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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:27 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Aquis Submersus + +Author: Theodor Storm + +Release Date: September, 2005 [EBook #8889] +[This file was first posted on August 21, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Aquis submersus + +Theodor Storm + +Novelle (1876) + + +In unserem zu dem frueher herzoglichen Schlosse gehoerigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlaessigten "Schlossgarten" waren +schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzoesischen Stile +angelegten Hagebuchenhecken zu duennen, gespenstischen Alleen +ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blaetter tragen, +so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Baeume nicht verwoehnt, sie +gleichwohl auch in dieser Form zu schaetzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu +treffen sein. Wir pflegen dann unter dem duerftigen Schatten nach +dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhoehe in der +nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette +eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im +Wege steht. + +Die meisten moegen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten +Gruen der Marschen und darueberhin an der Silberflut des Meeres zu +ergoetzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel +schwimmt; meine Augen wenden unwillkuerlich sich nach Norden, wo, +kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem hoeher +belegenen, aber oeden Kuestenlande aufsteigt; denn dort liegt eine +von den Staetten meiner Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzaehlige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am +Sonntagabend oder montags frueh zu unserem Nepos oder spaeter zu +unserem Cicero nach der Stadt zurueckzukehren. Es war damals auf +der Mitte des Weges noch ein gut Stueck ungebrochener Heide uebrig, +wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach +der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten +auf den Blueten des duftenden Heidekrauts die Immen und weissgrauen +Hummeln und rannte unter den duerren Stengeln desselben der schoene +goldgruene Laufkaefer; hier in den Duftwolken der Eriken und des +harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends +sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen traeumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; +hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um +desto munterer vorwaerts, und bald, wenn wir nur erst den langen +Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon ueber dem +dunkeln Gruen einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, +aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden +Fensterscheiben auf die bekannten Gaeste hinabgruesste. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten +wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fuenf Quartier auf der +Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur +die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende +Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stueck oberhalb des +bemoosten Strohdaches rauschen liess, war gleich dem Apfelbaum des +Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns +erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die grosse "Priesterkoppel", +zu der ein Pfoertchen aus dem Garten fuehrte. Hier wussten wir mit +dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der +Grauammern aufzuspueren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche +abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden +die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer +tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefaehrlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstuempfen dicht +umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Kaefer, die wir +"Wasserfranzosen" nannten, oder liessen wir ein andermal unsere +auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus +Walnussschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spaetsommer +geschah es dann auch wohl, dass wir aus unserer Koppel einen Raubzug +nach des Kuesters Garten machten, welcher gegenueber dem des +Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn +wir hatten dort von zwei verkrueppelten Apfelbaeumen unseren +Zehnten einzuheimsen, wofuer uns freilich gelegentlich eine +freundschaftliche Drohung von dem gutmuetigen alten Manne zuteil +wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel, +in deren duerrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur +den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis +auf allen Waellen standen, spuere ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschaeftigte uns nur voruebergehend; meine +dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in +der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit +nicht etwa die Roehrenbauten der Lehmwespen, die ueberall aus den +Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war, +in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen +Tierchen zu beobachten; ich meine den viel groesseren Bau der alten +und ungewoehnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach +des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut +und beherrschte, auf dem hoechsten Punkt des Dorfes sich erhebend, +die weite Schau ueber Heide, Strand und Marschen.--Die meiste +Anziehungskraft fuer mich hatte indes das Innere der Kirche; schon +der ungeheure Schluessel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloss +er auch, wenn wir ihn gluecklich dem alten Kuester abgewonnen hatten, +die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine laengst +vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen +Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +uebermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute ueberrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, +an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und +Teufelsfratzen sich hervorzudraengen schienen. Besondere Anziehung +aber uebte der grosse geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, +auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi +dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas +oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um +des Gekreuzigten Mantel wuerfelten, bekam man draussen im +Alltagsleben nicht zu sehen; troestlich damit kontrastierte nur das +holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie haette +leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +koennen, wenn nicht ein anderes mit noch staerkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen haette. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing +im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, +eines schoenen, etwa fuenfjaehrigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen +besetzten Kissen ruhend, eine weisse Wasserlilie in seiner kleinen +bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem +Grauen des Todes, wie huelfeflehend, noch eine letzte holde Spur des +Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor +diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbaertiger Mann in Priesterkragen +und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schoenen +Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in +der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. +Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein +phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben +des Kindes eine naehere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten; +selbst aus dem duesteren Antlitz des Vaters, das trotz des +Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks +gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. + +--Nach solchen Studien in dem Daemmerlicht der alten Kirche +erschien dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. +Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines +Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da +aber die Kuesterei an derselben Altersschwaeche litt, so wurde +weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren +trotzdem die Raeume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube +rechts, im Sommer die groessere links vom Hausflur, wo die +aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in +Mahagoniraehmchen an der weissgetuenchten Wand hingen, wo man aus dem +westlichen Fenster nur eine ferne Windmuehle, ausserdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklaerte und dann das ganze Zimmer ueberglaenzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstuehle mit den roten Plueschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Raeumen hafte, ob nicht +gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig +umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmuetig +holden Sage den duesteren Kirchenraum erfuellte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, dass ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche +besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit +roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis +jetzt entgangen waren. + +"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +"aber wir koennen sie nicht entraetseln." + +"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und +nimmt man das Geruecht zu Huelfe, so moechten die beiden letzten +Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder +woertlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem +vorangehenden C. P. waere man dann noch immer in Verlegenheit! +Der junge Adjunktus unseres Kuesters, der einmal die Quarta +passiert ist, meint zwar, es koenne Casu periculoso--'Durch +gefaehrlichen Zufall'--heissen; aber die alten Herren jener Zeit +dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall +nicht nur bloss gefaehrlich." + +Ich hatte begierig zugehoert. "Casu" sagte ich; "es koennte auch +wohl 'Culpa' heissen?" + +"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen +Schuld?" + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, +und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?" + +Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund", +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld +des Vaters?--So wollen wir trotz seines duesteren Ansehens meinen +seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch wuerde er +dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen." + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor +ein Geheimnis der Vergangenheit. + +Dass uebrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich +vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche +gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; dass +aber Sachverstaendige in dem Maler einen tuechtigen Schueler +althollaendischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich +jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher +in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und +wie er geheissen habe, darueber wusste auch er mir nichts zu sagen. +Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein +Malerzeichen. + +Die Jahre gingen hin. Waehrend wir die Universitaet besuchten, starb +der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte spaeter +ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; +ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da, +als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, +dass ich fuer den Sohn eines Verwandten ein Schuelerquartier bei +guten Buergersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit +gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Strassen, als mir an der Ecke des Marktes ueber der Tuer eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen +fiel, die verhochdeutscht etwa lauten wuerde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + +Die Worte mochten fuer jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; +denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit +mir einen Heissewecken bei dem dort wohnenden Baecker geholt hatte. +Fast unwillkuerlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand +sich hier ein Unterkommen fuer den jungen Vetter. Die Stube ihrer +alten "Moeddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche +Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt haetten, habe seit +Jahren leer gestanden; schon lange haetten sie sich einen jungen +Gast dafuer gewuenscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgefuehrt, und wir betraten dann ein +ziemlich niedriges, altertuemlich ausgestattetes Zimmer, dessen +beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geraeumigen +Marktplatz hinausgingen. Frueher, erzaehlte der Meister, seien zwei +uralte Linden vor der Tuer gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, +da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schoene +Aussicht ganz verdeckt haetten. + +Ueber die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; waehrend +wir dann aber noch ueber die jetzt zu treffende Einrichtung des +Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines +Schrankes haengendes Oelgemaelde gefallen, das ploetzlich meine ganze +Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte +einen aelteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie +diejenigen aus den vornehmeren Staenden zu tragen pflegten, welche +sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem +Kriegshandwerke beschaeftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schoen und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in +mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben +in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhaengenden +Hand eine weisse Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja +laengst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrueckt hatte. + +"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir ploetzlich +bewusst wurde, dass der vor mir stehende Meister mit seiner +Auseinandersetzung innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer +Moeddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgrossonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es +sind noch andre Siebensachen von ihm da." + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, +auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich +eingeschnitten waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel +der Deckel zurueck, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblaetter mit sehr alten Schriftzuegen. + +"Darf ich die Blaetter lesen?" frug ich. + +"Wenn's Ihnen Plaesier macht", erwiderte der Meister, "so moegen Sie +die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; +Wert steckt nicht darin." + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu duerfen; und waehrend ich +mich dem alten Bilde gegenueber in einen maechtigen Ohrenlehnstuhl +setzte, verliess der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, +doch gleichwohl die freundliche Verheissung zuruecklassend, dass seine +Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeraeth und sonstiges Gepaecke +hatte ich in der Stadt zurueckgelassen und wanderte nun froehlich +fuerbass, die Strasse durch den maiengruenen Buchenwald, der von der +See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar +Waldvoeglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den +tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen ueber +Nacht und noch gar frueh am Vormittage, so dass die Sonne den +Waldesschatten noch nicht ueberstiegen hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; +einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch +itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar +fiel auf mein Maentelchen mit feinem Grauwerk, und der Luetticher +Degen fehlte nicht an meiner Huefte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn +Gerhardus, meinen edlen grossguenstigen Protector, wie er von der +Schwelle seines Zimmers mir die Haende wuerd' entgegenstrecken, mit +seinem milden Grusse: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!" + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu frueh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war +auch nachmals den Kuensten und Wissenschaften mit Fleisse obgelegen, +so dass er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, +wiewohl wegen der Kriegslaeufte vergeblichen Bestreben um Errichtung +einer Landesuniversitaet ein einsichtiger und eifriger Berather +gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater +doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen +seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu +verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel +aufgebessert, sondern auch durch seine fuernehme Bekanntschaft unter +dem Hollaendischen Adel es dahin gebracht, dass mein theuerer Meister +van der Helst mich zu seinem Schueler angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, dass der verehrte Mann unversehrt auf +seinem Herrenhofe sitze, wofuer dem Allmaechtigen nicht genug zu +danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, +war daheim die Kriegsgreuel ueber das Land gekommen; so zwar, dass +die Truppen, die gegen den kriegswuethigen Schweden dem Koenige zum +Beistand hergezogen, fast aerger als die Feinde selbst gehauset, ja +selbst der Diener Gottes mehrere in jaemmerlichen Tod gebracht. +Durch den ploetzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun +zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen ueberall; +manch Bauern- oder Kaethnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem +Trunke suesser Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung +niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in oedem +Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine gruenen Spitzen +trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen +moechte, dass er Gab und Gunst an keinen Unwuerdigen verschwendet habe; +dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom +Kriege her noch in den Waeldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber +tueckete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker +Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein +edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber +angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie oefters nach meines lieben +Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er +mir die schoenen Tage vergaellet und versalzen. Ob er anitzt in +seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, dass er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit +rechter Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich diess bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhoelzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Wuerzeduft +des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen +Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbueschen +eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den +zwo Reihen gewaltiger Eichbaeume, die zum Herrensitz hinauffuehren. + +Ich weiss nicht, was fuer ein bang Gefuehl mich ploetzlich ueberkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann +seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und +fluesterte mit seinen jungen Blaettern in der blauen Luft. + +"Gruess dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschoepfes, in dem, wie es +sich nachmals fuegen musste, all Glueck und Leid und auch all nagende +Busse meines Lebens beschlossen sein sollte, fuer jetzt und alle Zeit. +Das war des edlen Herrn Gerhardus Toechterlein, des Junkers Wulfen +einzig Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum +ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein +neunjaehrig Dirnlein, die ihre braunen Zoepfe lustig fliegen liess; +ich zaehlte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens +aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein +Schlafkaemmerlein eingeraeumt war, hatte mir einen Eschenbogen +zugerichtet, mir auch die Bolzen von tuechtigem Blei dazu gegossen, +und ich wollte nun auf die Raubvoegel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +"Weisst du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort +in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwaenzchen, die darfst du +ja nicht schiessen!" + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem +Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jaehlings stille +stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schuettelte wie +entsetzt ihre beiden Haendlein in der Luft. + +Es war aber ein grosser Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen +Baumes sass und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Voegelein +erhaschen moege. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder. +"Schiess, Johannes, schiess!"--Der Kauz aber, den die Fressgier taub +gemacht, sass noch immer und stierete in die Hoehlung. Da spannte +ich meinen Eschenbogen und schoss, dass das Raubthier zappelnd auf +dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd +Voeglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit +einander; in Wald und Garten, wo das Maegdlein war, da war auch ich. +Darob aber musste mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt +von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen +Hofe sass. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr +Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er juenger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und +Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune +Herrentoechterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst; +sie lachte nur ueber seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast +allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei +merklich runden Augen sass. Ja, wenn sie seiner nur von fern +gewahrte, so reckte sie wohl ihr Koepfchen vor und rief. "Johannes, +der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen +oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich +in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern +des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch dess inne wurde, kam es oftmals +zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn +stark war, der Vortheil meist in meinen Haenden blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner +Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier +verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes +Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn +sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier +beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fraeulein ihr zur +Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie liess +das Kind nicht aus den Augen und ging ueberall mit einer langen +Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken +mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, +mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, +den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein +alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, dass er noch immer bei +seiner schoenen Nachbarin zu Hofe ging; auch dass insonders dem alten +Fraeulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf +alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie hoechst obligeant mit einer +widrig feinen Stimme und hob die Nase unmaessig in die Luft; mich +aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er" +oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden +Augen einkniff und im Gegentheile that, als saehe er auf mich herab, +obschon ich ihn um halben Kopfes Laenge ueberragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kuemmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und +Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein +spoettisch stolzes Laecheln, so dass ich dachte: 'Getroeste dich, +Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!' +Trotzig blieb ich zurueck und liess die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor +noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darueber bruetend, wie +ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tuechtig +Haarraufen beginnen moechte, kam ploetzlich Katharina wieder +zurueckgelaufen, riss neben mir eine Aster von den Beeten und +fluesterte mir zu: "Johannes, weisst du was? Der Buhz sieht einem +jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie +wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kuemmerte mich itzund der Herr Baron! +Ich lachte hell und froehlich in den gueldnen Tag hinaus; denn bei +den uebermuethigen Worten war wieder jenes suesse Augenspiel gewesen. +Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach liess mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er +zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise +nach Amsterdam zu machen habe, uebergab mir Briefe an seine Freunde +dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen +Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu +gehen, von wo ein Buerger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg +nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer sass +Katharina an einem Stickrahmen; ich musste der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie juengst in einem Kupferwerk gesehen; so schoen +erschien mir der junge Nacken, den das Maedchen eben ueber ihre +Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenueber sass Bas' +Ursel und las laut aus einem franzoesischen Geschichtenbuche. Da +ich naeher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes", +sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem +Fraeulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, +traten die Junker Wulf und Kurt mit grossem Geraeusch ins Zimmer; und +sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort. + + +Im Thorhaus drueckte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon fuer mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbaeumen auf die Waldstrasse zu. Aber mir war dabei, als koenne +ich nicht recht fort, als haett ich einen Abschied noch zu Gute, und +stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den +Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der grossen Fahrstrasse hingewandert. Aber schon kam +vor mir das Abendroth ueberm Wald herauf, und ich musste eilen, wenn +mich die Nacht nicht ueberfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!" +sagte ich leise und setzte ruestig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fusssteig in die Strasse muendet--in +stuermender Freude stund das Herz mir still--, ploetzlich aus dem +Tannendunkel war sie selber da; mit gluehenden Wangen kam sie +hergelaufen, sie sprang ueber den trocknen Weggraben, dass die Fluth +des seidenbraunen Haars dem gueldnen Netz entstuerzete; und so fing +ich sie in meinen Armen auf. Mit glaenzenden Augen, noch mit dem +Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen +fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Paeckchen in +meine Hand drueckend, fuegte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und +du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen truebe; der kleine schwellende Mund wollte noch was +reden, aber da brach ein Thraenenquell aus ihren Augen, und +wehmuethig ihr Koepfchen schuettelnd, riss sie sich hastig los. Ich +sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der +Ferne hoerte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. +Es war so still, die Blaetter konnte man fallen hoeren. Als ich +das Paeckchen aus einander faltete, da war's ihr gueldner +Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei, +das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in +Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine +Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal +rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender +Nacht erreichte ich die Stadt. + +--Seitdem waren fast fuenf Jahre dahingegangen.--Wie wuerd ich heute +alles wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten +Linden, hinter deren lichtgruenem Laub die beiden Zackengiebel des +Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg +gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeisser mit +Stachelhalsbaendern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein +erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weissen Zaehne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen +Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem +Glueck, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar +traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Tuerk!" Die Hunde liessen +von mir ab, ich hoerte es die Stiege herabkommen, und aus der Thuer, +so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, dass ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiss geworden, und seine +sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betruebsam auf mich +hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine +beiden Haende. + +"Gruess Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet +Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gaeste anfallen gleich den +Woelfen?" + +"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker +hergebracht." + +"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte. + +"Nun", sagte ich, "die Hunde moegen schon vonnoethen sein; vom Krieg +her ist noch viel verlaufen Volk zurueckgeblieben." + +"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!" + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhoehlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der +gute Herr im Schloss wird helfen, seine Hand ist offen." + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in +den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, hoeret +mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Koeniglichen Post +von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden +koennen." + +"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!" + +"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn +unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, +und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders +werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein hoeriger Mann, mir ziemet +Schweigen." + +Ich wollte fragen: "Ist das Fraeulein, ist Katharina noch im Hause!" +Aber das Wort wollte nicht ueber meine Zunge. + +Drueben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine +kleine Kapelle, die aber, wie ich wusste, seit lange nicht benutzt +war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich ueber +den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmuecke Singen kam +oben aus den Lindenwipfeln. + +Die Thuer zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der +Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten +Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, dass er +itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem +Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich ueber den Rand des +Sarges mir gegenueber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen +herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O +Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spaet gekommen!" Und +ueber dem Sarge hatten unsere Haende sich zum Gruss gefasst; denn es +war Katharina, und sie war so schoen geworden, dass hier im Angesicht +des Todes ein heisser Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das +spielende Licht der Augen lag itzt zurueckgeschrecket in der Tiefe; +aber aus dem schwarzen Haeubchen draengten sich die braunen Loecklein, +und der schwellende Mund war um so roether in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam +ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst +zu danken, ihm manche Stunde genueber zu sitzen und sein mild und +lehrreich Wort zu hoeren. Lasst mich denn nun die bald vergehenden +Zuege festzuhalten suchen." + +Und als sie unter Thraenen, die ueber ihre Wangen stroemten, stumm zu +mir hinuebernickte, setzte ich mich in ein Gestuehlte und begann auf +einem von den Blaettchen, die ich bei mir fuehrte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiss nicht, ob alleine +vor der Majestaet des Todes. + +Waehrend dem vernahm ich draussen vom Hofe her eine Stimme, die ich +fuer die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie +nach einem Fusstritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und +einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt +deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten +Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte +gingen vorueber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, +wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, +so kam draussen ein einzelner Schritt zurueck; in demselben +Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fuehlte, wie ihr junger Koerper bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthuer aufgerissen; und ich erkannte +den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth +und aufgedunsen schien. + +"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester. +"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du haettest ihm wohl den Trunk kredenzen moegen!" + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu +ihm trat; "es ist Johannes, Wulf" + +Der Junker fand nicht vonnoethen, mir die Hand zu reichen; er +musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du traegst da +einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren +muessen!" + +"Nennt mich, wie's Euch gefaellt!" sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr' +vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wisst wohl, Eueres Vaters Sohn +hat grosses Recht an mir." + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so +magst du zeigen, was du fuer meines Vaters Gold erlernet hast; und +soll dazu der Lohn fuer deine Arbeit dir nicht verhalten sein." + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den haette ich laengst +vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, +wie sich's fuer einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was fuer +Arbeit er mir aufzutragen haette. + +"Du weisst doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus +verlaesst, so muss ihr Bild darin zurueckbleiben." + +Ich fuehlte, dass bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite +ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich +entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr +denn, Junker Wulf?" + +"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +"dass du das Bildniss der Tochter dieses Hauses malen sollst!" + +Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiss nicht, ob mehr ueber +den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem +Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick +mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir +vergoennen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines +Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Raeumet mir nur wieder mein +Kaemmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll +geschehen, was Ihr wuenschet." + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie +moege einen Imbiss fuer mich richten lassen. + +Ich wollte ueber den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber +ich verstummte wieder, denn ueber den empfangenen Auftrag war +ploetzlich eine Entzueckung in mir aufgestiegen, dass ich fuerchtete, +sie koenne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo +grimmen Koeter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den +heissen Steinen sonnten. Da wir aber naeher kamen, sprangen sie auf +und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, dass Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie +heulend ihm zu Fuessen krochen. "Beim Hoellenelemente", rief er +lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder +Flandrisch Tuch!" + +"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--, +"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so moeget +Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!" + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riss sich ein paar +Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruss, +Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bueckte, um die +Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, dass ein ander +Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den +hetz ich in des Teufels Rachen!" + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestossen, hatte er sich +hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt ueber den +Hof dem Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, +die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die +Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen +wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir +in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles, +wie ich es vordem gesehen; die goldgebluemten Ledertapeten, die +Karten an der Wand, die saubern Pergamentbaende auf den Regalen, +ueber dem Arbeitstische der schoene Waldgrund von dem aelteren +Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben +daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des +Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und, +obschon vom Walde draussen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete, +doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfuellet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da +ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, +und ich sah, wie unter den kleinen Haenden, die sie daraufgepresst +hielt, ihre Brust in ungestuemer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte +sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und +seine grimmen Hunde?" + +"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres +Vaters Haus?" + +"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden +Haende, und ihre jungen Augen spruehten wie in Zorn und Schmerz. +"Nein, nein; lass erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! +Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang +hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen, +hilf mir!" + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel +ich vor der Schoenen, Suessen nieder und schwur ihr mich und alle +meine Kraefte zu. Da loesete sich ein sanfter Thraenenquell aus ihren +Augen, und wir sassen neben einander und sprachen lange zu des +Entschlafenen Gedaechtniss. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch +dem alten Fraeulein nach. + +"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begruessen? Ja, +die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon laengsthin zu beschwerlich." + +Wir traten also in ein Stuebchen, das gegen den Garten lag, wo auf +den Beeten vor den gruenen Heckenwaenden soeben die Tulpen aus der +Erde brachen. Bas' Ursel sass, in der schwarzen Tracht und +Krepphaube nur wie ein schwindend Haeufchen anzuschauen, in einem +hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie +nachmals mir erzaehlte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben +war er solches itzund wirklich--ihr aus Luebeck zur Verehrung +mitgebracht. + +"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indess sie +behutsam die helfenbeinern Pfloecklein um einander steckte, "ist Er +wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu +tres-complique!" + +Dann warf sie die Pfloecklein ueber einander und schauete mich an. +"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiss Er denn +nicht, dass Er in ein Trauerhaus getreten ist?" + +"Ich weiss es, Fraeulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor +trat, wusste ich es nicht." + +"Nun", sagte sie und nickte gar beguetigend; "so eigentlich gehoeret +Er ja auch nicht zur Dienerschaft." + +Ueber Katharinens blasses Antlitz flog ein Laecheln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr ruehmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von +dem Thuermchen, das draussen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach +dem Fenster hingesponnen und wiegete seine gruenen Ranken vor den +Scheiben. + +Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen waeren, +die itzt schon wieder anhueben mit ihrer Nachtunruhe; sie koenne +ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu +abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im +Garten draussen aber passire eben nichts, als etwan, wann der +Gaertnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. + +--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, +es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemueden Leib zu staerken. + +Ich war nun in meinem Kaemmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem +alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend sassen wir +auf seiner Tragkist, und liess ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, +von ihm erzaehlen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche +Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und +holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die +fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +muessen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Froelen +Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden koennen, +brach er gleichwohl ploetzlich ab und schauete mich an. + +"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, dass +Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drueben!" + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr +Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir muessen freilich +bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet." + +Weiss nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, +fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund fuer ein Mann +geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wuechse. "Wollet +Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehoeret zu denen +muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Buergersleuten die +Knoepfe von den Haeusern schiessen; Ihr moeget glauben, er hat +treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiss er nicht so gut zu +spielen; da er aber ein lustig Stuecklein liebt, so hat er letzthin +den Rathsmusikanten, der ueberm Holstenthore wohnt, um Mitternacht +mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich +Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am +Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat +also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im +blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen muessen!--Wollet Ihr +mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die +Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Toechtern gesegnet; und +dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, +Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt." + +Ich wusste freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon +mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein hoeriger Mann", seiner +Rede Schluss gemacht. + +--Mit meinem Malgeraeth war auch meine Kleidung aus der Stadt +gekommen, wo ich im Goldenen Loewen alles abgeleget, so dass ich +anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die +Tagesstunden aber wandte ich zunaechst in meinen Nutzen. Naemlich, +es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach +ein Saal, raeumlich und hoch, dessen Waende fast voellig von +lebensgrossen Bildern verhaenget waren, so dass nur noch neben dem +Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern +des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Maenner und +Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kraeftigem Mannesalter und Katharinens frueh verstorbene +Mutter machten dann den Schluss. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, +in seiner kraeftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem +Pinsel die Zuege meines edlen Beschuetzers nachzuschaffen; zwar in +verengtem Massstabe und nur mir selber zum Genuegen; doch hat es +spaeter zu einem groesseren Bildniss mir gedienet, das noch itzt hier +in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters +ist. Das Bildniss seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schoenen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden +Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; +wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker +Wulf?--Das musste tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! +Langsam ging ich die Reih der aelteren Bildnisse entlang, bis ueber +hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den +Wuermern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon +als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen +sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Haelfte +zwischen dem Weissen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar +wurde. Ein leiser Schauer ueberfuhr mich vor der so lang schon +heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese +ist's! Wie raethselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und +drueber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, laengst vergessen, taucht es ploetzlich +wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen +Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sproessling +soll ich Katharinen schuetzen.' Und wieder trat ich vor die +beiden juengsten Bilder, an denen mein Gemuethe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstaeublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fraeulein und +den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren +hohen Toenen redete, so war es stets ein stumm und betruebsam Mahl, +so dass mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den +Abgeschiedenen war dess Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und +Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. +Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht beruehrt, entfernte +sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen gruessend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke +festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus +wollte ueber mein gestecktes Mass, ueberdem wider allerart Flosculn zu +wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche +des Dorfes, allwo das Erbbegraebniss ist und wo itzt seine Gebeine +bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Hoechste ihnen +dereinst eine froehliche Urstaend wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute +aus der Stadt und den umliegenden Guetern gekommen, von Angehoerigen +aber fast wenige und auch diese nur entfernte, massen der Junker +Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl +nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, dass in +der Kuerze alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker draengte nun selbst, dass ich mein aufgetragen Werk +begoenne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu +belegenen Fenster mir schon den Platz erwaehlet hatte. Zwar kam +Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, +und meinete, es moege am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran +geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, +solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden +ihr nicht nuetzen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, +die Nebenfenster des Saales zu verhaengen und die hohe Staffelei zu +stellen, so ich mit Huelfe Dieterichs mir selber in den letzten +Tagen angefertigt. + + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, +oeffnete sich die Thuer aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina +trat herein. Aus was fuer Ursach, waere schwer zu sagen; aber ich +empfand, dass wir uns diessmal fast erschrocken gegenueber standen; +aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das +junge Antlitz in gar suesser Verwirrung zu mir auf. + +"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniss malen; +duldet Ihr's auch gern?" + +Da zog ein Schleier ueber ihre braunen Augensterne, und sie sagte +leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?" + +Wie ein Thau des Glueckes sank es in mein Herz. "Nein, nein, +Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet +Euch, damit wir nicht so muessig ueberrascht werden, und dann sprecht! +Oder vielmehr, ich weiss es schon. Ihr braucht mir's nicht zu +sagen!" + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr +noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen +niederschosset? Das thut diessmal nicht noth, obschon er wieder ob +dem Neste lauert; denn ich bin kein Voeglein, das sich von ihm +zerreissen laesst. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf +mir wider den!" + +"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!" + +--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich +zum Weibe geben! Waehrend unseres Vaters langem Siechbett habe ich +den schaendlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg +hab ich's ihm abgetrotzt, dass ich in Ruhe um den Vater trauern mag; +aber ich weiss, auch das wird er nicht halten." + +Ich gedachte eines Stiftsfraeuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus' +einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und +Zuflucht anzugehen sei. + +Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?-- +Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Haende kam die Antwort, +und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth +meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfuellet haette, +wenn es noch offen gewesen waere fuer den Schall der Welt; aber der +gnaedige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket." + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genueber gesetzet, +und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen +wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter +vorgeschritten, nach Hamburg musste, um bei dem Holzschnitzer einen +Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, dass ich alsdann den +Umweg ueber Preetz naehme und also meine Botschaft ausrichtete. +Zunaechst jedoch sei emsig an dem Werk zu foerdern. + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der +Junker musste es schon wissen, dass ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl--hiess nun sein Stolz ihn, mich gering zu schaetzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was +ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie +an den andern Tagen von ihm ungestoeret. Einmal zwar trat er ein +und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thuer hinter sich, und wir hoerten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstuecklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der +Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, +bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. +Seit dem Begraebnisstage, wo ich einen fremden Gruss mit ihm +getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt; +nun trat er naeher und beschauete das Bild und redete gar schoene +Worte, meinete aber auch, weshalb das Fraeulein sich so sehr vermummt +und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken +habe wallen lassen; wie es ein Engellaendischer Poet so trefflich +ausgedruecket, "rueckwaerts den Winden leichte Kuesse werfend." +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus' +Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, dass das mein Vater +war!" + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwaertig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand +malete. Von letzterem begann er ueber meinen Kopf hin diess und +jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so +nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wuenschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen +Blick gleich einer Messerspitze nach mir zuecken. + +--Wir hatten nun weitere Stoerniss nicht zu leiden, und mit der +Jahreszeit rueckte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den +Waldkoppeln draussen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im +Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut +wohl niederschreiben--, wir haetten itzund die Zeit gern stille +stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem +Woertlein, weder sie noch ich zu ruehren. Was wir gesprochen, wuesste +ich kaum zu sagen; nur dass ich von meinem Leben in der Fremde ihr +erzaehlte und wie ich immer heim gedacht; auch dass ihr gueldner +Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem +Kinderherzen es damals fuergesorget, und wie ich spaeter dann +gestrebt und mich geaengstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus +mir zurueckgewonnen hatte. Dann laechelte sie gluecklich; und dabei +bluehete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer suesser das holde +Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.-- +Mitunter war's, als schaue mich etwas heiss aus ihren Augen an; doch +wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurueck; und dennoch +floss es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so dass mir +selber kaum bewusst ein sinnberueckend Bild entstand, wie nie zuvor +und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und +endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen +sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehaendigt, sass sie noch +einmal mir gegenueber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; +wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich +noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die +schweigende Gesellschaft an den Waenden werfend, deren ich in +Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte +Frauenbildniss, das mir zur Seite hing und aus den weissen +Schleiertuechern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt. +Mich froestelte, ich haette nahezu den Stuhl verruecket. + +Aber Katharinens suesse Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja +fast erbleichet; was flog Euch uebers Herz, Johannes?" + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die, +Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen." + +"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und +gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die +Gemahlin eines frueheren Gerhardus; vor weit ueber hundert Jahren hat +sie hier gehauset." + +"Sie gleicht nicht Euerer schoenen Mutter", entgegnete ich; "dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen." + +Katharina sah gar ernst zu mir herueber. "So heisst's auch", sagte +sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fraeulein aus einem Gartenteich gezogen, der +nachmals zugedaemmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es +gewesen sein." + +"Ich weiss, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen +aus dem Boden." + +"Wisset Ihr denn auch, Johannes, dass eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht +sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draussen in dem +Gartensumpf verschwinden." + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen +des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?" + +"Weshalb?"--Katharina zoegerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl." + +--"War es denn ein gar so uebler Mann?" + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herueber, und tiefes +Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiss nicht", sagte sie +beklommen; und leiser, dass ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie +hinzu: "Es heisst, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht +ihres Standes." + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie sass vor mir mit +gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem +Schosse auf ihr Herz geleget, so waere sie selber wie ein leblos Bild +gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht +malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?" + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da +war kein Hehlens mehr; heiss und offen ging der Strahl zu meinem +Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Haette jene Frau auch +dich verflucht?" + +Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an +meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der +Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. "Lass uns nicht trotzen, mein +Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hoerte ich im Treppenhause ein +Geraeusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich +muehselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns +deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette +zur Hand genommen hatte, oeffnete sich die Thuer, und Bas' Ursel, die +wir wohl zuletzt erwartet haetten, kam an ihrem Stock hereingehustet. +"Ich hoere", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu +besorgen; da muss ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!" + +Es ist wohl maenniglich bekannt, dass alte Jungfrauen in Liebessachen +die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft +Bedrang und Truebsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild, +das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, +zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug +mich allsogleich: "Hat denn das Fraeulein Ihn so angesehen, als wie +sie da im Bilde sitzet?" + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht +bloss die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon musste an +unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn +ihre Blicke gingen spaehend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl +bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer hoechsten Stimme. "Deine +Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir +nicht wohl gedienet." + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +"Nun, da braucht Er wohl des Fraeuleins Gegenwart nicht mehr dazu!-- +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!" + +Und so musst ich von der duerren Alten meines Herzens holdselig +Kleinod mir entfuehren sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; +kaum dass die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden +konnten. + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. +Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der +Fruehe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer +von des Junkers Hunden herfuer und fuhr meinem Thiere nach den +Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der +oben im Sattel sass, schien ihnen allzeit noch verdaechtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten +abends bei guter Zeit in Hamburg an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, dass man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun +brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir +das alles wohl verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der beruehmten Stadt vor einen Neubegierigen gar +vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeraeubers +Stoertebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der +Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem +Buche heisser, niemand sagen duerfe, dass er in Hamburg sei gewesen; +sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und +Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hoerete, auf einen Seesieg +wider die tuerkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter +Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war +doch mein Gemuethe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu +sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch +meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit +getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Laermen des grossen Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im +Stifte bei der hochwuerdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. +Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die +Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich +an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Zuege des +Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, +selbst nachdem ich Katharinens Schreiben ueberreichet, ein lang und +hart Examen zu bestehen; dann aber verhiess sie ihren Beistand und +setzete sich zu ihrem Schreibgeraethe, indess die Magd mich in ein +ander Zimmer fuehren musste, allwo man mich gar wohl bewirthete. + +Es war schon spaet am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch +rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns +bereits verspuerete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich +anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir fuer Katharinen +mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertaeschlein unterm +Wamse auf der Brust. So ritt ich fuerbass in die aufsteigende +Daemmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das +Geissblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine +Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule +an die Nuestern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke ueber mir strahlte im Suedost das Sternenbild des +Schwanes in seiner unberuehrten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinueberzureiten, +welches seitwaerts von der Fahrstrassen hinterm Wald belegen ist. +Denn ich gedachte, dass der Krueger Hans Ottsen einen passlichen +Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt +schicken, um die Hamburger Kiste fuer mich abzuholen; ich aber +wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu +bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +gruenlichen Johannisfuenkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern +mich hier umflogen. Und schon ragete gross und finster die Kirche +vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; +ich hoerte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von +der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber +sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten +in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf +dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Daechern, die +dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als +ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug +gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu +und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die +Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Maennern und Weibern, +und ein Geschrei und wuest Getreibe, wie ich solches, auch +beim Tanz, in frueheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz +schwebten, hob manch baertig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, +dem man lieber nicht allein im Wald begegnet waere.--Aber nicht nur +Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnuegen; bei den +Musikanten, die drueben vor der Doens auf ihren Tonnen sassen, stund +der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel ueber dem einen Arm, +an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stuecklein +schien ihm nicht zu gefallen; denn er riss dem Fiedler seine Geigen +aus den Haenden, warf eine Handvoll Muenzen auf seine Tonne und +verlangte, dass sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen +sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie +toll die neue Weise klingen liessen, schrie er nach Platz und +schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor +dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem +Wirth zu reden. Da sass der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte +den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Spaessen in +Bedraengniss brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und +schuettelte sich vor Lachen, wenn der geaengstete Mann gar jaemmerlich +um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, liess +er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnueget; +ich aber antwortete nur, ich kaeme eben von dort zurueck, und werde +der Rahmen in Kuerze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn +mit seinem Handwaeglein leichtlich moege holen lassen. + +Indess ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von +der Risch hereingestuermet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen +kuehlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die +Zunge schwer im Munde wuehlete, fasste ihn am Arm und riss ihn auf den +leeren Stuhl hernieder. + +"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! +Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein +ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm +Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!" + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; +nur wuenschend, dass die Nacht vergehen und der Morgen kommen moechte.-- +Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nuechternen Uebermann; dem +von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +"Troeste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indess er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +"Glueck in der Lieb +Und Glueck im Spiel, +Bedenk, fuer einen +Ist's zu viel! + +"Lass den Maler dir hier von deiner schoenen Braut erzaehlen! Der weiss +sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen." + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel +von Liebesglueck bewusst sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch +und sah gar grimmig auf mich her. + +"Ei, du bist eifersuechtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnueglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber +getroeste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg." + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spuerhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muss er Fausti +Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu +Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch +gewesen." + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Taeschlein +mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers +Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als saehe er damit +mein ganz Geheimniss offen vor sich liegen. Es waehrete auch nicht +lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!" +schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar +doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?" + +"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muss Euch genug +sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; +fiel mir auch bei nun, dass ich ihn an den Sattelknopf gehaenget, da +ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem juengeren Kumpan: "Reiss +ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du +findest eine saubere Briefschaft, die du ungern moechtst bestellet +sehen!" + +Im selbigen Augenblick fuehlte ich auch schon die Haende des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wuethend Ringen zwischen uns begann. +Ich fuehlte wohl, dass ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht +mehr ueber wuerde; da aber fuegete es sich zu meinem Gluecke, dass ich +ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir +stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; +als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wusste jeder wohl, +dass er's mit seinem Todfeind vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von +seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Huelfe kommen; +mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf +seinen Platz zurueck. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es +noch vermochte: "He, Tartar! Tuerk! Wo steckt ihr! Tartar, Tuerk!" +Und ich wusste nun, dass die zwo grimmen Koeter, so ich vorhin auf der +Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle +springen sollten. Schon hoerete ich sie durch das Getuemmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riss ich mit einem Rucke jaehlings +meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthuer aus dem +Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das +Freie. + +Und um mich her war ploetzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst +zu gehen, sondern sprang flugs ueber einen Wall und lief ueber das +Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die +Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die +Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der +Himmelslichter hier durch das Laub der Baeume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das +Taeschlein sicher unter meinem Wamse fuehlte, so tappte ich ruestig +vorwaerts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in +meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu +berathen, was allfort geschehen solle; massen ich wohl sahe, dass +meines Bleibens hier nicht fuerder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem +Abgang wohl die Thuer ins Schloss geworfen und so einen guten +Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut +vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom +Mond erhellete Lichtung trat, hoerete ich nicht gar fern die +Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hoerte, dahin +richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewusst, sie hatten +hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester; +erkannte nun auch, wo ich mich befand, und dass ich bis zum Hofe +nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir +aus dem Dunkel drang. Da ploetzlich schlug was anderes an mein Ohr, +das jaehlings naeher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht +zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie +hielten fest auf meiner Spur, und schon hoerete ich deutlich hinter +mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Saetze in dem duerren Laub des +Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnaedigen Schutz; aus dem +Schatten der Baeume stuerzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines +Fliederbaums Geaeste schwang ich mich hinueber. Da sangen hier im +Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe +Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt +in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch +einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es koennt +geschehen, dass du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +faendest, und dass alsdann ein Willkomm nicht fuer dich am Thor +geschrieben stuende;--ich aber moecht nicht, dass du diese Staette hier +vergaessest." + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich musste bitter lachen; +denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hoerete ich +die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draussen an der Gartenmauer +rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht +ueberall so hoch, dass nicht das wuethige Gethier hinueber konnte; und +rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und +drueben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der +Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, +der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann +die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten, +war ich schon hoch genug, dass sie mit ihrem Anspringen mich nicht +mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter +geglitten, hatten sie mit ihren Zaehnen mir herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fuerchtend, es werde das nach oben +schwaechere Geaeste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte +suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen moechte; +aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublaetter um mich +her.--Da, in solcher Noth, hoerete ich ober mir ein Fenster oeffnen, +und eine Stimme scholl zu mir herab--moechte ich sie wieder hoeren, +wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen laesst aus diesem Erdenthal!-- +"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hoerete ich meinen Namen, +und ich kletterte hoeher an dem immer schwaecheren Gezweige, indess +die schlafenden Voegel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstiessen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?" + +Aber schon kam ein zitternd Haendlein zu mir herab und zog mich +gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll +Entsetzen in die Tiefe starrten. + +"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreissen." Da schwang ich +mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, liess mich das +Haendlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster +stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten +ihres Haares lagen ueber dem weissen Nachtgewand bis in den Schoss +hinab; der Mond, der draussen die Gartenhecken ueberstiegen hatte, +schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest +gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen +schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der +Schoenheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu +ihr: "Katharina, liebe Katharina, traeumet Ihr denn?" + +Da flog ein schmerzlich Laecheln ueber ihr Gesicht: "Ich glaub wohl +fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist suess!" + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, +fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was +ist das mit den Hunden?" + +"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, +es muss bald geschehen; denn es fehlt viel, dass ich noch einmal +durch die Thuer in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den +Brief aus meinem Taeschlein hervorgezogen und erzaehlete auch, wie +ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir +uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina +sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen +Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei. + +"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmass oder so dergleichen, damit +ich der beiden Thiere drunten mich erwehren koenne?" + +Sie aber schrak jaeh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du, +Johannes!" rief sie; und ihre Haende, so bislang in ihrem Schoss +geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort! +Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!" + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und +wir umfingen uns in grosser Herzensnoth. "Ach, Kaethe", sprach ich, +"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht +waere; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben." + +Sehr suess und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich daechte, +du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund +des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!" + +"Nein, Kaethe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich +und umfasste fester ihren jungfraeulichen Leib; "aber drueben in +Holland, dort gilt ein tuechtiger Maler wohl einen deutschen +Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam +ist wohl dem Hoechsten ehrenvoll zu ueberschreiten. Man hat mich +drueben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn +ich dorthin zurueckginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen +dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wuesten +Junker!" + +Katharinens weisse Haende strichen ueber meine Locken; sie herzete +mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so +werd ich doch dein Weib auch werden muessen." + +--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine +Adern goss, darin ohnedies das Blut in heissen Pulsen ging.--Von +dreien furchtbaren Daemonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein +verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes +Schoss. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jaehlings +stille, und da es noch einmal gellte, hoerete ich sie wie toll und +wild davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, dass uns der +Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thuer erst auf-, +dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf", +sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall +gesperrt."--Bald hoerten wir auch unter uns die Thuer des Hausflurs +gehen, den Schluessel drehen und danach Schritte in dem untern +Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte. +Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern +war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurueckgelehnt; nur unser beider Herzen hoerete ich klopfen.--"Soll +ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich +ging nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Waesserleins, das hinten +um die Hecken fliesst.-- + + +Wenn, wie es in den Liedern heisst, mitunter noch in Naechten die +schoene heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. +Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwueler Ruch von +Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten ueberm Walde spielete +die Nacht in stummen Blitzen.--O Hueter, Hueter, war dein Ruf so fern? + +--Wohl weiss ich noch, dass vom Hofe her ploetzlich scharf die Haehne +kraehten, und dass ich ein blass und weinend Weib in meinen Armen +hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, dass ueberm Garten +der Morgen daemmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann +aber, da sie dess inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst +geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuss, noch hundert; ein fluechtig Wort noch: wann fuer das +Gesind zu Mittage gelaeutet wuerde, dann wollten wir im Tannenwald +uns treffen; und dann--ich wusste selber kaum, wie mir's geschehen-- +stund ich im Garten, unten in der kuehlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel +aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Haendlein mir zum +Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen +bei einem Rueckblick aus dem Gartensteig von ungefaehr die unteren +Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als saehe hinter +einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach +mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knoechern +gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, dass +solches ueber meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Maerleins +von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien +nur meine eigenen aufgestoerten Sinne, die solch Spiel mir +vorgegaukelt haetten. + +So, dess nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, dass in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuss bis uebers Aenkel ein, gleichsam, als +ob ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'fasst das +Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang ueber +die Mauer in den Wald hinab. + +Die Finsterniss der dichten Baeume sagte meinem traeumenden Gemuethe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine +Sinne sich nicht loesen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich voellig wach. +Ein Haeuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und ueber +mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schuettelte ich +all muessig Traeumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heisse Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun, +Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, dass +dein Leben nichts gilt als nur das ihre!' + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, dass ich dann +zurueck nach Holland ginge, mich dort der Freundeshuelf versicherte +und allsobald zurueckkaem, um sie nachzuholen. Vielleicht, dass sie +gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es +musste auch gehen ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem froehlichen Barkschiff die Wellen des +gruenen Zuidersees befahren, schon hoerete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem +Gewuehl hervorbrechen und mich und meine schoene Frau mit hellem +Zuruf gruessen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim +geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kraeftiger +und rascher schritt ich aus, als koennte ich baelder so das Glueck +erreichen. + +--Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmaehlich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jaehlings +hatte fluechten muessen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf +der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren +gestrengen Junkern? Ich war just draussen bei dem Ausschank; aber +da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und +auch die Hunde raseten an der Thuer, die Ihr hinter Euch ins Schloss +geworfen hattet." + +Da ich aus solchen Worten abnahm, dass der Alte den Handel nicht +wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von +der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal +gezauset; da musst's denn gestern noch so einen Nachschmack geben." + +"Ich weiss, ich weiss!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut +auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hueten, Herr Johannes; mit +solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen." + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern liess mir Brot +und Fruehtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen +Degen holete, auch Stift und Skizzenbuechlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittaglaeuten. Also bat ich Hans +Ottsen, dass er den Gaul mit seinem Jungen moeg zum Hofe bringen +lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus +zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhuegel, von +wo man die beiden Giebel des Herrenhauses ueber die Gartenhecken +ragen sieht, wie ich solches schon fuer den Hintergrund zu +Katharinens Bildniss ausgewaehlet hatte. Nun gedachte ich, dass, wann +in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das +Vaterhaus nicht mehr betreten wuerde, sie seines Anblicks doch nicht +ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfuer und begann zu +zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht +gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam +gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen gruesse, wann ich sie +dort in unsre Kammer fuehren wuerde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich liess noch wie +zum Gruss ein zwitschernd Voegelein darueber fliegen; dann suchte ich +die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich +nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, dass +die Zeit vergehe. + +Ich musste gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte +von einem fernen Schall und wurd dess inne, dass es das Mittaglaeuten +von dem Hofe sei. Die Sonne gluehte schon heiss hernieder und +verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung ueberdeckt +war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei +unseren Waldgaengen suesse Wegzehrung geholet hatten; und nun begann +ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drueben zwischen den +Straeuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich +anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst +gesehen, wie ich sie nun gleich, im naechsten Augenblicke, schon +leibhaftig an mein klopfend Herze schliessen wuerde. + +Da ploetzlich ueberfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? +Es war schon lang, dass es gelaeutet hatte. Ich war aufgesprungen, +ich ging umher, ich stund und spaehete scharf nach aller Richtung +durch die Baeume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam +nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den +Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. + +Boeser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach +dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, +begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig +auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; +sein Junge brachte mir Euren Gaul zurueck;--was habet Ihr mit +unsern Junkern vorgehabt?" + +"Warum fragst du, Dieterich?" + +--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhueten +moecht." + +"Was soll das heissen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der +Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor +einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der +im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben +unser Fraeulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel +mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme +unterschlagen und sprach kein einzig Woertlein; die Alte aber redete +einen um so groesseren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer +feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald +hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwaechst.--Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket +wohl auf, hielt sie mit ihrer knoechern Hand, als ob sie damit +drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich naeher hinsah, war's +ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget." + +"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +"Es ist nicht viel mehr uebrig", erwiderte er; "denn der Junker +wandte sich jaehlings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +waeret. Ihr moeget mir es glauben, waere er in Wirklichkeit ein Wolf +gewesen, die Augen haetten blutiger nicht funkeln koennen." + +Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?" + +--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?" + +"Ich sinne, Dieterich, dass ich allsogleich mit ihm zu reden habe." + +Aber Dieterich hatte bei beiden Haenden mich ergriffen. "Gehet +nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzaehlet mir zum wenigsten, +was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath +gewusst!" + +"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riss ich meine Haende aus den seinen. + +Der Alte schuettelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das +weiss nur unser Herrgott!" + +Ich aber schritt nun ueber den Hof dem Hause zu. Der Junker sei +eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum +befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Buecher und Karten, war +hier vielerlei Gewaffen, Handroehre und Arkebusen, auch allerart +Jagdgeraethe an den Waenden angebracht; sonst war es ohne Zier und +zeigete an ihm selber, dass niemand auf die Dauer und mit seinen +ganzen Sinnen hier verweile. + +Fast waer ich an der Schwelle noch zurueckgewichen, da ich auf des +Junkers "Herein" die Thuer geoeffnet; denn als er sich vom Fenster zu +mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren +Radschloss er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den +Tollen kaeme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn's nicht schon sein Gespenste ist!" + +"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich naeher zu ihm +trat, "es moecht der Strassen noch andre fuer mich geben, als die in +Euere Kammer fahren!" + +--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen koennt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!" + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so dass die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: "Hoerer mich und goennet mir ein ruhig Wort, +Herr Junker!" + +Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich +erstlich auszuhoeren! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst +langsam waren, wurden allmaehlich gleichwie ein Gebruell--, "vor ein +paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei +und reuete mich gleich einem Narren, dass ich im Rausch die wilden +Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir +den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,-- +beim Hoellenelement! mich reut's nur noch, dass mir die Bestien +solch Stueck Arbeit nachgelassen!" + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker +schwieg, so dachte ich, dass er auch hoeren wuerde. "Junker Wulf", +sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin +kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch +einmal den Groesseren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, +gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--" + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz +starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen +schlug mir in das Ohr, ein Schuss--dann brach ich zusammen und +hoerete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast +gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. + +Es war manche Woche danach, dass ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Baenkchen vor dem letzten Haus des Dorfes sass, +mit matten Blicken nach dem Wald hinueberschauend, an dessen +jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thoerichten +Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kaemmerlein von drueben auf die schon +herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich +keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhueter bewohnt wurde; und ausser diesem Mann und seinem +Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war waehrend meines langen +Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuss in meine +Brust erhalten, darueber hat mich niemand befragt, und ich habe +niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn +Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir +zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getroesten; noch +glaubhafter jedoch, dass er allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten ueberbracht als +Lohn fuer Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in +Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein +Weib wohl spaeter nicht zu viel empfahen wuerde. Zu einem traulichen +Gespraech mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir +nicht gerathen wollen, massen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, +dass der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von +niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte +ich noch den Alten bitten, dass er dem Fraeulein, wenn sich's treffen +moechte, meine Gruesse sage, und dass ich bald nach Holland zu reisen, +aber baelder noch zurueckzukommen daechte, was alles in Treuen +auszurichten er mir dann gelobete. + +Ueberfiel mich aber danach die allergroesseste Ungeduld, so dass ich, +gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drueben noch die +letzten Blaetter von den Baeumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; +langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der +hollaendischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar +liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +gluecklich Zeichen wohl erkennen, dass zwo Bilder, so ich dort +zurueckgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren +Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet +waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon frueher +wohl gewogener Kaufherr liess mir sagen, er habe nur auf mich +gewartet, dass ich fuer sein nach dem Haag verheirathetes Toechterlein +sein Bildniss malen moege; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn +dafuer versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, +dass dann genug des helfenden Metalles in meinen Haenden waere, um +auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen +einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Goenner desselbigen Sinnes +war, mit allem Eifer an die Arbeit, so dass ich bald den Tag meiner +Abreise gar froehlich nah und naeher ruecken sahe, unachtend, mit was +vor ueblen Anstaenden ich drueben noch zu kaempfen haette. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.-- +Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen +willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte +in der Arbeit meiner Schwaeche nicht geachtet, die schlecht geheilte +Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste +auf allen Strassenplaetzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann +mein Siechthum und hielt mich laenger als das erste Mal gefesselt. +Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Aengsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine +Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine +gruenen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber +statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an +Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der koeniglichen Post; dann, wie vor +nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fusse durch den Wald, +an dem noch kaum die ersten Spitzen grueneten. Zwar probten schon +die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kuemmerten sie +mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut; +sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwaerts ab und +schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in +Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenueber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. "Nur", fuegte er bei, "mit den Schiessbuechsen muesset Ihr +nicht wieder spielen; die machen aergere Flecken als so ein +Malerpinsel." + +Ich liess ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, +hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach +dem alten Dieterich. + +Da musste ich vernehmen, dass er noch vor dem ersten Winterschnee, +wie es so starken Leuten wohl passiret, eines ploetzlichen, wenn +auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans +Ottsen, "dass er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist fuer +ihn auch besser so." + +"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!" + +Indess aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft +von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, +und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von +der Risch?" + +"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die +ihn schon zu Richte setzen wird." + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, +dass er nicht so von Katharinen reden wuerde; und da er dann den +Namen nannte, so war's ein aeltlich, aber reiches Fraeulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drueben in Herrn +Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fraeulein und der Junker +mit einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet +wohl", sagte er, "dass alte Thuerm' und Mauern nicht auch plaudern +koennten!" + +"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer +aufs Herz. + +"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, "wo das Fraeulein hinkommen, das werdet doch Ihr am +besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten +hier gewesen; nur wundert's mich, dass Ihr noch einmal wiederkommen; +denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum boesen +Spiel gemachet haben." + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig +worden; dann aber kam mir ploetzlich ein Gedanke. "Ungluecksmann!" +schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fraeulein Katharina +sei mein Eheweib geworden?" + +"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich +schuettelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht +die Rede so! Auf alle Faell'; seit Neujahr ist das Fraeulein im +Schloss nicht mehr gesehen worden." + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich +wisse nichts von alledem. + +Ob er's geglaubet, weiss ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, +es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in +grosser Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas' +Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der +Maegde eine, so durch die Thuerspalt gelauschet, wolle auch mich ueber +den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann spaeter haetten sie +deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hoeren, und seien seit +jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloss +gewesen. + +--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll +nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thoerichte +Geschwaetz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum +machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester; +aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im uebrigen +mir auch berichtet, dass keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr +gesehen worden. Da reisete ich wieder zurueck und demuethigte mich +also, dass ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein +Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte hoehnisch, +es moege wohl der Buhz das Voeglein sich geholet haben; er habe dem +nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen +von Herrn Gerhardus' Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, liess nach +Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstuende, auch zu ihm zu +dringen, er wuerde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.