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+The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Gaugöttinnen
+
+Author: E. L. Rochholz
+
+Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
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+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
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+Drei Gaugöttinnen
+
+Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.
+
+Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben
+
+von
+
+E.L. Rochholz.
+
+1870
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
+die nachfolgende Schrift am Titel trägt, drei nächstverwandte Wesen aus
+der deutschen Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
+Perioden seines akademischen Jünglingsalters und während der ersten
+Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgängen,
+Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung örtlicher Alterthümer
+nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung
+den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss sei
+ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergänzen helfe.
+Während sich ihm letzteres bald als eine gemüthliche Täuschung erweisen
+musste, war ihm darüber doch das Glück beschert, reichliche, nachhaltige
+Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
+einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
+Lebensänderungen nicht mehr veralten lässt. Und so erklärt sich der
+Ursprung unseres Buches als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer
+gereifte und hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
+der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
+man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht uns eigentlich nichts
+an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thälern der
+Altmühl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
+Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
+Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt
+wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
+innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ältester Zeit
+bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
+nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
+die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
+waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
+Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
+zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung dieser
+Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt ein älterer, als
+der durch die Kirche veranlasste je hatte sein können. Und also führte
+uns die _Gauheilige_ in rückschreitender Metamorphose auf die
+_Gaugöttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
+approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstützt
+wird, lässt sich mit ferner versuchten Einwänden nicht weiter mehr
+aufkommen. Auch führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste
+Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch ungeschwächt und
+persönlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
+Amélie Bosquet die Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen
+einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
+dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
+Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.
+
+Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
+Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
+Die dem Germanen eigenthümliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
+vor allen Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
+Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
+Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
+welche Wächterinnen der züchtigen Geschlechterliebe, der häuslichen
+Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war
+es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
+Wort frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
+bekleiden und als solche die Geschäfte der Tempeljungfrau, Priesterin,
+Heilräthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
+langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
+furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
+überrascht durch das in barbarischer Form überlieferte römische
+Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengöttinnen
+kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
+satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
+Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
+nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, sondern ebenso
+die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
+herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
+allerdings nöthigender Grund, sie später einmal zu Christentugenden zu
+subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
+Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
+erzwungene, innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des
+Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
+hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, anstatt dass
+umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
+legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
+Klerus, der dem Cölibat den übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
+zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
+Himmelsherrin, auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des
+Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwürde
+verkündenden Mythus durfte der Mönch kein Recht belassen, sondern musste
+ihn so weit und so unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis
+heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar auf einer
+Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprüchen
+bereitete, als ölschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
+auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke
+brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das
+aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
+Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin gewesen, hier eine Frau
+Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
+Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
+den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
+nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
+149). So ursprünglich schon steckt in dem Legenden erzählenden Mönch
+ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
+Waldteufel, wo in der fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
+Spessarts die Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
+Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
+Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwüstenden Riesin
+wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena
+
+ --auf des gefürchteten Gipfels
+ Schneebehangener Scheitel,
+ Den mit Geisterreigen
+ Kränzten ahnende Völker.
+
+Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafür
+ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
+der Männerwelt, rein aus Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an
+die neue Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des Lebens,
+für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
+einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrösse
+erobert und sogar den Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser
+Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
+Streben des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein
+frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
+gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
+erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
+persönliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
+bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
+Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
+germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
+Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
+Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
+die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.
+
+Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.
+
+E.L.R.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergöttin.
+
+
+Erster Abschnitt.
+_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.
+
+Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
+Grabstätten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
+fliessend; ähnliches kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und
+Embleme Walburgis.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.
+
+Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgöttinnen und
+Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes
+Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und süsse
+Hündlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
+und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in
+dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
+Eulogienbrode.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Walburgistag, des Meien hochgezît_.
+
+Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
+den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
+Ruthenzug.--Maigraf und Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche
+und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: sämmtliches
+als Abbilder eines göttlichen Werbungs- und Vermählungsmythus, welcher
+im Frühlings- und Erntevorgang spielt.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Maiengeding und Walbernzins_.
+
+Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
+Gerichte, gezeigt aus den Weisthümern.--Urkundliche Berechnung der
+Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
+Walpersmännchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
+verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
+fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.
+
+
+Fünfter Abschnitt.
+_Der Mythus vom Maienthau_.
+
+Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. Thau als
+Quelle von Leben, Lebensdauer und Körperschönheit, angewendet
+als Heilbad, Stärke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
+Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
+durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
+seiner naturgeschichtlichen Begründung. Thauschlepper
+und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
+Walburg in den Riesen- und Hexensagen.
+
+
+Sechster Abschnitt.
+_Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung_.
+
+Die westfälische Walburg. Die phallischen Götzenbilder zu Antwerpen und
+Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
+Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
+den Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. Etymologische
+Erklärung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
+Anwendung.--Schluss: die Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
+Meth, Ael und Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank.
+
+
+II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.
+
+Erster Abschnitt.
+_Verena, eine alemannische Gauheilige_.
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
+Altäre in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+_Verena, die Müllerpatronin_.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen
+Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als Ehegöttin. Der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Dritter Abschnitt.
+_Verena, die Geburtshelferin_.
+
+Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
+Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von der
+Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnischgletscher.
+
+
+Vierter Abschnitt.
+_Verena als Frau Venus_.
+
+Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
+Vrenenhäuser, zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
+auf den ursprünglichen Mythus.
+
+
+III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.
+
+
+1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.
+
+Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
+Stabes, der Spindel und der Mäuse.
+
+2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
+Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
+werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.
+
+3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
+und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
+Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
+Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische Bräuche.
+
+4) Die Rolle der Maus bei den Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen
+Zweckbrode. Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
+Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walküre.
+
+_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
+Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen Mäuschen. Das
+Kalenderzeichen des Gertrudentages.
+
+
+Nachträge
+
+
+Wortregister
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+I.
+
+Walburg mit drei Aehren,
+
+die Ackergöttin.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
+
+
+Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
+der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
+jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den
+thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
+der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die
+entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
+Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des
+Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
+Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
+einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
+Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
+Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
+dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu
+vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
+nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden
+kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
+ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
+Ausarbeitung.
+
+Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
+sind nachfolgende.
+
+Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
+nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin
+Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
+Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
+eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
+seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
+Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
+commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba
+etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb;
+er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
+Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
+des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle
+übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende
+Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch
+Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J.
+888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im
+J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen
+Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin
+Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden
+aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem
+Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
+Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
+in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber
+die erste _umfassendere_ Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
+Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb
+1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der
+Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen
+Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä
+Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende, von
+uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
+secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
+tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
+Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
+Kirchengesch. 2, 347 und 356.
+
+Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
+Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
+Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
+Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in
+diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
+diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete.
+Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
+begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
+Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
+Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
+Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
+Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares
+Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
+auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und
+hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser
+Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
+des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss
+auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
+in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
+Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in
+der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der
+Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
+von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
+er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte
+demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
+übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
+Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr
+Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
+noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter
+Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter
+Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
+Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
+Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
+in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
+gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
+1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster
+Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
+Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
+seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
+auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel
+umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
+Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
+Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
+jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
+einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie
+stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben
+so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen
+Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen
+heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
+Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell,
+an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
+sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine
+Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
+Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
+geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
+Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.
+
+Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
+Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
+neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
+Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.
+
+Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
+781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren
+im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
+Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
+und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
+870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und
+bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
+Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
+Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und
+wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche
+zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
+Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt.
+Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
+streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der
+Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre
+Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus
+ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
+Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen
+Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
+werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub,
+zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei
+Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
+madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
+(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
+Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt
+gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
+Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
+Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in
+gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
+Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
+Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm
+(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass
+Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
+spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
+Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen
+Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem
+Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich
+am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
+302. Wir werden später darauf noch zurückkommen.
+
+Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts
+anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
+Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
+Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in
+seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
+auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein
+Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden
+ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne
+ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten
+Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein.
+Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt
+Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und
+überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
+tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
+sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spätere
+Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
+nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
+durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
+geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
+als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
+Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
+silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des
+Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
+und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend;
+unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
+selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
+mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
+Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
+vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
+sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
+gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
+diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
+geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders.
+
+Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
+begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
+Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
+(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
+erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
+Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
+die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb,
+folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
+Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
+nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
+fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen
+Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
+trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste
+Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et
+Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
+omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
+administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
+auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
+begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
+Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
+Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
+und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
+verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf
+verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].
+
+Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen
+Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
+Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
+in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
+bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
+1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die
+versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das
+Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
+1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März
+fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
+einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
+Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
+Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
+beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
+Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
+Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
+Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es
+die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
+sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen,
+oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
+Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.--Der Eichstädter
+Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten
+Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine
+Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
+desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
+306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
+darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
+reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein
+wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.
+
+So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
+Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu
+Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
+statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
+Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei
+sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im Stande der Gnaden
+befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
+
+Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
+derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht.
+Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein,
+sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig,
+und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
+Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit
+von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe
+vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
+fügt erklärend bei:
+
+ ûz dem sarksteine,
+ dâ inne lît diu reine,
+ vil heilic ol vlûzet,
+ des diu werlt vil genûzet.
+ der iht siecheite hat,
+ des wirt al ze hant rat,
+ als man ez dar an strîchet.
+
+In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine
+lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
+Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
+Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl
+und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für
+immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
+Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine
+des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
+Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
+damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die
+Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom
+nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
+Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen
+verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
+olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich
+davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.
+
+Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
+auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu
+Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
+Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
+Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi
+Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
+Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
+achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
+auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
+Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
+der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel
+der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu
+entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
+Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die
+Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären
+ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der
+Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
+Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe
+schwitzen müssen:
+
+ Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
+ In cavea Martis num pugil illa fuit?
+
+Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
+Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
+gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt
+Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
+athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner
+6. Homilie über den Brief an die Coloss.--Nork, Realwörtb. 3, 301.
+
+Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta
+SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme
+geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch
+lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und
+seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
+Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
+heilt:
+
+ Hinc quendam fastidiosum
+ Fame paene mortuum
+ Alloquens per visionem
+ Monet, ut de calice
+ Ejus biberet; quo facto
+ Esuriit solito.
+
+Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde
+von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
+auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
+er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher
+Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
+welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist
+einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
+dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
+Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.
+
+Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
+totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
+dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
+Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest
+Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias
+ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
+wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen,
+geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius
+erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen
+Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
+Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
+daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
+zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
+kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
+dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
+hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
+518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
+
+Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
+Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation
+verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
+Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
+welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
+einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
+linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte
+Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an
+(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist
+Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
+Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und
+im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl.
+Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
+Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt
+wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
+erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in
+der Hand haltend:
+
+Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
+Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
+Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt
+das Grabmal).--P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl.
+Walburgis. Regensb. 1708.
+
+Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
+Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
+Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
+vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
+sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
+aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.
+
+Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
+eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von
+Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei
+Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
+der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
+gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest
+gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
+habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.
+
+Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das
+topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868)
+folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
+Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg
+bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
+Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
+zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
+bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
+Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
+Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
+Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei
+Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
+Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
+Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
+bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
+Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei
+Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles
+vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
+Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in
+altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
+Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
+tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
+Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
+Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.
+
+Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
+nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
+Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
+ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich
+von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
+Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten
+Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
+Bolland. 3, 518.
+
+Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
+Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
+2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
+Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
+Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
+erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.
+
+Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
+Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
+Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.
+
+Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
+Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
+Aldenaerde, Brügge, Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später
+noch zu handeln sein.
+
+Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.
+
+In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
+Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche
+daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
+einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
+fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
+gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu
+dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
+Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
+übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König
+Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
+diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
+Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.
+
+25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstädt in der
+Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. März: Gretser l.c.
+pag. 907.
+
+1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstädt; gefeiert in
+der Eichstädt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica.
+Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz.
+Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die
+Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
+Liturgia 4, 768.
+
+4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstädt (Bollandisten
+ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland.
+522; zu Veurne, in der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912.
+
+12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter Walb.kloster.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.
+
+
+Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die
+bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des
+Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch
+das Eichstädter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da
+zwischen den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
+Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau
+gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3,
+tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch
+davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thüre
+des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rüden angefallen wird;
+auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp
+(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller
+Hunde angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der Heiligen
+als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren Zeit nachweisen. Die
+Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt spielt nicht in dieser Stadt,
+sondern in einem Orte, welcher römisch Aureatum heisst und schon seit
+Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit
+einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
+beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse
+gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstädter
+Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von
+Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft
+geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind
+Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der
+Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
+München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll röm.
+Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, deutlich unterscheidet man
+noch den Lauf der Römerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser
+1620 von der Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
+dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau
+vorstellte, zu deren Füssen, von Erde überschüttet, angeblich ein Hund
+liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei
+Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind
+seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele
+entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
+Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, aber deutschen
+Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
+und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber
+derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer
+Kirche nicht, wo Walburgis frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair.
+Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf
+den frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft
+angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben
+musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes,
+dessen herabhängende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Händen berührt
+werden. Man sagt, hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund
+begraben.
+
+Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg führen dasselbe
+Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form
+und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi
+genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier
+nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der
+Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
+jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengöttinnen
+und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde
+erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten
+die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und
+Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
+umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter
+(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter der Frû Gauden umbellen
+den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hündinnen. Colshorn, Märch.
+u. Sag. no. 75. Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
+daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei
+_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde,
+welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25.
+289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das überirdische
+Hündchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege
+hiefür: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
+hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden
+steht gerade über der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist
+der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat.
+Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das
+Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad.
+Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
+Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwähnten Kapelle zu
+Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von
+der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen.
+Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.
+
+Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das
+freundlich-wohlthätige Geleitsthier der schönen Weissen Frau ist es
+gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die
+des Gewitters feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der
+Rost, der während der Hitze der Hundstage das Getreide befällt, war dem
+Römer versinnlicht durch das Götterpaar des Robigus und der Robigo, die
+beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
+Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien
+geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in
+seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den
+Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hündchen
+schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und
+Kornähre abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die Ursache
+des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:
+
+ Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
+ Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.
+
+Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljährlich
+zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im
+April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt,
+Fastelabendgebräuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese für die
+Landwirthschaft gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man das
+Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.),
+oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederösterreich wird am 28. Dec.
+(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das
+wird das Wind- und Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer,
+so sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu befürchten. Ein
+Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man müsse
+die Windhunde füttern." Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das
+eben angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte
+Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das
+Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der
+erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschädigen
+konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brôt, ez hat gesnîget.
+Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers Hackelberg
+in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter über an der
+Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so
+mildherziges Haus im Frühjahr drauf mit Milch und Butter reichlich
+gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten
+noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
+Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten)
+jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet
+die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm
+traben, denen söllent sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der
+Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
+Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für jeden
+geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die
+oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspätzlein, die man
+in Baiern Nackete Hündlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen
+Tölpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud;
+beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein
+wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag.
+2, 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes sprang die
+Vorstellung über auf den Biss der wüthenden Hunde, hielt aber in beiden
+Fällen die Kornähre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht
+man im Felde zum ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf
+Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und streicht sie
+stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden
+gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. S. 402. Ein latein.
+Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen
+also beginnenden Hymnus:
+
+ Walburga venit: cedite
+ vesane grex, molossi!
+ Cedunt, pavent, obmutuit
+ os impotens latrandum.
+
+Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass
+euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe
+Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst.
+Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen
+Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und
+diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nächsten
+Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4,
+149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea
+canicida, canivora genannt war.
+
+Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um
+thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische
+Butter auf ein Stück Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm
+entzwei, mach ein Löchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit
+Brod zu, schmiere Meyenbutter drüber, lass es aufessen. Dies ist ao.
+1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll;
+reissen an den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor
+ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine
+Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen.
+Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den
+Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermünze) auf Butterbrod,
+so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in
+Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der
+Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig
+reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon
+verabreicht, damit es in keinen bösen Wind komme. Wir werden hievon im
+fünften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession
+von Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg
+gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten
+Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen
+abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzählen von einem am
+Wolfshunger leidenden Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst
+eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
+Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch.
+
+ Sualaveldico in pago
+ Fuit quaedam faemina,
+ Quae languore fortissimo
+ Aegrotare coeperat.
+ Namque tam intemperata
+ Edendi ingluvies
+ Incessit semisanatam,
+ Ut nulla edulii
+ Abundantia valeret
+ A suis saturari,
+ Exhaustis jam parentibus,
+ Sed fame accrescente
+ Anxiata hinc dolore
+ Hinc pudore maximo.
+ Tandem divinitus tale
+ Occurrit consilium.
+ Rogat suos se deferri
+ Ad Walpurgae gratiam.
+ Quo delata, biduanis
+ Incumbebat precibus,
+ Quibus exorata virgo
+ Gradiendi miserae,
+ Qua privata diu fuit,
+ Sospitatem reddidit.
+
+ Bona quaedam monialis,
+ Vocato preabytero,
+ Benedici panem fecit
+ Redditque famelicae.
