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+The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugoettinnen, by E. L. Rochholz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Gaugoettinnen
+
+Author: E. L. Rochholz
+
+Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGOeTTINNEN ***
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+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
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+Drei Gaugoettinnen
+
+Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.
+
+Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben
+
+von
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+E.L. Rochholz.
+
+1870
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+ * * * * *
+
+
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+
+Vorwort.
+
+
+Den ersten fruehzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
+die nachfolgende Schrift am Titel traegt, drei naechstverwandte Wesen aus
+der deutschen Goetterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
+Perioden seines akademischen Juenglingsalters und waehrend der ersten
+Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgaengen,
+Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung oertlicher Alterthuemer
+nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevoelkerung
+den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedaechtniss sei
+ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergaenzen helfe.
+Waehrend sich ihm letzteres bald als eine gemuethliche Taeuschung erweisen
+musste, war ihm darueber doch das Glueck beschert, reichliche, nachhaltige
+Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
+einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
+Lebensaenderungen nicht mehr veralten laesst. Und so erklaert sich der
+Ursprung unseres Buches als eine frueh erworbene, in langer Zeitdauer
+gereifte und hier erst spaet zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
+der Art, von welcher bei Goethe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
+man nicht gesehen hat, gehoert uns nicht und geht uns eigentlich nichts
+an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thaelern der
+Altmuehl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
+Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
+Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena naeher bekannt
+wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
+innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit aeltester Zeit
+bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
+nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
+die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
+waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
+Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
+zeitgenoessisch gewesen mit der aeltesten Gaueintheilung dieser
+Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand ueberhaupt ein aelterer, als
+der durch die Kirche veranlasste je hatte sein koennen. Und also fuehrte
+uns die _Gauheilige_ in rueckschreitender Metamorphose auf die
+_Gaugoettin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
+approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstuetzt
+wird, laesst sich mit ferner versuchten Einwaenden nicht weiter mehr
+aufkommen. Auch fuehrt ja die Gaugoettin ihre bei uns verblasste
+Herrschaft ueber Christenmenschen anderwaerts immer noch ungeschwaecht und
+persoenlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
+Amelie Bosquet die Aufsicht ueber das Land den Feen gehoert, jede einen
+einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
+dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
+Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.
+
+Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
+Idealbild menschlicher Thaetigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
+Die dem Germanen eigenthuemliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
+vor allen Kulturvoelkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
+Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
+Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
+welche Waechterinnen der zuechtigen Geschlechterliebe, der haeuslichen
+Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine naechste Folge hievon war
+es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
+Wort frowa, frauja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
+bekleiden und als solche die Geschaefte der Tempeljungfrau, Priesterin,
+Heilraethin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
+langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
+furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
+ueberrascht durch das in barbarischer Form ueberlieferte roemische
+Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengoettinnen
+kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
+satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
+Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
+nicht bloss die Richtschnur des oeffentlichen Glaubens, sondern ebenso
+die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
+herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
+allerdings noethigender Grund, sie spaeter einmal zu Christentugenden zu
+subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
+Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
+erzwungene, innerlich unwahre, und verfaelschte den sittlichen Kern des
+Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
+hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen waere, anstatt dass
+umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
+legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
+Klerus, der dem Coelibat den uebertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
+zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
+Himmelsherrin, auf das ganze uebrige Geschlecht aber die Ursache des
+Suendenfalles zu waelzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwuerde
+verkuendenden Mythus durfte der Moench kein Recht belassen, sondern musste
+ihn so weit und so unablaessig herabwuerdigen, dass die Folgen davon bis
+heute den Aberglauben aufzureizen vermoegen. Wenn daher zwar auf einer
+Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segensspruechen
+bereitete, als oelschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
+auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertraenke
+brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwoerend, Besen salbend, das
+aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
+Dorten war sie die ehestiftende Liebesgoettin gewesen, hier eine Frau
+Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
+Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
+den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
+nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
+149). So urspruenglich schon steckt in dem Legenden erzaehlenden Moench
+ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
+Waldteufel, wo in der fraenkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
+Spessarts die Haingoettin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
+Fruehlingsgoettin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
+Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwuestenden Riesin
+wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena
+
+ --auf des gefuerchteten Gipfels
+ Schneebehangener Scheitel,
+ Den mit Geisterreigen
+ Kraenzten ahnende Voelker.
+
+Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafuer
+ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
+der Maennerwelt, rein aus Froemmigkeitsbeduerfniss und Kinderliebe sich an
+die neue Kirche ergab! Fuer treues Ausharren in den Pruefungen des Lebens,
+fuer opferbereites, demuethiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
+einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengroesse
+erobert und sogar den Preis der Vergoetterung sich erworben. Dieser
+Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
+Streben des Weibes, sich zur Wuerde der Gottheit empor zu heben, ein
+frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
+gemeinen Leiblichkeit zurueckversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
+erloest zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
+persoenliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
+bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
+Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
+germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
+Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
+Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
+die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.
+
+Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.
+
+E.L.R.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergoettin.
+
+
+Erster Abschnitt.
+_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.
+
+Walburgs und ihrer drei Brueder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
+Grabstaetten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
+fliessend; aehnliches kirchlich verehrtes Wunderoel. Abbildungen und
+Embleme Walburgis.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.
+
+Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgoettinnen und
+Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefuettertes
+Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und suesse
+Huendlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
+und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verduesterung in
+dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
+Eulogienbrode.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Walburgistag, des Meien hochgezit_.
+
+Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
+den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
+Ruthenzug.--Maigraf und Maigraefin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprueche
+und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: saemmtliches
+als Abbilder eines goettlichen Werbungs- und Vermaehlungsmythus, welcher
+im Fruehlings- und Erntevorgang spielt.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Maiengeding und Walbernzins_.
+
+Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
+Gerichte, gezeigt aus den Weisthuemern.--Urkundliche Berechnung der
+Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
+Walpersmaennchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
+verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
+fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.
+
+
+Fuenfter Abschnitt.
+_Der Mythus vom Maienthau_.
+
+Landwirthschaftliche Erbsaetze ueber den Maienthau. Thau als
+Quelle von Leben, Lebensdauer und Koerperschoenheit, angewendet
+als Heilbad, Staerke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
+Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
+durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
+seiner naturgeschichtlichen Begruendung. Thauschlepper
+und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
+Walburg in den Riesen- und Hexensagen.
+
+
+Sechster Abschnitt.
+_Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung_.
+
+Die westfaelische Walburg. Die phallischen Goetzenbilder zu Antwerpen und
+Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
+Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
+den Gebildbroden zur Mittwinter- und Fruehlingszeit. Etymologische
+Erklaerung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
+Anwendung.--Schluss: die Goetterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
+Meth, Ael und Oel gewuerzten Unsterblichkeitstrank.
+
+
+II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.
+
+Erster Abschnitt.
+_Verena, eine alemannische Gauheilige_.
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
+Altaere in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Verena, die Muellerpatronin_.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen
+Kleinkindersteine. Die Muellerpatronin als Ehegoettin. Der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Verena, die Geburtshelferin_.
+
+Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
+Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der
+Gewitterriesin: das Vrenelisgaertli am Glaernischgletscher.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Verena als Frau Venus_.
+
+Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
+Vrenenhaeuser, zurueckgefuehrt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
+auf den urspruenglichen Mythus.
+
+
+III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.
+
+
+1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.
+
+Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
+Stabes, der Spindel und der Maeuse.
+
+2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
+Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
+werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.
+
+3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
+und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
+Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
+Wechselzahn. Einschlaegige volksmedicinische Braeuche.
+
+4) Die Rolle der Maus bei den Erntebraeuchen, die in Mausform gebackenen
+Zweckbrode. Gertrudens Maeusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
+Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walkuere.
+
+_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
+Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Suessen Maeuschen. Das
+Kalenderzeichen des Gertrudentages.
+
+
+Nachtraege
+
+
+Wortregister
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+I.
+
+Walburg mit drei Aehren,
+
+die Ackergoettin.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
+
+
+Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
+der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
+jungfraeuliche Maikoenigin, aus dem frischen Gruen der Haine ueber den
+thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
+der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghoehe die
+entsetzliche Nachtkoenigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
+Seuche brauend, unkeusche Satanstaenze abhaltend, eine Feindin des
+Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
+Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
+einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
+Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
+Haelften eines urspruenglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
+dieselben zur wuerdigen Gesammtheit eines germanischen Goetterbildes zu
+vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
+nach deren aeltester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmueckenden
+kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
+ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
+Ausarbeitung.
+
+Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
+sind nachfolgende.
+
+Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
+nach Jerusalem enthaelt) schrieb eine Landsmaennin und Zeitgenossin
+Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
+Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
+eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
+seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
+Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
+commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehoerende General Dominik Joba
+etliche Wochen in Eichstaedt, beruechtigt als Inkunabeln- und Gemaeldedieb;
+er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
+Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
+des Hochstifts Eichstaedt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle fuer alle
+uebrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die naechstfolgende
+Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Moench
+Wolfhard zu Hasenried, das spaetere Herrieden a.d. Altmuehl, einer im J.
+888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstaedter Bisthum vergabten Abtei. Im
+J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstaedt Philipp von Rathsamhausen
+Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Koenigin
+Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Koenigsfelden
+aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof ueberschickt ihr und ihrem
+Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
+Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
+in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fuenfte, aber
+die erste _umfassendere_ Erzaehlung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
+Der bischoefliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebuertig und starb
+1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk uebersetzte der
+Eichstaedter Stadtschreiber David Woerlein und dedicirte es dem damaligen
+Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrae
+Angermayer. Auf diese beiden Schriften stuetzen sich nachfolgende, von
+uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
+secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
+tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
+Literatur ueber die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
+Kirchengesch. 2, 347 und 356.
+
+Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
+Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
+Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
+Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thueringen und Baiern kam und in
+diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
+diejenigen zu Regensburg, Freising, Wuerzburg und Eichstaedt gruendete.
+Eine Schaar gebildeter Maenner und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
+begleitete ihn dahin und uebernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
+Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
+Thueringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
+Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
+Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsaechsischen Fuerstenpaares
+Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
+auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thueringen nach Baiern gereist und
+hier im Sualafelder Gau mit den drei Bruedern zusammengetroffen. Dieser
+Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
+des Hahnenkamms in das Altmuehlthal nach dem jetzigen Eichstaedt, schloss
+auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
+in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
+Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstaedt ein Kloesterlein in
+der Regel des hl. Benedict gegruendet und war fuenf Jahre nachher auf der
+Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
+von Eichstaedt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
+er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fuegte
+demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
+uebergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
+Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwaehlen, wo ihr
+Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
+noch fuer heilkraeftig gehaltener Quellen zaehlt man in der Eichstaedter
+Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstaedter
+Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
+Roemleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
+Roemer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
+in der Fronte bis zur Hoehe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
+gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
+1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunaechst dem Kloster
+Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
+Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
+seitdem bei keiner Sommerduerre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
+auf einem der zwei gruenen Hoehenzuege, die den Eichstaedter Thalkessel
+umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
+Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
+Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
+jener maechtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
+einen dreikaestigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Roehren sprang; sie
+stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstoert. Eben
+so liess sich die Schwester Walburg im mittelfraenkischen Staedtchen
+Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schoen- und Heidenbrunnen
+heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
+Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Kaesbrunnen, ein Hungerquell,
+an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
+sich beim Schlosse Hohentruedingen das Stift Auhausen; seine
+Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
+Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
+geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
+Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.
+
+Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
+Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
+neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
+Dioecese Eichstaedt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.
+
+Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
+781. Letzterer wurde in der Eichstaedter Kathedrale, die beiden ersteren
+im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
+Walburgis Erdgrab eroeffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
+und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
+870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstaedt und
+bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
+Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
+Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg beruehrt und
+wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Kruecken voran in die Kirche
+zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
+Schwester kommt! Darueber laesst er die Kruecken fallen und ist geheilt.
+Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
+streitet indess die weiter gehende Erzaehlung von der Theilung der
+Walburg-Reliquien. Als naemlich Walburg gestorben war, hatte ihre
+Gefaehrtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gruendete aus
+ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
+Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstaedt abgegebenen
+Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
+werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstaedt wiederum aufgrub,
+zeigten sie sich mit einer wundersamen Fluessigkeit ueberzogen, die bei
+Beruehrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
+madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
+(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
+Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so beruehmt
+gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
+Eichstaedt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
+Jahrestage durch vier Stadtraethe in einem silberueberzogenen Saerglein in
+gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
+Kloester des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
+Wuelzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstoerte der Bildersturm
+(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Gruefte, so dass
+Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
+spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
+Walburgis dort verwahrt gewesener bischoeflicher Stab, auf dessen
+Beruehrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei spaeter auf dem
+Walpersberge bei Koeln von den Jesuiten verwahrt worden und alljaehrlich
+am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
+302. Wir werden spaeter darauf noch zurueckkommen.
+
+Von den Koerpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstaedt nichts
+anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
+Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
+Walburgiskirche. Dieser Altar, ein laenglichter Steinwuerfel, ist in
+seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
+auf seine Breitseite umgelegter aelterer Steinsarg erscheint. Sein
+Material ist Sandstein, wie ihn die Brueche vom benachbarten Pleinfelden
+ergeben. Durch seine Hoehlung geht der Laenge nach eine ebne
+ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des naechsten
+Eichstaedterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Traeger aus Sandstein.
+Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Flaeche liegt
+Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober faerbt sie sich blaulicht und
+ueberlaeuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
+tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
+sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spaetere
+Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
+nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
+durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
+geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
+als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
+Silberblech ueberzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
+silberbeschlagenen Eisenthuere verschlossen. Dies ist das Mirakel des
+Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
+und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verfluechtigend;
+unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
+selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
+mit Wachs verschlossne Glasflaeschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
+Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
+vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
+sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
+gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
+diese Wolle in schmerzende Zaehne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
+geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnuerwerk des Mieders.
+
+Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
+begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
+Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
+(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
+erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
+Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
+die Geschichte der Eichstaedter Bischoefe und dieses Mirakels schrieb,
+folgende Zeit dafuer zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
+Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
+nach Eichstaedt uebertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
+fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle uebrigen
+Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
+trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die aelteste
+Aufzeichnung der Legende ausdruecklich: die apostolorum Philippi et
+Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
+omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
+administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
+auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
+begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
+Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
+Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
+und kuemmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
+verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fuenf
+verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].
+
+Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male noethigte, den solennen
+Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
+Eichstaedter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
+in frueheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
+bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
+1237 sammt seinem Domkapitel von der Buergerschaft verjagt wurde. Die
+versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwuestet, das
+Walburgisoel hoerte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
+1713 zum groessten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. Maerz
+fast kein Tropfen Fluessigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
+einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
+Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
+Eichstaedt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
+beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
+Eichstaedt 1730, 4 deg.), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
+Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
+Glas voll davon im Kloster zurueck gestellt hatte; zur Haelfte trank es
+die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
+sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern muessen,
+oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
+Gefaess sich sogleich wieder ganz mit Oel anfuellte.--Der Eichstaedter
+Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittaeltesten
+Walburgislegende, erzaehlt, wie er es selbst becherweise gegen seine
+Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
+desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
+306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
+darob verzagten Eichstaedter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
+reichlich los, dass man ein Weinlaegel von einer halben Pinte, also ein
+wirkliches Fass, damit anfuellen konnte. Ibid. pag. 307.
+
+So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
+Hannover 1794, Bd. 3, 118 ueber "die ungeheure Menge" Walburgisoel zu
+Eichstaedt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
+statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
+Bergoel von grosser Durchsichtigkeit und sehr fluechtig sein; wer es bei
+sich trage, behaupten die Moenche, muesse sich im Stande der Gnaden
+befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
+
+Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
+derselben quillt, hatte die Kirche urspruenglich nicht verheimlicht.
+Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Maertyrer Asche und Gebein,
+sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkraeftig,
+und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
+Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzaehlt Reinfrit
+von Braunschweig (Grimm, Altd. Waelder 2, 185), wie ole von irme libe
+vloz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
+fuegt erklaerend bei:
+
+ uz dem sarksteine,
+ da inne lit diu reine,
+ vil heilic ol vluzet,
+ des diu werlt vil genuzet.
+ der iht siecheite hat,
+ des wirt al ze hant rat,
+ als man ez dar an strichet.
+
+In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher oelspendenden Steine; der eine
+lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
+Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
+Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberflaeche quoll Heiloel
+und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete fuer
+immer, als der Eigenthuemer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
+Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstaedt 1309 die Gebeine
+des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
+Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
+damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefaesse fuer die
+Kranken anfuellen liess. Sax, Eichstaedt. Hochstift S. 101. Die von Rom
+nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
+Quirinuskapelle ein Heiloel, das in kleinen Flaeschlein an die Glaeubigen
+verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
+olivengruenes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jaehrlich
+davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.
+
+Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
+auf solcherlei Steinoel allein nicht beschraenken moegen. Schon zu
+Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
+Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
+Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgefuehrt sind, zu Rom sei bei Christi
+Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
+Zugleich faellt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
+achterlei heilige Jungfrauen zaehlt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
+auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthaetiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
+Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
+der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zaehlung noch weiter fort. Mit dem Oel
+der hl. Helena einen Kristall zu betraeufen, um damit den Dieb zu
+entdecken, raeth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
+Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thueringen, die
+Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltaeren
+ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fuegt bei, Gleiches stehe der
+Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
+Jungfrau gewesen sei und also in diesem taeglichen Faustkampfe Oel habe
+schwitzen muessen:
+
+ Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
+ In cavea Martis num pugil illa fuit?
+
+Im Stil der Kirchenvaeter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
+Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
+gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen koenne. So sagt
+Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
+athleta Christi. Denselben Gedanken aeussert auch Chrysostomus in seiner
+6. Homilie ueber den Brief an die Coloss.--Nork, Realwoertb. 3, 301.
+
+Von der Wunderwirkung des zu Eichstaedt fliessenden Oeles sagen die Acta
+SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders haeufig Lahme
+geheilt habe; Gretser fuegt bei, X, 917, es foerdere die Geburten, auch
+lutherische Frauen haetten in Kindesnoethen damit den Versuch gemacht und
+seien darueber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
+Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
+heilt:
+
+ Hinc quendam fastidiosum
+ Fame paene mortuum
+ Alloquens per visionem
+ Monet, ut de calice
+ Ejus biberet; quo facto
+ Esuriit solito.
+
+Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Fuessen lahm, wurde
+von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
+auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
+er seine Koerperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslaenglicher
+Leibeigenschaft uebergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
+welche dem Walburgisoel beigelegt wurde, erklaert sich Jac. 5, 14: Ist
+einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
+dieselben sollen ueber ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
+Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.
+
+Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
+totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
+dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
+Wunderoel zu haben gewesen. Oel, Knochen, fuenf Zaehne und ein Gewandrest
+Walburgis wurden zu Wittenberg jaehrlich am Montag nach Misericordias
+ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
+wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgraefin von Hessen,
+geflossen war. Das Glas ging an Luther ueber, der wie J. Mathesius
+erzaehlt, es einst seinen Joachimsthaler Gaesten zu einem andaechtigen
+Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
+Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
+daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
+zusammen, um das Walburgisoel auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
+kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
+dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
+hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
+518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
+
+Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
+Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die waehrend der Reformation
+verwuestet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
+Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
+welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
+einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
+linken ein Buch, zu Fuessen ein Wappenschild. Dieser saeulengeschmueckte
+Aufbau mit Perlenfries gehoert den Werken der romanischen Periode an
+(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenueber liegenden aehnlichen Grabstein ist
+Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
+Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Bruegel in Ansbach und
+im Jahresberichte des histor. Vereins fuer Mittelfranken 1843. Der hl.
+Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
+Teppich, welcher urspruenglich in der Eichstaedter Kirche aufbewahrt
+wurde und nun im Muenchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
+erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelflaeschlein in
+der Hand haltend:
+
+Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
+Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
+Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. Muenchen 1704 (wiederholt
+das Grabmal).--P. Goudin, Unerschoepflicher Gnadenbrunnen der hl.
+Walburgis. Regensb. 1708.
+
+Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
+Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
+Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
+vervollstaendigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
+sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
+aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.
+
+Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
+eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Huegel stehend, von
+Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt fuehrt drei
+Stufen abwaerts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
+der Pestkarren, die Raeder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
+gehaeuften Leichen geraeuschlos abzufuehren. Walburg hat jener Pest
+gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
+habe hier noch den Goetzen geopfert. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 889.
+
+Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zaehlt das
+topographisch-statistische Handbuch des Koenigreichs (Muenchen 1868)
+folgende auf: Walbenhof, Einoede bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
+Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngruen bei Stadtsteinach; Walbertsberg
+bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
+Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
+zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
+bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
+Walburgswinden, Einoede bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
+Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
+Rosenheim, und zwei gleichnamige Doerfer bei Rottenburg und bei
+Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
+Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
+Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
+bei Erding; Woelbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
+Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einoede bei
+Neuburg an der Donau. Diese Liste laesst sich jedoch noch um vieles
+vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
+Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmuehlthale Buergli, in
+altbairisch-oberpfaelzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
+Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
+tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
+Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
+Walber foecundissimus begruesst. Schneller Woertb. 4, 61.
+
+Das schwaebische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
+nunmehr wuertembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
+Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
+ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, suedoestlich
+von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
+Walburgiskapelle. Von den zu Koeln bei den Jesuiten aufbewahrten
+Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
+Bolland. 3, 518.
+
+Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
+Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
+2) zu Knoersheim bei Maurmuenster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
+Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
+Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
+erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.
+
+Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
+Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
+Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.
+
+Der groessere Theil der aeltesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
+Heiligen geweiht, so zu Groeningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
+Aldenaerde, Bruegge, Zuetphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen spaeter
+noch zu handeln sein.
+
+Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.
+
+In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
+Mainz in der Gereonskirche zu Koeln ein Finger, in der Jesuitenkirche
+daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
+einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
+fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
+gegruendet) nennen bei Herzaehlung der daselbst verwahrten Reliquien zu
+dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
+Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
+uebersendete 1482 der Eichstaedter Bischof Wilhelm von Reichenau an Koenig
+Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
+diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
+Godefredus Henschenius in Actis SS. ausfuehrlich berichtet.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.
+
+25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstaedt in der
+Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. Maerz: Gretser l.c.
+pag. 907.
+
+1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstaedt; gefeiert in
+der Eichstaedt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica.
+Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz.
+Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die
+Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
+Liturgia 4, 768.
+
+4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstaedt (Bollandisten
+ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland.
+522; zu Veurne, in der flandr. Dioecese Ypern: Gretser X, 912.
+
+12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstaedter Walb.kloster.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.
+
+
+Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die
+bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des
+Matthaeus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmueckt haben, ist Bd. 3 auch
+das Eichstaedter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da
+zwischen den Andaechtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
+Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau
+gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3,
+tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch
+davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thuere
+des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rueden angefallen wird;
+auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzaehlt Bischof Philipp
+(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller
+Hunde angerufen. Es laesst sich indess dieses Attributthier der Heiligen
+als anderen Ursprunges und aus einer viel frueheren Zeit nachweisen. Die
+Vorgeschichte des Bisthums Eichstaedt spielt nicht in dieser Stadt,
+sondern in einem Orte, welcher roemisch Aureatum heisst und schon seit
+Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit
+einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
+beiden Doerfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse
+gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstaedter
+Bischoefe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von
+Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft
+geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind
+Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der
+Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
+Muenchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll roem.
+Geschirrtruemmer und Reste von Brennoefen, deutlich unterscheidet man
+noch den Lauf der Roemerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser
+1620 von der Universitaet Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
+dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau
+vorstellte, zu deren Fuessen, von Erde ueberschuettet, angeblich ein Hund
+liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei
+Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Fuessen, sind
+seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele
+entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
+Nehalennia, eines zwar von Roemerhaenden gemeisselten, aber deutschen
+Goetterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
+und in Wolfs Beitraegen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber
+derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer
+Kirche nicht, wo Walburgis fruehestes Grab gewesen war. Panzer, bair.
+Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf
+den fruehesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft
+angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben
+musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes,
+dessen herabhaengende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Haenden beruehrt
+werden. Man sagt, hier seien die Abkoemmlinge des Rittergeschlechtes Hund
+begraben.
+
+Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg fuehren dasselbe
+Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form
+und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi
+genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier
+nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der
+Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
+jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengoettinnen
+und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde
+erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten
+die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgoettinnen Frau Harke, Frau Gode und
+Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
+umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter
+(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Toechter der Fru Gauden umbellen
+den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Huendinnen. Colshorn, Maerch.
+u. Sag. no. 75. Das Huendchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
+daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei
+_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde,
+welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25.
+289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das ueberirdische
+Huendchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege
+hiefuer: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
+hoelzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden
+steht gerade ueber der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist
+der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat.
+Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das
+Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad.
+Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
+Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwaehnten Kapelle zu
+Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von
+der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen.
+Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.
+
+Ueber die Farbe dieses Huendchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das
+freundlich-wohlthaetige Geleitsthier der schoenen Weissen Frau ist es
+gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die
+des Gewitters feuerroth. So erklaert es sich in Mythe und Opfer. Der
+Rost, der waehrend der Hitze der Hundstage das Getreide befaellt, war dem
+Roemer versinnlicht durch das Goetterpaar des Robigus und der Robigo, die
+beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
+Goetterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien
+geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in
+seiner Huelse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den
+Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Huendchen
+schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und
+Kornaehre abzuwehren, weil man den gluehenden Hundsstern fuer die Ursache
+des Getreidebrandes hielt. Erklaerend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:
+
+ Fuer den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
+ Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.
+
+Aus aehnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljaehrlich
+zur Zeit der Hundstage die ueberalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im
+April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt,
+Fastelabendgebraeuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese fuer die
+Landwirthschaft gefaehrlichen Fristen vorueber, so vergoetterte man das
+Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.),
+oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederoesterreich wird am 28. Dec.
+(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das
+wird das Wind- und Feuerfuettern genannt. Zerfuehrt der Wind dies Opfer,
+so sind im naechsten Jahre keine schaedlichen Stuerme zu befuerchten. Ein
+Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man muesse
+die Windhunde fuettern." Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das
+eben angefuehrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte
+Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das
+Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der
+erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschaedigen
+konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brot, ez hat gesniget.
+Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jaegers Hackelberg
+in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter ueber an der
+Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so
+mildherziges Haus im Fruehjahr drauf mit Milch und Butter reichlich
+gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten
+noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
+Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten)
+jeder 4 Mietschen (franzoes. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet
+die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd haet er zwen wind mit jm
+traben, denen soellent sy geben ain huslaib. So bildet sich aus der
+Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
+Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein fuer jeden
+geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die
+oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspaetzlein, die man
+in Baiern Nackete Huendlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen
+Toelpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud;
+beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Huendlein
+wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag.
+2, 516. Von den die Saaten zerwuehlenden Hunden des Windes sprang die
+Vorstellung ueber auf den Biss der wuethenden Hunde, hielt aber in beiden
+Faellen die Kornaehre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht
+man im Felde zum ersten Male Roggen bluehen (dies faellt auf
+Walburgistag), so nimmt man drei bluehende Aehren und streicht sie
+stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden
+gebissen. Curtze, Waldeck. Volksueberlief. S. 402. Ein latein.
+Gebetbuechlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen
+also beginnenden Hymnus:
+
+ Walburga venit: cedite
+ vesane grex, molossi!
+ Cedunt, pavent, obmutuit
+ os impotens latrandum.
+
+Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass
+euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe
+Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst.
+Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen
+Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und
+diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem naechsten
+Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenaeus 4,
+149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea
+canicida, canivora genannt war.
+
+Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um
+thoerichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische
+Butter auf ein Stueck Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm
+entzwei, mach ein Loechlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit
+Brod zu, schmiere Meyenbutter drueber, lass es aufessen. Dies ist ao.
+1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kuehe toll;
+reissen an den Straengen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor
+ihnen staende und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine
+Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen.
+Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den
+Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermuenze) auf Butterbrod,
+so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in
+Sueddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der
+Ankenschnitten, sg. Ankebruet bereitet, Schnitten mit Butter und Honig
+reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon
+verabreicht, damit es in keinen boesen Wind komme. Wir werden hievon im
+fuenften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession
+von Beromuenster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg
+gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten
+Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen
+abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzaehlen von einem am
+Wolfshunger leidenden Maedchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst
+eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
+Nahrung mehr geniesst als Kaese und Milch.
+
+ Sualaveldico in pago
+ Fuit quaedam faemina,
+ Quae languore fortissimo
+ Aegrotare coeperat.
+ Namque tam intemperata
+ Edendi ingluvies
+ Incessit semisanatam,
+ Ut nulla edulii
+ Abundantia valeret
+ A suis saturari,
+ Exhaustis jam parentibus,
+ Sed fame accrescente
+ Anxiata hinc dolore
+ Hinc pudore maximo.
+ Tandem divinitus tale
+ Occurrit consilium.
+ Rogat suos se deferri
+ Ad Walpurgae gratiam.
+ Quo delata, biduanis
+ Incumbebat precibus,
+ Quibus exorata virgo
+ Gradiendi miserae,
+ Qua privata diu fuit,
+ Sospitatem reddidit.
+
+ Bona quaedam monialis,
+ Vocato preabytero,
+ Benedici panem fecit
+ Redditque famelicae.
+ Quo gustato nequam illa
+ Fames voracissima,
+ Virgine sacra favente,
+ Coepit se subtrahere,
+ Sic paulatim decrescendo,
+ Ut prius accreverat.
+ Sic crescente fastidio,
+ Pro mira esurie,
+ Tandem nil aliud cibi
+ Praeter solum caseum,
+ Nihil de potu gustare
+ Nisi tantum lac poterat.
+
+Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Baendigung der Hundswuth
+gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin
+misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe.
+So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839.
+Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigoettin muss
+nothwendig auch die Korngoettin selbst sein und als solche ist sie
+kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
+Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Bueschel
+in der Hand, welcher Kornaehren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers
+Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre
+Dame de trois epis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne
+erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Saetzen
+der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesaeet auf Mariae Geburt
+und schosset vmb Waldpurgi" Koenig, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142.
+"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blueht, so wird
+er vor Jacobi nicht reif." Praetorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
+diese Erbsaetze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet
+ihren ueber das suendige Menschengeschlecht erzuernten Sohn, nicht alle
+Feldfrucht zumal zerstoeren zu wollen, sondern doch noch so viel an den
+Aehren stehen zu lassen, als genug ist fuer Hund und Katze, d.h. fuer ein
+ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur
+Muttergotteskirche von Dreienaehren, die beim elsaess. Stifte Katzenthal
+gelegen ist. Ebenso laesst Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer
+Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwaehlt, mitten aus dem Winterschnee
+drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der
+Hand traegt. Kaltenbaeck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornaehre
+brachen und vereinigten die roemischen Brautpaare und benannten nach
+demselben den Eheabschluss stipulatio. Traeumt man von geschnittnem Korn,
+so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben
+Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
+Aehrenbueschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom
+reitenden W. Jaeger verfolgt wird, sie, der Fruehlings-Genius der
+aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen
+verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen
+Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur
+entgehen, wenn man in ein Kornfeld fluechtet. So birgt nach dem
+faeroeischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen
+Verfolgung ins Fruchtkorn:
+
+ Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
+ Geschwind erwachsen in einer Nacht.
+
+ In des Ackers Mitte verbarg alsbald
+ Wodan den Knaben in Aehrengestalt.
+
+ Als Aehre ward er mitten ins Feld,
+ In die Aehren mitten als Korn gestellt:
+
+ "Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
+ Wenn du mich rufst, fuehr ich dich nach Haus!"
+
+Neun Naechte vor dem 1. Mai (erzaehlt Grohmann, Boehm. Sagb. 1, 44) ist die
+hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhoerlich verfolgt von wilden Geistern
+und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man laesst ihr daher im Hause
+einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den
+daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafuer legt sie ein kleines
+Goldstueck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst
+auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit
+langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig
+(golden), in den Haenden traegt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles
+Zukuenftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser
+Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
+auch ein anderer Bauer, welcher Regen fuerchtend Nachts noch sein
+Getreide einfuehrte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag).
+Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der
+Bauer willfahrt, als die Reiter vorueber brausten. Des andern Morgens
+fand er in den heimgefuehrten Aehren statt Roggen Goldkoerner. Daher wird
+die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner,
+erzaehlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind
+in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine
+Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe traegt.
+Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Staedten des bair.
+Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen
+Volksbelustigung gewesen.
+
+Plaetze, Strassen und Haeuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den
+Festumzug eroeffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh
+gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone ueber dem Kopfe
+zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres
+Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den
+Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausuebend. Heute gilt dorten nur
+noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum
+Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In
+Niederoesterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht,
+sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gaerten und traegt die schon
+vorhin erwaehnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
+vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
+Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den
+Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold
+auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern
+und Moosfraeulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer ueber sein
+Ross legt und die sich Straeubenden in Stuecke reisst, hat sich in der
+franzoesischen Legende zweimal verkoerpert und kirchlich lokalisirt. Um
+die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem suedfranzoes. Dorfe
+Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte
+ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und
+sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen
+eines Fluesschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt
+und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jaehrlich
+im Fruehling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in
+der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und
+Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
+10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf
+Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte
+vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die
+vergoetterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Fruehling umherirrend
+sich dem Zephyr ergab und daher die Macht ueber die Bluethen der Baeume und
+Blumen bekam). Florina, ein Bauernmaedchen aus dem Weiler Estourgoux,
+verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der
+Felseinoede des dortigen Cousathaelchens, und als ein Versucher sie hier
+aufspuerte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
+gegenueberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in
+beiden ihre Fusstapfen zurueck, die nun mit Kreuzen gekroent sind. Unter
+grossem Zudrange des Volkes werden jaehrlich am 1. Mai die Gebeine der
+Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thaelchens
+getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
+aussehen, so hat noch stets ein guenstiger Wind das Gewoelk vertrieben,
+sobald jener Umgang von Mazorit heran zu ruecken pflegt. A. SS.
+Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.
+
+Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
+Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Truebungen einer urspruenglich
+edleren Vorstellung von guetig gesinnten und fuer den Erntewachsthum
+bemueht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei naeherer Untersuchung,
+emsig das Geschaeft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbuergner Sage
+bei Mueller, S. 382, stoesst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Muehle
+heimtraegt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er
+gruesst sie:
+
+ Gott vermir ich iren danz,
+ Gott vermir ich iren kranz!
+
+Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des
+Mehles ledig wird!
+
+Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von
+Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schoenwerth, Oberpfalz 1, 209);
+allein damit verbuergt er nur, dass man der Fruehlingsgoettin nach
+ueberstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim
+Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die
+Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da waechst im Korn schwarzer Raden,
+am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf,
+Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in aberglaeubischer
+Verduesterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des
+Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als
+Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby,
+Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen,
+geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des
+Schutzgeistes reinen Juenglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur
+etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
+Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder
+Federflaums eine schoene, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau
+bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss,
+Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des
+Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
+_Milchtrut_, anderwaerts Molkendieb (Weinhold, Schles. Woertb. 62): so
+wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valkuere
+galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allueberall ihren Schuetzling
+umflog, wesshalb noch der Fuenfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
+marevoet, an die Stubenthueren gekreidet wird, zwei in umgekehrter
+Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschraettelein
+die Stallrosse und zoepft ihnen Schweif und Maehne, dass sie schwitzen;
+denn es ist gleichfalls nur die laecherliche Verschrumpfung jener
+himmlischen Valkuere, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt,
+Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel
+noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der
+Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen.
+
+Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten;
+das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu
+Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai
+einen reichlich geschmueckten Maibaum ueberbringen und verloren ihr Lehen,
+wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornaehren mangelten: Grimm, RA. 128.
+205. 361. Der oberpfaelzer Bilmesschnitter pflueckt _drei_ Aehren vom
+fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune.
+Schoenwerth 1, 432.
+
+Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis
+Eulogienbroden.
+
+Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede
+zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich
+einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es
+war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen
+Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
+religioesen Zusammenkuenften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor
+ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein aehnlicher Brauch war nun auch
+dem deutschen Heidenthum gelaeufig gewesen und dauerte noch lange fort in
+dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsaechsischer Name
+Friedensbuergschaft hiess. In ihnen stand Einer fuer Alle; Gott, auf
+dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte
+bewahren. Eine natuerliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung
+derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Duerftigkeit
+geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den
+Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbuergen dies, und
+ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, fuer die Mahlzeit
+derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
+bevoelkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite
+Maersche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen
+Versammlungen rechtzeitig einfinden zu koennen. Das Christenthum
+vermochte daher diese religioesen Mahlzeiten der Germanen nicht
+abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen:
+"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die
+angelsaechsischen Bischoefe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass
+man diese Feier der Heiden bestehen laesst, nur muss man ihr einen andern
+Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz
+mit gruenen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches
+Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans
+Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der
+Saettigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten
+trat spaeter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den
+Kirchen der romanischen Laender an den Gedaechtniss- und Festtagen unter
+dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain beni) ueberreichlich
+an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein
+durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Beduerftigen jeglicherlei Gattung
+von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem
+daselbst erfolgten Begraebnisse Walburgis Fleisch, Brod, Kaese, Fische,
+und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3.
+II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getraenk
+jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils
+aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andaechtigen
+gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsaecke und Trinkgeschirre
+werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
+Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der
+hievon handelnden Erzaehlungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten
+Brode. Hierueber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder
+gesungen, von denen ein kuerzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist
+diese. Ein blindgebornes Maedchen zu Kempten hoert Nachts im Traume sagen:
+Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die gruene
+Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum
+Walburgisgrab in Monheim. Das Maedchen thats, ueberbrachte dahin die Brode
+und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhuehner am
+Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie
+bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg,
+untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich
+und das Maedchen war darueber sehend geworden (ibid. pag. 300).
+Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Huehner. Sie
+lassen nicht auf die gewoehnlichen Zinshuehner schliessen, von denen in
+der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmaessig fuenfe der
+Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
+nicht der Altar; es muessen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche
+galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und
+gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch fuer heilsame Thiere
+gehalten (Schoenwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein
+und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym.
+Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei,
+allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des
+Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Braeutel- und
+Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
+
+ Puella quaedam ab ipsis
+ Heu caeca cunabulis,
+ Audita opinione
+ Virginis eximiae,
+ Desiderio flagravit
+ Veniendi maximo.
+ Quam quidam in visione
+ Nocturna submonuit,
+ Oratorium adiret
+ Tanti desiderii,
+ Oblatas mundas offerret,
+ Altari imponeret.
+ Quas illatas statim binae
+ Gallinae comederent;
+ Quibus pastae deservirent
+ Matris excubiis.
+ Venit, attulit, imponit,
+ Preces fudit intimas.
+ Astant duae moniales
+ Gallinae videlicet,
+ Praevisae in visione,
+ Quae oblatas colligunt,
+ Et requirunt diligenter
+ Quae, unde, cur venerit.
+ Quibus illa dum exponit
+ Singula veraciter,
+ Domino propitiante
+ Et beata Virgine,
+ Incognitum lumen coeli
+ Novis hausit oculis.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Walburgistag, des Meien hochgezit.
+
+ Der meie der ist riche,
+ er fueeret sicherliche
+ den walt an siner hende,
+ der ist nu niuwes loubes vol:
+ der winter hat ein ende.
+
+ Neidhart von Reuenthal (1234).
+
+
+Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der goettlichen Wesen
+unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer
+aelteren Sprachweise laesst hierueber keinen Zweifel uebrig. Die Edda nennt
+den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svasudhr; der Winter
+dagegen (Vetr) hat den Vindloni und Vindsvalr zum Vater, den Windkuehl
+und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vasadhr
+abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
+einem Zweikampfe, und dessen scenische Auffuehrungen waren ein Brauch,
+welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Suedbaiern und der
+Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort
+herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch
+des Winters, der es erst auf einen foermlichen Kampf ankommen laesst.
+Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Laerm
+die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt
+gewappnet auf den Plan:
+
+ sein panzer was ein grueenes graz,
+ sein koller darauf ein weisser klee,
+ sein halsperg was veyolvar,
+ sein bugler wag von rosenbluet.
+ er fueert in seiner hende
+ ein sper, was michel lanc
+ vnd was eitel voegelingesang.
+
+A. Keller, Altd. Erzaehlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub
+gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikoenigs geschah auf Walburgis oder
+1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In
+Daenemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des
+Ortes seine Maigraefin, die Majinde, erwaehlte, indem er seinen
+Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thueringen war es der in
+Pappellaub eingebundne Graskoenig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein
+Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
+steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet,
+der Pfingstkoenig auf die Brautwerbung geritten und fuehrte die im Busche
+versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern
+Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der
+Provence Rosenmaedchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienroeslein. An diesem
+letzteren Orte traegt am Walburgistage ein Kind einen baendergeschmueckten
+Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und
+das Gefolge singt vor den Haeusern:
+
+ Maienroeslein, kehr dich dreimal 'rum,
+ Lass dich beschauen 'rum und 'num.
+ Maienroeslein, komm in gruenen Wald hinein,
+ Wir wollen alle lustig sein;
+ So fahren wir vom Maien in die Rosen.
+
+Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein,
+Oel spenden wollen, angewuenscht, dass der Marder die Huehner nehme, der
+Stock keine Trauben, der Baum keine Nuesse, der Acker keine Frucht mehr
+trage; denn das Ertraegniss des Jahres haengt von dem kleinen
+Fruehlingsopfer ab. Stoeber, Elsaess. Volksb. 1842, 56. Faellt der Nachdruck
+der scenischen Festauffuehrung auf das Vertreiben des Winters, so nennt
+man dasselbe den Tod austragen, oder wie im boehmischen Saazer Kreise,
+mit dem Baendertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit
+Baendern geschmueckt hat. Dabei traegt der Koenig einen mit Goldpapier
+beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthuetern folgt ihm
+sein Toechterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Koenigstochter
+werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein
+Buendel Lichtspaene (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom
+erzuernten Vater niedergestochen. In Suedschweden rueckten am 1. Mai zwei
+Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Staedte, die eine angefuehrt
+vom Winter, der in Pelze gehuellt, mit Handspiessen bewaffnet,
+Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der
+mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein
+Speerstechen, worin der Sommer den Winter ueberwand und durch Ausspruch
+des umstehenden Volkes fuer den Sieger erklaert wurde. War die Witterung
+des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
+gluehende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln
+unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der
+Blumengraf auf seine Ehre und rueckte mit frischen Birken- und
+Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Muehe
+zum Gruenen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glaenzender als
+es durch Speerkaempfe errungen wird, schloss das Turnier. So die
+Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik
+(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwuerdig (schreibt
+Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfaelischer Mairitt,
+welchen die Buerger von Soest im J. 1446 waehrend ihrer Fehde gegen den
+Bischof von Koeln ausfuehrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte
+in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
+unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie
+zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo
+sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die
+Grafschaft Arnsberg, zerstoerten Doerfer und Vesten, fuehrten Heerden,
+Gueterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder
+frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden
+Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem gruenen Maien"
+nach Hause. Wie hier der gruene Mai, unter welchem das Kriegsheer
+einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so ruecken am Fruehlingsfeste
+die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
+Gemeindewaelder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und
+Staebe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst.
+Diese Kadettenzuege sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und
+_Kinderspiel_, pg. 490. Haeufig knuepft sich eine Ortssage daran von einem
+zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der
+mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm
+die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach
+seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft
+niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden
+sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die
+Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart
+in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der oertlichen
+Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der
+Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfaehigen Maedchen in
+oeffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem
+Hoechstbietenden zugeschlagen. Der Erloes ist kein unbedeutender (Bavaria
+IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen"
+ausgeboten und den Kaeufern einzeln zugetheilt. Die fuer beide Theile
+daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hueter
+"Schuetzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der
+Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz,
+das ehmals im ganzen Eifellande ueblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag.
+1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Maedchen
+unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschuessen gleichfalls ins
+Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker,
+Hess. Sag. no. 317[2].
+
+Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
+Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
+nachweisen, ueber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
+sagen laesst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
+genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmaedchen
+einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wuerzburg
+gethan worden und sah hier das beruehmte Maispiel mit an, das die
+gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljaehrlich zu begehen
+pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
+verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
+Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
+ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ueber unsre
+Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
+Herkommen, das wie eine religioese Satzung galt, hielt das
+Frauengeschlecht der Mainfranken alljaehrlich im Fruehling zu Ehren der
+Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
+wurde. Saemmtliche Wittwen unter fuenfzig Jahren und alle mannbaren
+Maedchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
+Laubgewinde in den Haenden tragend. Waehrend eine Schaar den Reihen
+fuehrte, ergoetzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fuehlte
+sich zu frischem Beginne angespornt. Das Maennervolk machte dabei den
+Zuschauer. Den Vornehmen ergoetzte die vornehme Haltung, den Bauern die
+laendliche oder volksthuemliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
+kuenftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemuethe,
+traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
+bei diesem Feste geschlossnen Ehevertraege hatten das Jahr ueber ihre
+Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
+Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwaehlte, die er noch
+nicht naeher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
+ein heidnisches Herkommen, fuer dessen Gesetzgeber und "_Koenig_" er sich
+selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
+Maedchen sich den Titel der "_Koenigin_" beilegen, wenn eben diejenigen
+Maenner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
+worden waren, ueber dieses Spiel als ueber einen blossen Scherz nachher
+tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
+die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
+werden wollte: unter Thraenen bewog sie ihren Vater, beim Koenig Chlodwig
+Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
+der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
+weit Herbelo's Nachricht.
+
+Der Ehemann, welcher, hier _Koenig_ genannt wird, ist im heutigen
+Fruehlingsspiele der Maigraf oder Lauchkoenig, die von ihm erwaehlte Braut
+die Maikoenigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
+sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Maenner ins
+Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekraenzt, tragen
+Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzuege unsrer heutigen
+Fruehlingsbraeuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
+genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
+keineswegs aus nackten, sondern aus entbloessten Taenzerinnen, d.i. aus
+solchen, die als Botinnen des Fruehlings Frauenmantel und Haube abgelegt
+haben, hochgeschuerzt, blossarmig und baarhaeuptig in den Reihen treten,
+ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
+lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Moenchsphantasie ein
+zuechtiger Fruehlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
+angebliche Frankenkoenig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
+Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
+als eben dieses grausame Missverstaendniss von Seite des Klerus.
+
+Doch wir kehren zurueck zu den ferneren Volksbraeuchen der Walburgisfeier.
+In derselben Mainacht werden glattgeschaelte, schmuckbehangene Baeumchen
+auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
+das Jahr ueber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
+schoen bleibt. Man waehlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
+ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Praetorius,
+Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum haengt oder vor dem
+Kammerfenster des Maedchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
+Sinnbildern:
+
+ Gruess dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
+ Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
+
+ Gruess dich Gott durch einen Seidenfaden,
+ Gott bewahre dich im finstern Gaden.
+
+
+ I loss sie grueessen durh e hoechi Tanne,
+ die Zit isch cho zum Wiben--und zum Manne,
+ I loss sie grueessen durh es Haempfeli Thau:
+ i woett, mi Holdi waer mi Frau.
+ Rosmeri und Zypresse,
+ ass i de nit vergesse;
+ Rosmeri und Naegeli dri,
+ g'hoersch, i moecht gern bi der si!
+ bi der si, wie's Roesli hockt
+ am-ene einige Stengel:
+ Der Herr ist schoen, si Frau ist schoen
+ und s' Chind ist wie ne Engel.
+
+Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein duerrer
+Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
+das Fenster der Verfuehrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
+Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
+noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
+erforscht zur selbigen Nacht das Maedchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
+Walburg selbst herruehrenden Liebesorakeln. Die Heilige traegt eine
+aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der oesterreichische Brauch
+des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
+Maedchen, welche Lust haben, ihres Zukuenftigen Beschaffenheit
+vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
+feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
+hinter einem Mariabilde gehangen hat. Waehrend er im Kreise herum durch
+die Finger laeuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
+
+ Voaten, i ziech di,
+ Walpurga, i bid di,
+ zag von main Man
+ alle Seiten an.
+
+Wie dabei der Faden sich anfuehlt, weich und glatt, hart und fest, so
+werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfaelzer
+Bauernmaedchen schleudert ungesehen ihren Schuh ueber den Peuntbaum und
+horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herueberschallt;
+eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
+
+ Hunderl, ball, ball,
+ ball ueber neunmal,
+ ball ueber's Land,
+ wau mein feins Liab wahnd.
+
+Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
+Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
+Liebeszaubers.
+
+Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Maedchen
+an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
+sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
+_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
+24). Eine Waldhoehle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
+stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
+gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
+Mann, Konrad von Heuwa, zerstoerte beide von Grund aus und liess an der
+Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schoeppner, B. Sagb. no. 70.
+Dies fuehrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
+das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im noerdlichen
+Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
+vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
+erklaert, dass sich am 14. Febr. die Voegel zu paaren beginnen, und ein
+gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Maennchen Valentin, das
+Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
+dem von Russwurm veroeffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
+welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
+nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
+das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder bruetenden
+Voegel. Alles ueberschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
+und anonyme Liebeserklaerungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
+Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
+Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
+12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
+(ausser den vielen bezueglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
+422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
+mehr, als an allen uebrigen Tagen des Jahres. Dafuer zum Entgelt erhalten
+dieses Tages die Brieftraeger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
+Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
+dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
+und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
+bleibender Treue zu knuepfen. Allbekannt ist das dahin zielende
+Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
+
+ Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
+ so frueh vor Sonnenschein,
+ ich junge Maid am Fensterschlag
+ will euer Valentin sein.
+
+Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmaedchen des
+festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
+erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
+er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
+kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Maenner oft schon vor
+Sonnenaufgang in der Naehe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
+Geliebten vorueber kommen muessen, und diese wiederum gehen bei ihren
+Gaengen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
+Nichtersehnten aus dem Wege gehen koennen, oder sitzen mit zugemachten
+Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
+desjenigen hoeren, den sie gern moechten. Suchen wir die Erklaerung und den
+Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
+vorausgeschilderten Maibraeuchen, so finden wir dafuer den nordischen
+Natur-Mythus von der Brautwerbung der Goetter. Das in zwei Haelften
+getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
+der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
+Vergebens will ihn Wali-Odhin verdraengen, er ist noch kinderlos. Da
+wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), sproede straeubt sie
+sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
+geruehrt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
+entflieht Uller-Odhin, gehuellt in Pelze und dahinschreitend auf
+Schlittschuhen, in den Hochnorden zurueck. Dies der aeusserlichste Umriss
+der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
+Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzuege der spaeteren Sagen und
+Braeuche finden dabei ihr ueberraschendes Verstaendniss. Mit der
+aufsteigenden Fruehlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
+gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
+Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres gruenen und
+schimmern dann alle Hoehen von den bei der Goetterhochzeit abgehaltenen
+Festtaenzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
+Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage muessten die Hexen den
+letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
+ebenso an Mariae Lichtmess muessten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
+damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
+wachse wie die Spruenge der Taenzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
+Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
+auf Pfingsten angesetzt wird, verschlaegt nichts und ist eine blosse
+Folge spaeterer Zeiteintheilung. In den Volksbraeuchen ist noch vielfach
+die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
+der 12. Mai als der fruehere erste begangen und der Tag Pancratius hat
+uebernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein saeen und
+dabei recht lange Schritte machen (Thueringen, Hessen); oder die aelteste
+Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
+(Meklenburg) rueckwaerts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
+einige Stuecke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
+oder man steckt beim Saeen die Harke oder grosse Hollunderzweige
+senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thueringen)--alles, damit der Flachs
+gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
+184. Hauptgehalt aller dieser Braeuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
+der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
+Liebesbuendnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
+Kindermaerchen vom Dornroeschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
+die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
+Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
+Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, traeumerisch nickende
+Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Naehrkraft. Sigfried, von dem
+gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
+Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
+Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
+sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefaellt hat. Dies heisst in
+der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
+der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
+den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
+worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth fuellt, dem Befreier
+ueberreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
+Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
+andere als dich will ich zum Weibe haben!
+
+Wohin aber in diesem sagenhaften Goettergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
+obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
+geworden ist, war einst eine Schoenheitsgoettin gewiesen, von welcher das
+Glueck der ehelichen Liebe und das Gedeihen der laendlichen Arbeiten
+ausgieng. Von ihrer Frauenschoenheit berichtet noch eine oberpfaelzische
+Sage (Schoenwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
+traegt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
+gegenseitig in Religionsdisputationen ueber die Vorzuege ihrer Himmel und
+Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
+Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
+liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
+(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schoener sei, die Heidengoettin
+Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
+Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklaert aber auf dessen
+Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
+moege sie nur bei der naechsten Ausfahrt begleiten und sich selber
+ueberzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
+Wagen und faehrt durch die Luefte, bis man Glocken laeuten hoert. Da senkt
+sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
+zahllosen Menge angefuellten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
+Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schoenheit. Doch
+dem Priester schien sie zu ueppig und verfuehrerisch, er sprang auf den
+Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
+die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
+erloschen mit einem mal saemmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
+Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
+gegen Tag gieng, befand er sich im Gemaeuer eines Galgens.--Wir werden
+dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
+Kirche selbst angeben hoeren; denn allerdings sind schon die bisher von
+ihr gemeldeten Zuege unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
+Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre naechtlichen
+Hoehenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
+Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
+der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
+Marterwerkzeuges traegt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
+Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und traegt
+eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
+Abbild ist Pindars "roethlichfuessige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
+roemische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
+Gerstensaat.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Der immer gleichlautende Auskuendungsspruch:
+
+ Heut zum Lehen,
+ Morgen zur Ehe,
+ Ueber ein Jahr zu einem Paar--
+
+steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
+von den Kaisern ausgeuebten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
+Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Maiengeding und Walbernzins.
+
+
+Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
+waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
+und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
+verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach spaeterer
+christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
+karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
+ueblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
+Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
+sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
+erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmaessig vorausbestimmten
+Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgaengigen Ansagung
+bedurften. Sie entschieden nicht bloss ueber Mein und Dein, sondern auch
+ueber die Idealgueter von Freiheit und Ehre, somit ueber Krieg und Frieden,
+und ihre Aussprueche waren die allgiltigen der Volkssouveraenetaet, wie sie
+unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Staendeversammlungen und Parlamenten
+anerkennt. Sie benannten sich nach Naechten, weil der Tag sich aus der
+Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
+und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwoelften (Weihnachten bis
+Dreikoenig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
+Kloepfleinsnaechte und Nidelnaechte; in Baiern Rauch-, Loeselnaechte und
+Gennachten; in Deutschboehmen Undernaechte; bei den heidnischen
+Angelsachsen hiessen sie Mutternaechte. In gleicher Analogie spricht man
+von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewaehrten
+Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, daenisch
+noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
+pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
+14. Jahrhundert. Anfaenglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
+dem Wintergerichte zusammen, erst spaeter auch mit dem Herbstgerichte zu
+Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
+zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
+Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zoepfl, Alterth. des Deutsch.
+Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
+(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir soellend ouch dry rechte geding
+da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
+vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
+Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
+Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
+Walburgis auch spaeter in den Staedten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
+"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Raeth zusammen schwerend",
+heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
+Gesellsch. Die Tagloehner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
+derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der taeglichen
+Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
+iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt ueberkompt, dass
+einer ein aug domit bedecken muege, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
+bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
+Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
+geendet, die fuer die Verkoestigung der weither gekommenen Mannschaft
+nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den spaeteren
+Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
+bekoestigen, den Schoeffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
+einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
+zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
+Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
+in den Freienaemtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
+I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
+obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
+Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
+Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Doerfern Muri, Boswil und
+Buenzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
+jaehrlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage fuer den Lehensherrn
+beliefen, zeigt folgendes Aktenstueck.
