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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:38:39 -0700 |
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Rochholz + +Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + + + + + + + + + +Drei Gaugöttinnen + +Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige. + +Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben + +von + +E.L. Rochholz. + +1870 + + * * * * * + + + + +Vorwort. + + +Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen +die nachfolgende Schrift am Titel trägt, drei nächstverwandte Wesen aus +der deutschen Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den +Perioden seines akademischen Jünglingsalters und während der ersten +Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgängen, +Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung örtlicher Alterthümer +nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung +den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss sei +ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergänzen helfe. +Während sich ihm letzteres bald als eine gemüthliche Täuschung erweisen +musste, war ihm darüber doch das Glück beschert, reichliche, nachhaltige +Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt +einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden +Lebensänderungen nicht mehr veralten lässt. Und so erklärt sich der +Ursprung unseres Buches als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer +gereifte und hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung +der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was +man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht uns eigentlich nichts +an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thälern der +Altmühl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und +Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der +Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt +wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken, +innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ältester Zeit +bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier +nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern +die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen +waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des +Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also +zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung dieser +Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt ein älterer, als +der durch die Kirche veranlasste je hatte sein können. Und also führte +uns die _Gauheilige_ in rückschreitender Metamorphose auf die +_Gaugöttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich +approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstützt +wird, lässt sich mit ferner versuchten Einwänden nicht weiter mehr +aufkommen. Auch führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste +Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch ungeschwächt und +persönlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von +Amélie Bosquet die Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen +einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und +dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen +Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet. + +Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes +Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott. +Die dem Germanen eigenthümliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn +vor allen Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem +Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac. +Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt, +welche Wächterinnen der züchtigen Geschlechterliebe, der häuslichen +Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war +es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das +Wort frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau +bekleiden und als solche die Geschäfte der Tempeljungfrau, Priesterin, +Heilräthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer +langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch +furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig +überrascht durch das in barbarischer Form überlieferte römische +Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengöttinnen +kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends +satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser +Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und +nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, sondern ebenso +die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung +herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein +allerdings nöthigender Grund, sie später einmal zu Christentugenden zu +subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu +Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine +erzwungene, innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des +Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob +hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, anstatt dass +umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn +legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher +Klerus, der dem Cölibat den übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend +zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die +Himmelsherrin, auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des +Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwürde +verkündenden Mythus durfte der Mönch kein Recht belassen, sondern musste +ihn so weit und so unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis +heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar auf einer +Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprüchen +bereitete, als ölschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie +auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke +brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das +aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht. +Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin gewesen, hier eine Frau +Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren +Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden +den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber +nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S. +149). So ursprünglich schon steckt in dem Legenden erzählenden Mönch +ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender +Waldteufel, wo in der fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und +Spessarts die Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die +Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die +Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwüstenden Riesin +wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena + + --auf des gefürchteten Gipfels + Schneebehangener Scheitel, + Den mit Geisterreigen + Kränzten ahnende Völker. + +Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafür +ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite +der Männerwelt, rein aus Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an +die neue Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des Lebens, +für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm +einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrösse +erobert und sogar den Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser +Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische +Streben des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein +frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der +gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein Mirakel +erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das +persönliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen +bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der +Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem +germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der +Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht. +Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift, +die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt. + +Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870. + +E.L.R. + + * * * * * + + + + +Inhalt. + + + +Vorwort. + + +I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergöttin. + + +Erster Abschnitt. +_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_. + +Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, Klosterstiftungen, +Grabstätten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft +fliessend; ähnliches kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und +Embleme Walburgis. + + +Zweiter Abschnitt. +_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_. + +Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgöttinnen und +Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes +Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und süsse +Hündlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre +und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in +dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs +Eulogienbrode. + + +Dritter Abschnitt. +_Walburgistag, des Meien hochgezît_. + +Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen, +den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und +Ruthenzug.--Maigraf und Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche +und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: sämmtliches +als Abbilder eines göttlichen Werbungs- und Vermählungsmythus, welcher +im Frühlings- und Erntevorgang spielt. + + +Vierter Abschnitt. +_Maiengeding und Walbernzins_. + +Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen +Gerichte, gezeigt aus den Weisthümern.--Urkundliche Berechnung der +Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die +Walpersmännchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit +verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag +fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft. + + +Fünfter Abschnitt. +_Der Mythus vom Maienthau_. + +Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. Thau als +Quelle von Leben, Lebensdauer und Körperschönheit, angewendet +als Heilbad, Stärke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung, +Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt +durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in +seiner naturgeschichtlichen Begründung. Thauschlepper +und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner. +Walburg in den Riesen- und Hexensagen. + + +Sechster Abschnitt. +_Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung_. + +Die westfälische Walburg. Die phallischen Götzenbilder zu Antwerpen und +Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen +Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in +den Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. Etymologische +Erklärung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher +Anwendung.--Schluss: die Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, +Meth, Ael und Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank. + + +II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter. + +Erster Abschnitt. +_Verena, eine alemannische Gauheilige_. + +Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; +ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres +durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und +Altäre in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. +Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene. + + +Zweiter Abschnitt. +_Verena, die Müllerpatronin_. + +Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen +Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als Ehegöttin. Der in Stein +verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke. +Wirthschaftsregeln am Verenentage. + + +Dritter Abschnitt. +_Verena, die Geburtshelferin_. + +Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die +ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und +Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen. +Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von der +Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnischgletscher. + + +Vierter Abschnitt. +_Verena als Frau Venus_. + +Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des +Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und +Vrenenhäuser, zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung +auf den ursprünglichen Mythus. + + +III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin. + + +1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen. + +Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes, +Stabes, der Spindel und der Mäuse. + +2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht, +Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und +werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten. + +3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben +und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde +Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte +Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische Bräuche. + +4) Die Rolle der Maus bei den Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen +Zweckbrode. Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das +Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walküre. + +_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das +Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen Mäuschen. Das +Kalenderzeichen des Gertrudentages. + + +Nachträge + + +Wortregister + + * * * * * + + + + +I. + +Walburg mit drei Aehren, + +die Ackergöttin. + + * * * * * + + + +Erster Abschnitt. + +Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende. + + +Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus, +der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine +jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den +thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von +der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die +entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und +Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des +Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig +Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter +einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den +Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden +Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und +dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu +vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende +nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden +kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende +ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender +Ausarbeitung. + +Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat, +sind nachfolgende. + +Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise +nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin +Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die +Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster +eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst +seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei +Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums +commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba +etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb; +er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im +Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch. +des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle +übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende +Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch +Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J. +888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im +J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen +Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin +Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden +aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem +Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und +Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt +in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber +die erste _umfassendere_ Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b. +Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb +1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der +Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen +Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä +Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende, von +uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars +secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor. +tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere +Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs +Kirchengesch. 2, 347 und 356. + +Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder +Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei +Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im +Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in +diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau +diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete. +Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke +begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen. +Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in +Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, +Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am +Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares +Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war +auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und +hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser +Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge +des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss +auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach +in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte +Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in +der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der +Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof +von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute +er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte +demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und +übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen +Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr +Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt +noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter +Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter +Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst +Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier +Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist +in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore +gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth. +1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster +Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem +Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt +seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg +auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel +umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die +Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des +Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach +jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in +einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie +stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben +so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen +Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen +heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im +Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell, +an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute +sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine +Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim +Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes +geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr. +Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936. + +Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die +Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den +neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der +Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben. + +Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli +781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren +im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar +Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest +und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept. +870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und +bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess +Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen. +Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und +wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche +zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine +Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt. +Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte +streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der +Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre +Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus +ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der +Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen +Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt +werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub, +zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei +Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui +madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent +(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von +Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt +gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu +Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem +Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in +gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die +Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen, +Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm +(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass +Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim +spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, +Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen +Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem +Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich +am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. +302. Wir werden später darauf noch zurückkommen. + +Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts +anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im +Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten +Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in +seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein +auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein +Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden +ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne +ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten +Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein. +Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt +Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und +überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und +tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich +sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spätere +Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die +nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, +durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale +geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) +als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit +Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen +silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des +Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss +und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend; +unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich +selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; +mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und +Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel, +vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft; +sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem +gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten +diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei +geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders. + +Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium +begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen +Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr. +(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss +erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen +Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser +die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb, +folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12. +Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft +nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und +fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen +Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel +trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste +Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et +Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die +omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum +administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich +auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken +begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der +Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder +Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei, +und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in +verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf +verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1]. + +Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen +Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der +Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem +in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals +bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher +1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die +versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das +Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da +1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März +fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach +einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der +Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts +Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach +beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu +Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem +Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses +Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es +die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben +sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen, +oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte +Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.--Der Eichstädter +Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten +Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine +Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et +desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II, +306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die +darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so +reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein +wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307. + +So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer) +Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu +Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten +statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches +Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei +sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im Stande der Gnaden +befinden, damit es nicht sogleich verfliege. + +Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine +derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht. +Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein, +sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig, +und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren +Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit +von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe +vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) +fügt erklärend bei: + + ûz dem sarksteine, + dâ inne lît diu reine, + vil heilic ol vlûzet, + des diu werlt vil genûzet. + der iht siecheite hat, + des wirt al ze hant rat, + als man ez dar an strîchet. + +In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine +lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift: +Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und +Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl +und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für +immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann. +Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine +des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des +Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der +damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die +Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom +nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger +Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen +verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen +olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich +davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196. + +Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen +auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu +Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von +Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in +Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi +Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen. +Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und +achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 +auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang, +Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas +der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel +der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu +entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo. +Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die +Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären +ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der +Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende +Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe +schwitzen müssen: + + Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor? + In cavea Martis num pugil illa fuit? + +Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem +Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes +gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt +Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi +athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner +6. Homilie über den Brief an die Coloss.--Nork, Realwörtb. 3, 301. + +Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta +SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme +geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch +lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und +seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei +Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger +heilt: + + Hinc quendam fastidiosum + Fame paene mortuum + Alloquens per visionem + Monet, ut de calice + Ejus biberet; quo facto + Esuriit solito. + +Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde +von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da +auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die +er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher +Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft, +welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist +einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei, +dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im +Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten. + +Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per +totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae +dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das +Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest +Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias +ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt +wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen, +geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius +erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen +Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu +Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen +daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai +zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) +kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die +dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige +hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland. +518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308. + +Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im +Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation +verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt +Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf +welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand +einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der +linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte +Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an +(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist +Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae +Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und +im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl. +Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem +Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt +wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen +erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in +der Hand haltend: + +Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de +Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga. +Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt +das Grabmal).--P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl. +Walburgis. Regensb. 1708. + +Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem +Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und +Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff +vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede +sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten +aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten. + +Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering +eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von +Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei +Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht +der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit +gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest +gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man +habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889. + +Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das +topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868) +folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, +Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg +bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein +Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit +zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf +bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof; +Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei +Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei +Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei +Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei +Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei +Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf +bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei +Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei +Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles +vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens +Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in +altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit +Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im +tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen +Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als +Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61. + +Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen, +nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien +Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss +ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich +von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die +Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten +Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos. +Bolland. 3, 518. + +Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der +Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird; +2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt +Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron. +Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei +erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8. + +Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine +Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem +Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906. + +Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben +Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, +Aldenaerde, Brügge, Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später +noch zu handeln sein. + +Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein, +Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen. + +In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu +Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche +daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg, +einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta +fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027 +gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu +dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. +Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis +übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König +Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber +diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite +Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X. + +25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstädt in der +Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. März: Gretser l.c. +pag. 907. + +1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstädt; gefeiert in +der Eichstädt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica. +Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. +Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die +Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, +Liturgia 4, 768. + +4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstädt (Bollandisten +ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. +522; zu Veurne, in der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912. + +12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter Walb.kloster. + + * * * * * + + + +Zweiter Abschnitt. + +Walburgis Hunde, Walburgis Aehren. + + +Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die +bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des +Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch +das Eichstädter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da +zwischen den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser +Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau +gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3, +tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch +davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thüre +des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rüden angefallen wird; +auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp +(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller +Hunde angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der Heiligen +als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren Zeit nachweisen. Die +Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt spielt nicht in dieser Stadt, +sondern in einem Orte, welcher römisch Aureatum heisst und schon seit +Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit +einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den +beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse +gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstädter +Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von +Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft +geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind +Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der +Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach +München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll röm. +Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, deutlich unterscheidet man +noch den Lauf der Römerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser +1620 von der Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an +dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau +vorstellte, zu deren Füssen, von Erde überschüttet, angeblich ein Hund +liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei +Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind +seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele +entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der +Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, aber deutschen +Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236, +und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber +derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer +Kirche nicht, wo Walburgis frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair. +Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf +den frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft +angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben +musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes, +dessen herabhängende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Händen berührt +werden. Man sagt, hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund +begraben. + +Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg führen dasselbe +Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form +und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi +genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier +nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der +Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere +jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengöttinnen +und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde +erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten +die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und +Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend +umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter +(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter der Frû Gauden umbellen +den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hündinnen. Colshorn, Märch. +u. Sag. no. 75. Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war +daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei +_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde, +welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. +289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das überirdische +Hündchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege +hiefür: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das +hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden +steht gerade über der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist +der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. +Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das +Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. +Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der +Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwähnten Kapelle zu +Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von +der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. +Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950. + +Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das +freundlich-wohlthätige Geleitsthier der schönen Weissen Frau ist es +gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die +des Gewitters feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der +Rost, der während der Hitze der Hundstage das Getreide befällt, war dem +Römer versinnlicht durch das Götterpaar des Robigus und der Robigo, die +beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen +Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien +geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in +seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den +Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hündchen +schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und +Kornähre abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die Ursache +des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941: + + Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar, + Und erleidet den Tod wegen des Namens allein. + +Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljährlich +zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im +April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt, +Fastelabendgebräuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese für die +Landwirthschaft gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man das +Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.), +oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederösterreich wird am 28. Dec. +(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das +wird das Wind- und Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer, +so sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu befürchten. Ein +Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man müsse +die Windhunde füttern." Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das +eben angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte +Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das +Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der +erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschädigen +konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brôt, ez hat gesnîget. +Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers Hackelberg +in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter über an der +Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so +mildherziges Haus im Frühjahr drauf mit Milch und Butter reichlich +gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten +noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von +Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten) +jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet +die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm +traben, denen söllent sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der +Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten +Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für jeden +geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die +oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspätzlein, die man +in Baiern Nackete Hündlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen +Tölpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; +beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein +wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. +2, 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes sprang die +Vorstellung über auf den Biss der wüthenden Hunde, hielt aber in beiden +Fällen die Kornähre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht +man im Felde zum ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf +Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und streicht sie +stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden +gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. S. 402. Ein latein. +Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen +also beginnenden Hymnus: + + Walburga venit: cedite + vesane grex, molossi! + Cedunt, pavent, obmutuit + os impotens latrandum. + +Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass +euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe +Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst. +Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen +Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und +diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nächsten +Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4, +149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea +canicida, canivora genannt war. + +Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um +thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische +Butter auf ein Stück Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm +entzwei, mach ein Löchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit +Brod zu, schmiere Meyenbutter drüber, lass es aufessen. Dies ist ao. +1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll; +reissen an den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor +ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine +Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen. +Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den +Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermünze) auf Butterbrod, +so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in +Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der +Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig +reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon +verabreicht, damit es in keinen bösen Wind komme. Wir werden hievon im +fünften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession +von Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg +gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten +Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen +abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzählen von einem am +Wolfshunger leidenden Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst +eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere +Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch. + + Sualaveldico in pago + Fuit quaedam faemina, + Quae languore fortissimo + Aegrotare coeperat. + Namque tam intemperata + Edendi ingluvies + Incessit semisanatam, + Ut nulla edulii + Abundantia valeret + A suis saturari, + Exhaustis jam parentibus, + Sed fame accrescente + Anxiata hinc dolore + Hinc pudore maximo. + Tandem divinitus tale + Occurrit consilium. + Rogat suos se deferri + Ad Walpurgae gratiam. + Quo delata, biduanis + Incumbebat precibus, + Quibus exorata virgo + Gradiendi miserae, + Qua privata diu fuit, + Sospitatem reddidit. + + Bona quaedam monialis, + Vocato preabytero, + Benedici panem fecit + Redditque famelicae. + Quo gustato nequam illa + Fames voracissima, + Virgine sacra favente, + Coepit se subtrahere, + Sic paulatim decrescendo, + Ut prius accreverat. + Sic crescente fastidio, + Pro mira esurie, + Tandem nil aliud cibi + Praeter solum caseum, + Nihil de potu gustare + Nisi tantum lac poterat. + +Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bändigung der Hundswuth +gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin +misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe. +So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. +Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss +nothwendig auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie +kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das +Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Büschel +in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers +Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre +Dame de trois épis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne +erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen +der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae Geburt +und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142. +"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blüht, so wird +er vor Jacobi nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man +diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet +ihren über das sündige Menschengeschlecht erzürnten Sohn, nicht alle +Feldfrucht zumal zerstören zu wollen, sondern doch noch so viel an den +Aehren stehen zu lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein +ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur +Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim elsäss. Stifte Katzenthal +gelegen ist. Ebenso lässt Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer +Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwählt, mitten aus dem Winterschnee +drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der +Hand trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornähre +brachen und vereinigten die römischen Brautpaare und benannten nach +demselben den Eheabschluss stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn, +so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben +Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der +Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom +reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, der Frühlings-Genius der +aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen +verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen +Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur +entgehen, wenn man in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem +färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen +Verfolgung ins Fruchtkorn: + + Ein Kornfeld liess da Wodans Macht + Geschwind erwachsen in einer Nacht. + + In des Ackers Mitte verbarg alsbald + Wodan den Knaben in Aehrengestalt. + + Als Aehre ward er mitten ins Feld, + In die Aehren mitten als Korn gestellt: + + "Nun steh hier ohne Furcht und Graus, + Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!" + +Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 44) ist die +hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern +und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause +einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den +daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie ein kleines +Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst +auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit +langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig +(golden), in den Händen trägt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles +Zukünftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser +Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie +auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch sein +Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag). +Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der +Bauer willfahrt, als die Reiter vorüber brausten. Des andern Morgens +fand er in den heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher wird +die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner, +erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind +in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine +Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trägt. +Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Städten des bair. +Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen +Volksbelustigung gewesen. + +Plätze, Strassen und Häuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den +Festumzug eröffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh +gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe +zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres +Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den +Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt dorten nur +noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum +Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In +Niederösterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht, +sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gärten und trägt die schon +vorhin erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden +vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem +Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den +Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold +auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern +und Moosfräulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer über sein +Ross legt und die sich Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der +französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich lokalisirt. Um +die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem südfranzös. Dorfe +Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte +ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und +sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen +eines Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt +und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jährlich +im Frühling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in +der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und +Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem +10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf +Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte +vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die +vergötterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frühling umherirrend +sich dem Zephyr ergab und daher die Macht über die Blüthen der Bäume und +Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler Estourgoux, +verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der +Felseinöde des dortigen Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier +aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den +gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in +beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit Kreuzen gekrönt sind. Unter +grossem Zudrange des Volkes werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der +Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens +getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend +aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das Gewölk vertrieben, +sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rücken pflegt. A. SS. +Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart. + +Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den +Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen einer ursprünglich +edleren Vorstellung von gütig gesinnten und für den Erntewachsthum +bemüht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung, +emsig das Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner Sage +bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mühle +heimträgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er +grüsst sie: + + Gott vermîr ich iren danz, + Gott vermîr ich iren kranz! + +Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des +Mehles ledig wird! + +Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von +Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209); +allein damit verbürgt er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach +überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim +Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die +Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wächst im Korn schwarzer Raden, +am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, +Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in abergläubischer +Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des +Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als +Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby, +Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, +geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des +Schutzgeistes reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur +etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette +Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder +Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau +bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss, +Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des +Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling +_Milchtrut_, anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wörtb. 62): so +wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valküre +galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allüberall ihren Schützling +umflog, wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. +marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in umgekehrter +Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrättelein +die Stallrosse und zöpft ihnen Schweif und Mähne, dass sie schwitzen; +denn es ist gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener +himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt, +Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel +noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der +Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen. + +Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten; +das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu +Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai +einen reichlich geschmückten Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen, +wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128. +205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt _drei_ Aehren vom +fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune. +Schönwerth 1, 432. + +Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis +Eulogienbroden. + +Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede +zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich +einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es +war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen +Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den +religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor +ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein ähnlicher Brauch war nun auch +dem deutschen Heidenthum geläufig gewesen und dauerte noch lange fort in +dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsächsischer Name +Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für Alle; Gott, auf +dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte +bewahren. Eine natürliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung +derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Dürftigkeit +geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den +Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und +ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit +derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering +bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite +Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen +Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. Das Christenthum +vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten der Germanen nicht +abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen: +"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die +angelsächsischen Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass +man diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr einen andern +Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz +mit grünen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches +Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans +Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der +Sättigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten +trat später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den +Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- und Festtagen unter +dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain béni) überreichlich +an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein +durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung +von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem +daselbst erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, Fische, +und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3. +II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getränk +jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils +aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andächtigen +gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre +werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der +Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der +hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten +Brode. Hierüber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder +gesungen, von denen ein kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist +diese. Ein blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume sagen: +Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grüne +Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum +Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, überbrachte dahin die Brode +und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am +Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie +bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, +untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich +und das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. 300). +Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hühner. Sie +lassen nicht auf die gewöhnlichen Zinshühner schliessen, von denen in +der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der +Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist +nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche +galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und +gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch für heilsame Thiere +gehalten (Schönwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein +und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. +Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, +allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des +Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und +Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441. + + Puella quaedam ab ipsis + Heu caeca cunabulis, + Audita opinione + Virginis eximiae, + Desiderio flagravit + Veniendi maximo. + Quam quidam in visione + Nocturna submonuit, + Oratorium adiret + Tanti desiderii, + Oblatas mundas offerret, + Altari imponeret. + Quas illatas statim binae + Gallinae comederent; + Quibus pastae deservirent + Matris excubiis. + Venit, attulit, imponit, + Preces fudit intimas. + Astant duae moniales + Gallinae videlicet, + Praevisae in visione, + Quae oblatas colligunt, + Et requirunt diligenter + Quae, unde, cur venerit. + Quibus illa dum exponit + Singula veraciter, + Domino propitiante + Et beata Virgine, + Incognitum lumen coeli + Novis hausit oculis. + + * * * * * + + + +Dritter Abschnitt. + +Walburgistag, des Meien hochgezît. + + Der meie der ist rîche, + er füeret sicherlîche + den walt an sîner hende, + der ist nu niuwes loubes vol: + der winter hat ein ende. + + Neidhart von Reuenthal (1234). + + +Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der göttlichen Wesen +unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer +älteren Sprachweise lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda nennt +den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svâsudhr; der Winter +dagegen (Vetr) hat den Vindlôni und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl +und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr +abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in +einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen waren ein Brauch, +welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Südbaiern und der +Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort +herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch +des Winters, der es erst auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt. +Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm +die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt +gewappnet auf den Plan: + + sein panzer was ein grüenes graz, + sein koller darauf ein weisser klee, + sein halsperg was veyolvar, + sein bugler wag von rosenbluet. + er füert in seiner hende + ein sper, was michel lanc + vnd was eitel vögelingesang. + +A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub +gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah auf Walburgis oder +1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In +Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des +Ortes seine Maigräfin, die Majinde, erwählte, indem er seinen +Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thüringen war es der in +Pappellaub eingebundne Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein +Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder +steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet, +der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten und führte die im Busche +versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern +Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der +Provence Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An diesem +letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen bändergeschmückten +Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und +das Gefolge singt vor den Häusern: + + Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum, + Lass dich beschauen 'rum und 'num. + Maienröslein, komm in grünen Wald hinein, + Wir wollen alle lustig sein; + So fahren wir vom Maien in die Rosen. + +Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein, +Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder die Hühner nehme, der +Stock keine Trauben, der Baum keine Nüsse, der Acker keine Frucht mehr +trage; denn das Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen +Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, 56. Fällt der Nachdruck +der scenischen Festaufführung auf das Vertreiben des Winters, so nennt +man dasselbe den Tod austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise, +mit dem Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit +Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der König einen mit Goldpapier +beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm +sein Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Königstochter +werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein +Bündel Lichtspäne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom +erzürnten Vater niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei +Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die eine angeführt +vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit Handspiessen bewaffnet, +Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der +mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein +Speerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch +des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung +des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute +glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln +unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der +Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen Birken- und +Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mühe +zum Grünen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glänzender als +es durch Speerkämpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die +Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik +(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt +Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer Mairitt, +welchen die Bürger von Soest im J. 1446 während ihrer Fehde gegen den +Bischof von Köln ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte +in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht +unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie +zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo +sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die +Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und Vesten, führten Heerden, +Güterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder +frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden +Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grünen Maien" +nach Hause. Wie hier der grüne Mai, unter welchem das Kriegsheer +einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste +die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre +Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und +Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst. +Diese Kadettenzüge sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und +_Kinderspiel_, pg. 490. Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem +zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der +mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm +die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach +seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft +niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden +sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die +Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart +in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen +Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der +Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen Mädchen in +öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem +Höchstbietenden zugeschlagen. Der Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria +IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" +ausgeboten und den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile +daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hüter +"Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der +Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz, +das ehmals im ganzen Eifellande üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. +1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen +unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen gleichfalls ins +Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker, +Hess. Sag. no. 317[2]. + +Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum +Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis +nachweisen, über deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit +sagen lässt, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts +genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen +einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Würzburg +gethan worden und sah hier das berühmte Maispiel mit an, das die +gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljährlich zu begehen +pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch +verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor. +Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der +ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre +Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem +Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, hielt das +Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im Frühling zu Ehren der +Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt +wurde. Sämmtliche Wittwen unter fünfzig Jahren und alle mannbaren +Mädchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und +Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar den Reihen +führte, ergötzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fühlte +sich zu frischem Beginne angespornt. Das Männervolk machte dabei den +Zuschauer. Den Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die +ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die +künftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemüthe, +traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle +bei diesem Feste geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre +Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer +Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwählte, die er noch +nicht näher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er +ein heidnisches Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "_König_" er sich +selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese +Mädchen sich den Titel der "_Königin_" beilegen, wenn eben diejenigen +Männer, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen +worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen Scherz nachher +tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis, +die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes +werden wollte: unter Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig +Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann +der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So +weit Herbelo's Nachricht. + +Der Ehemann, welcher, hier _König_ genannt wird, ist im heutigen +Frühlingsspiele der Maigraf oder Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut +die Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln +sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Männer ins +Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekränzt, tragen +Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen +Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt +genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht +keineswegs aus nackten, sondern aus entblössten Tänzerinnen, d.i. aus +solchen, die als Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt +haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den Reihen treten, +ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda +lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mönchsphantasie ein +züchtiger Frühlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der +angebliche Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die +Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle, +als eben dieses grausame Missverständniss von Seite des Klerus. + +Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen der Walburgisfeier. +In derselben Mainacht werden glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen +auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene +das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und +schön bleibt. Man wählt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit +ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Prätorius, +Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem +Kammerfenster des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen +Sinnbildern: + + Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden, + Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden. + + Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden, + Gott bewahre dich im finstern Gaden. + + + I lôss sie grüessen durh e höchi Tanne, + die Zît isch cho zum Wîben--und zum Manne, + I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli Thau: + i wött, mî Holdi wär mî Frau. + Rosmeri und Zypresse, + ass i de nit vergesse; + Rosmeri und Nägeli drî, + g'hörsch, i möcht gern bî der sî! + bî der sî, wie's Rösli hockt + am-ene einige Stengel: + Der Herr ist schön, sî Frau ist schön + und s' Chind ist wie ne Engel. + +Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein dürrer +Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor +das Fenster der Verführten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz, +Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land +noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen +erforscht zur selbigen Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von +Walburg selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt eine +aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der österreichische Brauch +des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die +Mädchen, welche Lust haben, ihres Zukünftigen Beschaffenheit +vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen +feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher +hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise herum durch +die Finger läuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen: + + Voaten, i ziech di, + Walpurga, i bid di, + zag von main Man + alle Seiten an. + +Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart und fest, so +werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfälzer +Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren Schuh über den Peuntbaum und +horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herüberschallt; +eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet: + + Hunderl, ball, ball, + ball über neunmal, + ball über's Land, + wau mein feins Liab wahnd. + +Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs +Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des +Liebeszaubers. + +Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Mädchen +an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai, +sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der +_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal +24). Eine Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei +stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte +gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger +Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund aus und liess an der +Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70. +Dies führt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, +das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen +Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner, +vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons +erklärt, dass sich am 14. Febr. die Vögel zu paaren beginnen, und ein +gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das +Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit +dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in +welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein +nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist +das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder brütenden +Vögel. Alles überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke +und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner +Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000 +Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag +12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage +(ausser den vielen bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) +422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend +mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum Entgelt erhalten +dieses Tages die Briefträger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus +Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch +dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen +und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar +bleibender Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende +Liebeslied der Hamletischen Ophelia: + + Guten Morgen, es ist St. Valentinstag + so früh vor Sonnenschein, + ich junge Maid am Fensterschlag + will euer Valentin sein. + +Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmädchen des +festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages +erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass +er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und +kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Männer oft schon vor +Sonnenaufgang in der Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre +Geliebten vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei ihren +Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem +Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen mit zugemachten +Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme +desjenigen hören, den sie gern möchten. Suchen wir die Erklärung und den +Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den +vorausgeschilderten Maibräuchen, so finden wir dafür den nordischen +Natur-Mythus von der Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften +getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich +der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen. +Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch kinderlos. Da +wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), spröde sträubt sie +sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils +gerührt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, +entflieht Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf +Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der äusserlichste Umriss +der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen +Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzüge der späteren Sagen und +Bräuche finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der +aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest +gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch +Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres grünen und +schimmern dann alle Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen +Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller +Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage müssten die Hexen den +letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder +ebenso an Mariae Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, +damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch +wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das Fest auf 14. +Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst +auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt nichts und ist eine blosse +Folge späterer Zeiteintheilung. In den Volksbräuchen ist noch vielfach +die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da +der 12. Mai als der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat +übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein säen und +dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); oder die älteste +Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess +(Meklenburg) rückwärts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss +einige Stücke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); +oder man steckt beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige +senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thüringen)--alles, damit der Flachs +gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S. +184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr +der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen +Liebesbündnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das +Kindermärchen vom Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn +die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem +Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese +Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch nickende +Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Nährkraft. Sigfried, von dem +gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den +Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des +Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen +sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies heisst in +der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt +der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte +den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen, +worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier +überreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, +Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine +andere als dich will ich zum Weibe haben! + +Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit Walburgis? Auch sie, +obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige +geworden ist, war einst eine Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das +Glück der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten +ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine oberpfälzische +Sage (Schönwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich +trägt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester +gegenseitig in Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel und +Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide +Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen +liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe +(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schöner sei, die Heidengöttin +Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine +Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf dessen +Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er +möge sie nur bei der nächsten Ausfahrt begleiten und sich selber +überzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen +Wagen und fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten hört. Da senkt +sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer +zahllosen Menge angefüllten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter +Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch +dem Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er sprang auf den +Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter +die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da +erloschen mit einem mal sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und +Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es +gegen Tag gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.--Wir werden +dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der +Kirche selbst angeben hören; denn allerdings sind schon die bisher von +ihr gemeldeten Züge unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der +Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre nächtlichen +Höhenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne +Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk +der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines +Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald. +Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und trägt +eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes +Abbild ist Pindars "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die +römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende +Gerstensaat. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[2] Der immer gleichlautende Auskündungsspruch: + + Heut zum Lehen, + Morgen zur Ehe, + Ueber ein Jahr zu einem Paar-- + +steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem +von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von +Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll. + + * * * * * + + + +Vierter Abschnitt. + +Maiengeding und Walbernzins. + + +Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten +waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste +und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter +verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach späterer +christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den +karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends +üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis), +Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen +sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil +erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten +Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung +bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, sondern auch +über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, somit über Krieg und Frieden, +und ihre Aussprüche waren die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie +unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und Parlamenten +anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil der Tag sich aus der +Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond +und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften (Weihnachten bis +Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz +Klöpfleinsnächte und Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und +Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den heidnischen +Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In gleicher Analogie spricht man +von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewährten +Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch +noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" +pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem +14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit +dem Wintergerichte zusammen, erst später auch mit dem Herbstgerichte zu +Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt +zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das +Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch. +Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen +(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding +da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag +vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt +Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und +Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb +Walburgis auch später in den Städten ein Termin der Aemter-Erneuerung; +"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Räth zusammen schwerend", +heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. +Gesellsch. Die Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach +derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der täglichen +Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an +iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt überkompt, dass +einer ein aug domit bedecken müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) +bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im +Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen +geendet, die für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft +nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den späteren +Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu +beköstigen, den Schöffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen +einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg +zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. +Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen +in den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L, +I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der +obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst +Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das +Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und +Bünzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier +jährlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage für den Lehensherrn +beliefen, zeigt folgendes Aktenstück. + + Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und + verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38 + Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die + HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am + Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--für Höuw vnd Haber über Nacht + 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt an einem + Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber + Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem + Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch. + +Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren die Bräuche, unter +denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu überbringen hatten. + +Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knütl +alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern +alter hessischer Münze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn +überbrachte, hiess das Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh +Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an +der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er sich, so verdoppelte +sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend hätte ihn die ganze +Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher +die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das +Walpertsmännchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach +Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit +nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslänglich zu +verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich +aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese +Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses +Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der +sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist +abzutragen verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der +Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am +Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg +hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann auf einen breiten Stein +unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu +spät einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). +Aber auch dabei kamen dem Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel +zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse +wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk +erhielt, welches mit der Zeit für ganze Gemeinden zu nicht +unbeträchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bräuche +und Sagen. + +Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jährlich +an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen, +welcher dem Churfürsten von Mainz zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen. +Gleichzeitig kam dann sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt +in dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei Musik, Tanz und +Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle +hammerführenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz +und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren. +Mit Eichlaub bekränzt singt der heimkehrende Zug: + + Willst du mit nach Walpern gehn, + Willst du mit, so komm! + +Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die +Schusterzunft den grünen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie +bekränzt nebst ihren Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern +und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für die +Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die übrigen +hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstörten, von +dem aus die Orte des Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei +Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, pflegte man +sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es sollen die zwei +Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es +wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren +Kostbarkeiten behängt die Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens +anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die +angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die +Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die städtischen +Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten +nichts, was dieser Geschichte einer zerstörten Raubburg aufhelfen +könnte, wohl aber dass der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg. +Schwörtages ist, an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer +Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestätigte +ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem +Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht aus dem Filz, +den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d. +Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem +gelungenen Kriegszuge der Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss, +oder einer militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach +der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses örtliche Holzrechte +verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers +Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich für die Nutzung +überlassener Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich +der Frau "den kühlen Mai". + +Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, 37) an den +Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fällt, +dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu füllen vermag, so ist +auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die +Wunderkräftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim +Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann +gemeindeweise zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition +entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhängigkeit +der Landschaft durch einen glücklichen Waffenstreich errungen worden +sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und +die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die +"Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der +Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen +zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, +das sie nicht länger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die +Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende +ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das +älteste und festete Gebäu im Ditmarschenlande war die Grafenburg +Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr älterer Name war Walburg, sagt +Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in +unmittelbarer Nähe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch +die aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. Müllenhoff, Glossar zum +Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast +geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen, +wofür der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die +Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt der Tafelmusik +musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlärmen. Solcher +Wohlstand reizte die habsüchtige Gräfin Walburg und sie beredete ihren +Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren +nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen +Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten denn die Bauern eine +lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine +schöne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Säcken des +zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor +erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort: + + Rühret die Hände, Zerschneidet die Gebände! + +Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, zuckten die +Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach +entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen +und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die +Gräfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat +mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses +Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit +gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine +Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das +dorten ein Bauer aus dem Boden gepflügt und daheim aufbewahrt hatte, +entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es +heilkräftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter +sterken. + +So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur +Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugräfin und Burgfrau, +mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhört und die politische +Selbständigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und +die hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich an einem +oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden +Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den +Broken. _Dreimal_ des Jahres müssen die Hexen ihre drei hohen +Tagsatzungen abhalten, sagt Prätorius Blockesberg (1668) 499, und +zergrübelt sich über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so +sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige +dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit +ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren. + +Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der +Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fällt, theilt W. +Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens +Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss. +Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig +liegt, hatte der böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die +Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber und Töchter +entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des +Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu +geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemäss ein grosses Feuer +auf dem Berge angezündet und der übliche Reigentanz um das Feuer +gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern +Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe plötzlich zu +überfallen. König Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnügen +zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie +hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig +seinen Namen erhalten haben. + +Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen +Bräutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits +ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden können, wird der winterliche +Tyrann, König Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer +zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt. + + * * * * * + + + +Fünfter Abschnitt. + +Der Mythus vom Maienthau. + + +Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich +die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's +45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel, +den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden +Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn +erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von +der ersteren ist hier die Rede. + +Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette +und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein +reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf +eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im +Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine +Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz +und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als +mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an +Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht. +Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom +Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl. +Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer +zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen +reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr. +Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer +Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine +Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts +eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König +Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt +wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen +Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel, +wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai +genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die +hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher +trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den +Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3, +no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der +Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin +Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag. +no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse +Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen +können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem +einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen +ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut. +Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre +Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von +Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und +piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. +das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in +sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die +margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen: + + Die Rose stand in Thau, + Es waren Perlen grau; + Als Sonne sie beschienen, + Da wurden sie Rubinen. + +Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen +die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S. +319-330): + + uon dem leime gab er ime daz fleisch, + der tow becechenit den sweihc. + +übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein, +dass es soll blühen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flüchten +beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, +Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue +Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch, +kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es; +wenn man einen Baum im Maienthau schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter, +der die drei letzten Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des +Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang des +Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er +liess hierauf die Bäume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand. +Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen für die Menschen +rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in +Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem +firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain +grôz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch +niemer her ab, wan daz, sûmeliche maister wèn, daz daz tov daruz werde. +Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwünschter, wie hier hernach noch +des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der +Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse +weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen +erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wächst kein +Gras; daher in G. Bürgers Romanze: + + Im Garten des Pfarrers von Taubenheim, + Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras, + Das wird von Thau und von Regen nicht nass. + +Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz +(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der +Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen. +Panzer, BS. 2, pg. 54. + +Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des Liebreizes und der +Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch: + + Wenns thaut, wirds grön, + werden alle Jungfern schön. + +Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der +Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau +neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und +frischgrünende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera +umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in +seinem Trojan. Krieg--verjüngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien +gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3): + + Es giengen drei heilige Frawen + zu Morgens in dem Tawe. + +So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger Christian von Hameln dem +bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten +Fuss darauf: + + Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen + ein wîp, nâch der mîn herze stê; + sô wünsche ich, daz si mit blôzen füezen + noch hiure müeze ûf iu gê. + +Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene +kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr +genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den +man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster +setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen +Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen +der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen +einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156. + +Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und +Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das +milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde +Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem +den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu +Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen +Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in +Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr +frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit +Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und +Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und +schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) +Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das +keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd +bayz (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt +Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich +denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den +taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit +genaden auf vns reüdige menschen! + +Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer +Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus +erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand +mit diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch +stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen +bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie +badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und +Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau, +worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die +Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll +milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich +zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch. + +In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die +Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes +wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans +une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore, +Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die +Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl. +no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten +berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund +sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen +solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Isländer und +Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu +heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine +Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich +mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. +Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend: + + Das hilft für's Gah, + für's Bläh, + für'n U'flat. + +Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die +Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2, +30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut für abgehauene Arme, +für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, +bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. +"Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern +liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten +Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein +Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht +seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107. +Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen +Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms +KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein +des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen +Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3, +pars 2, pag. 305. + +Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den näher rückenden Mai +zu vertrösten als auf die Zeit ihrer gänzlichen Herstellung. +Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die +besonderen Mittel gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. +Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen +Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit +heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzündung blickt man +eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte +Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der +Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh +und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die +Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins +Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetränkten +Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsäss. Sundgau, eine halbe +Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen +Walburgiskapelle ein kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und +Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mütter mit ihren siechen +Kindern hieher, um sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an +Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete +Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob +(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die +allgemeine Sitte ausführlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die +Bresthaften, die ihre Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai +daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn +sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein +Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade +abzubilden, oder ein mit fröhlichen Leuten unter Trommel- und +Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende +Gesellen.--König Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im +Städtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine +Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am +linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings +erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die +Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften +enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten +Tochter, so erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und +sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den +grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen +Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene +allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich +z.B. in dem Liede vom baier. Krieg: + + die Teutschen wurden wohlgemut, + sie giengen in der ketzer plut, + als wer's ain mayentawe. + +Uhland, Schriften: "Sommer und Winter". + +Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als bürgerlicher +Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der +Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und +besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten: + + Heiliwog, Gottesgob, + Glück ins Hus, Unglück drus! + +Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch, +nach Panzers BS. 2, 301: + + O du guter Walbernthau, + Bringe mir, so weit ich schau, + In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein Schmalz! + +Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mädchen, das +sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bächlein gejagt und +da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade +darf die Kübelmarie, "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den +Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no. +747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen heimkehrt, wird in der +Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schüssel Wasser +begossen. Schönwerth 1, 400. Zu Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der +Dorfhirte alle übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem +Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg, +Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig +mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und +Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewölbes, durch das die +hölzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten, +angezündetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. +Wiedemanns Chronik d. St. Hof. + +Diese Züge führen über zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury +(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie +zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als +Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) +nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem +öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh. +fällt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu +Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmückung des +Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse für den +Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch +aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte +Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den Chorsängern +preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233. +Vielleicht, dass man diesen welschen Mönchsbrauch aus dem altrömischen +Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den +Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des Tiber zog +und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So manchen Schluck da der +Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele +Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Römerthum unberührt +gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die +Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den +Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die +Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr +und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen +Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrängnissen einer langen +Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen +Landschaften kennen ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich +auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst +der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders +gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen +pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies +als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die +Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem +Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere +Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, +trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer +Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so trugen +sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen als Trinkgefässe +dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum +Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte, +macht alljährlich die Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und +geniesst daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten +Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu +holländisch Gröningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der +Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder +Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im +Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der +über eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster, +niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette nicht +sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in +sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim +Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mädchen die Symbole der +künftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und +Eier und Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden +folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben +Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte +Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie +beide und die vorhin genannten Maigetränke zielen, sagen uns einige im +Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt +in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem +Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser +Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach +beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen +bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu +dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den +Verjüngungstrank. Bei thüringisch Arnstadt liegt der kräuterreiche +Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster +getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und +Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn +dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin gebannt. Sie +heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht umgeht sie jene Buche und +ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die +öl-und älschenkende Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet; +noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier abgehaltene +Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch, +Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrücklich erzählt die +Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter +an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise +darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes +Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und kann weder wieder zum +Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden. +Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich über +jenen Verlust besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in +Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier als ein +neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder +Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen Stadt Eltmann, er war +von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen +werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten +lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime +Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und +Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und +Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der Erenbürg, eines hohen +sattelförmigen Berges beim oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das +urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger +Königshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen +abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch +berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier war das Schloss +von drei schönen Fräulein, die beim Trocknen die Wäsche nur in die Luft +warfen, so blieb sie hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel +steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt +abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor +Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht über die +blüthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen für +unerschöpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der +duftenden Bratwürste. So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch +1. Mos. 27, 28, in allen Theilen: + + Gott geb dir des Himmels Thau + Und die Fettigkeit der Au + Und die Fülle der Halmen + Und den Most der Palmen. + +Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden +Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten +örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen +geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um +den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung, +der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und +vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur, +sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab. + +Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die +Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen +der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges +vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt, +ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf +Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische +Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen +Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein +stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf +es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen +verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um +dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen, +dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen +Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr +Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen +Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. +Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die +Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai +fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den +verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien +abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser +und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem +Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln +und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes: + + Deine milde Hand giebt Segen, + Giebt uns Sonnenschein und Regen. + +So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde +abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In +Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum +selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle, +Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen +Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg, +Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur +Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter +dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen +Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde +daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei +halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer +Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede +findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282. + +Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt; +schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil. +Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis, +als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die +Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der +Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am +Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der +Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde +abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse +herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches +Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute +haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische +Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul +stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits +ausführlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur +das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der +Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage +nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat +man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster +Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der +Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang +wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am +Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger, +Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai +veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt +derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover +bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen +Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem +Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte +eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem +Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. +345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem +Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem +Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt, +da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet. +Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich. +Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der +Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der +beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten +nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln +reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre +rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der +Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am +Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider +anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt +Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De +moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio +Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland +betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben: +Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos +habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum +unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri +sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab +omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10. +Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf +Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren +Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld +heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf +welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem +angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft +bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und +dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon +ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, +sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein +Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit +eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem +Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den +Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und +die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, +ad diem 10. Maii. + +Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu +umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf +alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern +selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krönest +das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess +eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich +beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das +Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 +jene Worte nachdrücklich wiederholt: + + Umkrön das Jahr mit deiner Hand, + Mit deinen Fussstapfen düng das Land. + +Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von +besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf +den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt +der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der +Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag. +no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden +Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht +hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag. +no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden +Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals +denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese +haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen +Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern +und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz +nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in +den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom +Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt +und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der +Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele +Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit +alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der +Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei +Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen +damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren +zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen +das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen +gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die +aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung +entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in +Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden. +Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen +acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes), +der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein +Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande +einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend +und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis +stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende) +führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand +trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie +nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros +(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den +Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und +Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau +steuern und waren der Athene gewidmet. + +Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe +unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben. + +Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber, +Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen, +ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens +und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton +heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der +Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden +Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes +Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene +Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612 +verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel +zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas. +Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender +besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide +mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe, +denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S. +559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun +verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht +seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus +und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die +thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier +Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den +Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es +ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, +abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen, +indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf +feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt +einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen +Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch, +weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit +dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck +beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso +gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische +Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern +voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen +denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die +Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld, +um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn +aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden +Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen +die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten +Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel +den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren +ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida +fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces +exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich +lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils +zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge +im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar +machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick +oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit +fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und +konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um +sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man +ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein +weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch +einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und +füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. +Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9. +Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist +das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht +stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene +_Ankenbrüt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon +zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches +Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im +Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem +Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust, +frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse. +Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein +wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf, +rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte +er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai +machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich +schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am +Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in +seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in +seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei +Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum +habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus. +Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage +seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht +weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen +Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt, +heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit +demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt +Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen +Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon +dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen +können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen, +sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf +die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die +Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen, +ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet +uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai +giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns +zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten: + + Mengmol e Hämpfeli Bluememehl, + Mengmol e Tröpfli Morgethau. + +Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie +darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel: + + Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli. + +Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth. +Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit +Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk +Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht: +Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm. +Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie +der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht +wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum +Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es +möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem +Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt +von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die +Sprache kehrt auf seine Zunge zurück. + +Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der +Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit +berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten +Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung +gebracht werden kann. + +Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des +Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so +taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben +Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn, +Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und +silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der +Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile +vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten +Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn, +aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in +verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst +das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft +(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss +und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat +und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang +der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt +sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das +Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus +dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen +und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand +einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst +Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das +Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde, +wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "_damit +das Gras wächst_" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol. +Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das +Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale +umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit +Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten +Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau +tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer +Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen +Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle +der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der +teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse +die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs +ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr. +1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch +veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der +Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu +verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen +osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach +Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die +Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem +Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze +ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer +Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie +darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür +den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs +Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott, +ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in +der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den +Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser +mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen +an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des +Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass +es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich; +statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in +den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens +abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von +unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die +Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden +so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die +Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die +Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe +ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches +Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen +werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, +Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das +Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das +Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem +tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle +gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann +hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des +Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles +Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des +ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige +Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert +vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen +diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden +Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens +Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter +schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem +Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke +jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin +Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es +dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie +nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann +eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren +Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, +die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim +Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, +Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung +ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen +Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die +Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, +265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die +Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit +ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In +rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun +die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am +Schlusse. + + * * * * * + + + +Sechster Abschnitt. + +Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung. + + +Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen +und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem +Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in +ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. +Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der +niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen +zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine +gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die +Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und +nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei +nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits +im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener +westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen. +Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands +alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten +Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass +man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein +Heidentempel der _Göttin_ Walburg gewesen, und dass man in der +Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt, +wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl. +Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr +hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil +unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern +und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe +Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt +gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer +Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen +haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so +mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst +ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon +im Harz wird _Wilibald_ ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um +Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber +vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst +sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre +Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres +Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber. +Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau, +menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in +Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders +erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire, +sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von +Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein +Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den +Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun +Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat +sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus +herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1, +lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein +deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem +Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes +Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in +seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, +hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus +einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt +Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens +überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür +spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt +auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die +Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver +tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon +berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin. +Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und +selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt +Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr +zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres +dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist +solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye +erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung +begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon +vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt +habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe +abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde +schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens +allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen, +norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da +sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre +Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen +Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit +doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen. +Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco, +der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die +Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und +das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie +priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen +Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er +werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe +den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt +ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt +Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch +Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der +altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es +ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe +Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als +dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder +findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am +Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim +findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des +dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die +Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines +Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten +Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus +einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide +Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im +vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses +Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der +Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah +und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter +Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung +des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857, +S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der +Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein, +Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, +entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung +des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit +ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass +schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen +nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 +sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu +glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als +eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass +Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser +Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass +dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden +und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem +uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger +Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und +kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder +moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen." + +Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer +Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende +Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten. +Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte +Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61: +Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal +II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen +Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria +1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet); +adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda +in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass +solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend, +vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De +divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties +de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. +Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die +Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in +bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck; +dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern +von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher +Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung +gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische +breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das +stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den +oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt, +beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen +Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das +obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten +Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige +der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein. +Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter +Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des +Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des +OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, +Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland +Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete +Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, +dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass +sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander +spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel, +varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin +beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch +wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter +und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben +darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein +des Naturmenschen noch gänzlich schlummert. + +Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit +den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher +vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes +Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die +Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier +den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist. + +Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der +Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des +Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem +Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen +Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen. +Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns +sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die +Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau +Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage +vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf +den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch +Gewährende. + +Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des +Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); +diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also +durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe +dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen +Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried +entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. +Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische +Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum +regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage +bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. +dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt +wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also +nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den +jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist +Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst +Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der +Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der +angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft. + +Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische +Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die +leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu +Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden +(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes +wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die +sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, +die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal +Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach +der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es +Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel +niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt, +Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer +Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber +zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen +Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren +Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. +Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im +Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie +selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich +verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, +oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar +in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der +Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird +eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, +516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg +verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die +Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen +Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie +z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga +(Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden +hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre +und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke +erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der +Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der +Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in +schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. +Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das +Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine +der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich +besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig +starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen +Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz +der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem +hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse +Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. +107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu +ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen +diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den +Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in +der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde +Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere +zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen +Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen +Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird +darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen +grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau +Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie +ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild +umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger +Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure +Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute +nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht +sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland +erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem +letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die +Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf +den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr +ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon +ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend +darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, +sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die +Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole +das Garn."