Wald hinein,
+ Wir wollen alle lustig sein;
+ So fahren wir vom Maien in die Rosen.
+
+Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein,
+Oel spenden wollen, angewuenscht, dass der Marder die Huehner nehme, der
+Stock keine Trauben, der Baum keine Nuesse, der Acker keine Frucht mehr
+trage; denn das Ertraegniss des Jahres haengt von dem kleinen
+Fruehlingsopfer ab. Stoeber, Elsaess. Volksb. 1842, 56. Faellt der Nachdruck
+der scenischen Festauffuehrung auf das Vertreiben des Winters, so nennt
+man dasselbe den Tod austragen, oder wie im boehmischen Saazer Kreise,
+mit dem Baendertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit
+Baendern geschmueckt hat. Dabei traegt der Koenig einen mit Goldpapier
+beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthuetern folgt ihm
+sein Toechterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Koenigstochter
+werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein
+Buendel Lichtspaene (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom
+erzuernten Vater niedergestochen. In Suedschweden rueckten am 1. Mai zwei
+Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Staedte, die eine angefuehrt
+vom Winter, der in Pelze gehuellt, mit Handspiessen bewaffnet,
+Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der
+mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein
+Speerstechen, worin der Sommer den Winter ueberwand und durch Ausspruch
+des umstehenden Volkes fuer den Sieger erklaert wurde. War die Witterung
+des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
+gluehende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln
+unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der
+Blumengraf auf seine Ehre und rueckte mit frischen Birken- und
+Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Muehe
+zum Gruenen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glaenzender als
+es durch Speerkaempfe errungen wird, schloss das Turnier. So die
+Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik
+(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwuerdig (schreibt
+Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfaelischer Mairitt,
+welchen die Buerger von Soest im J. 1446 waehrend ihrer Fehde gegen den
+Bischof von Koeln ausfuehrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte
+in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
+unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie
+zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo
+sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die
+Grafschaft Arnsberg, zerstoerten Doerfer und Vesten, fuehrten Heerden,
+Gueterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder
+frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden
+Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem gruenen Maien"
+nach Hause. Wie hier der gruene Mai, unter welchem das Kriegsheer
+einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so ruecken am Fruehlingsfeste
+die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
+Gemeindewaelder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und
+Staebe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst.
+Diese Kadettenzuege sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und
+_Kinderspiel_, pg. 490. Haeufig knuepft sich eine Ortssage daran von einem
+zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der
+mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm
+die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach
+seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft
+niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden
+sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die
+Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart
+in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der oertlichen
+Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der
+Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfaehigen Maedchen in
+oeffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem
+Hoechstbietenden zugeschlagen. Der Erloes ist kein unbedeutender (Bavaria
+IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen"
+ausgeboten und den Kaeufern einzeln zugetheilt. Die fuer beide Theile
+daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hueter
+"Schuetzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der
+Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz,
+das ehmals im ganzen Eifellande ueblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag.
+1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Maedchen
+unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschuessen gleichfalls ins
+Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker,
+Hess. Sag. no. 317[2].
+
+Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
+Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
+nachweisen, ueber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
+sagen laesst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
+genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmaedchen
+einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wuerzburg
+gethan worden und sah hier das beruehmte Maispiel mit an, das die
+gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljaehrlich zu begehen
+pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
+verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
+Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
+ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ueber unsre
+Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
+Herkommen, das wie eine religioese Satzung galt, hielt das
+Frauengeschlecht der Mainfranken alljaehrlich im Fruehling zu Ehren der
+Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
+wurde. Saemmtliche Wittwen unter fuenfzig Jahren und alle mannbaren
+Maedchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
+Laubgewinde in den Haenden tragend. Waehrend eine Schaar den Reihen
+fuehrte, ergoetzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fuehlte
+sich zu frischem Beginne angespornt. Das Maennervolk machte dabei den
+Zuschauer. Den Vornehmen ergoetzte die vornehme Haltung, den Bauern die
+laendliche oder volksthuemliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
+kuenftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemuethe,
+traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
+bei diesem Feste geschlossnen Ehevertraege hatten das Jahr ueber ihre
+Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
+Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwaehlte, die er noch
+nicht naeher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
+ein heidnisches Herkommen, fuer dessen Gesetzgeber und "_Koenig_" er sich
+selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
+Maedchen sich den Titel der "_Koenigin_" beilegen, wenn eben diejenigen
+Maenner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
+worden waren, ueber dieses Spiel als ueber einen blossen Scherz nachher
+tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
+die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
+werden wollte: unter Thraenen bewog sie ihren Vater, beim Koenig Chlodwig
+Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
+der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
+weit Herbelo's Nachricht.
+
+Der Ehemann, welcher, hier _Koenig_ genannt wird, ist im heutigen
+Fruehlingsspiele der Maigraf oder Lauchkoenig, die von ihm erwaehlte Braut
+die Maikoenigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
+sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Maenner ins
+Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekraenzt, tragen
+Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzuege unsrer heutigen
+Fruehlingsbraeuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
+genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
+keineswegs aus nackten, sondern aus entbloessten Taenzerinnen, d.i. aus
+solchen, die als Botinnen des Fruehlings Frauenmantel und Haube abgelegt
+haben, hochgeschuerzt, blossarmig und baarhaeuptig in den Reihen treten,
+ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
+lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Moenchsphantasie ein
+zuechtiger Fruehlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
+angebliche Frankenkoenig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
+Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
+als eben dieses grausame Missverstaendniss von Seite des Klerus.
+
+Doch wir kehren zurueck zu den ferneren Volksbraeuchen der Walburgisfeier.
+In derselben Mainacht werden glattgeschaelte, schmuckbehangene Baeumchen
+auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
+das Jahr ueber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
+schoen bleibt. Man waehlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
+ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Praetorius,
+Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum haengt oder vor dem
+Kammerfenster des Maedchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
+Sinnbildern:
+
+ Gruess dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
+ Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
+
+ Gruess dich Gott durch einen Seidenfaden,
+ Gott bewahre dich im finstern Gaden.
+
+
+ I loss sie grueessen durh e hoechi Tanne,
+ die Zit isch cho zum Wiben--und zum Manne,
+ I loss sie grueessen durh es Haempfeli Thau:
+ i woett, mi Holdi waer mi Frau.
+ Rosmeri und Zypresse,
+ ass i de nit vergesse;
+ Rosmeri und Naegeli dri,
+ g'hoersch, i moecht gern bi der si!
+ bi der si, wie's Roesli hockt
+ am-ene einige Stengel:
+ Der Herr ist schoen, si Frau ist schoen
+ und s' Chind ist wie ne Engel.
+
+Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein duerrer
+Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
+das Fenster der Verfuehrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
+Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
+noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
+erforscht zur selbigen Nacht das Maedchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
+Walburg selbst herruehrenden Liebesorakeln. Die Heilige traegt eine
+aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der oesterreichische Brauch
+des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
+Maedchen, welche Lust haben, ihres Zukuenftigen Beschaffenheit
+vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
+feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
+hinter einem Mariabilde gehangen hat. Waehrend er im Kreise herum durch
+die Finger laeuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
+
+ Voaten, i ziech di,
+ Walpurga, i bid di,
+ zag von main Man
+ alle Seiten an.
+
+Wie dabei der Faden sich anfuehlt, weich und glatt, hart und fest, so
+werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfaelzer
+Bauernmaedchen schleudert ungesehen ihren Schuh ueber den Peuntbaum und
+horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herueberschallt;
+eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
+
+ Hunderl, ball, ball,
+ ball ueber neunmal,
+ ball ueber's Land,
+ wau mein feins Liab wahnd.
+
+Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
+Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
+Liebeszaubers.
+
+Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Maedchen
+an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
+sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
+_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
+24). Eine Waldhoehle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
+stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
+gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
+Mann, Konrad von Heuwa, zerstoerte beide von Grund aus und liess an der
+Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schoeppner, B. Sagb. no. 70.
+Dies fuehrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
+das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im noerdlichen
+Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
+vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
+erklaert, dass sich am 14. Febr. die Voegel zu paaren beginnen, und ein
+gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Maennchen Valentin, das
+Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
+dem von Russwurm veroeffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
+welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
+nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
+das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder bruetenden
+Voegel. Alles ueberschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
+und anonyme Liebeserklaerungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
+Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
+Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
+12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
+(ausser den vielen bezueglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
+422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
+mehr, als an allen uebrigen Tagen des Jahres. Dafuer zum Entgelt erhalten
+dieses Tages die Brieftraeger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
+Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
+dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
+und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
+bleibender Treue zu knuepfen. Allbekannt ist das dahin zielende
+Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
+
+ Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
+ so frueh vor Sonnenschein,
+ ich junge Maid am Fensterschlag
+ will euer Valentin sein.
+
+Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmaedchen des
+festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
+erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
+er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
+kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Maenner oft schon vor
+Sonnenaufgang in der Naehe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
+Geliebten vorueber kommen muessen, und diese wiederum gehen bei ihren
+Gaengen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
+Nichtersehnten aus dem Wege gehen koennen, oder sitzen mit zugemachten
+Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
+desjenigen hoeren, den sie gern moechten. Suchen wir die Erklaerung und den
+Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
+vorausgeschilderten Maibraeuchen, so finden wir dafuer den nordischen
+Natur-Mythus von der Brautwerbung der Goetter. Das in zwei Haelften
+getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
+der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
+Vergebens will ihn Wali-Odhin verdraengen, er ist noch kinderlos. Da
+wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), sproede straeubt sie
+sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
+geruehrt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
+entflieht Uller-Odhin, gehuellt in Pelze und dahinschreitend auf
+Schlittschuhen, in den Hochnorden zurueck. Dies der aeusserlichste Umriss
+der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
+Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzuege der spaeteren Sagen und
+Braeuche finden dabei ihr ueberraschendes Verstaendniss. Mit der
+aufsteigenden Fruehlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
+gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
+Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres gruenen und
+schimmern dann alle Hoehen von den bei der Goetterhochzeit abgehaltenen
+Festtaenzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
+Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage muessten die Hexen den
+letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
+ebenso an Mariae Lichtmess muessten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
+damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
+wachse wie die Spruenge der Taenzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
+Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
+auf Pfingsten angesetzt wird, verschlaegt nichts und ist eine blosse
+Folge spaeterer Zeiteintheilung. In den Volksbraeuchen ist noch vielfach
+die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
+der 12. Mai als der fruehere erste begangen und der Tag Pancratius hat
+uebernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein saeen und
+dabei recht lange Schritte machen (Thueringen, Hessen); oder die aelteste
+Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
+(Meklenburg) rueckwaerts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
+einige Stuecke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
+oder man steckt beim Saeen die Harke oder grosse Hollunderzweige
+senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thueringen)--alles, damit der Flachs
+gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
+184. Hauptgehalt aller dieser Braeuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
+der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
+Liebesbuendnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
+Kindermaerchen vom Dornroeschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
+die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
+Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
+Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, traeumerisch nickende
+Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Naehrkraft. Sigfried, von dem
+gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
+Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
+Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
+sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefaellt hat. Dies heisst in
+der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
+der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
+den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
+worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth fuellt, dem Befreier
+ueberreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
+Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
+andere als dich will ich zum Weibe haben!
+
+Wohin aber in diesem sagenhaften Goettergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
+obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
+geworden ist, war einst eine Schoenheitsgoettin gewiesen, von welcher das
+Glueck der ehelichen Liebe und das Gedeihen der laendlichen Arbeiten
+ausgieng. Von ihrer Frauenschoenheit berichtet noch eine oberpfaelzische
+Sage (Schoenwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
+traegt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
+gegenseitig in Religionsdisputationen ueber die Vorzuege ihrer Himmel und
+Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
+Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
+liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
+(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schoener sei, die Heidengoettin
+Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
+Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklaert aber auf dessen
+Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
+moege sie nur bei der naechsten Ausfahrt begleiten und sich selber
+ueberzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
+Wagen und faehrt durch die Luefte, bis man Glocken laeuten hoert. Da senkt
+sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
+zahllosen Menge angefuellten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
+Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schoenheit. Doch
+dem Priester schien sie zu ueppig und verfuehrerisch, er sprang auf den
+Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
+die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
+erloschen mit einem mal saemmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
+Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
+gegen Tag gieng, befand er sich im Gemaeuer eines Galgens.--Wir werden
+dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
+Kirche selbst angeben hoeren; denn allerdings sind schon die bisher von
+ihr gemeldeten Zuege unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
+Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre naechtlichen
+Hoehenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
+Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
+der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
+Marterwerkzeuges traegt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
+Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und traegt
+eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
+Abbild ist Pindars "roethlichfuessige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
+roemische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
+Gerstensaat.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Der immer gleichlautende Auskuendungsspruch:
+
+ Heut zum Lehen,
+ Morgen zur Ehe,
+ Ueber ein Jahr zu einem Paar--
+
+steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
+von den Kaisern ausgeuebten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
+Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Maiengeding und Walbernzins.
+
+
+Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
+waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
+und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
+verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach spaeterer
+christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
+karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
+ueblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
+Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
+sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
+erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmaessig vorausbestimmten
+Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgaengigen Ansagung
+bedurften. Sie entschieden nicht bloss ueber Mein und Dein, sondern auch
+ueber die Idealgueter von Freiheit und Ehre, somit ueber Krieg und Frieden,
+und ihre Aussprueche waren die allgiltigen der Volkssouveraenetaet, wie sie
+unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Staendeversammlungen und Parlamenten
+anerkennt. Sie benannten sich nach Naechten, weil der Tag sich aus der
+Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
+und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwoelften (Weihnachten bis
+Dreikoenig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
+Kloepfleinsnaechte und Nidelnaechte; in Baiern Rauch-, Loeselnaechte und
+Gennachten; in Deutschboehmen Undernaechte; bei den heidnischen
+Angelsachsen hiessen sie Mutternaechte. In gleicher Analogie spricht man
+von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewaehrten
+Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, daenisch
+noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
+pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
+14. Jahrhundert. Anfaenglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
+dem Wintergerichte zusammen, erst spaeter auch mit dem Herbstgerichte zu
+Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
+zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
+Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zoepfl, Alterth. des Deutsch.
+Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
+(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir soellend ouch dry rechte geding
+da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
+vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
+Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
+Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
+Walburgis auch spaeter in den Staedten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
+"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Raeth zusammen schwerend",
+heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
+Gesellsch. Die Tagloehner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
+derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der taeglichen
+Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
+iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt ueberkompt, dass
+einer ein aug domit bedecken muege, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
+bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
+Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
+geendet, die fuer die Verkoestigung der weither gekommenen Mannschaft
+nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den spaeteren
+Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
+bekoestigen, den Schoeffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
+einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
+zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
+Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
+in den Freienaemtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
+I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
+obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
+Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
+Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Doerfern Muri, Boswil und
+Buenzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
+jaehrlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage fuer den Lehensherrn
+beliefen, zeigt folgendes Aktenstueck.
+
+ Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
+ verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
+ Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
+ HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
+ Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--fuer Hoeuw vnd Haber ueber Nacht
+ 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Braemen v. Zuerich verehrt an einem
+ Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
+ Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
+ Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
+
+Alterthuemlich und von naiver Umstaendlichkeit waren die Braeuche, unter
+denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu ueberbringen hatten.
+
+Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knuetl
+alljaehrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
+alter hessischer Muenze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
+ueberbrachte, hiess das Walpertsmaennlein. Er musste des Morgens frueh
+Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
+der Schlossbruecke sich niedersetzen. Verspaetete er sich, so verdoppelte
+sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend haette ihn die ganze
+Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
+die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
+Walpertsmaennchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
+Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es waehrend dieser Zeit
+nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslaenglich zu
+verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
+aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
+Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
+Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
+sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
+abzutragen verabsaeumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
+Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
+Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
+hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann fuer Mann auf einen breiten Stein
+unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
+spaet einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
+Aber auch dabei kamen dem Verspaeteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
+zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
+wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
+erhielt, welches mit der Zeit fuer ganze Gemeinden zu nicht
+unbetraechtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Braeuche
+und Sagen.
+
+Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jaehrlich
+an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
+welcher dem Churfuersten von Mainz zugehoerte, und sich 4 Eichen schlugen.
+Gleichzeitig kam dann saemmtliche Buergerschaft ihnen dahin nach und hielt
+in dem fuerstlichen Schlosse ein dreitaegiges Einlager bei Musik, Tanz und
+Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
+hammerfuehrenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
+und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird faesserweise mitgefahren.
+Mit Eichlaub bekraenzt singt der heimkehrende Zug:
+
+ Willst du mit nach Walpern gehn,
+ Willst du mit, so komm!
+
+Dies nannte man den Gruenenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
+Schusterzunft den gruenen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
+bekraenzt nebst ihren Wohnhaeusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
+und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf fuer die
+Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die uebrigen
+hammerfuehrenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstoerten, von
+dem aus die Orte des Thueringerwaldes lange belaestigt worden waren. Zwei
+Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmueckt, pflegte man
+sonst zu Pferde in der Stadt herum zu fuehren, es sollen die zwei
+Soehnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
+wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
+Kostbarkeiten behaengt die Sieger fussfaellig um Schonung ihres Lebens
+anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
+angeblichen Raubritter geworden sind, waren urspruenglich die
+Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die staedtischen
+Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
+nichts, was dieser Geschichte einer zerstoerten Raubburg aufhelfen
+koennte, wohl aber dass der Gruenenmaitag ein Ueberrest des sg.
+Schwoertages ist, an welchem die Handwerker jaehrlich der vom Mainzer
+Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestaetigte
+ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofuer die Schuster dem
+Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe ueberreichten, gemacht aus dem Filz,
+den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
+Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
+gelungenen Kriegszuge der Buerger und Bauern gegen das Herrenschloss,
+oder einer militaerischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
+der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses oertliche Holzrechte
+verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
+Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich fuer die Nutzung
+ueberlassener Laendereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
+der Frau "den kuehlen Mai".
+
+Wie sich der Sieg Gideons ueber die Midianiter (Richter 6, 37) an den
+Thau knuepft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich faellt,
+dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu fuellen vermag, so ist
+auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
+Wunderkraeftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
+Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann fuer Mann
+gemeindeweise zu entrichten, die haeufig sich wiederholende Tradition
+entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhaengigkeit
+der Landschaft durch einen gluecklichen Waffenstreich errungen worden
+sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
+die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
+"Walperkuehe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
+Anlass, die Voegte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
+zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
+das sie nicht laenger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
+Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
+ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
+aelteste und festete Gebaeu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
+Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr aelterer Name war Walburg, sagt
+Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
+unmittelbarer Naehe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstoerung durch
+die aufstaendischen Bauern faellt 15. Maerz 1145. Muellenhoff, Glossar zum
+Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
+geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergoetzen lassen,
+wofuer der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
+Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsaecke, statt der Tafelmusik
+musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlaermen. Solcher
+Wohlstand reizte die habsuechtige Graefin Walburg und sie beredete ihren
+Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
+nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
+Rueckstaenden einforderte. Am Martinsabend fuehrten denn die Bauern eine
+lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
+schoene Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Saecken des
+zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenaeht. Als der Zug das Schlossthor
+erreicht und gesperrt hatte, ertoente das Losungswort:
+
+ Ruehret die Haende, Zerschneidet die Gebaende!
+
+Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsaecken, zuckten die
+Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
+entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
+und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
+Graefin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
+mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
+Landstueck, fuegt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
+gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
+Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
+dorten ein Bauer aus dem Boden gepfluegt und daheim aufbewahrt hatte,
+entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
+heilkraeftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
+sterken.
+
+So wird Walburgs Goettermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
+Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugraefin und Burgfrau,
+mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhoert und die politische
+Selbstaendigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
+die hartherzig Zins eintreibende Graefin Walburg verwandelt sich an einem
+oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
+Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
+Broken. _Dreimal_ des Jahres muessen die Hexen ihre drei hohen
+Tagsatzungen abhalten, sagt Praetorius Blockesberg (1668) 499, und
+zergruebelt sich ueber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
+sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
+dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
+ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.
+
+Eine aehnliche Fruehlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
+Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut faellt, theilt W.
+Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
+Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
+Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
+liegt, hatte der boese Koenig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
+Fischer an der Weichselmuendung brandschatzte und ihre Weiber und Toechter
+entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
+Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
+geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemaess ein grosses Feuer
+auf dem Berge angezuendet und der uebliche Reigentanz um das Feuer
+gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
+Juenglingen, sich der Burg zu naehern und dieselbe ploetzlich zu
+ueberfallen. Koenig Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnuegen
+zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
+hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
+seinen Namen erhalten haben.
+
+Der Name der Fruehlingsgoettin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
+Braeutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
+ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden koennen, wird der winterliche
+Tyrann, Koenig Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
+zerstoert. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Fuenfter Abschnitt.
+
+Der Mythus vom Maienthau.
+
+
+Von der Adventzeit bis zu Ostern laesst die katholische Kirche taeglich
+die Rorate-Messe singen, die ihren Namen traegt von der Stelle Jesaia's
+45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
+den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
+Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugoettin selbst und sah ihn
+erfuellt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
+der ersteren ist hier die Rede.
+
+Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
+und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
+reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
+eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
+Heumonat darauf noch soviel Futter waechst, er traut demselben keine
+Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
+und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
+mit einem doppelten Heuertraegniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
+Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
+Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
+Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
+Wolf, Beitr. 2,367) von den goettlichen Maechten die Festfeuer
+zurueckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
+reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat ueber keinen mehr.
+Maienthau macht gruene Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
+Progression also: Thaut es im Mai fuenfmal, so erwartet man eine
+Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fuenfzehnmal, so giebts
+eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als Koenig
+Gustav III. von Schweden einem ostgothlaender Bauern, der ihm vorgestellt
+wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn ueber dessen muthmasslichen
+Werth befragte, meinte der Landmann laechelnd: doch wohl nicht so viel,
+wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
+genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold laeutern. Daher traegt die
+hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
+traegt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
+Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermaerchen (Grimm 3,
+no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
+Walburgisnacht im Gewaesser der Bode die goldne Krone der Prinzessin
+Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
+no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
+Kruege, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Beduerfniss damit behelfen
+koennen." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
+einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
+ganze Lebensgeschichte enthuellen, wenn man ernstlich hineinschaut.
+Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
+Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
+Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schoensperger 1499, Bl. pj und
+piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
+das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
+sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
+margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rueckerts Vierzeilen:
+
+ Die Rose stand in Thau,
+ Es waren Perlen grau;
+ Als Sonne sie beschienen,
+ Da wurden sie Rubinen.
+
+Aus Erde und Thau formte der Schoepfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
+die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
+319-330):
+
+ uon dem leime gab er ime daz fleisch,
+ der tow becechenit den sweihc.
+
+uebereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
+dass es soll bluehen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes fluechten
+beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
+Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
+Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
+kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
+wenn man einen Baum im Maienthau schuettelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
+der die drei letzten Baeume bei seinem Hause faellen will, sieht des
+Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die ueber den Untergang des
+Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
+liess hierauf die Baeume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
+Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen fuer die Menschen
+rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
+Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
+firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
+groz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
+niemer her ab, wan daz, sumeliche maister wen, daz daz tov daruz werde.
+Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwuenschter, wie hier hernach noch
+des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
+Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es muesse
+weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Hoehen
+erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, waechst kein
+Gras; daher in G. Buergers Romanze:
+
+ Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
+ Da ist ein Plaetzchen, da waechst kein Gras,
+ Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
+
+Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
+(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
+Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
+Panzer, BS. 2, pg. 54.
+
+Maienthau ist eine Quelle der Koerperschoenheit, des Liebreizes und der
+Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
+
+ Wenns thaut, wirds groen,
+ werden alle Jungfern schoen.
+
+Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
+Gasse zu rufen. Eos hat taeglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
+neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
+frischgruenende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
+umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzaehlt Konrad v. Wuerzburg in
+seinem Trojan. Krieg--verjuengt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
+gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
+
+ Es giengen drei heilige Frawen
+ zu Morgens in dem Tawe.
+
+So schoen ist die Geliebte, dass der Minnesaenger Christian von Hameln dem
+bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
+Fuss darauf:
+
+ Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
+ ein wip, nach der min herze ste;
+ so wuensche ich, daz si mit blozen fueezen
+ noch hiure mueeze uf iu ge.
+
+Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
+kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
+genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
+man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
+setzt, muss nebst Aepfeln und Baendern stets mit einer vollen
+Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
+der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
+einen heilkraeftigen Thee. Sommer, Thuering. Sag. 148. 156.
+
+Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschuessel, Parasol und
+Frauenmaentelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
+milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
+Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
+den Durst. Schoenwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-ronge wird zu
+Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
+Morgenroethe und Sonnenaufgang aromatische Kraeuter sammelt und sie in
+Olivenoelflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
+frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
+Wein gefuellten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
+Wunderbuechlein, S. 233. Um seltne Kuechenkraeuter jahrelang frisch und
+schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
+Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
+keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
+bayz (beize) die kreueter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
+Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
+denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
+taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
+genaden auf vns reuedige menschen!
+
+Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
+Hoehle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
+erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
+mit diesen Erdmaennlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
+stellte man ihnen jedes Fruehjahr einen Krug Maienthau an einen
+bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Hoehle trugen. Sie
+badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
+Weisszeug; zum Entgelt dafuer ueberschickten sie den Bauern Honigthau,
+worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
+Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, haengt ihre Hoehle voll
+milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
+zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
+
+In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenaeen badet das Volk die
+Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
+waelzt: se rouler ce jour-la le matin dans la rosee, ou se baigner dans
+une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanees. De Nore,
+Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
+Saalfeldischen Maedchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
+no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
+berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
+sein soll, wenn sie sich frueh nacket drein waelzen. Die Medici nennen
+solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Islaender und
+Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
+heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Englaender setzten eine
+Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
+mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
+Tilbur. pg. 2. Der Altbaier waescht sich im Maienthau, dazu sprechend:
+
+ Das hilft fuer's Gah,
+ fuer's Blaeh,
+ fuer'n U'flat.
+
+Das Gah ist gaeher Tod und fallendes Uebel; Blaeh die
+Rinderaufgelaufenheit, Stillfuelli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
+30. "Morgenthau ist gut fuer abgehauene Fuesse, gut fuer abgehauene Arme,
+fuer ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
+bestreichen den Verstuemmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
+"Benetze deine Augenhoehlen mit Morgenthau, der auf den Baumblaettern
+liegt", sprechen die drei Schwaene zu dem von der Stiefmutter geblendeten
+Maedchen. Haltrich, Siebenbuerg. Maerch. S. 36. 216. "Heute Nacht faellt ein
+Thau, sagt die Kraehe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
+seine Augen damit, der erhaelt sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
+Dies ist der im boehmischen Maerchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
+Geblendeten verkuendete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
+KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
+des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
+Grabe Walburgis ploetzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
+pars 2, pag. 305.
+
+Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den naeher rueckenden Mai
+zu vertroesten als auf die Zeit ihrer gaenzlichen Herstellung.
+Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
+besonderen Mittel gewaehre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
+Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
+Halme und Blaetter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
+heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzuendung blickt man
+eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
+Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
+Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
+und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
+Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
+Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetraenkten
+Tuechlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsaess. Sundgau, eine halbe
+Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
+Walburgiskapelle ein kraeftiger Wasserquell, Helgenbronn und
+Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Muetter mit ihren siechen
+Kindern hieher, um sie zu baden; haeufiger noch geschieht es auch an
+Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
+Haut waescht. A. Stoebers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
+(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
+allgemeine Sitte ausfuehrlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
+Bresthaften, die ihre Haeuser nicht verlassen koennen, lassen sich im Mai
+daheim warme Baeder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
+sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
+Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
+abzubilden, oder ein mit froehlichen Leuten unter Trommel- und
+Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
+Gesellen.--Koenig Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
+Staedtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
+Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
+linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
+erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Moerder die
+Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
+enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
+Tochter, so erzaehlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
+sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
+grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
+Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
+allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
+z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
+
+ die Teutschen wurden wohlgemut,
+ sie giengen in der ketzer plut,
+ als wer's ain mayentawe.
+
+Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
+
+Auch symbolische Maibaeder gab es, sowohl kirchlicher als buergerlicher
+Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
+Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
+besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
+
+ Heiliwog, Gottesgob,
+ Glueck ins Hus, Unglueck drus!
+
+Stoeber, Elsaess. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
+nach Panzers BS. 2, 301:
+
+ O du guter Walbernthau,
+ Bringe mir, so weit ich schau,
+ In jedem Haelmlein Gras ein Troepflein Schmalz!
+
+Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Maedchen, das
+sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Baechlein gejagt und
+da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
+darf die Kuebelmarie, "Kuebele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
+Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
+747. 986. Wer zuerst vom Pfluegen oder Aussaeen heimkehrt, wird in der
+Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schuessel Wasser
+begossen. Schoenwerth 1, 400. Zu Wall in Boehmen blaest am 1. Mai der
+Dorfhirte alle uebrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
+Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
+Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
+mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
+Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewoelbes, durch das die
+hoelzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
+angezuendetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
+Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
+
+Diese Zuege fuehren ueber zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
+(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
+zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
+Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
+nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
+oeffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
+faellt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
+Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmueckung des
+Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse fuer den
+Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
+aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefuellte
+Weinflaschen mit der fuenften in der Mitte standen, die den Chorsaengern
+preisgegeben wurden. Floegel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
+Vielleicht, dass man diesen welschen Moenchsbrauch aus dem altroemischen
+Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten moechte, wo an den
+Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die laendlichen Ufer des Tiber zog
+und hier Laub- und Schilfhuetten errichtete. So manchen Schluck da der
+Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
+Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Roemerthum unberuehrt
+gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine aehnliche Sitte. Die
+Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
+Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
+Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
+und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
+Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedraengnissen einer langen
+Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
+Landschaften kennen aehnliche Wasser- und Weingelage, die altherkoemmlich
+auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
+der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
+gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
+pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
+als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
+Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
+Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
+Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
+trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljaehrlich die Steinauer
+Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Fruehlingsfeste zogen, so trugen
+sie eine Menge irdener kleiner Kruege mit, die ihnen als Trinkgefaesse
+dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
+Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
+macht alljaehrlich die Eichstaedter Schuljugend ihren Waldmarsch und
+geniesst daselbst die fuer dies Jugendfest altgestifteten
+Ergoetzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
+hollaendisch Groeningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
+Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
+Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
+Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstaedt, der
+ueber eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
+niedergeht, beim Anschwellen im Fruehlinge sein Felsenbette nicht
+sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
+sein Wasser hinab gegossen. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
+Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Maedchen die Symbole der
+kuenftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Saebel gespiesst, und
+Eier und Butter in Koerbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
+folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
+Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
+Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
+beide und die vorhin genannten Maigetraenke zielen, sagen uns einige im
+Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
+in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
+Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kaempfen. Dieser
+Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
+beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
+bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
+dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
+Verjuengungstrank. Bei thueringisch Arnstadt liegt der kraeuterreiche
+Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Hoehe ein Walburgiskloster
+getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
+Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut waechst, denn
+dahin ist der Geist einer betruegerischen Bierzapferin gebannt. Sie
+heisst Frau Holle, in altvaeterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
+ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
+oel-und aelschenkende Walburg als eine thauspendende Walkuere angedeutet;
+noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwaehnte, hier abgehaltene
+Maifest der Arnstaedter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
+Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdruecklich erzaehlt die
+Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fuerstentoechter
+an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
+darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
+Trinkgefaess (hanapp) ploetzlich abhanden und kann weder wieder zum
+Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
+Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich ueber
+jenen Verlust besprachen, stand es ploetzlich unversehrt vor ihnen in
+Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurueckgeschickt und hier als ein
+neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
+Steinthurm hohen Alters bei der unterfraenkischen Stadt Eltmann, er war
+von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
+werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
+lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
+Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
+Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
+Walburgisberg sind die volksthuemlichen Namen der Erenbuerg, eines hohen
+sattelfoermigen Berges beim oberfraenkischen Dorfe Wiesentau; das
+urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
+Koenigshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwaellen
+abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhuegel, aus denen man antiquarisch
+beruehmtgewordene kupferne Streitaexte erhoben hat. Hier war das Schloss
+von drei schoenen Fraeulein, die beim Trocknen die Waesche nur in die Luft
+warfen, so blieb sie haengen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
+steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
+abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
+Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht ueber die
+bluethenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen fuer
+unerschoepfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
+duftenden Bratwuerste. So erfuellt sich der alttestamentliche Segensspruch
+1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
+
+ Gott geb dir des Himmels Thau
+ Und die Fettigkeit der Au
+ Und die Fuelle der Halmen
+ Und den Most der Palmen.
+
+Die Festbraeuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
+Brunnquellen in hellen Haufen hinausrueckte, die darauf gegruendeten
+oertlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
+geschmueckt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
+den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
+der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
+vervollstaendigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
+sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
+
+Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
+Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
+der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
+vorgenommen. Die ganze maennliche Bevoelkerung des Ortes, Jung und Alt,
+ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag ueber auf
+Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
+Gedaechtnisschaerfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
+Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
+stossen) vorgenommen wird, ist hinlaenglich bekannt; eben so wenig bedarf
+es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
+verknallt und welches Weinquantum vom Maennerdurst weggetrunken wird, um
+dann nach lustigem Tagwerke dem Kuechleinbackwerk entgegen zu ziehen,
+dessen wuerziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die staedtischen
+Buergerschaften pfluegten ebenso unter grossem militaerischen Aufwande ihr
+Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
+Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
+Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
+Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
+fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
+verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altaeren die vier Evangelien
+abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
+und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
+Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
+und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
+
+ Deine milde Hand giebt Segen,
+ Giebt uns Sonnenschein und Regen.
+
+So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
+abgehalten. Anderwaerts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
+Tirol glaubt man, diese Prozession sei aelter als das Christenthum
+selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
+Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
+Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingefuehrt (Rettberg,
+Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
+Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgaenge waren unter
+dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
+Bevoelkerung an der Elbe ueblich und durch ein besonderes Volksgeluebde
+daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jaehrlich drei
+halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhoerung einer
+Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
+findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
+
+Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
+schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
+Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
+als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
+Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromuenster wird bereits in der
+Urkunde von 1223 erwaehnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
+Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
+Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
+abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
+herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Staedtlein weg auf aargauisches
+Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
+haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
+Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
+stoesst. Diese und aehnliche berittene Prozessionen sind bereits
+ausfuehrlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
+das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
+Blutritt in Schwaebisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
+nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
+man dabei schon ueber siebentausend Reiter gezaehlt. Franz Sauter, Kloster
+Weingarten 1857, 35. In den oberschwaebischen Doerfern findet der
+Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
+wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und laesst am
+Rueckwege die bequem gelegnen Wirthshaeuser nicht unbesucht. Birlinger,
+Schwaeb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
+veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch faellt
+derjenige zu Anderlecht bei Bruessel auf Pfingsten, der in Haeckendover
+bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
+Pistolenschuessen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhaengtem
+Zuegel quer ueber die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
+eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
+Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
+345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
+Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
+Baenderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche gefuehrt,
+da mit einem Rosenkranz geschmueckt und feierlich wieder hinaus geleitet.
+Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Koenigsreiten in oesterreich.
+Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
+Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
+beste Wettrenner Koenig. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
+nach einem geschmueckten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
+reiten" herabgesunken. Sommer, Thuering. Saga S. 154. Unsre
+rechtglaeubigen Bauern, bemerkt ueber die fraenkische Bevoelkerung in der
+Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
+Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
+anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
+Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
+moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
+Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
+betrifft; hier ist der wuerzburgische Pfingstritt also beschrieben:
+Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
+habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
+unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
+sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
+omni injuria et calamitate conservare velit. Alljaehrlich zweimal, am 10.
+Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das suedfranzoesische Dorf
+Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und traegt deren
+Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
+heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
+welchem das Gras stets schoener und dichter steht als auf dem
+angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andaechtigen, die oft
+bis auf Fuenftausend anwaechst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
+dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
+ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
+sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
+Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
+eignen Augen ueberzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
+Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthuemer hier der Prozession den
+Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
+die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
+ad diem 10. Maii.
+
+Solcherlei Fruehlingsbraeuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
+umreiten und zu durchreiten, stuetzen sich auf heidnischen und auf
+alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Goettern
+selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du kroenest
+das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
+eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persoenlich
+beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfaehig macht, weshalb das
+Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
+jene Worte nachdruecklich wiederholt:
+
+ Umkroen das Jahr mit deiner Hand,
+ Mit deinen Fussstapfen dueng das Land.
+
+Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
+besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
+den Bergwiesen striemenweise fetter und ueppiger wachsenden Grase sagt
+der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
+Alpgeist mit schmalzigen Fuessen drueber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
+no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
+Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch gruene Frucht
+hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornaehren. Wolf, Hess. Sag.
+no. 31. 56. Von den ueber die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
+Hufen des Goetterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
+denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
+haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
+Strichregen und Windstoesse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
+und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
+nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stuetzt sich auch der Ritt in
+den Maienthau. Bekanntlich haengt die Befruchtung der Kornaehren vom
+Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Bluethen ausschuettelt
+und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
+Unregelmaessigkeit der Bewegung nur unregelmaessig, daher bleiben viele
+Huelsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte uebt nun seit
+alter Zeit folgende Methode zur kuenstlichen Unterstuetzung der
+Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
+Maenner ein Seil ueber der Hoehe des bluehenden Getreides hin und streifen
+damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
+zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die uebrigen aber gegen
+das Sichlagern gestaerkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
+gleichfoermig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhuetet, die
+aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
+entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergoettert, in
+Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene uebertragen worden.
+Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
+acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
+der den gedeihlichen Saatregen mit sich fuehrt, dargestellt war als ein
+Genius mit heitrer Miene, gefluegelt, mit flatterndem Gewande
+einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
+und neben reifenden Fruechten eine Kornaehre. Droben auf der Akropolis
+stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
+fuehrte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
+trug (Welcker, Griech. Goetterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
+nach demjenigen der drei Toechter des Cekrops, welche Aglauros
+(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
+Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
+Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
+steuern und waren der Athene gewidmet.
+
+Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
+unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrueckt haben.
+
+Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehoert nach Kuhns Vermuthung (Weber,
+Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. doha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
+ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschaeft des Melkens
+und Milchausdrueckens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
+heisst waschen. Hundertfaeltig stimmen nun Mythen und Braeuche in der
+Annahme ueberein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme haengenden
+Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
+Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
+Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
+verbietet, Tuecher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
+zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
+Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
+besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
+mit subtilen Tuechern aufzufangen und diese in Gefaesse auszuwinden habe,
+denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Praetorius, Blockesberg S.
+559. Grohmann, Boehm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
+verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmueckte in der Walburgisnacht
+seine Kuh mit gruenen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
+und fuehrte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drueckte er die
+thaubenetzte Decke in ein Gefaess aus, indem er dabei mit den vier
+Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
+Thieren unter die Traenke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
+ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
+abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Fruehthau zu gewinnen,
+indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
+feierlich abstreift. Die am fruehesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
+einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhaelt den Preisnamen
+Daufaejer, Dauschloepper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
+weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
+dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
+beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfael. Sag. 2, S. 165. Ebenso
+gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
+Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
+voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
+denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
+Zukunft, auf Walburgis in das gruene Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
+um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tuechern ihn
+aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
+Weidekuh fuer sich zu gewinnen. Schoenwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
+die Hexen in Holstein Daustriker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
+Bischoefe erklaerten eine letztjaehrige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
+den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
+ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
+fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
+exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
+lauten die Histoerchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
+zu bedienen suchen und darueber klaeglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
+im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
+machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
+oder eine lange Stange und fuhren damit oben ueber das Feld hin. Damit
+fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
+konnten tuechtig durchgepruegelt werden. Proehle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
+sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
+ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
+weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
+einander geschuettelt liegen, laesst sie vom Nachtthau benetzt werden und
+fuettert damit saemmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
+Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Graetz bei Kienreich 1801, S. 9.
+Da auf aehnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeuebt wird, so ist
+das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
+stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
+_Ankenbruet_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
+zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
+Stueck zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzaehlt Jac. Sprenger im
+Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
+Maitag empfanden mehrere zusammen ueber Feld Spazierende grosse Lust,
+frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufaellig an einem Flusse.
+Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
+wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Ruecken gegen den Lauf,
+ruehrte mit den Haenden rueckwaerts und es dauerte nicht lange, so brachte
+er eine foermliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
+machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
+schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
+Maitag Gras haeufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
+seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
+seinem fuer Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
+Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
+habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
+Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
+seinen Glaeubigen Butter und Schmalz aus fremden Haeusern zu. Was er nicht
+weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
+Algen in Tellergroesse, die man auf dem Duengerhaufen zuweilen erblickt,
+heissen daher Drachenschmalz. Schoenwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
+demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
+Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
+Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
+dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
+koennen, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
+sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
+die Blumen faellt;" und daher erzaehle Galenus, 3. B. de alimentis, die
+Bauern haetten am Morgen, wenn sie Honig auf den Baeumen kleben gesehen,
+ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
+uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
+giebt starke Bienenschwaerme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
+zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
+
+ Mengmol e Haempfeli Bluememehl,
+ Mengmol e Troepfli Morgethau.
+
+Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
+darum auch so suessschmeckend; denn, sagt Hebel:
+
+ Doert oben wachst kei Gras, doert wachse numme Rosinli.
+
+Die boehmische Haingoettin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
+Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Koerbchen mit
+Pflanzen, in der andern einen Strauss traegt. Im Fruehlinge traegt das Volk
+Honig in die Waelder, stellt ihn auf die Baumstoecke und spricht:
+Medulina, da hast du, du giebst es uebers Jahr wieder! Grohmann, Boehm.
+Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzaehlt, wie
+der ertrunkene Lemminkaeinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
+wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
+Sprachvermoegen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
+moechte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
+Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
+von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
+Sprache kehrt auf seine Zunge zurueck.
+
+Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
+Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
+beruehrt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
+Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
+gebracht werden kann.
+
+Fuellt der Koenigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
+Lebens und heilt damit den alten kranken Koenig (Grimm KM. 3, S. 178), so
+taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
+Bouteillen, beschmiert sich damit und faehrt so auf den Blocksberg. Kuhn,
+Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind urspruenglich jene Zinnkannen und
+silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
+Erdmaennchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die naechtlicher Weile
+vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstoerten
+Nonnenkloster Erlesberg hinueber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
+aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
+verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
+das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknuepft
+(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
+und sein Inhalt ein seuchentraechtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
+und Gras aus dem Boden gezuendet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
+der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
+sich ins Daemonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
+Entzuenden der naechtlichen Freudenfeuer ueberall das Hexenbrennen, und aus
+dem lustigen Fruehlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
+und Schuergabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
+einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
+Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Waehrend noch im J. 1839 das
+Maerzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hoernerklang begangen wurde,
+wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und laeutete, "_damit
+das Gras waechst_" (Leonhardi, Rhaetische Sitt. 1844), gilt im kathol.
+Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
+Reiflaeuten im Mai, wie das Gewitterlaeuten im Sommer. Im tiroler Innthale
+umgeht am Joergentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
+Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen laermend, im unflaetigsten
+Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kroeten und Eidechsen zur Schau
+tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
+Rueckkehr ins Dorf dafuer beschenkt. Und damit alle sittlichen
+Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
+der rossetummelnden Saatenreiter die haessliche Bocksreiterei und der
+teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
+die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
+ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der oesterreich. Gymnas. Ztschr.
+1858, 410 aus einer Hds. des Olmuezer Archivs einen Segensspruch
+veroeffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
+Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
+verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Puelewesen
+osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
+Weinholds Schles. Woertb. 1855, 10). Mit Heiloel salbt die
+Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
+Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
+ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfaelzer
+Sagen Schoenwerths 1, 372 ausfuehrlich besprochnen Hexenoel, und wenn sie
+darueber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafuer
+den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thors
+Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
+ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, laesst sie die vollen Garben in
+der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
+Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
+mangelt, die neubelaubten Baeume reitet, dass man alle Verkrueppelungen
+an Eschen und Fichten Trudenpfoetschen nennt. Das Stallthier wurde des
+Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
+es zuletzt dem thaumaehnigen Rosse der jungfraeulichen Walkueren glich;
+statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
+den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
+abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Maehne und Schweif ist von
+unbekannter Hand in zierliche Frauenzoepfchen geflochten. Statt die
+Haeuser mit Maien zu schmuecken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
+so viele Ruthen auf den Duengerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
+Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und ueberspringen sie in die
+Wette; wer dabei nicht anstoesst, in dessen Hause werden die Milchkuehe
+ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein foermliches
+Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
+werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
+Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schoenwerth 1, 312), das
+Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
+Hinausblitzen in Deutschboehmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
+tuechtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
+gesetzte Milchschuessel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
+hoert die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
+Abgl. (Graetz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
+Natuerlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
+urspruenglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe ruestige
+Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
+vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
+diese doch immer noch schoene Jungfrauen, die mit brennenden
+Wachslichtern in den Staellen die Thiere besorgen, dass des Morgens
+Wachstropfen in den Maehnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
+schattigen Waldbaeumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
+Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
+jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Koenigin
+Habundia, unsre deutsche Goettin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
+dem Hause Glueck und Vorsput. So anfangs als Allguetige verehrt, sind sie
+nun feindselig und gefuerchtet; erst eine ueberirdisch schoene Holda, dann
+eine triefaeugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
+Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
+die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
+Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
+Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevoelkerung
+ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
+Festtag heisst Wolpripaeaew (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
+Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
+265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Goetter durch die
+Kirche genugsam durchgefuehrt werden konnte, verwandelten sie sich mit
+ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
+rueckwaertsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
+die Joeten- und dann die Walkuerennatur Walburgis und sind damit am
+Schlusse.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Sechster Abschnitt.
+
+Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung.