-- +Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am +Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloss geworden; +wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein +Degen in die Buesche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen boesen +Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu laengerem +Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +groesserer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir +liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Toechterlein, +meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf +meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof +belegen ist. Aber das alles gehoert ja der Vergangenheit. + +Hier schliesst das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, dass der +Schreiber ein froehliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenueber; ich konnte +nicht zweifeln, der schoene ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer +aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft +in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und +zugleich letzte Heft, dessen Schriftzuege um ein weniges unsicherer +erschienen. Es lautete wie folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, sass ob dem +Thuersims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, musste ich +allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen +Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter +blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Truemmern diesen Stein erstanden, und ist er heute +gleicherweise ob der Thuere meines Hauses eingemauert worden, wo er +nach mir noch manchen, der voruebergeht, an die Nichtigkeit des +Irdischen erinnern moege. Mir aber soll er eine Mahnung sein, +ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, moegest mit +meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so +ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, +dir nicht habe anvertrauen moegen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der +Nordsee; massen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der +Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie +zum schuldigen und freundlichen Gedaechtniss ihres Seligen, der +hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es +denn auch noch heute ueber dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu +schauen ist. Daneben wuenschte auch der Buergermeister, Herr Titus +Axen, so frueher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, +sein Conterfey von mir gemalet, so dass ich fuer eine lange Zeit +allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem +einzigen und aelteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat +der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte, +war hoch und raeumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo +Linden an der Ecken von Markt und Kraemerstrasse, worin ich, +nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, +anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstaette hatte ich mir in dem grossen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und +bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. +Nur dass die gute Frau selber gar zu gegenwaertig war; denn +allaugenblicklich kam sie draussen von ihrem Schanktisch zu mir +hergetrottet mit ihren Blechgemaessen in der Hand; draengte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; +gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus +untermalet hatte, verlangte sie mit viel ueberfluessigen Worten, der +auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen, +obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von +meinem Bruder auch vernommen hatte, dass selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe +Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben +mag, dem unvernuenftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +muessen. Als dann von der Aussendiele her wieder neue Kundschaft +nach ihr gerufen und mit den Gemaessen auf den Schank geklopfet, und +sie endlich von mir lassen muessen, da sank mir die Hand mit dem +Pinsel in den Schoss, und ich musste ploetzlich des Tages gedenken, da +ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, +und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.-- +Und also rueckwaerts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; +als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, musste ich +zu eigener Verwunderung gewahren, dass ich die Zuege des edlen Herrn +Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem +Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen +mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit +entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich +auf meine Kammer ober der Hausthuer, allwo ich mich ans Fenster +setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbaeume auf den Markt +hinabsah. Es gab aber gross Gewuehl dort, und war bis drueben an die +Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und +Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, dass Gast +mit Gaste handeln durfte, also dass der Stadtknecht mit dem Griper +muessig auf unseres Nachbaren Beischlag sass, massen es vor der Hand +keine Bruechen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren +rothen Jacken, die Maedchen von den Inseln mit ihren Kopftuechern und +feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethuermeten Getreidewagen +und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte +wohl ein Bild fuer eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie +ich, bei den Hollaendern in die Schule gegangen war; aber die +Schwere meines Gemuethes machte das bunte Bild mir truebe. Doch war +es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend +Leid kam immer gewaltiger ueber mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. +Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen +Augen aber daemmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein +paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus +Traeumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott +und mein Erloeser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in +dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?-- + + +Da hoerete ich draussen unter dem Fenster von einer harten Stimme +meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen +grossen hageren Mann in der ueblichen Tracht eines Predigers, obschon +sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und +dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann +angestanden waere. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von baeuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen +Struempfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer +Hausthuer zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewuehle von +dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thuerglocke schellen hoerte, ging ich +hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, +darauf ich ihn genoethigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Kuester aus dem Dorfe norden der Stadt, und +erfuhr ich bald, dass man dort einen Maler brauche, da man des +Pastors Bildniss in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein +wenig, was fuer Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben haette, +dass sie solche Ehr ihm anzuthun gedaechten, da er doch seines Alters +halben noch nicht gar lang im Amte stehen koenne; der Kuester aber +meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stueck Ackergrundes +einmal einen Process gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er +eben nicht, was Sondres koenne vorgefallen sein; allein es hingen +allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er +sagen muesse, vernommen haetten, ich verstuende das Ding gar wohl zu +machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte +Pastor mit hinein; dieser selber freilich kuemmere sich nicht eben +viel darum. + +Ich hoerete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten +auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniss des Herrn Titus Axen +aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen +konnte, so hub ich an, dem Auftrage naeher nachzufragen. + +Was mir an Preis fuer solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar +gering, so dass ich erstlich dachte: sie nehmen dich fuer einen +Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten +fuer ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich +ploetzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen +Herbstessonne ueber die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur +mit dem Beding, dass die Malerei draussen auf dem Dorfe vor sich +ginge, da hier in meines Bruders Hause passliche Gelegenheit nicht +befindlich sei. + +Dess schien der Kuester gar vergnuegt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fuergesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Kuesterei +erwaehlet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, +so dass also auch der Pastor leicht hinuebertreten koenne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, wuerden dann nach Haus +geschicket. + +Also schuettelten wir uns die Haende, und da der Kuester auch die +Masse des Bildes fuersorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeraeth, +dess ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr +hinausbefoerdert werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spaet am Nachmittage; denn +ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedraengniss von einer +Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen +wollten--, meinete er, ich bekaeme da einen Kopf zu malen, wie er +nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und moechte mich mit +Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzaehlete mir auch, es sei der +Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land +gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben +haben solle; sei uebrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, +der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete +mein Bruder an, dass bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend +adelige Fuersprach eingewirket haben solle, wie es heisse, von drueben +aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der +Klosterrechnung ein Woertlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des naechsten Tages ruestig ueber +die Heide schreiten, und war mir nur leid, dass letztere allbereits +ihr rothes Kleid und ihren Wuerzeduft verbrauchet und also diese +Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von +gruenen Baeumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze +Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen +mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer hoeher vor +mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdaechern, die an seinem Fusse lagen, krueppelte nur niedrig Busch- +und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See +heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Kuesterei +gefunden hatte, stuerzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Kuester aber hiess an seiner Hausthuer mich +willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!" +sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen +sehen." + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; +das war ein schoener blasser Knabe, den er an der Hand mit sich +fuehrete; das Kind mochte etwan vier Jahre zaehlen und sahe fast +winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der frueheren Prediger zu sehen wuenschte, so +gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, +dass man nach den anderen Seiten ueber Marschen und Heide, nach +Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen +kann. Es musste eben Fluth sein; denn die Watten waren ueberstroemet, +und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie +oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern +Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der +Kuester auf die Wasserflaeche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er, +"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der +grossen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; +auf der einen Haelfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen, +auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus." + +Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch +ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.' + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt +dessen Nacken mit beiden Aermchen fest umschlungen und drueckte die +zarte Wange an das schwarze baertige Gesicht des Mannes, als finde +er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort +vor unseren Augen ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich +mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl +eines guten Pinsels werth gewesen waere; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schueler van der Helsts hier +in gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, dass der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber +ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben moegen; nur, Meister, +machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch fuer meine Zeit." + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl +fuer meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemuehung zugesaget, +fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem +Bruder mir war geruehmet worden. + +Ein fast verachtend Laecheln ging ueber des Predigers Angesicht. "Da +kommet ihr zu spaet", sagte er, "es ging in Truemmer, da ich's aus +der Kirche schaffen liess." + +Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands +Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?" + +"Die Zuege von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht +ueberliefert worden." + +--"Aber wollet Ihr's der Kunst missgoennen, sie in frommem Sinn zu +suchen?" + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu +den Kleinen nicht zu zaehlen, so ueberragte er mich doch um eines +halben Kopfes Hoehe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der Koenig +die hollaendischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; +nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Hoechsten Strafgericht +zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drueben +in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestuehlte schnitzen +lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus +zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Saeugammen der +Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt +gebuhlt!" + +Ein dunkles Feuer gluehte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergass darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber +danach, dass wir in die Kuesterei zurueckgingen, wo ich alsdann meine +edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern ueber die Heide +nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend +antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto +rascheren Fortgang. Gemeiniglich sass der Kuester neben uns und +schnitzete allerlei Geraethe gar saeuberlich aus Eichenholz, +dergleichen als eine Hauskunst hier ueberall betrieben wird; auch +habe ich das Kaestlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm +erstanden und darin vor Jahren die ersten Blaetter dieser +Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese +letzten darin sollen beschlossen sein.-- + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Kuesterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der +Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heisse, +antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heisse +ich ja auch!"--Er sah mich gross an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb ruehreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar +ueberraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den +Pinsel muessig auf der Leinewand ruhen liess. Es war etwas in dieses +Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte; +aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das +unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich haette oft +die Arme nach ihm breiten moegen; aber ich scheuete mich vor dem +harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu behueten schien. +Wohl dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter +sein?'-- + +Des Kuesters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt +man nicht; in die Bauernhaeuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier +und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. +Aus dem Garten der Kuesterei, welcher in eine dichte Gruppe von +Fliederbueschen auslaeuft, sahe ich sie einmal langsam ueber die +Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den +Ruecken zugewendet, so dass ich nur ihre schlanke, jugendliche +Gestalt gewahren konnte, und ausserdem ein paar gekraeuselte Loeckchen, +in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden +und die der Wind von ihren Schlaefen wehte. Das Bild ihres +finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +--An den Tagen, wo ich nicht da draussen war, hatte ich auch die +Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so dass nach einiger +Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So sass ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem +Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die +Kerze fast herabgebrannt, und die hollaendische Schlaguhr hatte +schon auf Eilf gewarnt; wir aber sassen am Fenster und hatten der +Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir +mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres +einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten +Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter +einer froehlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die +Laeden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel, +so draussen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das +Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem +dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit +Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren +Hoehen, fiel es mir jaehlings in die Brust: Die Augen des schoenen +blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne +denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon +gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stuermten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, +mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen +aber itzt ein heller Schein zu uns herueberschwankte. "Sieh nur!" +sagte er. "Wie gut, dass wir das Pflaster mit Sand und Heide +ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengiessers Hochzeit; +aber an ihren Stockleuchten sieht man, dass sie gleichwohl hin und +wider stolpern." + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich +von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, +dass die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als +eines Glasers Meisterstueck erstanden waren, in ihren satten Farben +wie in Feuer gluehten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem +Hause laut redend in die Kraemerstrasse einbog, hoerete ich einen +unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret! +Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hoeren!" + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draussen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +"O weh!" sprach mein Bruder; "den truebet, was mich troestet." + +Da fiel es mir erst wieder bei, dass am naechsten Morgen die Stadt +ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so +wegen einbekannten Buendnisses mit dem Satan zu Aschen sollte +verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker +aufgefunden worden; aber dem todten Leibe musste gleichwohl sein +peinlich Recht geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. +Hatte doch auch die Buchfuehrer-Witwe Liebernickel, so unter dem +Thurm der Kirche den gruenen Buecherschranken hat, mir am Mittage, da +ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, +dass nun das Lied, so sie im voraus darueber habe anfertigen und +drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge. +Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, dass unser +Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch +so gnaediglich in seinen Schoss genommen hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drueben von +der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den +todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der +Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund +in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem +Karren die Strasse herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben +und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt", +fuegete er bei, "der du ein freier Vogel bist, wuerde ich aufs Dorf +hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!" + +Nun war zwar festgesetzet worden, dass ich am naechstfolgenden Tage +erst wieder hinauskaeme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, +wie er die Ungeduld in meinem Herzen schuerete; und so geschah es, +dass alles sich erfuellen musste, was ich getreulich in diesen +Blaettern niederschreiben werde. + +Am andern Morgen, als drueben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Fruehlicht blinkte, war ich schon von +meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich ueber den Markt, +allwo die Baecker, vieler Kaeufer harrend, ihre Brotschragen schon +geoeffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der +Wachtmeister und die Fussknechte in Bewegung waren, und hatte Einer +bereits einen schwarzen Teppich ueber das Gelaender der grossen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem +Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schlossgarten auf dem Steige war, sahe ich drueben +bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen +maechtigen Holzstoss aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch +daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die +leichten Brennstoff zwischen die Hoelzer thaten; von der Stadt her +aber kamen schon die ersten Buben ueber die Felder ihnen zugelaufen. +Ich achtete dess nicht weiter, sondern wanderte ruestig fuerbass, und +da ich hinter den Baeumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das +Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten ueber die Heide +emporstieg. Da musste ich meine Haende falten: + +O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnaedig mit uns allen, +Die wir in Suend gefallen, +Der du die Liebe bist!-- + +Als ich draussen war, wo die breite Landstrasse durch die Heide +fuehrte, begegneten mir viele Zuege von Bauern; sie hatten ihre +kleinen Jungen und Dirnen an den Haenden und zogen sie mit sich fort. + +"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen; +"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt." + +Nun, wie ich's wohl zum voraus wusste, sie wollten die Hexe, das +junge Satansmensch, verbrennen sehen. + +--"Aber die Hexe ist ja todt!" + +"Freilich, das ist ein Verdruss", meineten sie; "aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da +koennen wir nicht aussen bleiben und muessen mit dem Reste schon +fuerlieb nehmen."-- + +--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch +schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit +Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits ueber die Heide, +obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemueth +verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den +Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. +Als ich auf dem Huenenhuegel stund, der hier inmitten der Heide liegt, +ueberfiel es mich, als muesse auch ich zur Stadt zurueckkehren oder +etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen +Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der +Luft schwebete etwas wie ein Glueck, wie eine rasende Hoffnung, und +es schuettelte mein Gebein, und meine Zaehne schlugen an einander. +'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fuehlte mein +Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die +Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der +Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich +seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thuer des +Kuesterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich +unschluessig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen +blieb alles ruhig; als ich aber staerker klopfte, kam des Kuesters +alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. + +"Wo ist der Kuester?" fragte ich. + +--"Der Kuester? Mit dem Priester in die Stadt gefahren." + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich +dahin geschlagen. + +"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie. + +Ich schuettelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine +Schule, Trienke?" + +--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!" + +Ich liess mir von der Alten das Haus aufschliessen, holte mein +Malergeraethe und das fast vollendete Bildniss aus des Kuesters +Schlafkammer und richtete, wie gewoehnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu beluegen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stoehnte ueber die arge Zeit und redete +ueber Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber +draengete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, +ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein +ich brachte das Wort nicht ueber meine Zungen. Dagegen begann die +Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im +Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet +sei; erzaehlete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten +Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken ueber des Pastors Hausdach +habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus, +und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei +aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwaechliche +Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwaetz nicht fuerder hoeren; ging daher aus dem +Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte +gegen die Dorfstrasse liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine +Augen nach den weissen Fenstern, konnte aber hinter den blinden +Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie +ueberall zu sehen sind.--Ich haette nun wohl umkehren moegen; aber ich +ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der +Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenlaeuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das +Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloss, und war doch ein +tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Hoechsten Hand +viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was kruemmete denn +ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege +fuehren! + +Ich weiss nicht mehr, wohin mich damals meine Fuesse noch getragen +haben; ich weiss nur, dass ich in einem Kreis gegangen bin; denn da +die Sonne fast zur Mittagshoehe war, langete ich wieder bei der +Kuesterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine +Staffelei, sondern durch das Hinterpfoertlein wieder zum Hause +hinaus.-- + + +Das aermliche Gaertlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses +von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe +dichter Weidenbuesche, welche zur Einfassung einer Wassergrube +dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer +wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemuethe erfuellet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Kuesters abgeheimseten Bohnenbeeten +hinging, hoerete ich von der Koppel draussen eine Frauenstimme von +gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst +der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach +sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des +Holundergebuesches, das hier ohne Verzaeunung in die Koppel auslaeuft, +da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Aermchen voll Moos, wie +es hier in dem kuemmerlichen Grase waechst, gegenueber hinter die +Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gaertchen +angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun +heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such +derweil noch mehr; dort am Holunder waechst genug!" + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja +laengst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend, +schritt sie zu mir her, so dass ich ungestoeret sie betrachten +durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde +wieder, das sie einst gewesen war, fuer das ich den "Buhz" einst von +dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute +war bleich und weder Glueck noch Muth darin zu lesen. + +So war sie maehlich naeher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann +kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Bueschen +hinlief; doch ihre Haende pflueckten nicht davon; sie liess das Haupt +auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor +dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: "Katharina!" + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich +einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Buesche. Doch als +ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes maechtig +vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer +fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich +wusste wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, dass +du heute kommen wuerdest." + +Ich hoerete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du +des Predigers Eheweib?" + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat +das Amt dafuer bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen +Namen." + +--"Mein Kind, Katharina?" + +"Und fuehltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoss +gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzaehlet." + +--Moege keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du, +du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!" + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gaenzlich +todtenbleich. + +"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kuehlen Blatte sich auf +meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen +Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du +wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will." + +--"Und kannst denn du so leben, Katharina?" + +"Leben?--Es ist ja doch ein Glueck dabei; er liebt das Kind;--was +ist denn mehr noch zu verlangen?" + +--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiss er davon?" + +"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Suenderin zum Weibe: +mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, dass jeder neue Tag ihm +angehoert!" + +In diesem Augenblicke toenete ein zarter Gesang zu uns herueber.-- +"Das Kind", sagte sie. "Ich muss zu dem Kinde; es koennte ihm ein +Leids geschehen!" + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. +"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja froehlich dort mit seinem +Moose." + +Sie war an den Rand des Gebuesches getreten und horchete hinaus. +Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter +Hauch kam von der See herauf Da hoerten wir von jenseits durch die +Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen: + +Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen. + +Katharina war zurueckgetreten, und ihre Augen sahen gross und +geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie +leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!" + +Ich wollte sie an mich reissen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen +Mannes Weib; vergiss das nicht." + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. +"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe +bevor du sein geworden?" + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Haende vor +ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer +Leib!" + +Da wurd ich meiner schier unmaechtig; ich riss sie jaeh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen +Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbruenstiglich; ich +haette sie toedten moegen, wenn wir also mit einander haetten sterben +koennen. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz +weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Kuessen: "Es ist +ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!" + +--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, +aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hoerte. Der +Ruf kam von drueben aus dem Predigergarten, und noch einmal und +haerter rief es: "Katharina!" + +Da war das Glueck vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +--Als ich in die Kuesterei trat, war auch schon der Kuester wieder da. +Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich +einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst +waeret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar +die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben." + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei +durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +"Was war das, Kuester?" rief ich. + +Der Mann riss ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drueben von der Priesterkoppel kam's." + +Indem war auch die alte Trienke in die Thuer gekommen. "Nun, Herr?" +rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!" + +--"Was soll das heissen, Trienke?" + +"Das soll heissen, dass sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus +dem Wasser ziehen." + +Ich stuerzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle +Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich +bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, dass ich durch das +weisse Pfoertchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus +wollte, trat er selber mir entgegen. + +Der grosse knochige Mann sah gar wueste aus; seine Augen waren +geroethet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was +wollt Ihr?" sagte er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich +denn eigentlich? + +"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles +ausgeredet." + +Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich. + +Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen." + +--"So lasst mich zu meinem todten Kinde!" + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, draengete er +mich zurueck. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und +schreit zu Gott aus ihren Suenden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer +armen Seelen Seligkeit!" + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber +des Predigers Worte gruben sich in mein Gedaechtniss. "Hoeret mich!" +sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofuer dereinst mich Gott +in seiner Gnade wolle buessen lassen, und Ihr vermuthendlich auch +mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet +eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Fruehe +wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder +meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben +ausgelebet, moeget Ihr das Bildniss stiften. Moeg es dort die +Menschen mahnen, dass vor der knoechern Hand des Todes alles Staub +ist!" + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, dass alles so +geschehen moege. + +--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens +Schuld und Busse gleich einem Blitze jaehlings aus dem Dunkel hob, so +dass ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren muessen, hart ergriffen war, +hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er +sich auf "Ich muss noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein +Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses! +Da wirst du sehen, dass Herrn Gerhardus' Hof in fremde Haende kommen, +massen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biss +gar jaemmerlichen Todes verfahren ist." + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber +es fehlte nicht viel, dass ich getaumelt waere. Mir war's bei dieser +Schreckenspost, als spraengen des Paradieses Pforten vor mir auf; +aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte +stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hueter, Hueter, war +dein Ruf so fern!--Dieser Tod haette uns das Leben werden koennen; +nun war's nur ein Entsetzen zu den andern. + +Ich sass oben auf meiner Kammer. Es wurde Daemmerung, es wurde Nacht; +ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich +mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu +Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als +sei der Kirchthurm drueben meinem Fenster nah gerueckt; ich fuehlte +die Glockenschlaege durch das Holz der Bettstatt droehnen, und ich +zaehlete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich daemmerte +der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten ueber +mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den +Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Ruecken. + +Aber so fruehe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf +der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur +und sagte, dass die Holztafel richtig angelanget, auch meine +Staffelei und sonstiges Malergeraeth aus dem Kuesterhause +heruebergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke +einer Stubenthuer. + +Ich jedoch hielt ihn zurueck und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer +ist, so wollet mir vergoennen, bei meinem schweren Werke allein zu +sein!" + +"Es wird Euch niemand stoeren", entgegnete er und zog die Hand +zurueck. "Was Ihr zur Staerkung Eueres Leibes beduerfet, werdet Ihr +drueben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thuer an der +anderen Seite des Flures; dann verliess er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es +war todtenstill im Hause; eine Weile musste ich mich sammeln, bevor +ich oeffnete. + + +Es war ein grosses, fast leeres Gemach, wohl fuer den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weissgetuenchten Waenden; +die Fenster sahen ueber oede Felder nach dem fernen Strand hinaus. +Inmitten des Zimmers aber stund ein weisses Lager aufgebahret. Auf +dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zaehne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein bruenstiglich +Gebet. Dann ruestete ich alles, wie es zu der Arbeit noethig war; +und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muss, die nicht +zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von +der andauernden grossen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne +hielt und horchte, so wusste ich bald, es sei nichts da gewesen. +Einmal auch war es, als draengen leise Odemzuege an mein Ohr.--Ich +trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen +Muendlein niederbeugete, beruehrte nur die Todeskaelte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thuer im Zimmer; sie mochte zu +einer Schlafkammer fuehren, vielleicht dass es von dort gekommen war! +Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine +eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam +und malete weiter; und da ich die leeren Haendchen ansahe, wie +sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk +doch musst du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem +Bildniss ihm eine weisse Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend +damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der +Gegend hier, und mocht es also ein erwuenschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermuedeter +Leib verlangte Staerkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette +fort und ging ueber den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir +angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, waere ich vor +Ueberraschung bald zurueckgewichen; denn Katharina stund mir +gegenueber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem +Zauberschein, so Glueck und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken +moegen. + +Ach, ich wusste es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr +Bildniss, das ich selber einst gemalet. Auch fuer dieses war also +nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie +selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch +hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniss an; die alte +Zeit stieg auf und quaelete mein Herz. Endlich, da ich musste, brach +ich einen Bissen Brot und stuerzete ein paar Glaeser Wein hinab; dann +ging ich zurueck zu unserem todten Kinde. + +Als ich drueben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, dass in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bueckete ich mich hinab, im Wahne, +ich moechte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die +kalten Augensterne vor mir lagen, ueberlief mich Grausen; mir war, +als saehe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie +noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz kuenden: "Mein Fluch hat +doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich haette es um alle +Welt nicht lassen koennen--umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter +bitteren Thraenen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein, +mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe +zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, +ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer +Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als +deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen." + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drueckte +ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in +ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heissen: Culpa Patris Aquis +Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit +dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend +Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Waehrend meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause +fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die +Thuer, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein +leises Geraeusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen +bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht +entraethseln. + +Es war schon spaet. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum +Gehen wenden; aber mir war, als muesse ich noch einen Abschied +nehmen, ohne den ich nicht von hinnen koenne. + +So stand ich zoegernd und schaute durch das Fenster auf die oeden +Felder draussen, wo schon die Daemmerung begunnte sich zu breiten; da +oeffnete sich vom Flure her die Thuer und der Prediger trat zu mir +herein. + +Er gruesste schweigend; dann mit gefalteten Haenden blieb er stehen +und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des +kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. +Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes +fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Haende auf, und ich sahe, +wie seinen Augen jaehlings ein reicher Thraenenquell entstuerzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief ueberlaut: +"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!" + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Haenden an der Thuer; ich +hoerte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten +Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thuere +nieder, und das Geraeusch vom Falle eines Koerpers wurde hoerbar. + +"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +ruettelte an der Klinke der fest verschlossenen Thuer; da legte die +Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte +er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und moege Gott uns allen +gnaedig sein!" + +--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draussen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurueck, +das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein +todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir +in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich +wurde ploetzlich mir bewusst, dass ich vom fernen Strand die Brandung +toesen hoerete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm +ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres toenete es mir +immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus +aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefuehl seiner Kraft +vermessen, dass er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Groesseren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehoert nicht zu denen, die genannt werden; kaum duerfte er +in einem Kuenstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner +engeren Heimat weiss niemand von einem Maler seines Namens. Des +grossen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt +Erwaehnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts +nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschaetzen derselben verschleudert und verschwunden. +Aquis submersus + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm. + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + +This file should be named 7aqsb10.txt or 7aqsb10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7aqsb11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7aqsb10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Aquis Submersus + +Author: Theodor Storm + +Posting Date: October 5, 2014 [EBook #8889] +Release Date: September, 2005 +First Posted: August 21, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +Produced by an anonymous Project Gutenberg volunteer from +files obtained from Gutenbert Projekt-DE. + + + + + + + + + + +Aquis submersus + +Theodor Storm + +Novelle (1876) + + +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren +schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile +angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen +ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen, +so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie +gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu +treffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach +dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der +nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette +eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im +Wege steht. + +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten +Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu +ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel +schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, +kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher +belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine +von den Stätten meiner Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am +Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu +unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals auf +der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig, +wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach +der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten +auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen +Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne +goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des +harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends +sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; +hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch +um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den +langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem +dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, +aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden +Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten +wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der +Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur +die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende +Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des +bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des +Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns +erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel", +zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit +dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der +Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche +abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden +die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer +tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht +umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir +"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere +auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus +Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer +geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen +Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem +des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn +wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren +Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine +freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil +wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel, +in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur +den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis +auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine +dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in +der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit +nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den +Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war, +in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen +Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten +und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach +des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut +und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, +die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste +Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon +der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß +er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, +die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst +vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen +Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, +an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und +Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung +aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, +auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi +dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas +oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um +des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im +Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das +holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte +leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing +im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, +eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen +besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen +bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem +Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des +Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor +diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen +und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen +Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in +der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. +Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein +phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben +des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten; +selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des +Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks +gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. + +--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien +dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. +Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines +Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; +da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde +weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren +trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube +rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die +aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in +Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem +westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht +gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig +umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig +holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche +besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit +roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis +jetzt entgangen waren. + +"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +"aber wir können sie nicht enträtseln." + +"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und +nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten +Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder +wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem +vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit! +Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert +ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen +Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer; +wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß +gefährlich." + +Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auch +wohl 'Culpa' heißen?" + +"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen +Schuld?" + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, +und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?" + +Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund", +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld +des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen +seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er +dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen." + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor +ein Geheimnis der Vergangenheit. + +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich +vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche +gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; +daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler +altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich +jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher +in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und +wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. +Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein +Malerzeichen. + +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb +der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später +ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; +ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da, +als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, +daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei +guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit +gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen +fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; +denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit +mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. +Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand +sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer +alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche +Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit +Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen +Gast dafür gewünscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein +ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen +beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen +Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zwei +uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, +da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne +Aussicht ganz verdeckt hätten. + +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während +wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des +Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines +Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze +Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte +einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie +diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche +sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem +Kriegshandwerke beschäftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in +mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben +in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden +Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja +längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrückt hatte. + +"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich +bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner +Auseinandersetzung innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es +sind noch andre Siebensachen von ihm da." + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, +auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich +eingeschnitten waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel +der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen. + +"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich. + +"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie +die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; +Wert steckt nicht darin." + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich +mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl +setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, +doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine +Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke +hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich +fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der +See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar +Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den +tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über +Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den +Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; +einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch +itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar +fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher +Degen fehlte nicht an meiner Hüfte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn +Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der +Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit +seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!" + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war +auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, +so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, +wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung +einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather +gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater +doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen +seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu +verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel +aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter +dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister +van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf +seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu +danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, +war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß +die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum +Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja +selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. +Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun +zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; +manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem +Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung +niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem +Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen +trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen +möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; +dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom +Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber +tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker +Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein +edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber +angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben +Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er +mir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt in +seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit +rechter Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft +des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen +Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen +eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den +zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen. + +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann +seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und +flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft. + +"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es +sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende +Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. +Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen +einzig Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum +ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein +neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; +ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens +aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein +Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen +zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen, +und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort +in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du +ja nicht schießen!" + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem +Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille +stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie +entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft. + +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen +Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein +erhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder. +"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub +gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannte +ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf +dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd +Vöglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit +einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. +Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt +von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen +Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr +Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und +Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune +Herrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst; +sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast +allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei +merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern +gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes, +der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen +oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich +in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern +des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals +zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn +stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner +Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier +verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes +Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn +sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier +beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur +Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ +das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen +Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken +mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, +mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, +den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein +alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei +seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten +Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf +alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer +widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich +aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er" +oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden +Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, +obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und +Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein +spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich, +Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!' +Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor +noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie +ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig +Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder +zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und +flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem +jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie +wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! +Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei +den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. +Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er +zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise +nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde +dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen +Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu +gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg +nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß +Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön +erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre +Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas' +Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da +ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes", +sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem +Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, +traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und +sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort. + + +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne +ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und +stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den +Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam +vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn +mich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!" +sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in +stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem +Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie +hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth +des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing +ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit dem +Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen +fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in +meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und +du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was +reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und +wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich +sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der +Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. +Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ich +das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner +Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei, +das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in +Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine +Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal +rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender +Nacht erreichte ich die Stadt. + +--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute +alles wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten +Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des +Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg +gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit +Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein +erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen +Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem +Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar +traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen +von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür, +so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine +sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich +hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine +beiden Hände. + +"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet +Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?" + +"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker +hergebracht." + +"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte. + +"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg +her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben." + +"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!" + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der +gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen." + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in +den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret +mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post +von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden +können." + +"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!" + +"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn +unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, +und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders +werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet +Schweigen." + +Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!" +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. + +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine +kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt +war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über +den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam +oben aus den Lindenwipfeln. + +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der +Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten +Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er +itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem +Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des +Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen +herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O +Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und +über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es +war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht +des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das +spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe; +aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein, +und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam +ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst +zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und +lehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden +Züge festzuhalten suchen." + +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu +mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf +einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine +vor der Majestät des Todes. + +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich +für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie +nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und +einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt +deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten +Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte +gingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, +wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, +so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben +Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fühlte, wie ihr junger Körper bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte +den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth +und aufgedunsen schien. + +"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester. +"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!" + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu +ihm trat; "es ist Johannes, Wulf" + +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er +musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da +einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren +müssen!" + +"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr' +vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn +hat großes Recht an mir." + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so +magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und +soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein." + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst +vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, +wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für +Arbeit er mir aufzutragen hätte. + +"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus +verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben." + +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite +ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich +entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr +denn, Junker Wulf?" + +"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!" + +Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über +den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem +Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick +mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir +vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines +Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein +Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll +geschehen, was Ihr wünschet." + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie +möge einen Imbiß für mich richten lassen. + +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber +ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war +plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, +sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo +grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den +heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf +und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie +heulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief er +lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder +Flandrisch Tuch!" + +"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--, +"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget +Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!" + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar +Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß, +Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die +Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein ander +Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den +hetz ich in des Teufels Rachen!" + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich +hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den +Hof dem Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, +die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die +Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen +wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir +in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles, +wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die +Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen, +über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren +Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben +daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des +Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und, +obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete, +doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da +ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, +und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt +hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte +sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und +seine grimmen Hunde?" + +"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres +Vaters Haus?" + +"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden +Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. +"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! +Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang +hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen, +hilf mir!" + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel +ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle +meine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren +Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des +Entschlafenen Gedächtniß. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch +dem alten Fräulein nach. + +"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, +die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich." + +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf +den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der +Erde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und +Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem +hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie +nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben +war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung +mitgebracht. + +"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie +behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er +wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu +très-compliqué!" + +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. +"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn +nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?" + +"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor +trat, wußte ich es nicht." + +"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret +Er ja auch nicht zur Dienerschaft." + +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von +dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach +dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den +Scheiben. + +Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, +die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne +ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu +abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im +Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der +Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. + +--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, +es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. + +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem +alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir +auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, +von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche +Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und +holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die +fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen +Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können, +brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an. + +"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß +Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!" + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr +Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich +bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet." + +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, +fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann +geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "Wollet +Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denen +muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die +Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat +treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu +spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin +den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht +mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich +Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am +Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat +also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im +blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr +mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die +Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und +dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, +Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt." + +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon +mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner +Rede Schluß gemacht. + +--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt +gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich +anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die +Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, +es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach +ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von +lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem +Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern +des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und +Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene +Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, +in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem +Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in +verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es +später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier +in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters +ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden +Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; +wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker +Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! +Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über +hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den +Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon +als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen +sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte +zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar +wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon +heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese +ist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und +drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich +wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen +Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling +soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die +beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und +den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren +hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, +so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den +Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und +Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. +Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte +sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke +festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus +wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu +wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche +des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine +bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen +dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute +aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen +aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker +Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl +nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in +der Kürze alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk +begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu +belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam +Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, +und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran +geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, +solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden +ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, +die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu +stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten +Tagen angefertigt. + + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, +öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina +trat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich +empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen; +aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das +junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf. + +"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen; +duldet Ihr's auch gern?" + +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte +leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?" + +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein, +Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet +Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! +Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zu +sagen!" + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr +noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen +niederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob +dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm +zerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf +mir wider den!" + +"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!" + +--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich +zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich +den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg +hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; +aber ich weiß, auch das wird er nicht halten." + +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus' +einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und +Zuflucht anzugehen sei. + +Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?-- +Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, +und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth +meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, +wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der +gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket." + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, +und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen +wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter +vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen +Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den +Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete. +Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern. + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der +Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was +ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie +an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein +und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der +Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, +bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. +Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm +getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt; +nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne +Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr +vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf +den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so +trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend." +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus' +Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater +war!" + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand +malete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und +jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so +nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wünschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen +Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken. + +--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der +Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den +Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im +Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut +wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille +stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem +Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte +ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr +erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner +Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem +Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann +gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus +mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei +blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde +Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.-- +Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch +wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch +floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir +selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor +und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und +endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen +sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch +einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; +wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich +noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die +schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in +Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte +Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen +Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt. +Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket. + +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja +fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?" + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die, +Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen." + +"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und +gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die +Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat +sie hier gehauset." + +"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen." + +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagte +sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der +nachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es +gewesen sein." + +"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen +aus dem Boden." + +"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht +sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem +Gartensumpf verschwinden." + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen +des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?" + +"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl." + +--"War es denn ein gar so übler Mann?" + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes +Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte sie +beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie +hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht +ihres Standes." + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit +gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem +Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild +gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht +malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?" + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da +war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem +Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auch +dich verflucht?" + +Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an +meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der +Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich +mühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns +deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette +zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die +wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. +"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu +besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!" + +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen +die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft +Bedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild, +das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, +zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug +mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie +sie da im Bilde sitzet?" + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht +bloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an +unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn +ihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl +bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "Deine +Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir +nicht wohl gedienet." + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!