-- + +Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am +Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel +erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); +als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede +von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der +schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im +Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren +Wunschkinder herauszuschöpfen. + +In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, +117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die +Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist +Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel +das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und +Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und +Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle +und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 +heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Müllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der +bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles +Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit +diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, +älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen. + +Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren +oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen +lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis +dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses +Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter +genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen +Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich +fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei +welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese +heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, +und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg. +74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und +Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder +Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte +Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936); +die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere +Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des +Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne +des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und +Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre +Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel +Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth +führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein +Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb. +3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen +Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der +grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der +Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie +Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der +Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen: +der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem +Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn +geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den +Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in +der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der +Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in +den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der +Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte +(âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So +braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, +Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger +(Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit +dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten +somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der +Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten +haben. + +Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier +abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben: + + Auf den Wald und auf die Wiese, + Mit dem ersten Morgengrau, + Träuft ein Quell vom Paradiese, + Leiser frischer Maienthau. + + Wenn den Thau die Muschel trinket, + Wird in ihr ein Perlenstrauss; + Wenn er in den Eichstamm sinket, + Werden Honigbienen draus. + + Mit dem Thau der Maienglocken + Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht, + Badet sie die goldnen Locken + Und sie glänzt vor Himmelslicht. + + Selbst ein Auge rothgeweinet + Labt sich mit den Tropfen gern, + Bis ihm freundlich nieder scheinet + Thaugetränkt der Abendstern. + + * * * * * + + + + +II. + +Verena mit dem Kamme, + +die Kindsmutter. + + * * * * * + + + +Erster Abschnitt. + +Verena, eine Gauheilige. + + +Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; +ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres +durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und +Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. +Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_. + +Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der +Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch +eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang +mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die +Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in +die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter +ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen +römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann +nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, +schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer +verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade +entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, +unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den +Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die +ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu +Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn; +Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser +Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet, +entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes. + +Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts, +begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte +hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen +nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener +Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode +der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die +Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren +Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre +verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen, +jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von +lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger +Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; +begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, +dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre +bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters +Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des +Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen +überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und +Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung +im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben +will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur +Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie +trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt +des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den +Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und +setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward +erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben +und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der +Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das +Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit +naiver Zweifellosigkeit angesetzt. + +Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die +geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen, +denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf +und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der +dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu +entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende +mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der +romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in +römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen +denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst +das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen +war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer +schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, +Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine +solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der +Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die +deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend +oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften +Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind +Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. +Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken +noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu +den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen +wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche +nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf +alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige +nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen +Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die +ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth +des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche +Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des +Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in +Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am +1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese +feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste +bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch +in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind +Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen, +Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch +Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter +Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken +Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit +einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst +der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den +Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für +die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält +Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des +Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert +von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese +Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät +in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von +Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit +der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht +verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer +Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. +Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei +Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige +nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich +anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel +versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den +Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm +jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag +voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele. + +Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken +konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das +Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher +Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr +600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung +über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den +wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den +Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer. +Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster +Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig +von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation +zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche; +nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. +Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil +im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak. +Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es +sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der +Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und +aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit +Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur +gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St. +Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach; +ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur +gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem +kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft +Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die +beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil +des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und +Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium +noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion +Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler, +Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in +denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum +Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: +zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu +thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57), +Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182), +Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau +im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127), +Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug +1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den +deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen, +Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders +gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen +Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet +von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des +Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden +Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde +gehört. + +Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher +Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten +Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren +gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht +sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt +(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das +benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner +Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen +selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. +881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung +bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses +geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst +nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht +werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals +nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein +grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste +Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von +Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das +Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung +dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten +Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder +erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben, +und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat +1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben +sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der +christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden +Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche +gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden +und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten +Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle +Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung +unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen +führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen +Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber +auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre +Untersuchung hernach überzugehen hat. + +An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt +gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein +Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit +das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen +sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer +erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe +wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten +die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert +dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen +Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog +Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines +kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener +Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des +gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder +singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten +Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die +Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und +verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne +dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt +hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner +Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem +weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen +Wîhegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst +täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten. + +Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas +Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am +Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur +Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über +den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom +Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser +Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das +bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in +diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am +Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte +_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da +hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie +ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst +hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, +lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen +Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller +in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am +Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen +Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres +1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren +eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des +römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen +Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, +zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche +Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die +Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige +Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt +zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die +Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus +erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum +wieder in die Stiftskirche zurück. + +Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich +verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen +sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des +Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin +seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der +Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien +werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 +Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst +aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein +geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und +133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu +Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche +zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof +Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript +verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger +Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches +nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich +mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden +vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der +grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen +silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag +(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und +Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine +Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut +und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt +wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im +benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift +entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, +Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die +Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, +unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts +anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und +Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der +Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen +Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst +Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken +mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer +warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme +gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden +überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein +kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines +Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder +zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird +seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich +nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals +flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm +Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte +nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. +Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so +geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen +sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene +Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld. +betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände +schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag +mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c. +93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist +vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen +Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der +Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel +besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 +doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, +also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 +eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl +im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler +Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin +gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so +vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch +Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht +und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener +Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131. + +Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die +Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst +Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in +Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose +virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh +eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus +Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur +eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch +andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz +kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an +geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes +ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen +Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring +anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach +forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der +Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich +der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage +erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich +ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches +wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er +wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit +leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde +zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. +Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch +die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos +steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit +trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld +wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch +schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden; +schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die +arglistigste Bosheit. + +Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die +Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem +Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem +ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die +Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte +Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden +mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit +deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die +Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu +stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote +hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula +verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser +legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den +ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden +Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen, +eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam +fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden +Abschnitten geltend. + +Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist +enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v. +F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem +Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder +im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es +Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) für vorliegende +Arbeit diplomatisch getreu copieren. + + Von sand verene (roth) [106b] + + Verena diu edel meit, + als, uns daz puch von ir seit. + Die was ---- ---- + und ez quam also, + Do der cheiser maximian [106c] + furt mauricium mit im dan + Her gen deutschen landen, + si begunde nach im belangen + So ser, daz si im fuor nach, + wanne vil gerne si in sach. + Verena was ein christenin, + und do si quam ze meilan in, + Die geuangen christen + die heimpt si an den vristen + Vnd bechlagt mit in ir not, + dar zue si in helfe pot + Mit trinchen und mit ezzen. + uerena, die vermezzen, + Si lie durch nieman daz + durch vorhte noch durch haz, + Swa die christen warn erslagen + und auch da si warn begraben, + Die staete suocht si alle tage + mit weinen vnd mit chlage. + + Mit reinem leben was si sus + pei einem, der hiez, maximus. + Nu wart ir schir alda geseit, + daz mauricij schar preit + Durch got wer erslagen, + daz begunde die vrowe chlagen + Vnd wolde nicht leng'r da bestan, + si fuor ub'r die alben dan + Vnd ze einem wazzer si quam, + daz ist genant aram. + Alda vant si einen man, + der gevlohen was chomen dan + Der sagt ir die rechten maere, + wie ez mauricio ergangen waer. + Davon wolt si nicht furbaz, + in einer chlause si da saz + Mit chlage und mit leide. + da warn inne reine meide, + Der leben was also gestalt, + si waer iunc oder alt, + Daz si anders lebte nicht + wan chraut, arbaiz und anders nicht, + Des lebte si daz gantz iar; [106d] + daz quam auch von ier werch dar + Vnd des tages ein lutzel brot, + daz man igleicher pot. + Nu was dapei ein getwerch, + daz verchauft den meiden ir werch + Vnd chauft in da mit ettewaz, + daz die samenunge gaz + Anders lebten die vrowen nicht, + gab man in aber immer icht, + Des enpizzen si nimmer + und gabens durch got immer. + Sus was gestalt ir reines leben. + got hat verene den geist gegeben, + Daz man vber al daz lant + ir leben vil rein erchant, + Daz man sei het fur heilic gar, + daz auch si was furwar. + Wan got durch sei tet wunder + mit zeihen besunder. + Auzsetzig behaft macht si slecht, + plint, chrump macht si gerecht. + Solcher dinge tet si vil + mit got auff daz zil, + Daz man sei d'r meide muet'r nant + weiten uber al daz lant. + Nu was in der gegent da + ein richter sam anderswa, + Der het got gar verchorn. + dem was der meide leben zorn, + Vnd daz man ier so wol sprach; + mit zorn er daz an ier rach, + + Wan er die vrowen vie, + dehein gut er ier nie geschehen lie. + Doch quam zaller zeit zu ir + ein liechter iungelinch fir[3], + Der pot ier guten trost, + si wurde schir da von erlost. + Doch vragt si in, wer er wer? + do sprach er offenwaer, + Er waer ir mag mauricius, + und mit der rede alsus + Quamen zu mauricio hin in [107a] + alle die gesellen sin + Und gruezten die vrowen schone, + damit schieden si davon. + Nu wart derselbe richter + vberladen mit sichtum swer, + Der gedacht rechte wider, + er lief hin und viel nider + Chlagunde für die reinen meit + und seinen sichtvm er ir chleit. + Doch pat si got umb in, + der richter gie gesunt hin + Vnd mit grozzer gedult + bat im vergeben sein schulde. + Daz was ysa getan, + die magt wart do leidich lan + Vnd gie zu iern swestern wider, + da si got diente sider. + Nu quamen die swest'r auch in not, + daz si ninder heten prot + Vnd grozzen hunger liten + doch mit dultichleichen siten. + Ier werches acht man nicht ein har, + wan ez was ein hunger iar. + Do verena die not ersach, + zu got von himel si do sprach: + Wan du deiner geschefte gist + ier leibnar zu rechter frist, + Jesu christ, du waist wol, + wez dein gesinde leben schol. + Do si daz vollen gesprach, + vor der chlause man ligen sach + Viertzig sekche mit mele vol. + er gedacht ir not da wol, + Wan daz prot wuchs in ier munde, + daz si lange vñ manic stunde + Heten da von ier leipnar, + des lobt got die rein schar. + Nu was verena, die genende, + chumen an ier lebens ende, + Vnd do si nu siech wart, + ier andacht sich nie verchart. + Da si vercheren scholt daz leben [107b] + und den geist widergeben, + Do quam unser vrowe dar + mit der hymelischen schar; + Vnd do verena sei ersach, + zu gotes mueter si do sprach: + Waz gernde han ich, + daz gotes mueter siechet mich? + Do sprach unser vrowe zu ier: + verena, volge mir, + Da hin, da du immer mer + vreude hast ane ser. + Mit der rede si verschied, + got ir sele da beriet + Der ewigen gnaden. + die vrowe wart begraben + In der chlause alda, + die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3], + Da got wol scheinen lie, + daz er sei minte hie. + Wand nieman wirt entwert, + der rechter dinge an sei gert. + Nu derhoret got dehein pet so gern, + so daz wir seiner hulden gern, + Dem gibt er, der die suohet, + vil gern, swer ir geruhet + Mit hertzen und mit andacht. + daz wir ze hulden in werden pracht, + Des helf uns maria + und ir dirne uerena. amen. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[3] fiér, stark und stolz. + +[4] zerzyaca: Zurzach. + + * * * * * + + + +Zweiter Abschnitt. + +Verena, die Müllerpatronin. + +Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen +Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein +verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke. +Wirthschaftsregeln am Verenentage. + + +Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die +Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren +Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des +Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den +Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als +die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller, +Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der +ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6, +457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher +Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle +Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, +suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf +des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne +fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte, +schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg +und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener +eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er +ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso bändigt sie den Gläubigen +zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser +stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe, +dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet +und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne +den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in +dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein +altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren +wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits +entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits +des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug, +hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der +andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. +Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das +nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war +sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier +gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch +den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen +ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu +sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere +Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner +Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau, +und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe +die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von +den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom +unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen +aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft +und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5] +Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf +einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber +blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein +weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse +mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der +Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem +Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch +ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als +1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll +wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer +Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und +erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über +dem Steine zu lesen stand: + + Auf diesem Stein hier aus der Aaren + Die heilig Verena ist gefahren + Ohne Ruder, Schiff und Schalten, + Wie solches geglaubt die frommen Alten. + +Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath +der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie +bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft +der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht +mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel +befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen) +zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein +kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm +Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst +ahd. verscif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus +Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt. + +Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der +Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses +Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des +heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die +Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen +Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, +auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen, +besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm +Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So +hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei +Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam +und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen +zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des +griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, +drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks +Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden +Gemahl: + + Ich steh fürwahr nicht aufe, + Ich lass dich nicht herein; + Ich hab die Nacht gemalen + Mit sechs jungen Knaben. + Davon bin ich so müd. + +Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein +drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der +Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem +gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen König ausserehelich mit der +Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der +Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin, +Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute +Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden; +sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl. +Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso +steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der +die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, +erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik +berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser +verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der +Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen +Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin +Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle +für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein, +hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31. +Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken +musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem +Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem +fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. +Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus +den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue +beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische +Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die +wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur +Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem +Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu +verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt: + + Dort niden in jenem Holze + Leit sich ein Mülen stolz, + Sie malet uns alle Morgen + Das Silber, das rothe Gold. + Dort hoch auf jenem Berge + Da geht ein Mülenrad, + Das malet nichts denn Liebe + Die Nacht bis an den Tag. + +Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf, +dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mühlsteine machen, wie +Verena auf der Aare und der Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch +die Stadtpatronin Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der +Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben, +denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es +urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St. +Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge +und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, +wird mit einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und schwimmt +damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die +hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem +Wasser einher, als wäre es festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt. +in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. +Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. Brigida ist +neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte +aufgestellt und wird bei Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein +berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flüsse und Seen +sind die Adern, durch welche die älteste Kultur in die Länder floss, und +die Mühle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter +denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee +sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Müller +und Becken schlagen sich mit Säcken; der Aargauer: sie putzed (die +Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flügt +(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schüttid: schütten die Frucht +auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner +Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in +den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der +Himmelsmühle (Uhland, no. 344) knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas +lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen, +dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte gilt und ein in diesem +befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der +Schwabenspiegel bestimmt: diu müle hat ouch bezzer reht danne ander +hiuser. swer in der müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem +sol man hût unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in +henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein eine besondere +Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet +sich nemlich in einem alten Liede folgende Prüfung erwähnt über +Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere +steht am Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er rechts, +so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; geht er aber zu Grund, so +ists ein Metzenkind.--Der jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein +_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht: +die auf dem Felde, in der Mühle und im Mutterschosse. Bereits sind in +der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen örtlichen Felsen +und erratischen Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen +Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich tragen. +Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in Betracht. Jener vorhin +erwähnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trägt ein über +Faustgrösse ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der +Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die Stadt +heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in +dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenförmig +gewölbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe +Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus +kirchlich gereicht hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der +würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage über +zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des +Neckarstroms 1740, 46. + +Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin hindeutender Zug ist +enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu +Solothurn gegründet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern +konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern +Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von +unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus diesem Mehl +gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten +Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darüber: + + Dum panis victus solitus + exhaustus fuit plenius, + farris pastus positus + est ad fores celitus. + +Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt +wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an quadraginta sacci, und +Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein +Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. +Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht +(107a) nacherzählt zu sein: + + vor der clause man ligen sach + viertzig sekche mit mele vol. + er gedacht ir not da wol, + wan daz prot wuchs in ier munde. + +Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch +Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn +da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikönig, zur Zeit der Zwölften, +sein Mehl von der Boitzenburger Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû +Freen und verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden ausschütte. +Thut er dies folgsam, so findet er die Säcke wohlgefüllt des andern +Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name +zusammengefallen in den der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus +Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die Spitze +der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein +Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden das Land +durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415 +ausdrücklich als um Halberstadt bestehend bestätigt, und der vierte +Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende +Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen +Gauheiligen erläutern. + +Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden, +Brod und Wein überbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz +sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken +bedient. Er erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der Aare +von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass auch sämmtliche +Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen +musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man +läuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom +herab gefahren kam. Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke +empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr +Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das +tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der +Spottreim: + + Wenig Brod und sûre Wî: + ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî! + +Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines +Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen, +um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darüber der +Entwendung verdächtigt, tritt ihr der argwöhnische Priester plötzlich in +den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in +Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides +als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher kommt es, dass die +Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf +in der Hand haben. Das Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste +Aufzeichnung berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form +einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die +des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemässe vor Alters +steinern war. Das Zürcher Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm. +1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der +Klostergründer König Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen +lassen. Geschichtsfreund 8, 19. + +Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls +unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es +ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus +Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 +berichten. Auch sie zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau, +pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre +mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena, +mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedächtnisse +fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern +Innthal und hatte die Schweine zu füttern. Für jeden Armen sparte sie +sich eine Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein +geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich die Gabe in +Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im +Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen +Hausstand zurück; wollte man sie jedoch über die Feierabendzeit im Felde +fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die +Sichel in die Höhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen. +Sie ist die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in ihrem +Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen +spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten. +Als sie an den brückenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurück und liess +Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf +dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und +errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur +Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im +Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2, +no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, überschwamm sie auf einem +schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Höhle, die +beim würtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg +her überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih gespiesst, +und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch +zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier +einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet +Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als +Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und +Butter von ihrer täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des +nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische Schlossherr sie +auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und +Milch in ihrer Schürze in einen Strehl und in warme Lauge. + +Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und +landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den +Verenatag knüpften. + +Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-, +Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76) +verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten +(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht +noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V +Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und +Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe +Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fünf "geschlossnen +Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht +Tage nach dem auf Verena nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit +hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jährliche +Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt. +Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt +Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 +die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena +und Martini an. + +Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September sind unter +unserer Landbevölkerung folgende üblich. + +Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, draejet, löset, umg'heiet, +brünnelet--und z'Abig s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn +solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der +Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena schön Wetter +war, so erzählen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen +unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber +regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Säen hinaus. +Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn +aber nit, so chan er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner +Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und +sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der Abendimbiss ist, mit +ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz +1862, 259.-- + +Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es, +ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein +strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden. + +A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf berathet sich, ob +er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er +daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trägt s' +Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs +Feld gebracht, s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die +Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen mit 1. +Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. März, giengen sie wieder zu Ende. +Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und +schliessen mit dem Josephstag, 19. März. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[5] + + A Solodoro igitur + discedens proficiscitur, + ubi Rhenus labitur, + Zurziacham graditur. + +Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus +Ratdolt. + +[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit, +sagt die Originallegende; erst später wird der Name Hirtacus dazu +gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter. + + * * * * * + + + +Dritter Abschnitt. + +Verena, die Geburtshelferin. + + +Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die +ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und +Waschkrug; ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln +am Verenentage. Mythische Nachklänge von der Gewitterriesin: das +Vrenelisgärtli am Glärnisch u.s.w. + +Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und +stellen hiefür diejenigen Erzählungen voran, welche der ältesten +zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der +Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehören. Diese von G. Waitz +nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch für diejenigen +Thatsachen, über welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als +Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener +Periode anknüpft. + +Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange +kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins +Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in +der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen +Thronfolger. + +Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga +geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und +obwohl schon mehrere Töchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald +aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem +solchen beglückt. Dieser war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol. +Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht +zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb. + +Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter +Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung +nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden +Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und übernachteten daselbst im +Stifte. Hier träumte Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich +wünschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser +Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm. + +Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in kinderloser Ehe gelebt, +hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Töchter bekommen. +Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn +diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben +begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den Zurzacher +Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu ihnen begeben, die +Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines +Reichthums opfern, dafür werde er seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt +sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns +diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die +Unvermögenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib +vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben. + +Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib +geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel, +entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie +liessen sich auch in allerlei Schmähungen über derlei Pflichtigkeiten +aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend +fort. Dafür starben er und sein Weib eines jähen Todes, und seine +Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an +Gliederlähmung. + +So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der Legende über den durch +Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwähnt aber ist, dass +derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden +Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen +hinab und schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es +wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und +Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein; +auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt +das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu +handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, +gestorben zu Heidelberg, verdankt. + +Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in +das Städtchen Klingnau hinüber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren +es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht +stundenweit über den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen +Felsentreppen ersteigt man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer +einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften +Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. Wer +seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, muss nach dem +Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Männer her, die man ein +knarrendes Wägelchen über die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig +laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden +lassen, dann aber zu einer Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand +mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst +wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebüsch +ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach +Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mündung in den Rhein +gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz +oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese +Erzählung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe +zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden +Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn dafür eben fliesst in der +Zurzacher Stiftskirche jener heilkräftige Brunnen. Die hier +hinabsteigenden Wallfahrer dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich +schöpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden +Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; letzteres ein Brauch +aus der frühesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von +Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. +Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. +Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der +Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib +wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche geführt +und kommt hier zufällig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche +trieft und des Weibes Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus +Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch +auf der Stelle sehend. + +Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt +die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das +von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte +unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel; +nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar über der +Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen +Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden. + +Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine +Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsäule +errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge +Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des +Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den +Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Röhre hinab, +durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind +der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfüllung +ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus +der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten +"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und +Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem +Ergöw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein +abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein +unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fuoss in dz loch stosse, da dz +wasser herfür quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie +fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter +gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom +Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht +sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen +Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda gleicht also vollkommen der von +den Albanesen verehrten Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge +deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es +gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Märch. 1, S. 37. Holda +hütet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt +sie als Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch für die +gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen können, und +nimmt die unmündig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die +kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, überall lokalisirte +Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend +herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Schon +altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der +geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der +Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt: + + du bist der gezeichent brunne, + darin schein diu lebendiu sunne. + +Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort: + + Storch--Storch--Steine, + Mit dem langen Beine, + Mit dem kurzen Knie: + Jungfrau Marie + Hat ein Kind gefunden + In dem goldnen Brunnen. + Wer solls (aus der Taufe) heben? + Der Gothe und die Göthen. + +Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert +ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den +Fängen und zudem auf jedem Flügel je ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser +macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer, +Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits +verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachträglich noch +folgende aargauische anführen. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre +1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljährlich am +Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen +Brunnenstuben den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser +Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den +abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die +gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben +entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln: + + Der Bach chunnt, der Bach chunnt: + Sind mini Buebe-n-alli gsund? + Jo jo jo! + + Der Bach ist cho, der Bach ist cho: + Sind mini Buebe-n-alli do? + Jo jo jo! + +In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der +dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden +Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in +Oberfrick aus dem altverschütteten Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus +dem Stampfelgraben des dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die +Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der übrigen +Schweiz gehören folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der +toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der +Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach +in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch +bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau +Saelde trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550. + +Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern +entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände erlaubten, in +Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus +vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen +lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber +fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der +Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. +Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen +sein musste, erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim +beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen über +die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515, +20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen folgende Theorie. +"Die in Seen und Flüssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestüm +trügerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so +erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt +gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon +das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches +Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese +lassen sich an Flüssen und Quellen blicken, kämmen ihr langes +Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die +Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist, +nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die männliche, +und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in +Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber +Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle +tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit +dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren an +Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die +geschichtlich ältesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind. +Die zürcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspült und +in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind +ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau. +Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf +derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind +altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der römischen, theils +aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste Insel, +deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war für einen grossen +Theil der Weiler und Höfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen +Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am +gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz. +Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich bestand bis zur Reformation +das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu +_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker +Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau. + +Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvögtin +der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich +geopferten Gegenständen, vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen +Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern +kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den krönleinartigen Kopfschmuck +der Tschäppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und +Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den +Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines +Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es +ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens über das Haar +gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das +Kirchspiel genannt, ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach +Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum Opfer +aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein. +Erscheinen dann im Herbste die Züge der übrigen Wallfahrerinnen, so +nehmen sie ein solches Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während +ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen häuft sich +hier an, dass man die veralteten darunter alljährlich am Charsamstag +abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezündet wird, +mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in +dessen Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von +Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach +alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der Gemeindebann von Jung +und Alt umschritten, so dürfen bei diesem Männergeschäfte die Mädchen +allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für +die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich +Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, die +gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und +überhängen damit die Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem +Verenas Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss +hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der +Sigrist, setzt den schönsten der geopferten Kränze der Heiligen aufs +Haupt und schmückt mit den übrigen den Grundstein. + +Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man überhaupt Kunde hat, +ist es gerade ihr Gürtel, der sie als eine die Ehen und Geburten +beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem +ehemaligen schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten +Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem +entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der +Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis +über den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter +(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird +nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des +römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist +so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur Welt geboren worden. + +Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen +Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind. + +Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen Klingnau an der +Aare führt über den Achenberg. Auf der Hochebene dieses beträchtlichen +Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter +Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von +Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften +Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine +Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige Jahreszeit, +des Berges wilde Schönheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau +und Klettgau hinüber, die Wunderthätigkeit des Ortes und der den +andächtigen Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann +zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier +zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer. +Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne nicht über eine in Felsen +gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo +die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen +Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken daheim ein Krüglein +voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage. + +Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September +als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig +bemittelter Mann aus dem Städtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der +Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie +auf jener berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, +das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten +daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern +Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, traf hier einen ihn +freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit. +Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere, +sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung +gesteckt und sie gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, +dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der +Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand +wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Händen fassen +konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau +nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem +Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf, +und ach! da hieng gerade über seinem Kopfe gewaltig sausend ein +umrollender Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück nach +Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut, +musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem +Zehrfieber gestorben sein. + +Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die +Müllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthätigkeit nicht gesehen +sein. Es ist dies zwar ein öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe +Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet +er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe +Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena +die erwählte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der +Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle +entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die +gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und +die Ortssage fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit +abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus +einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von Büttisholz einst in +der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstücke +schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach +einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, +dass auch die Quelle versiegt war. + +Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben, +berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei +schon in ältester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die +über diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die +auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die +Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenüber +entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte +Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen +angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer +Sag. no. 1 mit dem Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den +Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen, +sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trägt, wie schon bemerkt +worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden. + +Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der Nähe der Stadt Zug, +gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghöhe an der alten Strasse, +die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein +herkömmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform +gebauten Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und meldete, +der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Müller +in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine +Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der +Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen +Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste über der +Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen +diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. +Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle +hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und Doppelhaken". +Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden verkündigen des Ortes +Wunderthätigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das +St. Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der Figur der +Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten +Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die +Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie der Zugerkalender vom J. +1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrücklich berichtet: +"Bist du krank und die Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen +nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam +zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich +Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hören. Auch +wird dir den Sommer hindurch so ein kühler Spaziergang in der Frühe +überaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Stärkung für +deine schwache Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins +aus ihrem Krüglein einzuschenken geruht." + +Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach +errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren +gesetzt und haben übereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige +trägt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein, +in der andern hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf +dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt +des Krügleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der +Flügelthüre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, +hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's +Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das nichtlesende +Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren +oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1. +September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten +den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hält und zu Füssen ein +geschnäbeltes Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen +Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche +Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete, +dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher +hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr +geheilten Aussatz hervor: + + auzsetzig behaft macht si slecht, + plint, chrump macht si gerecht. + +In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen +Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete +ihnen die Betten, kehrte den Boden, säuberte die Kleider, wusch alte +Erbschäden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf +solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie dasjenige in +der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte sein Krüglein mit Lauge und +seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die +durch Papst Urban seit 1625 neu bestätiget worden, ist nach dem dritten +Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen +Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu verabreichen. + +Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten Legendenaufzeichnung +gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden +dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals +eine Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man +hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem +verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darüber erblindete, +erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug +vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den +Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls." +Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus +und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe +einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden +war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der +Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich +auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefäss zu setzen, sie +würden sonst zu viel Töchter gebären. Ein Stück von diesem +Verenakrüglein hat nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und +dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift +abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen +allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden: +Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Küssennacht, +Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht +Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses +Werk; obenauf liegt in Lebensgrösse gehauen ihr Bild in +Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in +fliegenden Haaren, es hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der +rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den +Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus Menschenliebe sich +unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt, +sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das +mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rössli ist ihr +Aufenthalt. Aus dem Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor +hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt +sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült sie ihr +Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen +Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem +Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird, +erklärt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier +Gotteshöfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, +welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese +verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80 +Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu +gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Messpriester den +Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie +sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese Höfe +ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu +verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher +Hand an den Gemeinderath von Reckingen übergegangen und hat seit dem +Jahre 1854 die gründliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene +letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen +Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu +gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude, +wird darüber zusehends grösser und ist mit einem male wieder unsichtbar. +Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen +niemals das Füllen erblicken, wohl aber statt dessen eine +weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier +Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die +Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet. + +Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in +Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nähig sind +("übergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen +(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im +Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen +Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese +Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden wurde Ross und +Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rüstpferd lässt die +Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige +Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. +Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen +Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des +Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig +der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar +darauf der Kapelle in Grünthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt +Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, +1860, 6. + +Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich +in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wäldchen, das nach +einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhölzli heisst. Am +südlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt +dorten eine schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich +das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschädliche +Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist freundlich, nur will sie in +ihrem Geschäfte nicht gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa +ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss einen +geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwärts heisst sie +nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strähl-Anneli, oder nach +ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den +verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem +Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm durch die +Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme +niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits +die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen +Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus +Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt +und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer, +Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmännin +gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschäfte gewidmet, die +Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst +der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun +zwar unsern ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige +Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- und +Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das +klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich +darüber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der +zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Römer ihre Bildsäule mit einem +Kamme in der Hand vorstellten, erzählt hiebei: Als einst die römischen +Frauen die Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die +Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen +die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsäule, +die den Kamm trug. + +Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt +schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr +beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mädchen das +schöne Haupthaar und zugleich den schönen Schatz. Am 1. September, als +dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, +deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends +katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um +Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein +neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener +Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Köpfen ihrer Kinder eine +gründliche Wäsche abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf +geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs. +Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim: + + Chind, bis ietz still und fîn, + oder es chunnt Frau Vrin, + die het ne grosse Striegel + und zert di kech am Riegel. + +Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist +also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die +lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm +behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei +weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei +nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden +solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein: + + Ach mî liebi Jumpfere Vre', + gsehst, i ha kes Schätzeli meh, + strähl und wäsch mi doch au nett, + dass mî Hansli Freud ab mer het! + +Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen +"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen +Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 +folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks +Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der +Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal: + + Frene, Frene, dorra weg! + +In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende, +geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des +weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende +Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt. +Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit +schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil +es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so +übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es +im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell +als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu +entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das +Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine +heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in +der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt +geworden. + +Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas, +wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen +gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur +demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke +(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und +zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin +bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie +denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um +unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und +Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde +man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie +nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird +sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm +(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon +die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst, +lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des +Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte +anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom +fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten +stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass +ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während +Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im +fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert; +ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in +der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern, +der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch +Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich +dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von +Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und +rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der +bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die +rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 +Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena). +Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage +in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des +Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern +Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist +stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, +Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und +staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258. +Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte +Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des +Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen +Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher +verwandelt hat. + +Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl. +Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern, +zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am +südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im +ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des +Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend +gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen +Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die +Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen +einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen +heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in +ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. +Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen +breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für +immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee, +es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich +über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste +einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte +auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten +grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach: +"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten +gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite +Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in +der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern +eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt. + +Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit +alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm, +Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach +einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch. +Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener +Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie +werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen +kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den +Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte +Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst +von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli. + +So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit +zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen +lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte, +Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel, +die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel +hervor bohrt--verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh +angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte +die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen +besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der +demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die +der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des +Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der +jenseitigen Thalwand eindrückt. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger +Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken, +Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am +Schwarzwald, ob Laufenburg. + + * * * * * + + + +Vierter Abschnitt. + +Verena als Frau Venus. + +Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des +Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und +Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt +auf den ursprünglichen Mythus. + +Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen +Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf +dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt. +Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in +Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und +an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240 +veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C., +und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres +Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen. +Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon +von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche +Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit +aufgeführt. + + Tannhäuser war ein junges Bluet, + Der wot gross Wunder gschaue,[8] + Gieng auf Frau Vrenelis Berg + Zu selbige schöne Jungfraue. + + Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho, + Chlopft er an a d'Pforte: + Frau Vrene, wend er mi inne loh, + Will halte eu'e Orde! + + "Tannhäuser, i will der mi Gspile ge + Zu-m-ene ehliche Wib."[9] + Diner Gspilinne begehr ich nit, + Min Leben ist mer z'lieb. + + Diner Gspilinne darf i nüt, + Es ist mir gar hoch verbotte, + Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet + Und drunter wie Schlangen und Chrotte. + + Tannhauser sass am Figebaum, + Drunter er war entschlafe. + Es chunt em für i sinem Traum, + Er müess uf Rom wallfahrte.[11] + + Wo er in d'Stadt Rom inne chunt + Wohl unters höchsti Thor, + Frogt er dem oberste Priester noh, + Wo in der Stadt Rom wär. + + Wo er i d'Chille ie chunt, + Vor'm Pobst thet er sich gneige: + Gott grüeze eure Heilige, Pobst, + Mine Sünd will i eu azeige. + + Der Pobst het do en düere-düere Stab, + Vo Dürri war er gspalte: + "So wenig de Stab meh z'grüene chunt, + So wenig magst du Ablass erhalte."[12] + + Und wenn i nümme z'Gnade chum + Und nümme mag werde bihalte, + So gohn i uf Frau Vrenis Berg + Und leben bîn ihr im Walde. + + Es goht nit meh als dritthalb Tag, + So fieng der Stab a z'gruene, + Er treit es Laub so grüen wie Gras, + Darzue drei schöni Blueme.[10] + + De Pobst schickt sine Botten us, + Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre; + Er schickt sie us in alli Land, + Der Tannhuser blibt verfahre. + + Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg, + Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse + Tannhuser soll do usse cho, + Sine Sünde eigen ehm nochg'losse! + + "Zun-ech usse cho, das chan i nit, + Do muess i bliben inne. + Muess bliben bis am Jüngste Tag, + Dä gohts mer erst, wies cha und mag!" + + Tannhuser sitzet am steinige Tisch, + Der Bart wachst ihm drum umme, + Und wenn er drümal ummen isch, + So wird der Jüngst Tag bald chumme. + Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot, + Öb der Bart es drittmol umme goht + Und der Jüngsti Tag well chumme. + +Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen +südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und +wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen +Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes +Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter +Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich +bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und +wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten +"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler +histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der +Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses +Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm +(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene +die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither +weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt. + +Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von +Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr +vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres +berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber +empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen +Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach. +Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine +Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte +hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst +die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine +Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt +durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des +Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her, +die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh +und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den +Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag +und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein +lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die +Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind +einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der +Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei +allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die +verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger, +hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter +(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg. +Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu +grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht +mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um +den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit +ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine +Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur +Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich +mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein +paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der +letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es +war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und +hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da +von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, +durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, +brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch +folgenden Reim: + + Frû Frîen + wolle geren frîen + un konne keinen krien, + da feng se an de schrîen. + +Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen +Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren +verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no. +12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in +dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre +Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl +die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen +Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist +die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa, +domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven +Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und +Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. +414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der +Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben +Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsächs. +frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: +pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch +sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber; +"de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es +luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate +übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname +Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht +durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit +priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus +Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs, +norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das +an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, +dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und +Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins +Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung +war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre +Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander +gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems +gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und +Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die +mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet, +hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube +eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist +die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen +ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, +zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So +urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30. + +Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angeführten Namen +der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und +Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen +einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des +schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im +Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in +denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast +der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur +dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und +Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von +der Omeiss 36, lässt die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fünfzig +Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum +gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628 +regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der +Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit +_Kröten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner +Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede +selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt: + + Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet + Und drunter wie Schlangen und Chrotte. + +Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen +Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen +Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier +Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte +angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. +Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder +Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das +Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei, +Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt +(ed. K. Gödeke, S. 151): + + zuo Basel in der Malentz gassen + do hat sich fraw Venus nider glassen. + +Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden +Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach +begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der +ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an +einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen +ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden. +An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der +ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen +fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne +Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten +Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der +Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt, +erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen +Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, +gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres +erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte. +Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen +"Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter +die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst. +So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden. + +Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch nicht +aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und Kaiser Friedrichs +hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen +Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die +andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd +Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem +latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern +aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des +Neumonds begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum +entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die Zurzacher Dult +schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie +hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich +zusammenhieng. Kirchen und Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht +verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die +Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname +Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines örtlichen +Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzügen +besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzüge gehen von einer +Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des +Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe +der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint +liegt. + +Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche häute +Venus heissen, ist ursprünglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei +unserem gegenwärtigen Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie +hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt +hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim Dorfe Eib an +der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge +auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort +Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er +bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das +Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb +Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt +die Venus vor einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums 1860, +88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst +urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein +Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. +Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar +führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein, +Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmöglich alle dem Latein +abgesehen sein können, empfand schon Fischart, der in seiner +Uebersetzung von Bodinus Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei +Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt +und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede +den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem +abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem +romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, +bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform +Feenesleute, wie die Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 +heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort, +Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins +Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch +Fayer, gälisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des +Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und +Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als +Feen dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass sie +Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört jedoch der Name +des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesänger, gestorben um 1196; dessen +Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande +gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, +ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der +örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg. + +Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die +Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch +die Kirche zur Patronin der Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur +Mutter der Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen +Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit denen sie im +Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem schattigen Lusthain +(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklärlich Tannhauser. Auf den +bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesänger Tannhuser (gestorben um +1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes +Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht +geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn auch unter +anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefür +giebt Grimm Myth. 888. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[8] Uhland C. + +[9] Uhland A. + +[10] Uhland B. + +[11] Nach Uhland C. + +[12] Uhland A. + + * * * * * + + + + +III. + +Gertrud mit der Maus, + +die Allerseelenherrin. + + * * * * * + + +Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den heidnischen Namen einer +germanischen Walküre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr +bezeichnet sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda +genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das +altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib, +virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe +niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schläfer +auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, +bezeichnet. Der Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen +Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten Walküre +entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon +Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen Frauen genannt; ebendaselbst +eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen +Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah, +verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud +bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen, +dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 übersetzt trutari +mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das +Geschäft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu +müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden spinnende +Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen +Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den +Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem +Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben +genannten Göttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des +Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die +Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den +Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit +Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird +Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die +nächtlich wühlende Maus, kündet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die +Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge +dessen versöhnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man +die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen Mäuschen bäckt. + +Dies ist der äusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt. + +Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre älteste +Legende in vielfältigen Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden +sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger +unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in Nivelles, +zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS. +sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, +zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. +Gemahlin Ita um 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als +erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, +gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, erzählt, dass +Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach +Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten +Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben +geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser Angabe hinzu, +dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen +desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl. +Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man +dorten die Klostergründungen und Vergabungen zu Karleburg und zu +Neustadt am Main beilegt, ja man führt daselbst noch eine dritte hl. +Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und +nachmalige Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von +dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen +frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und dass man aus eben +dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grösste deutsche +Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche +Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens +bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im +Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert +angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der +Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine +Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so +die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit +den frühesten Anfängen des Christenthums in Deutschland zusammen. + +Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei +zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet +wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, +25. In holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den +Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die +Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin +der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne" +trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434. +Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trägt +Gertrudens hölzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. +Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab, +der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des +Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an +welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen +eingewoben, zwei, Weihrauchfässer schwingende Engel umschweben sie. +Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der +Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag, +durch zwei Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit +correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbüchlein (edd. +Strobel) lautet: + + so kumet die liebe sant Geretrud, + die so entschlief in gottes willen, + und stulen die ratten und miuse ir spillen + und trugen sie in ir miuseloch. + +Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger Münster gewesen, auf das +sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Könighovens Chronik 571 beruft, +war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, +umschwommen von Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden +in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der +Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; für jetzt seien die +landwirtschaftlichen und bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, +die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen. + +Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich knüpfenden +Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der +Winter, und mit dem 17. März der Frühling beginnen soll, so ziehen mit +dem letzteren Termin die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei +Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud +lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft +die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2, +71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es +beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste +Gärtnerin verehrt ist. Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren +Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende +Sprüche; + + Sünte Katherin + smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn. + Sünte Gerderut + tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.) + + Sankt Gertraud + führt die Kuh ins Kraut, + das Ross zum Zug, + die Bienen zum Flug. + + Gerdrut + geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.) + + Sant Gertrud + Säit Zibelä und Chrût. (Schweizerisch.) + +Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln, +wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im +Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der +Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. +Merzafülli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fällt auf 17. März und die +Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen +guten Frühling. + +Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzählt von ihm +folgendes Märchen, enthalten in Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, +no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer +brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf +Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats übers +Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und füllte das ganze +Geschirr. Dieser Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten +male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grösse, +und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr +müsset ohne Almosen gehen, all mein Gebäcke wird zu gross für euch! Zur +Strafe verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch +ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum +Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie nach Futter in die +Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth. +3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorüber, wo frisches +Brod duftete, und sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu +erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren +sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafür sind diese +zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber +ist zum Kukuk geworden. In Prätorius Weltbeschreibung und darnach in +Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur +theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott +den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen: +Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen Raubvogel verwandelt, der +unaufhörlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt +hierüber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe +ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafür, +als man auf des Kindes flache Hand hinzählen könne. Das Büblein gieng +darauf ein und machte sein hingestrecktes Händchen immer hohler und +schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden +wollte, noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen, +so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf +Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78. + +So wird hier der Specht, ursprünglich ein nahrungsspendender Bote +Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und +geht in die Gestalt des gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über. +Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwünschter +Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies +besagen die nachfolgenden Kindersprüche: + +Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk, +Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em dürre +Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis +acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf ertönt, +heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod, +franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschöl +cucu (Butterbrod), und weil seine säuerlichen Blättchen von den Kindern +genascht werden, auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das +Brod, 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen +Guggichbrödle. + +Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und +Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter +Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und Speckwähen +benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange +seinen Ruf ertönen lässt, als die Brütezeit dauert und er die Eier +andrer Vögel aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die Reife +der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier für +buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme +verfällt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn +erregten Theuerung knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen +und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die +oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem +Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er +soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in +welches jene Beckerin mit ihren Töchtern verwandelt ist; das ist bis +Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne +abwärts gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts gönd, schlôt 's ûf. Hält +der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen +Opfer er selber zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch: + + Am achten des Aprils, + da soll der Kukuk kommen; + Kommt er am achten nicht, + so ist er todt oder gefangen. + Kommt er am zehnten nicht, + so hängt er gefangen im Zaun. + Und kommt er am zwanzigsten nicht, + so ist er gefangen im Korn; + Und kommt er am dreissigsten nicht, + so ass ihn der Hirt mit Polenta. + +Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der Anbau in der +ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwäbisch Mundingen +Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und +daraus erklärt sich vollständig der Schwabenstreich des Städtchens +Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels +Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch +bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene Haber schnelle +(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in +Zürich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhäusern zu nahe, eine +Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den +richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um +Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis +in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu, +in Meiers Kinderreim. no. 87: + + Schrei sie mir in Deckelkräbe + Wie viel Jahr darf ich noch lebe? + +Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und +Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer +verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag +4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f. +Myth. 3, 222): + + Kukuk, Kukuk, Gerderut: + stäck dîne vêr Hörns herut! + +Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher ihm die +Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in +die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Göthes Lied +Frühlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April +gehörten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und +der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass +man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung +ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfälisch der +Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht +man: + + Gugguger im Sessel, + Gieb mir dein Geld zu lesen, + Will dein Geld dir wieder geben, + Sag, wie viel Jahr thu ich leben? + +Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers +Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften unter wunderbarem, weit +vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die +Gestalt einer gewöhnlichen Taube hat, aber an ihren Füsschen ein kleines +Schilfstühlchen mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden +stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde nie, wo sie +aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und blüht es im folgenden Sommer +am schönsten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die +Taube wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder Taube, die +ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Göttermutter, +die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem +goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg +der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai +Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843. + +VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243. + +Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen: + + Gugger uf em grüene Ast, + Du, mi liebe, schüeche Gast: + Gugg mer doch, bis au so guet, + Wie mängis Jahr no han i z'guet? + +Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und auf den Sack schlägt, +dem geht es das Jahr über nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der +Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar +also reden lässt: + + Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack + u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!), + dass i kei Batze by mer ha, + jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!" + Un Aenni lost und fraglet di: + Wie mängs Jahr ächt no leben i? + +Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zürcher Chirurg +Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, Zürich 1646, 13: "Vnd da der +guckguck Fünffe herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb +anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. Sie fiel +aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum sterben sich +zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck +hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem +letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie +jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fünft finger auff, +andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben +habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!" + +Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der +hört auch den Kukuk nicht mehr; was man verwünschen will, das soll des +Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende +Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache +bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der +Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem +Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet +daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke +abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, und von einem +Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzählt, dass es nie +mehr habe den Kukuksruf hören können, ohne nicht in heftiges Weinen +auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. +317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos +Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim +Frühlingsbade ertrunken, im nächsten Frühjahre: + + Aelter wird mein Ellenbogen, + Schwächer wird mein Handgelenke, + Ja, der ganze Körper zittert, + Wenn des Kukuks Ruf ich höre! + +Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ältesten +Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein +verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem +transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech. +und römische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und +eine Säule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus +der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altrömischer Mythe +die ausgesetzten Zwillingssöhne des Mars, Romulus und Remus, aufgeässt +und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein +Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte +Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und Gefängnisse +aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu +füttern, lässt er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes +Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vögel +Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den +Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab +weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem +Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in +Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, +der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart), +welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und +so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel. + +Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind, +aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht +dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die +Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich +da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche +erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende +Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir +nunmehr in Ausführung. + +Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der +Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben +die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu +nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm +Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc +prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum +archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. +Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's +niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und +Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem +Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S. +Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der +groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se uouer dat Leuuer-Meer. +Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin +schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf +und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos +Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon später. Gertrudens Kirche und die von +den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der +Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, +an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe +verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe +und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem +letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor +Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der +unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit +lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem +Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter +klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin +Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie +ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins +Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar +gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147. +Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin +geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, +allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die +Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre +liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde +Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die +Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen. + +Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als +Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas. +no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche +abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein +Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu +mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte +und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. +Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen +Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und +nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, +Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das +plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang +ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden +sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser +drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine +weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor +der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, +wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse +Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so +erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.