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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:31:23 -0700 |
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+ + + +HIN UND HER + +Ein Buch fuer die Kinder + +Zusammengestellt von H. H. FICK + +Supervisor of German, Cincinnati Public Schools + + + + + + + +INHALT + + + 1. Am Morgen + 2. Der Tag bricht an + 3. Der Hahnenruf + 4. Beim Fruehstueck + 5. Zur Schule + 6. Bruder und Schwester + 7. Der Specht + 8. Die Uhr + 9. Schuleifer + 10. Raetsel + 11. Unser Hof + 12. Die Haustiere + 13. Sprueche + 14. Die Aepfel + 15. Peter Faulpelz + 16. Der Knabe am Bache + 17. Daheim + 18. Der Bau des Hauses + 19. Die Wohnung der Maus + 20. Karls Hase + 21. Das Lied vom Monde + 22. Das Mueckchen und das Maedchen + 23. Nasch-Ernst + 24. Der blinde Geiger + 25. Das Brot im Weg + 26. Die schoenen Drei + 27. Das Vogelnest + 28. Der Drache + 29. Die Voeglein + 30. Vom Haenschen + 31. Sprueche + 32. Die Schnecke + 33. Die Henne und die Entlein + 34. Die Tageszeiten + 35. Kind und Sonne + 36. Sonne und Regen + 37. Astern + 38. Raetsel + 39. Voegel und Blumen + 40. Danksagungstag + 41. Vom Vater + 42. Die vier Brueder + 43. Die zwoelf Monate + 44. Die Blaetter tanzen + 45. Die vier Jahreszeiten + 46. Winters Ankunft + 47. Der Tannenbaum + 48. Vogel am Fenster + 49. Das Bueblein auf dem Eise + 50. Raetsel + 51. Weihnachtsfreude + 52. Schneesterne + 53. Brief vom Weihnachtsmann + 54. Zu Neujahr + 55. Verstehst du das? + 56. Der Schneemann + 57. Maerz + 58. Ostergruss + 59. Der Osterhase + 60. Der Obstgarten + 61. Sprueche + 62. Die Voegel im Fruehlinge + 63. Das rote Huehnchen + 64. Raetsel + 65. Der naseweise Bello + 66. Heil, Amerika! + 67. Petersilie + 68. Das Kind und sein Bluemchen + 69. Nachlaessigkeit + 70. Ein Raetsel + 71. Was wuerdest du tun? + 72. Was wollen wir spielen? + 73. Die schlaue Katze + 74. Kannst du es sagen? + 75. Der Sperling + 76. Das Pferd und der Esel + 77. Der kluge Star + 78. Der Apfelbaum + 79. Der Hase und der Fuchs + 80. Sprueche + 81. Der Hase und die Schildkroete + 82. Hasenbraten + 83. Der Schein truegt + 84. Der Frosch + 85. Vom listigen Grasmuecklein ein lustiges Stuecklein + 86. Ein toerichter Streit + 87. Herr Wind! Herr Wind! + 88. Das Fuenkchen + 89. Raetsel + 90. Das Gaensebluemchen + 91. Die gruene Stadt + 92. Deutschland + 93. Sonnenschein + 94. Die Koenigin Luise + 95. Das goldene Schloss + 96. Die kleinen Muessiggaenger + 97. Der gute Kamerad + 98. Der Goldbaum + 99. Gerettet +100. Sprueche + + + + +1. AM MORGEN. + + Die Erd' erwacht, die Sonne lacht + Sie an mit hellem Schein + Und ruft ihr zu: komm aus der Ruh', + Der ganze Tag ist dein. + Guten Morgen. + + + + +2. DER TAG BRICHT AN. + +Es ist dunkel. Am Himmel leuchten die Sterne. Zwischen ihnen steht +der Mond. Nun wird es langsam heller. Im Osten zeigt sich ein lichter +Schein. Das ist die Morgendaemmerung. Die meisten Leute schlafen noch +fest, aber der Hahn ist wach und kraeht ganz laut. Bald steigt die +Sonne empor. Dann ist es Tag. Die Voegel sind erwacht und zwitschern. +Jetzt stehen auch die Menschen von ihrem Lager auf und gehen gestaerkt +an die Arbeit. Die Tiere im Freien suchen ihre Nahrung und das Vieh +im Hofe bekommt sein Futter. Im Garten und auf den Wiesen glaenzt der +Tau. Alles ist neubelebt. + + + + +[Illustration] + + +3. DER HAHNENRUF. + + Im ersten Hofe kraeht der Hahn, + Da faengt auch gleich der zweite an + Und denkt: "Haett' ich's zuerst getan!" + Doch, wie der zweite kaum beginnt, + Kraeht schon der dritte Hahn geschwind. + Der viert' und fuenfte faul nicht sind + Und fallen schnell ins Lied mit ein, + Denn jeder will der erste sein, + Und jeder will am schoensten schrei'n.