+ Quo gustato nequam illa
+ Fames voracissima,
+ Virgine sacra favente,
+ Coepit se subtrahere,
+ Sic paulatim decrescendo,
+ Ut prius accreverat.
+ Sic crescente fastidio,
+ Pro mira esurie,
+ Tandem nil aliud cibi
+ Praeter solum caseum,
+ Nihil de potu gustare
+ Nisi tantum lac poterat.
+
+Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bändigung der Hundswuth
+gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin
+misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe.
+So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839.
+Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss
+nothwendig auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie
+kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
+Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Büschel
+in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers
+Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre
+Dame de trois épis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne
+erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen
+der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae Geburt
+und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142.
+"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blüht, so wird
+er vor Jacobi nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
+diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet
+ihren über das sündige Menschengeschlecht erzürnten Sohn, nicht alle
+Feldfrucht zumal zerstören zu wollen, sondern doch noch so viel an den
+Aehren stehen zu lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein
+ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur
+Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim elsäss. Stifte Katzenthal
+gelegen ist. Ebenso lässt Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer
+Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwählt, mitten aus dem Winterschnee
+drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der
+Hand trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornähre
+brachen und vereinigten die römischen Brautpaare und benannten nach
+demselben den Eheabschluss stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn,
+so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben
+Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
+Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom
+reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, der Frühlings-Genius der
+aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen
+verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen
+Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur
+entgehen, wenn man in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem
+färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen
+Verfolgung ins Fruchtkorn:
+
+ Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
+ Geschwind erwachsen in einer Nacht.
+
+ In des Ackers Mitte verbarg alsbald
+ Wodan den Knaben in Aehrengestalt.
+
+ Als Aehre ward er mitten ins Feld,
+ In die Aehren mitten als Korn gestellt:
+
+ "Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
+ Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!"
+
+Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 44) ist die
+hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern
+und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause
+einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den
+daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie ein kleines
+Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst
+auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit
+langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig
+(golden), in den Händen trägt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles
+Zukünftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser
+Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
+auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch sein
+Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag).
+Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der
+Bauer willfahrt, als die Reiter vorüber brausten. Des andern Morgens
+fand er in den heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher wird
+die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner,
+erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind
+in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine
+Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trägt.
+Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Städten des bair.
+Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen
+Volksbelustigung gewesen.
+
+Plätze, Strassen und Häuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den
+Festumzug eröffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh
+gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe
+zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres
+Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den
+Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt dorten nur
+noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum
+Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In
+Niederösterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht,
+sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gärten und trägt die schon
+vorhin erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
+vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
+Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den
+Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold
+auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern
+und Moosfräulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer über sein
+Ross legt und die sich Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der
+französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich lokalisirt. Um
+die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem südfranzös. Dorfe
+Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte
+ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und
+sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen
+eines Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt
+und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jährlich
+im Frühling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in
+der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und
+Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
+10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf
+Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte
+vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die
+vergötterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frühling umherirrend
+sich dem Zephyr ergab und daher die Macht über die Blüthen der Bäume und
+Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler Estourgoux,
+verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der
+Felseinöde des dortigen Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier
+aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
+gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in
+beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit Kreuzen gekrönt sind. Unter
+grossem Zudrange des Volkes werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der
+Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens
+getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
+aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das Gewölk vertrieben,
+sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rücken pflegt. A. SS.
+Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.
+
+Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
+Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen einer ursprünglich
+edleren Vorstellung von gütig gesinnten und für den Erntewachsthum
+bemüht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung,
+emsig das Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner Sage
+bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mühle
+heimträgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er
+grüsst sie:
+
+ Gott vermîr ich iren danz,
+ Gott vermîr ich iren kranz!
+
+Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des
+Mehles ledig wird!
+
+Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von
+Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209);
+allein damit verbürgt er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach
+überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim
+Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die
+Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wächst im Korn schwarzer Raden,
+am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf,
+Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in abergläubischer
+Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des
+Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als
+Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby,
+Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen,
+geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des
+Schutzgeistes reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur
+etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
+Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder
+Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau
+bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss,
+Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des
+Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
+_Milchtrut_, anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wörtb. 62): so
+wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valküre
+galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allüberall ihren Schützling
+umflog, wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
+marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in umgekehrter
+Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrättelein
+die Stallrosse und zöpft ihnen Schweif und Mähne, dass sie schwitzen;
+denn es ist gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener
+himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt,
+Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel
+noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der
+Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen.
+
+Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten;
+das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu
+Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai
+einen reichlich geschmückten Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen,
+wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128.
+205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt _drei_ Aehren vom
+fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune.
+Schönwerth 1, 432.
+
+Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis
+Eulogienbroden.
+
+Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede
+zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich
+einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es
+war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen
+Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
+religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor
+ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein ähnlicher Brauch war nun auch
+dem deutschen Heidenthum geläufig gewesen und dauerte noch lange fort in
+dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsächsischer Name
+Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für Alle; Gott, auf
+dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte
+bewahren. Eine natürliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung
+derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Dürftigkeit
+geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den
+Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und
+ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit
+derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
+bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite
+Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen
+Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. Das Christenthum
+vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten der Germanen nicht
+abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen:
+"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die
+angelsächsischen Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass
+man diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr einen andern
+Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz
+mit grünen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches
+Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans
+Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der
+Sättigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten
+trat später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den
+Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- und Festtagen unter
+dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain béni) überreichlich
+an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein
+durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung
+von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem
+daselbst erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, Fische,
+und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3.
+II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getränk
+jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils
+aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andächtigen
+gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre
+werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
+Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der
+hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten
+Brode. Hierüber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder
+gesungen, von denen ein kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist
+diese. Ein blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume sagen:
+Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grüne
+Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum
+Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, überbrachte dahin die Brode
+und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am
+Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie
+bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg,
+untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich
+und das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. 300).
+Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hühner. Sie
+lassen nicht auf die gewöhnlichen Zinshühner schliessen, von denen in
+der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der
+Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
+nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche
+galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und
+gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch für heilsame Thiere
+gehalten (Schönwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein
+und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym.
+Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei,
+allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des
+Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und
+Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
+
+ Puella quaedam ab ipsis
+ Heu caeca cunabulis,
+ Audita opinione
+ Virginis eximiae,
+ Desiderio flagravit
+ Veniendi maximo.
+ Quam quidam in visione
+ Nocturna submonuit,
+ Oratorium adiret
+ Tanti desiderii,
+ Oblatas mundas offerret,
+ Altari imponeret.
+ Quas illatas statim binae
+ Gallinae comederent;
+ Quibus pastae deservirent
+ Matris excubiis.
+ Venit, attulit, imponit,
+ Preces fudit intimas.
+ Astant duae moniales
+ Gallinae videlicet,
+ Praevisae in visione,
+ Quae oblatas colligunt,
+ Et requirunt diligenter
+ Quae, unde, cur venerit.
+ Quibus illa dum exponit
+ Singula veraciter,
+ Domino propitiante
+ Et beata Virgine,
+ Incognitum lumen coeli
+ Novis hausit oculis.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Walburgistag, des Meien hochgezît.
+
+ Der meie der ist rîche,
+ er füeret sicherlîche
+ den walt an sîner hende,
+ der ist nu niuwes loubes vol:
+ der winter hat ein ende.
+
+ Neidhart von Reuenthal (1234).
+
+
+Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der göttlichen Wesen
+unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer
+älteren Sprachweise lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda nennt
+den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svâsudhr; der Winter
+dagegen (Vetr) hat den Vindlôni und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl
+und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr
+abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
+einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen waren ein Brauch,
+welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Südbaiern und der
+Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort
+herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch
+des Winters, der es erst auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt.
+Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm
+die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt
+gewappnet auf den Plan:
+
+ sein panzer was ein grüenes graz,
+ sein koller darauf ein weisser klee,
+ sein halsperg was veyolvar,
+ sein bugler wag von rosenbluet.
+ er füert in seiner hende
+ ein sper, was michel lanc
+ vnd was eitel vögelingesang.
+
+A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub
+gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah auf Walburgis oder
+1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In
+Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des
+Ortes seine Maigräfin, die Majinde, erwählte, indem er seinen
+Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thüringen war es der in
+Pappellaub eingebundne Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein
+Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
+steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet,
+der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten und führte die im Busche
+versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern
+Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der
+Provence Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An diesem
+letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen bändergeschmückten
+Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und
+das Gefolge singt vor den Häusern:
+
+ Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum,
+ Lass dich beschauen 'rum und 'num.
+ Maienröslein, komm in grünen Wald hinein,
+ Wir wollen alle lustig sein;
+ So fahren wir vom Maien in die Rosen.
+
+Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein,
+Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder die Hühner nehme, der
+Stock keine Trauben, der Baum keine Nüsse, der Acker keine Frucht mehr
+trage; denn das Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen
+Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, 56. Fällt der Nachdruck
+der scenischen Festaufführung auf das Vertreiben des Winters, so nennt
+man dasselbe den Tod austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise,
+mit dem Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit
+Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der König einen mit Goldpapier
+beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm
+sein Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Königstochter
+werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein
+Bündel Lichtspäne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom
+erzürnten Vater niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei
+Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die eine angeführt
+vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit Handspiessen bewaffnet,
+Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der
+mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein
+Speerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch
+des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung
+des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
+glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln
+unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der
+Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen Birken- und
+Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mühe
+zum Grünen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glänzender als
+es durch Speerkämpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die
+Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik
+(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt
+Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer Mairitt,
+welchen die Bürger von Soest im J. 1446 während ihrer Fehde gegen den
+Bischof von Köln ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte
+in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
+unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie
+zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo
+sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die
+Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und Vesten, führten Heerden,
+Güterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder
+frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden
+Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grünen Maien"
+nach Hause. Wie hier der grüne Mai, unter welchem das Kriegsheer
+einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste
+die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
+Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und
+Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst.
+Diese Kadettenzüge sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und
+_Kinderspiel_, pg. 490. Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem
+zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der
+mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm
+die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach
+seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft
+niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden
+sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die
+Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart
+in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen
+Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der
+Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen Mädchen in
+öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem
+Höchstbietenden zugeschlagen. Der Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria
+IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen"
+ausgeboten und den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile
+daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hüter
+"Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der
+Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz,
+das ehmals im ganzen Eifellande üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag.
+1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen
+unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen gleichfalls ins
+Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker,
+Hess. Sag. no. 317[2].
+
+Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
+Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
+nachweisen, über deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
+sagen lässt, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
+genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen
+einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Würzburg
+gethan worden und sah hier das berühmte Maispiel mit an, das die
+gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljährlich zu begehen
+pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
+verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
+Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
+ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre
+Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
+Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, hielt das
+Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im Frühling zu Ehren der
+Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
+wurde. Sämmtliche Wittwen unter fünfzig Jahren und alle mannbaren
+Mädchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
+Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar den Reihen
+führte, ergötzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fühlte
+sich zu frischem Beginne angespornt. Das Männervolk machte dabei den
+Zuschauer. Den Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die
+ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
+künftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemüthe,
+traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
+bei diesem Feste geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre
+Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
+Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwählte, die er noch
+nicht näher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
+ein heidnisches Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "_König_" er sich
+selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
+Mädchen sich den Titel der "_Königin_" beilegen, wenn eben diejenigen
+Männer, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
+worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen Scherz nachher
+tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
+die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
+werden wollte: unter Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig
+Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
+der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
+weit Herbelo's Nachricht.
+
+Der Ehemann, welcher, hier _König_ genannt wird, ist im heutigen
+Frühlingsspiele der Maigraf oder Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut
+die Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
+sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Männer ins
+Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekränzt, tragen
+Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen
+Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
+genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
+keineswegs aus nackten, sondern aus entblössten Tänzerinnen, d.i. aus
+solchen, die als Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt
+haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den Reihen treten,
+ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
+lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mönchsphantasie ein
+züchtiger Frühlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
+angebliche Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
+Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
+als eben dieses grausame Missverständniss von Seite des Klerus.
+
+Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen der Walburgisfeier.
+In derselben Mainacht werden glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen
+auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
+das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
+schön bleibt. Man wählt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
+ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Prätorius,
+Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem
+Kammerfenster des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
+Sinnbildern:
+
+ Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
+ Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
+
+ Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden,
+ Gott bewahre dich im finstern Gaden.
+
+
+ I lôss sie grüessen durh e höchi Tanne,
+ die Zît isch cho zum Wîben--und zum Manne,
+ I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli Thau:
+ i wött, mî Holdi wär mî Frau.
+ Rosmeri und Zypresse,
+ ass i de nit vergesse;
+ Rosmeri und Nägeli drî,
+ g'hörsch, i möcht gern bî der sî!
+ bî der sî, wie's Rösli hockt
+ am-ene einige Stengel:
+ Der Herr ist schön, sî Frau ist schön
+ und s' Chind ist wie ne Engel.
+
+Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein dürrer
+Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
+das Fenster der Verführten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
+Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
+noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
+erforscht zur selbigen Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
+Walburg selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt eine
+aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der österreichische Brauch
+des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
+Mädchen, welche Lust haben, ihres Zukünftigen Beschaffenheit
+vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
+feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
+hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise herum durch
+die Finger läuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
+
+ Voaten, i ziech di,
+ Walpurga, i bid di,
+ zag von main Man
+ alle Seiten an.
+
+Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart und fest, so
+werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfälzer
+Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren Schuh über den Peuntbaum und
+horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herüberschallt;
+eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
+
+ Hunderl, ball, ball,
+ ball über neunmal,
+ ball über's Land,
+ wau mein feins Liab wahnd.
+
+Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
+Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
+Liebeszaubers.
+
+Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Mädchen
+an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
+sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
+_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
+24). Eine Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
+stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
+gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
+Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund aus und liess an der
+Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70.
+Dies führt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
+das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen
+Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
+vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
+erklärt, dass sich am 14. Febr. die Vögel zu paaren beginnen, und ein
+gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das
+Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
+dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
+welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
+nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
+das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder brütenden
+Vögel. Alles überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
+und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
+Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
+Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
+12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
+(ausser den vielen bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
+422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
+mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum Entgelt erhalten
+dieses Tages die Briefträger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
+Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
+dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
+und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
+bleibender Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende
+Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
+
+ Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
+ so früh vor Sonnenschein,
+ ich junge Maid am Fensterschlag
+ will euer Valentin sein.
+
+Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmädchen des
+festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
+erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
+er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
+kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Männer oft schon vor
+Sonnenaufgang in der Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
+Geliebten vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei ihren
+Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
+Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen mit zugemachten
+Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
+desjenigen hören, den sie gern möchten. Suchen wir die Erklärung und den
+Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
+vorausgeschilderten Maibräuchen, so finden wir dafür den nordischen
+Natur-Mythus von der Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften
+getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
+der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
+Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch kinderlos. Da
+wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), spröde sträubt sie
+sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
+gerührt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
+entflieht Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf
+Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der äusserlichste Umriss
+der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
+Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzüge der späteren Sagen und
+Bräuche finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der
+aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
+gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
+Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres grünen und
+schimmern dann alle Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen
+Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
+Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage müssten die Hexen den
+letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
+ebenso an Mariae Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
+damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
+wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
+Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
+auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt nichts und ist eine blosse
+Folge späterer Zeiteintheilung. In den Volksbräuchen ist noch vielfach
+die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
+der 12. Mai als der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat
+übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein säen und
+dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); oder die älteste
+Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
+(Meklenburg) rückwärts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
+einige Stücke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
+oder man steckt beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige
+senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thüringen)--alles, damit der Flachs
+gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
+184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
+der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
+Liebesbündnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
+Kindermärchen vom Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
+die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
+Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
+Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch nickende
+Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Nährkraft. Sigfried, von dem
+gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
+Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
+Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
+sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies heisst in
+der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
+der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
+den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
+worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier
+überreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
+Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
+andere als dich will ich zum Weibe haben!
+
+Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
+obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
+geworden ist, war einst eine Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das
+Glück der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten
+ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine oberpfälzische
+Sage (Schönwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
+trägt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
+gegenseitig in Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel und
+Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
+Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
+liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
+(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schöner sei, die Heidengöttin
+Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
+Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf dessen
+Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
+möge sie nur bei der nächsten Ausfahrt begleiten und sich selber
+überzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
+Wagen und fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten hört. Da senkt
+sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
+zahllosen Menge angefüllten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
+Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch
+dem Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er sprang auf den
+Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
+die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
+erloschen mit einem mal sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
+Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
+gegen Tag gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.--Wir werden
+dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
+Kirche selbst angeben hören; denn allerdings sind schon die bisher von
+ihr gemeldeten Züge unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
+Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre nächtlichen
+Höhenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
+Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
+der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
+Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
+Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und trägt
+eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
+Abbild ist Pindars "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
+römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
+Gerstensaat.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Der immer gleichlautende Auskündungsspruch:
+
+ Heut zum Lehen,
+ Morgen zur Ehe,
+ Ueber ein Jahr zu einem Paar--
+
+steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
+von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
+Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Maiengeding und Walbernzins.