-- +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!" + +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig +Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; +kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden +konnten. + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. +Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der +Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer +von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den +Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der +oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten +abends bei guter Zeit in Hamburg an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun +brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir +das alles wohl verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar +vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers +Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der +Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem +Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; +sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und +Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg +wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter +Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war +doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu +sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch +meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit +getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im +Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. +Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die +Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich +an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des +Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, +selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und +hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und +setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein +ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete. + +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch +rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns +bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich +anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen +mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm +Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigende +Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das +Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine +Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule +an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des +Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, +welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. +Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen +Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt +schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber +wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu +bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern +mich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche +vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; +ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von +der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber +sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten +in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf +dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die +dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als +ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug +gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu +und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die +Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, +und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch +beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz +schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, +dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur +Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den +Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund +der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm, +an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein +schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen +aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und +verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen +sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie +toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und +schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor +dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem +Wirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte +den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in +Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und +schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich +um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ +er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; +ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde +der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn +mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen. + +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von +der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen +kühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die +Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den +leeren Stuhl hernieder. + +"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! +Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein +ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm +Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!" + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; +nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.-- +Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem +von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +"Glück in der Lieb +Und Glück im Spiel, +Bedenk, für einen +Ist's zu viel! + +"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß +sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen." + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel +von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch +und sah gar grimmig auf mich her. + +"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber +getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg." + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti +Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu +Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch +gewesen." + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein +mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers +Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit +mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht +lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!" +schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar +doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?" + +"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug +sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; +fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da +ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß +ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du +findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet +sehen!" + +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. +Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht +mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich +ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir +stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; +als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, +daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von +seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; +mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf +seinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es +noch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!" +Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der +Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle +springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings +meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem +Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das +Freie. + +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst +zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das +Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die +Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die +Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der +Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das +Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig +vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in +meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu +berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß +meines Bleibens hier nicht fürder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem +Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten +Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut +vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom +Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die +Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin +richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten +hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester; +erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe +nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir +aus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, +das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht +zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie +hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter +mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des +Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem +Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines +Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im +Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe +Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt +in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch +einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt +geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor +geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier +vergäßest." + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; +denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich +die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer +rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht +überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und +rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und +drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der +Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, +der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann +die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten, +war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht +mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter +geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben +schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte +suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; +aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich +her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, +und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören, +wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!-- +"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, +und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß +die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?" + +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich +gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll +Entsetzen in die Tiefe starrten. + +"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich +mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das +Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster +stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten +ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß +hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, +schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest +gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen +schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der +Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu +ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?" + +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl +fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!" + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, +fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was +ist das mit den Hunden?" + +"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, +es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal +durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den +Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie +ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir +uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina +sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen +Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei. + +"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit +ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?" + +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du, +Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß +geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort! +Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!" + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und +wir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich, +"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht +wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben." + +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte, +du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund +des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!" + +"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich +und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in +Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen +Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam +ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich +drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn +ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen +dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten +Junker!" + +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete +mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so +werd ich doch dein Weib auch werden müssen." + +--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine +Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von +dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein +verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes +Schoß. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings +stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und +wild davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der +Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, +dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf", +sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall +gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs +gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern +Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte. +Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern +war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll +ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich +ging nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten +um die Hecken fließt.-- + + +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die +schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. +Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von +Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete +die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern? + +--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne +krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen +hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten +der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann +aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst +geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das +Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald +uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen-- +stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel +aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum +Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen +bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren +Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter +einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach +mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern +gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daß +solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins +von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien +nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir +vorgegaukelt hätten. + +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob +ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt das +Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über +die Mauer in den Wald hinab. + +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine +Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. +Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über +mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich +all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun, +Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß +dein Leben nichts gilt als nur das ihre!' + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann +zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte +und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie +gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es +mußte auch gehen ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des +grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem +Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem +Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim +geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger +und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück +erreichen. + +--Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings +hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf +der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren +gestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber +da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und +auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß +geworfen hattet." + +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht +wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von +der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal +gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben." + +"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut +auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit +solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen." + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot +und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen +Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans +Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen +lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus +zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von +wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken +ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu +Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann +in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das +Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht +ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu +zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht +gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam +gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie +dort in unsre Kammer führen würde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie +zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich +die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich +nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß +die Zeit vergehe. + +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte +von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten +von dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und +verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt +war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei +unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann +ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den +Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich +anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst +gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon +leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde. + +Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? +Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, +ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung +durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam +nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den +Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. + +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach +dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, +begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig +auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; +sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit +unsern Junkern vorgehabt?" + +"Warum fragst du, Dieterich?" + +--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten +möcht." + +"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der +Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor +einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der +im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben +unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel +mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme +unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete +einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer +feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald +hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket +wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit +drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's +ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget." + +"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker +wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf +gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können." + +Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?" + +--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?" + +"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe." + +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehet +nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten, +was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath +gewußt!" + +"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. + +Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das +weiß nur unser Herrgott!" + +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei +eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum +befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war +hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart +Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und +zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen +ganzen Sinnen hier verweile. + +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des +Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu +mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren +Radschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den +Tollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn's nicht schon sein Gespenste ist!" + +"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm +trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in +Euere Kammer fahren!" + +--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!" + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, +Herr Junker!" + +Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich +erstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst +langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein +paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei +und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden +Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir +den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,-- +beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestien +solch Stück Arbeit nachgelassen!" + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker +schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf", +sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin +kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch +einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, +gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--" + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz +starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen +schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und +hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast +gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. + +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, +mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen +jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten +Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon +herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich +keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem +Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen +Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine +Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe +niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn +Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir +zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch +glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als +Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in +Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein +Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen +Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir +nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, +daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von +niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte +ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen +möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen, +aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen +auszurichten er mir dann gelobete. + +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, +gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die +letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; +langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der +holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar +liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort +zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren +Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet +waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher +wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich +gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein +sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn +dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, +daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um +auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen +einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes +war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner +Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was +vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.-- +Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen +willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte +in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte +Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste +auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann +mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. +Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine +Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine +grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber +statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an +Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor +nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, +an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon +die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie +mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut; +sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und +schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in +Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr +nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein +Malerpinsel." + +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, +hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach +dem alten Dieterich. + +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, +wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn +auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans +Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für +ihn auch besser so." + +"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!" + +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft +von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, +und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von +der Risch?" + +"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die +ihn schon zu Richte setzen wird." + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, +daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den +Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn +Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker +mit einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet +wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern +könnten!" + +"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer +aufs Herz. + +"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am +besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten +hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; +denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen +Spiel gemachet haben." + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig +worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. "Unglücksmann!" +schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina +sei mein Eheweib geworden?" + +"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich +schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht +die Rede so! Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im +Schloß nicht mehr gesehen worden." + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich +wisse nichts von alledem. + +Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, +es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in +großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas' +Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der +Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über +den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie +deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit +jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß +gewesen. + +--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll +nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte +Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum +machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester; +aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen +mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr +gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich +also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein +Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, +es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem +nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen +von Herrn Gerhardus' Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach +Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu +dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.-- +Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am +Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; +wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein +Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen +Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem +Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir +liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, +meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf +meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof +belegen ist. Aber das alles gehört ja der Vergangenheit. + +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der +Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte +nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer +aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft +in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und +zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer +erschienen. Es lautete wie folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem +Thürsims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich +allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen +Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter +blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute +gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er +nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des +Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine Mahnung sein, +ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit +meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so +ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, +dir nicht habe anvertrauen mögen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der +Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der +Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie +zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der +hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es +denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu +schauen ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus +Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, +sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit +allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem +einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat +der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte, +war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo +Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem +es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt +als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und +bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. +Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn +allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir +hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; +gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus +untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der +auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen, +obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von +meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe +Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben +mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft +nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und +sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem +Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da +ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, +und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.-- +Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; +als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich +zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn +Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem +Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen +mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit +entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich +auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster +setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt +hinabsah. Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die +Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und +Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast +mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper +müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand +keine Brüchen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren +rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und +feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen +und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte +wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie +ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die +Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war +es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend +Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. +Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen +Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein +paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus +Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott +und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in +dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?-- + + +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme +meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen +großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon +sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und +dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann +angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen +Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer +Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von +dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich +hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, +darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und +erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des +Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein +wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte, +daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters +halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber +meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes +einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er +eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen +allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er +sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu +machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte +Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben +viel darum. + +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten +auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen +aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen +konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen. + +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar +gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen +Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten +für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich +plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen +Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur +mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich +ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht +befindlich sei. + +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei +erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, +so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus +geschicket. + +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße +des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, +deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr +hinausbefördert werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn +ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer +Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen +wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er +nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit +Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der +Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land +gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben +haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, +der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete +mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend +adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben +aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der +Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über +die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits +ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese +Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von +grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze +Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen +mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor +mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- +und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See +heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei +gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich +willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!" +sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen +sehen." + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; +das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich +führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast +winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so +gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, +daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach +Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen +kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet, +und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie +oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern +Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der +Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er, +"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der +großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; +auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen, +auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus." + +Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch +ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.' + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt +dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die +zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde +er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort +vor unseren Augen ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich +mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl +eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier +in gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber +ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, +machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit." + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl +für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, +fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem +Bruder mir war gerühmet worden. + +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. "Da +kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus +der Kirche schaffen ließ." + +Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands +Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?" + +"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht +überliefert worden." + +--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu +suchen?" + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu +den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines +halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König +die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; +nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht +zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben +in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen +lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus +zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der +Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt +gebuhlt!" + +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber +danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine +edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide +nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend +antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto +rascheren Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und +schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, +dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch +habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm +erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser +Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese +letzten darin sollen beschlossen sein.-- + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der +Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, +antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße +ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar +überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den +Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses +Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte; +aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das +unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die +Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten +Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl +dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter +sein?'