-- + Bald rufen alle in der Rund', + Als staenden sie zusamm' im Bund, + Und tun die Morgenstunde kund + Aus voller Kehle laut und schnell: + "Die Nacht entweicht, der Tag wird hell. + Kikeriki! Kikeriki! Wir sind zur Stell'!" + So soll'n auch wir in allen Sachen, + Wo's gilt, zum guten zu erwachen, + Es wie der Hahn am Morgen machen. + + + + +4. BEIM FRUEHSTUECK + +_Mutter_: Papa, Karl, Emma und Klara, hurtig, kommt zu Tisch! +Das Fruehstueck ist aufgetragen! + +_Papa_: Sieh! Da bin ich schon. Guten Morgen! + +_Emma_ und _Klara_: Liebe Mama und lieber Papa, Wir sind +auch bereit und wuenschen euch einen recht guten Morgen! + +_Mutter_ und _Vater_: Vielen Dank, ihr Kinder! Wo steckt +aber der Karl? + +_Emma_ und _Klara_: Da kommt er! + +_Karl_: Seid nicht boese, liebe Eltern, ich habe mich +verschlafen. Es soll aber gewiss nicht wieder geschehen! + +_Mutter_: Schon gut! Setzt euch alle. Schaut, dass der Papa +bedient wird! Emma, reiche doch das Brot herueber und gib mir die +Butter. Nun, trinkt eure Milch! Klara und Emma, fuer euch habe ich ein +Stueck Kuchen. + +_Karl_: Bekomme ich nicht auch eins? + +Mutter: Du bist zu spaet gekommen! Dafuer musst du Strafe leiden. Heute +ist fuer dich nur Brot vorhanden. + +_Karl_: Ach, liebe Mama! Ich bin so hungrig! + +_Mutter_: Ei! Hungern sollst du nicht. Da ist eine Semmel und +dann habe ich auch noch ein Ei fuer dich. Aber der Kuchen ist nur fuer +die puenktlichen Leute da, merke dir das! So, seid ihr nun alle +fertig? + +_Kinder_: Jawohl, Mama! + +_Mutter_: Stellt eure Stuehle an ihre Plaetze! Jetzt koennt ihr +gehen! Du, Karl, holst dem Vater noch die Zeitung herein! + +_Karl_: Gerne, liebe Mutter! + +_Kinder_: Ade, Papa! Leb wohl, Mama! Heute mittag sehen wir uns +wieder! + + + + +5. ZUR SCHULE. + + Nun hurtig vom Stuhle + Und schnell in die Schule; + Es ist an der Zeit. + Holt Huete und Kappen, + Bringt Tafeln und Mappen; + Nehmt auch fuer die Pause + + Euch etwas zum Schmause; + So, Kinder, jetzt seid + Zur Arbeit bereit! + + + + +6. BRUDER UND SCHWESTER. + +Es ist Morgen. Die Nacht hindurch hat es geregnet und immer noch +fallen einzelne Tropfen. Seit einigen Tagen besucht der kleine +Wilhelm die Schule. Er hat einen neuen Anzug, eine huebsche Muetze und +einen bunten Schulsack erhalten. Wie leid tut es ihm, dass alles vom +Regen soll nass werden. Da kommt die gute Schwester Emilie. Sie muss +fuer die Mutter noch einen Gang auf den Markt machen. Nun will sie den +Bruder unter den Schirm nehmen und ihn bis an das Schulgebaeude +begleiten. Wilhelm fasst die Schwester am Kleide, und sie treten in +die Tuere. Aber, siehe da, der Regen hoert auf und als Emilie +vorsichtig die Hand ausstreckt, kann sie kein Troepfchen mehr spueren. +Da darf auch der zottige Spitz mit ins Freie. + +[Illustration] + + + + + +7. DER SPECHT. + + Herr Specht! so frueh schon klopfest du! + Was stoerte dich denn aus der Ruh'? + Es herrscht noch Stille im Erdenraum-- + Du haemmerst schon am Fichtenbaum. + + "Ist es auch frueh, ist's nie zu frueh, + An Arbeit fehlt's dem Fleiss'gen nie,-- + Wer Tages etwas will gewinnen, + Der muss recht fruehe schon beginnen." + + + + +8. DIE UHR. + +Eben hatte es sieben geschlagen. Die Mutter ging in die Kammer, um +den kleinen Leo zu wecken. Der war aber schon wach und sass aufrecht +im Bette. "Ei, Leo!" sagte die Mutter, "Wie kommt denn das? Sonst muss +ich dich viele Male rufen und schuetteln, und heute bist du ganz +munter!" "Ach, denke nur, liebe Mama," sagte Leo, "ich War ja auch +noch so muede und haette gerne laenger geschlafen. Aber da hatte auf +einmal die grosse Uhr dort an der Wand ein Gesicht wie ein Mensch, und +machte immerfort: Auf! raus! Auf! raus! Nun hatte ich Angst, liegen +zu bleiben und wollte aufstehen. Jetzt hoerte ich die Uhr ganz +deutlich sagen: Recht so! Recht so! und sie sah wieder freundlich +aus!" + +[Illustration] + + + + + +9. SCHULEIFER. + + Im Winter, wenn es frieret, + Im Winter, wenn es schneit, + Dann ist der Weg zur Schule + Fuerwahr noch mal so weit. + + Und wenn der Kuckuck rufet, + Dann ist der Fruehling da, + Dann ist der Weg zur Schule + Fuerwahr noch mal so nah. + + Wer aber gerne lernet, + Dem ist kein Weg zu fern; + Im Fruehling, wie im Winter, + Geht er zur Schule gern. + +[Illustration] + + + + +10. RAETSEL. + + Im Wasser schwimmt es, gross und klein. + Nun rat' einmal, was das mag sein! + + Wer waescht sich so rein + Und haelt sich so fein + Und braucht doch kein Handtuechelein? + + Ich weiss ein kleines, weisses Haus, + Hat nichts von Fenstern, Tueren, Toren; + Und will sein kleiner Wirt hinaus, + So muss er erst die Wand durchbohren. + + + + +11. UNSER HOF. + +Hinter dem Hause ist ein Hof. Da haben viele Tiere Platz. In