+
+
+Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
+waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
+und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
+verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach späterer
+christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
+karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
+üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
+Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
+sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
+erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten
+Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung
+bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, sondern auch
+über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, somit über Krieg und Frieden,
+und ihre Aussprüche waren die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie
+unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und Parlamenten
+anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil der Tag sich aus der
+Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
+und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften (Weihnachten bis
+Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
+Klöpfleinsnächte und Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und
+Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den heidnischen
+Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In gleicher Analogie spricht man
+von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewährten
+Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch
+noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
+pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
+14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
+dem Wintergerichte zusammen, erst später auch mit dem Herbstgerichte zu
+Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
+zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
+Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch.
+Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
+(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding
+da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
+vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
+Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
+Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
+Walburgis auch später in den Städten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
+"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Räth zusammen schwerend",
+heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
+Gesellsch. Die Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
+derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der täglichen
+Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
+iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt überkompt, dass
+einer ein aug domit bedecken müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
+bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
+Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
+geendet, die für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft
+nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den späteren
+Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
+beköstigen, den Schöffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
+einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
+zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
+Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
+in den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
+I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
+obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
+Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
+Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und
+Bünzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
+jährlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage für den Lehensherrn
+beliefen, zeigt folgendes Aktenstück.
+
+ Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
+ verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
+ Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
+ HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
+ Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--für Höuw vnd Haber über Nacht
+ 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt an einem
+ Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
+ Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
+ Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.
+
+Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren die Bräuche, unter
+denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu überbringen hatten.
+
+Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knütl
+alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
+alter hessischer Münze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
+überbrachte, hiess das Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh
+Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
+der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er sich, so verdoppelte
+sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend hätte ihn die ganze
+Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
+die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
+Walpertsmännchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
+Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit
+nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslänglich zu
+verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
+aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
+Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
+Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
+sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
+abzutragen verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
+Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
+Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
+hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann auf einen breiten Stein
+unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
+spät einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
+Aber auch dabei kamen dem Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
+zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
+wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
+erhielt, welches mit der Zeit für ganze Gemeinden zu nicht
+unbeträchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bräuche
+und Sagen.
+
+Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jährlich
+an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
+welcher dem Churfürsten von Mainz zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen.
+Gleichzeitig kam dann sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt
+in dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei Musik, Tanz und
+Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
+hammerführenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
+und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren.
+Mit Eichlaub bekränzt singt der heimkehrende Zug:
+
+ Willst du mit nach Walpern gehn,
+ Willst du mit, so komm!
+
+Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
+Schusterzunft den grünen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
+bekränzt nebst ihren Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
+und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für die
+Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die übrigen
+hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstörten, von
+dem aus die Orte des Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei
+Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, pflegte man
+sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es sollen die zwei
+Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
+wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
+Kostbarkeiten behängt die Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens
+anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
+angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die
+Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die städtischen
+Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
+nichts, was dieser Geschichte einer zerstörten Raubburg aufhelfen
+könnte, wohl aber dass der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg.
+Schwörtages ist, an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer
+Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestätigte
+ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem
+Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht aus dem Filz,
+den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
+Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
+gelungenen Kriegszuge der Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss,
+oder einer militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
+der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses örtliche Holzrechte
+verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
+Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich für die Nutzung
+überlassener Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
+der Frau "den kühlen Mai".
+
+Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, 37) an den
+Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fällt,
+dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu füllen vermag, so ist
+auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
+Wunderkräftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
+Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann
+gemeindeweise zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition
+entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhängigkeit
+der Landschaft durch einen glücklichen Waffenstreich errungen worden
+sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
+die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
+"Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
+Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
+zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
+das sie nicht länger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
+Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
+ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
+älteste und festete Gebäu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
+Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr älterer Name war Walburg, sagt
+Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
+unmittelbarer Nähe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch
+die aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. Müllenhoff, Glossar zum
+Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
+geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen,
+wofür der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
+Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt der Tafelmusik
+musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlärmen. Solcher
+Wohlstand reizte die habsüchtige Gräfin Walburg und sie beredete ihren
+Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
+nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
+Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten denn die Bauern eine
+lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
+schöne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Säcken des
+zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor
+erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort:
+
+ Rühret die Hände, Zerschneidet die Gebände!
+
+Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, zuckten die
+Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
+entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
+und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
+Gräfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
+mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
+Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
+gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
+Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
+dorten ein Bauer aus dem Boden gepflügt und daheim aufbewahrt hatte,
+entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
+heilkräftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
+sterken.
+
+So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
+Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugräfin und Burgfrau,
+mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhört und die politische
+Selbständigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
+die hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich an einem
+oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
+Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
+Broken. _Dreimal_ des Jahres müssen die Hexen ihre drei hohen
+Tagsatzungen abhalten, sagt Prätorius Blockesberg (1668) 499, und
+zergrübelt sich über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
+sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
+dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
+ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.
+
+Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
+Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fällt, theilt W.
+Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
+Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
+Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
+liegt, hatte der böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
+Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber und Töchter
+entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
+Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
+geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemäss ein grosses Feuer
+auf dem Berge angezündet und der übliche Reigentanz um das Feuer
+gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
+Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe plötzlich zu
+überfallen. König Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnügen
+zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
+hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
+seinen Namen erhalten haben.
+
+Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
+Bräutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
+ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden können, wird der winterliche
+Tyrann, König Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
+zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Fünfter Abschnitt.
+
+Der Mythus vom Maienthau.
+
+
+Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich
+die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's
+45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
+den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
+Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn
+erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
+der ersteren ist hier die Rede.
+
+Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
+und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
+reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
+eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
+Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine
+Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
+und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
+mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
+Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
+Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
+Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
+Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer
+zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
+reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr.
+Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
+Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine
+Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts
+eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König
+Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt
+wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen
+Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel,
+wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
+genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die
+hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
+trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
+Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3,
+no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
+Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin
+Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
+no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
+Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen
+können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
+einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
+ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut.
+Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
+Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
+Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und
+piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
+das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
+sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
+margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen:
+
+ Die Rose stand in Thau,
+ Es waren Perlen grau;
+ Als Sonne sie beschienen,
+ Da wurden sie Rubinen.
+
+Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
+die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
+319-330):
+
+ uon dem leime gab er ime daz fleisch,
+ der tow becechenit den sweihc.
+
+übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
+dass es soll blühen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flüchten
+beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
+Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
+Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
+kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
+wenn man einen Baum im Maienthau schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
+der die drei letzten Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des
+Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang des
+Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
+liess hierauf die Bäume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
+Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen für die Menschen
+rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
+Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
+firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
+grôz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
+niemer her ab, wan daz, sûmeliche maister wèn, daz daz tov daruz werde.
+Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwünschter, wie hier hernach noch
+des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
+Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse
+weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen
+erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wächst kein
+Gras; daher in G. Bürgers Romanze:
+
+ Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
+ Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,
+ Das wird von Thau und von Regen nicht nass.
+
+Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
+(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
+Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
+Panzer, BS. 2, pg. 54.
+
+Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des Liebreizes und der
+Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:
+
+ Wenns thaut, wirds grön,
+ werden alle Jungfern schön.
+
+Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
+Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
+neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
+frischgrünende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
+umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in
+seinem Trojan. Krieg--verjüngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
+gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):
+
+ Es giengen drei heilige Frawen
+ zu Morgens in dem Tawe.
+
+So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger Christian von Hameln dem
+bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
+Fuss darauf:
+
+ Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
+ ein wîp, nâch der mîn herze stê;
+ sô wünsche ich, daz si mit blôzen füezen
+ noch hiure müeze ûf iu gê.
+
+Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
+kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
+genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
+man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
+setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen
+Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
+der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
+einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156.
+
+Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und
+Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
+milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
+Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
+den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu
+Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
+Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in
+Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
+frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
+Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
+Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und
+schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
+Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
+keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
+bayz (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
+Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
+denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
+taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
+genaden auf vns reüdige menschen!
+
+Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
+Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
+erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
+mit diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
+stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen
+bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie
+badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
+Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau,
+worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
+Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll
+milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
+zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.
+
+In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die
+Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
+wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans
+une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore,
+Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
+Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
+no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
+berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
+sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen
+solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Isländer und
+Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
+heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine
+Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
+mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
+Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend:
+
+ Das hilft für's Gah,
+ für's Bläh,
+ für'n U'flat.
+
+Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die
+Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
+30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut für abgehauene Arme,
+für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
+bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
+"Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern
+liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten
+Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein
+Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
+seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
+Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
+Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
+KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
+des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
+Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
+pars 2, pag. 305.
+
+Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den näher rückenden Mai
+zu vertrösten als auf die Zeit ihrer gänzlichen Herstellung.
+Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
+besonderen Mittel gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
+Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
+Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
+heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzündung blickt man
+eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
+Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
+Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
+und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
+Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
+Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetränkten
+Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsäss. Sundgau, eine halbe
+Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
+Walburgiskapelle ein kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und
+Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mütter mit ihren siechen
+Kindern hieher, um sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an
+Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
+Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
+(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
+allgemeine Sitte ausführlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
+Bresthaften, die ihre Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai
+daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
+sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
+Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
+abzubilden, oder ein mit fröhlichen Leuten unter Trommel- und
+Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
+Gesellen.--König Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
+Städtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
+Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
+linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
+erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die
+Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
+enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
+Tochter, so erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
+sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
+grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
+Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
+allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
+z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:
+
+ die Teutschen wurden wohlgemut,
+ sie giengen in der ketzer plut,
+ als wer's ain mayentawe.
+
+Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".
+
+Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als bürgerlicher
+Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
+Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
+besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:
+
+ Heiliwog, Gottesgob,
+ Glück ins Hus, Unglück drus!
+
+Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
+nach Panzers BS. 2, 301:
+
+ O du guter Walbernthau,
+ Bringe mir, so weit ich schau,
+ In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein Schmalz!
+
+Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mädchen, das
+sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bächlein gejagt und
+da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
+darf die Kübelmarie, "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
+Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
+747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen heimkehrt, wird in der
+Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schüssel Wasser
+begossen. Schönwerth 1, 400. Zu Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der
+Dorfhirte alle übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
+Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
+Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
+mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
+Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewölbes, durch das die
+hölzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
+angezündetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
+Wiedemanns Chronik d. St. Hof.
+
+Diese Züge führen über zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
+(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
+zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
+Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
+nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
+öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
+fällt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
+Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmückung des
+Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse für den
+Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
+aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte
+Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den Chorsängern
+preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
+Vielleicht, dass man diesen welschen Mönchsbrauch aus dem altrömischen
+Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den
+Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des Tiber zog
+und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So manchen Schluck da der
+Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
+Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Römerthum unberührt
+gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die
+Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
+Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
+Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
+und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
+Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrängnissen einer langen
+Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
+Landschaften kennen ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich
+auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
+der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
+gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
+pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
+als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
+Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
+Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
+Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
+trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer
+Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so trugen
+sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen als Trinkgefässe
+dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
+Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
+macht alljährlich die Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und
+geniesst daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten
+Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
+holländisch Gröningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
+Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
+Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
+Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der
+über eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
+niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette nicht
+sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
+sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
+Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mädchen die Symbole der
+künftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und
+Eier und Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
+folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
+Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
+Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
+beide und die vorhin genannten Maigetränke zielen, sagen uns einige im
+Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
+in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
+Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser
+Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
+beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
+bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
+dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
+Verjüngungstrank. Bei thüringisch Arnstadt liegt der kräuterreiche
+Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster
+getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
+Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn
+dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin gebannt. Sie
+heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
+ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
+öl-und älschenkende Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet;
+noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier abgehaltene
+Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
+Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrücklich erzählt die
+Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter
+an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
+darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
+Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und kann weder wieder zum
+Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
+Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich über
+jenen Verlust besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in
+Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier als ein
+neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
+Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen Stadt Eltmann, er war
+von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
+werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
+lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
+Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
+Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
+Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der Erenbürg, eines hohen
+sattelförmigen Berges beim oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das
+urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
+Königshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen
+abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch
+berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier war das Schloss
+von drei schönen Fräulein, die beim Trocknen die Wäsche nur in die Luft
+warfen, so blieb sie hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
+steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
+abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
+Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht über die
+blüthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen für
+unerschöpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
+duftenden Bratwürste. So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch
+1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:
+
+ Gott geb dir des Himmels Thau
+ Und die Fettigkeit der Au
+ Und die Fülle der Halmen
+ Und den Most der Palmen.
+
+Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
+Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten
+örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
+geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
+den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
+der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
+vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
+sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
+
+Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
+Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
+der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
+vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt,
+ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf
+Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
+Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
+Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
+stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf
+es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
+verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um
+dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen,
+dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen
+Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr
+Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
+Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
+Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
+Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
+fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
+verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien
+abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
+und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
+Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
+und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
+
+ Deine milde Hand giebt Segen,
+ Giebt uns Sonnenschein und Regen.
+
+So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
+abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
+Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum
+selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
+Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
+Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg,
+Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
+Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter
+dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
+Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde
+daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei
+halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer
+Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
+findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
+
+Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
+schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
+Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
+als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
+Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der
+Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
+Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
+Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
+abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
+herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches
+Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
+haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
+Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
+stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits
+ausführlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
+das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
+Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
+nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
+man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster
+Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der
+Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
+wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am
+Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger,
+Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
+veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt
+derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
+bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
+Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem
+Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
+eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
+Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
+345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
+Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
+Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt,
+da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet.
+Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich.
+Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
+Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
+beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
+nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
+reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre
+rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der
+Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
+Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
+anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
+Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
+moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
+Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
+betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben:
+Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
+habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
+unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
+sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
+omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10.
+Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf
+Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren
+Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
+heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
+welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem
+angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft
+bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
+dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
+ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
+sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
+Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
+eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
+Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den
+Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
+die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
+ad diem 10. Maii.
+
+Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
+umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf
+alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern
+selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krönest
+das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
+eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich
+beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das
+Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
+jene Worte nachdrücklich wiederholt:
+
+ Umkrön das Jahr mit deiner Hand,
+ Mit deinen Fussstapfen düng das Land.
+
+Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
+besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
+den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt
+der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
+Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
+no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
+Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht
+hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag.
+no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
+Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
+denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
+haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
+Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
+und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
+nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in
+den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom
+Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt
+und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
+Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele
+Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit
+alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der
+Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
+Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen
+damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
+zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen
+das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
+gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die
+aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
+entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in
+Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden.
+Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
+acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
+der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein
+Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande
+einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
+und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis
+stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
+führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
+trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
+nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros
+(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
+Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
+Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
+steuern und waren der Athene gewidmet.
+
+Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
+unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.
+
+Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber,
+Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
+ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens
+und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
+heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der
+Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden
+Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
+Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
+Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
+verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
+zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
+Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
+besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
+mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe,
+denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S.
+559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
+verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht
+seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
+und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die
+thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier
+Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
+Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
+ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
+abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen,
+indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
+feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
+einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen
+Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
+weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
+dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
+beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso
+gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
+Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
+voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
+denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
+Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
+um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn
+aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
+Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
+die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
+Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
+den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
+ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
+fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
+exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
+lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
+zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
+im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
+machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
+oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit
+fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
+konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
+sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
+ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
+weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
+einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und
+füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
+Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9.
+Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist
+das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
+stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
+_Ankenbrüt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
+zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
+Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im
+Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
+Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust,
+frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse.
+Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
+wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf,
+rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte
+er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
+machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
+schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
+Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
+seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
+seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
+Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
+habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
+Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
+seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht
+weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
+Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt,
+heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
+demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
+Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
+Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
+dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
+können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
+sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
+die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die
+Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen,
+ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
+uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
+giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
+zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
+
+ Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,
+ Mengmol e Tröpfli Morgethau.
+
+Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
+darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel:
+
+ Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli.
+
+Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
+Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit
+Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk
+Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht:
+Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm.
+Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie
+der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
+wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
+Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
+möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
+Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
+von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
+Sprache kehrt auf seine Zunge zurück.
+
+Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
+Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
+berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
+Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
+gebracht werden kann.
+
+Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
+Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so
+taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
+Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn,
+Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und
+silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
+Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile
+vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten
+Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
+aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
+verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
+das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft
+(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
+und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
+und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
+der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
+sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
+Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus
+dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
+und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
+einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
+Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das
+Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde,
+wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "_damit
+das Gras wächst_" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol.
+Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
+Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale
+umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
+Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten
+Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau
+tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
+Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen
+Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
+der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der
+teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
+die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
+ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr.