-- + +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt +man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier +und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. +Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von +Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die +Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den +Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche +Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, +in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden +und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihres +finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die +Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger +Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem +Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die +Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte +schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der +Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir +mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres +einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten +Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter +einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die +Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel, +so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das +Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem +dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit +Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren +Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen +blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne +denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon +gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, +mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen +aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!" +sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide +ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit; +aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und +wider stolpern." + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich +von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, +daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als +eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben +wie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem +Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen +unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret! +Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hören!" + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet." + +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt +ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so +wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte +verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker +aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein +peinlich Recht geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. +Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem +Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da +ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, +daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und +drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge. +Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser +Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch +so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von +der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den +todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der +Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund +in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem +Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben +und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt", +fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf +hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!" + +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage +erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, +wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, +daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen +Blättern niederschreiben werde. + +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von +meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, +allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon +geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der +Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer +bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem +Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben +bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen +mächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch +daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die +leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her +aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. +Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und +da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das +Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide +emporstieg. Da mußte ich meine Hände falten: + +O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnädig mit uns allen, +Die wir in Sünd gefallen, +Der du die Liebe bist!-- + +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide +führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre +kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort. + +"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen; +"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt." + +Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das +junge Satansmensch, verbrennen sehen. + +--"Aber die Hexe ist ja todt!" + +"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da +können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon +fürlieb nehmen."-- + +--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch +schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit +Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide, +obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth +verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den +Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. +Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt, +überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder +etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen +Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der +Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und +es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander. +'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein +Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die +Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der +Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich +seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des +Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich +unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen +blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters +alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. + +"Wo ist der Küster?" fragte ich. + +--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren." + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich +dahin geschlagen. + +"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie. + +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine +Schule, Trienke?" + +--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!" + +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein +Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters +Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete +über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber +drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, +ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein +ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die +Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im +Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet +sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten +Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach +habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus, +und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei +aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche +Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem +Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte +gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine +Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden +Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie +überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich +ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der +Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das +Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein +tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand +viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete denn +ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege +führen! + +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen +haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da +die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der +Küsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine +Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause +hinaus.-- + + +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses +von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe +dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube +dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer +wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten +hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von +gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst +der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach +sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des +Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, +da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie +es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die +Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen +angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun +heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such +derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!" + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja +längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend, +schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten +durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde +wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von +dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute +war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen. + +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann +kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen +hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt +auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor +dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: "Katharina!" + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich +einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als +ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig +vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer +fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich +wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß +du heute kommen würdest." + +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du +des Predigers Eheweib?" + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat +das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen +Namen." + +--"Mein Kind, Katharina?" + +"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß +gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet." + +--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du, +du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!" + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich +todtenbleich. + +"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf +meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen +Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du +wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will." + +--"Und kannst denn du so leben, Katharina?" + +"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was +ist denn mehr noch zu verlangen?" + +--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?" + +"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe: +mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!" + +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.-- +"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein +Leids geschehen!" + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. +"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem +Moose." + +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. +Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter +Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die +Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen: + +Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen. + +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und +geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie +leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!" + +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen +Mannes Weib; vergiß das nicht." + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. +"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe +bevor du sein geworden?" + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor +ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer +Leib!" + +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen +Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich +hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben +können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz +weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist +ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!" + +--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, +aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der +Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und +härter rief es: "Katharina!" + +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. +Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich +einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst +wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar +die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben." + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei +durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +"Was war das, Küster?" rief ich. + +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's." + +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?" +rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!" + +--"Was soll das heißen, Trienke?" + +"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus +dem Wasser ziehen." + +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle +Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich +bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das +weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus +wollte, trat er selber mir entgegen. + +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren +geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was +wollt Ihr?" sagte er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich +denn eigentlich? + +"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles +ausgeredet." + +Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich. + +Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen." + +--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!" + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er +mich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und +schreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer +armen Seelen Seligkeit!" + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber +des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!" +sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott +in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch +mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet +eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe +wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder +meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben +ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort die +Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub +ist!" + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so +geschehen möge. + +--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens +Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so +daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, +hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er +sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein +Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses! +Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen, +maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß +gar jämmerlichen Todes verfahren ist." + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber +es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieser +Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; +aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte +stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war +dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; +nun war's nur ein Entsetzen zu den andern. + +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; +ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich +mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu +Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als +sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte +die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich +zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte +der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über +mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den +Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken. + +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf +der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur +und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine +Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause +herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke +einer Stubenthür. + +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer +ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu +sein!" + +"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand +zurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr +drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der +anderen Seite des Flures; dann verließ er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es +war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor +ich öffnete. + + +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; +die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. +Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf +dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich +Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; +und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht +zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von +der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne +hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. +Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich +trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen +Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu +einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! +Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine +eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam +und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie +sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk +doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem +Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend +damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der +Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter +Leib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette +fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir +angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor +Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir +gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem +Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken +mögen. + +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr +Bildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also +nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie +selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch +hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte +Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brach +ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann +ging ich zurück zu unserem todten Kinde. + +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, +ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die +kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, +als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie +noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat +doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle +Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter +bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein, +mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe +zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, +ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer +Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als +deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen." + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte +ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in +ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis +Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit +dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend +Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause +fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die +Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein +leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen +bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht +enträthseln. + +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum +Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied +nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne. + +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden +Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da +öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir +herein. + +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen +und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des +kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. +Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes +fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, +wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: +"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!" + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich +hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten +Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre +nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar. + +"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die +Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte +er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen +gnädig sein!" + +--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, +das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein +todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir +in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich +wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung +tösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm +ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir +immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus +aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft +vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er +in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner +engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des +großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt +Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts +nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden. +Aquis submersus + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm. + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + +***** This file should be named 8889-8.txt or 8889-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/8/8/8/8889/ + +Produced by an anonymous Project Gutenberg volunteer from +files obtained from Gutenbert Projekt-DE. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/8889-8.zip b/old/8889-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..51d1d0a --- /dev/null +++ b/old/8889-8.zip diff --git a/old/8aqsb10.txt b/old/8aqsb10.txt new file mode 100644 index 0000000..bf34200 --- /dev/null +++ b/old/8aqsb10.txt @@ -0,0 +1,3284 @@ +The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Aquis Submersus + +Author: Theodor Storm + +Release Date: September, 2005 [EBook #8889] +[This file was first posted on August 21, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Aquis submersus + +Theodor Storm + +Novelle (1876) + + +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren +schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile +angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen +ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen, +so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie +gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu +treffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach +dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der +nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette +eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im +Wege steht. + +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten +Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu +ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel +schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, +kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher +belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine +von den Stätten meiner Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am +Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu +unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals auf +der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig, +wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach +der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten +auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen +Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne +goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des +harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends +sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; +hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch +um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den +langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem +dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, +aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden +Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten +wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der +Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur +die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende +Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des +bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des +Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns +erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel", +zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit +dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der +Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche +abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden +die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer +tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht +umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir +"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere +auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus +Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer +geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen +Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem +des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn +wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren +Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine +freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil +wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel, +in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur +den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis +auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine +dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in +der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit +nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den +Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war, +in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen +Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten +und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach +des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut +und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, +die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste +Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon +der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß +er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, +die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst +vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen +Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, +an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und +Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung +aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, +auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi +dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas +oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um +des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im +Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das +holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte +leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing +im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, +eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen +besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen +bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem +Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des +Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor +diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen +und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen +Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in +der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. +Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein +phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben +des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten; +selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des +Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks +gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. + +--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien +dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. +Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines +Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; +da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde +weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren +trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube +rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die +aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in +Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem +westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht +gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig +umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig +holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche +besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit +roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis +jetzt entgangen waren. + +"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +"aber wir können sie nicht enträtseln." + +"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und +nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten +Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder +wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem +vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit! +Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert +ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen +Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer; +wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß +gefährlich." + +Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auch +wohl 'Culpa' heißen?" + +"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen +Schuld?" + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, +und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?" + +Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund", +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld +des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen +seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er +dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen." + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor +ein Geheimnis der Vergangenheit. + +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich +vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche +gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; +daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler +altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich +jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher +in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und +wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. +Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein +Malerzeichen. + +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb +der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später +ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; +ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da, +als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, +daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei +guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit +gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen +fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; +denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit +mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. +Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand +sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer +alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche +Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit +Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen +Gast dafür gewünscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein +ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen +beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen +Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zwei +uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, +da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne +Aussicht ganz verdeckt hätten. + +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während +wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des +Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines +Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze +Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte +einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie +diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche +sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem +Kriegshandwerke beschäftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in +mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben +in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden +Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja +längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrückt hatte. + +"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich +bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner +Auseinandersetzung innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es +sind noch andre Siebensachen von ihm da." + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, +auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich +eingeschnitten waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel +der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen. + +"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich. + +"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie +die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; +Wert steckt nicht darin." + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich +mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl +setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, +doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine +Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke +hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich +fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der +See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar +Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den +tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über +Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den +Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; +einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch +itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar +fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher +Degen fehlte nicht an meiner Hüfte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn +Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der +Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit +seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!" + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war +auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, +so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, +wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung +einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather +gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater +doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen +seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu +verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel +aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter +dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister +van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf +seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu +danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, +war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß +die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum +Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja +selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. +Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun +zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; +manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem +Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung +niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem +Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen +trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen +möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; +dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom +Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber +tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker +Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein +edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber +angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben +Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er +mir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt in +seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit +rechter Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft +des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen +Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen +eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den +zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen. + +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann +seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und +flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft. + +"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es +sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende +Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. +Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen +einzig Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum +ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein +neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; +ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens +aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein +Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen +zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen, +und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort +in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du +ja nicht schießen!" + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem +Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille +stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie +entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft. + +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen +Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein +erhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder. +"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub +gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannte +ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf +dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd +Vöglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit +einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. +Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt +von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen +Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr +Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und +Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune +Herrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst; +sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast +allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei +merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern +gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes, +der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen +oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich +in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern +des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals +zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn +stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner +Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier +verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes +Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn +sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier +beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur +Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ +das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen +Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken +mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, +mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, +den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein +alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei +seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten +Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf +alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer +widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich +aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er" +oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden +Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, +obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und +Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein +spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich, +Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!' +Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor +noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie +ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig +Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder +zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und +flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem +jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie +wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! +Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei +den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. +Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er +zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise +nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde +dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen +Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu +gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg +nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß +Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön +erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre +Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas' +Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da +ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes", +sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem +Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, +traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und +sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort. + + +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne +ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und +stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den +Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam +vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn +mich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!" +sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in +stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem +Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie +hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth +des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing +ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit dem +Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen +fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in +meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und +du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was +reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und +wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich +sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der +Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. +Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ich +das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner +Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei, +das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in +Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine +Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal +rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender +Nacht erreichte ich die Stadt. + +--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute +alles wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten +Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des +Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg +gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit +Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein +erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen +Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem +Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar +traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen +von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür, +so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine +sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich +hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine +beiden