einer +Ecke steht die Hundehuette. Dort wohnt Nero. Er bewacht unser Haus. +Auf der Kellertreppe sitzt Mieze. Das ist die graue Katze. Sie waescht +und putzt sich gern. Im Korbe liegen ihre vier Kaetzchen. Die koennen +noch nicht sehen. Mitten im Hofe geht der stolze Hahn. Er hat bunte +Federn und einen roten Kamm. Bei ihm sind fuenf huebsche Hennen. Auch +Tauben fliegen herbei und picken Koerner auf. Seht doch den grossen +Puter da drueben! Der ist zornig und jagt die anderen Voegel fort. + + + + +12. DIE HAUSTIERE. + + Lieb Kindchen, sag mir an, + Was ein Haustier nuetzen kann! + + Die Kuh gibt Milch uns, liebe Mutter, + Draus macht man Kaese, Rahm und Butter. + Das Pferd zieht fleissig deinen Wagen + Und kann dich in die Ferne tragen. + Der Hund schuetzt treu dir Hof und Haus. + Die Katze lauert auf die Maus. + Das dicke, schmutz'ge, dumme Schwein + Bringt Schinken uns und Wuerste ein. + +[Illustration] + + + + + +13. SPRUECHE. + +Lust und Liebe zum Dinge +Macht Muehe und Arbeit geringe. + +Morgen, morgen, nur nicht heute, +Sagen alle traegen Leute. + +Lerne Ordnung, liebe sie; +Ordnung spart dir Zeit und Mueh'. + + + + +14. DIE AEPFEL. + +Am Montag morgen wollte Otto seinen Freund Ludwig zur Schule abholen. +Als er aber in die Stube trat, war niemand da. Vorne beim Fenster +stand ein Korb voll Aepfel. Die waren schoen gelb und rot. Gerne haette +Otto einen genommen. Aber er dachte: "Nein, das tue ich nicht, die +AEpfel gehoeren nicht mir." + +Schnell wollte er wieder zur Tuere hinaus. Da kam gerade Ludwigs +Mutter herein. Die freute sich sehr, als sie Otto sah. Sie steckte +ihm beide Taschen voll Aepfel. Dann rief sie Ludwig und gab den beiden +Kindern noch einen Apfel mit auf den Weg. Mit frohem Herzen gingen +die Knaben nun zur Schule. + + + + +15. PETER FAULPELZ. + + Laengst ist schon die Schule aus, + Alle Kinder sind zu Haus: + Peter nur, der faule Bube, + Muss noch sitzen in der Stube, + Hat gelernt nicht, noch geschrieben, + Hat sich draussen 'rumgetrieben. + Nun geht es ihm bitterschlecht-- + Faulpelz, das geschieht dir recht! + + + + +16. DER KNABE AM BACHE. + +Siehst du den Knaben dort am Bache sitzen? Es ist Robert, der mit +seiner armen Mutter in dem kleinen Haeuschen wohnt. Sie hatten fuer den +Abend nichts zu essen. Da sagte Robert: "Mutter, ich will zum Bache +gehen und einige Fische fangen." + +Hier sitzt er nun ganz stille. Zwei Fische hat er schon gefangen, und +den dritten macht er eben vom Haken los. Wie wird sich die Mutter +freuen, wenn Robert mit den Fischen nach Hause kommt! + +[Illustration] + + + + +17. DAHEIM. + +Hurra, die Schule ist aus! Schnell eile ich nach Hause, denn die +Mutter wartet schon auf mich. Sie hat ja mancherlei Arbeit, die ich +fuer sie besorgen kann. Erst bekomme ich aber ein grosses Stueck +Butterbrot. Wenn ich das gegessen habe, hole ich Kleinholz aus dem +Keller. Damit macht die Mutter das Feuer im Kuechenofen an fuer das +Abendessen. Dann gehe ich zum Metzger, um das Fleisch heimzubringen, +das der Vater am Morgen bestellt hat. Auf dem Wege bringe ich aus dem +Kramladen Seife mit und Streichhoelzchen. Auch sonst muss ich der +Mutter in der Kueche noch zur Hand gehen. Ich tue es gerne, denn ich +habe mein Muetterlein lieb. Wenn ich alles besorgt habe, darf ich eine +Weile auf der Strasse mit anderen Kindern spielen. + +Bald ist es Zeit zum Abendessen geworden. Richtig, da ruft mich schon +die Mutter. Der Vater ist nun auch schon nach Hause gekommen, und +meine aelteren Geschwister sind ebenfalls da. Wir sitzen jetzt alle um +den grossen Tisch im Esszimmer, und der Vater erzaehlt, was er waehrend +des Tages in der Stadt gehoert und gesehen hat. Nach dem Essen nimmt +der Vater die Zeitung, und meine kleine Schwester und ich machen +unsere Schularbeiten. Da muss manchmal die liebe Mama ein wenig +helfen. Spaeter liest sie uns eine schoene Geschichte vor, oder spielt +mit uns Domino und Lotto. + +Ich glaube, es ist nirgends schoener als abends daheim. + + + + +18. DER BAU DES HAUSES. + +"Kommt, Knaben, wir wollen ein Haus bauen," sagte Emil zu Karl und +Heinrich, "Ich will den Keller ausgraben," sprach Karl. "Und ich," +sagte Emil, "ich bin der Maurer; ich nehme Kalk und Steine und