--Weisse +Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine +Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den +Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des +Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines +Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und +lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das +Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt +den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, +von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen +Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen +Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte +einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen bis ins Herz +hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der +niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists +nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des +Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde +heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse +auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen. + +Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit +entschlafen ist, kommt ein _rothes Mäuschen_ zum Munde heraus und geht +durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen +rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können. +Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen +Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte +die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335. +In Gestalt eines _weissen Mäuschens_ kommt der Alb durchs Schlüsselloch +ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich +schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es +nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die +Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben +Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte +nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit +dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den +Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich +schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür +hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen +wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche +gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an. +Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag. +no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen +geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das +Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein +wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. +96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem +Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus +seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten +Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte +der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen +Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn +sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die +Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle, +Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der +Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich +einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will +hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine +Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet. +Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige +Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert +weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber, +näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein. +Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe +begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von +wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste +ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als +Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. +Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von +Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen +Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt, +auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und +rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund des Königs +zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse mit Eisenbrücken +geträumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben. +Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige ähnliche Sagen aus +Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende +Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflügelter. Aus +dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. +408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, +und Vonbun, Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden und +umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit Geister, so können sie +sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschützen und +den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den +Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei hier wiederum +vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzuführen. Unser +übelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, holländ. +morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause +auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird +es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand, +so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den +Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt +dieser bald. Verlassen sämmtliche Mäuse mit einem Male das Haus, so ist +dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom. +Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus: + + Der Aberglaube redt re noh, + (Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh, + Glaubt' i's, i müesst mi schäme): + Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz, + Geb's i dem Hus en andre Tanz, + Das heisst, es g'hei bald z'säme. + +Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die +Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als +sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, +82. Als die Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons Götzentempel +aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre +Felder mit dem Mäusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77, +66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurück und +übersandten dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf goldne Mäuse +und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage +heimgesucht gewesnen philistäischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4. +Aehnliche Sühnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der +Priesterkönig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine +Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141. +Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der phönizischen Ceres zum +Sühnopfer gebracht. Welcker, Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen +und im äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine +Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus +dar, sowie auch eine Münze von Metapont die sechszeilige Gerstenähre +zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer, +Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen +dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trägt die Maus auf dem +Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl. +Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die +Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die +agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte +Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Mäuse +vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud +gewährt, welche, indem sie die Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen +abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu +baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die +Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die allbekannte +Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der +magischen Pfeife knüpft, mit deren Tone die Mäuse vertrieben werden, und +hiervon noch später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen +Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner +Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten +Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzählt. +Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und +Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem +fremden Mann überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen +Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor +und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den Hauswinkeln, +Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er +trat sein Kleid aufschürzend in den Strom, die Thiere ihm nach und +ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn. +Allein die Bürger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am +folgenden Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war +purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und nun spielte er +eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm +binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum +zwölften Altersjahre, die führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des +vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem +wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit +unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten erst wieder ans +Licht geführt; denn seitdem spricht man in diesem Lande +niedersächsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die +Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen +Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafür +vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Mäuseheere +wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf +seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, +und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben +verloren. + +Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis +lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch Angionini mit dem Erbieten +erschien, den Ort von seinen Ratten und Mäusen zu befreien. Er lockte +alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den +versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle +Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn +sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die +Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die Mäuse, weil sie +Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit +hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frühling den +Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); +wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende +Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du +singst mir alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit +singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich folgenden +Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein +Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man +hängt dem gefangnen Thiere ein Glöckchen an und lässt es laufen; es +springt aus dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. +Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die +Pfeifchen im Schweife der hölzernen Spielrösschen und die thönernen, die +man an der Stelle des Schwänzleins in die Erntenudel der gebacknen +Mäuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt +die Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch Weingärten; +die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten +(Kloster Weingarten, 1857, 48): + + Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich. + +Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in +seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei lebendigem Leibe gefressen +wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer +Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und +der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine Mäuse +pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen +wird nebst der eben berührten Sage von Trithemius in der Hirsauer +Chronik 1, 116 erzählt und zur Unterstützung dieser Begebenheit, wie es +scheint, dorten S. 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über +einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am +thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Güttingen soll sich +desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Mäusen +aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es +haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, +307), und jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo Smintheus, S. +78 ff.) über diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der +Erklärung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein +zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und +damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte +Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit +Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt +der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt. +Mäuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder +Seuchenzeit einstellen. Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den +Irchelberg flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer +gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur +Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende +Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Mäuse gehext habe. +Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher +gebräuchliche Phrase: Mach mir keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und +will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes Bürgergeneral, 9. +Auftritt. + +Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele +hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern über +die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend: + + Kommt ein Mäuschen, + will ins Häuschen, + da 'nein, da 'nein! + +Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu +sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse, +welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schädigung der +Lutmäuse beim Amte Glurns anhängig machte, erhielten beide Parteien +ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt, +für Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der Beschluss +lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich +gänzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und +jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre, +oder Jugend halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein +weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no. +708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540, +welches die Mäuse als Saatenverwüster anklagen und verurtheilen liess; +der Mäuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des +Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch +nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen durch Hunde +und Katzen unsicher seien; füglich auch nicht erscheinen. Diebolt, +Histor. Welt, 1715, S. 1117. + +Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern, +findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknüpften +volksmedizinischen Bräuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein +Opfer hinausläuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den +Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen, +dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt +wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da +hast du einen hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In +Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein +Steindel.--Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen Zahn, gieb du mir +einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es +(Alemann. Kinderl. S. 338): + + Müsli, Müsli, nimm de Zah, + gim-mer en schöne goldige dra, + frei en schöne wîsse, + ass ech's Brod cha bîsse. + +Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht +selber verschluckt, hoch gegen Himmel: + + Seh, liebe Herrgett, en Zah! + Gieb mer wider en andre dra.-- + +In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht beim Schneidezahn: + + Se, Mäusle, has du dean Za, + sez mer derfür en andra na! + +Beim Mahlzahn heisst es: + + Wolf, Wolf, da has en Za, + gi mer derfür no koen Biberza! + +Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwäbisch Name des +wälschen Hahns (Birlinger, Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass +mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein +altarabischer Spruch in Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den +Schichtzahn gleichfalls der Sonne: + + Liebes Kind, nimm deinen Zahn, + Der dir ausgefallen, + Wirf ihn zu der Sonn' hinan, + Sprich mit frohem Lallen: + Gieb mir einen bessern dran! + Und du wirst von allen + Neuen Zähnen keinen Zahn + Schwarz und schief und stumpf empfahn, + Sondern jeden wohlgethan. + Kind, so lehrt' es mich dein Ahn. + +Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, Lichtalfenheim, +zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine +Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in +Süddeutschland Wölfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden +dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht +auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr +zum Opfer fällt. + +In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 lässt sich die +Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen +silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das +Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn +wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst +anderen dahin einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten +Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der +hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in Höhlen wohnenden +Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine +Zähne in den Boden säet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die +Zähne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen +erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft +man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn +heisst in Süddeutschland Wölfle, und wölfen ist zahnen: Aus Wolfs- und +Rosszähnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst +umhieng, und selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den +Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des Bären und +Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als Amulette getragen zu werden. +Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz +bei Plinius überein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden +zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung +angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus +Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte +Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. +Höchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von +welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen hat. Das +Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale +Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu +stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen +habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das +Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, +darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den +Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen Kirchenvisitation strenge +Nachforschung hierüber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die +Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel +gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden +muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von +Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter +Analyse aus pulverisirten Mäusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die +uns persönlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien +dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu +trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten, +dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht +verhalten können, gepulverte Mäuse unter der Speise zu essen verordnet; +denn diese Heilmethode gründet sich auf ein blosses Wortspiel und steht +nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, +dämonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit +Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die Muskelschwäche +am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da +latein. musculus beides ist, Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin +nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran +geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprünglich unter dem +Einflusse der wälschen Universitäten zu Padua und Montpellier stand. +Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie +des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt +daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wörtlich nach: "Das +Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Mäusslin, so umb den Hals der +Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht +mehr gehorchen kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck +und pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt +durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der +Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zürich 1554, Blatt 126b; +Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: +"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib +auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein." + +Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwörterb. 3, 125, der +schon vorhin erwähnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die +dorten enthaltenen Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen +stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür bedeutet. + +Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der Wurzel mûsch, +stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch +Yajnavalkya III, 214 (übers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus +wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstände sind, +so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen +Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen. +Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt Plautus in den Gefangenen +den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555, +sagt das Vorwort: + + Mein frischgebachen brot + muoss leiden vil der not + von hunden vnd von katzen, + von meusen vnd von ratzen, + zerhülchen's, schliefen drein, + wolt, sie schwimmen im Rhein! + +Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ältester Zeit +für bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest, +durch die man dem schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen +glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in +deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in +unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um Weihnachten und +Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben +in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren +Umzug hält, nicht spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das +Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von +den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das +Mäuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen +die Mäuse (Aargau). Man darf alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst +stehlen sie das Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach +Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, Scheunenbodenläufer, in Dänemark +Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch +so fest, dass der dänische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774) +während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur +Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die +Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel übrig bleibt, +schüttet man gegen die Kornmäuse in die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch +v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bäckt man die +Fasnachtsküchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit +ihr dem wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das +Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt +in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der +gebacknen Mäuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils +bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die Garben +der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser Nachtarbeit nicht mit +zusehen können, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben, +jedoch vermehren sich die Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit +flucht. Bavaria 2, 300. + +Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach +unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den Mäusen, die hiemit sich +begnügen und den Geizigen heimsuchen mögen. Die Beinchen vom +Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, +streut man gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge. +Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz, +worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis zur Ernte auf und salbt damit +die Räder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt +der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die +Katze für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die Scheune kommen. +Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schüttet man in die Scheunentenne +und spricht: Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide in +Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in +die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der sie Abladende fragt +den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, +erwiedert Jener, so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich meine Gerste +hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt. +Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten +einführst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine +rechte Hand und sprich: + + Da leg ich dem Menschen das Brot + und allen Mäusen den bittern Tod." + +Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf +dass die Mäuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kräuterb. +3, S. 9a. + +Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in +Mausform gebackenen Zweckbrode. + +Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Bäuerin junge +Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig und bäckt sie in Butter ab; +hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen aus der +Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen +grösseren Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein +thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx Rumpolts +Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in dieses Mehlmäuslein die +Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blätter. Noch älter ist folgende +Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz +gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie schôn. seüd sie +weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd +deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch +bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, +zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt +von dieser Nudel: + + Bachen wir ein Küchelein, + Meuselein und Streubelein + Und trinken auch den kühlen Wein, + Kaku-kaka-nai, + Dass man fröhlich sei. + +In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst +es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel: + + Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar nid z' verachte, + Wämmä de Zucker nid spart und wämmä cha gnueg devu esse. + +Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach +beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus +Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern +demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte +Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl +scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt +man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen +Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und +Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer +eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner, +Sagb. no. 641. + +Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber +werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren +Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt +man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt +es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern +wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung +des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen +und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt +Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen +umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern +und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht +zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei +Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das +gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich +im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker Flur +getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen +heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei +Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel +mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein +Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom +Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. +Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, +so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende +der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen +Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man +dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21] +wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die +Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr +daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche +Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen +und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3. +Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und +sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle, +Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der +Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum +Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und +entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss +Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete, wurde ihrem Priester +Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. +Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser +Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte +ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen +Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign. +Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der +Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud +gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an +dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und +dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr +aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke +Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von +Unterfranken 13, 154. + +Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich, +weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu +trinken. + +Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter +und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich +den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, +um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des +siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der +Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum +"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth. +53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. +an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im +Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne +getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt +auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne +(Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte +nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis); +Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich +gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther +Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von +Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. +699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu +trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der +Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine _gute +Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste +Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese +Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das +Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form +eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der +weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern +jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck +Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt +Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle +aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend, +so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte +Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die +Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer +des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen +Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer +verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als +sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem +Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie +Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in +Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der +Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere +Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren +Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie +trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der +Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und +öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, +zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta +und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus +zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd +eine Beata und Sancta genannt. + +Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem +schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende. + +Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine +Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit +Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen +Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach +dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz +und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des +Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie +je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an +der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe +dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und +weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen. +Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach: +So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser +gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer, +BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches +Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich +dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen +Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen +Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von +Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch der Satan +konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl. +Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser +Vorfall war später in der Heppener Kirche künstlich gemalt zu sehen. +Mittelhochd. Dichtungen tragen ähnliches auf die hl. Maria über, die als +Schutzgeist eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache +deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den Schutzbefohlnen aufs +Turnier ziehen und in Gefechten mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert +daraus, dass Maria hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen +Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Götterwagen mit +zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walküren +gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetümmel +mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu +deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde. + + * * * * * + +Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem +gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigürchen einer aus +Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hähnchens ausgegraben +und beides uns zu einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der +Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an römischen +Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat jüngst auch zur Entdeckung +eines wohlerhaltnen Brennofens geführt; man erhob daselbst eherne +Legionsadler, Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4. +Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz +gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch +dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der +Regenerationskraft. Die Maus trägt eine Schelle um den Hals gebunden; +denn nach Apollodor (Fragmente) wurde für Sterbende Erz an einander +geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu +Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der +Macht der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das Krähen des +Hahnes das Licht des neuen Tages. + +Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn. +Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. Die Figur ist aus +ungesäuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus +der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen +Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen +bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und Kamingesimse, finden +aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein +Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zähne +nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvölker 4, 165. + +[14] Firmenich, Völkerstimm. 3, 112. + +[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340. + +[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340. + +[17] Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285. + +[18] Alemann. Kinderlied. + +[19] Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien ihm ausgefallen; +der Traumdeuter erklärte dies dahin, der Monarch werde alle seine +Verwandten überleben. Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das +Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der schwarze Zahn, der +alles benagende Zahn der Zeit. + +[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei +Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. März der hl. König Guntram +abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber +dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde +gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit +offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram +an, weil er seine Schätze den Armen geschenkt und dafür einen ihm von +Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe. + +[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl. +Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in +Preussen, überschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer +Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die +Messe nach Kulm kommen zu können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre +Fussspur in jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine +Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten auf den Wellen +der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Königin +Berta zurückgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers +silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera. + + * * * * * + + + + +Nachträge. + + +[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den +Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat +ihre neueste Vervollständigung gefunden durch die drei Bildergruppen +eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im +Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen +die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Männer dar. Aus +einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um +Haupt und Lenden Epheukränze tragend, jeder auf einem phantastischen +adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus +reitet der Maikönig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem +Ornamente der drei stumpfen Blätter, über welche sein Hirschgeweih +emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die +Hüfte trägt er einen Gürtel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit +Pfeil und Speer Rosen in die gegenüberliegende Burg. Ihre Absicht steht +auf den sie umgebenden Spruchbändern zu lesen. + + Wol vf alle mine wilden man, + wir wellent festen und buirge han. + + Schiessen alle, nieman lôss abe + an büte gewinnen, will einer habe. + +Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den +Sommerreitern her eilender Jüngling mit herbei getragnen Brettern zu +überbrücken strebt. Von den Zinnen herab kämpfen fünf dicht in +Wollenfliesse gekleidete Männer, die Winterkönige; denn auch sie tragen +Kronen wie der Maikönig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr +Burgwart am Söller stösst ins Rom; das Spruchband über ihnen besagt: + + Vnser vesten, die ist wol behuot + mit gilgen, klewen, rosenbuot. + +Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen +Frühlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in +welchem die Maikönigin bereits Platz genommen hat. Auch sie trägt die +offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch +gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei +Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten +Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_ +abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen +alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss +hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels +agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnäbelte +Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im +Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls +das dreifache Blätterornament zeigt. Im Luft hängt ein kurzes krummes +Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze, +mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zügel +seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen +arabeskenhaft umrankt. + +[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die +Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem +Eisensärglein neben Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In +den von mir eröffneten und beschriebnen heidnischen Waldgräbern zu +Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des +Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer +Alterthümersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265. + +[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach +_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich +verrathende späte Entstehung dieses Gedichtes weiter bestätigt. Es +leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in +der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwähnten +römischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem +Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt +worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, +die oft citirte Inschrift aber längst als unecht erkannt worden. + +[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht, +gelten mancher Orten gleichmässig als weissagende Liebesboten. In +Deutschböhmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man +bald heiraten werde; der Specht hat es bestätigt, sagt man dann. +Grohmann, Abgl. S. 70. + + * * * * * + + + + +Wortregister. + + +Ankenbrüt. +Ankenschnittenprozession. +Ara, Aarefluss bei Solothurn. +arbaiz, Erbsen. +Aufburg bei Zurzach, röm. Castrum. + +Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwünscht. +Bilihildis, hl., aus fränkisch Veitshochheim. +Brod, + den Elementen geopfert. + Erntebrod. + Eulogienbrod. + gegen Tollwuth. + gegen Wolfshunger. + phallische Zweckbrode. + Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt. +Brunnen Walburgis, + im Elsass. + in Franken. + in Holland. + in Tirol. +Brustbein Walburgis. +Butterschnitte, + als Präservativ und Heilmittel. + bei kirchl. Prozessionen. +Buttergewinn, zauberischer. + +Elben in Mausgestalt. +Emmetsheimer Steinbild phallisch. +Erntebrode. +Ernteopfer. +Eulogienbrod. + +Fadenziehen, ein Liebesorakel. +Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige. + +Gertraud von Osten. +Gertrud, + Verstorbene beherbergend. + zu Rosse. + als Waldfrau. + Gertrudenkirchen, + niederdeutsche. + ostfränkische. + Gertrudenkraut. + Gertrudenminne trinken. + Gertrudentag, Kalenderregeln. + Gertrudenvogel. + Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen. + G's Mantel. + G's Spindel mit den zwei Mäusen. + G's Schiff als Trinkgefäss. + G's Wagen. +Gnadenstein Walburgis. + +Hagel, ein König. +Hagelfeierpredigten. +Hagelsquelle. +Heiden- und Schönbrunnen. +Heidenkirchen, + als spätere Walburgskirchen. + als spätere Verenakirchen. +Heilquellen Verena's. +Heilwag. +Helgenbronn. +Holpurga. +Honigfall. +Hund, + als Walburgis Gefolgsthier. + als das anderer Göttinnen. + als Speisenname. + gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert. +Hühner, kirchlich geheiligte. + +Käsbrunnen. +Kleinkinderbrunnen. +Kleinkindersteine. +Klumpfüsse, + durch Walburg geheilt. +Konstanzer Bisthumsgrenzen. +Kornähre, + Mittel gegen Hundebiss. + Mariae und Walburgis Emblem, + das des hl. Oswald. + Sinnbild von Obereigenthum. + der Truden Zaubergestalt. +Korngarbe, Walburgis Versteck. +Kriemhiltengraben am Jung-Albis. +Kukuk, + ein verwünschter Becker. + auf dem Binsenstühlchen weissagend. + als Lebensorakel. + als Theuerungsprophete. + +Lehmkugeln, + in Heiligengräbern. + in Heidengräbern, _s. Nachträge_. +Lebermeer. + +Maibad. +Maiengericht, dessen Kostenbetrag. +Maienthau, + abstreifen. + baden im Maienthau. + Maienthau der Erdmännlein. + kosmetisch. + medicinisch. + sprichwörtlich. + zauberisch. +Maigraf, Maigräfin. + _s. Nachträge_. +Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. +Mairitt. +Mauritius, Verenas Verwandter. +Maus, + als Alb. + vor Gericht geladen. + als Ortsgeist. + als Pestthier. + als Seele wandernd. + als Sühnbild. + als antikes Stellfigürchen in Gräbern. + in Gestalt des Zweckbrodes. + als Stadtwahrzeichen. +Maus weisse, geheiligt. +Maustrank. +Mausöhrleinkraut. +Mäusegespann. +Mäuse machen. +Metzentanz in Zurzach. +Minnetrinken. +Mühle als Ort der Liebesabenteuer. +Mühlstein, + als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe. + schwimmender. +Müllerbräuche am Verenentage. + +Oel, + hl., ein Augenmittel. + aus Heiligenknochen. + der Walburgishexen. + +Ortschaften des Namens Walburg. +Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. +Osterbad, reiten ins. + +Pfeife, magisch wirkende. +Phallische Götterbilder, ihr Zweck. + +Reimsprüche beim Meienpflanzen. +Richard, Walburgis Vater. +Rimleins- und Römleinsbrunnen. +Roggenähre, Mittel gegen tolle Hunde. +Ross, + Gertrudens. + Verenae. +Rutscherzins. + +Schnecke, als Kukuk angerufen. +Schuh, + goldner Walburgis. + Schuhwerfen als Liebesorakel. + Schuhzins am Walberfeste. +Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. +Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schützend. +Sommer, + den, ins Land reiten. + _s. Nachträge_. +Specht, + als Gertrudenvogel ein verwünschter Becker. + ein verwandelter Gott. + als Liebesorakel _s. Nachträge_. +Spindel, + der hl. Walburg. + der hl. Gertrud. +Spinnverbot an Walburgis. +Stärketrunk. +Stillicidium Walburgs. +Storch, Gertrudens Vogel. +Strähl-Anneli. + +Teufelsstein in Verenae Einsiedelei. +Thau abstreifen, + zu Milch- und Buttergewinn. + als Mittel gegen Kornbrand. +Thautrinken. +Tobel-Vreneli. + +Valentinstag. +Venes- und Vrenesberge. +Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. +Venus-Vrene, + in dem mundartl. Tannhäuserliede. + in den Ritterdichtungen. + Die Venus- und Vrenenhäuser. +Verena, + ihre Namensformen. + Niederdeutsch: Frû Frêen und Frû Frîen. + Rhätisch: Vereina. + Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin. + Verenabad. + Ve. als Gebirgsriesin. + Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkrönlein. + Verenaloch: + zu Baden. + im Entlebuch. + auf der Schafmatt im Jura. + Müllerpatronin. + Schifferpatronin. + Verenareliquien. + Verenastift. + Verenatag als Gerichtstermin; + Gesundheits- und Wirthschaftsregeln. + Ve. als Weisse Frau 139. +Verenae, + Bildsäulen. + + Dienstross. + Fingerring. + Geburtsgürtel. + + Heilquellen. + Kamm und Krüglein. + Katze. + Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz. + Kapelle, ein Römercastrum. + Kleinkindersteine. + Kindersegen bescherend. + vierzig Mehlsäcke. + Mühlstein. +Vrenelisgärtli, Gletscher am Glärnisch. + +Walber, + der Führer des Maienzugs: + in eine Korngarbe gebunden. + ein Bergname. + Riesenname. + Walberbaum. + Walbernthau. +Walburg, + als Flur- und Ortsname. + mundartl. Namensformen. + Die Heilige: + als Nichte Winfrids. + als Heidengöttin. + als Riesin. + vor dem W. Jäger in die Korngarbe flüchtend. + Walburga Westfalica. +Walburgis-kirchen, + als Heidenkirchen. + als Römercastrum. + Ortskirchen. + hl. Quellen. + Reliquien: + Brustbein, ölschwitzend. + Stab. + in Wittenberg und Köln. + im Auslande. + Schönheitswettstreit. + Spindel und Goldschuh. + Steinernes Venusbild. + phallisch dargestellt. + Wildgans. +Walburgistag, + als ungebotne Gerichtszeit. + Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der + Landschaft: + in Thüringen. + in Unterwalden und Friesland. + in Ostpreussen. +Walper, + Anna, als Hexe inquirirt. + Walperherren, Walpermännchen und -zins. + Zug nach Walpern. +Walburga-Holpurga. +Wasserkirchen. +Wasserfrauen. +Wasservogel, _s. Nachträge_. +Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. +Wiborada, die hl. v. Klingnau. +Wîhegazza. +Wilibald, + der hl.: + Walburgis Bruder. + ein Hüne. + Wilibalds-Brunnen und -Ruhe. +Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. +Wolbermai. + +Wolbrygabend. +Wolfszahn, Amulett. +Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + +***** This file should be named 12012-8.txt or 12012-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/0/1/12012/ + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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L. Rochholz.</title> + <style type="text/css"> + /*<![CDATA[ XML blockout */ + <!-- + P { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + H1,H2,H3,H4,H5,H6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + } + HR { width: 33%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + .bigrule { + width: 65%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + } + + .smallrule { + width: 45%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + + BODY{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .note {margin-left: 2em; margin-right: 2em; margin-bottom: 1em;} /* footnote */ + .blkquot {margin-left: 4em; margin-right: 4em;} /* block indent */ + .sidenote {width: 20%; margin-bottom: 1em; padding-left: 2em; font-size: smaller; float: right; clear: right;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem p {margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem p.i2 {margin-left: 2em;} + .poem p.i4 {margin-left: 4em;} + .poem .caesura {vertical-align: -200%;} + + div.content H1, + div.content H2, + div.content H3, + div.content H4, + div.content H5, + div.content H6 { + text-align: left; /* headings in contents right aligned */ + } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Drei Gaugöttinnen + +Author: E. L. Rochholz + +Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + + + + + +</pre> + + <h1>Drei Gaugöttinnen</h1> + + <h2>Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.</h2> + + <h3>Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben</h3> + + <h4>von</h4> + + <h3>E.L. Rochholz.</h3> + + <h4>1870</h4> + <hr class="bigrule"> + <br> + <a name="Page_Roman_003" id="Page_Roman_003"></a> <a name= + "Vorwort" id="Vorwort"></a> + + <h2>Vorwort.</h2><br> + + <p>Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen + Frauen, deren Namen die nachfolgende Schrift am Titel trägt, + drei nächstverwandte Wesen aus der deutschen + Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den Perioden + seines akademischen Jünglingsalters und während der + ersten Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf + Jagdgängen, Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung + örtlicher Alterthümer nachzog und in andauerndem + Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung den damals + herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss + sei ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden + ergänzen helfe. Während sich ihm letzteres bald als + eine gemüthliche Täuschung erweisen musste, war ihm + darüber doch das Glück beschert, reichliche, + nachhaltige Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich + fesselnde Gewalt einen einmal in uns erwachten Plan auch unter + unerwartet eintretenden Lebensänderungen nicht mehr veralten + lässt. Und so erklärt sich der Ursprung unseres Buches + als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer gereifte und + hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung + der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort + steht: "Was man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht + uns eigentlich nichts an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in + den heimatlichen Thälern der Altmühl und des Mains der + hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und Gertrud begegnete und + nicht lange hernach in den schweizerischen der Aare und des + Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt + wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken, + innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit + ältester Zeit bis auf die Gegenwart herrschend geblieben + ist, dass diese Drei hier nicht etwa die Patrone oder + Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern die Schutzheiligen + <a name="Page_Roman_004" id="Page_Roman_004"></a>ihres + politischen Gaues in einer Periode gewesen waren, als dessen + politische Grenzen noch keineswegs mit denen des Kirchensprengels + zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also + zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung + dieser Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt + ein älterer, als der durch die Kirche veranlasste je hatte + sein können. Und also führte uns die <i>Gauheilige</i> + in rückschreitender Metamorphose auf die + <i>Gaugöttin</i>. Gegen diese Folgerung, die selbst von der + kirchlich approbirten Gestalt der Legende mit historischen + Angaben unterstützt wird, lässt sich mit ferner + versuchten Einwänden nicht weiter mehr aufkommen. Auch + führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste + Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch + ungeschwächt und persönlich fort, so z.B. in der + Normandie, wo nach dem Zeugnisse von Amélie Bosquet die + Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen + einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt + und dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem + gemeinsamen Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen + Punkte bezeichnet.</p> + + <p>Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht + gedachtes Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der + Mensch, so sein Gott. Die dem Germanen eigenthümliche + Auffassung des Eherechtes, welche ihn vor allen + Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem + Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn + (Tac. Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten + bedingt, welche Wächterinnen der züchtigen + Geschlechterliebe, der häuslichen Ordnung, des Fleisses und + Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war es, dass die + Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das Wort + frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis + oder weisen Frau bekleiden und als solche die Geschäfte der + Tempeljungfrau, Priesterin, Heilräthin oder Aerztin + verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer langen + Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch + furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann + geistig überrascht durch das in barbarischer Form + überlieferte römische Kirchenthum. Durch den ersten + Vorgang wurden die Germanengöttinnen kriegerisch <a name= + "Page_Roman_005" id="Page_Roman_005"></a>umgewandelt, + militarisirt, durch den zweiten aber vollends satanisirt, zwei + Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser Buch in + allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und + nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, + sondern ebenso die des Privatlebens wurde dabei mit in die + tiefste Erniedrigung herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche + Tugenden der Heidin ein allerdings nöthigender Grund, sie + später einmal zu Christentugenden zu subtilisiren und eine + Walburg, eine Verena oder Gertrud zu Kirchenheiligen zu erheben; + allein diese Vereinbarung war und blieb eine erzwungene, + innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des + Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als + ob hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, + anstatt dass umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus + nachfolgte und ihn legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber + durfte ein ehefeindlicher Klerus, der dem Cölibat den + übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend zuschrieb und + nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die Himmelsherrin, + auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des + Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die + Frauenwürde verkündenden Mythus durfte der Mönch + kein Recht belassen, sondern musste ihn so weit und so + unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis + heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar + auf einer Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel + unter Segenssprüchen bereitete, als ölschwitzende + Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie auf der andern Seite + zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke brauend, + Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das + aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der + Walburgisnacht. Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin + gewesen, hier eine Frau Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). + Dorten trank der Mensch auf ihren Namen die Minne, sie selbst + reichte dem in den Himmel eingehenden Helden den + Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, + aber nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft + geblieben war (S. 149). So ursprünglich schon steckt in dem + Legenden erzählenden Mönch ein Blumauer, der die + <a name="Page_Roman_006" id="Page_Roman_006"></a>Aeneide + travestirt. Ihm haust da ein spukender Waldteufel, wo in der + fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und Spessarts die + Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die + Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum + Blocksbergsgespenste, die Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, + und zur landverwüstenden Riesin wird die im Firnengolde des + unerreichten Gletschers thronende Verena</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>—auf des gefürchteten Gipfels</p> + + <p>Schneebehangener Scheitel,</p> + + <p>Den mit Geisterreigen</p> + + <p>Kränzten ahnende Völker.</p> + </div> + </div> + + <p>Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe + dafür ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter + dem Widerstreite der Männerwelt, rein aus + Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an die neue + Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des + Lebens, für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle + der Mitmenschen war ihm einst der Himmel zugesagt gewesen, es + hatte ihn durch eigne Seelengrösse erobert und sogar den + Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser Himmelsgenuss + hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische Streben + des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein + frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der + gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein + Mirakel erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht + mehr auf das persönliche Verdienst, sondern auf das + Geheimniss der Gnade angewiesen bleiben. Diesen zweimaligen + Bildungsweg, den das deutsche Weib in der Vorzeit einzuschlagen + hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem germanischen + Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der Mythe + und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung + gebracht. Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck + unsrer Schrift, die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier + Landsleute empfiehlt.</p> + + <p>Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.</p> + + <p><b>E.L.R.</b></p> + <hr class="bigrule"> + <a name="Page_Roman_007" id="Page_Roman_007"></a> <a name= + "Inhalt" id="Inhalt"></a> + + <h2>Inhalt.</h2><br> + + <div class="content"> + <h3><a href="#Vorwort">Vorwort.</a></h3> + + <h3><a href="#Inhalt">Inhalt.</a></h3> + + <h3><a href="#Teil_1">I. Walburg mit drei Aehren, die + Ackergöttin.</a></h3> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4> + + <p>Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, + Klosterstiftungen, Grabstätten und Reliquien.—Oel, + aus Stein und Bein der Walburgisgruft fliessend; ähnliches + kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und Embleme + Walburgis.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen + Abbildungen und Hymnen.</h4> + + <p>Der Hund, ein Geleitsthier etlicher + Fruchtbarkeitsgöttinnen und Heiligen; verehrt als + saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes + Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und + süsse Hündlein als Zweckspeisen beim + Dreschermahl.—Walburgis Emblem der Aehre und der Garbe, + ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in + dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs + Eulogienbrode.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Walburgistag, des Meien hochgezît.</h4> + + <p>Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den + Tod austragen, den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, + Laubeinkleidung und Ruthenzug.—Maigraf und + Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche und + Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: + sämmtliches als Abbilder eines göttlichen Werbungs- + und Vermählungsmythus, <a name="Page_Roman_008" id= + "Page_Roman_008"></a>welcher im Frühlings- und + Erntevorgang spielt.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4> + + <p>Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der + ungebotenen Gerichte, gezeigt aus den + Weisthümern.—Urkundliche Berechnung der + Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.—Der + Rutscherzins, die Walpersmännchen und + Walperherren.—Aus der mit der Zinspflichtigkeit + verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den + Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_5">Fünfter + Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4> + + <p>Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. + Thau als Quelle von Leben, Lebensdauer und + Körperschönheit, angewendet als Heilbad, Stärke- + und Minnetrunk.—Bannbeschreitung, Oeschprozession um die + Flurzelgen und Mairitt durch die Saat. Der Mythus vom + Thau-abstreifen in seiner naturgeschichtlichen Begründung. + Thauschlepper und Thaustreicher als zaubernde Butter- und + Milchgewinner. Walburg in den Riesen- und Hexensagen.</p> + + <h4><a href="#Teil_1_Abschnitt_6">Sechster Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4> + + <p>Die westfälische Walburg. Die phallischen + Götzenbilder zu Antwerpen und Emmetsheim, um Kindersegen + angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen Darstellung der + Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in den + Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. + Etymologische Erklärung des Namens Walburg nach dessen + freundlicher und feindlicher Anwendung.—Schluss: die + Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, Meth, Ael und + Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank.</p> + + <h3><a href="#Teil_2">II. Verena mit dem Kamme, die + Kindsmutter.</a></h3> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_1">Erster Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena, eine alemannische Gauheilige.</h4> + + <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der + Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von <a name= + "Page_Roman_009" id="Page_Roman_009"></a>der thebaischen + Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. + Verenas Weihkirchen und Altäre in der Schweiz, ihr + Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches + Gedicht: Von sand Verene.</p> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_2">Zweiter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena, die Müllerpatronin.</h4> + + <p>Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre + örtlichen Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als + Ehegöttin. Der in Stein verwandelte Brodkipf und die + unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am + Verenentage.</p> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_3">Dritter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4> + + <p>Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und + Wasserkirchen; die ihr geopferten Mädchen- und + Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und + Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen. + Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von + der Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am + Glärnischgletscher.</p> + + <h4><a href="#Teil_2_Abschnitt_4">Vierter Abschnitt.</a></h4> + + <h4>Verena als Frau Venus.</h4> + + <p>Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau + Venus-Vrene des Volksliedes. Die Venus-, Feens- und + Vrenenberge, sowie die Venus- und Vrenenhäuser, + zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen + Namensvertauschung auf den ursprünglichen Mythus.</p> + + <h3><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die + Allerseelenherrin.</a></h3> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_1">Die hl. Gertrud, heidnisch + nach Namen, Legende und Attributen.</a></h4> + + <p>Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, + Schiffes, Stabes, der Spindel und der Mäuse.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_2">Der Gertrudentag mit seinen + Kalenderregeln und Zeitthieren.</a></h4> + + <p>Specht, Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den + Namen der Heiligen und werden in deren Namen berufen als + Lebens- und Todesboten.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_3">Gertrud als + Seelenherrin.</a></h4> + + <p>Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben und erscheinen in + Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde + Menschenseele, sowie als Rachegeist <a name="Page_Roman_010" + id="Page_Roman_010"></a>Abgeschiedner; der ihr geopferte + Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische + Bräuche.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_4">Die Rolle der Maus bei den + Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen + Zweckbrode.</a></h4> + + <p>Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den + Ortssagen. Das Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja + und Walküre.</p> + + <h4><a href="#Teil_3_Abschnitt_5">Symbole.</a></h4> + + <p>Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das + Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen + Mäuschen. Das Kalenderzeichen des Gertrudentages.</p> + + <h2><a href="#Teil_3">III. Gertrud mit der Maus, die + Allerseelenherrin.</a></h2> + + <h3><a href="#Nachtrage">Nachträge.</a></h3> + + <h3><a href="#Wortregister">Wortregister.</a></h3> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 002 --><a name="Page_002" id="Page_002"></a> <a name= + "Teil_1" id="Teil_1"></a> + + <h2>I. Walburg mit drei Aehren,</h2> + + <h3>die Ackergöttin.</h3> + <hr class="smallrule"> + <!-- 003 --><a name="Page_003" id="Page_003"></a> <a name= + "Teil_1_Abschnitt_1" id="Teil_1_Abschnitt_1"></a> + + <h3>Erster Abschnitt.</h3> + + <h4>Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.</h4><br> + + <p>Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht + unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die + verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfräuliche + Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über + den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und + umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf + finsterer Berghöhe die entsetzliche Nachtkönigin, Hagel + und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche + Satanstänze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der + Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche + Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und + demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den + Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich + widersprechenden Hälften eines ursprünglich + einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur würdigen + Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu vereinbaren. + Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach + deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der + ausschmückenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle + und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die + Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung.</p> + + <p>Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu + berufen hat, sind nachfolgende.</p><!-- 004 --><a name="Page_004" + id="Page_004"></a> + + <p>Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es + Wilibalds Reise nach Jerusalem enthält) schrieb eine + Landsmännin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und + der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte + Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also + noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius + und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein + Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte + der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba + etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- + und Gemäldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 + die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist + sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstädt, S. 365. + Dies ist die Hauptquelle für alle übrigen + Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende + Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der + Mönch Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. + Altmühl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das + Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der + Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds + und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn + Königin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem + Stifte Königsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der + Bischof überschickt ihr und ihrem Convente das verlangte + Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der + <i>seligen</i> Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in + der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die + fünfte, aber die erste <i>umfassendere</i> Erzählung + der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bischöfliche + Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb 1322. + Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der + Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte + es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu + Ingolstadt 1608 bei Andrä Angermayer. Auf diese beiden + Schriften stützen sich nachfolgende, <!-- 005 --><a name= + "Page_005" id="Page_005"></a> von uns gleichfalls benutzte + Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda + 287.—Bollandisten tom. 3., 25 Febr.—Gretser, Vitae + Sanctor. tom. X.—Matth. Rader, Bavaria sancta, + 1704.—Alle nennenswerthe weitere Literatur über die + Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2, + 347 und 356.</p> + + <p>Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu + Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, + hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium + gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach + Thüringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu + dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu + Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt + gründete. Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus + dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und übernahm die + Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit + verwendete er als Abtissinnen in Thüringen, Kunitrud und + Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach + Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am + Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen + Fürstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, + Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch + Thüringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau + mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem + sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des + Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen + Eichstädt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet + mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die + Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon + vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in der + Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre + nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. + 741) zum ersten Bischof von Eichstädt eingesetzt worden. + Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu + Heidenheim ein gleiches Kloster, <!-- 006 --><a name="Page_006" + id="Page_006"></a> fügte demselben 760 einen Frauenkonvent + in der Benedictinerregel bei und übergab dessen Leitung an + Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die + Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr Reiseross jeweilen + stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch für + heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der + Eichstädter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob + dem Eichstädter Forellenweiher an der Landstrasse im + Weissenburger Walde und heisst Römleins- oder + Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier Römer + getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist + in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, + einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, + Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen + liegt zunächst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier + heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus + einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner + Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem + der zwei grünen Höhenzüge, die den + Eichstädter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach + dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene + Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er + das Stift Heilsbronn, nach jener mächtigen "Hails- oder auch + Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreikästigen + Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie stand im + vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. + Eben so liess sich die Schwester Walburg im + mittelfränkischen Städtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen + nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen heisst. Als + aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten + (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell, an + welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald + erbaute sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift + Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen + ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer + <!-- 007 --><a name="Page_007" id="Page_007"></a> der drei + "Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als + ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. + 936.</p> + + <p>Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen + sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater + Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. + Popp, Errichtung der Diöcese Eichstädt, wird von nun an + Folgendes zu gelten haben.</p> + + <p>Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald + 7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, + die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess + nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte + drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore + perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen + gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und bleiben hier + freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar + die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche + benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den + Sarg berührt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf + Krücken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da: + Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt! + Darüber lässt er die Krücken fallen und ist + geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser + Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende + Erzählung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als + nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gefährtin + Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus + ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der + Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt + abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte + Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu + Eichstädt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer + wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei + Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha + tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae + <!-- 008 --><a name="Page_008" id="Page_008"></a> extorqueri + valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so + ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so + berühmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein + Theil der Reliquien zu Eichstädt, der andere kam nach + Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier + Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in + gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die + Reformation die Klöster des Sprengels der Reihe nach + aufgehoben wurden: Solenhofen, Wülzburg, Baring, Heidenheim, + Monheim, zerstörte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt + Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass Wunnibalds Sarg in + Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos + verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, + Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf + dessen Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei + später auf dem Walpersberge bei Köln von den Jesuiten + verwahrt worden und alljährlich am 1. Mai im Flurumgang + durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden + später darauf noch zurückkommen.</p> + + <p>Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu + Eichstädt nichts anderes mehr als nur das Brustbein + vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der + schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche. + Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in + seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als + ein auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg + erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche + vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine Höhlung + geht der Länge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte + von der Art des nächsten Eichstädterbruches, aufgesetzt + auf zwei kurze Träger aus Sandstein. Diese Bank heisst der + Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt Walburgis + Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und + überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen + Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig + <!-- 009 --><a name="Page_009" id="Page_009"></a> ausgehauenen + Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 + († 1625); der spätere Falkenstein, Nordgau. Alterth. + 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her, + sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne + Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet + werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) + als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist + durchweg mit Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit + einer von innen silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. + Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das + stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und + geschmacklos und schnell verflüchtigend; unaufgesammelt soll + es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken: + Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs + verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort + und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine + messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, + den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies + Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten + Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese + Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen + derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk + des Mieders.</p> + + <p>Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das + Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich + unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss + in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch + nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima + Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten + nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die + Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels + schrieb, folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu + sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von + Heidenheim in die Gruft nach Eichstädt übertragen + wurden, beginnt das Oel zu <!-- 010 --><a name="Page_010" id= + "Page_010"></a> fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als + der Heiligen Todestag; alle übrigen Monate, heisst es, + bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken. + Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die + älteste Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die + apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum + canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium + ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X, + 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen + altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen + wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche + zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder + Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag + Walburgis sei, und kümmerte sich nicht weiter darum, dass + das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon + seit alter Zeit zu fünf verschiednen Monaten und Tagen + kirchlich begangen wurde<a name="FNanchor_1_1" id= + "FNanchor_1_1"></a><a href= + "#Footnote_1_1"><sup>[1]</sup></a>.</p> + + <p>Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, + den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, + liegt in der Eichstädter Oelquelle selbst, die eine + intermittirende ist und ausserdem in früheren Jahrhunderten + viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz + aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher + <!-- 011 --><a name="Page_011" id="Page_011"></a> 1237 sammt + seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die + versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, + das Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch + ist derselbe Fall, da 1713 zum grössten Schrecken des + Klosters vom 15. Februar bis 9. März fast kein Tropfen + Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer + alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der + Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts + Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. + Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara + hielt (gedruckt zu Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: + Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine + entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im + Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es die + erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben + sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern + müssen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! + worauf jenes halbgeleerte Gefäss sich sogleich wieder ganz + mit Oel anfüllte.—Der Eichstädter Bischof Philipp + von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten + Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise + gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de + oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. + SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht + mehr geflossen war und die darob verzagten Eichstädter ihren + Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein + Weinlägel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass, + damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.</p> + + <p>So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. + Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure + Menge" Walburgisöl zu Eichstädt, die in alle Gegenden + verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht + wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Bergöl von grosser + Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei sich + trage, behaupten die Mönche, müsse sich im + <!-- 012 --><a name="Page_012" id="Page_012"></a> Stande der + Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege.</p> + + <p>Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem + Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich + nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der + Märtyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien + nahegebrachte Dinge sind heilkräftig, und so auch das Oel, + das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen + herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit + von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von + irme lîbe vlôz; und das Gedicht von Katharinens + Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) fügt erklärend + bei:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>ûz dem sarksteine,</p> + + <p>dâ inne lît diu reine,</p> + + <p>vil heilic ol vlûzet,</p> + + <p>des diu werlt vil genûzet.</p> + + <p>der iht siecheite hat,</p> + + <p>des wirt al ze hant rat,</p> + + <p>als man ez dar an strîchet.</p> + </div> + </div> + + <p>In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden + Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl + und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist + noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer + Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl und wurde + von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für + immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu + treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu + Eichstädt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden, + ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so + reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof + Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die + Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. + 101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. + Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heilöl, das + in kleinen Fläschlein an die Gläubigen verkauft wurde. + Heute steht diese <!-- 013 --><a name="Page_013" id= + "Page_013"></a> "Oelkapelle" noch; einige Quellen + olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man + sammelt jährlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, + 196.</p> + + <p>Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich + indessen auf solcherlei Steinöl allein nicht + beschränken mögen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel + aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine + Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns + Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi + Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber + ergossen. Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. + Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen zählt + Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen + nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor. + theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas + der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. + Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um + damit den Dieb zu entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in + seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl. + Elisabeth in Thüringen, die Martyrknaben zu Novara und noch + andere, deren Gebein, in Kirchenaltären ausgesetzt, Oel + giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der + Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes + streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen + Faustkampfe Oel habe schwitzen müssen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?</p> + + <p>In cavea Martis num pugil illa fuit?</p> + </div> + </div> + + <p>Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende + Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit + dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht + fassen könne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): + Venimus ad fontem—Unctus es quasi athleta Christi. + Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner 6. + Homilie über den Brief an die Coloss.—Nork, + Realwörtb. 3, 301.</p><!-- 014 --><a name="Page_014" id= + "Page_014"></a> + + <p>Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles + sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und + besonders häufig Lahme geheilt habe; Gretser fügt bei, + X, 917, es fördere die Geburten, auch lutherische Frauen + hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und + seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards + Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders + den Wolfshunger heilt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Hinc quendam fastidiosum</p> + + <p>Fame paene mortuum</p> + + <p>Alloquens per visionem</p> + + <p>Monet, ut de calice</p> + + <p>Ejus biberet; quo facto</p> + + <p>Esuriit solito.</p> + </div> + </div> + + <p>Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden + Füssen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum + Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich + hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine + Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher + Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die + mystische Kraft, welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, + erklärt sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe + er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen über + ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des + Herrn—und der Herr wird ihn aufrichten.</p> + + <p>Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden + sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. + Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch + in vielen Provinzen das Wunderöl zu haben gewesen. Oel, + Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest Walburgis wurden + zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias + ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit + hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, + Landgräfin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an + Luther über, der wie J. Mathesius erzählt, es einst + seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen + Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in + <!-- 015 --><a name="Page_015" id="Page_015"></a> der Kaiserpfalz + zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. + 1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig + Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgisöl + auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner + Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen + Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige + hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. + Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.</p> + + <p>Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu + nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die + während der Reformation verwüstet wurde (more + Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45) + liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem + Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen + Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der + linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser + säulengeschmückte Aufbau mit Perlenfries gehört + den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem + gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist Wunnibald + ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis + 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach + und im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken + 1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist + dargestellt auf einem Teppich, welcher ursprünglich in der + Eichstädter Kirche aufbewahrt wurde und nun im Münchner + Nationalmuseum ist.—Auf folgenden Stichen erscheint die + Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in der + Hand haltend:</p> + + <p>Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. + 1629.—P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della + Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.—Matth. Rader, + Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt das + Grabmal).—P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen + der hl. Walburgis. Regensb. 1708.</p><!-- 016 --><a name= + "Page_016" id="Page_016"></a> + + <p>Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf + dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, + Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu + behandelnde Stoff vervollständigt wird, wird von ihnen im + Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat + auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten + Walburgsreliquien zu gelten.</p> + + <p>Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von + Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen + Hügel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer + eingefriedet. Der Eintritt führt drei Stufen abwärts, + die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der + Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur + Pestzeit gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. + Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei + heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den Götzen + geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.</p> + + <p>Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt + das topographisch-statistische Handbuch des Königreichs + (München 1868) folgende auf: Walbenhof, Einöde bei + Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf + Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut; + hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt + abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit + zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) + Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei + der Stadt Hof; Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. + Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei + Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei + gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei Schwabach; + Walpershof, <!-- 017 --><a name="Page_017" id="Page_017"></a> + Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.; + Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut; + Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei + Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, + Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, + Einöde bei Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich + jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen + Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im + Altmühlthale Bürgli, in + altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu + verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und + Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. + Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in + einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber + foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.</p> + + <p>Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst + Truchsessen, nunmehr würtembergische Standesherren, theilt + sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, + Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen + Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich von + Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die + Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten + aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges + erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518.</p> + + <p>Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen + mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die + Rede sein wird; 2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei + Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als + Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom + Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc. + Const. 2, 8.</p> + + <p>Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine + Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf + ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, + 906.</p> + + <p>Der grössere Theil der ältesten Kirchen + Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu + Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde, + Brügge, <!-- 018 --><a name="Page_018" id="Page_018"></a> + Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später + noch zu handeln sein.</p> + + <p>Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut + Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in + folgenden Kirchen.</p> + + <p>In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. + Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in + der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom + benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich + zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis + (Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegründet) nennen bei + Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen + Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln + des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis übersendete + 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an + König Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury + verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg + gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in + Actis SS. ausführlich berichtet.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_1_1" id= + "Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1">[1]</a> + + <div class="note"> + <p>Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.</p> + + <p>25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu + Eichstädt in der Kathedrale, und zu Antwerpen in der + Basilica.—20. März: Gretser l.c. pag. 907.</p> + + <p>1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach + Eichstädt; gefeiert in der Eichstädt. Kathedrale und + zu Antwerpen in der Basilica. Bollandisten, 25. Febr., tom. + III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. Klosters Rheinau + stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die Feier: + Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, + Liturgia 4, 768.</p> + + <p>4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu + Eichstädt (Bollandisten ibid. 514b); zu Tornacum, + Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. 522; zu Veurne, in + der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912.</p> + + <p>12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter + Walb.kloster.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_2" id="Teil_1_Abschnitt_2"></a> + + <h3>Zweiter Abschnitt.</h3> + + <h4>Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.</h4><br> + + <p>Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit + denen die bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und + Sohn, des Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) + ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch das Eichstädter + Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da zwischen + den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser + Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer + Jungfrau gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die + Acta SS. (saec. 3, tom. II, 291) <!-- 019 --><a name="Page_019" + id="Page_019"></a> und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen + jedoch noch davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die + Nachts an die Thüre des reichen Hofbauern kommend, von den + scharfen Rüden angefallen wird; auf dieses Wort werden sie + zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp († 1320), + habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller Hunde + angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der + Heiligen als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren + Zeit nachweisen. Die Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt + spielt nicht in dieser Stadt, sondern in einem Orte, welcher + römisch Aureatum heisst und schon seit Aventins Zeiten, der + 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit einem + Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den + beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger + Heerstrasse gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die + Eichstädter Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, + und Walburg wird ebenso von Celtes im 2. Buche seiner Oden die + Zierde der Aureatensischen Landschaft geheissen. An den beiden + Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind Votivsteine des + Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der Fortuna + geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach + München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll + röm. Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, + deutlich unterscheidet man noch den Lauf der Römerstrasse. + Als nun der gelehrte Jesuite Gretser 1620 von der + Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an + dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine + Frau vorstellte, zu deren Füssen, von Erde + überschüttet, angeblich ein Hund liegen sollte. Gretser + schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei Steinbilder, eine Frau + darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind seit dem J. + 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele entdeckt + worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der + Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, + aber deutschen Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers + Antiquitat. Septentr. 236, <!-- 020 --><a name="Page_020" id= + "Page_020"></a> und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese + Bildwerke beschrieben. Aber derselbe typische Hund fehlt nun auch + in der Krypta der Heidenheimer Kirche nicht, wo Walburgis + frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair. Sag. 1, S. 132 + beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf den + frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der + Gruft angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild + getragen haben musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier + des Brackenhauptes, dessen herabhängende Ohren von zwei + Jungfrauen mit den Händen berührt werden. Man sagt, + hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund + begraben.</p> + + <p>Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg + führen dasselbe Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss + quadrirt, also genau in Form und Farbe des Hohenzollerschen + Helmkleinods: caput et collum molossi genannt in Speners + Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier nun wirklich + die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der Wahl + derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere + jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn + Heidengöttinnen und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom + Hunde gefolgt. Aller Hunde erster ist Garmr, besagt die Edda von + Odhinns Hund. Grauhunde begleiten die drei Nornen. Die + Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und Frau Frick + haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend + umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die + Pudelmutter (Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter + der Frû Gauden umbellen den Jagdwagen ihrer Mutter als eben + so viele Hündinnen. Colshorn, Märch. u. Sag. no. 75. + Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war + daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die + drei <i>steinernen</i> Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt + von einem Hunde, welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. + Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. 289. 290. Es ist daher kein + Absprung, wenn die <!-- 021 --><a name="Page_021" id= + "Page_021"></a> Sage das überirdische Hündchen auch der + Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege hiefür: + Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das + hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu + Baden-Baden steht gerade über der daselbst sprudelnden + Quelle, neben demselben ist der Hund in Stein gehauen, der das + Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. Baader, Bad. Sag. 131. Aus + diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das Wahrzeichen der Burgen + gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. Sagb. 2, 591), + sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der + Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben + erwähnten Kapelle zu Marienbrunn; derselbe galt da von so + alter Abkunft, dass man, z.B. von der Hundskapelle bei Innsbruck + sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. Zingerle, Tirol. Sitt. + no. 950.</p> + + <p>Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die + Farbensymbolik; als das freundlich-wohlthätige Geleitsthier + der schönen Weissen Frau ist es gleichfalls ein weisses, + aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die des Gewitters + feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der Rost, + der während der Hitze der Hundstage das Getreide + befällt, war dem Römer versinnlicht durch das + Götterpaar des Robigus und der Robigo, die beide den Namen + des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen + Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest + der Rubigalien geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des + Getreidekorns in seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus + der Fruchtscheide durch den Priester zu Rom am Hundsthore + (Catularia porta) rothe Hündchen schlachten und verbrennen + liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und Kornähre + abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die + Ursache des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher + Ovid. Fast. 4, 941:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am + Altar,</p> + + <p>Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.</p> + </div> + </div> + + <p>Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der + <!-- 022 --><a name="Page_022" id="Page_022"></a> Frohnknecht + alljährlich zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde + todtschlagen, zu Leipzig im April und August, in Norddeutschland + zur Fasnacht. J.P. Schmidt, Fastelabendgebräuche. Rostock + 1793, 150. 153. Waren diese für die Landwirthschaft + gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man + das Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. + Deor.), oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu + Niederösterreich wird am 28. Dec. (Kindleinstag) Mehl und + Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das wird das Wind- und + Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer, so + sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu + befürchten. Ein Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus + zum Dache hinaus: "man müsse die Windhunde füttern." + Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das eben + angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden + gebrachte Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde + anwendete, da das Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet + ventus und velter. War der erste Schnee gefallen, ehe Frost und + Sturm die keimende Saat beschädigen konnten, so sagte unsre + Vorzeit: gib den winden brôt, eȥ hat gesnîget. + Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers + Hackelberg in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter + über an der Herdstelle und frass nichts als Asche; zum + Ersatz aber war ein so mildherziges Haus im Frühjahr drauf + mit Milch und Butter reichlich gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. + Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten noch bestimmte + Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von + Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde + (erhalten) jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung + von 1469 verpflichtet die Lehensleute gegen den aufreitenden + Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm traben, denen söllent + sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der Vorstellung + vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten + Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für + jeden geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, + <!-- 023 --><a name="Page_023" id="Page_023"></a> so erhalten die + oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte + Mehlspätzlein, die man in Baiern Nackete Hündlein + heisst; wer aber bei der Arbeit einen Tölpelstreich gemacht + hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; beiderlei Namen sind + Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein wirft man + zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. 2, + 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes + sprang die Vorstellung über auf den Biss der wüthenden + Hunde, hielt aber in beiden Fällen die Kornähre und das + Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht man im Felde zum + ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf + Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und + streicht sie stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie + von tollen Hunden gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. + S. 402. Ein latein. Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, + Augsb. 1751, bringt S. 23 einen also beginnenden Hymnus:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Walburga venit: cedite</p> + + <p>vesane grex, molossi!</p> + + <p>Cedunt, pavent, obmutuit</p> + + <p>os impotens latrandum.</p> + </div> + </div> + + <p>Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod + mit, dass euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben + lautet dieselbe Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein + Hund beisst. Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten + schon die phigalischen Arkadier nach dem Festessen die Hand an + den Brodresten abzuwischen und diese beim Heimgehen einzustecken, + damit ihnen auf dem nächsten Kreuzwege die Hekate mit ihren + Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4, 149 C.). Denn auch + dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea canicida, + canivora genannt war.</p> + + <p>Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt + vor: Um thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu + kuriren, gieb meyische Butter auf ein Stück Brod gestrichen. + Item, schneide einen Meywurm entzwei, mach <!-- 024 --><a name= + "Page_024" id="Page_024"></a> ein Löchlein ins Brod, steck + ihn hinein, kleib es oben mit Brod zu, schmiere Meyenbutter + drüber, lass es aufessen. Dies ist ao. 1591 zweimal probiert + worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll; reissen an + den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt + vor ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man + ihnen eine Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes + immerhin laufen. Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, + lib. XII, 479, geben den Hunden geschabet Silber (Abschabsel + einer Silbermünze) auf Butterbrod, so sollen sie nicht toll + werden.—Die Fortdauer dieses Brauches in + Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das + Festmahl der Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, + Schnitten mit Butter und Honig reichlich bestrichen, und auch dem + Vieh beim ersten Austrieb davon verabreicht, damit es in keinen + bösen Wind komme. Wir werden hievon im fünften Kapitel + unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession von + Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von + Walburg gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem + unbekannten Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex + pervetusto codice" stehen abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. + 803) und erzählen von einem am Wolfshunger leidenden + Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst eines + Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere + Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Sualaveldico in pago</p> + + <p>Fuit quaedam faemina,</p> + + <p>Quae languore fortissimo</p> + + <p>Aegrotare coeperat.</p> + + <p>Namque tam intemperata</p> + + <p>Edendi ingluvies</p> + + <p>Incessit semisanatam,</p> + + <p>Ut nulla edulii</p> + + <p>Abundantia valeret</p> + + <p>A suis saturari,</p> + + <p>Exhaustis jam parentibus,</p> + + <p>Sed fame accrescente</p> + + <p>Anxiata hinc dolore</p> + + <p>Hinc pudore maximo.</p> + + <p>Tandem divinitus tale</p> + + <p>Occurrit consilium.</p> + + <p>Rogat suos se deferri</p> + + <p>Ad Walpurgae gratiam.</p> + + <p>Quo delata, biduanis</p> + + <p>Incumbebat precibus,</p> + + <p>Quibus exorata virgo</p> + + <p>Gradiendi miserae,</p> + + <p>Qua privata diu fuit,</p> + + <p>Sospitatem reddidit.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Bona quaedam monialis,</p><!-- 025 --><a name="Page_025" + id="Page_025"></a> + + <p>Vocato preabytero,</p> + + <p>Benedici panem fecit</p> + + <p>Redditque famelicae.</p> + + <p>Quo gustato nequam illa</p> + + <p>Fames voracissima,</p> + + <p>Virgine sacra favente,</p> + + <p>Coepit se subtrahere,</p> + + <p>Sic paulatim decrescendo,</p> + + <p>Ut prius accreverat.</p> + + <p>Sic crescente fastidio,</p> + + <p>Pro mira esurie,</p> + + <p>Tandem nil aliud cibi</p> + + <p>Praeter solum caseum,</p> + + <p>Nihil de potu gustare</p> + + <p>Nisi tantum lac poterat.</p> + </div> + </div> + + <p>Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die + Bändigung der Hundswuth gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, + das der Aehre, dahin misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur + auf diesen Einzelfall beziehe. So behauptet es die Schrift + Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. Allein die den + winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss nothwendig + auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie + kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das + Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem + Büschel in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. + Ebenso verzeichnet M. Hubers Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 + die Abbildung Mariae als "Nostre Dame de trois épis", mit + drei Aehren in der Hand einem Landmanne erscheinend. Die + Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen der + Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae + Geburt und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. + Haussbuch, Basel 1706, 142. "Wenn der Roggen vor Walburgis + schosset und vor Pfingsten blüht, so wird er vor Jacobi + nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man + diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria + bittet ihren über das sündige Menschengeschlecht + erzürnten Sohn, nicht alle Feldfrucht zumal zerstören + zu wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu + lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein + ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet + man zur Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim + elsäss. Stifte Katzenthal gelegen ist. Ebenso lässt + Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer Wallfahrt im Pinzgauer + Kirchthale <!-- 026 --><a name="Page_026" id="Page_026"></a> + erwählt, mitten aus dem Winterschnee drei Aehrenhalme + hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand + trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer + Kornähre brachen und vereinigten die römischen + Brautpaare und benannten nach demselben den Eheabschluss + stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn, so bedeutet + es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben Doppelsinn + des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der + Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der + Walburgisnacht vom reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, + der Frühlings-Genius der aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem + noch einmal losbrechenden Frostriesen verfolgt, so verbirgt sie + sich in den innersten Fruchtkeim des jungen Saatfeldes. Denn, + sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur entgehen, wenn man + in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem + färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des + Riesen Verfolgung ins Fruchtkorn:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Ein Kornfeld liess da Wodans Macht</p> + + <p>Geschwind erwachsen in einer Nacht.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>In des Ackers Mitte verbarg alsbald</p> + + <p>Wodan den Knaben in Aehrengestalt.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Als Aehre ward er mitten ins Feld,</p> + + <p>In die Aehren mitten als Korn gestellt:</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>"Nun steh hier ohne Furcht und Graus,</p> + + <p>Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!"</p> + </div> + </div> + + <p>Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, + Böhm. Sagb. 1, 44) ist die hl. Walburgis auf der Flucht, + unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern und von Dorf zu + Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause + einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor + den daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie + ein kleines Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein + Bauer, der sie einst auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt + sie als eine Weisse Frau mit langwallendem Haare, eine Krone auf + dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig (golden), in den Händen + trägt sie einen dreieckigen Spiegel <!-- 027 --><a name= + "Page_027" id="Page_027"></a> (der alles Zukünftige zeigt) + und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser Reiter + (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie + auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch + sein Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch + draussen lag). Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu + verstecken. Kaum hatte ihr der Bauer willfahrt, als die Reiter + vorüber brausten. Des andern Morgens fand er in den + heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher + wird die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man + ferner, erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den + Orten Strass und Lind in Untersteiermark neben einem Tannenwalde + zur Zeit des Vollmondes eine Gestalt gehen, die statt des Kopfes + eine feurige (goldne) Garbe trägt. Diese Erscheinungsweise + war in den kleinen Städten des bair. Frankenwaldes am + Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen Volksbelustigung + gewesen.</p> + + <p>Plätze, Strassen und Häuser waren da mit + Birkenreisern besteckt: Den Festumzug eröffnete der Walber, + ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh gewickelter Mann, dem die + Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe zusammengebunden + waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres Handwerkes + begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den Ofen + treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt + dorten nur noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, + den der zum Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: + Bavaria III, 1, 357. In Niederösterreich sind besonders die + Erntetage der hl. Walburg geweiht, sie durchgeht da alle Aecker, + Matten und Gärten und trägt die schon vorhin + erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden + vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem + Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und + auf den Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt + Korn Gold auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der + den Lohjungfern und Moosfräulein nachsetzende + Schimmelreiter, der sie quer über sein Ross legt und die + <!-- 028 --><a name="Page_028" id="Page_028"></a> sich + Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der + französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich + lokalisirt. Um die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem + südfranzös. Dorfe Villemont, hatte der Oberherr der + Provence vergebens geworben, er jagte ihr daher zu Pferde nach, + holte sie ein, warf sie auf sein Ross und sprengte mit seiner + Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen eines + Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals + ereilt und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden + zweimal jährlich im Frühling ihre Reliquien + prozessionsweise um die Fluren getragen in der Voraussetzung, + dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und Reblande + Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem + 10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das + Pfarrdorf Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau + Florina. (Rom feierte vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest + zur Erinnerung an die vergötterte sabinische Nymphe Flora, + die einst im Frühling umherirrend sich dem Zephyr ergab und + daher die Macht über die Blüthen der Bäume und + Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler + Estourgoux, verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu + entrinnen, in der Felseinöde des dortigen + Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier + aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den + gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft + und liess in beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit + Kreuzen gekrönt sind. Unter grossem Zudrange des Volkes + werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der Heiligen aus der + Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens + getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend + aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das + Gewölk vertrieben, sobald jener Umgang von Mazorit heran zu + rücken pflegt. A. SS. Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de + S. Florina, Virg. et Mart.</p> + + <p>Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den + Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen + <!-- 029 --><a name="Page_029" id="Page_029"></a> einer + ursprünglich edleren Vorstellung von gütig gesinnten + und für den Erntewachsthum bemüht gewesenen Geistern. + Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung, emsig das + Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner + Sage bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen + Sack Mehl aus der Mühle heimträgt, auf einen Trupp + Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er grüsst sie:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gott vermîr ich iren danz,</p> + + <p>Gott vermîr ich iren kranz!</p> + </div> + </div> + + <p>Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er + nie des Mehles ledig wird!</p> + + <p>Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden + Gestalten an von Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis + (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209); allein damit verbürgt + er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach + überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als + abgebraucht beim Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf + der Stelle, wo die Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da + wächst im Korn schwarzer Raden, am Baume der Maerentakken + (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, Ndl. Sag. S. 689). + Aber gerade damit wird nur in abergläubischer + Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen + Charakter des Alb und der Elbin gilt, dass sie unter + verschiedenen Namen als Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, + Tremsemutter, Alte, Kornbaby, Kornkind und Kornengel, + Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, geisterhaft auf der + Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des Schutzgeistes + reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur etwas + braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette + Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms + oder Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier + splitternackte Jungfrau bei sich im Schlafgemache. Spricht der + Aberglaube vom Trudenfuss, Flederwisch und Federkiel der Mahr, + von der Schmetterlingsgestalt des Toggeli, nennt man in + Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling + <i>Milchtrut</i>, <!-- 030 --><a name="Page_030" id= + "Page_030"></a> anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. + Wörtb. 62): so wird damit einbekannt, dass statt des + Gespenstes einst eine Valküre galt, die in Schwanenhemd und + Vogelgewand allüberall ihren Schützling umflog, + wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. + marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in + umgekehrter Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das + Nachtschrättelein die Stallrosse und zöpft ihnen + Schweif und Mähne, dass sie schwitzen; denn es ist + gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener + himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens + heranritt, Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. + Solcher Abkunft dunkel noch eingedenk, schreibt der Volksglaube + vor, gegen den Besuch der Nachtmahr <i>zwei Sicheln</i> gekreuzt + vors Bette zu legen.</p> + + <p>Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei + Jahresernten; das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum + und Erbgut. Die zu Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause + hatten, mussten dahin am 1. Mai einen reichlich geschmückten + Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die + drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128. + 205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt + <i>drei</i> Aehren vom fremden Acker, damit fliegt ihm dessen + Ernte in seine eigne Scheune. Schönwerth 1, 432.</p> + + <p>Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von + Walburgis Eulogienbroden.</p> + + <p>Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten + Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und + Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse + mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl + zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und + den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den + religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, + dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein + ähnlicher Brauch war nun <!-- 031 --><a name="Page_031" id= + "Page_031"></a> auch dem deutschen Heidenthum geläufig + gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der + Geldonien, deren angelsächsischer Name + Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für + Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte + Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine natürliche Folge hievon + war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die + unverschuldet in Dürftigkeit geriethen. Die reichlichen + Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern + nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und ausserdem + war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit + derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering + bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung + weite Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den + allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. + Das Christenthum vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten + der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem + kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig," + schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angelsächsischen + Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man + diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr + einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen + verlegen, den Festplatz mit grünen Maien umstecken, Thiere + schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll + man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern + das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der Sättigung + willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat + später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in + den Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- + und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. + pain béni) überreichlich an Jedermann ausgetheilt + wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die + Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So + wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst + erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, + Fische, <!-- 032 --><a name="Page_032" id="Page_032"></a> und + Bier unter die Wallfahrer <i>als Eulogie</i> ausgetheilt (A. SS. + saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren + Esswaare und Getränk jeder Art in die dortige Kirche + getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen + Genusse in Gesellschaft der Andächtigen gebraucht zu werden. + Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre werden + genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der + Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der + Nachdruck der hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch + immer auf dem geweihten Brode. Hierüber hat der unbekannte + Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein + kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein + blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume + sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und + die grüne Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und + trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, + überbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar + legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am Altare, "duae + gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in + ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten + den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und + das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. + 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden + Hühner. Sie lassen nicht auf die gewöhnlichen + Zinshühner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt + ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der Kirche + zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist + nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, + und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von + Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden + noch für heilsame Thiere gehalten (Schönwerth, Oberpf. + Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn + kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb. + 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines + Symbol <!-- 033 --><a name="Page_033" id="Page_033"></a> der + Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der + Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und + Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Puella quaedam ab ipsis</p> + + <p>Heu caeca cunabulis,</p> + + <p>Audita opinione</p> + + <p>Virginis eximiae,</p> + + <p>Desiderio flagravit</p> + + <p>Veniendi maximo.</p> + + <p>Quam quidam in visione</p> + + <p>Nocturna submonuit,</p> + + <p>Oratorium adiret</p> + + <p>Tanti desiderii,</p> + + <p>Oblatas mundas offerret,</p> + + <p>Altari imponeret.</p> + + <p>Quas illatas statim binae</p> + + <p>Gallinae comederent;</p> + + <p>Quibus pastae deservirent</p> + + <p>Matris excubiis.</p> + + <p>Venit, attulit, imponit,</p> + + <p>Preces fudit intimas.</p> + + <p>Astant duae moniales</p> + + <p>Gallinae videlicet,</p> + + <p>Praevisae in visione,</p> + + <p>Quae oblatas colligunt,</p> + + <p>Et requirunt diligenter</p> + + <p>Quae, unde, cur venerit.</p> + + <p>Quibus illa dum exponit</p> + + <p>Singula veraciter,</p> + + <p>Domino propitiante</p> + + <p>Et beata Virgine,</p> + + <p>Incognitum lumen coeli</p> + + <p>Novis hausit oculis.</p> + </div> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_3" id="Teil_1_Abschnitt_3"></a> + + <h3>Dritter Abschnitt.</h3> + + <h4>Walburgistag, des Meien hochgezît.</h4> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Der meie der ist rîche,</p> + + <p>er füeret sicherlîche</p> + + <p>den walt an sîner hende,</p> + + <p>der ist nu niuwes loubes vol:</p> + + <p>der winter hat ein ende.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Neidhart von Reuenthal (1234).</p> + </div> + </div><br> + + <p>Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der + göttlichen Wesen unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die + Volkssitte im Verein mit unsrer älteren Sprachweise + lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda + nennt den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes + Svâsudhr; der Winter dagegen (Vetr) hat den Vindlôni + und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl und Windschweller, der + selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr abstammt. + Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in + einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen + <!-- 034 --><a name="Page_034" id="Page_034"></a> waren ein + Brauch, welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach + Südbaiern und der Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus + dem Walde in den Heimatsort herein abgeholt; dies geschieht + jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch des Winters, der es erst + auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt. Deshalb muss + der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm + die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und + kommt gewappnet auf den Plan:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>sein panzer was ein grüenes graȥ,</p> + + <p>sein koller darauf ein weisser klee,</p> + + <p>sein halsperg was veyolvar,</p> + + <p>sein bugler wag von rosenbluet.</p> + + <p>er füert in seiner hende</p> + + <p>ein sper, was michel lanc</p> + + <p>vnd was eitel vögelingesang.</p> + </div> + </div> + + <p>A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des + in Laub gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah + auf Walburgis oder 1. Mai und hiess: <i>den Sommer in das Land + reiten</i>.<a name="FNanchor_NACHTRAG_1_22" id= + "FNanchor_NACHTRAG_1_22"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_1_22"><sup>[Nachtrag 1]</sup></a> In + Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den + Jungfrauen des Ortes seine Maigräfin, die Majinde, + erwählte, indem er seinen Blumenkranz von der Schulter ihr + zuwarf; in Thüringen war es der in Pappellaub eingebundne + Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein Laubgewand + aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder + steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes + bezeichnet, der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten + und führte die im Busche versteckt, gehaltene Prinzessin im + Triumphe heim; sie heisst in Flandern Pfingstblume, Pinxterbloem, + in England the queen of the May, in der Provence + Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An + diesem letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen + bändergeschmückten Maien um, ein anderes mit einem + Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und das Gefolge singt vor den + Häusern:</p><!-- 035 --><a name="Page_035" id= + "Page_035"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum,</p> + + <p>Lass dich beschauen 'rum und 'num.</p> + + <p>Maienröslein, komm in grünen Wald hinein,</p> + + <p>Wir wollen alle lustig sein;</p> + + <p>So fahren wir vom Maien in die Rosen.</p> + </div> + </div> + + <p>Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, + Brod, Wein, Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder + die Hühner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine + Nüsse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das + Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen + Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, + 56. Fällt der Nachdruck der scenischen Festaufführung + auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod + austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise, mit dem + Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust + mit Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der + König einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als + Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm sein + Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die + Königstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, + statt der Waffe ein Bündel Lichtspäne (Schleissen) in + der Hand tragend, und wird vom erzürnten Vater + niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei + Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die + eine angeführt vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit + Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die + andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen + bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den + Winter überwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes + für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung des + Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute + glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte + Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm + dies der Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen + Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den + warmen Stuben mit Mühe zum Grünen gebracht hatte. + <!-- 036 --><a name="Page_036" id="Page_036"></a> Ein Gastmahl + und Trinkgelage, glänzender als es durch Speerkämpfe + errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus + Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15 + Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt Uhland, + Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer + Mairitt, welchen die Bürger von Soest im J. 1446 + während ihrer Fehde gegen den Bischof von Köln + ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in + den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht + unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. + Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger + Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und + Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und + Vesten, führten Heerden, Güterwagen, selbst + aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei + gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der + verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter + dem grünen Maien" nach Hause. Wie hier der grüne Mai, + unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde + gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste die + Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre + Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die + Ruthen und Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag + oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenzüge sind beschrieben + im <i>Alemann. Kinderlied</i> und <i>Kinderspiel</i>, pg. 490. + Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem zu + derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach + der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr + erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder + abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen, + er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und + Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im + Abschnitte <i>Maiengeding</i> noch besonders die Rede sein. Der + Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der + Eifel, Rheinpfalz <!-- 037 --><a name="Page_037" id= + "Page_037"></a> und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen + Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in + der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen + Mädchen in öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" + einzeln ausgerufen und dem Höchstbietenden zugeschlagen. Der + Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso + werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und + den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile + daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene + Hüter "Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim + Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu + bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande + üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der + Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen unter + Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen + gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht + einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317<a name= + "FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href= + "#Footnote_2_2"><sup>[2]</sup></a>.</p> + + <p>Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die + Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem + Leben der hl. Bilihildis nachweisen, über deren Zeitalter + freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen lässt, dass ihr + Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird. + Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen + einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach + Würzburg gethan worden und sah hier das berühmte + Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken + alljährlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich + beschrieben in der von Herbelo <!-- 038 --><a name="Page_038" id= + "Page_038"></a> metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz + Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses + breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein + Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre + Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. + Nach altem Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, + hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im + Frühling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab, + wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. Sämmtliche Wittwen + unter fünfzig Jahren und alle mannbaren Mädchen traten + mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und + Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar + den Reihen führte, ergötzte sich die andere am Anblick + der Gespielinnen und fühlte sich zu frischem Beginne + angespornt. Das Männervolk machte dabei den Zuschauer. Den + Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die + ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich + unter ihnen die künftige Gattin, und wenn auch noch nicht + vertraut mit ihrem Gemüthe, traf er hier nach ihrer + Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste + geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre + Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in + einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau + erwählte, die er noch nicht näher als vom blossen + Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches + Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "<i>König</i>" er + sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg + konnten diese Mädchen sich den Titel der + "<i>Königin</i>" beilegen, wenn eben diejenigen Männer, + welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen + worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen + Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher + die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein + kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter + Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig + Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf + alsdann der Regent <!