+1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch
+veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
+Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
+verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen
+osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
+Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die
+Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
+Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
+ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer
+Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie
+darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür
+den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs
+Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
+ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in
+der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
+Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
+mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen
+an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des
+Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
+es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich;
+statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
+den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
+abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von
+unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die
+Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
+so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
+Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die
+Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe
+ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches
+Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
+werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
+Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das
+Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
+Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
+tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
+gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
+hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
+Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
+Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
+ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige
+Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
+vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
+diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden
+Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens
+Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
+schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
+Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
+jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin
+Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
+dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie
+nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann
+eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
+Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
+die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
+Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
+Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung
+ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
+Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
+Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
+265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die
+Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit
+ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
+rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
+die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am
+Schlusse.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Sechster Abschnitt.
+
+Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung.
+
+
+Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen
+und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
+Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in
+ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
+Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
+niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
+zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
+gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
+Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
+nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
+nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits
+im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
+westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
+Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
+alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten
+Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
+man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein
+Heidentempel der _Göttin_ Walburg gewesen, und dass man in der
+Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
+wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
+Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
+hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
+unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern
+und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
+Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
+gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
+Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
+haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so
+mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
+ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon
+im Harz wird _Wilibald_ ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um
+Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber
+vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst
+sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
+Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
+Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber.
+Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau,
+menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
+Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
+erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
+sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
+Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
+Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
+Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
+Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat
+sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
+herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1,
+lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
+deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem
+Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
+Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in
+seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
+hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus
+einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt
+Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens
+überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür
+spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt
+auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die
+Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
+tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon
+berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
+Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
+selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
+Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr
+zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
+dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist
+solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
+erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
+begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
+vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt
+habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe
+abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
+schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens
+allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
+norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da
+sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
+Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen
+Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
+doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
+Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
+der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
+Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
+das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
+priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen
+Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er
+werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe
+den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
+ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
+Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch
+Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
+altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
+ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
+Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als
+dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
+findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am
+Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
+findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des
+dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die
+Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines
+Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten
+Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
+einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide
+Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im
+vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
+Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der
+Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
+und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter
+Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
+des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
+S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
+Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
+Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
+entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung
+des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit
+ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
+schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen
+nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
+sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu
+glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als
+eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
+Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser
+Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass
+dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
+und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
+uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
+Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und
+kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder
+moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen."
+
+Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
+Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
+Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
+Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
+Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61:
+Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
+II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
+Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
+1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
+adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
+in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
+solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
+vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
+divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties
+de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
+Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
+Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in
+bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck;
+dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
+von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
+Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
+gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
+breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das
+stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
+oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
+beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen
+Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
+obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten
+Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
+der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein.
+Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
+Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des
+Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
+OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
+Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland
+Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete
+Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
+dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
+sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
+spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
+varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
+beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
+wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
+und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben
+darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
+des Naturmenschen noch gänzlich schlummert.
+
+Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit
+den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
+vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes
+Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die
+Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier
+den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
+
+Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der
+Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des
+Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
+Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
+Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen.
+Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns
+sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
+Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
+Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
+vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf
+den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
+Gewährende.
+
+Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
+Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
+diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
+durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
+dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen
+Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
+entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
+Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
+Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum
+regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
+bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
+dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
+wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
+nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den
+jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist
+Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst
+Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
+Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
+angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.
+
+Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische
+Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die
+leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu
+Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden
+(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes
+wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
+sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
+die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal
+Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach
+der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
+Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
+niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt,
+Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer
+Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
+zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
+Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren
+Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
+Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im
+Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
+selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
+verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss,
+oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar
+in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
+Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird
+eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III,
+516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg
+verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
+Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen
+Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie
+z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
+(Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
+hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre
+und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
+erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
+Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
+Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in
+schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
+Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das
+Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
+der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
+besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
+starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen
+Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
+der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
+hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse
+Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag.
+107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
+ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
+diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den
+Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
+der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde
+Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere
+zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
+Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen
+Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
+darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen
+grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau
+Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie
+ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild
+umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
+Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
+Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute
+nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
+sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland
+erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
+letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
+Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf
+den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
+ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon
+ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
+darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
+sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die
+Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
+das Garn."--
+
+Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am
+Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel
+erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
+als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
+von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
+schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
+Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
+Wunschkinder herauszuschöpfen.
+
+In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
+117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
+Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist
+Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
+das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und
+Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
+Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
+und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
+heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Müllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
+bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
+Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
+diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
+älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.
+
+Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
+oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
+lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
+dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
+Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter
+genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
+Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
+fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
+welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
+heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
+und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
+74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
+Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
+Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
+Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
+die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
+Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des
+Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne
+des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
+Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre
+Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
+Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
+führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
+Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb.
+3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen
+Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der
+grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der
+Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie
+Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
+Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
+der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem
+Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
+geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den
+Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in
+der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
+Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in
+den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der
+Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
+(âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So
+braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
+Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger
+(Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit
+dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten
+somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der
+Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten
+haben.
+
+Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
+abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:
+
+ Auf den Wald und auf die Wiese,
+ Mit dem ersten Morgengrau,
+ Träuft ein Quell vom Paradiese,
+ Leiser frischer Maienthau.
+
+ Wenn den Thau die Muschel trinket,
+ Wird in ihr ein Perlenstrauss;
+ Wenn er in den Eichstamm sinket,
+ Werden Honigbienen draus.
+
+ Mit dem Thau der Maienglocken
+ Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,
+ Badet sie die goldnen Locken
+ Und sie glänzt vor Himmelslicht.
+
+ Selbst ein Auge rothgeweinet
+ Labt sich mit den Tropfen gern,
+ Bis ihm freundlich nieder scheinet
+ Thaugetränkt der Abendstern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+II.
+
+Verena mit dem Kamme,
+
+die Kindsmutter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+Verena, eine Gauheilige.
+
+
+Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
+ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres
+durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und
+Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
+Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.
+
+Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der
+Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch
+eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang
+mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die
+Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in
+die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter
+ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen
+römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann
+nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,
+schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer
+verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade
+entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
+unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
+Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die
+ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu
+Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;
+Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser
+Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,
+entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.
+
+Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,
+begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte
+hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen
+nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener
+Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode
+der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die
+Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren
+Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre
+verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen,
+jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von
+lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger
+Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;
+begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
+dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre
+bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters
+Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des
+Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen
+überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und
+Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung
+im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben
+will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur
+Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie
+trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
+des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den
+Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und
+setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward
+erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben
+und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der
+Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das
+Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit
+naiver Zweifellosigkeit angesetzt.
+
+Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die
+geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,
+denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf
+und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der
+dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu
+entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende
+mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der
+romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in
+römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen
+denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
+das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen
+war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer
+schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,
+Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine
+solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der
+Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die
+deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend
+oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften
+Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind
+Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.
+Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken
+noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu
+den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen
+wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche
+nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
+alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige
+nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen
+Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die
+ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth
+des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche
+Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des
+Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in
+Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am
+1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese
+feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste
+bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch
+in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind
+Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,
+Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch
+Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter
+Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken
+Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit
+einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst
+der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den
+Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für
+die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält
+Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des
+Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert
+von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese
+Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät
+in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von
+Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit
+der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht
+verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer
+Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
+Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
+Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige
+nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich
+anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel
+versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den
+Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm
+jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag
+voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.
+
+Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken
+konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das
+Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher
+Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr
+600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung
+über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den
+wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den
+Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer.
+Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster
+Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig
+von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation
+zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche;
+nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
+Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil
+im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.
+Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es
+sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der
+Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
+aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit
+Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur
+gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St.
+Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;
+ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur
+gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem
+kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft
+Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die
+beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil
+des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und
+Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium
+noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion
+Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler,
+Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in
+denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum
+Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:
+zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu
+thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57),
+Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),
+Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau
+im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127),
+Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug
+1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den
+deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen,
+Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders
+gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen
+Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet
+von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des
+Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden
+Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde
+gehört.
+
+Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher
+Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten
+Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren
+gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht
+sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
+(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das
+benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner
+Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen
+selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct.
+881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung
+bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses
+geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst
+nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht
+werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals
+nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein
+grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
+Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von
+Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das
+Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung
+dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten
+Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder
+erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben,
+und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat
+1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben
+sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der
+christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden
+Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche
+gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden
+und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten
+Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle
+Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung
+unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen
+führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
+Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber
+auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre
+Untersuchung hernach überzugehen hat.
+
+An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt
+gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein
+Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit
+das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen
+sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
+erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe
+wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten
+die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert
+dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen
+Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog
+Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
+kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
+Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des
+gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder
+singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten
+Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die
+Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
+verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne
+dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt
+hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner
+Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem
+weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen
+Wîhegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst
+täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.
+
+Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas
+Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am
+Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur
+Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über
+den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom
+Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser
+Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das
+bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in
+diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am
+Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte
+_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da
+hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie
+ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst
+hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe,
+lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen
+Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller
+in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am
+Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen
+Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres
+1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren
+eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des
+römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen
+Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft,
+zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche
+Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die
+Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige
+Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt
+zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
+Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus
+erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum
+wieder in die Stiftskirche zurück.
+
+Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich
+verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen
+sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des
+Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin
+seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
+Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien
+werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000
+Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst
+aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein
+geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
+133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu
+Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche
+zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof
+Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript
+verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger
+Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches
+nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich
+mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden
+vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der
+grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen
+silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag
+(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und
+Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine
+Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut
+und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt
+wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im
+benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
+entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche,
+Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die
+Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte,
+unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts
+anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und
+Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der
+Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen
+Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
+Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken
+mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer
+warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme
+gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
+überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein
+kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines
+Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder
+zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird
+seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich
+nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
+flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm
+Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte
+nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh.
+Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so
+geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen
+sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene
+Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld.
+betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände
+schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag
+mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c.
+93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist
+vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen
+Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der
+Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel
+besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347
+doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum,
+also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869
+eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl
+im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler
+Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin
+gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so
+vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
+Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht
+und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener
+Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.
+
+Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die
+Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst
+Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in
+Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose
+virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh
+eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus
+Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur
+eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch
+andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
+kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
+geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes
+ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen
+Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring
+anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach
+forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der
+Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
+der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage
+erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich
+ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches
+wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er
+wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit
+leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde
+zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
+Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch
+die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos
+steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit
+trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld
+wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch
+schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden;
+schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die
+arglistigste Bosheit.
+
+Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die
+Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem
+Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem
+ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die
+Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte
+Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden
+mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit
+deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die
+Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu
+stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote
+hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
+verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser
+legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den
+ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden
+Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen,
+eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam
+fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden
+Abschnitten geltend.
+
+Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist
+enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v.
+F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem
+Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder
+im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es
+Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) für vorliegende
+Arbeit diplomatisch getreu copieren.
+
+ Von sand verene (roth) [106b]
+
+ Verena diu edel meit,
+ als, uns daz puch von ir seit.
+ Die was ---- ----
+ und ez quam also,
+ Do der cheiser maximian [106c]
+ furt mauricium mit im dan
+ Her gen deutschen landen,
+ si begunde nach im belangen
+ So ser, daz si im fuor nach,
+ wanne vil gerne si in sach.
+ Verena was ein christenin,
+ und do si quam ze meilan in,
+ Die geuangen christen
+ die heimpt si an den vristen
+ Vnd bechlagt mit in ir not,
+ dar zue si in helfe pot
+ Mit trinchen und mit ezzen.
+ uerena, die vermezzen,
+ Si lie durch nieman daz
+ durch vorhte noch durch haz,
+ Swa die christen warn erslagen
+ und auch da si warn begraben,
+ Die staete suocht si alle tage
+ mit weinen vnd mit chlage.
+
+ Mit reinem leben was si sus
+ pei einem, der hiez, maximus.
+ Nu wart ir schir alda geseit,
+ daz mauricij schar preit
+ Durch got wer erslagen,
+ daz begunde die vrowe chlagen
+ Vnd wolde nicht leng'r da bestan,
+ si fuor ub'r die alben dan
+ Vnd ze einem wazzer si quam,
+ daz ist genant aram.
+ Alda vant si einen man,
+ der gevlohen was chomen dan
+ Der sagt ir die rechten maere,
+ wie ez mauricio ergangen waer.
+ Davon wolt si nicht furbaz,
+ in einer chlause si da saz
+ Mit chlage und mit leide.
+ da warn inne reine meide,
+ Der leben was also gestalt,
+ si waer iunc oder alt,
+ Daz si anders lebte nicht
+ wan chraut, arbaiz und anders nicht,
+ Des lebte si daz gantz iar; [106d]
+ daz quam auch von ier werch dar
+ Vnd des tages ein lutzel brot,
+ daz man igleicher pot.
+ Nu was dapei ein getwerch,
+ daz verchauft den meiden ir werch
+ Vnd chauft in da mit ettewaz,
+ daz die samenunge gaz
+ Anders lebten die vrowen nicht,
+ gab man in aber immer icht,
+ Des enpizzen si nimmer
+ und gabens durch got immer.
+ Sus was gestalt ir reines leben.
+ got hat verene den geist gegeben,
+ Daz man vber al daz lant
+ ir leben vil rein erchant,
+ Daz man sei het fur heilic gar,
+ daz auch si was furwar.
+ Wan got durch sei tet wunder
+ mit zeihen besunder.
+ Auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+ Solcher dinge tet si vil
+ mit got auff daz zil,
+ Daz man sei d'r meide muet'r nant
+ weiten uber al daz lant.
+ Nu was in der gegent da
+ ein richter sam anderswa,
+ Der het got gar verchorn.
+ dem was der meide leben zorn,
+ Vnd daz man ier so wol sprach;
+ mit zorn er daz an ier rach,
+
+ Wan er die vrowen vie,
+ dehein gut er ier nie geschehen lie.
+ Doch quam zaller zeit zu ir
+ ein liechter iungelinch fir[3],
+ Der pot ier guten trost,
+ si wurde schir da von erlost.
+ Doch vragt si in, wer er wer?
+ do sprach er offenwaer,
+ Er waer ir mag mauricius,
+ und mit der rede alsus
+ Quamen zu mauricio hin in [107a]
+ alle die gesellen sin
+ Und gruezten die vrowen schone,
+ damit schieden si davon.
+ Nu wart derselbe richter
+ vberladen mit sichtum swer,
+ Der gedacht rechte wider,
+ er lief hin und viel nider
+ Chlagunde für die reinen meit
+ und seinen sichtvm er ir chleit.
+ Doch pat si got umb in,
+ der richter gie gesunt hin
+ Vnd mit grozzer gedult
+ bat im vergeben sein schulde.
+ Daz was ysa getan,
+ die magt wart do leidich lan
+ Vnd gie zu iern swestern wider,
+ da si got diente sider.
+ Nu quamen die swest'r auch in not,
+ daz si ninder heten prot
+ Vnd grozzen hunger liten
+ doch mit dultichleichen siten.
+ Ier werches acht man nicht ein har,
+ wan ez was ein hunger iar.
+ Do verena die not ersach,
+ zu got von himel si do sprach:
+ Wan du deiner geschefte gist
+ ier leibnar zu rechter frist,
+ Jesu christ, du waist wol,
+ wez dein gesinde leben schol.
+ Do si daz vollen gesprach,
+ vor der chlause man ligen sach
+ Viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ Wan daz prot wuchs in ier munde,
+ daz si lange vñ manic stunde
+ Heten da von ier leipnar,
+ des lobt got die rein schar.
+ Nu was verena, die genende,
+ chumen an ier lebens ende,
+ Vnd do si nu siech wart,
+ ier andacht sich nie verchart.
+ Da si vercheren scholt daz leben [107b]
+ und den geist widergeben,
+ Do quam unser vrowe dar
+ mit der hymelischen schar;
+ Vnd do verena sei ersach,
+ zu gotes mueter si do sprach:
+ Waz gernde han ich,
+ daz gotes mueter siechet mich?
+ Do sprach unser vrowe zu ier:
+ verena, volge mir,
+ Da hin, da du immer mer
+ vreude hast ane ser.
+ Mit der rede si verschied,
+ got ir sele da beriet
+ Der ewigen gnaden.
+ die vrowe wart begraben
+ In der chlause alda,
+ die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3],
+ Da got wol scheinen lie,
+ daz er sei minte hie.
+ Wand nieman wirt entwert,
+ der rechter dinge an sei gert.
+ Nu derhoret got dehein pet so gern,
+ so daz wir seiner hulden gern,
+ Dem gibt er, der die suohet,
+ vil gern, swer ir geruhet
+ Mit hertzen und mit andacht.
+ daz wir ze hulden in werden pracht,
+ Des helf uns maria
+ und ir dirne uerena. amen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] fiér, stark und stolz.
+
+[4] zerzyaca: Zurzach.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+Verena, die Müllerpatronin.
+
+Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen
+Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein
+verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke.
+Wirthschaftsregeln am Verenentage.