baue +die Mauern." Da meinte Karl: "Du darfst aber die Tueren und die +Fenster nicht vergessen. Ohne Tueren kann man nicht in das Haus +hinein, und durch die Fenster soll Luft und Licht in die Zimmer +kommen." Heinrich sagte: "Ich bin der Zimmermann; ich setze die Tueren +und Fenster und lege den Fussboden. Von einem Stockwerke in das andere +mache ich Treppen. Und oben auf das Haus setze ich das Dach; das +schuetzt vor Regen und Schnee. Unser Haus soll ein Wohnhaus sein mit +Kueche und Zimmern und einem Boden unter dem Dach." + + + + +19. DIE WOHNUNG DER MAUS. + + Ich frag' die Maus: + Wo ist dein Haus? + Die Maus darauf erwidert mir: + Sag's nicht der Katz', + So sag' ich's dir. + Treppauf, treppab, + Erst rechts, dann links, + Dann wieder rechts + Und dann grad' aus-- + Das ist mein Haus; + Du wirst es schon erblicken! + Die Tuer ist klein, + Und trittst du ein, + Vergiss nicht, dich zu buecken! + +[Illustration] + + + + +20. KARLS HASE + +"Papa, darf ich ein wenig deinen Stock nehmen?" + +"Ja, Karl, aber was willst du damit machen?" + +"Einen Hasen will ich schiessen, Papa." + +"Dann musst du ja auf das Feld gehen." + +"O nein, dein Stock ist meine Flinte und unsere alte Katze ist der +Hase." + +Der Vater gab seinem Sohne den Stock. Karl legte ihn an die rechte +Wange, zielte und rief: "Piff, paff! piff, paff!" Ei, wie die Katze +von dem Stuhle unter den Tisch sprang! + +Karl aber lachte und rief: "Hast du nun meinen Hasen laufen sehen, +Papa?" + + + + +21. DAS LIED VOM MONDE. + + Wer hat die schoensten Schaefchen? + Die hat der gold'ne Mond, + Der hinter unsern Baeumen + Am Himmel drueben wohnt. + + Er kommt am spaeten Abend, + Wenn alles schlafen will, + Hervor aus seinem Hause + Zum Himmel leis' und still. + + Dann weidet er die Schaefchen + Auf seiner blauen Flur; + Denn all' die weissen Sterne + Sind feine Schaefchen nur. + + Sie tun sich nichts zuleide, + Hat eins das andre gern, + Und Schwestern sind und Brueder + Da droben Stern an Stern. + + Und soll ich dir eins bringen, + So darfst du niemals schrei'n, + Musst freundlich wie die Schaefchen + Und wie ihr Schaefer sein! + + + + +22. DAS MUECKCHEN UND DAS MAEDCHEN. + +[Illustration] + + +Ein Mueckchen flog um ein Licht, das am Abend auf dem Tische brannte. +Da sagte ein Maedchen, welches nebenbei sass und strickte: "Mueckchen, +bleib' von dem Lichte, sonst verbrennst du dich!" Das Mueckchen aber +folgte nicht und flog so lange auf und nieder und um das Licht, bis +es daran seine Fluegelchen sengte und in die Flamme fiel. "Habe ich es +dir nicht gesagt?" sprach das Maedchen. "Haettest du auf mich gehoert, +muesstest du jetzt nicht sterben!" + + + + +23. NASCH-ERNST. + +Ernst konnte das Naschen nicht lassen. Er ging oft an den Schrank, um +Zucker zu naschen. Die Mutter schalt, aber es half nicht. + +Eines Tages ging Ernst in die Scheune. An der Wand hing etwas Rotes. +Ernst sagte: "Oh, hier hat die Mutter Zuckerzeug versteckt. Ich +sollte es nicht finden!" Schnell kletterte er auf einen Stuhl, um es +zu holen. Er biss gierig hinein. Aber, o weh, es verbrannte seinen +Mund. Er liess das Zuckerzeug fallen und schrie laut. Nun kam die +Mutter und gab ihm einen Trunk Wasser. Was Ernst naschte, war nicht +Zucker gewesen. Es war roter Pfeffer. + +Ernst naschte nie wieder. + + + + +24. DER BLINDE GEIGER. + +Ein armer, blinder Geiger ging auf der Strasse. Er suchte den Weg mit +seinem Stocke. Seine Geige trug er unter dem Arme. Bald kam er an +einen Steg. Als er das merkte, getraute er sich nicht hinueberzugehen. +Hans und Eugen kamen daher, und der arme Mann bat, sie moechten ihn +doch ueber den Steg fuehren. Aber die mutwilligen Buben lachten den +Geiger aus und liefen weg. + +Da kam die kleine Lina aus der Schule. Die wartete nicht, bis sie +gebeten wurde. Sie fasste den Blinden bei der Hand, brachte ihn ueber +den Steg und schenkte ihm einen Cent, den sie von ihrer Mutter +bekommen hatte. + +[Illustration] + + + + + +25. DAS BROT IM WEG. + + Im Weg das Kruemchen Brot + Tritt nicht mit deinem Fuss, + Weil's in des Hungers Not + Ein Tierlein finden muss. + Leg's auf den Stein vor'm Haus, + Und kannst du, broesel's klein: + Still dankt es dir die Maus + Und still das