+
+ Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
+ verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
+ Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
+ HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
+ Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--fuer Hoeuw vnd Haber ueber Nacht
+ 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Braemen v. Zuerich verehrt an einem
+ Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
+ Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
+ Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
+
+Alterthuemlich und von naiver Umstaendlichkeit waren die Braeuche, unter
+denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu ueberbringen hatten.
+
+Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knuetl
+alljaehrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
+alter hessischer Muenze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
+ueberbrachte, hiess das Walpertsmaennlein. Er musste des Morgens frueh
+Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
+der Schlossbruecke sich niedersetzen. Verspaetete er sich, so verdoppelte
+sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend haette ihn die ganze
+Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
+die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
+Walpertsmaennchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
+Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es waehrend dieser Zeit
+nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslaenglich zu
+verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
+aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
+Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
+Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
+sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
+abzutragen verabsaeumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
+Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
+Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
+hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann fuer Mann auf einen breiten Stein
+unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
+spaet einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
+Aber auch dabei kamen dem Verspaeteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
+zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
+wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
+erhielt, welches mit der Zeit fuer ganze Gemeinden zu nicht
+unbetraechtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Braeuche
+und Sagen.
+
+Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jaehrlich
+an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
+welcher dem Churfuersten von Mainz zugehoerte, und sich 4 Eichen schlugen.
+Gleichzeitig kam dann saemmtliche Buergerschaft ihnen dahin nach und hielt
+in dem fuerstlichen Schlosse ein dreitaegiges Einlager bei Musik, Tanz und
+Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
+hammerfuehrenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
+und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird faesserweise mitgefahren.
+Mit Eichlaub bekraenzt singt der heimkehrende Zug:
+
+ Willst du mit nach Walpern gehn,
+ Willst du mit, so komm!
+
+Dies nannte man den Gruenenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
+Schusterzunft den gruenen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
+bekraenzt nebst ihren Wohnhaeusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
+und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf fuer die
+Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die uebrigen
+hammerfuehrenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstoerten, von
+dem aus die Orte des Thueringerwaldes lange belaestigt worden waren. Zwei
+Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmueckt, pflegte man
+sonst zu Pferde in der Stadt herum zu fuehren, es sollen die zwei
+Soehnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
+wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
+Kostbarkeiten behaengt die Sieger fussfaellig um Schonung ihres Lebens
+anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
+angeblichen Raubritter geworden sind, waren urspruenglich die
+Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die staedtischen
+Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
+nichts, was dieser Geschichte einer zerstoerten Raubburg aufhelfen
+koennte, wohl aber dass der Gruenenmaitag ein Ueberrest des sg.
+Schwoertages ist, an welchem die Handwerker jaehrlich der vom Mainzer
+Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestaetigte
+ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofuer die Schuster dem
+Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe ueberreichten, gemacht aus dem Filz,
+den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
+Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
+gelungenen Kriegszuge der Buerger und Bauern gegen das Herrenschloss,
+oder einer militaerischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
+der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses oertliche Holzrechte
+verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
+Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich fuer die Nutzung
+ueberlassener Laendereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
+der Frau "den kuehlen Mai".
+
+Wie sich der Sieg Gideons ueber die Midianiter (Richter 6, 37) an den
+Thau knuepft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich faellt,
+dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu fuellen vermag, so ist
+auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
+Wunderkraeftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
+Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann fuer Mann
+gemeindeweise zu entrichten, die haeufig sich wiederholende Tradition
+entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhaengigkeit
+der Landschaft durch einen gluecklichen Waffenstreich errungen worden
+sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
+die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
+"Walperkuehe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
+Anlass, die Voegte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
+zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
+das sie nicht laenger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
+Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
+ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
+aelteste und festete Gebaeu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
+Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr aelterer Name war Walburg, sagt
+Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
+unmittelbarer Naehe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstoerung durch
+die aufstaendischen Bauern faellt 15. Maerz 1145. Muellenhoff, Glossar zum
+Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
+geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergoetzen lassen,
+wofuer der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
+Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsaecke, statt der Tafelmusik
+musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlaermen. Solcher
+Wohlstand reizte die habsuechtige Graefin Walburg und sie beredete ihren
+Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
+nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
+Rueckstaenden einforderte. Am Martinsabend fuehrten denn die Bauern eine
+lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
+schoene Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Saecken des
+zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenaeht. Als der Zug das Schlossthor
+erreicht und gesperrt hatte, ertoente das Losungswort:
+
+ Ruehret die Haende, Zerschneidet die Gebaende!
+
+Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsaecken, zuckten die
+Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
+entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
+und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
+Graefin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
+mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
+Landstueck, fuegt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
+gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
+Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
+dorten ein Bauer aus dem Boden gepfluegt und daheim aufbewahrt hatte,
+entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
+heilkraeftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
+sterken.
+
+So wird Walburgs Goettermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
+Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugraefin und Burgfrau,
+mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhoert und die politische
+Selbstaendigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
+die hartherzig Zins eintreibende Graefin Walburg verwandelt sich an einem
+oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
+Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
+Broken. _Dreimal_ des Jahres muessen die Hexen ihre drei hohen
+Tagsatzungen abhalten, sagt Praetorius Blockesberg (1668) 499, und
+zergruebelt sich ueber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
+sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
+dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
+ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.
+
+Eine aehnliche Fruehlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
+Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut faellt, theilt W.
+Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
+Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
+Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
+liegt, hatte der boese Koenig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
+Fischer an der Weichselmuendung brandschatzte und ihre Weiber und Toechter
+entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
+Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
+geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemaess ein grosses Feuer
+auf dem Berge angezuendet und der uebliche Reigentanz um das Feuer
+gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
+Juenglingen, sich der Burg zu naehern und dieselbe ploetzlich zu
+ueberfallen. Koenig Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnuegen
+zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
+hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
+seinen Namen erhalten haben.
+
+Der Name der Fruehlingsgoettin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
+Braeutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
+ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden koennen, wird der winterliche
+Tyrann, Koenig Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
+zerstoert. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Fuenfter Abschnitt.
+
+Der Mythus vom Maienthau.
+
+
+Von der Adventzeit bis zu Ostern laesst die katholische Kirche taeglich
+die Rorate-Messe singen, die ihren Namen traegt von der Stelle Jesaia's
+45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
+den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
+Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugoettin selbst und sah ihn
+erfuellt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
+der ersteren ist hier die Rede.
+
+Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
+und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
+reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
+eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
+Heumonat darauf noch soviel Futter waechst, er traut demselben keine
+Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
+und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
+mit einem doppelten Heuertraegniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
+Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
+Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
+Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
+Wolf, Beitr. 2,367) von den goettlichen Maechten die Festfeuer
+zurueckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
+reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat ueber keinen mehr.
+Maienthau macht gruene Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
+Progression also: Thaut es im Mai fuenfmal, so erwartet man eine
+Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fuenfzehnmal, so giebts
+eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als Koenig
+Gustav III. von Schweden einem ostgothlaender Bauern, der ihm vorgestellt
+wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn ueber dessen muthmasslichen
+Werth befragte, meinte der Landmann laechelnd: doch wohl nicht so viel,
+wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
+genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold laeutern. Daher traegt die
+hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
+traegt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
+Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermaerchen (Grimm 3,
+no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
+Walburgisnacht im Gewaesser der Bode die goldne Krone der Prinzessin
+Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
+no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
+Kruege, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Beduerfniss damit behelfen
+koennen." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
+einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
+ganze Lebensgeschichte enthuellen, wenn man ernstlich hineinschaut.
+Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
+Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
+Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schoensperger 1499, Bl. pj und
+piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
+das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
+sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
+margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rueckerts Vierzeilen:
+
+ Die Rose stand in Thau,
+ Es waren Perlen grau;
+ Als Sonne sie beschienen,
+ Da wurden sie Rubinen.
+
+Aus Erde und Thau formte der Schoepfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
+die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
+319-330):
+
+ uon dem leime gab er ime daz fleisch,
+ der tow becechenit den sweihc.
+
+uebereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
+dass es soll bluehen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes fluechten
+beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
+Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
+Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
+kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
+wenn man einen Baum im Maienthau schuettelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
+der die drei letzten Baeume bei seinem Hause faellen will, sieht des
+Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die ueber den Untergang des
+Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
+liess hierauf die Baeume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
+Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen fuer die Menschen
+rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
+Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
+firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
+groz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
+niemer her ab, wan daz, sumeliche maister wen, daz daz tov daruz werde.
+Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwuenschter, wie hier hernach noch
+des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
+Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es muesse
+weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Hoehen
+erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, waechst kein
+Gras; daher in G. Buergers Romanze:
+
+ Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
+ Da ist ein Plaetzchen, da waechst kein Gras,
+ Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
+
+Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
+(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
+Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
+Panzer, BS. 2, pg. 54.
+
+Maienthau ist eine Quelle der Koerperschoenheit, des Liebreizes und der
+Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
+
+ Wenns thaut, wirds groen,
+ werden alle Jungfern schoen.
+
+Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
+Gasse zu rufen. Eos hat taeglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
+neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
+frischgruenende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
+umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzaehlt Konrad v. Wuerzburg in
+seinem Trojan. Krieg--verjuengt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
+gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
+
+ Es giengen drei heilige Frawen
+ zu Morgens in dem Tawe.
+
+So schoen ist die Geliebte, dass der Minnesaenger Christian von Hameln dem
+bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
+Fuss darauf:
+
+ Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
+ ein wip, nach der min herze ste;
+ so wuensche ich, daz si mit blozen fueezen
+ noch hiure mueeze uf iu ge.
+
+Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
+kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
+genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
+man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
+setzt, muss nebst Aepfeln und Baendern stets mit einer vollen
+Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
+der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
+einen heilkraeftigen Thee. Sommer, Thuering. Sag. 148. 156.
+
+Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschuessel, Parasol und
+Frauenmaentelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
+milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
+Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
+den Durst. Schoenwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-ronge wird zu
+Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
+Morgenroethe und Sonnenaufgang aromatische Kraeuter sammelt und sie in
+Olivenoelflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
+frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
+Wein gefuellten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
+Wunderbuechlein, S. 233. Um seltne Kuechenkraeuter jahrelang frisch und
+schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
+Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
+keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
+bayz (beize) die kreueter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
+Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
+denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
+taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
+genaden auf vns reuedige menschen!
+
+Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
+Hoehle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
+erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
+mit diesen Erdmaennlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
+stellte man ihnen jedes Fruehjahr einen Krug Maienthau an einen
+bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Hoehle trugen. Sie
+badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
+Weisszeug; zum Entgelt dafuer ueberschickten sie den Bauern Honigthau,
+worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
+Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, haengt ihre Hoehle voll
+milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
+zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
+
+In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenaeen badet das Volk die
+Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
+waelzt: se rouler ce jour-la le matin dans la rosee, ou se baigner dans
+une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanees. De Nore,
+Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
+Saalfeldischen Maedchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
+no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
+berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
+sein soll, wenn sie sich frueh nacket drein waelzen. Die Medici nennen
+solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Islaender und
+Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
+heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Englaender setzten eine
+Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
+mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
+Tilbur. pg. 2. Der Altbaier waescht sich im Maienthau, dazu sprechend:
+
+ Das hilft fuer's Gah,
+ fuer's Blaeh,
+ fuer'n U'flat.
+
+Das Gah ist gaeher Tod und fallendes Uebel; Blaeh die
+Rinderaufgelaufenheit, Stillfuelli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
+30. "Morgenthau ist gut fuer abgehauene Fuesse, gut fuer abgehauene Arme,
+fuer ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
+bestreichen den Verstuemmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
+"Benetze deine Augenhoehlen mit Morgenthau, der auf den Baumblaettern
+liegt", sprechen die drei Schwaene zu dem von der Stiefmutter geblendeten
+Maedchen. Haltrich, Siebenbuerg. Maerch. S. 36. 216. "Heute Nacht faellt ein
+Thau, sagt die Kraehe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
+seine Augen damit, der erhaelt sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
+Dies ist der im boehmischen Maerchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
+Geblendeten verkuendete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
+KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
+des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
+Grabe Walburgis ploetzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
+pars 2, pag. 305.
+
+Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den naeher rueckenden Mai
+zu vertroesten als auf die Zeit ihrer gaenzlichen Herstellung.
+Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
+besonderen Mittel gewaehre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
+Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
+Halme und Blaetter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
+heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzuendung blickt man
+eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
+Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
+Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
+und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
+Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
+Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetraenkten
+Tuechlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsaess. Sundgau, eine halbe
+Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
+Walburgiskapelle ein kraeftiger Wasserquell, Helgenbronn und
+Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Muetter mit ihren siechen
+Kindern hieher, um sie zu baden; haeufiger noch geschieht es auch an
+Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
+Haut waescht. A. Stoebers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
+(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
+allgemeine Sitte ausfuehrlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
+Bresthaften, die ihre Haeuser nicht verlassen koennen, lassen sich im Mai
+daheim warme Baeder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
+sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
+Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
+abzubilden, oder ein mit froehlichen Leuten unter Trommel- und
+Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
+Gesellen.--Koenig Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
+Staedtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
+Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
+linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
+erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Moerder die
+Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
+enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
+Tochter, so erzaehlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
+sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
+grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
+Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
+allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
+z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
+
+ die Teutschen wurden wohlgemut,
+ sie giengen in der ketzer plut,
+ als wer's ain mayentawe.
+
+Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
+
+Auch symbolische Maibaeder gab es, sowohl kirchlicher als buergerlicher
+Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
+Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
+besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
+
+ Heiliwog, Gottesgob,
+ Glueck ins Hus, Unglueck drus!
+
+Stoeber, Elsaess. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
+nach Panzers BS. 2, 301:
+
+ O du guter Walbernthau,
+ Bringe mir, so weit ich schau,
+ In jedem Haelmlein Gras ein Troepflein Schmalz!
+
+Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Maedchen, das
+sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Baechlein gejagt und
+da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
+darf die Kuebelmarie, "Kuebele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
+Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
+747. 986. Wer zuerst vom Pfluegen oder Aussaeen heimkehrt, wird in der
+Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schuessel Wasser
+begossen. Schoenwerth 1, 400. Zu Wall in Boehmen blaest am 1. Mai der
+Dorfhirte alle uebrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
+Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
+Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
+mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
+Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewoelbes, durch das die
+hoelzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
+angezuendetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
+Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
+
+Diese Zuege fuehren ueber zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
+(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
+zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
+Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
+nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
+oeffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
+faellt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
+Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmueckung des
+Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse fuer den
+Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
+aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefuellte
+Weinflaschen mit der fuenften in der Mitte standen, die den Chorsaengern
+preisgegeben wurden. Floegel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
+Vielleicht, dass man diesen welschen Moenchsbrauch aus dem altroemischen
+Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten moechte, wo an den
+Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die laendlichen Ufer des Tiber zog
+und hier Laub- und Schilfhuetten errichtete. So manchen Schluck da der
+Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
+Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Roemerthum unberuehrt
+gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine aehnliche Sitte. Die
+Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
+Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
+Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
+und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
+Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedraengnissen einer langen
+Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
+Landschaften kennen aehnliche Wasser- und Weingelage, die altherkoemmlich
+auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
+der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
+gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
+pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
+als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
+Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
+Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
+Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
+trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljaehrlich die Steinauer
+Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Fruehlingsfeste zogen, so trugen
+sie eine Menge irdener kleiner Kruege mit, die ihnen als Trinkgefaesse
+dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
+Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
+macht alljaehrlich die Eichstaedter Schuljugend ihren Waldmarsch und
+geniesst daselbst die fuer dies Jugendfest altgestifteten
+Ergoetzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
+hollaendisch Groeningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
+Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
+Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
+Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstaedt, der
+ueber eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
+niedergeht, beim Anschwellen im Fruehlinge sein Felsenbette nicht
+sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
+sein Wasser hinab gegossen. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
+Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Maedchen die Symbole der
+kuenftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Saebel gespiesst, und
+Eier und Butter in Koerbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
+folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
+Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
+Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
+beide und die vorhin genannten Maigetraenke zielen, sagen uns einige im
+Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
+in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
+Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kaempfen. Dieser
+Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
+beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
+bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
+dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
+Verjuengungstrank. Bei thueringisch Arnstadt liegt der kraeuterreiche
+Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Hoehe ein Walburgiskloster
+getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
+Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut waechst, denn
+dahin ist der Geist einer betruegerischen Bierzapferin gebannt. Sie
+heisst Frau Holle, in altvaeterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
+ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
+oel-und aelschenkende Walburg als eine thauspendende Walkuere angedeutet;
+noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwaehnte, hier abgehaltene
+Maifest der Arnstaedter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
+Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdruecklich erzaehlt die
+Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fuerstentoechter
+an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
+darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
+Trinkgefaess (hanapp) ploetzlich abhanden und kann weder wieder zum
+Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
+Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich ueber
+jenen Verlust besprachen, stand es ploetzlich unversehrt vor ihnen in
+Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurueckgeschickt und hier als ein
+neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
+Steinthurm hohen Alters bei der unterfraenkischen Stadt Eltmann, er war
+von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
+werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
+lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
+Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
+Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
+Walburgisberg sind die volksthuemlichen Namen der Erenbuerg, eines hohen
+sattelfoermigen Berges beim oberfraenkischen Dorfe Wiesentau; das
+urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
+Koenigshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwaellen
+abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhuegel, aus denen man antiquarisch
+beruehmtgewordene kupferne Streitaexte erhoben hat. Hier war das Schloss
+von drei schoenen Fraeulein, die beim Trocknen die Waesche nur in die Luft
+warfen, so blieb sie haengen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
+steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
+abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
+Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht ueber die
+bluethenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen fuer
+unerschoepfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
+duftenden Bratwuerste. So erfuellt sich der alttestamentliche Segensspruch
+1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
+
+ Gott geb dir des Himmels Thau
+ Und die Fettigkeit der Au
+ Und die Fuelle der Halmen
+ Und den Most der Palmen.
+
+Die Festbraeuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
+Brunnquellen in hellen Haufen hinausrueckte, die darauf gegruendeten
+oertlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
+geschmueckt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
+den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
+der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
+vervollstaendigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
+sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
+
+Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
+Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
+der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
+vorgenommen. Die ganze maennliche Bevoelkerung des Ortes, Jung und Alt,
+ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag ueber auf
+Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
+Gedaechtnisschaerfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
+Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
+stossen) vorgenommen wird, ist hinlaenglich bekannt; eben so wenig bedarf
+es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
+verknallt und welches Weinquantum vom Maennerdurst weggetrunken wird, um
+dann nach lustigem Tagwerke dem Kuechleinbackwerk entgegen zu ziehen,
+dessen wuerziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die staedtischen
+Buergerschaften pfluegten ebenso unter grossem militaerischen Aufwande ihr
+Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
+Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
+Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
+Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
+fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
+verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altaeren die vier Evangelien
+abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
+und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
+Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
+und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
+
+ Deine milde Hand giebt Segen,
+ Giebt uns Sonnenschein und Regen.
+
+So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
+abgehalten. Anderwaerts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
+Tirol glaubt man, diese Prozession sei aelter als das Christenthum
+selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
+Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
+Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingefuehrt (Rettberg,
+Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
+Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgaenge waren unter
+dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
+Bevoelkerung an der Elbe ueblich und durch ein besonderes Volksgeluebde
+daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jaehrlich drei
+halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhoerung einer
+Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
+findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
+
+Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
+schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
+Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
+als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
+Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromuenster wird bereits in der
+Urkunde von 1223 erwaehnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
+Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
+Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
+abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
+herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Staedtlein weg auf aargauisches
+Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
+haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
+Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
+stoesst. Diese und aehnliche berittene Prozessionen sind bereits
+ausfuehrlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
+das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
+Blutritt in Schwaebisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
+nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
+man dabei schon ueber siebentausend Reiter gezaehlt. Franz Sauter, Kloster
+Weingarten 1857, 35. In den oberschwaebischen Doerfern findet der
+Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
+wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und laesst am
+Rueckwege die bequem gelegnen Wirthshaeuser nicht unbesucht. Birlinger,
+Schwaeb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
+veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch faellt
+derjenige zu Anderlecht bei Bruessel auf Pfingsten, der in Haeckendover
+bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
+Pistolenschuessen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhaengtem
+Zuegel quer ueber die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
+eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
+Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
+345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
+Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
+Baenderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche gefuehrt,
+da mit einem Rosenkranz geschmueckt und feierlich wieder hinaus geleitet.
+Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Koenigsreiten in oesterreich.
+Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
+Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
+beste Wettrenner Koenig. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
+nach einem geschmueckten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
+reiten" herabgesunken. Sommer, Thuering. Saga S. 154. Unsre
+rechtglaeubigen Bauern, bemerkt ueber die fraenkische Bevoelkerung in der
+Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
+Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
+anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
+Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
+moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
+Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
+betrifft; hier ist der wuerzburgische Pfingstritt also beschrieben:
+Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
+habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
+unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
+sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
+omni injuria et calamitate conservare velit. Alljaehrlich zweimal, am 10.
+Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das suedfranzoesische Dorf
+Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und traegt deren
+Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
+heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
+welchem das Gras stets schoener und dichter steht als auf dem
+angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andaechtigen, die oft
+bis auf Fuenftausend anwaechst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
+dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
+ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
+sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
+Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
+eignen Augen ueberzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
+Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthuemer hier der Prozession den
+Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
+die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
+ad diem 10. Maii.
+
+Solcherlei Fruehlingsbraeuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
+umreiten und zu durchreiten, stuetzen sich auf heidnischen und auf
+alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Goettern
+selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du kroenest
+das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
+eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persoenlich
+beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfaehig macht, weshalb das
+Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
+jene Worte nachdruecklich wiederholt:
+
+ Umkroen das Jahr mit deiner Hand,
+ Mit deinen Fussstapfen dueng das Land.
+
+Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
+besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
+den Bergwiesen striemenweise fetter und ueppiger wachsenden Grase sagt
+der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
+Alpgeist mit schmalzigen Fuessen drueber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
+no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
+Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch gruene Frucht
+hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornaehren. Wolf, Hess. Sag.
+no. 31. 56. Von den ueber die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
+Hufen des Goetterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
+denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
+haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
+Strichregen und Windstoesse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
+und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
+nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stuetzt sich auch der Ritt in
+den Maienthau. Bekanntlich haengt die Befruchtung der Kornaehren vom
+Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Bluethen ausschuettelt
+und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
+Unregelmaessigkeit der Bewegung nur unregelmaessig, daher bleiben viele
+Huelsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte uebt nun seit
+alter Zeit folgende Methode zur kuenstlichen Unterstuetzung der
+Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
+Maenner ein Seil ueber der Hoehe des bluehenden Getreides hin und streifen
+damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
+zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die uebrigen aber gegen
+das Sichlagern gestaerkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
+gleichfoermig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhuetet, die
+aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
+entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergoettert, in
+Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene uebertragen worden.
+Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
+acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
+der den gedeihlichen Saatregen mit sich fuehrt, dargestellt war als ein
+Genius mit heitrer Miene, gefluegelt, mit flatterndem Gewande
+einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
+und neben reifenden Fruechten eine Kornaehre. Droben auf der Akropolis
+stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
+fuehrte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
+trug (Welcker, Griech. Goetterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
+nach demjenigen der drei Toechter des Cekrops, welche Aglauros
+(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
+Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
+Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
+steuern und waren der Athene gewidmet.
+
+Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
+unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrueckt haben.
+
+Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehoert nach Kuhns Vermuthung (Weber,
+Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. doha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
+ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschaeft des Melkens
+und Milchausdrueckens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
+heisst waschen. Hundertfaeltig stimmen nun Mythen und Braeuche in der
+Annahme ueberein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme haengenden
+Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
+Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
+Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
+verbietet, Tuecher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
+zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
+Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
+besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
+mit subtilen Tuechern aufzufangen und diese in Gefaesse auszuwinden habe,
+denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Praetorius, Blockesberg S.
+559. Grohmann, Boehm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
+verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmueckte in der Walburgisnacht
+seine Kuh mit gruenen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
+und fuehrte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drueckte er die
+thaubenetzte Decke in ein Gefaess aus, indem er dabei mit den vier
+Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
+Thieren unter die Traenke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
+ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
+abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Fruehthau zu gewinnen,
+indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
+feierlich abstreift. Die am fruehesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
+einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhaelt den Preisnamen
+Daufaejer, Dauschloepper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
+weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
+dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
+beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfael. Sag. 2, S. 165. Ebenso
+gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
+Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
+voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
+denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
+Zukunft, auf Walburgis in das gruene Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
+um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tuechern ihn
+aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
+Weidekuh fuer sich zu gewinnen. Schoenwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
+die Hexen in Holstein Daustriker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
+Bischoefe erklaerten eine letztjaehrige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
+den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
+ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
+fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
+exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
+lauten die Histoerchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
+zu bedienen suchen und darueber klaeglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
+im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
+machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
+oder eine lange Stange und fuhren damit oben ueber das Feld hin. Damit
+fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
+konnten tuechtig durchgepruegelt werden. Proehle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
+sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
+ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
+weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
+einander geschuettelt liegen, laesst sie vom Nachtthau benetzt werden und
+fuettert damit saemmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
+Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Graetz bei Kienreich 1801, S. 9.
+Da auf aehnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeuebt wird, so ist
+das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
+stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
+_Ankenbruet_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
+zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
+Stueck zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzaehlt Jac. Sprenger im
+Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
+Maitag empfanden mehrere zusammen ueber Feld Spazierende grosse Lust,
+frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufaellig an einem Flusse.
+Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
+wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Ruecken gegen den Lauf,
+ruehrte mit den Haenden rueckwaerts und es dauerte nicht lange, so brachte
+er eine foermliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
+machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
+schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
+Maitag Gras haeufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
+seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
+seinem fuer Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
+Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
+habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
+Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
+seinen Glaeubigen Butter und Schmalz aus fremden Haeusern zu. Was er nicht
+weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
+Algen in Tellergroesse, die man auf dem Duengerhaufen zuweilen erblickt,
+heissen daher Drachenschmalz. Schoenwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
+demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
+Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
+Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
+dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
+koennen, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
+sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
+die Blumen faellt;" und daher erzaehle Galenus, 3. B. de alimentis, die
+Bauern haetten am Morgen, wenn sie Honig auf den Baeumen kleben gesehen,
+ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
+uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
+giebt starke Bienenschwaerme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
+zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
+
+ Mengmol e Haempfeli Bluememehl,
+ Mengmol e Troepfli Morgethau.
+
+Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
+darum auch so suessschmeckend; denn, sagt Hebel:
+
+ Doert oben wachst kei Gras, doert wachse numme Rosinli.
+
+Die boehmische Haingoettin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
+Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Koerbchen mit
+Pflanzen, in der andern einen Strauss traegt. Im Fruehlinge traegt das Volk
+Honig in die Waelder, stellt ihn auf die Baumstoecke und spricht:
+Medulina, da hast du, du giebst es uebers Jahr wieder! Grohmann, Boehm.
+Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzaehlt, wie
+der ertrunkene Lemminkaeinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
+wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
+Sprachvermoegen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
+moechte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
+Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
+von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
+Sprache kehrt auf seine Zunge zurueck.
+
+Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
+Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
+beruehrt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
+Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
+gebracht werden kann.
+
+Fuellt der Koenigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
+Lebens und heilt damit den alten kranken Koenig (Grimm KM. 3, S. 178), so
+taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
+Bouteillen, beschmiert sich damit und faehrt so auf den Blocksberg. Kuhn,
+Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind urspruenglich jene Zinnkannen und
+silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
+Erdmaennchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die naechtlicher Weile
+vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstoerten
+Nonnenkloster Erlesberg hinueber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
+aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
+verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
+das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknuepft
+(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
+und sein Inhalt ein seuchentraechtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
+und Gras aus dem Boden gezuendet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
+der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
+sich ins Daemonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
+Entzuenden der naechtlichen Freudenfeuer ueberall das Hexenbrennen, und aus
+dem lustigen Fruehlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
+und Schuergabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
+einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
+Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Waehrend noch im J. 1839 das
+Maerzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hoernerklang begangen wurde,
+wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und laeutete, "_damit
+das Gras waechst_" (Leonhardi, Rhaetische Sitt. 1844), gilt im kathol.
+Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
+Reiflaeuten im Mai, wie das Gewitterlaeuten im Sommer. Im tiroler Innthale
+umgeht am Joergentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
+Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen laermend, im unflaetigsten
+Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kroeten und Eidechsen zur Schau
+tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
+Rueckkehr ins Dorf dafuer beschenkt. Und damit alle sittlichen
+Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
+der rossetummelnden Saatenreiter die haessliche Bocksreiterei und der
+teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
+die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
+ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der oesterreich. Gymnas. Ztschr.
+1858, 410 aus einer Hds. des Olmuezer Archivs einen Segensspruch
+veroeffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
+Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
+verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Puelewesen
+osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
+Weinholds Schles. Woertb. 1855, 10). Mit Heiloel salbt die
+Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
+Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
+ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfaelzer
+Sagen Schoenwerths 1, 372 ausfuehrlich besprochnen Hexenoel, und wenn sie
+darueber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafuer
+den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thors
+Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
+ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, laesst sie die vollen Garben in
+der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
+Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
+mangelt, die neubelaubten Baeume reitet, dass man alle Verkrueppelungen
+an Eschen und Fichten Trudenpfoetschen nennt. Das Stallthier wurde des
+Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
+es zuletzt dem thaumaehnigen Rosse der jungfraeulichen Walkueren glich;
+statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
+den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
+abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Maehne und Schweif ist von
+unbekannter Hand in zierliche Frauenzoepfchen geflochten. Statt die
+Haeuser mit Maien zu schmuecken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
+so viele Ruthen auf den Duengerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
+Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und ueberspringen sie in die
+Wette; wer dabei nicht anstoesst, in dessen Hause werden die Milchkuehe
+ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein foermliches
+Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
+werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
+Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schoenwerth 1, 312), das
+Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
+Hinausblitzen in Deutschboehmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
+tuechtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
+gesetzte Milchschuessel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
+hoert die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
+Abgl. (Graetz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
+Natuerlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
+urspruenglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe ruestige
+Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
+vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
+diese doch immer noch schoene Jungfrauen, die mit brennenden
+Wachslichtern in den Staellen die Thiere besorgen, dass des Morgens
+Wachstropfen in den Maehnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
+schattigen Waldbaeumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
+Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
+jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Koenigin
+Habundia, unsre deutsche Goettin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
+dem Hause Glueck und Vorsput. So anfangs als Allguetige verehrt, sind sie
+nun feindselig und gefuerchtet; erst eine ueberirdisch schoene Holda, dann
+eine triefaeugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
+Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
+die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
+Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
+Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevoelkerung
+ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
+Festtag heisst Wolpripaeaew (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
+Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
+265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Goetter durch die
+Kirche genugsam durchgefuehrt werden konnte, verwandelten sie sich mit
+ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
+rueckwaertsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
+die Joeten- und dann die Walkuerennatur Walburgis und sind damit am
+Schlusse.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Sechster Abschnitt.
+
+Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung.
+
+
+Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhaengigen Dioecesen
+und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
+Gesammtzusammenhang zu betrachten, waehrend man sie bis dahin fast nur in
+ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
+Die Ingolstaedter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
+niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
+zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
+gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
+Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
+nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
+nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstaedter Walburg sei bereits
+im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
+westfaelischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
+Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
+alles Moegliche entgegen. Der groessere Theil der dortigen alten
+Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
+man daselbst von der Walburgiskirche zu Groeningen behauptet, sie sei ein
+Heidentempel der _Goettin_ Walburg gewesen, und dass man in der
+Walburgiskirche zu Veurne (Dioecese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
+wo dieser Goettin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
+Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
+hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
+unterstuetzt; die zu Groeningen ist eine Rotunde mit thurmaehnlichen Mauern
+und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
+Helgen fuehren soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
+gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
+Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
+haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwaerts verfolgt, um so
+mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
+ihrem bischoeflichen Bruder die vergroeberte Gestalt der Riesen an. Schon
+im Harz wird _Wilibald_ ein Huene genannt (Proehle, Harzsag. 1, 275); um
+Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandraeuber
+vertilgende Riesin Walberech. Seeraeuber ersaeuft sie, Viehdiebe frisst
+sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
+Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
+Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinueber.
+Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestueme Heidenfrau,
+menschliches Mass ueberschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
+Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
+erzaehlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
+sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
+Dollgellen in der Schuerze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
+Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
+Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
+Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositaeten Bd. 8, 240. Endlich hat
+sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
+herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitraegen 1, Tafel II, Figur 1,
+lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
+deren antiken Namen tragendes deutsches Goetterbild. Es ist ein ueber dem
+Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
+Steinbild, das noch in seinen urspruenglichen Umrissen zu erkennen, in
+seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
+hebt beide Arme bis zur Kopfhoehe anbetend empor und zieht die aus
+einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Goetterbild war, urtheilt
+Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle aelteren Geschichtschreiber Antwerpens
+ueberein, unter denen auch der beruehmte Bollandist Papebrochius; dafuer
+spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafuer zeugt
+auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kraenze und Blumen opferten, die
+Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
+tranken, um bald des Mutterglueckes theilhaftig zu werden. Davon
+berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
+Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
+selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
+Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Kuechengeschirr
+zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
+dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anstaendigsten ist
+solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
+erwaehnt, erzaehlt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
+begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
+vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingefuehrt
+habe. Die Heiden haetten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zaehe
+abgelassen, und daher ruehre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
+schmutzige Brauch, deren Hartnaeckigkeit in Sachen des Aberglaubens
+allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
+norddeutschen Walburgis fest, welche in der Moenchsprache Venus und, da
+sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
+Hermaphroditengestaltung entspringt aus den urspruenglichen
+Grundbegriffen der eddischen Goetterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
+doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
+Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
+der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
+Ackergoettin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
+das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
+priapisch, gleich dem maennlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fro), welchen
+Adam von Bremen Fricco unter der ausdruecklichen Beifuegung benennt, er
+werde phallisch abgebildet, walte ueber Regen und Sonnenschein und stehe
+den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
+ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
+Fricconi. Sein Name gruendet in der Wurzel pri = freien, woraus auch
+Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
+altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
+ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
+Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstaedter Gebiete, als
+dem sueddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
+findet. In dem zwischen den Staedten Eichstaedt und Weissenburg am
+Ausgaenge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
+findet sich unter mehrfachem roemischem Grundgemaeuer im Garten des
+dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwuerfel, dessen eine Seite die
+Grabinschrift einer roemischen Ehefrau, die andere die eines
+Merkuraltares traegt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebruesteten
+Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
+einander gespreizten Beinen, beide Haende am Phallus haltend. Beide
+Figuren sind an den Einzeltheilen vorsaetzlich verstuemmelt. Noch im
+vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
+Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befaehigt zu werden, und als der
+Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
+und um ihn fuer seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstaedter
+Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
+des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
+S. 287. Von der Moenchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
+Goetze Miplezeth (1 Koenige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
+entspringt in der Kindheit der Voelker aus einer schuldlosen Verehrung
+des zeugenden Prinzips, die eine spaetere, ihrer Suende bewusste Zeit
+aengstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
+schluepfrige religioese Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schluepfrigen
+nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
+sagt er: "Unsre Vorstellungen ueber Wohlanstaendigkeit veranlassen uns zu
+glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch koenne nichts anderes als
+eine Erfindung der Zuegellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
+Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religioeser
+Ceremonien gewesen waere. Im Gegentheile ist es verbuergt, dass
+dergleichen Braeuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
+und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
+uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
+Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend fuer ihre Reife zu begeistern und
+kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklaerten, abgefeimten oder
+moralisch ruinirten Epochen laecherlich erscheinen."
+
+Folgerichtig wurde nun die Goettin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
+Koerpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
+Frucht, in gleicher Weise kuenstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
+Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
+Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwaehnen Martial (XIV, 61:
+Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
+II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
+Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
+1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
+adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
+in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
+solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
+vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
+divinites generatrices 226 und fuegt noch hinzu: dans plusieurs parties
+de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
+Aehnliche Landesbraeuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
+Augen zu oeffnen. Das Milchbrod der fraenkischen Eierweckchen, in
+bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klaerungsweck;
+dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
+von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
+Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
+gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
+breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Maedchen gegeben, dagegen das
+stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
+oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
+beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierueber gesungenen
+Schnaderhuepfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
+obscoene Gebildbrod der Meissner Fummeln, ueber welche Schaefer im ersten
+Theil der deutschen Staedtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
+der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkraepflein.
+Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
+Grabhuegeln aufgefundenen Frobildchen, welche das gleiche Symbol des
+Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
+OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
+Klausmaenner, Hanselmaenner, Grittebenze; in Niederdeutschland
+Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche aehnlich gestaltete
+Brodfigur wird gewoehnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
+dass ihnen Augen, Brueste, Rockknoepfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
+sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
+spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
+varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
+beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
+wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
+und den Urvorstellungen der Menschheit angehoerende, und muessen eben
+darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
+des Naturmenschen noch gaenzlich schlummert.
+
+Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklaeren und mit
+den Hauptzuegen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
+vorgetragene Sagenkreis in zwei Haelften sich scheidet, in ein lichtes
+Fruehlingsgebiet und in ein daemonisches Nachtreich, so fuehrt auch die
+Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schoenere Seite mache hier
+den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
+
+Wenn der liebende Wuotan im Fruehlingsbeginne seine Vermaehlung mit der
+Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so traegt er den ahd. Beinamen des
+Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
+Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
+Wuenschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. oskmeyjar, Wunschmaedchen.
+Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und fuehrt uns
+sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
+Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
+Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
+vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann fuehrt Wunsch 2) auf
+den Namen eines der Brueder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
+Gewaehrende.
+
+Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
+Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
+diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
+durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
+dar. Des andern Bruders Wilibald Name knuepft sich an den eddischen
+Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
+entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
+Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
+Koenigstochter Werburga auch Walburg hiess: Werburga, Wulferi, Merciorum
+regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
+bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
+dives, potens, wieder allmaechtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
+wurde. Saemmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
+naechstverwandt mit den hoechsten Goetternamen. Der Himmel nun, in den
+jenes Liebesheer gefluegelter Jungfrauen das Goetterpaar geleitet, ist
+Walhall, nordisch Valhoell, und der silbergedeckte Saal darin heisst
+Valaskialf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
+Auserwaehlten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
+angelsaechsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbuergschaft.
+
+Allein jenem Wonnemonat der Vermaehlung Odhins geht des Gottes stuermische
+Brautwerbung im Mittwinter (den Zwoelften) voraus, wo die
+leidenschaftlich Wuenschenden zu Verwuenschten, die Liebenden zu
+Wuethenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentaenzen werden
+(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann aendert sich die Bedeutung des Wortes
+wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
+sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
+die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walkueren, welche die auf dem Wal
+Gefallnen auswaehlen und fuer den Himmel erkueren. Die Wolen, sonst nach
+der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
+Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
+niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Bruenne ist blutbespritzt,
+Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Maehnen ihrer
+Rosse herab und reiche Ernten traegt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
+zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
+Kriegsmaenteln, als fiele ein dichtes Schneegestoeber, und von ihren
+Zaubergesaengen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
+Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, gefluegelt umschwebt Kara ihren im
+Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
+selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
+verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thueren gekreideten Trudenfuss,
+oder es erscheint das leichenankuendende Gespenst des Holzweibleins gar
+in Gestalt einer weissen Gans (Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
+Schwanenfuss wird zum Gaensefuss verkrueppelt, aus der Koenigin Berta wird
+eine Koenigin Gansfuss, Reine pedauque. Wollen sich die Bollandisten III,
+516b erklaeren, warum die hl. Werburg so haeufig mit der hl. Walburg
+verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
+Wildgaense gehorsam gewesen seien. Dahin gehoeren nun die vielfachen
+Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfuessigen geschehen, wie
+z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
+(Wassertruedingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
+hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfuessige Walkuere
+und der fuer seinen gelaehmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
+erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
+Fussgelaehmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
+Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustriker heisst, weil sie in
+schaedigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
+Grimm RA. 94. 630. An fruehzeitigen Uebergaengen des Namens Walburg in das
+Gebiet des Daemonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
+der Walkueren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
+besungene Koenigstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
+starke, kriegsgewaltige Koenig (im mhd. Gedichte Koenig Laurin), welchen
+Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
+der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
+hervorragenden Berge des dortigen Suedlandes. Vala wird dorten die boese
+Stiefmutter genannt im Maerchen von Schneewittchen. Maurer, Islaend. Sag.
+107. 280. Die niederd. Hexe Valriderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
+ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
+diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel ueber den
+Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
+der Wuenschelburg wohnende Goetterjungfrau, dann eine steinschleudernde
+Riesin, eine leichensammelnde Walkuere, ein die Fruechte und Thiere
+zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
+Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem uebrigen
+Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
+darueber zur Goettin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nuernberg abgehaltenen
+grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anfuehrung "der Frau
+Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jaegerin stiess sie
+ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schuettelte ihr Haupthaar wild
+umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
+Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
+Jagdgoettin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethuem, aber nur heute
+nicht!" Vulpius, Curiositaeten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
+sie mit dem Geschaefte des Flachsbaues und Spinnens um; in Sueddeutschland
+erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
+letzterwaehnten Geschaefte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
+Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Maegde auf
+den Doerfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
+ein thueringischer Bericht, Curiositaeten, Bd. 2, 472; und eine schon
+aeltere Notiz in Praetorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
+darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
+sonst machen die Hexen Bratwuerste daraus, d.h. ungleichfaediges Garn. Die
+Thueringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
+das Garn."--
+
+Das schicksalwebende Wunschmaedchen webt das Eheband, darum wird am
+Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwaehnte Liebesorakel
+erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
+als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
+von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
+schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
+Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
+Wunschkinder herauszuschoepfen.
+
+In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
+117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
+Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezuegliche Schimpfname ist
+Hullsluder. Schoenwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
+das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wod und
+Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
+Frau Hulle. Was in den Zwoelften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
+und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
+heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Muellenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
+bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
+Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
+diesem Geschaefte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
+aelschenkenden Fruehlingsgoettin werde hier abgeschlossen.
+
+Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
+oder Aehrenbueschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
+lassen, bekraenzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
+dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
+Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wutfutter
+genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
+Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
+fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
+welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
+heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
+und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
+74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
+Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
+Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
+Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
+die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
+Heiloel: es ist dies die Naehrkraft des unter dem Einflusse des
+Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Maehne
+des Walkuerenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
+Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walkuere
+Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
+Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
+fuehrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
+Maedchen, es soll sich dabei schoen und stark trinken. Schmeller, Woertb.
+3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem haeuslichen
+Feste fehlen darf, Alus, das Baertige, denn es wird aus der
+grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hoerner, sagt er von der
+Staerke dieses Getraenkes, ja Gerste bedeutet ihm ueberhaupt so viel wie
+Getraenk. Schleicher, Litthau. Maerch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
+Wirkung des Muenchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
+der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walkuere Oelrun in ihrem
+Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
+geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Goettern den
+Staerketrank kredenzende, so verschlaegt diese doppelte Etymologie hier in
+der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
+Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier laengst in
+den Eigennamen und in die bezueglichen Symbole eingedrungen. Der
+Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
+(alfablot), heute das Engelbier: Engeloel (Mannhardt, Mythen 326). So
+braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
+Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schoeps, in Wollin Bockhaenger
+(Klemm, Nahrung, 335), in Muenchen Bock, dessen Ausschank daselbst mit
+dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er haelt dorten
+somit dieselben Termine ein, die kalendarisch fuer das Gedeihen der
+Kornsaat und kirchlich fuer das Fliessen des Walburgisoeles gegolten
+haben.
+
+Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
+abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
+
+ Auf den Wald und auf die Wiese,
+ Mit dem ersten Morgengrau,
+ Traeuft ein Quell vom Paradiese,
+ Leiser frischer Maienthau.
+
+ Wenn den Thau die Muschel trinket,
+ Wird in ihr ein Perlenstrauss;
+ Wenn er in den Eichstamm sinket,
+ Werden Honigbienen draus.
+
+ Mit dem Thau der Maienglocken
+ Waescht die Jungfrau ihr Gesicht,
+ Badet sie die goldnen Locken
+ Und sie glaenzt vor Himmelslicht.
+
+ Selbst ein Auge rothgeweinet
+ Labt sich mit den Tropfen gern,
+ Bis ihm freundlich nieder scheinet
+ Thaugetraenkt der Abendstern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+II.
+
+Verena mit dem Kamme,
+
+die Kindsmutter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Verena, eine Gauheilige.
+
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und
+Altaere in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.
+
+Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung fruehzeitig der
+Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch
+eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang
+mit der fruehesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die
+Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in
+die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwaerts weiter
+ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen
+roemischen Legion, welche dorten zum Christenthume uebergetreten, dann
+nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,
+schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer
+verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade
+entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
+unermuedlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
+Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die
+aeltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu
+Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;
+Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zuerich u.s.w. Die mit dieser
+Soldatengeschichte ganz aeusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,
+entkleidet ihrer maerchenhaften Zuthaten, ungefaehr Folgendes.
+
+Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,
+begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte
+hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen
+nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener
+Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode
+der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Graeber zu besuchen, ueber die
+Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren
+Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre
+verbreitend, wurde sie vom roemischen Statthalter in den Kerker geworfen,
+jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von
+lebensgefaehrlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthaetiger
+Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;
+begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
+dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre
+bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters
+Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des
+Ortes in einem Siechenhause sich selbst ueberlassnen Aussaetzigen; ihnen
+ueberbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und
+Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdaechtigt sie der Veruntreuung
+im Haushalte. Waehrend sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben
+will, tritt ihr argwoehnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur
+Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krueglein, das sie
+traegt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
+des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Fuer den
+Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und
+setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstaette ward
+erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben
+und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der
+Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das
+Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit
+naiver Zweifellosigkeit angesetzt.
+
+Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage ueber die
+geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,
+denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf
+und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeraeumt worden war, sich der
+dortigen Roemerchristen durch militaerische Massen-Niedermetzelungen zu
+entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende
+mit dem hebraeischen und dem antiken Sagenkreise begann der
+romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in
+roemisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen
+denjenigen Staedten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
+das politische und dann das kirchliche Roemerthum das herrschende gewesen
+war. Daher finden sich die Altaere, Reliquien und Historien der Thebaeer
+schon von Alters her vor in Bonn, Koeln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,
+Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine
+solche Legionenstadt der Roemer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der
+Klerus dieser Staedte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die
+deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebaeern entweder anhebend
+oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften
+Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darueber sind
+Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.
+Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken
+noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene urspruenglich nicht zu
+den Thebaeern gehoerte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen
+waere, denn was haette die phantastische Kuehnheit dieser gelehrten Moenche
+nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
+alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige
+nur allmaehlich kirchliche Anerkennung fand und in den uebrigen
+Kirchensprengeln unbekannt, ja foermlich ausgeschlossen blieb. Die
+ritterlichen Thebaeer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth
+des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende oertliche
+Missverhaeltnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des
+Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in
+Wallis) geschehene Enthauptung der Thebaeer gegruendet; allein er laesst am
+1. Sept., als dem kirchlichen Gedaechtnisstage, Verenas, nicht diese
+feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoraeste
+bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhaeltniss findet auch
+in der Dioecese Solothurn statt. Die beiden Thebaeer Ursus und Victor sind
+Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,
+Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch
+Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter
+Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar traegt die dortige am linken
+Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit
+einer gewoelbten, von einem Eremiten gehueteten Kapelle versehen, einst
+der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den
+Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches fuer
+die Zurzacher Stiftsherren urspruenglich das massgebende war, enthaelt
+Verenas Namen und Gedaechtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des
+Minoriten Paulus Schwenger Roemischem Martyrologium erhellt, verbessert
+von Pabst Benedictus XIV. Coeln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese
+Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus ueberhaupt erst spaet
+in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von
+Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit
+der dorten einheimischen Thebaeerlegende urspruenglich gleichfalls nicht
+verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehoert dem Konstanzer
+Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
+Das Konstanzer bischoeflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
+Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) laesst die Heilige
+nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich
+anfaenglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel
+versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den
+Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm
+jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag
+voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.
+
+Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken
+konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das
+Konstanzer Bisthum, das herkoemmlicher Annahme zu Folge nach gaenzlicher
+Zerstoerung Vindonissas, des urspruenglichen Bischofsitzes, um das Jahr
+600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung
+ueber einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den
+wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen fuer den
+Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthuemer.
+Vom Gotthard reichte es ueber den Neckar bei Marbach und zum Kloster
+Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Sued, zwanzig
+von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation
+zaehlte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Kloester, 17,000 Priester und Moenche;
+nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
+Diejenigen von letzteren, die fuer unsre lokale Frage belangreich, weil
+im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.
+Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es
+sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zuerichgau, Aargau diesseits der
+Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
+aufwaerts ueber die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit
+Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur
+gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der noerdliche Theil des Kant. St.
+Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;
+ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur
+gehoerend. Dazu zaehlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem
+kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft
+Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Wuertemberg, die
+beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algaeu, der untere Theil
+des oesterreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und
+Gotteshaeusern. Dasselbe zaehlte in seinem schweizerischen Territorium
+noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion
+Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nuescheler,
+Gotteshaeuser der Schweiz, fuehrt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in
+denen die Heilige entweder Patronin war oder Altaere besass. Im Bisthum
+Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:
+zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gaechlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu
+thurgauisch Ermatingen (52), zu Muelheim (55), Maerstaetten (57),
+Langrickenbach (77), Waertbuehl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),
+Wil (185), Matzingen (212), diese saemmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau
+im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127),
+Ellikon und Staefa im Kt. Zuerich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug
+1869, S. 69). Von den uebrigen im Aargau, in den Kantonen und den
+deutschen Nachbarlaendern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen,
+Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders
+gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen
+Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet
+von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des
+Rheines gewesen, und daher haetten zu ihren entfernt wohnenden
+Kirchgaengern selbst die Erdmaennchen von Dangstetten im Schwarzwalde
+gehoert.
+
+Uebergehend auf die Gruendung und fruehesten Schicksale der Zurzacher
+Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die aeltesten
+Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbruensten und Verwuestungen verloren
+gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht
+sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
+(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise fruehzeitig an das
+benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner
+Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen
+selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct.
+881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung
+bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben wuerde; und dieses
+geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist laengst
+nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht
+werden koennen. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals
+nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein
+grosse Zeitluecke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
+Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von
+Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das
+Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Pluenderung
+dergestalt, dass es von den Moenchen verlassen wurde; des vorgenannten
+Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder
+erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeaendert haben,
+und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat
+1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben
+sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der
+christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden
+Chorherrnstift, Muensterkirche und Klostergebaeude abermals in Asche
+gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so duerftig fliessenden
+und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der aeltesten
+Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurueckgeht, einige werthvolle
+Ergaenzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung
+unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzaehlungen
+fuehrt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
+Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Muensterkirche, damit aber
+auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre
+Untersuchung hernach ueberzugehen hat.
+
+An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altroemische Stadt
+gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein
+Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlaessigkeit
+das Ewige Licht ausgehen oder versaeumte an den vorgeschriebnen Tagen
+sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
+erfuellte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe
+wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfuellten
+die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Waechter darueber verwundert
+dem Orte zueilten, fuehlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen
+Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog
+Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
+kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
+Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des
+gleichen Weges strahlende Maenner, im feierlichen Schritte Lieder
+singend, nachrueckten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten
+Sarg begleiteten. Ploetzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die
+Luft, schwebte ueber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
+verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne
+dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschaedigung gezeigt
+haette. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner
+Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem
+weltlichen Besitze und uebergab sie der Ortskirche unter dem Namen
+Wihegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst
+taeglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.
+
+Diese kurze Erzaehlung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas
+Reliquien von ihrer urspruenglichen Ruhestaette in der Mauritiuskapelle am
+Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur
+Stiftskirche erhoben wurde, und gewaehrt eben damit volle Sicherheit ueber
+den aeltesten Ruheort der Heiligen, nemlich ueber die zehn Minuten vom
+Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser
+Schluss wird unterstuetzt von dem Passionale der Wuerzburger Cartusia, das
+bis ins 10. Jahrhundert zurueckreicht und 1583 gedruckt worden ist; in
+diesem heisst es: "In der Naehe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am
+Ufer des Rheines mit vielen Aussaetzigen und Armen." Die vorhin genannte
+_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte fuehrt, da
+hinaus traegt Verena den Aussaetzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie
+ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst
+hier eine noerdlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Haeusergruppe,
+lauter Ruinentruemmer der Vorburg und des Brueckenkopfes der roemischen
+Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller
+in den Zuerch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am
+Rheinufer stehen noch fuenfzehn Eichenpfaehle von der roemischen
+Jochbruecke, etliche davon sind beim guenstigen Wasserstand des Jahres
+1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Muehe, denn sie staken mit ihren
+eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmoertel. Innerhalb des
+roemischen Kastellgrabens liegt der Huegel Kirchlibuck mit seiner kleinen
+Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft,
+zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das oesterliche
+Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die
+Prozession der Stiftsherren und der religioesen Sodalitaeten; derjenige
+Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, traegt
+zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
+Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus
+erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum
+wieder in die Stiftskirche zurueck.
+
+Die urkundlichen Nachrichten ueber specielle, in Zurzach kirchlich
+verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knuepfen
+sich hier an den Namen der Koenigin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des
+Ungarnkoenigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin
+seit 1294 in ihren Brandtruemmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
+Koenigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien
+werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000
+Jungfrauen; die Fuerstin fuegt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst
+aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Koenigsfelden 1357: ein
+geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
+133. Bei dem hoechst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu
+Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensaerglein" in Nothfaellen aus der Kirche
+zu nehmen und in Privathaeuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof
+Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript
+verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger
+Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches
+nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 woertlich
+mitgetheilt steht; es ergiebt fuer unsere Zwecke: In der runden
+vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der
+grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen
+silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag
+(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und
+Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine
+Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut
+und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt
+wurde. Den Hergang schildert Heinr. Kuessenberg, seit 1521 Kaplan im
+benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
+entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche,
+Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeraeumt, in letzterer jedoch die
+Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte,
+unversehrt gelassen. Nach Eroeffnung der Verenagruft fand sich nichts
+anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stuecklein von Verenas Krug und
+Holztruemmer von Verenas Todtenbaum". Ihre uebrigen Reliquien lagen in der
+Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hoelzernen
+Saerglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
+Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken
+mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Waehrend man Sarg und Inhalt ins Feuer
+warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme
+gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
+ueberbracht. Von den vier Reliquienbehaeltern blieben unversehrt ein
+kleines vergoldetes Saerglein, ein grosses und der Roehrknochen eines
+Armes; diese drei Stuecke wurden nachmals den Chorherren wieder
+zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Roehrknochen wird
+seitdem fuer Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich
+nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
+fluechtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm
+Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte
+nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh.
+Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so
+gefloekt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen
+sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung ueber die erlittene
+Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeraethe mindestens 5,152 Gld.
+betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstaende
+schliesst mit der Betheuerung: "das hochwuerdig Helthum St. Vrenen mag
+mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c.
+93. Unverwuestet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist
+verguelt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen
+Guerteli; Silber von St. Verena koepfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der
+Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel
+besessen, welche in der vorhin erwaehnten Lateinurkunde von 1347
+doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum,
+also eben dasselbe Bruchstueck, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869
+eine kleine "koestlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl
+im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler
+Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin
+gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies koenne man bei so
+vielerlei Heilthuemern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
+Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht
+und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche uebertragen, wobei jener
+Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.
