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diff --git a/12012-8.txt b/12012-8.txt new file mode 100644 index 0000000..9d00164 --- /dev/null +++ b/12012-8.txt @@ -0,0 +1,7256 @@ +The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Drei Gaugöttinnen + +Author: E. L. Rochholz + +Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + + + + + + + + + +Drei Gaugöttinnen + +Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige. + +Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben + +von + +E.L. Rochholz. + +1870 + + * * * * * + + + + +Vorwort. + + +Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen +die nachfolgende Schrift am Titel trägt, drei nächstverwandte Wesen aus +der deutschen Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den +Perioden seines akademischen Jünglingsalters und während der ersten +Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgängen, +Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung örtlicher Alterthümer +nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung +den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss sei +ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergänzen helfe. +Während sich ihm letzteres bald als eine gemüthliche Täuschung erweisen +musste, war ihm darüber doch das Glück beschert, reichliche, nachhaltige +Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt +einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden +Lebensänderungen nicht mehr veralten lässt. Und so erklärt sich der +Ursprung unseres Buches als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer +gereifte und hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung +der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was +man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht uns eigentlich nichts +an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thälern der +Altmühl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und +Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der +Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt +wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken, +innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ältester Zeit +bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier +nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern +die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen +waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des +Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also +zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung dieser +Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt ein älterer, als +der durch die Kirche veranlasste je hatte sein können. Und also führte +uns die _Gauheilige_ in rückschreitender Metamorphose auf die +_Gaugöttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich +approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstützt +wird, lässt sich mit ferner versuchten Einwänden nicht weiter mehr +aufkommen. Auch führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste +Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch ungeschwächt und +persönlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von +Amélie Bosquet die Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen +einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und +dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen +Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet. + +Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes +Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott. +Die dem Germanen eigenthümliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn +vor allen Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem +Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac. +Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt, +welche Wächterinnen der züchtigen Geschlechterliebe, der häuslichen +Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war +es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das +Wort frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau +bekleiden und als solche die Geschäfte der Tempeljungfrau, Priesterin, +Heilräthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer +langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch +furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig +überrascht durch das in barbarischer Form überlieferte römische +Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengöttinnen +kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends +satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser +Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und +nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, sondern ebenso +die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung +herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein +allerdings nöthigender Grund, sie später einmal zu Christentugenden zu +subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu +Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine +erzwungene, innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des +Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob +hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, anstatt dass +umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn +legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher +Klerus, der dem Cölibat den übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend +zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die +Himmelsherrin, auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des +Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwürde +verkündenden Mythus durfte der Mönch kein Recht belassen, sondern musste +ihn so weit und so unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis +heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar auf einer +Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprüchen +bereitete, als ölschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie +auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke +brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das +aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht. +Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin gewesen, hier eine Frau +Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren +Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden +den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber +nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S. +149). So ursprünglich schon steckt in dem Legenden erzählenden Mönch +ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender +Waldteufel, wo in der fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und +Spessarts die Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die +Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die +Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwüstenden Riesin +wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena + + --auf des gefürchteten Gipfels + Schneebehangener Scheitel, + Den mit Geisterreigen + Kränzten ahnende Völker. + +Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafür +ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite +der Männerwelt, rein aus Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an +die neue Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des Lebens, +für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm +einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrösse +erobert und sogar den Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser +Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische +Streben des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein +frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der +gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein Mirakel +erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das +persönliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen +bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der +Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem +germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der +Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht. +Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift, +die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt. + +Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870. + +E.L.R. + + * * * * * + + + + +Inhalt. + + + +Vorwort. + + +I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergöttin. + + +Erster Abschnitt. +_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_. + +Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen, Klosterstiftungen, +Grabstätten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft +fliessend; ähnliches kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und +Embleme Walburgis. + + +Zweiter Abschnitt. +_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_. + +Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgöttinnen und +Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes +Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und süsse +Hündlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre +und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in +dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs +Eulogienbrode. + + +Dritter Abschnitt. +_Walburgistag, des Meien hochgezît_. + +Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen, +den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und +Ruthenzug.--Maigraf und Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche +und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: sämmtliches +als Abbilder eines göttlichen Werbungs- und Vermählungsmythus, welcher +im Frühlings- und Erntevorgang spielt. + + +Vierter Abschnitt. +_Maiengeding und Walbernzins_. + +Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen +Gerichte, gezeigt aus den Weisthümern.--Urkundliche Berechnung der +Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die +Walpersmännchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit +verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag +fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft. + + +Fünfter Abschnitt. +_Der Mythus vom Maienthau_. + +Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau. Thau als +Quelle von Leben, Lebensdauer und Körperschönheit, angewendet +als Heilbad, Stärke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung, +Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt +durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in +seiner naturgeschichtlichen Begründung. Thauschlepper +und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner. +Walburg in den Riesen- und Hexensagen. + + +Sechster Abschnitt. +_Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung_. + +Die westfälische Walburg. Die phallischen Götzenbilder zu Antwerpen und +Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen +Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in +den Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit. Etymologische +Erklärung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher +Anwendung.--Schluss: die Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, +Meth, Ael und Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank. + + +II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter. + +Erster Abschnitt. +_Verena, eine alemannische Gauheilige_. + +Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; +ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres +durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und +Altäre in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. +Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene. + + +Zweiter Abschnitt. +_Verena, die Müllerpatronin_. + +Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen +Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als Ehegöttin. Der in Stein +verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke. +Wirthschaftsregeln am Verenentage. + + +Dritter Abschnitt. +_Verena, die Geburtshelferin_. + +Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die +ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und +Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen. +Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von der +Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am Glärnischgletscher. + + +Vierter Abschnitt. +_Verena als Frau Venus_. + +Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des +Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und +Vrenenhäuser, zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung +auf den ursprünglichen Mythus. + + +III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin. + + +1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen. + +Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes, +Stabes, der Spindel und der Mäuse. + +2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht, +Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und +werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten. + +3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben +und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde +Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte +Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische Bräuche. + +4) Die Rolle der Maus bei den Erntebräuchen, die in Mausform gebackenen +Zweckbrode. Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das +Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walküre. + +_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das +Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen Mäuschen. Das +Kalenderzeichen des Gertrudentages. + + +Nachträge + + +Wortregister + + * * * * * + + + + +I. + +Walburg mit drei Aehren, + +die Ackergöttin. + + * * * * * + + + +Erster Abschnitt. + +Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende. + + +Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus, +der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine +jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den +thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von +der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die +entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und +Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des +Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig +Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter +einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den +Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden +Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und +dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu +vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende +nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden +kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende +ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender +Ausarbeitung. + +Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat, +sind nachfolgende. + +Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise +nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin +Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die +Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster +eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst +seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei +Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums +commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba +etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb; +er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im +Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch. +des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle +übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende +Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch +Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J. +888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im +J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen +Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin +Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden +aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem +Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und +Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt +in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber +die erste _umfassendere_ Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b. +Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb +1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der +Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen +Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä +Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende, von +uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars +secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor. +tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere +Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs +Kirchengesch. 2, 347 und 356. + +Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder +Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei +Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im +Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in +diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau +diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete. +Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke +begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen. +Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in +Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, +Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am +Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares +Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war +auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und +hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser +Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge +des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss +auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach +in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte +Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in +der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der +Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof +von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute +er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte +demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und +übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen +Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr +Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt +noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter +Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter +Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst +Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier +Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist +in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore +gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth. +1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster +Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem +Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt +seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg +auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel +umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die +Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des +Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach +jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in +einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie +stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben +so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen +Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen +heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im +Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell, +an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute +sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine +Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim +Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes +geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr. +Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936. + +Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die +Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den +neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der +Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben. + +Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli +781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren +im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar +Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest +und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept. +870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und +bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess +Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen. +Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und +wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche +zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine +Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt. +Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte +streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der +Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre +Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus +ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der +Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen +Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt +werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub, +zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei +Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui +madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent +(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von +Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt +gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu +Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem +Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in +gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die +Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen, +Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm +(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass +Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim +spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, +Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen +Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem +Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich +am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. +302. Wir werden später darauf noch zurückkommen. + +Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts +anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im +Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten +Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in +seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein +auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein +Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden +ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne +ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten +Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein. +Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt +Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und +überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und +tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich +sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spätere +Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die +nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, +durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale +geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) +als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit +Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen +silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des +Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss +und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend; +unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich +selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; +mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und +Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel, +vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft; +sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem +gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten +diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei +geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders. + +Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium +begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen +Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr. +(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss +erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen +Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser +die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb, +folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12. +Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft +nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und +fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen +Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel +trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste +Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et +Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die +omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum +administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich +auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken +begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der +Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder +Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei, +und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in +verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf +verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1]. + +Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen +Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der +Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem +in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals +bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher +1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die +versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das +Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da +1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März +fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach +einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der +Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts +Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach +beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu +Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem +Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses +Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es +die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben +sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen, +oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte +Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.--Der Eichstädter +Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten +Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine +Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et +desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II, +306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die +darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so +reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein +wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307. + +So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer) +Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu +Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten +statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches +Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei +sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im Stande der Gnaden +befinden, damit es nicht sogleich verfliege. + +Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine +derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht. +Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein, +sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig, +und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren +Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit +von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe +vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) +fügt erklärend bei: + + ûz dem sarksteine, + dâ inne lît diu reine, + vil heilic ol vlûzet, + des diu werlt vil genûzet. + der iht siecheite hat, + des wirt al ze hant rat, + als man ez dar an strîchet. + +In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine +lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift: +Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und +Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl +und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für +immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann. +Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine +des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des +Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der +damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die +Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom +nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger +Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen +verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen +olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich +davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196. + +Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen +auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu +Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von +Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in +Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi +Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen. +Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und +achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 +auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang, +Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas +der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel +der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu +entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo. +Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die +Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären +ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der +Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende +Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe +schwitzen müssen: + + Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor? + In cavea Martis num pugil illa fuit? + +Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem +Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes +gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt +Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi +athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner +6. Homilie über den Brief an die Coloss.--Nork, Realwörtb. 3, 301. + +Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta +SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme +geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch +lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und +seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei +Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger +heilt: + + Hinc quendam fastidiosum + Fame paene mortuum + Alloquens per visionem + Monet, ut de calice + Ejus biberet; quo facto + Esuriit solito. + +Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde +von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da +auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die +er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher +Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft, +welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist +einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei, +dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im +Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten. + +Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per +totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae +dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das +Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest +Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias +ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt +wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen, +geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius +erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen +Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu +Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen +daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai +zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) +kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die +dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige +hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland. +518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308. + +Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im +Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation +verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt +Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf +welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand +einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der +linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte +Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an +(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist +Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae +Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und +im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl. +Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem +Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt +wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen +erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in +der Hand haltend: + +Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de +Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga. +Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt +das Grabmal).--P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl. +Walburgis. Regensb. 1708. + +Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem +Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und +Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff +vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede +sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten +aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten. + +Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering +eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von +Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei +Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht +der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit +gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest +gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man +habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889. + +Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das +topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868) +folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, +Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg +bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein +Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit +zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf +bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof; +Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei +Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei +Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei +Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei +Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei +Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf +bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei +Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei +Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles +vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens +Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in +altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit +Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im +tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen +Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als +Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61. + +Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen, +nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien +Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss +ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich +von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die +Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten +Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos. +Bolland. 3, 518. + +Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der +Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird; +2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt +Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron. +Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei +erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8. + +Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine +Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem +Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906. + +Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben +Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, +Aldenaerde, Brügge, Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später +noch zu handeln sein. + +Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein, +Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen. + +In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu +Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche +daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg, +einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta +fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027 +gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu +dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. +Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis +übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König +Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber +diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite +Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X. + +25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstädt in der +Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. März: Gretser l.c. +pag. 907. + +1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstädt; gefeiert in +der Eichstädt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica. +Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. +Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die +Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, +Liturgia 4, 768. + +4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstädt (Bollandisten +ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. +522; zu Veurne, in der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912. + +12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter Walb.kloster. + + * * * * * + + + +Zweiter Abschnitt. + +Walburgis Hunde, Walburgis Aehren. + + +Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die +bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des +Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch +das Eichstädter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da +zwischen den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser +Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau +gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3, +tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch +davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thüre +des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rüden angefallen wird; +auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp +(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller +Hunde angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der Heiligen +als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren Zeit nachweisen. Die +Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt spielt nicht in dieser Stadt, +sondern in einem Orte, welcher römisch Aureatum heisst und schon seit +Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit +einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den +beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse +gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstädter +Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von +Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft +geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind +Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der +Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach +München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll röm. +Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, deutlich unterscheidet man +noch den Lauf der Römerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser +1620 von der Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an +dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau +vorstellte, zu deren Füssen, von Erde überschüttet, angeblich ein Hund +liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei +Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind +seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele +entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der +Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, aber deutschen +Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236, +und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber +derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer +Kirche nicht, wo Walburgis frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair. +Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf +den frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft +angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben +musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes, +dessen herabhängende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Händen berührt +werden. Man sagt, hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund +begraben. + +Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg führen dasselbe +Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form +und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi +genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier +nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der +Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere +jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengöttinnen +und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde +erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten +die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und +Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend +umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter +(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter der Frû Gauden umbellen +den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hündinnen. Colshorn, Märch. +u. Sag. no. 75. Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war +daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei +_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde, +welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. +289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das überirdische +Hündchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege +hiefür: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das +hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden +steht gerade über der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist +der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. +Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das +Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. +Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der +Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwähnten Kapelle zu +Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von +der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. +Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950. + +Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das +freundlich-wohlthätige Geleitsthier der schönen Weissen Frau ist es +gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die +des Gewitters feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der +Rost, der während der Hitze der Hundstage das Getreide befällt, war dem +Römer versinnlicht durch das Götterpaar des Robigus und der Robigo, die +beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen +Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien +geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in +seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den +Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hündchen +schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und +Kornähre abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die Ursache +des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941: + + Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar, + Und erleidet den Tod wegen des Namens allein. + +Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljährlich +zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im +April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt, +Fastelabendgebräuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese für die +Landwirthschaft gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man das +Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.), +oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederösterreich wird am 28. Dec. +(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das +wird das Wind- und Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer, +so sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu befürchten. Ein +Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man müsse +die Windhunde füttern." Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das +eben angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte +Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das +Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der +erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschädigen +konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brôt, ez hat gesnîget. +Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers Hackelberg +in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter über an der +Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so +mildherziges Haus im Frühjahr drauf mit Milch und Butter reichlich +gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten +noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von +Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten) +jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet +die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm +traben, denen söllent sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der +Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten +Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für jeden +geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die +oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspätzlein, die man +in Baiern Nackete Hündlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen +Tölpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; +beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein +wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. +2, 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes sprang die +Vorstellung über auf den Biss der wüthenden Hunde, hielt aber in beiden +Fällen die Kornähre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht +man im Felde zum ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf +Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und streicht sie +stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden +gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. S. 402. Ein latein. +Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen +also beginnenden Hymnus: + + Walburga venit: cedite + vesane grex, molossi! + Cedunt, pavent, obmutuit + os impotens latrandum. + +Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass +euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe +Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst. +Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen +Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und +diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nächsten +Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4, +149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea +canicida, canivora genannt war. + +Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um +thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische +Butter auf ein Stück Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm +entzwei, mach ein Löchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit +Brod zu, schmiere Meyenbutter drüber, lass es aufessen. Dies ist ao. +1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll; +reissen an den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor +ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine +Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen. +Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den +Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermünze) auf Butterbrod, +so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in +Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der +Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig +reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon +verabreicht, damit es in keinen bösen Wind komme. Wir werden hievon im +fünften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession +von Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg +gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten +Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen +abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzählen von einem am +Wolfshunger leidenden Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst +eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere +Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch. + + Sualaveldico in pago + Fuit quaedam faemina, + Quae languore fortissimo + Aegrotare coeperat. + Namque tam intemperata + Edendi ingluvies + Incessit semisanatam, + Ut nulla edulii + Abundantia valeret + A suis saturari, + Exhaustis jam parentibus, + Sed fame accrescente + Anxiata hinc dolore + Hinc pudore maximo. + Tandem divinitus tale + Occurrit consilium. + Rogat suos se deferri + Ad Walpurgae gratiam. + Quo delata, biduanis + Incumbebat precibus, + Quibus exorata virgo + Gradiendi miserae, + Qua privata diu fuit, + Sospitatem reddidit. + + Bona quaedam monialis, + Vocato preabytero, + Benedici panem fecit + Redditque famelicae. + Quo gustato nequam illa + Fames voracissima, + Virgine sacra favente, + Coepit se subtrahere, + Sic paulatim decrescendo, + Ut prius accreverat. + Sic crescente fastidio, + Pro mira esurie, + Tandem nil aliud cibi + Praeter solum caseum, + Nihil de potu gustare + Nisi tantum lac poterat. + +Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bändigung der Hundswuth +gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin +misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe. +So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. +Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss +nothwendig auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie +kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das +Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Büschel +in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers +Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre +Dame de trois épis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne +erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen +der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae Geburt +und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142. +"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blüht, so wird +er vor Jacobi nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man +diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet +ihren über das sündige Menschengeschlecht erzürnten Sohn, nicht alle +Feldfrucht zumal zerstören zu wollen, sondern doch noch so viel an den +Aehren stehen zu lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein +ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur +Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim elsäss. Stifte Katzenthal +gelegen ist. Ebenso lässt Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer +Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwählt, mitten aus dem Winterschnee +drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der +Hand trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornähre +brachen und vereinigten die römischen Brautpaare und benannten nach +demselben den Eheabschluss stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn, +so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben +Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der +Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom +reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, der Frühlings-Genius der +aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen +verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen +Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur +entgehen, wenn man in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem +färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen +Verfolgung ins Fruchtkorn: + + Ein Kornfeld liess da Wodans Macht + Geschwind erwachsen in einer Nacht. + + In des Ackers Mitte verbarg alsbald + Wodan den Knaben in Aehrengestalt. + + Als Aehre ward er mitten ins Feld, + In die Aehren mitten als Korn gestellt: + + "Nun steh hier ohne Furcht und Graus, + Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!" + +Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 44) ist die +hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern +und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause +einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den +daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie ein kleines +Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst +auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit +langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig +(golden), in den Händen trägt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles +Zukünftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser +Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie +auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch sein +Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag). +Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der +Bauer willfahrt, als die Reiter vorüber brausten. Des andern Morgens +fand er in den heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher wird +die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner, +erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind +in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine +Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trägt. +Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Städten des bair. +Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen +Volksbelustigung gewesen. + +Plätze, Strassen und Häuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den +Festumzug eröffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh +gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe +zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres +Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den +Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt dorten nur +noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum +Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In +Niederösterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht, +sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gärten und trägt die schon +vorhin erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden +vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem +Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den +Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold +auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern +und Moosfräulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer über sein +Ross legt und die sich Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der +französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich lokalisirt. Um +die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem südfranzös. Dorfe +Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte +ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und +sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen +eines Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt +und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jährlich +im Frühling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in +der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und +Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem +10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf +Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte +vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die +vergötterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frühling umherirrend +sich dem Zephyr ergab und daher die Macht über die Blüthen der Bäume und +Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler Estourgoux, +verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der +Felseinöde des dortigen Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier +aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den +gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in +beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit Kreuzen gekrönt sind. Unter +grossem Zudrange des Volkes werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der +Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens +getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend +aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das Gewölk vertrieben, +sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rücken pflegt. A. SS. +Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart. + +Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den +Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen einer ursprünglich +edleren Vorstellung von gütig gesinnten und für den Erntewachsthum +bemüht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung, +emsig das Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner Sage +bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mühle +heimträgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er +grüsst sie: + + Gott vermîr ich iren danz, + Gott vermîr ich iren kranz! + +Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des +Mehles ledig wird! + +Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von +Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209); +allein damit verbürgt er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach +überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim +Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die +Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wächst im Korn schwarzer Raden, +am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, +Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in abergläubischer +Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des +Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als +Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby, +Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, +geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des +Schutzgeistes reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur +etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette +Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder +Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau +bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss, +Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des +Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling +_Milchtrut_, anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wörtb. 62): so +wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valküre +galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allüberall ihren Schützling +umflog, wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. +marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in umgekehrter +Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrättelein +die Stallrosse und zöpft ihnen Schweif und Mähne, dass sie schwitzen; +denn es ist gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener +himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt, +Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel +noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der +Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen. + +Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten; +das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu +Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai +einen reichlich geschmückten Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen, +wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128. +205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt _drei_ Aehren vom +fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune. +Schönwerth 1, 432. + +Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis +Eulogienbroden. + +Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede +zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich +einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es +war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen +Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den +religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor +ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein ähnlicher Brauch war nun auch +dem deutschen Heidenthum geläufig gewesen und dauerte noch lange fort in +dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsächsischer Name +Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für Alle; Gott, auf +dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte +bewahren. Eine natürliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung +derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Dürftigkeit +geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den +Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und +ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit +derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering +bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite +Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen +Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. Das Christenthum +vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten der Germanen nicht +abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen: +"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die +angelsächsischen Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass +man diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr einen andern +Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz +mit grünen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches +Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans +Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der +Sättigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten +trat später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den +Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- und Festtagen unter +dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain béni) überreichlich +an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein +durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung +von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem +daselbst erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, Fische, +und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3. +II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getränk +jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils +aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andächtigen +gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre +werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der +Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der +hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten +Brode. Hierüber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder +gesungen, von denen ein kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist +diese. Ein blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume sagen: +Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grüne +Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum +Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, überbrachte dahin die Brode +und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am +Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie +bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, +untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich +und das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. 300). +Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hühner. Sie +lassen nicht auf die gewöhnlichen Zinshühner schliessen, von denen in +der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der +Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist +nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche +galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und +gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch für heilsame Thiere +gehalten (Schönwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein +und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. +Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, +allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des +Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und +Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441. + + Puella quaedam ab ipsis + Heu caeca cunabulis, + Audita opinione + Virginis eximiae, + Desiderio flagravit + Veniendi maximo. + Quam quidam in visione + Nocturna submonuit, + Oratorium adiret + Tanti desiderii, + Oblatas mundas offerret, + Altari imponeret. + Quas illatas statim binae + Gallinae comederent; + Quibus pastae deservirent + Matris excubiis. + Venit, attulit, imponit, + Preces fudit intimas. + Astant duae moniales + Gallinae videlicet, + Praevisae in visione, + Quae oblatas colligunt, + Et requirunt diligenter + Quae, unde, cur venerit. + Quibus illa dum exponit + Singula veraciter, + Domino propitiante + Et beata Virgine, + Incognitum lumen coeli + Novis hausit oculis. + + * * * * * + + + +Dritter Abschnitt. + +Walburgistag, des Meien hochgezît. + + Der meie der ist rîche, + er füeret sicherlîche + den walt an sîner hende, + der ist nu niuwes loubes vol: + der winter hat ein ende. + + Neidhart von Reuenthal (1234). + + +Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der göttlichen Wesen +unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer +älteren Sprachweise lässt hierüber keinen Zweifel übrig. Die Edda nennt +den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svâsudhr; der Winter +dagegen (Vetr) hat den Vindlôni und Vindsvalr zum Vater, den Windkühl +und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vâsadhr +abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in +einem Zweikampfe, und dessen scenische Aufführungen waren ein Brauch, +welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Südbaiern und der +Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort +herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch +des Winters, der es erst auf einen förmlichen Kampf ankommen lässt. +Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lärm +die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt +gewappnet auf den Plan: + + sein panzer was ein grüenes graz, + sein koller darauf ein weisser klee, + sein halsperg was veyolvar, + sein bugler wag von rosenbluet. + er füert in seiner hende + ein sper, was michel lanc + vnd was eitel vögelingesang. + +A. Keller, Altd. Erzählungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub +gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikönigs geschah auf Walburgis oder +1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In +Dänemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des +Ortes seine Maigräfin, die Majinde, erwählte, indem er seinen +Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thüringen war es der in +Pappellaub eingebundne Graskönig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein +Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder +steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet, +der Pfingstkönig auf die Brautwerbung geritten und führte die im Busche +versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern +Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der +Provence Rosenmädchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienröslein. An diesem +letzteren Orte trägt am Walburgistage ein Kind einen bändergeschmückten +Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und +das Gefolge singt vor den Häusern: + + Maienröslein, kehr dich dreimal 'rum, + Lass dich beschauen 'rum und 'num. + Maienröslein, komm in grünen Wald hinein, + Wir wollen alle lustig sein; + So fahren wir vom Maien in die Rosen. + +Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein, +Oel spenden wollen, angewünscht, dass der Marder die Hühner nehme, der +Stock keine Trauben, der Baum keine Nüsse, der Acker keine Frucht mehr +trage; denn das Erträgniss des Jahres hängt von dem kleinen +Frühlingsopfer ab. Stöber, Elsäss. Volksb. 1842, 56. Fällt der Nachdruck +der scenischen Festaufführung auf das Vertreiben des Winters, so nennt +man dasselbe den Tod austragen, oder wie im böhmischen Saazer Kreise, +mit dem Bändertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit +Bändern geschmückt hat. Dabei trägt der König einen mit Goldpapier +beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthütern folgt ihm +sein Töchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Königstochter +werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein +Bündel Lichtspäne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom +erzürnten Vater niedergestochen. In Südschweden rückten am 1. Mai zwei +Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Städte, die eine angeführt +vom Winter, der in Pelze gehüllt, mit Handspiessen bewaffnet, +Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der +mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein +Speerstechen, worin der Sommer den Winter überwand und durch Ausspruch +des umstehenden Volkes für den Sieger erklärt wurde. War die Witterung +des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute +glühende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln +unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der +Blumengraf auf seine Ehre und rückte mit frischen Birken- und +Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mühe +zum Grünen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glänzender als +es durch Speerkämpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die +Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik +(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwürdig (schreibt +Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfälischer Mairitt, +welchen die Bürger von Soest im J. 1446 während ihrer Fehde gegen den +Bischof von Köln ausführten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte +in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht +unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie +zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo +sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die +Grafschaft Arnsberg, zerstörten Dörfer und Vesten, führten Heerden, +Güterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder +frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden +Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grünen Maien" +nach Hause. Wie hier der grüne Mai, unter welchem das Kriegsheer +einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rücken am Frühlingsfeste +die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre +Gemeindewälder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und +Stäbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst. +Diese Kadettenzüge sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und +_Kinderspiel_, pg. 490. Häufig knüpft sich eine Ortssage daran von einem +zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der +mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm +die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach +seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft +niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden +sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die +Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart +in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der örtlichen +Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der +Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfähigen Mädchen in +öffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem +Höchstbietenden zugeschlagen. Der Erlös ist kein unbedeutender (Bavaria +IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" +ausgeboten und den Käufern einzeln zugetheilt. Die für beide Theile +daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hüter +"Schützen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der +Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz, +das ehmals im ganzen Eifellande üblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. +1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mädchen +unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschüssen gleichfalls ins +Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker, +Hess. Sag. no. 317[2]. + +Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum +Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis +nachweisen, über deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit +sagen lässt, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts +genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmädchen +einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Würzburg +gethan worden und sah hier das berühmte Maispiel mit an, das die +gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljährlich zu begehen +pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch +verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor. +Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der +ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts über unsre +Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem +Herkommen, das wie eine religiöse Satzung galt, hielt das +Frauengeschlecht der Mainfranken alljährlich im Frühling zu Ehren der +Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt +wurde. Sämmtliche Wittwen unter fünfzig Jahren und alle mannbaren +Mädchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und +Laubgewinde in den Händen tragend. Während eine Schaar den Reihen +führte, ergötzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fühlte +sich zu frischem Beginne angespornt. Das Männervolk machte dabei den +Zuschauer. Den Vornehmen ergötzte die vornehme Haltung, den Bauern die +ländliche oder volksthümliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die +künftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemüthe, +traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle +bei diesem Feste geschlossnen Eheverträge hatten das Jahr über ihre +Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer +Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwählte, die er noch +nicht näher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er +ein heidnisches Herkommen, für dessen Gesetzgeber und "_König_" er sich +selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese +Mädchen sich den Titel der "_Königin_" beilegen, wenn eben diejenigen +Männer, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen +worden waren, über dieses Spiel als über einen blossen Scherz nachher +tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis, +die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes +werden wollte: unter Thränen bewog sie ihren Vater, beim König Chlodwig +Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann +der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So +weit Herbelo's Nachricht. + +Der Ehemann, welcher, hier _König_ genannt wird, ist im heutigen +Frühlingsspiele der Maigraf oder Lauchkönig, die von ihm erwählte Braut +die Maikönigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln +sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Männer ins +Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekränzt, tragen +Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzüge unsrer heutigen +Frühlingsbräuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt +genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht +keineswegs aus nackten, sondern aus entblössten Tänzerinnen, d.i. aus +solchen, die als Botinnen des Frühlings Frauenmantel und Haube abgelegt +haben, hochgeschürzt, blossarmig und baarhäuptig in den Reihen treten, +ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda +lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mönchsphantasie ein +züchtiger Frühlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der +angebliche Frankenkönig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die +Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle, +als eben dieses grausame Missverständniss von Seite des Klerus. + +Doch wir kehren zurück zu den ferneren Volksbräuchen der Walburgisfeier. +In derselben Mainacht werden glattgeschälte, schmuckbehangene Bäumchen +auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene +das Jahr über klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und +schön bleibt. Man wählt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit +ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Prätorius, +Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum hängt oder vor dem +Kammerfenster des Mädchens hersagt, ergehen sich in den gleichen +Sinnbildern: + + Grüss dich Gott durch eine Hand voll Seiden, + Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden. + + Grüss dich Gott durch einen Seidenfaden, + Gott bewahre dich im finstern Gaden. + + + I lôss sie grüessen durh e höchi Tanne, + die Zît isch cho zum Wîben--und zum Manne, + I lôss sie grüessen durh es Hämpfeli Thau: + i wött, mî Holdi wär mî Frau. + Rosmeri und Zypresse, + ass i de nit vergesse; + Rosmeri und Nägeli drî, + g'hörsch, i möcht gern bî der sî! + bî der sî, wie's Rösli hockt + am-ene einige Stengel: + Der Herr ist schön, sî Frau ist schön + und s' Chind ist wie ne Engel. + +Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein dürrer +Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor +das Fenster der Verführten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz, +Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land +noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen +erforscht zur selbigen Nacht das Mädchen ihre Zukunft aus mehrfachen von +Walburg selbst herrührenden Liebesorakeln. Die Heilige trägt eine +aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der österreichische Brauch +des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die +Mädchen, welche Lust haben, ihres Zukünftigen Beschaffenheit +vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen +feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher +hinter einem Mariabilde gehangen hat. Während er im Kreise herum durch +die Finger läuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen: + + Voaten, i ziech di, + Walpurga, i bid di, + zag von main Man + alle Seiten an. + +Wie dabei der Faden sich anfühlt, weich und glatt, hart und fest, so +werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfälzer +Bauernmädchen schleudert ungesehen ihren Schuh über den Peuntbaum und +horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herüberschallt; +eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet: + + Hunderl, ball, ball, + ball über neunmal, + ball über's Land, + wau mein feins Liab wahnd. + +Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs +Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des +Liebeszaubers. + +Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Mädchen +an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai, +sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der +_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal +24). Eine Waldhöhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei +stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte +gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger +Mann, Konrad von Heuwa, zerstörte beide von Grund aus und liess an der +Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schöppner, B. Sagb. no. 70. +Dies führt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, +das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nördlichen +Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner, +vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons +erklärt, dass sich am 14. Febr. die Vögel zu paaren beginnen, und ein +gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Männchen Valentin, das +Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit +dem von Russwurm veröffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in +welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein +nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist +das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder brütenden +Vögel. Alles überschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke +und anonyme Liebeserklärungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner +Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000 +Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag +12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage +(ausser den vielen bezüglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) +422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend +mehr, als an allen übrigen Tagen des Jahres. Dafür zum Entgelt erhalten +dieses Tages die Briefträger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus +Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch +dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen +und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar +bleibender Treue zu knüpfen. Allbekannt ist das dahin zielende +Liebeslied der Hamletischen Ophelia: + + Guten Morgen, es ist St. Valentinstag + so früh vor Sonnenschein, + ich junge Maid am Fensterschlag + will euer Valentin sein. + +Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmädchen des +festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages +erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass +er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und +kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Männer oft schon vor +Sonnenaufgang in der Nähe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre +Geliebten vorüber kommen müssen, und diese wiederum gehen bei ihren +Gängen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem +Nichtersehnten aus dem Wege gehen können, oder sitzen mit zugemachten +Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme +desjenigen hören, den sie gern möchten. Suchen wir die Erklärung und den +Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den +vorausgeschilderten Maibräuchen, so finden wir dafür den nordischen +Natur-Mythus von der Brautwerbung der Götter. Das in zwei Hälften +getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich +der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen. +Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrängen, er ist noch kinderlos. Da +wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), spröde sträubt sie +sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils +gerührt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, +entflieht Uller-Odhin, gehüllt in Pelze und dahinschreitend auf +Schlittschuhen, in den Hochnorden zurück. Dies der äusserlichste Umriss +der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen +Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzüge der späteren Sagen und +Bräuche finden dabei ihr überraschendes Verständniss. Mit der +aufsteigenden Frühlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest +gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch +Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres grünen und +schimmern dann alle Höhen von den bei der Götterhochzeit abgehaltenen +Festtänzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller +Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage müssten die Hexen den +letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder +ebenso an Mariae Lichtmess müssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, +damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch +wachse wie die Sprünge der Tänzer sind. Ob dabei das Fest auf 14. +Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst +auf Pfingsten angesetzt wird, verschlägt nichts und ist eine blosse +Folge späterer Zeiteintheilung. In den Volksbräuchen ist noch vielfach +die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da +der 12. Mai als der frühere erste begangen und der Tag Pancratius hat +übernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein säen und +dabei recht lange Schritte machen (Thüringen, Hessen); oder die älteste +Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess +(Meklenburg) rückwärts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss +einige Stücke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); +oder man steckt beim Säen die Harke oder grosse Hollunderzweige +senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thüringen)--alles, damit der Flachs +gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S. +184. Hauptgehalt aller dieser Bräuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr +der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen +Liebesbündnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das +Kindermärchen vom Dornröschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn +die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem +Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese +Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, träumerisch nickende +Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Nährkraft. Sigfried, von dem +gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den +Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des +Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen +sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefällt hat. Dies heisst in +der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt +der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte +den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen, +worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth füllt, dem Befreier +überreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, +Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine +andere als dich will ich zum Weibe haben! + +Wohin aber in diesem sagenhaften Göttergewimmel mit Walburgis? Auch sie, +obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige +geworden ist, war einst eine Schönheitsgöttin gewiesen, von welcher das +Glück der ehelichen Liebe und das Gedeihen der ländlichen Arbeiten +ausgieng. Von ihrer Frauenschönheit berichtet noch eine oberpfälzische +Sage (Schönwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich +trägt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester +gegenseitig in Religionsdisputationen über die Vorzüge ihrer Himmel und +Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide +Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen +liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe +(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schöner sei, die Heidengöttin +Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine +Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklärt aber auf dessen +Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er +möge sie nur bei der nächsten Ausfahrt begleiten und sich selber +überzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen +Wagen und fährt durch die Lüfte, bis man Glocken läuten hört. Da senkt +sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer +zahllosen Menge angefüllten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter +Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schönheit. Doch +dem Priester schien sie zu üppig und verführerisch, er sprang auf den +Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter +die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da +erloschen mit einem mal sämmtliche Lichter, dichte Finsterniss und +Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es +gegen Tag gieng, befand er sich im Gemäuer eines Galgens.