Voegelein. + + + + +26. DIE SCHOENEN DREI. + + Voeglein im hohen Baum, + Klein ist's, ihr seht es kaum, + Singt doch so schoen, + Dass wohl von nah und fern + Alle die Leute gern + Horchen und stehn. + + Bluemlein im Wiesengrund + Bluehen so lieb und bunt, + Tausend zugleich; + Wenn ihr voruebergeht, + Wenn ihr die Farben seht, + Freuet ihr euch. + + Waesserlein fliesst so fort + Immer von Ort zu Ort + Nieder ins Tal; + Duerstet nun Mensch und Vieh, + Kommen zum Baechlein sie, + Trinken zumal. + + Habt ihr es auch bedacht, + Wer hat so schoen gemacht + Alle die drei? + Gott, der Herr, machte sie, + Dass sich nun spaet und frueh + Jedes dran freu'. + + + + +27. DAS VOGELNEST. + +In einem Garten lebte ein Voegelein, das sehr schoen singen konnte. Es +baute sich in einem Busch ein huebsches Nestchen. In dieses legte es +Eier hinein und bruetete Junge aus. Einmal suchte das alte Voegelein +Futter fuer seine Kinder. Da sahen zwei Buben das Nest und nahmen es +samt den Jungen weg. Darueber wurde die Mutter der jungen Voegelein +sehr traurig. + +Sie flog hin und her und schrie, so laut sie konnte. Die Knaben +machten sich aber nichts daraus. Endlich hoerte die Schwester der +boesen Knaben das Voegelein schreien. Gleich ging sie hin und nahm +ihren Bruedern das Nestchen Weg und trug es wieder in die Hecke. Seit +dieser Zeit hatten die Voegelein das Maedchen recht lieb, und wenn es +im Garten war, sangen sie noch einmal so schoen wie sonst. + + + + +28. DER DRACHE. + +Mein Bruder Karl hatte einen grossen Drachen gemacht. Er war aus holz +und Papier. Um untern Ende befand sich ein langer Schwanz und am +obern eine lange, duenne Schnur. + +Nachmittags gingen wir hinaus auf das Feld hinter unserm Hause. Es +war ein schoener Tag; die Sonne schien praechtig, und es wehte ein +guter Wind. Wir liessen den Drachen steigen. Er stieg so hoch, wie die +Schnur reichte. Wir konnten ihn kaum noch sehen. + +So standen wir lange im Schatten neben dem Zaune. Auch unser Hund +Karo kam unter dem Karren hervor. Wir waren sehr vergnuegt, bis der +Abend dem Spiele ein Ende machte. + +[Illustration] + + + + + +29. DIE VOEGLEIN. + + Warum wohl die Voeglein fliegen koennen? + Ei, das magst du ihnen schon goennen. + Auf der Erde sind Tiere viel + Und haben hier und dort ihr Spiel. + Da war kein Platz fuer die Voegel mehr; + Das dauerte den lieben Gott so sehr, + Darum hat er ihnen Fluegel gegeben, + Dass sie dort oben in Lueften schweben; + Da koennen sie spielen den ganzen Tag + Und haben Platz, wie viel jedes mag. + + + + +30. VOM HAENSCHEN. + +Haenschen und Gretchen spielten im Garten. Da kam ein schoener +Schmetterling geflogen. Gleich wollte Hans ihn fangen. Gretchen rief: +"Ach, lass doch das huebsche Tierlein gehen!" Aber Hans hoerte nicht +darauf. Mit dem Hute in der Hand lief er dem Schmetterlinge nach. Er +schaute immer nur in die Hoehe. Patsch,--fiel er in einen tiefen +Graben voller Wasser. Der Schmetterling flog munter davon. Haenschen +ging weinend heim und wurde noch ausgelacht. + + + + +31. SPRUECHE. + + Ein gutes Kind gehorcht geschwind + Und folgt sofort aufs erste Wort. + + Was du nicht willst, das man dir tu', + Das fueg' auch keinem andern zu. + + Vorgetan und nachbedacht + Hat manchem grosses Leid gebracht. + + Quaele nie ein Tier zum Scherz, + Denn es fuehlt, wie du, den Schmerz. + + + + +32. DIE SCHNECKE: + + Die Schnecke ist gar uebel dran. + Wie muss sie sich doch plagen! + Sie muss ihr Haus + Tagein, tagaus + Auf ihrem Ruecken tragen. + + Die Schnecke ist nicht uebel dran. + Sie weiss sich wohl zu schuetzen: + Nimmt sie Gefahr + Vom Feinde wahr,-- + Bleibt sie im Haeuschen sitzen. + +[Illustration] + + + + +33. DIE HENNE UND DIE ENTLEIN. + +Die kleine Anna hatte eine Henne zum Geschenk bekommen. Diese legte +jeden Morgen ein Ei. Als nun Annas Mutter eines Tages das Nest mit +zwoelf Eiern sah, nahm sie dieselben voller Freude in die Kueche. Aber +siehe da! Die Henne jammerte und suchte ihr Nest. Nun fand sie in der +Naehe ein Entennest, in dem auch Eier waren. Sie setzte sich darauf, +bis die Jungen herauskamen. Das waren aber Entchen statt Kuechlein. +Doch die Henne hatte sie so lieb, als ob es Kuechlein waeren. Sie +suchte Futter mit ihnen und