+
+
+Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhaengigen Dioecesen
+und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
+Gesammtzusammenhang zu betrachten, waehrend man sie bis dahin fast nur in
+ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
+Die Ingolstaedter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
+niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
+zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
+gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
+Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
+nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
+nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstaedter Walburg sei bereits
+im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
+westfaelischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
+Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
+alles Moegliche entgegen. Der groessere Theil der dortigen alten
+Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
+man daselbst von der Walburgiskirche zu Groeningen behauptet, sie sei ein
+Heidentempel der _Goettin_ Walburg gewesen, und dass man in der
+Walburgiskirche zu Veurne (Dioecese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
+wo dieser Goettin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
+Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
+hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
+unterstuetzt; die zu Groeningen ist eine Rotunde mit thurmaehnlichen Mauern
+und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
+Helgen fuehren soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
+gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
+Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
+haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwaerts verfolgt, um so
+mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
+ihrem bischoeflichen Bruder die vergroeberte Gestalt der Riesen an. Schon
+im Harz wird _Wilibald_ ein Huene genannt (Proehle, Harzsag. 1, 275); um
+Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandraeuber
+vertilgende Riesin Walberech. Seeraeuber ersaeuft sie, Viehdiebe frisst
+sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
+Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
+Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinueber.
+Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestueme Heidenfrau,
+menschliches Mass ueberschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
+Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
+erzaehlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
+sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
+Dollgellen in der Schuerze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
+Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
+Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
+Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositaeten Bd. 8, 240. Endlich hat
+sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
+herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitraegen 1, Tafel II, Figur 1,
+lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
+deren antiken Namen tragendes deutsches Goetterbild. Es ist ein ueber dem
+Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
+Steinbild, das noch in seinen urspruenglichen Umrissen zu erkennen, in
+seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
+hebt beide Arme bis zur Kopfhoehe anbetend empor und zieht die aus
+einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Goetterbild war, urtheilt
+Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle aelteren Geschichtschreiber Antwerpens
+ueberein, unter denen auch der beruehmte Bollandist Papebrochius; dafuer
+spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafuer zeugt
+auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kraenze und Blumen opferten, die
+Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
+tranken, um bald des Mutterglueckes theilhaftig zu werden. Davon
+berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
+Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
+selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
+Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Kuechengeschirr
+zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
+dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anstaendigsten ist
+solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
+erwaehnt, erzaehlt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
+begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
+vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingefuehrt
+habe. Die Heiden haetten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zaehe
+abgelassen, und daher ruehre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
+schmutzige Brauch, deren Hartnaeckigkeit in Sachen des Aberglaubens
+allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
+norddeutschen Walburgis fest, welche in der Moenchsprache Venus und, da
+sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
+Hermaphroditengestaltung entspringt aus den urspruenglichen
+Grundbegriffen der eddischen Goetterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
+doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
+Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
+der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
+Ackergoettin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
+das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
+priapisch, gleich dem maennlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fro), welchen
+Adam von Bremen Fricco unter der ausdruecklichen Beifuegung benennt, er
+werde phallisch abgebildet, walte ueber Regen und Sonnenschein und stehe
+den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
+ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
+Fricconi. Sein Name gruendet in der Wurzel pri = freien, woraus auch
+Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
+altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
+ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
+Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstaedter Gebiete, als
+dem sueddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
+findet. In dem zwischen den Staedten Eichstaedt und Weissenburg am
+Ausgaenge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
+findet sich unter mehrfachem roemischem Grundgemaeuer im Garten des
+dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwuerfel, dessen eine Seite die
+Grabinschrift einer roemischen Ehefrau, die andere die eines
+Merkuraltares traegt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebruesteten
+Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
+einander gespreizten Beinen, beide Haende am Phallus haltend. Beide
+Figuren sind an den Einzeltheilen vorsaetzlich verstuemmelt. Noch im
+vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
+Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befaehigt zu werden, und als der
+Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
+und um ihn fuer seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstaedter
+Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
+des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
+S. 287. Von der Moenchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
+Goetze Miplezeth (1 Koenige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
+entspringt in der Kindheit der Voelker aus einer schuldlosen Verehrung
+des zeugenden Prinzips, die eine spaetere, ihrer Suende bewusste Zeit
+aengstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
+schluepfrige religioese Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schluepfrigen
+nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
+sagt er: "Unsre Vorstellungen ueber Wohlanstaendigkeit veranlassen uns zu
+glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch koenne nichts anderes als
+eine Erfindung der Zuegellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
+Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religioeser
+Ceremonien gewesen waere. Im Gegentheile ist es verbuergt, dass
+dergleichen Braeuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
+und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
+uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
+Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend fuer ihre Reife zu begeistern und
+kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklaerten, abgefeimten oder
+moralisch ruinirten Epochen laecherlich erscheinen."
+
+Folgerichtig wurde nun die Goettin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
+Koerpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
+Frucht, in gleicher Weise kuenstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
+Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
+Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwaehnen Martial (XIV, 61:
+Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
+II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
+Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
+1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
+adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
+in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
+solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
+vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
+divinites generatrices 226 und fuegt noch hinzu: dans plusieurs parties
+de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
+Aehnliche Landesbraeuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
+Augen zu oeffnen. Das Milchbrod der fraenkischen Eierweckchen, in
+bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klaerungsweck;
+dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
+von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
+Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
+gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
+breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Maedchen gegeben, dagegen das
+stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
+oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
+beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierueber gesungenen
+Schnaderhuepfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
+obscoene Gebildbrod der Meissner Fummeln, ueber welche Schaefer im ersten
+Theil der deutschen Staedtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
+der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkraepflein.
+Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
+Grabhuegeln aufgefundenen Frobildchen, welche das gleiche Symbol des
+Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
+OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
+Klausmaenner, Hanselmaenner, Grittebenze; in Niederdeutschland
+Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche aehnlich gestaltete
+Brodfigur wird gewoehnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
+dass ihnen Augen, Brueste, Rockknoepfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
+sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
+spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
+varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
+beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
+wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
+und den Urvorstellungen der Menschheit angehoerende, und muessen eben
+darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
+des Naturmenschen noch gaenzlich schlummert.
+
+Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklaeren und mit
+den Hauptzuegen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
+vorgetragene Sagenkreis in zwei Haelften sich scheidet, in ein lichtes
+Fruehlingsgebiet und in ein daemonisches Nachtreich, so fuehrt auch die
+Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schoenere Seite mache hier
+den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
+
+Wenn der liebende Wuotan im Fruehlingsbeginne seine Vermaehlung mit der
+Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so traegt er den ahd. Beinamen des
+Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
+Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
+Wuenschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. oskmeyjar, Wunschmaedchen.
+Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und fuehrt uns
+sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
+Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
+Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
+vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann fuehrt Wunsch 2) auf
+den Namen eines der Brueder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
+Gewaehrende.
+
+Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
+Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
+diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
+durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
+dar. Des andern Bruders Wilibald Name knuepft sich an den eddischen
+Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
+entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
+Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
+Koenigstochter Werburga auch Walburg hiess: Werburga, Wulferi, Merciorum
+regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
+bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
+dives, potens, wieder allmaechtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
+wurde. Saemmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
+naechstverwandt mit den hoechsten Goetternamen. Der Himmel nun, in den
+jenes Liebesheer gefluegelter Jungfrauen das Goetterpaar geleitet, ist
+Walhall, nordisch Valhoell, und der silbergedeckte Saal darin heisst
+Valaskialf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
+Auserwaehlten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
+angelsaechsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbuergschaft.
+
+Allein jenem Wonnemonat der Vermaehlung Odhins geht des Gottes stuermische
+Brautwerbung im Mittwinter (den Zwoelften) voraus, wo die
+leidenschaftlich Wuenschenden zu Verwuenschten, die Liebenden zu
+Wuethenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentaenzen werden
+(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann aendert sich die Bedeutung des Wortes
+wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
+sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
+die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walkueren, welche die auf dem Wal
+Gefallnen auswaehlen und fuer den Himmel erkueren. Die Wolen, sonst nach
+der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
+Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
+niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Bruenne ist blutbespritzt,
+Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Maehnen ihrer
+Rosse herab und reiche Ernten traegt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
+zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
+Kriegsmaenteln, als fiele ein dichtes Schneegestoeber, und von ihren
+Zaubergesaengen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
+Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, gefluegelt umschwebt Kara ihren im
+Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
+selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
+verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thueren gekreideten Trudenfuss,
+oder es erscheint das leichenankuendende Gespenst des Holzweibleins gar
+in Gestalt einer weissen Gans (Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
+Schwanenfuss wird zum Gaensefuss verkrueppelt, aus der Koenigin Berta wird
+eine Koenigin Gansfuss, Reine pedauque. Wollen sich die Bollandisten III,
+516b erklaeren, warum die hl. Werburg so haeufig mit der hl. Walburg
+verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
+Wildgaense gehorsam gewesen seien. Dahin gehoeren nun die vielfachen
+Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfuessigen geschehen, wie
+z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
+(Wassertruedingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
+hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfuessige Walkuere
+und der fuer seinen gelaehmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
+erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
+Fussgelaehmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
+Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustriker heisst, weil sie in
+schaedigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
+Grimm RA. 94. 630. An fruehzeitigen Uebergaengen des Namens Walburg in das
+Gebiet des Daemonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
+der Walkueren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
+besungene Koenigstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
+starke, kriegsgewaltige Koenig (im mhd. Gedichte Koenig Laurin), welchen
+Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
+der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
+hervorragenden Berge des dortigen Suedlandes. Vala wird dorten die boese
+Stiefmutter genannt im Maerchen von Schneewittchen. Maurer, Islaend. Sag.
+107. 280. Die niederd. Hexe Valriderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
+ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
+diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel ueber den
+Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
+der Wuenschelburg wohnende Goetterjungfrau, dann eine steinschleudernde
+Riesin, eine leichensammelnde Walkuere, ein die Fruechte und Thiere
+zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
+Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem uebrigen
+Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
+darueber zur Goettin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nuernberg abgehaltenen
+grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anfuehrung "der Frau
+Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jaegerin stiess sie
+ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schuettelte ihr Haupthaar wild
+umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
+Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
+Jagdgoettin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethuem, aber nur heute
+nicht!" Vulpius, Curiositaeten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
+sie mit dem Geschaefte des Flachsbaues und Spinnens um; in Sueddeutschland
+erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
+letzterwaehnten Geschaefte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
+Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Maegde auf
+den Doerfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
+ein thueringischer Bericht, Curiositaeten, Bd. 2, 472; und eine schon
+aeltere Notiz in Praetorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
+darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
+sonst machen die Hexen Bratwuerste daraus, d.h. ungleichfaediges Garn. Die
+Thueringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
+das Garn."--
+
+Das schicksalwebende Wunschmaedchen webt das Eheband, darum wird am
+Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwaehnte Liebesorakel
+erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
+als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
+von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
+schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
+Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
+Wunschkinder herauszuschoepfen.
+
+In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
+117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
+Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezuegliche Schimpfname ist
+Hullsluder. Schoenwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
+das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wod und
+Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
+Frau Hulle. Was in den Zwoelften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
+und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
+heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Muellenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
+bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
+Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
+diesem Geschaefte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
+aelschenkenden Fruehlingsgoettin werde hier abgeschlossen.
+
+Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
+oder Aehrenbueschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
+lassen, bekraenzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
+dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
+Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wutfutter
+genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
+Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
+fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
+welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
+heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
+und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
+74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
+Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
+Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
+Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
+die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
+Heiloel: es ist dies die Naehrkraft des unter dem Einflusse des
+Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Maehne
+des Walkuerenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
+Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walkuere
+Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
+Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
+fuehrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
+Maedchen, es soll sich dabei schoen und stark trinken. Schmeller, Woertb.
+3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem haeuslichen
+Feste fehlen darf, Alus, das Baertige, denn es wird aus der
+grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hoerner, sagt er von der
+Staerke dieses Getraenkes, ja Gerste bedeutet ihm ueberhaupt so viel wie
+Getraenk. Schleicher, Litthau. Maerch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
+Wirkung des Muenchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
+der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walkuere Oelrun in ihrem
+Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
+geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Goettern den
+Staerketrank kredenzende, so verschlaegt diese doppelte Etymologie hier in
+der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
+Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier laengst in
+den Eigennamen und in die bezueglichen Symbole eingedrungen. Der
+Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
+(alfablot), heute das Engelbier: Engeloel (Mannhardt, Mythen 326). So
+braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
+Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schoeps, in Wollin Bockhaenger
+(Klemm, Nahrung, 335), in Muenchen Bock, dessen Ausschank daselbst mit
+dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er haelt dorten
+somit dieselben Termine ein, die kalendarisch fuer das Gedeihen der
+Kornsaat und kirchlich fuer das Fliessen des Walburgisoeles gegolten
+haben.
+
+Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
+abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
+
+ Auf den Wald und auf die Wiese,
+ Mit dem ersten Morgengrau,
+ Traeuft ein Quell vom Paradiese,
+ Leiser frischer Maienthau.
+
+ Wenn den Thau die Muschel trinket,
+ Wird in ihr ein Perlenstrauss;
+ Wenn er in den Eichstamm sinket,
+ Werden Honigbienen draus.
+
+ Mit dem Thau der Maienglocken
+ Waescht die Jungfrau ihr Gesicht,
+ Badet sie die goldnen Locken
+ Und sie glaenzt vor Himmelslicht.
+
+ Selbst ein Auge rothgeweinet
+ Labt sich mit den Tropfen gern,
+ Bis ihm freundlich nieder scheinet
+ Thaugetraenkt der Abendstern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+II.
+
+Verena mit dem Kamme,
+
+die Kindsmutter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Verena, eine Gauheilige.
+
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und
+Altaere in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.
+
+Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung fruehzeitig der
+Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch
+eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang
+mit der fruehesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die
+Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in
+die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwaerts weiter
+ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen
+roemischen Legion, welche dorten zum Christenthume uebergetreten, dann
+nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,
+schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer
+verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade
+entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
+unermuedlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
+Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die
+aeltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu
+Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;
+Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zuerich u.s.w. Die mit dieser
+Soldatengeschichte ganz aeusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,
+entkleidet ihrer maerchenhaften Zuthaten, ungefaehr Folgendes.
+
+Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,
+begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte
+hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen
+nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener
+Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode
+der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Graeber zu besuchen, ueber die
+Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren
+Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre
+verbreitend, wurde sie vom roemischen Statthalter in den Kerker geworfen,
+jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von
+lebensgefaehrlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthaetiger
+Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;
+begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
+dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre
+bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters
+Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des
+Ortes in einem Siechenhause sich selbst ueberlassnen Aussaetzigen; ihnen
+ueberbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und
+Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdaechtigt sie der Veruntreuung
+im Haushalte. Waehrend sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben
+will, tritt ihr argwoehnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur
+Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krueglein, das sie
+traegt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
+des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Fuer den
+Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und
+setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstaette ward
+erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben
+und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der
+Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das
+Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit
+naiver Zweifellosigkeit angesetzt.
+
+Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage ueber die
+geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,
+denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf
+und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeraeumt worden war, sich der
+dortigen Roemerchristen durch militaerische Massen-Niedermetzelungen zu
+entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende
+mit dem hebraeischen und dem antiken Sagenkreise begann der
+romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in
+roemisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen
+denjenigen Staedten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
+das politische und dann das kirchliche Roemerthum das herrschende gewesen
+war. Daher finden sich die Altaere, Reliquien und Historien der Thebaeer
+schon von Alters her vor in Bonn, Koeln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,
+Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine
+solche Legionenstadt der Roemer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der
+Klerus dieser Staedte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die
+deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebaeern entweder anhebend
+oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften
+Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darueber sind
+Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.
+Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken
+noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene urspruenglich nicht zu
+den Thebaeern gehoerte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen
+waere, denn was haette die phantastische Kuehnheit dieser gelehrten Moenche
+nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
+alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige
+nur allmaehlich kirchliche Anerkennung fand und in den uebrigen
+Kirchensprengeln unbekannt, ja foermlich ausgeschlossen blieb. Die
+ritterlichen Thebaeer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth
+des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende oertliche
+Missverhaeltnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des
+Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in
+Wallis) geschehene Enthauptung der Thebaeer gegruendet; allein er laesst am
+1. Sept., als dem kirchlichen Gedaechtnisstage, Verenas, nicht diese
+feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoraeste
+bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhaeltniss findet auch
+in der Dioecese Solothurn statt. Die beiden Thebaeer Ursus und Victor sind
+Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,
+Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch
+Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter
+Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar traegt die dortige am linken
+Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit
+einer gewoelbten, von einem Eremiten gehueteten Kapelle versehen, einst
+der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den
+Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches fuer
+die Zurzacher Stiftsherren urspruenglich das massgebende war, enthaelt
+Verenas Namen und Gedaechtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des
+Minoriten Paulus Schwenger Roemischem Martyrologium erhellt, verbessert
+von Pabst Benedictus XIV. Coeln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese
+Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus ueberhaupt erst spaet
+in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von
+Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit
+der dorten einheimischen Thebaeerlegende urspruenglich gleichfalls nicht
+verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehoert dem Konstanzer
+Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
+Das Konstanzer bischoeflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
+Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) laesst die Heilige
+nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich
+anfaenglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel
+versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den
+Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm
+jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag
+voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.
+
+Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken
+konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das
+Konstanzer Bisthum, das herkoemmlicher Annahme zu Folge nach gaenzlicher
+Zerstoerung Vindonissas, des urspruenglichen Bischofsitzes, um das Jahr
+600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung
+ueber einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den
+wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen fuer den
+Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthuemer.
+Vom Gotthard reichte es ueber den Neckar bei Marbach und zum Kloster
+Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Sued, zwanzig
+von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation
+zaehlte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Kloester, 17,000 Priester und Moenche;
+nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
+Diejenigen von letzteren, die fuer unsre lokale Frage belangreich, weil
+im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.
+Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es
+sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zuerichgau, Aargau diesseits der
+Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
+aufwaerts ueber die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit
+Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur
+gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der noerdliche Theil des Kant. St.
+Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;
+ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur
+gehoerend. Dazu zaehlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem
+kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft
+Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Wuertemberg, die
+beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algaeu, der untere Theil
+des oesterreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und
+Gotteshaeusern. Dasselbe zaehlte in seinem schweizerischen Territorium
+noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion
+Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nuescheler,
+Gotteshaeuser der Schweiz, fuehrt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in
+denen die Heilige entweder Patronin war oder Altaere besass. Im Bisthum
+Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:
+zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gaechlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu
+thurgauisch Ermatingen (52), zu Muelheim (55), Maerstaetten (57),
+Langrickenbach (77), Waertbuehl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),
+Wil (185), Matzingen (212), diese saemmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau
+im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127),
+Ellikon und Staefa im Kt. Zuerich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug
+1869, S. 69). Von den uebrigen im Aargau, in den Kantonen und den
+deutschen Nachbarlaendern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen,
+Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders
+gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen
+Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet
+von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des
+Rheines gewesen, und daher haetten zu ihren entfernt wohnenden
+Kirchgaengern selbst die Erdmaennchen von Dangstetten im Schwarzwalde
+gehoert.
+
+Uebergehend auf die Gruendung und fruehesten Schicksale der Zurzacher
+Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die aeltesten
+Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbruensten und Verwuestungen verloren
+gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht
+sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
+(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise fruehzeitig an das
+benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner
+Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen
+selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct.
+881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung
+bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben wuerde; und dieses
+geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist laengst
+nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht
+werden koennen. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals
+nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein
+grosse Zeitluecke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
+Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von
+Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das
+Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Pluenderung
+dergestalt, dass es von den Moenchen verlassen wurde; des vorgenannten
+Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder
+erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeaendert haben,
+und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat
+1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben
+sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der
+christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden
+Chorherrnstift, Muensterkirche und Klostergebaeude abermals in Asche
+gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so duerftig fliessenden
+und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der aeltesten
+Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurueckgeht, einige werthvolle
+Ergaenzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung
+unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzaehlungen
+fuehrt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
+Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Muensterkirche, damit aber
+auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre
+Untersuchung hernach ueberzugehen hat.
+
+An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altroemische Stadt
+gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein
+Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlaessigkeit
+das Ewige Licht ausgehen oder versaeumte an den vorgeschriebnen Tagen
+sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
+erfuellte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe
+wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfuellten
+die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Waechter darueber verwundert
+dem Orte zueilten, fuehlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen
+Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog
+Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
+kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
+Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des
+gleichen Weges strahlende Maenner, im feierlichen Schritte Lieder
+singend, nachrueckten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten
+Sarg begleiteten. Ploetzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die
+Luft, schwebte ueber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
+verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne
+dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschaedigung gezeigt
+haette. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner
+Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem
+weltlichen Besitze und uebergab sie der Ortskirche unter dem Namen
+Wihegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst
+taeglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.
+
+Diese kurze Erzaehlung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas
+Reliquien von ihrer urspruenglichen Ruhestaette in der Mauritiuskapelle am
+Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur
+Stiftskirche erhoben wurde, und gewaehrt eben damit volle Sicherheit ueber
+den aeltesten Ruheort der Heiligen, nemlich ueber die zehn Minuten vom
+Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser
+Schluss wird unterstuetzt von dem Passionale der Wuerzburger Cartusia, das
+bis ins 10. Jahrhundert zurueckreicht und 1583 gedruckt worden ist; in
+diesem heisst es: "In der Naehe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am
+Ufer des Rheines mit vielen Aussaetzigen und Armen." Die vorhin genannte
+_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte fuehrt, da
+hinaus traegt Verena den Aussaetzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie
+ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst
+hier eine noerdlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Haeusergruppe,
+lauter Ruinentruemmer der Vorburg und des Brueckenkopfes der roemischen
+Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller
+in den Zuerch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am
+Rheinufer stehen noch fuenfzehn Eichenpfaehle von der roemischen
+Jochbruecke, etliche davon sind beim guenstigen Wasserstand des Jahres
+1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Muehe, denn sie staken mit ihren
+eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmoertel. Innerhalb des
+roemischen Kastellgrabens liegt der Huegel Kirchlibuck mit seiner kleinen
+Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft,
+zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das oesterliche
+Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die
+Prozession der Stiftsherren und der religioesen Sodalitaeten; derjenige
+Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, traegt
+zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
+Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus
+erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum
+wieder in die Stiftskirche zurueck.