+
+
+Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die
+Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren
+Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des
+Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den
+Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als
+die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller,
+Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
+ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6,
+457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher
+Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle
+Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete,
+suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf
+des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne
+fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte,
+schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg
+und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener
+eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er
+ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso bändigt sie den Gläubigen
+zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser
+stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe,
+dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet
+und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne
+den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in
+dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein
+altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
+wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits
+entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits
+des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug,
+hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der
+andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
+Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das
+nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war
+sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier
+gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch
+den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
+ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu
+sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere
+Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner
+Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau,
+und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe
+die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von
+den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom
+unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen
+aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft
+und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5]
+Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf
+einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
+blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein
+weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse
+mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der
+Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem
+Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch
+ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als
+1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll
+wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer
+Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
+erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über
+dem Steine zu lesen stand:
+
+ Auf diesem Stein hier aus der Aaren
+ Die heilig Verena ist gefahren
+ Ohne Ruder, Schiff und Schalten,
+ Wie solches geglaubt die frommen Alten.
+
+Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath
+der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie
+bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft
+der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht
+mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
+befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen)
+zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein
+kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm
+Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst
+ahd. verscif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus
+Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.
+
+Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der
+Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses
+Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des
+heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die
+Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
+Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung,
+auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen,
+besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm
+Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So
+hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
+Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam
+und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen
+zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des
+griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem,
+drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks
+Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden
+Gemahl:
+
+ Ich steh fürwahr nicht aufe,
+ Ich lass dich nicht herein;
+ Ich hab die Nacht gemalen
+ Mit sechs jungen Knaben.
+ Davon bin ich so müd.
+
+Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein
+drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der
+Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem
+gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen König ausserehelich mit der
+Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der
+Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin,
+Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute
+Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden;
+sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl.
+Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso
+steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der
+die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
+erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik
+berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser
+verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der
+Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen
+Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin
+Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle
+für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein,
+hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31.
+Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken
+musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem
+Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem
+fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol.
+Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus
+den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue
+beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische
+Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die
+wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur
+Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem
+Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu
+verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:
+
+ Dort niden in jenem Holze
+ Leit sich ein Mülen stolz,
+ Sie malet uns alle Morgen
+ Das Silber, das rothe Gold.
+ Dort hoch auf jenem Berge
+ Da geht ein Mülenrad,
+ Das malet nichts denn Liebe
+ Die Nacht bis an den Tag.
+
+Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf,
+dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mühlsteine machen, wie
+Verena auf der Aare und der Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch
+die Stadtpatronin Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der
+Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben,
+denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es
+urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St.
+Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge
+und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus,
+wird mit einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und schwimmt
+damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die
+hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem
+Wasser einher, als wäre es festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt.
+in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
+Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. Brigida ist
+neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte
+aufgestellt und wird bei Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein
+berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flüsse und Seen
+sind die Adern, durch welche die älteste Kultur in die Länder floss, und
+die Mühle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
+denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee
+sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Müller
+und Becken schlagen sich mit Säcken; der Aargauer: sie putzed (die
+Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flügt
+(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schüttid: schütten die Frucht
+auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner
+Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in
+den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der
+Himmelsmühle (Uhland, no. 344) knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas
+lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen,
+dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte gilt und ein in diesem
+befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der
+Schwabenspiegel bestimmt: diu müle hat ouch bezzer reht danne ander
+hiuser. swer in der müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem
+sol man hût unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in
+henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein eine besondere
+Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet
+sich nemlich in einem alten Liede folgende Prüfung erwähnt über
+Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere
+steht am Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er rechts,
+so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; geht er aber zu Grund, so
+ists ein Metzenkind.--Der jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein
+_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht:
+die auf dem Felde, in der Mühle und im Mutterschosse. Bereits sind in
+der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen örtlichen Felsen
+und erratischen Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen
+Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich tragen.
+Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in Betracht. Jener vorhin
+erwähnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trägt ein über
+Faustgrösse ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der
+Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die Stadt
+heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in
+dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenförmig
+gewölbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe
+Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus
+kirchlich gereicht hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der
+würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage über
+zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des
+Neckarstroms 1740, 46.
+
+Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin hindeutender Zug ist
+enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu
+Solothurn gegründet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern
+konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern
+Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von
+unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus diesem Mehl
+gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten
+Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darüber:
+
+ Dum panis victus solitus
+ exhaustus fuit plenius,
+ farris pastus positus
+ est ad fores celitus.
+
+Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
+wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an quadraginta sacci, und
+Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein
+Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae.
+Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht
+(107a) nacherzählt zu sein:
+
+ vor der clause man ligen sach
+ viertzig sekche mit mele vol.
+ er gedacht ir not da wol,
+ wan daz prot wuchs in ier munde.
+
+Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch
+Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn
+da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikönig, zur Zeit der Zwölften,
+sein Mehl von der Boitzenburger Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû
+Freen und verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden ausschütte.
+Thut er dies folgsam, so findet er die Säcke wohlgefüllt des andern
+Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name
+zusammengefallen in den der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus
+Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die Spitze
+der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein
+Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden das Land
+durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415
+ausdrücklich als um Halberstadt bestehend bestätigt, und der vierte
+Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
+Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen
+Gauheiligen erläutern.
+
+Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden,
+Brod und Wein überbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz
+sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken
+bedient. Er erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der Aare
+von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass auch sämmtliche
+Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen
+musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man
+läuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom
+herab gefahren kam. Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke
+empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
+Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
+tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der
+Spottreim:
+
+ Wenig Brod und sûre Wî:
+ ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî!
+
+Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines
+Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen,
+um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darüber der
+Entwendung verdächtigt, tritt ihr der argwöhnische Priester plötzlich in
+den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in
+Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides
+als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher kommt es, dass die
+Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf
+in der Hand haben. Das Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste
+Aufzeichnung berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form
+einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die
+des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemässe vor Alters
+steinern war. Das Zürcher Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm.
+1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
+Klostergründer König Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen
+lassen. Geschichtsfreund 8, 19.
+
+Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls
+unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es
+ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus
+Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964
+berichten. Auch sie zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau,
+pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
+mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena,
+mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedächtnisse
+fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern
+Innthal und hatte die Schweine zu füttern. Für jeden Armen sparte sie
+sich eine Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
+geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich die Gabe in
+Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im
+Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen
+Hausstand zurück; wollte man sie jedoch über die Feierabendzeit im Felde
+fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die
+Sichel in die Höhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen.
+Sie ist die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in ihrem
+Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen
+spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten.
+Als sie an den brückenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurück und liess
+Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf
+dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
+errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur
+Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im
+Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2,
+no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, überschwamm sie auf einem
+schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Höhle, die
+beim würtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg
+her überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih gespiesst,
+und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch
+zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier
+einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet
+Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als
+Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und
+Butter von ihrer täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des
+nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische Schlossherr sie
+auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und
+Milch in ihrer Schürze in einen Strehl und in warme Lauge.
+
+Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
+landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
+Verenatag knüpften.
+
+Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-,
+Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76)
+verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten
+(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht
+noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V
+Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und
+Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe
+Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fünf "geschlossnen
+Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht
+Tage nach dem auf Verena nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit
+hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jährliche
+Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt.
+Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt
+Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86
+die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena
+und Martini an.
+
+Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September sind unter
+unserer Landbevölkerung folgende üblich.
+
+Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, draejet, löset, umg'heiet,
+brünnelet--und z'Abig s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn
+solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
+Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena schön Wetter
+war, so erzählen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen
+unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber
+regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Säen hinaus.
+Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn
+aber nit, so chan er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner
+Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
+sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der Abendimbiss ist, mit
+ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz
+1862, 259.--
+
+Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es,
+ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein
+strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.
+
+A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf berathet sich, ob
+er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er
+daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trägt s'
+Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs
+Feld gebracht, s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die
+Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen mit 1.
+Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. März, giengen sie wieder zu Ende.
+Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und
+schliessen mit dem Josephstag, 19. März.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5]
+
+ A Solodoro igitur
+ discedens proficiscitur,
+ ubi Rhenus labitur,
+ Zurziacham graditur.
+
+Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus
+Ratdolt.
+
+[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit,
+sagt die Originallegende; erst später wird der Name Hirtacus dazu
+gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Dritter Abschnitt.
+
+Verena, die Geburtshelferin.
+
+
+Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
+ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und
+Waschkrug; ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln
+am Verenentage. Mythische Nachklänge von der Gewitterriesin: das
+Vrenelisgärtli am Glärnisch u.s.w.
+
+Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und
+stellen hiefür diejenigen Erzählungen voran, welche der ältesten
+zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der
+Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehören. Diese von G. Waitz
+nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch für diejenigen
+Thatsachen, über welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als
+Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener
+Periode anknüpft.
+
+Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange
+kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins
+Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in
+der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen
+Thronfolger.
+
+Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga
+geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und
+obwohl schon mehrere Töchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald
+aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem
+solchen beglückt. Dieser war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol.
+Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht
+zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.
+
+Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter
+Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung
+nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden
+Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und übernachteten daselbst im
+Stifte. Hier träumte Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich
+wünschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
+Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.
+
+Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in kinderloser Ehe gelebt,
+hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Töchter bekommen.
+Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn
+diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben
+begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den Zurzacher
+Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu ihnen begeben, die
+Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines
+Reichthums opfern, dafür werde er seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt
+sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns
+diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
+Unvermögenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib
+vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.
+
+Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib
+geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel,
+entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie
+liessen sich auch in allerlei Schmähungen über derlei Pflichtigkeiten
+aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend
+fort. Dafür starben er und sein Weib eines jähen Todes, und seine
+Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an
+Gliederlähmung.
+
+So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der Legende über den durch
+Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwähnt aber ist, dass
+derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden
+Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen
+hinab und schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
+wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und
+Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein;
+auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt
+das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu
+handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach,
+gestorben zu Heidelberg, verdankt.
+
+Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in
+das Städtchen Klingnau hinüber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren
+es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht
+stundenweit über den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen
+Felsentreppen ersteigt man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer
+einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. Wer
+seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, muss nach dem
+Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Männer her, die man ein
+knarrendes Wägelchen über die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig
+laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden
+lassen, dann aber zu einer Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand
+mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
+wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebüsch
+ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach
+Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mündung in den Rhein
+gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz
+oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese
+Erzählung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe
+zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden
+Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn dafür eben fliesst in der
+Zurzacher Stiftskirche jener heilkräftige Brunnen. Die hier
+hinabsteigenden Wallfahrer dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich
+schöpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
+Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; letzteres ein Brauch
+aus der frühesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von
+Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St.
+Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor.
+Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
+Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib
+wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche geführt
+und kommt hier zufällig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche
+trieft und des Weibes Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus
+Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch
+auf der Stelle sehend.
+
+Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt
+die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das
+von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte
+unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel;
+nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar über der
+Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen
+Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.
+
+Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine
+Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsäule
+errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge
+Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des
+Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den
+Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Röhre hinab,
+durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind
+der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfüllung
+ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus
+der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten
+"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und
+Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem
+Ergöw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
+abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein
+unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fuoss in dz loch stosse, da dz
+wasser herfür quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie
+fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter
+gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom
+Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht
+sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen
+Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda gleicht also vollkommen der von
+den Albanesen verehrten Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge
+deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es
+gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Märch. 1, S. 37. Holda
+hütet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt
+sie als Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch für die
+gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen können, und
+nimmt die unmündig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die
+kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, überall lokalisirte
+Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
+herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Schon
+altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der
+geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der
+Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:
+
+ du bist der gezeichent brunne,
+ darin schein diu lebendiu sunne.
+
+Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:
+
+ Storch--Storch--Steine,
+ Mit dem langen Beine,
+ Mit dem kurzen Knie:
+ Jungfrau Marie
+ Hat ein Kind gefunden
+ In dem goldnen Brunnen.
+ Wer solls (aus der Taufe) heben?
+ Der Gothe und die Göthen.
+
+Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert
+ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den
+Fängen und zudem auf jedem Flügel je ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser
+macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer,
+Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits
+verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachträglich noch
+folgende aargauische anführen. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre
+1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljährlich am
+Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen
+Brunnenstuben den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser
+Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den
+abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die
+gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben
+entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:
+
+ Der Bach chunnt, der Bach chunnt:
+ Sind mini Buebe-n-alli gsund?
+ Jo jo jo!
+
+ Der Bach ist cho, der Bach ist cho:
+ Sind mini Buebe-n-alli do?
+ Jo jo jo!
+
+In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der
+dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden
+Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in
+Oberfrick aus dem altverschütteten Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus
+dem Stampfelgraben des dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
+Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der übrigen
+Schweiz gehören folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der
+toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der
+Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach
+in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch
+bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau
+Saelde trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550.
+
+Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern
+entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände erlaubten, in
+Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus
+vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen
+lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber
+fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der
+Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227.
+Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen
+sein musste, erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim
+beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen über
+die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515,
+20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen folgende Theorie.
+"Die in Seen und Flüssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestüm
+trügerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so
+erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt
+gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon
+das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches
+Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese
+lassen sich an Flüssen und Quellen blicken, kämmen ihr langes
+Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die
+Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist,
+nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die männliche,
+und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in
+Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber
+Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle
+tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit
+dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren an
+Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die
+geschichtlich ältesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind.
+Die zürcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspült und
+in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind
+ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau.
+Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf
+derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind
+altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der römischen, theils
+aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste Insel,
+deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war für einen grossen
+Theil der Weiler und Höfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen
+Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
+gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz.
+Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich bestand bis zur Reformation
+das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu
+_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker
+Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.
+
+Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvögtin
+der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich
+geopferten Gegenständen, vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen
+Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern
+kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den krönleinartigen Kopfschmuck
+der Tschäppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und
+Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den
+Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
+Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es
+ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens über das Haar
+gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das
+Kirchspiel genannt, ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach
+Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum Opfer
+aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein.
+Erscheinen dann im Herbste die Züge der übrigen Wallfahrerinnen, so
+nehmen sie ein solches Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während
+ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen häuft sich
+hier an, dass man die veralteten darunter alljährlich am Charsamstag
+abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezündet wird,
+mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in
+dessen Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
+Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach
+alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der Gemeindebann von Jung
+und Alt umschritten, so dürfen bei diesem Männergeschäfte die Mädchen
+allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für
+die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
+Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, die
+gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und
+überhängen damit die Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem
+Verenas Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss
+hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der
+Sigrist, setzt den schönsten der geopferten Kränze der Heiligen aufs
+Haupt und schmückt mit den übrigen den Grundstein.
+
+Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man überhaupt Kunde hat,
+ist es gerade ihr Gürtel, der sie als eine die Ehen und Geburten
+beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem
+ehemaligen schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten
+Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem
+entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der
+Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis
+über den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter
+(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird
+nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des
+römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist
+so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur Welt geboren worden.
+
+Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen
+Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.
+
+Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen Klingnau an der
+Aare führt über den Achenberg. Auf der Hochebene dieses beträchtlichen
+Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter
+Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von
+Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften
+Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
+Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige Jahreszeit,
+des Berges wilde Schönheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau
+und Klettgau hinüber, die Wunderthätigkeit des Ortes und der den
+andächtigen Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann
+zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier
+zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer.
+Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne nicht über eine in Felsen
+gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo
+die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen
+Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken daheim ein Krüglein
+voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.
+
+Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September
+als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig
+bemittelter Mann aus dem Städtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der
+Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie
+auf jener berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
+das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten
+daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern
+Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, traf hier einen ihn
+freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit.
+Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere,
+sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung
+gesteckt und sie gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei,
+dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der
+Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand
+wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Händen fassen
+konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau
+nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem
+Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf,
+und ach! da hieng gerade über seinem Kopfe gewaltig sausend ein
+umrollender Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück nach
+Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut,
+musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem
+Zehrfieber gestorben sein.
+
+Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die
+Müllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthätigkeit nicht gesehen
+sein. Es ist dies zwar ein öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe
+Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet
+er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
+Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena
+die erwählte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der
+Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle
+entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die
+gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und
+die Ortssage fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit
+abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus
+einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von Büttisholz einst in
+der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstücke
+schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach
+einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
+dass auch die Quelle versiegt war.
+
+Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben,
+berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei
+schon in ältester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die
+über diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die
+auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
+Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenüber
+entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte
+Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen
+angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer
+Sag. no. 1 mit dem Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den
+Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen,
+sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trägt, wie schon bemerkt
+worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.
+
+Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der Nähe der Stadt Zug,
+gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghöhe an der alten Strasse,
+die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein
+herkömmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform
+gebauten Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und meldete,
+der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Müller
+in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine
+Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der
+Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen
+Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste über der
+Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen
+diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15.
+Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
+hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und Doppelhaken".
+Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden verkündigen des Ortes
+Wunderthätigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das
+St. Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der Figur der
+Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten
+Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die
+Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie der Zugerkalender vom J.
+1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrücklich berichtet:
+"Bist du krank und die Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen
+nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam
+zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich
+Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hören. Auch
+wird dir den Sommer hindurch so ein kühler Spaziergang in der Frühe
+überaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Stärkung für
+deine schwache Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins
+aus ihrem Krüglein einzuschenken geruht."
+
+Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach
+errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren
+gesetzt und haben übereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige
+trägt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein,
+in der andern hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
+dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt
+des Krügleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der
+Flügelthüre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt,
+hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
+Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das nichtlesende
+Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren
+oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1.
+September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten
+den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hält und zu Füssen ein
+geschnäbeltes Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
+Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche
+Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete,
+dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher
+hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr
+geheilten Aussatz hervor:
+
+ auzsetzig behaft macht si slecht,
+ plint, chrump macht si gerecht.
+
+In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen
+Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete
+ihnen die Betten, kehrte den Boden, säuberte die Kleider, wusch alte
+Erbschäden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf
+solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie dasjenige in
+der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte sein Krüglein mit Lauge und
+seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die
+durch Papst Urban seit 1625 neu bestätiget worden, ist nach dem dritten
+Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
+Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu verabreichen.
+
+Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten Legendenaufzeichnung
+gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden
+dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals
+eine Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man
+hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem
+verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darüber erblindete,
+erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug
+vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den
+Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls."
+Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus
+und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe
+einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden
+war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der
+Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich
+auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefäss zu setzen, sie
+würden sonst zu viel Töchter gebären. Ein Stück von diesem
+Verenakrüglein hat nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und
+dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift
+abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen
+allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden:
+Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Küssennacht,
+Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht
+Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses
+Werk; obenauf liegt in Lebensgrösse gehauen ihr Bild in
+Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in
+fliegenden Haaren, es hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der
+rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
+Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus Menschenliebe sich
+unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt,
+sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das
+mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rössli ist ihr
+Aufenthalt. Aus dem Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor
+hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
+sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült sie ihr
+Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen
+Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem
+Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird,
+erklärt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier
+Gotteshöfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen,
+welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese
+verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80
+Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu
+gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Messpriester den
+Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie
+sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese Höfe
+ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu
+verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher
+Hand an den Gemeinderath von Reckingen übergegangen und hat seit dem
+Jahre 1854 die gründliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene
+letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen
+Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu
+gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude,
+wird darüber zusehends grösser und ist mit einem male wieder unsichtbar.
+Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen
+niemals das Füllen erblicken, wohl aber statt dessen eine
+weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier
+Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
+Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.
+
+Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in
+Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nähig sind
+("übergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen
+(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
+Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
+Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese
+Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden wurde Ross und
+Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rüstpferd lässt die
+Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige
+Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst.
+Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
+Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des
+Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig
+der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar
+darauf der Kapelle in Grünthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt
+Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal,
+1860, 6.
+
+Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich
+in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wäldchen, das nach
+einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhölzli heisst. Am
+südlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt
+dorten eine schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
+das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschädliche
+Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist freundlich, nur will sie in
+ihrem Geschäfte nicht gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa
+ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss einen
+geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwärts heisst sie
+nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strähl-Anneli, oder nach
+ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den
+verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
+Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm durch die
+Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme
+niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits
+die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen
+Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus
+Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt
+und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer,
+Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmännin
+gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschäfte gewidmet, die
+Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst
+der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun
+zwar unsern ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige
+Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- und
+Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das
+klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich
+darüber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der
+zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Römer ihre Bildsäule mit einem
+Kamme in der Hand vorstellten, erzählt hiebei: Als einst die römischen
+Frauen die Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
+Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen
+die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsäule,
+die den Kamm trug.
+
+Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt
+schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr
+beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mädchen das
+schöne Haupthaar und zugleich den schönen Schatz. Am 1. September, als
+dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden,
+deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
+katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um
+Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein
+neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener
+Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Köpfen ihrer Kinder eine
+gründliche Wäsche abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf
+geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs.
+Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:
+
+ Chind, bis ietz still und fîn,
+ oder es chunnt Frau Vrin,
+ die het ne grosse Striegel
+ und zert di kech am Riegel.
+
+Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist
+also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die
+lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm
+behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei
+weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
+nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden
+solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein:
+
+ Ach mî liebi Jumpfere Vre',
+ gsehst, i ha kes Schätzeli meh,
+ strähl und wäsch mi doch au nett,
+ dass mî Hansli Freud ab mer het!
+
+Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen
+"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen
+Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19
+folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks
+Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der
+Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal:
+
+ Frene, Frene, dorra weg!
+
+In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende,
+geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des
+weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende
+Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt.
+Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit
+schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil
+es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so
+übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es
+im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell
+als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu
+entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das
+Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine
+heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in
+der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt
+geworden.
+
+Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas,
+wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen
+gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur
+demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke
+(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und
+zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin
+bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie
+denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um
+unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und
+Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde
+man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie
+nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird
+sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm
+(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon
+die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst,
+lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des
+Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte
+anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom
+fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten
+stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass
+ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während
+Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im
+fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert;
+ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in
+der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern,
+der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
+Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
+dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von
+Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und
+rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der
+bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die
+rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
+Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena).
+Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage
+in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des
+Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern
+Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist
+stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
+Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und
+staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258.
+Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte
+Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
+Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen
+Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher
+verwandelt hat.
+
+Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl.
+Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern,
+zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am
+südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im
+ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des
+Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend
+gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen
+Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die
+Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen
+einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen
+heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in
+ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen.
+Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen
+breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für
+immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee,
+es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich
+über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
+einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte
+auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten
+grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach:
+"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten
+gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite
+Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in
+der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern
+eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.
+
+Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit
+alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm,
+Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach
+einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch.
+Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
+Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie
+werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen
+kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den
+Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte
+Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst
+von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.
+
+So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit
+zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen
+lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte,
+Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel,
+die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel
+hervor bohrt--verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh
+angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte
+die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen
+besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der
+demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die
+der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des
+Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der
+jenseitigen Thalwand eindrückt.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
+Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken,
+Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am
+Schwarzwald, ob Laufenburg.
+
+ * * * * *
+
+
+
+Vierter Abschnitt.
+
+Verena als Frau Venus.
+
+Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
+Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und
+Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt
+auf den ursprünglichen Mythus.
+
+Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen
+Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf
+dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt.
+Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in
+Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und
+an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240
+veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C.,
+und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres
+Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen.
+Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon
+von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche
+Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit
+aufgeführt.
+
+ Tannhäuser war ein junges Bluet,
+ Der wot gross Wunder gschaue,[8]
+ Gieng auf Frau Vrenelis Berg
+ Zu selbige schöne Jungfraue.
+
+ Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
+ Chlopft er an a d'Pforte:
+ Frau Vrene, wend er mi inne loh,
+ Will halte eu'e Orde!
+
+ "Tannhäuser, i will der mi Gspile ge
+ Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
+ Diner Gspilinne begehr ich nit,
+ Min Leben ist mer z'lieb.
+
+ Diner Gspilinne darf i nüt,
+ Es ist mir gar hoch verbotte,
+ Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+ Tannhauser sass am Figebaum,
+ Drunter er war entschlafe.
+ Es chunt em für i sinem Traum,
+ Er müess uf Rom wallfahrte.[11]
+
+ Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
+ Wohl unters höchsti Thor,
+ Frogt er dem oberste Priester noh,
+ Wo in der Stadt Rom wär.
+
+ Wo er i d'Chille ie chunt,
+ Vor'm Pobst thet er sich gneige:
+ Gott grüeze eure Heilige, Pobst,
+ Mine Sünd will i eu azeige.
+
+ Der Pobst het do en düere-düere Stab,
+ Vo Dürri war er gspalte:
+ "So wenig de Stab meh z'grüene chunt,
+ So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
+
+ Und wenn i nümme z'Gnade chum
+ Und nümme mag werde bihalte,
+ So gohn i uf Frau Vrenis Berg
+ Und leben bîn ihr im Walde.
+
+ Es goht nit meh als dritthalb Tag,
+ So fieng der Stab a z'gruene,
+ Er treit es Laub so grüen wie Gras,
+ Darzue drei schöni Blueme.[10]
+
+ De Pobst schickt sine Botten us,
+ Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre;
+ Er schickt sie us in alli Land,
+ Der Tannhuser blibt verfahre.
+
+ Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg,
+ Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
+ Tannhuser soll do usse cho,
+ Sine Sünde eigen ehm nochg'losse!
+
+ "Zun-ech usse cho, das chan i nit,
+ Do muess i bliben inne.
+ Muess bliben bis am Jüngste Tag,
+ Dä gohts mer erst, wies cha und mag!"
+
+ Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
+ Der Bart wachst ihm drum umme,
+ Und wenn er drümal ummen isch,
+ So wird der Jüngst Tag bald chumme.
+ Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
+ Öb der Bart es drittmol umme goht
+ Und der Jüngsti Tag well chumme.
+
+Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen
+südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und
+wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen
+Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes
+Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter
+Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich
+bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und
+wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten
+"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler
+histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der
+Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses
+Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm
+(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene
+die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither
+weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt.
+
+Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von
+Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr
+vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres
+berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber
+empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen
+Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach.
+Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine
+Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte
+hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst
+die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine
+Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt
+durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des
+Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her,
+die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh
+und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den
+Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag
+und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein
+lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die
+Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind
+einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der
+Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei
+allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
+verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger,
+hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter
+(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg.
+Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu
+grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht
+mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um
+den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit
+ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine
+Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur
+Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich
+mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein
+paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der
+letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es
+war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und
+hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da
+von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden,
+durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand,
+brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
+folgenden Reim:
+
+ Frû Frîen
+ wolle geren frîen
+ un konne keinen krien,
+ da feng se an de schrîen.
+
+Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen
+Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren
+verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no.
+12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in
+dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre
+Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl
+die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen
+Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist
+die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa,
+domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven
+Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und
+Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S.
+414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
+Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben
+Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsächs.
+frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn:
+pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch
+sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber;
+"de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es
+luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate
+übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname
+Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht
+durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit
+priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus
+Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs,
+norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das
+an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs,
+dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
+Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins
+Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung
+war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre
+Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander
+gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems
+gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und
+Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die
+mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet,
+hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube
+eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist
+die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen
+ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen,
+zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So
+urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.
+
+Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angeführten Namen
+der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und
+Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen
+einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
+schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im
+Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in
+denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast
+der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur
+dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und
+Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von
+der Omeiss 36, lässt die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fünfzig
+Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum
+gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628
+regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der
+Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
+_Kröten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner
+Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede
+selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:
+
+ Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
+ Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
+
+Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen
+Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen
+Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier
+Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte
+angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761.
+Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
+Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das
+Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei,
+Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt
+(ed. K. Gödeke, S. 151):
+
+ zuo Basel in der Malentz gassen
+ do hat sich fraw Venus nider glassen.
+
+Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden
+Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach
+begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der
+ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an
+einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen
+ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden.
+An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der
+ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen
+fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
+Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten
+Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der
+Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt,
+erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen
+Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
+gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres
+erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte.
+Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen
+"Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter
+die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst.
+So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden.
+
+Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch nicht
+aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und Kaiser Friedrichs
+hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen
+Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die
+andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd
+Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem
+latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
+aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des
+Neumonds begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
+entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die Zurzacher Dult
+schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie
+hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich
+zusammenhieng. Kirchen und Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht
+verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die
+Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname
+Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines örtlichen
+Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzügen
+besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzüge gehen von einer
+Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des
+Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe
+der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint
+liegt.
+
+Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche häute
+Venus heissen, ist ursprünglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei
+unserem gegenwärtigen Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie
+hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt
+hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim Dorfe Eib an
+der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge
+auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort
+Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er
+bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das
+Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb
+Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt
+die Venus vor einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums 1860,
+88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst
+urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein
+Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch.
+Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
+führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein,
+Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmöglich alle dem Latein
+abgesehen sein können, empfand schon Fischart, der in seiner
+Uebersetzung von Bodinus Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei
+Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
+und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede
+den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem
+abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem
+romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist,
+bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform
+Feenesleute, wie die Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23
+heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort,
+Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins
+Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch
+Fayer, gälisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des
+Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und
+Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als
+Feen dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass sie
+Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört jedoch der Name
+des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesänger, gestorben um 1196; dessen
+Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande
+gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils,
+ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
+örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.
+
+Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die
+Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch
+die Kirche zur Patronin der Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur
+Mutter der Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
+Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit denen sie im
+Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem schattigen Lusthain
+(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklärlich Tannhauser. Auf den
+bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesänger Tannhuser (gestorben um
+1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
+Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht
+geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn auch unter
+anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefür
+giebt Grimm Myth. 888.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Uhland C.
+
+[9] Uhland A.
+
+[10] Uhland B.
+
+[11] Nach Uhland C.
+
+[12] Uhland A.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+III.
+
+Gertrud mit der Maus,
+
+die Allerseelenherrin.
+
+ * * * * *
+
+
+Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den heidnischen Namen einer
+germanischen Walküre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr
+bezeichnet sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda
+genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das
+altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib,
+virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe
+niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schläfer
+auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp,
+bezeichnet. Der Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen
+Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten Walküre
+entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon
+Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen Frauen genannt; ebendaselbst
+eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen
+Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah,
+verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud
+bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen,
+dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 übersetzt trutari
+mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das
+Geschäft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
+müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden spinnende
+Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen
+Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den
+Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem
+Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben
+genannten Göttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des
+Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
+Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den
+Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit
+Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird
+Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die
+nächtlich wühlende Maus, kündet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die
+Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge
+dessen versöhnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man
+die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen Mäuschen bäckt.
+
+Dies ist der äusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.
+
+Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre älteste
+Legende in vielfältigen Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden
+sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
+unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in Nivelles,
+zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS.
+sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles,
+zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I.
+Gemahlin Ita um 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als
+erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
+gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, erzählt, dass
+Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach
+Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten
+Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
+geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser Angabe hinzu,
+dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen
+desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl.
+Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man
+dorten die Klostergründungen und Vergabungen zu Karleburg und zu
+Neustadt am Main beilegt, ja man führt daselbst noch eine dritte hl.
+Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und
+nachmalige Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von
+dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
+frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und dass man aus eben
+dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grösste deutsche
+Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche
+Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens
+bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
+Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert
+angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der
+Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
+Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so
+die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit
+den frühesten Anfängen des Christenthums in Deutschland zusammen.
+
+Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei
+zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet
+wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4,
+25. In holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
+Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die
+Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin
+der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne"
+trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434.
+Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trägt
+Gertrudens hölzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen.
+Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab,
+der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des
+Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an
+welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen
+eingewoben, zwei, Weihrauchfässer schwingende Engel umschweben sie.
+Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der
+Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag,
+durch zwei Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit
+correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbüchlein (edd.
+Strobel) lautet:
+
+ so kumet die liebe sant Geretrud,
+ die so entschlief in gottes willen,
+ und stulen die ratten und miuse ir spillen
+ und trugen sie in ir miuseloch.
+
+Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger Münster gewesen, auf das
+sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Könighovens Chronik 571 beruft,
+war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend,
+umschwommen von Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
+in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der
+Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; für jetzt seien die
+landwirtschaftlichen und bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt,
+die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.
+
+Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich knüpfenden
+Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der
+Winter, und mit dem 17. März der Frühling beginnen soll, so ziehen mit
+dem letzteren Termin die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei
+Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
+lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft
+die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2,
+71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es
+beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste
+Gärtnerin verehrt ist. Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren
+Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende
+Sprüche;
+
+ Sünte Katherin
+ smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn.
+ Sünte Gerderut
+ tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.)
+
+ Sankt Gertraud
+ führt die Kuh ins Kraut,
+ das Ross zum Zug,
+ die Bienen zum Flug.
+
+ Gerdrut
+ geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)
+
+ Sant Gertrud
+ Säit Zibelä und Chrût. (Schweizerisch.)
+
+Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln,
+wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im
+Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der
+Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz.
+Merzafülli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fällt auf 17. März und die
+Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen
+guten Frühling.
+
+Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzählt von ihm
+folgendes Märchen, enthalten in Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866,
+no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer
+brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf
+Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats übers
+Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und füllte das ganze
+Geschirr. Dieser Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten
+male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grösse,
+und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr
+müsset ohne Almosen gehen, all mein Gebäcke wird zu gross für euch! Zur
+Strafe verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch
+ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum
+Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie nach Futter in die
+Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth.