nahm sie unter ihre Fluegel, damit ihnen +kein Leid geschehe. Doch eines schoenen Tages liefen die Kleinen +davon. Wohin? In grosser Angst eilte die Henne hinterher. Die Entchen +waren zum Teiche gelaufen. Umsonst warnte die Henne: "Das ist Wasser! +Ihr muesst ertrinken!" Lustig schwammen die kleinen Enten schon umher, +und alles Glucken der alten Henne brachte sie nicht ans Ufer zurueck. + +[Illustration] + + + + +34. DIE TAGESZEITEN. + +Hoch am Himmel steht die Sonne. Sie leuchtet so hell, dass man sie +nicht lange ansehen kann. Wenn die Sonne morgens aufgeht, wird es auf +der Erde hell. Dann sagen die Leute zu einander: "Guten Morgen!" Die +Sonne steigt nun immer hoeher und hoeher, bis sie zuletzt fast ueber +unserem Kopfe steht. Es ist jetzt Mittag. Wenn sich Bekannte treffen, +wuenschen sie einander: "Guten Tag!" Bald darauf neigt sich die Sonne +wieder abwaerts. Sie sinkt bis an den Rand des Himmels. Alsdann sieht +sie wie eine grosse, feurige Kugel aus und faerbt die Wolken schoen rot. +Auf einmal ist sie verschwunden. Es wird dunkler und die Nacht bricht +an. Man bietet sich "Guten Abend!" und wuenscht allen vor dem +Schlafengehen eine "Gute Nacht!" Nun kommt die Zeit der Ruhe. + + + + +35. KIND UND SONNE. + +_Kind_: Sag einmal, liebe Sonne, wohin gehst du, wenn es Abend +wird? Es heisst dich doch niemand fortgehen. Ich meine, du koenntest +immer bei uns bleiben. Das waere so schoen! + +_Sonne_: Nein, mein Kind, das kann nicht sein! Wenn es Nacht +wird, schlafen die Leute, und du schlaefst auch. Beim Schlafen braucht +man mich aber nicht. Ich reise dann weit, weit fort in ein fernes +Land. Dort wohnen auch Menschen: Vaeter, Muetter und viele brave +Kinder. Wenn ich zu diesen komme, haben sie ausgeschlafen. Vater und +Mutter stehen dann auf und arbeiten, und die groesseren Kinder gehen in +die Schule, um zu lernen. + +_Kind_: Ei, ei! Und wenn du bei diesen Menschen gewesen bist, +wohin gehst du hernach? + +_Sonne_: Wenn ich dort gewesen bin, komme ich wieder zu dir, wie +an jedem Morgen. So reise ich zu allen Menschen auf der ganzen Erde. + + + + +36. SONNE UND REGEN. + + Die Sonne sprach: "Ich will scheinen + So fort und immerfort!" + Der Regen sprach: "Ich will fallen + Ohn' Ende an jedem Ort!" + Die Sonne: "Du machst ja alles + Auf der Erde gang nass!" + Der Regen: "Du machst zu trocken, + Wenn du scheinst ohn' Unterlass!" + Die Sonne: "Ich mache fruchtbar, + Und alles freut sich mein!" + Der Regen: "Du machst zu trocken, + Dich mag man nicht allein!" + So haben sie lang gestritten, + Doch wurden sie einig zuletzt: + Sie wollten miteinander wechseln, + Und so ist es denn auch jetzt. + + + + +37. ASTERN. + +Ein kleiner Knabe lag einmal im Grase und schlief. Da sah er im Traum +einen Engel, der eine wunderschoene Blume in der Hand trug. Der Engel +sagte, dass es im Himmel viele solche Blumen gebe. Der Knabe haette sie +gerne gehabt. Als er aufwachte, lagen da ein paar glaenzende +Samenkoerner. Die pflanzte der Knabe in seinem Garten. Als der Herbst +kam, waren aus den Samen die Blumen entstanden. Sie sahen gerade wie +Sterne aus. Der Knabe rief seine Eltern. Vater und Mutter sagten: +"Das sind Sternblumen oder Astern. Die sollen uns an den, Himmel +droben erinnern." + +[Illustration] + + + + + +38. RAETSEL. + +Loch bei Loch, +Und haelt doch. +Was ist's? + +Rat! Das Haus hat lauter Treppen, +Keine Fenster, keine Zimmer; +Wer drin wohnt, muss es immer +Auf seinem Ruecken schleppen. + +Es ist ein Ding, hat Stamm und Zweig' und Blaetter, +Schuetzt dich vor Sonne und im Regenwetter. + + + + +39. VOEGEL UND BLUMEN. + + Die Voegel, sie fliegen wie Blaetter im Wind; + Da winken die Bluemlein zum Abschied geschwind. + Es singt in den Baeumen der Herbst schon sein Lied, + Fort ziehen die Voegel, die Blumen sind mued'. + + Im Sueden die Voegel, die Blumen im Schnee, + Sie warten, dass wieder der Fruehling ersteh'. + Dann lachen die Blueten, das Voegelein singt; + Dann duftet's und jubelt's, bis rings alles klingt. + + + + +40. DANKSAGUNGSTAG. + +Was tut ihr, wenn euch jemand etwas geschenkt hat oder recht gut +gegen euch gewesen ist? Nicht wahr, ihr sagt: "Danke schoen!" +Vergesset das ja nicht! Wir Menschen, gross und klein, haben