+
+Die urkundlichen Nachrichten ueber specielle, in Zurzach kirchlich
+verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knuepfen
+sich hier an den Namen der Koenigin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des
+Ungarnkoenigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin
+seit 1294 in ihren Brandtruemmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
+Koenigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien
+werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000
+Jungfrauen; die Fuerstin fuegt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst
+aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Koenigsfelden 1357: ein
+geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
+133. Bei dem hoechst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu
+Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensaerglein" in Nothfaellen aus der Kirche
+zu nehmen und in Privathaeuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof
+Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript
+verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger
+Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches
+nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 woertlich
+mitgetheilt steht; es ergiebt fuer unsere Zwecke: In der runden
+vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der
+grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen
+silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag
+(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und
+Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine
+Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut
+und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt
+wurde. Den Hergang schildert Heinr. Kuessenberg, seit 1521 Kaplan im
+benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
+entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche,
+Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeraeumt, in letzterer jedoch die
+Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte,
+unversehrt gelassen. Nach Eroeffnung der Verenagruft fand sich nichts
+anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stuecklein von Verenas Krug und
+Holztruemmer von Verenas Todtenbaum". Ihre uebrigen Reliquien lagen in der
+Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hoelzernen
+Saerglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
+Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken
+mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Waehrend man Sarg und Inhalt ins Feuer
+warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme
+gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
+ueberbracht. Von den vier Reliquienbehaeltern blieben unversehrt ein
+kleines vergoldetes Saerglein, ein grosses und der Roehrknochen eines
+Armes; diese drei Stuecke wurden nachmals den Chorherren wieder
+zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Roehrknochen wird
+seitdem fuer Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich
+nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
+fluechtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm
+Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte
+nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh.
+Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so
+gefloekt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen
+sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung ueber die erlittene
+Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeraethe mindestens 5,152 Gld.
+betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstaende
+schliesst mit der Betheuerung: "das hochwuerdig Helthum St. Vrenen mag
+mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c.
+93. Unverwuestet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist
+verguelt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen
+Guerteli; Silber von St. Verena koepfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der
+Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel
+besessen, welche in der vorhin erwaehnten Lateinurkunde von 1347
+doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum,
+also eben dasselbe Bruchstueck, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869
+eine kleine "koestlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl
+im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler
+Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin
+gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies koenne man bei so
+vielerlei Heilthuemern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
+Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht
+und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche uebertragen, wobei jener
+Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.
+
+Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die
+Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenoess. Buende 3, 279) zuerst
+Erwaehnung thut und also sich ausdrueckt: ecclesia Sancte Verene in
+Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose
+virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrueh
+eine Heilige genannt, waehrend sie 1290, als ihr der Zuercher Scholasticus
+Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur
+eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch
+andern wunderthaetigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
+kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
+geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes
+ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen
+Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring
+anvertraut. Diesen stiehlt ein Boesewicht, wirft, da der Priester darnach
+forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der
+Untreue. Da ueberbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
+der Ring wieder findet. Diese vielen Voelkern ohnedies gemeinsame Sage
+erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsaetzlich
+ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches
+wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er
+wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit
+leichtsinnig verschleuderte Glueck nur um so gehaeufter zum Glueckskinde
+zurueckkehren muesse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
+Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch
+die Tuecke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeintraechtigt; waffenlos
+steht das Aschenbroedel dem sie vernichtenden Geruechte ausgesetzt. Damit
+trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld
+wird eine Zeit lang dem aeussern Elende preisgegeben, um dadurch
+schliesslich in ein um so hoeheres Licht empor gerueckt zu werden;
+schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende staerker als die
+arglistigste Bosheit.
+
+Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die
+Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem
+Heiligenkreis der fremdlaendischen Thebaeer zugesellt worden. Ueber ihrem
+ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionaeren die
+Kapelle zur Aufburg, ueber ihrer spaeteren Gruft die der Maria geweihte
+Stiftskirche mit den Altaeren der Thebaeer. Ihre Reliquien sogar werden
+mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit
+deren Reihe aufbewahrt und aufgezaehlt. Deutlich verraeth sich dadurch die
+Bemuehung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu
+stempeln, indem man sie mit dem maennlichen und dem weiblichen Aufgebote
+hier der 6666 Thebaeer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
+verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zaeher als dieser
+legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stueckweise streift Verena den
+ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden
+Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es urspruenglich gewesen,
+eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsstroeme einsam
+fortwaltende Naturgoettin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden
+Abschnitten geltend.
+
+Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist
+enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v.
+F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem
+Berichte ueber die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder
+im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es
+Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) fuer vorliegende
+Arbeit diplomatisch getreu copieren.
+
+ Von sand verene (roth) [106b]
+
+ Verena diu edel meit,
+ als, uns daz puch von ir seit.
+ Die was ---- ----
+ und ez quam also,
+ Do der cheiser maximian [106c]
+ furt mauricium mit im dan
+ Her gen deutschen landen,
+ si begunde nach im belangen
+ So ser, daz si im fuor nach,
+ wanne vil gerne si in sach.
+ Verena was ein christenin,
+ und do si quam ze meilan in,
+ Die geuangen christen
+ die heimpt si an den vristen
+ Vnd bechlagt mit in ir not,
+ dar zue si in helfe pot
+ Mit trinchen und mit ezzen.
+ uerena, die vermezzen,
+ Si lie durch nieman daz
+ durch vorhte noch durch haz,
+ Swa die christen warn erslagen
+ und auch da si warn begraben,
+ Die staete suocht si alle tage
+ mit weinen vnd mit chlage.
+
+ Mit reinem leben was si sus
+ pei einem, der hiez, maximus.
+ Nu wart ir schir alda geseit,
+ daz mauricij schar preit
+ Durch got wer erslagen,
+ daz begunde die vrowe chlagen
+ Vnd wolde nicht leng'r da bestan,
+ si fuor ub'r die alben dan
+ Vnd ze einem wazzer si quam,
+ daz ist genant aram.
+ Alda vant si einen man,
+ der gevlohen was chomen dan
+ Der sagt ir die rechten maere,
+ wie ez mauricio ergangen waer.
+ Davon wolt si nicht furbaz,
+ in einer chlause si da saz
+ Mit chlage und mit leide.
+ da warn inne reine meide,
+ Der leben was also gestalt,
+ si waer iunc oder alt,
+ Daz si anders lebte nicht
+ wan chraut, arbaiz und anders nicht,
+ Des lebte si daz gantz iar; [106d]
+ daz quam auch von ier werch dar
+ Vnd des tages ein lutzel brot,
+ daz man igleicher pot.
+ Nu was dapei ein getwerch,
+ daz verchauft den meiden ir werch
+ Vnd chauft in da mit ettewaz,
+ daz die samenunge gaz
+ Anders lebten die vrowen nicht,
+ gab man in aber immer icht,
+ Des enpizzen si nimmer
+ und gabens durch got immer.
+ Sus was gestalt ir reines leben.
+ got hat verene den geist gegeben,
+ Daz man vber al daz lant
+ ir leben vil rein erchant,
+ Daz man sei het fur heilic gar,
+ daz auch si was furwar.
+ Wan got durch sei tet wunder
+ mit zeihen besunder.
+ Auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+ Solcher dinge tet si vil
+ mit got auff daz zil,
+ Daz man sei d'r meide muet'r nant
+ weiten uber al daz lant.
+ Nu was in der gegent da
+ ein richter sam anderswa,
+ Der het got gar verchorn.
+ dem was der meide leben zorn,
+ Vnd daz man ier so wol sprach;
+ mit zorn er daz an ier rach,
+
+ Wan er die vrowen vie,
+ dehein gut er ier nie geschehen lie.
+ Doch quam zaller zeit zu ir
+ ein liechter iungelinch fir[3],
+ Der pot ier guten trost,
+ si wurde schir da von erlost.
+ Doch vragt si in, wer er wer?
+ do sprach er offenwaer,
+ Er waer ir mag mauricius,
+ und mit der rede alsus
+ Quamen zu mauricio hin in [107a]
+ alle die gesellen sin
+ Und gruezten die vrowen schone,
+ damit schieden si davon.
+ Nu wart derselbe richter
+ vberladen mit sichtum swer,
+ Der gedacht rechte wider,
+ er lief hin und viel nider
+ Chlagunde fuer die reinen meit
+ und seinen sichtvm er ir chleit.
+ Doch pat si got umb in,
+ der richter gie gesunt hin
+ Vnd mit grozzer gedult
+ bat im vergeben sein schulde.
+ Daz was ysa getan,
+ die magt wart do leidich lan
+ Vnd gie zu iern swestern wider,
+ da si got diente sider.
+ Nu quamen die swest'r auch in not,
+ daz si ninder heten prot
+ Vnd grozzen hunger liten
+ doch mit dultichleichen siten.
+ Ier werches acht man nicht ein har,
+ wan ez was ein hunger iar.
+ Do verena die not ersach,
+ zu got von himel si do sprach:
+ Wan du deiner geschefte gist
+ ier leibnar zu rechter frist,
+ Jesu christ, du waist wol,
+ wez dein gesinde leben schol.
+ Do si daz vollen gesprach,
+ vor der chlause man ligen sach
+ Viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ Wan daz prot wuchs in ier munde,
+ daz si lange vn manic stunde
+ Heten da von ier leipnar,
+ des lobt got die rein schar.
+ Nu was verena, die genende,
+ chumen an ier lebens ende,
+ Vnd do si nu siech wart,
+ ier andacht sich nie verchart.
+ Da si vercheren scholt daz leben [107b]
+ und den geist widergeben,
+ Do quam unser vrowe dar
+ mit der hymelischen schar;
+ Vnd do verena sei ersach,
+ zu gotes mueter si do sprach:
+ Waz gernde han ich,
+ daz gotes mueter siechet mich?
+ Do sprach unser vrowe zu ier:
+ verena, volge mir,
+ Da hin, da du immer mer
+ vreude hast ane ser.
+ Mit der rede si verschied,
+ got ir sele da beriet
+ Der ewigen gnaden.
+ die vrowe wart begraben
+ In der chlause alda,
+ die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3],
+ Da got wol scheinen lie,
+ daz er sei minte hie.
+ Wand nieman wirt entwert,
+ der rechter dinge an sei gert.
+ Nu derhoret got dehein pet so gern,
+ so daz wir seiner hulden gern,
+ Dem gibt er, der die suohet,
+ vil gern, swer ir geruhet
+ Mit hertzen und mit andacht.
+ daz wir ze hulden in werden pracht,
+ Des helf uns maria
+ und ir dirne uerena. amen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] fier, stark und stolz.
+
+[4] zerzyaca: Zurzach.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Verena, die Muellerpatronin.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen
+Kleinkindersteine; die Muellerpatronin als Ehegoettin, der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Alljaehrlich am Verenatage lassen die Mueller im aargauer Surbthale die
+Muehlsteine schaerfen und die Muehlbaeche putzen. Denn Verena, deren
+Wahrzeichen: Kamm und Krueglein, an allen Muehlen und Banngemarkungen des
+Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstaette an den
+Stroemen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als
+die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Mueller,
+Schiffer und Fischer. Hiefuer sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
+aeltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6,
+457. Unter den Guetern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher
+Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle
+Muehle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete,
+suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmaelern und aenderte den Lauf
+des Muehlebaches, indem er ihn auf seine Landstuecke zog. Allein ohne
+fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte,
+schwoll der Bach ploetzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg
+und trat dann wieder in sein urspruengliches Bette zurueck. Nun kam Jener
+eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er
+ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso baendigt sie den Glaeubigen
+zu lieb die verheerenden Stroeme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser
+stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Hoehe,
+dass er alle Kornfluren ueberschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet
+und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne
+den Fluthen zu nahen, die ueber die ganze Feldbreite hinstuerzten. Doch in
+dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein
+altes Bette zurueck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
+wieder schoen aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits
+entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits
+des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug,
+hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und fuehrte sie mit der
+andern wie durch ein Gewoelbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
+Waehrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das
+nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war
+sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier
+gebietenden heidnischen Praefekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch
+den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
+ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu
+sehen ist und die Krallen des Boesen eingedrueckt traegt. Eine friedlichere
+Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Muehlstein, der an der Solothurner
+Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau,
+und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Naehe
+die Aare in den Rhein muendet. In der Gegend wuetheten eben Seuchen, von
+den Ausduenstungen eines Leichenackers herruehrend, den der Strom
+unterwuehlt hatte; aber die Krankheit hoerte auf, indem Verena Heilquellen
+aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft
+und beeilte sich, eine so wohlthaetige Frau zu sich heim zu fuehren.[5]
+Auch ihren Muehlstein wollte man nicht zuruecklassen. Man lud ihn auf
+einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
+blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein
+weiter zu schaffen; doch zurueck nach Koblenz zogen ihn die Rosse
+muehelos, wo er nun neben der Thuere der Kapelle in der Einsenkung der
+Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmueckt mit dem
+Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm uebernatuerliche Kraft bei. Auch
+ist das Gewoelbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als
+1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einaescherte; es haengt voll
+waechserner Fuesse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer
+Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
+erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst ueber
+dem Steine zu lesen stand:
+
+ Auf diesem Stein hier aus der Aaren
+ Die heilig Verena ist gefahren
+ Ohne Ruder, Schiff und Schalten,
+ Wie solches geglaubt die frommen Alten.
+
+Die Koblenzer sind seitdem bewaehrte Fischer und Fergen, die auf den Rath
+der Heiligen die Stuedlerzunft gruendeten; erst vor einigen Jahren ist sie
+bei Aufhebung saemmtlicher Zuenfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft
+der Laufenknechte stand ein von allen Landvoegten verbrieftes Faehrrecht
+mit der Obliegenheit zu, saemmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
+befahrende Schiffe und Gueter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen)
+zu fuehren. Am Gewoelbe der Zurzacher Stiftskirche haengt daher ein
+kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm
+Gramm. 3, 437 angefuehrte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst
+ahd. verscif heisst, nhd. Faehre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus
+Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.
+
+Allein Verena, die Muellerpatronin, uebt zugleich auch das Geschaeft der
+Liebesgoettin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses
+Doppelgeschaeftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des
+heidnischen Cultus zu entbloessen, der im Verenacultus nachklingt. Die
+Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
+Beziehungen uebertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung,
+auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besaeen,
+besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm
+Entsprossene spurius, der Ausgesaeete (Bachofen, Graebersymbolik 204). So
+hat auch Mahlen und Muehle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
+Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam
+und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Goettinnen
+zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenaeus XIV, 647 A. Den Sinn des
+griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem,
+drueckt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks
+Volksliedern no. 285 erwiedert die Muellerin ihrem um Einlass anpochenden
+Gemahl:
+
+ Ich steh fuerwahr nicht aufe,
+ Ich lass dich nicht herein;
+ Ich hab die Nacht gemalen
+ Mit sechs jungen Knaben.
+ Davon bin ich so mued.
+
+Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein
+drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Muehle in unsern aeltesten Sagen der
+Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem
+gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen Koenig ausserehelich mit der
+Pyla erzeugt, des Muellers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der
+Grosse erzeugt und geboren auf der Reismuehle am bair. Wuermsee. Aretin,
+Bair. Sag. 1803. Schoeppner, Sagenb. no. 22. Koenig Heinrich III. erbaute
+Kloster Hirschau in der Naehe jener Muehle, darin er war geboren worden;
+sie steht noch und gilt fuer eines der aeltesten Gebaeude in Hirschau. Vgl.
+Schoenhuth, Burgen Wuertembergs 1, 88. Meier, Schwaeb. Sag. S. 336. Ebenso
+steht heute noch im wuertemberger Schussenthale die Grieslemuehle, in der
+die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
+erzogen worden. Birlinger, Schwaeb. Sag. no. 340. Aventins Chronik
+berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser
+verkauft und die Kaufsumme daheim mit der huebschen Muellerin auf der
+Gretelmuehle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen
+Frau Muellerin erzaehlt alles Volkslied bis auf Goethes "Der Muellerin
+Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimuehle
+fuer eine der staedtischen Muehlen. Im Muehlgraben liegt jener grosse Stein,
+hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31.
+Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken
+musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem
+Muehlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem
+fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol.
+Darum fuehren selbst die alles verleihenden Lichtgoetter Apollo und Zeus
+den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Goettinnen wird ehliche Treue
+beschworen, der Ceres legifera opfert die braeutliche Dido, der roemische
+Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die
+wendische Braut zu sitzen, waehrend sie von ihren Freundinnen zur
+Hochzeit geschmueckt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem
+Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Muehle zu
+verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:
+
+ Dort niden in jenem Holze
+ Leit sich ein Muelen stolz,
+ Sie malet uns alle Morgen
+ Das Silber, das rothe Gold.
+ Dort hoch auf jenem Berge
+ Da geht ein Muelenrad,
+ Das malet nichts denn Liebe
+ Die Nacht bis an den Tag.
+
+Damit hoert denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf,
+dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Muehlsteine machen, wie
+Verena auf der Aare und der Wuestenheilige Antonius auf der Wolga. Auch
+die Stadtpatronin Zuerichs, zugleich die angebliche Gefaehrtin der
+Thebaeer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben,
+denn ihr Muehlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es
+urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St.
+Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge
+und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus,
+wird mit einem Muehlstein am Halse in die Guenz gestuerzt und schwimmt
+damit in diesem reissenden Gewaesser. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die
+hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem
+Wasser einher, als waere es festes Feld. Sie wird alljaehrlich am 1. Okt.
+in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
+Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Muehlstein der hl. Brigida ist
+neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte
+aufgestellt und wird bei Krankheitsfaellen als wunderthaetiger Heilstein
+beruehrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Fluesse und Seen
+sind die Adern, durch welche die aelteste Kultur in die Laender floss, und
+die Muehle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
+denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee
+sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Mueller
+und Becken schlagen sich mit Saecken; der Aargauer: sie putzed (die
+Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub fluegt
+(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schuettid: schuetten die Frucht
+auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmuehle schiesst. Nach Kaerntner
+Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in
+den Kasten schuettet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der
+Himmelsmuehle (Uhland, no. 344) knuepft Matthaeus die Kornsaecke auf, Lukas
+laesst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen,
+dass die Muehle im alten Rechte als Freistaette gilt und ein in diesem
+befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der
+Schwabenspiegel bestimmt: diu muele hat ouch bezzer reht danne ander
+hiuser. swer in der muele stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem
+sol man hut unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in
+henken. Und eben daher stand auch dem Muehlstein eine besondere
+Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet
+sich nemlich in einem alten Liede folgende Pruefung erwaehnt ueber
+Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere
+steht am Ufer des Rheins, ein Muehlstein wird gerollt; faellt er rechts,
+so traegt sie einen Knaben, links, ein Maedchen; geht er aber zu Grund, so
+ists ein Metzenkind.--Der jungfraeulichen Verena Muehlstein aber ist ein
+_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht:
+die auf dem Felde, in der Muehle und im Mutterschosse. Bereits sind in
+der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen oertlichen Felsen
+und erratischen Bloecke des Aargaus aufgezaehlt, welche den Namen
+Kleinkindersteine und eine dem gemaesse Ortstradition an sich tragen.
+Hier kommen nur die auf Verena bezueglichen in Betracht. Jener vorhin
+erwaehnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei traegt ein ueber
+Faustgroesse ausgerundetes Loch, das man fuer die Spuren der Hacke der
+Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern fuer die Stadt
+heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in
+dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenfoermig
+gewoelbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe
+Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus
+kirchlich gereicht hatte. Eine Felshoehle beim Bergschlosse Teck auf der
+wuertemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage ueber
+zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des
+Neckarstroms 1740, 46.
+
+Ein fernerer auf die Korn- und Muehlengoettin hindeutender Zug ist
+enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu
+Solothurn gegruendet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern
+konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern
+Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Saeckchen Mehl von
+unbekannter Hand vor die Thuere gestellt wurden und die aus diesem Mehl
+gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten
+Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darueber:
+
+ Dum panis victus solitus
+ exhaustus fuit plenius,
+ farris pastus positus
+ est ad fores celitus.
+
+Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
+wundersuechtig die bestimmte Zahl dieser Saecke an quadraginta sacci, und
+Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein
+Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae.
+Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht
+(107a) nacherzaehlt zu sein:
+
+ vor der clause man ligen sach
+ viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ wan daz prot wuchs in ier munde.
+
+Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch
+Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn
+da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikoenig, zur Zeit der Zwoelften,
+sein Mehl von der Boitzenburger Muehle heimfaehrt, so begegnet ihm Fru
+Freen und verlangt, dass er die Saecke oeffne und ihren Hunden ausschuette.
+Thut er dies folgsam, so findet er die Saecke wohlgefuellt des andern
+Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name
+zusammengefallen in den der Heidengoettin Frea (wie Paulus Diaconus
+Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwoelften sich an die Spitze
+der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein
+Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwoelf Jagdhunden das Land
+durchstuermt. Der Name Frene wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415
+ausdruecklich als um Halberstadt bestehend bestaetigt, und der vierte
+Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
+Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen
+Gauheiligen erlaeutern.
+
+Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden,
+Brod und Wein ueberbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz
+sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen oertlichen Schwaenken
+bedient. Er erzaehlt, wie einst das kleine Staedtchen Klingnau an der Aare
+von einer Feuersbrunst so ganz zerstoert worden, dass auch saemmtliche
+Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen
+musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man
+laeuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom
+herab gefahren kam. Kling au! rief man aergerlich zur stummen Glocke
+empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
+Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
+taegliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der
+Spottreim:
+
+ Wenig Brod und sure Wi:
+ ach Gott, wer moecht' au z'Klinglau si!
+
+Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines
+Priesters in Zurzach habe sich Verena die taegliche Nahrung abgebrochen,
+um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darueber der
+Entwendung verdaechtigt, tritt ihr der argwoehnische Priester ploetzlich in
+den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krueglein ist nun in
+Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides
+als zur Reinigung der Aussaetzigen dienend. Daher kommt es, dass die
+Bildsaeulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf
+in der Hand haben. Das Krueglein der Heiligen ist, wie die aelteste
+Aufzeichnung berichtet, urspruenglich steinern gewesen und hatte die Form
+einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die
+des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemaesse vor Alters
+steinern war. Das Zuercher Frauenmuensterstift berief sich 10. Christm.
+1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
+Klostergruender Koenig Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen
+lassen. Geschichtsfreund 8, 19.
+
+Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls
+unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es
+ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus
+Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964
+berichten. Auch sie zaehmte wilde Stroeme, lehrte Acker- und Weinbau,
+pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
+mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena,
+mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedaechtnisse
+fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern
+Innthal und hatte die Schweine zu fuettern. Fuer jeden Armen sparte sie
+sich eine Schuerze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
+geiziger Spaeher sie darueber anhielt, verwandelte sich die Gabe in
+Hobelscheiten und in Sautraenke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im
+Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen
+Hausstand zurueck; wollte man sie jedoch ueber die Feierabendzeit im Felde
+fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die
+Sichel in die Hoehe, liess sie aus und diese blieb in der Luft haengen.
+Sie ist die Patronin der Dienstmaegde geworden, wie sie selbst in ihrem
+Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen
+spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten.