-- 039 --><a name="Page_039" id= + "Page_039"></a> durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende + machte. So weit Herbelo's Nachricht.</p> + + <p>Der Ehemann, welcher, hier <i>König</i> genannt wird, ist + im heutigen Frühlingsspiele der Maigraf oder + Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut die + Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen + versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die + zuschauenden Männer ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie + sind bemalt und bekränzt, tragen Laubguirlanden, Abends + Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen + Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von + Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo + ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus + entblössten Tänzerinnen, d.i. aus solchen, die als + Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt + haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den + Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut + geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von + der Mönchsphantasie ein züchtiger Frühlingstanz + schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche + Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die + Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere + Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverständniss + von Seite des Klerus.</p> + + <p>Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen + der Walburgisfeier. In derselben Mainacht werden + glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen auf die + Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene + das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder + frisch und schön bleibt. Man wählt dazu besonders die + Zweige der Eberesche mit ihren rothen Beeren, davon heisst sie + selber der Wolbermay (Prätorius, Blockesberg, 460). Die + Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem Kammerfenster + des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen + Sinnbildern:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,</p> + + <p>Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.</p> + <!-- 040 --><a name="Page_040" id="Page_040"></a> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden,</p> + + <p>Gott bewahre dich im finstern Gaden.</p> + </div> + </div><br> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>I lôss sie grüessen durh e höchi + Tanne,</p> + + <p>die Zît isch cho zum Wîben—und zum + Manne,</p> + + <p>I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli + Thau:</p> + + <p>i wött, mî Holdi wär mî Frau.</p> + + <p>Rosmeri und Zypresse,</p> + + <p>ass i de nit vergesse;</p> + + <p>Rosmeri und Nägeli drî,</p> + + <p>g'hörsch, i möcht gern bî der + sî!</p> + + <p>bî der sî, wie's Rösli hockt</p> + + <p>am-ene einige Stengel:</p> + + <p>Der Herr ist schön, sî Frau ist schön</p> + + <p>und s' Chind ist wie ne Engel.</p> + </div> + </div> + + <p>Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein + dürrer Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden + Ueberraschung vor das Fenster der Verführten (Bavaria II, + 269), oder ein Strohpopanz, Namens Walburg, wird der Faulen + aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land noch nicht umgegraben + hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen erforscht zur selbigen + Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von Walburg + selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt + eine aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der + österreichische Brauch des Fadenziehens, welchen Vernaleken, + Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die Mädchen, welche Lust haben, + ihres Zukünftigen Beschaffenheit vorauszuwissen, setzen sich + Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen feinen + Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher + hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise + herum durch die Finger läuft, spricht man stille und mit + geschlossnen Augen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Voaten, i ziech di,</p> + + <p>Walpurga, i bid di,</p> + + <p>zag von main Man</p> + + <p>alle Seiten an.</p> + </div> + </div> + + <p>Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart + und fest, so werden des einstigen Mannes Eigenschaften + <!-- 041 --><a name="Page_041" id="Page_041"></a> sein. Das + oberpfälzer Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren + Schuh über den Peuntbaum und horcht, aus welcher Gegend her + wiederholtes Hundegebell herüberschallt; eben daher wird + einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Hunderl, ball, ball,</p> + + <p>ball über neunmal,</p> + + <p>ball über's Land,</p> + + <p>wau mein feins Liab wahnd.</p> + </div> + </div> + + <p>Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der + Hund, Walburgs Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum + Gelingen des Liebeszaubers.</p> + + <p>Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der + mannbaren Mädchen an die jungen Ortsburschen, fand bei den + Moselfranken nicht am 1. Mai, sondern am ersten Sonntag in + Fastnachten statt und hiess daselbst der <i>Valentinstag</i>; es + wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal 24). Eine + Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei + stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte + gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein + heiliger Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund + aus und liess an der Stelle ein <i>Valentins</i>kirchlein + erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70. Dies führt uns auf + den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, das eigentl. + Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen + Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein + vorausbegangner, vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte + Stadtsage Londons erklärt, dass sich am 14. Febr. die + Vögel zu paaren beginnen, und ein gleichfalls alter + Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das + Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau + zusammen mit dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender + der Inselschweden, in welchem der 1. Mai mit folgender + Kalenderrune verzeichnet steht: ein nach oben gekehrter Halbring, + in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist das Sinnbild des Eies + <!-- 042 --><a name="Page_042" id="Page_042"></a> im Neste der zu + dieser Zeit wieder brütenden Vögel. Alles + überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke + und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des + Londoner Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens + wurden 150,000 Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr + 175,000; Mittag 12,000—bis zum Abend noch einmal weitere + 60,000, so dass an diesem Tage (ausser den vielen + bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) 422,000 + Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend + mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum + Entgelt erhalten dieses Tages die Briefträger eine besondere + Mahlzeit, bestehend aus Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe + no. 6, 11. Febr. 1860). Auch dabei galt ehemals die Sitte, + Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen und daran die + Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar bleibender + Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende + Liebeslied der Hamletischen Ophelia:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Guten Morgen, es ist St. Valentinstag</p> + + <p>so früh vor Sonnenschein,</p> + + <p>ich junge Maid am Fensterschlag</p> + + <p>will euer Valentin sein.</p> + </div> + </div> + + <p>Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind + Landmädchen des festen Glaubens, der erste Mann, den sie am + Morgen dieses Tages erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr + Ehemann, vorausgesetzt, dass er nicht mit ihnen im gleichen Hause + wohne, nicht ihr Anverwandter und kein Verheirateter sei. Daher + stellen sich junge Männer oft schon vor Sonnenaufgang in der + Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre Geliebten + vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei + ihren Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch + einem Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen + mit zugemachten Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis + sie die Stimme desjenigen hören, den sie gern möchten. + Suchen wir die Erklärung und den Zusammenhang des also + gefeierten <!-- 043 --><a name="Page_043" id="Page_043"></a> + Valentintages sammt den vorausgeschilderten Maibräuchen, so + finden wir dafür den nordischen Natur-Mythus von der + Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften getrennte + Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich der + winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen. + Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch + kinderlos. Da wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), + spröde sträubt sie sich gegen seine Liebe, bis er sie + mit dem Zauberstab des Lichtpfeils gerührt hat. Als sie ihm + darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, entflieht + Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf + Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der + äusserlichste Umriss der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie + erst durch unsere altdeutschen Gottheiten und Stammhelden, und + alle Einzelzüge der späteren Sagen und Bräuche + finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der + aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas + Hochzeitsfest gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von + Gunther und Sigfried durch Wettspiele erworben, in dieser + wonnigsten Zeit des Jahres grünen und schimmern dann alle + Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen + Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug + aller Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage + müssten die Hexen den letzten Schnee vom Blocksberge + wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder ebenso an Mariae + Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, damit + die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch + wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das + Fest auf 14. Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. + Mai, oder gar erst auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt + nichts und ist eine blosse Folge späterer Zeiteintheilung. + In den Volksbräuchen ist noch vielfach die Rechnung nach dem + alten Kalender beibehalten und folglich wird da der 12. Mai als + der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat + übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man + Lein <!-- 044 --><a name="Page_044" id="Page_044"></a> säen + und dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); + oder die älteste Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage + (Harz), oder an Lichtmess (Meklenburg) rückwärts vom + Tische springen; oder die Hausfrau muss einige Stücke tanzen + und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); oder man steckt + beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige senkrecht in + die Erde (Meklenburg, Thüringen)—alles, damit der + Flachs gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. + Aufl. 1, S. 184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber + bleibt in gleicher Wiederkehr der erneute Wucher des Erdreiches + und die Fruchtbarkeit der neuen Liebesbündnisse. Von der + deutschen Heldensage an bis hinab in das Kindermärchen vom + Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn die + in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem + Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese + Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch + nickende Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende + Nährkraft. Sigfried, von dem gesagt ist, dass wenn er durchs + Kornfeld schritt, die Aehren nur an den Thauschuh seiner + Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des Schnitters. + Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen sie + wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies + heisst in der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer + umgebne Burg, nimmt der Schlafenden den Helm vom Haupte, + schneidet ihr mit seinem Schwerte den Panzer, der weder Haken + noch Nesteln hat, von Brust und Armen, worauf sie erwacht, ein + Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier überreicht und + ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, Rechts- + und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine + andere als dich will ich zum Weibe haben!</p> + + <p>Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit + Walburgis? Auch sie, obschon sie unter dem Einflusse der Kirche + eine ehelos lebende Heilige geworden ist, war einst + <!-- 045 --><a name="Page_045" id="Page_045"></a> eine + Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das Glück + der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten + ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine + oberpfälzische Sage (Schönwerth 1, 389), die alle + Spuren hohen Alterthums an sich trägt. Bekanntlich pflegten + sich Heiden- und Christenpriester gegenseitig in + Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel + und Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, + dass beide Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum + repertum ankommen liessen. So kommt es zwischen einem Priester + und einem Heidenweibe (Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer + schöner sei, die Heidengöttin Walburg oder die + Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine Hexe + beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf + dessen Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes + leibhaftig bei, er möge sie nur bei der nächsten + Ausfahrt begleiten und sich selber überzeugen. Am bestimmten + Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen Wagen und + fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten + hört. Da senkt sich der Wagen und man steht in der Mitte + einer prachtvollen, mit einer zahllosen Menge angefüllten + Kirche: In der That wandelte auch die Mutter Gottes leibhaftig + auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch dem + Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er + sprang auf den Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes + Crucifix mit den Worten unter die Augen: Bist du die Mutter des + Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da erloschen mit einem mal + sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und Stille herrschte, + der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es gegen Tag + gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.—Wir + werden dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte + Venus von der Kirche selbst angeben hören; denn allerdings + sind schon die bisher von ihr gemeldeten Züge unkirchlich + genug: der Hund an der Kette und der Flachsfaden auf der Spindel + sind ihre Orakel; ihre nächtlichen Höhenfeuer + leuchtendem Reihentanze der Liebenden <!-- 046 --><a name= + "Page_046" id="Page_046"></a> und diese werden ohne Priester + zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk + der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines + Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem + Bruder Oswald. Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in + goldnem Schuh und trägt eine goldne Krone, sie ist selber + das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes Abbild ist Pindars + "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die + römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende + Gerstensaat.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_2_2" id= + "Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2">[2]</a> + + <div class="note"> + <p>Der immer gleichlautende Auskündungsspruch:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Heut zum Lehen,</p> + + <p>Morgen zur Ehe,</p> + + <p>Ueber ein Jahr zu einem Paar—</p> + </div> + </div> + + <p>steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird + dorten dem von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte + unterschoben, welches von Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden + sein soll.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_4" id="Teil_1_Abschnitt_4"></a> + + <h3>Vierter Abschnitt.</h3> + + <h4>Maiengeding und Walbernzins.</h4><br> + + <p>Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier + Jahreszeiten waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), + allgemeine Opferfeste und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu + zweit auf Sommer und Winter verlegt, hiessen die Gerichte + Maigeding und Herbstgeding, nach späterer christlicher + Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den karolingischen + Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends + üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer + (Walburgis), Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). + Ungebotene Gerichte hiessen sie im Gegensatze der vom + Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil erstere in ihrem + Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten Fristtagen + allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung + bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, + sondern auch über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, + somit über Krieg und Frieden, und ihre Aussprüche waren + die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie unsre + Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und + Parlamenten anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil + der Tag <!-- 047 --><a name="Page_047" id="Page_047"></a> sich + aus der Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender + nach Neumond und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften + (Weihnachten bis Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem + angrenzenden Theile der Schweiz Klöpfleinsnächte und + Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und + Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den + heidnischen Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In + gleicher Analogie spricht man von Fasnacht, Rumpelnacht und der + durch die Ortspolizei gewährten Freinacht. So hiess denn + auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch noch Valdborg + aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" pflegt + die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem + 14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch + zu Zweit mit dem Wintergerichte zusammen, erst später auch + mit dem Herbstgerichte zu Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu + Sondernau von 1615 setzt zweimaliges Jahresgericht fest, das + Mertensgericht (11. Nov.) und das Welbermael, Walburgismahlzeit + am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch. Reichs und Rechts 1, + 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen (gedruckt im + Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding da + haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht + tag vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff + sannt Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu + Dietikon und Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, + 78. Dabei blieb Walburgis auch später in den Städten + ein Termin der Aemter-Erneuerung; "jerlichen zu Meyen, wann Statt + und Ampt Räth zusammen schwerend", heisst es im Zuger Recht + 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. Gesellsch. Die + Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach + derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der + täglichen Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund + schlafens underziehen an iren tagarbeiten und das anheben, so der + stock ein blatt überkompt, dass einer ein aug domit bedecken + müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) bis uf + <!-- 048 --><a name="Page_048" id="Page_048"></a> Margaretha (13. + Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im Alterthum hatten die + Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen geendet, die + für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft + nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den + späteren Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und + seine Leute zu beköstigen, den Schöffen Trank und + Speise zu verabreichen und ihnen einen Zinskuchen mit dem + hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg zu verehren. Die + Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. Hier folgt + eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen in + den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, + Scrin. L, I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und + Untergerichtsherr; der obergerichtliche Entscheid stand beim + Landvogt zu Baden, der daher nebst Landschreiber, Weibel und + Substituten mit anwesend sein musste. Das Stift hatte ausser in + Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und Bünzen + dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier + jährlich <i>achtmal</i> wiederholten Gerichtstage für + den Lehensherrn beliefen, zeigt folgendes Aktenstück.</p> + + <blockquote> + Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und + verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38 + Sch.—Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 + Sch.—Durch die HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, + Pfarer vnd Weibel am Nachtmal verzert 3 Gld. 10 + Sch.—für Höuw vnd Haber über Nacht 1 Gld. + 8 Sch.—Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt + an einem Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.—Sinem Diener 1 + Kronen.—Hn. Landschryber Zur Louben an einer Spanischen + Dublon 7 Gld. 1 Pf.—Sinem Substituten 1 Gld.—In die + Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch. + </blockquote> + + <p>Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren + die Bräuche, unter denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins + zu überbringen hatten.</p> + + <p>Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg + <!-- 049 --><a name="Page_049" id="Page_049"></a> am Knütl + alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs + Hellern alter hessischer Münze bezahlt werden. Der + Gemeindemann, der ihn überbrachte, hiess das + Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh Schlag + sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an + der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er + sich, so verdoppelte sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, + am Abend hätte ihn die ganze Gemeinde nicht mehr zu zahlen + vermocht. Vorsichtshalber schickte daher die Gemeinde stets zwei + Abgeordnete zusammen ab. Hatte das Walpertsmännchen seine + sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach Vorschrift hier + drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit + nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es + lebenslänglich zu verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, + so wurde es augenblicklich aus dem Schlosse hinausgeschafft. + Schon an dreihundert Jahre war diese Zinszahlung im Gebrauche und + bestand noch im Anfange dieses Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. + no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der sg. Rutscherzins, welcher, + wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist abzutragen + verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der + Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am + Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe + Schernberg hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann + auf einen breiten Stein unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich + hier um eine weitere Stunde zu spät einstellte, bezahlte ihn + je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). Aber auch dabei kamen dem + Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel zu gut, + welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse + wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein + Gegengeschenk erhielt, welches mit der Zeit für ganze + Gemeinden zu nicht unbeträchtlichen Nutzniessungen sich + gestaltete, lehren folgende Bräuche und Sagen.</p> + + <p>Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, + die jährlich an Walburgis nach altem Rechte hinaus + <!-- 050 --><a name="Page_050" id="Page_050"></a> in den Wald + Wagweide zogen, welcher dem Churfürsten von Mainz + zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen. Gleichzeitig kam dann + sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt in + dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei + Musik, Tanz und Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an + Walburgis Vormittag alle hammerführenden Gewerke der Stadt + in jenen Wald und halten da bei Tanz und Gesang bis tief in die + Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren. Mit Eichlaub + bekränzt singt der heimkehrende Zug:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Willst du mit nach Walpern gehn,</p> + + <p>Willst du mit, so komm!</p> + </div> + </div> + + <p>Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht + daselbst die Schusterzunft den grünen Montag, welcher der + erste ist nach Jacobi. Sie bekränzt nebst ihren + Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern und die + Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für + die Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die + übrigen hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im + Steigerwalde zerstörten, von dem aus die Orte des + Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei + Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, + pflegte man sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es + sollen die zwei Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses + gewesen sein (man benennt es wechselnd bald Dienstberg, bald + Greifenberg), die mit all ihren Kostbarkeiten behängt die + Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens anflehten und + Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die angeblichen + Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die + Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die + städtischen Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und + Landbote v. 1846, enthalten nichts, was dieser Geschichte einer + zerstörten Raubburg aufhelfen könnte, wohl aber dass + der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg. Schwörtages ist, + an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer Bischof + neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof + bestätigte <!-- 051 --><a name="Page_051" id="Page_051"></a> + ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem + Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht + aus dem Filz, den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. + Berlepsch, Chron. d. Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher + pseudohistorischer Sagen von einem gelungenen Kriegszuge der + Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss, oder einer + militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist + einfach der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses + örtliche Holzrechte verbunden waren. In einem niederl. + Volksliede (Uhland in Pfeiffers Germania V.) bringt der Zinsbauer + (wahrscheinlich für die Nutzung überlassener + Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich + der Frau "den kühlen Mai".</p> + + <p>Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, + 37) an den Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell + so reichlich fällt, dass man des Morgens eine Schale Wassers + daraus zu füllen vermag, so ist auch in den deutschen + Lokalgeschichten aus dem Glauben an die Wunderkräftigkeit + des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim Maigerichte bewaffnet + zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann gemeindeweise + zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition + entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische + Unabhängigkeit der Landschaft durch einen glücklichen + Waffenstreich errungen worden sei. Die Maifahrt wird zur + Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und die Schweizersage + trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die + "Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn + zinsen, der Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu + vertreiben und deren Burgen zu brechen; die Ditmarschen datiren + ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, das sie nicht länger + auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die + Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende + ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von + Dahlmann. Das älteste und festete Gebäu im + Ditmarschenlande war die Grafenburg Bocklenburg in der Wolberaue + gelegen. Ihr <!-- 052 --><a name="Page_052" id="Page_052"></a> + älterer Name war Walburg, sagt Dahlmann im Neocorus 1, 565; + ein Eigenthum der Grafen von Stade, in unmittelbarer Nähe + des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch die + aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. + Müllenhoff, Glossar zum Quickborn 1856, S. 315. Der Graf + hatte den reichen Bauern Heine zu Gast geladen, ihn reichlich + bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen, wofür + der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die + Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt + der Tafelmusik musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof + durchlärmen. Solcher Wohlstand reizte die habsüchtige + Gräfin Walburg und sie beredete ihren Gemahl, dass er die + Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren nachgesehen hatte, + gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen + Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten + denn die Bauern eine lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse + hinauf. Auf dem ersten sass eine schöne Dirne, dem Grafen zu + Willen bestimmt; allein in den Säcken des zweiten Wagens + lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor + erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Rühret die Hände,</p> + + <p>Zerschneidet die Gebände!</p> + </div> + </div> + + <p>Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, + zuckten die Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in + das innerste Gemach entsprungen, allein seine zahme Elster kam + schreiend ihm nachgeflogen und verrieth ihn, er wurde aus dem + Verstecke gerissen und erstochen. Die Gräfin sprang aus dem + Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat mit ihrem Tode + dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses + Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher + Fruchtbarkeit gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen + darauf erntete. Auch eine Wallfahrt zum Haupte St. Peters war + daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das dorten ein Bauer aus dem Boden + gepflügt und daheim aufbewahrt hatte, entsprang ihm wieder + und stellte sich in <!-- 053 --><a name="Page_053" id= + "Page_053"></a> die Wallfahrtskirche, wo es heilkräftige + Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter sterken.</p> + + <p>So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre + Burg zur Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen + Gaugräfin und Burgfrau, mit deren Untergang die Steuer der + Leibeignen aufhört und die politische Selbständigkeit + des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und die + hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich + an einem oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur + saatenvertilgenden Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht + wird eine Nachtfahrt auf den Broken. <i>Dreimal</i> des Jahres + müssen die Hexen ihre drei hohen Tagsatzungen abhalten, sagt + Prätorius Blockesberg (1668) 499, und zergrübelt sich + über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so sehr + vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese + Heilige dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre + Abrechnung mit ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag + verschimpfiren.</p> + + <p>Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch + deutlicher der Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut + fällt, theilt W. Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre + 1, 128) mit aus Curickens Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und + aus Temme-Tettau's Ostpreuss. Sag. no. 208. 209. Auf dem + Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig liegt, hatte der + böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die + Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber + und Töchter entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter + Berchta dem Sohne des Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich + aber nachher, sie ihm zu geben. Da kam der Abend, an welchem der + Sitte gemäss ein grosses Feuer auf dem Berge angezündet + und der übliche Reigentanz um das Feuer gehalten wurde. + Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern + Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe + plötzlich zu überfallen. König Hagel, der dem + Tanze des Volkes mit Vergnügen zugesehen hatte, wurde + ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, <!-- 054 --><a name= + "Page_054" id="Page_054"></a> wie hast du mich verrathen! Und + davon soll das nachmals erbaute Danzig seinen Namen erhalten + haben.</p> + + <p>Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier + in der Sage zwischen Bräutigam und Braut getheilt. Damit + diese Beiden, nachdem sie bereits ins Mailehen gegeben sind, ein + Paar werden können, wird der winterliche Tyrann, König + Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer + zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse + Stadt.</p> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_5" id="Teil_1_Abschnitt_5"></a> + + <h3>Fünfter Abschnitt.</h3> + + <h4>Der Mythus vom Maienthau.</h4><br> + + <p>Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische + Kirche täglich die Rorate-Messe singen, die ihren Namen + trägt von der Stelle Jesaia's 45, 8: Rorate, coeli, desuper + et nubes pluant justum; thauet, Himmel, den Gerechten! Wolken, + regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden Segen erhoffte das + Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn + erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und + Johannisnacht. Nur von der ersteren ist hier die Rede.</p> + + <p>Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht + zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist + da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist + seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb + dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter + wächst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja + keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist + er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem + doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an + Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr + gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg + <!-- 055 --><a name="Page_055" id="Page_055"></a> heisst es vom + Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm + (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten + die Festfeuer zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den + drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen + Monat über keinen mehr. Maienthau macht grüne Au. Oder, + der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut + es im Mai fünfmal, so erwartet man eine Viertelsernte; + zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts eine + volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als + König Gustav III. von Schweden einem ostgothländer + Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte + und ihn über dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte + der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein + Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai + genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. + Daher trägt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe + (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher trägt bei den + Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh + (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3, + no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in + der Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der + Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. + Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo + Regenwasser in grosse Krüge, dass sie sich das ganze Jahr + durch nach Bedürfniss damit behelfen können." Coler, + Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen + Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen + ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich + hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die + Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel + selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb. + bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des + hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da + das taw allermeyst fellt, so trinken <!-- 056 --><a name= + "Page_056" id="Page_056"></a> sie das begeret taw in sich und + werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die + margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts + Vierzeilen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Die Rose stand in Thau,</p> + + <p>Es waren Perlen grau;</p> + + <p>Als Sonne sie beschienen,</p> + + <p>Da wurden sie Rubinen.</p> + </div> + </div> + + <p>Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und + Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. + Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>uon dem leime gab er ime daȥ fleiſch,</p> + + <p>der tow becechenit den ſweihc.</p> + </div> + </div> + + <p>übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie + ein Thau sein, dass es soll blühen wie eine Rose. In das + Fruchtholz des Waldes flüchten beim Weltuntergange die + beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, Leben und + Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue + Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die + Oesch, kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein + Holzwuchs, heisst es; wenn man einen Baum im Maienthau + schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter, der die drei letzten + Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des Morgens + unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang + des Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen + verschwinden. Er liess hierauf die Bäume stehen und sein + Geschlecht blieb in Wohlstand. Wenn die Engel im Himmel weinen, + um Gottes Erbarmen für die Menschen rege zu halten, so + entsteht daraus unser Thau; dies lautet in Grieshabers Deutsch. + Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem firmamente? daȥ + sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain + grôȥ wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain + ȥeher niemer noch niemer her ab, wan daȥ, + sûmeliche maister wèn, daȥ daȥ tov + daruȥ werde. Ein unbethaut bleibender Ort ist ein + verwünschter, wie hier hernach noch des Weiteren zu + berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der Schlacht + gefallen sind, wehklagt <!-- 057 --><a name="Page_057" id= + "Page_057"></a> David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse weder + thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen + erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, + wächst kein Gras; daher in G. Bürgers Romanze:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,</p> + + <p>Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,</p> + + <p>Das wird von Thau und von Regen nicht nass.</p> + </div> + </div> + + <p>Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein + Schatz (verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem + Wiesenweg, welcher der Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt + kein Thau und Reif behangen. Panzer, BS. 2, pg. 54.</p> + + <p>Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des + Liebreizes und der Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wenns thaut, wirds grön,</p> + + <p>werden alle Jungfern schön.</p> + </div> + </div> + + <p>Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden + Knaben auf der Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren + altersgrauen Gatten Titon mit Thau neu zu beleben. Hellfunkelnder + Thau trieft perlend hernieder und frischgrünende Hyacinthen + sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera umarmt. Mit dem + Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in + seinem Trojan. Krieg—verjüngt Medea Jasons alten + Vater. Die drei Marien gehen zu des Herren Grab durch den Thau + (Uhland, Volksl. 832, 3):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Es giengen drei heilige Frawen</p> + + <p>zu Morgens in dem Tawe.</p> + </div> + </div> + + <p>So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger + Christian von Hameln dem bethauten Anger keine hellere Zier zu + schenken weiss als ihren nackten Fuss darauf:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Her Anger, bitet, daȥ mir swaere sul + bůȥen</p> + + <p>ein wîp, nâch der mîn herȥe + stê;</p> + + <p>sô wünsche ich, daȥ si mit + blôȥen füeȥen</p> + + <p>noch hiure müeȥe ûf iu gê.</p> + </div> + </div> + + <p>Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen + verschiedene kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze + <!-- 058 --><a name="Page_058" id="Page_058"></a> Sonnnenthau + einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio + genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht + der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und + Bändern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein. + Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste + geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen + heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.</p> + + <p>Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, + Parasol und Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen + nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem + Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher + Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Schönwerth, + Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu Saintes + Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen + Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter + sammelt und sie in Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, + Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu + haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gefüllten und + verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und + Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter + jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die + Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit + einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen + hin vnd her, druck es auȥ in ein sauber kandel vnd bayȥ + (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise + schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e<sup>3</sup> gegen Ausschlag + vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn + waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein + an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns + reüdige menschen!</p> + + <p>Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also + mitgetheilt. In einer Höhle des Berges Harder, die vom + Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals + Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit <!-- 059 --><a name= + "Page_059" id="Page_059"></a> diesen Erdmännlein in gutem + Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes + Frühjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo + ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie badeten + damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und + Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den + Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders + gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, + hängt ihre Höhle voll milchweisser Steinzapfen, lauter + im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat, + und heisst davon das Mondmilchloch.</p> + + <p>In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das + Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau + des Haberfeldes wälzt: se rouler ce jour-là le matin + dans la rosée, ou se baigner dans une fontaine guerit de + la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore, Coutumes, + mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die + Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, + Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, + "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten, + scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich früh + nacket drein wälzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem + matutinum in vere, S. Walpurgisthau."—Isländer und + Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten + wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die + Engländer setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter + den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau + gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der + Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Das hilft für's Gah,</p> + + <p>für's Bläh,</p> + + <p>für'n U'flat.</p> + </div> + </div> + + <p>Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die + Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. + Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut für abgehauene + Füsse, gut <!-- 060 --><a name="Page_060" id="Page_060"></a> + für abgehauene Arme, für ausgestochene Augen", so + sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den + Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. + "Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den + Baumblättern liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem + von der Stiefmutter geblendeten Mädchen. Haltrich, + Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt + ein Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist + und bestreicht seine Augen damit, der erhält sein Gesicht + wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im böhmischen + Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten + verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms + KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in + Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder + am dortigen Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden + war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305.</p> + + <p>Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den + näher rückenden Mai zu vertrösten als auf die Zeit + ihrer gänzlichen Herstellung. Stillschweigend ist also + vorausgesetzt, dass dieser Termin die besonderen Mittel + gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. Da + bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen + Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst + sie mit heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen + Augenentzündung blickt man eine halbe Stunde unbeschrieen in + den Maithau. Gegen den Wolf (fratte Schenkel) sitzt man nackt ins + Feld hinein. Das Rind, das an der Blutschwine, Abzehrung, leidet, + wird in den Thau gestellt, das Zugvieh und das Ross + hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die + Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der + Merz ins Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem + thaugetränkten Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, + im elsäss. Sundgau, eine halbe Stunde entfernt, fliesst im + Orte Helgenbronn neben der dortigen Walburgiskapelle ein + kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und Kinderbrunnen + genannt. <!-- 061 --><a name="Page_061" id="Page_061"></a> Am 1. + Mai kommen die Mütter mit ihren siechen Kindern hieher, um + sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an Johannis, + 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete + Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar + Scheidt, Mayenlob (abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. + 316) beschreibt die allgemeine Sitte ausführlich und + anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die Bresthaften, die ihre + Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai + daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber + darein, wenn sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und + wenn man daher ein Bild des Maien malt, so pflegt man zwei + Eheleute beisammen im Wasserbade abzubilden, oder ein mit + fröhlichen Leuten unter Trommel- und Pfeifenklang dahin + ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende + Gesellen.—König Albrecht hatte 1308 gerade seine + Badefahrt beendet, im Städtchen Baden das Maifest abgehalten + und war auf dem Wege, seine Gemahlin Elisabeth im benachbarten + Rheinfelden abzuholen, als er am linken Reussufer von seinem + Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings erschlagen wurde. + Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die Blutrache. Ihre + Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften enthauptet, auch + nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten Tochter, so + erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und + sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter + den grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir + meinen frommen Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die + typisch gewesene allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage + entstanden, wiederholt sich z.B. in dem Liede vom baier. + Krieg:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>die Teutschen wurden wohlgemut,</p> + + <p>sie giengen in der ketzer plut,</p> + + <p>als wer's ain mayentawe.</p> + </div> + </div> + + <p>Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".</p> + + <p>Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als + bürgerlicher Art. Noch vor etlichen Jahren giengen + <!-- 062 --><a name="Page_062" id="Page_062"></a> Schulmeister + und Chorknaben in der Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt + Heilwag, von Haus zu Haus, und besprengten damit dreimal die + Bewohner unter den Worten:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Heiliwog, Gottesgob,</p> + + <p>Glück ins Hus, Unglück drus!</p> + </div> + </div> + + <p>Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz + lautet dieser Spruch, nach Panzers BS. 2, 301:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>O du guter Walbernthau,</p> + + <p>Bringe mir, so weit ich schau,</p> + + <p>In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein + Schmalz!</p> + </div> + </div> + + <p>Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes + Mädchen, das sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen + ein Bächlein gejagt und da begossen oder getaucht. Beim + Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade darf die Kübelmarie, + "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den Brunnen + springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no. + 747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen + heimkehrt, wird in der Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit + einer Schüssel Wasser begossen. Schönwerth 1, 400. Zu + Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der Dorfhirte alle + übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem + Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. + Reinsberg, Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu + Johannis gegenseitig mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. + 587. Am Himmelfahrts- und Pfingsttage wurde durch jenes Loch des + Kirchengewölbes, durch das die hölzernen Figuren des + Salvators und der Taube emporschwebten, angezündetes Werg + auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. Wiedemanns + Chronik d. St. Hof.</p> + + <p>Diese Züge führen über zum Thau- und + Minnetrinken. Gervasius von Tilbury (ed. Liebrecht, Otia + imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie zu seiner Zeit + in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als Pfingsttrank + galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) nachgewiesen, + dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg + <!-- 063 --><a name="Page_063" id="Page_063"></a> auf dem + öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe + 13. Jahrh. fällt die Meldung von der Waldprozession, welche + das Domkapitel zu Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige + hieb zur Ausschmückung des Doms. Je zwei Tage vorher hatte + es seit 1270 die Seelmesse für den Cleriker Bouteille zu + begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch aufs Pflaster + ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte + Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den + Chorsängern preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des + Groteskkomischen 170. 233. Vielleicht, dass man diesen welschen + Mönchsbrauch aus dem altrömischen Feste der Anna + Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den + Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des + Tiber zog und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So + manchen Schluck da der Trinker nach einander aus dem Weinbecher + thun konnte, auf so viele Lebensjahre hoffte er es zu bringen. + Allein das vom Römerthum unberührt gebliebne + Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die + Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung + in den Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften + "Mark in die Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man + dorten nicht mehr und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, + der am 1. Mai seinen Einzug in die Stadt hielt und sie von den + Bedrängnissen einer langen Belagerung rettete. Allg. Augsb. + Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen Landschaften kennen + ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich auf + dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach + fliesst der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein + so besonders gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden + darnach zu verlangen pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem + Ehlborn fordern, so gilt dies als ein Zeichen ihres nahen Todes, + denn ein solcher Trunk, sagen die Leute, ist gleichsam die letzte + Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem Pfingstborn bei der + Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere Heilkraft zu, + <!-- 064 --><a name="Page_064" id="Page_064"></a> sammelte auf + der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, trank denselben und + wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer Kinder + mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so + trugen sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen + als Trinkgefässe dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, + Hess. Sag. no. 329. Zum Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, + wo Wilibald die Heiden taufte, macht alljährlich die + Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und geniesst + daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten + Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten + Walburgskirche zu holländisch Gröningen entspringt, ist + unversiegbar und der Schatz der Stadt. Bolland. 522. Des + Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder Oswald am Ifinger + in Tirol entspringen liess, ist schon im Vorhergehenden gedacht + worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der über eine + achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster, + niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette + nicht sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine + Felsenspalte in sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. + Sagb. no. 1136. Beim Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben + und Mädchen die Symbole der künftigen Ernte im Orte + umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und Eier und + Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden + folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit + gelben Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume + abgezapfte Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; + jedoch wohin sie beide und die vorhin genannten Maigetränke + zielen, sagen uns einige im Erblassen begriffene Traditionen. Auf + dem Walpersberge bei Dresden sitzt in der Walburgisnacht und zu + beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem Stuhle und vertheilt an + die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser Teufel ist + Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach + beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden + Schlachtjungfrauen bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher + <!-- 065 --><a name="Page_065" id="Page_065"></a> tritt an die + Stelle Walburgis zu dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau + Holle und bietet den Verjüngungstrank. Bei thüringisch + Arnstadt liegt der kräuterreiche Bergwald Walperholz, der + einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster getragen haben + soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und Jagdbuche, + ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn + dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin + gebannt. Sie heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht + umgeht sie jene Buche und ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, + DSagb. no. 587. Damit ist die öl- und älschenkende + Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet; noch dazu + waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier + abgehaltene Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten + Walde. Reynitzsch, Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. + Ausdrücklich erzählt die Walburgislegende (Act. SS. + tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter an + Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und + Speise darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum + gebotenes Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und + kann weder wieder zum Vorschein gebracht, noch die Art seines + Verschwindens ermittelt werden. Doch als die Wallfahrer, wieder + auf der Heimreise begriffen, sich über jenen Verlust + besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in Mitte + ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier + als ein neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein + runder Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen + Stadt Eltmann, er war von drei reichen Nonnen erbaut und konnte + nicht anders eingenommen werden als durch ein blindes Ross, das + man drei Tage hatte dursten lassen; alsdann verrieth es durch + Stampfen den Belagerern die geheime Wasserleitung. Im + benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und Drachensage + lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und + Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der + Erenbürg, eines hohen sattelförmigen Berges beim + oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das urkundlich 1062 genannt + <!-- 066 --><a name="Page_066" id="Page_066"></a> wird und ein + Bestandtheil des karolinger Königshofes Forchheim gewesen + war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen abgegrenzt, an + seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch + berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier + war das Schloss von drei schönen Fräulein, die beim + Trocknen die Wäsche nur in die Luft warfen, so blieb sie + hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel steht eine + Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt + abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon + vor Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht + über die blüthenreiche Landschaft ist reizend; + zahlreiche Wirthe sorgen für unerschöpfliche Libationen + bei den gleichzeitigen Brandopfern der duftenden Bratwürste. + So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch 1. Mos. + 27, 28, in allen Theilen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gott geb dir des Himmels Thau</p> + + <p>Und die Fettigkeit der Au</p> + + <p>Und die Fülle der Halmen</p> + + <p>Und den Most der Palmen.</p> + </div> + </div> + + <p>Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder + fliessenden Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die + darauf gegründeten örtlichen Wasserrechte in + Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen geschmückt wie + ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um den + Ortsbrunnen steckte—haben sich als das Fest der + Bannbeschreitung, der Oeschprozession und des Mairittes hier und + da noch gefristet, und vervollständigen diesen vorliegenden + Abschnitt vom Maienthau nicht nur, sondern schliessen ihn erst + wirklich nachdrucksam ab.</p> + + <p>Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die + Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen + Benennungen der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- + und Fohrumganges vorgenommen. Die ganze männliche + Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt, ist verpflichtet daran + Theil zu nehmen und wird den Tag über auf Gemeindekosten + verpflegt. Die dabei vorkommende <!-- 067 --><a name="Page_067" + id="Page_067"></a> symbolische Gedächtnisschärfung, die + an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen Marksteine mit + Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein stossen) + vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig + bedarf es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den + Knabenpistolen verknallt und welches Weinquantum vom + Männerdurst weggetrunken wird, um dann nach lustigem + Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen, dessen + würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die + städtischen Bürgerschaften pflügten ebenso unter + grossem militärischen Aufwande ihr Gebiet zu umgehen, haben + jedoch seit dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts der Kosten + wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. Dagegen haben sich + katholischer Seits zu Stadt und Land die Oeschprozessionen + reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai fallenden + kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den verschiednen + Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien + abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem + Wasser und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter + den bei diesem Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 + vorgeschriebnen Versikeln und Liedern schliesst ein von der + ganzen Gemeinde gesungenes:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Deine milde Hand giebt Segen,</p> + + <p>Giebt uns Sonnenschein und Regen.</p> + </div> + </div> + + <p>So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen + Schwarzwalde abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am + Markustage, 25. Apr. In Tirol glaubt man, diese Prozession sei + älter als das Christenthum selbst, denn schon der Heiland + habe derselben beigewohnt. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 720; und + allerdings findet sie sich unter dem Namen Rogationes schon unter + den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg, Kirchgesch. + 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur Abwehr + des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren + unter dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der + protestantischen Bevölkerung <!-- 068 --><a name="Page_068" + id="Page_068"></a> an der Elbe üblich und durch ein + besonderes Volksgelübde daselbst gestiftet gewesen. Die + dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei halbe Werktage von + aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer Predigt, + durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede + findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, + 282.</p> + + <p>Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der + Mairitt; schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei + Emminghaus, Memorabil. Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch + aus alter Zeit: Up Walpurgis, als men in den meien plach tho + riden na alter zede und gewonte. Die Ankenschnittenprozession zu + luzernisch Beromünster wird bereits in der Urkunde von 1223 + erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am + Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des + Ortes, der Dragonermannschaft und den sich anschliessenden + Wallfahrern zu Pferde abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz + folgen zu Rosse mit, vom Rosse herab wird gepredigt. Der Ritt + geht vom Städtlein weg auf aargauisches Gebiet nach + Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute haftender + Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische + Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde + ins Maul stösst. Diese und ähnliche berittene + Prozessionen sind bereits ausführlich beschrieben in den + <i>Naturmythen</i> (Leipzig 1862) S. 17; nur das mittlerweile neu + gefundene Material wird hier nachgetragen. Der Blutritt in + Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage + nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu + Fusse hat man dabei schon über siebentausend Reiter + gezählt. Franz Sauter, Kloster Weingarten 1857, 35. In den + oberschwäbischen Dörfern findet der Maithauritt am 1. + Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang wieder + heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt + am Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht + unbesucht. Birlinger, Schwäb. Sag. 2, no. 123. + <!-- 069 --><a name="Page_069" id="Page_069"></a> Bei den + Vlamingen heissen die am 1. Mai veranstalteten kirchlichen + Umritte Marienprozessionen, doch fällt derjenige zu + Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover + bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen + Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit + verhängtem Zügel quer über die Felder, indem man + annimmt, dadurch werde die Ernte eine gesegnetere. Ein Bauer, der + sich diesem Herumtraben auf seinem Felde widersetzte, fand + nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. 345. In Anderlecht + ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem Wettjagen der + erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem + Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die + Kirche geführt, da mit einem Rosenkranz geschmückt und + feierlich wieder hinaus geleitet. Reinsberg, Festl. Jahr. 140. + Beim sg. Königsreiten in österreich. Schlesien, wobei + Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der Gemeinde, + geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der + beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das + Kranzreiten nach einem geschmückten Baum, ist aber in + Nietleben bereits zum "Betteln reiten" herabgesunken. Sommer, + Thüring. Saga S. 154. Unsre rechtgläubigen Bauern, + bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der + Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre + Pferde am Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage + uns neue Kleider anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. + Johannes Boem, genannt Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in + Unterfranken, schrieb 1530 De moribus, legibus et ritibus + gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio Scriptor. Wirceburg.) den + Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland betrifft; hier ist + der würzburgische Pfingstritt also beschrieben: Pentecostes + tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos habent + aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum + unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, + totius agri sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut + <!-- 070 --><a name="Page_070" id="Page_070"></a> segetes Deus ab + omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich + zweimal, am 10. Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das + südfranzösische Dorf Villemont das Kirchenfest seiner + Ortsheiligen Solangia und trägt deren Reliquien in + Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld heisst und + den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf welchem + das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem + angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der + Andächtigen, die oft bis auf Fünftausend anwächst, + nicht zu fassen vermag und folglich da und dorten in die Saat + hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon ziemlich hoch + steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, sondern + richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein + Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 + mit eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber + erfolgte an dem Flachsacker eines Geizigen, als der + Eigenthümer hier der Prozession den Durchgang verweigerte; + es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und die Anpflanzung + wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, ad diem + 10. Maii.</p> + + <p>Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten + prozessionsweise zu umreiten und zu durchreiten, stützen + sich auf heidnischen und auf alttestamentlichen Glauben und + wollen Abbilder sein eines den Göttern selbst beigelegten + gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12—Du krönest + das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von + Fett—liess eine Gottheit erblicken, welche das reifende + Kornfeld persönlich beschreitet und mit ihrer Fussspur + ertragsfähig macht, weshalb das Kirchenlied von Nikolaus + Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 jene Worte + nachdrücklich wiederholt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Umkrön das Jahr mit deiner Hand,</p> + + <p>Mit deinen Fussstapfen düng das Land.</p> + </div> + </div> + + <p>Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen + Wenden von besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. + Vorzeit); von dem auf den Bergwiesen striemenweise + <!-- 071 --><a name="Page_071" id="Page_071"></a> fetter und + üppiger wachsenden Grase sagt der Tiroler, hier ist der + fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der Alpgeist mit + schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. + Sag. no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des + ausreitenden Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch + grüne Frucht hinziehenden gelben Streifen vorreifender + Kornähren. Wolf, Hess. Sag. no. 31. 56. Von den über + die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden Hufen des + Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals + denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, + diese haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die + sommerlichen Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird + er sich weniger lagern und die Aehre weniger ins giftige + Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz nahverwandte + landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in + den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der + Kornähren vom Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung + der Blüthen ausschüttelt und verbreitet. Diese + Verbreitung geschieht aber bei der Unregelmässigkeit der + Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele Hülsen + der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun + seit alter Zeit folgende Methode zur künstlichen + Unterstützung der Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten + des Kornackers ziehen zwei Männer ein Seil über der + Höhe des blühenden Getreides hin und streifen damit + gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren + zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die + übrigen aber gegen das Sichlagern gestärkt und der + ausfallende Samenstaub wird in ihnen gleichförmig vertheilt. + So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die aus einer + und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung + entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen + vergöttert, in Kunstgebilden dargestellt und bis auf die + Athene übertragen worden. Unterhalb der Akropolis zu Athen + stand der Thurm der Winde, unter dessen acht Relieffiguren auf + einer seiner acht Seiten der <!-- 072 --><a name="Page_072" id= + "Page_072"></a> Ostwind (Apeliotes), der den gedeihlichen + Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein Genius mit + heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande + einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb + tragend und neben reifenden Früchten eine Kornähre. + Droben auf der Akropolis stand die Athenestatue, die den Beinamen + Pandrosos (Allesbethauende) führte, als eine andere Demeter + verehrt wurde und Aehren in der Hand trug (Welcker, Griech. + Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie nach + demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros + (Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und + den Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon + (Brand und Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten + dem Mehlthau steuern und waren der Athene gewidmet.</p> + + <p>Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und + Mythe unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.</p> + + <p>Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns + Vermuthung (Weber, Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha + Milch, ableitend, von duh, ziehen, ducere, so dass also im + Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens und + Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch + ton heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und + Bräuche in der Annahme überein, aus dem rechtzeitigen + Abstreifen des am Halme hängenden Morgenthaues lasse sich + Milch und Butter gewinnen, als gediegenes Produkt fertig + herauspressen, und das in diesen Thau getriebene Milchthier + ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612 + verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter + den Himmel zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. + Liebrecht, Gervas. Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im + Oekonom. Kalender besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau + vom schossenden Getreide mit subtilen Tüchern aufzufangen + und diese in Gefässe auszuwinden habe, denn solcher Thau sei + unsres <!-- 073 --><a name="Page_073" id="Page_073"></a> Landes + Manna. Prätorius, Blockesberg S. 559. Grohmann, Böhm. + Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun verstorbenen + Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht seine + Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst + nackt aus und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt + drückte er die thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, + indem er dabei mit den vier Zipfeln umgieng wie beim Melken, und + gab das gewonnene Wasser den Thieren unter die Tränke. Sie + waren dann das ganze Jahr milchreich. Es ist eine von Sachsen bis + nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, abwechselnd um Mai, Ostern + oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen, indem man die + Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf feierlich + abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt + einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den + Preisnamen Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende + Ross den Namen Thaustrauch, weil sie den ersten Thau erfolgreich + weggefegt haben, und werden mit dem am Rennziel auf der Stange + steckenden Blumenmaien oder Brodweck beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. + S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso gilt in Holland + das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische Natur des + Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern + voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum + gehen denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und + erhorchen die Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf + Pfingsten ins Roggenfeld, um in Thau zu baden, mit den hinter + sich her gezogenen Tüchern ihn aufzusammeln, daheim + auszupressen und so die Milch jeder fremden Weidekuh für + sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen + die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt + versammelten Bischöfe erklärten eine letztjährige + Hungersnoth daraus, dass der Teufel den Leuten, welche den + Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren ausgefressen habe: + experimento enim didicimus in anno, quo illa valida fames + irrepsit, <!-- 074 --><a name="Page_074" id="Page_074"></a> + ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces + exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. + Niedlich lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des + gleichen Vortheils zu bedienen suchen und darüber + kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge im Harz in die + Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar machenden + Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick oder + eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. + Damit fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden + sichtbar und konnten tüchtig durchgeprügelt werden. + Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um sich nun gegen die + Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man ihnen auf + folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein + weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes + durch einander geschüttelt liegen, lässt sie vom + Nachtthau benetzt werden und füttert damit sämmtliche + Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. Darstellungen aus dem + Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9. Da auf + ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt + wird, so ist das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. + Mai alle Speisen recht stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der + Schweiz eine dickgestrichene <i>Ankenbrüt</i>, am + Familientische zu essen, allen Hausthieren davon zukommen zu + lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches + Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt + Jac. Sprenger im Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende + Begebenheit. An einem Maitag empfanden mehrere zusammen über + Feld Spazierende grosse Lust, frische Maibutter zu geniessen. Sie + standen zufällig an einem Flusse. Ich will euch solche + besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein wenig. Er gieng + in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf, + rührte mit den Händen rückwärts und es + dauerte nicht lange, so brachte er eine förmliche + Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai machen. Die + Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz <!-- 075 --><a name= + "Page_075" id="Page_075"></a> trefflich schmeckend.—Ein + aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am Maitag + Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe + in seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen + versichert in seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo + questionum (gedruckt bei Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in + der sechsten Frage: Exploratum habemus, maleficas in fluminibus + concitatis hausisse butyrum temporibus. Daher heisst es, in der + Walburgisnacht fliege der Drache um und trage seinen + Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. + Was er nicht weiter schleppen kann, speit er auf die + Schwindgruben; die gelbweissen Algen in Tellergrösse, die + man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt, heissen daher + Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit + demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt + Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen + Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, + obschon dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr + eintragen können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig + nicht aus den Blumen, sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur + Zeit des Siebengestirns auf die Blumen fällt;" und daher + erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die Bauern hätten + am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen, ein + Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet + uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau + im Mai giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird + von einem Engel uns zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. + Gedichten:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,</p> + + <p>Mengmol e Tröpfli Morgethau.</p> + </div> + </div> + + <p>Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, + so ist sie darum auch so süssschmeckend; denn, sagt + Hebel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme + Rosinli.</p> + </div> + </div> + + <p>Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen + vom <!-- 076 --><a name="Page_076" id="Page_076"></a> Honigtranke + Meth. Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein + Körbchen mit Pflanzen, in der andern einen Strauss + trägt. Im Frühlinge trägt das Volk Honig in die + Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht: + Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! + Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, + 15. Gesang, wird erzählt, wie der ertrunkene + Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht wird. + Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum + Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein + Honigbienchen an, es möchte hinauf in den neunten Himmel + fliegen, wo Gott aus seinem Honigkeller die zu Schaden gekommenen + Kinder salbt. Das Bienchen bringt von dieser Salbe herbei, die + Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die Sprache kehrt auf + seine Zunge zurück.</p> + + <p>Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der + Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur + so weit berührt werden, als dadurch der innerliche Grund + seiner missgestalteten Meinungen an der Hand der bisher + vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung gebracht werden kann.</p> + + <p>Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen + mit dem Wasser des Lebens und heilt damit den alten kranken + König (Grimm KM. 3, S. 178), so taucht dagegen die Hexe am + Walpernabend ihren Finger in sieben Bouteillen, beschmiert sich + damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn, Nordd. Sag. S. + 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und + silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der + Waldwohnung der Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), + oder die nächtlicher Weile vom Ritterschloss Breuerberg in + der Wetterau zum zerstörten Nonnenkloster Erlesberg + hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.—Das Horn, aus + welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in + verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; + selbst das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung + geknüpft <!-- 077 --><a name="Page_077" id="Page_077"></a> + (Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein + Kuhfuss und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. + Mit Fackeln wird Saat und Gras aus dem Boden gezündet, unter + Glockenklang mit Musik und Gesang der Lenz geweckt, doch auch + dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt sich ins + Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das + Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das + Hexenbrennen, und aus dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun + endlich in Ruhe kommenden Besen und Schürgabeln in Flammen + aufgehen zu lassen, macht der Unverstand einen Luftritt der + Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst Verbrennen des + Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das + Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang + begangen wurde, wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden + trug und läutete, "<i>damit das Gras wächst</i>" + (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol. Frickthal + und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das + Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im + tiroler Innthale umgeht am Jörgentage, 24. April, die + russige Prozession die Felder. Mit Kuh- und Hausglocken, mit + Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten Sennenhemde + und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau + tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden + bei ihrer Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit + alle sittlichen Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel + kommen, tritt an die Stelle der rossetummelnden Saatenreiter die + hässliche Bocksreiterei und der teufelsverschworene + Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse die Sichel + angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs + ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. + Gymnas. Ztschr. 1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs + einen Segensspruch veröffentlicht gegen "die Pylweisse om + sent Wolbrygh-obent"; der Besegner giebt dabei dem Stallthiere + eine geweihte Kerze zu verschlucken. "Es wor am Walburgisobende + geschahn, <!-- 078 --><a name="Page_078" id="Page_078"></a> wenn + de Pülewesen osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. + Gryphius, Dornrose 51 (nach Weinholds Schles. Wörtb. 1855, + 10). Mit Heilöl salbt die Schlachtenjungfrau den + wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem Brustbein fliessenden + Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze ausfahrende + Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer + Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen + Hexenöl, und wenn sie darüber im fremden Stalle + betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür den Buckel, + dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs + Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der + Ackergott, ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie + die vollen Garben in der Tenne austreten. Hierauf aber wird die + Trud zum Alp, welcher den Schlafenden auf die Brust tritt, dass + er erstickt, oder, wenn ihr dieser mangelt, die neubelaubten + Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen an Eschen + und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des + Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus + getrieben, dass es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der + jungfräulichen Walküren glich; statt ihrer aber liess + hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in den Stall + schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens abgehetzt + und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von + unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. + Statt die Häuser mit Maien zu schmücken und den + Walbernbaum aufzupflanzen, werden so viele Ruthen auf den + Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die Kinder machen + sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die + Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die + Milchkühe ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. + Ein förmliches Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; + mit knallenden Peitschen werden sie aus der Dorfflur + hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, Hexen-Auspletschen in + der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das + Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das + Hinausblitzen in Deutschböhmen <!-- 079 --><a name= + "Page_079" id="Page_079"></a> (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit + einem tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die + Hausschwelle gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon + drinnen bleibt; dann hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. + Darstell. aus d. Gebiet des Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So + weit erstreckt sich die Umwandlung alles Natürlichen ins + Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des ursprünglich + so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige + Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. + Jahrhundert vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen + gepredigt, so heissen diese doch immer noch schöne + Jungfrauen, die mit brennenden Wachslichtern in den Ställen + die Thiere besorgen, dass des Morgens Wachstropfen in den + Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter schattigen + Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen + dem Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten + Ausdrucke jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame + Abonde, die Königin Habundia, unsre deutsche Göttin + Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es dem Hause Glück und + Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie nun + feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch + schöne Holda, dann eine triefäugige Unholdin; erst eine + thaufrische Walburgis, unter deren Schritt der Acker von Oel + trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, die im peinlichen + Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim Hexentanze in einer + eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, Ztschr. f. + Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung + ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der + Heiligen Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke + 2, 263. 1, 74. 98). Die Serben nennen den Hexenritt na Walporu. + Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 265. Noch bevor diese + Satanisierung der deutschen Götter durch die Kirche genugsam + durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit ihrer + im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In + rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes + zeigen <!-- 080 --><a name="Page_080" id="Page_080"></a> wir nun + die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und + sind damit am Schlusse.</p> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_1_Abschnitt_6" id="Teil_1_Abschnitt_6"></a> + + <h3>Sechster Abschnitt.</h3> + + <h4>Walburg, die Göttin der Zeugung und + Ernährung.</h4><br> + + <p>Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen + unabhängigen Diöcesen und Stifte gab den ersten Anlass, + die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten, + während man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen + vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die + Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten + der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der + oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. + Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender + Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen + Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder + 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig + gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei + bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe + jener westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen + Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der + Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles Mögliche + entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten + Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit + geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu + Gröningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der + <i>Göttin</i> Walburg gewesen, und dass man in der + Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die + Stelle zeigt, wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden + sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. + 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird + zugleich durch ihren Baustil unterstützt; die + <!-- 081 --><a name="Page_081" id="Page_081"></a> zu + Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern + und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum + Nachbardorfe Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in + der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer + Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und + die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun + den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so mehr tritt seine + heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem + bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen + an. Schon im Harz wird <i>Wilibald</i> ein Hüne genannt + (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als + die Heerden weidende und Strandräuber vertilgende Riesin + Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst sie + lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, + ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die + Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland + nach England hinüber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine + gleich ungestüme Heidenfrau, menschliches Mass + überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in + Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders + erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in + Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und + die Steine dazu von Dollgellen in der Schürze hergetragen. + Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte + sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen + von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick. + (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene + Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus + herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel + II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen + ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches + Götterbild. Es ist ein über dem Antwerpner Steenport in + die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das + noch in seinen ursprünglichen <!-- 082 --><a name="Page_082" + id="Page_082"></a> Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten + aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme + bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus einander + gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, + urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren + Geschichtschreiber Antwerpens überein, unter denen auch der + berühmte Bollandist Papebrochius; dafür spricht ferner + die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt auch, + dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die + Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als + Heilpulver tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu + werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; + Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, + Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten + III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher + Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr + zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne + weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den + Anständigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die + Ortslegende, deren Gramaye erwähnt, erzählt, dass der + hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische + Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an + ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt habe. + Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur + sehr zähe abgelassen, und daher rühre denn der bei den + dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren + Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei. + Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen + Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da sie + phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre + Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen + Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher + die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins + Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem + linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott, + <!-- 083 --><a name="Page_083" id="Page_083"></a> erzeugt aus + sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackergöttin Walburg musste + doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein + Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch, + gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), + welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen + Beifügung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte + über Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des + Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti + priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt + Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = + freien, woraus auch Πρίαπος, + selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen + Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun + gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe + Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter + Gebiete, als dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit + der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den Städten + Eichstädt und Weissenburg am Ausgänge des grossen + Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter + mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des + dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine + Seite die Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere + die eines Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme + einer stark gebrüsteten Frau; auf der andern ist eine nackte + Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen, + beide Hände am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den + Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im vorigen + Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses + Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, + und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier + durchreisend den Stein besah und um ihn für seine + Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter Bischof + wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als <i>Nahrung + des Wirthes</i> in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. + Eichst. 1857, S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses + Bild abwechselnd bald der <!-- 084 --><a name="Page_084" id= + "Page_084"></a> Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald + Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der + Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit + der Völker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden + Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit + ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen + Bemerkung, dass schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts + gemeinsam haben mit schlüpfrigen nationalen Sitten. In dem + Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre + Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu + glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts + anderes als eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein + es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend + einem Volke die Stifterin religiöser Ceremonien gewesen + wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass dergleichen + Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden + und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit + in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein + derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre + Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in + abgeklärten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen + lächerlich erscheinen."</p> + + <p>Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht + nur in ihrer Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch + die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise künstlich + geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten + des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl + gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX, + 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra + virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren + war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria + 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis + placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis + obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos + saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die + <!-- 085 --><a name="Page_085" id="Page_085"></a> weiblichen + Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, + bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und fügt noch + hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, + qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbräuche + umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu + öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in + bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach + Klärungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von + Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon († 1803 zu + Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren + Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv + f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird + als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das + stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in + den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung + unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau + hierüber gesungenen Schnaderhüpfeln, in denen das + stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obscöne Gebildbrod + der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten + Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, + und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten + Nonnenkräpflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der + in den Cannstatter Grabhügeln aufgefundenen + Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und + Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA. + Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, + Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in + Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche + ähnlich gestaltete Brodfigur wird gewöhnlich nur die + Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen, + Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass + sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus + einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, + altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also + die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder + <!-- 086 --><a name="Page_086" id="Page_086"></a> zu Antwerpen + und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind + symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der + Menschheit angehörende, und müssen eben darum gegen + unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des + Naturmenschen noch gänzlich schlummert.</p> + + <p>Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu + erklären und mit den Hauptzügen seines Mythus in + Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in + zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes + Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so + führt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. + Die schönere Seite mache hier den Beginn, weil sie + sprachlich die ergiebigere ist.</p> + + <p>Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine + Vermählung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so + trägt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio, + nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von + Brautjungfern, welche die schwanenweissen Wünschelfrauen, + Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, + Wunschmädchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet + Lust und Liebe, und führt uns sogleich 1) auf Walburgis + Mutter <i>Wunna</i>, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona + mater, und die niederdeutsche Legende eine <i>Frau Guta</i> + bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage + vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt + Wunsch 2) auf den Namen eines der Brüder Walburgis, + Wunnibald: der den Wonnewunsch Gewährende.</p> + + <p>Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten + Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden + Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald + und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, + auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name + knüpft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und + felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd. + Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. + <!-- 087 --><a name="Page_087" id="Page_087"></a> Wiliburc und + Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische + Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, + Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam + Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis + Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allmächtige + Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. Sämmtliche + Namen in Walburgis' Sippschaft sind also nächstverwandt mit + den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den jenes + Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar + geleitet, ist Walhall, nordisch Valhöll, und der + silbergedeckte Saal darin heisst Valaskiâlf, der Wunschhof, + also eine Wahlburg, eine Burg der Auserwählten. In gleicher + Namensbildung wie Walburg besteht der angelsächsische Name + der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.</p> + + <p>Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des + Gottes stürmische Brautwerbung im Mittwinter (den + Zwölften) voraus, wo die leidenschaftlich Wünschenden + zu Verwünschten, die Liebenden zu Wüthenden, ihre + Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden + (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die + Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin + Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der + auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres + Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal Gefallnen + auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, + sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende + Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten + durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, + ihre Brünne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer. + Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer Rosse herab und + reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber + zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen + Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, + und von ihren Zaubergesängen <!-- 088 --><a name="Page_088" + id="Page_088"></a> verwandelt sich der Nachtthau in Reif und + Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt + umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass + dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein + dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen + auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das + leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt + einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der + Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der + Königin Berta wird eine Königin Gansfuss, Reine + pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b + erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. + Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, + dass beiden die Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin + gehören nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu + Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie z.B. eine Frau + Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertrüdingen) + dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS. + l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige + Walküre und der für seinen gelähmten Fuss im Thau + Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. + 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgelähmte nach alemannischem + Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland + die Hexe daustrîker heisst, weil sie in schädigender + Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm + RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens + Walburg in das Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht + mangeln. Walahild heisst eine der Walküren; Walgund ist die + im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene Königstochter; + Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke, + kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), + welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der + Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und + liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen + Südlandes. <!-- 089 --><a name="Page_089" id="Page_089"></a> + Vala wird dorten die böse Stiefmutter genannt im + Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. 107. + 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die + sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, + schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, + Myth. 421. So viel über den Namen Walburg, insoweit er der + Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der Wünschelburg + wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin, + eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und + Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur + landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, + gleich dem übrigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit + der Viehzucht zu thun und wird darüber zur Göttin der + W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen grossen + Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der + Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde + Jägerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche, + schüttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer + Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum + Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdgöttin; + dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute + nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In + Mitteldeutschland geht sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues + und Spinnens um; in Süddeutschland erst erscheint sie als + Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterwähnten + Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die + Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die + Mägde auf den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor + ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein thüringischer Bericht, + Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon ältere Notiz + in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend + darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel + lassen, sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. + ungleichfädiges Garn. Die Thüringer geben vor, dann + ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das + Garn."—</p><!-- 090 --><a name="Page_090" id= + "Page_090"></a> + + <p>Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, + darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits + erwähnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene + Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende + Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland + dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen + Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn + (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren + Wunschkinder herauszuschöpfen.</p> + + <p>In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, + Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt + zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der + bezügliche Schimpfname ist Hullsluder. Schönwerth 3, + 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur + Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und + Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle + und Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das + besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. + Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde <i>Verhellen</i>, bei + Müllenhoff 178 <i>Ver-Wellen</i>. Der bierschenkenden Frau + Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist + schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem + Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, + älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier + abgeschlossen.</p> + + <p>Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten + Aehren oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter + zum Opfer stehen lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben + so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der + allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde + des 13. Jahrh. Wûtfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat + ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also + in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen + ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem + <!-- 091 --><a name="Page_091" id="Page_091"></a> man das + <i>Wodelbier</i> als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische + Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und + so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende + pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald + und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. + Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe + eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt + (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst + solchen Heilquellen das besondere Heilöl: es ist dies die + Nährkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich + bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne des + Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- + und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die + Walküre Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in + den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses + Trankes? Zum Meth führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach + Ostern, der altbair. Bursche sein Mädchen, es soll sich + dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb. 3, + 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem + häuslichen Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn + es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat + Hörner, sagt er von der Stärke dieses Getränkes, + ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie Getränk. + Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der + Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben + dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige + Walküre Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun, + allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden + Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den Stärketrank + kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in + der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der + Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier + längst in den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole + eingedrungen. Der Skandinavier nennt das <!-- 092 --><a name= + "Page_092" id="Page_092"></a> Bier, das er im Heidenthum den + Alfen opferte (âlfablôt), heute das Engelbier: + Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in + England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg. + 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger (Klemm, + Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst + mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er + hält dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch + für das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich für das + Fliessen des Walburgisöles gegolten haben.</p> + + <p>Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt + des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, + umschrieben:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Auf den Wald und auf die Wiese,</p> + + <p>Mit dem ersten Morgengrau,</p> + + <p>Träuft ein Quell vom Paradiese,</p> + + <p>Leiser frischer Maienthau.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wenn den Thau die Muschel trinket,</p> + + <p>Wird in ihr ein Perlenstrauss;</p> + + <p>Wenn er in den Eichstamm sinket,</p> + + <p>Werden Honigbienen draus.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Mit dem Thau der Maienglocken</p> + + <p>Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,</p> + + <p>Badet sie die goldnen Locken</p> + + <p>Und sie glänzt vor Himmelslicht.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Selbst ein Auge rothgeweinet</p> + + <p>Labt sich mit den Tropfen gern,</p> + + <p>Bis ihm freundlich nieder scheinet</p> + + <p>Thaugetränkt der Abendstern.</p> + </div> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 094 --><a name="Page_094" id="Page_094"></a> <a name= + "Teil_2" id="Teil_2"></a> + + <h2>II. Verena mit dem Kamme,</h2> + + <h3>die Kindsmutter.</h3> + <hr class="smallrule"> + <!-- 095 --><a name="Page_095" id="Page_095"></a> <a name= + "Teil_2_Abschnitt_1" id="Teil_2_Abschnitt_1"></a> + + <h3>Erster Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena, eine Gauheilige.</h4><br> + + <p>Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der + Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der + Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer + Bisthums. Verena's Weihkirchen und Altäre in der Schweiz. + Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches + Gedicht <i>von sand Verene</i>.</p> + + <p>Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung + frühzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion + einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen + hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der frühesten + schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende + von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die + Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter + ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten + gestandenen römischen Legion, welche dorten zum + Christenthume übergetreten, dann nach Italien und unter + Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu + Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd, + decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen, + gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, + unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den + Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben + die ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. + Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und + Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in + <!-- 096 --><a name="Page_096" id="Page_096"></a> Zürich + u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz äusserlich + vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer + märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.</p> + + <p>Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten + Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie + einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, + beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich + hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie + jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm, + wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die + Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem + letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die + christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom römischen + Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben, + als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgefährlicher Krankheit + erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger Menschenliebe + schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt + sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, + dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier + ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines + Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der + ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst + überlassnen Aussätzigen; ihnen überbringt sie, was + sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber + der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung + im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den + Siechen begeben will, tritt ihr argwöhnischer Herr + unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene + Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie trägt. + Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt + des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. + Für den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem + Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber + ihrer Grabstätte ward erst eine kleine Kapelle gebaut, + nachmals wurden ihre <!-- 097 --><a name="Page_097" id= + "Page_097"></a> Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche + versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des + vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu + Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit + angesetzt.</p> + + <p>Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage + über die geschichtliche Thatsache, dass und wie die + arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft + Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von + Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der dortigen + Römerchristen durch militärische + Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die + nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebräischen + und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische + Klerus und setzte der deutsche in römisch-kirchlichem + Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen + Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst + das politische und dann das kirchliche Römerthum das + herrschende gewesen war. Daher finden sich die Altäre, + Reliquien und Historien der Thebäer schon von Alters her vor + in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg, + Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche + Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 + verfasst der Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als + deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den + Thebäern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend. + Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser + Art im Mittelalter besass, darüber sind Nachweise gegeben in + den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862, + Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch + nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich + nicht zu den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit + diesen zu vereinbaren gewesen wäre, denn was hätte die + phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche nicht + mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf + alemannischem <!-- 098 --><a name="Page_098" id="Page_098"></a> + Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur + allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den + übrigen Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich + ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Thebäer wurden, volle + 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes + vorgezogen. Recht auffallende örtliche Missverhältnisse + stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten + ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis) + geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er + lässt am 1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, + Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als + Einsiedler die Rhonemoräste bewohnt und urbar gemacht hatte. + Das gleiche Missverhältniss findet auch in der Diöcese + Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind + Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen + Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber + zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen + war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar + trägt die dortige am linken Ufer der Aare liegende + Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer + gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle + versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die + Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal + dasjenige Martyrologium; welches für die Zurzacher + Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält + Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft + aus des Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium + erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. + 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas + kirchlicher Cultus überhaupt erst spät in Aufnahme + gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund, + obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der + dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich + gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine + Alemannin, gehört dem Konstanzer Sprengel an und hat erst + diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. + <!-- 099 --><a name="Page_099" id="Page_099"></a> Das Konstanzer + bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei + Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt + die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, + sondern gleich anfänglich zu den Alemannen kommen und da + heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens + dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen + doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius + entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn + Verenatag auf einen Sonntag fiele.</p> + + <p>Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus + erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels + betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher + Annahme zu Folge nach gänzlicher Zerstörung + Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr + 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen + Gebietsausdehnung über einen grossen Theil Alemanniens + begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch + heidnischen Alemannen für den Christenglauben zu gewinnen. + Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer. Vom Gotthard + reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster + Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach + Süd, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen + Strassburg. Vor der Reformation zählte es 1760 Pfarrkirchen, + 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche; nach der + Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. + Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage + belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen + sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. + gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau, + Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern, + Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und + aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den + Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher + unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, + der nördliche Theil des <!-- 100 --><a name="Page_100" id= + "Page_100"></a> Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft + Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster, + Sargans und das Rheinthal, als zu Chur gehörend. Dazu + zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen + Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden + mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, + die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, + der untere Theil des österreich. Rheinthals nebst mehreren + vorarlberg. Dekanaten und Gotteshäusern. Dasselbe + zählte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang + dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also + mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler, + Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. + Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder + Altäre besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und + Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu + Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen + (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57), + Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), + Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich + im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl. + Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und Stäfa im + Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S. + 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den + deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, + Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser + Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des + hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage + (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange + die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und + daher hätten zu ihren entfernt wohnenden Kirchgängern + selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde + gehört.</p> + + <p>Uebergehend auf die Gründung und frühesten + Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt + werden, <!-- 101 --><a name="Page_101" id="Page_101"></a> dass + die ältesten Stiftsurkunden in mehrfachen + Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren gegangen und + die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind. + Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt + (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise + frühzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der + Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in + den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in + einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten + Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in + welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses + geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist + längst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine + Echtheit untersucht werden können. Zwischen ihr und der + nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl + durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse + Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste + Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach + von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen + verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch + Krieg und Plünderung dergestalt, dass es von den + Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs + Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut + und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert + haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof + Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche + incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang, + Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in + diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift, + Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche + gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig + fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen + aus der ältesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 + zurückgeht, einige werthvolle Ergänzungen, die den + damaligen Ort, seine Lage <!-- 102 --><a name="Page_102" id= + "Page_102"></a> und Umgebung unzweifelhaft richtig + veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen führt + sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen + Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, + damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und + Schicksal unsre Untersuchung hernach überzugehen hat.</p> + + <p>An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine + altrömische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas + und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht. + Allein man liess hier aus Nachlässigkeit das Ewige Licht + ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen sogar + die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer + erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen + Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; + Engelsstimmen erfüllten die Luft mit Gesange, und wenn die + Zurzacher Wächter darüber verwundert dem Orte zueilten, + fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt + von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard + (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines + kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener + Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse + her des gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen + Schritte Lieder singend, nachrückten, die mit Kreuzen und + Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Plötzlich + erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte + über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und + verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der + (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals + eine Beschädigung gezeigt hätte. Dieses Wunder ergriff + den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die + Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und + übergab sie der Ortskirche unter dem Namen + Wîhegaȥȥa, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse + gewesen, welche einst täglich Verena gewandelt war, um den + Kranken ihren Beistand zu leisten.</p><!-- 103 --><a name= + "Page_103" id="Page_103"></a> + + <p>Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. + Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer ursprünglichen + Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die + Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche + erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit + über den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich + über die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher + Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird + unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, + das bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt + worden ist; in diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach + lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen + Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte + <i>Weihegasse</i> eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte + führt, da hinaus trägt Verena den Aussätzigen + Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst + ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine nördlich + vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, lauter + Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der + römischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses + Kastells hat Ferd. Keller in den Zürch. Antiquar. Mittheill. + 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch + fünfzehn Eichenpfähle von der römischen + Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen + Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse + Mühe, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem + Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des römischen + Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner + kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der + Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo + stabil das österliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher + zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der + religiösen Sodalitäten; derjenige Priester, der dabei + die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt zugleich + der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die + Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision + voraus erblickte, <!-- 104 --><a name="Page_104" id= + "Page_104"></a> so zieht dann die Prozession psalmensingend mit + dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zurück.</p> + + <p>Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach + kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. + 1347 und knüpfen sich hier an den Namen der Königin + Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnkönigs Andreas. + Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in + ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der + Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne + Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der + 11,000 Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und + Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie + nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein geschlagen + silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und + 133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde + es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in + Nothfällen aus der Kirche zu nehmen und in Privathäuser + zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen + Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem + abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein + Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers + Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich mitgetheilt + steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden + vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in + der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der + kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen + Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem + Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465 + verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae. + Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als + 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den + Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im + benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift + entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, + Pfarrkirche, Moritzkapelle <!-- 105 --><a name="Page_105" id= + "Page_105"></a> und Verenagruft wurden ausgeräumt, in + letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der + Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach + Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als + "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und + Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen + Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser + enthielt ein in einem hölzernen Särglein (Schrein) + eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst + Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, + zusammengebacken mit Asche und Kohle.<a name= + "FNanchor_NACHTRAG_2_23" id="FNanchor_NACHTRAG_2_23"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_2_23"><sup>[Nachtrag 2]</sup></a> + Während man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei + dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und + nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden + überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben + unversehrt ein kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und + der Röhrknochen eines Armes; diese drei Stücke wurden + nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen + Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird seitdem für + Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts + vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals + flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt + und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem + Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige + Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen + Helltum und anderes, so geflökt worden, wider gen Zurzach." + Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen + Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene + Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe + mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte + Verzeichniss der verlornen Gegenstände schliesst mit der + Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag mit keim + gut bezalt werden, <i>dess wir beroubt sin worden</i>." Huber + l.c. 93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne + Hand, ist vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild + ein beschlagen Gürteli; Silber von St. Verena + <!-- 106 --><a name="Page_106" id="Page_106"></a> köpfli + (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift + Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in + der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig + genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also + eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. + Huber 1869 eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" + nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze + Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die + gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das + Haller Pfarramt, dies könne man bei so vielerlei + Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch + Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien + ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche + übertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt. + Huber l.c. 131.</p> + + <p>Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen + die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde + 3, 279) zuerst Erwähnung thut und also sich ausdrückt: + ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus + corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene + desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh eine + Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher + Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen + Altar stiftet, erst nur eine <i>selige</i> Jungfrau heisst. + Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern + wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz + kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an + geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren + gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener + Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen + goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein + Bösewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst + das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da + überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich + der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies + gemeinsame Sage erinnert hier <!-- 107 --><a name="Page_107" id= + "Page_107"></a> jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen + vorsätzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im + Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der + samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu + erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Glück + nur um so gehäufter zum Glückskinde zurückkehren + müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. + Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und + durch die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe + beeinträchtigt; waffenlos steht das Aschenbrödel dem + sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit trifft man eben + auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine + Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch + schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt + zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende + stärker als die arglistigste Bosheit.</p> + + <p>Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss + gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische + Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdländischen + Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute + man dem hl. Moritz und seinen Legionären die Kapelle zur + Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria + geweihte Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre + Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen + verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und + aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die + Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich + gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem + männlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666 + Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula + verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser + legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift + Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie + umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es + ursprünglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen + und Gebirgsströme einsam fortwaltende <!-- 108 --><a name= + "Page_108" id="Page_108"></a> Naturgöttin. Als solche macht + sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.</p> + + <p>Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene + ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte + Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen + citirt in seinem Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. + Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt + gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien + († 29. Mai 1868) für vorliegende Arbeit diplomatisch + getreu copieren.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="linenum">[106b]</p> + + <p>Von sand verene (roth)</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Verena diu edel meit,</p> + + <p>als, uns daȥ puch von ir ſeit.</p> + + <p>Die was —— ——</p> + + <p>und eȥ quam alſo,</p> + + <p class="linenum">[106c]</p> + + <p>Do der cheiser maximian</p> + + <p>furt mauricium mit im dan</p> + + <p>Her gen deutschen landen,</p> + + <p>ſi begunde nach im belangen</p> + + <p>So ſer, daȥ ſi im fůr nach,</p> + + <p>wanne vil gerne ſi in ſach.</p> + + <p>Verena was ein christenin,</p> + + <p>und do ſi quam ze meilan in,</p> + + <p>Die geuangen christen</p> + + <p>die heimpt ſi an den vristen</p> + + <p>Vnd bechlagt mit in ir not,</p> + + <p>dar zue ſi in helfe pot</p> + + <p>Mit trinchen und mit eȥȥen.</p> + + <p>uerena, die vermeȥȥen,</p> + + <p>Si lie durch nieman daȥ</p> + + <p>durch vorhte noch durch haȥ,</p> + + <p>Swa die christen warn erſlagen</p> + + <p>und auch da ſi warn begraben,</p> + + <p>Die ſtaete sůcht ſi alle tage</p> + + <p>mit weinen vnd mit chlage.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Mit reinem leben was ſi ſus</p> + + <p>pei einem, der hieȥ, maximus.</p> + + <p>Nu wart ir ſchir alda geseit,</p> + + <p>daȥ mauricij ſchar preit</p><!-- 109 --><a name= + "Page_109" id="Page_109"></a> + + <p>Durch got wer erſlagen,</p> + + <p>daȥ begunde die vrowe chlagen</p> + + <p>Vnd wolde nicht leng<sup>r</sup> da bestan,</p> + + <p>ſi fůr ub<sup>r</sup> die alben dan</p> + + <p>Vnd ze einem waȥȥer ſi quam,</p> + + <p>daȥ ist genant aram.</p> + + <p>Alda vant ſi einen man,</p> + + <p>der gevlohen was chomen dan</p> + + <p>Der ſagt ir die rechten maere,</p> + + <p>wie eȥ mauricio ergangen waer.