+
+Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die
+Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenoess. Buende 3, 279) zuerst
+Erwaehnung thut und also sich ausdrueckt: ecclesia Sancte Verene in
+Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose
+virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrueh
+eine Heilige genannt, waehrend sie 1290, als ihr der Zuercher Scholasticus
+Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur
+eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch
+andern wunderthaetigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
+kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
+geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes
+ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen
+Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring
+anvertraut. Diesen stiehlt ein Boesewicht, wirft, da der Priester darnach
+forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der
+Untreue. Da ueberbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
+der Ring wieder findet. Diese vielen Voelkern ohnedies gemeinsame Sage
+erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsaetzlich
+ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches
+wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er
+wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit
+leichtsinnig verschleuderte Glueck nur um so gehaeufter zum Glueckskinde
+zurueckkehren muesse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
+Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch
+die Tuecke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeintraechtigt; waffenlos
+steht das Aschenbroedel dem sie vernichtenden Geruechte ausgesetzt. Damit
+trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld
+wird eine Zeit lang dem aeussern Elende preisgegeben, um dadurch
+schliesslich in ein um so hoeheres Licht empor gerueckt zu werden;
+schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende staerker als die
+arglistigste Bosheit.
+
+Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die
+Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem
+Heiligenkreis der fremdlaendischen Thebaeer zugesellt worden. Ueber ihrem
+ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionaeren die
+Kapelle zur Aufburg, ueber ihrer spaeteren Gruft die der Maria geweihte
+Stiftskirche mit den Altaeren der Thebaeer. Ihre Reliquien sogar werden
+mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit
+deren Reihe aufbewahrt und aufgezaehlt. Deutlich verraeth sich dadurch die
+Bemuehung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu
+stempeln, indem man sie mit dem maennlichen und dem weiblichen Aufgebote
+hier der 6666 Thebaeer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
+verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zaeher als dieser
+legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stueckweise streift Verena den
+ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden
+Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es urspruenglich gewesen,
+eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsstroeme einsam
+fortwaltende Naturgoettin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden
+Abschnitten geltend.
+
+Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist
+enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v.
+F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem
+Berichte ueber die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder
+im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es
+Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) fuer vorliegende
+Arbeit diplomatisch getreu copieren.
+
+ Von sand verene (roth) [106b]
+
+ Verena diu edel meit,
+ als, uns daz puch von ir seit.
+ Die was ---- ----
+ und ez quam also,
+ Do der cheiser maximian [106c]
+ furt mauricium mit im dan
+ Her gen deutschen landen,
+ si begunde nach im belangen
+ So ser, daz si im fuor nach,
+ wanne vil gerne si in sach.
+ Verena was ein christenin,
+ und do si quam ze meilan in,
+ Die geuangen christen
+ die heimpt si an den vristen
+ Vnd bechlagt mit in ir not,
+ dar zue si in helfe pot
+ Mit trinchen und mit ezzen.
+ uerena, die vermezzen,
+ Si lie durch nieman daz
+ durch vorhte noch durch haz,
+ Swa die christen warn erslagen
+ und auch da si warn begraben,
+ Die staete suocht si alle tage
+ mit weinen vnd mit chlage.
+
+ Mit reinem leben was si sus
+ pei einem, der hiez, maximus.
+ Nu wart ir schir alda geseit,
+ daz mauricij schar preit
+ Durch got wer erslagen,
+ daz begunde die vrowe chlagen
+ Vnd wolde nicht leng'r da bestan,
+ si fuor ub'r die alben dan
+ Vnd ze einem wazzer si quam,
+ daz ist genant aram.
+ Alda vant si einen man,
+ der gevlohen was chomen dan
+ Der sagt ir die rechten maere,
+ wie ez mauricio ergangen waer.
+ Davon wolt si nicht furbaz,
+ in einer chlause si da saz
+ Mit chlage und mit leide.
+ da warn inne reine meide,
+ Der leben was also gestalt,
+ si waer iunc oder alt,
+ Daz si anders lebte nicht
+ wan chraut, arbaiz und anders nicht,
+ Des lebte si daz gantz iar; [106d]
+ daz quam auch von ier werch dar
+ Vnd des tages ein lutzel brot,
+ daz man igleicher pot.
+ Nu was dapei ein getwerch,
+ daz verchauft den meiden ir werch
+ Vnd chauft in da mit ettewaz,
+ daz die samenunge gaz
+ Anders lebten die vrowen nicht,
+ gab man in aber immer icht,
+ Des enpizzen si nimmer
+ und gabens durch got immer.
+ Sus was gestalt ir reines leben.
+ got hat verene den geist gegeben,
+ Daz man vber al daz lant
+ ir leben vil rein erchant,
+ Daz man sei het fur heilic gar,
+ daz auch si was furwar.
+ Wan got durch sei tet wunder
+ mit zeihen besunder.
+ Auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+ Solcher dinge tet si vil
+ mit got auff daz zil,
+ Daz man sei d'r meide muet'r nant
+ weiten uber al daz lant.
+ Nu was in der gegent da
+ ein richter sam anderswa,
+ Der het got gar verchorn.
+ dem was der meide leben zorn,
+ Vnd daz man ier so wol sprach;
+ mit zorn er daz an ier rach,
+
+ Wan er die vrowen vie,
+ dehein gut er ier nie geschehen lie.
+ Doch quam zaller zeit zu ir
+ ein liechter iungelinch fir[3],
+ Der pot ier guten trost,
+ si wurde schir da von erlost.
+ Doch vragt si in, wer er wer?
+ do sprach er offenwaer,
+ Er waer ir mag mauricius,
+ und mit der rede alsus
+ Quamen zu mauricio hin in [107a]
+ alle die gesellen sin
+ Und gruezten die vrowen schone,
+ damit schieden si davon.
+ Nu wart derselbe richter
+ vberladen mit sichtum swer,
+ Der gedacht rechte wider,
+ er lief hin und viel nider
+ Chlagunde fuer die reinen meit
+ und seinen sichtvm er ir chleit.
+ Doch pat si got umb in,
+ der richter gie gesunt hin
+ Vnd mit grozzer gedult
+ bat im vergeben sein schulde.
+ Daz was ysa getan,
+ die magt wart do leidich lan
+ Vnd gie zu iern swestern wider,
+ da si got diente sider.
+ Nu quamen die swest'r auch in not,
+ daz si ninder heten prot
+ Vnd grozzen hunger liten
+ doch mit dultichleichen siten.
+ Ier werches acht man nicht ein har,
+ wan ez was ein hunger iar.
+ Do verena die not ersach,
+ zu got von himel si do sprach:
+ Wan du deiner geschefte gist
+ ier leibnar zu rechter frist,
+ Jesu christ, du waist wol,
+ wez dein gesinde leben schol.
+ Do si daz vollen gesprach,
+ vor der chlause man ligen sach
+ Viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ Wan daz prot wuchs in ier munde,
+ daz si lange vn manic stunde
+ Heten da von ier leipnar,
+ des lobt got die rein schar.
+ Nu was verena, die genende,
+ chumen an ier lebens ende,
+ Vnd do si nu siech wart,
+ ier andacht sich nie verchart.
+ Da si vercheren scholt daz leben [107b]
+ und den geist widergeben,
+ Do quam unser vrowe dar
+ mit der hymelischen schar;
+ Vnd do verena sei ersach,
+ zu gotes mueter si do sprach:
+ Waz gernde han ich,
+ daz gotes mueter siechet mich?
+ Do sprach unser vrowe zu ier:
+ verena, volge mir,
+ Da hin, da du immer mer
+ vreude hast ane ser.
+ Mit der rede si verschied,
+ got ir sele da beriet
+ Der ewigen gnaden.
+ die vrowe wart begraben
+ In der chlause alda,
+ die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3],
+ Da got wol scheinen lie,
+ daz er sei minte hie.
+ Wand nieman wirt entwert,
+ der rechter dinge an sei gert.
+ Nu derhoret got dehein pet so gern,
+ so daz wir seiner hulden gern,
+ Dem gibt er, der die suohet,
+ vil gern, swer ir geruhet
+ Mit hertzen und mit andacht.
+ daz wir ze hulden in werden pracht,
+ Des helf uns maria
+ und ir dirne uerena. amen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] fier, stark und stolz.
+
+[4] zerzyaca: Zurzach.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Verena, die Muellerpatronin.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen
+Kleinkindersteine; die Muellerpatronin als Ehegoettin, der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Alljaehrlich am Verenatage lassen die Mueller im aargauer Surbthale die
+Muehlsteine schaerfen und die Muehlbaeche putzen. Denn Verena, deren
+Wahrzeichen: Kamm und Krueglein, an allen Muehlen und Banngemarkungen des
+Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstaette an den
+Stroemen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als
+die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Mueller,
+Schiffer und Fischer. Hiefuer sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
+aeltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6,
+457. Unter den Guetern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher
+Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle
+Muehle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete,
+suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmaelern und aenderte den Lauf
+des Muehlebaches, indem er ihn auf seine Landstuecke zog. Allein ohne
+fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte,
+schwoll der Bach ploetzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg
+und trat dann wieder in sein urspruengliches Bette zurueck. Nun kam Jener
+eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er
+ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso baendigt sie den Glaeubigen
+zu lieb die verheerenden Stroeme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser
+stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Hoehe,
+dass er alle Kornfluren ueberschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet
+und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne
+den Fluthen zu nahen, die ueber die ganze Feldbreite hinstuerzten. Doch in
+dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein
+altes Bette zurueck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
+wieder schoen aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits
+entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits
+des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug,
+hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und fuehrte sie mit der
+andern wie durch ein Gewoelbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
+Waehrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das
+nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war
+sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier
+gebietenden heidnischen Praefekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch
+den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
+ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu
+sehen ist und die Krallen des Boesen eingedrueckt traegt. Eine friedlichere
+Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Muehlstein, der an der Solothurner
+Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau,
+und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Naehe
+die Aare in den Rhein muendet. In der Gegend wuetheten eben Seuchen, von
+den Ausduenstungen eines Leichenackers herruehrend, den der Strom
+unterwuehlt hatte; aber die Krankheit hoerte auf, indem Verena Heilquellen
+aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft
+und beeilte sich, eine so wohlthaetige Frau zu sich heim zu fuehren.[5]
+Auch ihren Muehlstein wollte man nicht zuruecklassen. Man lud ihn auf
+einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
+blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein
+weiter zu schaffen; doch zurueck nach Koblenz zogen ihn die Rosse
+muehelos, wo er nun neben der Thuere der Kapelle in der Einsenkung der
+Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmueckt mit dem
+Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm uebernatuerliche Kraft bei. Auch
+ist das Gewoelbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als
+1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einaescherte; es haengt voll
+waechserner Fuesse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer
+Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
+erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst ueber
+dem Steine zu lesen stand:
+
+ Auf diesem Stein hier aus der Aaren
+ Die heilig Verena ist gefahren
+ Ohne Ruder, Schiff und Schalten,
+ Wie solches geglaubt die frommen Alten.
+
+Die Koblenzer sind seitdem bewaehrte Fischer und Fergen, die auf den Rath
+der Heiligen die Stuedlerzunft gruendeten; erst vor einigen Jahren ist sie
+bei Aufhebung saemmtlicher Zuenfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft
+der Laufenknechte stand ein von allen Landvoegten verbrieftes Faehrrecht
+mit der Obliegenheit zu, saemmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
+befahrende Schiffe und Gueter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen)
+zu fuehren. Am Gewoelbe der Zurzacher Stiftskirche haengt daher ein
+kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm
+Gramm. 3, 437 angefuehrte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst
+ahd. verscif heisst, nhd. Faehre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus
+Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.
+
+Allein Verena, die Muellerpatronin, uebt zugleich auch das Geschaeft der
+Liebesgoettin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses
+Doppelgeschaeftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des
+heidnischen Cultus zu entbloessen, der im Verenacultus nachklingt. Die
+Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
+Beziehungen uebertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung,
+auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besaeen,
+besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm
+Entsprossene spurius, der Ausgesaeete (Bachofen, Graebersymbolik 204). So
+hat auch Mahlen und Muehle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
+Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam
+und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Goettinnen
+zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenaeus XIV, 647 A. Den Sinn des
+griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem,
+drueckt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks
+Volksliedern no. 285 erwiedert die Muellerin ihrem um Einlass anpochenden
+Gemahl:
+
+ Ich steh fuerwahr nicht aufe,
+ Ich lass dich nicht herein;
+ Ich hab die Nacht gemalen
+ Mit sechs jungen Knaben.
+ Davon bin ich so mued.
+
+Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein
+drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Muehle in unsern aeltesten Sagen der
+Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem
+gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen Koenig ausserehelich mit der
+Pyla erzeugt, des Muellers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der
+Grosse erzeugt und geboren auf der Reismuehle am bair. Wuermsee. Aretin,
+Bair. Sag. 1803. Schoeppner, Sagenb. no. 22. Koenig Heinrich III. erbaute
+Kloster Hirschau in der Naehe jener Muehle, darin er war geboren worden;
+sie steht noch und gilt fuer eines der aeltesten Gebaeude in Hirschau. Vgl.
+Schoenhuth, Burgen Wuertembergs 1, 88. Meier, Schwaeb. Sag. S. 336. Ebenso
+steht heute noch im wuertemberger Schussenthale die Grieslemuehle, in der
+die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
+erzogen worden. Birlinger, Schwaeb. Sag. no. 340. Aventins Chronik
+berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser
+verkauft und die Kaufsumme daheim mit der huebschen Muellerin auf der
+Gretelmuehle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen
+Frau Muellerin erzaehlt alles Volkslied bis auf Goethes "Der Muellerin
+Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimuehle
+fuer eine der staedtischen Muehlen. Im Muehlgraben liegt jener grosse Stein,
+hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31.
+Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken
+musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem
+Muehlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem
+fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol.
+Darum fuehren selbst die alles verleihenden Lichtgoetter Apollo und Zeus
+den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Goettinnen wird ehliche Treue
+beschworen, der Ceres legifera opfert die braeutliche Dido, der roemische
+Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die
+wendische Braut zu sitzen, waehrend sie von ihren Freundinnen zur
+Hochzeit geschmueckt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem
+Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Muehle zu
+verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:
+
+ Dort niden in jenem Holze
+ Leit sich ein Muelen stolz,
+ Sie malet uns alle Morgen
+ Das Silber, das rothe Gold.
+ Dort hoch auf jenem Berge
+ Da geht ein Muelenrad,
+ Das malet nichts denn Liebe
+ Die Nacht bis an den Tag.
+
+Damit hoert denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf,
+dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Muehlsteine machen, wie
+Verena auf der Aare und der Wuestenheilige Antonius auf der Wolga. Auch
+die Stadtpatronin Zuerichs, zugleich die angebliche Gefaehrtin der
+Thebaeer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben,
+denn ihr Muehlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es
+urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St.
+Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge
+und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus,
+wird mit einem Muehlstein am Halse in die Guenz gestuerzt und schwimmt
+damit in diesem reissenden Gewaesser. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die
+hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem
+Wasser einher, als waere es festes Feld. Sie wird alljaehrlich am 1. Okt.
+in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
+Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Muehlstein der hl. Brigida ist
+neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte
+aufgestellt und wird bei Krankheitsfaellen als wunderthaetiger Heilstein
+beruehrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Fluesse und Seen
+sind die Adern, durch welche die aelteste Kultur in die Laender floss, und
+die Muehle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
+denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee
+sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Mueller
+und Becken schlagen sich mit Saecken; der Aargauer: sie putzed (die
+Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub fluegt
+(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schuettid: schuetten die Frucht
+auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmuehle schiesst. Nach Kaerntner
+Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in
+den Kasten schuettet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der
+Himmelsmuehle (Uhland, no. 344) knuepft Matthaeus die Kornsaecke auf, Lukas
+laesst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen,
+dass die Muehle im alten Rechte als Freistaette gilt und ein in diesem
+befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der
+Schwabenspiegel bestimmt: diu muele hat ouch bezzer reht danne ander
+hiuser. swer in der muele stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem
+sol man hut unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in
+henken. Und eben daher stand auch dem Muehlstein eine besondere
+Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet
+sich nemlich in einem alten Liede folgende Pruefung erwaehnt ueber
+Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere
+steht am Ufer des Rheins, ein Muehlstein wird gerollt; faellt er rechts,
+so traegt sie einen Knaben, links, ein Maedchen; geht er aber zu Grund, so
+ists ein Metzenkind.--Der jungfraeulichen Verena Muehlstein aber ist ein
+_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht:
+die auf dem Felde, in der Muehle und im Mutterschosse. Bereits sind in
+der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen oertlichen Felsen
+und erratischen Bloecke des Aargaus aufgezaehlt, welche den Namen
+Kleinkindersteine und eine dem gemaesse Ortstradition an sich tragen.
+Hier kommen nur die auf Verena bezueglichen in Betracht. Jener vorhin
+erwaehnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei traegt ein ueber
+Faustgroesse ausgerundetes Loch, das man fuer die Spuren der Hacke der
+Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern fuer die Stadt
+heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in
+dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenfoermig
+gewoelbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe
+Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus
+kirchlich gereicht hatte. Eine Felshoehle beim Bergschlosse Teck auf der
+wuertemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage ueber
+zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des
+Neckarstroms 1740, 46.
+
+Ein fernerer auf die Korn- und Muehlengoettin hindeutender Zug ist
+enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu
+Solothurn gegruendet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern
+konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern
+Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Saeckchen Mehl von
+unbekannter Hand vor die Thuere gestellt wurden und die aus diesem Mehl
+gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten
+Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darueber:
+
+ Dum panis victus solitus
+ exhaustus fuit plenius,
+ farris pastus positus
+ est ad fores celitus.
+
+Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
+wundersuechtig die bestimmte Zahl dieser Saecke an quadraginta sacci, und
+Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein
+Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae.
+Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht
+(107a) nacherzaehlt zu sein:
+
+ vor der clause man ligen sach
+ viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ wan daz prot wuchs in ier munde.
+
+Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch
+Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn
+da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikoenig, zur Zeit der Zwoelften,
+sein Mehl von der Boitzenburger Muehle heimfaehrt, so begegnet ihm Fru
+Freen und verlangt, dass er die Saecke oeffne und ihren Hunden ausschuette.
+Thut er dies folgsam, so findet er die Saecke wohlgefuellt des andern
+Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name
+zusammengefallen in den der Heidengoettin Frea (wie Paulus Diaconus
+Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwoelften sich an die Spitze
+der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein
+Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwoelf Jagdhunden das Land
+durchstuermt. Der Name Frene wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415
+ausdruecklich als um Halberstadt bestehend bestaetigt, und der vierte
+Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
+Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen
+Gauheiligen erlaeutern.
+
+Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden,
+Brod und Wein ueberbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz
+sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen oertlichen Schwaenken
+bedient. Er erzaehlt, wie einst das kleine Staedtchen Klingnau an der Aare
+von einer Feuersbrunst so ganz zerstoert worden, dass auch saemmtliche
+Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen
+musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man
+laeuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom
+herab gefahren kam. Kling au! rief man aergerlich zur stummen Glocke
+empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
+Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
+taegliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der
+Spottreim:
+
+ Wenig Brod und sure Wi:
+ ach Gott, wer moecht' au z'Klinglau si!
+
+Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines
+Priesters in Zurzach habe sich Verena die taegliche Nahrung abgebrochen,
+um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darueber der
+Entwendung verdaechtigt, tritt ihr der argwoehnische Priester ploetzlich in
+den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krueglein ist nun in
+Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides
+als zur Reinigung der Aussaetzigen dienend. Daher kommt es, dass die
+Bildsaeulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf
+in der Hand haben. Das Krueglein der Heiligen ist, wie die aelteste
+Aufzeichnung berichtet, urspruenglich steinern gewesen und hatte die Form
+einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die
+des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemaesse vor Alters
+steinern war. Das Zuercher Frauenmuensterstift berief sich 10. Christm.
+1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
+Klostergruender Koenig Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen
+lassen. Geschichtsfreund 8, 19.
+
+Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls
+unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es
+ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus
+Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964
+berichten. Auch sie zaehmte wilde Stroeme, lehrte Acker- und Weinbau,
+pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
+mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena,
+mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedaechtnisse
+fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern
+Innthal und hatte die Schweine zu fuettern. Fuer jeden Armen sparte sie
+sich eine Schuerze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
+geiziger Spaeher sie darueber anhielt, verwandelte sich die Gabe in
+Hobelscheiten und in Sautraenke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im
+Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen
+Hausstand zurueck; wollte man sie jedoch ueber die Feierabendzeit im Felde
+fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die
+Sichel in die Hoehe, liess sie aus und diese blieb in der Luft haengen.
+Sie ist die Patronin der Dienstmaegde geworden, wie sie selbst in ihrem
+Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen
+spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten.
+Als sie an den brueckenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurueck und liess
+Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinueberschreiten. Jenseits auf
+dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
+errichtete eine Kapelle ueber dem Grabe, die seit 1434 zur
+Wallfahrtskirche vergroessert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im
+Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2,
+no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, ueberschwamm sie auf einem
+schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Hoehle, die
+beim wuertemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg
+her ueberbrachte ihr der Hirsch taeglich das Brod, ans Geweih gespiesst,
+und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch
+zeigen die Kraichgauer uebers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier
+einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet
+Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als
+Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und
+Butter von ihrer taeglichen Kost sich abgespart und den Aussaetzigen des
+naechsten Siechenhauses zugetragen; als der argwoehnische Schlossherr sie
+auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und
+Milch in ihrer Schuerze in einen Strehl und in warme Lauge.
+
+Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
+landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
+Verenatag knuepften.
+
+Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-,
+Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76)
+verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten
+(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht
+noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V
+Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und
+Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe
+Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fuenf "geschlossnen
+Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht
+Tage nach dem auf Verena naechstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit
+hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jaehrliche
+Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt.
+Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt
+Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86
+die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljaehrlich auf Verena
+und Martini an.
+
+Von den Bauernregeln ueber die Witterung am 1. September sind unter
+unserer Landbevoelkerung folgende ueblich.
+
+Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrueegli usleert, draejet, loeset, umg'heiet,
+bruennelet--und z'Abig s'Chitteli wider troechnet, denn isch guet; denn
+solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
+Keimung des Samens besonders guenstig. Wenn es an Verena schoen Wetter
+war, so erzaehlen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen
+unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber
+regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Saeen hinaus.
+Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn
+aber nit, so chan er's froelich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner
+Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
+sein Brodsaecklein, das Zimmis-choerbli, worin der Abendimbiss ist, mit
+ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz
+1862, 259.--
+
+Verenatag guennt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es,
+ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein
+strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.
+
+A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rot; der Krautskopf berathet sich, ob
+er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er
+daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain traegt s'
+Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs
+Feld gebracht, s' Vreneli zuendt a, und s' Mareili loescht ab: die
+Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnaechte begannen mit 1.
+Sept.; mit Mariae Verkuendigung, 25. Maerz, giengen sie wieder zu Ende.
+Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewoehnlich erst mit 2. Nov. und
+schliessen mit dem Josephstag, 19. Maerz.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5]
+
+ A Solodoro igitur
+ discedens proficiscitur,
+ ubi Rhenus labitur,
+ Zurziacham graditur.
+
+Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus
+Ratdolt.
+
+[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit,
+sagt die Originallegende; erst spaeter wird der Name Hirtacus dazu
+gefuegt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Verena, die Geburtshelferin.
+
+
+Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre oertlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln
+am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der Gewitterriesin: das
+Vrenelisgaertli am Glaernisch u.s.w.
+
+Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und
+stellen hiefuer diejenigen Erzaehlungen voran, welche der aeltesten
+zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der
+Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehoeren. Diese von G. Waitz
+nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch fuer diejenigen
+Thatsachen, ueber welche der Verfasser jener Bruchstuecke entweder als
+Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener
+Periode anknuepft.
+
+Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange
+kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins
+Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in
+der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen
+Thronfolger.
+
+Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga
+geehlichet, des vorhin erwaehnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und
+obwohl schon mehrere Toechter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald
+aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem
+solchen beglueckt. Dieser war, wie Casp. Lang beifuegt (Histor. theol.
+Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht
+zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.
+
+Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter
+Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung
+nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden
+Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und uebernachteten daselbst im
+Stifte. Hier traeumte Reginlinda von der Empfaengniss, die sie sich
+wuenschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
+Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.
+
+Eine adelige Frau im Elsass hatte frueherhin in kinderloser Ehe gelebt,
+hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Toechter bekommen.
+Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssoehne, denn
+diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Maedchen und Knaben
+begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf oefters von den Zurzacher
+Stiftsherren eingeladen worden, er moechte sich zu ihnen begeben, die
+Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines
+Reichthums opfern, dafuer werde er seinen Wunsch nach Soehnen erfuellt
+sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns
+diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
+Unvermoegenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib
+vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.
+
+Ein Hoeriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib
+geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel,
+entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie
+liessen sich auch in allerlei Schmaehungen ueber derlei Pflichtigkeiten
+aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend
+fort. Dafuer starben er und sein Weib eines jaehen Todes, und seine
+Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgaengig an
+Gliederlaehmung.
+
+So viel erzaehlen die aeltesten Aufzeichnungen der Legende ueber den durch
+Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwaehnt aber ist, dass
+derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden
+Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen
+hinab und schoepft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
+wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und
+Augenuebel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein;
+auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt
+das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu
+handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach,
+gestorben zu Heidelberg, verdankt.
+
+Eine Zurzacher Frau war Woechnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in
+das Staedtchen Klingnau hinueber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren
+es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht
+stundenweit ueber den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen
+Felsentreppen ersteigt man die letzte Hoehe zum Rothen Kreuz, einer
+einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefuerchteter Spukort. Wer
+seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versaeumt hat, muss nach dem
+Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Maenner her, die man ein
+knarrendes Waegelchen ueber die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig
+laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden
+lassen, dann aber zu einer Groesse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand
+mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
+wohlbekannte Hoehe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebuesch
+ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach
+Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Muendung in den Rhein
+gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz
+oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese
+Erzaehlung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshuelfe
+zunaechst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden
+Aarthale zu Klingnau haette suchen sollen. Denn dafuer eben fliesst in der
+Zurzacher Stiftskirche jener heilkraeftige Brunnen. Die hier
+hinabsteigenden Wallfahrer duerfen sich einen Krug voll unentgeltlich
+schoepfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
+Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenuebel an; letzteres ein Brauch
+aus der fruehesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von
+Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St.
+Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor.
+Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
+Gertrudislegende erzaehlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib
+wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche gefuehrt
+und kommt hier zufaellig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche
+trieft und des Weibes Mantel beschuettet. Die Umstehenden nehmen daraus
+Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch
+auf der Stelle sehend.
+
+Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt
+die Heilige in den Baedern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das
+von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte
+unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel;
+nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar ueber der
+Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen
+Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.
+
+Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine
+Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsaeule
+errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge
+Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des
+Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den
+Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Roehre hinab,
+durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwaermen und sind
+der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfuellung
+ihrer muetterlichen Wuensche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus
+der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten
+"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und
+Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem
+Ergoew gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
+abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein
+unfruchtbare Fraw darinnen bade, vn ein fuoss in dz loch stosse, da dz
+wasser herfuer quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie
+fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter
+gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom
+Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht
+sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen
+Kinder." Diese muetterliche Goettin Holda gleicht also vollkommen der von
+den Albanesen verehrten Geburtsgoettin Ora, einem Wuenschelweibe, vermoege
+deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es
+gewuenscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Maerch. 1, S. 37. Holda
+huetet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, uebergiebt
+sie als Froeschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch fuer die
+gebaerenden Muetter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen koennen, und
+nimmt die unmuendig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die
+kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, ueberall lokalisirte
+Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
+herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenaehrt werden. Schon
+altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der
+geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der
+Dominikanermoench Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:
+
+ du bist der gezeichent brunne,
+ darin schein diu lebendiu sunne.
+
+Und Nachklaenge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:
+
+ Storch--Storch--Steine,
+ Mit dem langen Beine,
+ Mit dem kurzen Knie:
+ Jungfrau Marie
+ Hat ein Kind gefunden
+ In dem goldnen Brunnen.
+ Wer solls (aus der Taufe) heben?
+ Der Gothe und die Goethen.