+Als sie an den brueckenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurueck und liess
+Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinueberschreiten. Jenseits auf
+dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
+errichtete eine Kapelle ueber dem Grabe, die seit 1434 zur
+Wallfahrtskirche vergroessert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im
+Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2,
+no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, ueberschwamm sie auf einem
+schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Hoehle, die
+beim wuertemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg
+her ueberbrachte ihr der Hirsch taeglich das Brod, ans Geweih gespiesst,
+und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch
+zeigen die Kraichgauer uebers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier
+einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet
+Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als
+Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und
+Butter von ihrer taeglichen Kost sich abgespart und den Aussaetzigen des
+naechsten Siechenhauses zugetragen; als der argwoehnische Schlossherr sie
+auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und
+Milch in ihrer Schuerze in einen Strehl und in warme Lauge.
+
+Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
+landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
+Verenatag knuepften.
+
+Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-,
+Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76)
+verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten
+(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht
+noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V
+Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und
+Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe
+Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fuenf "geschlossnen
+Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht
+Tage nach dem auf Verena naechstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit
+hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jaehrliche
+Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt.
+Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt
+Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86
+die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljaehrlich auf Verena
+und Martini an.
+
+Von den Bauernregeln ueber die Witterung am 1. September sind unter
+unserer Landbevoelkerung folgende ueblich.
+
+Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrueegli usleert, draejet, loeset, umg'heiet,
+bruennelet--und z'Abig s'Chitteli wider troechnet, denn isch guet; denn
+solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
+Keimung des Samens besonders guenstig. Wenn es an Verena schoen Wetter
+war, so erzaehlen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen
+unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber
+regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Saeen hinaus.
+Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn
+aber nit, so chan er's froelich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner
+Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
+sein Brodsaecklein, das Zimmis-choerbli, worin der Abendimbiss ist, mit
+ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz
+1862, 259.--
+
+Verenatag guennt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es,
+ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein
+strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.
+
+A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rot; der Krautskopf berathet sich, ob
+er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er
+daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain traegt s'
+Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs
+Feld gebracht, s' Vreneli zuendt a, und s' Mareili loescht ab: die
+Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnaechte begannen mit 1.
+Sept.; mit Mariae Verkuendigung, 25. Maerz, giengen sie wieder zu Ende.
+Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewoehnlich erst mit 2. Nov. und
+schliessen mit dem Josephstag, 19. Maerz.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5]
+
+ A Solodoro igitur
+ discedens proficiscitur,
+ ubi Rhenus labitur,
+ Zurziacham graditur.
+
+Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus
+Ratdolt.
+
+[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit,
+sagt die Originallegende; erst spaeter wird der Name Hirtacus dazu
+gefuegt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Verena, die Geburtshelferin.
+
+
+Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre oertlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln
+am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der Gewitterriesin: das
+Vrenelisgaertli am Glaernisch u.s.w.
+
+Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und
+stellen hiefuer diejenigen Erzaehlungen voran, welche der aeltesten
+zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der
+Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehoeren. Diese von G. Waitz
+nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch fuer diejenigen
+Thatsachen, ueber welche der Verfasser jener Bruchstuecke entweder als
+Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener
+Periode anknuepft.
+
+Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange
+kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins
+Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in
+der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen
+Thronfolger.
+
+Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga
+geehlichet, des vorhin erwaehnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und
+obwohl schon mehrere Toechter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald
+aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem
+solchen beglueckt. Dieser war, wie Casp. Lang beifuegt (Histor. theol.
+Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht
+zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.
+
+Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter
+Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung
+nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden
+Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und uebernachteten daselbst im
+Stifte. Hier traeumte Reginlinda von der Empfaengniss, die sie sich
+wuenschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
+Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.
+
+Eine adelige Frau im Elsass hatte frueherhin in kinderloser Ehe gelebt,
+hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Toechter bekommen.
+Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssoehne, denn
+diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Maedchen und Knaben
+begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf oefters von den Zurzacher
+Stiftsherren eingeladen worden, er moechte sich zu ihnen begeben, die
+Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines
+Reichthums opfern, dafuer werde er seinen Wunsch nach Soehnen erfuellt
+sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns
+diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
+Unvermoegenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib
+vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.
+
+Ein Hoeriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib
+geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel,
+entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie
+liessen sich auch in allerlei Schmaehungen ueber derlei Pflichtigkeiten
+aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend
+fort. Dafuer starben er und sein Weib eines jaehen Todes, und seine
+Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgaengig an
+Gliederlaehmung.
+
+So viel erzaehlen die aeltesten Aufzeichnungen der Legende ueber den durch
+Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwaehnt aber ist, dass
+derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden
+Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen
+hinab und schoepft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
+wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und
+Augenuebel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein;
+auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt
+das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu
+handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach,
+gestorben zu Heidelberg, verdankt.
+
+Eine Zurzacher Frau war Woechnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in
+das Staedtchen Klingnau hinueber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren
+es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht
+stundenweit ueber den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen
+Felsentreppen ersteigt man die letzte Hoehe zum Rothen Kreuz, einer
+einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefuerchteter Spukort. Wer
+seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versaeumt hat, muss nach dem
+Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Maenner her, die man ein
+knarrendes Waegelchen ueber die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig
+laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden
+lassen, dann aber zu einer Groesse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand
+mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
+wohlbekannte Hoehe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebuesch
+ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach
+Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Muendung in den Rhein
+gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz
+oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese
+Erzaehlung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshuelfe
+zunaechst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden
+Aarthale zu Klingnau haette suchen sollen. Denn dafuer eben fliesst in der
+Zurzacher Stiftskirche jener heilkraeftige Brunnen. Die hier
+hinabsteigenden Wallfahrer duerfen sich einen Krug voll unentgeltlich
+schoepfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
+Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenuebel an; letzteres ein Brauch
+aus der fruehesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von
+Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St.
+Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor.
+Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
+Gertrudislegende erzaehlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib
+wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche gefuehrt
+und kommt hier zufaellig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche
+trieft und des Weibes Mantel beschuettet. Die Umstehenden nehmen daraus
+Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch
+auf der Stelle sehend.
+
+Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt
+die Heilige in den Baedern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das
+von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte
+unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel;
+nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar ueber der
+Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen
+Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.
+
+Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine
+Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsaeule
+errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge
+Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des
+Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den
+Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Roehre hinab,
+durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwaermen und sind
+der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfuellung
+ihrer muetterlichen Wuensche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus
+der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten
+"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und
+Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem
+Ergoew gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
+abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein
+unfruchtbare Fraw darinnen bade, vn ein fuoss in dz loch stosse, da dz
+wasser herfuer quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie
+fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter
+gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom
+Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht
+sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen
+Kinder." Diese muetterliche Goettin Holda gleicht also vollkommen der von
+den Albanesen verehrten Geburtsgoettin Ora, einem Wuenschelweibe, vermoege
+deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es
+gewuenscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Maerch. 1, S. 37. Holda
+huetet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, uebergiebt
+sie als Froeschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch fuer die
+gebaerenden Muetter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen koennen, und
+nimmt die unmuendig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die
+kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, ueberall lokalisirte
+Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
+herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenaehrt werden. Schon
+altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der
+geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der
+Dominikanermoench Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:
+
+ du bist der gezeichent brunne,
+ darin schein diu lebendiu sunne.
+
+Und Nachklaenge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:
+
+ Storch--Storch--Steine,
+ Mit dem langen Beine,
+ Mit dem kurzen Knie:
+ Jungfrau Marie
+ Hat ein Kind gefunden
+ In dem goldnen Brunnen.
+ Wer solls (aus der Taufe) heben?
+ Der Gothe und die Goethen.
+
+Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert
+ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den
+Faengen und zudem auf jedem Fluegel je ein Wickelkind traegt. Dieses Wasser
+macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmuettern. Schaefer,
+Staedtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits
+verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachtraeglich noch
+folgende aargauische anfuehren. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre
+1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljaehrlich am
+Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen
+Brunnenstuben den Saeuglingsvorrath holte, so steht dieser
+Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den
+abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen laesst, zieht ihm die
+gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Staeben
+entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:
+
+ Der Bach chunnt, der Bach chunnt:
+ Sind mini Buebe-n-alli gsund?
+ Jo jo jo!
+
+ Der Bach ist cho, der Bach ist cho:
+ Sind mini Buebe-n-alli do?
+ Jo jo jo!
+
+In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der
+dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden
+Bruennli (ueber Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in
+Oberfrick aus dem altverschuetteten Spagenbrunn, im Dorfe Kuettigen aus
+dem Stampfelgraben des dortigen Muehlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
+Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der uebrigen
+Schweiz gehoeren folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der
+toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der
+Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach
+in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch
+bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Gluecksgoettin Frau
+Saelde traegt. Luetolf, Fuenfort. Sag, S, 550.
+
+Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern
+entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstaende erlaubten, in
+Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus
+vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen
+lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber
+fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der
+Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen traegt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227.
+Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen
+sein musste, erklaert uns die Kirche ausdruecklich. Abt Tritheim
+beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen ueber
+die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515,
+20. Sept.) und entwickelt dabei ueber die Wassernixen folgende Theorie.
+"Die in Seen und Fluessen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestuem
+truegerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so
+erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt
+gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon
+das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches
+Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese
+lassen sich an Fluessen und Quellen blicken, kaemmen ihr langes
+Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die
+Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemuethszustand unwandelbar ist,
+nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die maennliche,
+und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in
+Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber
+Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle
+tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit
+dem lieben Gott ins Gesicht; und daher ruehrt es, dass in unsren an
+Quellen, Stroemen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die
+geschichtlich aeltesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind.
+Die zuercherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspuelt und
+in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbruennlein. Wasserkirchen sind
+ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau.
+Auf der Rheininsel zu Saeckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf
+derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind
+altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der roemischen, theils
+aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zuerchersees groesste Insel,
+deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war fuer einen grossen
+Theil der Weiler und Hoefe am untern See, war schon zur Zeit der irischen
+Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
+gegenueberliegenden Ufer zu Staefa war der hl. Verena geweiht. Schweiz.
+Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zuerich bestand bis zur Reformation
+das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu
+_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem beruehmten Buchdrucker
+Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.
+
+Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvoegtin
+der Ehebuendnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich
+geopferten Gegenstaenden, vornemlich den Brautkroenlein. Die katholischen
+Landmaedchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern
+kirchlichen oder weltlichen Festanlaessen den kroenleinartigen Kopfschmuck
+der Tschaeppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und
+Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft ueber den
+Scheitel hin woelbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
+Sammtkaeppchen, oben napffoermig abgerundet und mit Korallen gestickt; es
+ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens ueber das Haar
+gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das
+Kirchspiel genannt, ein Maedchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach
+Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschaeppelein zum Opfer
+aufzuhaengen; es ist ein Dank dafuer, unter die Haube gekommen zu sein.
+Erscheinen dann im Herbste die Zuege der uebrigen Wallfahrerinnen, so
+nehmen sie ein solches Brautkraenzchen vom Gitter und setzen es waehrend
+ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Kaeppchen haeuft sich
+hier an, dass man die veralteten darunter alljaehrlich am Charsamstag
+abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezuendet wird,
+mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in
+dessen Kapelle jener Muehlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
+Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach
+alter Gepflogenheit alljaehrlich im Fruehling der Gemeindebann von Jung
+und Alt umschritten, so duerfen bei diesem Maennergeschaefte die Maedchen
+allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen fuer
+die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
+Feldblumen und flechten in die Wette Kraenze daraus ins Haar, die
+gleichfalls Schaeppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und
+ueberhaengen damit die Horizontalstaebe des Eisengitters, hinter welchem
+Verenas Muehlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss
+hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der
+Sigrist, setzt den schoensten der geopferten Kraenze der Heiligen aufs
+Haupt und schmueckt mit den uebrigen den Grundstein.
+
+Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man ueberhaupt Kunde hat,
+ist es gerade ihr Guertel, der sie als eine die Ehen und Geburten
+beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem
+ehemaligen schwaebischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten
+Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem
+entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der
+Groesse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis
+ueber den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Guertel, schreibt Richter
+(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird
+nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des
+roemischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist
+so durch Verenas vielvermoegenden Beistand zur Welt geboren worden.
+
+Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen
+Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.
+
+Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Staedtchen Klingnau an der
+Aare fuehrt ueber den Achenberg. Auf der Hochebene dieses betraechtlichen
+Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter
+Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von
+Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
+Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die guenstige Jahreszeit,
+des Berges wilde Schoenheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau
+und Klettgau hinueber, die Wunderthaetigkeit des Ortes und der den
+andaechtigen Besuchern gewaehrte paepstliche Ablass fuehrt alsdann
+zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier
+zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer.
+Doch kein Wallfahrer verlaesst den Berg, ohne nicht ueber eine in Felsen
+gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo
+die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthaetigen
+Verenabruennlein und laesst auch fuer seine Kranken daheim ein Krueglein
+voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.
+
+Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September
+als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig
+bemittelter Mann aus dem Staedtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der
+Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie
+auf jener beruehmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
+das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten
+daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern
+Betrachtungen erreichte er das Verenabruennlein, traf hier einen ihn
+freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit.
+Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere,
+sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung
+gesteckt und sie gefuellt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei,
+dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der
+Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand
+wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Haenden fassen
+konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau
+nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem
+Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf,
+und ach! da hieng gerade ueber seinem Kopfe gewaltig sausend ein
+umrollender Muehlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurueck nach
+Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut,
+musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem
+Zehrfieber gestorben sein.
+
+Was soll hier dieser Muehlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die
+Muellerpatronin Verena und will in ihrer Mildthaetigkeit nicht gesehen
+sein. Es ist dies zwar ein oefters sich wiederholender Sagenzug, siehe
+Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet
+er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
+Buettisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena
+die erwaehlte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der
+Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle
+entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die
+gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und
+die Ortssage fuegt bei, wer ehemals in der Abenddaemmerung mit
+abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus
+einer weiblichen ein Goldstueck. Als nun Knaben von Buettisholz einst in
+der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstuecke
+schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schoene Jungfrau, die nach
+einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
+dass auch die Quelle versiegt war.
+
+Faesi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben,
+berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei
+schon in aeltester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die
+ueber diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die
+auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
+Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenueber
+entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte
+Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen
+angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer
+Sag. no. 1 mit dem Beifuegen gedenken, dass die aus dem Elsass ueber den
+Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen,
+sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen traegt, wie schon bemerkt
+worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.
+
+Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwaehnen in der Naehe der Stadt Zug,
+gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghoehe an der alten Strasse,
+die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln fuehrt; auch hier ist ein
+herkoemmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform
+gebauten Kirchleins war frueherhin eine Inschrift angebracht und meldete,
+der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Mueller
+in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine
+Renovirung noethig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der
+Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen
+Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste ueber der
+Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen
+diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15.
+Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
+hinausgetragen "unter dem Knallen der Moerser und Doppelhaken".
+Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwaenden verkuendigen des Ortes
+Wunderthaetigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das
+St. Verenabruenneli, der Brunnenstock geschmueckt mit der Figur der
+Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten
+Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die
+Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehoert, wie der Zugerkalender vom J.
+1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdruecklich berichtet:
+"Bist du krank und die Guetterli (Arzneiglaeschen) des Doktors wollen
+nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam
+zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljaehrlich
+Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hoeren. Auch
+wird dir den Sommer hindurch so ein kuehler Spaziergang in der Fruehe
+ueberaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Staerkung fuer
+deine schwache Leber im nahen Roethelberg, sofern dir Verena nicht eins
+aus ihrem Krueglein einzuschenken geruht."
+
+Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach
+errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren
+gesetzt und haben uebereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige
+traegt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrueglein,
+in der andern haelt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
+dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt
+des Kruegleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der
+Fluegelthuere dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt,
+hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
+Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der fuer das nichtlesende
+Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren
+oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1.
+September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten
+den langgezahnten zweireihigen Haarkamm haelt und zu Fuessen ein
+geschnaebeltes Giesskaennlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
+Verenas hat die aeltere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche
+Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete,
+dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher
+hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr
+geheilten Aussatz hervor:
+
+ auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+
+In diesem Sinne erzaehlt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen
+Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete
+ihnen die Betten, kehrte den Boden, saeuberte die Kleider, wusch alte
+Erbschaeden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Haeupter." Auf
+solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbaeder", wie dasjenige in
+der Stadt Baden, gegruendet, jeder Gast hatte sein Krueglein mit Lauge und
+seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die
+durch Papst Urban seit 1625 neu bestaetiget worden, ist nach dem dritten
+Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
+Almosen und bestimmte jaehrliche Spendmaehler zu verabreichen.
+
+Das Steinkrueglein Verenas wird in der aeltesten Legendenaufzeichnung
+gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden
+dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals
+eine Roemerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man
+hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem
+verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darueber erblindete,
+erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug
+vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den
+Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls."
+Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus
+und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewaehrte dasselbe
+einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden
+war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der
+Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich
+auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefaess zu setzen, sie
+wuerden sonst zu viel Toechter gebaeren. Ein Stueck von diesem
+Verenakrueglein hat nachmals der Fuerstabt von St. Blasien erworben und
+dafuer den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift
+abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen
+allgemeiner Abloesung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden:
+Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Kuessennacht,
+Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht
+Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses
+Werk; obenauf liegt in Lebensgroesse gehauen ihr Bild in
+Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfraeulichkeit in
+fliegenden Haaren, es haelt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der
+rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
+Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Waeschermagd aus Menschenliebe sich
+unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt,
+sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das
+mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Roessli ist ihr
+Aufenthalt. Aus dem Vorhoeflein desselben schreitet um Mitternacht vor
+hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
+sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spuelt sie ihr
+Weisszeug aufs sorgfaeltigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen
+Vorhof zurueck. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem
+Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird,
+erklaert sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier
+Gotteshoefe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen,
+welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofuer diese
+verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80
+Juchart haltenden Guetern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu
+gehoerenden Antoniuskapelle zu bestreiten und fuer den Messpriester den
+Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie
+sonst im ganzen Lande gesetzlich abgeloest worden ist, haben diese Hoefe
+ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu
+verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher
+Hand an den Gemeinderath von Reckingen uebergegangen und hat seit dem
+Jahre 1854 die gruendliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene
+letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstoeckigen
+Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzaehlt man, kommt zu
+gewissen Zeiten des Nachts ein Fuellen gelaufen, umtrabt das Gebaeude,
+wird darueber zusehends groesser und ist mit einem male wieder unsichtbar.
+Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen
+niemals das Fuellen erblicken, wohl aber statt dessen eine
+weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier
+Ecken bedaechtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
+Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.
+
+Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in
+Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche naehig sind
+("uebergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schuerze zu geben pflegen
+(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
+Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
+Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese
+Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Koenigsfelden wurde Ross und
+Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Ruestpferd laesst die
+Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige
+Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst.
+Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
+Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des
+Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig
+der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar
+darauf der Kapelle in Gruenthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt
+Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal,
+1860, 6.
+
+Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich
+in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Waeldchen, das nach
+einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhoelzli heisst. Am
+suedlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt
+dorten eine schoene Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
+das Haar kaemmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschaedliche
+Nachmittagslamm. Auch das Muetterlein ist freundlich, nur will sie in
+ihrem Geschaefte nicht gestoert und von den Voruebergehenden nicht etwa
+ausgelacht sein, sonst setzt es fuer den Spoetter gewiss einen
+geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwaerts heisst sie
+nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Straehl-Anneli, oder nach
+ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Muetterli, denn Heuel bezeichnet den
+verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
+Liebreize nackter Jungfrauenschoenheit, zieht einen Goldkamm durch die
+Locken und laesst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme
+niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits
+die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen
+Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus
+Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt
+und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer,
+Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmaennin
+gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschaefte gewidmet, die
+Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst
+der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun
+zwar unsern aesthetischen Begriffen geradezu, eine so widerwaertige
+Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schoenheits- und
+Liebesgoettin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das
+klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich
+darueber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der
+zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Roemer ihre Bildsaeule mit einem
+Kamme in der Hand vorstellten, erzaehlt hiebei: Als einst die roemischen
+Frauen die Kraetze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
+Kaemme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen
+die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsaeule,
+die den Kamm trug.
+
+Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt
+schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr
+beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Maedchen das
+schoene Haupthaar und zugleich den schoenen Schatz. Am 1. September, als
+dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden,
+deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
+katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um
+Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein
+neues vor Krankheit geschuetzt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener
+Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Koepfen ihrer Kinder eine
+gruendliche Waesche abhaelt, dem juengsten Maedchen wird der erste Zopf
+geflochten; das behuetet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs.
+Haelt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:
+
+ Chind, bis ietz still und fin,
+ oder es chunnt Frau Vrin,
+ die het ne grosse Striegel
+ und zert di kech am Riegel.
+
+Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbueschel. Die Frau Vrin ist
+also hier eine Drohgestalt, wie in Schoeppners Bair. Sagenb. no. 1282 die
+lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Buerste und Stahlkamm
+behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Maedchen dabei
+weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
+nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden
+solle, und hiefuer hat man folgendes Spruechlein:
+
+ Ach mi liebi Jumpfere Vre',
+ gsehst, i ha kes Schaetzeli meh,
+ straehl und waesch mi doch au nett,
+ dass mi Hansli Freud ab mer het!
+
+Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen
+"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen
+Landvolke verbreitetes Zauberbuechlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19
+folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks
+Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der
+Dreieinigkeit ueber die Warzen und spricht dreimal:
+
+ Frene, Frene, dorra weg!
+
+In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende,
+geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthuemlichkeit des
+weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende
+Zartheit ist das Frauengemueth von hingebender Menschenliebe erfuellt.
+Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit
+schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil
+es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so
+uebernimmt es freiwillig das Geschaeft der Krankenpflege und vollzieht es
+im Einzelnen mit groesserem Gluecke als der Mann, da es weniger schnell
+als er in Dienstleistungen ermuedet, mehr und laenger als er zu dulden, zu
+entbehren, auszudauern vermag in Muehen und Nachtwachen. So erscheint das
+Weib allen Voelkern waehrend grosser allgemeiner Leiden als eine
+heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in
+der Kunstdarstellung der Rettungsengel fuer die schmerzbehaftete Welt
+geworden.
+
+Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzuegen Verenas,
+wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Maerchen
+gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgoettin allmaehlich "zur
+demuethigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke
+(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgoettern und
+zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengoettin
+bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie
+denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlaesst, um
+unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Bueschen und
+Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum wuerde
+man dann die Goettin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, truege sie
+nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird
+sie wieder ein "alt heidnisch Wassergoetzli", wie der Berner H.R. Grimm
+(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon
+die rohe Haerte, mit der sie unglaeubigen Missethaetern die Strafe zumisst,
+laesst ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des
+Zurzacher Priesters sie faelschlich der Veruntreuung im Haushalte
+anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom
+fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten
+stirbt hin ohne Siechthum, Laehmung, Blindheit und Tobsucht. Dafuer, dass
+ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, waehrend
+Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rueckkehrenden im
+fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Haenden festgeklammert;
+ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in
+der erstarrten Hand fest. Gleichfuerchterlich bestraft sie den Bauern,
+der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
+Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
+dreingreifender Koerperstaerke herscht besonders in den mehrfach von
+Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und
+rhaetischen Alpen finden. Sie traegt in Buenden, Engadin und an der
+bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die
+rhaetischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
+Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Praetigau (urkdl. Valzena).
+Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage
+in Tirol, S. 251), eine andere an der weitlaeufigen Eiswueste des
+Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern
+Hoehlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist
+stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
+Holz oder Stein in sich; es laesst nichts drinnen, sagen die Hirten und
+staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Buenden 1, 140. 258.
+Buendner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte
+Vrenelisgaertli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
+Glaernisch, 9,353 Fuss ueber Meer, das sich wegen der angeblichen
+Ausschweifungen des Sennenvolkes aus bluehenden Matten in ewige Gletscher
+verwandelt hat.
+
+Nachfolgende eigenthuemliche Sage hierueber beruht auf der schriftl.
+Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zuerch. Lunnern,
+zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am
+suedlichen Fusse des Albis der unheimliche Tuerlersee, der tiefste im
+ganzen Zuercher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des
+Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend
+gehoerte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsruestigen
+Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die
+Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen
+einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen
+heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in
+ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen.
+Mit Huelfe fahrender Schueler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen
+breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum fuer
+immer vom Gelaende der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Tuerlersee,
+es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so wuerden die Wasser sich
+ueber ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
+einer der fahrenden Schueler die Frau und entfuehrte sie durch die Luefte
+auf die Westseite des Glaernisch, setzte sie hier auf einer weiten
+gruenenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach:
+"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten
+gehaust, bis dieser schoene Alpengarten endlich sich in eine weite
+Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in
+der Hand, zur Eissaeule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern
+eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herueberblinkt.
+
+Dieser eben erwaehnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit
+alter Zeit bekannt und traegt in der Offnung von Borsikon (Grimm,
+Weisthuemer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach
+einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zuerch.
+Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
+Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzuernte schwur, sie
+werde den Tuerlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen
+kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den
+Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte
+Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst
+von der Erde fortriss bis auf den Glaernisch in Vrenelis Gaertli.
+
+So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit
+zurueck. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen
+laesst; der Muehlstein, auf dem sie wilde Stroeme befaehrt; die Felskluefte,
+Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel,
+die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel
+hervor bohrt--verkuenden eine urspruengliche Riesenjungfrau, deren roh
+angelegte Gestalt spaeter ins Satanische umgeschlagen haben wuerde, haette
+die Kirche sie nicht fruehzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen
+besaesse man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der
+demuethig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die
+der Unterschlagung beschuldigt entspringt, ueber die ganze Breite des
+Thales setzt und ihre Fussspur drueben in die Felsenplatte der
+jenseitigen Thalwand eindrueckt.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
+Pfarrkirche, waren pfarrgenoessisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken,
+Zeihen, Denspueren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Haener am
+Schwarzwald, ob Laufenburg.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Verena als Frau Venus.
+
+Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und
+Vrenenhaeuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurueckgefuehrt
+auf den urspruenglichen Mythus.
+
+Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen
+Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf
+dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt.
+Der Text kommt demjenigen am naechsten, welcher einst von Stalder in
+Entlebuch gleichfalls nach muendlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und
+an Lassberg uebergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240
+veroeffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland fuer seine Sammlung no. 297 C.,
+und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres
+Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen uebereinstimmen.
+Was die Literaturgeschichte des Tannhaeuser-Liedes betrifft, die schon
+von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Goedekes Deutsche
+Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollstaendigkeit
+aufgefuehrt.
+
+ Tannhaeuser war ein junges Bluet,
+ Der wot gross Wunder gschaue,[8]
+ Gieng auf Frau Vrenelis Berg
+ Zu selbige schoene Jungfraue.
+
+ Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
+ Chlopft er an a d'Pforte:
+ Frau Vrene, wend er mi inne loh,
+ Will halte eu'e Orde!
+
+ "Tannhaeuser, i will der mi Gspile ge
+ Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
+ Diner Gspilinne begehr ich nit,
+ Min Leben ist mer z'lieb.
+
+ Diner Gspilinne darf i nuet,
+ Es ist mir gar hoch verbotte,
+ Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+ Tannhauser sass am Figebaum,
+ Drunter er war entschlafe.
+ Es chunt em fuer i sinem Traum,
+ Er mueess uf Rom wallfahrte.[11]
+
+ Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
+ Wohl unters hoechsti Thor,
+ Frogt er dem oberste Priester noh,
+ Wo in der Stadt Rom waer.
+
+ Wo er i d'Chille ie chunt,
+ Vor'm Pobst thet er sich gneige:
+ Gott grueeze eure Heilige, Pobst,
+ Mine Suend will i eu azeige.
+
+ Der Pobst het do en dueere-dueere Stab,
+ Vo Duerri war er gspalte:
+ "So wenig de Stab meh z'grueene chunt,
+ So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
+
+ Und wenn i nuemme z'Gnade chum
+ Und nuemme mag werde bihalte,
+ So gohn i uf Frau Vrenis Berg
+ Und leben bin ihr im Walde.
+
+ Es goht nit meh als dritthalb Tag,
+ So fieng der Stab a z'gruene,
+ Er treit es Laub so grueen wie Gras,
+ Darzue drei schoeni Blueme.[10]
+
+ De Pobst schickt sine Botten us,
+ Sie wuesset ehn niene meh z'gwahre;
+ Er schickt sie us in alli Land,
+ Der Tannhuser blibt verfahre.
+
+ Sie choemmet uf Frau Vrenelis Berg,
+ Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
+ Tannhuser soll do usse cho,
+ Sine Suende eigen ehm nochg'losse!
+
+ "Zun-ech usse cho, das chan i nit,
+ Do muess i bliben inne.
+ Muess bliben bis am Juengste Tag,
+ Dae gohts mer erst, wies cha und mag!"
+
+ Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
+ Der Bart wachst ihm drum umme,
+ Und wenn er druemal ummen isch,
+ So wird der Juengst Tag bald chumme.
+ Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
+ Oeb der Bart es drittmol umme goht
+ Und der Juengsti Tag well chumme.
+
+Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Huegel, an dessen
+suedlichem Fusse vormals die Gerichtsstaette des Bezirks gewesen war und
+wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen
+Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde aelterer Leute der Frau Vrenes
+Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter
+Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich
+bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhaeuserlied, und
+wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehoerenden Thiergarten
+"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler
+histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der
+Stelle der Venus in das Tannhaeuserlied und was ist der Sinn dieses
+Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm
+(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene
+die Goettin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither
+weiter vorgerueckte Sagen- und Sprachforschung bestaetigt.
+
+Die echte Goettersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von
+Fioelsvinnr und erzaehlt also. Die Goettin Freyja war dem Halbgotte Odhr
+vermaehlt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres
+beruehmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Mengloed; nun aber
+empfieng sie den neuen Namen die Thraenenschoene, denn um den verlornen
+Gemahl durchsuchte sie alle Laender und weinte ihm goldne Thraenen nach.
+Sie mied der Maenner Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhoehe eine
+Halle, ueber deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte
+hier mit heilkundigen Maedchen eintraechtig zusammen. "Hilfeberg heisst
+die Hoehe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine
+Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wuessten." Da kehrte der die Welt
+durchreisende Odhr nachmals wieder zurueck und sprach zum Waechter des
+Berges: "Reiss auf die Thuere, Waechter! auf kalten Wegen komm ich her,
+die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Saeumniss schuld, doch geh
+und frag erst Mengloed, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den
+Langersehnten mit Kuessen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag
+und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfuellt; mein
+lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide froehlich!" Die
+Verwandtschaftszuege zwischen diesem Mythus und dem Tannhaeuserliede sind
+einstweilen folgende. Odhr-Tannhaeuser wandert aus dein Waldberge der
+Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei
+allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
+verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger,
+hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Waechter
+(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und fuehrt ihn in den Berg.
+Draussen laesst er den duerren Wanderstab liegen, der sogleich an zu
+gruenen faengt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht
+mehr unterbrochne Glueck nach der Laenge des Bartes, der ihm dreimal um
+den Tisch herumwachsen wird. Entzueckt ueber diese doppelte Unendlichkeit
+ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine
+Freyja-Vrene, ob nun noch ein juengster Tag gedenkbar sein koenne. Zur
+Bekraeftigung dieser gegebnen Erklaerung sowohl als der sogleich
+mitzutheilenden Etymologie der bezueglichen Eigennamen, fuegen wir ein
+paar Sagenbruchstuecke bei, die zu dem Kostbarsten gehoeren, was in der
+letzten Zeit zu Tage kam. Proehle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es
+war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem koeniglichen Schloss und
+hiess Fru Freen und Fru Frien. Sie war einmal im Himmel gewesen und da
+von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden,
+durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand,
+brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
+folgenden Reim:
+
+ Fru Frien
+ wolle geren frien
+ un konne keinen krien,
+ da feng se an de schrien.
+
+Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen
+Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren
+verschwundnen Gemahl trauernde Goettin heisst in Wolf's Hess. Sagen no.
+12 die Huldgoettin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in
+dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl ueber ihren Mann so bittre
+Thraenen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl
+die Goettin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen
+Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist
+die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frea (ahd. Frouwa,
+domina) und lebt in den niedersaechs. Sagen bald unter den diminutiven
+Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und
+Druebeck als Fru Frien, Fru Freen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S.
+414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
+Schoenheits- und Liebesgoettin stehen nun die oberdeutschen desselben
+Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsaechs.
+fri, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frin:
+pulcher, venustus. "Bis mer huebsch frin", sei mir huebsch artig, huebsch
+sittsam, sagt das Berner Maedchen zu einem allzu stuermischen Liebhaber;
+"de sim-mer jo die freinste Luet", gar allerliebste Leute, heisst es
+luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schoenheitspraedikate
+uebereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname
+Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schoene. Der Stamm des Wortes geht
+durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit
+priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus
+Veneris) heisst irlaendisch Freyjuhar, daenisch Fruehar und Venusgraes,
+norwegisch Mariagras, weil die Schoenheit das hoechste Epithet bleibt, das
+an Goettinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs,
+dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
+Figuren der Goettinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins
+Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung
+war sogar schon den nordischen Quellen gelaeufig und hat darin ihre
+Berechtigung, dass beide urspruenglich nur die in zwei Seiten auseinander
+gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines aelteren Goettersystems
+gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Goetter in Asen und
+Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die
+mit dem Gemahl als Windsbraut einherstuermt und Leichenfelder zehntet,
+hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube
+eine familiaere, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist
+die fruehere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen
+ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen,
+zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So
+urtheilt ueber die Vanengoetter ueberhaupt Weinhold D. Frauen, 30.
+
+Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angefuehrten Namen
+der Goettin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und
+Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen
+einer und derselben Goettin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
+schweiz. Tannhaeuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im
+Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in
+denen die Minnegoettin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast
+der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur
+dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und
+Hexengeschichten uebertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von
+der Omeiss 36, laesst die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fuenfzig
+Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum
+gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628
+regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der
+Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
+_Kroeten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner
+Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhaeuserliede
+selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:
+
+ Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die oeffentlichen
+Frauenhaeuser Venushaeuser genannt und nach der einmal vorhandenen
+Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhaeuser. Ein Stadtquartier
+Hamburgs mit einem besondern Huegel, das den Dirnen zum Wohnorte
+angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761.
+Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
+Aussaetzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das
+Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei,
+Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt
+(ed. K. Goedeke, S. 151):
+
+ zuo Basel in der Malentz gassen
+ do hat sich fraw Venus nider glassen.
+
+Auch dieser Umstand dient uns zur Erklaerung einer sonderbar lautenden
+Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach
+begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der
+ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und fuehrt an
+einer alten Linde vorbei, deren zerkluefteter Stamm mit Ziegelsteinen
+ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden.
+An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der
+aeltesten Legendenaufzeichnung erwaehnte Siechenhaus, das erst in diesen
+fuenfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
+Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten
+Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der
+Landvogt von Baden zur Eroeffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt,
+erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen
+Tanz um den Baum thun musste. Dafuer erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
+gestiftet von jener Koenigin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres
+erschlagnen Vaters, das Kloster Koenigsfelden bei Brugg erbaut hatte.
+Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen
+"Metzentanzes" ebenfalls Erwaehnung, verlegt ihn aber faelschlich unter
+die Linde des Staedtchens Brugg, also dem Stifte Koenigsfelden zunaechst.
+So war Verena die Patronin der Frauenhaeuser und Metzen geworden.
+
+Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmaerkte ist noch nicht
+aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestaetigungsbrief und Kaiser Friedrichs
+hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen
+Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die
+andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomaeitag. Sie werden abwechselnd
+Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem
+latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
+aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des
+Neumonds begangenes Fest uebersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
+entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit koennte die Zurzacher Dult
+schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie
+hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich
+zusammenhieng. Kirchen und Kloestern wurde fruehzeitig das Marktrecht
+verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die
+Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher ruehrt der andere Marktname
+Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines oertlichen
+Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzuegen
+besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzuege gehen von einer
+Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmaerkte des
+Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe
+der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint
+liegt.
+
+Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche haeute
+Venus heissen, ist urspruenglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei
+unserem gegenwaertigen Zwecke keineswegs ueberfluessig zu zeigen, wie
+hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverstaendniss sich erzeugt
+hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Truedinger beim Dorfe Eib an
+der Rezat, naechst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge
+auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort
+Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er
+bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das
+Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb
+Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt
+die Venus vor einem gruenen Huegel stehend. Anz. des German. Museums 1860,
+88. Das saechs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst
+urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Graesse, Sag. v. Tannhaeuser, 18. Ein
+Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch.
+Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
+fuehrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein,
+Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmoeglich alle dem Latein
+abgesehen sein koennen, empfand schon Fischart, der in seiner
+Uebersetzung von Bodinus Daemonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei
+Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
+und herumtraegt; allein, fuegt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede
+den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem
+abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem
+romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist,
+bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform
+Feenesleute, wie die Erdmaennchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23
+heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatlaender Patois fort,
+Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins
+Rhaetische ueber, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch
+Fayer, gaelisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des
+Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und
+Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als
+Feen dorthin verwuenschten boesen Geister bezeichnet und dass sie
+Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehoert jedoch der Name
+des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesaenger, gestorben um 1196; dessen
+Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande
+gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils,
+ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
+oertlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.
+
+Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die
+Liebesgoettin, wird vom hoefischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch
+die Kirche zur Patronin der Siechenhaeuser, durch die Zeitsitte zur
+Mutter der Frauenhaeuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
+Spracheinfluss zur Koenigin der Feen gemacht, mit denen sie im
+Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgoettin in ihrem schattigen Lusthain
+(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklaerlich Tannhauser. Auf den
+bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesaenger Tannhuser (gestorben um
+1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
+Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht
+geschlossen werden, weil sich die Tannhaeusersage, wenn auch unter
+anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefuer
+giebt Grimm Myth. 888.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Uhland C.
+
+[9] Uhland A.
+
+[10] Uhland B.
+
+[11] Nach Uhland C.
+
+[12] Uhland A.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+III.
+
+Gertrud mit der Maus,
+
+die Allerseelenherrin.
+
+ * * * * *
+
+
+Die heilige Gertrud, ahd. Keredrud, traegt den heidnischen Namen einer
+germanischen Walkuere und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrudhr
+bezeichnet sowohl Thors und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda
+genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das
+altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib,
+virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe
+niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schlaefer
+auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp,
+bezeichnet. Der Trude ist daher der fuenfeckige Trudenfuss eigen, dessen
+Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengefluegelten Walkuere
+entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon
+Irminonis (sec. 8) unter den fraenkischen Frauen genannt; ebendaselbst
+eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen
+Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrud), die das Heiligthum, alah,
+verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud
+bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen,
+dass Regen faellt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 uebersetzt trutari
+mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das
+Geschaeft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
+muessen. Da die Walkuere zugleich die den Lebensfaden spinnende
+Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen
+Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den
+Goettinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem
+Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben
+genannten Goettinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des
+Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
+Fruehlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den
+Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit
+Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird
+Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die
+naechtlich wuehlende Maus, kuendet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die
+Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge
+dessen versoehnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man
+die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Suessen Maeuschen baeckt.
+
+Dies ist der aeusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.
+
+Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre aelteste
+Legende in vielfaeltigen Widerspruechen, die aus der Bemuehung entstanden
+sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
+unterzubringen. Ihr aeltester Biograph ist ein Moench in Nivelles,
+zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS.
+sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles,
+zwischen Bruessel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I.
+Gemahlin Ita um 640 gegruendet und wird von deren Tochter Gertrud als
+erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
+gleichfalls ein Niveller Moench im 10. Jahrhundert, erzaehlt, dass
+Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach
+Franken entflohen sei und hier laengere Zeit in dem von ihr gestifteten
+Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
+gefuehrt habe. Allein die Benediktiner fuegen dieser Angabe hinzu,
+dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen
+desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl.
+Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man
+dorten die Klostergruendungen und Vergabungen zu Karleburg und zu
+Neustadt am Main beilegt, ja man fuehrt daselbst noch eine dritte hl.
+Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und
+nachmalige Gattin des Koenigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von
+dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
+fruehzeitig eine volksthuemliche Verehrung genoss, und dass man aus eben
+dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das groesste deutsche
+Kaiserhaus anknuepfte. Auch ihre fruehzeitig erfolgte kirchliche
+Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens
+bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
+Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert
+angehoert, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am suedlichen Ufer der
+Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
+Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so
+die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegruendeten Kirchen mit
+den fruehesten Anfaengen des Christenthums in Deutschland zusammen.
+
+Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei
+zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthaetiges Sterbebette kirchlich verwendet
+wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4,
+25. In hollaendischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
+Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die
+Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin
+der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne"
+trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434.
+Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, traegt
+Gertrudens hoelzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen.
+Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich spaeter als ein Rockenstab,
+der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des
+Gertrudenbuches, Koeln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an
+welchem drei Maeuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen
+eingewoben, zwei, Weihrauchfaesser schwingende Engel umschweben sie.
+Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der
+Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. Maerz, als den Gertrudentag,
+durch zwei Maeuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit
+correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbuechlein (edd.
+Strobel) lautet:
+
+ so kumet die liebe sant Geretrud,
+ die so entschlief in gottes willen,
+ und stulen die ratten und miuse ir spillen
+ und trugen sie in ir miuseloch.
+
+Auf einem Gemaelde, das vordem im Strassburger Muenster gewesen, auf das
+sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Koenighovens Chronik 571 beruft,
+war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend,
+umschwommen von Maeusen und ueberragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
+in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der
+Maus, wird nachher ausfuehrlicher die Rede sein; fuer jetzt seien die
+landwirtschaftlichen und buergerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt,
+die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.
+
+Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. Maerz) sich knuepfenden
+Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der
+Winter, und mit dem 17. Maerz der Fruehling beginnen soll, so ziehen mit
+dem letzteren Termin die Hausmaeuse aufs Feld. Davon heisst es bei
+Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
+lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft
+die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Woertb. 2,
+71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es
+beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste
+Gaertnerin verehrt ist. Die Fruehlingswaerme kommt, die Bienen nehmen ihren
+Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende
+Sprueche;
+
+ Suente Katherin
+ smitt den ersten Sten in 'nen Rhin.
+ Suente Gerderut
+ tueht ne wi'er herut. (Aus Koeln.)
+
+ Sankt Gertraud
+ fuehrt die Kuh ins Kraut,
+ das Ross zum Zug,
+ die Bienen zum Flug.
+
+ Gerdrut
+ geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)
+
+ Sant Gertrud
+ Saeit Zibelae und Chrut. (Schweizerisch.)
+
+Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln,
+wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im
+Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der
+Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz.
+Merzafuelli, d.i. Fohlen; Gertrudentag faellt auf 17. Maerz und die
+Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk frueh im Maerz, so giebts einen
+guten Fruehling.
+
+Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzaehlt von ihm
+folgendes Maerchen, enthalten in Asbjoernsen's Norske Folke-Eventyr 1866,
+no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemuede und hungrig bei einer
+brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf
+Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats uebers
+Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und fuellte das ganze
+Geschirr. Dieser Kuchen war ihr fuer ein Almosen zu gross; zum zweiten
+male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Groesse,
+und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr
+muesset ohne Almosen gehen, all mein Gebaecke wird zu gross fuer euch! Zur
+Strafe verwuenschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch
+ihre rothe Haube traegt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum
+Schornstein hinausfuhr. Bestaendig hungernd hackt sie nach Futter in die
+Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth.
+3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorueber, wo frisches
+Brod duftete, und sandte einen der Juenger hin, um ein Stueck zu
+erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
+sechs Toechtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafuer sind diese
+zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber
+ist zum Kukuk geworden. In Praetorius Weltbeschreibung und darnach in
+Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur
+theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott
+den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen:
+Guck! guck! (ei sieh!) Dafuer ist er in einen Raubvogel verwandelt, der
+unaufhoerlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt
+hierueber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe
+ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafuer,
+als man auf des Kindes flache Hand hinzaehlen koenne. Das Bueblein gieng
+darauf ein und machte sein hingestrecktes Haendchen immer hohler und
+schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zaehlen gar nicht fertig werden
+wollte, noch ein Plaetzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen,
+so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf
+Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.
+
+So wird hier der Specht, urspruenglich ein nahrungsspendender Bote
+Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und
+geht in die Gestalt des gleichfalls eigennuetzig gefassten Kukuk ueber.
+Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwuenschter
+Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies
+besagen die nachfolgenden Kindersprueche:
+
+Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk,
+Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em duerre
+Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis
+acetosella, der zur nemlichen Zeit blueht, da des Kukuks Ruf ertoent,
+heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod,
+franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschoel
+cucu (Butterbrod), und weil seine saeuerlichen Blaettchen von den Kindern
+genascht werden, auch Herrgottensuepple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das
+Brod, 1868, 6. Auch die suessen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen
+Guggichbroedle.
+
+Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
+Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
+Fastenzeit um Ostern baeckt, mit Speckwuerfeln belegt und Speckwaehen
+benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange
+seinen Ruf ertoenen laesst, als die Bruetezeit dauert und er die Eier
+andrer Voegel aussaeuft. Ist diese Zeit vorueber und es beginnt die Reife
+der Fruehkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier fuer
+buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme
+verfaellt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn
+erregten Theuerung knuepft sich an sein zeitweilen verspaetetes Erscheinen
+und an sein ueber die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
+oberfraenkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem
+Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er
+soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in
+welches jene Beckerin mit ihren Toechtern verwandelt ist; das ist bis
+Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierueber: Wenn d'Henne
+abwaerts goend, schlot s'Brod ab, wenn s'ufwaerts goend, schlot 's uf. Haelt
+der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen
+Opfer er selber zuerst wird; hievon erzaehlt folgender venetianer Spruch:
+
+ Am achten des Aprils,
+ da soll der Kukuk kommen;
+ Kommt er am achten nicht,
+ so ist er todt oder gefangen.