+3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorüber, wo frisches
+Brod duftete, und sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu
+erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
+sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafür sind diese
+zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber
+ist zum Kukuk geworden. In Prätorius Weltbeschreibung und darnach in
+Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur
+theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott
+den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen:
+Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen Raubvogel verwandelt, der
+unaufhörlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt
+hierüber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe
+ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafür,
+als man auf des Kindes flache Hand hinzählen könne. Das Büblein gieng
+darauf ein und machte sein hingestrecktes Händchen immer hohler und
+schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden
+wollte, noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen,
+so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf
+Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.
+
+So wird hier der Specht, ursprünglich ein nahrungsspendender Bote
+Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und
+geht in die Gestalt des gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über.
+Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwünschter
+Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies
+besagen die nachfolgenden Kindersprüche:
+
+Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk,
+Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em dürre
+Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis
+acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf ertönt,
+heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod,
+franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschöl
+cucu (Butterbrod), und weil seine säuerlichen Blättchen von den Kindern
+genascht werden, auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das
+Brod, 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen
+Guggichbrödle.
+
+Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
+Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
+Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und Speckwähen
+benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange
+seinen Ruf ertönen lässt, als die Brütezeit dauert und er die Eier
+andrer Vögel aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die Reife
+der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier für
+buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme
+verfällt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn
+erregten Theuerung knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen
+und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
+oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem
+Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er
+soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in
+welches jene Beckerin mit ihren Töchtern verwandelt ist; das ist bis
+Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne
+abwärts gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts gönd, schlôt 's ûf. Hält
+der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen
+Opfer er selber zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch:
+
+ Am achten des Aprils,
+ da soll der Kukuk kommen;
+ Kommt er am achten nicht,
+ so ist er todt oder gefangen.
+ Kommt er am zehnten nicht,
+ so hängt er gefangen im Zaun.
+ Und kommt er am zwanzigsten nicht,
+ so ist er gefangen im Korn;
+ Und kommt er am dreissigsten nicht,
+ so ass ihn der Hirt mit Polenta.
+
+Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der Anbau in der
+ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwäbisch Mundingen
+Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und
+daraus erklärt sich vollständig der Schwabenstreich des Städtchens
+Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels
+Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch
+bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene Haber schnelle
+(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in
+Zürich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhäusern zu nahe, eine
+Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den
+richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
+Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis
+in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu,
+in Meiers Kinderreim. no. 87:
+
+ Schrei sie mir in Deckelkräbe
+ Wie viel Jahr darf ich noch lebe?
+
+Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und
+Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer
+verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag
+4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
+Myth. 3, 222):
+
+ Kukuk, Kukuk, Gerderut:
+ stäck dîne vêr Hörns herut!
+
+Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher ihm die
+Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in
+die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Göthes Lied
+Frühlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April
+gehörten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und
+der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
+man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung
+ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfälisch der
+Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht
+man:
+
+ Gugguger im Sessel,
+ Gieb mir dein Geld zu lesen,
+ Will dein Geld dir wieder geben,
+ Sag, wie viel Jahr thu ich leben?
+
+Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers
+Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften unter wunderbarem, weit
+vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die
+Gestalt einer gewöhnlichen Taube hat, aber an ihren Füsschen ein kleines
+Schilfstühlchen mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden
+stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde nie, wo sie
+aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und blüht es im folgenden Sommer
+am schönsten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die
+Taube wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder Taube, die
+ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Göttermutter,
+die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem
+goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg
+der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
+Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843.
+
+VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.
+
+Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:
+
+ Gugger uf em grüene Ast,
+ Du, mi liebe, schüeche Gast:
+ Gugg mer doch, bis au so guet,
+ Wie mängis Jahr no han i z'guet?
+
+Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und auf den Sack schlägt,
+dem geht es das Jahr über nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der
+Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar
+also reden lässt:
+
+ Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack
+ u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),
+ dass i kei Batze by mer ha,
+ jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"
+ Un Aenni lost und fraglet di:
+ Wie mängs Jahr ächt no leben i?
+
+Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zürcher Chirurg
+Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, Zürich 1646, 13: "Vnd da der
+guckguck Fünffe herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
+anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. Sie fiel
+aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum sterben sich
+zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck
+hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem
+letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie
+jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fünft finger auff,
+andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben
+habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"
+
+Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der
+hört auch den Kukuk nicht mehr; was man verwünschen will, das soll des
+Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende
+Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache
+bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der
+Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
+Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
+daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke
+abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, und von einem
+Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzählt, dass es nie
+mehr habe den Kukuksruf hören können, ohne nicht in heftiges Weinen
+auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus.
+317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
+Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim
+Frühlingsbade ertrunken, im nächsten Frühjahre:
+
+ Aelter wird mein Ellenbogen,
+ Schwächer wird mein Handgelenke,
+ Ja, der ganze Körper zittert,
+ Wenn des Kukuks Ruf ich höre!
+
+Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ältesten
+Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein
+verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem
+transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech.
+und römische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und
+eine Säule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus
+der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altrömischer Mythe
+die ausgesetzten Zwillingssöhne des Mars, Romulus und Remus, aufgeässt
+und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein
+Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte
+Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und Gefängnisse
+aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu
+füttern, lässt er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes
+Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vögel
+Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den
+Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab
+weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem
+Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in
+Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
+der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart),
+welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und
+so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.
+
+Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind,
+aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht
+dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die
+Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich
+da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche
+erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende
+Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir
+nunmehr in Ausführung.
+
+Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der
+Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben
+die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu
+nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm
+Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc
+prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum
+archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea.
+Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
+niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und
+Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem
+Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S.
+Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der
+groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se uouer dat Leuuer-Meer.
+Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin
+schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf
+und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos
+Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon später. Gertrudens Kirche und die von
+den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der
+Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof,
+an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe
+verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
+und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem
+letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor
+Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der
+unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit
+lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem
+Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter
+klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin
+Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie
+ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
+Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
+gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147.
+Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin
+geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist,
+allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die
+Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre
+liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
+Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
+Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen.
+
+Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als
+Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas.
+no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
+abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein
+Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu
+mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte
+und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde.
+Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen
+Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und
+nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
+Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das
+plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang
+ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
+sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser
+drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine
+weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor
+der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau,
+wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse
+Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so
+erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.--Weisse
+Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine
+Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den
+Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des
+Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines
+Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und
+lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das
+Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt
+den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn,
+von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen
+Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen
+Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte
+einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen bis ins Herz
+hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der
+niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists
+nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des
+Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde
+heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse
+auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.
+
+Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit
+entschlafen ist, kommt ein _rothes Mäuschen_ zum Munde heraus und geht
+durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen
+rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können.
+Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen
+Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte
+die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335.
+In Gestalt eines _weissen Mäuschens_ kommt der Alb durchs Schlüsselloch
+ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich
+schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es
+nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die
+Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben
+Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte
+nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit
+dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den
+Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich
+schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür
+hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
+wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche
+gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an.
+Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag.
+no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
+geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das
+Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein
+wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no.
+96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem
+Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus
+seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
+Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte
+der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen
+Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn
+sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die
+Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle,
+Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der
+Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich
+einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will
+hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine
+Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet.
+Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige
+Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert
+weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber,
+näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein.
+Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe
+begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von
+wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste
+ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als
+Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess.
+Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von
+Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen
+Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt,
+auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und
+rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund des Königs
+zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse mit Eisenbrücken
+geträumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben.
+Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige ähnliche Sagen aus
+Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende
+Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflügelter. Aus
+dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no.
+408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031,
+und Vonbun, Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden und
+umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit Geister, so können sie
+sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschützen und
+den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den
+Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei hier wiederum
+vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzuführen. Unser
+übelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, holländ.
+morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause
+auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird
+es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand,
+so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den
+Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt
+dieser bald. Verlassen sämmtliche Mäuse mit einem Male das Haus, so ist
+dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom.
+Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:
+
+ Der Aberglaube redt re noh,
+ (Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh,
+ Glaubt' i's, i müesst mi schäme):
+ Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz,
+ Geb's i dem Hus en andre Tanz,
+ Das heisst, es g'hei bald z'säme.
+
+Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die
+Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als
+sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8,
+82. Als die Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons Götzentempel
+aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre
+Felder mit dem Mäusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77,
+66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurück und
+übersandten dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf goldne Mäuse
+und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage
+heimgesucht gewesnen philistäischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4.
+Aehnliche Sühnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der
+Priesterkönig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine
+Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141.
+Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der phönizischen Ceres zum
+Sühnopfer gebracht. Welcker, Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen
+und im äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
+Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus
+dar, sowie auch eine Münze von Metapont die sechszeilige Gerstenähre
+zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer,
+Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen
+dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trägt die Maus auf dem
+Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl.
+Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die
+Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die
+agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte
+Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Mäuse
+vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud
+gewährt, welche, indem sie die Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen
+abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu
+baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
+Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die allbekannte
+Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der
+magischen Pfeife knüpft, mit deren Tone die Mäuse vertrieben werden, und
+hiervon noch später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen
+Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
+Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten
+Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzählt.
+Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und
+Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem
+fremden Mann überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
+Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor
+und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den Hauswinkeln,
+Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er
+trat sein Kleid aufschürzend in den Strom, die Thiere ihm nach und
+ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn.
+Allein die Bürger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am
+folgenden Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war
+purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und nun spielte er
+eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm
+binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum
+zwölften Altersjahre, die führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des
+vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
+wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit
+unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten erst wieder ans
+Licht geführt; denn seitdem spricht man in diesem Lande
+niedersächsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die
+Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen
+Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafür
+vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Mäuseheere
+wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf
+seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee,
+und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben
+verloren.
+
+Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis
+lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch Angionini mit dem Erbieten
+erschien, den Ort von seinen Ratten und Mäusen zu befreien. Er lockte
+alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den
+versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle
+Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn
+sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die
+Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die Mäuse, weil sie
+Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit
+hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frühling den
+Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182);
+wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende
+Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du
+singst mir alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
+singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich folgenden
+Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein
+Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man
+hängt dem gefangnen Thiere ein Glöckchen an und lässt es laufen; es
+springt aus dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
+Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die
+Pfeifchen im Schweife der hölzernen Spielrösschen und die thönernen, die
+man an der Stelle des Schwänzleins in die Erntenudel der gebacknen
+Mäuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt
+die Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch Weingärten;
+die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten
+(Kloster Weingarten, 1857, 48):
+
+ Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.
+
+Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in
+seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei lebendigem Leibe gefressen
+wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer
+Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und
+der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine Mäuse
+pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen
+wird nebst der eben berührten Sage von Trithemius in der Hirsauer
+Chronik 1, 116 erzählt und zur Unterstützung dieser Begebenheit, wie es
+scheint, dorten S. 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über
+einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am
+thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Güttingen soll sich
+desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Mäusen
+aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es
+haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3,
+307), und jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo Smintheus, S.
+78 ff.) über diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der
+Erklärung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein
+zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und
+damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte
+Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit
+Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt
+der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt.
+Mäuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder
+Seuchenzeit einstellen. Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den
+Irchelberg flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer
+gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur
+Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende
+Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Mäuse gehext habe.
+Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher
+gebräuchliche Phrase: Mach mir keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und
+will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes Bürgergeneral, 9.
+Auftritt.
+
+Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele
+hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern über
+die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:
+
+ Kommt ein Mäuschen,
+ will ins Häuschen,
+ da 'nein, da 'nein!
+
+Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu
+sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse,
+welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schädigung der
+Lutmäuse beim Amte Glurns anhängig machte, erhielten beide Parteien
+ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt,
+für Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der Beschluss
+lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich
+gänzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und
+jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre,
+oder Jugend halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein
+weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no.
+708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540,
+welches die Mäuse als Saatenverwüster anklagen und verurtheilen liess;
+der Mäuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des
+Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
+nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen durch Hunde
+und Katzen unsicher seien; füglich auch nicht erscheinen. Diebolt,
+Histor. Welt, 1715, S. 1117.
+
+Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern,
+findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknüpften
+volksmedizinischen Bräuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein
+Opfer hinausläuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den
+Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen,
+dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
+wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da
+hast du einen hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In
+Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
+Steindel.--Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen Zahn, gieb du mir
+einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es
+(Alemann. Kinderl. S. 338):
+
+ Müsli, Müsli, nimm de Zah,
+ gim-mer en schöne goldige dra,
+ frei en schöne wîsse,
+ ass ech's Brod cha bîsse.
+
+Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht
+selber verschluckt, hoch gegen Himmel:
+
+ Seh, liebe Herrgett, en Zah!
+ Gieb mer wider en andre dra.--
+
+In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht beim Schneidezahn:
+
+ Se, Mäusle, has du dean Za,
+ sez mer derfür en andra na!
+
+Beim Mahlzahn heisst es:
+
+ Wolf, Wolf, da has en Za,
+ gi mer derfür no koen Biberza!
+
+Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwäbisch Name des
+wälschen Hahns (Birlinger, Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass
+mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein
+altarabischer Spruch in Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den
+Schichtzahn gleichfalls der Sonne:
+
+ Liebes Kind, nimm deinen Zahn,
+ Der dir ausgefallen,
+ Wirf ihn zu der Sonn' hinan,
+ Sprich mit frohem Lallen:
+ Gieb mir einen bessern dran!
+ Und du wirst von allen
+ Neuen Zähnen keinen Zahn
+ Schwarz und schief und stumpf empfahn,
+ Sondern jeden wohlgethan.
+ Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.
+
+Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, Lichtalfenheim,
+zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine
+Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in
+Süddeutschland Wölfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden
+dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht
+auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
+zum Opfer fällt.
+
+In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 lässt sich die
+Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen
+silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das
+Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn
+wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst
+anderen dahin einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten
+Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der
+hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in Höhlen wohnenden
+Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine
+Zähne in den Boden säet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die
+Zähne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
+erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft
+man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn
+heisst in Süddeutschland Wölfle, und wölfen ist zahnen: Aus Wolfs- und
+Rosszähnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst
+umhieng, und selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den
+Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des Bären und
+Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als Amulette getragen zu werden.
+Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz
+bei Plinius überein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden
+zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung
+angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus
+Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte
+Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken.
+Höchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
+welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen hat. Das
+Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale
+Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu
+stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen
+habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das
+Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
+darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
+Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen Kirchenvisitation strenge
+Nachforschung hierüber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die
+Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel
+gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
+muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von
+Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter
+Analyse aus pulverisirten Mäusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die
+uns persönlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien
+dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu
+trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten,
+dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht
+verhalten können, gepulverte Mäuse unter der Speise zu essen verordnet;
+denn diese Heilmethode gründet sich auf ein blosses Wortspiel und steht
+nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen,
+dämonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
+Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die Muskelschwäche
+am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da
+latein. musculus beides ist, Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin
+nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
+geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprünglich unter dem
+Einflusse der wälschen Universitäten zu Padua und Montpellier stand.
+Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
+des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt
+daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wörtlich nach: "Das
+Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Mäusslin, so umb den Hals der
+Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht
+mehr gehorchen kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck
+und pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt
+durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der
+Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zürich 1554, Blatt 126b;
+Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45:
+"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib
+auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."
+
+Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwörterb. 3, 125, der
+schon vorhin erwähnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die
+dorten enthaltenen Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen
+stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür bedeutet.
+
+Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der Wurzel mûsch,
+stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch
+Yajnavalkya III, 214 (übers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus
+wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstände sind,
+so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen
+Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen.
+Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt Plautus in den Gefangenen
+den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555,
+sagt das Vorwort:
+
+ Mein frischgebachen brot
+ muoss leiden vil der not
+ von hunden vnd von katzen,
+ von meusen vnd von ratzen,
+ zerhülchen's, schliefen drein,
+ wolt, sie schwimmen im Rhein!
+
+Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ältester Zeit
+für bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest,
+durch die man dem schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen
+glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
+deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
+unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um Weihnachten und
+Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben
+in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren
+Umzug hält, nicht spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das
+Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von
+den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das
+Mäuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen
+die Mäuse (Aargau). Man darf alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst
+stehlen sie das Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach
+Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, Scheunenbodenläufer, in Dänemark
+Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch
+so fest, dass der dänische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774)
+während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur
+Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die
+Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel übrig bleibt,
+schüttet man gegen die Kornmäuse in die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch
+v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bäckt man die
+Fasnachtsküchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit
+ihr dem wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das
+Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt
+in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der
+gebacknen Mäuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils
+bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die Garben
+der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser Nachtarbeit nicht mit
+zusehen können, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben,
+jedoch vermehren sich die Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit
+flucht. Bavaria 2, 300.