+
+Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert
+ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den
+Faengen und zudem auf jedem Fluegel je ein Wickelkind traegt. Dieses Wasser
+macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmuettern. Schaefer,
+Staedtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits
+verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachtraeglich noch
+folgende aargauische anfuehren. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre
+1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljaehrlich am
+Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen
+Brunnenstuben den Saeuglingsvorrath holte, so steht dieser
+Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den
+abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen laesst, zieht ihm die
+gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Staeben
+entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:
+
+ Der Bach chunnt, der Bach chunnt:
+ Sind mini Buebe-n-alli gsund?
+ Jo jo jo!
+
+ Der Bach ist cho, der Bach ist cho:
+ Sind mini Buebe-n-alli do?
+ Jo jo jo!
+
+In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der
+dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden
+Bruennli (ueber Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in
+Oberfrick aus dem altverschuetteten Spagenbrunn, im Dorfe Kuettigen aus
+dem Stampfelgraben des dortigen Muehlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
+Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der uebrigen
+Schweiz gehoeren folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der
+toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der
+Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach
+in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch
+bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Gluecksgoettin Frau
+Saelde traegt. Luetolf, Fuenfort. Sag, S, 550.
+
+Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern
+entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstaende erlaubten, in
+Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus
+vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen
+lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber
+fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der
+Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen traegt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227.
+Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen
+sein musste, erklaert uns die Kirche ausdruecklich. Abt Tritheim
+beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen ueber
+die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515,
+20. Sept.) und entwickelt dabei ueber die Wassernixen folgende Theorie.
+"Die in Seen und Fluessen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestuem
+truegerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so
+erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt
+gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon
+das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches
+Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese
+lassen sich an Fluessen und Quellen blicken, kaemmen ihr langes
+Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die
+Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemuethszustand unwandelbar ist,
+nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die maennliche,
+und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in
+Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber
+Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle
+tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit
+dem lieben Gott ins Gesicht; und daher ruehrt es, dass in unsren an
+Quellen, Stroemen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die
+geschichtlich aeltesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind.
+Die zuercherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspuelt und
+in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbruennlein. Wasserkirchen sind
+ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau.
+Auf der Rheininsel zu Saeckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf
+derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind
+altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der roemischen, theils
+aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zuerchersees groesste Insel,
+deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war fuer einen grossen
+Theil der Weiler und Hoefe am untern See, war schon zur Zeit der irischen
+Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
+gegenueberliegenden Ufer zu Staefa war der hl. Verena geweiht. Schweiz.
+Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zuerich bestand bis zur Reformation
+das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu
+_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem beruehmten Buchdrucker
+Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.
+
+Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvoegtin
+der Ehebuendnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich
+geopferten Gegenstaenden, vornemlich den Brautkroenlein. Die katholischen
+Landmaedchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern
+kirchlichen oder weltlichen Festanlaessen den kroenleinartigen Kopfschmuck
+der Tschaeppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und
+Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft ueber den
+Scheitel hin woelbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
+Sammtkaeppchen, oben napffoermig abgerundet und mit Korallen gestickt; es
+ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens ueber das Haar
+gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das
+Kirchspiel genannt, ein Maedchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach
+Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschaeppelein zum Opfer
+aufzuhaengen; es ist ein Dank dafuer, unter die Haube gekommen zu sein.
+Erscheinen dann im Herbste die Zuege der uebrigen Wallfahrerinnen, so
+nehmen sie ein solches Brautkraenzchen vom Gitter und setzen es waehrend
+ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Kaeppchen haeuft sich
+hier an, dass man die veralteten darunter alljaehrlich am Charsamstag
+abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezuendet wird,
+mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in
+dessen Kapelle jener Muehlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
+Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach
+alter Gepflogenheit alljaehrlich im Fruehling der Gemeindebann von Jung
+und Alt umschritten, so duerfen bei diesem Maennergeschaefte die Maedchen
+allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen fuer
+die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
+Feldblumen und flechten in die Wette Kraenze daraus ins Haar, die
+gleichfalls Schaeppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und
+ueberhaengen damit die Horizontalstaebe des Eisengitters, hinter welchem
+Verenas Muehlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss
+hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der
+Sigrist, setzt den schoensten der geopferten Kraenze der Heiligen aufs
+Haupt und schmueckt mit den uebrigen den Grundstein.
+
+Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man ueberhaupt Kunde hat,
+ist es gerade ihr Guertel, der sie als eine die Ehen und Geburten
+beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem
+ehemaligen schwaebischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten
+Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem
+entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der
+Groesse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis
+ueber den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Guertel, schreibt Richter
+(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird
+nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des
+roemischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist
+so durch Verenas vielvermoegenden Beistand zur Welt geboren worden.
+
+Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen
+Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.
+
+Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Staedtchen Klingnau an der
+Aare fuehrt ueber den Achenberg. Auf der Hochebene dieses betraechtlichen
+Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter
+Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von
+Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
+Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die guenstige Jahreszeit,
+des Berges wilde Schoenheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau
+und Klettgau hinueber, die Wunderthaetigkeit des Ortes und der den
+andaechtigen Besuchern gewaehrte paepstliche Ablass fuehrt alsdann
+zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier
+zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer.
+Doch kein Wallfahrer verlaesst den Berg, ohne nicht ueber eine in Felsen
+gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo
+die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthaetigen
+Verenabruennlein und laesst auch fuer seine Kranken daheim ein Krueglein
+voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.
+
+Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September
+als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig
+bemittelter Mann aus dem Staedtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der
+Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie
+auf jener beruehmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
+das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten
+daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern
+Betrachtungen erreichte er das Verenabruennlein, traf hier einen ihn
+freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit.
+Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere,
+sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung
+gesteckt und sie gefuellt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei,
+dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der
+Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand
+wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Haenden fassen
+konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau
+nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem
+Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf,
+und ach! da hieng gerade ueber seinem Kopfe gewaltig sausend ein
+umrollender Muehlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurueck nach
+Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut,
+musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem
+Zehrfieber gestorben sein.
+
+Was soll hier dieser Muehlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die
+Muellerpatronin Verena und will in ihrer Mildthaetigkeit nicht gesehen
+sein. Es ist dies zwar ein oefters sich wiederholender Sagenzug, siehe
+Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet
+er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
+Buettisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena
+die erwaehlte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der
+Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle
+entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die
+gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und
+die Ortssage fuegt bei, wer ehemals in der Abenddaemmerung mit
+abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus
+einer weiblichen ein Goldstueck. Als nun Knaben von Buettisholz einst in
+der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstuecke
+schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schoene Jungfrau, die nach
+einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
+dass auch die Quelle versiegt war.
+
+Faesi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben,
+berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei
+schon in aeltester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die
+ueber diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die
+auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
+Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenueber
+entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte
+Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen
+angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer
+Sag. no. 1 mit dem Beifuegen gedenken, dass die aus dem Elsass ueber den
+Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen,
+sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen traegt, wie schon bemerkt
+worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.
+
+Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwaehnen in der Naehe der Stadt Zug,
+gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghoehe an der alten Strasse,
+die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln fuehrt; auch hier ist ein
+herkoemmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform
+gebauten Kirchleins war frueherhin eine Inschrift angebracht und meldete,
+der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Mueller
+in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine
+Renovirung noethig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der
+Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen
+Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste ueber der
+Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen
+diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15.
+Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
+hinausgetragen "unter dem Knallen der Moerser und Doppelhaken".
+Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwaenden verkuendigen des Ortes
+Wunderthaetigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das
+St. Verenabruenneli, der Brunnenstock geschmueckt mit der Figur der
+Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten
+Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die
+Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehoert, wie der Zugerkalender vom J.
+1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdruecklich berichtet:
+"Bist du krank und die Guetterli (Arzneiglaeschen) des Doktors wollen
+nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam
+zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljaehrlich
+Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hoeren. Auch
+wird dir den Sommer hindurch so ein kuehler Spaziergang in der Fruehe
+ueberaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Staerkung fuer
+deine schwache Leber im nahen Roethelberg, sofern dir Verena nicht eins
+aus ihrem Krueglein einzuschenken geruht."
+
+Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach
+errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren
+gesetzt und haben uebereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige
+traegt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrueglein,
+in der andern haelt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
+dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt
+des Kruegleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der
+Fluegelthuere dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt,
+hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
+Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der fuer das nichtlesende
+Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren
+oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1.
+September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten
+den langgezahnten zweireihigen Haarkamm haelt und zu Fuessen ein
+geschnaebeltes Giesskaennlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
+Verenas hat die aeltere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche
+Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete,
+dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher
+hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr
+geheilten Aussatz hervor:
+
+ auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+
+In diesem Sinne erzaehlt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen
+Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete
+ihnen die Betten, kehrte den Boden, saeuberte die Kleider, wusch alte
+Erbschaeden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Haeupter." Auf
+solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbaeder", wie dasjenige in
+der Stadt Baden, gegruendet, jeder Gast hatte sein Krueglein mit Lauge und
+seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die
+durch Papst Urban seit 1625 neu bestaetiget worden, ist nach dem dritten
+Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
+Almosen und bestimmte jaehrliche Spendmaehler zu verabreichen.
+
+Das Steinkrueglein Verenas wird in der aeltesten Legendenaufzeichnung
+gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden
+dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals
+eine Roemerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man
+hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem
+verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darueber erblindete,
+erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug
+vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den
+Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls."
+Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus
+und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewaehrte dasselbe
+einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden
+war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der
+Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich
+auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefaess zu setzen, sie
+wuerden sonst zu viel Toechter gebaeren. Ein Stueck von diesem
+Verenakrueglein hat nachmals der Fuerstabt von St. Blasien erworben und
+dafuer den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift
+abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen
+allgemeiner Abloesung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden:
+Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Kuessennacht,
+Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht
+Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses
+Werk; obenauf liegt in Lebensgroesse gehauen ihr Bild in
+Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfraeulichkeit in
+fliegenden Haaren, es haelt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der
+rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
+Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Waeschermagd aus Menschenliebe sich
+unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt,
+sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das
+mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Roessli ist ihr
+Aufenthalt. Aus dem Vorhoeflein desselben schreitet um Mitternacht vor
+hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
+sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spuelt sie ihr
+Weisszeug aufs sorgfaeltigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen
+Vorhof zurueck. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem
+Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird,
+erklaert sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier
+Gotteshoefe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen,
+welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofuer diese
+verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80
+Juchart haltenden Guetern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu
+gehoerenden Antoniuskapelle zu bestreiten und fuer den Messpriester den
+Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie
+sonst im ganzen Lande gesetzlich abgeloest worden ist, haben diese Hoefe
+ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu
+verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher
+Hand an den Gemeinderath von Reckingen uebergegangen und hat seit dem
+Jahre 1854 die gruendliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene
+letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstoeckigen
+Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzaehlt man, kommt zu
+gewissen Zeiten des Nachts ein Fuellen gelaufen, umtrabt das Gebaeude,
+wird darueber zusehends groesser und ist mit einem male wieder unsichtbar.
+Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen
+niemals das Fuellen erblicken, wohl aber statt dessen eine
+weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier
+Ecken bedaechtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
+Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.
+
+Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in
+Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche naehig sind
+("uebergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schuerze zu geben pflegen
+(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
+Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
+Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese
+Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Koenigsfelden wurde Ross und
+Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Ruestpferd laesst die
+Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige
+Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst.
+Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
+Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des
+Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig
+der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar
+darauf der Kapelle in Gruenthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt
+Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal,
+1860, 6.
+
+Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich
+in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Waeldchen, das nach
+einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhoelzli heisst. Am
+suedlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt
+dorten eine schoene Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
+das Haar kaemmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschaedliche
+Nachmittagslamm. Auch das Muetterlein ist freundlich, nur will sie in
+ihrem Geschaefte nicht gestoert und von den Voruebergehenden nicht etwa
+ausgelacht sein, sonst setzt es fuer den Spoetter gewiss einen
+geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwaerts heisst sie
+nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Straehl-Anneli, oder nach
+ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Muetterli, denn Heuel bezeichnet den
+verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
+Liebreize nackter Jungfrauenschoenheit, zieht einen Goldkamm durch die
+Locken und laesst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme
+niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits
+die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen
+Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus
+Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt
+und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer,
+Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmaennin
+gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschaefte gewidmet, die
+Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst
+der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun
+zwar unsern aesthetischen Begriffen geradezu, eine so widerwaertige
+Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schoenheits- und
+Liebesgoettin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das
+klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich
+darueber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der
+zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Roemer ihre Bildsaeule mit einem
+Kamme in der Hand vorstellten, erzaehlt hiebei: Als einst die roemischen
+Frauen die Kraetze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
+Kaemme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen
+die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsaeule,
+die den Kamm trug.
+
+Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt
+schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr
+beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Maedchen das
+schoene Haupthaar und zugleich den schoenen Schatz. Am 1. September, als
+dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden,
+deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
+katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um
+Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein
+neues vor Krankheit geschuetzt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener
+Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Koepfen ihrer Kinder eine
+gruendliche Waesche abhaelt, dem juengsten Maedchen wird der erste Zopf
+geflochten; das behuetet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs.
+Haelt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:
+
+ Chind, bis ietz still und fin,
+ oder es chunnt Frau Vrin,
+ die het ne grosse Striegel
+ und zert di kech am Riegel.
+
+Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbueschel. Die Frau Vrin ist
+also hier eine Drohgestalt, wie in Schoeppners Bair. Sagenb. no. 1282 die
+lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Buerste und Stahlkamm
+behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Maedchen dabei
+weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
+nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden
+solle, und hiefuer hat man folgendes Spruechlein:
+
+ Ach mi liebi Jumpfere Vre',
+ gsehst, i ha kes Schaetzeli meh,
+ straehl und waesch mi doch au nett,
+ dass mi Hansli Freud ab mer het!
+
+Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen
+"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen
+Landvolke verbreitetes Zauberbuechlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19
+folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks
+Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der
+Dreieinigkeit ueber die Warzen und spricht dreimal:
+
+ Frene, Frene, dorra weg!
+
+In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende,
+geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthuemlichkeit des
+weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende
+Zartheit ist das Frauengemueth von hingebender Menschenliebe erfuellt.
+Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit
+schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil
+es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so
+uebernimmt es freiwillig das Geschaeft der Krankenpflege und vollzieht es
+im Einzelnen mit groesserem Gluecke als der Mann, da es weniger schnell
+als er in Dienstleistungen ermuedet, mehr und laenger als er zu dulden, zu
+entbehren, auszudauern vermag in Muehen und Nachtwachen. So erscheint das
+Weib allen Voelkern waehrend grosser allgemeiner Leiden als eine
+heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in
+der Kunstdarstellung der Rettungsengel fuer die schmerzbehaftete Welt
+geworden.
+
+Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzuegen Verenas,
+wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Maerchen
+gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgoettin allmaehlich "zur
+demuethigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke
+(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgoettern und
+zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengoettin
+bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie
+denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlaesst, um
+unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Bueschen und
+Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum wuerde
+man dann die Goettin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, truege sie
+nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird
+sie wieder ein "alt heidnisch Wassergoetzli", wie der Berner H.R. Grimm
+(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon
+die rohe Haerte, mit der sie unglaeubigen Missethaetern die Strafe zumisst,
+laesst ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des
+Zurzacher Priesters sie faelschlich der Veruntreuung im Haushalte
+anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom
+fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten
+stirbt hin ohne Siechthum, Laehmung, Blindheit und Tobsucht. Dafuer, dass
+ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, waehrend
+Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rueckkehrenden im
+fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Haenden festgeklammert;
+ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in
+der erstarrten Hand fest. Gleichfuerchterlich bestraft sie den Bauern,
+der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
+Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
+dreingreifender Koerperstaerke herscht besonders in den mehrfach von
+Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und
+rhaetischen Alpen finden. Sie traegt in Buenden, Engadin und an der
+bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die
+rhaetischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
+Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Praetigau (urkdl. Valzena).
+Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage
+in Tirol, S. 251), eine andere an der weitlaeufigen Eiswueste des
+Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern
+Hoehlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist
+stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
+Holz oder Stein in sich; es laesst nichts drinnen, sagen die Hirten und
+staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Buenden 1, 140. 258.
+Buendner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte
+Vrenelisgaertli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
+Glaernisch, 9,353 Fuss ueber Meer, das sich wegen der angeblichen
+Ausschweifungen des Sennenvolkes aus bluehenden Matten in ewige Gletscher
+verwandelt hat.
+
+Nachfolgende eigenthuemliche Sage hierueber beruht auf der schriftl.
+Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zuerch. Lunnern,
+zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am
+suedlichen Fusse des Albis der unheimliche Tuerlersee, der tiefste im
+ganzen Zuercher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des
+Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend
+gehoerte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsruestigen
+Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die
+Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen
+einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen
+heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in
+ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen.
+Mit Huelfe fahrender Schueler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen
+breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum fuer
+immer vom Gelaende der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Tuerlersee,
+es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so wuerden die Wasser sich
+ueber ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
+einer der fahrenden Schueler die Frau und entfuehrte sie durch die Luefte
+auf die Westseite des Glaernisch, setzte sie hier auf einer weiten
+gruenenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach:
+"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten
+gehaust, bis dieser schoene Alpengarten endlich sich in eine weite
+Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in
+der Hand, zur Eissaeule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern
+eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herueberblinkt.
+
+Dieser eben erwaehnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit
+alter Zeit bekannt und traegt in der Offnung von Borsikon (Grimm,
+Weisthuemer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach
+einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zuerch.
+Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
+Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzuernte schwur, sie
+werde den Tuerlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen
+kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den
+Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte
+Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst
+von der Erde fortriss bis auf den Glaernisch in Vrenelis Gaertli.
+
+So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit
+zurueck. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen
+laesst; der Muehlstein, auf dem sie wilde Stroeme befaehrt; die Felskluefte,
+Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel,
+die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel
+hervor bohrt--verkuenden eine urspruengliche Riesenjungfrau, deren roh
+angelegte Gestalt spaeter ins Satanische umgeschlagen haben wuerde, haette
+die Kirche sie nicht fruehzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen
+besaesse man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der
+demuethig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die
+der Unterschlagung beschuldigt entspringt, ueber die ganze Breite des
+Thales setzt und ihre Fussspur drueben in die Felsenplatte der
+jenseitigen Thalwand eindrueckt.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
+Pfarrkirche, waren pfarrgenoessisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken,
+Zeihen, Denspueren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Haener am
+Schwarzwald, ob Laufenburg.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Verena als Frau Venus.
+
+Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und
+Vrenenhaeuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurueckgefuehrt
+auf den urspruenglichen Mythus.
+
+Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen
+Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf
+dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt.
+Der Text kommt demjenigen am naechsten, welcher einst von Stalder in
+Entlebuch gleichfalls nach muendlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und
+an Lassberg uebergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240
+veroeffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland fuer seine Sammlung no. 297 C.,
+und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres
+Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen uebereinstimmen.
+Was die Literaturgeschichte des Tannhaeuser-Liedes betrifft, die schon
+von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Goedekes Deutsche
+Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollstaendigkeit
+aufgefuehrt.
+
+ Tannhaeuser war ein junges Bluet,
+ Der wot gross Wunder gschaue,[8]
+ Gieng auf Frau Vrenelis Berg
+ Zu selbige schoene Jungfraue.
+
+ Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
+ Chlopft er an a d'Pforte:
+ Frau Vrene, wend er mi inne loh,
+ Will halte eu'e Orde!
+
+ "Tannhaeuser, i will der mi Gspile ge
+ Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
+ Diner Gspilinne begehr ich nit,
+ Min Leben ist mer z'lieb.
+
+ Diner Gspilinne darf i nuet,
+ Es ist mir gar hoch verbotte,
+ Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+ Tannhauser sass am Figebaum,
+ Drunter er war entschlafe.
+ Es chunt em fuer i sinem Traum,
+ Er mueess uf Rom wallfahrte.[11]
+
+ Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
+ Wohl unters hoechsti Thor,
+ Frogt er dem oberste Priester noh,
+ Wo in der Stadt Rom waer.
+
+ Wo er i d'Chille ie chunt,
+ Vor'm Pobst thet er sich gneige:
+ Gott grueeze eure Heilige, Pobst,
+ Mine Suend will i eu azeige.
+
+ Der Pobst het do en dueere-dueere Stab,
+ Vo Duerri war er gspalte:
+ "So wenig de Stab meh z'grueene chunt,
+ So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
+
+ Und wenn i nuemme z'Gnade chum
+ Und nuemme mag werde bihalte,
+ So gohn i uf Frau Vrenis Berg
+ Und leben bin ihr im Walde.
+
+ Es goht nit meh als dritthalb Tag,
+ So fieng der Stab a z'gruene,
+ Er treit es Laub so grueen wie Gras,
+ Darzue drei schoeni Blueme.[10]
+
+ De Pobst schickt sine Botten us,
+ Sie wuesset ehn niene meh z'gwahre;
+ Er schickt sie us in alli Land,
+ Der Tannhuser blibt verfahre.
+
+ Sie choemmet uf Frau Vrenelis Berg,
+ Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
+ Tannhuser soll do usse cho,
+ Sine Suende eigen ehm nochg'losse!
+
+ "Zun-ech usse cho, das chan i nit,
+ Do muess i bliben inne.
+ Muess bliben bis am Juengste Tag,
+ Dae gohts mer erst, wies cha und mag!"
+
+ Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
+ Der Bart wachst ihm drum umme,
+ Und wenn er druemal ummen isch,
+ So wird der Juengst Tag bald chumme.
+ Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
+ Oeb der Bart es drittmol umme goht
+ Und der Juengsti Tag well chumme.
+
+Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Huegel, an dessen
+suedlichem Fusse vormals die Gerichtsstaette des Bezirks gewesen war und
+wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen
+Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde aelterer Leute der Frau Vrenes
+Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter
+Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich
+bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhaeuserlied, und
+wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehoerenden Thiergarten
+"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler
+histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der
+Stelle der Venus in das Tannhaeuserlied und was ist der Sinn dieses
+Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm
+(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene
+die Goettin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither
+weiter vorgerueckte Sagen- und Sprachforschung bestaetigt.
+
+Die echte Goettersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von
+Fioelsvinnr und erzaehlt also. Die Goettin Freyja war dem Halbgotte Odhr
+vermaehlt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres
+beruehmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Mengloed; nun aber
+empfieng sie den neuen Namen die Thraenenschoene, denn um den verlornen
+Gemahl durchsuchte sie alle Laender und weinte ihm goldne Thraenen nach.
+Sie mied der Maenner Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhoehe eine
+Halle, ueber deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte
+hier mit heilkundigen Maedchen eintraechtig zusammen. "Hilfeberg heisst
+die Hoehe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine
+Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wuessten." Da kehrte der die Welt
+durchreisende Odhr nachmals wieder zurueck und sprach zum Waechter des
+Berges: "Reiss auf die Thuere, Waechter! auf kalten Wegen komm ich her,
+die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Saeumniss schuld, doch geh
+und frag erst Mengloed, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den
+Langersehnten mit Kuessen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag
+und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfuellt; mein
+lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide froehlich!" Die
+Verwandtschaftszuege zwischen diesem Mythus und dem Tannhaeuserliede sind
+einstweilen folgende. Odhr-Tannhaeuser wandert aus dein Waldberge der
+Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei
+allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
+verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger,
+hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Waechter
+(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und fuehrt ihn in den Berg.
+Draussen laesst er den duerren Wanderstab liegen, der sogleich an zu
+gruenen faengt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht
+mehr unterbrochne Glueck nach der Laenge des Bartes, der ihm dreimal um
+den Tisch herumwachsen wird. Entzueckt ueber diese doppelte Unendlichkeit
+ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine
+Freyja-Vrene, ob nun noch ein juengster Tag gedenkbar sein koenne. Zur
+Bekraeftigung dieser gegebnen Erklaerung sowohl als der sogleich
+mitzutheilenden Etymologie der bezueglichen Eigennamen, fuegen wir ein
+paar Sagenbruchstuecke bei, die zu dem Kostbarsten gehoeren, was in der
+letzten Zeit zu Tage kam. Proehle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es
+war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem koeniglichen Schloss und
+hiess Fru Freen und Fru Frien. Sie war einmal im Himmel gewesen und da
+von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden,
+durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand,
+brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
+folgenden Reim:
+
+ Fru Frien
+ wolle geren frien
+ un konne keinen krien,
+ da feng se an de schrien.
+
+Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen
+Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren
+verschwundnen Gemahl trauernde Goettin heisst in Wolf's Hess. Sagen no.
+12 die Huldgoettin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in
+dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl ueber ihren Mann so bittre
+Thraenen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl
+die Goettin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen
+Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist
+die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frea (ahd. Frouwa,
+domina) und lebt in den niedersaechs. Sagen bald unter den diminutiven
+Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und
+Druebeck als Fru Frien, Fru Freen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S.
+414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
+Schoenheits- und Liebesgoettin stehen nun die oberdeutschen desselben
+Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsaechs.
+fri, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frin:
+pulcher, venustus. "Bis mer huebsch frin", sei mir huebsch artig, huebsch
+sittsam, sagt das Berner Maedchen zu einem allzu stuermischen Liebhaber;
+"de sim-mer jo die freinste Luet", gar allerliebste Leute, heisst es
+luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schoenheitspraedikate
+uebereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname
+Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schoene. Der Stamm des Wortes geht
+durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit
+priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus
+Veneris) heisst irlaendisch Freyjuhar, daenisch Fruehar und Venusgraes,
+norwegisch Mariagras, weil die Schoenheit das hoechste Epithet bleibt, das
+an Goettinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs,
+dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
+Figuren der Goettinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins
+Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung
+war sogar schon den nordischen Quellen gelaeufig und hat darin ihre
+Berechtigung, dass beide urspruenglich nur die in zwei Seiten auseinander
+gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines aelteren Goettersystems
+gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Goetter in Asen und
+Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die
+mit dem Gemahl als Windsbraut einherstuermt und Leichenfelder zehntet,
+hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube
+eine familiaere, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist
+die fruehere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen
+ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen,
+zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So
+urtheilt ueber die Vanengoetter ueberhaupt Weinhold D. Frauen, 30.
+
+Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angefuehrten Namen
+der Goettin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und
+Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen
+einer und derselben Goettin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
+schweiz. Tannhaeuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im
+Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in
+denen die Minnegoettin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast
+der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur
+dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und
+Hexengeschichten uebertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von
+der Omeiss 36, laesst die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fuenfzig
+Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum
+gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628
+regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der
+Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
+_Kroeten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner
+Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhaeuserliede
+selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:
+
+ Sie ist ob em Guertel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die oeffentlichen
+Frauenhaeuser Venushaeuser genannt und nach der einmal vorhandenen
+Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhaeuser. Ein Stadtquartier
+Hamburgs mit einem besondern Huegel, das den Dirnen zum Wohnorte
+angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761.
+Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
+Aussaetzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das
+Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei,
+Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt
+(ed. K. Goedeke, S. 151):
+
+ zuo Basel in der Malentz gassen
+ do hat sich fraw Venus nider glassen.
+
+Auch dieser Umstand dient uns zur Erklaerung einer sonderbar lautenden
+Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach
+begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der
+ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und fuehrt an
+einer alten Linde vorbei, deren zerkluefteter Stamm mit Ziegelsteinen
+ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden.
+An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der
+aeltesten Legendenaufzeichnung erwaehnte Siechenhaus, das erst in diesen
+fuenfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
+Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten
+Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der
+Landvogt von Baden zur Eroeffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt,
+erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen
+Tanz um den Baum thun musste. Dafuer erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
+gestiftet von jener Koenigin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres
+erschlagnen Vaters, das Kloster Koenigsfelden bei Brugg erbaut hatte.
+Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen
+"Metzentanzes" ebenfalls Erwaehnung, verlegt ihn aber faelschlich unter
+die Linde des Staedtchens Brugg, also dem Stifte Koenigsfelden zunaechst.