+ Kommt er am zehnten nicht,
+ so haengt er gefangen im Zaun.
+ Und kommt er am zwanzigsten nicht,
+ so ist er gefangen im Korn;
+ Und kommt er am dreissigsten nicht,
+ so ass ihn der Hirt mit Polenta.
+
+Weil mit des Kukuks zeitgemaessem Erscheinen zugleich der Anbau in der
+ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwaebisch Mundingen
+Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und
+daraus erklaert sich vollstaendig der Schwabenstreich des Staedtchens
+Haiterbach, welches gegen die verspaetete Ankunft des Vogels
+Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch
+bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grueene Haber schnelle
+(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in
+Zuerich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhaeusern zu nahe, eine
+Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Voegeln LXXI). Haelt er den
+richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
+Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis
+in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu,
+in Meiers Kinderreim. no. 87:
+
+ Schrei sie mir in Deckelkraebe
+ Wie viel Jahr darf ich noch lebe?
+
+Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und
+Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer
+verkuendendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag
+4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
+Myth. 3, 222):
+
+ Kukuk, Kukuk, Gerderut:
+ staeck dine ver Hoerns herut!
+
+Um so besser stehts um das berufende Kind, je puenktlicher ihm die
+Schnecke ihre vier Fuehler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in
+die Fuehler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Goethes Lied
+Fruehlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April
+gehoerten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und
+der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
+man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung
+ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfaelisch der
+Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht
+man:
+
+ Gugguger im Sessel,
+ Gieb mir dein Geld zu lesen,
+ Will dein Geld dir wieder geben,
+ Sag, wie viel Jahr thu ich leben?
+
+Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers
+Thuering. Sag. no. 9 kommt in den Zwoelften unter wunderbarem, weit
+vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die
+Gestalt einer gewoehnlichen Taube hat, aber an ihren Fuesschen ein kleines
+Schilfstuehlchen mittraegt, das sie, wenn sie muede wird, auf den Boden
+stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst beruehrt die Erde nie, wo sie
+aber das Stuehlchen hinsetzt, da gruent und blueht es im folgenden Sommer
+am schoensten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikoenigtages wird die
+Taube wieder zur Frau. Hier ist der Fruehlingsbote, Kukuk oder Taube, die
+ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Goettermutter,
+die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem
+goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Fruehlingsgoettin steht Freyja-Frigg
+der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
+Vrymaend. Compte rendu, Bruxelles 1843.
+
+VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.
+
+Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:
+
+ Gugger uf em grueene Ast,
+ Du, mi liebe, schueeche Gast:
+ Gugg mer doch, bis au so guet,
+ Wie maengis Jahr no han i z'guet?
+
+Wer waehrend dem ungerades Geld bei sich traegt und auf den Sack schlaegt,
+dem geht es das Jahr ueber nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der
+Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar
+also reden laesst:
+
+ Hans ghoert di z'erst, er gryft i Sack
+ u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),
+ dass i kei Batze by mer ha,
+ jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"
+ Un Aenni lost und fraglet di:
+ Wie maengs Jahr aecht no leben i?
+
+Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zuercher Chirurg
+Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesaegnen, Zuerich 1646, 13: "Vnd da der
+guckguck Fuenffe herfuer geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
+anders nichts, dann das sy noch fuenff jahre zu leben hette. Sie fiel
+aber bald in eine schwaere krankheit und da sie zum sterben sich
+zuzeruesten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck
+hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem
+letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie
+jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fuenft finger auff,
+andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fuenff jahr zu leben
+habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"
+
+Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der
+hoert auch den Kukuk nicht mehr; was man verwuenschen will, das soll des
+Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende
+Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache
+bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der
+Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
+Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
+daher auf den hoelzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke
+abgebildet, als Angehoerige um einen Todten trauern, und von einem
+Serbenmaedchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzaehlt, dass es nie
+mehr habe den Kukuksruf hoeren koennen, ohne nicht in heftiges Weinen
+auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus.
+317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
+Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim
+Fruehlingsbade ertrunken, im naechsten Fruehjahre:
+
+ Aelter wird mein Ellenbogen,
+ Schwaecher wird mein Handgelenke,
+ Ja, der ganze Koerper zittert,
+ Wenn des Kukuks Ruf ich hoere!
+
+Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem aeltesten
+Mythus ueberein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein
+verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem
+transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech.
+und roemische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und
+eine Saeule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus
+der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altroemischer Mythe
+die ausgesetzten Zwillingssoehne des Mars, Romulus und Remus, aufgeaesst
+und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein
+Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die beruehmte
+Springwurzel, vor welcher die Thueren der Schatzkammern und Gefaengnisse
+aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu
+fuettern, laesst er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes
+Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Voegel
+Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den
+Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab
+weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erloesendem
+Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in
+Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
+der spaehende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart),
+welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thaetigkeit in Ostfranken, und
+so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.
+
+Wie diese eben beschriebnen Fruehlingsthiere, weil sie daemonische sind,
+aus Gluecksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht
+dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die
+Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich
+da entweder in gute oder in boese Elbe zu verwandeln; als solche
+erscheinen sie hierauf wieder als schaedigende oder als bescherende
+Maeuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir
+nunmehr in Ausfuehrung.
+
+Wie Holda-Berchta die unmuendig Verstorbenen, und Valfreyja die in der
+Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach aelterem Kirchenglauben
+die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu
+nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm
+Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc
+prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum
+archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea.
+Erweitert findet sich dieser merkwuerdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
+niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und
+Kraeuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem
+Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S.
+Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Doere der
+groten Stede gebuwet syn; und darna moth se uouer dat Leuuer-Meer.
+Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin
+schon erwaehnten Muenstergemaelde dargestellt, das den Bischof Wilderolf
+und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos
+Maeusethurm zum Rheinstrom. Hievon spaeter. Gertrudens Kirche und die von
+den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der
+Nuernberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof,
+an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe
+verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
+und auch Gertraud ueberlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem
+letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor
+Tag in die Fruehmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der
+unheimliche Eindruck, als waeren statt der Gemeinde und Geistlichkeit
+lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem
+Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter
+klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin
+Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie
+ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
+Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
+gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schoeppner, Sagb. no. 1147.
+Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nuernberger Patrizierin
+geworden, welche ueber das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist,
+allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die
+Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walkuere
+liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
+Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
+Abgeschiedenen die Gestalt von Maeusen annehmen.
+
+Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als
+Weisse Maus. Mueller-Schambach, Niedersaechs. Sag. S. 269; dazu ebendas.
+no. 7. 264. Luebecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
+abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein
+Weib gewesen, die ueber dem Wunsche, niemals zu sterben, zu
+mehrhundertjaehrigem Alter kam, zur Groesse einer Maus zusammenschrumpfte
+und unter einem Glaskaestchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde.
+Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen
+Seher Tiresias, der fuenf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und
+nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
+Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Goethe'schen Faust schildert das
+ploetzliche Ende der gespenstischen Taenzerin: "Mitten im Gesange sprang
+ein weisses Maeuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
+sich folgende Saetze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser
+drei weisse Maeuse faengt und toedtet, so kommt er in die Hoelle. Wer eine
+weisse Maus quaelt, dem fressen die uebrigen das Korn von der Schuette. Vor
+der franzoes. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau,
+wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwoelf weisse
+Maeuse zu erblicken, die man fuer zwoelf verwuenschte Rathsherren hielt; so
+erzaehlt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Daeniken.--Weisse
+Maeuse, berichtet V. Grohman ueber Boehmen, geniessen in diesem Lande eine
+Art religioeser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den
+Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glueck des
+Hauses sterbe. Ein Nest weisser Maeuse zu finden ist nur Sache eines
+Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezuechtet, und
+laesst man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schuettet da das
+Getreide um die Haelfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der fuehrt
+den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn,
+von dessen Ausfall man traeumt, um so naeher verwandt der Freund, dessen
+Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen
+Maeuse in einem aehnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte
+einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Maeuschen bis ins Herz
+hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der
+niederd. Pfarrer Maennling in seinen Curiositaeten, Frkf. 1713: "Ists
+nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden laesst, die Seele des
+Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde
+heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Maeuse
+auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.
+
+Einer thueringer Magd, die in der Gesindestube ueber der Arbeit
+entschlafen ist, kommt ein _rothes Maeuschen_ zum Munde heraus und geht
+durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmaedchen
+ruettelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu koennen.
+Das Maeuschen kehrte hierauf zurueck, suchte hin und her nach der vorigen
+Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte
+die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335.
+In Gestalt eines _weissen Maeuschens_ kommt der Alb durchs Schluesselloch
+ins Schlafzimmer und drueckt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich
+schon ein Tuch ueber die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es
+nun, da sie ihn stoehnen hoert, an den vier Enden zusammen, thuts in die
+Schublade der Kommode und laesst den Schluessel dran stecken. In derselben
+Stunde war im Nachbarorte ein Maedchen ploetzlich gestorben und sollte
+nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit
+dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufaellig den
+Schluessel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich
+schlupfte ein weisses Maeuschen durchs Schluesselloch und lief zur Thuer
+hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
+wollen, als ein Maeuschen zur Thuere herein und in den Mund der Leiche
+gelaufen kam, diese oeffnete die Augen und gehoerte wieder dem Leben an.
+Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thuering. Sag.
+no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
+geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das
+Schluesselloch der Kammerthuere verstopft, so sieht er statt der Maus ein
+wunderschoenes Maedchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no.
+96. Kuhn, Westfael. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem
+Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus
+seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
+Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurueck. Alsdann wachte
+der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen
+Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn
+sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die
+Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Proehle,
+Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der
+Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich
+einer Wiesel, aus seinem Munde dem naechsten Baechlein zugelaufen und will
+hinueber. Der zuschauende Knecht legt sein entbloesstes Schwert wie eine
+Bruecke ueber den Graben, das Thierlein geht darueber hin und verschwindet.
+Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige
+Bruecke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert
+weggethan. Also brueckte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herueber,
+naeherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein.
+Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe
+begegnet, antwortete er: Mir traeumte, ich waere gar mued und hellig von
+wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste
+ich zweimal ueber eine eiserne Bruecke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als
+Wiesel faehrt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess.
+Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von
+Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkoenig Guntram, dessen
+Seele in eines Schlaengleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt,
+auf einem Schwerte den Bach ueberschleicht, in einen Berg schlieft und
+rueckkehrend ueber die naemliche Schwertbruecke in den Mund des Koenigs
+zurueck geht. Der Erwachende erzaehlt, vom grossen Flusse mit Eisenbruecken
+getraeumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben.
+Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige aehnliche Sagen aus
+Boehmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende
+Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal gefluegelter. Aus
+dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no.
+408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031,
+und Vonbun, Beitraege 2, 83. So viel von den Maeusen als ausfahrenden und
+umwandernden Menschenseelen. Sind die Maeuse damit Geister, so koennen sie
+sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschuetzen und
+den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen ueberhaupt den
+Voelkern allgemein zum Omen. Das Gleichgueltigere sei hier wiederum
+vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzufuehren. Unser
+uebelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, hollaend.
+morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause
+auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Traeumt man von Maeusen, so wird
+es naechstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand,
+so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den
+Schlaefer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt
+dieser bald. Verlassen saemmtliche Maeuse mit einem Male das Haus, so ist
+dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Mues, wenig Luet. Salom.
+Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:
+
+ Der Aberglaube redt re noh,
+ (Me cha zwar uf das G'schwaetz nid goh,
+ Glaubt' i's, i mueesst mi schaeme):
+ Verloei die Fruendi d'Wohnig ganz,
+ Geb's i dem Hus en andre Tanz,
+ Das heisst, es g'hei bald z'saeme.
+
+Maeuse verkuendeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die
+Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als
+sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8,
+82. Als die Philistaeer die Bundeslade geraubt und in Dagons Goetzentempel
+aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre
+Felder mit dem Maeusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77,
+66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurueck und
+uebersandten dazu in einem Kaestlein als Suehnkleinode fuenf goldne Maeuse
+und fuenf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage
+heimgesucht gewesnen philistaeischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4.
+Aehnliche Suehnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der
+Priesterkoenig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafuer eine
+Bildsaeule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141.
+Vergoldete Aehren und goldne Maeuse wurden der phoenizischen Ceres zum
+Suehnopfer gebracht. Welcker, Griech. Goetterl. 1, 484. Im kretensischen
+und im aeolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
+Feldmaus, Muenzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus
+dar, sowie auch eine Muenze von Metapont die sechszeilige Gerstenaehre
+zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer,
+Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen
+dargestellt sieht (Tassie no. 1585), traegt die Maus auf dem
+Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl.
+Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die
+Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Maeusefrass geknuepft, und die
+agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte
+Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Maeuse
+vertilgen. Dieselbe Abhuelfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud
+gewaehrt, welche, indem sie die Maeuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen
+abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu
+baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
+Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehoert die allbekannte
+Sage vom Rattenfaenger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der
+magischen Pfeife knuepft, mit deren Tone die Maeuse vertrieben werden, und
+hiervon noch spaeter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen
+Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
+Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten
+Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzaehlt.
+Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Maeuse und
+Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem
+fremden Mann ueberein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
+Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor
+und sowie er darauf spielte, kamen die Maeuse aus den Hauswinkeln,
+Daechern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er
+trat sein Kleid aufschuerzend in den Strom, die Thiere ihm nach und
+ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn.
+Allein die Buerger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am
+folgenden Mittag wieder, diesmal in Jaegertracht, sein Hut war
+purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Laenge, und nun spielte er
+eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm
+binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum
+zwoelften Altersjahre, die fuehrte er, 130 an der Zahl, in eine Hoehle des
+vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
+wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit
+unter der Erde fort his nach Siebenbuergen und dorten erst wieder ans
+Licht gefuehrt; denn seitdem spricht man in diesem Lande
+niedersaechsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die
+Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen
+Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafuer
+vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Maeuseheere
+wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf
+seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee,
+und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben
+verloren.
+
+Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis
+lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Moench Angionini mit dem Erbieten
+erschien, den Ort von seinen Ratten und Maeusen zu befreien. Er lockte
+alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den
+versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle
+Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gaense, um ihn
+sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die
+Uebereinstimmung dieser Erzaehlungen lehrt, dass die Maeuse, weil sie
+Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit
+hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Fruehling den
+Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182);
+wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende
+Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du
+singst mir alle Maeuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
+singenden Kinde. Zur Vertreibung der Maeuse bedient man sich folgenden
+Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein
+Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man
+haengt dem gefangnen Thiere ein Gloeckchen an und laesst es laufen; es
+springt aus dem Hause und alle uebrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
+Maeuse, S. 26. Abergl. aus Boehmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die
+Pfeifchen im Schweife der hoelzernen Spielroesschen und die thoenernen, die
+man an der Stelle des Schwaenzleins in die Erntenudel der gebacknen
+Maeuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt
+die Umschrift an der grossen Abteiglocke in wuertembergisch Weingaerten;
+die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten
+(Kloster Weingarten, 1857, 48):
+
+ Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.
+
+Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in
+seinem Thurm zu Bingen von den Maeusen bei lebendigem Leibe gefressen
+wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer
+Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und
+der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhoehnte: Hoeret, wie meine Maeuse
+pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen
+wird nebst der eben beruehrten Sage von Trithemius in der Hirsauer
+Chronik 1, 116 erzaehlt und zur Unterstuetzung dieser Begebenheit, wie es
+scheint, dorten S. 140 ein aehnlicher Fall vom J. 995 hinzugefuegt ueber
+einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am
+thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Guettingen soll sich
+desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Maeusen
+aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es
+haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3,
+307), und juengsthin besonders ausfuehrlich Grohmann (Apollo Smintheus, S.
+78 ff.) ueber diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der
+Erklaerung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein
+zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Maeuseplage und
+damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorraethe besorgte
+Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit
+Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt
+der Maeuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt.
+Maeuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder
+Seuchenzeit einstellen. Das Bruederpaar, das sich vor der Pest auf den
+Irchelberg fluechtet, erwuergt sich da in der Hungersnoth um einer
+gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur
+Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende
+Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Maeuse gehext habe.
+Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher
+gebraeuchliche Phrase: Mach mir keine Maeuse. "Die Festung macht Maeuse und
+will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Goethes Buergergeneral, 9.
+Auftritt.
+
+Die den Koerper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele
+hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern ueber
+die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:
+
+ Kommt ein Maeuschen,
+ will ins Haeuschen,
+ da 'nein, da 'nein!
+
+Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu
+sein, den Maeusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse,
+welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schaedigung der
+Lutmaeuse beim Amte Glurns anhaengig machte, erhielten beide Parteien
+ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Maennern besetzt,
+fuer Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehoert und der Beschluss
+lautete: Die Lutmaeuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich
+gaenzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und
+jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger waere,
+oder Jugend halber nicht fortkommen moechte, dieselben sollen ein
+weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no.
+708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540,
+welches die Maeuse als Saatenverwuester anklagen und verurtheilen liess;
+der Maeuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanaeus, nachmaliger Praesident des
+Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
+nicht dreimal vorgeladen und koennten, so lange die Strassen durch Hunde
+und Katzen unsicher seien; fueglich auch nicht erscheinen. Diebolt,
+Histor. Welt, 1715, S. 1117.
+
+Von hier aus uebergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern,
+findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknuepften
+volksmedizinischen Braeuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein
+Opfer hinauslaeuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den
+Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafuer von der Maus einen neuen,
+dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
+wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Maeuschen, da
+hast du einen hoelzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In
+Schlesien: Maeusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
+Steindel.--Maeuschen, ich geb dir einen knoechernen Zahn, gieb du mir
+einen eisernen. Kuhn, Westfael. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es
+(Alemann. Kinderl. S. 338):
+
+ Muesli, Muesli, nimm de Zah,
+ gim-mer en schoene goldige dra,
+ frei en schoene wisse,
+ ass ech's Brod cha bisse.
+
+Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht
+selber verschluckt, hoch gegen Himmel:
+
+ Seh, liebe Herrgett, en Zah!
+ Gieb mer wider en andre dra.--
+
+In Wuertemberg wirft es ihn ueber sich und spricht beim Schneidezahn:
+
+ Se, Maeusle, has du dean Za,
+ sez mer derfuer en andra na!
+
+Beim Mahlzahn heisst es:
+
+ Wolf, Wolf, da has en Za,
+ gi mer derfuer no koen Biberza!
+
+Birlinger, Schwaeb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwaebisch Name des
+waelschen Hahns (Birlinger, Schwaeb. Woertb. 61) und bedeutet hier: lass
+mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein
+altarabischer Spruch in Rueckerts Morgenlaend. Sagen 2, 264 opfert den
+Schichtzahn gleichfalls der Sonne:
+
+ Liebes Kind, nimm deinen Zahn,
+ Der dir ausgefallen,
+ Wirf ihn zu der Sonn' hinan,
+ Sprich mit frohem Lallen:
+ Gieb mir einen bessern dran!
+ Und du wirst von allen
+ Neuen Zaehnen keinen Zahn
+ Schwarz und schief und stumpf empfahn,
+ Sondern jeden wohlgethan.
+ Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.
+
+Dem Sonnengotte Freyr ward von den Goettern die Sonne, Lichtalfenheim,
+zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine
+Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in
+Sueddeutschland Woelfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszaehne werden
+dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Ruecksicht
+auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
+zum Opfer faellt.
+
+In Hahns Griechisch-albanes. Maerchen no. 10 und 101 laesst sich die
+Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen
+silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das
+Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn
+wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst
+anderen dahin einschlaegigen Braeuchen des Alterthums im eben genannten
+Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der
+hellfunkelnde, unverwuestliche Zahn des im Boden oder in Hoehlen wohnenden
+Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine
+Zaehne in den Boden saeet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die
+Zaehne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
+erwachsen die Stammvaeter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft
+man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn
+heisst in Sueddeutschland Woelfle, und woelfen ist zahnen: Aus Wolfs- und
+Rosszaehnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst
+umhieng, und selbst unter den Fundstuecken, die man seit 1857 aus den
+Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zaehne des Baeren und
+Wolfes, durchbohrt, um an Schnueren als Amulette getragen zu werden.
+Zuerch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz
+bei Plinius ueberein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzaehne werden
+zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermuedung
+angehaengt, ausgerissene Maulwurfszaehne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus
+Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte
+Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken.
+Hoechst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
+welchem die aelteste und die neueste Zeit zu erzaehlen hat. Das
+Poenitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale
+Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu
+stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen
+habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das
+Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
+darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
+Bischoefen aufgetragen, bei der jaehrlichen Kirchenvisitation strenge
+Nachforschung hierueber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die
+Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel
+gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
+muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von
+Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter
+Analyse aus pulverisirten Maeusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die
+uns persoenlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnaesser seien
+dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu
+trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten,
+dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht
+verhalten koennen, gepulverte Maeuse unter der Speise zu essen verordnet;
+denn diese Heilmethode gruendet sich auf ein blosses Wortspiel und steht
+nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen,
+daemonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
+Gleichem zu vertreiben, schlaegt nemlich Plinius vor, die Muskelschwaeche
+am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da
+latein. musculus beides ist, Muskel und Maeuslein. Die deutsche Medicin
+nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
+geknuepfte Heilmethode an, um so mehr, als beides urspruenglich unter dem
+Einflusse der waelschen Universitaeten zu Padua und Montpellier stand.
+Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
+des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt
+daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) woertlich nach: "Das
+Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Maeusslin, so umb den Hals der
+Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht
+mehr gehorchen kann." Die spaeteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck
+und pflanzen den daran geknuepften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt
+durch die muessly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der
+Zuercher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zuerich 1554, Blatt 126b;
+Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45:
+"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib
+auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."
+
+Ein aehnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwoerterb. 3, 125, der
+schon vorhin erwaehnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die
+dorten enthaltenen Stichwoerter Pestbeule und Maus im Hebraeischen
+stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwuer bedeutet.
+
+Der Name Maus, sanskrit muscha, abgeleitet von der Wurzel musch,
+stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch
+Yajnavalkya III, 214 (uebers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus
+wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstaende sind,
+so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behaelt diesen
+Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen.
+Quasi mures semper edimus alienum cibum, laesst Plautus in den Gefangenen
+den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555,
+sagt das Vorwort:
+
+ Mein frischgebachen brot
+ muoss leiden vil der not
+ von hunden vnd von katzen,
+ von meusen vnd von ratzen,
+ zerhuelchen's, schliefen drein,
+ wolt, sie schwimmen im Rhein!