</p> + + <p>Davon wolt ſi nicht furbaȥ,</p> + + <p>in einer chlauſe ſi da ſaȥ</p> + + <p>Mit chlage und mit leide.</p> + + <p>da warn inne reine meide,</p> + + <p>Der leben was alſo gestalt,</p> + + <p>ſi waer iunc oder alt,</p> + + <p>Daȥ ſi anders lebte nicht</p> + + <p>wan chraut, arbaiȥ und anders nicht,</p> + + <p class="linenum">[106d]</p> + + <p>Des lebte ſi daȥ gantz iar;</p> + + <p>daȥ quam auch von ier werch dar</p> + + <p>Vnd des tages ein lutzel brot,</p> + + <p>daȥ man igleicher pot.</p> + + <p>Nu was dapei ein getwerch,</p> + + <p>daȥ verchauft den meiden ir werch</p> + + <p>Vnd chauft in da mit ettewaȥ,</p> + + <p>daȥ die ſamenunge gaȥ</p> + + <p>Anders lebten die vrowen nicht,</p> + + <p>gab man in aber immer icht,</p> + + <p>Des enpiȥȥen ſi nimmer</p> + + <p>und gabens durch got immer.</p> + + <p>Sus was geſtalt ir reines leben.</p> + + <p>got hat verene den geist gegeben,</p> + + <p>Daȥ man vber al daȥ lant</p> + + <p>ir leben vil rein erchant,</p> + + <p>Daȥ man ſei het fur heilic gar,</p> + + <p>daȥ auch ſi was furwar.</p> + + <p>Wan got durch ſei tet wunder</p> + + <p>mit zeihen besunder.</p> + + <p>Auȥſetzig behaft macht ſi slecht,</p> + + <p>plint, chrump macht ſi gerecht.</p> + + <p>Solcher dinge tet ſi vil</p> + + <p>mit got auff daȥ zil,</p> + + <p>Daȥ man sei d<sup>r</sup> meide muet<sup>r</sup> + nant</p> + + <p>weiten uber al daȥ lant.</p><!-- 110 --><a name= + "Page_110" id="Page_110"></a> + + <p>Nu was in der gegent da</p> + + <p>ein richter ſam anderswa,</p> + + <p>Der het got gar verchorn.</p> + + <p>dem was der meide leben zorn,</p> + + <p>Vnd daȥ man ier ſo wol ſprach;</p> + + <p>mit zorn er daȥ an ier rach,</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wan er die vrowen vie,</p> + + <p>dehein gut er ier nie geschehen lie.</p> + + <p>Doch quam zaller zeit zu ir</p> + + <p>ein liechter iungelinch fir<a name="FNanchor_3_3" id= + "FNanchor_3_3"></a><a href= + "#Footnote_3_3"><sup>[3]</sup></a>,</p> + + <p>Der pot ier guten trost,</p> + + <p>ſi wurde ſchir da von erlost.</p> + + <p>Doch vragt ſi in, wer er wer?</p> + + <p>do ſprach er offenwaer,</p> + + <p>Er waer ir mag mauricius,</p> + + <p>und mit der rede alſus</p> + + <p class="linenum">[107a]</p> + + <p>Quamen zu mauricio hin in</p> + + <p>alle die gesellen ſin</p> + + <p>Und grueȥten die vrowen ſchone,</p> + + <p>damit ſchieden ſi davon.</p> + + <p>Nu wart derſelbe richter</p> + + <p>vberladen mit ſichtum ſwer,</p> + + <p>Der gedacht rechte wider,</p> + + <p>er lief hin und viel nider</p> + + <p>Chlagunde für die reinen meit</p> + + <p>und ſeinen ſichtvm er ir chleit.</p> + + <p>Doch pat ſi got umb in,</p> + + <p>der richter gie geſunt hin</p> + + <p>Vnd mit groȥȥer gedult</p> + + <p>bat im vergeben ſein ſchulde.</p> + + <p>Daȥ was yſa getan,</p> + + <p>die magt wart do leidich lan</p> + + <p>Vnd gie zu iern ſwestern wider,</p> + + <p>da ſi got diente ſider.</p> + + <p>Nu quamen die swest<sup>r</sup> auch in not,</p> + + <p>daȥ ſi ninder heten prot</p> + + <p>Vnd groȥȥen hunger liten</p> + + <p>doch mit dultichleichen ſiten.</p> + + <p>Ier werches acht man nicht ein har,</p> + + <p>wan eȥ was ein hunger iar.</p> + + <p>Do verena die not erſach,</p> + + <p>zu got von himel ſi do ſprach:</p> + <!-- 111 --><a name="Page_111" id="Page_111"></a> + + <p>Wan du deiner geſchefte gist</p> + + <p>ier leibnar zu rechter frist,</p> + + <p>Jesu christ, du waiſt wol,</p> + + <p>weȥ dein gesinde leben ſchol.</p> + + <p>Do ſi daȥ vollen geſprach,</p> + + <p>vor der chlause man ligen ſach</p> + + <p>Viertzig ſekche mit mele vol.</p> + + <p>er gedacht ir not da wol,</p> + + <p>Wan daȥ prot wuchs in ier munde,</p> + + <p>daȥ ſi lange vñ manic ſtunde</p> + + <p>Heten da von ier leipnar,</p> + + <p>des lobt got die rein ſchar.</p> + + <p>Nu was verena, die genende,</p> + + <p>chumen an ier lebens ende,</p> + + <p>Vnd do ſi nu ſiech wart,</p> + + <p>ier andacht ſich nie verchart.</p> + + <p class="linenum">[107b]</p> + + <p>Da ſi vercheren ſcholt daȥ leben</p> + + <p>und den geist widergeben,</p> + + <p>Do quam unser vrowe dar</p> + + <p>mit der hymelischen ſchar;</p> + + <p>Vnd do verena ſei erſach,</p> + + <p>zu gotes mueter ſi do ſprach:</p> + + <p>Waȥ gernde han ich,</p> + + <p>daȥ gotes mueter siechet mich?</p> + + <p>Do sprach unser vrowe zu ier:</p> + + <p>verena, volge mir,</p> + + <p>Da hin, da du immer mer</p> + + <p>vreude hast ane ſer.</p> + + <p>Mit der rede ſi verſchied,</p> + + <p>got ir ſele da beriet</p> + + <p>Der ewigen gnaden.</p> + + <p>die vrowe wart begraben</p> + + <p>In der chlause alda,</p> + + <p>die noch haiȥȥet z<sup>r</sup>zyaca,<a name= + "FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href= + "#Footnote_4_4"><sup>[4]</sup></a><a name= + "FNanchor_NACHTRAG_3_24" id= + "FNanchor_NACHTRAG_3_24"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_3_24"><sup>[Nachtrag 3]</sup></a></p> + + <p>Da got wol ſcheinen lie,</p> + + <p>daȥ er ſei minte hie.</p> + + <p>Wand nieman wirt entwert,</p> + + <p>der rechter dinge an ſei gert.</p> + + <p>Nu derhoret got dehein pet ſo gern,</p> + + <p>ſo daȥ wir ſeiner hulden gern,</p> + + <p>Dem gibt er, der die ſůhet,</p> + + <p>vil gern, ſwer ir geruhet</p><!-- 112 --><a name= + "Page_112" id="Page_112"></a> + + <p>Mit hertzen und mit andacht.</p> + + <p>daȥ wir ze hulden in werden pracht,</p> + + <p>Des helf uns maria</p> + + <p>und ir dirne uerena. amen.</p> + </div> + </div> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_3_3" id= + "Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3">[3]</a> + + <div class="note"> + <p>fiér, stark und stolz.</p> + </div><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href= + "#FNanchor_4_4">[4]</a> + + <div class="note"> + <p>zerzyaca: Zurzach.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_2_Abschnitt_2" id="Teil_2_Abschnitt_2"></a> + + <h3>Zweiter Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena, die Müllerpatronin.</h4><br> + + <p>Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre + örtlichen Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als + Ehegöttin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die + unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am + Verenentage.</p><br> + + <p>Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im + aargauer Surbthale die Mühlsteine schärfen und die + Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm + und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des + Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige + Wohnstätte an den Strömen zu Koblenz und Zurzach + aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller + Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller, Schiffer + und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der + ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz + Mon. 6, 457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem + Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand + sich eine besonders werthvolle Mühle. Als nun den Mann + hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er + wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte + den Lauf des Mühlebaches, indem er ihn auf seine + Landstücke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es + vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach + plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und + trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. + Nun kam <!-- 113 --><a name="Page_113" id="Page_113"></a> Jener + eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, + was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.—Ebenso + bändigt sie den Gläubigen zu lieb die verheerenden + Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur + Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe, dass er + alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch + Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit + Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die über die ganze + Feldbreite hinstürzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur + Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette + zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren + wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen + bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom + Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt + mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr + den Mund zu und führte sie mit der andern wie durch ein + Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. + Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale + wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei + umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der + Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Präfekten + Hirtacus<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href= + "#Footnote_6_6"><sup>[6]</sup></a> und in ihrer Klause durch den + Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen + ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der + Zelle zu sehen ist und die Krallen des Bösen + eingedrückt trägt. Eine friedlichere Wohnstatt + aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner + Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs + Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in + dessen Nähe die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend + wütheten eben Seuchen, von den Ausdünstungen eines + Leichenackers <!-- 114 --><a name="Page_114" id="Page_114"></a> + herrührend, den der Strom unterwühlt hatte; aber die + Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden + bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und + beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu + führen.<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href= + "#Footnote_5_5"><sup>[5]</sup></a> Auch ihren Mühlstein + wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf einen Wagen + und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber + blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen + oder Stein weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz + zogen ihn die Rosse mühelos, wo er nun neben der Thüre + der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung + aufgestellt ist, geschmückt mit dem Schnitzbilde der + Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch + ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt + geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle + einäscherte; es hängt voll wächserner Füsse + und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder + ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und + erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst + über dem Steine zu lesen stand:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Auf diesem Stein hier aus der Aaren</p> + + <p>Die heilig Verena ist gefahren</p> + + <p>Ohne Ruder, Schiff und Schalten,</p> + + <p>Wie solches geglaubt die frommen Alten.</p> + </div> + </div> + + <p>Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, + die auf den Rath der Heiligen die Stüdlerzunft + gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung + sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser + Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen + Landvögten verbrieftes Fährrecht mit der Obliegenheit + zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel + befahrende Schiffe und Güter durch <!-- 115 --><a name= + "Page_115" id="Page_115"></a> die dortigen Strudel (genannt + Laufen) zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher + Stiftskirche hängt daher ein kunstreich geschmiedetes + Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437 + angeführte ahd. Glosse lautet: <i>verenna</i> cymba; was + sonst ahd. verſcif heisst, nhd. Fähre. Graff, + Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: <i>mit ferennu + quamun</i>, navigio venerunt.</p> + + <p>Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch + das Geschäft der Liebesgöttin; somit ist vorerst das + Einheitliche im Wesen dieses Doppelgeschäftes hier + nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen + Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die + Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen + Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die + Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst + griechisch ackern, besäen, besamen; das weibliche Saatfeld + heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der + Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So hat auch + Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei + Theokrit (4, 58) ist + μυλλος cunus; Festkuchen + dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den + grossen Thesmophorien den Göttinnen zu Ehren in Syrakus + umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des griech. + μυλλω (coire) und des Wortspiels + bei Petronius: molere mulierem, drückt unsre eigne Sprache + in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert + die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Ich steh fürwahr nicht aufe,</p> + + <p>Ich lass dich nicht herein;</p> + + <p>Ich hab die Nacht gemalen</p> + + <p>Mit sechs jungen Knaben.</p> + + <p>Davon bin ich so müd.</p> + </div> + </div> + + <p>Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den + Mahlstein drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in + unsern ältesten Sagen der Ort der Liebesabenteuer. Der + Landpfleger Pilatus ist nach dem gleichnamigen ahd. Gedichte + <!-- 116 --><a name="Page_116" id="Page_116"></a> vom rheinischen + König ausserehelich mit der Pyla erzeugt, des Müllers + Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der Grosse erzeugt und + geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin, + Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König + Heinrich III. erbaute Kloster Hirschau in der Nähe jener + Mühle, darin er war geboren worden; sie steht noch und gilt + für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl. + Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, + Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso steht heute noch im + würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der die + eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, + erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins + Chronik berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger + Mark dem Kaiser verkauft und die Kaufsumme daheim mit der + hübschen Müllerin auf der Gretelmühle lustig + verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen Frau + Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes + "Der Müllerin Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu + Augsburg der Name Hahnreimühle für eine der + städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener + grosse Stein, hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, + Ztschr. f. Myth. 3, 31. Als alles Riesengeschlecht im Blute des + erschlagnen Ymir ertrinken musste, rettete sich der einzige + Bergelmir sammt seiner Frau in einem Mühlkasten. Myth. 426. + Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem fortschreitenden + Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. Darum + führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo + und Zeus den Beinamen + μυλευς, bei den + eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue beschworen, der + Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische + Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat + die wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren + Freundinnen zur Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer + Sagenb. 1, 183. In diesem Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, + S. 76) von der Mühle zu verstehen, welche reines Gold und + treue Liebe mahlt:</p><!-- 117 --><a name="Page_117" id= + "Page_117"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Dort niden in jenem Holze</p> + + <p>Leit sich ein Mülen stolz,</p> + + <p>Sie malet uns alle Morgen</p> + + <p>Das Silber, das rothe Gold.</p> + + <p>Dort hoch auf jenem Berge</p> + + <p>Da geht ein Mülenrad,</p> + + <p>Das malet nichts denn Liebe</p> + + <p>Die Nacht bis an den Tag.</p> + </div> + </div> + + <p>Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der + Legende auf, dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem + Mühlsteine machen, wie Verena auf der Aare und der + Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch die Stadtpatronin + Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der + Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt + gemacht haben, denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei + Herrliberg, da wo es urkundlich <i>Im steinin Rad</i> heisst. + Reithard, Sag. a.d. Schweiz.—St. Jakob von Compostella + macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge und landet damit + zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, wird mit + einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und + schwimmt damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria + Sancta 1, 23. Die hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins + Meer versenkt, gieng auf dem Wasser einher, als wäre es + festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt. in der + Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. + Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. + Brigida ist neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der + innern Klosterpforte aufgestellt und wird bei + Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein + berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die + Flüsse und Seen sind die Adern, durch welche die + älteste Kultur in die Länder floss, und die Mühle + mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter + denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem + Schnee sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der + Franke: Müller und Becken schlagen sich mit Säcken; der + Aargauer: sie putzed (die Himmlischen fegen <!-- 118 --><a name= + "Page_118" id="Page_118"></a> das Korn), sie ritered (sieben es), + der Staub flügt (wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie + schüttid: schütten die Frucht auf, die in dichtem + Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner + Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott + Getreide in den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, + 30. Im Liede von der Himmelsmühle (Uhland, no. 344) + knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas + lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch + zusammen, dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte + gilt und ein in diesem befriedeten Ort begangner Frevel mit dem + Tode bestraft wird. Der Schwabenspiegel bestimmt: diu müle + hat ouch beȥȥer reht danne ander hiuser. swer in der + müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem sol man + hût unde har abslahen. ist eȥ vier schillinge wert, + man sol in henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein + eine besondere Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 + verwiesen hat. Es findet sich nemlich in einem alten Liede + folgende Prüfung erwähnt über Beschaffenheit und + Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere steht am + Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er + rechts, so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; + geht er aber zu Grund, so ists ein Metzenkind.—Der + jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein + <i>schwimmender</i>; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich + erworbene Frucht: die auf dem Felde, in der Mühle und im + Mutterschosse. Bereits sind in der histor. Zeitschrift Argovia 3, + 15 die mehrfachen örtlichen Felsen und erratischen + Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen + Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich + tragen. Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in + Betracht. Jener vorhin erwähnte Felsblock in der Solothurner + Verena-Einsiedelei trägt ein über Faustgrösse + ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der + Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die + Stadt heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt + gleichfalls in dem eben genannten Dorfe Koblenz + <!-- 119 --><a name="Page_119" id="Page_119"></a> vom Kalchofen, + einem ofenförmig gewölbten, isolirten Kalkfelsen am + dortigen linken Rheinufer. Derselbe Glaube herscht im + Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus kirchlich gereicht + hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der + würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine + Sage über zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne + Knaben. Antiquarius des Neckarstroms 1740, 46.</p> + + <p>Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin + hindeutender Zug ist enthalten in dem Schicksale des + Schwesternhauses, das die Heilige zu Solothurn gegründet + hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern konnten ihre + Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern Mangel. Da + geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von + unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus + diesem Mehl gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. + Im alten Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, + heisst es darüber:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Dum panis victus solitus</p> + + <p>exhaustus fuit plenius,</p> + + <p>farris pastus positus</p> + + <p>est ad fores celitus.</p> + </div> + </div> + + <p>Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt + wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an + quadraginta sacci, und Christoph Greuter zu Augsburg hat sie + sogar in Kupfer gestochen; ein Nachstich steht in Richters + Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. Augsb. 1736, 42. Der + Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht (107a) + nacherzählt zu sein:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>vor der clause man ligen sach</p> + + <p>viertzig ſekche mit mele vol.</p> + + <p>er gedacht ir not da wol,</p> + + <p>wan daȥ prot wuchs in ier munde.</p> + </div> + </div> + + <p>Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena + wird durch Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von + Halberstadt gemeldet. Wenn da der Bauer zwischen Weihnachten und + Dreikönig, zur Zeit der Zwölften, <!-- 120 --><a name= + "Page_120" id="Page_120"></a> sein Mehl von der Boitzenburger + Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû Freen und + verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden + ausschütte. Thut er dies folgsam, so findet er die + Säcke wohlgefüllt des andern Tages an derselben + Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name zusammengefallen in den + der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus Wodans + Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die + Spitze der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick + (ein Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden + das Land durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn + l.c. S. 414 und 415 ausdrücklich als um Halberstadt + bestehend bestätigt, und der vierte Abschnitt unsres + vorliegenden Berichtes wird diese auffallende + Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der + aargauischen Gauheiligen erläutern.</p> + + <p>Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche + abgebildet werden, Brod und Wein überbringend. Bereits hat + der spottlustige Nachbarscherz sich dieses Zuges der + Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken bedient. Er + erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der + Aare von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass + auch sämmtliche Kirchenglocken mitverbrannten und man sich + mit einer irdenen behelfen musste, deren Schall denn nicht weit + reichte. Mit dieser musste man läuten, als die hl. Verena + auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom herab gefahren kam. + Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke empor, in + der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr + Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das + tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem + gilt der Spottreim:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wenig Brod und sûre Wî:</p> + + <p>ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî!</p> + </div> + </div> + + <p>Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd + eines Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche + Nahrung abgebrochen, um die benachbart wohnenden Siechen damit zu + speisen. Darüber der Entwendung verdächtigt, + <!-- 121 --><a name="Page_121" id="Page_121"></a> tritt ihr der + argwöhnische Priester plötzlich in den Weg und + untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in + Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, + beides als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher + kommt es, dass die Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und + Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf in der Hand haben. Das + Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste Aufzeichnung + berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form + einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht + nothwendig die des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das + Trockengemässe vor Alters steinern war. Das Zürcher + Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm. 1282 auf einen + in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der + Klostergründer König Ludwig das Mass eines + <i>Kornviertels</i> hatte aushauen lassen. Geschichtsfreund 8, + 19.</p> + + <p>Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der + gleichfalls unbeachteten Gestalt einer andern deutschen + Gauheiligen aufzuzeigen. Es ist dies die Kraichgauer und Tiroler + Heilige Notburga, von deren Cultus Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, + und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 berichten. Auch sie + zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau, pflegte + und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre + mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. + Verena, mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen + Gedächtnisse fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler + Schlosse Rothenburg im untern Innthal und hatte die Schweine zu + füttern. Für jeden Armen sparte sie sich eine + Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein + geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich + die Gabe in Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem + Bauernhofe Eben im Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte + Segen in den gesunknen Hausstand zurück; wollte man sie + jedoch über die Feierabendzeit im Felde fortarbeiten lassen, + so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die Sichel in die + Höhe, <!-- 122 --><a name="Page_122" id="Page_122"></a> + liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen. Sie ist + die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in + ihrem Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren + Leichenwagen spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, + wohin sie wollten. Als sie an den brückenlosen Inn kamen, + wich der Fluss zurück und liess Wagen und Leichengefolge + trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf dem + Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und + errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur + Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige + Magdkammer im Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut + worden. Panzer, BS. 2, no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, + überschwamm sie auf einem schneeweissen Hirschen den Neckar + und verbarg sich in einer Höhle, die beim würtemberger + Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg her + überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih + gespiesst, und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr + Grab. Jetzt noch zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den + Weg, welchen das treue Thier einschlug. Ueber die hl. Rategundis + von bair. Wolfratshausen berichtet Jac. Schmid, Leben hl. Hirten + und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als Dienstmagd auf dem Schlosse + Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und Butter von ihrer + täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des + nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische + Schlossherr sie auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, + verwandelte sich Butter und Milch in ihrer Schürze in einen + Strehl und in warme Lauge.</p> + + <p>Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und + landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den + Verenatag knüpften.</p> + + <p>Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner + Zins-, Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, + S. 76) verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein + Murmotten (Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit + diesem Tage geht <!-- 123 --><a name="Page_123" id= + "Page_123"></a> noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder + auf. In den V Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, + Kulm, Lenzburg und Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit + ihr also auch derselbe Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine + dieser fünf "geschlossnen Zeiten" dauerte acht Tage vor dem + ersten Sonntag vor Verenentag bis acht Tage nach dem auf Verena + nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit hat im J. 1595 + in Folge der Kirchenreformation vier jährliche + Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag + angesetzt. Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.—Das + "Verzeichnuss der Statt Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 + (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 die obrigkeitlichen + Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena und + Martini an.</p> + + <p>Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September + sind unter unserer Landbevölkerung folgende üblich.</p> + + <p>Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, + draejet, löset, umg'heiet, brünnelet—und z'Abig + s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn solch ein + richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der + Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena + schön Wetter war, so erzählen die Bauern im Frickthaler + Dorfe Gansingen, so sassen unsre Leute am Tische und assen ruhig + ihr Vesperbrod; wenn es aber regnete, so hiengen sie den Kornsack + an und standen zum Säen hinaus. Wenns a d'Verena regnet, + muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn aber nit, so chan + er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner Bauer + muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und + sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der + Abendimbiss ist, mit ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am + Kummetkopf. Illustrirte Schweiz 1862, 259.—</p> + + <p>Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem + Tage, heisst es, ist alles Obst reif und der Fruchtstiel + abgetrocknet; ist es aber ein strenger Regentag, so fault das + Obst hernach auf den Hurden.</p><!-- 124 --><a name="Page_124" + id="Page_124"></a> + + <p>A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf + berathet sich, ob er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt + er nicht zu, so ist er daheim geblieben und nicht mit in Rath + gegangen. Vrein am Rain trägt s' Abendbrod heim: das + Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs Feld gebracht, + s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die + Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte + begannen mit 1. Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. + März, giengen sie wieder zu Ende. Heute aber beginnen die + Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und schliessen mit + dem Josephstag, 19. März.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_5_5" id= + "Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5">[5]</a> + + <div class="note"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>A Solodoro igitur</p> + + <p>discedens proficiscitur,</p> + + <p>ubi Rhenus labitur,</p> + + <p>Zurziacham graditur.</p> + </div> + </div> + + <p>Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei + Eberhardus Ratdolt.</p> + </div><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href= + "#FNanchor_6_6">[6]</a> + + <div class="note"> + <p>Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis + inflammavit, sagt die Originallegende; erst später wird + der Name Hirtacus dazu gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt + ihn einfach Richter.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_2_Abschnitt_3" id="Teil_2_Abschnitt_3"></a> + + <h3>Dritter Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena, die Geburtshelferin.</h4><br> + + <p>Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und + Wasserkirchen; die ihr geopferten Mädchen- und + Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und Waschkrug; + ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. + Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von + der Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnisch + u.s.w.</p> + + <p>Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige + verleiht, und stellen hiefür diejenigen Erzählungen + voran, welche der ältesten zwischen die Jahre 1005 bis 1032 + fallenden Aufzeichnung der Verenalegende (bei Pertz 6, 457) + angehören. Diese von G. Waitz nachgewiesene Zeitbestimmung + gilt namentlich auch für diejenigen Thatsachen, über + welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als + Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen + jener Periode anknüpft.</p> + + <p>Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe + <!-- 125 --><a name="Page_125" id="Page_125"></a> Machthilde + lange kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach + ins Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches + Almosen, und in der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die + Herzogin einen Thronfolger.</p> + + <p>Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte + Gerbirga geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs + Konrad Tochter, und obwohl schon mehrere Töchter, doch noch + keinen Sohn bekommen. Sobald aber die Eltern zum Grabe Verenas + wallten, wurden sie auch mit einem solchen beglückt. Dieser + war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol. Grundriss der + christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht zu + seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.</p> + + <p>Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in + zweiter Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der + Regierung nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, + machten die beiden Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und + übernachteten daselbst im Stifte. Hier träumte + Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich wünschte, + und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser + Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.</p> + + <p>Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in + kinderloser Ehe gelebt, hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und + dann drei Töchter bekommen. Durch die hl. Verena hingegen + erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn diese Heilige + besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben + begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den + Zurzacher Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu + ihnen begeben, die Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so + geringen Theil seines Reichthums opfern, dafür werde er + seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt sehen. Jedoch er + spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns diese + Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die + Unvermögenden und an Mannesart <!-- 126 --><a name= + "Page_126" id="Page_126"></a> die Allerletzten? Darauf wurde sein + Weib vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.</p> + + <p>Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches + Weib geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach + zufiel, entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, + sondern sie liessen sich auch in allerlei Schmähungen + über derlei Pflichtigkeiten aus und machten sich sammt ihren + Kindern zuletzt ganz aus der Gegend fort. Dafür starben er + und sein Weib eines jähen Todes, und seine Nachkommenschaft, + die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an + Gliederlähmung.</p> + + <p>So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der + Legende über den durch Verena gespendeten Ehesegen; nicht + besonders mit erwähnt aber ist, dass derselbe herstammt aus + der in dortiger Stiftskirche fliessenden Heilquelle. Man steigt + zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen hinab und + schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es + wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- + und Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders + dienlich sein; auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld + gesprengt und vertilgt das Ungeziefer. Von diesem Umstande + scheint nachfolgende Ortssage zu handeln, die man der Mittheilung + des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, † zu Heidelberg, + verdankt.</p> + + <p>Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann + bei Nacht in das Städtchen Klingnau hinüber, um eine + Ammenfrau herbeizuholen, deren es im damaligen Dorfe Zurzach noch + keine gab. Der Weg dahin geht stundenweit über den sehr + wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen Felsentreppen ersteigt + man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer einzelnen + Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter + Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. + Wer seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, + muss nach dem Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen + Männer her, die man ein knarrendes Wägelchen über + die Waldwipfel <!-- 127 --><a name="Page_127" id="Page_127"></a> + hinfahren sieht, oder die ledig laufenden Rosse, die sich vom + Begegnenden an das Halstuch binden lassen, dann aber zu einer + Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand mehr zu ihnen + emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst + wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, + dichtes Gebüsch ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er + verirrte und statt nach Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu + deren Mündung in den Rhein gerieth. Denn am andern Morgen + fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz oberhalb des dortigen + Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese Erzählung + scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe + zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in + dem fremden Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn + dafür eben fliesst in der Zurzacher Stiftskirche jener + heilkräftige Brunnen. Die hier hinabsteigenden Wallfahrer + dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich schöpfen, + dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden + Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; + letzteres ein Brauch aus der frühesten Zeit des + Christenthums, dem schon Gregorius von Nazianz das Wort redet. So + heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. Gallen geholt, + gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. Grundriss + (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der + Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein + blindes Eheweib wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der + Nivellerkirche geführt und kommt hier zufällig unter + eine der Kirchenlampen zu stehen, welche trieft und des Weibes + Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus Anlass, der + Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch auf + der Stelle sehend.</p> + + <p>Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender + Wirkung besitzt die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. + Dies ist das Verenabad, das von je her ein Freibad gewesen war, + dessen sich Arme und Presthafte unentgeltlich bedienen konnten. + Vormals lag es unter offnem Himmel; <!-- 128 --><a name= + "Page_128" id="Page_128"></a> nunmehr hat es Einwandung und + Bedachung; in seinem unmittelbar über der Quelle gebauten + Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen Platz, + die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt + werden.</p> + + <p>Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin + durch eine Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht + eine Steinsäule errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten + Figur der Heiligen. Junge Ehefrauen, die sich nach einem Erben + sehnen, verschaffen sich hier des Nachts, wenn das verbrauchte + Wasser abgeflossen ist, durch den Bademeister heimlich Zutritt; + sie senken ein Bein in die Röhre hinab, durch die der + Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind der + sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen + Erfüllung ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter + dieses Frauenbrauches erhellt aus der 1578 zu Basel erschienenen, + von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten "Wahrhaftigen und + fleissigen Beschreibung der uralten Statt und Graveschafft Baden, + sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem Ergöw + gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein + abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, + wann ein unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fůss + in dz loch stosse, da dz wasser herfür quillet, es werde St. + Verena bey Gott erwerben, dz sie fruchtbar werde."—Dass + dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter gewesen, lernt man aus + Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom Teich der Frau + Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie + gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die + neugebornen Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda + gleicht also vollkommen der von den Albanesen verehrten + Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge + deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in + der es gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. + Märch. 1, S. 37. Holda hütet die Seelen der Ungebornen + unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt sie als + Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch + <!-- 129 --><a name="Page_129" id="Page_129"></a> für die + gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein + eingehen können, und nimmt die unmündig wieder + Hinsterbenden abermals zu sich in die kristallne Tiefe. Daher + stammt die allverbreitete, überall lokalisirte Sage von den + Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend + herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. + Schon altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum + Preise der geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; + so um 1260 der Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von + der Mutter Gottes sagt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>du bist der gezeichent brunne,</p> + + <p>darin schein diu lebendiu sunne.</p> + </div> + </div> + + <p>Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim + vom Storch fort:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Storch—Storch—Steine,</p> + + <p>Mit dem langen Beine,</p> + + <p>Mit dem kurzen Knie:</p> + + <p>Jungfrau Marie</p> + + <p>Hat ein Kind gefunden</p> + + <p>In dem goldnen Brunnen.</p> + + <p>Wer solls (aus der Taufe) heben?</p> + + <p>Der Gothe und die Göthen.</p> + </div> + </div> + + <p>Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; + jetzt ziert ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, + als auch in den Fängen und zudem auf jedem Flügel je + ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser macht unfruchtbare + Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer, + Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. + 17 bereits verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich + nachträglich noch folgende aargauische anführen. In der + Stadt Aarau war es bis zum Jahre 1812 obrigkeitlich festgesetzt + gewesen, den Stadtbach alljährlich am Verenatag abschlagen + zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen Brunnenstuben + den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser Kleinkinderbach + noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den abgestellten + Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die + gesammte Stadtjugend unter <!-- 130 --><a name="Page_130" id= + "Page_130"></a> Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben + entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Der Bach chunnt, der Bach chunnt:</p> + + <p>Sind mini Buebe-n-alli gsund?</p> + + <p>Jo jo jo!</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Der Bach ist cho, der Bach ist cho:</p> + + <p>Sind mini Buebe-n-alli do?</p> + + <p>Jo jo jo!</p> + </div> + </div> + + <p>In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus + der dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem + Stinkenden Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse + des Ebenberges; in Oberfrick aus dem altverschütteten + Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus dem Stampfelgraben des + dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die + Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der + übrigen Schweiz gehören folgende: der Waldweiher + Dreibrunnen in der toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik + von Wyl 1, 123); der Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri + im Kt. Zug; der Stempbach in Stans, und der Seltenbach in + luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch bemerkenswerth ist, dass + er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau Saelde + trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550.</p> + + <p>Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den + Bekehrern entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände + erlaubten, in Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der + hl. Remaclus vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er + sich hatte huldigen lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und + macht nun auch jene Weiber fruchtbar, die sich in die Fusstapfe + hinein stellen, welche bei der Quelle Groossbek zu Spaa seinen + Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. Dass dieser vertriebne + Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen sein musste, + erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim + beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen + über die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, + <!-- 131 --><a name="Page_131" id="Page_131"></a> Joh. Hasselberg + 1515, 20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen + folgende Theorie. "Die in Seen und Flüssen hausenden Geister + sind wie des Wassers Ungestüm trügerisch, reizbar und + grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so erscheinen sie, wie + es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt gegebnen feuchten + Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon das + Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends + weibliches Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund + <i>Wasserfrawen</i>. Diese lassen sich an Flüssen und + Quellen blicken, kämmen ihr langes Frauenhaar, reden die + Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die Heiligen und die + Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist, nehmen + insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die + männliche, und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner + Geist sich in Weibesgestalt gezeigt habe."—Die + gegentheilige Anschauung greift aber Platz, wenn die Kirche + Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle tolerant zu + sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit dem + lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren + an Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen + Landschaften die geschichtlich ältesten Christentempel + Wasserkirchen heissen und sind. Die zürcherische dieses + Namens ist rings von den Seewellen umspült und in ihrer + Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind + ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und + Rheinau. Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der + hl. Fridolin an, auf derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar + begraben. Alle diese Orte sind altchristliche Niederlassungen, + theils schon aus der römischen, theils aus der + merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste + Insel, deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war + für einen grossen Theil der Weiler und Höfe am untern + See, war schon zur Zeit der irischen Apostel ein Sitz des + Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am + gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena + geweiht. <!-- 132 --><a name="Page_132" id="Page_132"></a> + Schweiz. Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich + bestand bis zur Reformation das kleine Nonnenkloster der + Schwestern von Konstanz, welches hiess zu <i>St. Verena in + Brunngassen</i>; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker + Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur + Froschau.</p> + + <p>Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die + Schirmvögtin der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies + deutlich aus den ihr kirchlich geopferten Gegenständen, + vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen + Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen + bei besondern kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den + krönleinartigen Kopfschmuck der Tschäppelein, chapelet. + Er besteht aus einem mit Seidenblumen und Goldflintern reich + umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den Scheitel + hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines + Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit + Korallen gestickt; es ist so winzig, dass es oben mittels eines + Seidenfadens über das Haar gebunden werden muss. Ist nun in + der Landschaft von Leuggern, das Kirchspiel genannt, ein + Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach Zurzach zu + wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum + Opfer aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die + Haube gekommen zu sein. Erscheinen dann im Herbste die Züge + der übrigen Wallfahrerinnen, so nehmen sie ein solches + Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während ihres + Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen + häuft sich hier an, dass man die veralteten darunter + alljährlich am Charsamstag abnimmt und in dem Osterfeuer, + das vor der Kirche angezündet wird, mitverbrennt. Etwas + Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in dessen + Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von + Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier + nach alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der + Gemeindebann von Jung und Alt umschritten, so dürfen bei + diesem Männergeschäfte die Mädchen allein sich + nicht mit <!-- 133 --><a name="Page_133" id="Page_133"></a> + anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für die + Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich + Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, + die gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur + Dorfkapelle und überhängen damit die + Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem Verenas + Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei + Fuss hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse + erscheint der Sigrist, setzt den schönsten der geopferten + Kränze der Heiligen aufs Haupt und schmückt mit den + übrigen den Grundstein.</p> + + <p>Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man + überhaupt Kunde hat, ist es gerade ihr Gürtel, der sie + als eine die Ehen und Geburten beschirmende Heilige aufs + deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem ehemaligen + schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit + regulirten Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie + er aus dem entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet + sich aus der Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums + Konstanz, das wirklich bis über den Neckar bei Marbach + reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter (Sigprangender + Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird nach + allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. + Des römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf + in Elsass, ist so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur + Welt geboren worden.</p> + + <p>Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und + dessen Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt + sind.</p> + + <p>Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen + Klingnau an der Aare führt über den Achenberg. Auf der + Hochebene dieses beträchtlichen Bergzuges steht umgeben von + tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter Wirthschaftsgerechtsame, + benachbart eine durch den Bischof Sigismund von Konstanz 1062 + eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter + Gottes. Jeden Samstag wird <!-- 134 --><a name="Page_134" id= + "Page_134"></a> hier Messe gelesen, im Monat Mai eine + Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige + Jahreszeit, des Berges wilde Schönheit mit seiner + erstaunlichen Fernsicht ins Hegau und Klettgau hinüber, die + Wunderthätigkeit des Ortes und der den andächtigen + Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann + zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald + hier zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um + hohe Feuer. Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne + nicht` über eine in Felsen gehauene Treppe zu der Schlucht + beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo die Wegscheide in das + Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen + Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken + daheim ein Krüglein voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle + geht folgende Sage.</p> + + <p>Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. + September als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt + hiess, kam ein wenig bemittelter Mann aus dem Städtchen + Klingnau hier bergan gestiegen in der Absicht, seinen Kindern so + wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie auf jener + berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, + das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen + Leuten daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen + unsichern Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, + traf hier einen ihn freundlich anredenden Mann und theilte ihm + seine heutige Absicht mit. Der Unbekannte verwies ihn an die + Bergquelle. "Schon mancher Andere, sagte er, hat in deiner Lage + hier die leere Hand in den Wassersprung gesteckt und sie + gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, dass + man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng + der Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier + stand wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei + Händen fassen konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes + Unbekannten Wort, Schau nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu + wunderlich vor; noch <!-- 135 --><a name="Page_135" id= + "Page_135"></a> vor dem Kistchen knieend, wendete er mit + blinzelnder Neugier das Gesicht auf, und ach! da hieng gerade + über seinem Kopfe gewaltig sausend ein umrollender + Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück + nach Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten + verstreut, musste sich daheim zu Bette legen und soll bald + hernach an einem Zehrfieber gestorben sein.</p> + + <p>Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm + schwebt die Müllerpatronin Verena und will in ihrer + Mildthätigkeit nicht gesehen sein. Es ist dies zwar ein + öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe Aargau. Sag. no. + 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet er sich + auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe + Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer + Pfarrkirche Verena die erwählte Patronin sei. Man zeigt + dorten mitten im Felde der Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in + welcher sonst eine Quelle entsprang Namens Goldloch und + Verenaloch. Man schrieb derselben die gleiche befruchtende + Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und die Ortssage + fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit + abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng + aus einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von + Büttisholz einst in der Verabredung hieher gekommen waren, + nach empfangenem Goldstücke schnell sich umzuschauen, + erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach einem + Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, + dass auch die Quelle versiegt war.</p> + + <p>Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 + herausgegeben, berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer + Jurapasses Schafmatt sei schon in ältester Zeit ein Bad + gewesen zur Erquickung der Reisenden, die über diesen + steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die auf + des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die + Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle + gegenüber entspringe das Verenawasser. Ebenso + <!-- 136 --><a name="Page_136" id="Page_136"></a> hat Gabriel + Walser im Kartenblatte Kanton Basel des Homannischen Atlas an der + Schafmatt bei Oltigen angemerkt: <i>Verenaloch</i>; und es ist + dies dasselbe, dessen die Aargauer Sag. no. 1 mit dem + Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den + Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee + fallen, sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen + trägt, wie schon bemerkt worden, auch der Sprudel im Freibad + zu Baden.</p> + + <p>Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der + Nähe der Stadt Zug, gelegen am Fusse des Kaminstals, einer + Berghöhe an der alten Strasse, die nach Aegeri und weiter + nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein herkömmlicher + Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform gebauten + Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und + meldete, der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer + Bischof Müller in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither + ist noch zweimal eine Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des + vorigen Jahrhunderts wurde der Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach + abgesendet, um im dortigen Stift einen Reliquientheil vom Arme + der Heiligen nebst einem Atteste über der Reliquie Echtheit + in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen diese neu + erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. Sept. + 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle + hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und + Doppelhaken". Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden + verkündigen des Ortes Wunderthätigkeit. Unweit des + Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das St. + Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der + Figur der Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem + benachbarten Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl + haben damit die Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie + der Zugerkalender vom J. 1858, welchem diese Angaben entnommen + sind, ausdrücklich berichtet: "Bist du krank und die + Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen nicht + anschlagen, so muss ich dir sagen, <!-- 137 --><a name="Page_137" + id="Page_137"></a> dass in dieser Kapelle wirksam zu beten ist, + besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich + Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu + hören. Auch wird dir den Sommer hindurch so ein kühler + Spaziergang in der Frühe überaus gut thun. Du bekommst + dadurch Appetit und findest Stärkung für deine schwache + Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins aus + ihrem Krüglein einzuschenken geruht."</p> + + <p>Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden + und Herznach errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu + kirchlichen Ehren gesetzt und haben übereinstimmend die + gleichen Attribute: die Heilige trägt in der einen Hand die + Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein, in der andern + hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf + dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal<a name="FNanchor_7_7" + id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7"><sup>[7]</sup></a> + hat in der Rechten statt des Krügleins zwar den langen + Brodkipf, doch gleich daneben, auf der Flügelthüre + dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, hier + aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's + Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das + nichtlesende Landvolk bestimmt gewesen war und statt der + Heiligennamen deren Figuren oder Symbole in kleinen Holzschnitten + giebt. Hier ist unterm 1. September eine aufrecht stehende Katze + zu sehen, die in den Vorderpfoten den langgezahnten zweireihigen + Haarkamm hält und zu Füssen ein geschnäbeltes + Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen + Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige + menschenfreundliche Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege + Anderer so weit widmete, dass sie sogar den Schmuz der + verlassenen Armuth nicht scheute. Daher hebt das von uns S. 108 + ff. mitgetheilte <!-- 138 --><a name="Page_138" id= + "Page_138"></a> mhd. Gedicht 106a den von ihr geheilten Aussatz + hervor:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>auzſetzig behaft macht ſi ſlecht,</p> + + <p>plint, chrump macht ſi gerecht.</p> + </div> + </div> + + <p>In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender + Triumphwagen Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in + den Mund, bereitete ihnen die Betten, kehrte den Boden, + säuberte die Kleider, wusch alte Erbschäden aus und + zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf solche + Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie + dasjenige in der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte + sein Krüglein mit Lauge und seinen Kamm selber mitzubringen. + Die dortige Verena-Bruderschaft, die durch Papst Urban seit 1625 + neu bestätiget worden, ist nach dem dritten Paragraphen + ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen + Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu + verabreichen.</p> + + <p>Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten + Legendenaufzeichnung gleichfalls mit einer besondern + Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden dasselbe einst an jenem + Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals eine + Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die + man hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe + ihrem verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie + darüber erblindete, erschien ihr nachts die Heilige und + sprach: "Noch ist der Steinkrug vorhanden, der mir diente den + Siechen das Haupt zu baden und den Angesteckten die Kleider zu + waschen, daraus wasche dich gleichfalls." Die Frau suchte und + fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus und bekam + das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe + einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet + worden war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung + gehabt; der Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt + schwangere Weiber, sich auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein + Wassergefäss zu setzen, sie würden sonst zu viel + Töchter gebären. <!-- 139 --><a name="Page_139" id= + "Page_139"></a> Ein Stück von diesem Verenakrüglein hat + nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und + dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher + Stift abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu + dessen allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen + Nachbargemeinden: Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, + Rheinheim, Küssennacht, Dangstetten und Bechtisbohl. In der + Krypta der Stiftskirche steht Verenas steinernes Grabmal, ein von + hohem Alter zeugendes, kunstloses Werk; obenauf liegt in + Lebensgrösse gehauen ihr Bild in Matronenkleidung, doch zum + Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in fliegenden Haaren, es + hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der rechten + einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den + Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus + Menschenliebe sich unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als + bloss kirchlich verehrt, sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden + und heisst die Weisse Frau. Das mitten im Marktflecken stehende + Haus zum Weissen Rössli ist ihr Aufenthalt. Aus dem + Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor hohen + Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt + sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült + sie ihr Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges + kehrt sie auf jenen Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum + Weissen Ross auf die dem Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen + Rosse zu beziehen sein wird, erklärt sich auch aus + nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier Gotteshöfe in + der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, welches auf + vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese + verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von + den 80 Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die + Unterhaltung der dazu gehörenden Antoniuskapelle zu + bestreiten und für den Messpriester den Messwein zu liefern. + Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie sonst im + ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese + Höfe ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital + <!-- 140 --><a name="Page_140" id="Page_140"></a> von Fr. 6259 zu + verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus + geistlicher Hand an den Gemeinderath von Reckingen + übergegangen und hat seit dem Jahre 1854 die gründliche + Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene letztere liegt in + demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen Meierhaus das + Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu + gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das + Gebäude, wird darüber zusehends grösser und ist + mit einem male wieder unsichtbar. Bemerkenswerth ist nun hiebei + der angebliche Umstand, dass Frauen niemals das Füllen + erblicken, wohl aber statt dessen eine weissgekleidete Frau, + welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier Ecken + bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die + Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.</p> + + <p>Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich + beisteht, in Franken auf einem Rosse einher kommt, und + Schwangere, welche nähig sind ("übergehen"), einem + Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen (Wolf, + Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im + Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen + Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit + diese Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden + wurde Ross und Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein + gleiches Rüstpferd lässt die Ortssage von + Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige Dorfgeist in + der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. Aargau. + Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen + Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste + des Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, + das Ludwig der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte + er unmittelbar darauf der Kapelle in Grünthal bei + Vilsbiburg, die davon bis jetzt Sattelkapelle heisst. Holland, + Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, 1860, 6.</p> + + <p>Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die + <!-- 141 --><a name="Page_141" id="Page_141"></a> sagenhafte + Verena sich in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden + Wäldchen, das nach einem tief eingeschnittenen Wasserbette + das Tobelhölzli heisst. Am südlichen Waldrande, hart am + Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt dorten eine + schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich + das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber + unschädliche Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist + freundlich, nur will sie in ihrem Geschäfte nicht + gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa + ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss + einen geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. + Anderwärts heisst sie nach ihrem in der Sonne blitzenden + Kamm das Strähl-Anneli, oder nach ihrem buschigen Grauhaar + das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den verzausten + Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem + Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm + durch die Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die + Spitze der Grashalme niederfliessen. Von allen diesen + Erscheinungsweisen berichten bereits die Aarg. Sag. 1, S. 131. + 240 und die Naturmythen S. 139. Einen Silberkamm und eine + Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus Klingnau im + Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt und + gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. + Murer, Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas + Landsmännin gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen + Geschäfte gewidmet, die Haarpflege zu leiten und den Aussatz + zu heilen; somit besass also einst der Aargau zwei weibliche + Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun zwar unsern + ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige + Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- + und Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, + auch das klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und + sprach sich darüber eben so offenherzig aus, wie die + Verenasage thut. Suidas, der zum Namen Aphrodite bemerkt, dass + die Römer ihre Bildsäule mit einem <!-- 142 --><a name= + "Page_142" id="Page_142"></a> Kamme in der Hand vorstellten, + erzählt hiebei: Als einst die römischen Frauen die + Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die + Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur + Aphrodite, ihnen die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten + sie mit einer Bildsäule, die den Kamm trug.</p> + + <p>Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser + Abschnitt schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und + wirklich in der ihr beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem + ihr folgsamen Mädchen das schöne Haupthaar und zugleich + den schönen Schatz. Am 1. September, als dem kirchlich + gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, deren + Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends + katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur + um Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen + auf ein neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen + Tage ist es in jener Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an + allen Köpfen ihrer Kinder eine gründliche Wäsche + abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf + geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen + Haarwuchs. Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, + so gilt folgender Reim:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Chind, bis ietz still und fîn,</p> + + <p>oder es chunnt Frau Vrin,</p> + + <p>die het ne grosse Striegel</p> + + <p>und zert di kech am Riegel.</p> + </div> + </div> + + <p>Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die + Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners + Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache + mit Bürste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar + abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei weis, der neue + scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei + nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich + anmelden solle, und hiefür hat man folgendes + Sprüchlein:</p><!-- 143 --><a name="Page_143" id= + "Page_143"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Ach mî liebi Jumpfere Vre',</p> + + <p>gsehst, i ha kes Schätzeli meh,</p> + + <p>strähl und wäsch mi doch au nett,</p> + + <p>dass mî Hansli Freud ab mer het!</p> + </div> + </div> + + <p>Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter + dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei + unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein + giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen + (nicht aber die <i>Wanzen</i>, wie Simrocks Mythologie III, 377 + druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit + über die Warzen und spricht dreimal:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Frene, Frene, dorra weg!</p> + </div> + </div> + + <p>In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise + vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine + Eigenthümlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon + durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das + Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt. + Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es + sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu + versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener + praktischer Hilfe hat, so übernimmt es freiwillig das + Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit + grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell + als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als + er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in Mühen und + Nachtwachen. So erscheint das Weib allen Völkern + während grosser allgemeiner Leiden als eine heroische, + opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der + Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete + Welt geworden.</p> + + <p>Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen + Charakterzügen Verenas, wie es dem humanen Geiste der + christlichen Lehre gelang, die zum Märchen gewordne Gestalt + einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur + demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", + <!-- 144 --><a name="Page_144" id="Page_144"></a> wie Gelpke + (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu + entgöttern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche + Spuren der Heidengöttin bleiben hinter dem kirchlichen + Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute + zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um unter + mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten + Büschen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude + nachzuschweifen. Kaum würde man dann die Göttin oder + die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie nicht ihren + alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie + wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. + Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, + und schon die rohe Härte, mit der sie ungläubigen + Missethätern die Strafe zumisst, lässt ihr und ihrer + Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher + Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte + anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens + vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner + Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, + Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass ein Weib eigensinnig am + Verenentag daheim bleibt und spinnt, während Alles sich in + die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im + fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen + festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im + Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest. + Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem + Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch + Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich + dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den + mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich + in den deutschen und rhätischen Alpen finden. Sie trägt + in Bünden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze + den Namen <i>Verein</i>, gebildet wie die rhätischen + Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 + Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. + <!-- 145 --><a name="Page_145" id="Page_145"></a> Valzena). Eine + solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, + Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der + weitläufigen Eiswüste des Selvretta. Hier hat die + "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern Höhlenwohnungen in der + Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets + reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, + Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die + Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. + Bünden 1, 140. 258. Bündner VolksBl. 1832, 214). Am + namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisgärtli, jenes + weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des + Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der + angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden + Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.</p> + + <p>Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf + der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer + in zürch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem + Orte im Bezirk Affoltern liegt am südlichen Fusse des Albis + der unheimliche Türlersee, der tiefste im ganzen + Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an + des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der + Umgegend gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen + und arbeitsrüstigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. + Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler + der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am + Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit + geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich + weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit + Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht + einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied + so ihr Eigenthum für immer vom Gelände der Gegner. Der + Graben war gezogen bis zum Türlersee, es fehlte nur noch der + letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich über ganz + Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste + einer der fahrenden Schüler <!-- 146 --><a name="Page_146" + id="Page_146"></a> die Frau und entführte sie durch die + Lüfte auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier + auf einer weiten grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum + Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten + hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser schöne + Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte. + Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur + Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten + Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.</p> + + <p>Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist + rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und trägt in der + Offnung von Borsikon (Grimm, Weisthümer 1, S. 51) den + auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon + handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch. + Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener + Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte + schwur, sie werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb + oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem + Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so + gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen + Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde + fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.</p> + + <p>So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive + Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die + Neugebornen hervorholen lässt; der Mühlstein, auf dem + sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte, + Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen + Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der + Rheininsel hervor bohrt—verkünden eine + ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt + später ins Satanische umgeschlagen haben würde, + hätte die Kirche sie nicht frühzeitig noch + christianisirt. Statt der Heiligen besässe man alsdann eine + alles versteinernde Hexe; oder statt der demüthig dienenden + Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der + Unterschlagung beschuldigt <!-- 147 --><a name="Page_147" id= + "Page_147"></a> entspringt, über die ganze Breite des Thales + setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der + jenseitigen Thalwand eindrückt.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_7_7" id= + "Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7">[7]</a> + + <div class="note"> + <p>In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger + Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler + Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Denspüren, Ober- und + Niederasp, schliesslich auch Häner am Schwarzwald, ob + Laufenburg.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_2_Abschnitt_4" id="Teil_2_Abschnitt_4"></a> + + <h3>Vierter Abschnitt.</h3> + + <h4>Verena als Frau Venus.</h4><br> + + <p>Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau + Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, + die Venus- und Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen + Namensvertauschung zurückgeführt auf den + ursprünglichen Mythus.</p> + + <p>Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt + verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im + aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. + Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen + am nächsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch + gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben + und an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, + 240 veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für + seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier + unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die + mit jenem Stalderischen übereinstimmen. Was die + Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die + schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in + Gödekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis + zur Vollständigkeit aufgeführt.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Tannhäuser war ein junges Bluet,</p> + + <p>Der wot gross Wunder gschaue,<a name="FNanchor_8_8" id= + "FNanchor_8_8"></a><a href= + "#Footnote_8_8"><sup>[8]</sup></a></p> + + <p>Gieng auf Frau Vrenelis Berg</p> + + <p>Zu selbige schöne Jungfraue.</p> + </div><!-- 148 --><a name="Page_148" id="Page_148"></a> + + <div class="stanza"> + <p>Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,</p> + + <p>Chlopft er an a d'Pforte:</p> + + <p>Frau Vrene, wend er mi inne loh,</p> + + <p>Will halte eu'e Orde!</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>"Tannhäuser, i will der mi Gspile ge</p> + + <p>Zu-m-ene ehliche Wib."<a name="FNanchor_9_9" id= + "FNanchor_9_9"></a><a href= + "#Footnote_9_9"><sup>[9]</sup></a></p> + + <p>Diner Gspilinne begehr ich nit,</p> + + <p>Min Leben ist mer z'lieb.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Diner Gspilinne darf i nüt,</p> + + <p>Es ist mir gar hoch verbotte,</p> + + <p>Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet</p> + + <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Tannhauser sass am Figebaum,</p> + + <p>Drunter er war entschlafe.</p> + + <p>Es chunt em für i sinem Traum,</p> + + <p>Er müess uf Rom wallfahrte.<a name="FNanchor_11_11" + id="FNanchor_11_11"></a><a href= + "#Footnote_11_11"><sup>[11]</sup></a></p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wo er in d'Stadt Rom inne chunt</p> + + <p>Wohl unters höchsti Thor,</p> + + <p>Frogt er dem oberste Priester noh,</p> + + <p>Wo in der Stadt Rom wär.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Wo er i d'Chille ie chunt,</p> + + <p>Vor'm Pobst thet er sich gneige:</p> + + <p>Gott grüeze eure Heilige, Pobst,</p> + + <p>Mine Sünd will i eu azeige.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Der Pobst het do en düere-düere Stab,</p> + + <p>Vo Dürri war er gspalte:</p> + + <p>"So wenig de Stab meh z'grüene chunt,</p> + + <p>So wenig magst du Ablass erhalte."<a name="FNanchor_12_12" + id="FNanchor_12_12"></a><a href= + "#Footnote_12_12"><sup>[12]</sup></a></p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Und wenn i nümme z'Gnade chum</p> + + <p>Und nümme mag werde bihalte,</p> + + <p>So gohn i uf Frau Vrenis Berg</p> + + <p>Und leben bîn ihr im Walde.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Es goht nit meh als dritthalb Tag,</p> + + <p>So fieng der Stab a z'gruene,</p> + + <p>Er treit es Laub so grüen wie Gras,</p> + + <p>Darzue drei schöni Blueme.<a name="FNanchor_10_10" + id="FNanchor_10_10"></a><a href= + "#Footnote_10_10"><sup>[10]</sup></a></p> + </div><!-- 149 --><a name="Page_149" id="Page_149"></a> + + <div class="stanza"> + <p>De Pobst schickt sine Botten us,</p> + + <p>Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre;</p> + + <p>Er schickt sie us in alli Land,</p> + + <p>Der Tannhuser blibt verfahre.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg,</p> + + <p>Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse</p> + + <p>Tannhuser soll do usse cho,</p> + + <p>Sine Sünde eigen ehm nochg'losse!</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>"Zun-ech usse cho, das chan i nit,</p> + + <p>Do muess i bliben inne.</p> + + <p>Muess bliben bis am Jüngste Tag,</p> + + <p>Dä gohts mer erst, wies cha und mag!"</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Tannhuser sitzet am steinige Tisch,</p> + + <p>Der Bart wachst ihm drum umme,</p> + + <p>Und wenn er drümal ummen isch,</p> + + <p>So wird der Jüngst Tag bald chumme.</p> + + <p>Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,</p> + + <p>Öb der Bart es drittmol umme goht</p> + + <p>Und der Jüngsti Tag well chumme.</p> + </div> + </div> + + <p>Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an + dessen südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des + Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von + denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind, + heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau + Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen. + Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis + auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, + und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich + gehörenden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg" + genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198. + Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das + Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm + die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283. + 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die + Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die + seither weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung + bestätigt.</p> + + <p>Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen + <!-- 150 --><a name="Page_150" id="Page_150"></a> Liede von + Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war + dem Halbgotte Odhr vermählt und von diesem verlassen worden. + Vordem hatte sie wegen ihres berühmten Halsgeschmeides die + Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber empfieng sie den + neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen + Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne + Thränen nach. Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute + sich auf einer Waldhöhe eine Halle, über deren + Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit + heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg + heisst die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen + Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden + wüssten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals + wieder zurück und sprach zum Wächter des Berges: "Reiss + auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her, + die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss + schuld, doch geh und frag erst Menglöd, ob sie mich noch + liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit Küssen und + sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir + blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein lieber + Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die + Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem + Tannhäuserliede sind einstweilen folgende. + Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene + weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen + Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die + verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden + heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am + Thore. Der Wächter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn + und führt ihn in den Berg. Draussen lässt er den + dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu grünen + fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun + nicht mehr unterbrochne Glück nach der Länge des + Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird. + Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit- + und Liebesdauer, <!-- 151 --><a name="Page_151" id= + "Page_151"></a> befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob + nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur + Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der + sogleich mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen + Eigennamen, fügen wir ein paar Sagenbruchstücke bei, + die zu dem Kostbarsten gehören, was in der letzten Zeit zu + Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war + eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss + und hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie + war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath + befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die + ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in + ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch + folgenden Reim:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Frû Frîen</p> + + <p>wolle geren frîen</p> + + <p>un konne keinen krien,</p> + + <p>da feng se an de schrîen.</p> + </div> + </div> + + <p>Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen + von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. + Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde Göttin + heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldgöttin, Frau + Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen + sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre + Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass + diese Holl die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich + durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, + Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als + Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa, domina) und + lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven + Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um + Halberstadt und Drübeck als Frû Frîen, Frû + Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit + diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der + Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die + oberdeutschen desselben Wortstammes in <!-- 152 --><a name= + "Page_152" id="Page_152"></a> frî, mulier formosa, + entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: pulcher, + venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch + artig, hübsch sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem + allzu stürmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste + Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch. + Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate + übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der + Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. + Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen; + gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und + geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst + irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr + und Venusgräs, norwegisch Mariagras, weil die Schönheit + das höchste Epithet bleibt, das an Göttinnen + hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass + hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und + Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg + (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe + Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen geläufig + und hat darin ihre Berechtigung, dass beide ursprünglich nur + die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und + Herzensherrin eines älteren Göttersystems gewesen sind, + welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und + Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, + die mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und + Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der + Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine familiäre, + wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die + frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein + und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land + und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der + Liebe und Ehe. So urtheilt über die Vanengötter + überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.</p> + + <p>Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die + <!-- 153 --><a name="Page_153" id="Page_153"></a> + angeführten Namen der Göttin, eddisch Freyja, + langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch + Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und + derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des + schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau + Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des + Mittelalters, in denen die Minnegöttin modisch und gelehrt + die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem + dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise + nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten + übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der + Omeiss 36, lässt die Hexen in <i>Frau Fenusberg</i> fahren; + schon fünfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider († 1440) + im Formicarius zum gleichen Zwecke den <i>Venusberg</i>, und nach + hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg <i>Frau + Holda</i>. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt + gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit + <i>Kröten</i> zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt + in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im + Tannhäuserliede selber eine Verdammte, von welcher die + Strophe 4 sagt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet</p> + + <p>Und drunter wie Schlangen und Chrotte.</p> + </div> + </div> + + <p>Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die + öffentlichen Frauenhäuser Venushäuser genannt und + nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch + Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern + Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst + Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die + jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder + Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, + das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess + beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach + in der Gauchmatt (ed. K. Gödeke, S. 151):</p> + <!-- 154 --><a name="Page_154" id="Page_154"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>zuo Basel in der Malentz gassen</p> + + <p>do hat sich fraw Venus nider glassen.</p> + </div> + </div> + + <p>Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer + sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen + die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession + einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim + Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an einer alten Linde + vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen + ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert + worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten + das schon von der ältesten Legendenaufzeichnung + erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen fünfziger + Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne + Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die + untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft + nun nachmals der Landvogt von Baden zur Eröffnung der + Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser + Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum + thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, + gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile + Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster + Königsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner + Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes" + ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter + die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte + Königsfelden zunächst. So war Verena die Patronin der + Frauenhäuser und Metzen geworden.</p> + + <p>Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch + nicht aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und + Kaiser Friedrichs hernach wiederholte Approbirung nennt schon die + zwei dortigen Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach + Pfingsten beginnend, die andre mit dem zweiten Montag nach + Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd Dult und Messe + genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem latein. + indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern + aus goth. dulds, ahd. tuld, <!-- 155 --><a name="Page_155" id= + "Page_155"></a> das in den Glossen als ein zur Zeit des Neumonds + begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum + entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die + Zurzacher Dult schon mit einem heidnischen Verenafeste + zusammengefallen sein, wie sie hernach mit dem christlichen Feste + daselbst wirklich und ausschliesslich zusammenhieng. Kirchen und + Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht verliehen; die + Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die Elsasser Abtei + Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname Messe. + Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines + örtlichen Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von + zahlreichen Pilgerzügen besuchten Jahrmarkt. Alle + orientalischen Karavanenzüge gehen von einer Tempelstadt aus + oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des + Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im + Worte Messe der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des + Gottesdienstes vereint liegt.</p> + + <p>Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, + welche häute Venus heissen, ist ursprünglich diese + wirklich zu suchen, und es ist bei unserem gegenwärtigen + Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie hierin das + so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt + hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim + Dorfe Eib an der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt + hier auf dem Schlossberge auf dem Venibuck im Veniloch, Die + Eingebornen nennen diesen Ort Venesberg, allein auf dem + lithograph. neuen Steuerblatte steht er bereits als Venusberg + verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das Adelsgeschlecht der + Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb Regensburg am linken + Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt die Venus vor + einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums + 1860, 88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von + Wolkenstein, heisst urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. + Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein Finisloch, + ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. Lynker, + Hess. Sag. no. 152. <!-- 156 --><a name="Page_156" id= + "Page_156"></a> Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar + führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: + Bechstein, Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen + unmöglich alle dem Latein abgesehen sein können, + empfand schon Fischart, der in seiner Uebersetzung von Bodinus + Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei Breisach + berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt + und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im + deutschen Volksliede den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses + wiederum aus jenem abzuleiten. Hier nun ist die richtige + Ableitung folgende. Aus dem romanischen Worte Fee (fatua), ein + weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, bildet sich der mhd. Name + Feine und aus diesem die Pluralform Feenesleute, wie die + Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 heissen. + Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort, + Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht + ins Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die + Waldgespenster pluralisch Fayer, gälisch Fairys. Wird also + der Quarzfelsen auf der Spitze des Feldberges im Taunus + abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und Venusstein + genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als Feen + dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass + sie Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört + jedoch der Name des Grafen Rudolf von Fenis, ein + Minnesänger, † um 1196; dessen Burg beim Bernerdorfe + Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande gelegen ist; sein + und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, ableitend von + latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der + örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.</p> + + <p>Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. + Vrene, die Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke + zur Venus antikisirt, durch die Kirche zur Patronin der + Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur Mutter der + Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen + Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit + <!-- 157 --><a name="Page_157" id="Page_157"></a> denen sie im + Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem + schattigen Lusthain (im Tann) hausende Gemahl heisst eben so + erklärlich Tannhauser. Auf den bairisch-salzburgischen + Ritter und Minnesänger Tannhuser († um 1266) darf, + obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes + Urban ist (der IV. dieses Namens † 1268), schon deshalb + nicht geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn + auch unter anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. + Belege hiefür giebt Grimm Myth. 888.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_8_8" id= + "Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8">[8]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland C.</p> + </div><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href= + "#FNanchor_9_9">[9]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland A.</p> + </div><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href= + "#FNanchor_10_10">[10]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland B.</p> + </div><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href= + "#FNanchor_11_11">[11]</a> + + <div class="note"> + <p>Nach Uhland C.</p> + </div><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href= + "#FNanchor_12_12">[12]</a> + + <div class="note"> + <p>Uhland A.</p> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 160 --><a name="Page_160" id="Page_160"></a> <a name= + "Teil_3" id="Teil_3"></a> + + <h2>III. Gertrud mit der Maus,</h2> + + <h3>die Allerseelenherrin.</h3><br> + <!-- 161 --><a name="Page_161" id="Page_161"></a> <a name= + "Teil_3_Abschnitt_1" id="Teil_3_Abschnitt_1"></a> + + <p>Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den + heidnischen Namen einer germanischen Walküre und + Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr bezeichnet + sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der + Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden + Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, + bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, + die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges + Wort Trude ebenfalls die den Schläfer auf die Brust tretende + Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der + Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen + Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten + Walküre entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird + im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen + Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des + Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine + Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah, + verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, + Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf + den Wolken tanzen, dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei + Graff 5, 522 übersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch + giebt der Volksglaube den Truden das Geschäft, in der + Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu + müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden + spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie + den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. + Gertrud, <!-- 162 --><a name="Page_162" id="Page_162"></a> gleich + den Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend + dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu + Rosse sitzend. Wie die eben genannten Göttinnen mit ihrem + Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses + auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die + Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr + den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja + sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen + theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr + Geleitsthier, die nächtlich wühlende Maus, kündet + mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch + Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen versöhnt man + die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die + Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen + Mäuschen bäckt.</p> + + <p>Dies ist der äusserliche Umriss dieser + heidnisch-christlichen Gestalt.</p> + + <p>Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon + ihre älteste Legende in vielfältigen + Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden sind, + die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger + unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in + Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 + erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das + brabanter Stift Nivelles, zwischen Brüssel und dem + hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um + 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als erster + Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, + gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, + erzählt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen + Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier + längere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent + Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben + geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser + Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer + andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt + <!-- 163 --><a name="Page_163" id="Page_163"></a> habe. Und so + gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls + Tochter, welcher man dorten die Klostergründungen und + Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man + führt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine + Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des + Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen + ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen + frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und + dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das + grösste deutsche Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre + frühzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser + Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig + Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im + Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. + Jahrhundert angehört, und das nach ihr benannte + Gertruidenburg am südlichen Ufer der Maas, das auf ihren + Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine + Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall + treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr + gegründeten Kirchen mit den frühesten Anfängen des + Christenthums in Deutschland zusammen.</p> + + <p>Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In + der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges + Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen + aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In + holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den + Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches + stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich + als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied + "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. + Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem + Blumenkranz behangen, trägt Gertrudens hölzernes + Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2, + no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab, + der Blumenkranz als <!-- 164 --><a name="Page_164" id= + "Page_164"></a> das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte + des Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken + spinnend, an welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid + sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchfässer + schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der + Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender + bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag, durch zwei + Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine + damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim + Namensbüchlein (edd. Strobel) lautet:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>so kumet die liebe sant Geretrud,</p> + + <p>die so entschlief in gottes willen,</p> + + <p>und stulen die ratten und miuse ir spillen</p> + + <p>und trugen sie in ir miuseloch.</p> + </div> + </div> + + <p>Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger + Münster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen + zu Könighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger + Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von + Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden + in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe + und der Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; + für jetzt seien die landwirtschaftlichen und + bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an + den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.</p><a name= + "Teil_3_Abschnitt_2" id="Teil_3_Abschnitt_2"></a> + + <p>Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich + knüpfenden Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am + Katharinentage) der Winter, und mit dem 17. März der + Frühling beginnen soll, so ziehen mit dem letzteren Termin + die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei Lasicz: + Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud + lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am + Gertrudentag lauft die Maus den Rocken hinauf und beisst den + Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2, 71. Mit diesem Tage werden + also die Spinnabende eingestellt und es beginnt die Gartenarbeit, + weshalb die Heilige auch als die erste Gärtnerin + <!-- 165 --><a name="Page_165" id="Page_165"></a> verehrt ist. + Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren + Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden + folgende Sprüche;</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Sünte Katherin</p> + + <p>smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn.</p> + + <p>Sünte Gerderut</p> + + <p>tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.)</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Sankt Gertraud</p> + + <p>führt die Kuh ins Kraut,</p> + + <p>das Ross zum Zug,</p> + + <p>die Bienen zum Flug.</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Gerdrut</p> + + <p>geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem + Waldeckischen.)</p> + </div> + + <div class="stanza"> + <p>Sant Gertrud</p> + + <p>Säit Zibelä und Chrût. + (Schweizerisch.)</p> + </div> + </div> + + <p>Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese + Kalenderregeln, wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke + ausdehnt und diese als im Dienste Gertrudens stehend aufweist. + Alle drei werden von der Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist + gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. Merzafülli, d.i. Fohlen; + Gertrudentag fällt auf 17. März und die Bauernpraktika + sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen + guten Frühling.</p> + + <p>Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und + erzählt von ihm folgendes Märchen, enthalten in + Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, no. 2. Christus und + Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer + brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube + trug. Auf Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die + Backpfanne und thats übers Feuer, doch das Bischen gieng + sogleich hoch auf und füllte das ganze Geschirr. Dieser + Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten male + nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe + Grösse, und als nun zum dritten male dasselbe geschah, + sprach das Weib: Ihr müsset ohne Almosen gehen, + <!-- 166 --><a name="Page_166" id="Page_166"></a> all mein + Gebäcke wird zu gross für euch! Zur Strafe + verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der + noch ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als + sie zum Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie + nach Futter in die Baumrinde.—Dieselbe Sage in deutscher + Version lautet bei Simrock, Myth. 3, 23 also: Christus gieng an + einem Beckerladen vorüber, wo frisches Brod duftete, und + sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu erbitten. + Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren + sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. + Dafür sind diese zusammen als das Siebengestirn an den + Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk geworden. In + Prätorius Weltbeschreibung und darnach in Grimms Myth. 641 + wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur theuern + Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott den + Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei + gerufen: Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen + Raubvogel verwandelt, der unaufhörlich dieses Geschrei + wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt hierüber folgende + Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe ein + Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer + dafür, als man auf des Kindes flache Hand hinzählen + könne. Das Büblein gieng darauf ein und machte sein + hingestrecktes Händchen immer hohler und schmaler. Da die + Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden wollte, + noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu + suchen, so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So + flieg und ruf Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.</p> + + <p>So wird hier der Specht, ursprünglich ein + nahrungsspendender Bote Gottes, ein die Nahrung hartherzig + verweigernder Theuerungsgeist und geht in die Gestalt des + gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über. Daher + heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer + verwünschter Beckerknecht und trage davon sein fahles, + mehlbestaubtes Gefieder. Dies besagen die nachfolgenden + Kindersprüche:</p><!-- 167 --><a name="Page_167" id= + "Page_167"></a> + + <p>Kukuk stahl Weggen.<a name="FNanchor_13_13" id= + "FNanchor_13_13"></a><a href= + "#Footnote_13_13"><sup>[13]</sup></a>—Kukuk, + Beckenknecht!<a name="FNanchor_14_14" id= + "FNanchor_14_14"></a><a href= + "#Footnote_14_14"><sup>[14]</sup></a>—Kukuk, + Speckbub!<a name="FNanchor_15_15" id= + "FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15"><sup>[15]</sup></a>—Kukuk, + schniet Speck up!<a name="FNanchor_16_16" id= + "FNanchor_16_16"></a><a href= + "#Footnote_16_16"><sup>[16]</sup></a>.—Der Gugger uf em + dürre Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.<a name= + "FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href= + "#Footnote_17_17"><sup>[17]</sup></a> Der Sauerklee, Oxalis + acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf + ertönt, heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen + Schweiz Guggerbrod, franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, + romansch paun e caschöl cucu (Butterbrod), und weil seine + säuerlichen Blättchen von den Kindern genascht werden, + auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das Brod, + 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) + heissen Guggichbrödle.</p> + + <p>Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und + Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter + Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und + Speckwähen benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, + weil er nur so lange seinen Ruf ertönen lässt, als die + Brütezeit dauert und er die Eier andrer Vögel + aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die + Reife der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, + in seiner Gier für buntgesprenkelte Eier an und frisst deren + so viele, dass ihm die Stimme verfällt und er nur noch + heiser ruft. Die Sage von der durch ihn erregten Theuerung + knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen + und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die + oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei + langem Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. + 2, no. 285. Er soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am + Himmel steht, in welches jene Beckerin mit ihren Töchtern + verwandelt ist; das ist bis Ende Juni. Die appenzeller + Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne abwärts + gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts + <!-- 168 --><a name="Page_168" id="Page_168"></a> gönd, + schlôt 's ûf. Hält der Vogel diese Frist nicht + mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen Opfer er selber + zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Am achten des Aprils,</p> + + <p>da soll der Kukuk kommen;</p> + + <p>Kommt er am achten nicht,</p> + + <p>so ist er todt oder gefangen.</p> + + <p>Kommt er am zehnten nicht,</p> + + <p>so hängt er gefangen im Zaun.</p> + + <p>Und kommt er am zwanzigsten nicht,</p> + + <p>so ist er gefangen im Korn;</p> + + <p>Und kommt er am dreissigsten nicht,</p> + + <p>so ass ihn der Hirt mit Polenta.</p> + </div> + </div> + + <p>Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der + Anbau in der ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in + schwäbisch Mundingen Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. + Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und daraus erklärt sich + vollständig der Schwabenstreich des Städtchens + Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels + Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller + Spruch bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene + Haber schnelle (anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden + her, so bringt er in Zürich einen sauern Wein; fliegt er den + Wohnhäusern zu nahe, eine Jahrestheuerung (Gessner's + Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den richtigen + Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um + Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er + beides bis in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft + ihm der Schwabe zu, in Meiers Kinderreim. no. 87:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Schrei sie mir in Deckelkräbe</p> + + <p>Wie viel Jahr darf ich noch lebe?</p> + </div> + </div> + + <p>Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie + Specht und Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die + Lebensdauer verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens + gestanden hat;<a name="FNanchor_NACHTRAG_4_25" id= + "FNanchor_NACHTRAG_4_25"></a><a href= + "#Footnote_NACHTRAG_4_25"><sup>[Nachtrag 4]</sup></a> man ruft + ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f. + Myth. 3, 222):</p><!-- 169 --><a name="Page_169" id= + "Page_169"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Kukuk, Kukuk, Gerderut:</p> + + <p>stäck dîne vêr Hörns herut!</p> + </div> + </div> + + <p>Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher + ihm die Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird + kreuzlahm, wenn es in die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. + S. 97. Aus Göthes Lied Frühlingsorakel ist die Sitte + allbekannt, nach der Zahl der im April gehörten ersten + Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und der + Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass + man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine + Weissagung ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, + westfälisch der Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs + Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht man:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gugguger im Sessel,</p> + + <p>Gieb mir dein Geld zu lesen,</p> + + <p>Will dein Geld dir wieder geben,</p> + + <p>Sag, wie viel Jahr thu ich leben?</p> + </div> + </div> + + <p>Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. + In Sommers Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften + unter wunderbarem, weit vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die + Luft geflogen, welche die Gestalt einer gewöhnlichen Taube + hat, aber an ihren Füsschen ein kleines Schilfstühlchen + mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden + stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde + nie, wo sie aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und + blüht es im folgenden Sommer am schönsten und + fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die Taube + wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder + Taube, die ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg + die Göttermutter, die nach Paulus Diaconus Frea heisst und + neben dem Gemahl Gwodan auf dem goldnen Thron in Walhalla sitzt. + Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg der grossen + Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai + Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843.</p> + + <p>VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, + 243.</p><!-- 170 --><a name="Page_170" id="Page_170"></a> + + <p>Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu + rufen:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Gugger uf em grüene Ast,</p> + + <p>Du, mi liebe, schüeche Gast:</p> + + <p>Gugg mer doch, bis au so guet,</p> + + <p>Wie mängis Jahr no han i z'guet?</p> + </div> + </div> + + <p>Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und + auf den Sack schlägt, dem geht es das Jahr über nicht + aus, eine Volksmeinung, von welcher der Berner Volksdichter G.J. + Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar also reden + lässt:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack</p> + + <p>u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),</p> + + <p>dass i kei Batze by mer ha,</p> + + <p>jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"</p> + + <p>Un Aenni lost und fraglet di:</p> + + <p>Wie mängs Jahr ächt no leben i?</p> + </div> + </div> + + <p>Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der + Zürcher Chirurg Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, + Zürich 1646, 13: "Vnd da der guckguck Fünffe + herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb + anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. + Sie fiel aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum + sterben sich zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht + dran, dann der guckguck hette jhren anders verheissen. Vnd ob es + gleichwol mit jhren auff dem letzten gepfiffen, bliebe sie doch + jmmer auff jhrer meinung und als sie jetz kein wort mehr reden + kondte, streckte sie noch fünft finger auff, andeutende, + dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben + habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"</p> + + <p>Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, + sagt man, der hört auch den Kukuk nicht mehr; was man + verwünschen will, das soll des Kukuks werden, sich zum Kukuk + scheren. Der die Lebensdauer weissagende Vogel wird also damit + zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache bringt den Tod + ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der Trauer + gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem + Glauben <!-- 171 --><a name="Page_171" id="Page_171"></a> + verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet + daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele + Kukuke abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, + und von einem Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, + wird erzählt, dass es nie mehr habe den Kukuksruf hören + können, ohne nicht in heftiges Weinen auszubrechen. + Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. 317. + Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos + Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino + beim Frühlingsbade ertrunken, im nächsten + Frühjahre:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Aelter wird mein Ellenbogen,</p> + + <p>Schwächer wird mein Handgelenke,</p> + + <p>Ja, der ganze Körper zittert,</p> + + <p>Wenn des Kukuks Ruf ich höre!</p> + </div> + </div> + + <p>Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem + ältesten Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk + Zywie und war ein verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum + hunc universi moderatorem transfigurari in cuculum. Myth. 643. + Dasselbe behauptet auch das griech. und römische Alterthum + vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und eine Säule + dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus der + Zeus (Πῖκος ὁ + Ζεύς), und ebenso hatte er nach + altrömischer Mythe die ausgesetzten Zwillingssöhne des + Mars, Romulus und Remus, aufgeässt und hiess davon Picus + Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein Name "der + Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte + Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und + Gefängnisse aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine + Jungen mit ihr zu füttern, lässt er sie von dem Baume + fallen, unter den man ein rothes Tuch breitet. Wer sie dann in + den Mund nimmt, versteht aller Vögel Sprache. Wie Zeus sich + in den Kukuk verwandelt und sich auf den Scepterstab der Here + setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab weissagend gesessen + haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem + Springwurzel, <!-- 172 --><a name="Page_172" id="Page_172"></a> + theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in Gold. + Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, + der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. + spechtes-hart), welcher der Schauplatz war von Gertrudens + Thätigkeit in Ostfranken, und so heisst das Thier mit + wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.</p> + + <p>Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie + dämonische sind, aus Glücksboten sich in vorahnende + Todesboten verkehren, so geschieht dies vornemlich mit Gertrudens + besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die Seelen der Abgeschiedenen + werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich da entweder in gute + oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche erscheinen sie + hierauf wieder als schädigende oder als bescherende + Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung + nehmen wir nunmehr in Ausführung.</p><a name= + "Teil_3_Abschnitt_3" id="Teil_3_Abschnitt_3"></a> + + <p>Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und + Valfreyja die in der Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben + nach älterem Kirchenglauben die Seelen der Abgeschiedenen + ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu nehmen. Hievon handelt + eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm Myth. 54 citirt: + Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc prima nocte + pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis, + sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. Erweitert + findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's + niederd. <i>Spegel</i>, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- + und Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de + Seele vth dem Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge + hebben by S. Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke + gemeinlyken vor de Döre der groten Stede gebuwet syn; und + darnâ moth se ůuer dat Leuuer-Meer. Dieser hier das + Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin schon + erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den + Bischof Wilderolf und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in + der Sage von Hattos Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon + <!-- 173 --><a name="Page_173" id="Page_173"></a> später. + Gertrudens Kirche und die von den Geistern darin abgehaltene + Todtenmesse spiegelt sich ab in der Nürnberger Sage von der + Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, an dem dieser + Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe verhehlt + hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe + und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen + nach diesem letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die + Wittwe Imhof vor Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier + aber befiel sie der unheimliche Eindruck, als wären statt + der Gemeinde und Geistlichkeit lauter Verstorbene versammelt. Als + sie nun, um anzufragen, aus ihrem Stuhle trat und eine vor ihr + knieende Jungfrau leise auf die Schulter klopfte, erkannte sie in + dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin Gertraud. Auf deren + Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie ihren Mantel + vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins + Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar + gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. + no. 1147. Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen + Nürnberger Patrizierin geworden, welche über das stumme + Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, allein Auskunft zu geben + vermag, deren Herzenszug aber noch immer die Liebe ist zu dem + ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre + liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde + Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die + Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.</p> + + <p>Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie + erscheint als Weisse Maus. Müller-Schambach, + Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas. no. 7. 264. + Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche + abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie + sei ein Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu + sterben, zu mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse + einer Maus zusammenschrumpfte und unter einem Glaskästchen + in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. Bechstein + <!-- 174 --><a name="Page_174" id="Page_174"></a> DSagb. no. 212. + Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen Seher Tiresias, + der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und nach + seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, + Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust + schildert das plötzliche Ende der gespenstischen + Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang ein weisses + Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden + sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen + aufgestellte Feldmauser drei weisse Mäuse fängt und + tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine weisse Maus + quält, dem fressen die übrigen das Korn von der + Schütte. Vor der französ. Invasion 1798 waren im + Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, wo die Schildwache stand, in + jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse Mäuse zu + erblicken, die man für zwölf verwünschte + Rathsherren hielt; so erzählt uns die Bauernfrau Schenker + aus solothurnisch Däniken.—Weisse Mäuse, + berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem + Lande eine Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein + Lager zwischen den Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit + ihnen das Glück des Hauses sterbe. Ein Nest weisser + Mäuse zu finden ist nur Sache eines Sonntagskindes. Auf + Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und lässt + man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das + Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus + zertritt, der führt den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. + Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, von dessen Ausfall man + träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen Tod + drauf erfolgt (Aargau).<a name="FNanchor_18_18" id= + "FNanchor_18_18"></a><a href= + "#Footnote_18_18"><sup>[18]</sup></a> Dem Aberglauben gelten auch + die rothen Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer + in Obermumpf vermochte einem mit offnem Munde Schlafenden als + rothes Mäuschen <!-- 175 --><a name="Page_175" id= + "Page_175"></a> bis ins Herz hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. + 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der niederd. Pfarrer + Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists + nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, + die Seele des Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man + schlafe, aus dem Munde heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen + von in Gestalt der Mäuse auswandernden Seelen wollen wir nun + folgen lassen.</p> + + <p>Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über + der Arbeit entschlafen ist, kommt ein <i>rothes Mäuschen</i> + zum Munde heraus und geht durchs offenstehende Fenster davon. Ein + mit zuschauendes Dienstmädchen rüttelt die Schlafende + von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können. Das + Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach + der vorigen Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. + Nun aber erwachte die Schlafende nicht wieder, sondern blieb + todt. Grimm, DS. 1, S. 335. In Gestalt eines <i>weissen + Mäuschens</i> kommt der Alb durchs Schlüsselloch ins + Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche + vorsorglich schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden + gebreitet hat, legt es nun, da sie ihn stöhnen hört, an + den vier Enden zusammen, thuts in die Schublade der Kommode und + lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben Stunde + war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und + sollte nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der + Sohn, der seit dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten + zufällig den Schlüssel von der Schublade abzog, worin + jenes Tuch lag. Sogleich schlupfte ein weisses Mäuschen + durchs Schlüsselloch und lief zur Thür hinaus. + Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen + wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den + Mund der Leiche gelaufen kam, diese öffnete die Augen und + gehörte wieder dem Leben an. Wolf, Hess. Sag. no. 95. + Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag. no 40. In + gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen + geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat + er das <!-- 176 --><a name="Page_176" id="Page_176"></a> + Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er + statt der Maus ein wunderschönes Mädchen splitternackt + hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. 96. Kuhn, Westfäl. Sag. + no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem Harze seinen + Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus seinem + Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten + Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. + Alsdann wachte der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog + rasch seinen Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er + nie vergeblich, denn sicher hatte er jedesmal durch die Maus + Nachricht erhalten, dass die Knappen falsch gearbeitet oder gar + die Grube verlassen hatten. Pröhle, Harzsagen 1, S. 68. Die + Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der Mittagsrast + einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich einer + Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein + zugelaufen und will hinüber. Der zuschauende Knecht legt + sein entblösstes Schwert wie eine Brücke über den + Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet. + Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die + vorige Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht + sein Schwert weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, + das Thierlein kam herüber, näherte sich dem Schlafenden + und kehrte in seine vorige Herberge ein. Als die Spiessgesellen + den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe begegnet, + antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und + hellig von wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf + dem Wege musste ich zweimal über eine eiserne Brücke. + Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als Wiesel fährt die Seele + eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. Sag. no. 98. Der + Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von Paulus + Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, + dessen Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des + Schlafenden Munde kommt, auf einem Schwerte den Bach + überschleicht, in einen Berg schlieft und rückkehrend + über die nämliche Schwertbrücke in den Mund + <!-- 177 --><a name="Page_177" id="Page_177"></a> des Königs + zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse + mit Eisenbrücken geträumt und im hohlen Berge den Hort + der Ahnen erblickt zu haben. Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. + 433).<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href= + "#Footnote_19_19"><sup>[19]</sup></a> Einige ähnliche Sagen + aus Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. + Die ausfahrende Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, + zumal geflügelter. Aus dem Munde schlafender Hexen bricht + eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. 408), eine Hummel, Wespe, + ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, und Vonbun, + Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden + und umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit + Geister, so können sie sowohl Segens- als auch Rachegeister + werden, den Freund beschützen und den Feindseligen + vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den + Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei + hier wiederum vorangestellt, um zum historisch Wichtigen + emporzuführen. Unser übelverstandner Ausdruck maustodt, + anstatt mhd. murztot, holländ. morsdood, spielt auf Maus und + Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause auf den Tod des + Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird + es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der + Zimmerwand, so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so + betrifft den Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an + seinem Kleide, so stirbt dieser bald. Verlassen sämmtliche + Mäuse mit einem Male das Haus, so ist dies mit Aussterben + bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom. Landolt, + Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:</p> + <!-- 178 --><a name="Page_178" id="Page_178"></a> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Der Aberglaube redt re noh,</p> + + <p>(Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh,</p> + + <p>Glaubt' i's, i müesst mi schäme):</p> + + <p>Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz,</p> + + <p>Geb's i dem Hus en andre Tanz,</p> + + <p>Das heisst, es g'hei bald z'säme.</p> + </div> + </div> + + <p>Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen + Krieges, als sie die Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den + Tod des Feldherrn Carbo, als sie dessen Schuhriemen zerbissen. + Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, 82. Als die + Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons + Götzentempel aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der + Beulenpest und ihre Felder mit dem Mäusefrasse (percussit + inimicos in posteriora. Psalm 77, 66). Nach sieben Monaten + lieferten sie die Arche wieder zurück und übersandten + dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf + goldne Mäuse und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl + der mit der Doppelplage heimgesucht gewesnen philistäischen + Landschaften. 1. Sam. 6, 4. Aehnliche Sühnbilder sind dem + ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der Priesterkönig + Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine + Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot + 2, 141. Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der + phönizischen Ceres zum Sühnopfer gebracht. Welcker, + Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen und im + äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine + Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil + und der Maus dar, sowie auch eine Münze von Metapont die + sechszeilige Gerstenähre zugleich mit der Wanderheuschrecke + und der Maus aufweist. O Heer, Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst + Athene, wie man sie auf Gemmen dargestellt sieht (Tassie no. + 1585), trägt die Maus auf dem Brustharnisch oder auf der + Schulter. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 22. In + allen diesen Sinnbildern ist mithin die Pestseuche an den + Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die + agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus + dargebrachte Opfer an und heben die herschenden Uebel + <!-- 179 --><a name="Page_179" id="Page_179"></a> auf, indem sie + die Mäuse vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber + auch durch die hl. Gertrud gewährt, welche, indem sie die + Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen abwendet. So lange + schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu baierisch + Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die + Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die + allbekannte Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie + die Geschichte von der magischen Pfeife knüpft, mit deren + Tone die Mäuse vertrieben werden, und hiervon noch + später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen Erntenudel + wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner + Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der + Bezauberten Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula + Hamelensis nacherzählt. Als die Stadt Hameln a.d. Weser im + J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und Ratten geplagt war, die + alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem fremden Mann + überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen + Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife + hervor und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den + Hauswinkeln, Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und + folgten ihm zur Weser. Er trat sein Kleid aufschürzend in + den Strom, die Thiere ihm nach und ertranken. Nach verrichteter + Sache begehrte er den bedungenen Lohn. Allein die Bürger + waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am folgenden + Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war + purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und + nun spielte er eine andere, von der gestrigen weit verschiedene + Pfeife. Da liefen ihm binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt + zu, vom vierten bis zum zwölften Altersjahre, die + führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des vor dem + Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem + wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen + weit unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten + erst wieder ans Licht geführt; denn seitdem spricht man in + diesem Lande niedersächsisch.—So <!-- 180 --><a name= + "Page_180" id="Page_180"></a> lassen sich auch in Wolfs Hess. + Sag. no. 14 die Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles + Gewitter, durch einen Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie + ihm aber den Lohn dafür vorenthalten, ist der Ameisen- und + Grillenregen nebst dem Mäuseheere wieder da. Von neuem wird + der Mann berufen, nun kommen jedoch auf seinen Pfiff alle Schafe + und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, und zuletzt alle + Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben verloren.</p> + + <p>Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe + Drancyles-Nouis lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch + Angionini mit dem Erbieten erschien, den Ort von seinen Ratten + und Mäusen zu befreien. Er lockte alle diese Thiere in einen + Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den versprochnen Lohn + vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle Zuchtthiere + des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn + sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. + 392. Die Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die + Mäuse, weil sie Geister sind, nur dem magischen Ton der + Pfeife gehorchen und damit hinweggelockt werden. Wie man mit der + Bastpfeife im Frühling den Fruchtkeim in die Pflanze zu + blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); wie der Seefahrer dem + Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende Maus werde durch + sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du singst mir + alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit + singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich + folgenden Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte + schneidet man ein Pfeifchen und umgeht damit blasend am + Charfreitag das Haus, oder man hängt dem gefangnen Thiere + ein Glöckchen an und lässt es laufen; es springt aus + dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. + Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben + Zweck hatten die Pfeifchen im Schweife der hölzernen + Spielrösschen und die thönernen, die man an der Stelle + des Schwänzleins in <!