+So war Verena die Patronin der Frauenhaeuser und Metzen geworden.
+
+Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmaerkte ist noch nicht
+aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestaetigungsbrief und Kaiser Friedrichs
+hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen
+Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die
+andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomaeitag. Sie werden abwechselnd
+Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem
+latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
+aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des
+Neumonds begangenes Fest uebersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
+entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit koennte die Zurzacher Dult
+schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie
+hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich
+zusammenhieng. Kirchen und Kloestern wurde fruehzeitig das Marktrecht
+verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die
+Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher ruehrt der andere Marktname
+Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines oertlichen
+Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzuegen
+besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzuege gehen von einer
+Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmaerkte des
+Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe
+der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint
+liegt.
+
+Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche haeute
+Venus heissen, ist urspruenglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei
+unserem gegenwaertigen Zwecke keineswegs ueberfluessig zu zeigen, wie
+hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverstaendniss sich erzeugt
+hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Truedinger beim Dorfe Eib an
+der Rezat, naechst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge
+auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort
+Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er
+bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das
+Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb
+Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt
+die Venus vor einem gruenen Huegel stehend. Anz. des German. Museums 1860,
+88. Das saechs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst
+urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Graesse, Sag. v. Tannhaeuser, 18. Ein
+Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch.
+Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
+fuehrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein,
+Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmoeglich alle dem Latein
+abgesehen sein koennen, empfand schon Fischart, der in seiner
+Uebersetzung von Bodinus Daemonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei
+Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
+und herumtraegt; allein, fuegt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede
+den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem
+abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem
+romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist,
+bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform
+Feenesleute, wie die Erdmaennchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23
+heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatlaender Patois fort,
+Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins
+Rhaetische ueber, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch
+Fayer, gaelisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des
+Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und
+Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als
+Feen dorthin verwuenschten boesen Geister bezeichnet und dass sie
+Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehoert jedoch der Name
+des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesaenger, gestorben um 1196; dessen
+Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande
+gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils,
+ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
+oertlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.
+
+Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die
+Liebesgoettin, wird vom hoefischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch
+die Kirche zur Patronin der Siechenhaeuser, durch die Zeitsitte zur
+Mutter der Frauenhaeuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
+Spracheinfluss zur Koenigin der Feen gemacht, mit denen sie im
+Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgoettin in ihrem schattigen Lusthain
+(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklaerlich Tannhauser. Auf den
+bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesaenger Tannhuser (gestorben um
+1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
+Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht
+geschlossen werden, weil sich die Tannhaeusersage, wenn auch unter
+anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefuer
+giebt Grimm Myth. 888.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Uhland C.
+
+[9] Uhland A.
+
+[10] Uhland B.
+
+[11] Nach Uhland C.
+
+[12] Uhland A.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+III.
+
+Gertrud mit der Maus,
+
+die Allerseelenherrin.
+
+ * * * * *
+
+
+Die heilige Gertrud, ahd. Keredrud, traegt den heidnischen Namen einer
+germanischen Walkuere und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrudhr
+bezeichnet sowohl Thors und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda
+genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das
+altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib,
+virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe
+niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schlaefer
+auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp,
+bezeichnet. Der Trude ist daher der fuenfeckige Trudenfuss eigen, dessen
+Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengefluegelten Walkuere
+entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon
+Irminonis (sec. 8) unter den fraenkischen Frauen genannt; ebendaselbst
+eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen
+Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrud), die das Heiligthum, alah,
+verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud
+bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen,
+dass Regen faellt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 uebersetzt trutari
+mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das
+Geschaeft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
+muessen. Da die Walkuere zugleich die den Lebensfaden spinnende
+Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen
+Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den
+Goettinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem
+Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben
+genannten Goettinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des
+Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
+Fruehlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den
+Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit
+Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird
+Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die
+naechtlich wuehlende Maus, kuendet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die
+Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge
+dessen versoehnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man
+die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Suessen Maeuschen baeckt.
+
+Dies ist der aeusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.
+
+Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre aelteste
+Legende in vielfaeltigen Widerspruechen, die aus der Bemuehung entstanden
+sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
+unterzubringen. Ihr aeltester Biograph ist ein Moench in Nivelles,
+zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS.
+sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles,
+zwischen Bruessel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I.
+Gemahlin Ita um 640 gegruendet und wird von deren Tochter Gertrud als
+erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
+gleichfalls ein Niveller Moench im 10. Jahrhundert, erzaehlt, dass
+Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach
+Franken entflohen sei und hier laengere Zeit in dem von ihr gestifteten
+Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
+gefuehrt habe. Allein die Benediktiner fuegen dieser Angabe hinzu,
+dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen
+desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl.
+Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man
+dorten die Klostergruendungen und Vergabungen zu Karleburg und zu
+Neustadt am Main beilegt, ja man fuehrt daselbst noch eine dritte hl.
+Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und
+nachmalige Gattin des Koenigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von
+dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
+fruehzeitig eine volksthuemliche Verehrung genoss, und dass man aus eben
+dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das groesste deutsche
+Kaiserhaus anknuepfte. Auch ihre fruehzeitig erfolgte kirchliche
+Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens
+bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
+Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert
+angehoert, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am suedlichen Ufer der
+Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
+Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so
+die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegruendeten Kirchen mit
+den fruehesten Anfaengen des Christenthums in Deutschland zusammen.
+
+Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei
+zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthaetiges Sterbebette kirchlich verwendet
+wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4,
+25. In hollaendischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
+Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die
+Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin
+der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne"
+trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434.
+Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, traegt
+Gertrudens hoelzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen.
+Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich spaeter als ein Rockenstab,
+der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des
+Gertrudenbuches, Koeln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an
+welchem drei Maeuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen
+eingewoben, zwei, Weihrauchfaesser schwingende Engel umschweben sie.
+Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der
+Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. Maerz, als den Gertrudentag,
+durch zwei Maeuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit
+correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbuechlein (edd.
+Strobel) lautet:
+
+ so kumet die liebe sant Geretrud,
+ die so entschlief in gottes willen,
+ und stulen die ratten und miuse ir spillen
+ und trugen sie in ir miuseloch.
+
+Auf einem Gemaelde, das vordem im Strassburger Muenster gewesen, auf das
+sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Koenighovens Chronik 571 beruft,
+war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend,
+umschwommen von Maeusen und ueberragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
+in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der
+Maus, wird nachher ausfuehrlicher die Rede sein; fuer jetzt seien die
+landwirtschaftlichen und buergerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt,
+die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.
+
+Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. Maerz) sich knuepfenden
+Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der
+Winter, und mit dem 17. Maerz der Fruehling beginnen soll, so ziehen mit
+dem letzteren Termin die Hausmaeuse aufs Feld. Davon heisst es bei
+Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
+lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft
+die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Woertb. 2,
+71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es
+beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste
+Gaertnerin verehrt ist. Die Fruehlingswaerme kommt, die Bienen nehmen ihren
+Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende
+Sprueche;
+
+ Suente Katherin
+ smitt den ersten Sten in 'nen Rhin.
+ Suente Gerderut
+ tueht ne wi'er herut. (Aus Koeln.)
+
+ Sankt Gertraud
+ fuehrt die Kuh ins Kraut,
+ das Ross zum Zug,
+ die Bienen zum Flug.
+
+ Gerdrut
+ geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)
+
+ Sant Gertrud
+ Saeit Zibelae und Chrut. (Schweizerisch.)
+
+Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln,
+wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im
+Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der
+Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz.
+Merzafuelli, d.i. Fohlen; Gertrudentag faellt auf 17. Maerz und die
+Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk frueh im Maerz, so giebts einen
+guten Fruehling.
+
+Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzaehlt von ihm
+folgendes Maerchen, enthalten in Asbjoernsen's Norske Folke-Eventyr 1866,
+no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemuede und hungrig bei einer
+brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf
+Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats uebers
+Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und fuellte das ganze
+Geschirr. Dieser Kuchen war ihr fuer ein Almosen zu gross; zum zweiten
+male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Groesse,
+und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr
+muesset ohne Almosen gehen, all mein Gebaecke wird zu gross fuer euch! Zur
+Strafe verwuenschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch
+ihre rothe Haube traegt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum
+Schornstein hinausfuhr. Bestaendig hungernd hackt sie nach Futter in die
+Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth.
+3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorueber, wo frisches
+Brod duftete, und sandte einen der Juenger hin, um ein Stueck zu
+erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
+sechs Toechtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafuer sind diese
+zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber
+ist zum Kukuk geworden. In Praetorius Weltbeschreibung und darnach in
+Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur
+theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott
+den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen:
+Guck! guck! (ei sieh!) Dafuer ist er in einen Raubvogel verwandelt, der
+unaufhoerlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt
+hierueber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe
+ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafuer,
+als man auf des Kindes flache Hand hinzaehlen koenne. Das Bueblein gieng
+darauf ein und machte sein hingestrecktes Haendchen immer hohler und
+schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zaehlen gar nicht fertig werden
+wollte, noch ein Plaetzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen,
+so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf
+Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.
+
+So wird hier der Specht, urspruenglich ein nahrungsspendender Bote
+Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und
+geht in die Gestalt des gleichfalls eigennuetzig gefassten Kukuk ueber.
+Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwuenschter
+Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies
+besagen die nachfolgenden Kindersprueche:
+
+Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk,
+Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em duerre
+Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis
+acetosella, der zur nemlichen Zeit blueht, da des Kukuks Ruf ertoent,
+heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod,
+franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschoel
+cucu (Butterbrod), und weil seine saeuerlichen Blaettchen von den Kindern
+genascht werden, auch Herrgottensuepple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das
+Brod, 1868, 6. Auch die suessen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen
+Guggichbroedle.
+
+Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
+Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
+Fastenzeit um Ostern baeckt, mit Speckwuerfeln belegt und Speckwaehen
+benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange
+seinen Ruf ertoenen laesst, als die Bruetezeit dauert und er die Eier
+andrer Voegel aussaeuft. Ist diese Zeit vorueber und es beginnt die Reife
+der Fruehkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier fuer
+buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme
+verfaellt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn
+erregten Theuerung knuepft sich an sein zeitweilen verspaetetes Erscheinen
+und an sein ueber die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
+oberfraenkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem
+Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er
+soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in
+welches jene Beckerin mit ihren Toechtern verwandelt ist; das ist bis
+Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierueber: Wenn d'Henne
+abwaerts goend, schlot s'Brod ab, wenn s'ufwaerts goend, schlot 's uf. Haelt
+der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen
+Opfer er selber zuerst wird; hievon erzaehlt folgender venetianer Spruch:
+
+ Am achten des Aprils,
+ da soll der Kukuk kommen;
+ Kommt er am achten nicht,
+ so ist er todt oder gefangen.
+ Kommt er am zehnten nicht,
+ so haengt er gefangen im Zaun.
+ Und kommt er am zwanzigsten nicht,
+ so ist er gefangen im Korn;
+ Und kommt er am dreissigsten nicht,
+ so ass ihn der Hirt mit Polenta.
+
+Weil mit des Kukuks zeitgemaessem Erscheinen zugleich der Anbau in der
+ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwaebisch Mundingen
+Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und
+daraus erklaert sich vollstaendig der Schwabenstreich des Staedtchens
+Haiterbach, welches gegen die verspaetete Ankunft des Vogels
+Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch
+bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grueene Haber schnelle
+(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in
+Zuerich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhaeusern zu nahe, eine
+Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Voegeln LXXI). Haelt er den
+richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
+Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis
+in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu,
+in Meiers Kinderreim. no. 87:
+
+ Schrei sie mir in Deckelkraebe
+ Wie viel Jahr darf ich noch lebe?
+
+Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und
+Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer
+verkuendendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag
+4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
+Myth. 3, 222):
+
+ Kukuk, Kukuk, Gerderut:
+ staeck dine ver Hoerns herut!
+
+Um so besser stehts um das berufende Kind, je puenktlicher ihm die
+Schnecke ihre vier Fuehler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in
+die Fuehler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Goethes Lied
+Fruehlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April
+gehoerten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und
+der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
+man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung
+ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfaelisch der
+Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht
+man:
+
+ Gugguger im Sessel,
+ Gieb mir dein Geld zu lesen,
+ Will dein Geld dir wieder geben,
+ Sag, wie viel Jahr thu ich leben?
+
+Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers
+Thuering. Sag. no. 9 kommt in den Zwoelften unter wunderbarem, weit
+vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die
+Gestalt einer gewoehnlichen Taube hat, aber an ihren Fuesschen ein kleines
+Schilfstuehlchen mittraegt, das sie, wenn sie muede wird, auf den Boden
+stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst beruehrt die Erde nie, wo sie
+aber das Stuehlchen hinsetzt, da gruent und blueht es im folgenden Sommer
+am schoensten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikoenigtages wird die
+Taube wieder zur Frau. Hier ist der Fruehlingsbote, Kukuk oder Taube, die
+ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Goettermutter,
+die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem
+goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Fruehlingsgoettin steht Freyja-Frigg
+der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
+Vrymaend. Compte rendu, Bruxelles 1843.
+
+VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.
+
+Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:
+
+ Gugger uf em grueene Ast,
+ Du, mi liebe, schueeche Gast:
+ Gugg mer doch, bis au so guet,
+ Wie maengis Jahr no han i z'guet?
+
+Wer waehrend dem ungerades Geld bei sich traegt und auf den Sack schlaegt,
+dem geht es das Jahr ueber nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der
+Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar
+also reden laesst:
+
+ Hans ghoert di z'erst, er gryft i Sack
+ u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),
+ dass i kei Batze by mer ha,
+ jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"
+ Un Aenni lost und fraglet di:
+ Wie maengs Jahr aecht no leben i?
+
+Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zuercher Chirurg
+Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesaegnen, Zuerich 1646, 13: "Vnd da der
+guckguck Fuenffe herfuer geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
+anders nichts, dann das sy noch fuenff jahre zu leben hette. Sie fiel
+aber bald in eine schwaere krankheit und da sie zum sterben sich
+zuzeruesten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck
+hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem
+letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie
+jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fuenft finger auff,
+andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fuenff jahr zu leben
+habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"
+
+Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der
+hoert auch den Kukuk nicht mehr; was man verwuenschen will, das soll des
+Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende
+Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache
+bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der
+Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
+Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
+daher auf den hoelzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke
+abgebildet, als Angehoerige um einen Todten trauern, und von einem
+Serbenmaedchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzaehlt, dass es nie
+mehr habe den Kukuksruf hoeren koennen, ohne nicht in heftiges Weinen
+auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus.
+317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
+Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim
+Fruehlingsbade ertrunken, im naechsten Fruehjahre:
+
+ Aelter wird mein Ellenbogen,
+ Schwaecher wird mein Handgelenke,
+ Ja, der ganze Koerper zittert,
+ Wenn des Kukuks Ruf ich hoere!
+
+Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem aeltesten
+Mythus ueberein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein
+verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem
+transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech.
+und roemische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und
+eine Saeule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus
+der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altroemischer Mythe
+die ausgesetzten Zwillingssoehne des Mars, Romulus und Remus, aufgeaesst
+und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein
+Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die beruehmte
+Springwurzel, vor welcher die Thueren der Schatzkammern und Gefaengnisse
+aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu
+fuettern, laesst er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes
+Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Voegel
+Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den
+Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab
+weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erloesendem
+Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in
+Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
+der spaehende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart),
+welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thaetigkeit in Ostfranken, und
+so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.
+
+Wie diese eben beschriebnen Fruehlingsthiere, weil sie daemonische sind,
+aus Gluecksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht
+dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die
+Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich
+da entweder in gute oder in boese Elbe zu verwandeln; als solche
+erscheinen sie hierauf wieder als schaedigende oder als bescherende
+Maeuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir
+nunmehr in Ausfuehrung.
+
+Wie Holda-Berchta die unmuendig Verstorbenen, und Valfreyja die in der
+Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach aelterem Kirchenglauben
+die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu
+nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm
+Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc
+prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum
+archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea.
+Erweitert findet sich dieser merkwuerdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
+niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und
+Kraeuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem
+Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S.
+Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Doere der
+groten Stede gebuwet syn; und darna moth se uouer dat Leuuer-Meer.
+Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin
+schon erwaehnten Muenstergemaelde dargestellt, das den Bischof Wilderolf
+und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos
+Maeusethurm zum Rheinstrom. Hievon spaeter. Gertrudens Kirche und die von
+den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der
+Nuernberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof,
+an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe
+verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
+und auch Gertraud ueberlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem
+letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor
+Tag in die Fruehmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der
+unheimliche Eindruck, als waeren statt der Gemeinde und Geistlichkeit
+lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem
+Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter
+klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin
+Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie
+ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
+Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
+gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schoeppner, Sagb. no. 1147.
+Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nuernberger Patrizierin
+geworden, welche ueber das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist,
+allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die
+Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walkuere
+liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
+Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
+Abgeschiedenen die Gestalt von Maeusen annehmen.
+
+Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als
+Weisse Maus. Mueller-Schambach, Niedersaechs. Sag. S. 269; dazu ebendas.
+no. 7. 264. Luebecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
+abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein
+Weib gewesen, die ueber dem Wunsche, niemals zu sterben, zu
+mehrhundertjaehrigem Alter kam, zur Groesse einer Maus zusammenschrumpfte
+und unter einem Glaskaestchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde.
+Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen
+Seher Tiresias, der fuenf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und
+nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
+Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Goethe'schen Faust schildert das
+ploetzliche Ende der gespenstischen Taenzerin: "Mitten im Gesange sprang
+ein weisses Maeuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
+sich folgende Saetze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser
+drei weisse Maeuse faengt und toedtet, so kommt er in die Hoelle. Wer eine
+weisse Maus quaelt, dem fressen die uebrigen das Korn von der Schuette. Vor
+der franzoes. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau,
+wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwoelf weisse
+Maeuse zu erblicken, die man fuer zwoelf verwuenschte Rathsherren hielt; so
+erzaehlt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Daeniken.--Weisse
+Maeuse, berichtet V. Grohman ueber Boehmen, geniessen in diesem Lande eine
+Art religioeser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den
+Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glueck des
+Hauses sterbe. Ein Nest weisser Maeuse zu finden ist nur Sache eines
+Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezuechtet, und
+laesst man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schuettet da das
+Getreide um die Haelfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der fuehrt
+den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn,
+von dessen Ausfall man traeumt, um so naeher verwandt der Freund, dessen
+Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen
+Maeuse in einem aehnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte
+einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Maeuschen bis ins Herz
+hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der
+niederd. Pfarrer Maennling in seinen Curiositaeten, Frkf. 1713: "Ists
+nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden laesst, die Seele des
+Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde
+heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Maeuse
+auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.
+
+Einer thueringer Magd, die in der Gesindestube ueber der Arbeit
+entschlafen ist, kommt ein _rothes Maeuschen_ zum Munde heraus und geht
+durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmaedchen
+ruettelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu koennen.
+Das Maeuschen kehrte hierauf zurueck, suchte hin und her nach der vorigen
+Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte
+die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335.
+In Gestalt eines _weissen Maeuschens_ kommt der Alb durchs Schluesselloch
+ins Schlafzimmer und drueckt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich
+schon ein Tuch ueber die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es
+nun, da sie ihn stoehnen hoert, an den vier Enden zusammen, thuts in die
+Schublade der Kommode und laesst den Schluessel dran stecken. In derselben
+Stunde war im Nachbarorte ein Maedchen ploetzlich gestorben und sollte
+nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit
+dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufaellig den
+Schluessel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich
+schlupfte ein weisses Maeuschen durchs Schluesselloch und lief zur Thuer
+hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
+wollen, als ein Maeuschen zur Thuere herein und in den Mund der Leiche
+gelaufen kam, diese oeffnete die Augen und gehoerte wieder dem Leben an.
+Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thuering. Sag.
+no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
+geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das
+Schluesselloch der Kammerthuere verstopft, so sieht er statt der Maus ein
+wunderschoenes Maedchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no.
+96. Kuhn, Westfael. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem
+Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus
+seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
+Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurueck. Alsdann wachte
+der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen
+Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn
+sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die
+Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Proehle,
+Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der
+Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich
+einer Wiesel, aus seinem Munde dem naechsten Baechlein zugelaufen und will
+hinueber. Der zuschauende Knecht legt sein entbloesstes Schwert wie eine
+Bruecke ueber den Graben, das Thierlein geht darueber hin und verschwindet.
+Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige
+Bruecke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert
+weggethan. Also brueckte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herueber,
+naeherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein.
+Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe
+begegnet, antwortete er: Mir traeumte, ich waere gar mued und hellig von
+wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste
+ich zweimal ueber eine eiserne Bruecke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als
+Wiesel faehrt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess.
+Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von
+Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkoenig Guntram, dessen
+Seele in eines Schlaengleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt,
+auf einem Schwerte den Bach ueberschleicht, in einen Berg schlieft und
+rueckkehrend ueber die naemliche Schwertbruecke in den Mund des Koenigs
+zurueck geht. Der Erwachende erzaehlt, vom grossen Flusse mit Eisenbruecken
+getraeumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben.
+Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige aehnliche Sagen aus
+Boehmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende
+Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal gefluegelter. Aus
+dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no.
+408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031,
+und Vonbun, Beitraege 2, 83. So viel von den Maeusen als ausfahrenden und
+umwandernden Menschenseelen. Sind die Maeuse damit Geister, so koennen sie
+sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschuetzen und
+den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen ueberhaupt den
+Voelkern allgemein zum Omen. Das Gleichgueltigere sei hier wiederum
+vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzufuehren. Unser
+uebelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, hollaend.
+morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause
+auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Traeumt man von Maeusen, so wird
+es naechstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand,
+so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den
+Schlaefer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt
+dieser bald. Verlassen saemmtliche Maeuse mit einem Male das Haus, so ist
+dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Mues, wenig Luet. Salom.
+Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:
+
+ Der Aberglaube redt re noh,
+ (Me cha zwar uf das G'schwaetz nid goh,
+ Glaubt' i's, i mueesst mi schaeme):
+ Verloei die Fruendi d'Wohnig ganz,
+ Geb's i dem Hus en andre Tanz,
+ Das heisst, es g'hei bald z'saeme.
+
+Maeuse verkuendeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die
+Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als
+sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8,
+82. Als die Philistaeer die Bundeslade geraubt und in Dagons Goetzentempel
+aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre
+Felder mit dem Maeusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77,
+66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurueck und
+uebersandten dazu in einem Kaestlein als Suehnkleinode fuenf goldne Maeuse
+und fuenf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage
+heimgesucht gewesnen philistaeischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4.
+Aehnliche Suehnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der
+Priesterkoenig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafuer eine
+Bildsaeule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141.
+Vergoldete Aehren und goldne Maeuse wurden der phoenizischen Ceres zum
+Suehnopfer gebracht. Welcker, Griech. Goetterl. 1, 484. Im kretensischen
+und im aeolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
+Feldmaus, Muenzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus
+dar, sowie auch eine Muenze von Metapont die sechszeilige Gerstenaehre
+zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer,
+Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen
+dargestellt sieht (Tassie no. 1585), traegt die Maus auf dem
+Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl.
+Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die
+Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Maeusefrass geknuepft, und die
+agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte
+Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Maeuse
+vertilgen. Dieselbe Abhuelfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud
+gewaehrt, welche, indem sie die Maeuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen
+abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu
+baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
+Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehoert die allbekannte
+Sage vom Rattenfaenger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der
+magischen Pfeife knuepft, mit deren Tone die Maeuse vertrieben werden, und
+hiervon noch spaeter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen
+Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
+Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten
+Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzaehlt.
+Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Maeuse und
+Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem
+fremden Mann ueberein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
+Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor
+und sowie er darauf spielte, kamen die Maeuse aus den Hauswinkeln,
+Daechern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er
+trat sein Kleid aufschuerzend in den Strom, die Thiere ihm nach und
+ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn.
+Allein die Buerger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am
+folgenden Mittag wieder, diesmal in Jaegertracht, sein Hut war
+purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Laenge, und nun spielte er
+eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm
+binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum
+zwoelften Altersjahre, die fuehrte er, 130 an der Zahl, in eine Hoehle des
+vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
+wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit
+unter der Erde fort his nach Siebenbuergen und dorten erst wieder ans
+Licht gefuehrt; denn seitdem spricht man in diesem Lande
+niedersaechsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die
+Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen
+Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafuer
+vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Maeuseheere
+wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf
+seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee,
+und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben
+verloren.
+
+Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis
+lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Moench Angionini mit dem Erbieten
+erschien, den Ort von seinen Ratten und Maeusen zu befreien. Er lockte
+alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den
+versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle
+Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gaense, um ihn
+sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die
+Uebereinstimmung dieser Erzaehlungen lehrt, dass die Maeuse, weil sie
+Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit
+hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Fruehling den
+Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182);
+wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende
+Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du
+singst mir alle Maeuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
+singenden Kinde. Zur Vertreibung der Maeuse bedient man sich folgenden
+Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein
+Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man
+haengt dem gefangnen Thiere ein Gloeckchen an und laesst es laufen; es
+springt aus dem Hause und alle uebrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
+Maeuse, S. 26. Abergl. aus Boehmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die
+Pfeifchen im Schweife der hoelzernen Spielroesschen und die thoenernen, die
+man an der Stelle des Schwaenzleins in die Erntenudel der gebacknen
+Maeuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt
+die Umschrift an der grossen Abteiglocke in wuertembergisch Weingaerten;
+die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten
+(Kloster Weingarten, 1857, 48):
+
+ Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.
+
+Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in
+seinem Thurm zu Bingen von den Maeusen bei lebendigem Leibe gefressen
+wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer
+Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und
+der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhoehnte: Hoeret, wie meine Maeuse
+pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen
+wird nebst der eben beruehrten Sage von Trithemius in der Hirsauer
+Chronik 1, 116 erzaehlt und zur Unterstuetzung dieser Begebenheit, wie es
+scheint, dorten S. 140 ein aehnlicher Fall vom J. 995 hinzugefuegt ueber
+einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am
+thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Guettingen soll sich
+desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Maeusen
+aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es
+haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3,
+307), und juengsthin besonders ausfuehrlich Grohmann (Apollo Smintheus, S.
+78 ff.) ueber diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der
+Erklaerung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein
+zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Maeuseplage und
+damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorraethe besorgte
+Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit
+Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt
+der Maeuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt.
+Maeuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder
+Seuchenzeit einstellen. Das Bruederpaar, das sich vor der Pest auf den
+Irchelberg fluechtet, erwuergt sich da in der Hungersnoth um einer
+gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur
+Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende
+Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Maeuse gehext habe.
+Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher
+gebraeuchliche Phrase: Mach mir keine Maeuse. "Die Festung macht Maeuse und
+will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Goethes Buergergeneral, 9.
+Auftritt.
+
+Die den Koerper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele
+hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern ueber
+die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:
+
+ Kommt ein Maeuschen,
+ will ins Haeuschen,
+ da 'nein, da 'nein!
+
+Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu
+sein, den Maeusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse,
+welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schaedigung der
+Lutmaeuse beim Amte Glurns anhaengig machte, erhielten beide Parteien
+ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Maennern besetzt,
+fuer Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehoert und der Beschluss
+lautete: Die Lutmaeuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich
+gaenzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und
+jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger waere,
+oder Jugend halber nicht fortkommen moechte, dieselben sollen ein
+weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no.
+708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540,
+welches die Maeuse als Saatenverwuester anklagen und verurtheilen liess;
+der Maeuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanaeus, nachmaliger Praesident des
+Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
+nicht dreimal vorgeladen und koennten, so lange die Strassen durch Hunde
+und Katzen unsicher seien; fueglich auch nicht erscheinen. Diebolt,
+Histor. Welt, 1715, S. 1117.