--Wir werden +dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der +Kirche selbst angeben hören; denn allerdings sind schon die bisher von +ihr gemeldeten Züge unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der +Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre nächtlichen +Höhenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne +Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk +der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines +Marterwerkzeuges trägt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald. +Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und trägt +eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes +Abbild ist Pindars "röthlichfüssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die +römische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende +Gerstensaat. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[2] Der immer gleichlautende Auskündungsspruch: + + Heut zum Lehen, + Morgen zur Ehe, + Ueber ein Jahr zu einem Paar-- + +steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem +von den Kaisern ausgeübten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von +Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll. + + * * * * * + + + +Vierter Abschnitt. + +Maiengeding und Walbernzins. + + +Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten +waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste +und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter +verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach späterer +christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den +karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends +üblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis), +Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen +sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil +erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmässig vorausbestimmten +Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgängigen Ansagung +bedurften. Sie entschieden nicht bloss über Mein und Dein, sondern auch +über die Idealgüter von Freiheit und Ehre, somit über Krieg und Frieden, +und ihre Aussprüche waren die allgiltigen der Volkssouveränetät, wie sie +unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Ständeversammlungen und Parlamenten +anerkennt. Sie benannten sich nach Nächten, weil der Tag sich aus der +Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond +und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwölften (Weihnachten bis +Dreikönig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz +Klöpfleinsnächte und Nidelnächte; in Baiern Rauch-, Löselnächte und +Gennachten; in Deutschböhmen Undernächte; bei den heidnischen +Angelsachsen hiessen sie Mutternächte. In gleicher Analogie spricht man +von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewährten +Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dänisch +noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" +pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem +14. Jahrhundert. Anfänglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit +dem Wintergerichte zusammen, erst später auch mit dem Herbstgerichte zu +Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt +zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das +Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zöpfl, Alterth. des Deutsch. +Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen +(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir söllend ouch dry rechte geding +da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag +vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt +Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und +Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb +Walburgis auch später in den Städten ein Termin der Aemter-Erneuerung; +"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Räth zusammen schwerend", +heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. +Gesellsch. Die Taglöhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach +derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der täglichen +Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an +iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt überkompt, dass +einer ein aug domit bedecken müge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) +bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im +Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen +geendet, die für die Verköstigung der weither gekommenen Mannschaft +nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den späteren +Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu +beköstigen, den Schöffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen +einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg +zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. +Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen +in den Freienämtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L, +I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der +obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst +Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das +Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Dörfern Muri, Boswil und +Bünzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier +jährlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage für den Lehensherrn +beliefen, zeigt folgendes Aktenstück. + + Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und + verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38 + Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die + HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am + Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--für Höuw vnd Haber über Nacht + 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brämen v. Zürich verehrt an einem + Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber + Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem + Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch. + +Alterthümlich und von naiver Umständlichkeit waren die Bräuche, unter +denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu überbringen hatten. + +Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knütl +alljährlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern +alter hessischer Münze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn +überbrachte, hiess das Walpertsmännlein. Er musste des Morgens früh +Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an +der Schlossbrücke sich niedersetzen. Verspätete er sich, so verdoppelte +sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend hätte ihn die ganze +Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher +die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das +Walpertsmännchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach +Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es während dieser Zeit +nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslänglich zu +verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich +aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese +Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses +Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der +sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist +abzutragen verabsäumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der +Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am +Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg +hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann für Mann auf einen breiten Stein +unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu +spät einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). +Aber auch dabei kamen dem Verspäteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel +zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse +wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk +erhielt, welches mit der Zeit für ganze Gemeinden zu nicht +unbeträchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bräuche +und Sagen. + +Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jährlich +an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen, +welcher dem Churfürsten von Mainz zugehörte, und sich 4 Eichen schlugen. +Gleichzeitig kam dann sämmtliche Bürgerschaft ihnen dahin nach und hielt +in dem fürstlichen Schlosse ein dreitägiges Einlager bei Musik, Tanz und +Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle +hammerführenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz +und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fässerweise mitgefahren. +Mit Eichlaub bekränzt singt der heimkehrende Zug: + + Willst du mit nach Walpern gehn, + Willst du mit, so komm! + +Dies nannte man den Grünenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die +Schusterzunft den grünen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie +bekränzt nebst ihren Wohnhäusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern +und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf für die +Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die übrigen +hammerführenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstörten, von +dem aus die Orte des Thüringerwaldes lange belästigt worden waren. Zwei +Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmückt, pflegte man +sonst zu Pferde in der Stadt herum zu führen, es sollen die zwei +Söhnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es +wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren +Kostbarkeiten behängt die Sieger fussfällig um Schonung ihres Lebens +anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die +angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprünglich die +Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die städtischen +Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten +nichts, was dieser Geschichte einer zerstörten Raubburg aufhelfen +könnte, wohl aber dass der Grünenmaitag ein Ueberrest des sg. +Schwörtages ist, an welchem die Handwerker jährlich der vom Mainzer +Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestätigte +ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofür die Schuster dem +Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe überreichten, gemacht aus dem Filz, +den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d. +Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem +gelungenen Kriegszuge der Bürger und Bauern gegen das Herrenschloss, +oder einer militärischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach +der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses örtliche Holzrechte +verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers +Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich für die Nutzung +überlassener Ländereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich +der Frau "den kühlen Mai". + +Wie sich der Sieg Gideons über die Midianiter (Richter 6, 37) an den +Thau knüpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fällt, +dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu füllen vermag, so ist +auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die +Wunderkräftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim +Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann für Mann +gemeindeweise zu entrichten, die häufig sich wiederholende Tradition +entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhängigkeit +der Landschaft durch einen glücklichen Waffenstreich errungen worden +sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und +die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die +"Walperkühe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der +Anlass, die Vögte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen +zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, +das sie nicht länger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die +Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende +ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das +älteste und festete Gebäu im Ditmarschenlande war die Grafenburg +Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr älterer Name war Walburg, sagt +Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in +unmittelbarer Nähe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstörung durch +die aufständischen Bauern fällt 15. März 1145. Müllenhoff, Glossar zum +Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast +geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergötzen lassen, +wofür der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die +Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsäcke, statt der Tafelmusik +musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlärmen. Solcher +Wohlstand reizte die habsüchtige Gräfin Walburg und sie beredete ihren +Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren +nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen +Rückständen einforderte. Am Martinsabend führten denn die Bauern eine +lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine +schöne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Säcken des +zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenäht. Als der Zug das Schlossthor +erreicht und gesperrt hatte, ertönte das Losungswort: + + Rühret die Hände, Zerschneidet die Gebände! + +Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsäcken, zuckten die +Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach +entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen +und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die +Gräfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat +mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses +Landstück, fügt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit +gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine +Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das +dorten ein Bauer aus dem Boden gepflügt und daheim aufbewahrt hatte, +entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es +heilkräftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter +sterken. + +So wird Walburgs Göttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur +Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugräfin und Burgfrau, +mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhört und die politische +Selbständigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und +die hartherzig Zins eintreibende Gräfin Walburg verwandelt sich an einem +oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden +Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den +Broken. _Dreimal_ des Jahres müssen die Hexen ihre drei hohen +Tagsatzungen abhalten, sagt Prätorius Blockesberg (1668) 499, und +zergrübelt sich über die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so +sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige +dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit +ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren. + +Eine ähnliche Frühlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der +Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fällt, theilt W. +Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens +Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss. +Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig +liegt, hatte der böse König Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die +Fischer an der Weichselmündung brandschatzte und ihre Weiber und Töchter +entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des +Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu +geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemäss ein grosses Feuer +auf dem Berge angezündet und der übliche Reigentanz um das Feuer +gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern +Jünglingen, sich der Burg zu nähern und dieselbe plötzlich zu +überfallen. König Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnügen +zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie +hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig +seinen Namen erhalten haben. + +Der Name der Frühlingsgöttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen +Bräutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits +ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden können, wird der winterliche +Tyrann, König Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer +zerstört. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt. + + * * * * * + + + +Fünfter Abschnitt. + +Der Mythus vom Maienthau. + + +Von der Adventzeit bis zu Ostern lässt die katholische Kirche täglich +die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trägt von der Stelle Jesaia's +45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel, +den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden +Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugöttin selbst und sah ihn +erfüllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von +der ersteren ist hier die Rede. + +Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette +und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein +reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf +eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im +Heumonat darauf noch soviel Futter wächst, er traut demselben keine +Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz +und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als +mit einem doppelten Heuerträgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an +Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht. +Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom +Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl. +Wolf, Beitr. 2,367) von den göttlichen Mächten die Festfeuer +zurückgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen +reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat über keinen mehr. +Maienthau macht grüne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer +Progression also: Thaut es im Mai fünfmal, so erwartet man eine +Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fünfzehnmal, so giebts +eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als König +Gustav III. von Schweden einem ostgothländer Bauern, der ihm vorgestellt +wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn über dessen muthmasslichen +Werth befragte, meinte der Landmann lächelnd: doch wohl nicht so viel, +wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai +genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold läutern. Daher trägt die +hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher +trägt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den +Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermärchen (Grimm 3, +no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der +Walburgisnacht im Gewässer der Bode die goldne Krone der Prinzessin +Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag. +no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse +Krüge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedürfniss damit behelfen +können." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem +einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen +ganze Lebensgeschichte enthüllen, wenn man ernstlich hineinschaut. +Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre +Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von +Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schönsperger 1499, Bl. pj und +piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. +das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in +sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die +margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rückerts Vierzeilen: + + Die Rose stand in Thau, + Es waren Perlen grau; + Als Sonne sie beschienen, + Da wurden sie Rubinen. + +Aus Erde und Thau formte der Schöpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen +die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S. +319-330): + + uon dem leime gab er ime daz fleisch, + der tow becechenit den sweihc. + +übereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein, +dass es soll blühen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flüchten +beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, +Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue +Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch, +kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es; +wenn man einen Baum im Maienthau schüttelt, so stirbt er ab. Der Ritter, +der die drei letzten Bäume bei seinem Hause fällen will, sieht des +Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die über den Untergang des +Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er +liess hierauf die Bäume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand. +Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen für die Menschen +rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in +Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem +firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain +grôz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch +niemer her ab, wan daz, sûmeliche maister wèn, daz daz tov daruz werde. +Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwünschter, wie hier hernach noch +des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der +Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es müsse +weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Höhen +erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wächst kein +Gras; daher in G. Bürgers Romanze: + + Im Garten des Pfarrers von Taubenheim, + Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras, + Das wird von Thau und von Regen nicht nass. + +Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz +(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der +Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen. +Panzer, BS. 2, pg. 54. + +Maienthau ist eine Quelle der Körperschönheit, des Liebreizes und der +Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch: + + Wenns thaut, wirds grön, + werden alle Jungfern schön. + +Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der +Gasse zu rufen. Eos hat täglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau +neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und +frischgrünende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera +umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzählt Konrad v. Würzburg in +seinem Trojan. Krieg--verjüngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien +gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3): + + Es giengen drei heilige Frawen + zu Morgens in dem Tawe. + +So schön ist die Geliebte, dass der Minnesänger Christian von Hameln dem +bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten +Fuss darauf: + + Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen + ein wîp, nâch der mîn herze stê; + sô wünsche ich, daz si mit blôzen füezen + noch hiure müeze ûf iu gê. + +Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene +kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr +genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den +man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster +setzt, muss nebst Aepfeln und Bändern stets mit einer vollen +Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen +der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen +einen heilkräftigen Thee. Sommer, Thüring. Sag. 148. 156. + +Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschüssel, Parasol und +Frauenmäntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das +milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde +Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem +den Durst. Schönwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rongé wird zu +Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen +Morgenröthe und Sonnenaufgang aromatische Kräuter sammelt und sie in +Olivenölflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr +frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit +Wein gefüllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und +Wunderbüchlein, S. 233. Um seltne Küchenkräuter jahrelang frisch und +schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) +Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das +keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd +bayz (beize) die kreüter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt +Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich +denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den +taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit +genaden auf vns reüdige menschen! + +Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer +Höhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus +erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand +mit diesen Erdmännlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch +stellte man ihnen jedes Frühjahr einen Krug Maienthau an einen +bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Höhle trugen. Sie +badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und +Weisszeug; zum Entgelt dafür überschickten sie den Bauern Honigthau, +worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die +Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hängt ihre Höhle voll +milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich +zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch. + +In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenäen badet das Volk die +Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes +wälzt: se rouler ce jour-là le matin dans la rosée, ou se baigner dans +une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanées. De Nore, +Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die +Saalfeldischen Mädchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl. +no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten +berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund +sein soll, wenn sie sich früh nacket drein wälzen. Die Medici nennen +solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Isländer und +Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu +heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Engländer setzten eine +Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich +mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. +Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wäscht sich im Maienthau, dazu sprechend: + + Das hilft für's Gah, + für's Bläh, + für'n U'flat. + +Das Gah ist gäher Tod und fallendes Uebel; Bläh die +Rinderaufgelaufenheit, Stillfülli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2, +30. "Morgenthau ist gut für abgehauene Füsse, gut für abgehauene Arme, +für ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, +bestreichen den Verstümmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. +"Benetze deine Augenhöhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblättern +liegt", sprechen die drei Schwäne zu dem von der Stiefmutter geblendeten +Mädchen. Haltrich, Siebenbürg. Märch. S. 36. 216. "Heute Nacht fällt ein +Thau, sagt die Krähe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht +seine Augen damit, der erhält sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107. +Dies ist der im böhmischen Märchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen +Geblendeten verkündete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms +KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein +des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen +Grabe Walburgis plötzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3, +pars 2, pag. 305. + +Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den näher rückenden Mai +zu vertrösten als auf die Zeit ihrer gänzlichen Herstellung. +Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die +besonderen Mittel gewähre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. +Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen +Halme und Blätter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit +heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzündung blickt man +eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte +Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der +Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh +und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die +Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins +Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetränkten +Tüchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsäss. Sundgau, eine halbe +Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen +Walburgiskapelle ein kräftiger Wasserquell, Helgenbronn und +Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mütter mit ihren siechen +Kindern hieher, um sie zu baden; häufiger noch geschieht es auch an +Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete +Haut wäscht. A. Stöbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob +(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die +allgemeine Sitte ausführlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die +Bresthaften, die ihre Häuser nicht verlassen können, lassen sich im Mai +daheim warme Bäder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn +sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein +Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade +abzubilden, oder ein mit fröhlichen Leuten unter Trommel- und +Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende +Gesellen.--König Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im +Städtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine +Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am +linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings +erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mörder die +Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften +enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten +Tochter, so erzählt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und +sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den +grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen +Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene +allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich +z.B. in dem Liede vom baier. Krieg: + + die Teutschen wurden wohlgemut, + sie giengen in der ketzer plut, + als wer's ain mayentawe. + +Uhland, Schriften: "Sommer und Winter". + +Auch symbolische Maibäder gab es, sowohl kirchlicher als bürgerlicher +Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der +Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und +besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten: + + Heiliwog, Gottesgob, + Glück ins Hus, Unglück drus! + +Stöber, Elsäss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch, +nach Panzers BS. 2, 301: + + O du guter Walbernthau, + Bringe mir, so weit ich schau, + In jedem Hälmlein Gras ein Tröpflein Schmalz! + +Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mädchen, das +sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bächlein gejagt und +da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade +darf die Kübelmarie, "Kübele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den +Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no. +747. 986. Wer zuerst vom Pflügen oder Aussäen heimkehrt, wird in der +Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schüssel Wasser +begossen. Schönwerth 1, 400. Zu Wall in Böhmen bläst am 1. Mai der +Dorfhirte alle übrigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem +Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg, +Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig +mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und +Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewölbes, durch das die +hölzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten, +angezündetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen. +Wiedemanns Chronik d. St. Hof. + +Diese Züge führen über zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury +(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie +zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als +Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512) +nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem +öffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh. +fällt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu +Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmückung des +Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse für den +Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch +aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefüllte +Weinflaschen mit der fünften in der Mitte standen, die den Chorsängern +preisgegeben wurden. Flögel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233. +Vielleicht, dass man diesen welschen Mönchsbrauch aus dem altrömischen +Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten möchte, wo an den +Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die ländlichen Ufer des Tiber zog +und hier Laub- und Schilfhütten errichtete. So manchen Schluck da der +Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele +Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Römerthum unberührt +gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine ähnliche Sitte. Die +Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den +Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die +Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr +und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen +Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrängnissen einer langen +Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen +Landschaften kennen ähnliche Wasser- und Weingelage, die altherkömmlich +auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst +der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders +gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen +pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies +als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die +Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem +Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere +Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau, +trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljährlich die Steinauer +Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frühlingsfeste zogen, so trugen +sie eine Menge irdener kleiner Krüge mit, die ihnen als Trinkgefässe +dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum +Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte, +macht alljährlich die Eichstädter Schuljugend ihren Waldmarsch und +geniesst daselbst die für dies Jugendfest altgestifteten +Ergötzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu +holländisch Gröningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der +Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder +Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im +Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstädt, der +über eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster, +niedergeht, beim Anschwellen im Frühlinge sein Felsenbette nicht +sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in +sein Wasser hinab gegossen. Schöppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim +Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mädchen die Symbole der +künftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Säbel gespiesst, und +Eier und Butter in Körbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden +folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben +Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte +Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie +beide und die vorhin genannten Maigetränke zielen, sagen uns einige im +Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt +in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem +Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kämpfen. Dieser +Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach +beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen +bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu +dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den +Verjüngungstrank. Bei thüringisch Arnstadt liegt der kräuterreiche +Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Höhe ein Walburgiskloster +getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und +Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wächst, denn +dahin ist der Geist einer betrügerischen Bierzapferin gebannt. Sie +heisst Frau Holle, in altväterischer Tracht umgeht sie jene Buche und +ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die +öl-und älschenkende Walburg als eine thauspendende Walküre angedeutet; +noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwähnte, hier abgehaltene +Maifest der Arnstädter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch, +Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrücklich erzählt die +Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Fürstentöchter +an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise +darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes +Trinkgefäss (hanapp) plötzlich abhanden und kann weder wieder zum +Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden. +Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich über +jenen Verlust besprachen, stand es plötzlich unversehrt vor ihnen in +Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurückgeschickt und hier als ein +neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder +Steinthurm hohen Alters bei der unterfränkischen Stadt Eltmann, er war +von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen +werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten +lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime +Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und +Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und +Walburgisberg sind die volksthümlichen Namen der Erenbürg, eines hohen +sattelförmigen Berges beim oberfränkischen Dorfe Wiesentau; das +urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger +Königshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwällen +abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhügel, aus denen man antiquarisch +berühmtgewordene kupferne Streitäxte erhoben hat. Hier war das Schloss +von drei schönen Fräulein, die beim Trocknen die Wäsche nur in die Luft +warfen, so blieb sie hängen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel +steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt +abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor +Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht über die +blüthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen für +unerschöpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der +duftenden Bratwürste. So erfüllt sich der alttestamentliche Segensspruch +1. Mos. 27, 28, in allen Theilen: + + Gott geb dir des Himmels Thau + Und die Fettigkeit der Au + Und die Fülle der Halmen + Und den Most der Palmen. + +Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden +Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten +örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen +geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um +den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung, +der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und +vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur, +sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab. + +Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die +Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen +der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges +vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt, +ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf +Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische +Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen +Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein +stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf +es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen +verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um +dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen, +dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen +Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr +Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen +Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. +Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die +Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai +fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den +verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien +abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser +und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem +Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln +und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes: + + Deine milde Hand giebt Segen, + Giebt uns Sonnenschein und Regen. + +So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde +abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In +Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum +selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle, +Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen +Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg, +Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur +Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter +dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen +Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde +daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei +halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer +Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede +findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282. + +Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt; +schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil. +Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis, +als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die +Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der +Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am +Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der +Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde +abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse +herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches +Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute +haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische +Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul +stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits +ausführlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur +das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der +Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage +nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat +man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster +Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der +Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang +wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am +Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger, +Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai +veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt +derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover +bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen +Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem +Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte +eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem +Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. +345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem +Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem +Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt, +da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet. +Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich. +Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der +Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der +beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten +nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln +reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre +rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der +Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am +Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider +anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt +Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De +moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio +Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland +betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben: +Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos +habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum +unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri +sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab +omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10. +Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf +Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren +Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld +heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf +welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem +angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft +bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und +dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon +ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, +sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein +Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit +eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem +Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den +Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und +die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, +ad diem 10. Maii. + +Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu +umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf +alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern +selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krönest +das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess +eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich +beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das +Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 +jene Worte nachdrücklich wiederholt: + + Umkrön das Jahr mit deiner Hand, + Mit deinen Fussstapfen düng das Land. + +Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von +besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf +den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt +der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der +Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag. +no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden +Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht +hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag. +no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden +Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals +denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese +haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen +Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern +und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz +nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in +den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom +Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt +und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der +Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele +Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit +alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der +Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei +Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen +damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren +zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen +das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen +gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die +aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung +entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in +Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden. +Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen +acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes), +der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein +Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande +einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend +und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis +stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende) +führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand +trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie +nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros +(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den +Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und +Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau +steuern und waren der Athene gewidmet. + +Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe +unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben. + +Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber, +Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen, +ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens +und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton +heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der +Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden +Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes +Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene +Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612 +verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel +zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas. +Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender +besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide +mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe, +denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S. +559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun +verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht +seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus +und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die +thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier +Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den +Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es +ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, +abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen, +indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf +feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt +einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen +Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch, +weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit +dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck +beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso +gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische +Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern +voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen +denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die +Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld, +um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn +aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden +Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen +die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten +Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel +den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren +ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida +fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces +exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich +lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils +zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge +im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar +machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick +oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit +fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und +konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um +sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man +ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein +weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch +einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und +füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. +Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9. +Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist +das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht +stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene +_Ankenbrüt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon +zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches +Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im +Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem +Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust, +frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse. +Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein +wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf, +rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte +er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai +machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich +schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am +Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in +seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in +seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei +Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum +habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus. +Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage +seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht +weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen +Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt, +heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit +demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt +Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen +Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon +dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen +können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen, +sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf +die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die +Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen, +ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet +uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai +giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns +zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten: + + Mengmol e Hämpfeli Bluememehl, + Mengmol e Tröpfli Morgethau. + +Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie +darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel: + + Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli. + +Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth. +Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit +Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk +Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht: +Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm. +Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie +der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht +wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum +Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es +möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem +Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt +von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die +Sprache kehrt auf seine Zunge zurück. + +Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der +Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit +berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten +Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung +gebracht werden kann. + +Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des +Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so +taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben +Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn, +Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und +silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der +Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile +vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten +Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn, +aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in +verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst +das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft +(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss +und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat +und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang +der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt +sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das +Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus +dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen +und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand +einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst +Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das +Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde, +wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "_damit +das Gras wächst_" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol. +Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das +Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale +umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit +Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten +Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau +tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer +Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen +Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle +der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der +teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse +die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs +ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr. +1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch +veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der +Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu +verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen +osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach +Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die +Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem +Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze +ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer +Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie +darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür +den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs +Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott, +ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in +der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den +Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser +mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen +an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des +Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass +es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich; +statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in +den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens +abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von +unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die +Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden +so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die +Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die +Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe +ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches +Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen +werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, +Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das +Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das +Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem +tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle +gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann +hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des +Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles +Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des +ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige +Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert +vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen +diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden +Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens +Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter +schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem +Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke +jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin +Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es +dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie +nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann +eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren +Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, +die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim +Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, +Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung +ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen +Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die +Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, +265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die +Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit +ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In +rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun +die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am +Schlusse. + + * * * * * + + + +Sechster Abschnitt. + +Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung. + + +Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen +und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem +Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in +ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. +Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der +niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen +zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine +gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die +Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und +nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei +nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits +im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener +westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen. +Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands +alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten +Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass +man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein +Heidentempel der _Göttin_ Walburg gewesen, und dass man in der +Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt, +wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl. +Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr +hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil +unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern +und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe +Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt +gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer +Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen +haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so +mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst +ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon +im Harz wird _Wilibald_ ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um +Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber +vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst +sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre +Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres +Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber. +Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau, +menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in +Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders +erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire, +sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von +Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein +Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den +Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun +Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat +sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus +herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1, +lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein +deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem +Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes +Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in +seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, +hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus +einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt +Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens +überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür +spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt +auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die +Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver +tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon +berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin. +Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und +selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt +Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr +zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres +dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist +solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye +erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung +begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon +vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt +habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe +abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde +schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens +allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen, +norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da +sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre +Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen +Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit +doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen. +Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco, +der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die +Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und +das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie +priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen +Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er +werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe +den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt +ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt +Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch +Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der +altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es +ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe +Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als +dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder +findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am +Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim +findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des +dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die +Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines +Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten +Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus +einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide +Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im +vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses +Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der +Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah +und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter +Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung +des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857, +S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der +Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein, +Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, +entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung +des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit +ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass +schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen +nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 +sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu +glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als +eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass +Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser +Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass +dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden +und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem +uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger +Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und +kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder +moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen." + +Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer +Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende +Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten. +Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte +Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61: +Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal +II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen +Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria +1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet); +adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda +in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass +solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend, +vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De +divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties +de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. +Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die +Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in +bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck; +dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern +von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher +Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung +gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische +breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das +stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den +oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt, +beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen +Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das +obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten +Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige +der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein. +Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter +Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des +Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des +OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, +Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland +Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete +Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, +dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass +sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander +spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel, +varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin +beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch +wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter +und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben +darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein +des Naturmenschen noch gänzlich schlummert. + +Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit +den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher +vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes +Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die +Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier +den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist. + +Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der +Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des +Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem +Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen +Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen. +Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns +sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die +Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau +Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage +vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf +den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch +Gewährende. + +Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des +Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); +diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also +durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe +dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen +Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried +entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. +Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische +Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum +regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage +bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. +dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt +wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also +nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den +jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist +Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst +Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der +Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der +angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft. + +Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische +Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die +leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu +Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden +(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes +wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die +sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, +die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal +Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach +der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es +Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel +niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt, +Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer +Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber +zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen +Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren +Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. +Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im +Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie +selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich +verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, +oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar +in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der +Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird +eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, +516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg +verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die +Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen +Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie +z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga +(Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden +hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre +und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke +erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der +Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der +Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in +schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. +Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das +Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine +der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich +besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig +starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen +Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz +der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem +hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse +Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. +107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu +ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen +diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den +Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in +der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde +Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere +zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen +Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen +Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird +darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen +grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau +Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie +ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild +umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger +Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure +Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute +nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht +sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland +erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem +letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die +Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf +den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr +ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon +ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend +darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, +sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die +Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole +das Garn."-- + +Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am +Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel +erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); +als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede +von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der +schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im +Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren +Wunschkinder herauszuschöpfen. + +In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, +117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die +Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist +Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel +das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und +Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und +Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle +und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 +heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Müllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der +bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles +Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit +diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, +älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen. + +Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren +oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen +lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis +dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses +Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter +genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen +Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich +fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei +welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese +heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, +und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg. +74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und +Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder +Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte +Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936); +die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere +Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des +Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne +des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und +Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre +Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel +Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth +führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein +Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb. +3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen +Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der +grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der +Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie +Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der +Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen: +der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem +Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn +geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den +Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in +der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der +Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in +den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der +Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte +(âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So +braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, +Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger +(Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit +dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten +somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der +Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten +haben. + +Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier +abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben: + + Auf den Wald und auf die Wiese, + Mit dem ersten Morgengrau, + Träuft ein Quell vom Paradiese, + Leiser frischer Maienthau. + + Wenn den Thau die Muschel trinket, + Wird in ihr ein Perlenstrauss; + Wenn er in den Eichstamm sinket, + Werden Honigbienen draus. + + Mit dem Thau der Maienglocken + Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht, + Badet sie die goldnen Locken + Und sie glänzt vor Himmelslicht. + + Selbst ein Auge rothgeweinet + Labt sich mit den Tropfen gern, + Bis ihm freundlich nieder scheinet + Thaugetränkt der Abendstern. + + * * * * * + + + + +II. + +Verena mit dem Kamme, + +die Kindsmutter. + + * * * * * + + + +Erster Abschnitt. + +Verena, eine Gauheilige. + + +Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; +ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres +durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und +Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. +Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_. + +Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der +Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch +eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang +mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die +Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in +die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter +ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen +römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann +nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, +schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer +verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade +entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, +unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den +Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die +ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu +Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn; +Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser +Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet, +entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes. + +Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts, +begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte +hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen +nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener +Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode +der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die +Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren +Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre +verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen, +jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von +lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger +Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; +begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, +dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre +bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters +Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des +Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen +überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und +Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung +im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben +will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur +Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie +trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt +des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den +Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und +setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward +erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben +und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der +Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das +Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit +naiver Zweifellosigkeit angesetzt. + +Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die +geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen, +denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf +und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der +dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu +entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende +mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der +romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in +römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen +denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst +das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen +war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer +schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, +Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine +solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der +Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die +deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend +oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften +Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind +Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. +Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken +noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu +den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen +wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche +nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf +alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige +nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen +Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die +ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth +des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche +Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des +Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in +Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am +1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese +feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste +bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch +in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind +Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen, +Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch +Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter +Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken +Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit +einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst +der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den +Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für +die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält +Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des +Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert +von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese +Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät +in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von +Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit +der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht +verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer +Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. +Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei +Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige +nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich +anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel +versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den +Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm +jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag +voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele. + +Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken +konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das +Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher +Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr +600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung +über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den +wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den +Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer. +Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster +Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig +von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation +zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche; +nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. +Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil +im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak. +Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es +sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der +Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und +aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit +Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur +gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St. +Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach; +ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur +gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem +kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft +Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die +beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil +des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und +Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium +noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion +Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler, +Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in +denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum +Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: +zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu +thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57), +Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182), +Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau +im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127), +Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug +1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den +deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen, +Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders +gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen +Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet +von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des +Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden +Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde +gehört. + +Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher +Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten +Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren +gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht +sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt +(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das +benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner +Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen +selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. +881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung +bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses +geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst +nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht +werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals +nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein +grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste +Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von +Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das +Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung +dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten +Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder +erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben, +und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat +1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben +sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der +christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden +Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche +gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden +und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten +Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle +Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung +unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen +führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen +Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber +auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre +Untersuchung hernach überzugehen hat. + +An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt +gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein +Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit +das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen +sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer +erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe +wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten +die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert +dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen +Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog +Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines +kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener +Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des +gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder +singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten +Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die +Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und +verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne +dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt +hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner +Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem +weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen +Wîhegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst +täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten. + +Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas +Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am +Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur +Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über +den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom +Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser +Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das +bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in +diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am +Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte +_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da +hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie +ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst +hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, +lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen +Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller +in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am +Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen +Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres +1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren +eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des +römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen +Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, +zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche +Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die +Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige +Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt +zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die +Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus +erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum +wieder in die Stiftskirche zurück. + +Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich +verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen +sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des +Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin +seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der +Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien +werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 +Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst +aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein +geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und +133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu +Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche +zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof +Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript +verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger +Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches +nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich +mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden +vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der +grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen +silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag +(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und +Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine +Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut +und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt +wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im +benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift +entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, +Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die +Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, +unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts +anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und +Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der +Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen +Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst +Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken +mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer +warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme +gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden +überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein +kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines +Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder +zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird +seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich +nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals +flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm +Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte +nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. +Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so +geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen +sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene +Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld. +betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände +schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag +mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c. +93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist +vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen +Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der +Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel +besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 +doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, +also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 +eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl +im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler +Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin +gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so +vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch +Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht +und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener +Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131. + +Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die +Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst +Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in +Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose +virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh +eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus +Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur +eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch +andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz +kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an +geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes +ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen +Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring +anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach +forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der +Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich +der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage +erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich +ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches +wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er +wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit +leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde +zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. +Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch +die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos +steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit +trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld +wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch +schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden; +schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die +arglistigste Bosheit. + +Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die +Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem +Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem +ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die +Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte +Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden +mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit +deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die +Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu +stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote +hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula +verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser +legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den +ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden +Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen, +eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam +fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden +Abschnitten geltend. + +Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist +enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v. +F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem +Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder +im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es +Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) für vorliegende +Arbeit diplomatisch getreu copieren. + + Von sand verene (roth) [106b] + + Verena diu edel meit, + als, uns daz puch von ir seit. + Die was ---- ---- + und ez quam also, + Do der cheiser maximian [106c] + furt mauricium mit im dan + Her gen deutschen landen, + si begunde nach im belangen + So ser, daz si im fuor nach, + wanne vil gerne si in sach. + Verena was ein christenin, + und do si quam ze meilan in, + Die geuangen christen + die heimpt si an den vristen + Vnd bechlagt mit in ir not, + dar zue si in helfe pot + Mit trinchen und mit ezzen. + uerena, die vermezzen, + Si lie durch nieman daz + durch vorhte noch durch haz, + Swa die christen warn erslagen + und auch da si warn begraben, + Die staete suocht si alle tage + mit weinen vnd mit chlage. + + Mit reinem leben was si sus + pei einem, der hiez, maximus. + Nu wart ir schir alda geseit, + daz mauricij schar preit + Durch got wer erslagen, + daz begunde die vrowe chlagen + Vnd wolde nicht leng'r da bestan, + si fuor ub'r die alben dan + Vnd ze einem wazzer si quam, + daz ist genant aram. + Alda vant si einen man, + der gevlohen was chomen dan + Der sagt ir die rechten maere, + wie ez mauricio ergangen waer. + Davon wolt si nicht furbaz, + in einer chlause si da saz + Mit chlage und mit leide. + da warn inne reine meide, + Der leben was also gestalt, + si waer iunc oder alt, + Daz si anders lebte nicht + wan chraut, arbaiz und anders nicht, + Des lebte si daz gantz iar; [106d] + daz quam auch von ier werch dar + Vnd des tages ein lutzel brot, + daz man igleicher pot. + Nu was dapei ein getwerch, + daz verchauft den meiden ir werch + Vnd chauft in da mit ettewaz, + daz die samenunge gaz + Anders lebten die vrowen nicht, + gab man in aber immer icht, + Des enpizzen si nimmer + und gabens durch got immer. + Sus was gestalt ir reines leben. + got hat verene den geist gegeben, + Daz man vber al daz lant + ir leben vil rein erchant, + Daz man sei het fur heilic gar, + daz auch si was furwar. + Wan got durch sei tet wunder + mit zeihen besunder. + Auzsetzig behaft macht si slecht, + plint, chrump macht si gerecht. + Solcher dinge tet si vil + mit got auff daz zil, + Daz man sei d'r meide muet'r nant + weiten uber al daz lant. + Nu was in der gegent da + ein richter sam anderswa, + Der het got gar verchorn. + dem was der meide leben zorn, + Vnd daz man ier so wol sprach; + mit zorn er daz an ier rach, + + Wan er die vrowen vie, + dehein gut er ier nie geschehen lie. + Doch quam zaller zeit zu ir + ein liechter iungelinch fir[3], + Der pot ier guten trost, + si wurde schir da von erlost. + Doch vragt si in, wer er wer? + do sprach er offenwaer, + Er waer ir mag mauricius, + und mit der rede alsus + Quamen zu mauricio hin in [107a] + alle die gesellen sin + Und gruezten die vrowen schone, + damit schieden si davon. + Nu wart derselbe richter + vberladen mit sichtum swer, + Der gedacht rechte wider, + er lief hin und viel nider + Chlagunde für die reinen meit + und seinen sichtvm er ir chleit. + Doch pat si got umb in, + der richter gie gesunt hin + Vnd mit grozzer gedult + bat im vergeben sein schulde. + Daz was ysa getan, + die magt wart do leidich lan + Vnd gie zu iern swestern wider, + da si got diente sider. + Nu quamen die swest'r auch in not, + daz si ninder heten prot + Vnd grozzen hunger liten + doch mit dultichleichen siten. + Ier werches acht man nicht ein har, + wan ez was ein hunger iar. + Do verena die not ersach, + zu got von himel si do sprach: + Wan du deiner geschefte gist + ier leibnar zu rechter frist, + Jesu christ, du waist wol, + wez dein gesinde leben schol. + Do si daz vollen gesprach, + vor der chlause man ligen sach + Viertzig sekche mit mele vol. + er gedacht ir not da wol, + Wan daz prot wuchs in ier munde, + daz si lange vñ manic stunde + Heten da von ier leipnar, + des lobt got die rein schar. + Nu was verena, die genende, + chumen an ier lebens ende, + Vnd do si nu siech wart, + ier andacht sich nie verchart. + Da si vercheren scholt daz leben [107b] + und den geist widergeben, + Do quam unser vrowe dar + mit der hymelischen schar; + Vnd do verena sei ersach, + zu gotes mueter si do sprach: + Waz gernde han ich, + daz gotes mueter siechet mich? + Do sprach unser vrowe zu ier: + verena, volge mir, + Da hin, da du immer mer + vreude hast ane ser. + Mit der rede si verschied, + got ir sele da beriet + Der ewigen gnaden. + die vrowe wart begraben + In der chlause alda, + die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3], + Da got wol scheinen lie, + daz er sei minte hie. + Wand nieman wirt entwert, + der rechter dinge an sei gert. + Nu derhoret got dehein pet so gern, + so daz wir seiner hulden gern, + Dem gibt er, der die suohet, + vil gern, swer ir geruhet + Mit hertzen und mit andacht. + daz wir ze hulden in werden pracht, + Des helf uns maria + und ir dirne uerena. amen. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[3] fiér, stark und stolz. + +[4] zerzyaca: Zurzach. + + * * * * * + + + +Zweiter Abschnitt. + +Verena, die Müllerpatronin. + +Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen +Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein +verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke. +Wirthschaftsregeln am Verenentage. + + +Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die +Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren +Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des +Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den +Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als +die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller, +Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der +ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6, +457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher +Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle +Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, +suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf +des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne +fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte, +schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg +und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener +eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er +ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso bändigt sie den Gläubigen +zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser +stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe, +dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet +und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne +den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in +dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein +altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren +wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits +entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits +des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug, +hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der +andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. +Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das +nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war +sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier +gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch +den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen +ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu +sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere +Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner +Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau, +und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe +die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von +den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom +unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen +aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft +und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5] +Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf +einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber +blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein +weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse +mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der +Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem +Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch +ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als +1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll +wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer +Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und +erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über +dem Steine zu lesen stand: + + Auf diesem Stein hier aus der Aaren + Die heilig Verena ist gefahren + Ohne Ruder, Schiff und Schalten, + Wie solches geglaubt die frommen Alten. + +Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath +der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie +bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft +der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht +mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel +befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen) +zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein +kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm +Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst +ahd. verscif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus +Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt. + +Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der +Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses +Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des +heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die +Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen +Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, +auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen, +besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm +Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So +hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei +Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam +und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen +zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des +griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, +drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks +Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden +Gemahl: + + Ich steh fürwahr nicht aufe, + Ich lass dich nicht herein; + Ich hab die Nacht gemalen + Mit sechs jungen Knaben. + Davon bin ich so müd. + +Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein +drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mühle in unsern ältesten Sagen der +Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem +gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen König ausserehelich mit der +Pyla erzeugt, des Müllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der +Grosse erzeugt und geboren auf der Reismühle am bair. Würmsee. Aretin, +Bair. Sag. 1803. Schöppner, Sagenb. no. 22. König Heinrich III. erbaute +Kloster Hirschau in der Nähe jener Mühle, darin er war geboren worden; +sie steht noch und gilt für eines der ältesten Gebäude in Hirschau. Vgl. +Schönhuth, Burgen Würtembergs 1, 88. Meier, Schwäb. Sag. S. 336. Ebenso +steht heute noch im würtemberger Schussenthale die Grieslemühle, in der +die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern, +erzogen worden. Birlinger, Schwäb. Sag. no. 340. Aventins Chronik +berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser +verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hübschen Müllerin auf der +Gretelmühle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen +Frau Müllerin erzählt alles Volkslied bis auf Göthes "Der Müllerin +Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimühle +für eine der städtischen Mühlen. Im Mühlgraben liegt jener grosse Stein, +hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31. +Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken +musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem +Mühlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem +fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol. +Darum führen selbst die alles verleihenden Lichtgötter Apollo und Zeus +den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Göttinnen wird ehliche Treue +beschworen, der Ceres legifera opfert die bräutliche Dido, der römische +Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die +wendische Braut zu sitzen, während sie von ihren Freundinnen zur +Hochzeit geschmückt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem +Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mühle zu +verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt: + + Dort niden in jenem Holze + Leit sich ein Mülen stolz, + Sie malet uns alle Morgen + Das Silber, das rothe Gold. + Dort hoch auf jenem Berge + Da geht ein Mülenrad, + Das malet nichts denn Liebe + Die Nacht bis an den Tag. + +Damit hört denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf, +dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mühlsteine machen, wie +Verena auf der Aare und der Wüstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch +die Stadtpatronin Zürichs, zugleich die angebliche Gefährtin der +Thebäer, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben, +denn ihr Mühlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es +urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St. +Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge +und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus, +wird mit einem Mühlstein am Halse in die Günz gestürzt und schwimmt +damit in diesem reissenden Gewässer. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die +hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem +Wasser einher, als wäre es festes Feld. Sie wird alljährlich am 1. Okt. +in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac. +Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mühlstein der hl. Brigida ist +neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte +aufgestellt und wird bei Krankheitsfällen als wunderthätiger Heilstein +berührt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flüsse und Seen +sind die Adern, durch welche die älteste Kultur in die Länder floss, und +die Mühle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter +denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee +sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Müller +und Becken schlagen sich mit Säcken; der Aargauer: sie putzed (die +Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flügt +(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schüttid: schütten die Frucht +auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmühle schiesst. Nach Kärntner +Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in +den Kasten schüttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der +Himmelsmühle (Uhland, no. 344) knüpft Matthäus die Kornsäcke auf, Lukas +lässt reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen, +dass die Mühle im alten Rechte als Freistätte gilt und ein in diesem +befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der +Schwabenspiegel bestimmt: diu müle hat ouch bezzer reht danne ander +hiuser. swer in der müle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem +sol man hût unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in +henken. Und eben daher stand auch dem Mühlstein eine besondere +Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet +sich nemlich in einem alten Liede folgende Prüfung erwähnt über +Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere +steht am Ufer des Rheins, ein Mühlstein wird gerollt; fällt er rechts, +so trägt sie einen Knaben, links, ein Mädchen; geht er aber zu Grund, so +ists ein Metzenkind.--Der jungfräulichen Verena Mühlstein aber ist ein +_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht: +die auf dem Felde, in der Mühle und im Mutterschosse. Bereits sind in +der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen örtlichen Felsen +und erratischen Blöcke des Aargaus aufgezählt, welche den Namen +Kleinkindersteine und eine dem gemässe Ortstradition an sich tragen. +Hier kommen nur die auf Verena bezüglichen in Betracht. Jener vorhin +erwähnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trägt ein über +Faustgrösse ausgerundetes Loch, das man für die Spuren der Hacke der +Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern für die Stadt +heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in +dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenförmig +gewölbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe +Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus +kirchlich gereicht hatte. Eine Felshöhle beim Bergschlosse Teck auf der +würtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage über +zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des +Neckarstroms 1740, 46. + +Ein fernerer auf die Korn- und Mühlengöttin hindeutender Zug ist +enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu +Solothurn gegründet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern +konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern +Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Säckchen Mehl von +unbekannter Hand vor die Thüre gestellt wurden und die aus diesem Mehl +gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten +Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darüber: + + Dum panis victus solitus + exhaustus fuit plenius, + farris pastus positus + est ad fores celitus. + +Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt +wundersüchtig die bestimmte Zahl dieser Säcke an quadraginta sacci, und +Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein +Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae. +Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht +(107a) nacherzählt zu sein: + + vor der clause man ligen sach + viertzig sekche mit mele vol. + er gedacht ir not da wol, + wan daz prot wuchs in ier munde. + +Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch +Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn +da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreikönig, zur Zeit der Zwölften, +sein Mehl von der Boitzenburger Mühle heimfährt, so begegnet ihm Frû +Freen und verlangt, dass er die Säcke öffne und ihren Hunden ausschütte. +Thut er dies folgsam, so findet er die Säcke wohlgefüllt des andern +Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name +zusammengefallen in den der Heidengöttin Frêa (wie Paulus Diaconus +Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwölften sich an die Spitze +der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein +Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwölf Jagdhunden das Land +durchstürmt. Der Name Frêne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415 +ausdrücklich als um Halberstadt bestehend bestätigt, und der vierte +Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende +Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen +Gauheiligen erläutern. + +Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden, +Brod und Wein überbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz +sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen örtlichen Schwänken +bedient. Er erzählt, wie einst das kleine Städtchen Klingnau an der Aare +von einer Feuersbrunst so ganz zerstört worden, dass auch sämmtliche +Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen +musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man +läuten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom +herab gefahren kam. Kling au! rief man ärgerlich zur stummen Glocke +empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr +Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das +tägliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der +Spottreim: + + Wenig Brod und sûre Wî: + ach Gott, wer möcht' au z'Klinglau sî! + +Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines +Priesters in Zurzach habe sich Verena die tägliche Nahrung abgebrochen, +um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darüber der +Entwendung verdächtigt, tritt ihr der argwöhnische Priester plötzlich in +den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krüglein ist nun in +Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides +als zur Reinigung der Aussätzigen dienend. Daher kommt es, dass die +Bildsäulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf +in der Hand haben. Das Krüglein der Heiligen ist, wie die älteste +Aufzeichnung berichtet, ursprünglich steinern gewesen und hatte die Form +einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die +des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemässe vor Alters +steinern war. Das Zürcher Frauenmünsterstift berief sich 10. Christm. +1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der +Klostergründer König Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen +lassen. Geschichtsfreund 8, 19. + +Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls +unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es +ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus +Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964 +berichten. Auch sie zähmte wilde Ströme, lehrte Acker- und Weinbau, +pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre +mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena, +mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedächtnisse +fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern +Innthal und hatte die Schweine zu füttern. Für jeden Armen sparte sie +sich eine Schürze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein +geiziger Späher sie darüber anhielt, verwandelte sich die Gabe in +Hobelscheiten und in Sautränke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im +Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen +Hausstand zurück; wollte man sie jedoch über die Feierabendzeit im Felde +fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die +Sichel in die Höhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hängen. +Sie ist die Patronin der Dienstmägde geworden, wie sie selbst in ihrem +Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen +spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten. +Als sie an den brückenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurück und liess +Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinüberschreiten. Jenseits auf +dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und +errichtete eine Kapelle über dem Grabe, die seit 1434 zur +Wallfahrtskirche vergrössert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im +Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2, +no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, überschwamm sie auf einem +schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Höhle, die +beim würtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg +her überbrachte ihr der Hirsch täglich das Brod, ans Geweih gespiesst, +und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch +zeigen die Kraichgauer übers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier +einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet +Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als +Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und +Butter von ihrer täglichen Kost sich abgespart und den Aussätzigen des +nächsten Siechenhauses zugetragen; als der argwöhnische Schlossherr sie +auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und +Milch in ihrer Schürze in einen Strehl und in warme Lauge. + +Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und +landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den +Verenatag knüpften. + +Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-, +Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76) +verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten +(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht +noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V +Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und +Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe +Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fünf "geschlossnen +Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht +Tage nach dem auf Verena nächstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit +hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jährliche +Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt. +Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt +Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86 +die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljährlich auf Verena +und Martini an. + +Von den Bauernregeln über die Witterung am 1. September sind unter +unserer Landbevölkerung folgende üblich. + +Wenn's Vreneli z'morndes s'Chrüegli ûsleert, draejet, löset, umg'heiet, +brünnelet--und z'Abig s'Chitteli wider tröchnet, denn isch guet; denn +solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der +Keimung des Samens besonders günstig. Wenn es an Verena schön Wetter +war, so erzählen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen +unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber +regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Säen hinaus. +Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn +aber nit, so chan er's frölich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner +Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und +sein Brodsäcklein, das Zimmis-chörbli, worin der Abendimbiss ist, mit +ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz +1862, 259.-- + +Verenatag günnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es, +ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein +strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden. + +A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rôt; der Krautskopf berathet sich, ob +er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er +daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trägt s' +Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs +Feld gebracht, s' Vreneli zündt a, und s' Mareili löscht ab: die +Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnächte begannen mit 1. +Sept.; mit Mariae Verkündigung, 25. März, giengen sie wieder zu Ende. +Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewöhnlich erst mit 2. Nov. und +schliessen mit dem Josephstag, 19. März. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[5] + + A Solodoro igitur + discedens proficiscitur, + ubi Rhenus labitur, + Zurziacham graditur. + +Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus +Ratdolt. + +[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit, +sagt die Originallegende; erst später wird der Name Hirtacus dazu +gefügt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter. + + * * * * * + + + +Dritter Abschnitt. + +Verena, die Geburtshelferin. + + +Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die +ihr geopferten Mädchen- und Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und +Waschkrug; ihre örtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln +am Verenentage. Mythische Nachklänge von der Gewitterriesin: das +Vrenelisgärtli am Glärnisch u.s.w. + +Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und +stellen hiefür diejenigen Erzählungen voran, welche der ältesten +zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der +Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehören. Diese von G. Waitz +nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch für diejenigen +Thatsachen, über welche der Verfasser jener Bruchstücke entweder als +Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener +Periode anknüpft. + +Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange +kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins +Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in +der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen +Thronfolger. + +Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga +geehlichet, des vorhin erwähnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und +obwohl schon mehrere Töchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald +aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem +solchen beglückt. Dieser war, wie Casp. Lang beifügt (Histor. theol. +Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht +zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb. + +Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter +Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung +nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden +Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und übernachteten daselbst im +Stifte. Hier träumte Reginlinda von der Empfängniss, die sie sich +wünschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser +Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm. + +Eine adelige Frau im Elsass hatte früherhin in kinderloser Ehe gelebt, +hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Töchter bekommen. +Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingssöhne, denn +diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mädchen und Knaben +begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf öfters von den Zurzacher +Stiftsherren eingeladen worden, er möchte sich zu ihnen begeben, die +Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines +Reichthums opfern, dafür werde er seinen Wunsch nach Söhnen erfüllt +sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns +diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die +Unvermögenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib +vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben. + +Ein Höriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib +geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel, +entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie +liessen sich auch in allerlei Schmähungen über derlei Pflichtigkeiten +aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend +fort. Dafür starben er und sein Weib eines jähen Todes, und seine +Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgängig an +Gliederlähmung. + +So viel erzählen die ältesten Aufzeichnungen der Legende über den durch +Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwähnt aber ist, dass +derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden +Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen +hinab und schöpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es +wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und +Augenübel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein; +auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt +das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu +handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach, +gestorben zu Heidelberg, verdankt. + +Eine Zurzacher Frau war Wöchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in +das Städtchen Klingnau hinüber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren +es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht +stundenweit über den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen +Felsentreppen ersteigt man die letzte Höhe zum Rothen Kreuz, einer +einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften +Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefürchteter Spukort. Wer +seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versäumt hat, muss nach dem +Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Männer her, die man ein +knarrendes Wägelchen über die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig +laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden +lassen, dann aber zu einer Grösse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand +mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst +wohlbekannte Höhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebüsch +ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach +Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mündung in den Rhein +gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz +oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese +Erzählung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshülfe +zunächst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden +Aarthale zu Klingnau hätte suchen sollen. Denn dafür eben fliesst in der +Zurzacher Stiftskirche jener heilkräftige Brunnen. Die hier +hinabsteigenden Wallfahrer dürfen sich einen Krug voll unentgeltlich +schöpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden +Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenübel an; letzteres ein Brauch +aus der frühesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von +Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St. +Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor. +Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der +Gertrudislegende erzählt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib +wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche geführt +und kommt hier zufällig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche +trieft und des Weibes Mantel beschüttet. Die Umstehenden nehmen daraus +Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch +auf der Stelle sehend. + +Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt +die Heilige in den Bädern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das +von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte +unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel; +nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar über der +Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen +Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden. + +Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine +Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsäule +errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge +Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des +Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den +Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Röhre hinab, +durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwärmen und sind +der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfüllung +ihrer mütterlichen Wünsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus +der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten +"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und +Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem +Ergöw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein +abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein +unfruchtbare Fraw darinnen bade, vñ ein fuoss in dz loch stosse, da dz +wasser herfür quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie +fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter +gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom +Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht +sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen +Kinder." Diese mütterliche Göttin Holda gleicht also vollkommen der von +den Albanesen verehrten Geburtsgöttin Ora, einem Wünschelweibe, vermöge +deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es +gewünscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Märch. 1, S. 37. Holda +hütet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, übergiebt +sie als Fröschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch für die +gebärenden Mütter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen können, und +nimmt die unmündig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die +kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, überall lokalisirte +Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend +herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenährt werden. Schon +altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der +geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der +Dominikanermönch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt: + + du bist der gezeichent brunne, + darin schein diu lebendiu sunne. + +Und Nachklänge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort: + + Storch--Storch--Steine, + Mit dem langen Beine, + Mit dem kurzen Knie: + Jungfrau Marie + Hat ein Kind gefunden + In dem goldnen Brunnen. + Wer solls (aus der Taufe) heben? + Der Gothe und die Göthen. + +Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert +ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den +Fängen und zudem auf jedem Flügel je ein Wickelkind trägt. Dieses Wasser +macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmüttern. Schäfer, +Städtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits +verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachträglich noch +folgende aargauische anführen. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre +1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljährlich am +Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen +Brunnenstuben den Säuglingsvorrath holte, so steht dieser +Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den +abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lässt, zieht ihm die +gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stäben +entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln: + + Der Bach chunnt, der Bach chunnt: + Sind mini Buebe-n-alli gsund? + Jo jo jo! + + Der Bach ist cho, der Bach ist cho: + Sind mini Buebe-n-alli do? + Jo jo jo! + +In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der +dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden +Brünnli (über Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in +Oberfrick aus dem altverschütteten Spagenbrunn, im Dorfe Küttigen aus +dem Stampfelgraben des dortigen Mühlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die +Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der übrigen +Schweiz gehören folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der +toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der +Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach +in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch +bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glücksgöttin Frau +Saelde trägt. Lütolf, Fünfort. Sag, S, 550. + +Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern +entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstände erlaubten, in +Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus +vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen +lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber +fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der +Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trägt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227. +Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen +sein musste, erklärt uns die Kirche ausdrücklich. Abt Tritheim +beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen über +die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515, +20. Sept.) und entwickelt dabei über die Wassernixen folgende Theorie. +"Die in Seen und Flüssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestüm +trügerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so +erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt +gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon +das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches +Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese +lassen sich an Flüssen und Quellen blicken, kämmen ihr langes +Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die +Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemüthszustand unwandelbar ist, +nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die männliche, +und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in +Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber +Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle +tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit +dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rührt es, dass in unsren an +Quellen, Strömen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die +geschichtlich ältesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind. +Die zürcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umspült und +in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrünnlein. Wasserkirchen sind +ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau. +Auf der Rheininsel zu Säckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf +derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind +altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der römischen, theils +aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zürchersees grösste Insel, +deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war für einen grossen +Theil der Weiler und Höfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen +Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am +gegenüberliegenden Ufer zu Stäfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz. +Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zürich bestand bis zur Reformation +das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu +_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem berühmten Buchdrucker +Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau. + +Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvögtin +der Ehebündnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich +geopferten Gegenständen, vornemlich den Brautkrönlein. Die katholischen +Landmädchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern +kirchlichen oder weltlichen Festanlässen den krönleinartigen Kopfschmuck +der Tschäppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und +Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft über den +Scheitel hin wölbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines +Sammtkäppchen, oben napfförmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es +ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens über das Haar +gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das +Kirchspiel genannt, ein Mädchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach +Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschäppelein zum Opfer +aufzuhängen; es ist ein Dank dafür, unter die Haube gekommen zu sein. +Erscheinen dann im Herbste die Züge der übrigen Wallfahrerinnen, so +nehmen sie ein solches Brautkränzchen vom Gitter und setzen es während +ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Käppchen häuft sich +hier an, dass man die veralteten darunter alljährlich am Charsamstag +abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezündet wird, +mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in +dessen Kapelle jener Mühlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von +Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach +alter Gepflogenheit alljährlich im Frühling der Gemeindebann von Jung +und Alt umschritten, so dürfen bei diesem Männergeschäfte die Mädchen +allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen für +die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich +Feldblumen und flechten in die Wette Kränze daraus ins Haar, die +gleichfalls Schäppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und +überhängen damit die Horizontalstäbe des Eisengitters, hinter welchem +Verenas Mühlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss +hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der +Sigrist, setzt den schönsten der geopferten Kränze der Heiligen aufs +Haupt und schmückt mit den übrigen den Grundstein. + +Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man überhaupt Kunde hat, +ist es gerade ihr Gürtel, der sie als eine die Ehen und Geburten +beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem +ehemaligen schwäbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten +Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem +entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der +Grösse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis +über den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Gürtel, schreibt Richter +(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird +nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des +römischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist +so durch Verenas vielvermögenden Beistand zur Welt geboren worden. + +Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen +Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind. + +Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Städtchen Klingnau an der +Aare führt über den Achenberg. Auf der Hochebene dieses beträchtlichen +Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter +Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von +Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften +Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine +Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die günstige Jahreszeit, +des Berges wilde Schönheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau +und Klettgau hinüber, die Wunderthätigkeit des Ortes und der den +andächtigen Besuchern gewährte päpstliche Ablass führt alsdann +zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier +zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer. +Doch kein Wallfahrer verlässt den Berg, ohne nicht über eine in Felsen +gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo +die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthätigen +Verenabrünnlein und lässt auch für seine Kranken daheim ein Krüglein +voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage. + +Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September +als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig +bemittelter Mann aus dem Städtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der +Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie +auf jener berühmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber, +das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten +daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern +Betrachtungen erreichte er das Verenabrünnlein, traf hier einen ihn +freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit. +Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere, +sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung +gesteckt und sie gefüllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei, +dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der +Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand +wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Händen fassen +konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau +nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem +Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf, +und ach! da hieng gerade über seinem Kopfe gewaltig sausend ein +umrollender Mühlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurück nach +Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut, +musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem +Zehrfieber gestorben sein. + +Was soll hier dieser Mühlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die +Müllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthätigkeit nicht gesehen +sein. Es ist dies zwar ein öfters sich wiederholender Sagenzug, siehe +Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet +er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe +Büttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena +die erwählte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der +Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle +entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die +gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und +die Ortssage fügt bei, wer ehemals in der Abenddämmerung mit +abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus +einer weiblichen ein Goldstück. Als nun Knaben von Büttisholz einst in +der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstücke +schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schöne Jungfrau, die nach +einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich, +dass auch die Quelle versiegt war. + +Fäsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben, +berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei +schon in ältester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die +über diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die +auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die +Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenüber +entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte +Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen +angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer +Sag. no. 1 mit dem Beifügen gedenken, dass die aus dem Elsass über den +Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen, +sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trägt, wie schon bemerkt +worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden. + +Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwähnen in der Nähe der Stadt Zug, +gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghöhe an der alten Strasse, +die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln führt; auch hier ist ein +herkömmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform +gebauten Kirchleins war früherhin eine Inschrift angebracht und meldete, +der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Müller +in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine +Renovirung nöthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der +Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen +Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste über der +Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen +diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15. +Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle +hinausgetragen "unter dem Knallen der Mörser und Doppelhaken". +Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwänden verkündigen des Ortes +Wunderthätigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das +St. Verenabrünneli, der Brunnenstock geschmückt mit der Figur der +Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten +Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die +Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehört, wie der Zugerkalender vom J. +1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrücklich berichtet: +"Bist du krank und die Gütterli (Arzneigläschen) des Doktors wollen +nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam +zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljährlich +Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hören. Auch +wird dir den Sommer hindurch so ein kühler Spaziergang in der Frühe +überaus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Stärkung für +deine schwache Leber im nahen Röthelberg, sofern dir Verena nicht eins +aus ihrem Krüglein einzuschenken geruht." + +Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach +errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren +gesetzt und haben übereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige +trägt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrüglein, +in der andern hält sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf +dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt +des Krügleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der +Flügelthüre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt, +hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's +Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der für das nichtlesende +Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren +oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1. +September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten +den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hält und zu Füssen ein +geschnäbeltes Giesskännlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen +Verenas hat die ältere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche +Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete, +dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher +hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr +geheilten Aussatz hervor: + + auzsetzig behaft macht si slecht, + plint, chrump macht si gerecht. + +In diesem Sinne erzählt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen +Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete +ihnen die Betten, kehrte den Boden, säuberte die Kleider, wusch alte +Erbschäden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Häupter." Auf +solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbäder", wie dasjenige in +der Stadt Baden, gegründet, jeder Gast hatte sein Krüglein mit Lauge und +seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die +durch Papst Urban seit 1625 neu bestätiget worden, ist nach dem dritten +Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen +Almosen und bestimmte jährliche Spendmähler zu verabreichen. + +Das Steinkrüglein Verenas wird in der ältesten Legendenaufzeichnung +gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden +dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals +eine Römerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man +hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem +verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darüber erblindete, +erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug +vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den +Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls." +Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus +und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewährte dasselbe +einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden +war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der +Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich +auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefäss zu setzen, sie +würden sonst zu viel Töchter gebären. Ein Stück von diesem +Verenakrüglein hat nachmals der Fürstabt von St. Blasien erworben und +dafür den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift +abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen +allgemeiner Ablösung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden: +Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Küssennacht, +Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht +Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses +Werk; obenauf liegt in Lebensgrösse gehauen ihr Bild in +Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfräulichkeit in +fliegenden Haaren, es hält in der Linken den zweireihigen Kamm, in der +rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den +Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wäschermagd aus Menschenliebe sich +unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt, +sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das +mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rössli ist ihr +Aufenthalt. Aus dem Vorhöflein desselben schreitet um Mitternacht vor +hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt +sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier spült sie ihr +Weisszeug aufs sorgfältigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen +Vorhof zurück. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem +Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird, +erklärt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier +Gotteshöfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen, +welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofür diese +verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80 +Juchart haltenden Gütern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu +gehörenden Antoniuskapelle zu bestreiten und für den Messpriester den +Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie +sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelöst worden ist, haben diese Höfe +ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu +verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher +Hand an den Gemeinderath von Reckingen übergegangen und hat seit dem +Jahre 1854 die gründliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene +letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstöckigen +Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzählt man, kommt zu +gewissen Zeiten des Nachts ein Füllen gelaufen, umtrabt das Gebäude, +wird darüber zusehends grösser und ist mit einem male wieder unsichtbar. +Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen +niemals das Füllen erblicken, wohl aber statt dessen eine +weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier +Ecken bedächtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die +Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet. + +Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in +Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nähig sind +("übergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schürze zu geben pflegen +(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im +Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen +Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese +Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Königsfelden wurde Ross und +Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rüstpferd lässt die +Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige +Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst. +Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen +Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des +Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig +der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar +darauf der Kapelle in Grünthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt +Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal, +1860, 6. + +Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich +in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wäldchen, das nach +einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhölzli heisst. Am +südlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt +dorten eine schöne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich +das Haar kämmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschädliche +Nachmittagslamm. Auch das Mütterlein ist freundlich, nur will sie in +ihrem Geschäfte nicht gestört und von den Vorübergehenden nicht etwa +ausgelacht sein, sonst setzt es für den Spötter gewiss einen +geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwärts heisst sie +nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strähl-Anneli, oder nach +ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mütterli, denn Heuel bezeichnet den +verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem +Liebreize nackter Jungfrauenschönheit, zieht einen Goldkamm durch die +Locken und lässt ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme +niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits +die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen +Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus +Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt +und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer, +Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmännin +gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschäfte gewidmet, die +Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst +der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun +zwar unsern ästhetischen Begriffen geradezu, eine so widerwärtige +Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schönheits- und +Liebesgöttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das +klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich +darüber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der +zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Römer ihre Bildsäule mit einem +Kamme in der Hand vorstellten, erzählt hiebei: Als einst die römischen +Frauen die Krätze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die +Kämme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen +die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsäule, +die den Kamm trug. + +Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt +schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr +beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mädchen das +schöne Haupthaar und zugleich den schönen Schatz. Am 1. September, als +dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden, +deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends +katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um +Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein +neues vor Krankheit geschützt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener +Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Köpfen ihrer Kinder eine +gründliche Wäsche abhält, dem jüngsten Mädchen wird der erste Zopf +geflochten; das behütet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs. +Hält sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim: + + Chind, bis ietz still und fîn, + oder es chunnt Frau Vrin, + die het ne grosse Striegel + und zert di kech am Riegel. + +Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist +also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die +lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm +behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei +weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei +nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden +solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein: + + Ach mî liebi Jumpfere Vre', + gsehst, i ha kes Schätzeli meh, + strähl und wäsch mi doch au nett, + dass mî Hansli Freud ab mer het! + +Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen +"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen +Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 +folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks +Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der +Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal: + + Frene, Frene, dorra weg! + +In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende, +geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des +weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende +Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt. +Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit +schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil +es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so +übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es +im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell +als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu +entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das +Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine +heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in +der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt +geworden. + +Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas, +wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen +gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur +demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke +(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und +zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin +bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie +denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um +unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und +Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde +man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie +nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird +sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm +(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon +die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst, +lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des +Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte +anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom +fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten +stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass +ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während +Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im +fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert; +ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in +der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern, +der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch +Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich +dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von +Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und +rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der +bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die +rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 +Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena). +Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage +in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des +Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern +Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist +stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, +Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und +staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258. +Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte +Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des +Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen +Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher +verwandelt hat. + +Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl. +Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern, +zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am +südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im +ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des +Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend +gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen +Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die +Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen +einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen +heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in +ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. +Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen +breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für +immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee, +es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich +über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste +einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte +auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten +grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach: +"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten +gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite +Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in +der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern +eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt. + +Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit +alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm, +Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach +einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch. +Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener +Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie +werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen +kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den +Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte +Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst +von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli. + +So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit +zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen +lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte, +Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel, +die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel +hervor bohrt--verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh +angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte +die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen +besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der +demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die +der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des +Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der +jenseitigen Thalwand eindrückt. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger +Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken, +Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am +Schwarzwald, ob Laufenburg. + + * * * * * + + + +Vierter Abschnitt. + +Verena als Frau Venus. + +Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des +Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und +Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt +auf den ursprünglichen Mythus. + +Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen +Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf +dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt. +Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in +Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und +an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240 +veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C., +und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres +Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen. +Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon +von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche +Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit +aufgeführt. + + Tannhäuser war ein junges Bluet, + Der wot gross Wunder gschaue,[8] + Gieng auf Frau Vrenelis Berg + Zu selbige schöne Jungfraue. + + Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho, + Chlopft er an a d'Pforte: + Frau Vrene, wend er mi inne loh, + Will halte eu'e Orde! + + "Tannhäuser, i will der mi Gspile ge + Zu-m-ene ehliche Wib."[9] + Diner Gspilinne begehr ich nit, + Min Leben ist mer z'lieb. + + Diner Gspilinne darf i nüt, + Es ist mir gar hoch verbotte, + Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet + Und drunter wie Schlangen und Chrotte. + + Tannhauser sass am Figebaum, + Drunter er war entschlafe. + Es chunt em für i sinem Traum, + Er müess uf Rom wallfahrte.[11] + + Wo er in d'Stadt Rom inne chunt + Wohl unters höchsti Thor, + Frogt er dem oberste Priester noh, + Wo in der Stadt Rom wär. + + Wo er i d'Chille ie chunt, + Vor'm Pobst thet er sich gneige: + Gott grüeze eure Heilige, Pobst, + Mine Sünd will i eu azeige. + + Der Pobst het do en düere-düere Stab, + Vo Dürri war er gspalte: + "So wenig de Stab meh z'grüene chunt, + So wenig magst du Ablass erhalte."[12] + + Und wenn i nümme z'Gnade chum + Und nümme mag werde bihalte, + So gohn i uf Frau Vrenis Berg + Und leben bîn ihr im Walde. + + Es goht nit meh als dritthalb Tag, + So fieng der Stab a z'gruene, + Er treit es Laub so grüen wie Gras, + Darzue drei schöni Blueme.