Hände. + +"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet +Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?" + +"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker +hergebracht." + +"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte. + +"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg +her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben." + +"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!" + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der +gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen." + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in +den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret +mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post +von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden +können." + +"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!" + +"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn +unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, +und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders +werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet +Schweigen." + +Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!" +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. + +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine +kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt +war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über +den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam +oben aus den Lindenwipfeln. + +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der +Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten +Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er +itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem +Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des +Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen +herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O +Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und +über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es +war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht +des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das +spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe; +aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein, +und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam +ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst +zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und +lehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden +Züge festzuhalten suchen." + +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu +mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf +einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine +vor der Majestät des Todes. + +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich +für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie +nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und +einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt +deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten +Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte +gingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, +wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, +so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben +Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fühlte, wie ihr junger Körper bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte +den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth +und aufgedunsen schien. + +"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester. +"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!" + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu +ihm trat; "es ist Johannes, Wulf" + +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er +musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da +einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren +müssen!" + +"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr' +vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn +hat großes Recht an mir." + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so +magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und +soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein." + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst +vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, +wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für +Arbeit er mir aufzutragen hätte. + +"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus +verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben." + +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite +ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich +entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr +denn, Junker Wulf?" + +"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!" + +Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über +den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem +Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick +mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir +vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines +Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein +Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll +geschehen, was Ihr wünschet." + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie +möge einen Imbiß für mich richten lassen. + +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber +ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war +plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, +sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo +grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den +heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf +und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie +heulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief er +lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder +Flandrisch Tuch!" + +"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--, +"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget +Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!" + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar +Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß, +Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die +Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein ander +Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den +hetz ich in des Teufels Rachen!" + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich +hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den +Hof dem Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, +die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die +Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen +wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir +in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles, +wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die +Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen, +über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren +Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben +daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des +Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und, +obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete, +doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da +ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, +und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt +hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte +sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und +seine grimmen Hunde?" + +"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres +Vaters Haus?" + +"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden +Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. +"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! +Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang +hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen, +hilf mir!" + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel +ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle +meine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren +Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des +Entschlafenen Gedächtniß. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch +dem alten Fräulein nach. + +"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, +die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich." + +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf +den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der +Erde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und +Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem +hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie +nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben +war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung +mitgebracht. + +"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie +behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er +wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu +très-compliqué!" + +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. +"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn +nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?" + +"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor +trat, wußte ich es nicht." + +"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret +Er ja auch nicht zur Dienerschaft." + +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von +dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach +dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den +Scheiben. + +Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, +die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne +ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu +abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im +Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der +Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. + +--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, +es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. + +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem +alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir +auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, +von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche +Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und +holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die +fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen +Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können, +brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an. + +"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß +Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!" + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr +Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich +bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet." + +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, +fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann +geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "Wollet +Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denen +muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die +Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat +treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu +spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin +den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht +mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich +Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am +Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat +also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im +blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr +mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die +Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und +dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, +Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt." + +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon +mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner +Rede Schluß gemacht. + +--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt +gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich +anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die +Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, +es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach +ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von +lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem +Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern +des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und +Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene +Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, +in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem +Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in +verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es +später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier +in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters +ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden +Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; +wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker +Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! +Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über +hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den +Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon +als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen +sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte +zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar +wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon +heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese +ist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und +drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich +wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen +Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling +soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die +beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und +den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren +hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, +so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den +Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und +Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. +Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte +sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke +festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus +wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu +wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche +des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine +bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen +dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute +aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen +aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker +Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl +nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in +der Kürze alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk +begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu +belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam +Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, +und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran +geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, +solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden +ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, +die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu +stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten +Tagen angefertigt. + + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, +öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina +trat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich +empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen; +aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das +junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf. + +"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen; +duldet Ihr's auch gern?" + +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte +leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?" + +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein, +Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet +Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! +Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zu +sagen!" + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr +noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen +niederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob +dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm +zerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf +mir wider den!" + +"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!" + +--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich +zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich +den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg +hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; +aber ich weiß, auch das wird er nicht halten." + +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus' +einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und +Zuflucht anzugehen sei. + +Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?-- +Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, +und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth +meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, +wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der +gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket." + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, +und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen +wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter +vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen +Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den +Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete. +Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern. + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der +Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was +ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie +an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein +und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der +Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, +bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. +Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm +getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt; +nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne +Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr +vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf +den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so +trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend." +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus' +Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater +war!" + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand +malete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und +jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so +nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wünschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen +Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken. + +--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der +Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den +Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im +Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut +wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille +stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem +Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte +ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr +erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner +Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem +Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann +gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus +mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei +blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde +Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.-- +Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch +wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch +floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir +selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor +und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und +endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen +sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch +einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; +wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich +noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die +schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in +Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte +Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen +Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt. +Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket. + +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja +fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?" + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die, +Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen." + +"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und +gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die +Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat +sie hier gehauset." + +"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen." + +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagte +sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der +nachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es +gewesen sein." + +"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen +aus dem Boden." + +"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht +sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem +Gartensumpf verschwinden." + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen +des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?" + +"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl." + +--"War es denn ein gar so übler Mann?" + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes +Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte sie +beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie +hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht +ihres Standes." + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit +gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem +Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild +gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht +malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?" + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da +war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem +Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auch +dich verflucht?" + +Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an +meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der +Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich +mühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns +deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette +zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die +wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. +"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu +besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!" + +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen +die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft +Bedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild, +das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, +zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug +mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie +sie da im Bilde sitzet?" + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht +bloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an +unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn +ihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl +bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "Deine +Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir +nicht wohl gedienet." + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!-- +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!" + +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig +Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; +kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden +konnten. + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. +Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der +Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer +von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den +Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der +oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten +abends bei guter Zeit in Hamburg an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun +brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir +das alles wohl verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar +vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers +Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der +Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem +Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; +sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und +Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg +wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter +Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war +doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu +sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch +meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit +getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im +Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. +Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die +Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich +an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des +Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, +selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und +hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und +setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein +ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete. + +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch +rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns +bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich +anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen +mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm +Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigende +Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das +Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine +Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule +an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des +Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, +welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. +Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen +Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt +schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber +wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu +bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern +mich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche +vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; +ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von +der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber +sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten +in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf +dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die +dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als +ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug +gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu +und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die +Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, +und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch +beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz +schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, +dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur +Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den +Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund +der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm, +an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein +schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen +aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und +verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen +sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie +toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und +schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor +dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem +Wirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte +den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in +Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und +schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich +um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ +er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; +ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde +der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn +mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen. + +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von +der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen +kühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die +Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den +leeren Stuhl hernieder. + +"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! +Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein +ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm +Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!" + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; +nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.-- +Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem +von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +"Glück in der Lieb +Und Glück im Spiel, +Bedenk, für einen +Ist's zu viel! + +"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß +sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen." + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel +von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch +und sah gar grimmig auf mich her. + +"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber +getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg." + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti +Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu +Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch +gewesen." + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein +mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers +Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit +mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht +lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!" +schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar +doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?" + +"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug +sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; +fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da +ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß +ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du +findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet +sehen!" + +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. +Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht +mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich +ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir +stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; +als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, +daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von +seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; +mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf +seinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es +noch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!" +Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der +Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle +springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings +meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem +Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das +Freie. + +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst +zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das +Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die +Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die +Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der +Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das +Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig +vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in +meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu +berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß +meines Bleibens hier nicht fürder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem +Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten +Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut +vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom +Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die +Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin +richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten +hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester; +erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe +nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir +aus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, +das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht +zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie +hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter +mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des +Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem +Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines +Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im +Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe +Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt +in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch +einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt +geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor +geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier +vergäßest." + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; +denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich +die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer +rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht +überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und +rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und +drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der +Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, +der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann +die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten, +war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht +mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter +geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben +schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte +suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; +aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich +her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, +und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören, +wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!-- +"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, +und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß +die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?" + +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich +gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll +Entsetzen in die Tiefe starrten. + +"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich +mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das +Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster +stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten +ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß +hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, +schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest +gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen +schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der +Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu +ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?" + +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl +fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!" + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, +fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was +ist das mit den Hunden?" + +"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, +es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal +durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den +Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie +ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir +uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina +sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen +Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei. + +"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit +ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?" + +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du, +Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß +geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort! +Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!" + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und +wir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich, +"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht +wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben." + +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte, +du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund +des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!" + +"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich +und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in +Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen +Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam +ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich +drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn +ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen +dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten +Junker!" + +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete +mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so +werd ich doch dein Weib auch werden müssen." + +--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine +Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von +dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein +verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes +Schoß. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings +stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und +wild davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der +Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, +dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf", +sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall +gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs +gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern +Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte. +Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern +war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll +ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich +ging nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten +um die Hecken fließt.-- + + +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die +schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. +Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von +Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete +die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern? + +--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne +krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen +hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten +der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann +aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst +geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das +Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald +uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen-- +stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel +aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum +Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen +bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren +Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter +einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach +mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern +gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daß +solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins +von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien +nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir +vorgegaukelt hätten. + +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob +ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt das +Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über +die Mauer in den Wald hinab. + +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine +Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. +Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über +mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich +all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun, +Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß +dein Leben nichts gilt als nur das ihre!' + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann +zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte +und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie +gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es +mußte auch gehen ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des +grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem +Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem +Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim +geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger +und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück +erreichen. + +--Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings +hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf +der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren +gestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber +da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und +auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß +geworfen hattet." + +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht +wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von +der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal +gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben." + +"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut +auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit +solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen." + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot +und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen +Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans +Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen +lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus +zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von +wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken +ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu +Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann +in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das +Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht +ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu +zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht +gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam +gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie +dort in unsre Kammer führen würde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie +zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich +die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich +nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß +die Zeit vergehe. + +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte +von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten +von dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und +verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt +war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei +unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann +ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den +Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich +anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst +gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon +leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde. + +Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? +Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, +ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung +durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam +nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den +Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. + +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach +dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, +begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig +auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; +sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit +unsern Junkern vorgehabt?" + +"Warum fragst du, Dieterich?" + +--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten +möcht." + +"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der +Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor +einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der +im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben +unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel +mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme +unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete +einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer +feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald +hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket +wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit +drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's +ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget." + +"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker +wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf +gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können." + +Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?" + +--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?" + +"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe." + +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehet +nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten, +was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath +gewußt!" + +"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. + +Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das +weiß nur unser Herrgott!" + +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei +eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum +befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war +hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart +Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und +zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen +ganzen Sinnen hier verweile. + +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des +Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu +mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren +Radschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den +Tollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn's nicht schon sein Gespenste ist!" + +"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm +trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in +Euere Kammer fahren!" + +--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!" + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, +Herr Junker!" + +Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich +erstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst +langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein +paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei +und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden +Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir +den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,-- +beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestien +solch Stück Arbeit nachgelassen!" + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker +schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf", +sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin +kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch +einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, +gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--" + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz +starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen +schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und +hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast +gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. + +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, +mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen +jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten +Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon +herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich +keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem +Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen +Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine +Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe +niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn +Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir +zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch +glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als +Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in +Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein +Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen +Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir +nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, +daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von +niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte +ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen +möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen, +aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen +auszurichten er mir dann gelobete. + +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, +gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die +letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; +langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der +holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar +liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort +zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren +Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet +waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher +wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich +gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein +sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn +dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, +daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um +auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen +einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes +war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner +Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was +vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.