-- 181 --><a name="Page_181" id= + "Page_181"></a> die Erntenudel der gebacknen Mäuschen + steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt die + Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch + Weingärten; die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre + Umschrift lautet nach Sauten (Kloster Weingarten, 1857, 48):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.</p> + </div> + </div> + + <p>Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn + Bischof Hatto in seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei + lebendigem Leibe gefressen wird, weil er bei einer Hungersnoth + die Armen unter dem Vorgeben einer Brodvertheilung in eine + Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und der Sterbenden + Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine + Mäuse pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit + bei den Unterthanen wird nebst der eben berührten Sage von + Trithemius in der Hirsauer Chronik 1, 116 erzählt und zur + Unterstützung dieser Begebenheit, wie es scheint, dorten S. + 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über + einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer + am thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg + Güttingen soll sich desselben Frevels schuldig gemacht haben + und ebenso von den Mäusen aufgefressen worden sein. + Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es haben W. Menzel (Odin + 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, 307), und + jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo + Smintheus, S. 78 ff.) über diesen Mythus und dessen + zahlreiche Sagen gehandelt, in der Erklärung desselben aber + sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein zweifelhafter sein. + Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und damit + die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte + Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen + mit Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn + in Gestalt der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der + gemeinsamen Seuche erliegt. Mäuse werden daher Gottes + Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder Seuchenzeit einstellen. + Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den + <!-- 182 --><a name="Page_182" id="Page_182"></a> Irchelberg + flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer + gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. + Zur Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine + stehende Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch + Mäuse gehext habe. Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die + gegen jeden Flausenmacher gebräuchliche Phrase: Mach mir + keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und will sich + nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes + Bürgergeneral, 9. Auftritt.</p> + + <p>Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder + besuchende Seele hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man + mit den Fingern über die Brust des Kindes hinauf tippt, + sprechend:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Kommt ein Mäuschen,</p> + + <p>will ins Häuschen,</p> + + <p>da 'nein, da 'nein!</p> + </div> + </div> + + <p>Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit + verpflichtet zu sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu + sollen. Bei dem Prozesse, welchen die tiroler Gemeinde Stilfs + 1590 gegen die Schädigung der Lutmäuse beim Amte Glurns + anhängig machte, erhielten beide Parteien ihren Procurator, + das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt, für + Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der + Beschluss lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 + Tagen den Landstrich gänzlich zu verlassen, jedoch unter + freiem Geleite gegen Hund, Katze und jeden andern Feind; "wo aber + ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre, oder Jugend + halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein + weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, + Sag. no. 708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu + Autun 1540, welches die Mäuse als Saatenverwüster + anklagen und verurtheilen liess; der Mäuse Anwalt jedoch, + Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des Pariser + Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch + nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen + durch Hunde und Katzen unsicher <!-- 183 --><a name="Page_183" + id="Page_183"></a> seien; füglich auch nicht erscheinen. + Diebolt, Histor. Welt, 1715, S. 1117.</p> + + <p>Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten + Ernteopfern, findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier + geknüpften volksmedizinischen Bräuche, deren + allverbreiteter gleichfalls auf ein Opfer hinausläuft. + Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den Wechselzahn ins + Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen, dessen + Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt + wird.<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href= + "#Footnote_20_20"><sup>[20]</sup></a> In Pforzheim spricht man + (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da hast du einen + hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.—In + Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein + Steindel.—Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen + Zahn, gieb du mir einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. + 34. Im Aargau heisst es (Alemann. Kinderl. S. 338):</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Müsli, Müsli, nimm de Zah,</p> + + <p>gim-mer en schöne goldige dra,</p> + + <p>frei en schöne wîsse,</p> + + <p>ass ech's Brod cha bîsse.</p> + </div> + </div> + + <p>Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter + nicht selber verschluckt, hoch gegen Himmel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Seh, liebe Herrgett, en Zah!</p> + + <p>Gieb mer wider en andre dra.—</p> + </div> + </div> + + <p>In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht + beim Schneidezahn:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Se, Mäusle, has du dean Za,</p> + + <p>sez mer derfür en andra na!</p> + </div> + </div> + + <p>Beim Mahlzahn heisst es:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wolf, Wolf, da has en Za,</p> + + <p>gi mer derfür no koen Biberza!</p> + </div> + </div> + + <p>Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. <i>Biber</i> ist + schwäbisch Name des wälschen Hahns (Birlinger, + Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass mir den Zahn + nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein altarabischer + Spruch in <!-- 184 --><a name="Page_184" id="Page_184"></a> + Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den + Schichtzahn gleichfalls der Sonne:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Liebes Kind, nimm deinen Zahn,</p> + + <p>Der dir ausgefallen,</p> + + <p>Wirf ihn zu der Sonn' hinan,</p> + + <p>Sprich mit frohem Lallen:</p> + + <p>Gieb mir einen bessern dran!</p> + + <p>Und du wirst von allen</p> + + <p>Neuen Zähnen keinen Zahn</p> + + <p>Schwarz und schief und stumpf empfahn,</p> + + <p>Sondern jeden wohlgethan.</p> + + <p>Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.</p> + </div> + </div> + + <p>Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, + Lichtalfenheim, zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der + Zahn ist also eine Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste + Milchzahn heisst in Süddeutschland Wölfle (Alemann. + Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden dem zahnenden Kinde + umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht auf den + Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr + zum Opfer fällt.</p> + + <p>In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 + lässt sich die Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald + einen goldnen, bald einen silbernen einsetzen, besiegt darauf + ihres Vaters Feinde, befreit das Land und wird des fremden + Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn wirklich in Gold + gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst anderen dahin + einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten + Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. + Der hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in + Höhlen wohnenden Thieres soll auch dem jungen Menschen zu + Theil werden, wenn er seine Zähne in den Boden säet; + darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die Zähne des + erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen + erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den + Schneidezahn wirft man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, + heisst es; der erste Zahn heisst in Süddeutschland + Wölfle, und wölfen ist <!-- 185 --><a name="Page_185" + id="Page_185"></a> zahnen: Aus Wolfs- und Rosszähnen bestand + die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst umhieng, und + selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den + Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des + Bären und Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als + Amulette getragen zu werden. Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft + 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz bei Plinius überein + HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden zahnenden + Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung + angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen + Zahnschmerz. Weil die Maus Alles benascht, streut man dem + naschenden Kinde heimlich eine gepulverte Maus auf die Speise, + damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. Höchst + auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von + welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen + hat. Das Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von + Angers (Poenitentiale Andegavense) schreiben dem Priester vor, + die Frage an sein Beichtkind zu stellen, ob es von dem + zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen habe: edisti de + liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das Verbot + gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, + darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den + Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen + Kirchenvisitation strenge Nachforschung hierüber + anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die Unsitte bis heute + fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel gegen + Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden + muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, + welches von Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach + neuerlich angestellter Analyse aus pulverisirten Mäusen. + Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die uns persönlich + umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien + dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus + zu trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch + irreleiten, dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, + welche <!-- 186 --><a name="Page_186" id="Page_186"></a> den Harn + nicht verhalten können, gepulverte Mäuse unter der + Speise zu essen verordnet; denn diese Heilmethode gründet + sich auf ein blosses Wortspiel und steht nicht in entfernter + Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, dämonischen + Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit + Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die + Muskelschwäche am Halse der Harnblase durch eine + eingenommene Maus zu heilen, da latein. musculus beides ist, + Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin nahm nicht bloss + diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran + geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides + ursprünglich unter dem Einflusse der wälschen + Universitäten zu Padua und Montpellier stand. Peter + Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie + des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und + schreibt daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) + wörtlich nach: "Das Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das + Mäusslin, so umb den Hals der Harnblasen herumbliegt, + verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht mehr gehorchen + kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck und + pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist + kumpt durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", + schreibt der Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, + Zürich 1554, Blatt 126b; Johann von Muralt lehrt in seinem + Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: "Wann die junge Kinder so + hart verstopft, also dass jhnen der Leib auflauft, so gib jhnen + ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."</p> + + <p>Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, + Realwörterb. 3, 125, der schon vorhin erwähnten Stelle + l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die dorten enthaltenen + Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen + stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür + bedeutet.</p> + + <p>Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der + Wurzel mûsch, stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn + das indische Gesetzbuch Yajnavalkya III, 214 (übers. + <!-- 187 --><a name="Page_187" id="Page_187"></a> von Stenzler) + zustimmend besagt: "Eine Maus wird der Getraidedieb sein, denn + wie die verschiednen Gegenstände sind, so sind auch die + Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen + Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet + stehlen. Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt + Plautus in den Gefangenen den Schmaruzer sagen. In des Hieron. + Bock Teutscher Speisekammer, 1555, sagt das Vorwort:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Mein frischgebachen brot</p> + + <p>muoss leiden vil der not</p> + + <p>von hunden vnd von katzen,</p> + + <p>von meusen vnd von ratzen,</p> + + <p>zerhülchen's, schliefen drein,</p> + + <p>wolt, sie schwimmen im Rhein!</p> + </div> + </div><a name="Teil_3_Abschnitt_4" id="Teil_3_Abschnitt_4"></a> + + <p>Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit + ältester Zeit für bestimmte Zeitfristen allgemein + beobachtete Ueblichkeiten fest, durch die man dem + schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen glaubte, + indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in + deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in + unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um + Weihnachten und Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre + Julzeit, halten (Volksglauben in der Mark), oder wo nach + oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren Umzug hält, nicht + spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das + Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im + Gedichte von den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: + Dass dich das Mäuslein beisst! denn alles was man in der + Fasnacht spinnt, das fressen die Mäuse (Aargau). Man darf + alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst stehlen sie das + Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach Kuhns + Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, + Scheunenbodenläufer, in Dänemark Tede, die Kleinen. + Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch so fest, dass + der dänische Ortspfarrer Laurids Muns († 1774) + während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern + stets nur Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. + <!-- 188 --><a name="Page_188" id="Page_188"></a> Weihnacht. pg. + 13. Die Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel + übrig bleibt, schüttet man gegen die Kornmäuse in + die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch v. Abgl. 1790. 1, 237. In + Grochwitz bei Torgau bäckt man die Fasnachtsküchlein. + in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit ihr dem + wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier + das Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode + voraus. Dasselbe gilt in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des + Hofbauern die Mehlspeise der gebacknen Mäuschen als + Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils bei Nacht, + theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die + Garben der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser + Nachtarbeit nicht mit zusehen können, so werden auch die + Garben vor ihnen sicher bleiben, jedoch vermehren sich die + Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit flucht. + Bavaria 2, 300.</p> + + <p>Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den + Aehren nach unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den + Mäusen, die hiemit sich begnügen und den Geizigen + heimsuchen mögen. Die Beinchen vom Osterfleischkuchen, + welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, streut man + gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge. + Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt + man vom Schmalz, worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis + zur Ernte auf und salbt damit die Räder des Erntewagens. + Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt der abladende Knecht + den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die Katze + für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die + Scheune kommen. Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl + schüttet man in die Scheunentenne und spricht: + Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide + in Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen + wird in die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der + sie Abladende fragt den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? + Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, erwiedert Jener, so wissen die + Mäuse auch nicht, wo ich <!-- 189 --><a name="Page_189" id= + "Page_189"></a> meine Gerste hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. + 187. In des Albertus Magnus Egypt. Geheimnissen Heft 3, 73 heisst + es: "Wann du das Korn zum ersten einführst, so nimm die + erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine rechte Hand und + sprich:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Da leg ich dem Menschen das Brot</p> + + <p>und allen Mäusen den bittern Tod."</p> + </div> + </div> + + <p>Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht + abzuhalmen, auf dass die Mäuse das Korn nicht fressen. + Schiller, Thier- und Kräuterb. 3, S. 9a.</p> + + <p>Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen + Jahreszeiten in Mausform gebackenen Zweckbrode.</p> + + <p>Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche + Bäuerin junge Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig + und bäckt sie in Butter ab; hinten muss dann der Blattstiel + gleich einem Mausschwänzchen aus der Nudel vorstehen. Die um + dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen grösseren + Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein + thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx + Rumpolts Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in + dieses Mehlmäuslein die Pflanzen Bertram, Borrag und U. + Frauen Blätter. Noch älter ist folgende Notiz in der + Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz + gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie + schôn. seüd sie weich vnd stoss sie in einem morsser. + bestreich ein saluenblat damit vnd deck ein anders daruber, druck + sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch bey einander bleiben. + mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, zeuch es dardurch + vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt von dieser + Nudel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Bachen wir ein Küchelein,</p> + + <p>Meuselein und Streubelein</p> + + <p>Und trinken auch den kühlen Wein,</p> + + <p>Kaku-kaka-nai,</p> + + <p>Dass man fröhlich sei.</p> + </div> + </div> + + <p>In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, + <!-- 190 --><a name="Page_190" id="Page_190"></a> S. 45) heisst + es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar + nid z' verachte,</p> + + <p>Wämmä de Zucker nid spart und wämmä + cha gnueg devu esse.</p> + </div> + </div> + + <p>Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal + wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel + aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben + Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern + heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen + war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der + Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich + schätzt man einen in Arras, Béthune und St. Quentin + einheimischen Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides + bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der + Nürnberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird für + eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner, Sagb. no. + 641.</p> + + <p>Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen + nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und + Wappenthiere in den weiteren Erntebräuchen, besonders beim + Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt man am + Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und + hängt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, + 399; in Baiern wirft man Frauenschühlein, melilotus, und + Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins + Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann + ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen + fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen + bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. + Temme, Volksag. von Pommern und Rügen 329. Hier ist in des + Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim + Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei + Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten + Mütterleins, das gebückt am Stabe geht, oder einer + Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich im Spiegel des + dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker + <!-- 191 --><a name="Page_191" id="Page_191"></a> Flur getragen + zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran, + von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. + 111. Bei Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in + welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt; + nächtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs + weissen Mäusen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet. + Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb. + no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt + solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende + der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des + Grossen Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der + Mainströmung glaubt man dorten nächtlicher Weile + Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;<a name="FNanchor_21_21" + id="FNanchor_21_21"></a><a href= + "#Footnote_21_21"><sup>[21]</sup></a> wo sie zum Gebete + niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig + unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst + kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche + Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die + Geburtsschmerzen und fördert die Geburten. Jac. Schmid, + Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch + ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten + heilkräftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50. + Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu + Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum + Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die + Messe und entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. + 207. Während sie auf Schloss Karleburg am Main einen + Frauenconvent gründete, <!-- 192 --><a name="Page_192" id= + "Page_192"></a> wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die + Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unrühmlich + verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht + misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, + stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu + Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte + Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. + 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten; + letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von + der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen + Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb + erschöpft und dürstend in der Einsamkeit stehen, als + plötzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang + die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV. + 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.</p> + + <p>Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der + altherkömmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen + ist: Gertrudis Minne zu trinken.</p> + + <p>Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) + seiner Götter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, + Abschiedsschmäussen feierlich den ersten oder letzten + Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf + Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des + siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. + Nach der Bekehrung trank das unter christlicher Hülle + fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und + Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat darüber aus unsern + einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe + Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im + Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne + getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe + zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und + Gertrudenminne (Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage + scheint diese <!-- 193 --><a name="Page_193" id="Page_193"></a> + kirchliche Sitte nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. + im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und + Belgien allgemein üblich gewesen und soll dorten aus Abscheu + vor dem Andenken an den Verräther Gysbrecht abgekommen sein, + dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich + Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den + Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu + trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den + Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück + kehre, sich eine <i>gute Herberge</i> jenseits zu sichern, da der + abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud + angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer + Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das Glas, + aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form + eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht + bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe + machte, sondern jener weitesten, welche über den Todesstrom + führt und unsern Ausdruck Absegeln für Sterben zur + Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt Deutscher + Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus + einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen + sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das + schon erwähnte Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud + mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. + 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei + heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das + sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer verwandelt und + ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie + dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem + schiffähnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten + den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walküren den Asen + den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausgeübte + Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der + Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach + <!-- 194 --><a name="Page_194" id="Page_194"></a> eine andere + Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren + jüngeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern + Hollands gewesen war; sie trägt den Beinamen Von Osten, weil + sie unter den Zechliedern der Wirthsgäste das geistliche + Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und öfters + hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, + zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen + Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, + in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern + Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.</p> + + <p>Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der + Walküre sind ausser ihrem schon anfangs erklärten + mythischen Namen nachfolgende.</p> + + <p>Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender + Gefolgsgeist, seine Fylgja, lässt sich mit ihm in ein + Ehebündniss ein, schützt ihn mit Gefahr ihres eignen + Lebens vor den feindlichen und den höllischen Waffen, reitet + für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach + dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten + Besitz und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, + welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte + diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber + war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes + Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe dieses + Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und + weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer + verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins + Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, + wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in + Erfüllung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. + no. 42 und 358 ist ein ähnliches Bündniss im Tone der + Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich dem + Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen + Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse + einen Becher Geerdenminne <!-- 195 --><a name="Page_195" id= + "Page_195"></a> zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von + Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch + der Satan konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert + die hl. Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu + Rosse. Dieser Vorfall war später in der Heppener Kirche + künstlich gemalt zu sehen. Mittelhochd. Dichtungen tragen + ähnliches auf die hl. Maria über, die als Schutzgeist + eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache + deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den + Schutzbefohlnen aufs Turnier ziehen und in Gefechten + mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert daraus, dass Maria + hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen Frouwa + getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem + Götterwagen mit zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der + reitenden Walküren gleichfalls das Schlachtross besteigt und + sich ins Schlachtgetümmel mischt; eben dahin sei denn auch + jene Kirche in Vorderditmarschen zu deuten, deren Name ist Unse + leve Fru up dem perde.</p> + <hr class="smallrule"> + <a name="Teil_3_Abschnitt_5" id="Teil_3_Abschnitt_5"></a> + + <p>Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, + auf einem gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das + Stellfigürchen einer aus Terracotta geformten Maus nebst + demjenigen eines Hähnchens ausgegraben und beides uns zu + einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der + Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an + römischen Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat + jüngst auch zur Entdeckung eines wohlerhaltnen Brennofens + geführt; man erhob daselbst eherne Legionsadler, + Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4. + Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem + unsrigen ganz gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur + der Maus ist phallisch dargestellt und entspricht dadurch dem + Hahn, dem Symbol der Regenerationskraft. Die Maus trägt eine + Schelle um den Hals gebunden; denn nach Apollodor (Fragmente) + wurde für Sterbende Erz an einander <!-- 196 --><a name= + "Page_196" id="Page_196"></a> geschlagen und die Spartaner + geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu Grabe; "der + Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der Macht + der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das + Krähen des Hahnes das Licht des neuen Tages.</p> + + <p>Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns + durch Hn. Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. + Die Figur ist aus ungesäuertem Teig gebacken und mit + Eierklar glasirt. Die Landleute aus der Umgegend von Oxford + pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen + Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum + Essen bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und + Kamingesimse, finden aber ihr Ende zuletzt doch im + Kindermagen.</p> + <hr class="smallrule"> + + <p>FUSSNOTEN:</p><a name="Footnote_13_13" id= + "Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13">[13]</a> + + <div class="note"> + <p>Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein + Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen + die Zähne nicht mehr. Waitz, Anthropol. der + Naturvölker 4, 165.</p> + </div><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href= + "#FNanchor_14_14">[14]</a> + + <div class="note"> + <p>Firmenich, Völkerstimm. 3, 112.</p> + </div><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href= + "#FNanchor_15_15">[15]</a> + + <div class="note"> + <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p> + </div><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href= + "#FNanchor_16_16">[16]</a> + + <div class="note"> + <p>Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.</p> + </div><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href= + "#FNanchor_17_17">[17]</a> + + <div class="note"> + <p>Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285.</p> + </div><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href= + "#FNanchor_18_18">[18]</a> + + <div class="note"> + <p>Alemann. Kinderlied.</p> + </div><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href= + "#FNanchor_19_19">[19]</a> + + <div class="note"> + <p>Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien + ihm ausgefallen; der Traumdeuter erklärte dies dahin, der + Monarch werde alle seine Verwandten überleben. + Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das + Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der + schwarze Zahn, der alles benagende Zahn der Zeit.</p> + </div><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href= + "#FNanchor_20_20">[20]</a> + + <div class="note"> + <p>In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, + Einsiedeln bei Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. + März der hl. König Guntram abgebildet, schlafend + unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber dieses legt + der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde + gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im + Hintergrunde mit offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte + Gebet ruft den hl. Guntram an, weil er seine Schätze den + Armen geschenkt und dafür einen ihm von Gott im Schlafe + gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.</p> + </div><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href= + "#FNanchor_21_21">[21]</a> + + <div class="note"> + <p>Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der + hl. Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem + Hofe bei Kulm in Preussen, überschritt hier die grossen + Teiche, die zwischen ihrer Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden + Sonntag, um rechtzeitig in die Messe nach Kulm kommen zu + können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre Fussspur in + jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine + Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten + auf den Wellen der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen + schimmern, welche hier Königin Berta zurückgelassen. + Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers + silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera.</p> + </div> + <hr class="smallrule"> + <hr class="bigrule"> + <a name="Nachtrage" id="Nachtrage"></a> + + <h2>Nachträge.</h2><a name="Footnote_NACHTRAG_1_22" id= + "Footnote_NACHTRAG_1_22"></a> <a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_1_22">[Nachtrag 1]</a> + + <div class="note"> + <p>Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele <i>den + Sommer ins Land ritt</i> und in Scheingefechten den Winter + besiegte, hat ihre neueste Vervollständigung gefunden + durch die drei Bildergruppen eines altdeutschen Teppichs auf + der Wartburg, dessen Contouren im Anzeiger des German. Museums + 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen die Berennung und + Vertheidigung einer Burg durch Wilde Männer dar. Aus einem + Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, + um Haupt und Lenden Epheukränze tragend, jeder auf einem + phantastischen adlerklauigen Rosse, dem sg. <i>Wasser-</i> oder + <i>Pfingstvogel</i>. Voraus reitet der Maikönig, kenntlich + durch seine offne Goldkrone mit dem Ornamente der drei stumpfen + Blätter, über welche sein Hirschgeweih emporragt. + Daher heisst er in Oberdeutschland <i>Hirzmontagreiter</i>. + <!-- 197 --><a name="Page_197" id="Page_197"></a> Um die + Hüfte trägt er einen Gürtel von Rosen. Er und + sein Gefolge schiesst mit Pfeil und Speer Rosen in die + gegenüberliegende Burg. Ihre Absicht steht auf den sie + umgebenden Spruchbändern zu lesen.</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Wol vf alle mine wilden man,</p> + + <p>wir wellent festen und buirge han.</p><br> + + <p>Schiessen alle, nieman lôss abe</p> + + <p>an büte gewinnen, will einer habe.</p> + </div> + </div> + + <p>Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den + ein vor den Sommerreitern her eilender Jüngling mit herbei + getragnen Brettern zu überbrücken strebt. Von den + Zinnen herab kämpfen fünf dicht in Wollenfliesse + gekleidete Männer, die Winterkönige; denn auch sie + tragen Kronen wie der Maikönig und schiessen und + schleudern lauter Lilien. Ihr Burgwart am Söller + stösst ins Rom; das Spruchband über ihnen besagt</p> + + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p>Vnser vesten, die ist wol behůt</p> + + <p>mit gilgen, klewen, rosenbůt.</p> + </div> + </div> + + <p>Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, + von allen Frühlingsthieren belebtem Rasen ein grosses + Lustzelt aufgeschlagen, in welchem die Maikönigin bereits + Platz genommen hat. Auch sie trägt die offne Goldkrone im + wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch gebreitet, + darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei + Gesellschafter bedienen sie.—Schon Friedrich Panzer hat + im zweiten Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des + <i>Wasservogels</i> abbilden lassen, wie er sie auf einem + Wandbilde zu Forchheim im dortigen alten Schlosse, jetzigem + Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss hohe Figur zeigt + einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels agirend. Vor + dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnäbelte + Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver + Ring im Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, + die gleichfalls das dreifache Blätterornament zeigt. Im + Luft hängt ein kurzes krummes Schwert (das sg. + <i>Pfingstschwert</i>), in der Linken <!-- 198 --><a name= + "Page_198" id="Page_198"></a> schwingt er die Lanze, mit der + Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zügel + seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von + Seerosen arabeskenhaft umrankt.</p> + </div><a name="Footnote_NACHTRAG_2_23" id= + "Footnote_NACHTRAG_2_23"></a><a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_2_23">[Nachtrag 2]</a> + + <div class="note"> + <p>Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die Verenareliquien + untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem + Eisensärglein neben Rückgratstrümmern vier + apfelgrosse Lehmkugeln. In den von mir eröffneten und + beschriebnen heidnischen Waldgräbern zu Lunkhofen haben + sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des Leichenbrandes + vorgefunden und werden nun in der aargauer + Alterthümersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.</p> + </div><a name="Footnote_NACHTRAG_3_24" id= + "Footnote_NACHTRAG_3_24"></a><a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_3_24">[Nachtrag 3]</a> + + <div class="note"> + <p>Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach + <i>Zerzyaca</i>. Durch diese Namensform wird die sprachlich + schon sich verrathende späte Entstehung dieses Gedichtes + weiter bestätigt. Es leitet nemlich der Ortsname Certiacum + ab von einem bei Egid Tschudi in der <i>Gallia comata</i> S. + 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwähnten + römischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem <i>Junius + Certus</i> aus dem Voltinianischen Geschlechte von seinem + gleichnamigen Erben gesetzt worden. Dieser Stein ist nachmals + durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, die oft citirte Inschrift + aber längst als unecht erkannt worden.</p> + </div><a name="Footnote_NACHTRAG_4_25" id= + "Footnote_NACHTRAG_4_25"></a><a href= + "#FNanchor_NACHTRAG_4_25">[Nachtrag 4]</a> + + <div class="note"> + <p>Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht, + gelten mancher Orten gleichmässig als weissagende + Liebesboten. In Deutschböhmen entnimmt man aus dem + Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man bald heiraten werde; der + Specht hat es bestätigt, sagt man dann. Grohmann, Abgl. S. + 70.</p> + </div> + <hr class="bigrule"> + <!-- 199 --><a name="Page_199" id="Page_199"></a> <a name= + "Wortregister" id="Wortregister"></a> + + <h2>Wortregister.</h2> + + <p><a href="#Letter_a">[A]</a> <a href="#Letter_b">[B]</a> + <a href="#Letter_e">[E]</a> <a href="#Letter_f">[F]</a> <a href= + "#Letter_g">[G]</a> <a href="#Letter_h">[H]</a> <a href= + "#Letter_k">[K]</a> <a href="#Letter_l">[L]</a> <a href= + "#Letter_m">[M]</a> <a href="#Letter_o">[O]</a> <a href= + "#Letter_p">[P]</a> <a href="#Letter_r">[R]</a> <a href= + "#Letter_s">[S]</a> <a href="#Letter_t">[T]</a> <a href= + "#Letter_v">[V]</a> <a href="#Letter_w">[W]</a></p> + <!-- A --><a name="Letter_a" id="Letter_a"></a> Ankenbrüt. + <a href="#Page_074">[1]</a><br> + Ankenschnittenprozession. <a href="#Page_068">[1]</a><br> + Ara, Aarefluss bei Solothurn. <a href="#Page_109">[1]</a><br> + arbaiz, Erbsen. <a href="#Page_109">[1]</a><br> + Aufburg bei Zurzach, röm. Castrum. <a href= + "#Page_103">[1]</a><br> + <br> + <!-- B --><a name="Letter_b" id="Letter_b"></a> Becker und + Beckerin, in Kukuk und Specht verwünscht. <a href= + "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_166">[2]</a><br> + Bilihildis, hl., aus fränkisch Veitshochheim. <a href= + "#Page_037">[1]</a><br> + Brod,<br> + <span style="margin-left: 1em;">den Elementen geopfert. <a href= + "#Page_022">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Erntebrod. <a href= + "#Page_189">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Eulogienbrod. <a href= + "#Page_031">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">gegen Tollwuth. <a href= + "#Page_023">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">gegen Wolfshunger. <a href= + "#Page_024">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">phallische Zweckbrode. <a href= + "#Page_084">[1]</a> <a href="#Page_085">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Brodkipf Verenas und Rategundis, + in einen Kamm verwandelt. <a href="#Page_096">[1]</a> <a href= + "#Page_121">[2]</a> <a href="#Page_122">[3]</a></span><br> + Brunnen Walburgis,<br> + <span style="margin-left: 1em;">im Elsass. <a href= + "#Page_060">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Franken. <a href= + "#Page_006">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Holland. <a href= + "#Page_064">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Tirol. <a href= + "#Page_006">[1]</a></span><br> + Brustbein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br> + Butterschnitte,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Präservativ und + Heilmittel. <a href="#Page_023">[1]</a> <a href= + "#Page_024">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">bei kirchl. Prozessionen. + <a href="#Page_068">[1]</a></span><br> + Buttergewinn, zauberischer. <a href="#Page_074">[1]</a><br> + <br> + <!-- E --><a name="Letter_e" id="Letter_e"></a> Elben in + Mausgestalt. <a href="#Page_187">[1]</a><br> + Emmetsheimer Steinbild phallisch. <a href="#Page_083">[1]</a><br> + Erntebrode. <a href="#Page_189">[1]</a><br> + Ernteopfer. <a href="#Page_188">[1]</a><br> + Eulogienbrod. <a href="#Page_031">[1]</a><br> + <br> + <!-- F --><a name="Letter_f" id="Letter_f"></a> Fadenziehen, ein + Liebesorakel. <a href="#Page_040">[1]</a><br> + Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige. + <a href="#Page_028">[1]</a><br> + <br> + <!-- G --><a name="Letter_g" id="Letter_g"></a> Gertraud von + Osten. <a href="#Page_194">[1]</a><br> + Gertrud,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Verstorbene beherbergend. + <a href="#Page_172">[1]</a> <a href= + "#Page_193">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">zu Rosse. <a href= + "#Page_195">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Waldfrau. <a href= + "#Page_194">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkirchen,</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">niederdeutsche. <a href= + "#Page_163">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">ostfränkische. <a href= + "#Page_191">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenkraut. <a href= + "#Page_190">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenminne trinken. <a href= + "#Page_163">[1]</a> <a href="#Page_192">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudentag, Kalenderregeln. + <a href="#Page_164">[1]</a> <a href= + "#Page_165">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudenvogel. <a href= + "#Page_165">[1]</a> <a href="#Page_191">[2]</a> <a href= + "#Page_192">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens Fusstapfen in den + Mainwellen. <a href="#Page_191">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Mantel. <a href= + "#Page_191">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Spindel mit den zwei + Mäusen. <a href="#Page_164">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Schiff als Trinkgefäss. + <a href="#Page_163">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">G's Wagen. <a href= + "#Page_163">[1]</a></span><br> + Gnadenstein Walburgis. <a href="#Page_008">[1]</a><br> + <br> + <!-- H --><a name="Letter_h" id="Letter_h"></a> Hagel, ein + König. <a href="#Page_053">[1]</a><br> + Hagelfeierpredigten. <a href="#Page_067">[1]</a><br> + Hagelsquelle. <a href="#Page_006">[1]</a><br> + Heiden- und Schönbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a><br> + Heidenkirchen,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als spätere Walburgskirchen. + <a href="#Page_016">[1]</a> <a href= + "#Page_080">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als spätere Verenakirchen. + <a href="#Page_100">[1]</a></span><br> + <!-- 200 --><a name="Page_200" id="Page_200"></a> Heilquellen + Verena's. <a href="#Page_133">[1]</a><br> + Heilwag. <a href="#Page_063">[1]</a><br> + Helgenbronn. <a href="#Page_060">[1]</a><br> + Holpurga. <a href="#Page_090">[1]</a><br> + Honigfall. <a href="#Page_075">[1]</a><br> + Hund,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Walburgis Gefolgsthier. + <a href="#Page_018">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als das anderer Göttinnen. + <a href="#Page_020">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Speisenname. <a href= + "#Page_023">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">gegen Sturmwind und Kornbrand + geopfert. <a href="#Page_022">[1]</a></span><br> + Hühner, kirchlich geheiligte. <a href= + "#Page_032">[1]</a><br> + <br> + <!-- K --><a name="Letter_k" id="Letter_k"></a> Käsbrunnen. + <a href="#Page_006">[1]</a><br> + Kleinkinderbrunnen. <a href="#Page_060">[1]</a> <a href= + "#Page_128">[2]</a> <a href="#Page_129">[3]</a> <a href= + "#Page_130">[4]</a><br> + Kleinkindersteine. <a href="#Page_118">[1]</a><br> + Klumpfüsse,<br> + <span style="margin-left: 1em;">durch Walburg geheilt. <a href= + "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_014">[2]</a> <a href= + "#Page_088">[3]</a></span><br> + Konstanzer Bisthumsgrenzen. <a href="#Page_099">[1]</a><br> + Kornähre,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Mittel gegen Hundebiss. <a href= + "#Page_023">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Mariae und Walburgis Emblem, + <a href="#Page_025">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">das des hl. Oswald. <a href= + "#Page_090">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Sinnbild von Obereigenthum. + <a href="#Page_030">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">der Truden Zaubergestalt. + <a href="#Page_029">[1]</a></span><br> + Korngarbe, Walburgis Versteck. <a href="#Page_027">[1]</a><br> + Kriemhiltengraben am Jung-Albis. <a href="#Page_146">[1]</a><br> + Kukuk,<br> + <span style="margin-left: 1em;">ein verwünschter Becker. + <a href="#Page_166">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">auf dem Binsenstühlchen + weissagend. <a href="#Page_169">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Lebensorakel. <a href= + "#Page_170">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Theuerungsprophete. <a href= + "#Page_168">[1]</a></span><br> + <br> + <br> + <!-- L --><a name="Letter_l" id="Letter_l"></a> Lehmkugeln,<br> + <span style="margin-left: 1em;">in Heiligengräbern. <a href= + "#Page_105">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Heidengräbern, <i>s. Nachträge</i>.</span><br> + Lebermeer. <a href="#Page_172">[1]</a><br> + <br> + <!-- M --><a name="Letter_m" id="Letter_m"></a> Maibad. <a href= + "#Page_062">[1]</a><br> + Maiengericht, dessen Kostenbetrag. <a href= + "#Page_048">[1]</a><br> + Maienthau,<br> + <span style="margin-left: 1em;">abstreifen. <a href= + "#Page_071">[1]</a> <a href="#Page_073">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">baden im Maienthau. <a href= + "#Page_059">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Maienthau der Erdmännlein. + <a href="#Page_058">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">kosmetisch. <a href= + "#Page_057">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">medicinisch. <a href= + "#Page_058">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">sprichwörtlich. <a href= + "#Page_061">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">zauberisch. <a href= + "#Page_073">[1]</a></span><br> + Maigraf, Maigräfin. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href= + "#Page_038">[2]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s. + Nachträge</i>.</a><br> + Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. <a href= + "#Page_037">[1]</a><br> + Mairitt. <a href="#Page_034">[1]</a> <a href= + "#Page_068">[1]</a><br> + Mauritius, Verenas Verwandter. <a href="#Page_110">[1]</a><br> + Maus,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Alb. <a href= + "#Page_174">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">vor Gericht geladen. <a href= + "#Page_182">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Ortsgeist. <a href= + "#Page_173">[1]</a> <a href="#Page_174">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Pestthier. <a href= + "#Page_177">[1]</a> <a href="#Page_182">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Seele wandernd. <a href= + "#Page_174">[1]</a> <a href="#Page_175">[2]</a> <a href= + "#Page_176">[3]</a> <a href="#Page_177">[4]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Sühnbild. <a href= + "#Page_178">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als antikes Stellfigürchen + in Gräbern. <a href="#Page_195">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in Gestalt des Zweckbrodes. + <a href="#Page_189">[1]</a> <a href= + "#Page_196">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Stadtwahrzeichen. <a href= + "#Page_173">[1]</a></span><br> + Maus weisse, geheiligt. <a href="#Page_174">[1]</a><br> + Maustrank. <a href="#Page_185">[1]</a><br> + Mausöhrleinkraut. <a href="#Page_190">[1]</a><br> + Mäusegespann. <a href="#Page_190">[1]</a><br> + Mäuse machen. <a href="#Page_182">[1]</a><br> + Metzentanz in Zurzach. <a href="#Page_154">[1]</a><br> + Minnetrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href= + "#Page_063">[2]</a><br> + Mühle als Ort der Liebesabenteuer. <a href= + "#Page_116">[1]</a><br> + Mühlstein,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Rechtsmittel bei der + Abkunftsprobe. <a href="#Page_118">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">schwimmender. <a href= + "#Page_117">[1]</a></span><br> + Müllerbräuche am Verenentage. <a href= + "#Page_112">[1]</a><br> + <br> + <!-- O --><a name="Letter_o" id="Letter_o"></a> Oel,<br> + <span style="margin-left: 1em;">hl., ein Augenmittel. <a href= + "#Page_127">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">aus Heiligenknochen. <a href= + "#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_009">[2]</a> <a href= + "#Page_012">[3]</a> <a href="#Page_013">[4]</a> <a href= + "#Page_014">[5]</a> <a href="#Page_015">[6]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">der Walburgishexen. <a href= + "#Page_078">[1]</a></span><br> + <br> + Ortschaften des Namens Walburg. <a href="#Page_016">[1]</a><br> + Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. <a href= + "#Page_090">[1]</a><br> + Osterbad, reiten ins. <a href="#Page_069">[1]</a><br> + <br> + <!-- P --><a name="Letter_p" id="Letter_p"></a> Pfeife, magisch + wirkende. <a href="#Page_179">[1]</a> <a href= + "#Page_180">[2]</a><br> + Phallische Götterbilder, ihr Zweck. <a href= + "#Page_084">[1]</a><br> + <br> + <!-- 201 --><a name="Page_201" id="Page_201"></a> + <!-- R --><a name="Letter_r" id="Letter_r"></a> Reimsprüche + beim Meienpflanzen. <a href="#Page_039">[1]</a><br> + Richard, Walburgis Vater. <a href="#Page_005">[1]</a> <a href= + "#Page_087">[2]</a><br> + Rimleins- und Römleinsbrunnen. <a href="#Page_006">[1]</a> + <a href="#Page_064">[2]</a><br> + Roggenähre, Mittel gegen tolle Hunde. <a href= + "#Page_023">[1]</a><br> + Ross,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Gertrudens. <a href= + "#Page_195">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenae. <a href= + "#Page_139">[1]</a></span><br> + Rutscherzins. <a href="#Page_039">[1]</a><br> + <br> + <!-- S --><a name="Letter_s" id="Letter_s"></a> Schnecke, als + Kukuk angerufen. <a href="#Page_169">[1]</a><br> + Schuh,<br> + <span style="margin-left: 1em;">goldner Walburgis. <a href= + "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_055">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schuhwerfen als Liebesorakel. + <a href="#Page_041">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schuhzins am Walberfeste. + <a href="#Page_051">[1]</a></span><br> + Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. <a href= + "#Page_024">[1]</a><br> + Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schützend. + <a href="#Page_028">[1]</a> <a href="#Page_070">[2]</a><br> + Sommer,<br> + <span style="margin-left: 1em;">den, ins Land reiten. <a href= + "#Page_034">[1]</a> <a href="#Nachtrage"><i>s. + Nachträge</i>.</a></span><br> + Specht,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Gertrudenvogel ein + verwünschter Becker. <a href="#Page_166">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">ein verwandelter Gott. <a href= + "#Page_171">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Liebesorakel <a href= + "#Nachtrage"><i>s. Nachträge</i>.</a></span><br> + Spindel,<br> + <span style="margin-left: 1em;">der hl. Walburg. <a href= + "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_040">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">der hl. Gertrud. <a href= + "#Page_164">[1]</a></span><br> + Spinnverbot an Walburgis. <a href="#Page_089">[1]</a><br> + Stärketrunk. <a href="#Page_063">[1]</a><br> + Stillicidium Walburgs. <a href="#Page_009">[1]</a><br> + Storch, Gertrudens Vogel. <a href="#Page_191">[1]</a><br> + Strähl-Anneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br> + <br> + <!-- T --><a name="Letter_t" id="Letter_t"></a> Teufelsstein in + Verenae Einsiedelei. <a href="#Page_113">[1]</a><br> + Thau abstreifen,<br> + <span style="margin-left: 1em;">zu Milch- und Buttergewinn. + <a href="#Page_072">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Mittel gegen Kornbrand. + <a href="#Page_071">[1]</a></span><br> + Thautrinken. <a href="#Page_062">[1]</a> <a href= + "#Page_063">[2]</a> <a href="#Page_064">[3]</a><br> + Tobel-Vreneli. <a href="#Page_141">[1]</a><br> + <br> + <!-- V --><a name="Letter_v" id="Letter_v"></a> Valentinstag. + <a href="#Page_041">[1]</a><br> + Venes- und Vrenesberge. <a href="#Page_149">[1]</a><br> + Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. <a href= + "#Page_156">[1]</a><br> + Venus-Vrene,<br> + <span style="margin-left: 1em;">in dem mundartl. + Tannhäuserliede. <a href="#Page_147">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">in den Ritterdichtungen. <a href= + "#Page_153">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Die Venus- und Vrenenhäuser. + <a href="#Page_153">[1]</a></span><br> + Verena,<br> + <span style="margin-left: 1em;">ihre Namensformen.</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Niederdeutsch: Frû + Frêen und Frû Frîen. <a href= + "#Page_120">[1]</a> <a href="#Page_151">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Rhätisch: Vereina. <a href= + "#Page_144">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin. + <a href="#Page_142">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenabad. <a href= + "#Page_127">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Gebirgsriesin. <a href= + "#Page_145">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenagrab, mit den aufgeopferten + Brautkrönlein. <a href="#Page_132">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenaloch:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">zu Baden. <a href= + "#Page_128">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">im Entlebuch. <a href= + "#Page_135">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">auf der Schafmatt im Jura. + <a href="#Page_136">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Müllerpatronin. <a href= + "#Page_112">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schifferpatronin. <a href= + "#Page_112">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenareliquien. <a href= + "#Page_104">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenastift. <a href= + "#Page_101">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Verenatag als Gerichtstermin; + <a href="#Page_122">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Gesundheits- und + Wirthschaftsregeln. <a href="#Page_123">[1]</a> <a href= + "#Page_142">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Ve. als Weisse Frau. <a href= + "#Page_139">[1]</a></span><br> + Verenae,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Bildsäulen. <a href= + "#Page_133">[1]</a> <a href="#Page_137">[2]</a> <a href= + "#Page_139">[3]</a></span><br> + <br> + <span style="margin-left: 1em;">Dienstross. <a href= + "#Page_139">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Fingerring. <a href= + "#Page_106">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Geburtsgürtel. <a href= + "#Page_133">[1]</a></span><br> + <br> + <span style="margin-left: 1em;">Heilquellen. <a href= + "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_126">[2]</a> <a href= + "#Page_133">[3]</a> <a href="#Page_135">[4]</a> <a href= + "#Page_137">[5]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kamm und Krüglein. <a href= + "#Page_112">[1]</a> <a href="#Page_121">[2]</a> <a href= + "#Page_137">[3]</a> <a href="#Page_141">[4]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Katze. <a href= + "#Page_137">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kapellen und Kirchen i.d. + Schweiz. <a href="#Page_100">[1]</a> <a href= + "#Page_131">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kapelle, ein Römercastrum. + <a href="#Page_103">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kleinkindersteine. <a href= + "#Page_118">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Kindersegen bescherend. <a href= + "#Page_124">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">vierzig Mehlsäcke. <a href= + "#Page_111">[1]</a> <a href="#Page_119">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Mühlstein. <a href= + "#Page_114">[1]</a> <a href="#Page_135">[2]</a></span><br> + Vrenelisgärtli, Gletscher am Glärnisch. <a href= + "#Page_145">[1]</a><br> + <br> + <!-- W --><a name="Letter_w" id="Letter_w"></a> Walber,<br> + <span style="margin-left: 1em;">der Führer des + Maienzugs:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in eine Korngarbe gebunden. + <a href="#Page_027">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">ein Bergname. <a href= + "#Page_017">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Riesenname. <a href= + "#Page_088">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walberbaum. <a href= + "#Page_027">[1]</a> <a href="#Page_039">[2]</a> <a href= + "#Page_040">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walbernthau. <a href= + "#Page_062">[1]</a></span><br> + Walburg,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Flur- und Ortsname. <a href= + "#Page_025">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">mundartl. Namensformen. <a href= + "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a></span><br> + <!-- 202 --><a name="Page_202" id="Page_202"></a> <span style= + "margin-left: 1em;">Die Heilige:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">als Nichte Winfrids. <a href= + "#Page_005">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">als Heidengöttin. <a href= + "#Page_080">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">als Riesin. <a href= + "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_088">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">vor dem W. Jäger in die + Korngarbe flüchtend. <a href="#Page_026">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walburga Westfalica. <a href= + "#Page_080">[1]</a></span><br> + Walburgis-kirchen,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als Heidenkirchen. <a href= + "#Page_016">[1]</a> <a href="#Page_065">[2]</a> <a href= + "#Page_080">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">als Römercastrum. <a href= + "#Page_081">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Ortskirchen. <a href= + "#Page_017">[1]</a> <a href="#Page_066">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">hl. Quellen. <a href= + "#Page_006">[1]</a> <a href="#Page_064">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Reliquien:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Brustbein, ölschwitzend. + <a href="#Page_007">[1]</a> <a href="#Page_008">[2]</a> <a href= + "#Page_009">[3]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Stab. <a href= + "#Page_008">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Wittenberg und Köln. + <a href="#Page_014">[1]</a> <a href= + "#Page_017">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">im Auslande. <a href= + "#Page_018">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Schönheitswettstreit. + <a href="#Page_045">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Spindel und Goldschuh. <a href= + "#Page_026">[1]</a> <a href="#Page_027">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Steinernes Venusbild. <a href= + "#Page_081">[1]</a> <a href="#Page_082">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">phallisch dargestellt. <a href= + "#Page_082">[1]</a> <a href="#Page_084">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Wildgans. <a href= + "#Page_088">[1]</a></span><br> + Walburgistag,<br> + <span style="margin-left: 1em;">als ungebotne Gerichtszeit. + <a href="#Page_046">[1]</a> <a href= + "#Page_047">[2]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Sage von der auf diesen Zinstag + fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Thüringen. <a href= + "#Page_049">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Unterwalden und Friesland. + <a href="#Page_051">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">in Ostpreussen. <a href= + "#Page_053">[1]</a></span><br> + Walper,<br> + <span style="margin-left: 1em;">Anna, als Hexe inquirirt. + <a href="#Page_079">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Walperherren, Walpermännchen + und -zins. <a href="#Page_049">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Zug nach Walpern. <a href= + "#Page_050">[1]</a></span><br> + Wasserkirchen. <a href="#Page_131">[1]</a><br> + Wasserfrauen. <a href="#Page_131">[1]</a><br> + Wasservogel, <a href="#Nachtrage"><i>s. + Nachträge</i>.</a><br> + Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. <a href= + "#Page_183">[1]</a> <a href="#Page_184">[2]</a><br> + Wiborada, die hl. v. Klingnau. <a href="#Page_141">[1]</a><br> + Wîhegazza. <a href="#Page_102">[1]</a><br> + Wilibald,<br> + <span style="margin-left: 1em;">der hl.:</span><br> + <span style="margin-left: 2em;">Walburgis Bruder. <a href= + "#Page_005">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 2em;">ein Hüne. <a href= + "#Page_081">[1]</a></span><br> + <span style="margin-left: 1em;">Wilibalds-Brunnen und -Ruhe. + <a href="#Page_006">[1]</a></span><br> + Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. <a href= + "#Page_051">[1]</a><br> + Wolbermai. <a href="#Page_039">[1]</a><br> + Wolbrygabend. <a href="#Page_077">[1]</a><br> + Wolfszahn, Amulett. <a href="#Page_185">[1]</a><br> + Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. <a href= + "#Page_086">[1]</a><br> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + +***** This file should be named 12012-h.htm or 12012-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/0/1/12012/ + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Rochholz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Drei Gaugoettinnen + +Author: E. L. Rochholz + +Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGOeTTINNEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + + + + + + + + + +Drei Gaugoettinnen + +Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige. + +Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben + +von + +E.L. Rochholz. + +1870 + + * * * * * + + + + +Vorwort. + + +Den ersten fruehzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen +die nachfolgende Schrift am Titel traegt, drei naechstverwandte Wesen aus +der deutschen Goetterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den +Perioden seines akademischen Juenglingsalters und waehrend der ersten +Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgaengen, +Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung oertlicher Alterthuemer +nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevoelkerung +den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedaechtniss sei +ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergaenzen helfe. +Waehrend sich ihm letzteres bald als eine gemuethliche Taeuschung erweisen +musste, war ihm darueber doch das Glueck beschert, reichliche, nachhaltige +Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt +einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden +Lebensaenderungen nicht mehr veralten laesst. Und so erklaert sich der +Ursprung unseres Buches als eine frueh erworbene, in langer Zeitdauer +gereifte und hier erst spaet zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung +der Art, von welcher bei Goethe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was +man nicht gesehen hat, gehoert uns nicht und geht uns eigentlich nichts +an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thaelern der +Altmuehl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und +Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der +Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena naeher bekannt +wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken, +innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit aeltester Zeit +bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier +nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern +die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen +waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des +Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also +zeitgenoessisch gewesen mit der aeltesten Gaueintheilung dieser +Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand ueberhaupt ein aelterer, als +der durch die Kirche veranlasste je hatte sein koennen. Und also fuehrte +uns die _Gauheilige_ in rueckschreitender Metamorphose auf die +_Gaugoettin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich +approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstuetzt +wird, laesst sich mit ferner versuchten Einwaenden nicht weiter mehr +aufkommen. Auch fuehrt ja die Gaugoettin ihre bei uns verblasste +Herrschaft ueber Christenmenschen anderwaerts immer noch ungeschwaecht und +persoenlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von +Amelie Bosquet die Aufsicht ueber das Land den Feen gehoert, jede einen +einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und +dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen +Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet. + +Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes +Idealbild menschlicher Thaetigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott. +Die dem Germanen eigenthuemliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn +vor allen Kulturvoelkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem +Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac. +Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt, +welche Waechterinnen der zuechtigen Geschlechterliebe, der haeuslichen +Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine naechste Folge hievon war +es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das +Wort frowa, frauja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau +bekleiden und als solche die Geschaefte der Tempeljungfrau, Priesterin, +Heilraethin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer +langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch +furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig +ueberrascht durch das in barbarischer Form ueberlieferte roemische +Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengoettinnen +kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends +satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser +Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und +nicht bloss die Richtschnur des oeffentlichen Glaubens, sondern ebenso +die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung +herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein +allerdings noethigender Grund, sie spaeter einmal zu Christentugenden zu +subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu +Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine +erzwungene, innerlich unwahre, und verfaelschte den sittlichen Kern des +Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob +hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen waere, anstatt dass +umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn +legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher +Klerus, der dem Coelibat den uebertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend +zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die +Himmelsherrin, auf das ganze uebrige Geschlecht aber die Ursache des +Suendenfalles zu waelzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwuerde +verkuendenden Mythus durfte der Moench kein Recht belassen, sondern musste +ihn so weit und so unablaessig herabwuerdigen, dass die Folgen davon bis +heute den Aberglauben aufzureizen vermoegen. Wenn daher zwar auf einer +Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segensspruechen +bereitete, als oelschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie +auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertraenke +brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwoerend, Besen salbend, das +aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht. +Dorten war sie die ehestiftende Liebesgoettin gewesen, hier eine Frau +Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren +Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden +den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber +nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S. +149). So urspruenglich schon steckt in dem Legenden erzaehlenden Moench +ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender +Waldteufel, wo in der fraenkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und +Spessarts die Haingoettin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die +Fruehlingsgoettin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die +Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwuestenden Riesin +wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena + + --auf des gefuerchteten Gipfels + Schneebehangener Scheitel, + Den mit Geisterreigen + Kraenzten ahnende Voelker. + +Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafuer +ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite +der Maennerwelt, rein aus Froemmigkeitsbeduerfniss und Kinderliebe sich an +die neue Kirche ergab! Fuer treues Ausharren in den Pruefungen des Lebens, +fuer opferbereites, demuethiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm +einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengroesse +erobert und sogar den Preis der Vergoetterung sich erworben. Dieser +Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische +Streben des Weibes, sich zur Wuerde der Gottheit empor zu heben, ein +frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der +gemeinen Leiblichkeit zurueckversetzt, um nun erst durch ein Mirakel +erloest zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das +persoenliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen +bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der +Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem +germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der +Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht. +Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift, +die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt. + +Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870. + +E.L.R. + + * * * * * + + + + +Inhalt. + + + +Vorwort. + + +I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergoettin. + + +Erster Abschnitt. +_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_. + +Walburgs und ihrer drei Brueder Taufbrunnen, Klosterstiftungen, +Grabstaetten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft +fliessend; aehnliches kirchlich verehrtes Wunderoel. Abbildungen und +Embleme Walburgis. + + +Zweiter Abschnitt. +_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_. + +Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgoettinnen und +Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefuettertes +Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und suesse +Huendlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre +und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verduesterung in +dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs +Eulogienbrode. + + +Dritter Abschnitt. +_Walburgistag, des Meien hochgezit_. + +Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen, +den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und +Ruthenzug.--Maigraf und Maigraefin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprueche +und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: saemmtliches +als Abbilder eines goettlichen Werbungs- und Vermaehlungsmythus, welcher +im Fruehlings- und Erntevorgang spielt. + + +Vierter Abschnitt. +_Maiengeding und Walbernzins_. + +Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen +Gerichte, gezeigt aus den Weisthuemern.--Urkundliche Berechnung der +Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die +Walpersmaennchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit +verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag +fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft. + + +Fuenfter Abschnitt. +_Der Mythus vom Maienthau_. + +Landwirthschaftliche Erbsaetze ueber den Maienthau. Thau als +Quelle von Leben, Lebensdauer und Koerperschoenheit, angewendet +als Heilbad, Staerke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung, +Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt +durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in +seiner naturgeschichtlichen Begruendung. Thauschlepper +und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner. +Walburg in den Riesen- und Hexensagen. + + +Sechster Abschnitt. +_Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung_. + +Die westfaelische Walburg. Die phallischen Goetzenbilder zu Antwerpen und +Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen +Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in +den Gebildbroden zur Mittwinter- und Fruehlingszeit. Etymologische +Erklaerung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher +Anwendung.--Schluss: die Goetterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, +Meth, Ael und Oel gewuerzten Unsterblichkeitstrank. + + +II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter. + +Erster Abschnitt. +_Verena, eine alemannische Gauheilige_. + +Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; +ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres +durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und +Altaere in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. +Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene. + + +Zweiter Abschnitt. +_Verena, die Muellerpatronin_. + +Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen +Kleinkindersteine. Die Muellerpatronin als Ehegoettin. Der in Stein +verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke. +Wirthschaftsregeln am Verenentage. + + +Dritter Abschnitt. +_Verena, die Geburtshelferin_. + +Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die +ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und +Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen. +Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der +Gewitterriesin: das Vrenelisgaertli am Glaernischgletscher. + + +Vierter Abschnitt. +_Verena als Frau Venus_. + +Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des +Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und +Vrenenhaeuser, zurueckgefuehrt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung +auf den urspruenglichen Mythus. + + +III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin. + + +1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen. + +Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes, +Stabes, der Spindel und der Maeuse. + +2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht, +Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und +werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten. + +3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben +und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde +Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte +Wechselzahn. Einschlaegige volksmedicinische Braeuche. + +4) Die Rolle der Maus bei den Erntebraeuchen, die in Mausform gebackenen +Zweckbrode. Gertrudens Maeusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das +Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walkuere. + +_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das +Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Suessen Maeuschen. Das +Kalenderzeichen des Gertrudentages. + + +Nachtraege + + +Wortregister + + * * * * * + + + + +I. + +Walburg mit drei Aehren, + +die Ackergoettin. + + * * * * * + + + +Erster Abschnitt. + +Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende. + + +Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus, +der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine +jungfraeuliche Maikoenigin, aus dem frischen Gruen der Haine ueber den +thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von +der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghoehe die +entsetzliche Nachtkoenigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und +Seuche brauend, unkeusche Satanstaenze abhaltend, eine Feindin des +Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig +Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter +einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den +Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden +Haelften eines urspruenglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und +dieselben zur wuerdigen Gesammtheit eines germanischen Goetterbildes zu +vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende +nach deren aeltester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmueckenden +kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende +ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender +Ausarbeitung. + +Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat, +sind nachfolgende. + +Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise +nach Jerusalem enthaelt) schrieb eine Landsmaennin und Zeitgenossin +Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die +Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster +eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst +seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei +Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums +commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehoerende General Dominik Joba +etliche Wochen in Eichstaedt, beruechtigt als Inkunabeln- und Gemaeldedieb; +er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im +Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch. +des Hochstifts Eichstaedt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle fuer alle +uebrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die naechstfolgende +Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Moench +Wolfhard zu Hasenried, das spaetere Herrieden a.d. Altmuehl, einer im J. +888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstaedter Bisthum vergabten Abtei. Im +J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstaedt Philipp von Rathsamhausen +Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Koenigin +Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Koenigsfelden +aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof ueberschickt ihr und ihrem +Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und +Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt +in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fuenfte, aber +die erste _umfassendere_ Erzaehlung der Legende, sagt Gretser X, 906b. +Der bischoefliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebuertig und starb +1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk uebersetzte der +Eichstaedter Stadtschreiber David Woerlein und dedicirte es dem damaligen +Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrae +Angermayer. Auf diese beiden Schriften stuetzen sich nachfolgende, von +uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars +secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor. +tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere +Literatur ueber die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs +Kirchengesch. 2, 347 und 356. + +Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder +Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei +Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im +Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thueringen und Baiern kam und in +diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau +diejenigen zu Regensburg, Freising, Wuerzburg und Eichstaedt gruendete. +Eine Schaar gebildeter Maenner und Frauen aus dem Angelsachsenvolke +begleitete ihn dahin und uebernahm die Leitung der neuen Stiftungen. +Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in +Thueringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, +Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am +Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsaechsischen Fuerstenpaares +Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war +auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thueringen nach Baiern gereist und +hier im Sualafelder Gau mit den drei Bruedern zusammengetroffen. Dieser +Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge +des Hahnenkamms in das Altmuehlthal nach dem jetzigen Eichstaedt, schloss +auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach +in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte +Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstaedt ein Kloesterlein in +der Regel des hl. Benedict gegruendet und war fuenf Jahre nachher auf der +Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof +von Eichstaedt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute +er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fuegte +demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und +uebergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen +Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwaehlen, wo ihr +Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt +noch fuer heilkraeftig gehaltener Quellen zaehlt man in der Eichstaedter +Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstaedter +Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst +Roemleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier +Roemer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist +in der Fronte bis zur Hoehe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore +gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth. +1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunaechst dem Kloster +Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem +Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt +seitdem bei keiner Sommerduerre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg +auf einem der zwei gruenen Hoehenzuege, die den Eichstaedter Thalkessel +umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die +Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des +Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach +jener maechtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in +einen dreikaestigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Roehren sprang; sie +stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstoert. Eben +so liess sich die Schwester Walburg im mittelfraenkischen Staedtchen +Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schoen- und Heidenbrunnen +heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im +Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Kaesbrunnen, ein Hungerquell, +an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute +sich beim Schlosse Hohentruedingen das Stift Auhausen; seine +Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim +Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes +geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr. +Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936. + +Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die +Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den +neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der +Dioecese Eichstaedt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben. + +Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli +781. Letzterer wurde in der Eichstaedter Kathedrale, die beiden ersteren +im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar +Walburgis Erdgrab eroeffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest +und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept. +870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstaedt und +bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess +Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen. +Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg beruehrt und +wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Kruecken voran in die Kirche +zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine +Schwester kommt! Darueber laesst er die Kruecken fallen und ist geheilt. +Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte +streitet indess die weiter gehende Erzaehlung von der Theilung der +Walburg-Reliquien. Als naemlich Walburg gestorben war, hatte ihre +Gefaehrtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gruendete aus +ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der +Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstaedt abgegebenen +Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt +werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstaedt wiederum aufgrub, +zeigten sie sich mit einer wundersamen Fluessigkeit ueberzogen, die bei +Beruehrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui +madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent +(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von +Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so beruehmt +gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu +Eichstaedt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem +Jahrestage durch vier Stadtraethe in einem silberueberzogenen Saerglein in +gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die +Kloester des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen, +Wuelzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstoerte der Bildersturm +(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Gruefte, so dass +Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim +spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, +Walburgis dort verwahrt gewesener bischoeflicher Stab, auf dessen +Beruehrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei spaeter auf dem +Walpersberge bei Koeln von den Jesuiten verwahrt worden und alljaehrlich +am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. +302. Wir werden spaeter darauf noch zurueckkommen. + +Von den Koerpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstaedt nichts +anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im +Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten +Walburgiskirche. Dieser Altar, ein laenglichter Steinwuerfel, ist in +seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein +auf seine Breitseite umgelegter aelterer Steinsarg erscheint. Sein +Material ist Sandstein, wie ihn die Brueche vom benachbarten Pleinfelden +ergeben. Durch seine Hoehlung geht der Laenge nach eine ebne +ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des naechsten +Eichstaedterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Traeger aus Sandstein. +Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Flaeche liegt +Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober faerbt sie sich blaulicht und +ueberlaeuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und +tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich +sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spaetere +Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die +nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, +durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale +geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) +als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit +Silberblech ueberzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen +silberbeschlagenen Eisenthuere verschlossen. Dies ist das Mirakel des +Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss +und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verfluechtigend; +unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich +selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; +mit Wachs verschlossne Glasflaeschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und +Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel, +vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft; +sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem +gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten +diese Wolle in schmerzende Zaehne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei +geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnuerwerk des Mieders. + +Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium +begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen +Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr. +(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss +erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen +Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser +die Geschichte der Eichstaedter Bischoefe und dieses Mirakels schrieb, +folgende Zeit dafuer zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12. +Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft +nach Eichstaedt uebertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und +fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle uebrigen +Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel +trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die aelteste +Aufzeichnung der Legende ausdruecklich: die apostolorum Philippi et +Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die +omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum +administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich +auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken +begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der +Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder +Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei, +und kuemmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in +verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fuenf +verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1]. + +Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male noethigte, den solennen +Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der +Eichstaedter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem +in frueheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals +bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher +1237 sammt seinem Domkapitel von der Buergerschaft verjagt wurde. Die +versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwuestet, das +Walburgisoel hoerte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da +1713 zum groessten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. Maerz +fast kein Tropfen Fluessigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach +einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der +Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts +Eichstaedt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach +beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu +Eichstaedt 1730, 4 deg.), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem +Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses +Glas voll davon im Kloster zurueck gestellt hatte; zur Haelfte trank es +die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben +sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern muessen, +oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte +Gefaess sich sogleich wieder ganz mit Oel anfuellte.--Der Eichstaedter +Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittaeltesten +Walburgislegende, erzaehlt, wie er es selbst becherweise gegen seine +Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et +desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II, +306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die +darob verzagten Eichstaedter ihren Sittenwandel besserten, brach es so +reichlich los, dass man ein Weinlaegel von einer halben Pinte, also ein +wirkliches Fass, damit anfuellen konnte. Ibid. pag. 307. + +So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer) +Hannover 1794, Bd. 3, 118 ueber "die ungeheure Menge" Walburgisoel zu +Eichstaedt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten +statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches +Bergoel von grosser Durchsichtigkeit und sehr fluechtig sein; wer es bei +sich trage, behaupten die Moenche, muesse sich im Stande der Gnaden +befinden, damit es nicht sogleich verfliege. + +Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine +derselben quillt, hatte die Kirche urspruenglich nicht verheimlicht. +Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Maertyrer Asche und Gebein, +sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkraeftig, +und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren +Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzaehlt Reinfrit +von Braunschweig (Grimm, Altd. Waelder 2, 185), wie ole von irme libe +vloz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) +fuegt erklaerend bei: + + uz dem sarksteine, + da inne lit diu reine, + vil heilic ol vluzet, + des diu werlt vil genuzet. + der iht siecheite hat, + des wirt al ze hant rat, + als man ez dar an strichet. + +In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher oelspendenden Steine; der eine +lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift: +Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und +Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberflaeche quoll Heiloel +und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete fuer +immer, als der Eigenthuemer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann. +Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstaedt 1309 die Gebeine +des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des +Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der +damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefaesse fuer die +Kranken anfuellen liess. Sax, Eichstaedt. Hochstift S. 101. Die von Rom +nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger +Quirinuskapelle ein Heiloel, das in kleinen Flaeschlein an die Glaeubigen +verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen +olivengruenes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jaehrlich +davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196. + +Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen +auf solcherlei Steinoel allein nicht beschraenken moegen. Schon zu +Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von +Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in +Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgefuehrt sind, zu Rom sei bei Christi +Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen. +Zugleich faellt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und +achterlei heilige Jungfrauen zaehlt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 +auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthaetiges Oel fliesst. Kaspar Lang, +Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas +der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zaehlung noch weiter fort. Mit dem Oel +der hl. Helena einen Kristall zu betraeufen, um damit den Dieb zu +entdecken, raeth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo. +Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thueringen, die +Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltaeren +ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fuegt bei, Gleiches stehe der +Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende +Jungfrau gewesen sei und also in diesem taeglichen Faustkampfe Oel habe +schwitzen muessen: + + Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor? + In cavea Martis num pugil illa fuit? + +Im Stil der Kirchenvaeter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem +Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes +gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen koenne. So sagt +Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi +athleta Christi. Denselben Gedanken aeussert auch Chrysostomus in seiner +6. Homilie ueber den Brief an die Coloss.--Nork, Realwoertb. 3, 301. + +Von der Wunderwirkung des zu Eichstaedt fliessenden Oeles sagen die Acta +SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders haeufig Lahme +geheilt habe; Gretser fuegt bei, X, 917, es foerdere die Geburten, auch +lutherische Frauen haetten in Kindesnoethen damit den Versuch gemacht und +seien darueber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei +Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger +heilt: + + Hinc quendam fastidiosum + Fame paene mortuum + Alloquens per visionem + Monet, ut de calice + Ejus biberet; quo facto + Esuriit solito. + +Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Fuessen lahm, wurde +von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da +auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die +er seine Koerperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslaenglicher +Leibeigenschaft uebergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft, +welche dem Walburgisoel beigelegt wurde, erklaert sich Jac. 5, 14: Ist +einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei, +dieselben sollen ueber ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im +Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten. + +Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per +totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae +dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das +Wunderoel zu haben gewesen. Oel, Knochen, fuenf Zaehne und ein Gewandrest +Walburgis wurden zu Wittenberg jaehrlich am Montag nach Misericordias +ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt +wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgraefin von Hessen, +geflossen war. Das Glas ging an Luther ueber, der wie J. Mathesius +erzaehlt, es einst seinen Joachimsthaler Gaesten zu einem andaechtigen +Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu +Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen +daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai +zusammen, um das Walburgisoel auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) +kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die +dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige +hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland. +518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308. + +Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im +Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die waehrend der Reformation +verwuestet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt +Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf +welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand +einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der +linken ein Buch, zu Fuessen ein Wappenschild. Dieser saeulengeschmueckte +Aufbau mit Perlenfries gehoert den Werken der romanischen Periode an +(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenueber liegenden aehnlichen Grabstein ist +Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae +Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Bruegel in Ansbach und +im Jahresberichte des histor. Vereins fuer Mittelfranken 1843. Der hl. +Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem +Teppich, welcher urspruenglich in der Eichstaedter Kirche aufbewahrt +wurde und nun im Muenchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen +erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelflaeschlein in +der Hand haltend: + +Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de +Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga. +Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. Muenchen 1704 (wiederholt +das Grabmal).--P. Goudin, Unerschoepflicher Gnadenbrunnen der hl. +Walburgis. Regensb. 1708. + +Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem +Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und +Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff +vervollstaendigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede +sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten +aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten. + +Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering +eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Huegel stehend, von +Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt fuehrt drei +Stufen abwaerts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht +der Pestkarren, die Raeder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit +gehaeuften Leichen geraeuschlos abzufuehren. Walburg hat jener Pest +gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man +habe hier noch den Goetzen geopfert. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 889. + +Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zaehlt das +topographisch-statistische Handbuch des Koenigreichs (Muenchen 1868) +folgende auf: Walbenhof, Einoede bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, +Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngruen bei Stadtsteinach; Walbertsberg +bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein +Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit +zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf +bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof; +Walburgswinden, Einoede bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei +Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei +Rosenheim, und zwei gleichnamige Doerfer bei Rottenburg und bei +Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei +Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei +Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf +bei Erding; Woelbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei +Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einoede bei +Neuburg an der Donau. Diese Liste laesst sich jedoch noch um vieles +vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens +Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmuehlthale Buergli, in +altbairisch-oberpfaelzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit +Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im +tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen +Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als +Walber foecundissimus begruesst. Schneller Woertb. 4, 61. + +Das schwaebische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen, +nunmehr wuertembergische Standesherren, theilt sich in die Linien +Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss +ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, suedoestlich +von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die +Walburgiskapelle. Von den zu Koeln bei den Jesuiten aufbewahrten +Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos. +Bolland. 3, 518. + +Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der +Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird; +2) zu Knoersheim bei Maurmuenster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt +Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron. +Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei +erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8. + +Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine +Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem +Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906. + +Der groessere Theil der aeltesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben +Heiligen geweiht, so zu Groeningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, +Aldenaerde, Bruegge, Zuetphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen spaeter +noch zu handeln sein. + +Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein, +Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen. + +In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu +Mainz in der Gereonskirche zu Koeln ein Finger, in der Jesuitenkirche +daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg, +einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta +fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027 +gegruendet) nennen bei Herzaehlung der daselbst verwahrten Reliquien zu +dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. +Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis +uebersendete 1482 der Eichstaedter Bischof Wilhelm von Reichenau an Koenig +Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber +diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite +Godefredus Henschenius in Actis SS. ausfuehrlich berichtet. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X. + +25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstaedt in der +Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. Maerz: Gretser l.c. +pag. 907. + +1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstaedt; gefeiert in +der Eichstaedt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica. +Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. +Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die +Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, +Liturgia 4, 768. + +4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstaedt (Bollandisten +ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. +522; zu Veurne, in der flandr. Dioecese Ypern: Gretser X, 912. + +12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstaedter Walb.kloster. + + * * * * * + + + +Zweiter Abschnitt. + +Walburgis Hunde, Walburgis Aehren. + + +Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die +bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des +Matthaeus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmueckt haben, ist Bd. 3 auch +das Eichstaedter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da +zwischen den Andaechtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser +Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau +gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3, +tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch +davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thuere +des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rueden angefallen wird; +auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzaehlt Bischof Philipp +(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller +Hunde angerufen. Es laesst sich indess dieses Attributthier der Heiligen +als anderen Ursprunges und aus einer viel frueheren Zeit nachweisen. Die +Vorgeschichte des Bisthums Eichstaedt spielt nicht in dieser Stadt, +sondern in einem Orte, welcher roemisch Aureatum heisst und schon seit +Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit +einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den +beiden Doerfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse +gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstaedter +Bischoefe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von +Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft +geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind +Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der +Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach +Muenchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll roem. +Geschirrtruemmer und Reste von Brennoefen, deutlich unterscheidet man +noch den Lauf der Roemerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser +1620 von der Universitaet Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an +dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau +vorstellte, zu deren Fuessen, von Erde ueberschuettet, angeblich ein Hund +liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei +Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Fuessen, sind +seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele +entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der +Nehalennia, eines zwar von Roemerhaenden gemeisselten, aber deutschen +Goetterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236, +und in Wolfs Beitraegen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber +derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer +Kirche nicht, wo Walburgis fruehestes Grab gewesen war. Panzer, bair. +Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf +den fruehesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft +angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben +musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes, +dessen herabhaengende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Haenden beruehrt +werden. Man sagt, hier seien die Abkoemmlinge des Rittergeschlechtes Hund +begraben. + +Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg fuehren dasselbe +Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form +und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi +genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier +nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der +Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere +jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengoettinnen +und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde +erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten +die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgoettinnen Frau Harke, Frau Gode und +Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend +umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter +(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Toechter der Fru Gauden umbellen +den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Huendinnen. Colshorn, Maerch. +u. Sag. no. 75. Das Huendchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war +daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei +_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde, +welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. +289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das ueberirdische +Huendchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege +hiefuer: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das +hoelzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden +steht gerade ueber der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist +der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. +Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das +Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. +Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der +Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwaehnten Kapelle zu +Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von +der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. +Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950. + +Ueber die Farbe dieses Huendchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das +freundlich-wohlthaetige Geleitsthier der schoenen Weissen Frau ist es +gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die +des Gewitters feuerroth. So erklaert es sich in Mythe und Opfer. Der +Rost, der waehrend der Hitze der Hundstage das Getreide befaellt, war dem +Roemer versinnlicht durch das Goetterpaar des Robigus und der Robigo, die +beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen +Goetterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien +geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in +seiner Huelse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den +Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Huendchen +schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und +Kornaehre abzuwehren, weil man den gluehenden Hundsstern fuer die Ursache +des Getreidebrandes hielt. Erklaerend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941: + + Fuer den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar, + Und erleidet den Tod wegen des Namens allein. + +Aus aehnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljaehrlich +zur Zeit der Hundstage die ueberalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im +April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt, +Fastelabendgebraeuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese fuer die +Landwirthschaft gefaehrlichen Fristen vorueber, so vergoetterte man das +Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.), +oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederoesterreich wird am 28. Dec. +(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das +wird das Wind- und Feuerfuettern genannt. Zerfuehrt der Wind dies Opfer, +so sind im naechsten Jahre keine schaedlichen Stuerme zu befuerchten. Ein +Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man muesse +die Windhunde fuettern." Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das +eben angefuehrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte +Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das +Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der +erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschaedigen +konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brot, ez hat gesniget. +Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jaegers Hackelberg +in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter ueber an der +Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so +mildherziges Haus im Fruehjahr drauf mit Milch und Butter reichlich +gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten +noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von +Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten) +jeder 4 Mietschen (franzoes. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet +die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd haet er zwen wind mit jm +traben, denen soellent sy geben ain huslaib. So bildet sich aus der +Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten +Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein fuer jeden +geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die +oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspaetzlein, die man +in Baiern Nackete Huendlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen +Toelpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; +beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Huendlein +wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. +2, 516. Von den die Saaten zerwuehlenden Hunden des Windes sprang die +Vorstellung ueber auf den Biss der wuethenden Hunde, hielt aber in beiden +Faellen die Kornaehre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht +man im Felde zum ersten Male Roggen bluehen (dies faellt auf +Walburgistag), so nimmt man drei bluehende Aehren und streicht sie +stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden +gebissen. Curtze, Waldeck. Volksueberlief. S. 402. Ein latein. +Gebetbuechlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen +also beginnenden Hymnus: + + Walburga venit: cedite + vesane grex, molossi! + Cedunt, pavent, obmutuit + os impotens latrandum. + +Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass +euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe +Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst. +Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen +Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und +diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem naechsten +Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenaeus 4, +149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea +canicida, canivora genannt war. + +Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um +thoerichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische +Butter auf ein Stueck Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm +entzwei, mach ein Loechlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit +Brod zu, schmiere Meyenbutter drueber, lass es aufessen. Dies ist ao. +1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kuehe toll; +reissen an den Straengen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor +ihnen staende und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine +Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen. +Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den +Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermuenze) auf Butterbrod, +so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in +Sueddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der +Ankenschnitten, sg. Ankebruet bereitet, Schnitten mit Butter und Honig +reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon +verabreicht, damit es in keinen boesen Wind komme. Wir werden hievon im +fuenften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession +von Beromuenster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg +gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten +Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen +abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzaehlen von einem am +Wolfshunger leidenden Maedchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst +eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere +Nahrung mehr geniesst als Kaese und Milch. + + Sualaveldico in pago + Fuit quaedam faemina, + Quae languore fortissimo + Aegrotare coeperat. + Namque tam intemperata + Edendi ingluvies + Incessit semisanatam, + Ut nulla edulii + Abundantia valeret + A suis saturari, + Exhaustis jam parentibus, + Sed fame accrescente + Anxiata hinc dolore + Hinc pudore maximo. + Tandem divinitus tale + Occurrit consilium. + Rogat suos se deferri + Ad Walpurgae gratiam. + Quo delata, biduanis + Incumbebat precibus, + Quibus exorata virgo + Gradiendi miserae, + Qua privata diu fuit, + Sospitatem reddidit. + + Bona quaedam monialis, + Vocato preabytero, + Benedici panem fecit + Redditque famelicae. + Quo gustato nequam illa + Fames voracissima, + Virgine sacra favente, + Coepit se subtrahere, + Sic paulatim decrescendo, + Ut prius accreverat. + Sic crescente fastidio, + Pro mira esurie, + Tandem nil aliud cibi + Praeter solum caseum, + Nihil de potu gustare + Nisi tantum lac poterat. + +Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Baendigung der Hundswuth +gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin +misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe. +So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. +Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigoettin muss +nothwendig auch die Korngoettin selbst sein und als solche ist sie +kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das +Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Bueschel +in der Hand, welcher Kornaehren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers +Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre +Dame de trois epis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne +erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Saetzen +der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesaeet auf Mariae Geburt +und schosset vmb Waldpurgi" Koenig, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142. +"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blueht, so wird +er vor Jacobi nicht reif." Praetorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man +diese Erbsaetze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet +ihren ueber das suendige Menschengeschlecht erzuernten Sohn, nicht alle +Feldfrucht zumal zerstoeren zu wollen, sondern doch noch so viel an den +Aehren stehen zu lassen, als genug ist fuer Hund und Katze, d.h. fuer ein +ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur +Muttergotteskirche von Dreienaehren, die beim elsaess. Stifte Katzenthal +gelegen ist. Ebenso laesst Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer +Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwaehlt, mitten aus dem Winterschnee +drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der +Hand traegt. Kaltenbaeck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornaehre +brachen und vereinigten die roemischen Brautpaare und benannten nach +demselben den Eheabschluss stipulatio. Traeumt man von geschnittnem Korn, +so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben +Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der +Aehrenbueschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom +reitenden W. Jaeger verfolgt wird, sie, der Fruehlings-Genius der +aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen +verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen +Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur +entgehen, wenn man in ein Kornfeld fluechtet. So birgt nach dem +faeroeischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen +Verfolgung ins Fruchtkorn: + + Ein Kornfeld liess da Wodans Macht + Geschwind erwachsen in einer Nacht. + + In des Ackers Mitte verbarg alsbald + Wodan den Knaben in Aehrengestalt. + + Als Aehre ward er mitten ins Feld, + In die Aehren mitten als Korn gestellt: + + "Nun steh hier ohne Furcht und Graus, + Wenn du mich rufst, fuehr ich dich nach Haus!" + +Neun Naechte vor dem 1. Mai (erzaehlt Grohmann, Boehm. Sagb. 1, 44) ist die +hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhoerlich verfolgt von wilden Geistern +und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man laesst ihr daher im Hause +einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den +daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafuer legt sie ein kleines +Goldstueck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst +auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit +langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig +(golden), in den Haenden traegt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles +Zukuenftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser +Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie +auch ein anderer Bauer, welcher Regen fuerchtend Nachts noch sein +Getreide einfuehrte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag). +Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der +Bauer willfahrt, als die Reiter vorueber brausten. Des andern Morgens +fand er in den heimgefuehrten Aehren statt Roggen Goldkoerner. Daher wird +die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner, +erzaehlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind +in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine +Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe traegt. +Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Staedten des bair. +Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen +Volksbelustigung gewesen. + +Plaetze, Strassen und Haeuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den +Festumzug eroeffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh +gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone ueber dem Kopfe +zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres +Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den +Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausuebend. Heute gilt dorten nur +noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum +Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In +Niederoesterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht, +sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gaerten und traegt die schon +vorhin erwaehnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden +vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem +Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den +Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold +auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern +und Moosfraeulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer ueber sein +Ross legt und die sich Straeubenden in Stuecke reisst, hat sich in der +franzoesischen Legende zweimal verkoerpert und kirchlich lokalisirt. Um +die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem suedfranzoes. Dorfe +Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte +ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und +sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen +eines Fluesschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt +und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jaehrlich +im Fruehling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in +der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und +Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem +10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf +Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte +vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die +vergoetterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Fruehling umherirrend +sich dem Zephyr ergab und daher die Macht ueber die Bluethen der Baeume und +Blumen bekam). Florina, ein Bauernmaedchen aus dem Weiler Estourgoux, +verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der +Felseinoede des dortigen Cousathaelchens, und als ein Versucher sie hier +aufspuerte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den +gegenueberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in +beiden ihre Fusstapfen zurueck, die nun mit Kreuzen gekroent sind. Unter +grossem Zudrange des Volkes werden jaehrlich am 1. Mai die Gebeine der +Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thaelchens +getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend +aussehen, so hat noch stets ein guenstiger Wind das Gewoelk vertrieben, +sobald jener Umgang von Mazorit heran zu ruecken pflegt. A. SS. +Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart. + +Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den +Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Truebungen einer urspruenglich +edleren Vorstellung von guetig gesinnten und fuer den Erntewachsthum +bemueht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei naeherer Untersuchung, +emsig das Geschaeft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbuergner Sage +bei Mueller, S. 382, stoesst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Muehle +heimtraegt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er +gruesst sie: + + Gott vermir ich iren danz, + Gott vermir ich iren kranz! + +Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des +Mehles ledig wird! + +Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von +Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schoenwerth, Oberpfalz 1, 209); +allein damit verbuergt er nur, dass man der Fruehlingsgoettin nach +ueberstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim +Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die +Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da waechst im Korn schwarzer Raden, +am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, +Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in aberglaeubischer +Verduesterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des +Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als +Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby, +Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, +geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des +Schutzgeistes reinen Juenglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur +etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette +Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder +Federflaums eine schoene, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau +bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss, +Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des +Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling +_Milchtrut_, anderwaerts Molkendieb (Weinhold, Schles. Woertb. 62): so +wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valkuere +galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allueberall ihren Schuetzling +umflog, wesshalb noch der Fuenfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. +marevoet, an die Stubenthueren gekreidet wird, zwei in umgekehrter +Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschraettelein +die Stallrosse und zoepft ihnen Schweif und Maehne, dass sie schwitzen; +denn es ist gleichfalls nur die laecherliche Verschrumpfung jener +himmlischen Valkuere, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt, +Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel +noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der +Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen. + +Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten; +das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu +Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai +einen reichlich geschmueckten Maibaum ueberbringen und verloren ihr Lehen, +wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornaehren mangelten: Grimm, RA. 128. +205. 361. Der oberpfaelzer Bilmesschnitter pflueckt _drei_ Aehren vom +fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune. +Schoenwerth 1, 432. + +Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis +Eulogienbroden. + +Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede +zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich +einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es +war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen +Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den +religioesen Zusammenkuenften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor +ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein aehnlicher Brauch war nun auch +dem deutschen Heidenthum gelaeufig gewesen und dauerte noch lange fort in +dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsaechsischer Name +Friedensbuergschaft hiess. In ihnen stand Einer fuer Alle; Gott, auf +dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte +bewahren. Eine natuerliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung +derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Duerftigkeit +geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den +Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbuergen dies, und +ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, fuer die Mahlzeit +derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering +bevoelkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite +Maersche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen +Versammlungen rechtzeitig einfinden zu koennen. Das Christenthum +vermochte daher diese religioesen Mahlzeiten der Germanen nicht +abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen: +"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die +angelsaechsischen Bischoefe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass +man diese Feier der Heiden bestehen laesst, nur muss man ihr einen andern +Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz +mit gruenen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches +Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans +Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der +Saettigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten +trat spaeter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den +Kirchen der romanischen Laender an den Gedaechtniss- und Festtagen unter +dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain beni) ueberreichlich +an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein +durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Beduerftigen jeglicherlei Gattung +von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem +daselbst erfolgten Begraebnisse Walburgis Fleisch, Brod, Kaese, Fische, +und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3. +II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getraenk +jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils +aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andaechtigen +gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsaecke und Trinkgeschirre +werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der +Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der +hievon handelnden Erzaehlungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten +Brode. Hierueber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder +gesungen, von denen ein kuerzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist +diese. Ein blindgebornes Maedchen zu Kempten hoert Nachts im Traume sagen: +Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die gruene +Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum +Walburgisgrab in Monheim. Das Maedchen thats, ueberbrachte dahin die Brode +und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhuehner am +Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie +bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, +untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich +und das Maedchen war darueber sehend geworden (ibid. pag. 300). +Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Huehner. Sie +lassen nicht auf die gewoehnlichen Zinshuehner schliessen, von denen in +der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmaessig fuenfe der +Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist +nicht der Altar; es muessen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche +galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und +gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch fuer heilsame Thiere +gehalten (Schoenwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein +und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. +Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, +allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des +Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Braeutel- und +Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441. + + Puella quaedam ab ipsis + Heu caeca cunabulis, + Audita opinione + Virginis eximiae, + Desiderio flagravit + Veniendi maximo. + Quam quidam in visione + Nocturna submonuit, + Oratorium adiret + Tanti desiderii, + Oblatas mundas offerret, + Altari imponeret. + Quas illatas statim binae + Gallinae comederent; + Quibus pastae deservirent + Matris excubiis. + Venit, attulit, imponit, + Preces fudit intimas. + Astant duae moniales + Gallinae videlicet, + Praevisae in visione, + Quae oblatas colligunt, + Et requirunt diligenter + Quae, unde, cur venerit. + Quibus illa dum exponit + Singula veraciter, + Domino propitiante + Et beata Virgine, + Incognitum lumen coeli + Novis hausit oculis. + + * * * * * + + + +Dritter Abschnitt. + +Walburgistag, des Meien hochgezit. + + Der meie der ist riche, + er fueeret sicherliche + den walt an siner hende, + der ist nu niuwes loubes vol: + der winter hat ein ende. + + Neidhart von Reuenthal (1234). + + +Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der goettlichen Wesen +unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer +aelteren Sprachweise laesst hierueber keinen Zweifel uebrig. Die Edda nennt +den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svasudhr; der Winter +dagegen (Vetr) hat den Vindloni und Vindsvalr zum Vater, den Windkuehl +und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vasadhr +abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in +einem Zweikampfe, und dessen scenische Auffuehrungen waren ein Brauch, +welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Suedbaiern und der +Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort +herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch +des Winters, der es erst auf einen foermlichen Kampf ankommen laesst. +Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Laerm +die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt +gewappnet auf den Plan: + + sein panzer was ein grueenes graz, + sein koller darauf ein weisser klee, + sein halsperg was veyolvar, + sein bugler wag von rosenbluet. + er fueert in seiner hende + ein sper, was michel lanc + vnd was eitel voegelingesang. + +A. Keller, Altd. Erzaehlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub +gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikoenigs geschah auf Walburgis oder +1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In +Daenemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des +Ortes seine Maigraefin, die Majinde, erwaehlte, indem er seinen +Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thueringen war es der in +Pappellaub eingebundne Graskoenig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein +Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder +steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet, +der Pfingstkoenig auf die Brautwerbung geritten und fuehrte die im Busche +versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern +Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der +Provence Rosenmaedchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienroeslein. An diesem +letzteren Orte traegt am Walburgistage ein Kind einen baendergeschmueckten +Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und +das Gefolge singt vor den Haeusern: + + Maienroeslein, kehr dich dreimal 'rum, + Lass dich beschauen 'rum und 'num. + Maienroeslein, komm in gruenen Wald hinein, + Wir wollen alle lustig sein; + So fahren wir vom Maien in die Rosen. + +Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein, +Oel spenden wollen, angewuenscht, dass der Marder die Huehner nehme, der +Stock keine Trauben, der Baum keine Nuesse, der Acker keine Frucht mehr +trage; denn das Ertraegniss des Jahres haengt von dem kleinen +Fruehlingsopfer ab. Stoeber, Elsaess. Volksb. 