+
+Von hier aus uebergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern,
+findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknuepften
+volksmedizinischen Braeuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein
+Opfer hinauslaeuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den
+Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafuer von der Maus einen neuen,
+dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
+wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Maeuschen, da
+hast du einen hoelzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In
+Schlesien: Maeusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
+Steindel.--Maeuschen, ich geb dir einen knoechernen Zahn, gieb du mir
+einen eisernen. Kuhn, Westfael. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es
+(Alemann. Kinderl. S. 338):
+
+ Muesli, Muesli, nimm de Zah,
+ gim-mer en schoene goldige dra,
+ frei en schoene wisse,
+ ass ech's Brod cha bisse.
+
+Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht
+selber verschluckt, hoch gegen Himmel:
+
+ Seh, liebe Herrgett, en Zah!
+ Gieb mer wider en andre dra.--
+
+In Wuertemberg wirft es ihn ueber sich und spricht beim Schneidezahn:
+
+ Se, Maeusle, has du dean Za,
+ sez mer derfuer en andra na!
+
+Beim Mahlzahn heisst es:
+
+ Wolf, Wolf, da has en Za,
+ gi mer derfuer no koen Biberza!
+
+Birlinger, Schwaeb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwaebisch Name des
+waelschen Hahns (Birlinger, Schwaeb. Woertb. 61) und bedeutet hier: lass
+mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein
+altarabischer Spruch in Rueckerts Morgenlaend. Sagen 2, 264 opfert den
+Schichtzahn gleichfalls der Sonne:
+
+ Liebes Kind, nimm deinen Zahn,
+ Der dir ausgefallen,
+ Wirf ihn zu der Sonn' hinan,
+ Sprich mit frohem Lallen:
+ Gieb mir einen bessern dran!
+ Und du wirst von allen
+ Neuen Zaehnen keinen Zahn
+ Schwarz und schief und stumpf empfahn,
+ Sondern jeden wohlgethan.
+ Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.
+
+Dem Sonnengotte Freyr ward von den Goettern die Sonne, Lichtalfenheim,
+zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine
+Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in
+Sueddeutschland Woelfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszaehne werden
+dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Ruecksicht
+auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
+zum Opfer faellt.
+
+In Hahns Griechisch-albanes. Maerchen no. 10 und 101 laesst sich die
+Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen
+silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das
+Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn
+wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst
+anderen dahin einschlaegigen Braeuchen des Alterthums im eben genannten
+Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der
+hellfunkelnde, unverwuestliche Zahn des im Boden oder in Hoehlen wohnenden
+Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine
+Zaehne in den Boden saeet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die
+Zaehne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
+erwachsen die Stammvaeter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft
+man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn
+heisst in Sueddeutschland Woelfle, und woelfen ist zahnen: Aus Wolfs- und
+Rosszaehnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst
+umhieng, und selbst unter den Fundstuecken, die man seit 1857 aus den
+Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zaehne des Baeren und
+Wolfes, durchbohrt, um an Schnueren als Amulette getragen zu werden.
+Zuerch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz
+bei Plinius ueberein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzaehne werden
+zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermuedung
+angehaengt, ausgerissene Maulwurfszaehne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus
+Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte
+Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken.
+Hoechst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
+welchem die aelteste und die neueste Zeit zu erzaehlen hat. Das
+Poenitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale
+Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu
+stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen
+habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das
+Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
+darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
+Bischoefen aufgetragen, bei der jaehrlichen Kirchenvisitation strenge
+Nachforschung hierueber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die
+Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel
+gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
+muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von
+Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter
+Analyse aus pulverisirten Maeusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die
+uns persoenlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnaesser seien
+dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu
+trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten,
+dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht
+verhalten koennen, gepulverte Maeuse unter der Speise zu essen verordnet;
+denn diese Heilmethode gruendet sich auf ein blosses Wortspiel und steht
+nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen,
+daemonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
+Gleichem zu vertreiben, schlaegt nemlich Plinius vor, die Muskelschwaeche
+am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da
+latein. musculus beides ist, Muskel und Maeuslein. Die deutsche Medicin
+nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
+geknuepfte Heilmethode an, um so mehr, als beides urspruenglich unter dem
+Einflusse der waelschen Universitaeten zu Padua und Montpellier stand.
+Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
+des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt
+daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) woertlich nach: "Das
+Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Maeusslin, so umb den Hals der
+Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht
+mehr gehorchen kann." Die spaeteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck
+und pflanzen den daran geknuepften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt
+durch die muessly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der
+Zuercher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zuerich 1554, Blatt 126b;
+Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45:
+"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib
+auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."
+
+Ein aehnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwoerterb. 3, 125, der
+schon vorhin erwaehnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die
+dorten enthaltenen Stichwoerter Pestbeule und Maus im Hebraeischen
+stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwuer bedeutet.
+
+Der Name Maus, sanskrit muscha, abgeleitet von der Wurzel musch,
+stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch
+Yajnavalkya III, 214 (uebers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus
+wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstaende sind,
+so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behaelt diesen
+Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen.
+Quasi mures semper edimus alienum cibum, laesst Plautus in den Gefangenen
+den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555,
+sagt das Vorwort:
+
+ Mein frischgebachen brot
+ muoss leiden vil der not
+ von hunden vnd von katzen,
+ von meusen vnd von ratzen,
+ zerhuelchen's, schliefen drein,
+ wolt, sie schwimmen im Rhein!
+
+Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit aeltester Zeit
+fuer bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest,
+durch die man dem schaedlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen
+glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
+deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
+unseren Fasnachts- und Erntebraeuchen. Man darf um Weihnachten und
+Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben
+in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren
+Umzug haelt, nicht spinnen, sonst zerzausen die Maeuse den Flachs. Das
+Maeuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von
+den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das
+Maeuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen
+die Maeuse (Aargau). Man darf alsdann die Maeuse auch nicht bereden, sonst
+stehlen sie das Korn von der Schuette. Anstatt Maus sagt man dann (nach
+Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Boenloeper, Scheunenbodenlaeufer, in Daenemark
+Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch
+so fest, dass der daenische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774)
+waehrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur
+Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die
+Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel uebrig bleibt,
+schuettet man gegen die Kornmaeuse in die Mausloecher. H.L. Fischer, Buch
+v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau baeckt man die
+Fasnachtskuechlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit
+ihr dem wuehlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das
+Gedeihen der kuenftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt
+in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der
+gebacknen Maeuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafuer hat es theils
+bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbaender fuer die Garben
+der Ernte vorauszuflechten; da die Maeuse dieser Nachtarbeit nicht mit
+zusehen koennen, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben,
+jedoch vermehren sich die Maeuse, wenn man ihnen ueber dieser Arbeit
+flucht. Bavaria 2, 300.
+
+Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach
+unten gekehrt in die Tenne; dies gehoert den Maeusen, die hiemit sich
+begnuegen und den Geizigen heimsuchen moegen. Die Beinchen vom
+Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht,
+streut man gegen das Wuehlen des Maulwurfs in dessen frische Gaenge.
+Grohmann, Boehm. Abgl. S. 58. In boehmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz,
+worin man die Fasnachtskrapfen baeckt, bis zur Ernte auf und salbt damit
+die Raeder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt
+der abladende Knecht den Fuhrmann: Was faehrst du? Dieser antwortet: Die
+Katze fuer die Maeuse. Alsdann werden keine Maeuse in die Scheune kommen.
+Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schuettet man in die Scheunentenne
+und spricht: Maeuschen, esst diese Broeckchen und lasset das Getreide in
+Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in
+die erste Scheunengarbe ein Kaese gebunden und der sie Abladende fragt
+den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei,
+erwiedert Jener, so wissen die Maeuse auch nicht, wo ich meine Gerste
+hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt.
+Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten
+einfuehrst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine
+rechte Hand und sprich:
+
+ Da leg ich dem Menschen das Brot
+ und allen Maeusen den bittern Tod."
+
+Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf
+dass die Maeuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kraeuterb.
+3, S. 9a.
+
+Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in
+Mausform gebackenen Zweckbrode.
+
+Mit erstem Fruehlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Baeuerin junge
+Salbeiblaetter, wickelt sie in Eierteig und baeckt sie in Butter ab;
+hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwaenzchen aus der
+Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit fuer den Marktverkauf gebackenen
+groesseren Brodnudeln haben eben dieses Schwaenzchen, doch ist es ein
+thoenernes, damit die Kinder darauf pfeifen koennen. Marx Rumpolts
+Kochbuch von 1581, Bl. 167b waehlt zur Einlage in dieses Mehlmaeuslein die
+Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blaetter. Noch aelter ist folgende
+Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
+gebachen von Salvey. nim duer leutzbiren vnd mach sie schon. seued sie
+weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd
+deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch
+bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein,
+zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt
+von dieser Nudel:
+
+ Bachen wir ein Kuechelein,
+ Meuselein und Streubelein
+ Und trinken auch den kuehlen Wein,
+ Kaku-kaka-nai,
+ Dass man froehlich sei.
+
+In A. Corrodi's Zuercher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst
+es von der staedtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:
+
+ Muesli, weischt, du kaennsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,
+ Waemmae de Zucker nid spart und waemmae cha gnueg devu esse.
+
+Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach
+beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Mueslinudel aufgestellt, aus
+Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern
+demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte
+Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl
+scherzweise der Maushueter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schaetzt
+man einen in Arras, Bethune und St. Quentin einheimischen
+Kaese-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und
+Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nuernberger Lorenzokirche mit einer
+eignen Sage wird fuer eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schoeppner,
+Sagb. no. 641.
+
+Gertruds Name verraeth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber
+werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren
+Erntebraeuchen, besonders beim Heuschnitt erwaehnt. In Schwaben sammelt
+man am Himmelfahrtstage Mausoehrleinkraut, gnaphalium dioicum, und haengt
+es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern
+wirft man Frauenschuehlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung
+des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen
+und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt
+Grimmen faehrt in der Walburgisnacht ein mit vier Maeusen bespannter Wagen
+umher, dessen Kutscher hahnenfuessig ist. Temme, Volksag. von Pommern
+und Ruegen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht
+zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
+Koepenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Muetterleins, das
+gebueckt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kaemmend sich
+im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Koepenicker Flur
+getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen
+heran, von vier kleinen Maeusen gezogen. Kuhn, Maerk. Sag. no. 111. Bei
+Marne in Suedditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel
+mit einem grossen Schatz versenkt liegt; naechtlich kommt dorten ein
+Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Maeusen gezogen und vom
+Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst.
+Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist,
+so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
+der Rhoen- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen
+Tochter gilt. In den gekraeuselten Wellen der Mainstroemung glaubt man
+dorten naechtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21]
+wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die
+Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr
+daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehaengt, welche
+Muetter zu werden wuenschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen
+und foerdert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3.
+Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und
+sitzt an den ihr geweihten heilkraeftigen Quellen. Zingerle,
+Gertrudenminne S. 50. Schoeppner, Bair. Sagb. n. 976. In der
+Gertrudenkapelle zu Bamberg hoerte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
+Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und
+entgieng darueber dem Tode. Schoeppner, no. 207. Waehrend sie auf Schloss
+Karleburg am Main einen Frauenconvent gruendete, wurde ihrem Priester
+Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl.
+Kilian unruehmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser
+Nachricht misstraute, so liess ihn dafuer der Heilige erblinden, stellte
+ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen
+Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign.
+Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der
+Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud
+gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an
+dessen Kloesterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschoepft und
+duerstend in der Einsamkeit stehen, als ploetzlich ein Storch vor ihr
+aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke
+Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von
+Unterfranken 13, 154.
+
+Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkoemmlich,
+weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu
+trinken.
+
+Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Goetter
+und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmaeussen feierlich
+den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten,
+um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Haelfte des
+siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der
+Bekehrung trank das unter christlicher Huelle fortlebende Heidenthum
+"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth.
+53 ff. hat darueber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert.
+an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
+Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
+getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt
+auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne
+(Wiener Jahrbuecher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte
+nur, noch fuer Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis);
+Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein ueblich
+gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verraether
+Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von
+Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S.
+699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
+trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man fuer den Fall, dass der
+Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurueck kehre, sich eine _gute
+Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste
+Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese
+Heilige aus einer Seelenherrin spaeter eine Patronin der Reisenden. Das
+Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
+eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der
+weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern
+jener weitesten, welche ueber den Todesstrom fuehrt und unsern Ausdruck
+Absegeln fuer Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenueberfahrt handelt
+Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle
+aus einer Einsiedler Handschrift angefuehrt: "wenn die menschen sterbend,
+so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwaehnte
+Strassburger Kirchengemaelde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die
+Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer
+des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen
+Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stuermendes Meerungeheuer
+verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als
+sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffaehnlichem
+Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie
+Freyja und ihre Walkueren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in
+Walhall ausgeuebte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
+Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere
+Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren juengeren
+Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshaeusern Hollands gewesen war; sie
+traegt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der
+Wirthsgaeste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und
+oefters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
+zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta
+und Diewardis, die gleichfalls Dienstmaedchen gewesen, in das Beginenhaus
+zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd
+eine Beata und Sancta genannt.
+
+Die in der Figur Gertruds enthaltenen Zuege der Walkuere sind ausser ihrem
+schon anfangs erklaerten mythischen Namen nachfolgende.
+
+Sie ist des von ihr erwaehlten Mannes schuetzender Gefolgsgeist, seine
+Fylgja, laesst sich mit ihm in ein Ehebuendniss ein, schuetzt ihn mit
+Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den hoellischen
+Waffen, reitet fuer ihn ins Gefecht und hinterlaesst ihm, wenn sie nach
+dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz
+und tuechtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des
+Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie
+je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an
+der Wiese vorbeigehendes Waldfraeulein im Gespraeche mit seinem Weibe
+dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
+weinend musste sie hierauf Mann und Kinder fuer immer verlassen.
+Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach:
+So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser
+gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfuellung gegangen. Panzer,
+BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein aehnliches
+Buendniss im Tone der Ritterzeit erzaehlt. Riddert von Berkhof hatte sich
+dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
+Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen
+Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
+Heppener entgegen, wo der Boese bereits seiner wartete; doch der Satan
+konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl.
+Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser
+Vorfall war spaeter in der Heppener Kirche kuenstlich gemalt zu sehen.
+Mittelhochd. Dichtungen tragen aehnliches auf die hl. Maria ueber, die als
+Schutzgeist eines Gefaehrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
+deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder fuer den Schutzbefohlnen aufs
+Turnier ziehen und in Gefechten mitkaempfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert
+daraus, dass Maria hier an die urspruengliche Stelle der kriegerischen
+Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Goetterwagen mit
+zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walkueren
+gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetuemmel
+mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu
+deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.
+
+ * * * * *
+
+Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem
+galloroemischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfiguerchen einer aus
+Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Haehnchens ausgegraben
+und beides uns zu einem hoechst schaetzbaren Andenken uebersendet. Der
+Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an roemischen
+Alterthuemern in der ganzen Rheinpfalz, hat juengst auch zur Entdeckung
+eines wohlerhaltnen Brennofens gefuehrt; man erhob daselbst eherne
+Legionsadler, Broncefiguerchen, Meilensteine, Muenzen aus dem 4.
+Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz
+gleiches Haehnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch
+dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der
+Regenerationskraft. Die Maus traegt eine Schelle um den Hals gebunden;
+denn nach Apollodor (Fragmente) wurde fuer Sterbende Erz an einander
+geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Koenige unter Glockenton zu
+Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der
+Macht der Daemonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkuendet das Kraehen des
+Hahnes das Licht des neuen Tages.
+
+Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn.
+Hermann Brunnhofer aus Oxford ueberbracht worden. Die Figur ist aus
+ungesaeuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus
+der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfiguerchen auf den dortigen
+Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen
+bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thuer- und Kamingesimse, finden
+aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
+Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zaehne
+nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvoelker 4, 165.
+
+[14] Firmenich, Voelkerstimm. 3, 112.
+
+[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[17] Curtze, Waldecker Volksueberlief. S. 285.
+
+[18] Alemann. Kinderlied.
+
+[19] Harun al Raschid traeumte, alle seine Zaehne seien ihm ausgefallen;
+der Traumdeuter erklaerte dies dahin, der Monarch werde alle seine
+Verwandten ueberleben. Rosenoel, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
+Wahrzeichen der indischen Todesgoettin Kali ist der schwarze Zahn, der
+alles benagende Zahn der Zeit.
+
+[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei
+Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. Maerz der hl. Koenig Guntram
+abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Baechlein. Ueber
+dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
+gekommene Maus laeuft darueber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit
+offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram
+an, weil er seine Schaetze den Armen geschenkt und dafuer einen ihm von
+Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.
+
+[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl.
+Elisabeth von Thueringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in
+Preussen, ueberschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer
+Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die
+Messe nach Kulm kommen zu koennen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre
+Fussspur in jenem Gewaesser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
+Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Naechten auf den Wellen
+der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Koenigin
+Berta zurueckgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Saemmtliches erinnert an Homers
+silberfuessige Thetis und goldenfuessige Hera.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Nachtraege.
+
+
+[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den
+Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat
+ihre neueste Vervollstaendigung gefunden durch die drei Bildergruppen
+eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im
+Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen
+die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Maenner dar. Aus
+einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um
+Haupt und Lenden Epheukraenze tragend, jeder auf einem phantastischen
+adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus
+reitet der Maikoenig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem
+Ornamente der drei stumpfen Blaetter, ueber welche sein Hirschgeweih
+emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die
+Huefte traegt er einen Guertel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit
+Pfeil und Speer Rosen in die gegenueberliegende Burg. Ihre Absicht steht
+auf den sie umgebenden Spruchbaendern zu lesen.
+
+ Wol vf alle mine wilden man,
+ wir wellent festen und buirge han.
+
+ Schiessen alle, nieman loss abe
+ an buete gewinnen, will einer habe.
+
+Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den
+Sommerreitern her eilender Juengling mit herbei getragnen Brettern zu
+ueberbruecken strebt. Von den Zinnen herab kaempfen fuenf dicht in
+Wollenfliesse gekleidete Maenner, die Winterkoenige; denn auch sie tragen
+Kronen wie der Maikoenig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr
+Burgwart am Soeller stoesst ins Rom; das Spruchband ueber ihnen besagt:
+
+ Vnser vesten, die ist wol behuot
+ mit gilgen, klewen, rosenbuot.
+
+Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen
+Fruehlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in
+welchem die Maikoenigin bereits Platz genommen hat. Auch sie traegt die
+offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch
+gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
+Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten
+Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_
+abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen
+alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss
+hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels
+agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnaebelte
+Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im
+Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls
+das dreifache Blaetterornament zeigt. Im Luft haengt ein kurzes krummes
+Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze,
+mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zuegel
+seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen
+arabeskenhaft umrankt.
+
+[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die
+Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
+Eisensaerglein neben Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In
+den von mir eroeffneten und beschriebnen heidnischen Waldgraebern zu
+Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des
+Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer
+Alterthuemersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.
+
+[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
+_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich
+verrathende spaete Entstehung dieses Gedichtes weiter bestaetigt. Es
+leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in
+der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwaehnten
+roemischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem
+Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt
+worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen,
+die oft citirte Inschrift aber laengst als unecht erkannt worden.
+
+[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
+gelten mancher Orten gleichmaessig als weissagende Liebesboten. In
+Deutschboehmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man
+bald heiraten werde; der Specht hat es bestaetigt, sagt man dann.
+Grohmann, Abgl. S. 70.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Wortregister.
+
+
+Ankenbruet.
+Ankenschnittenprozession.
+Ara, Aarefluss bei Solothurn.
+arbaiz, Erbsen.
+Aufburg bei Zurzach, roem. Castrum.
+
+Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwuenscht.
+Bilihildis, hl., aus fraenkisch Veitshochheim.
+Brod,
+ den Elementen geopfert.
+ Erntebrod.
+ Eulogienbrod.
+ gegen Tollwuth.
+ gegen Wolfshunger.
+ phallische Zweckbrode.
+ Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt.
+Brunnen Walburgis,
+ im Elsass.
+ in Franken.
+ in Holland.
+ in Tirol.
+Brustbein Walburgis.
+Butterschnitte,
+ als Praeservativ und Heilmittel.
+ bei kirchl. Prozessionen.
+Buttergewinn, zauberischer.
+
+Elben in Mausgestalt.
+Emmetsheimer Steinbild phallisch.
+Erntebrode.
+Ernteopfer.
+Eulogienbrod.
+
+Fadenziehen, ein Liebesorakel.
+Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.
+
+Gertraud von Osten.
+Gertrud,
+ Verstorbene beherbergend.
+ zu Rosse.
+ als Waldfrau.
+ Gertrudenkirchen,
+ niederdeutsche.
+ ostfraenkische.
+ Gertrudenkraut.
+ Gertrudenminne trinken.
+ Gertrudentag, Kalenderregeln.
+ Gertrudenvogel.
+ Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen.
+ G's Mantel.
+ G's Spindel mit den zwei Maeusen.
+ G's Schiff als Trinkgefaess.
+ G's Wagen.
+Gnadenstein Walburgis.
+
+Hagel, ein Koenig.
+Hagelfeierpredigten.
+Hagelsquelle.
+Heiden- und Schoenbrunnen.
+Heidenkirchen,
+ als spaetere Walburgskirchen.
+ als spaetere Verenakirchen.
+Heilquellen Verena's.
+Heilwag.
+Helgenbronn.
+Holpurga.
+Honigfall.
+Hund,
+ als Walburgis Gefolgsthier.
+ als das anderer Goettinnen.
+ als Speisenname.
+ gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert.
+Huehner, kirchlich geheiligte.
+
+Kaesbrunnen.
+Kleinkinderbrunnen.
+Kleinkindersteine.
+Klumpfuesse,
+ durch Walburg geheilt.
+Konstanzer Bisthumsgrenzen.
+Kornaehre,
+ Mittel gegen Hundebiss.
+ Mariae und Walburgis Emblem,
+ das des hl. Oswald.
+ Sinnbild von Obereigenthum.
+ der Truden Zaubergestalt.
+Korngarbe, Walburgis Versteck.
+Kriemhiltengraben am Jung-Albis.
+Kukuk,
+ ein verwuenschter Becker.
+ auf dem Binsenstuehlchen weissagend.
+ als Lebensorakel.
+ als Theuerungsprophete.
+
+Lehmkugeln,
+ in Heiligengraebern.
+ in Heidengraebern, _s. Nachtraege_.
+Lebermeer.
+
+Maibad.
+Maiengericht, dessen Kostenbetrag.
+Maienthau,
+ abstreifen.
+ baden im Maienthau.
+ Maienthau der Erdmaennlein.
+ kosmetisch.
+ medicinisch.
+ sprichwoertlich.
+ zauberisch.
+Maigraf, Maigraefin.
+ _s. Nachtraege_.
+Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken.
+Mairitt.
+Mauritius, Verenas Verwandter.
+Maus,
+ als Alb.
+ vor Gericht geladen.
+ als Ortsgeist.
+ als Pestthier.
+ als Seele wandernd.
+ als Suehnbild.
+ als antikes Stellfiguerchen in Graebern.
+ in Gestalt des Zweckbrodes.
+ als Stadtwahrzeichen.
+Maus weisse, geheiligt.
+Maustrank.
+Mausoehrleinkraut.
+Maeusegespann.
+Maeuse machen.
+Metzentanz in Zurzach.
+Minnetrinken.
+Muehle als Ort der Liebesabenteuer.
+Muehlstein,
+ als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe.
+ schwimmender.
+Muellerbraeuche am Verenentage.
+
+Oel,
+ hl., ein Augenmittel.
+ aus Heiligenknochen.
+ der Walburgishexen.
+
+Ortschaften des Namens Walburg.
+Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer.
+Osterbad, reiten ins.
+
+Pfeife, magisch wirkende.
+Phallische Goetterbilder, ihr Zweck.
+
+Reimsprueche beim Meienpflanzen.
+Richard, Walburgis Vater.
+Rimleins- und Roemleinsbrunnen.
+Roggenaehre, Mittel gegen tolle Hunde.
+Ross,
+ Gertrudens.
+ Verenae.
+Rutscherzins.
+
+Schnecke, als Kukuk angerufen.
+Schuh,
+ goldner Walburgis.
+ Schuhwerfen als Liebesorakel.
+ Schuhzins am Walberfeste.
+Silber geschabtes, gegen die Tollwuth.
+Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schuetzend.
+Sommer,
+ den, ins Land reiten.
+ _s. Nachtraege_.
+Specht,
+ als Gertrudenvogel ein verwuenschter Becker.
+ ein verwandelter Gott.
+ als Liebesorakel _s. Nachtraege_.
+Spindel,
+ der hl. Walburg.
+ der hl. Gertrud.
+Spinnverbot an Walburgis.
+Staerketrunk.
+Stillicidium Walburgs.
+Storch, Gertrudens Vogel.
+Straehl-Anneli.
+
+Teufelsstein in Verenae Einsiedelei.
+Thau abstreifen,
+ zu Milch- und Buttergewinn.
+ als Mittel gegen Kornbrand.
+Thautrinken.
+Tobel-Vreneli.
+
+Valentinstag.
+Venes- und Vrenesberge.
+Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen.
+Venus-Vrene,
+ in dem mundartl. Tannhaeuserliede.
+ in den Ritterdichtungen.
+ Die Venus- und Vrenenhaeuser.
+Verena,
+ ihre Namensformen.
+ Niederdeutsch: Fru Freen und Fru Frien.
+ Rhaetisch: Vereina.
+ Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
+ Verenabad.
+ Ve. als Gebirgsriesin.
+ Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkroenlein.
+ Verenaloch:
+ zu Baden.
+ im Entlebuch.
+ auf der Schafmatt im Jura.
+ Muellerpatronin.
+ Schifferpatronin.
+ Verenareliquien.
+ Verenastift.
+ Verenatag als Gerichtstermin;
+ Gesundheits- und Wirthschaftsregeln.
+ Ve. als Weisse Frau 139.
+Verenae,
+ Bildsaeulen.
+
+ Dienstross.
+ Fingerring.
+ Geburtsguertel.
+
+ Heilquellen.
+ Kamm und Krueglein.
+ Katze.
+ Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz.
+ Kapelle, ein Roemercastrum.
+ Kleinkindersteine.
+ Kindersegen bescherend.
+ vierzig Mehlsaecke.
+ Muehlstein.
+Vrenelisgaertli, Gletscher am Glaernisch.
+
+Walber,
+ der Fuehrer des Maienzugs:
+ in eine Korngarbe gebunden.
+ ein Bergname.
+ Riesenname.
+ Walberbaum.
+ Walbernthau.
+Walburg,
+ als Flur- und Ortsname.
+ mundartl. Namensformen.
+ Die Heilige:
+ als Nichte Winfrids.
+ als Heidengoettin.
+ als Riesin.
+ vor dem W. Jaeger in die Korngarbe fluechtend.
+ Walburga Westfalica.
+Walburgis-kirchen,
+ als Heidenkirchen.
+ als Roemercastrum.
+ Ortskirchen.
+ hl. Quellen.
+ Reliquien:
+ Brustbein, oelschwitzend.
+ Stab.
+ in Wittenberg und Koeln.
+ im Auslande.
+ Schoenheitswettstreit.
+ Spindel und Goldschuh.
+ Steinernes Venusbild.
+ phallisch dargestellt.
+ Wildgans.
+Walburgistag,
+ als ungebotne Gerichtszeit.
+ Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der
+ Landschaft:
+ in Thueringen.
+ in Unterwalden und Friesland.
+ in Ostpreussen.
+Walper,
+ Anna, als Hexe inquirirt.
+ Walperherren, Walpermaennchen und -zins.
+ Zug nach Walpern.
+Walburga-Holpurga.
+Wasserkirchen.
+Wasserfrauen.
+Wasservogel, _s. Nachtraege_.
+Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne.
+Wiborada, die hl. v. Klingnau.
+Wihegazza.
+Wilibald,
+ der hl.:
+ Walburgis Bruder.
+ ein Huene.
+ Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
+Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen.
+Wolbermai.
+
+Wolbrygabend.
+Wolfszahn, Amulett.
+Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis.
+
+
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+