fuer gar +vieles dankbar zu sein. Die Kinder koennen sich freuen, wenn sie noch +Eltern haben, die sie lieben und fuer sie sorgen. Erwachsene Leute +sollen froh sein, wenn sie gesund sind und keine Not zu leiden +brauchen. Doch das wird oft nicht bedacht. Deshalb ist ein Tag da, an +dem ein jeder von feiner Arbeit ausruhen und froehlich Gott danken +soll fuer allen Segen. Im Herbste, wenn die Ernte vorueber ist, kommt +der Danksagungstag. Da gibt es meistens gut und reichlich zu essen +und zu trinken. In den Kirchen ist Gottesdienst. Auch fuer die Armen +und Ungluecklichen wird gesorgt, damit ein jeder im Herzen dankbar +sein moege fuer das Gute und Schoene, was das Jahr gebracht hat. + + + +41. VOM PUTER. + + Puter, Puter, Polterhahn, + Hast 'ne rote Weste an, + Hast 'ne rote Nasenspitze + Und 'ne rote Zipfelmuetze; + Aber das gibst du wohl zu: + Ich bin schoener doch als du! + +[Illustration] + + + + + +42. DIE VIER BRUEDER. + + Vier schoene Brueder kenn' ich wohl, + Geschmueckt so wunderbar; + Sie kommen schon seit alter Zeit + Zu uns in jedem Jahr. + Der erste Bringt uns einen Strauss, + Streut Blumen um sich her. + Den zweiten schmueckt ein goldner Kranz + Von Aehren voll und schwer. + Der dritte reicht uns Aepfel dar + Und neuen goldnen Wein. + Der vierte ist in Pelz gehuellt + Wie Schnee so weiss und rein. + Wer nennt die schoenen Brueder mir, + Geschmueckt so wunderbar? + Sie kommen schon seit alter Zeit + Zu uns in jedem Jahr. + + + + +43. DIE ZWOELF MONATE. + + Gleich anfangs mit dem neuen Jahr + Erscheint der kalte Januar, + Dann kommt alsbald der zweite Mann, + Der Februar, in Eile an. + Der Maerz ist nun auch nicht mehr weit, + Und der April ist bald bereit. + Ihm folgt der wunderschoene Mai, + Der Juni kommt drauf schnell herbei, + Und ist der Juli nun erst da, + So ist auch der August schon nah; + Ihm schliesst sich der September an, + Und der Oktober folgt alsdann. + November ziehet schleunig ein, + Dezember wird her letzte sein. + + + + +44. DIE BLAETTER TANZEN. + + Die Baeume stehen ruhig da, + Die Blaetter fluestern leise. + Hoert ihr den Wind, hei, hussassa, + Bald blaest er seine Weise. + + Da braust der Wind gar wild einher + Und ruettelt an den Baeumen, + Er beugt sie hin, er beugt sie her, + Laesst keine Zeit zum Traeumen. + + "Halt ein, du stuermischer Gesell', + Wir stehen fest wie Lanzen!" + Die Blaetter aber lachen hell: + "Herr Wind, wir moechten tanzen!" + + "Ei," ruft der Wind, "ein luftig Wort, + Da kann ich stark mich zeigen!" + Er Blaest die bunten Blaetter fort; + Die tanzen froh den Reigen. + + Der Wind ist fort, der Tanz ist aus, + Die Blaetter sinken nieder; + Der Schnee streckt sein Decke aus, + Der Fruehling hebt sie wieder. + +[Illustration] + + + + +45. DIE VIER JAHRESZEITEN. + +Es gibt vier Jahreszeiten: Fruehling, Sommer, Herbst und Winter. Im +Fruehling wird die Luft warm. Der Schnee schmilzt, und die Fluesse +werden wieder frei vom Eise. Auf den Wiesen und in den Gaerten keimen +Graeser und Kraeuter, auf den Feldern gruent die Saat, und die Baeume +bekommen frisches Laub. Sie treiben Knospen und Blueten. Die Voegel, +welche im Herbste in waermere Laender gezogen waren, kehren zurueck. +Andere Tiere, die den Winter in ihren Hoehlen verschlafen hatten, +wachen auf und kommen hervor. Mit dem Sommer werden die Tage laenger, +und die Waerme nimmt zu. Das Getreide wird reif und vom Landmanne +geschnitten. Auf den Sommer folgt der Herbst. Im Herbst gibt es Obst, +Trauben und Kartoffeln, auch wird die Saat fuer das naechste Jahr +bestellt. Das Laub der Baeume vertrocknet und faellt zur Erde nieder. +Die Tage werden immer kuerzer. Oft ist es neblig und rauh. Bald wird +es recht kalt; die Fluesse frieren zu, und es gibt Schnee. Die Voegel +koennen draussen kein Futter finden. Sie kommen in die Strassen und vor +die Tueren, um einige Koerner und Broeckchen zu suchen. Zu Hause wird +eingeheizt; aber im Freien tummeln sich die Kinder, gleiten auf dem +Eise, oder fahren Schlitten. Sie freuen sich darauf, einen Schneemann +machen zu koennen. Bald naht auch das liebe Weihnachtsfest. + + + + +46. WINTERS ANKUNFT. + + Im weissen Pelz der Winter + Steht lang' schon hinter der Tuer, + Ei, guten Tag, Herr