1842, 56. Faellt der Nachdruck +der scenischen Festauffuehrung auf das Vertreiben des Winters, so nennt +man dasselbe den Tod austragen, oder wie im boehmischen Saazer Kreise, +mit dem Baendertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit +Baendern geschmueckt hat. Dabei traegt der Koenig einen mit Goldpapier +beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthuetern folgt ihm +sein Toechterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Koenigstochter +werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein +Buendel Lichtspaene (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom +erzuernten Vater niedergestochen. In Suedschweden rueckten am 1. Mai zwei +Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Staedte, die eine angefuehrt +vom Winter, der in Pelze gehuellt, mit Handspiessen bewaffnet, +Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der +mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein +Speerstechen, worin der Sommer den Winter ueberwand und durch Ausspruch +des umstehenden Volkes fuer den Sieger erklaert wurde. War die Witterung +des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute +gluehende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln +unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der +Blumengraf auf seine Ehre und rueckte mit frischen Birken- und +Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Muehe +zum Gruenen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glaenzender als +es durch Speerkaempfe errungen wird, schloss das Turnier. So die +Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik +(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwuerdig (schreibt +Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfaelischer Mairitt, +welchen die Buerger von Soest im J. 1446 waehrend ihrer Fehde gegen den +Bischof von Koeln ausfuehrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte +in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht +unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie +zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo +sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die +Grafschaft Arnsberg, zerstoerten Doerfer und Vesten, fuehrten Heerden, +Gueterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder +frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden +Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem gruenen Maien" +nach Hause. Wie hier der gruene Mai, unter welchem das Kriegsheer +einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so ruecken am Fruehlingsfeste +die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre +Gemeindewaelder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und +Staebe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst. +Diese Kadettenzuege sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und +_Kinderspiel_, pg. 490. Haeufig knuepft sich eine Ortssage daran von einem +zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der +mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm +die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach +seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft +niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden +sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die +Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart +in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der oertlichen +Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der +Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfaehigen Maedchen in +oeffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem +Hoechstbietenden zugeschlagen. Der Erloes ist kein unbedeutender (Bavaria +IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" +ausgeboten und den Kaeufern einzeln zugetheilt. Die fuer beide Theile +daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hueter +"Schuetzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der +Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz, +das ehmals im ganzen Eifellande ueblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. +1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Maedchen +unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschuessen gleichfalls ins +Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker, +Hess. Sag. no. 317[2]. + +Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum +Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis +nachweisen, ueber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit +sagen laesst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts +genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmaedchen +einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wuerzburg +gethan worden und sah hier das beruehmte Maispiel mit an, das die +gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljaehrlich zu begehen +pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch +verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor. +Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der +ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ueber unsre +Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem +Herkommen, das wie eine religioese Satzung galt, hielt das +Frauengeschlecht der Mainfranken alljaehrlich im Fruehling zu Ehren der +Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt +wurde. Saemmtliche Wittwen unter fuenfzig Jahren und alle mannbaren +Maedchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und +Laubgewinde in den Haenden tragend. Waehrend eine Schaar den Reihen +fuehrte, ergoetzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fuehlte +sich zu frischem Beginne angespornt. Das Maennervolk machte dabei den +Zuschauer. Den Vornehmen ergoetzte die vornehme Haltung, den Bauern die +laendliche oder volksthuemliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die +kuenftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemuethe, +traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle +bei diesem Feste geschlossnen Ehevertraege hatten das Jahr ueber ihre +Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer +Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwaehlte, die er noch +nicht naeher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er +ein heidnisches Herkommen, fuer dessen Gesetzgeber und "_Koenig_" er sich +selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese +Maedchen sich den Titel der "_Koenigin_" beilegen, wenn eben diejenigen +Maenner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen +worden waren, ueber dieses Spiel als ueber einen blossen Scherz nachher +tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis, +die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes +werden wollte: unter Thraenen bewog sie ihren Vater, beim Koenig Chlodwig +Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann +der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So +weit Herbelo's Nachricht. + +Der Ehemann, welcher, hier _Koenig_ genannt wird, ist im heutigen +Fruehlingsspiele der Maigraf oder Lauchkoenig, die von ihm erwaehlte Braut +die Maikoenigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln +sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Maenner ins +Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekraenzt, tragen +Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzuege unsrer heutigen +Fruehlingsbraeuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt +genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht +keineswegs aus nackten, sondern aus entbloessten Taenzerinnen, d.i. aus +solchen, die als Botinnen des Fruehlings Frauenmantel und Haube abgelegt +haben, hochgeschuerzt, blossarmig und baarhaeuptig in den Reihen treten, +ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda +lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Moenchsphantasie ein +zuechtiger Fruehlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der +angebliche Frankenkoenig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die +Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle, +als eben dieses grausame Missverstaendniss von Seite des Klerus. + +Doch wir kehren zurueck zu den ferneren Volksbraeuchen der Walburgisfeier. +In derselben Mainacht werden glattgeschaelte, schmuckbehangene Baeumchen +auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene +das Jahr ueber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und +schoen bleibt. Man waehlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit +ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Praetorius, +Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum haengt oder vor dem +Kammerfenster des Maedchens hersagt, ergehen sich in den gleichen +Sinnbildern: + + Gruess dich Gott durch eine Hand voll Seiden, + Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden. + + Gruess dich Gott durch einen Seidenfaden, + Gott bewahre dich im finstern Gaden. + + + I loss sie grueessen durh e hoechi Tanne, + die Zit isch cho zum Wiben--und zum Manne, + I loss sie grueessen durh es Haempfeli Thau: + i woett, mi Holdi waer mi Frau. + Rosmeri und Zypresse, + ass i de nit vergesse; + Rosmeri und Naegeli dri, + g'hoersch, i moecht gern bi der si! + bi der si, wie's Roesli hockt + am-ene einige Stengel: + Der Herr ist schoen, si Frau ist schoen + und s' Chind ist wie ne Engel. + +Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein duerrer +Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor +das Fenster der Verfuehrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz, +Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land +noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen +erforscht zur selbigen Nacht das Maedchen ihre Zukunft aus mehrfachen von +Walburg selbst herruehrenden Liebesorakeln. Die Heilige traegt eine +aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der oesterreichische Brauch +des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die +Maedchen, welche Lust haben, ihres Zukuenftigen Beschaffenheit +vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen +feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher +hinter einem Mariabilde gehangen hat. Waehrend er im Kreise herum durch +die Finger laeuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen: + + Voaten, i ziech di, + Walpurga, i bid di, + zag von main Man + alle Seiten an. + +Wie dabei der Faden sich anfuehlt, weich und glatt, hart und fest, so +werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfaelzer +Bauernmaedchen schleudert ungesehen ihren Schuh ueber den Peuntbaum und +horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herueberschallt; +eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet: + + Hunderl, ball, ball, + ball ueber neunmal, + ball ueber's Land, + wau mein feins Liab wahnd. + +Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs +Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des +Liebeszaubers. + +Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Maedchen +an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai, +sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der +_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal +24). Eine Waldhoehle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei +stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte +gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger +Mann, Konrad von Heuwa, zerstoerte beide von Grund aus und liess an der +Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schoeppner, B. Sagb. no. 70. +Dies fuehrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, +das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im noerdlichen +Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner, +vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons +erklaert, dass sich am 14. Febr. die Voegel zu paaren beginnen, und ein +gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Maennchen Valentin, das +Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit +dem von Russwurm veroeffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in +welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein +nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist +das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder bruetenden +Voegel. Alles ueberschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke +und anonyme Liebeserklaerungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner +Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000 +Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag +12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage +(ausser den vielen bezueglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) +422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend +mehr, als an allen uebrigen Tagen des Jahres. Dafuer zum Entgelt erhalten +dieses Tages die Brieftraeger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus +Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch +dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen +und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar +bleibender Treue zu knuepfen. Allbekannt ist das dahin zielende +Liebeslied der Hamletischen Ophelia: + + Guten Morgen, es ist St. Valentinstag + so frueh vor Sonnenschein, + ich junge Maid am Fensterschlag + will euer Valentin sein. + +Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmaedchen des +festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages +erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass +er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und +kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Maenner oft schon vor +Sonnenaufgang in der Naehe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre +Geliebten vorueber kommen muessen, und diese wiederum gehen bei ihren +Gaengen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem +Nichtersehnten aus dem Wege gehen koennen, oder sitzen mit zugemachten +Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme +desjenigen hoeren, den sie gern moechten. Suchen wir die Erklaerung und den +Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den +vorausgeschilderten Maibraeuchen, so finden wir dafuer den nordischen +Natur-Mythus von der Brautwerbung der Goetter. Das in zwei Haelften +getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich +der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen. +Vergebens will ihn Wali-Odhin verdraengen, er ist noch kinderlos. Da +wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), sproede straeubt sie +sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils +geruehrt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, +entflieht Uller-Odhin, gehuellt in Pelze und dahinschreitend auf +Schlittschuhen, in den Hochnorden zurueck. Dies der aeusserlichste Umriss +der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen +Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzuege der spaeteren Sagen und +Braeuche finden dabei ihr ueberraschendes Verstaendniss. Mit der +aufsteigenden Fruehlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest +gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch +Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres gruenen und +schimmern dann alle Hoehen von den bei der Goetterhochzeit abgehaltenen +Festtaenzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller +Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage muessten die Hexen den +letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder +ebenso an Mariae Lichtmess muessten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, +damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch +wachse wie die Spruenge der Taenzer sind. Ob dabei das Fest auf 14. +Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst +auf Pfingsten angesetzt wird, verschlaegt nichts und ist eine blosse +Folge spaeterer Zeiteintheilung. In den Volksbraeuchen ist noch vielfach +die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da +der 12. Mai als der fruehere erste begangen und der Tag Pancratius hat +uebernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein saeen und +dabei recht lange Schritte machen (Thueringen, Hessen); oder die aelteste +Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess +(Meklenburg) rueckwaerts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss +einige Stuecke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); +oder man steckt beim Saeen die Harke oder grosse Hollunderzweige +senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thueringen)--alles, damit der Flachs +gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S. +184. Hauptgehalt aller dieser Braeuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr +der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen +Liebesbuendnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das +Kindermaerchen vom Dornroeschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn +die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem +Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese +Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, traeumerisch nickende +Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Naehrkraft. Sigfried, von dem +gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den +Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des +Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen +sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefaellt hat. Dies heisst in +der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt +der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte +den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen, +worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth fuellt, dem Befreier +ueberreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, +Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine +andere als dich will ich zum Weibe haben! + +Wohin aber in diesem sagenhaften Goettergewimmel mit Walburgis? Auch sie, +obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige +geworden ist, war einst eine Schoenheitsgoettin gewiesen, von welcher das +Glueck der ehelichen Liebe und das Gedeihen der laendlichen Arbeiten +ausgieng. Von ihrer Frauenschoenheit berichtet noch eine oberpfaelzische +Sage (Schoenwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich +traegt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester +gegenseitig in Religionsdisputationen ueber die Vorzuege ihrer Himmel und +Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide +Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen +liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe +(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schoener sei, die Heidengoettin +Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine +Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklaert aber auf dessen +Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er +moege sie nur bei der naechsten Ausfahrt begleiten und sich selber +ueberzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen +Wagen und faehrt durch die Luefte, bis man Glocken laeuten hoert. Da senkt +sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer +zahllosen Menge angefuellten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter +Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schoenheit. Doch +dem Priester schien sie zu ueppig und verfuehrerisch, er sprang auf den +Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter +die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da +erloschen mit einem mal saemmtliche Lichter, dichte Finsterniss und +Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es +gegen Tag gieng, befand er sich im Gemaeuer eines Galgens.--Wir werden +dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der +Kirche selbst angeben hoeren; denn allerdings sind schon die bisher von +ihr gemeldeten Zuege unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der +Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre naechtlichen +Hoehenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne +Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk +der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines +Marterwerkzeuges traegt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald. +Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und traegt +eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes +Abbild ist Pindars "roethlichfuessige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die +roemische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende +Gerstensaat. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[2] Der immer gleichlautende Auskuendungsspruch: + + Heut zum Lehen, + Morgen zur Ehe, + Ueber ein Jahr zu einem Paar-- + +steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem +von den Kaisern ausgeuebten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von +Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll. + + * * * * * + + + +Vierter Abschnitt. + +Maiengeding und Walbernzins. + + +Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten +waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste +und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter +verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach spaeterer +christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den +karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends +ueblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis), +Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen +sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil +erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmaessig vorausbestimmten +Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgaengigen Ansagung +bedurften. Sie entschieden nicht bloss ueber Mein und Dein, sondern auch +ueber die Idealgueter von Freiheit und Ehre, somit ueber Krieg und Frieden, +und ihre Aussprueche waren die allgiltigen der Volkssouveraenetaet, wie sie +unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Staendeversammlungen und Parlamenten +anerkennt. Sie benannten sich nach Naechten, weil der Tag sich aus der +Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond +und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwoelften (Weihnachten bis +Dreikoenig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz +Kloepfleinsnaechte und Nidelnaechte; in Baiern Rauch-, Loeselnaechte und +Gennachten; in Deutschboehmen Undernaechte; bei den heidnischen +Angelsachsen hiessen sie Mutternaechte. In gleicher Analogie spricht man +von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewaehrten +Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, daenisch +noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" +pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem +14. Jahrhundert. Anfaenglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit +dem Wintergerichte zusammen, erst spaeter auch mit dem Herbstgerichte zu +Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt +zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das +Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zoepfl, Alterth. des Deutsch. +Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen +(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir soellend ouch dry rechte geding +da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag +vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt +Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und +Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb +Walburgis auch spaeter in den Staedten ein Termin der Aemter-Erneuerung; +"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Raeth zusammen schwerend", +heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. +Gesellsch. Die Tagloehner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach +derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der taeglichen +Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an +iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt ueberkompt, dass +einer ein aug domit bedecken muege, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) +bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im +Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen +geendet, die fuer die Verkoestigung der weither gekommenen Mannschaft +nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den spaeteren +Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu +bekoestigen, den Schoeffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen +einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg +zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. +Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen +in den Freienaemtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L, +I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der +obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst +Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das +Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Doerfern Muri, Boswil und +Buenzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier +jaehrlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage fuer den Lehensherrn +beliefen, zeigt folgendes Aktenstueck. + + Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und + verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38 + Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die + HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am + Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--fuer Hoeuw vnd Haber ueber Nacht + 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Braemen v. Zuerich verehrt an einem + Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber + Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem + Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch. + +Alterthuemlich und von naiver Umstaendlichkeit waren die Braeuche, unter +denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu ueberbringen hatten. + +Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knuetl +alljaehrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern +alter hessischer Muenze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn +ueberbrachte, hiess das Walpertsmaennlein. Er musste des Morgens frueh +Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an +der Schlossbruecke sich niedersetzen. Verspaetete er sich, so verdoppelte +sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend haette ihn die ganze +Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher +die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das +Walpertsmaennchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach +Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es waehrend dieser Zeit +nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslaenglich zu +verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich +aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese +Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses +Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der +sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist +abzutragen verabsaeumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der +Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am +Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg +hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann fuer Mann auf einen breiten Stein +unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu +spaet einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). +Aber auch dabei kamen dem Verspaeteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel +zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse +wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk +erhielt, welches mit der Zeit fuer ganze Gemeinden zu nicht +unbetraechtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Braeuche +und Sagen. + +Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jaehrlich +an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen, +welcher dem Churfuersten von Mainz zugehoerte, und sich 4 Eichen schlugen. +Gleichzeitig kam dann saemmtliche Buergerschaft ihnen dahin nach und hielt +in dem fuerstlichen Schlosse ein dreitaegiges Einlager bei Musik, Tanz und +Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle +hammerfuehrenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz +und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird faesserweise mitgefahren. +Mit Eichlaub bekraenzt singt der heimkehrende Zug: + + Willst du mit nach Walpern gehn, + Willst du mit, so komm! + +Dies nannte man den Gruenenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die +Schusterzunft den gruenen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie +bekraenzt nebst ihren Wohnhaeusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern +und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf fuer die +Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die uebrigen +hammerfuehrenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstoerten, von +dem aus die Orte des Thueringerwaldes lange belaestigt worden waren. Zwei +Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmueckt, pflegte man +sonst zu Pferde in der Stadt herum zu fuehren, es sollen die zwei +Soehnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es +wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren +Kostbarkeiten behaengt die Sieger fussfaellig um Schonung ihres Lebens +anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die +angeblichen Raubritter geworden sind, waren urspruenglich die +Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die staedtischen +Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten +nichts, was dieser Geschichte einer zerstoerten Raubburg aufhelfen +koennte, wohl aber dass der Gruenenmaitag ein Ueberrest des sg. +Schwoertages ist, an welchem die Handwerker jaehrlich der vom Mainzer +Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestaetigte +ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofuer die Schuster dem +Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe ueberreichten, gemacht aus dem Filz, +den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d. +Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem +gelungenen Kriegszuge der Buerger und Bauern gegen das Herrenschloss, +oder einer militaerischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach +der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses oertliche Holzrechte +verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers +Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich fuer die Nutzung +ueberlassener Laendereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich +der Frau "den kuehlen Mai". + +Wie sich der Sieg Gideons ueber die Midianiter (Richter 6, 37) an den +Thau knuepft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich faellt, +dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu fuellen vermag, so ist +auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die +Wunderkraeftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim +Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann fuer Mann +gemeindeweise zu entrichten, die haeufig sich wiederholende Tradition +entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhaengigkeit +der Landschaft durch einen gluecklichen Waffenstreich errungen worden +sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und +die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die +"Walperkuehe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der +Anlass, die Voegte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen +zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, +das sie nicht laenger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die +Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende +ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das +aelteste und festete Gebaeu im Ditmarschenlande war die Grafenburg +Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr aelterer Name war Walburg, sagt +Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in +unmittelbarer Naehe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstoerung durch +die aufstaendischen Bauern faellt 15. Maerz 1145. Muellenhoff, Glossar zum +Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast +geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergoetzen lassen, +wofuer der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die +Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsaecke, statt der Tafelmusik +musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlaermen. Solcher +Wohlstand reizte die habsuechtige Graefin Walburg und sie beredete ihren +Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren +nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen +Rueckstaenden einforderte. Am Martinsabend fuehrten denn die Bauern eine +lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine +schoene Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Saecken des +zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenaeht. Als der Zug das Schlossthor +erreicht und gesperrt hatte, ertoente das Losungswort: + + Ruehret die Haende, Zerschneidet die Gebaende! + +Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsaecken, zuckten die +Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach +entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen +und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die +Graefin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat +mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses +Landstueck, fuegt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit +gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine +Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das +dorten ein Bauer aus dem Boden gepfluegt und daheim aufbewahrt hatte, +entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es +heilkraeftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter +sterken. + +So wird Walburgs Goettermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur +Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugraefin und Burgfrau, +mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhoert und die politische +Selbstaendigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und +die hartherzig Zins eintreibende Graefin Walburg verwandelt sich an einem +oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden +Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den +Broken. _Dreimal_ des Jahres muessen die Hexen ihre drei hohen +Tagsatzungen abhalten, sagt Praetorius Blockesberg (1668) 499, und +zergruebelt sich ueber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so +sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige +dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit +ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren. + +Eine aehnliche Fruehlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der +Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut faellt, theilt W. +Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens +Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss. +Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig +liegt, hatte der boese Koenig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die +Fischer an der Weichselmuendung brandschatzte und ihre Weiber und Toechter +entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des +Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu +geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemaess ein grosses Feuer +auf dem Berge angezuendet und der uebliche Reigentanz um das Feuer +gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern +Juenglingen, sich der Burg zu naehern und dieselbe ploetzlich zu +ueberfallen. Koenig Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnuegen +zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie +hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig +seinen Namen erhalten haben. + +Der Name der Fruehlingsgoettin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen +Braeutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits +ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden koennen, wird der winterliche +Tyrann, Koenig Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer +zerstoert. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt. + + * * * * * + + + +Fuenfter Abschnitt. + +Der Mythus vom Maienthau. + + +Von der Adventzeit bis zu Ostern laesst die katholische Kirche taeglich +die Rorate-Messe singen, die ihren Namen traegt von der Stelle Jesaia's +45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel, +den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden +Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugoettin selbst und sah ihn +erfuellt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von +der ersteren ist hier die Rede. + +Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette +und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein +reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf +eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im +Heumonat darauf noch soviel Futter waechst, er traut demselben keine +Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz +und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als +mit einem doppelten Heuertraegniss ohne Maienthau oder ohne Regen an +Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht. +Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom +Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl. +Wolf, Beitr. 2,367) von den goettlichen Maechten die Festfeuer +zurueckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen +reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat ueber keinen mehr. +Maienthau macht gruene Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer +Progression also: Thaut es im Mai fuenfmal, so erwartet man eine +Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fuenfzehnmal, so giebts +eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als Koenig +Gustav III. von Schweden einem ostgothlaender Bauern, der ihm vorgestellt +wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn ueber dessen muthmasslichen +Werth befragte, meinte der Landmann laechelnd: doch wohl nicht so viel, +wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai +genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold laeutern. Daher traegt die +hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher +traegt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den +Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermaerchen (Grimm 3, +no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der +Walburgisnacht im Gewaesser der Bode die goldne Krone der Prinzessin +Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag. +no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse +Kruege, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Beduerfniss damit behelfen +koennen." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem +einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen +ganze Lebensgeschichte enthuellen, wenn man ernstlich hineinschaut. +Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre +Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von +Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schoensperger 1499, Bl. pj und +piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. +das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in +sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die +margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rueckerts Vierzeilen: + + Die Rose stand in Thau, + Es waren Perlen grau; + Als Sonne sie beschienen, + Da wurden sie Rubinen. + +Aus Erde und Thau formte der Schoepfer Adams Fleisch und Blut; so sagen +die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S. +319-330): + + uon dem leime gab er ime daz fleisch, + der tow becechenit den sweihc. + +uebereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein, +dass es soll bluehen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes fluechten +beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, +Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue +Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch, +kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es; +wenn man einen Baum im Maienthau schuettelt, so stirbt er ab. Der Ritter, +der die drei letzten Baeume bei seinem Hause faellen will, sieht des +Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die ueber den Untergang des +Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er +liess hierauf die Baeume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand. +Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen fuer die Menschen +rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in +Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem +firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain +groz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch +niemer her ab, wan daz, sumeliche maister wen, daz daz tov daruz werde. +Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwuenschter, wie hier hernach noch +des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der +Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es muesse +weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Hoehen +erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, waechst kein +Gras; daher in G. Buergers Romanze: + + Im Garten des Pfarrers von Taubenheim, + Da ist ein Plaetzchen, da waechst kein Gras, + Das wird von Thau und von Regen nicht nass. + +Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz +(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der +Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen. +Panzer, BS. 2, pg. 54. + +Maienthau ist eine Quelle der Koerperschoenheit, des Liebreizes und der +Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch: + + Wenns thaut, wirds groen, + werden alle Jungfern schoen. + +Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der +Gasse zu rufen. Eos hat taeglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau +neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und +frischgruenende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera +umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzaehlt Konrad v. Wuerzburg in +seinem Trojan. Krieg--verjuengt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien +gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3): + + Es giengen drei heilige Frawen + zu Morgens in dem Tawe. + +So schoen ist die Geliebte, dass der Minnesaenger Christian von Hameln dem +bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten +Fuss darauf: + + Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen + ein wip, nach der min herze ste; + so wuensche ich, daz si mit blozen fueezen + noch hiure mueeze uf iu ge. + +Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene +kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr +genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den +man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster +setzt, muss nebst Aepfeln und Baendern stets mit einer vollen +Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen +der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen +einen heilkraeftigen Thee. Sommer, Thuering. Sag. 148. 156. + +Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschuessel, Parasol und +Frauenmaentelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das +milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde +Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem +den Durst. Schoenwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-ronge wird zu +Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen +Morgenroethe und Sonnenaufgang aromatische Kraeuter sammelt und sie in +Olivenoelflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr +frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit +Wein gefuellten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und +Wunderbuechlein, S. 233. Um seltne Kuechenkraeuter jahrelang frisch und +schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) +Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das +keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd +bayz (beize) die kreueter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt +Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich +denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den +taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit +genaden auf vns reuedige menschen! + +Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer +Hoehle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus +erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand +mit diesen Erdmaennlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch +stellte man ihnen jedes Fruehjahr einen Krug Maienthau an einen +bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Hoehle trugen. Sie +badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und +Weisszeug; zum Entgelt dafuer ueberschickten sie den Bauern Honigthau, +worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die +Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, haengt ihre Hoehle voll +milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich +zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch. + +In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenaeen badet das Volk die +Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes +waelzt: se rouler ce jour-la le matin dans la rosee, ou se baigner dans +une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanees. De Nore, +Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die +Saalfeldischen Maedchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl. +no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten +berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund +sein soll, wenn sie sich frueh nacket drein waelzen. Die Medici nennen +solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Islaender und +Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu +heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Englaender setzten eine +Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich +mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. +Tilbur. pg. 2. Der Altbaier waescht sich im Maienthau, dazu sprechend: + + Das hilft fuer's Gah, + fuer's Blaeh, + fuer'n U'flat. + +Das Gah ist gaeher Tod und fallendes Uebel; Blaeh die +Rinderaufgelaufenheit, Stillfuelli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2, +30. "Morgenthau ist gut fuer abgehauene Fuesse, gut fuer abgehauene Arme, +fuer ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, +bestreichen den Verstuemmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. +"Benetze deine Augenhoehlen mit Morgenthau, der auf den Baumblaettern +liegt", sprechen die drei Schwaene zu dem von der Stiefmutter geblendeten +Maedchen. Haltrich, Siebenbuerg. Maerch. S. 36. 216. "Heute Nacht faellt ein +Thau, sagt die Kraehe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht +seine Augen damit, der erhaelt sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107. +Dies ist der im boehmischen Maerchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen +Geblendeten verkuendete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms +KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein +des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen +Grabe Walburgis ploetzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3, +pars 2, pag. 305. + +Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den naeher rueckenden Mai +zu vertroesten als auf die Zeit ihrer gaenzlichen Herstellung. +Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die +besonderen Mittel gewaehre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. +Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen +Halme und Blaetter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit +heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzuendung blickt man +eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte +Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der +Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh +und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die +Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins +Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetraenkten +Tuechlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsaess. Sundgau, eine halbe +Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen +Walburgiskapelle ein kraeftiger Wasserquell, Helgenbronn und +Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Muetter mit ihren siechen +Kindern hieher, um sie zu baden; haeufiger noch geschieht es auch an +Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete +Haut waescht. A. Stoebers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob +(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die +allgemeine Sitte ausfuehrlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die +Bresthaften, die ihre Haeuser nicht verlassen koennen, lassen sich im Mai +daheim warme Baeder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn +sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein +Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade +abzubilden, oder ein mit froehlichen Leuten unter Trommel- und +Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende +Gesellen.--Koenig Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im +Staedtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine +Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am +linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings +erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Moerder die +Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften +enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten +Tochter, so erzaehlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und +sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den +grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen +Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene +allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich +z.B. in dem Liede vom baier. Krieg: + + die Teutschen wurden wohlgemut, + sie giengen in der ketzer plut, + als wer's ain mayentawe. + +Uhland, Schriften: "Sommer und Winter". + +Auch symbolische Maibaeder gab es, sowohl kirchlicher als buergerlicher +Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der +Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und +besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten: + + Heiliwog, Gottesgob, + Glueck ins Hus, Unglueck drus! + +Stoeber, Elsaess. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch, +nach Panzers BS. 2, 301: + + O du guter Walbernthau, + Bringe mir, so weit ich schau, + In jedem Haelmlein Gras ein Troepflein Schmalz! + +Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Maedchen, das +sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Baechlein gejagt und +da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade +darf die Kuebelmarie, "Kuebele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den +Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no. +747. 986. Wer zuerst vom Pfluegen oder Aussaeen heimkehrt, wird in der +Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schuessel Wasser +begossen. Schoenwerth 1, 400. Zu Wall in Boehmen blaest am 1. Mai der +Dorfhirte alle uebrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem +Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg, +Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig +mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und +Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewoelbes, durch das die +hoelzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten, +angezuendetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. +Wiedemanns Chronik d. St. Hof. + +Diese Zuege fuehren ueber zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury +(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie +zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als +Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) +nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem +oeffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh. +faellt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu +Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmueckung des +Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse fuer den +Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch +aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefuellte +Weinflaschen mit der fuenften in der Mitte standen, die den Chorsaengern +preisgegeben wurden. Floegel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233. +Vielleicht, dass man diesen welschen Moenchsbrauch aus dem altroemischen +Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten moechte, wo an den +Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die laendlichen Ufer des Tiber zog +und hier Laub- und Schilfhuetten errichtete. So manchen Schluck da der +Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele +Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Roemerthum unberuehrt +gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine aehnliche Sitte. Die +Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den +Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die +Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr +und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen +Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedraengnissen einer langen +Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen +Landschaften kennen aehnliche Wasser- und Weingelage, die altherkoemmlich +auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst +der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders +gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen +pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies +als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die +Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem +Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere +Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, +trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljaehrlich die Steinauer +Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Fruehlingsfeste zogen, so trugen +sie eine Menge irdener kleiner Kruege mit, die ihnen als Trinkgefaesse +dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum +Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte, +macht alljaehrlich die Eichstaedter Schuljugend ihren Waldmarsch und +geniesst daselbst die fuer dies Jugendfest altgestifteten +Ergoetzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu +hollaendisch Groeningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der +Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder +Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im +Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstaedt, der +ueber eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster, +niedergeht, beim Anschwellen im Fruehlinge sein Felsenbette nicht +sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in +sein Wasser hinab gegossen. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim +Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Maedchen die Symbole der +kuenftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Saebel gespiesst, und +Eier und Butter in Koerbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden +folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben +Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte +Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie +beide und die vorhin genannten Maigetraenke zielen, sagen uns einige im +Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt +in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem +Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kaempfen. Dieser +Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach +beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen +bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu +dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den +Verjuengungstrank. Bei thueringisch Arnstadt liegt der kraeuterreiche +Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Hoehe ein Walburgiskloster +getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und +Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut waechst, denn +dahin ist der Geist einer betruegerischen Bierzapferin gebannt. Sie +heisst Frau Holle, in altvaeterischer Tracht umgeht sie jene Buche und +ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die +oel-und aelschenkende Walburg als eine thauspendende Walkuere angedeutet; +noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwaehnte, hier abgehaltene +Maifest der Arnstaedter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch, +Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdruecklich erzaehlt die +Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fuerstentoechter +an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise +darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes +Trinkgefaess (hanapp) ploetzlich abhanden und kann weder wieder zum +Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden. +Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich ueber +jenen Verlust besprachen, stand es ploetzlich unversehrt vor ihnen in +Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurueckgeschickt und hier als ein +neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder +Steinthurm hohen Alters bei der unterfraenkischen Stadt Eltmann, er war +von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen +werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten +lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime +Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und +Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und +Walburgisberg sind die volksthuemlichen Namen der Erenbuerg, eines hohen +sattelfoermigen Berges beim oberfraenkischen Dorfe Wiesentau; das +urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger +Koenigshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwaellen +abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhuegel, aus denen man antiquarisch +beruehmtgewordene kupferne Streitaexte erhoben hat. Hier war das Schloss +von drei schoenen Fraeulein, die beim Trocknen die Waesche nur in die Luft +warfen, so blieb sie haengen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel +steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt +abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor +Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht ueber die +bluethenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen fuer +unerschoepfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der +duftenden Bratwuerste. So erfuellt sich der alttestamentliche Segensspruch +1. Mos. 27, 28, in allen Theilen: + + Gott geb dir des Himmels Thau + Und die Fettigkeit der Au + Und die Fuelle der Halmen + Und den Most der Palmen. + +Die Festbraeuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden +Brunnquellen in hellen Haufen hinausrueckte, die darauf gegruendeten +oertlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen +geschmueckt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um +den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung, +der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und +vervollstaendigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur, +sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab. + +Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die +Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen +der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges +vorgenommen. Die ganze maennliche Bevoelkerung des Ortes, Jung und Alt, +ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag ueber auf +Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische +Gedaechtnisschaerfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen +Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein +stossen) vorgenommen wird, ist hinlaenglich bekannt; eben so wenig bedarf +es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen +verknallt und welches Weinquantum vom Maennerdurst weggetrunken wird, um +dann nach lustigem Tagwerke dem Kuechleinbackwerk entgegen zu ziehen, +dessen wuerziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die staedtischen +Buergerschaften pfluegten ebenso unter grossem militaerischen Aufwande ihr +Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen +Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. +Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die +Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai +fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den +verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altaeren die vier Evangelien +abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser +und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem +Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln +und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes: + + Deine milde Hand giebt Segen, + Giebt uns Sonnenschein und Regen. + +So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde +abgehalten. Anderwaerts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In +Tirol glaubt man, diese Prozession sei aelter als das Christenthum +selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle, +Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen +Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingefuehrt (Rettberg, +Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur +Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgaenge waren unter +dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen +Bevoelkerung an der Elbe ueblich und durch ein besonderes Volksgeluebde +daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jaehrlich drei +halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhoerung einer +Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede +findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282. + +Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt; +schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil. +Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis, +als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die +Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromuenster wird bereits in der +Urkunde von 1223 erwaehnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am +Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der +Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde +abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse +herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Staedtlein weg auf aargauisches +Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute +haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische +Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul +stoesst. Diese und aehnliche berittene Prozessionen sind bereits +ausfuehrlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur +das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der +Blutritt in Schwaebisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage +nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat +man dabei schon ueber siebentausend Reiter gezaehlt. Franz Sauter, Kloster +Weingarten 1857, 35. In den oberschwaebischen Doerfern findet der +Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang +wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und laesst am +Rueckwege die bequem gelegnen Wirthshaeuser nicht unbesucht. Birlinger, +Schwaeb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai +veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch faellt +derjenige zu Anderlecht bei Bruessel auf Pfingsten, der in Haeckendover +bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen +Pistolenschuessen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhaengtem +Zuegel quer ueber die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte +eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem +Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. +345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem +Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem +Baenderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche gefuehrt, +da mit einem Rosenkranz geschmueckt und feierlich wieder hinaus geleitet. +Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Koenigsreiten in oesterreich. +Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der +Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der +beste Wettrenner Koenig. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten +nach einem geschmueckten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln +reiten" herabgesunken. Sommer, Thuering. Saga S. 154. Unsre +rechtglaeubigen Bauern, bemerkt ueber die fraenkische Bevoelkerung in der +Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am +Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider +anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt +Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De +moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio +Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland +betrifft; hier ist der wuerzburgische Pfingstritt also beschrieben: +Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos +habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum +unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri +sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab +omni injuria et calamitate conservare velit. Alljaehrlich zweimal, am 10. +Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das suedfranzoesische Dorf +Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und traegt deren +Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld +heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf +welchem das Gras stets schoener und dichter steht als auf dem +angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andaechtigen, die oft +bis auf Fuenftausend anwaechst, nicht zu fassen vermag und folglich da und +dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon +ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, +sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein +Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit +eignen Augen ueberzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem +Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthuemer hier der Prozession den +Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und +die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, +ad diem 10. Maii. + +Solcherlei Fruehlingsbraeuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu +umreiten und zu durchreiten, stuetzen sich auf heidnischen und auf +alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Goettern +selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du kroenest +das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess +eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persoenlich +beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfaehig macht, weshalb das +Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 +jene Worte nachdruecklich wiederholt: + + Umkroen das Jahr mit deiner Hand, + Mit deinen Fussstapfen dueng das Land. + +Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von +besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf +den Bergwiesen striemenweise fetter und ueppiger wachsenden Grase sagt +der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der +Alpgeist mit schmalzigen Fuessen drueber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag. +no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden +Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch gruene Frucht +hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornaehren. Wolf, Hess. Sag. +no. 31. 56. Von den ueber die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden +Hufen des Goetterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals +denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese +haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen +Strichregen und Windstoesse zu geben, dann wird er sich weniger lagern +und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz +nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stuetzt sich auch der Ritt in +den Maienthau. Bekanntlich haengt die Befruchtung der Kornaehren vom +Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Bluethen ausschuettelt +und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der +Unregelmaessigkeit der Bewegung nur unregelmaessig, daher bleiben viele +Huelsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte uebt nun seit +alter Zeit folgende Methode zur kuenstlichen Unterstuetzung der +Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei +Maenner ein Seil ueber der Hoehe des bluehenden Getreides hin und streifen +damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren +zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die uebrigen aber gegen +das Sichlagern gestaerkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen +gleichfoermig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhuetet, die +aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung +entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergoettert, in +Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene uebertragen worden. +Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen +acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes), +der den gedeihlichen Saatregen mit sich fuehrt, dargestellt war als ein +Genius mit heitrer Miene, gefluegelt, mit flatterndem Gewande +einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend +und neben reifenden Fruechten eine Kornaehre. Droben auf der Akropolis +stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende) +fuehrte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand +trug (Welcker, Griech. Goetterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie +nach demjenigen der drei Toechter des Cekrops, welche Aglauros +(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den +Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und +Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau +steuern und waren der Athene gewidmet. + +Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe +unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrueckt haben. + +Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehoert nach Kuhns Vermuthung (Weber, +Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. doha Milch, ableitend, von duh, ziehen, +ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschaeft des Melkens +und Milchausdrueckens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton +heisst waschen. Hundertfaeltig stimmen nun Mythen und Braeuche in der +Annahme ueberein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme haengenden +Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes +Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene +Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612 +verbietet, Tuecher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel +zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas. +Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender +besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide +mit subtilen Tuechern aufzufangen und diese in Gefaesse auszuwinden habe, +denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Praetorius, Blockesberg S. +559. Grohmann, Boehm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun +verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmueckte in der Walburgisnacht +seine Kuh mit gruenen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus +und fuehrte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drueckte er die +thaubenetzte Decke in ein Gefaess aus, indem er dabei mit den vier +Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den +Thieren unter die Traenke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es +ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, +abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Fruehthau zu gewinnen, +indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf +feierlich abstreift. Die am fruehesten ausgetriebene Weidekuh bekommt +einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhaelt den Preisnamen +Daufaejer, Dauschloepper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch, +weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit +dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck +beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfael. Sag. 2, S. 165. Ebenso +gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische +Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern +voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen +denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die +Zukunft, auf Walburgis in das gruene Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld, +um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tuechern ihn +aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden +Weidekuh fuer sich zu gewinnen. Schoenwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen +die Hexen in Holstein Daustriker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten +Bischoefe erklaerten eine letztjaehrige Hungersnoth daraus, dass der Teufel +den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren +ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida +fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces +exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich +lauten die Histoerchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils +zu bedienen suchen und darueber klaeglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge +im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar +machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick +oder eine lange Stange und fuhren damit oben ueber das Feld hin. Damit +fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und +konnten tuechtig durchgepruegelt werden. Proehle, Harzsag. 1, 199. 210. Um +sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man +ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein +weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch +einander geschuettelt liegen, laesst sie vom Nachtthau benetzt werden und +fuettert damit saemmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. +Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Graetz bei Kienreich 1801, S. 9. +Da auf aehnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeuebt wird, so ist +das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht +stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene +_Ankenbruet_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon +zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches +Stueck zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzaehlt Jac. Sprenger im +Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem +Maitag empfanden mehrere zusammen ueber Feld Spazierende grosse Lust, +frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufaellig an einem Flusse. +Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein +wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Ruecken gegen den Lauf, +ruehrte mit den Haenden rueckwaerts und es dauerte nicht lange, so brachte +er eine foermliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai +machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich +schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am +Maitag Gras haeufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in +seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in +seinem fuer Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei +Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum +habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus. +Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage +seinen Glaeubigen Butter und Schmalz aus fremden Haeusern zu. Was er nicht +weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen +Algen in Tellergroesse, die man auf dem Duengerhaufen zuweilen erblickt, +heissen daher Drachenschmalz. Schoenwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit +demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt +Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen +Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon +dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen +koennen, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen, +sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf +die Blumen faellt;" und daher erzaehle Galenus, 3. B. de alimentis, die +Bauern haetten am Morgen, wenn sie Honig auf den Baeumen kleben gesehen, +ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet +uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai +giebt starke Bienenschwaerme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns +zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten: + + Mengmol e Haempfeli Bluememehl, + Mengmol e Troepfli Morgethau. + +Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie +darum auch so suessschmeckend; denn, sagt Hebel: + + Doert oben wachst kei Gras, doert wachse numme Rosinli. + +Die boehmische Haingoettin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth. +Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Koerbchen mit +Pflanzen, in der andern einen Strauss traegt. Im Fruehlinge traegt das Volk +Honig in die Waelder, stellt ihn auf die Baumstoecke und spricht: +Medulina, da hast du, du giebst es uebers Jahr wieder! Grohmann, Boehm. +Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzaehlt, wie +der ertrunkene Lemminkaeinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht +wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum +Sprachvermoegen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es +moechte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem +Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt +von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die +Sprache kehrt auf seine Zunge zurueck. + +Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der +Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit +beruehrt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten +Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung +gebracht werden kann. + +Fuellt der Koenigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des +Lebens und heilt damit den alten kranken Koenig (Grimm KM. 3, S. 178), so +taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben +Bouteillen, beschmiert sich damit und faehrt so auf den Blocksberg. Kuhn, +Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind urspruenglich jene Zinnkannen und +silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der +Erdmaennchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die naechtlicher Weile +vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstoerten +Nonnenkloster Erlesberg hinueber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn, +aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in +verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst +das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknuepft +(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss +und sein Inhalt ein seuchentraechtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat +und Gras aus dem Boden gezuendet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang +der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt +sich ins Daemonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das +Entzuenden der naechtlichen Freudenfeuer ueberall das Hexenbrennen, und aus +dem lustigen Fruehlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen +und Schuergabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand +einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst +Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Waehrend noch im J. 1839 das +Maerzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hoernerklang begangen wurde, +wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und laeutete, "_damit +das Gras waechst_" (Leonhardi, Rhaetische Sitt. 1844), gilt im kathol. +Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das +Reiflaeuten im Mai, wie das Gewitterlaeuten im Sommer. Im tiroler Innthale +umgeht am Joergentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit +Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen laermend, im unflaetigsten +Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kroeten und Eidechsen zur Schau +tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer +Rueckkehr ins Dorf dafuer beschenkt. Und damit alle sittlichen +Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle +der rossetummelnden Saatenreiter die haessliche Bocksreiterei und der +teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse +die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs +ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der oesterreich. Gymnas. Ztschr. +1858, 410 aus einer Hds. des Olmuezer Archivs einen Segensspruch +veroeffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der +Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu +verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Puelewesen +osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach +Weinholds Schles. Woertb. 1855, 10). Mit Heiloel salbt die +Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem +Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze +ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfaelzer +Sagen Schoenwerths 1, 372 ausfuehrlich besprochnen Hexenoel, und wenn sie +darueber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafuer +den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thors +Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott, +ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, laesst sie die vollen Garben in +der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den +Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser +mangelt, die neubelaubten Baeume reitet, dass man alle Verkrueppelungen +an Eschen und Fichten Trudenpfoetschen nennt. Das Stallthier wurde des +Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass +es zuletzt dem thaumaehnigen Rosse der jungfraeulichen Walkueren glich; +statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in +den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens +abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Maehne und Schweif ist von +unbekannter Hand in zierliche Frauenzoepfchen geflochten. Statt die +Haeuser mit Maien zu schmuecken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden +so viele Ruthen auf den Duengerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die +Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und ueberspringen sie in die +Wette; wer dabei nicht anstoesst, in dessen Hause werden die Milchkuehe +ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein foermliches +Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen +werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, +Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schoenwerth 1, 312), das +Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das +Hinausblitzen in Deutschboehmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem +tuechtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle +gesetzte Milchschuessel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann +hoert die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des +Abgl. (Graetz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles +Natuerlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des +urspruenglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe ruestige +Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert +vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen +diese doch immer noch schoene Jungfrauen, die mit brennenden +Wachslichtern in den Staellen die Thiere besorgen, dass des Morgens +Wachstropfen in den Maehnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter +schattigen Waldbaeumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem +Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke +jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Koenigin +Habundia, unsre deutsche Goettin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es +dem Hause Glueck und Vorsput. So anfangs als Allguetige verehrt, sind sie +nun feindselig und gefuerchtet; erst eine ueberirdisch schoene Holda, dann +eine triefaeugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren +Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, +die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim +Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, +Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevoelkerung +ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen +Festtag heisst Wolpripaeaew (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die +Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, +265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Goetter durch die +Kirche genugsam durchgefuehrt werden konnte, verwandelten sie sich mit +ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In +rueckwaertsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun +die Joeten- und dann die Walkuerennatur Walburgis und sind damit am +Schlusse. + + * * * * * + + + +Sechster Abschnitt. + +Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung. + + +Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhaengigen Dioecesen +und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem +Gesammtzusammenhang zu betrachten, waehrend man sie bis dahin fast nur in +ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. +Die Ingolstaedter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der +niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen +zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine +gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die +Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und +nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei +nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstaedter Walburg sei bereits +im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener +westfaelischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen. +Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands +alles Moegliche entgegen. Der groessere Theil der dortigen alten +Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass +man daselbst von der Walburgiskirche zu Groeningen behauptet, sie sei ein +Heidentempel der _Goettin_ Walburg gewesen, und dass man in der +Walburgiskirche zu Veurne (Dioecese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt, +wo dieser Goettin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl. +Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr +hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil +unterstuetzt; die zu Groeningen ist eine Rotunde mit thurmaehnlichen Mauern +und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe +Helgen fuehren soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt +gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer +Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen +haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwaerts verfolgt, um so +mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst +ihrem bischoeflichen Bruder die vergroeberte Gestalt der Riesen an. Schon +im Harz wird _Wilibald_ ein Huene genannt (Proehle, Harzsag. 1, 275); um +Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandraeuber +vertilgende Riesin Walberech. Seeraeuber ersaeuft sie, Viehdiebe frisst +sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre +Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres +Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinueber. +Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestueme Heidenfrau, +menschliches Mass ueberschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in +Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders +erzaehlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire, +sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von +Dollgellen in der Schuerze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein +Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den +Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun +Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositaeten Bd. 8, 240. Endlich hat +sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus +herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitraegen 1, Tafel II, Figur 1, +lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein +deren antiken Namen tragendes deutsches Goetterbild. Es ist ein ueber dem +Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes +Steinbild, das noch in seinen urspruenglichen Umrissen zu erkennen, in +seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, +hebt beide Arme bis zur Kopfhoehe anbetend empor und zieht die aus +einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Goetterbild war, urtheilt +Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle aelteren Geschichtschreiber Antwerpens +ueberein, unter denen auch der beruehmte Bollandist Papebrochius; dafuer +spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafuer zeugt +auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kraenze und Blumen opferten, die +Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver +tranken, um bald des Mutterglueckes theilhaftig zu werden. Davon +berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin. +Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und +selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt +Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Kuechengeschirr +zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres +dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anstaendigsten ist +solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye +erwaehnt, erzaehlt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung +begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon +vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingefuehrt +habe. Die Heiden haetten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zaehe +abgelassen, und daher ruehre denn der bei den dortigen Weibern andauernde +schmutzige Brauch, deren Hartnaeckigkeit in Sachen des Aberglaubens +allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen, +norddeutschen Walburgis fest, welche in der Moenchsprache Venus und, da +sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre +Hermaphroditengestaltung entspringt aus den urspruenglichen +Grundbegriffen der eddischen Goetterlehre, zu Folge welcher die Gottheit +doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen. +Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco, +der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die +Ackergoettin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und +das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie +priapisch, gleich dem maennlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fro), welchen +Adam von Bremen Fricco unter der ausdruecklichen Beifuegung benennt, er +werde phallisch abgebildet, walte ueber Regen und Sonnenschein und stehe +den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt +ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt +Fricconi. Sein Name gruendet in der Wurzel pri = freien, woraus auch +Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der +altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es +ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe +Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstaedter Gebiete, als +dem sueddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder +findet. In dem zwischen den Staedten Eichstaedt und Weissenburg am +Ausgaenge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim +findet sich unter mehrfachem roemischem Grundgemaeuer im Garten des +dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwuerfel, dessen eine Seite die +Grabinschrift einer roemischen Ehefrau, die andere die eines +Merkuraltares traegt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebruesteten +Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus +einander gespreizten Beinen, beide Haende am Phallus haltend. Beide +Figuren sind an den Einzeltheilen vorsaetzlich verstuemmelt. Noch im +vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses +Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befaehigt zu werden, und als der +Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah +und um ihn fuer seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstaedter +Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung +des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857, +S. 287. Von der Moenchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der +Goetze Miplezeth (1 Koenige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein, +Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, +entspringt in der Kindheit der Voelker aus einer schuldlosen Verehrung +des zeugenden Prinzips, die eine spaetere, ihrer Suende bewusste Zeit +aengstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass +schluepfrige religioese Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schluepfrigen +nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 +sagt er: "Unsre Vorstellungen ueber Wohlanstaendigkeit veranlassen uns zu +glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch koenne nichts anderes als +eine Erfindung der Zuegellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass +Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religioeser +Ceremonien gewesen waere. Im Gegentheile ist es verbuergt, dass +dergleichen Braeuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden +und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem +uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger +Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend fuer ihre Reife zu begeistern und +kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklaerten, abgefeimten oder +moralisch ruinirten Epochen laecherlich erscheinen." + +Folgerichtig wurde nun die Goettin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer +Koerpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende +Frucht, in gleicher Weise kuenstlich geformt, zum Genusse dargeboten. +Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte +Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwaehnen Martial (XIV, 61: +Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal +II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen +Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria +1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet); +adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda +in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass +solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend, +vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De +divinites generatrices 226 und fuegt noch hinzu: dans plusieurs parties +de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. +Aehnliche Landesbraeuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die +Augen zu oeffnen. Das Milchbrod der fraenkischen Eierweckchen, in +bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klaerungsweck; +dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern +von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher +Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung +gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische +breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Maedchen gegeben, dagegen das +stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den +oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt, +beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierueber gesungenen +Schnaderhuepfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das +obscoene Gebildbrod der Meissner Fummeln, ueber welche Schaefer im ersten +Theil der deutschen Staedtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige +der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkraepflein. +Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter +Grabhuegeln aufgefundenen Frobildchen, welche das gleiche Symbol des +Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des +OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, +Klausmaenner, Hanselmaenner, Grittebenze; in Niederdeutschland +Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche aehnlich gestaltete +Brodfigur wird gewoehnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, +dass ihnen Augen, Brueste, Rockknoepfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass +sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander +spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel, +varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin +beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch +wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter +und den Urvorstellungen der Menschheit angehoerende, und muessen eben +darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein +des Naturmenschen noch gaenzlich schlummert. + +Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklaeren und mit +den Hauptzuegen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher +vorgetragene Sagenkreis in zwei Haelften sich scheidet, in ein lichtes +Fruehlingsgebiet und in ein daemonisches Nachtreich, so fuehrt auch die +Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schoenere Seite mache hier +den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist. + +Wenn der liebende Wuotan im Fruehlingsbeginne seine Vermaehlung mit der +Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so traegt er den ahd. Beinamen des +Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem +Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen +Wuenschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. oskmeyjar, Wunschmaedchen. +Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und fuehrt uns +sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die +Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau +Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage +vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann fuehrt Wunsch 2) auf +den Namen eines der Brueder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch +Gewaehrende. + +Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des +Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); +diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also +durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe +dar. Des andern Bruders Wilibald Name knuepft sich an den eddischen +Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried +entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. +Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische +Koenigstochter Werburga auch Walburg hiess: Werburga, Wulferi, Merciorum +regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage +bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. +dives, potens, wieder allmaechtige Gott gleicherweise der Reiche genannt +wurde. Saemmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also +naechstverwandt mit den hoechsten Goetternamen. Der Himmel nun, in den +jenes Liebesheer gefluegelter Jungfrauen das Goetterpaar geleitet, ist +Walhall, nordisch Valhoell, und der silbergedeckte Saal darin heisst +Valaskialf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der +Auserwaehlten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der +angelsaechsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbuergschaft. + +Allein jenem Wonnemonat der Vermaehlung Odhins geht des Gottes stuermische +Brautwerbung im Mittwinter (den Zwoelften) voraus, wo die +leidenschaftlich Wuenschenden zu Verwuenschten, die Liebenden zu +Wuethenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentaenzen werden +(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann aendert sich die Bedeutung des Wortes +wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die +sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, +die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walkueren, welche die auf dem Wal +Gefallnen auswaehlen und fuer den Himmel erkueren. Die Wolen, sonst nach +der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es +Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel +niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Bruenne ist blutbespritzt, +Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Maehnen ihrer +Rosse herab und reiche Ernten traegt dann der wildbefeuchtete Boden; aber +zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen +Kriegsmaenteln, als fiele ein dichtes Schneegestoeber, und von ihren +Zaubergesaengen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. +Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, gefluegelt umschwebt Kara ihren im +Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie +selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich +verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thueren gekreideten Trudenfuss, +oder es erscheint das leichenankuendende Gespenst des Holzweibleins gar +in Gestalt einer weissen Gans (Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der +Schwanenfuss wird zum Gaensefuss verkrueppelt, aus der Koenigin Berta wird +eine Koenigin Gansfuss, Reine pedauque. Wollen sich die Bollandisten III, +516b erklaeren, warum die hl. Werburg so haeufig mit der hl. Walburg +verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die +Wildgaense gehorsam gewesen seien. Dahin gehoeren nun die vielfachen +Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfuessigen geschehen, wie +z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga +(Wassertruedingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden +hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfuessige Walkuere +und der fuer seinen gelaehmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke +erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der +Fussgelaehmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der +Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustriker heisst, weil sie in +schaedigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. +Grimm RA. 94. 630. An fruehzeitigen Uebergaengen des Namens Walburg in das +Gebiet des Daemonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine +der Walkueren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich +besungene Koenigstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig +starke, kriegsgewaltige Koenig (im mhd. Gedichte Koenig Laurin), welchen +Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz +der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem +hervorragenden Berge des dortigen Suedlandes. Vala wird dorten die boese +Stiefmutter genannt im Maerchen von Schneewittchen. Maurer, Islaend. Sag. +107. 280. Die niederd. Hexe Valriderske ist eine Pferdemahr, die sich zu +ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen +diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel ueber den +Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in +der Wuenschelburg wohnende Goetterjungfrau, dann eine steinschleudernde +Riesin, eine leichensammelnde Walkuere, ein die Fruechte und Thiere +zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen +Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem uebrigen +Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird +darueber zur Goettin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nuernberg abgehaltenen +grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anfuehrung "der Frau +Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jaegerin stiess sie +ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schuettelte ihr Haupthaar wild +umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger +Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure +Jagdgoettin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethuem, aber nur heute +nicht!" Vulpius, Curiositaeten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht +sie mit dem Geschaefte des Flachsbaues und Spinnens um; in Sueddeutschland +erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem +letzterwaehnten Geschaefte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die +Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Maegde auf +den Doerfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr +ein thueringischer Bericht, Curiositaeten, Bd. 2, 472; und eine schon +aeltere Notiz in Praetorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend +darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, +sonst machen die Hexen Bratwuerste daraus, d.h. ungleichfaediges Garn. Die +Thueringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole +das Garn."-- + +Das schicksalwebende Wunschmaedchen webt das Eheband, darum wird am +Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwaehnte Liebesorakel +erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); +als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede +von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der +schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im +Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren +Wunschkinder herauszuschoepfen. + +In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, +117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die +Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezuegliche Schimpfname ist +Hullsluder. Schoenwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel +das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wod und +Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und +Frau Hulle. Was in den Zwoelften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle +und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 +heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Muellenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der +bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles +Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit +diesem Geschaefte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, +aelschenkenden Fruehlingsgoettin werde hier abgeschlossen. + +Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren +oder Aehrenbueschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen +lassen, bekraenzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis +dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses +Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wutfutter +genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen +Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich +fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei +welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese +heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, +und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg. +74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und +Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder +Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte +Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936); +die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere +Heiloel: es ist dies die Naehrkraft des unter dem Einflusse des +Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Maehne +des Walkuerenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und +Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walkuere +Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel +Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth +fuehrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein +Maedchen, es soll sich dabei schoen und stark trinken. Schmeller, Woertb. +3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem haeuslichen +Feste fehlen darf, Alus, das Baertige, denn es wird aus der +grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hoerner, sagt er von der +Staerke dieses Getraenkes, ja Gerste bedeutet ihm ueberhaupt so viel wie +Getraenk. Schleicher, Litthau. Maerch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der +Wirkung des Muenchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen: +der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walkuere Oelrun in ihrem +Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn +geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Goettern den +Staerketrank kredenzende, so verschlaegt diese doppelte Etymologie hier in +der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der +Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier laengst in +den Eigennamen und in die bezueglichen Symbole eingedrungen. Der +Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte +(alfablot), heute das Engelbier: Engeloel (Mannhardt, Mythen 326). So +braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, +Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schoeps, in Wollin Bockhaenger +(Klemm, Nahrung, 335), in Muenchen Bock, dessen Ausschank daselbst mit +dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er haelt dorten +somit dieselben Termine ein, die kalendarisch fuer das Gedeihen der +Kornsaat und kirchlich fuer das Fliessen des Walburgisoeles gegolten +haben. + +Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier +abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben: + + Auf den Wald und auf die Wiese, + Mit dem ersten Morgengrau, + Traeuft ein Quell vom Paradiese, + Leiser frischer Maienthau. + + Wenn den Thau die Muschel trinket, + Wird in ihr ein Perlenstrauss; + Wenn er in den Eichstamm sinket, + Werden Honigbienen draus. + + Mit dem Thau der Maienglocken + Waescht die Jungfrau ihr Gesicht, + Badet sie die goldnen Locken + Und sie glaenzt vor Himmelslicht. + + Selbst ein Auge rothgeweinet + Labt sich mit den Tropfen gern, + Bis ihm freundlich nieder scheinet + Thaugetraenkt der Abendstern. + + * * * * * + + + + +II. + +Verena mit dem Kamme, + +die Kindsmutter. + + * * * * * + + + +Erster Abschnitt. + +Verena, eine Gauheilige. + + +Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; +ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres +durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und +Altaere in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. +Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_. + +Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung fruehzeitig der +Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch +eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang +mit der fruehesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die +Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in +die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwaerts weiter +ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen +roemischen Legion, welche dorten zum Christenthume uebergetreten, dann +nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, +schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer +verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade +entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, +unermuedlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den +Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die +aeltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu +Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn; +Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zuerich u.s.w. Die mit dieser +Soldatengeschichte ganz aeusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet, +entkleidet ihrer maerchenhaften Zuthaten, ungefaehr Folgendes. + +Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts, +begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte +hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen +nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener +Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode +der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Graeber zu besuchen, ueber die +Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren +Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre +verbreitend, wurde sie vom roemischen Statthalter in den Kerker geworfen, +jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von +lebensgefaehrlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthaetiger +Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; +begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, +dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre +bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters +Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des +Ortes in einem Siechenhause sich selbst ueberlassnen Aussaetzigen; ihnen +ueberbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und +Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdaechtigt sie der Veruntreuung +im Haushalte. Waehrend sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben +will, tritt ihr argwoehnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur +Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krueglein, das sie +traegt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt +des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Fuer den +Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und +setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstaette ward +erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben +und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der +Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das +Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit +naiver Zweifellosigkeit angesetzt. + +Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage ueber die +geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen, +denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf +und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeraeumt worden war, sich der +dortigen Roemerchristen durch militaerische Massen-Niedermetzelungen zu +entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende +mit dem hebraeischen und dem antiken Sagenkreise begann der +romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in +roemisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen +denjenigen Staedten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst +das politische und dann das kirchliche Roemerthum das herrschende gewesen +war. Daher finden sich die Altaere, Reliquien und Historien der Thebaeer +schon von Alters her vor in Bonn, Koeln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, +Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine +solche Legionenstadt der Roemer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der +Klerus dieser Staedte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die +deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebaeern entweder anhebend +oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften +Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darueber sind +Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. +Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken +noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene urspruenglich nicht zu +den Thebaeern gehoerte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen +waere, denn was haette die phantastische Kuehnheit dieser gelehrten Moenche +nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf +alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige +nur allmaehlich kirchliche Anerkennung fand und in den uebrigen +Kirchensprengeln unbekannt, ja foermlich ausgeschlossen blieb. Die +ritterlichen Thebaeer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth +des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende oertliche +Missverhaeltnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des +Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in +Wallis) geschehene Enthauptung der Thebaeer gegruendet; allein er laesst am +1. Sept., als dem kirchlichen Gedaechtnisstage, Verenas, nicht diese +feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoraeste +bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhaeltniss findet auch +in der Dioecese Solothurn statt. Die beiden Thebaeer Ursus und Victor sind +Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen, +Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch +Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter +Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar traegt die dortige am linken +Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit +einer gewoelbten, von einem Eremiten gehueteten Kapelle versehen, einst +der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den +Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches fuer +die Zurzacher Stiftsherren urspruenglich das massgebende war, enthaelt +Verenas Namen und Gedaechtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des +Minoriten Paulus Schwenger Roemischem Martyrologium erhellt, verbessert +von Pabst Benedictus XIV. Coeln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese +Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus ueberhaupt erst spaet +in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von +Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit +der dorten einheimischen Thebaeerlegende urspruenglich gleichfalls nicht +verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehoert dem Konstanzer +Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. +Das Konstanzer bischoeflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei +Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) laesst die Heilige +nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich +anfaenglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel +versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den +Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm +jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag +voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele. + +Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken +konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das +Konstanzer Bisthum, das herkoemmlicher Annahme zu Folge nach gaenzlicher +Zerstoerung Vindonissas, des urspruenglichen Bischofsitzes, um das Jahr +600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung +ueber einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den +wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen fuer den +Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthuemer. +Vom Gotthard reichte es ueber den Neckar bei Marbach und zum Kloster +Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Sued, zwanzig +von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation +zaehlte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Kloester, 17,000 Priester und Moenche; +nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. +Diejenigen von letzteren, die fuer unsre lokale Frage belangreich, weil +im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak. +Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es +sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zuerichgau, Aargau diesseits der +Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und +aufwaerts ueber die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit +Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur +gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der noerdliche Theil des Kant. St. +Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach; +ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur +gehoerend. Dazu zaehlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem +kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft +Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Wuertemberg, die +beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algaeu, der untere Theil +des oesterreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und +Gotteshaeusern. Dasselbe zaehlte in seinem schweizerischen Territorium +noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion +Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nuescheler, +Gotteshaeuser der Schweiz, fuehrt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in +denen die Heilige entweder Patronin war oder Altaere besass. Im Bisthum +Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: +zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gaechlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu +thurgauisch Ermatingen (52), zu Muelheim (55), Maerstaetten (57), +Langrickenbach (77), Waertbuehl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182), +Wil (185), Matzingen (212), diese saemmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau +im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127), +Ellikon und Staefa im Kt. Zuerich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug +1869, S. 69). Von den uebrigen im Aargau, in den Kantonen und den +deutschen Nachbarlaendern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen, +Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders +gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen +Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet +von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des +Rheines gewesen, und daher haetten zu ihren entfernt wohnenden +Kirchgaengern selbst die Erdmaennchen von Dangstetten im Schwarzwalde +gehoert. + +Uebergehend auf die Gruendung und fruehesten Schicksale der Zurzacher +Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die aeltesten +Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbruensten und Verwuestungen verloren +gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht +sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt +(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise fruehzeitig an das +benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner +Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen +selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. +881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung +bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben wuerde; und dieses +geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist laengst +nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht +werden koennen. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals +nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein +grosse Zeitluecke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste +Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von +Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das +Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Pluenderung +dergestalt, dass es von den Moenchen verlassen wurde; des vorgenannten +Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder +erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeaendert haben, +und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat +1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben +sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der +christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden +Chorherrnstift, Muensterkirche und Klostergebaeude abermals in Asche +gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so duerftig fliessenden +und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der aeltesten +Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurueckgeht, einige werthvolle +Ergaenzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung +unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzaehlungen +fuehrt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen +Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Muensterkirche, damit aber +auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre +Untersuchung hernach ueberzugehen hat. + +An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altroemische Stadt +gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein +Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlaessigkeit +das Ewige Licht ausgehen oder versaeumte an den vorgeschriebnen Tagen +sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer +erfuellte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe +wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfuellten +die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Waechter darueber verwundert +dem Orte zueilten, fuehlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen +Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog +Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines +kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener +Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des +gleichen Weges strahlende Maenner, im feierlichen Schritte Lieder +singend, nachrueckten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten +Sarg begleiteten. Ploetzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die +Luft, schwebte ueber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und +verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne +dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschaedigung gezeigt +haette. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner +Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem +weltlichen Besitze und uebergab sie der Ortskirche unter dem Namen +Wihegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst +taeglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten. + +Diese kurze Erzaehlung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas +Reliquien von ihrer urspruenglichen Ruhestaette in der Mauritiuskapelle am +Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur +Stiftskirche erhoben wurde, und gewaehrt eben damit volle Sicherheit ueber +den aeltesten Ruheort der Heiligen, nemlich ueber die zehn Minuten vom +Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser +Schluss wird unterstuetzt von dem Passionale der Wuerzburger Cartusia, das +bis ins 10. Jahrhundert zurueckreicht und 1583 gedruckt worden ist; in +diesem heisst es: "In der Naehe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am +Ufer des Rheines mit vielen Aussaetzigen und Armen." Die vorhin genannte +_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte fuehrt, da +hinaus traegt Verena den Aussaetzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie +ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst +hier eine noerdlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Haeusergruppe, +lauter Ruinentruemmer der Vorburg und des Brueckenkopfes der roemischen +Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller +in den Zuerch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am +Rheinufer stehen noch fuenfzehn Eichenpfaehle von der roemischen +Jochbruecke, etliche davon sind beim guenstigen Wasserstand des Jahres +1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Muehe, denn sie staken mit ihren +eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmoertel. Innerhalb des +roemischen Kastellgrabens liegt der Huegel Kirchlibuck mit seiner kleinen +Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, +zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das oesterliche +Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die +Prozession der Stiftsherren und der religioesen Sodalitaeten; derjenige +Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, traegt +zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die +Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus +erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum +wieder in die Stiftskirche zurueck. + +Die urkundlichen Nachrichten ueber specielle, in Zurzach kirchlich +verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knuepfen +sich hier an den Namen der Koenigin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des +Ungarnkoenigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin +seit 1294 in ihren Brandtruemmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der +Koenigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien +werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 +Jungfrauen; die Fuerstin fuegt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst +aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Koenigsfelden 1357: ein +geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und +133. Bei dem hoechst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu +Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensaerglein" in Nothfaellen aus der Kirche +zu nehmen und in Privathaeuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof +Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript +verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger +Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches +nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 woertlich +mitgetheilt steht; es ergiebt fuer unsere Zwecke: In der runden +vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der +grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen +silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag +(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und +Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine +Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut +und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt +wurde. Den Hergang schildert Heinr. Kuessenberg, seit 1521 Kaplan im +benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift +entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, +Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeraeumt, in letzterer jedoch die +Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, +unversehrt gelassen. Nach Eroeffnung der Verenagruft fand sich nichts +anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stuecklein von Verenas Krug und +Holztruemmer von Verenas Todtenbaum". Ihre uebrigen Reliquien lagen in der +Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hoelzernen +Saerglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst +Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken +mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Waehrend man Sarg und Inhalt ins Feuer +warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme +gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden +ueberbracht. Von den vier Reliquienbehaeltern blieben unversehrt ein +kleines vergoldetes Saerglein, ein grosses und der Roehrknochen eines +Armes; diese drei Stuecke wurden nachmals den Chorherren wieder +zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Roehrknochen wird +seitdem fuer Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich +nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals +fluechtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm +Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte +nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. +Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so +gefloekt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen +sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung ueber die erlittene +Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeraethe mindestens 5,152 Gld. +betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstaende +schliesst mit der Betheuerung: "das hochwuerdig Helthum St. Vrenen mag +mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c. +93. Unverwuestet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist +verguelt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen +Guerteli; Silber von St. Verena koepfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der +Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel +besessen, welche in der vorhin erwaehnten Lateinurkunde von 1347 +doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, +also eben dasselbe Bruchstueck, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 +eine kleine "koestlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl +im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler +Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin +gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies koenne man bei so +vielerlei Heilthuemern in specie nicht eigentlich wissen. Durch +Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht +und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche uebertragen, wobei jener +Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131. + +Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die +Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenoess. Buende 3, 279) zuerst +Erwaehnung thut und also sich ausdrueckt: ecclesia Sancte Verene in +Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose +virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrueh +eine Heilige genannt, waehrend sie 1290, als ihr der Zuercher Scholasticus +Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur +eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch +andern wunderthaetigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz +kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an +geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes +ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen +Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring +anvertraut. Diesen stiehlt ein Boesewicht, wirft, da der Priester darnach +forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der +Untreue. Da ueberbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich +der Ring wieder findet. Diese vielen Voelkern ohnedies gemeinsame Sage +erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsaetzlich +ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches +wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er +wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit +leichtsinnig verschleuderte Glueck nur um so gehaeufter zum Glueckskinde +zurueckkehren muesse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. +Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch +die Tuecke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeintraechtigt; waffenlos +steht das Aschenbroedel dem sie vernichtenden Geruechte ausgesetzt. Damit +trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld +wird eine Zeit lang dem aeussern Elende preisgegeben, um dadurch +schliesslich in ein um so hoeheres Licht empor gerueckt zu werden; +schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende staerker als die +arglistigste Bosheit. + +Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die +Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem +Heiligenkreis der fremdlaendischen Thebaeer zugesellt worden. Ueber ihrem +ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionaeren die +Kapelle zur Aufburg, ueber ihrer spaeteren Gruft die der Maria geweihte +Stiftskirche mit den Altaeren der Thebaeer. Ihre Reliquien sogar werden +mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit +deren Reihe aufbewahrt und aufgezaehlt. Deutlich verraeth sich dadurch die +Bemuehung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu +stempeln, indem man sie mit dem maennlichen und dem weiblichen Aufgebote +hier der 6666 Thebaeer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula +verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zaeher als dieser +legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stueckweise streift Verena den +ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden +Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es urspruenglich gewesen, +eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsstroeme einsam +fortwaltende Naturgoettin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden +Abschnitten geltend. + +Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist +enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v. +F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem +Berichte ueber die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder +im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es +Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) fuer vorliegende +Arbeit diplomatisch getreu copieren. + + Von sand verene (roth) [106b] + + Verena diu edel meit, + als, uns daz puch von ir seit. + Die was ---- ---- + und ez quam also, + Do der cheiser maximian [106c] + furt mauricium mit im dan + Her gen deutschen landen, + si begunde nach im belangen + So ser, daz si im fuor nach, + wanne vil gerne si in sach. + Verena was ein christenin, + und do si quam ze meilan in, + Die geuangen christen + die heimpt si an den vristen + Vnd bechlagt mit in ir not, + dar zue si in helfe pot + Mit trinchen und mit ezzen. + uerena, die vermezzen, + Si lie durch nieman daz + durch vorhte noch durch haz, + Swa die christen warn erslagen + und auch da si warn begraben, + Die staete suocht si alle tage + mit weinen vnd mit chlage. + + Mit reinem leben was si sus + pei einem, der hiez, maximus. + Nu wart ir schir alda geseit, + daz mauricij schar preit + Durch got wer erslagen, + daz begunde die vrowe chlagen + Vnd wolde nicht leng'r da bestan, + si fuor ub'r die alben dan + Vnd ze einem wazzer si quam, + daz ist genant aram. + Alda vant si einen man, + der gevlohen was chomen dan + Der sagt ir die rechten maere, + wie ez mauricio ergangen waer. + Davon wolt si nicht furbaz, + in einer chlause si da saz + Mit chlage und mit leide. + da warn inne reine meide, + Der leben was also gestalt, + si waer iunc oder alt, + Daz si anders lebte nicht + wan chraut, arbaiz und anders nicht, + Des lebte si daz gantz iar; [106d] + daz quam auch von ier werch dar + Vnd des tages ein lutzel brot, + daz man igleicher pot. + Nu was dapei ein getwerch, + daz verchauft den meiden ir werch + Vnd chauft in da mit ettewaz, + daz die samenunge gaz + Anders lebten die vrowen nicht, + gab man in aber immer icht, + Des enpizzen si nimmer + und gabens durch got immer. + Sus was gestalt ir reines leben. + got hat verene den geist gegeben, + Daz man vber al daz lant + ir leben vil rein erchant, + Daz man sei het fur heilic gar, + daz auch si was furwar. + Wan got durch sei tet wunder + mit zeihen besunder. + Auzsetzig behaft macht si slecht, + plint, chrump macht si gerecht. + Solcher dinge tet si vil + mit got auff daz zil, + Daz man sei d'r meide muet'r nant + weiten uber al daz lant. + Nu was in der gegent da + ein richter sam anderswa, + Der het got gar verchorn. + dem was der meide leben zorn, + Vnd daz man ier so wol sprach; + mit zorn er daz an ier rach, + + Wan er die vrowen vie, + dehein gut er ier nie geschehen lie. + Doch quam zaller zeit zu ir + ein liechter iungelinch fir[3], + Der pot ier guten trost, + si wurde schir da von erlost. + Doch vragt si in, wer er wer? + do sprach er offenwaer, + Er waer ir mag mauricius, + und mit der rede alsus + Quamen zu mauricio hin in [107a] + alle die gesellen sin + Und gruezten die vrowen schone, + damit schieden si davon. + Nu wart derselbe richter + vberladen mit sichtum swer, + Der gedacht rechte wider, + er lief hin und viel nider + Chlagunde fuer die reinen meit + und seinen sichtvm er ir chleit. + Doch pat si got umb in, + der richter gie gesunt hin + Vnd mit grozzer gedult + bat im vergeben sein schulde. + Daz was ysa getan, + die magt wart do leidich lan + Vnd gie zu iern swestern wider, + da si got diente sider. + Nu quamen die swest'r auch in not, + daz si ninder heten prot + Vnd grozzen hunger liten + doch mit dultichleichen siten. + Ier werches acht man nicht ein har, + wan ez was ein hunger iar. + Do verena die not ersach, + zu got von himel si do sprach: + Wan du deiner geschefte gist + ier leibnar zu rechter frist, + Jesu christ, du waist wol, + wez dein gesinde leben schol. + Do si daz vollen gesprach, + vor der chlause man ligen sach + Viertzig sekche mit mele vol. + er gedacht ir not da wol, + Wan daz prot wuchs in ier munde, + daz si lange vn manic stunde + Heten da von ier leipnar, + des lobt got die rein schar. + Nu was verena, die genende, + chumen an ier lebens ende, + Vnd do si nu siech wart, + ier andacht sich nie verchart. + Da si vercheren scholt daz leben [107b] + und den geist widergeben, + Do quam unser vrowe dar + mit der hymelischen schar; + Vnd do verena sei ersach, + zu gotes mueter si do sprach: + Waz gernde han ich, + daz gotes mueter siechet mich? + Do sprach unser vrowe zu ier: + verena, volge mir, + Da hin, da du immer mer + vreude hast ane ser. + Mit der rede si verschied, + got ir sele da beriet + Der ewigen gnaden. + die vrowe wart begraben + In der chlause alda, + die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3], + Da got wol scheinen lie, + daz er sei minte hie. + Wand nieman wirt entwert, + der rechter dinge an sei gert. + Nu derhoret got dehein pet so gern, + so daz wir seiner hulden gern, + Dem gibt er, der die suohet, + vil gern, swer ir geruhet + Mit hertzen und mit andacht. + daz wir ze hulden in werden pracht, + Des helf uns maria + und ir dirne uerena. amen. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[3] fier, stark und stolz. + +[4] zerzyaca: Zurzach. + + * * * * * + + + +Zweiter Abschnitt. + +Verena, die Muellerpatronin. + +Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen +Kleinkindersteine; die Muellerpatronin als Ehegoettin, der in Stein +verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke. +Wirthschaftsregeln am Verenentage. + + +Alljaehrlich am Verenatage lassen die Mueller im aargauer Surbthale die +Muehlsteine schaerfen und die Muehlbaeche putzen. Denn Verena, deren +Wahrzeichen: Kamm und Krueglein, an allen Muehlen und Banngemarkungen des +Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstaette an den +Stroemen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als +die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Mueller, +Schiffer und Fischer. Hiefuer sei ein Einzelzug vorangestellt aus der +aeltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6, +457. Unter den Guetern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher +Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle +Muehle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, +suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmaelern und aenderte den Lauf +des Muehlebaches, indem er ihn auf seine Landstuecke zog. Allein ohne +fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte, +schwoll der Bach ploetzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg +und trat dann wieder in sein urspruengliches Bette zurueck. Nun kam Jener +eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er +ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso baendigt sie den Glaeubigen +zu lieb die verheerenden Stroeme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser +stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Hoehe, +dass er alle Kornfluren ueberschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet +und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne +den Fluthen zu nahen, die ueber die ganze Feldbreite hinstuerzten. Doch in +dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein +altes Bette zurueck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren +wieder schoen aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits +entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits +des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug, +hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und fuehrte sie mit der +andern wie durch ein Gewoelbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. +Waehrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das +nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war +sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier +gebietenden heidnischen Praefekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch +den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen +ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu +sehen ist und die Krallen des Boesen eingedrueckt traegt. Eine friedlichere +Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Muehlstein, der an der Solothurner +Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau, +und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Naehe +die Aare in den Rhein muendet. In der Gegend wuetheten eben Seuchen, von +den Ausduenstungen eines Leichenackers herruehrend, den der Strom +unterwuehlt hatte; aber die Krankheit hoerte auf, indem Verena Heilquellen +aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft +und beeilte sich, eine so wohlthaetige Frau zu sich heim zu fuehren.[5] +Auch ihren Muehlstein wollte man nicht zuruecklassen. Man lud ihn auf +einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber +blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein +weiter zu schaffen; doch zurueck nach Koblenz zogen ihn die Rosse +muehelos, wo er nun neben der Thuere der Kapelle in der Einsenkung der +Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmueckt mit dem +Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm uebernatuerliche Kraft bei. Auch +ist das Gewoelbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als +1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einaescherte; es haengt voll +waechserner Fuesse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer +Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und +erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst ueber +dem Steine zu lesen stand: + + Auf diesem Stein hier aus der Aaren + Die heilig Verena ist gefahren + Ohne Ruder, Schiff und Schalten, + Wie solches geglaubt die frommen Alten. + +Die Koblenzer sind seitdem bewaehrte Fischer und Fergen, die auf den Rath +der Heiligen die Stuedlerzunft gruendeten; erst vor einigen Jahren ist sie +bei Aufhebung saemmtlicher Zuenfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft +der Laufenknechte stand ein von allen Landvoegten verbrieftes Faehrrecht +mit der Obliegenheit zu, saemmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel +befahrende Schiffe und Gueter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen) +zu fuehren. Am Gewoelbe der Zurzacher Stiftskirche haengt daher ein +kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm +Gramm. 3, 437 angefuehrte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst +ahd. verscif heisst, nhd. Faehre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus +Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt. + +Allein Verena, die Muellerpatronin, uebt zugleich auch das Geschaeft der +Liebesgoettin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses +Doppelgeschaeftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des +heidnischen Cultus zu entbloessen, der im Verenacultus nachklingt. Die +Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen +Beziehungen uebertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, +auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besaeen, +besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm +Entsprossene spurius, der Ausgesaeete (Bachofen, Graebersymbolik 204). So +hat auch Mahlen und Muehle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei +Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam +und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Goettinnen +zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenaeus XIV, 647 A. Den Sinn des +griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, +drueckt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks +Volksliedern no. 285 erwiedert die Muellerin ihrem um Einlass anpochenden +Gemahl: + + Ich steh fuerwahr nicht aufe, + Ich lass dich nicht herein; + Ich hab die Nacht gemalen + Mit sechs jungen Knaben. + Davon bin ich so mued. + +Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein +drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Muehle in unsern aeltesten Sagen der +Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem +gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen Koenig ausserehelich mit der +Pyla erzeugt, des Muellers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der +Grosse erzeugt und geboren auf der Reismuehle am bair. Wuermsee. Aretin, +Bair. Sag. 1803. Schoeppner, Sagenb. no. 22. Koenig Heinrich III. erbaute +Kloster Hirschau in der Naehe jener Muehle, darin er war geboren worden; +sie steht noch und gilt fuer eines der aeltesten Gebaeude in Hirschau. Vgl. +Schoenhuth, Burgen Wuertembergs 1, 88. Meier, Schwaeb. Sag. S. 336. Ebenso +steht heute noch im wuertemberger Schussenthale die Grieslemuehle, in der +die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, +erzogen worden. Birlinger, Schwaeb. Sag. no. 340. Aventins Chronik +berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser +verkauft und die Kaufsumme daheim mit der huebschen Muellerin auf der +Gretelmuehle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen +Frau Muellerin erzaehlt alles Volkslied bis auf Goethes "Der Muellerin +Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimuehle +fuer eine der staedtischen Muehlen. Im Muehlgraben liegt jener grosse Stein, +hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31. +Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken +musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem +Muehlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem +fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. +Darum fuehren selbst die alles verleihenden Lichtgoetter Apollo und Zeus +den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Goettinnen wird ehliche Treue +beschworen, der Ceres legifera opfert die braeutliche Dido, der roemische +Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die +wendische Braut zu sitzen, waehrend sie von ihren Freundinnen zur +Hochzeit geschmueckt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem +Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Muehle zu +verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt: + + Dort niden in jenem Holze + Leit sich ein Muelen stolz, + Sie malet uns alle Morgen + Das Silber, das rothe Gold. + Dort hoch auf jenem Berge + Da geht ein Muelenrad, + Das malet nichts denn Liebe + Die Nacht bis an den Tag. + +Damit hoert denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf, +dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Muehlsteine machen, wie +Verena auf der Aare und der Wuestenheilige Antonius auf der Wolga. Auch +die Stadtpatronin Zuerichs, zugleich die angebliche Gefaehrtin der +Thebaeer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben, +denn ihr Muehlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es +urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St. +Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge +und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, +wird mit einem Muehlstein am Halse in die Guenz gestuerzt und schwimmt +damit in diesem reissenden Gewaesser. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die +hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem +Wasser einher, als waere es festes Feld. Sie wird alljaehrlich am 1. Okt. +in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. +Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Muehlstein der hl. Brigida ist +neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte +aufgestellt und wird bei Krankheitsfaellen als wunderthaetiger Heilstein +beruehrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Fluesse und Seen +sind die Adern, durch welche die aelteste Kultur in die Laender floss, und +die Muehle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter +denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee +sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Mueller +und Becken schlagen sich mit Saecken; der Aargauer: sie putzed (die +Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub fluegt +(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schuettid: schuetten die Frucht +auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmuehle schiesst. Nach Kaerntner +Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in +den Kasten schuettet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der +Himmelsmuehle (Uhland, no. 344) knuepft Matthaeus die Kornsaecke auf, Lukas +laesst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen, +dass die Muehle im alten Rechte als Freistaette gilt und ein in diesem +befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der +Schwabenspiegel bestimmt: diu muele hat ouch bezzer reht danne ander +hiuser. swer in der muele stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem +sol man hut unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in +henken. Und eben daher stand auch dem Muehlstein eine besondere +Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet +sich nemlich in einem alten Liede folgende Pruefung erwaehnt ueber +Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere +steht am Ufer des Rheins, ein Muehlstein wird gerollt; faellt er rechts, +so traegt sie einen Knaben, links, ein Maedchen; geht er aber zu Grund, so +ists ein Metzenkind.