+
+Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit aeltester Zeit
+fuer bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest,
+durch die man dem schaedlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen
+glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
+deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
+unseren Fasnachts- und Erntebraeuchen. Man darf um Weihnachten und
+Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben
+in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren
+Umzug haelt, nicht spinnen, sonst zerzausen die Maeuse den Flachs. Das
+Maeuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von
+den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das
+Maeuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen
+die Maeuse (Aargau). Man darf alsdann die Maeuse auch nicht bereden, sonst
+stehlen sie das Korn von der Schuette. Anstatt Maus sagt man dann (nach
+Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Boenloeper, Scheunenbodenlaeufer, in Daenemark
+Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch
+so fest, dass der daenische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774)
+waehrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur
+Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die
+Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel uebrig bleibt,
+schuettet man gegen die Kornmaeuse in die Mausloecher. H.L. Fischer, Buch
+v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau baeckt man die
+Fasnachtskuechlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit
+ihr dem wuehlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das
+Gedeihen der kuenftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt
+in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der
+gebacknen Maeuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafuer hat es theils
+bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbaender fuer die Garben
+der Ernte vorauszuflechten; da die Maeuse dieser Nachtarbeit nicht mit
+zusehen koennen, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben,
+jedoch vermehren sich die Maeuse, wenn man ihnen ueber dieser Arbeit
+flucht. Bavaria 2, 300.
+
+Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach
+unten gekehrt in die Tenne; dies gehoert den Maeusen, die hiemit sich
+begnuegen und den Geizigen heimsuchen moegen. Die Beinchen vom
+Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht,
+streut man gegen das Wuehlen des Maulwurfs in dessen frische Gaenge.
+Grohmann, Boehm. Abgl. S. 58. In boehmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz,
+worin man die Fasnachtskrapfen baeckt, bis zur Ernte auf und salbt damit
+die Raeder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt
+der abladende Knecht den Fuhrmann: Was faehrst du? Dieser antwortet: Die
+Katze fuer die Maeuse. Alsdann werden keine Maeuse in die Scheune kommen.
+Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schuettet man in die Scheunentenne
+und spricht: Maeuschen, esst diese Broeckchen und lasset das Getreide in
+Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in
+die erste Scheunengarbe ein Kaese gebunden und der sie Abladende fragt
+den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei,
+erwiedert Jener, so wissen die Maeuse auch nicht, wo ich meine Gerste
+hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt.
+Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten
+einfuehrst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine
+rechte Hand und sprich:
+
+ Da leg ich dem Menschen das Brot
+ und allen Maeusen den bittern Tod."
+
+Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf
+dass die Maeuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kraeuterb.
+3, S. 9a.
+
+Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in
+Mausform gebackenen Zweckbrode.
+
+Mit erstem Fruehlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Baeuerin junge
+Salbeiblaetter, wickelt sie in Eierteig und baeckt sie in Butter ab;
+hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwaenzchen aus der
+Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit fuer den Marktverkauf gebackenen
+groesseren Brodnudeln haben eben dieses Schwaenzchen, doch ist es ein
+thoenernes, damit die Kinder darauf pfeifen koennen. Marx Rumpolts
+Kochbuch von 1581, Bl. 167b waehlt zur Einlage in dieses Mehlmaeuslein die
+Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blaetter. Noch aelter ist folgende
+Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
+gebachen von Salvey. nim duer leutzbiren vnd mach sie schon. seued sie
+weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd
+deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch
+bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein,
+zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt
+von dieser Nudel:
+
+ Bachen wir ein Kuechelein,
+ Meuselein und Streubelein
+ Und trinken auch den kuehlen Wein,
+ Kaku-kaka-nai,
+ Dass man froehlich sei.
+
+In A. Corrodi's Zuercher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst
+es von der staedtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:
+
+ Muesli, weischt, du kaennsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,
+ Waemmae de Zucker nid spart und waemmae cha gnueg devu esse.
+
+Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach
+beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Mueslinudel aufgestellt, aus
+Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern
+demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte
+Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl
+scherzweise der Maushueter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schaetzt
+man einen in Arras, Bethune und St. Quentin einheimischen
+Kaese-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und
+Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nuernberger Lorenzokirche mit einer
+eignen Sage wird fuer eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schoeppner,
+Sagb. no. 641.
+
+Gertruds Name verraeth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber
+werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren
+Erntebraeuchen, besonders beim Heuschnitt erwaehnt. In Schwaben sammelt
+man am Himmelfahrtstage Mausoehrleinkraut, gnaphalium dioicum, und haengt
+es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern
+wirft man Frauenschuehlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung
+des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen
+und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt
+Grimmen faehrt in der Walburgisnacht ein mit vier Maeusen bespannter Wagen
+umher, dessen Kutscher hahnenfuessig ist. Temme, Volksag. von Pommern
+und Ruegen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht
+zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
+Koepenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Muetterleins, das
+gebueckt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kaemmend sich
+im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Koepenicker Flur
+getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen
+heran, von vier kleinen Maeusen gezogen. Kuhn, Maerk. Sag. no. 111. Bei
+Marne in Suedditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel
+mit einem grossen Schatz versenkt liegt; naechtlich kommt dorten ein
+Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Maeusen gezogen und vom
+Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst.
+Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist,
+so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
+der Rhoen- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen
+Tochter gilt. In den gekraeuselten Wellen der Mainstroemung glaubt man
+dorten naechtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21]
+wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die
+Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr
+daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehaengt, welche
+Muetter zu werden wuenschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen
+und foerdert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3.
+Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und
+sitzt an den ihr geweihten heilkraeftigen Quellen. Zingerle,
+Gertrudenminne S. 50. Schoeppner, Bair. Sagb. n. 976. In der
+Gertrudenkapelle zu Bamberg hoerte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
+Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und
+entgieng darueber dem Tode. Schoeppner, no. 207. Waehrend sie auf Schloss
+Karleburg am Main einen Frauenconvent gruendete, wurde ihrem Priester
+Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl.
+Kilian unruehmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser
+Nachricht misstraute, so liess ihn dafuer der Heilige erblinden, stellte
+ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen
+Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign.
+Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der
+Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud
+gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an
+dessen Kloesterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschoepft und
+duerstend in der Einsamkeit stehen, als ploetzlich ein Storch vor ihr
+aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke
+Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von
+Unterfranken 13, 154.
+
+Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkoemmlich,
+weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu
+trinken.
+
+Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Goetter
+und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmaeussen feierlich
+den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten,
+um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Haelfte des
+siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der
+Bekehrung trank das unter christlicher Huelle fortlebende Heidenthum
+"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth.
+53 ff. hat darueber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert.
+an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
+Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
+getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt
+auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne
+(Wiener Jahrbuecher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte
+nur, noch fuer Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis);
+Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein ueblich
+gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verraether
+Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von
+Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S.
+699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
+trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man fuer den Fall, dass der
+Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurueck kehre, sich eine _gute
+Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste
+Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese
+Heilige aus einer Seelenherrin spaeter eine Patronin der Reisenden. Das
+Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
+eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der
+weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern
+jener weitesten, welche ueber den Todesstrom fuehrt und unsern Ausdruck
+Absegeln fuer Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenueberfahrt handelt
+Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle
+aus einer Einsiedler Handschrift angefuehrt: "wenn die menschen sterbend,
+so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwaehnte
+Strassburger Kirchengemaelde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die
+Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer
+des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen
+Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stuermendes Meerungeheuer
+verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als
+sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffaehnlichem
+Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie
+Freyja und ihre Walkueren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in
+Walhall ausgeuebte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
+Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere
+Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren juengeren
+Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshaeusern Hollands gewesen war; sie
+traegt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der
+Wirthsgaeste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und
+oefters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
+zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta
+und Diewardis, die gleichfalls Dienstmaedchen gewesen, in das Beginenhaus
+zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd
+eine Beata und Sancta genannt.
+
+Die in der Figur Gertruds enthaltenen Zuege der Walkuere sind ausser ihrem
+schon anfangs erklaerten mythischen Namen nachfolgende.
+
+Sie ist des von ihr erwaehlten Mannes schuetzender Gefolgsgeist, seine
+Fylgja, laesst sich mit ihm in ein Ehebuendniss ein, schuetzt ihn mit
+Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den hoellischen
+Waffen, reitet fuer ihn ins Gefecht und hinterlaesst ihm, wenn sie nach
+dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz
+und tuechtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des
+Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie
+je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an
+der Wiese vorbeigehendes Waldfraeulein im Gespraeche mit seinem Weibe
+dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
+weinend musste sie hierauf Mann und Kinder fuer immer verlassen.
+Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach:
+So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser
+gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfuellung gegangen. Panzer,
+BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein aehnliches
+Buendniss im Tone der Ritterzeit erzaehlt. Riddert von Berkhof hatte sich
+dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
+Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen
+Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
+Heppener entgegen, wo der Boese bereits seiner wartete; doch der Satan
+konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl.
+Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser
+Vorfall war spaeter in der Heppener Kirche kuenstlich gemalt zu sehen.
+Mittelhochd. Dichtungen tragen aehnliches auf die hl. Maria ueber, die als
+Schutzgeist eines Gefaehrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
+deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder fuer den Schutzbefohlnen aufs
+Turnier ziehen und in Gefechten mitkaempfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert
+daraus, dass Maria hier an die urspruengliche Stelle der kriegerischen
+Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Goetterwagen mit
+zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walkueren
+gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetuemmel
+mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu
+deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.
+
+ * * * * *
+
+Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem
+galloroemischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfiguerchen einer aus
+Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Haehnchens ausgegraben
+und beides uns zu einem hoechst schaetzbaren Andenken uebersendet. Der
+Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an roemischen
+Alterthuemern in der ganzen Rheinpfalz, hat juengst auch zur Entdeckung
+eines wohlerhaltnen Brennofens gefuehrt; man erhob daselbst eherne
+Legionsadler, Broncefiguerchen, Meilensteine, Muenzen aus dem 4.
+Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz
+gleiches Haehnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch
+dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der
+Regenerationskraft. Die Maus traegt eine Schelle um den Hals gebunden;
+denn nach Apollodor (Fragmente) wurde fuer Sterbende Erz an einander
+geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Koenige unter Glockenton zu
+Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der
+Macht der Daemonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkuendet das Kraehen des
+Hahnes das Licht des neuen Tages.
+
+Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn.
+Hermann Brunnhofer aus Oxford ueberbracht worden. Die Figur ist aus
+ungesaeuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus
+der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfiguerchen auf den dortigen
+Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen
+bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thuer- und Kamingesimse, finden
+aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
+Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zaehne
+nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvoelker 4, 165.
+
+[14] Firmenich, Voelkerstimm. 3, 112.
+
+[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[17] Curtze, Waldecker Volksueberlief. S. 285.
+
+[18] Alemann. Kinderlied.
+
+[19] Harun al Raschid traeumte, alle seine Zaehne seien ihm ausgefallen;
+der Traumdeuter erklaerte dies dahin, der Monarch werde alle seine
+Verwandten ueberleben. Rosenoel, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
+Wahrzeichen der indischen Todesgoettin Kali ist der schwarze Zahn, der
+alles benagende Zahn der Zeit.
+
+[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei
+Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. Maerz der hl. Koenig Guntram
+abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Baechlein. Ueber
+dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
+gekommene Maus laeuft darueber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit
+offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram
+an, weil er seine Schaetze den Armen geschenkt und dafuer einen ihm von
+Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.
+
+[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl.
+Elisabeth von Thueringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in
+Preussen, ueberschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer
+Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die
+Messe nach Kulm kommen zu koennen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre
+Fussspur in jenem Gewaesser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
+Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Naechten auf den Wellen
+der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Koenigin
+Berta zurueckgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Saemmtliches erinnert an Homers
+silberfuessige Thetis und goldenfuessige Hera.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Nachtraege.
+
+
+[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den
+Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat
+ihre neueste Vervollstaendigung gefunden durch die drei Bildergruppen
+eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im
+Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen
+die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Maenner dar. Aus
+einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um
+Haupt und Lenden Epheukraenze tragend, jeder auf einem phantastischen
+adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus
+reitet der Maikoenig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem
+Ornamente der drei stumpfen Blaetter, ueber welche sein Hirschgeweih
+emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die
+Huefte traegt er einen Guertel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit
+Pfeil und Speer Rosen in die gegenueberliegende Burg. Ihre Absicht steht
+auf den sie umgebenden Spruchbaendern zu lesen.
+
+ Wol vf alle mine wilden man,
+ wir wellent festen und buirge han.
+
+ Schiessen alle, nieman loss abe
+ an buete gewinnen, will einer habe.
+
+Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den
+Sommerreitern her eilender Juengling mit herbei getragnen Brettern zu
+ueberbruecken strebt. Von den Zinnen herab kaempfen fuenf dicht in
+Wollenfliesse gekleidete Maenner, die Winterkoenige; denn auch sie tragen
+Kronen wie der Maikoenig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr
+Burgwart am Soeller stoesst ins Rom; das Spruchband ueber ihnen besagt:
+
+ Vnser vesten, die ist wol behuot
+ mit gilgen, klewen, rosenbuot.
+
+Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen
+Fruehlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in
+welchem die Maikoenigin bereits Platz genommen hat. Auch sie traegt die
+offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch
+gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
+Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten
+Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_
+abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen
+alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss
+hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels
+agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnaebelte
+Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im
+Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls
+das dreifache Blaetterornament zeigt. Im Luft haengt ein kurzes krummes
+Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze,
+mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zuegel
+seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen
+arabeskenhaft umrankt.
+
+[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die
+Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
+Eisensaerglein neben Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In
+den von mir eroeffneten und beschriebnen heidnischen Waldgraebern zu
+Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des
+Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer
+Alterthuemersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.
+
+[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
+_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich
+verrathende spaete Entstehung dieses Gedichtes weiter bestaetigt. Es
+leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in
+der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwaehnten
+roemischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem
+Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt
+worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen,
+die oft citirte Inschrift aber laengst als unecht erkannt worden.
+
+[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
+gelten mancher Orten gleichmaessig als weissagende Liebesboten. In
+Deutschboehmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man
+bald heiraten werde; der Specht hat es bestaetigt, sagt man dann.
+Grohmann, Abgl. S. 70.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Wortregister.
+
+
+Ankenbruet.
+Ankenschnittenprozession.
+Ara, Aarefluss bei Solothurn.
+arbaiz, Erbsen.
+Aufburg bei Zurzach, roem. Castrum.
+
+Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwuenscht.
+Bilihildis, hl., aus fraenkisch Veitshochheim.
+Brod,
+ den Elementen geopfert.
+ Erntebrod.
+ Eulogienbrod.
+ gegen Tollwuth.
+ gegen Wolfshunger.
+ phallische Zweckbrode.
+ Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt.
+Brunnen Walburgis,
+ im Elsass.
+ in Franken.
+ in Holland.
+ in Tirol.
+Brustbein Walburgis.
+Butterschnitte,
+ als Praeservativ und Heilmittel.
+ bei kirchl. Prozessionen.
+Buttergewinn, zauberischer.
+
+Elben in Mausgestalt.
+Emmetsheimer Steinbild phallisch.
+Erntebrode.
+Ernteopfer.
+Eulogienbrod.
+
+Fadenziehen, ein Liebesorakel.
+Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.
+
+Gertraud von Osten.
+Gertrud,
+ Verstorbene beherbergend.
+ zu Rosse.
+ als Waldfrau.
+ Gertrudenkirchen,
+ niederdeutsche.
+ ostfraenkische.
+ Gertrudenkraut.
+ Gertrudenminne trinken.
+ Gertrudentag, Kalenderregeln.
+ Gertrudenvogel.
+ Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen.
+ G's Mantel.
+ G's Spindel mit den zwei Maeusen.
+ G's Schiff als Trinkgefaess.
+ G's Wagen.
+Gnadenstein Walburgis.
+
+Hagel, ein Koenig.
+Hagelfeierpredigten.
+Hagelsquelle.
+Heiden- und Schoenbrunnen.
+Heidenkirchen,
+ als spaetere Walburgskirchen.
+ als spaetere Verenakirchen.
+Heilquellen Verena's.
+Heilwag.
+Helgenbronn.
+Holpurga.
+Honigfall.
+Hund,
+ als Walburgis Gefolgsthier.
+ als das anderer Goettinnen.
+ als Speisenname.
+ gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert.
+Huehner, kirchlich geheiligte.
+
+Kaesbrunnen.
+Kleinkinderbrunnen.
+Kleinkindersteine.
+Klumpfuesse,
+ durch Walburg geheilt.
+Konstanzer Bisthumsgrenzen.
+Kornaehre,
+ Mittel gegen Hundebiss.
+ Mariae und Walburgis Emblem,
+ das des hl. Oswald.
+ Sinnbild von Obereigenthum.
+ der Truden Zaubergestalt.
+Korngarbe, Walburgis Versteck.
+Kriemhiltengraben am Jung-Albis.
+Kukuk,
+ ein verwuenschter Becker.
+ auf dem Binsenstuehlchen weissagend.
+ als Lebensorakel.
+ als Theuerungsprophete.
+
+Lehmkugeln,
+ in Heiligengraebern.
+ in Heidengraebern, _s. Nachtraege_.
+Lebermeer.
+
+Maibad.
+Maiengericht, dessen Kostenbetrag.
+Maienthau,
+ abstreifen.
+ baden im Maienthau.
+ Maienthau der Erdmaennlein.
+ kosmetisch.
+ medicinisch.
+ sprichwoertlich.
+ zauberisch.
+Maigraf, Maigraefin.
+ _s. Nachtraege_.
+Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken.
+Mairitt.
+Mauritius, Verenas Verwandter.
+Maus,
+ als Alb.
+ vor Gericht geladen.
+ als Ortsgeist.
+ als Pestthier.
+ als Seele wandernd.
+ als Suehnbild.
+ als antikes Stellfiguerchen in Graebern.
+ in Gestalt des Zweckbrodes.
+ als Stadtwahrzeichen.
+Maus weisse, geheiligt.
+Maustrank.
+Mausoehrleinkraut.
+Maeusegespann.
+Maeuse machen.
+Metzentanz in Zurzach.
+Minnetrinken.
+Muehle als Ort der Liebesabenteuer.
+Muehlstein,
+ als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe.
+ schwimmender.
+Muellerbraeuche am Verenentage.
+
+Oel,
+ hl., ein Augenmittel.
+ aus Heiligenknochen.
+ der Walburgishexen.
+
+Ortschaften des Namens Walburg.
+Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer.
+Osterbad, reiten ins.
+
+Pfeife, magisch wirkende.
+Phallische Goetterbilder, ihr Zweck.
+
+Reimsprueche beim Meienpflanzen.
+Richard, Walburgis Vater.
+Rimleins- und Roemleinsbrunnen.
+Roggenaehre, Mittel gegen tolle Hunde.
+Ross,
+ Gertrudens.
+ Verenae.
+Rutscherzins.
+
+Schnecke, als Kukuk angerufen.
+Schuh,
+ goldner Walburgis.
+ Schuhwerfen als Liebesorakel.
+ Schuhzins am Walberfeste.
+Silber geschabtes, gegen die Tollwuth.
+Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schuetzend.
+Sommer,
+ den, ins Land reiten.
+ _s. Nachtraege_.
+Specht,
+ als Gertrudenvogel ein verwuenschter Becker.
+ ein verwandelter Gott.
+ als Liebesorakel _s. Nachtraege_.
+Spindel,
+ der hl. Walburg.
+ der hl. Gertrud.
+Spinnverbot an Walburgis.
+Staerketrunk.
+Stillicidium Walburgs.
+Storch, Gertrudens Vogel.
+Straehl-Anneli.
+
+Teufelsstein in Verenae Einsiedelei.
+Thau abstreifen,
+ zu Milch- und Buttergewinn.
+ als Mittel gegen Kornbrand.
+Thautrinken.
+Tobel-Vreneli.
+
+Valentinstag.
+Venes- und Vrenesberge.
+Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen.
+Venus-Vrene,
+ in dem mundartl. Tannhaeuserliede.
+ in den Ritterdichtungen.
+ Die Venus- und Vrenenhaeuser.
+Verena,
+ ihre Namensformen.
+ Niederdeutsch: Fru Freen und Fru Frien.
+ Rhaetisch: Vereina.
+ Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
+ Verenabad.
+ Ve. als Gebirgsriesin.
+ Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkroenlein.
+ Verenaloch:
+ zu Baden.
+ im Entlebuch.
+ auf der Schafmatt im Jura.
+ Muellerpatronin.
+ Schifferpatronin.
+ Verenareliquien.
+ Verenastift.
+ Verenatag als Gerichtstermin;
+ Gesundheits- und Wirthschaftsregeln.
+ Ve. als Weisse Frau 139.
+Verenae,
+ Bildsaeulen.
+
+ Dienstross.
+ Fingerring.
+ Geburtsguertel.
+
+ Heilquellen.
+ Kamm und Krueglein.
+ Katze.
+ Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz.
+ Kapelle, ein Roemercastrum.
+ Kleinkindersteine.
+ Kindersegen bescherend.
+ vierzig Mehlsaecke.
+ Muehlstein.
+Vrenelisgaertli, Gletscher am Glaernisch.
+
+Walber,
+ der Fuehrer des Maienzugs:
+ in eine Korngarbe gebunden.
+ ein Bergname.
+ Riesenname.
+ Walberbaum.
+ Walbernthau.
+Walburg,
+ als Flur- und Ortsname.
+ mundartl. Namensformen.
+ Die Heilige:
+ als Nichte Winfrids.
+ als Heidengoettin.
+ als Riesin.
+ vor dem W. Jaeger in die Korngarbe fluechtend.
+ Walburga Westfalica.
+Walburgis-kirchen,
+ als Heidenkirchen.
+ als Roemercastrum.
+ Ortskirchen.
+ hl. Quellen.
+ Reliquien:
+ Brustbein, oelschwitzend.
+ Stab.
+ in Wittenberg und Koeln.
+ im Auslande.
+ Schoenheitswettstreit.
+ Spindel und Goldschuh.
+ Steinernes Venusbild.
+ phallisch dargestellt.
+ Wildgans.
+Walburgistag,
+ als ungebotne Gerichtszeit.
+ Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der
+ Landschaft:
+ in Thueringen.
+ in Unterwalden und Friesland.
+ in Ostpreussen.
+Walper,
+ Anna, als Hexe inquirirt.
+ Walperherren, Walpermaennchen und -zins.
+ Zug nach Walpern.
+Walburga-Holpurga.
+Wasserkirchen.
+Wasserfrauen.
+Wasservogel, _s. Nachtraege_.
+Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne.
+Wiborada, die hl. v. Klingnau.
+Wihegazza.
+Wilibald,
+ der hl.:
+ Walburgis Bruder.
+ ein Huene.
+ Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
+Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen.
+Wolbermai.
+
+Wolbrygabend.
+Wolfszahn, Amulett.
+Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis.
+
+
+
+
+
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
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+
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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