-- +Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen +willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte +in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte +Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste +auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann +mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. +Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine +Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine +grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber +statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an +Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor +nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, +an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon +die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie +mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut; +sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und +schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in +Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr +nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein +Malerpinsel." + +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, +hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach +dem alten Dieterich. + +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, +wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn +auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans +Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für +ihn auch besser so." + +"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!" + +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft +von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, +und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von +der Risch?" + +"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die +ihn schon zu Richte setzen wird." + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, +daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den +Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn +Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker +mit einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet +wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern +könnten!" + +"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer +aufs Herz. + +"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am +besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten +hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; +denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen +Spiel gemachet haben." + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig +worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. "Unglücksmann!" +schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina +sei mein Eheweib geworden?" + +"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich +schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht +die Rede so! Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im +Schloß nicht mehr gesehen worden." + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich +wisse nichts von alledem. + +Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, +es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in +großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas' +Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der +Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über +den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie +deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit +jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß +gewesen. + +--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll +nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte +Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum +machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester; +aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen +mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr +gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich +also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein +Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, +es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem +nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen +von Herrn Gerhardus' Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach +Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu +dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.-- +Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am +Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; +wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein +Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen +Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem +Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir +liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, +meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf +meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof +belegen ist. Aber das alles gehört ja der Vergangenheit. + +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der +Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte +nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer +aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft +in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und +zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer +erschienen. Es lautete wie folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem +Thürsims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich +allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen +Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter +blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute +gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er +nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des +Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine Mahnung sein, +ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit +meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so +ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, +dir nicht habe anvertrauen mögen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der +Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der +Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie +zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der +hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es +denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu +schauen ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus +Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, +sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit +allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem +einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat +der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte, +war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo +Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem +es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt +als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und +bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. +Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn +allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir +hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; +gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus +untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der +auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen, +obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von +meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe +Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben +mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft +nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und +sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem +Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da +ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, +und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.-- +Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; +als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich +zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn +Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem +Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen +mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit +entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich +auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster +setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt +hinabsah. Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die +Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und +Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast +mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper +müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand +keine Brüchen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren +rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und +feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen +und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte +wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie +ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die +Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war +es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend +Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. +Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen +Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein +paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus +Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott +und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in +dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?-- + + +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme +meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen +großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon +sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und +dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann +angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen +Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer +Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von +dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich +hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, +darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und +erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des +Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein +wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte, +daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters +halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber +meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes +einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er +eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen +allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er +sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu +machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte +Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben +viel darum. + +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten +auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen +aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen +konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen. + +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar +gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen +Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten +für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich +plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen +Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur +mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich +ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht +befindlich sei. + +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei +erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, +so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus +geschicket. + +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße +des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, +deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr +hinausbefördert werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn +ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer +Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen +wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er +nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit +Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der +Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land +gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben +haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, +der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete +mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend +adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben +aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der +Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über +die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits +ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese +Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von +grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze +Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen +mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor +mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- +und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See +heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei +gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich +willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!" +sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen +sehen." + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; +das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich +führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast +winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so +gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, +daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach +Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen +kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet, +und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie +oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern +Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der +Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er, +"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der +großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; +auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen, +auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus." + +Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch +ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.' + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt +dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die +zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde +er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort +vor unseren Augen ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich +mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl +eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier +in gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber +ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, +machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit." + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl +für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, +fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem +Bruder mir war gerühmet worden. + +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. "Da +kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus +der Kirche schaffen ließ." + +Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands +Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?" + +"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht +überliefert worden." + +--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu +suchen?" + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu +den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines +halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König +die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; +nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht +zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben +in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen +lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus +zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der +Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt +gebuhlt!" + +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber +danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine +edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide +nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend +antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto +rascheren Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und +schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, +dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch +habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm +erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser +Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese +letzten darin sollen beschlossen sein.-- + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der +Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, +antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße +ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar +überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den +Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses +Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte; +aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das +unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die +Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten +Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl +dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter +sein?'-- + +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt +man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier +und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. +Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von +Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die +Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den +Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche +Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, +in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden +und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihres +finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die +Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger +Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem +Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die +Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte +schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der +Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir +mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres +einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten +Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter +einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die +Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel, +so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das +Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem +dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit +Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren +Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen +blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne +denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon +gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, +mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen +aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!" +sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide +ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit; +aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und +wider stolpern." + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich +von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, +daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als +eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben +wie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem +Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen +unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret! +Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hören!" + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet." + +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt +ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so +wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte +verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker +aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein +peinlich Recht geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. +Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem +Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da +ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, +daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und +drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge. +Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser +Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch +so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von +der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den +todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der +Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund +in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem +Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben +und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt", +fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf +hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!" + +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage +erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, +wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, +daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen +Blättern niederschreiben werde. + +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von +meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, +allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon +geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der +Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer +bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem +Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben +bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen +mächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch +daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die +leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her +aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. +Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und +da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das +Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide +emporstieg. Da mußte ich meine Hände falten: + +O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnädig mit uns allen, +Die wir in Sünd gefallen, +Der du die Liebe bist!-- + +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide +führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre +kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort. + +"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen; +"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt." + +Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das +junge Satansmensch, verbrennen sehen. + +--"Aber die Hexe ist ja todt!" + +"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da +können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon +fürlieb nehmen."-- + +--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch +schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit +Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide, +obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth +verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den +Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. +Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt, +überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder +etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen +Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der +Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und +es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander. +'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein +Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die +Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der +Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich +seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des +Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich +unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen +blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters +alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. + +"Wo ist der Küster?" fragte ich. + +--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren." + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich +dahin geschlagen. + +"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie. + +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine +Schule, Trienke?" + +--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!" + +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein +Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters +Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete +über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber +drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, +ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein +ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die +Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im +Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet +sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten +Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach +habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus, +und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei +aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche +Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem +Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte +gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine +Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden +Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie +überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich +ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der +Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das +Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein +tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand +viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete denn +ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege +führen! + +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen +haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da +die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der +Küsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine +Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause +hinaus.-- + + +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses +von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe +dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube +dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer +wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten +hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von +gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst +der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach +sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des +Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, +da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie +es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die +Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen +angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun +heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such +derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!" + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja +längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend, +schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten +durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde +wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von +dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute +war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen. + +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann +kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen +hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt +auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor +dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: "Katharina!" + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich +einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als +ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig +vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer +fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich +wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß +du heute kommen würdest." + +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du +des Predigers Eheweib?" + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat +das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen +Namen." + +--"Mein Kind, Katharina?" + +"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß +gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet." + +--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du, +du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!" + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich +todtenbleich. + +"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf +meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen +Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du +wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will." + +--"Und kannst denn du so leben, Katharina?" + +"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was +ist denn mehr noch zu verlangen?" + +--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?" + +"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe: +mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!" + +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.-- +"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein +Leids geschehen!" + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. +"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem +Moose." + +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. +Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter +Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die +Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen: + +Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen. + +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und +geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie +leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!" + +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen +Mannes Weib; vergiß das nicht." + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. +"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe +bevor du sein geworden?" + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor +ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer +Leib!" + +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen +Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich +hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben +können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz +weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist +ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!" + +--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, +aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der +Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und +härter rief es: "Katharina!" + +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. +Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich +einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst +wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar +die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben." + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei +durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +"Was war das, Küster?" rief ich. + +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's." + +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?" +rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!" + +--"Was soll das heißen, Trienke?" + +"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus +dem Wasser ziehen." + +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle +Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich +bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das +weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus +wollte, trat er selber mir entgegen. + +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren +geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was +wollt Ihr?" sagte er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich +denn eigentlich? + +"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles +ausgeredet." + +Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich. + +Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen." + +--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!" + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er +mich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und +schreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer +armen Seelen Seligkeit!" + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber +des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!" +sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott +in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch +mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet +eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe +wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder +meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben +ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort die +Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub +ist!" + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so +geschehen möge. + +--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens +Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so +daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, +hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er +sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein +Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses! +Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen, +maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß +gar jämmerlichen Todes verfahren ist." + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber +es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieser +Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; +aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte +stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war +dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; +nun war's nur ein Entsetzen zu den andern. + +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; +ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich +mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu +Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als +sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte +die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich +zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte +der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über +mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den +Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken. + +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf +der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur +und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine +Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause +herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke +einer Stubenthür. + +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer +ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu +sein!" + +"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand +zurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr +drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der +anderen Seite des Flures; dann verließ er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es +war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor +ich öffnete. + + +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; +die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. +Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf +dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich +Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; +und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht +zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von +der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne +hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. +Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich +trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen +Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu +einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! +Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine +eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam +und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie +sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk +doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem +Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend +damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der +Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter +Leib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette +fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir +angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor +Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir +gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem +Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken +mögen. + +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr +Bildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also +nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie +selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch +hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte +Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brach +ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann +ging ich zurück zu unserem todten Kinde. + +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, +ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die +kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, +als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie +noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat +doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle +Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter +bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein, +mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe +zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, +ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer +Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als +deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen." + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte +ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in +ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis +Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit +dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend +Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause +fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die +Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein +leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen +bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht +enträthseln. + +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum +Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied +nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne. + +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden +Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da +öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir +herein. + +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen +und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des +kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. +Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes +fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, +wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: +"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!" + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich +hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten +Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre +nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar. + +"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die +Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte +er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen +gnädig sein!" + +--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, +das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein +todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir +in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich +wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung +tösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm +ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir +immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus +aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft +vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er +in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner +engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des +großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt +Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts +nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden. +Aquis submersus + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm. + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + +This file should be named 8aqsb10.txt or 8aqsb10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8aqsb11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8aqsb10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. 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