[10] + + De Pobst schickt sine Botten us, + Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre; + Er schickt sie us in alli Land, + Der Tannhuser blibt verfahre. + + Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg, + Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse + Tannhuser soll do usse cho, + Sine Sünde eigen ehm nochg'losse! + + "Zun-ech usse cho, das chan i nit, + Do muess i bliben inne. + Muess bliben bis am Jüngste Tag, + Dä gohts mer erst, wies cha und mag!" + + Tannhuser sitzet am steinige Tisch, + Der Bart wachst ihm drum umme, + Und wenn er drümal ummen isch, + So wird der Jüngst Tag bald chumme. + Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot, + Öb der Bart es drittmol umme goht + Und der Jüngsti Tag well chumme. + +Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen +südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und +wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen +Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes +Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter +Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich +bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und +wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten +"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler +histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der +Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses +Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm +(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene +die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither +weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt. + +Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von +Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr +vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres +berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber +empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen +Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach. +Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine +Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte +hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst +die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine +Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt +durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des +Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her, +die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh +und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den +Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag +und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein +lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die +Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind +einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der +Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei +allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die +verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger, +hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter +(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg. +Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu +grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht +mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um +den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit +ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine +Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur +Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich +mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein +paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der +letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es +war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und +hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da +von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, +durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, +brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch +folgenden Reim: + + Frû Frîen + wolle geren frîen + un konne keinen krien, + da feng se an de schrîen. + +Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen +Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren +verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no. +12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in +dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre +Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl +die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen +Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist +die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa, +domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven +Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und +Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. +414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der +Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben +Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altsächs. +frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: +pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch +sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber; +"de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es +luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate +übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname +Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht +durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit +priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus +Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs, +norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das +an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, +dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und +Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins +Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung +war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre +Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander +gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems +gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und +Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die +mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet, +hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube +eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist +die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen +ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, +zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So +urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30. + +Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angeführten Namen +der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und +Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen +einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des +schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im +Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in +denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast +der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur +dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und +Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von +der Omeiss 36, lässt die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fünfzig +Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum +gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628 +regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der +Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit +_Kröten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner +Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede +selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt: + + Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet + Und drunter wie Schlangen und Chrotte. + +Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen +Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen +Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier +Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte +angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. +Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder +Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das +Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei, +Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt +(ed. K. Gödeke, S. 151): + + zuo Basel in der Malentz gassen + do hat sich fraw Venus nider glassen. + +Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden +Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach +begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der +ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an +einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen +ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden. +An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der +ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen +fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne +Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten +Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der +Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt, +erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen +Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, +gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres +erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte. +Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen +"Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter +die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst. +So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden. + +Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch nicht +aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und Kaiser Friedrichs +hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen +Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die +andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd +Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem +latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern +aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des +Neumonds begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum +entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die Zurzacher Dult +schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie +hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich +zusammenhieng. Kirchen und Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht +verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die +Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname +Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines örtlichen +Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzügen +besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzüge gehen von einer +Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des +Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe +der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint +liegt. + +Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche häute +Venus heissen, ist ursprünglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei +unserem gegenwärtigen Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie +hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt +hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim Dorfe Eib an +der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge +auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort +Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er +bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das +Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb +Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt +die Venus vor einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums 1860, +88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst +urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein +Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. +Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar +führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein, +Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmöglich alle dem Latein +abgesehen sein können, empfand schon Fischart, der in seiner +Uebersetzung von Bodinus Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei +Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt +und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede +den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem +abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem +romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, +bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform +Feenesleute, wie die Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 +heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort, +Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins +Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch +Fayer, gälisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des +Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und +Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als +Feen dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass sie +Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört jedoch der Name +des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesänger, gestorben um 1196; dessen +Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande +gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, +ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der +örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg. + +Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die +Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch +die Kirche zur Patronin der Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur +Mutter der Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen +Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit denen sie im +Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem schattigen Lusthain +(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklärlich Tannhauser. Auf den +bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesänger Tannhuser (gestorben um +1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes +Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht +geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn auch unter +anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefür +giebt Grimm Myth. 888. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[8] Uhland C. + +[9] Uhland A. + +[10] Uhland B. + +[11] Nach Uhland C. + +[12] Uhland A. + + * * * * * + + + + +III. + +Gertrud mit der Maus, + +die Allerseelenherrin. + + * * * * * + + +Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den heidnischen Namen einer +germanischen Walküre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr +bezeichnet sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda +genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das +altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib, +virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe +niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schläfer +auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, +bezeichnet. Der Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen +Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten Walküre +entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon +Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen Frauen genannt; ebendaselbst +eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen +Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah, +verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud +bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen, +dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 übersetzt trutari +mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das +Geschäft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu +müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden spinnende +Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen +Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den +Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem +Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben +genannten Göttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des +Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die +Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den +Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit +Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird +Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die +nächtlich wühlende Maus, kündet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die +Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge +dessen versöhnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man +die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen Mäuschen bäckt. + +Dies ist der äusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt. + +Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre älteste +Legende in vielfältigen Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden +sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger +unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in Nivelles, +zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS. +sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, +zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. +Gemahlin Ita um 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als +erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, +gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, erzählt, dass +Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach +Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten +Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben +geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser Angabe hinzu, +dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen +desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl. +Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man +dorten die Klostergründungen und Vergabungen zu Karleburg und zu +Neustadt am Main beilegt, ja man führt daselbst noch eine dritte hl. +Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und +nachmalige Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von +dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen +frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und dass man aus eben +dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grösste deutsche +Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche +Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens +bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im +Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert +angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der +Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine +Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so +die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit +den frühesten Anfängen des Christenthums in Deutschland zusammen. + +Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei +zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet +wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, +25. In holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den +Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die +Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin +der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne" +trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434. +Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trägt +Gertrudens hölzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. +Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab, +der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des +Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an +welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen +eingewoben, zwei, Weihrauchfässer schwingende Engel umschweben sie. +Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der +Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag, +durch zwei Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit +correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbüchlein (edd. +Strobel) lautet: + + so kumet die liebe sant Geretrud, + die so entschlief in gottes willen, + und stulen die ratten und miuse ir spillen + und trugen sie in ir miuseloch. + +Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger Münster gewesen, auf das +sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Könighovens Chronik 571 beruft, +war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, +umschwommen von Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden +in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der +Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; für jetzt seien die +landwirtschaftlichen und bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, +die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen. + +Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich knüpfenden +Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der +Winter, und mit dem 17. März der Frühling beginnen soll, so ziehen mit +dem letzteren Termin die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei +Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud +lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft +die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2, +71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es +beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste +Gärtnerin verehrt ist. Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren +Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende +Sprüche; + + Sünte Katherin + smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn. + Sünte Gerderut + tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.) + + Sankt Gertraud + führt die Kuh ins Kraut, + das Ross zum Zug, + die Bienen zum Flug. + + Gerdrut + geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.) + + Sant Gertrud + Säit Zibelä und Chrût. (Schweizerisch.) + +Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln, +wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im +Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der +Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. +Merzafülli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fällt auf 17. März und die +Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen +guten Frühling. + +Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzählt von ihm +folgendes Märchen, enthalten in Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, +no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer +brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf +Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats übers +Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und füllte das ganze +Geschirr. Dieser Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten +male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grösse, +und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr +müsset ohne Almosen gehen, all mein Gebäcke wird zu gross für euch! Zur +Strafe verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch +ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum +Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie nach Futter in die +Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth. +3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorüber, wo frisches +Brod duftete, und sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu +erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren +sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafür sind diese +zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber +ist zum Kukuk geworden. In Prätorius Weltbeschreibung und darnach in +Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur +theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott +den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen: +Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen Raubvogel verwandelt, der +unaufhörlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt +hierüber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe +ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafür, +als man auf des Kindes flache Hand hinzählen könne. Das Büblein gieng +darauf ein und machte sein hingestrecktes Händchen immer hohler und +schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden +wollte, noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen, +so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf +Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78. + +So wird hier der Specht, ursprünglich ein nahrungsspendender Bote +Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und +geht in die Gestalt des gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über. +Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwünschter +Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies +besagen die nachfolgenden Kindersprüche: + +Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk, +Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em dürre +Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis +acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf ertönt, +heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod, +franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschöl +cucu (Butterbrod), und weil seine säuerlichen Blättchen von den Kindern +genascht werden, auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das +Brod, 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen +Guggichbrödle. + +Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und +Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter +Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und Speckwähen +benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange +seinen Ruf ertönen lässt, als die Brütezeit dauert und er die Eier +andrer Vögel aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die Reife +der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier für +buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme +verfällt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn +erregten Theuerung knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen +und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die +oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem +Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er +soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in +welches jene Beckerin mit ihren Töchtern verwandelt ist; das ist bis +Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne +abwärts gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts gönd, schlôt 's ûf. Hält +der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen +Opfer er selber zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch: + + Am achten des Aprils, + da soll der Kukuk kommen; + Kommt er am achten nicht, + so ist er todt oder gefangen. + Kommt er am zehnten nicht, + so hängt er gefangen im Zaun. + Und kommt er am zwanzigsten nicht, + so ist er gefangen im Korn; + Und kommt er am dreissigsten nicht, + so ass ihn der Hirt mit Polenta. + +Weil mit des Kukuks zeitgemässem Erscheinen zugleich der Anbau in der +ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwäbisch Mundingen +Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und +daraus erklärt sich vollständig der Schwabenstreich des Städtchens +Haiterbach, welches gegen die verspätete Ankunft des Vogels +Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch +bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grüene Haber schnelle +(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in +Zürich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhäusern zu nahe, eine +Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Vögeln LXXI). Hält er den +richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um +Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis +in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu, +in Meiers Kinderreim. no. 87: + + Schrei sie mir in Deckelkräbe + Wie viel Jahr darf ich noch lebe? + +Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und +Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer +verkündendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag +4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f. +Myth. 3, 222): + + Kukuk, Kukuk, Gerderut: + stäck dîne vêr Hörns herut! + +Um so besser stehts um das berufende Kind, je pünktlicher ihm die +Schnecke ihre vier Fühler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in +die Fühler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Göthes Lied +Frühlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April +gehörten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und +der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass +man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung +ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westfälisch der +Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht +man: + + Gugguger im Sessel, + Gieb mir dein Geld zu lesen, + Will dein Geld dir wieder geben, + Sag, wie viel Jahr thu ich leben? + +Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers +Thüring. Sag. no. 9 kommt in den Zwölften unter wunderbarem, weit +vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die +Gestalt einer gewöhnlichen Taube hat, aber an ihren Füsschen ein kleines +Schilfstühlchen mitträgt, das sie, wenn sie müde wird, auf den Boden +stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berührt die Erde nie, wo sie +aber das Stühlchen hinsetzt, da grünt und blüht es im folgenden Sommer +am schönsten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreikönigtages wird die +Taube wieder zur Frau. Hier ist der Frühlingsbote, Kukuk oder Taube, die +ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Göttermutter, +die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem +goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Frühlingsgöttin steht Freyja-Frigg +der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai +Vrymänd. Compte rendu, Bruxelles 1843. + +VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243. + +Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen: + + Gugger uf em grüene Ast, + Du, mi liebe, schüeche Gast: + Gugg mer doch, bis au so guet, + Wie mängis Jahr no han i z'guet? + +Wer während dem ungerades Geld bei sich trägt und auf den Sack schlägt, +dem geht es das Jahr über nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der +Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar +also reden lässt: + + Hans ghört di z'erst, er gryft i Sack + u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!), + dass i kei Batze by mer ha, + jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!" + Un Aenni lost und fraglet di: + Wie mängs Jahr ächt no leben i? + +Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zürcher Chirurg +Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesägnen, Zürich 1646, 13: "Vnd da der +guckguck Fünffe herfür geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb +anders nichts, dann das sy noch fünff jahre zu leben hette. Sie fiel +aber bald in eine schwäre krankheit und da sie zum sterben sich +zuzerüsten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck +hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem +letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie +jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fünft finger auff, +andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fünff jahr zu leben +habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!" + +Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der +hört auch den Kukuk nicht mehr; was man verwünschen will, das soll des +Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende +Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache +bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der +Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem +Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet +daher auf den hölzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke +abgebildet, als Angehörige um einen Todten trauern, und von einem +Serbenmädchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzählt, dass es nie +mehr habe den Kukuksruf hören können, ohne nicht in heftiges Weinen +auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus. +317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos +Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim +Frühlingsbade ertrunken, im nächsten Frühjahre: + + Aelter wird mein Ellenbogen, + Schwächer wird mein Handgelenke, + Ja, der ganze Körper zittert, + Wenn des Kukuks Ruf ich höre! + +Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ältesten +Mythus überein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein +verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem +transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech. +und römische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und +eine Säule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus +der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altrömischer Mythe +die ausgesetzten Zwillingssöhne des Mars, Romulus und Remus, aufgeässt +und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein +Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berühmte +Springwurzel, vor welcher die Thüren der Schatzkammern und Gefängnisse +aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu +füttern, lässt er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes +Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vögel +Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den +Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab +weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlösendem +Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in +Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens, +der spähende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart), +welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thätigkeit in Ostfranken, und +so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel. + +Wie diese eben beschriebnen Frühlingsthiere, weil sie dämonische sind, +aus Glücksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht +dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die +Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich +da entweder in gute oder in böse Elbe zu verwandeln; als solche +erscheinen sie hierauf wieder als schädigende oder als bescherende +Mäuse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir +nunmehr in Ausführung. + +Wie Holda-Berchta die unmündig Verstorbenen, und Valfreyja die in der +Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach älterem Kirchenglauben +die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu +nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm +Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc +prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum +archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea. +Erweitert findet sich dieser merkwürdige Glaubenszug in Nik. Gryse's +niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und +Kräuterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem +Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S. +Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der +groten Stede gebuwet syn; und darnâ moth se uouer dat Leuuer-Meer. +Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin +schon erwähnten Münstergemälde dargestellt, das den Bischof Wilderolf +und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos +Mäusethurm zum Rheinstrom. Hievon später. Gertrudens Kirche und die von +den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der +Nürnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof, +an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe +verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe +und auch Gertraud überlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem +letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor +Tag in die Frühmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der +unheimliche Eindruck, als wären statt der Gemeinde und Geistlichkeit +lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem +Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter +klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin +Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie +ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins +Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar +gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schöppner, Sagb. no. 1147. +Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nürnberger Patrizierin +geworden, welche über das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist, +allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die +Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walküre +liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde +Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die +Abgeschiedenen die Gestalt von Mäusen annehmen. + +Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als +Weisse Maus. Müller-Schambach, Niedersächs. Sag. S. 269; dazu ebendas. +no. 7. 264. Lübecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche +abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein +Weib gewesen, die über dem Wunsche, niemals zu sterben, zu +mehrhundertjährigem Alter kam, zur Grösse einer Maus zusammenschrumpfte +und unter einem Glaskästchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde. +Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen +Seher Tiresias, der fünf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und +nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork, +Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Göthe'schen Faust schildert das +plötzliche Ende der gespenstischen Tänzerin: "Mitten im Gesange sprang +ein weisses Mäuschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden +sich folgende Sätze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser +drei weisse Mäuse fängt und tödtet, so kommt er in die Hölle. Wer eine +weisse Maus quält, dem fressen die übrigen das Korn von der Schütte. Vor +der französ. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau, +wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwölf weisse +Mäuse zu erblicken, die man für zwölf verwünschte Rathsherren hielt; so +erzählt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Däniken.--Weisse +Mäuse, berichtet V. Grohman über Böhmen, geniessen in diesem Lande eine +Art religiöser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den +Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glück des +Hauses sterbe. Ein Nest weisser Mäuse zu finden ist nur Sache eines +Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezüchtet, und +lässt man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schüttet da das +Getreide um die Hälfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der führt +den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn, +von dessen Ausfall man träumt, um so näher verwandt der Freund, dessen +Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen +Mäuse in einem ähnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte +einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Mäuschen bis ins Herz +hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der +niederd. Pfarrer Männling in seinen Curiositäten, Frkf. 1713: "Ists +nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lässt, die Seele des +Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde +heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Mäuse +auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen. + +Einer thüringer Magd, die in der Gesindestube über der Arbeit +entschlafen ist, kommt ein _rothes Mäuschen_ zum Munde heraus und geht +durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmädchen +rüttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu können. +Das Mäuschen kehrte hierauf zurück, suchte hin und her nach der vorigen +Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte +die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335. +In Gestalt eines _weissen Mäuschens_ kommt der Alb durchs Schlüsselloch +ins Schlafzimmer und drückt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich +schon ein Tuch über die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es +nun, da sie ihn stöhnen hört, an den vier Enden zusammen, thuts in die +Schublade der Kommode und lässt den Schlüssel dran stecken. In derselben +Stunde war im Nachbarorte ein Mädchen plötzlich gestorben und sollte +nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit +dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufällig den +Schlüssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich +schlupfte ein weisses Mäuschen durchs Schlüsselloch und lief zur Thür +hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen +wollen, als ein Mäuschen zur Thüre herein und in den Mund der Leiche +gelaufen kam, diese öffnete die Augen und gehörte wieder dem Leben an. +Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thüring. Sag. +no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen +geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das +Schlüsselloch der Kammerthüre verstopft, so sieht er statt der Maus ein +wunderschönes Mädchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no. +96. Kuhn, Westfäl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem +Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus +seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten +Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurück. Alsdann wachte +der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen +Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn +sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die +Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Pröhle, +Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der +Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich +einer Wiesel, aus seinem Munde dem nächsten Bächlein zugelaufen und will +hinüber. Der zuschauende Knecht legt sein entblösstes Schwert wie eine +Brücke über den Graben, das Thierlein geht darüber hin und verschwindet. +Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige +Brücke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert +weggethan. Also brückte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herüber, +näherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein. +Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe +begegnet, antwortete er: Mir träumte, ich wäre gar müd und hellig von +wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste +ich zweimal über eine eiserne Brücke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als +Wiesel fährt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess. +Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von +Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenkönig Guntram, dessen +Seele in eines Schlängleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt, +auf einem Schwerte den Bach überschleicht, in einen Berg schlieft und +rückkehrend über die nämliche Schwertbrücke in den Mund des Königs +zurück geht. Der Erwachende erzählt, vom grossen Flusse mit Eisenbrücken +geträumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben. +Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige ähnliche Sagen aus +Böhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende +Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflügelter. Aus +dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no. +408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031, +und Vonbun, Beiträge 2, 83. So viel von den Mäusen als ausfahrenden und +umwandernden Menschenseelen. Sind die Mäuse damit Geister, so können sie +sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschützen und +den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen überhaupt den +Völkern allgemein zum Omen. Das Gleichgültigere sei hier wiederum +vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzuführen. Unser +übelverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, holländ. +morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause +auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Träumt man von Mäusen, so wird +es nächstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand, +so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den +Schläfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt +dieser bald. Verlassen sämmtliche Mäuse mit einem Male das Haus, so ist +dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Müs, wenig Lüt. Salom. +Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus: + + Der Aberglaube redt re noh, + (Me cha zwar uf das G'schwätz nid goh, + Glaubt' i's, i müesst mi schäme): + Verlöi die Fründi d'Wohnig ganz, + Geb's i dem Hus en andre Tanz, + Das heisst, es g'hei bald z'säme. + +Mäuse verkündeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die +Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als +sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8, +82. Als die Philistäer die Bundeslade geraubt und in Dagons Götzentempel +aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre +Felder mit dem Mäusefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77, +66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurück und +übersandten dazu in einem Kästlein als Sühnkleinode fünf goldne Mäuse +und fünf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage +heimgesucht gewesnen philistäischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4. +Aehnliche Sühnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der +Priesterkönig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafür eine +Bildsäule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141. +Vergoldete Aehren und goldne Mäuse wurden der phönizischen Ceres zum +Sühnopfer gebracht. Welcker, Griech. Götterl. 