--Der jungfraeulichen Verena Muehlstein aber ist ein +_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht: +die auf dem Felde, in der Muehle und im Mutterschosse. Bereits sind in +der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen oertlichen Felsen +und erratischen Bloecke des Aargaus aufgezaehlt, welche den Namen +Kleinkindersteine und eine dem gemaesse Ortstradition an sich tragen. +Hier kommen nur die auf Verena bezueglichen in Betracht. Jener vorhin +erwaehnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei traegt ein ueber +Faustgroesse ausgerundetes Loch, das man fuer die Spuren der Hacke der +Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern fuer die Stadt +heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in +dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenfoermig +gewoelbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe +Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus +kirchlich gereicht hatte. Eine Felshoehle beim Bergschlosse Teck auf der +wuertemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage ueber +zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des +Neckarstroms 1740, 46. + +Ein fernerer auf die Korn- und Muehlengoettin hindeutender Zug ist +enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu +Solothurn gegruendet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern +konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern +Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Saeckchen Mehl von +unbekannter Hand vor die Thuere gestellt wurden und die aus diesem Mehl +gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten +Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darueber: + + Dum panis victus solitus + exhaustus fuit plenius, + farris pastus positus + est ad fores celitus. + +Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt +wundersuechtig die bestimmte Zahl dieser Saecke an quadraginta sacci, und +Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein +Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. +Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht +(107a) nacherzaehlt zu sein: + + vor der clause man ligen sach + viertzig sekche mit mele vol. + er gedacht ir not da wol, + wan daz prot wuchs in ier munde. + +Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch +Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn +da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikoenig, zur Zeit der Zwoelften, +sein Mehl von der Boitzenburger Muehle heimfaehrt, so begegnet ihm Fru +Freen und verlangt, dass er die Saecke oeffne und ihren Hunden ausschuette. +Thut er dies folgsam, so findet er die Saecke wohlgefuellt des andern +Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name +zusammengefallen in den der Heidengoettin Frea (wie Paulus Diaconus +Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwoelften sich an die Spitze +der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein +Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwoelf Jagdhunden das Land +durchstuermt. Der Name Frene wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415 +ausdruecklich als um Halberstadt bestehend bestaetigt, und der vierte +Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende +Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen +Gauheiligen erlaeutern. + +Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden, +Brod und Wein ueberbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz +sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen oertlichen Schwaenken +bedient. Er erzaehlt, wie einst das kleine Staedtchen Klingnau an der Aare +von einer Feuersbrunst so ganz zerstoert worden, dass auch saemmtliche +Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen +musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man +laeuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom +herab gefahren kam. Kling au! rief man aergerlich zur stummen Glocke +empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr +Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das +taegliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der +Spottreim: + + Wenig Brod und sure Wi: + ach Gott, wer moecht' au z'Klinglau si! + +Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines +Priesters in Zurzach habe sich Verena die taegliche Nahrung abgebrochen, +um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darueber der +Entwendung verdaechtigt, tritt ihr der argwoehnische Priester ploetzlich in +den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krueglein ist nun in +Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides +als zur Reinigung der Aussaetzigen dienend. Daher kommt es, dass die +Bildsaeulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf +in der Hand haben. Das Krueglein der Heiligen ist, wie die aelteste +Aufzeichnung berichtet, urspruenglich steinern gewesen und hatte die Form +einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die +des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemaesse vor Alters +steinern war. Das Zuercher Frauenmuensterstift berief sich 10. Christm. +1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der +Klostergruender Koenig Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen +lassen. Geschichtsfreund 8, 19. + +Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls +unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es +ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus +Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 +berichten. Auch sie zaehmte wilde Stroeme, lehrte Acker- und Weinbau, +pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre +mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena, +mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedaechtnisse +fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern +Innthal und hatte die Schweine zu fuettern. Fuer jeden Armen sparte sie +sich eine Schuerze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein +geiziger Spaeher sie darueber anhielt, verwandelte sich die Gabe in +Hobelscheiten und in Sautraenke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im +Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen +Hausstand zurueck; wollte man sie jedoch ueber die Feierabendzeit im Felde +fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die +Sichel in die Hoehe, liess sie aus und diese blieb in der Luft haengen. +Sie ist die Patronin der Dienstmaegde geworden, wie sie selbst in ihrem +Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen +spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten. +Als sie an den brueckenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurueck und liess +Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinueberschreiten. Jenseits auf +dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und +errichtete eine Kapelle ueber dem Grabe, die seit 1434 zur +Wallfahrtskirche vergroessert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im +Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2, +no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, ueberschwamm sie auf einem +schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Hoehle, die +beim wuertemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg +her ueberbrachte ihr der Hirsch taeglich das Brod, ans Geweih gespiesst, +und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch +zeigen die Kraichgauer uebers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier +einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet +Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als +Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und +Butter von ihrer taeglichen Kost sich abgespart und den Aussaetzigen des +naechsten Siechenhauses zugetragen; als der argwoehnische Schlossherr sie +auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und +Milch in ihrer Schuerze in einen Strehl und in warme Lauge. + +Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und +landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den +Verenatag knuepften. + +Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-, +Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76) +verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten +(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht +noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V +Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und +Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe +Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fuenf "geschlossnen +Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht +Tage nach dem auf Verena naechstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit +hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jaehrliche +Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt. +Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt +Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 +die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljaehrlich auf Verena +und Martini an. + +Von den Bauernregeln ueber die Witterung am 1. September sind unter +unserer Landbevoelkerung folgende ueblich. + +Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrueegli usleert, draejet, loeset, umg'heiet, +bruennelet--und z'Abig s'Chitteli wider troechnet, denn isch guet; denn +solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der +Keimung des Samens besonders guenstig. Wenn es an Verena schoen Wetter +war, so erzaehlen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen +unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber +regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Saeen hinaus. +Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn +aber nit, so chan er's froelich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner +Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und +sein Brodsaecklein, das Zimmis-choerbli, worin der Abendimbiss ist, mit +ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz +1862, 259.-- + +Verenatag guennt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es, +ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein +strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden. + +A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rot; der Krautskopf berathet sich, ob +er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er +daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain traegt s' +Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs +Feld gebracht, s' Vreneli zuendt a, und s' Mareili loescht ab: die +Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnaechte begannen mit 1. +Sept.; mit Mariae Verkuendigung, 25. Maerz, giengen sie wieder zu Ende. +Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewoehnlich erst mit 2. Nov. und +schliessen mit dem Josephstag, 19. Maerz. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[5] + + A Solodoro igitur + discedens proficiscitur, + ubi Rhenus labitur, + Zurziacham graditur. + +Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus +Ratdolt. + +[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit, +sagt die Originallegende; erst spaeter wird der Name Hirtacus dazu +gefuegt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter. + + * * * * * + + + +Dritter Abschnitt. + +Verena, die Geburtshelferin. + + +Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die +ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und +Waschkrug; ihre oertlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln +am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der Gewitterriesin: das +Vrenelisgaertli am Glaernisch u.s.w. + +Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und +stellen hiefuer diejenigen Erzaehlungen voran, welche der aeltesten +zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der +Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehoeren. Diese von G. Waitz +nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch fuer diejenigen +Thatsachen, ueber welche der Verfasser jener Bruchstuecke entweder als +Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener +Periode anknuepft. + +Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange +kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins +Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in +der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen +Thronfolger. + +Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga +geehlichet, des vorhin erwaehnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und +obwohl schon mehrere Toechter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald +aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem +solchen beglueckt. Dieser war, wie Casp. Lang beifuegt (Histor. theol. +Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht +zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb. + +Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter +Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung +nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden +Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und uebernachteten daselbst im +Stifte. Hier traeumte Reginlinda von der Empfaengniss, die sie sich +wuenschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser +Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm. + +Eine adelige Frau im Elsass hatte frueherhin in kinderloser Ehe gelebt, +hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Toechter bekommen. +Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssoehne, denn +diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Maedchen und Knaben +begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf oefters von den Zurzacher +Stiftsherren eingeladen worden, er moechte sich zu ihnen begeben, die +Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines +Reichthums opfern, dafuer werde er seinen Wunsch nach Soehnen erfuellt +sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns +diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die +Unvermoegenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib +vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben. + +Ein Hoeriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib +geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel, +entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie +liessen sich auch in allerlei Schmaehungen ueber derlei Pflichtigkeiten +aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend +fort. Dafuer starben er und sein Weib eines jaehen Todes, und seine +Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgaengig an +Gliederlaehmung. + +So viel erzaehlen die aeltesten Aufzeichnungen der Legende ueber den durch +Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwaehnt aber ist, dass +derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden +Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen +hinab und schoepft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es +wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und +Augenuebel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein; +auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt +das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu +handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, +gestorben zu Heidelberg, verdankt. + +Eine Zurzacher Frau war Woechnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in +das Staedtchen Klingnau hinueber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren +es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht +stundenweit ueber den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen +Felsentreppen ersteigt man die letzte Hoehe zum Rothen Kreuz, einer +einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften +Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefuerchteter Spukort. Wer +seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versaeumt hat, muss nach dem +Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Maenner her, die man ein +knarrendes Waegelchen ueber die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig +laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden +lassen, dann aber zu einer Groesse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand +mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst +wohlbekannte Hoehe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebuesch +ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach +Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Muendung in den Rhein +gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz +oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese +Erzaehlung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshuelfe +zunaechst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden +Aarthale zu Klingnau haette suchen sollen. Denn dafuer eben fliesst in der +Zurzacher Stiftskirche jener heilkraeftige Brunnen. Die hier +hinabsteigenden Wallfahrer duerfen sich einen Krug voll unentgeltlich +schoepfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden +Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenuebel an; letzteres ein Brauch +aus der fruehesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von +Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. +Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. +Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der +Gertrudislegende erzaehlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib +wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche gefuehrt +und kommt hier zufaellig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche +trieft und des Weibes Mantel beschuettet. Die Umstehenden nehmen daraus +Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch +auf der Stelle sehend. + +Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt +die Heilige in den Baedern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das +von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte +unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel; +nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar ueber der +Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen +Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden. + +Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine +Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsaeule +errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge +Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des +Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den +Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Roehre hinab, +durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwaermen und sind +der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfuellung +ihrer muetterlichen Wuensche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus +der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten +"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und +Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem +Ergoew gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein +abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein +unfruchtbare Fraw darinnen bade, vn ein fuoss in dz loch stosse, da dz +wasser herfuer quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie +fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter +gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom +Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht +sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen +Kinder." Diese muetterliche Goettin Holda gleicht also vollkommen der von +den Albanesen verehrten Geburtsgoettin Ora, einem Wuenschelweibe, vermoege +deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es +gewuenscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Maerch. 1, S. 37. Holda +huetet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, uebergiebt +sie als Froeschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch fuer die +gebaerenden Muetter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen koennen, und +nimmt die unmuendig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die +kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, ueberall lokalisirte +Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend +herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenaehrt werden. Schon +altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der +geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der +Dominikanermoench Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt: + + du bist der gezeichent brunne, + darin schein diu lebendiu sunne. + +Und Nachklaenge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort: + + Storch--Storch--Steine, + Mit dem langen Beine, + Mit dem kurzen Knie: + Jungfrau Marie + Hat ein Kind gefunden + In dem goldnen Brunnen. + Wer solls (aus der Taufe) heben? + Der Gothe und die Goethen. + +Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert +ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den +Faengen und zudem auf jedem Fluegel je ein Wickelkind traegt. Dieses Wasser +macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmuettern. Schaefer, +Staedtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits +verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachtraeglich noch +folgende aargauische anfuehren. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre +1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljaehrlich am +Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen +Brunnenstuben den Saeuglingsvorrath holte, so steht dieser +Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den +abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen laesst, zieht ihm die +gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Staeben +entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln: + + Der Bach chunnt, der Bach chunnt: + Sind mini Buebe-n-alli gsund? + Jo jo jo! + + Der Bach ist cho, der Bach ist cho: + Sind mini Buebe-n-alli do? + Jo jo jo! + +In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der +dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden +Bruennli (ueber Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in +Oberfrick aus dem altverschuetteten Spagenbrunn, im Dorfe Kuettigen aus +dem Stampfelgraben des dortigen Muehlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die +Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der uebrigen +Schweiz gehoeren folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der +toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der +Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach +in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch +bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Gluecksgoettin Frau +Saelde traegt. Luetolf, Fuenfort. Sag, S, 550. + +Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern +entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstaende erlaubten, in +Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus +vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen +lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber +fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der +Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen traegt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. +Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen +sein musste, erklaert uns die Kirche ausdruecklich. Abt Tritheim +beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen ueber +die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515, +20. Sept.) und entwickelt dabei ueber die Wassernixen folgende Theorie. +"Die in Seen und Fluessen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestuem +truegerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so +erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt +gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon +das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches +Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese +lassen sich an Fluessen und Quellen blicken, kaemmen ihr langes +Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die +Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemuethszustand unwandelbar ist, +nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die maennliche, +und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in +Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber +Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle +tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit +dem lieben Gott ins Gesicht; und daher ruehrt es, dass in unsren an +Quellen, Stroemen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die +geschichtlich aeltesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind. +Die zuercherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspuelt und +in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbruennlein. Wasserkirchen sind +ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau. +Auf der Rheininsel zu Saeckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf +derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind +altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der roemischen, theils +aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zuerchersees groesste Insel, +deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war fuer einen grossen +Theil der Weiler und Hoefe am untern See, war schon zur Zeit der irischen +Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am +gegenueberliegenden Ufer zu Staefa war der hl. Verena geweiht. Schweiz. +Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zuerich bestand bis zur Reformation +das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu +_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem beruehmten Buchdrucker +Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau. + +Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvoegtin +der Ehebuendnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich +geopferten Gegenstaenden, vornemlich den Brautkroenlein. Die katholischen +Landmaedchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern +kirchlichen oder weltlichen Festanlaessen den kroenleinartigen Kopfschmuck +der Tschaeppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und +Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft ueber den +Scheitel hin woelbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines +Sammtkaeppchen, oben napffoermig abgerundet und mit Korallen gestickt; es +ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens ueber das Haar +gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das +Kirchspiel genannt, ein Maedchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach +Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschaeppelein zum Opfer +aufzuhaengen; es ist ein Dank dafuer, unter die Haube gekommen zu sein. +Erscheinen dann im Herbste die Zuege der uebrigen Wallfahrerinnen, so +nehmen sie ein solches Brautkraenzchen vom Gitter und setzen es waehrend +ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Kaeppchen haeuft sich +hier an, dass man die veralteten darunter alljaehrlich am Charsamstag +abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezuendet wird, +mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in +dessen Kapelle jener Muehlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von +Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach +alter Gepflogenheit alljaehrlich im Fruehling der Gemeindebann von Jung +und Alt umschritten, so duerfen bei diesem Maennergeschaefte die Maedchen +allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen fuer +die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich +Feldblumen und flechten in die Wette Kraenze daraus ins Haar, die +gleichfalls Schaeppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und +ueberhaengen damit die Horizontalstaebe des Eisengitters, hinter welchem +Verenas Muehlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss +hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der +Sigrist, setzt den schoensten der geopferten Kraenze der Heiligen aufs +Haupt und schmueckt mit den uebrigen den Grundstein. + +Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man ueberhaupt Kunde hat, +ist es gerade ihr Guertel, der sie als eine die Ehen und Geburten +beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem +ehemaligen schwaebischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten +Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem +entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der +Groesse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis +ueber den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Guertel, schreibt Richter +(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird +nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des +roemischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist +so durch Verenas vielvermoegenden Beistand zur Welt geboren worden. + +Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen +Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind. + +Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Staedtchen Klingnau an der +Aare fuehrt ueber den Achenberg. Auf der Hochebene dieses betraechtlichen +Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter +Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von +Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften +Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine +Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die guenstige Jahreszeit, +des Berges wilde Schoenheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau +und Klettgau hinueber, die Wunderthaetigkeit des Ortes und der den +andaechtigen Besuchern gewaehrte paepstliche Ablass fuehrt alsdann +zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier +zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer. +Doch kein Wallfahrer verlaesst den Berg, ohne nicht ueber eine in Felsen +gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo +die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthaetigen +Verenabruennlein und laesst auch fuer seine Kranken daheim ein Krueglein +voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage. + +Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September +als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig +bemittelter Mann aus dem Staedtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der +Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie +auf jener beruehmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, +das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten +daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern +Betrachtungen erreichte er das Verenabruennlein, traf hier einen ihn +freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit. +Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere, +sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung +gesteckt und sie gefuellt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, +dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der +Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand +wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Haenden fassen +konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau +nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem +Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf, +und ach! da hieng gerade ueber seinem Kopfe gewaltig sausend ein +umrollender Muehlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurueck nach +Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut, +musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem +Zehrfieber gestorben sein. + +Was soll hier dieser Muehlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die +Muellerpatronin Verena und will in ihrer Mildthaetigkeit nicht gesehen +sein. Es ist dies zwar ein oefters sich wiederholender Sagenzug, siehe +Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet +er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe +Buettisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena +die erwaehlte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der +Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle +entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die +gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und +die Ortssage fuegt bei, wer ehemals in der Abenddaemmerung mit +abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus +einer weiblichen ein Goldstueck. Als nun Knaben von Buettisholz einst in +der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstuecke +schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schoene Jungfrau, die nach +einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, +dass auch die Quelle versiegt war. + +Faesi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben, +berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei +schon in aeltester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die +ueber diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die +auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die +Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenueber +entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte +Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen +angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer +Sag. no. 1 mit dem Beifuegen gedenken, dass die aus dem Elsass ueber den +Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen, +sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen traegt, wie schon bemerkt +worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden. + +Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwaehnen in der Naehe der Stadt Zug, +gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghoehe an der alten Strasse, +die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln fuehrt; auch hier ist ein +herkoemmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform +gebauten Kirchleins war frueherhin eine Inschrift angebracht und meldete, +der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Mueller +in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine +Renovirung noethig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der +Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen +Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste ueber der +Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen +diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. +Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle +hinausgetragen "unter dem Knallen der Moerser und Doppelhaken". +Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwaenden verkuendigen des Ortes +Wunderthaetigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das +St. Verenabruenneli, der Brunnenstock geschmueckt mit der Figur der +Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten +Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die +Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehoert, wie der Zugerkalender vom J. +1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdruecklich berichtet: +"Bist du krank und die Guetterli (Arzneiglaeschen) des Doktors wollen +nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam +zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljaehrlich +Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hoeren. Auch +wird dir den Sommer hindurch so ein kuehler Spaziergang in der Fruehe +ueberaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Staerkung fuer +deine schwache Leber im nahen Roethelberg, sofern dir Verena nicht eins +aus ihrem Krueglein einzuschenken geruht." + +Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach +errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren +gesetzt und haben uebereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige +traegt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrueglein, +in der andern haelt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf +dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt +des Kruegleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der +Fluegelthuere dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, +hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's +Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der fuer das nichtlesende +Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren +oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1. +September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten +den langgezahnten zweireihigen Haarkamm haelt und zu Fuessen ein +geschnaebeltes Giesskaennlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen +Verenas hat die aeltere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche +Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete, +dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher +hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr +geheilten Aussatz hervor: + + auzsetzig behaft macht si slecht, + plint, chrump macht si gerecht. + +In diesem Sinne erzaehlt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen +Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete +ihnen die Betten, kehrte den Boden, saeuberte die Kleider, wusch alte +Erbschaeden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Haeupter." Auf +solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbaeder", wie dasjenige in +der Stadt Baden, gegruendet, jeder Gast hatte sein Krueglein mit Lauge und +seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die +durch Papst Urban seit 1625 neu bestaetiget worden, ist nach dem dritten +Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen +Almosen und bestimmte jaehrliche Spendmaehler zu verabreichen. + +Das Steinkrueglein Verenas wird in der aeltesten Legendenaufzeichnung +gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden +dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals +eine Roemerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man +hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem +verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darueber erblindete, +erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug +vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den +Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls." +Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus +und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewaehrte dasselbe +einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden +war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der +Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich +auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefaess zu setzen, sie +wuerden sonst zu viel Toechter gebaeren. Ein Stueck von diesem +Verenakrueglein hat nachmals der Fuerstabt von St. Blasien erworben und +dafuer den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift +abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen +allgemeiner Abloesung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden: +Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Kuessennacht, +Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht +Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses +Werk; obenauf liegt in Lebensgroesse gehauen ihr Bild in +Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfraeulichkeit in +fliegenden Haaren, es haelt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der +rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den +Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Waeschermagd aus Menschenliebe sich +unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt, +sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das +mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Roessli ist ihr +Aufenthalt. Aus dem Vorhoeflein desselben schreitet um Mitternacht vor +hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt +sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spuelt sie ihr +Weisszeug aufs sorgfaeltigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen +Vorhof zurueck. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem +Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird, +erklaert sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier +Gotteshoefe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, +welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofuer diese +verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80 +Juchart haltenden Guetern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu +gehoerenden Antoniuskapelle zu bestreiten und fuer den Messpriester den +Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie +sonst im ganzen Lande gesetzlich abgeloest worden ist, haben diese Hoefe +ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu +verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher +Hand an den Gemeinderath von Reckingen uebergegangen und hat seit dem +Jahre 1854 die gruendliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene +letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstoeckigen +Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzaehlt man, kommt zu +gewissen Zeiten des Nachts ein Fuellen gelaufen, umtrabt das Gebaeude, +wird darueber zusehends groesser und ist mit einem male wieder unsichtbar. +Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen +niemals das Fuellen erblicken, wohl aber statt dessen eine +weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier +Ecken bedaechtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die +Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet. + +Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in +Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche naehig sind +("uebergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schuerze zu geben pflegen +(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im +Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen +Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese +Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Koenigsfelden wurde Ross und +Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Ruestpferd laesst die +Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige +Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. +Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen +Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des +Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig +der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar +darauf der Kapelle in Gruenthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt +Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, +1860, 6. + +Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich +in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Waeldchen, das nach +einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhoelzli heisst. Am +suedlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt +dorten eine schoene Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich +das Haar kaemmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschaedliche +Nachmittagslamm. Auch das Muetterlein ist freundlich, nur will sie in +ihrem Geschaefte nicht gestoert und von den Voruebergehenden nicht etwa +ausgelacht sein, sonst setzt es fuer den Spoetter gewiss einen +geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwaerts heisst sie +nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Straehl-Anneli, oder nach +ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Muetterli, denn Heuel bezeichnet den +verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem +Liebreize nackter Jungfrauenschoenheit, zieht einen Goldkamm durch die +Locken und laesst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme +niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits +die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen +Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus +Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt +und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer, +Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmaennin +gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschaefte gewidmet, die +Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst +der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun +zwar unsern aesthetischen Begriffen geradezu, eine so widerwaertige +Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schoenheits- und +Liebesgoettin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das +klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich +darueber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der +zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Roemer ihre Bildsaeule mit einem +Kamme in der Hand vorstellten, erzaehlt hiebei: Als einst die roemischen +Frauen die Kraetze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die +Kaemme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen +die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsaeule, +die den Kamm trug. + +Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt +schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr +beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Maedchen das +schoene Haupthaar und zugleich den schoenen Schatz. Am 1. September, als +dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, +deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends +katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um +Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein +neues vor Krankheit geschuetzt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener +Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Koepfen ihrer Kinder eine +gruendliche Waesche abhaelt, dem juengsten Maedchen wird der erste Zopf +geflochten; das behuetet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs. +Haelt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim: + + Chind, bis ietz still und fin, + oder es chunnt Frau Vrin, + die het ne grosse Striegel + und zert di kech am Riegel. + +Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbueschel. Die Frau Vrin ist +also hier eine Drohgestalt, wie in Schoeppners Bair. Sagenb. no. 1282 die +lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Buerste und Stahlkamm +behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Maedchen dabei +weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei +nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden +solle, und hiefuer hat man folgendes Spruechlein: + + Ach mi liebi Jumpfere Vre', + gsehst, i ha kes Schaetzeli meh, + straehl und waesch mi doch au nett, + dass mi Hansli Freud ab mer het! + +Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen +"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen +Landvolke verbreitetes Zauberbuechlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 +folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks +Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der +Dreieinigkeit ueber die Warzen und spricht dreimal: + + Frene, Frene, dorra weg! + +In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende, +geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthuemlichkeit des +weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende +Zartheit ist das Frauengemueth von hingebender Menschenliebe erfuellt. +Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit +schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil +es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so +uebernimmt es freiwillig das Geschaeft der Krankenpflege und vollzieht es +im Einzelnen mit groesserem Gluecke als der Mann, da es weniger schnell +als er in Dienstleistungen ermuedet, mehr und laenger als er zu dulden, zu +entbehren, auszudauern vermag in Muehen und Nachtwachen. So erscheint das +Weib allen Voelkern waehrend grosser allgemeiner Leiden als eine +heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in +der Kunstdarstellung der Rettungsengel fuer die schmerzbehaftete Welt +geworden. + +Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzuegen Verenas, +wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Maerchen +gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgoettin allmaehlich "zur +demuethigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke +(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgoettern und +zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengoettin +bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie +denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlaesst, um +unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Bueschen und +Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum wuerde +man dann die Goettin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, truege sie +nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird +sie wieder ein "alt heidnisch Wassergoetzli", wie der Berner H.R. Grimm +(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon +die rohe Haerte, mit der sie unglaeubigen Missethaetern die Strafe zumisst, +laesst ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des +Zurzacher Priesters sie faelschlich der Veruntreuung im Haushalte +anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom +fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten +stirbt hin ohne Siechthum, Laehmung, Blindheit und Tobsucht. Dafuer, dass +ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, waehrend +Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rueckkehrenden im +fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Haenden festgeklammert; +ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in +der erstarrten Hand fest. Gleichfuerchterlich bestraft sie den Bauern, +der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch +Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich +dreingreifender Koerperstaerke herscht besonders in den mehrfach von +Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und +rhaetischen Alpen finden. Sie traegt in Buenden, Engadin und an der +bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die +rhaetischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 +Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Praetigau (urkdl. Valzena). +Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage +in Tirol, S. 251), eine andere an der weitlaeufigen Eiswueste des +Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern +Hoehlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist +stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, +Holz oder Stein in sich; es laesst nichts drinnen, sagen die Hirten und +staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Buenden 1, 140. 258. +Buendner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte +Vrenelisgaertli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des +Glaernisch, 9,353 Fuss ueber Meer, das sich wegen der angeblichen +Ausschweifungen des Sennenvolkes aus bluehenden Matten in ewige Gletscher +verwandelt hat. + +Nachfolgende eigenthuemliche Sage hierueber beruht auf der schriftl. +Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zuerch. Lunnern, +zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am +suedlichen Fusse des Albis der unheimliche Tuerlersee, der tiefste im +ganzen Zuercher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des +Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend +gehoerte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsruestigen +Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die +Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen +einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen +heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in +ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. +Mit Huelfe fahrender Schueler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen +breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum fuer +immer vom Gelaende der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Tuerlersee, +es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so wuerden die Wasser sich +ueber ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste +einer der fahrenden Schueler die Frau und entfuehrte sie durch die Luefte +auf die Westseite des Glaernisch, setzte sie hier auf einer weiten +gruenenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach: +"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten +gehaust, bis dieser schoene Alpengarten endlich sich in eine weite +Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in +der Hand, zur Eissaeule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern +eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herueberblinkt. + +Dieser eben erwaehnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit +alter Zeit bekannt und traegt in der Offnung von Borsikon (Grimm, +Weisthuemer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach +einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zuerch. +Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener +Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzuernte schwur, sie +werde den Tuerlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen +kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den +Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte +Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst +von der Erde fortriss bis auf den Glaernisch in Vrenelis Gaertli. + +So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit +zurueck. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen +laesst; der Muehlstein, auf dem sie wilde Stroeme befaehrt; die Felskluefte, +Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel, +die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel +hervor bohrt--verkuenden eine urspruengliche Riesenjungfrau, deren roh +angelegte Gestalt spaeter ins Satanische umgeschlagen haben wuerde, haette +die Kirche sie nicht fruehzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen +besaesse man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der +demuethig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die +der Unterschlagung beschuldigt entspringt, ueber die ganze Breite des +Thales setzt und ihre Fussspur drueben in die Felsenplatte der +jenseitigen Thalwand eindrueckt. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger +Pfarrkirche, waren pfarrgenoessisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken, +Zeihen, Denspueren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Haener am +Schwarzwald, ob Laufenburg. + + * * * * * + + + +Vierter Abschnitt. + +Verena als Frau Venus. + +Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des +Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und +Vrenenhaeuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurueckgefuehrt +auf den urspruenglichen Mythus. + +Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen +Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf +dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt. +Der Text kommt demjenigen am naechsten, welcher einst von Stalder in +Entlebuch gleichfalls nach muendlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und +an Lassberg uebergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240 +veroeffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland fuer seine Sammlung no. 297 C., +und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres +Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen uebereinstimmen. +Was die Literaturgeschichte des Tannhaeuser-Liedes betrifft, die schon +von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Goedekes Deutsche +Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollstaendigkeit +aufgefuehrt. + + Tannhaeuser war ein junges Bluet, + Der wot gross Wunder gschaue,[8] + Gieng auf Frau Vrenelis Berg + Zu selbige schoene Jungfraue. + + Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho, + Chlopft er an a d'Pforte: + Frau Vrene, wend er mi inne loh, + Will halte eu'e Orde! + + "Tannhaeuser, i will der mi Gspile ge + Zu-m-ene ehliche Wib."[9] + Diner Gspilinne begehr ich nit, + Min Leben ist mer z'lieb. + + Diner Gspilinne darf i nuet, + Es ist mir gar hoch verbotte, + Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet + Und drunter wie Schlangen und Chrotte. + + Tannhauser sass am Figebaum, + Drunter er war entschlafe. + Es chunt em fuer i sinem Traum, + Er mueess uf Rom wallfahrte.[11] + + Wo er in d'Stadt Rom inne chunt + Wohl unters hoechsti Thor, + Frogt er dem oberste Priester noh, + Wo in der Stadt Rom waer. + + Wo er i d'Chille ie chunt, + Vor'm Pobst thet er sich gneige: + Gott grueeze eure Heilige, Pobst, + Mine Suend will i eu azeige. + + Der Pobst het do en dueere-dueere Stab, + Vo Duerri war er gspalte: + "So wenig de Stab meh z'grueene chunt, + So wenig magst du Ablass erhalte."[12] + + Und wenn i nuemme z'Gnade chum + Und nuemme mag werde bihalte, + So gohn i uf Frau Vrenis Berg + Und leben bin ihr im Walde. + + Es goht nit meh als dritthalb Tag, + So fieng der Stab a z'gruene, + Er treit es Laub so grueen wie Gras, + Darzue drei schoeni Blueme.[10] + + De Pobst schickt sine Botten us, + Sie wuesset ehn niene meh z'gwahre; + Er schickt sie us in alli Land, + Der Tannhuser blibt verfahre. + + Sie choemmet uf Frau Vrenelis Berg, + Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse + Tannhuser soll do usse cho, + Sine Suende eigen ehm nochg'losse! + + "Zun-ech usse cho, das chan i nit, + Do muess i bliben inne. + Muess bliben bis am Juengste Tag, + Dae gohts mer erst, wies cha und mag!" + + Tannhuser sitzet am steinige Tisch, + Der Bart wachst ihm drum umme, + Und wenn er druemal ummen isch, + So wird der Juengst Tag bald chumme. + Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot, + Oeb der Bart es drittmol umme goht + Und der Juengsti Tag well chumme. + +Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Huegel, an dessen +suedlichem Fusse vormals die Gerichtsstaette des Bezirks gewesen war und +wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen +Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde aelterer Leute der Frau Vrenes +Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter +Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich +bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhaeuserlied, und +wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehoerenden Thiergarten +"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler +histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der +Stelle der Venus in das Tannhaeuserlied und was ist der Sinn dieses +Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm +(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene +die Goettin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither +weiter vorgerueckte Sagen- und Sprachforschung bestaetigt. + +Die echte Goettersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von +Fioelsvinnr und erzaehlt also. Die Goettin Freyja war dem Halbgotte Odhr +vermaehlt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres +beruehmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Mengloed; nun aber +empfieng sie den neuen Namen die Thraenenschoene, denn um den verlornen +Gemahl durchsuchte sie alle Laender und weinte ihm goldne Thraenen nach. +Sie mied der Maenner Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhoehe eine +Halle, ueber deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte +hier mit heilkundigen Maedchen eintraechtig zusammen. "Hilfeberg heisst +die Hoehe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine +Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wuessten." Da kehrte der die Welt +durchreisende Odhr nachmals wieder zurueck und sprach zum Waechter des +Berges: "Reiss auf die Thuere, Waechter! auf kalten Wegen komm ich her, +die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Saeumniss schuld, doch geh +und frag erst Mengloed, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den +Langersehnten mit Kuessen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag +und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfuellt; mein +lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide froehlich!" Die +Verwandtschaftszuege zwischen diesem Mythus und dem Tannhaeuserliede sind +einstweilen folgende. Odhr-Tannhaeuser wandert aus dein Waldberge der +Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei +allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die +verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger, +hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Waechter +(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und fuehrt ihn in den Berg. +Draussen laesst er den duerren Wanderstab liegen, der sogleich an zu +gruenen faengt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht +mehr unterbrochne Glueck nach der Laenge des Bartes, der ihm dreimal um +den Tisch herumwachsen wird. Entzueckt ueber diese doppelte Unendlichkeit +ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine +Freyja-Vrene, ob nun noch ein juengster Tag gedenkbar sein koenne. Zur +Bekraeftigung dieser gegebnen Erklaerung sowohl als der sogleich +mitzutheilenden Etymologie der bezueglichen Eigennamen, fuegen wir ein +paar Sagenbruchstuecke bei, die zu dem Kostbarsten gehoeren, was in der +letzten Zeit zu Tage kam. Proehle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es +war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem koeniglichen Schloss und +hiess Fru Freen und Fru Frien. Sie war einmal im Himmel gewesen und da +von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, +durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, +brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch +folgenden Reim: + + Fru Frien + wolle geren frien + un konne keinen krien, + da feng se an de schrien. + +Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen +Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren +verschwundnen Gemahl trauernde Goettin heisst in Wolf's Hess. Sagen no. +12 die Huldgoettin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in +dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl ueber ihren Mann so bittre +Thraenen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl +die Goettin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen +Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist +die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frea (ahd. Frouwa, +domina) und lebt in den niedersaechs. Sagen bald unter den diminutiven +Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und +Druebeck als Fru Frien, Fru Freen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. +414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der +Schoenheits- und Liebesgoettin stehen nun die oberdeutschen desselben +Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsaechs. +fri, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frin: +pulcher, venustus. "Bis mer huebsch frin", sei mir huebsch artig, huebsch +sittsam, sagt das Berner Maedchen zu einem allzu stuermischen Liebhaber; +"de sim-mer jo die freinste Luet", gar allerliebste Leute, heisst es +luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schoenheitspraedikate +uebereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname +Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schoene. Der Stamm des Wortes geht +durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit +priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus +Veneris) heisst irlaendisch Freyjuhar, daenisch Fruehar und Venusgraes, +norwegisch Mariagras, weil die Schoenheit das hoechste Epithet bleibt, das +an Goettinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, +dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und +Figuren der Goettinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins +Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung +war sogar schon den nordischen Quellen gelaeufig und hat darin ihre +Berechtigung, dass beide urspruenglich nur die in zwei Seiten auseinander +gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines aelteren Goettersystems +gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Goetter in Asen und +Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die +mit dem Gemahl als Windsbraut einherstuermt und Leichenfelder zehntet, +hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube +eine familiaere, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist +die fruehere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen +ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, +zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So +urtheilt ueber die Vanengoetter ueberhaupt Weinhold D. Frauen, 30. + +Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angefuehrten Namen +der Goettin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und +Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen +einer und derselben Goettin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des +schweiz. Tannhaeuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im +Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in +denen die Minnegoettin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast +der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur +dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und +Hexengeschichten uebertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von +der Omeiss 36, laesst die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fuenfzig +Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum +gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628 +regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der +Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit +_Kroeten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner +Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhaeuserliede +selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt: + + Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet + Und drunter wie Schlangen und Chrotte. + +Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die oeffentlichen +Frauenhaeuser Venushaeuser genannt und nach der einmal vorhandenen +Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhaeuser. Ein Stadtquartier +Hamburgs mit einem besondern Huegel, das den Dirnen zum Wohnorte +angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. +Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder +Aussaetzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das +Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei, +Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt +(ed. K. Goedeke, S. 151): + + zuo Basel in der Malentz gassen + do hat sich fraw Venus nider glassen. + +Auch dieser Umstand dient uns zur Erklaerung einer sonderbar lautenden +Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach +begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der +ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und fuehrt an +einer alten Linde vorbei, deren zerkluefteter Stamm mit Ziegelsteinen +ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden. +An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der +aeltesten Legendenaufzeichnung erwaehnte Siechenhaus, das erst in diesen +fuenfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne +Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten +Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der +Landvogt von Baden zur Eroeffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt, +erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen +Tanz um den Baum thun musste. Dafuer erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, +gestiftet von jener Koenigin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres +erschlagnen Vaters, das Kloster Koenigsfelden bei Brugg erbaut hatte. +Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen +"Metzentanzes" ebenfalls Erwaehnung, verlegt ihn aber faelschlich unter +die Linde des Staedtchens Brugg, also dem Stifte Koenigsfelden zunaechst. +So war Verena die Patronin der Frauenhaeuser und Metzen geworden. + +Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmaerkte ist noch nicht +aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestaetigungsbrief und Kaiser Friedrichs +hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen +Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die +andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomaeitag. Sie werden abwechselnd +Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem +latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern +aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des +Neumonds begangenes Fest uebersetzt wird und mithin ein im Heidenthum +entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit koennte die Zurzacher Dult +schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie +hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich +zusammenhieng. Kirchen und Kloestern wurde fruehzeitig das Marktrecht +verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die +Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher ruehrt der andere Marktname +Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines oertlichen +Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzuegen +besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzuege gehen von einer +Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmaerkte des +Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe +der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint +liegt. + +Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche haeute +Venus heissen, ist urspruenglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei +unserem gegenwaertigen Zwecke keineswegs ueberfluessig zu zeigen, wie +hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverstaendniss sich erzeugt +hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Truedinger beim Dorfe Eib an +der Rezat, naechst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge +auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort +Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er +bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das +Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb +Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt +die Venus vor einem gruenen Huegel stehend. Anz. des German. Museums 1860, +88. Das saechs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst +urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Graesse, Sag. v. Tannhaeuser, 18. Ein +Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. +Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar +fuehrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein, +Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmoeglich alle dem Latein +abgesehen sein koennen, empfand schon Fischart, der in seiner +Uebersetzung von Bodinus Daemonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei +Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt +und herumtraegt; allein, fuegt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede +den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem +abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem +romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, +bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform +Feenesleute, wie die Erdmaennchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 +heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatlaender Patois fort, +Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins +Rhaetische ueber, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch +Fayer, gaelisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des +Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und +Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als +Feen dorthin verwuenschten boesen Geister bezeichnet und dass sie +Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehoert jedoch der Name +des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesaenger, gestorben um 1196; dessen +Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande +gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, +ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der +oertlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg. + +Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die +Liebesgoettin, wird vom hoefischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch +die Kirche zur Patronin der Siechenhaeuser, durch die Zeitsitte zur +Mutter der Frauenhaeuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen +Spracheinfluss zur Koenigin der Feen gemacht, mit denen sie im +Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgoettin in ihrem schattigen Lusthain +(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklaerlich Tannhauser. Auf den +bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesaenger Tannhuser (gestorben um +1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes +Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht +geschlossen werden, weil sich die Tannhaeusersage, wenn auch unter +anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefuer +giebt Grimm Myth. 888. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[8] Uhland C. + +[9] Uhland A. + +[10] Uhland B. + +[11] Nach Uhland C. + +[12] Uhland A. + + * * * * * + + + + +III. + +Gertrud mit der Maus, + +die Allerseelenherrin. + + * * * * * + + +Die heilige Gertrud, ahd. Keredrud, traegt den heidnischen Namen einer +germanischen Walkuere und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrudhr +bezeichnet sowohl Thors und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda +genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das +altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib, +virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe +niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schlaefer +auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, +bezeichnet. Der Trude ist daher der fuenfeckige Trudenfuss eigen, dessen +Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengefluegelten Walkuere +entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon +Irminonis (sec. 8) unter den fraenkischen Frauen genannt; ebendaselbst +eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen +Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrud), die das Heiligthum, alah, +verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud +bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen, +dass Regen faellt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 uebersetzt trutari +mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das +Geschaeft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu +muessen. Da die Walkuere zugleich die den Lebensfaden spinnende +Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen +Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den +Goettinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem +Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben +genannten Goettinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des +Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die +Fruehlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den +Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit +Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird +Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die +naechtlich wuehlende Maus, kuendet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die +Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge +dessen versoehnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man +die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Suessen Maeuschen baeckt. + +Dies ist der aeusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt. + +Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre aelteste +Legende in vielfaeltigen Widerspruechen, die aus der Bemuehung entstanden +sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger +unterzubringen. Ihr aeltester Biograph ist ein Moench in Nivelles, +zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS. +sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, +zwischen Bruessel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. +Gemahlin Ita um 640 gegruendet und wird von deren Tochter Gertrud als +erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, +gleichfalls ein Niveller Moench im 10. Jahrhundert, erzaehlt, dass +Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach +Franken entflohen sei und hier laengere Zeit in dem von ihr gestifteten +Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben +gefuehrt habe. Allein die Benediktiner fuegen dieser Angabe hinzu, +dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen +desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl. +Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man +dorten die Klostergruendungen und Vergabungen zu Karleburg und zu +Neustadt am Main beilegt, ja man fuehrt daselbst noch eine dritte hl. +Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und +nachmalige Gattin des Koenigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von +dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen +fruehzeitig eine volksthuemliche Verehrung genoss, und dass man aus eben +dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das groesste deutsche +Kaiserhaus anknuepfte. Auch ihre fruehzeitig erfolgte kirchliche +Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens +bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im +Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert +angehoert, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am suedlichen Ufer der +Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine +Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so +die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegruendeten Kirchen mit +den fruehesten Anfaengen des Christenthums in Deutschland zusammen. + +Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei +zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthaetiges Sterbebette kirchlich verwendet +wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, +25. In hollaendischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den +Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die +Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin +der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne" +trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434. +Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, traegt +Gertrudens hoelzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. +Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich spaeter als ein Rockenstab, +der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des +Gertrudenbuches, Koeln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an +welchem drei Maeuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen +eingewoben, zwei, Weihrauchfaesser schwingende Engel umschweben sie. +Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der +Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. Maerz, als den Gertrudentag, +durch zwei Maeuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit +correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbuechlein (edd. +Strobel) lautet: + + so kumet die liebe sant Geretrud, + die so entschlief in gottes willen, + und stulen die ratten und miuse ir spillen + und trugen sie in ir miuseloch. + +Auf einem Gemaelde, das vordem im Strassburger Muenster gewesen, auf das +sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Koenighovens Chronik 571 beruft, +war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, +umschwommen von Maeusen und ueberragt von St. Gertrud. Von diesen beiden +in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der +Maus, wird nachher ausfuehrlicher die Rede sein; fuer jetzt seien die +landwirtschaftlichen und buergerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, +die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen. + +Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. Maerz) sich knuepfenden +Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der +Winter, und mit dem 17. Maerz der Fruehling beginnen soll, so ziehen mit +dem letzteren Termin die Hausmaeuse aufs Feld. Davon heisst es bei +Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud +lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft +die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Woertb. 2, +71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es +beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste +Gaertnerin verehrt ist. Die Fruehlingswaerme kommt, die Bienen nehmen ihren +Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende +Sprueche; + + Suente Katherin + smitt den ersten Sten in 'nen Rhin. + Suente Gerderut + tueht ne wi'er herut. (Aus Koeln.) + + Sankt Gertraud + fuehrt die Kuh ins Kraut, + das Ross zum Zug, + die Bienen zum Flug. + + Gerdrut + geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.) + + Sant Gertrud + Saeit Zibelae und Chrut. (Schweizerisch.) + +Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln, +wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im +Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der +Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. +Merzafuelli, d.i. Fohlen; Gertrudentag faellt auf 17. Maerz und die +Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk frueh im Maerz, so giebts einen +guten Fruehling. + +Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzaehlt von ihm +folgendes Maerchen, enthalten in Asbjoernsen's Norske Folke-Eventyr 1866, +no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemuede und hungrig bei einer +brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf +Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats uebers +Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und fuellte das ganze +Geschirr. Dieser Kuchen war ihr fuer ein Almosen zu gross; zum zweiten +male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Groesse, +und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr +muesset ohne Almosen gehen, all mein Gebaecke wird zu gross fuer euch! Zur +Strafe verwuenschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch +ihre rothe Haube traegt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum +Schornstein hinausfuhr. Bestaendig hungernd hackt sie nach Futter in die +Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth. +3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorueber, wo frisches +Brod duftete, und sandte einen der Juenger hin, um ein Stueck zu +erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren +sechs Toechtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafuer sind diese +zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber +ist zum Kukuk geworden. In Praetorius Weltbeschreibung und darnach in +Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur +theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott +den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen: +Guck! guck! (ei sieh!) Dafuer ist er in einen Raubvogel verwandelt, der +unaufhoerlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt +hierueber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe +ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafuer, +als man auf des Kindes flache Hand hinzaehlen koenne. Das Bueblein gieng +darauf ein und machte sein hingestrecktes Haendchen immer hohler und +schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zaehlen gar nicht fertig werden +wollte, noch ein Plaetzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen, +so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf +Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78. + +So wird hier der Specht, urspruenglich ein nahrungsspendender Bote +Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und +geht in die Gestalt des gleichfalls eigennuetzig gefassten Kukuk ueber. +Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwuenschter +Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies +besagen die nachfolgenden Kindersprueche: + +Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk, +Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em duerre +Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis +acetosella, der zur nemlichen Zeit blueht, da des Kukuks Ruf ertoent, +heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod, +franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschoel +cucu (Butterbrod), und weil seine saeuerlichen Blaettchen von den Kindern +genascht werden, auch Herrgottensuepple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das +Brod, 1868, 6. Auch die suessen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen +Guggichbroedle. + +Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und +Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter +Fastenzeit um Ostern baeckt, mit Speckwuerfeln belegt und Speckwaehen +benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange +seinen Ruf ertoenen laesst, als die Bruetezeit dauert und er die Eier +andrer Voegel aussaeuft. Ist diese Zeit vorueber und es beginnt die Reife +der Fruehkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier fuer +buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme +verfaellt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn +erregten Theuerung knuepft sich an sein zeitweilen verspaetetes Erscheinen +und an sein ueber die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die +oberfraenkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem +Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er +soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in +welches jene Beckerin mit ihren Toechtern verwandelt ist; das ist bis +Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierueber: Wenn d'Henne +abwaerts goend, schlot s'Brod ab, wenn s'ufwaerts goend, schlot 's uf. Haelt +der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen +Opfer er selber zuerst wird; hievon erzaehlt folgender venetianer Spruch: + + Am achten des Aprils, + da soll der Kukuk kommen; + Kommt er am achten nicht, + so ist er todt oder gefangen. + Kommt er am zehnten nicht, + so haengt er gefangen im Zaun. + Und kommt er am zwanzigsten nicht, + so ist er gefangen im Korn; + Und kommt er am dreissigsten nicht, + so ass ihn der Hirt mit Polenta. + +Weil mit des Kukuks zeitgemaessem Erscheinen zugleich der Anbau in der +ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwaebisch Mundingen +Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und +daraus erklaert sich vollstaendig der Schwabenstreich des Staedtchens +Haiterbach, welches gegen die verspaetete Ankunft des Vogels +Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch +bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grueene Haber schnelle +(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in +Zuerich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhaeusern zu nahe, eine +Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Voegeln LXXI). Haelt er den +richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um +Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis +in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu, +in Meiers Kinderreim. no. 87: + + Schrei sie mir in Deckelkraebe + Wie viel Jahr darf ich noch lebe? + +Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und +Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer +verkuendendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag +4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f. +Myth. 3, 222): + + Kukuk, Kukuk, Gerderut: + staeck dine ver Hoerns herut! + +Um so besser stehts um das berufende Kind, je puenktlicher ihm die +Schnecke ihre vier Fuehler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in +die Fuehler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Goethes Lied +Fruehlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April +gehoerten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und +der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass +man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung +ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfaelisch der +Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht +man: + + Gugguger im Sessel, + Gieb mir dein Geld zu lesen, + Will dein Geld dir wieder geben, + Sag, wie viel Jahr thu ich leben? + +Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers +Thuering. Sag. no. 9 kommt in den Zwoelften unter wunderbarem, weit +vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die +Gestalt einer gewoehnlichen Taube hat, aber an ihren Fuesschen ein kleines +Schilfstuehlchen mittraegt, das sie, wenn sie muede wird, auf den Boden +stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst beruehrt die Erde nie, wo sie +aber das Stuehlchen hinsetzt, da gruent und blueht es im folgenden Sommer +am schoensten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikoenigtages wird die +Taube wieder zur Frau. Hier ist der Fruehlingsbote, Kukuk oder Taube, die +ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Goettermutter, +die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem +goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Fruehlingsgoettin steht Freyja-Frigg +der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai +Vrymaend. Compte rendu, Bruxelles 1843. + +VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243. + +Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen: + + Gugger uf em grueene Ast, + Du, mi liebe, schueeche Gast: + Gugg mer doch, bis au so guet, + Wie maengis Jahr no han i z'guet? + +Wer waehrend dem ungerades Geld bei sich traegt und auf den Sack schlaegt, +dem geht es das Jahr ueber nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der +Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar +also reden laesst: + + Hans ghoert di z'erst, er gryft i Sack + u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!), + dass i kei Batze by mer ha, + jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!" + Un Aenni lost und fraglet di: + Wie maengs Jahr aecht no leben i? + +Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zuercher Chirurg +Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesaegnen, Zuerich 1646, 13: "Vnd da der +guckguck Fuenffe herfuer geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb +anders nichts, dann das sy noch fuenff jahre zu leben hette. Sie fiel +aber bald in eine schwaere krankheit und da sie zum sterben sich +zuzeruesten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck +hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem +letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie +jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fuenft finger auff, +andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fuenff jahr zu leben +habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!" + +Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der +hoert auch den Kukuk nicht mehr; was man verwuenschen will, das soll des +Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende +Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache +bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der +Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem +Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet +daher auf den hoelzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke +abgebildet, als Angehoerige um einen Todten trauern, und von einem +Serbenmaedchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzaehlt, dass es nie +mehr habe den Kukuksruf hoeren koennen, ohne nicht in heftiges Weinen +auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. +317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos +Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim +Fruehlingsbade ertrunken, im naechsten Fruehjahre: + + Aelter wird mein Ellenbogen, + Schwaecher wird mein Handgelenke, + Ja, der ganze Koerper zittert, + Wenn des Kukuks Ruf ich hoere! + +Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem aeltesten +Mythus ueberein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein +verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem +transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech. +und roemische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und +eine Saeule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus +der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altroemischer Mythe +die ausgesetzten Zwillingssoehne des Mars, Romulus und Remus, aufgeaesst +und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein +Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die beruehmte +Springwurzel, vor welcher die Thueren der Schatzkammern und Gefaengnisse +aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu +fuettern, laesst er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes +Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Voegel +Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den +Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab +weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erloesendem +Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in +Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, +der spaehende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart), +welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thaetigkeit in Ostfranken, und +so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel. + +Wie diese eben beschriebnen Fruehlingsthiere, weil sie daemonische sind, +aus Gluecksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht +dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die +Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich +da entweder in gute oder in boese Elbe zu verwandeln; als solche +erscheinen sie hierauf wieder als schaedigende oder als bescherende +Maeuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir +nunmehr in Ausfuehrung. + +Wie Holda-Berchta die unmuendig Verstorbenen, und Valfreyja die in der +Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach aelterem Kirchenglauben +die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu +nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm +Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc +prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum +archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. +Erweitert findet sich dieser merkwuerdige Glaubenszug in Nik. Gryse's +niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und +Kraeuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem +Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S. +Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Doere der +groten Stede gebuwet syn; und darna moth se uouer dat Leuuer-Meer. +Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin +schon erwaehnten Muenstergemaelde dargestellt, das den Bischof Wilderolf +und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos +Maeusethurm zum Rheinstrom. Hievon spaeter. Gertrudens Kirche und die von +den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der +Nuernberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, +an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe +verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe +und auch Gertraud ueberlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem +letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor +Tag in die Fruehmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der +unheimliche Eindruck, als waeren statt der Gemeinde und Geistlichkeit +lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem +Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter +klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin +Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie +ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins +Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar +gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schoeppner, Sagb. no. 1147. +Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nuernberger Patrizierin +geworden, welche ueber das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, +allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die +Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walkuere +liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde +Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die +Abgeschiedenen die Gestalt von Maeusen annehmen. + +Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als +Weisse Maus. Mueller-Schambach, Niedersaechs. Sag. S. 269; dazu ebendas. +no. 7. 264. Luebecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche +abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein +Weib gewesen, die ueber dem Wunsche, niemals zu sterben, zu +mehrhundertjaehrigem Alter kam, zur Groesse einer Maus zusammenschrumpfte +und unter einem Glaskaestchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. +Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen +Seher Tiresias, der fuenf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und +nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, +Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Goethe'schen Faust schildert das +ploetzliche Ende der gespenstischen Taenzerin: "Mitten im Gesange sprang +ein weisses Maeuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden +sich folgende Saetze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser +drei weisse Maeuse faengt und toedtet, so kommt er in die Hoelle. Wer eine +weisse Maus quaelt, dem fressen die uebrigen das Korn von der Schuette. Vor +der franzoes. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, +wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwoelf weisse +Maeuse zu erblicken, die man fuer zwoelf verwuenschte Rathsherren hielt; so +erzaehlt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Daeniken.--Weisse +Maeuse, berichtet V. Grohman ueber Boehmen, geniessen in diesem Lande eine +Art religioeser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den +Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glueck des +Hauses sterbe. Ein Nest weisser Maeuse zu finden ist nur Sache eines +Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezuechtet, und +laesst man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schuettet da das +Getreide um die Haelfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der fuehrt +den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, +von dessen Ausfall man traeumt, um so naeher verwandt der Freund, dessen +Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen +Maeuse in einem aehnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte +einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Maeuschen bis ins Herz +hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der +niederd. Pfarrer Maennling in seinen Curiositaeten, Frkf. 1713: "Ists +nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden laesst, die Seele des +Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde +heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Maeuse +auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen. + +Einer thueringer Magd, die in der Gesindestube ueber der Arbeit +entschlafen ist, kommt ein _rothes Maeuschen_ zum Munde heraus und geht +durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmaedchen +ruettelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu koennen. +Das Maeuschen kehrte hierauf zurueck, suchte hin und her nach der vorigen +Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte +die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335. +In Gestalt eines _weissen Maeuschens_ kommt der Alb durchs Schluesselloch +ins Schlafzimmer und drueckt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich +schon ein Tuch ueber die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es +nun, da sie ihn stoehnen hoert, an den vier Enden zusammen, thuts in die +Schublade der Kommode und laesst den Schluessel dran stecken. In derselben +Stunde war im Nachbarorte ein Maedchen ploetzlich gestorben und sollte +nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit +dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufaellig den +Schluessel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich +schlupfte ein weisses Maeuschen durchs Schluesselloch und lief zur Thuer +hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen +wollen, als ein Maeuschen zur Thuere herein und in den Mund der Leiche +gelaufen kam, diese oeffnete die Augen und gehoerte wieder dem Leben an. +Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thuering. Sag. +no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen +geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das +Schluesselloch der Kammerthuere verstopft, so sieht er statt der Maus ein +wunderschoenes Maedchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. +96. Kuhn, Westfael. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem +Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus +seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten +Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurueck. Alsdann wachte +der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen +Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn +sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die +Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Proehle, +Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der +Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich +einer Wiesel, aus seinem Munde dem naechsten Baechlein zugelaufen und will +hinueber. Der zuschauende Knecht legt sein entbloesstes Schwert wie eine +Bruecke ueber den Graben, das Thierlein geht darueber hin und verschwindet. +Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige +Bruecke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert +weggethan. Also brueckte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herueber, +naeherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein. +Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe +begegnet, antwortete er: Mir traeumte, ich waere gar mued und hellig von +wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste +ich zweimal ueber eine eiserne Bruecke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als +Wiesel faehrt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. +Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von +Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkoenig Guntram, dessen +Seele in eines Schlaengleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt, +auf einem Schwerte den Bach ueberschleicht, in einen Berg schlieft und +rueckkehrend ueber die naemliche Schwertbruecke in den Mund des Koenigs +zurueck geht. Der Erwachende erzaehlt, vom grossen Flusse mit Eisenbruecken +getraeumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben. +Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige aehnliche Sagen aus +Boehmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende +Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal gefluegelter. Aus +dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. +408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, +und Vonbun, Beitraege 2, 83. So viel von den Maeusen als ausfahrenden und +umwandernden Menschenseelen. Sind die Maeuse damit Geister, so koennen sie +sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschuetzen und +den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen ueberhaupt den +Voelkern allgemein zum Omen. Das Gleichgueltigere sei hier wiederum +vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzufuehren. Unser +uebelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, hollaend. +morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause +auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Traeumt man von Maeusen, so wird +es naechstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand, +so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den +Schlaefer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt +dieser bald. Verlassen saemmtliche Maeuse mit einem Male das Haus, so ist +dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Mues, wenig Luet. Salom. +Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus: + + Der Aberglaube redt re noh, + (Me cha zwar uf das G'schwaetz nid goh, + Glaubt' i's, i mueesst mi schaeme): + Verloei die Fruendi d'Wohnig ganz, + Geb's i dem Hus en andre Tanz, + Das heisst, es g'hei bald z'saeme. + +Maeuse verkuendeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die +Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als +sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, +82. Als die Philistaeer die Bundeslade geraubt und in Dagons Goetzentempel +aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre +Felder mit dem Maeusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77, +66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurueck und +uebersandten dazu in einem Kaestlein als Suehnkleinode fuenf goldne Maeuse +und fuenf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage +heimgesucht gewesnen philistaeischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4. +Aehnliche Suehnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der +Priesterkoenig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafuer eine +Bildsaeule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141. +Vergoldete Aehren und goldne Maeuse wurden der phoenizischen Ceres zum +Suehnopfer gebracht. Welcker, Griech. Goetterl. 1, 484. Im kretensischen +und im aeolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine +Feldmaus, Muenzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus +dar, sowie auch eine Muenze von Metapont die sechszeilige Gerstenaehre +zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer, +Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen +dargestellt sieht (Tassie no. 1585), traegt die Maus auf dem +Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl. +Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die +Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Maeusefrass geknuepft, und die +agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte +Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Maeuse +vertilgen. Dieselbe Abhuelfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud +gewaehrt, welche, indem sie die Maeuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen +abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu +baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die +Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehoert die allbekannte +Sage vom Rattenfaenger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der +magischen Pfeife knuepft, mit deren Tone die Maeuse vertrieben werden, und +hiervon noch spaeter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen +Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner +Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten +Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzaehlt. +Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Maeuse und +Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem +fremden Mann ueberein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen +Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor +und sowie er darauf spielte, kamen die Maeuse aus den Hauswinkeln, +Daechern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er +trat sein Kleid aufschuerzend in den Strom, die Thiere ihm nach und +ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn. +Allein die Buerger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am +folgenden Mittag wieder, diesmal in Jaegertracht, sein Hut war +purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Laenge, und nun spielte er +eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm +binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum +zwoelften Altersjahre, die fuehrte er, 130 an der Zahl, in eine Hoehle des +vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem +wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit +unter der Erde fort his nach Siebenbuergen und dorten erst wieder ans +Licht gefuehrt; denn seitdem spricht man in diesem Lande +niedersaechsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die +Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen +Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafuer +vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Maeuseheere +wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf +seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, +und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben +verloren. + +Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis +lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Moench Angionini mit dem Erbieten +erschien, den Ort von seinen Ratten und Maeusen zu befreien. Er lockte +alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den +versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle +Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gaense, um ihn +sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die +Uebereinstimmung dieser Erzaehlungen lehrt, dass die Maeuse, weil sie +Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit +hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Fruehling den +Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); +wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende +Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du +singst mir alle Maeuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit +singenden Kinde. Zur Vertreibung der Maeuse bedient man sich folgenden +Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein +Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man +haengt dem gefangnen Thiere ein Gloeckchen an und laesst es laufen; es +springt aus dem Hause und alle uebrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. +Maeuse, S. 26. Abergl. aus Boehmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die +Pfeifchen im Schweife der hoelzernen Spielroesschen und die thoenernen, die +man an der Stelle des Schwaenzleins in die Erntenudel der gebacknen +Maeuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt +die Umschrift an der grossen Abteiglocke in wuertembergisch Weingaerten; +die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten +(Kloster Weingarten, 1857, 48): + + Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich. + +Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in +seinem Thurm zu Bingen von den Maeusen bei lebendigem Leibe gefressen +wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer +Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und +der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhoehnte: Hoeret, wie meine Maeuse +pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen +wird nebst der eben beruehrten Sage von Trithemius in der Hirsauer +Chronik 1, 116 erzaehlt und zur Unterstuetzung dieser Begebenheit, wie es +scheint, dorten S. 140 ein aehnlicher Fall vom J. 995 hinzugefuegt ueber +einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am +thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Guettingen soll sich +desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Maeusen +aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es +haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, +307), und juengsthin besonders ausfuehrlich Grohmann (Apollo Smintheus, S. +78 ff.) ueber diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der +Erklaerung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein +zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Maeuseplage und +damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorraethe besorgte +Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit +Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt +der Maeuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt. +Maeuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder +Seuchenzeit einstellen. Das Bruederpaar, das sich vor der Pest auf den +Irchelberg fluechtet, erwuergt sich da in der Hungersnoth um einer +gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur +Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende +Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Maeuse gehext habe. +Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher +gebraeuchliche Phrase: Mach mir keine Maeuse. "Die Festung macht Maeuse und +will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Goethes Buergergeneral, 9. +Auftritt. + +Die den Koerper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele +hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern ueber +die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend: + + Kommt ein Maeuschen, + will ins Haeuschen, + da 'nein, da 'nein! + +Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu +sein, den Maeusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse, +welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schaedigung der +Lutmaeuse beim Amte Glurns anhaengig machte, erhielten beide Parteien +ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Maennern besetzt, +fuer Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehoert und der Beschluss +lautete: Die Lutmaeuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich +gaenzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und +jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger waere, +oder Jugend halber nicht fortkommen moechte, dieselben sollen ein +weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no. +708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540, +welches die Maeuse als Saatenverwuester anklagen und verurtheilen liess; +der Maeuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanaeus, nachmaliger Praesident des +Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch +nicht dreimal vorgeladen und koennten, so lange die Strassen durch Hunde +und Katzen unsicher seien; fueglich auch nicht erscheinen. Diebolt, +Histor. Welt, 1715, S. 1117. + +Von hier aus uebergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern, +findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknuepften +volksmedizinischen Braeuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein +Opfer hinauslaeuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den +Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafuer von der Maus einen neuen, +dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt +wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Maeuschen, da +hast du einen hoelzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In +Schlesien: Maeusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein +Steindel.--Maeuschen, ich geb dir einen knoechernen Zahn, gieb du mir +einen eisernen. Kuhn, Westfael. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es +(Alemann. Kinderl. S. 338): + + Muesli, Muesli, nimm de Zah, + gim-mer en schoene goldige dra, + frei en schoene wisse, + ass ech's Brod cha bisse. + +Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht +selber verschluckt, hoch gegen Himmel: + + Seh, liebe Herrgett, en Zah! + Gieb mer wider en andre dra.-- + +In Wuertemberg wirft es ihn ueber sich und spricht beim Schneidezahn: + + Se, Maeusle, has du dean Za, + sez mer derfuer en andra na! + +Beim Mahlzahn heisst es: + + Wolf, Wolf, da has en Za, + gi mer derfuer no koen Biberza! + +Birlinger, Schwaeb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwaebisch Name des +waelschen Hahns (Birlinger, Schwaeb. Woertb. 61) und bedeutet hier: lass +mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein +altarabischer Spruch in Rueckerts Morgenlaend. Sagen 2, 264 opfert den +Schichtzahn gleichfalls der Sonne: + + Liebes Kind, nimm deinen Zahn, + Der dir ausgefallen, + Wirf ihn zu der Sonn' hinan, + Sprich mit frohem Lallen: + Gieb mir einen bessern dran! + Und du wirst von allen + Neuen Zaehnen keinen Zahn + Schwarz und schief und stumpf empfahn, + Sondern jeden wohlgethan. + Kind, so lehrt' es mich dein Ahn. + +Dem Sonnengotte Freyr ward von den Goettern die Sonne, Lichtalfenheim, +zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine +Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in +Sueddeutschland Woelfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszaehne werden +dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Ruecksicht +auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr +zum Opfer faellt. + +In Hahns Griechisch-albanes. Maerchen no. 10 und 101 laesst sich die +Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen +silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das +Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn +wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst +anderen dahin einschlaegigen Braeuchen des Alterthums im eben genannten +Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der +hellfunkelnde, unverwuestliche Zahn des im Boden oder in Hoehlen wohnenden +Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine +Zaehne in den Boden saeet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die +Zaehne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen +erwachsen die Stammvaeter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft +man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn +heisst in Sueddeutschland Woelfle, und woelfen ist zahnen: Aus Wolfs- und +Rosszaehnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst +umhieng, und selbst unter den Fundstuecken, die man seit 1857 aus den +Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zaehne des Baeren und +Wolfes, durchbohrt, um an Schnueren als Amulette getragen zu werden. +Zuerch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz +bei Plinius ueberein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzaehne werden +zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermuedung +angehaengt, ausgerissene Maulwurfszaehne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus +Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte +Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. +Hoechst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von +welchem die aelteste und die neueste Zeit zu erzaehlen hat. Das +Poenitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale +Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu +stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen +habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das +Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, +darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den +Bischoefen aufgetragen, bei der jaehrlichen Kirchenvisitation strenge +Nachforschung hierueber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die +Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel +gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden +muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von +Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter +Analyse aus pulverisirten Maeusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die +uns persoenlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnaesser seien +dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu +trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten, +dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht +verhalten koennen, gepulverte Maeuse unter der Speise zu essen verordnet; +denn diese Heilmethode gruendet sich auf ein blosses Wortspiel und steht +nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, +daemonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit +Gleichem zu vertreiben, schlaegt nemlich Plinius vor, die Muskelschwaeche +am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da +latein. musculus beides ist, Muskel und Maeuslein. Die deutsche Medicin +nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran +geknuepfte Heilmethode an, um so mehr, als beides urspruenglich unter dem +Einflusse der waelschen Universitaeten zu Padua und Montpellier stand. +Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie +des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt +daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) woertlich nach: "Das +Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Maeusslin, so umb den Hals der +Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht +mehr gehorchen kann." Die spaeteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck +und pflanzen den daran geknuepften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt +durch die muessly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der +Zuercher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zuerich 1554, Blatt 126b; +Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: +"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib +auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein." + +Ein aehnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwoerterb. 3, 125, der +schon vorhin erwaehnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die +dorten enthaltenen Stichwoerter Pestbeule und Maus im Hebraeischen +stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwuer bedeutet. + +Der Name Maus, sanskrit muscha, abgeleitet von der Wurzel musch, +stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch +Yajnavalkya III, 214 (uebers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus +wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstaende sind, +so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behaelt diesen +Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen. +Quasi mures semper edimus alienum cibum, laesst Plautus in den Gefangenen +den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555, +sagt das Vorwort: + + Mein frischgebachen brot + muoss leiden vil der not + von hunden vnd von katzen, + von meusen vnd von ratzen, + zerhuelchen's, schliefen drein, + wolt, sie schwimmen im Rhein! + +Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit aeltester Zeit +fuer bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest, +durch die man dem schaedlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen +glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in +deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in +unseren Fasnachts- und Erntebraeuchen. Man darf um Weihnachten und +Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben +in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren +Umzug haelt, nicht spinnen, sonst zerzausen die Maeuse den Flachs. Das +Maeuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von +den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das +Maeuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen +die Maeuse (Aargau). Man darf alsdann die Maeuse auch nicht bereden, sonst +stehlen sie das Korn von der Schuette. Anstatt Maus sagt man dann (nach +Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Boenloeper, Scheunenbodenlaeufer, in Daenemark +Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch +so fest, dass der daenische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774) +waehrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur +Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die +Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel uebrig bleibt, +schuettet man gegen die Kornmaeuse in die Mausloecher. H.L. Fischer, Buch +v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau baeckt man die +Fasnachtskuechlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit +ihr dem wuehlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das +Gedeihen der kuenftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt +in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der +gebacknen Maeuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafuer hat es theils +bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbaender fuer die Garben +der Ernte vorauszuflechten; da die Maeuse dieser Nachtarbeit nicht mit +zusehen koennen, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben, +jedoch vermehren sich die Maeuse, wenn man ihnen ueber dieser Arbeit +flucht. Bavaria 2, 300. + +Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach +unten gekehrt in die Tenne; dies gehoert den Maeusen, die hiemit sich +begnuegen und den Geizigen heimsuchen moegen. Die Beinchen vom +Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, +streut man gegen das Wuehlen des Maulwurfs in dessen frische Gaenge. +Grohmann, Boehm. Abgl. S. 58. In boehmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz, +worin man die Fasnachtskrapfen baeckt, bis zur Ernte auf und salbt damit +die Raeder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt +der abladende Knecht den Fuhrmann: Was faehrst du? Dieser antwortet: Die +Katze fuer die Maeuse. Alsdann werden keine Maeuse in die Scheune kommen. +Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schuettet man in die Scheunentenne +und spricht: Maeuschen, esst diese Broeckchen und lasset das Getreide in +Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in +die erste Scheunengarbe ein Kaese gebunden und der sie Abladende fragt +den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, +erwiedert Jener, so wissen die Maeuse auch nicht, wo ich meine Gerste +hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt. +Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten +einfuehrst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine +rechte Hand und sprich: + + Da leg ich dem Menschen das Brot + und allen Maeusen den bittern Tod." + +Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf +dass die Maeuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kraeuterb. +3, S. 9a. + +Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in +Mausform gebackenen Zweckbrode. + +Mit erstem Fruehlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Baeuerin junge +Salbeiblaetter, wickelt sie in Eierteig und baeckt sie in Butter ab; +hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwaenzchen aus der +Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit fuer den Marktverkauf gebackenen +groesseren Brodnudeln haben eben dieses Schwaenzchen, doch ist es ein +thoenernes, damit die Kinder darauf pfeifen koennen. Marx Rumpolts +Kochbuch von 1581, Bl. 167b waehlt zur Einlage in dieses Mehlmaeuslein die +Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blaetter. Noch aelter ist folgende +Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz +gebachen von Salvey. nim duer leutzbiren vnd mach sie schon. seued sie +weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd +deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch +bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, +zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt +von dieser Nudel: + + Bachen wir ein Kuechelein, + Meuselein und Streubelein + Und trinken auch den kuehlen Wein, + Kaku-kaka-nai, + Dass man froehlich sei. + +In A. Corrodi's Zuercher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst +es von der staedtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel: + + Muesli, weischt, du kaennsch es ja wol, sind gar nid z' verachte, + Waemmae de Zucker nid spart und waemmae cha gnueg devu esse. + +Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach +beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Mueslinudel aufgestellt, aus +Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern +demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte +Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl +scherzweise der Maushueter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schaetzt +man einen in Arras, Bethune und St. Quentin einheimischen +Kaese-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und +Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nuernberger Lorenzokirche mit einer +eignen Sage wird fuer eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schoeppner, +Sagb. no. 641. + +Gertruds Name verraeth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber +werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren +Erntebraeuchen, besonders beim Heuschnitt erwaehnt. In Schwaben sammelt +man am Himmelfahrtstage Mausoehrleinkraut, gnaphalium dioicum, und haengt +es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern +wirft man Frauenschuehlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung +des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen +und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt +Grimmen faehrt in der Walburgisnacht ein mit vier Maeusen bespannter Wagen +umher, dessen Kutscher hahnenfuessig ist. Temme, Volksag. von Pommern +und Ruegen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht +zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei +Koepenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Muetterleins, das +gebueckt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kaemmend sich +im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Koepenicker Flur +getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen +heran, von vier kleinen Maeusen gezogen. Kuhn, Maerk. Sag. no. 111. Bei +Marne in Suedditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel +mit einem grossen Schatz versenkt liegt; naechtlich kommt dorten ein +Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Maeusen gezogen und vom +Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. +Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, +so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende +der Rhoen- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen +Tochter gilt. In den gekraeuselten Wellen der Mainstroemung glaubt man +dorten naechtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21] +wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die +Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr +daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehaengt, welche +Muetter zu werden wuenschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen +und foerdert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3. +Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und +sitzt an den ihr geweihten heilkraeftigen Quellen. Zingerle, +Gertrudenminne S. 50. Schoeppner, Bair. Sagb. n. 976. In der +Gertrudenkapelle zu Bamberg hoerte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum +Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und +entgieng darueber dem Tode. Schoeppner, no. 207. Waehrend sie auf Schloss +Karleburg am Main einen Frauenconvent gruendete, wurde ihrem Priester +Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. +Kilian unruehmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser +Nachricht misstraute, so liess ihn dafuer der Heilige erblinden, stellte +ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen +Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign. +Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der +Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud +gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an +dessen Kloesterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschoepft und +duerstend in der Einsamkeit stehen, als ploetzlich ein Storch vor ihr +aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke +Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von +Unterfranken 13, 154. + +Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkoemmlich, +weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu +trinken. + +Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Goetter +und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmaeussen feierlich +den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, +um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Haelfte des +siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der +Bekehrung trank das unter christlicher Huelle fortlebende Heidenthum +"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth. +53 ff. hat darueber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. +an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im +Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne +getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt +auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne +(Wiener Jahrbuecher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte +nur, noch fuer Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis); +Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein ueblich +gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verraether +Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von +Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. +699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu +trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man fuer den Fall, dass der +Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurueck kehre, sich eine _gute +Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste +Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese +Heilige aus einer Seelenherrin spaeter eine Patronin der Reisenden. Das +Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form +eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der +weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern +jener weitesten, welche ueber den Todesstrom fuehrt und unsern Ausdruck +Absegeln fuer Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenueberfahrt handelt +Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle +aus einer Einsiedler Handschrift angefuehrt: "wenn die menschen sterbend, +so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwaehnte +Strassburger Kirchengemaelde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die +Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer +des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen +Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stuermendes Meerungeheuer +verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als +sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffaehnlichem +Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie +Freyja und ihre Walkueren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in +Walhall ausgeuebte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der +Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere +Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren juengeren +Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshaeusern Hollands gewesen war; sie +traegt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der +Wirthsgaeste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und +oefters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, +zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta +und Diewardis, die gleichfalls Dienstmaedchen gewesen, in das Beginenhaus +zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd +eine Beata und Sancta genannt. + +Die in der Figur Gertruds enthaltenen Zuege der Walkuere sind ausser ihrem +schon anfangs erklaerten mythischen Namen nachfolgende. + +Sie ist des von ihr erwaehlten Mannes schuetzender Gefolgsgeist, seine +Fylgja, laesst sich mit ihm in ein Ehebuendniss ein, schuetzt ihn mit +Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den hoellischen +Waffen, reitet fuer ihn ins Gefecht und hinterlaesst ihm, wenn sie nach +dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz +und tuechtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des +Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie +je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an +der Wiese vorbeigehendes Waldfraeulein im Gespraeche mit seinem Weibe +dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und +weinend musste sie hierauf Mann und Kinder fuer immer verlassen. +Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach: +So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser +gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfuellung gegangen. Panzer, +BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein aehnliches +Buendniss im Tone der Ritterzeit erzaehlt. Riddert von Berkhof hatte sich +dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen +Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen +Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von +Heppener entgegen, wo der Boese bereits seiner wartete; doch der Satan +konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl. +Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser +Vorfall war spaeter in der Heppener Kirche kuenstlich gemalt zu sehen. +Mittelhochd. Dichtungen tragen aehnliches auf die hl. Maria ueber, die als +Schutzgeist eines Gefaehrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache +deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder fuer den Schutzbefohlnen aufs +Turnier ziehen und in Gefechten mitkaempfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert +daraus, dass Maria hier an die urspruengliche Stelle der kriegerischen +Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Goetterwagen mit +zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walkueren +gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetuemmel +mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu +deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde. + + * * * * * + +Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem +galloroemischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfiguerchen einer aus +Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Haehnchens ausgegraben +und beides uns zu einem hoechst schaetzbaren Andenken uebersendet. Der +Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an roemischen +Alterthuemern in der ganzen Rheinpfalz, hat juengst auch zur Entdeckung +eines wohlerhaltnen Brennofens gefuehrt; man erhob daselbst eherne +Legionsadler, Broncefiguerchen, Meilensteine, Muenzen aus dem 4. +Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz +gleiches Haehnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch +dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der +Regenerationskraft. Die Maus traegt eine Schelle um den Hals gebunden; +denn nach Apollodor (Fragmente) wurde fuer Sterbende Erz an einander +geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Koenige unter Glockenton zu +Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der +Macht der Daemonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkuendet das Kraehen des +Hahnes das Licht des neuen Tages. + +Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn. +Hermann Brunnhofer aus Oxford ueberbracht worden. Die Figur ist aus +ungesaeuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus +der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfiguerchen auf den dortigen +Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen +bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thuer- und Kamingesimse, finden +aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein +Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zaehne +nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvoelker 4, 165. + +[14] Firmenich, Voelkerstimm. 3, 112. + +[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340. + +[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340. + +[17] Curtze, Waldecker Volksueberlief. S. 285. + +[18] Alemann. Kinderlied. + +[19] Harun al Raschid traeumte, alle seine Zaehne seien ihm ausgefallen; +der Traumdeuter erklaerte dies dahin, der Monarch werde alle seine +Verwandten ueberleben. Rosenoel, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das +Wahrzeichen der indischen Todesgoettin Kali ist der schwarze Zahn, der +alles benagende Zahn der Zeit. + +[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei +Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. Maerz der hl. Koenig Guntram +abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Baechlein. Ueber +dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde +gekommene Maus laeuft darueber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit +offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram +an, weil er seine Schaetze den Armen geschenkt und dafuer einen ihm von +Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe. + +[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl. +Elisabeth von Thueringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in +Preussen, ueberschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer +Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die +Messe nach Kulm kommen zu koennen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre +Fussspur in jenem Gewaesser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine +Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Naechten auf den Wellen +der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Koenigin +Berta zurueckgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Saemmtliches erinnert an Homers +silberfuessige Thetis und goldenfuessige Hera. + + * * * * * + + + + +Nachtraege. + + +[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den +Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat +ihre neueste Vervollstaendigung gefunden durch die drei Bildergruppen +eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im +Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen +die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Maenner dar. Aus +einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um +Haupt und Lenden Epheukraenze tragend, jeder auf einem phantastischen +adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus +reitet der Maikoenig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem +Ornamente der drei stumpfen Blaetter, ueber welche sein Hirschgeweih +emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die +Huefte traegt er einen Guertel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit +Pfeil und Speer Rosen in die gegenueberliegende Burg. Ihre Absicht steht +auf den sie umgebenden Spruchbaendern zu lesen. + + Wol vf alle mine wilden man, + wir wellent festen und buirge han. + + Schiessen alle, nieman loss abe + an buete gewinnen, will einer habe. + +Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den +Sommerreitern her eilender Juengling mit herbei getragnen Brettern zu +ueberbruecken strebt. Von den Zinnen herab kaempfen fuenf dicht in +Wollenfliesse gekleidete Maenner, die Winterkoenige; denn auch sie tragen +Kronen wie der Maikoenig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr +Burgwart am Soeller stoesst ins Rom; das Spruchband ueber ihnen besagt: + + Vnser vesten, die ist wol behuot + mit gilgen, klewen, rosenbuot. + +Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen +Fruehlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in +welchem die Maikoenigin bereits Platz genommen hat. Auch sie traegt die +offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch +gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei +Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten +Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_ +abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen +alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss +hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels +agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnaebelte +Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im +Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls +das dreifache Blaetterornament zeigt. Im Luft haengt ein kurzes krummes +Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze, +mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zuegel +seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen +arabeskenhaft umrankt. + +[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die +Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem +Eisensaerglein neben Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In +den von mir eroeffneten und beschriebnen heidnischen Waldgraebern zu +Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des +Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer +Alterthuemersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265. + +[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach +_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich +verrathende spaete Entstehung dieses Gedichtes weiter bestaetigt. Es +leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in +der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwaehnten +roemischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem +Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt +worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, +die oft citirte Inschrift aber laengst als unecht erkannt worden. + +[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht, +gelten mancher Orten gleichmaessig als weissagende Liebesboten. In +Deutschboehmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man +bald heiraten werde; der Specht hat es bestaetigt, sagt man dann. +Grohmann, Abgl. S. 70. + + * * * * * + + + + +Wortregister. + + +Ankenbruet. +Ankenschnittenprozession. +Ara, Aarefluss bei Solothurn. +arbaiz, Erbsen. +Aufburg bei Zurzach, roem. Castrum. + +Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwuenscht. +Bilihildis, hl., aus fraenkisch Veitshochheim. +Brod, + den Elementen geopfert. + Erntebrod. + Eulogienbrod. + gegen Tollwuth. + gegen Wolfshunger. + phallische Zweckbrode. + Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt. +Brunnen Walburgis, + im Elsass. + in Franken. + in Holland. + in Tirol. +Brustbein Walburgis. +Butterschnitte, + als Praeservativ und Heilmittel. + bei kirchl. Prozessionen. +Buttergewinn, zauberischer. + +Elben in Mausgestalt. +Emmetsheimer Steinbild phallisch. +Erntebrode. +Ernteopfer. +Eulogienbrod. + +Fadenziehen, ein Liebesorakel. +Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige. + +Gertraud von Osten. +Gertrud, + Verstorbene beherbergend. + zu Rosse. + als Waldfrau. + Gertrudenkirchen, + niederdeutsche. + ostfraenkische. + Gertrudenkraut. + Gertrudenminne trinken. + Gertrudentag, Kalenderregeln. + Gertrudenvogel. + Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen. + G's Mantel. + G's Spindel mit den zwei Maeusen. + G's Schiff als Trinkgefaess. + G's Wagen. +Gnadenstein Walburgis. + +Hagel, ein Koenig. +Hagelfeierpredigten. +Hagelsquelle. +Heiden- und Schoenbrunnen. +Heidenkirchen, + als spaetere Walburgskirchen. + als spaetere Verenakirchen. +Heilquellen Verena's. +Heilwag. +Helgenbronn. +Holpurga. +Honigfall. +Hund, + als Walburgis Gefolgsthier. + als das anderer Goettinnen. + als Speisenname. + gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert. +Huehner, kirchlich geheiligte. + +Kaesbrunnen. +Kleinkinderbrunnen. +Kleinkindersteine. +Klumpfuesse, + durch Walburg geheilt. +Konstanzer Bisthumsgrenzen. +Kornaehre, + Mittel gegen Hundebiss. + Mariae und Walburgis Emblem, + das des hl. Oswald. + Sinnbild von Obereigenthum. + der Truden Zaubergestalt. +Korngarbe, Walburgis Versteck. +Kriemhiltengraben am Jung-Albis. +Kukuk, + ein verwuenschter Becker. + auf dem Binsenstuehlchen weissagend. + als Lebensorakel. + als Theuerungsprophete. + +Lehmkugeln, + in Heiligengraebern. + in Heidengraebern, _s. Nachtraege_. +Lebermeer. + +Maibad. +Maiengericht, dessen Kostenbetrag. +Maienthau, + abstreifen. + baden im Maienthau. + Maienthau der Erdmaennlein. + kosmetisch. + medicinisch. + sprichwoertlich. + zauberisch. +Maigraf, Maigraefin. + _s. Nachtraege_. +Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. +Mairitt. +Mauritius, Verenas Verwandter. +Maus, + als Alb. + vor Gericht geladen. + als Ortsgeist. + als Pestthier. + als Seele wandernd. + als Suehnbild. + als antikes Stellfiguerchen in Graebern. + in Gestalt des Zweckbrodes. + als Stadtwahrzeichen. +Maus weisse, geheiligt. +Maustrank. +Mausoehrleinkraut. +Maeusegespann. +Maeuse machen. +Metzentanz in Zurzach. +Minnetrinken. +Muehle als Ort der Liebesabenteuer. +Muehlstein, + als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe. + schwimmender. +Muellerbraeuche am Verenentage. + +Oel, + hl., ein Augenmittel. + aus Heiligenknochen. + der Walburgishexen. + +Ortschaften des Namens Walburg. +Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. +Osterbad, reiten ins. + +Pfeife, magisch wirkende. +Phallische Goetterbilder, ihr Zweck. + +Reimsprueche beim Meienpflanzen. +Richard, Walburgis Vater. +Rimleins- und Roemleinsbrunnen. +Roggenaehre, Mittel gegen tolle Hunde. +Ross, + Gertrudens. + Verenae. +Rutscherzins. + +Schnecke, als Kukuk angerufen. +Schuh, + goldner Walburgis. + Schuhwerfen als Liebesorakel. + Schuhzins am Walberfeste. +Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. +Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schuetzend. +Sommer, + den, ins Land reiten. + _s. Nachtraege_. +Specht, + als Gertrudenvogel ein verwuenschter Becker. + ein verwandelter Gott. + als Liebesorakel _s. Nachtraege_. +Spindel, + der hl. Walburg. + der hl. Gertrud. +Spinnverbot an Walburgis. +Staerketrunk. +Stillicidium Walburgs. +Storch, Gertrudens Vogel. +Straehl-Anneli. + +Teufelsstein in Verenae Einsiedelei. +Thau abstreifen, + zu Milch- und Buttergewinn. + als Mittel gegen Kornbrand. +Thautrinken. +Tobel-Vreneli. + +Valentinstag. +Venes- und Vrenesberge. +Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. +Venus-Vrene, + in dem mundartl. Tannhaeuserliede. + in den Ritterdichtungen. + Die Venus- und Vrenenhaeuser. +Verena, + ihre Namensformen. + Niederdeutsch: Fru Freen und Fru Frien. + Rhaetisch: Vereina. + Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin. + Verenabad. + Ve. als Gebirgsriesin. + Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkroenlein. + Verenaloch: + zu Baden. + im Entlebuch. + auf der Schafmatt im Jura. + Muellerpatronin. + Schifferpatronin. + Verenareliquien. + Verenastift. + Verenatag als Gerichtstermin; + Gesundheits- und Wirthschaftsregeln. + Ve. als Weisse Frau 139. +Verenae, + Bildsaeulen. + + Dienstross. + Fingerring. + Geburtsguertel. + + Heilquellen. + Kamm und Krueglein. + Katze. + Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz. + Kapelle, ein Roemercastrum. + Kleinkindersteine. + Kindersegen bescherend. + vierzig Mehlsaecke. + Muehlstein. +Vrenelisgaertli, Gletscher am Glaernisch. + +Walber, + der Fuehrer des Maienzugs: + in eine Korngarbe gebunden. + ein Bergname. + Riesenname. + Walberbaum. + Walbernthau. +Walburg, + als Flur- und Ortsname. + mundartl. Namensformen. + Die Heilige: + als Nichte Winfrids. + als Heidengoettin. + als Riesin. + vor dem W. Jaeger in die Korngarbe fluechtend. + Walburga Westfalica. +Walburgis-kirchen, + als Heidenkirchen. + als Roemercastrum. + Ortskirchen. + hl. Quellen. + Reliquien: + Brustbein, oelschwitzend. + Stab. + in Wittenberg und Koeln. + im Auslande. + Schoenheitswettstreit. + Spindel und Goldschuh. + Steinernes Venusbild. + phallisch dargestellt. + Wildgans. +Walburgistag, + als ungebotne Gerichtszeit. + Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der + Landschaft: + in Thueringen. + in Unterwalden und Friesland. + in Ostpreussen. +Walper, + Anna, als Hexe inquirirt. + Walperherren, Walpermaennchen und -zins. + Zug nach Walpern. +Walburga-Holpurga. +Wasserkirchen. +Wasserfrauen. +Wasservogel, _s. Nachtraege_. +Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. +Wiborada, die hl. v. Klingnau. +Wihegazza. +Wilibald, + der hl.: + Walburgis Bruder. + ein Huene. + Wilibalds-Brunnen und -Ruhe. +Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. +Wolbermai. + +Wolbrygabend. +Wolfszahn, Amulett. +Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugoettinnen, by E. L. Rochholz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGOeTTINNEN *** + +***** This file should be named 12012.txt or 12012.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/0/1/12012/ + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..79946b7 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #12012 (https://www.gutenberg.org/ebooks/12012) |