+
+Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach
+unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den Mäusen, die hiemit sich
+begnügen und den Geizigen heimsuchen mögen. Die Beinchen vom
+Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht,
+streut man gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge.
+Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz,
+worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis zur Ernte auf und salbt damit
+die Räder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt
+der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die
+Katze für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die Scheune kommen.
+Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schüttet man in die Scheunentenne
+und spricht: Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide in
+Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in
+die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der sie Abladende fragt
+den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei,
+erwiedert Jener, so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich meine Gerste
+hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt.
+Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten
+einführst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine
+rechte Hand und sprich:
+
+ Da leg ich dem Menschen das Brot
+ und allen Mäusen den bittern Tod."
+
+Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf
+dass die Mäuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kräuterb.
+3, S. 9a.
+
+Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in
+Mausform gebackenen Zweckbrode.
+
+Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Bäuerin junge
+Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig und bäckt sie in Butter ab;
+hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen aus der
+Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen
+grösseren Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein
+thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx Rumpolts
+Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in dieses Mehlmäuslein die
+Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blätter. Noch älter ist folgende
+Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
+gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie schôn. seüd sie
+weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd
+deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch
+bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein,
+zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt
+von dieser Nudel:
+
+ Bachen wir ein Küchelein,
+ Meuselein und Streubelein
+ Und trinken auch den kühlen Wein,
+ Kaku-kaka-nai,
+ Dass man fröhlich sei.
+
+In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst
+es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:
+
+ Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,
+ Wämmä de Zucker nid spart und wämmä cha gnueg devu esse.
+
+Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach
+beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus
+Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern
+demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte
+Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl
+scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt
+man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen
+Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und
+Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer
+eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner,
+Sagb. no. 641.
+
+Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber
+werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren
+Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt
+man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt
+es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern
+wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung
+des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen
+und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt
+Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen
+umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern
+und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht
+zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
+Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das
+gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich
+im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker Flur
+getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen
+heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei
+Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel
+mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein
+Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom
+Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst.
+Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist,
+so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
+der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen
+Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man
+dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21]
+wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die
+Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr
+daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche
+Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen
+und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3.
+Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und
+sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle,
+Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der
+Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
+Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und
+entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss
+Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete, wurde ihrem Priester
+Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl.
+Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser
+Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte
+ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen
+Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign.
+Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der
+Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud
+gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an
+dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und
+dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr
+aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke
+Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von
+Unterfranken 13, 154.
+
+Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich,
+weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu
+trinken.
+
+Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter
+und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich
+den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten,
+um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des
+siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der
+Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum
+"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth.
+53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert.
+an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
+Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
+getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt
+auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne
+(Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte
+nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis);
+Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich
+gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther
+Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von
+Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S.
+699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
+trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der
+Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine _gute
+Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste
+Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese
+Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das
+Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
+eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der
+weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern
+jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck
+Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt
+Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle
+aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend,
+so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte
+Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die
+Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer
+des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen
+Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer
+verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als
+sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem
+Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie
+Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in
+Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
+Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere
+Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren
+Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie
+trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der
+Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und
+öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
+zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta
+und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus
+zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd
+eine Beata und Sancta genannt.
+
+Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem
+schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende.
+
+Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine
+Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit
+Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen
+Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach
+dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz
+und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des
+Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie
+je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an
+der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe
+dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
+weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen.
+Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach:
+So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser
+gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer,
+BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches
+Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich
+dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
+Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen
+Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
+Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch der Satan
+konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl.
+Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser
+Vorfall war später in der Heppener Kirche künstlich gemalt zu sehen.
+Mittelhochd. Dichtungen tragen ähnliches auf die hl. Maria über, die als
+Schutzgeist eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
+deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den Schutzbefohlnen aufs
+Turnier ziehen und in Gefechten mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert
+daraus, dass Maria hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen
+Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Götterwagen mit
+zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walküren
+gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetümmel
+mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu
+deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.
+
+ * * * * *
+
+Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem
+gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigürchen einer aus
+Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hähnchens ausgegraben
+und beides uns zu einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der
+Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an römischen
+Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat jüngst auch zur Entdeckung
+eines wohlerhaltnen Brennofens geführt; man erhob daselbst eherne
+Legionsadler, Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4.
+Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz
+gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch
+dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der
+Regenerationskraft. Die Maus trägt eine Schelle um den Hals gebunden;
+denn nach Apollodor (Fragmente) wurde für Sterbende Erz an einander
+geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu
+Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der
+Macht der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das Krähen des
+Hahnes das Licht des neuen Tages.
+
+Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn.
+Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. Die Figur ist aus
+ungesäuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus
+der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen
+Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen
+bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und Kamingesimse, finden
+aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.
+
+ * * * * *
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
+Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zähne
+nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvölker 4, 165.
+
+[14] Firmenich, Völkerstimm. 3, 112.
+
+[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.
+
+[17] Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285.
+
+[18] Alemann. Kinderlied.
+
+[19] Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien ihm ausgefallen;
+der Traumdeuter erklärte dies dahin, der Monarch werde alle seine
+Verwandten überleben. Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
+Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der schwarze Zahn, der
+alles benagende Zahn der Zeit.
+
+[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei
+Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. März der hl. König Guntram
+abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber
+dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
+gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit
+offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram
+an, weil er seine Schätze den Armen geschenkt und dafür einen ihm von
+Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.
+
+[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl.
+Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in
+Preussen, überschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer
+Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die
+Messe nach Kulm kommen zu können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre
+Fussspur in jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
+Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten auf den Wellen
+der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Königin
+Berta zurückgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers
+silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Nachträge.
+
+
+[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den
+Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat
+ihre neueste Vervollständigung gefunden durch die drei Bildergruppen
+eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im
+Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen
+die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Männer dar. Aus
+einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um
+Haupt und Lenden Epheukränze tragend, jeder auf einem phantastischen
+adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus
+reitet der Maikönig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem
+Ornamente der drei stumpfen Blätter, über welche sein Hirschgeweih
+emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die
+Hüfte trägt er einen Gürtel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit
+Pfeil und Speer Rosen in die gegenüberliegende Burg. Ihre Absicht steht
+auf den sie umgebenden Spruchbändern zu lesen.
+
+ Wol vf alle mine wilden man,
+ wir wellent festen und buirge han.
+
+ Schiessen alle, nieman lôss abe
+ an büte gewinnen, will einer habe.
+
+Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den
+Sommerreitern her eilender Jüngling mit herbei getragnen Brettern zu
+überbrücken strebt. Von den Zinnen herab kämpfen fünf dicht in
+Wollenfliesse gekleidete Männer, die Winterkönige; denn auch sie tragen
+Kronen wie der Maikönig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr
+Burgwart am Söller stösst ins Rom; das Spruchband über ihnen besagt:
+
+ Vnser vesten, die ist wol behuot
+ mit gilgen, klewen, rosenbuot.
+
+Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen
+Frühlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in
+welchem die Maikönigin bereits Platz genommen hat. Auch sie trägt die
+offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch
+gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
+Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten
+Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_
+abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen
+alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss
+hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels
+agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnäbelte
+Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im
+Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls
+das dreifache Blätterornament zeigt. Im Luft hängt ein kurzes krummes
+Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze,
+mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zügel
+seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen
+arabeskenhaft umrankt.
+
+[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die
+Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
+Eisensärglein neben Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In
+den von mir eröffneten und beschriebnen heidnischen Waldgräbern zu
+Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des
+Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer
+Alterthümersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.
+
+[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
+_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich
+verrathende späte Entstehung dieses Gedichtes weiter bestätigt. Es
+leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in
+der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwähnten
+römischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem
+Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt
+worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen,
+die oft citirte Inschrift aber längst als unecht erkannt worden.
+
+[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
+gelten mancher Orten gleichmässig als weissagende Liebesboten. In
+Deutschböhmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man
+bald heiraten werde; der Specht hat es bestätigt, sagt man dann.
+Grohmann, Abgl. S. 70.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Wortregister.
+
+
+Ankenbrüt.
+Ankenschnittenprozession.
+Ara, Aarefluss bei Solothurn.
+arbaiz, Erbsen.
+Aufburg bei Zurzach, röm. Castrum.
+
+Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwünscht.
+Bilihildis, hl., aus fränkisch Veitshochheim.
+Brod,
+ den Elementen geopfert.
+ Erntebrod.
+ Eulogienbrod.
+ gegen Tollwuth.
+ gegen Wolfshunger.
+ phallische Zweckbrode.
+ Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt.
+Brunnen Walburgis,
+ im Elsass.
+ in Franken.
+ in Holland.
+ in Tirol.
+Brustbein Walburgis.
+Butterschnitte,
+ als Präservativ und Heilmittel.
+ bei kirchl. Prozessionen.
+Buttergewinn, zauberischer.
+
+Elben in Mausgestalt.
+Emmetsheimer Steinbild phallisch.
+Erntebrode.
+Ernteopfer.
+Eulogienbrod.
+
+Fadenziehen, ein Liebesorakel.
+Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.
+
+Gertraud von Osten.
+Gertrud,
+ Verstorbene beherbergend.
+ zu Rosse.
+ als Waldfrau.
+ Gertrudenkirchen,
+ niederdeutsche.
+ ostfränkische.
+ Gertrudenkraut.
+ Gertrudenminne trinken.
+ Gertrudentag, Kalenderregeln.
+ Gertrudenvogel.
+ Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen.
+ G's Mantel.
+ G's Spindel mit den zwei Mäusen.
+ G's Schiff als Trinkgefäss.
+ G's Wagen.
+Gnadenstein Walburgis.
+
+Hagel, ein König.
+Hagelfeierpredigten.
+Hagelsquelle.
+Heiden- und Schönbrunnen.
+Heidenkirchen,
+ als spätere Walburgskirchen.
+ als spätere Verenakirchen.
+Heilquellen Verena's.
+Heilwag.
+Helgenbronn.
+Holpurga.
+Honigfall.
+Hund,
+ als Walburgis Gefolgsthier.
+ als das anderer Göttinnen.
+ als Speisenname.
+ gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert.
+Hühner, kirchlich geheiligte.
+
+Käsbrunnen.
+Kleinkinderbrunnen.
+Kleinkindersteine.
+Klumpfüsse,
+ durch Walburg geheilt.
+Konstanzer Bisthumsgrenzen.
+Kornähre,
+ Mittel gegen Hundebiss.
+ Mariae und Walburgis Emblem,
+ das des hl. Oswald.
+ Sinnbild von Obereigenthum.
+ der Truden Zaubergestalt.
+Korngarbe, Walburgis Versteck.
+Kriemhiltengraben am Jung-Albis.
+Kukuk,
+ ein verwünschter Becker.
+ auf dem Binsenstühlchen weissagend.
+ als Lebensorakel.
+ als Theuerungsprophete.
+
+Lehmkugeln,
+ in Heiligengräbern.
+ in Heidengräbern, _s. Nachträge_.
+Lebermeer.
+
+Maibad.
+Maiengericht, dessen Kostenbetrag.
+Maienthau,
+ abstreifen.
+ baden im Maienthau.
+ Maienthau der Erdmännlein.
+ kosmetisch.
+ medicinisch.
+ sprichwörtlich.
+ zauberisch.
+Maigraf, Maigräfin.
+ _s. Nachträge_.
+Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken.
+Mairitt.
+Mauritius, Verenas Verwandter.
+Maus,
+ als Alb.
+ vor Gericht geladen.
+ als Ortsgeist.
+ als Pestthier.
+ als Seele wandernd.
+ als Sühnbild.
+ als antikes Stellfigürchen in Gräbern.
+ in Gestalt des Zweckbrodes.
+ als Stadtwahrzeichen.
+Maus weisse, geheiligt.
+Maustrank.
+Mausöhrleinkraut.
+Mäusegespann.
+Mäuse machen.
+Metzentanz in Zurzach.
+Minnetrinken.
+Mühle als Ort der Liebesabenteuer.
+Mühlstein,
+ als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe.
+ schwimmender.
+Müllerbräuche am Verenentage.
+
+Oel,
+ hl., ein Augenmittel.
+ aus Heiligenknochen.
+ der Walburgishexen.
+
+Ortschaften des Namens Walburg.
+Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer.
+Osterbad, reiten ins.
+
+Pfeife, magisch wirkende.
+Phallische Götterbilder, ihr Zweck.
+
+Reimsprüche beim Meienpflanzen.
+Richard, Walburgis Vater.
+Rimleins- und Römleinsbrunnen.
+Roggenähre, Mittel gegen tolle Hunde.
+Ross,
+ Gertrudens.
+ Verenae.
+Rutscherzins.
+
+Schnecke, als Kukuk angerufen.
+Schuh,
+ goldner Walburgis.
+ Schuhwerfen als Liebesorakel.
+ Schuhzins am Walberfeste.
+Silber geschabtes, gegen die Tollwuth.
+Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schützend.
+Sommer,
+ den, ins Land reiten.
+ _s. Nachträge_.
+Specht,
+ als Gertrudenvogel ein verwünschter Becker.
+ ein verwandelter Gott.
+ als Liebesorakel _s. Nachträge_.
+Spindel,
+ der hl. Walburg.
+ der hl. Gertrud.
+Spinnverbot an Walburgis.
+Stärketrunk.
+Stillicidium Walburgs.
+Storch, Gertrudens Vogel.
+Strähl-Anneli.
+
+Teufelsstein in Verenae Einsiedelei.
+Thau abstreifen,
+ zu Milch- und Buttergewinn.
+ als Mittel gegen Kornbrand.
+Thautrinken.
+Tobel-Vreneli.
+
+Valentinstag.
+Venes- und Vrenesberge.
+Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen.
+Venus-Vrene,
+ in dem mundartl. Tannhäuserliede.
+ in den Ritterdichtungen.
+ Die Venus- und Vrenenhäuser.
+Verena,
+ ihre Namensformen.
+ Niederdeutsch: Frû Frêen und Frû Frîen.
+ Rhätisch: Vereina.
+ Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
+ Verenabad.
+ Ve. als Gebirgsriesin.
+ Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkrönlein.
+ Verenaloch:
+ zu Baden.
+ im Entlebuch.
+ auf der Schafmatt im Jura.
+ Müllerpatronin.
+ Schifferpatronin.
+ Verenareliquien.
+ Verenastift.
+ Verenatag als Gerichtstermin;
+ Gesundheits- und Wirthschaftsregeln.
+ Ve. als Weisse Frau 139.
+Verenae,
+ Bildsäulen.
+
+ Dienstross.
+ Fingerring.
+ Geburtsgürtel.
+
+ Heilquellen.
+ Kamm und Krüglein.
+ Katze.
+ Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz.
+ Kapelle, ein Römercastrum.
+ Kleinkindersteine.
+ Kindersegen bescherend.
+ vierzig Mehlsäcke.
+ Mühlstein.
+Vrenelisgärtli, Gletscher am Glärnisch.
+
+Walber,
+ der Führer des Maienzugs:
+ in eine Korngarbe gebunden.
+ ein Bergname.
+ Riesenname.
+ Walberbaum.
+ Walbernthau.
+Walburg,
+ als Flur- und Ortsname.
+ mundartl. Namensformen.
+ Die Heilige:
+ als Nichte Winfrids.
+ als Heidengöttin.
+ als Riesin.
+ vor dem W. Jäger in die Korngarbe flüchtend.
+ Walburga Westfalica.
+Walburgis-kirchen,
+ als Heidenkirchen.
+ als Römercastrum.
+ Ortskirchen.
+ hl. Quellen.
+ Reliquien:
+ Brustbein, ölschwitzend.
+ Stab.
+ in Wittenberg und Köln.
+ im Auslande.
+ Schönheitswettstreit.
+ Spindel und Goldschuh.
+ Steinernes Venusbild.
+ phallisch dargestellt.
+ Wildgans.
+Walburgistag,
+ als ungebotne Gerichtszeit.
+ Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der
+ Landschaft:
+ in Thüringen.
+ in Unterwalden und Friesland.
+ in Ostpreussen.
+Walper,
+ Anna, als Hexe inquirirt.
+ Walperherren, Walpermännchen und -zins.
+ Zug nach Walpern.
+Walburga-Holpurga.
+Wasserkirchen.
+Wasserfrauen.
+Wasservogel, _s. Nachträge_.
+Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne.
+Wiborada, die hl. v. Klingnau.
+Wîhegazza.
+Wilibald,
+ der hl.:
+ Walburgis Bruder.
+ ein Hüne.
+ Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
+Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen.
+Wolbermai.
+
+Wolbrygabend.
+Wolfszahn, Amulett.
+Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN ***
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+***** This file should be named 12012-8.txt or 12012-8.zip *****
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+Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders
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+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
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+
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+