1, 484. Im kretensischen +und im äolischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine +Feldmaus, Münzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus +dar, sowie auch eine Münze von Metapont die sechszeilige Gerstenähre +zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer, +Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen +dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trägt die Maus auf dem +Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl. +Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die +Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Mäusefrass geknüpft, und die +agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte +Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Mäuse +vertilgen. Dieselbe Abhülfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud +gewährt, welche, indem sie die Mäuseplage aufhebt, zugleich die Seuchen +abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu +baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die +Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehört die allbekannte +Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der +magischen Pfeife knüpft, mit deren Tone die Mäuse vertrieben werden, und +hiervon noch später bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen +Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner +Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten +Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzählt. +Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Mäuse und +Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem +fremden Mann überein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen +Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor +und sowie er darauf spielte, kamen die Mäuse aus den Hauswinkeln, +Dächern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er +trat sein Kleid aufschürzend in den Strom, die Thiere ihm nach und +ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn. +Allein die Bürger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am +folgenden Mittag wieder, diesmal in Jägertracht, sein Hut war +purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Länge, und nun spielte er +eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm +binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum +zwölften Altersjahre, die führte er, 130 an der Zahl, in eine Höhle des +vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem +wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit +unter der Erde fort his nach Siebenbürgen und dorten erst wieder ans +Licht geführt; denn seitdem spricht man in diesem Lande +niedersächsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die +Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen +Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafür +vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Mäuseheere +wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf +seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee, +und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben +verloren. + +Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis +lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mönch Angionini mit dem Erbieten +erschien, den Ort von seinen Ratten und Mäusen zu befreien. Er lockte +alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den +versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle +Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gänse, um ihn +sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die +Uebereinstimmung dieser Erzählungen lehrt, dass die Mäuse, weil sie +Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit +hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frühling den +Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182); +wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende +Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du +singst mir alle Mäuse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit +singenden Kinde. Zur Vertreibung der Mäuse bedient man sich folgenden +Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein +Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man +hängt dem gefangnen Thiere ein Glöckchen an und lässt es laufen; es +springt aus dem Hause und alle übrigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d. +Mäuse, S. 26. Abergl. aus Böhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die +Pfeifchen im Schweife der hölzernen Spielrösschen und die thönernen, die +man an der Stelle des Schwänzleins in die Erntenudel der gebacknen +Mäuschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt +die Umschrift an der grossen Abteiglocke in würtembergisch Weingärten; +die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten +(Kloster Weingarten, 1857, 48): + + Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich. + +Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in +seinem Thurm zu Bingen von den Mäusen bei lebendigem Leibe gefressen +wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer +Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und +der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhöhnte: Höret, wie meine Mäuse +pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen +wird nebst der eben berührten Sage von Trithemius in der Hirsauer +Chronik 1, 116 erzählt und zur Unterstützung dieser Begebenheit, wie es +scheint, dorten S. 140 ein ähnlicher Fall vom J. 995 hinzugefügt über +einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am +thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Güttingen soll sich +desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Mäusen +aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es +haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3, +307), und jüngsthin besonders ausführlich Grohmann (Apollo Smintheus, S. +78 ff.) über diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der +Erklärung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein +zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Mäuseplage und +damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorräthe besorgte +Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit +Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt +der Mäuse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt. +Mäuse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder +Seuchenzeit einstellen. Das Brüderpaar, das sich vor der Pest auf den +Irchelberg flüchtet, erwürgt sich da in der Hungersnoth um einer +gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur +Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende +Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Mäuse gehext habe. +Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher +gebräuchliche Phrase: Mach mir keine Mäuse. "Die Festung macht Mäuse und +will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Göthes Bürgergeneral, 9. +Auftritt. + +Die den Körper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele +hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern über +die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend: + + Kommt ein Mäuschen, + will ins Häuschen, + da 'nein, da 'nein! + +Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu +sein, den Mäusen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse, +welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schädigung der +Lutmäuse beim Amte Glurns anhängig machte, erhielten beide Parteien +ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Männern besetzt, +für Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehört und der Beschluss +lautete: Die Lutmäuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich +gänzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und +jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wäre, +oder Jugend halber nicht fortkommen möchte, dieselben sollen ein +weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no. +708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540, +welches die Mäuse als Saatenverwüster anklagen und verurtheilen liess; +der Mäuse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanäus, nachmaliger Präsident des +Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch +nicht dreimal vorgeladen und könnten, so lange die Strassen durch Hunde +und Katzen unsicher seien; füglich auch nicht erscheinen. Diebolt, +Histor. Welt, 1715, S. 1117. + +Von hier aus übergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern, +findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknüpften +volksmedizinischen Bräuche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein +Opfer hinausläuft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den +Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafür von der Maus einen neuen, +dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt +wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Mäuschen, da +hast du einen hölzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In +Schlesien: Mäusel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein +Steindel.--Mäuschen, ich geb dir einen knöchernen Zahn, gieb du mir +einen eisernen. Kuhn, Westfäl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es +(Alemann. Kinderl. S. 338): + + Müsli, Müsli, nimm de Zah, + gim-mer en schöne goldige dra, + frei en schöne wîsse, + ass ech's Brod cha bîsse. + +Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht +selber verschluckt, hoch gegen Himmel: + + Seh, liebe Herrgett, en Zah! + Gieb mer wider en andre dra.-- + +In Würtemberg wirft es ihn über sich und spricht beim Schneidezahn: + + Se, Mäusle, has du dean Za, + sez mer derfür en andra na! + +Beim Mahlzahn heisst es: + + Wolf, Wolf, da has en Za, + gi mer derfür no koen Biberza! + +Birlinger, Schwäb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwäbisch Name des +wälschen Hahns (Birlinger, Schwäb. Wörtb. 61) und bedeutet hier: lass +mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein +altarabischer Spruch in Rückerts Morgenländ. Sagen 2, 264 opfert den +Schichtzahn gleichfalls der Sonne: + + Liebes Kind, nimm deinen Zahn, + Der dir ausgefallen, + Wirf ihn zu der Sonn' hinan, + Sprich mit frohem Lallen: + Gieb mir einen bessern dran! + Und du wirst von allen + Neuen Zähnen keinen Zahn + Schwarz und schief und stumpf empfahn, + Sondern jeden wohlgethan. + Kind, so lehrt' es mich dein Ahn. + +Dem Sonnengotte Freyr ward von den Göttern die Sonne, Lichtalfenheim, +zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine +Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in +Süddeutschland Wölfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszähne werden +dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rücksicht +auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr +zum Opfer fällt. + +In Hahns Griechisch-albanes. Märchen no. 10 und 101 lässt sich die +Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen +silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das +Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn +wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst +anderen dahin einschlägigen Bräuchen des Alterthums im eben genannten +Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der +hellfunkelnde, unverwüstliche Zahn des im Boden oder in Höhlen wohnenden +Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine +Zähne in den Boden säet; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die +Zähne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen +erwachsen die Stammväter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft +man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn +heisst in Süddeutschland Wölfle, und wölfen ist zahnen: Aus Wolfs- und +Rosszähnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst +umhieng, und selbst unter den Fundstücken, die man seit 1857 aus den +Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zähne des Bären und +Wolfes, durchbohrt, um an Schnüren als Amulette getragen zu werden. +Zürch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz +bei Plinius überein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzähne werden +zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermüdung +angehängt, ausgerissene Maulwurfszähne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus +Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte +Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken. +Höchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von +welchem die älteste und die neueste Zeit zu erzählen hat. Das +Pönitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale +Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu +stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen +habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das +Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern, +darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den +Bischöfen aufgetragen, bei der jährlichen Kirchenvisitation strenge +Nachforschung hierüber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die +Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel +gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden +muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von +Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter +Analyse aus pulverisirten Mäusen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die +uns persönlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnässer seien +dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu +trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten, +dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht +verhalten können, gepulverte Mäuse unter der Speise zu essen verordnet; +denn diese Heilmethode gründet sich auf ein blosses Wortspiel und steht +nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen, +dämonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit +Gleichem zu vertreiben, schlägt nemlich Plinius vor, die Muskelschwäche +am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da +latein. musculus beides ist, Muskel und Mäuslein. Die deutsche Medicin +nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran +geknüpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprünglich unter dem +Einflusse der wälschen Universitäten zu Padua und Montpellier stand. +Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie +des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt +daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wörtlich nach: "Das +Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Mäusslin, so umb den Hals der +Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht +mehr gehorchen kann." Die späteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck +und pflanzen den daran geknüpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt +durch die müssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der +Zürcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zürich 1554, Blatt 126b; +Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45: +"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib +auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein." + +Ein ähnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwörterb. 3, 125, der +schon vorhin erwähnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die +dorten enthaltenen Stichwörter Pestbeule und Maus im Hebräischen +stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwür bedeutet. + +Der Name Maus, sanskrit mûscha, abgeleitet von der Wurzel mûsch, +stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch +Yajnavalkya III, 214 (übers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus +wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstände sind, +so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behält diesen +Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen. +Quasi mures semper edimus alienum cibum, lässt Plautus in den Gefangenen +den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555, +sagt das Vorwort: + + Mein frischgebachen brot + muoss leiden vil der not + von hunden vnd von katzen, + von meusen vnd von ratzen, + zerhülchen's, schliefen drein, + wolt, sie schwimmen im Rhein! + +Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ältester Zeit +für bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest, +durch die man dem schädlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen +glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in +deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in +unseren Fasnachts- und Erntebräuchen. Man darf um Weihnachten und +Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben +in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren +Umzug hält, nicht spinnen, sonst zerzausen die Mäuse den Flachs. Das +Mäuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von +den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das +Mäuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen +die Mäuse (Aargau). Man darf alsdann die Mäuse auch nicht bereden, sonst +stehlen sie das Korn von der Schütte. Anstatt Maus sagt man dann (nach +Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bönlöper, Scheunenbodenläufer, in Dänemark +Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch +so fest, dass der dänische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774) +während der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur +Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die +Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel übrig bleibt, +schüttet man gegen die Kornmäuse in die Mauslöcher. H.L. Fischer, Buch +v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bäckt man die +Fasnachtsküchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit +ihr dem wühlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das +Gedeihen der künftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt +in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der +gebacknen Mäuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafür hat es theils +bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbänder für die Garben +der Ernte vorauszuflechten; da die Mäuse dieser Nachtarbeit nicht mit +zusehen können, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben, +jedoch vermehren sich die Mäuse, wenn man ihnen über dieser Arbeit +flucht. Bavaria 2, 300. + +Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach +unten gekehrt in die Tenne; dies gehört den Mäusen, die hiemit sich +begnügen und den Geizigen heimsuchen mögen. Die Beinchen vom +Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, +streut man gegen das Wühlen des Maulwurfs in dessen frische Gänge. +Grohmann, Böhm. Abgl. S. 58. In böhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz, +worin man die Fasnachtskrapfen bäckt, bis zur Ernte auf und salbt damit +die Räder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt +der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fährst du? Dieser antwortet: Die +Katze für die Mäuse. Alsdann werden keine Mäuse in die Scheune kommen. +Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schüttet man in die Scheunentenne +und spricht: Mäuschen, esst diese Bröckchen und lasset das Getreide in +Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in +die erste Scheunengarbe ein Käse gebunden und der sie Abladende fragt +den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, +erwiedert Jener, so wissen die Mäuse auch nicht, wo ich meine Gerste +hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt. +Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten +einführst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine +rechte Hand und sprich: + + Da leg ich dem Menschen das Brot + und allen Mäusen den bittern Tod." + +Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf +dass die Mäuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kräuterb. +3, S. 9a. + +Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in +Mausform gebackenen Zweckbrode. + +Mit erstem Frühlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Bäuerin junge +Salbeiblätter, wickelt sie in Eierteig und bäckt sie in Butter ab; +hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwänzchen aus der +Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit für den Marktverkauf gebackenen +grösseren Brodnudeln haben eben dieses Schwänzchen, doch ist es ein +thönernes, damit die Kinder darauf pfeifen können. Marx Rumpolts +Kochbuch von 1581, Bl. 167b wählt zur Einlage in dieses Mehlmäuslein die +Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blätter. Noch älter ist folgende +Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz +gebachen von Salvey. nim dür leutzbiren vnd mach sie schôn. seüd sie +weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd +deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch +bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, +zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt +von dieser Nudel: + + Bachen wir ein Küchelein, + Meuselein und Streubelein + Und trinken auch den kühlen Wein, + Kaku-kaka-nai, + Dass man fröhlich sei. + +In A. Corrodi's Zürcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst +es von der städtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel: + + Müsli, weischt, du kännsch es ja wol, sind gar nid z' verachte, + Wämmä de Zucker nid spart und wämmä cha gnueg devu esse. + +Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach +beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Müslinudel aufgestellt, aus +Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern +demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte +Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl +scherzweise der Maushüter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schätzt +man einen in Arras, Béthune und St. Quentin einheimischen +Käse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und +Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nürnberger Lorenzokirche mit einer +eignen Sage wird für eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schöppner, +Sagb. no. 641. + +Gertruds Name verräth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber +werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren +Erntebräuchen, besonders beim Heuschnitt erwähnt. In Schwaben sammelt +man am Himmelfahrtstage Mausöhrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hängt +es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern +wirft man Frauenschühlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung +des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen +und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt +Grimmen fährt in der Walburgisnacht ein mit vier Mäusen bespannter Wagen +umher, dessen Kutscher hahnenfüssig ist. Temme, Volksag. von Pommern +und Rügen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht +zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei +Köpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mütterleins, das +gebückt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kämmend sich +im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Köpenicker Flur +getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen +heran, von vier kleinen Mäusen gezogen. Kuhn, Märk. Sag. no. 111. Bei +Marne in Südditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel +mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nächtlich kommt dorten ein +Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Mäusen gezogen und vom +Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. +Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, +so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende +der Rhön- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen +Tochter gilt. In den gekräuselten Wellen der Mainströmung glaubt man +dorten nächtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21] +wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die +Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr +daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehängt, welche +Mütter zu werden wünschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen +und fördert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3. +Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und +sitzt an den ihr geweihten heilkräftigen Quellen. Zingerle, +Gertrudenminne S. 50. Schöppner, Bair. Sagb. n. 976. In der +Gertrudenkapelle zu Bamberg hörte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum +Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und +entgieng darüber dem Tode. Schöppner, no. 207. Während sie auf Schloss +Karleburg am Main einen Frauenconvent gründete, wurde ihrem Priester +Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. +Kilian unrühmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser +Nachricht misstraute, so liess ihn dafür der Heilige erblinden, stellte +ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen +Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign. +Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der +Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud +gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an +dessen Klösterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschöpft und +dürstend in der Einsamkeit stehen, als plötzlich ein Storch vor ihr +aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke +Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von +Unterfranken 13, 154. + +Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkömmlich, +weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu +trinken. + +Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Götter +und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmäussen feierlich +den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, +um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hälfte des +siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der +Bekehrung trank das unter christlicher Hülle fortlebende Heidenthum +"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth. +53 ff. hat darüber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. +an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im +Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne +getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt +auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne +(Wiener Jahrbücher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte +nur, noch für Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis); +Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein üblich +gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verräther +Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von +Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. +699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu +trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man für den Fall, dass der +Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurück kehre, sich eine _gute +Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste +Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese +Heilige aus einer Seelenherrin später eine Patronin der Reisenden. Das +Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form +eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der +weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern +jener weitesten, welche über den Todesstrom führt und unsern Ausdruck +Absegeln für Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenüberfahrt handelt +Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle +aus einer Einsiedler Handschrift angeführt: "wenn die menschen sterbend, +so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwähnte +Strassburger Kirchengemälde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die +Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer +des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen +Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stürmendes Meerungeheuer +verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als +sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffähnlichem +Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie +Freyja und ihre Walküren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in +Walhall ausgeübte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der +Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere +Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jüngeren +Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshäusern Hollands gewesen war; sie +trägt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der +Wirthsgäste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und +öfters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, +zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta +und Diewardis, die gleichfalls Dienstmädchen gewesen, in das Beginenhaus +zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd +eine Beata und Sancta genannt. + +Die in der Figur Gertruds enthaltenen Züge der Walküre sind ausser ihrem +schon anfangs erklärten mythischen Namen nachfolgende. + +Sie ist des von ihr erwählten Mannes schützender Gefolgsgeist, seine +Fylgja, lässt sich mit ihm in ein Ehebündniss ein, schützt ihn mit +Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den höllischen +Waffen, reitet für ihn ins Gefecht und hinterlässt ihm, wenn sie nach +dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz +und tüchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des +Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie +je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an +der Wiese vorbeigehendes Waldfräulein im Gespräche mit seinem Weibe +dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und +weinend musste sie hierauf Mann und Kinder für immer verlassen. +Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach: +So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser +gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfüllung gegangen. Panzer, +BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein ähnliches +Bündniss im Tone der Ritterzeit erzählt. Riddert von Berkhof hatte sich +dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen +Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen +Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von +Heppener entgegen, wo der Böse bereits seiner wartete; doch der Satan +konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl. +Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser +Vorfall war später in der Heppener Kirche künstlich gemalt zu sehen. +Mittelhochd. Dichtungen tragen ähnliches auf die hl. Maria über, die als +Schutzgeist eines Gefährdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache +deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder für den Schutzbefohlnen aufs +Turnier ziehen und in Gefechten mitkämpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert +daraus, dass Maria hier an die ursprüngliche Stelle der kriegerischen +Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Götterwagen mit +zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walküren +gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetümmel +mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu +deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde. + + * * * * * + +Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem +gallorömischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigürchen einer aus +Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hähnchens ausgegraben +und beides uns zu einem höchst schätzbaren Andenken übersendet. Der +Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an römischen +Alterthümern in der ganzen Rheinpfalz, hat jüngst auch zur Entdeckung +eines wohlerhaltnen Brennofens geführt; man erhob daselbst eherne +Legionsadler, Broncefigürchen, Meilensteine, Münzen aus dem 4. +Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz +gleiches Hähnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch +dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der +Regenerationskraft. Die Maus trägt eine Schelle um den Hals gebunden; +denn nach Apollodor (Fragmente) wurde für Sterbende Erz an einander +geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Könige unter Glockenton zu +Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der +Macht der Dämonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkündet das Krähen des +Hahnes das Licht des neuen Tages. + +Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn. +Hermann Brunnhofer aus Oxford überbracht worden. Die Figur ist aus +ungesäuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus +der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigürchen auf den dortigen +Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen +bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thür- und Kamingesimse, finden +aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen. + + * * * * * + +FUSSNOTEN: + +[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein +Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zähne +nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvölker 4, 165. + +[14] Firmenich, Völkerstimm. 3, 112. + +[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340. + +[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340. + +[17] Curtze, Waldecker Volksüberlief. S. 285. + +[18] Alemann. Kinderlied. + +[19] Harun al Raschid träumte, alle seine Zähne seien ihm ausgefallen; +der Traumdeuter erklärte dies dahin, der Monarch werde alle seine +Verwandten überleben. Rosenöl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das +Wahrzeichen der indischen Todesgöttin Kali ist der schwarze Zahn, der +alles benagende Zahn der Zeit. + +[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei +Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. März der hl. König Guntram +abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Bächlein. Ueber +dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde +gekommene Maus läuft darüber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit +offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram +an, weil er seine Schätze den Armen geschenkt und dafür einen ihm von +Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe. + +[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl. +Elisabeth von Thüringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in +Preussen, überschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer +Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die +Messe nach Kulm kommen zu können. Noch lange nach ihrem Tode war ihre +Fussspur in jenem Gewässer wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine +Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nächten auf den Wellen +der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Königin +Berta zurückgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Sämmtliches erinnert an Homers +silberfüssige Thetis und goldenfüssige Hera. + + * * * * * + + + + +Nachträge. + + +[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den +Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat +ihre neueste Vervollständigung gefunden durch die drei Bildergruppen +eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im +Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen +die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Männer dar. Aus +einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um +Haupt und Lenden Epheukränze tragend, jeder auf einem phantastischen +adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus +reitet der Maikönig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem +Ornamente der drei stumpfen Blätter, über welche sein Hirschgeweih +emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die +Hüfte trägt er einen Gürtel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit +Pfeil und Speer Rosen in die gegenüberliegende Burg. Ihre Absicht steht +auf den sie umgebenden Spruchbändern zu lesen. + + Wol vf alle mine wilden man, + wir wellent festen und buirge han. + + Schiessen alle, nieman lôss abe + an büte gewinnen, will einer habe. + +Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den +Sommerreitern her eilender Jüngling mit herbei getragnen Brettern zu +überbrücken strebt. Von den Zinnen herab kämpfen fünf dicht in +Wollenfliesse gekleidete Männer, die Winterkönige; denn auch sie tragen +Kronen wie der Maikönig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr +Burgwart am Söller stösst ins Rom; das Spruchband über ihnen besagt: + + Vnser vesten, die ist wol behuot + mit gilgen, klewen, rosenbuot. + +Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen +Frühlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in +welchem die Maikönigin bereits Platz genommen hat. Auch sie trägt die +offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch +gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei +Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten +Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_ +abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen +alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss +hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels +agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnäbelte +Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im +Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls +das dreifache Blätterornament zeigt. Im Luft hängt ein kurzes krummes +Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze, +mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zügel +seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen +arabeskenhaft umrankt. + +[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die +Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem +Eisensärglein neben Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In +den von mir eröffneten und beschriebnen heidnischen Waldgräbern zu +Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des +Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer +Alterthümersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265. + +[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach +_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich +verrathende späte Entstehung dieses Gedichtes weiter bestätigt. Es +leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in +der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwähnten +römischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem +Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt +worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, +die oft citirte Inschrift aber längst als unecht erkannt worden. + +[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht, +gelten mancher Orten gleichmässig als weissagende Liebesboten. In +Deutschböhmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man +bald heiraten werde; der Specht hat es bestätigt, sagt man dann. +Grohmann, Abgl. S. 70. + + * * * * * + + + + +Wortregister. + + +Ankenbrüt. +Ankenschnittenprozession. +Ara, Aarefluss bei Solothurn. +arbaiz, Erbsen. +Aufburg bei Zurzach, röm. Castrum. + +Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwünscht. +Bilihildis, hl., aus fränkisch Veitshochheim. +Brod, + den Elementen geopfert. + Erntebrod. + Eulogienbrod. + gegen Tollwuth. + gegen Wolfshunger. + phallische Zweckbrode. + Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt. +Brunnen Walburgis, + im Elsass. + in Franken. + in Holland. + in Tirol. +Brustbein Walburgis. +Butterschnitte, + als Präservativ und Heilmittel. + bei kirchl. Prozessionen. +Buttergewinn, zauberischer. + +Elben in Mausgestalt. +Emmetsheimer Steinbild phallisch. +Erntebrode. +Ernteopfer. +Eulogienbrod. + +Fadenziehen, ein Liebesorakel. +Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige. + +Gertraud von Osten. +Gertrud, + Verstorbene beherbergend. + zu Rosse. + als Waldfrau. + Gertrudenkirchen, + niederdeutsche. + ostfränkische. + Gertrudenkraut. + Gertrudenminne trinken. + Gertrudentag, Kalenderregeln. + Gertrudenvogel. + Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen. + G's Mantel. + G's Spindel mit den zwei Mäusen. + G's Schiff als Trinkgefäss. + G's Wagen. +Gnadenstein Walburgis. + +Hagel, ein König. +Hagelfeierpredigten. +Hagelsquelle. +Heiden- und Schönbrunnen. +Heidenkirchen, + als spätere Walburgskirchen. + als spätere Verenakirchen. +Heilquellen Verena's. +Heilwag. +Helgenbronn. +Holpurga. +Honigfall. +Hund, + als Walburgis Gefolgsthier. + als das anderer Göttinnen. + als Speisenname. + gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert. +Hühner, kirchlich geheiligte. + +Käsbrunnen. +Kleinkinderbrunnen. +Kleinkindersteine. +Klumpfüsse, + durch Walburg geheilt. +Konstanzer Bisthumsgrenzen. +Kornähre, + Mittel gegen Hundebiss. + Mariae und Walburgis Emblem, + das des hl. Oswald. + Sinnbild von Obereigenthum. + der Truden Zaubergestalt. +Korngarbe, Walburgis Versteck. +Kriemhiltengraben am Jung-Albis. +Kukuk, + ein verwünschter Becker. + auf dem Binsenstühlchen weissagend. + als Lebensorakel. + als Theuerungsprophete. + +Lehmkugeln, + in Heiligengräbern. + in Heidengräbern, _s. Nachträge_. +Lebermeer. + +Maibad. +Maiengericht, dessen Kostenbetrag. +Maienthau, + abstreifen. + baden im Maienthau. + Maienthau der Erdmännlein. + kosmetisch. + medicinisch. + sprichwörtlich. + zauberisch. +Maigraf, Maigräfin. + _s. Nachträge_. +Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken. +Mairitt. +Mauritius, Verenas Verwandter. +Maus, + als Alb. + vor Gericht geladen. + als Ortsgeist. + als Pestthier. + als Seele wandernd. + als Sühnbild. + als antikes Stellfigürchen in Gräbern. + in Gestalt des Zweckbrodes. + als Stadtwahrzeichen. +Maus weisse, geheiligt. +Maustrank. +Mausöhrleinkraut. +Mäusegespann. +Mäuse machen. +Metzentanz in Zurzach. +Minnetrinken. +Mühle als Ort der Liebesabenteuer. +Mühlstein, + als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe. + schwimmender. +Müllerbräuche am Verenentage. + +Oel, + hl., ein Augenmittel. + aus Heiligenknochen. + der Walburgishexen. + +Ortschaften des Namens Walburg. +Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer. +Osterbad, reiten ins. + +Pfeife, magisch wirkende. +Phallische Götterbilder, ihr Zweck. + +Reimsprüche beim Meienpflanzen. +Richard, Walburgis Vater. +Rimleins- und Römleinsbrunnen. +Roggenähre, Mittel gegen tolle Hunde. +Ross, + Gertrudens. + Verenae. +Rutscherzins. + +Schnecke, als Kukuk angerufen. +Schuh, + goldner Walburgis. + Schuhwerfen als Liebesorakel. + Schuhzins am Walberfeste. +Silber geschabtes, gegen die Tollwuth. +Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schützend. +Sommer, + den, ins Land reiten. + _s. Nachträge_. +Specht, + als Gertrudenvogel ein verwünschter Becker. + ein verwandelter Gott. + als Liebesorakel _s. Nachträge_. +Spindel, + der hl. Walburg. + der hl. Gertrud. +Spinnverbot an Walburgis. +Stärketrunk. +Stillicidium Walburgs. +Storch, Gertrudens Vogel. +Strähl-Anneli. + +Teufelsstein in Verenae Einsiedelei. +Thau abstreifen, + zu Milch- und Buttergewinn. + als Mittel gegen Kornbrand. +Thautrinken. +Tobel-Vreneli. + +Valentinstag. +Venes- und Vrenesberge. +Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen. +Venus-Vrene, + in dem mundartl. Tannhäuserliede. + in den Ritterdichtungen. + Die Venus- und Vrenenhäuser. +Verena, + ihre Namensformen. + Niederdeutsch: Frû Frêen und Frû Frîen. + Rhätisch: Vereina. + Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin. + Verenabad. + Ve. als Gebirgsriesin. + Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkrönlein. + Verenaloch: + zu Baden. + im Entlebuch. + auf der Schafmatt im Jura. + Müllerpatronin. + Schifferpatronin. + Verenareliquien. + Verenastift. + Verenatag als Gerichtstermin; + Gesundheits- und Wirthschaftsregeln. + Ve. als Weisse Frau 139. +Verenae, + Bildsäulen. + + Dienstross. + Fingerring. + Geburtsgürtel. + + Heilquellen. + Kamm und Krüglein. + Katze. + Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz. + Kapelle, ein Römercastrum. + Kleinkindersteine. + Kindersegen bescherend. + vierzig Mehlsäcke. + Mühlstein. +Vrenelisgärtli, Gletscher am Glärnisch. + +Walber, + der Führer des Maienzugs: + in eine Korngarbe gebunden. + ein Bergname. + Riesenname. + Walberbaum. + Walbernthau. +Walburg, + als Flur- und Ortsname. + mundartl. Namensformen. + Die Heilige: + als Nichte Winfrids. + als Heidengöttin. + als Riesin. + vor dem W. Jäger in die Korngarbe flüchtend. + Walburga Westfalica. +Walburgis-kirchen, + als Heidenkirchen. + als Römercastrum. + Ortskirchen. + hl. Quellen. + Reliquien: + Brustbein, ölschwitzend. + Stab. + in Wittenberg und Köln. + im Auslande. + Schönheitswettstreit. + Spindel und Goldschuh. + Steinernes Venusbild. + phallisch dargestellt. + Wildgans. +Walburgistag, + als ungebotne Gerichtszeit. + Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der + Landschaft: + in Thüringen. + in Unterwalden und Friesland. + in Ostpreussen. +Walper, + Anna, als Hexe inquirirt. + Walperherren, Walpermännchen und -zins. + Zug nach Walpern. +Walburga-Holpurga. +Wasserkirchen. +Wasserfrauen. +Wasservogel, _s. Nachträge_. +Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne. +Wiborada, die hl. v. Klingnau. +Wîhegazza. +Wilibald, + der hl.: + Walburgis Bruder. + ein Hüne. + Wilibalds-Brunnen und -Ruhe. +Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen. +Wolbermai. + +Wolbrygabend. +Wolfszahn, Amulett. +Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugöttinnen, by E. L. Rochholz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGÖTTINNEN *** + +***** This file should be named 12012-8.txt or 12012-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/0/1/12012/ + +Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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