Winter, + Das ist nicht huebsch von dir! + + Wir meinten, du waerest, wer weiss wie weit, + Da kommst du mit einmal hereingeschneit. + Nun, da du hier bist, so mag's schon sein; + Aber, was bringst du Gutes uns Kindelein? + + Was ich euch bringe, das sollt ihr wissen: + Froehliche Weihnacht mit Aepfeln und Nuessen + Und Schneeballen, + Wie sie fallen, + Und im Jaenner + Auch Schneemaenner! + +[Illustration] + + + + +47. DER TANNENBAUM. + + So manches Baeumchen in dem Wald + Verliert im Herbst die Blaetter, + Jedoch der liebe Tannenbaum + Der trotzet Wind und Wetter. + + Ist alles draussen oed' und leer, + Steht er im gruenen Kleide + Und setzt sich stolz ein Kaepplein auf, + Ein Kaepplein weiss wie Kreide. + + Das nimmt er aber artig ab + Am frohen Weihnachtsfeste, + Und gruesset liebevoll und gut + Die Kinder all' aufs Beste. + + O Tannenbaum, o Tannenbaum, + Du kannst mir sehr gefallen, + Du bist der allerliebste mir + Doch von den Baeumen allen. + + + + +48. VOGEL AM FENSTER. + + An das Fenster klopft es: pick, pick! + "Macht mir doch auf einen Augenblick! + Dicht faellt der Schnee, der Wind weht kalt, + Habe kein Futter, erfriere bald. + Liebe Leute, o lasst mich ein, + Will auch immer recht artig sein!" + + Sie liessen ihn ein in seiner Not; + Er suchte sich manches Kruemchen Brot; + Blieb froehlich manche Woche da. + Doch als die Sonne durchs Fenster sah, + Da sass er immer so traurig dort: + Sie machten ihm auf, husch, war er fort. + +[Illustration] + + + + +49. DAS BUEBLEIN AUF DEM EISE + +Es war Winter. Da kam ein Knabe an einem Teiche vorbei. Der Teich war +zugefroren. Der Knabe hatte grosse Lust, auf das Eis zu gehen. Der +Vater aber hatte es ihm verboten. Das Eis war noch nicht stark genug. +Der ungehorsame Knabe wagte sich dennoch auf das Eis. Er hackte +darauf mit seinen Stiefeln. Auf einmal krachte das Eis. Der Knabe +fiel in das Wasser hinein und schrie laut um Hilfe. Ein Mann eilte +herbei und zog ihn heraus. Ganz durchnaesst musste der Knabe nach Hause +laufen. Die Mutter brachte ihn in das Bett, und dazu wurde er noch +von seinem Vater bestraft. + + + + +50. RAETSEL. + +Weiss wie Kreide, +Leicht wie Flaum, +Weich wie Seide, +Feucht wie Schaum. + +Wer baut wohl die billigste Bruecke? +Wer reisst sie nieder und schlaegt sie in Stuecke? + +Was moegen das fuer Blumen sein, +Die unsre Fenster zieren, +Wenn drauss' vor Kaelte Stein und Bein +Im rauhen Winter frieren? +Sie sind nicht rot und blau gemalt, +Wie Blumen auf den Wiesen, +Und wenn die liebe Sonne scheint, +In Wasser sie zerfliessen. + + + + +51. WEIHNACHTSFREUDE. + +Am Abend vor Weihnachten kam Else zur Mutter gelaufen und rief: +"Denke nur, Anna Maurer hat mir heute ins Ohr gesagt, sie haetten seit +gestern kein Holz, kein Brot und keine Milch. Und sie haben doch ein +kleines Kind, und die Grossmutter ist krank. Darf ich der Anna heute +Abend mein Brot geben?" + +"O, gewiss," sagte die Mutter, "geh nur gleich hin. Bringe ihnen auch +diese Kanne voll Milch. Robert soll seinen kleinen Schlitten voll +Holz laden und es hinfahren." Wie freuten sich die Kinder, dass sie +den armen Leuten helfen durften. + +Aber Robert wollte noch mehr tun. Er bat den Vater um ein ganz +kleines Tannenbaeumchen. Das schmueckte er mit farbigen Sternen und +Lichtlein. Dann suchte er seine warme Kappe fuer Maurers Karl und nahm +ein Saecklein voll Nuesse. Else holte eine ihrer Puppen. Alles das +packten sie in einen Korb. + +Als es dunkel war, nahm Robert das Baeumchen und Else den Korb. Sie +gingen hin und stellten die Sachen leise vor Maurers Tuer. Dann +klopften sie und eilten davon. + +Wie sich da die armen Leute freuten! Aber auch Robert und Else +meinten, noch nie so schoene Weihnachten gehabt zu haben, wie diesmal. + + + + +52. SCHNEESTERNE. + +_Olga_: Komm, liebe Mama, komm geschwind! Ich hab' dir etwas +mitgebracht. Rate, was es ist! + +_Mutter_: Nun, was mag das wohl sein! Blumen, Obst oder gar +Kuchen? + +_Olga_: O, nein, nein; ganz etwas anderes. Schoene, weisse Sterne +sind es. Sieh her, hier hab' ich sie in meiner Schuerze! + +_Mutter_: Wo sind sie denn? Ich kann nichts sehen. + +_Olga_: Ach, Mama! Sie sind nun fort, und ich habe mich doch so +gefreut, sie dir zu bringen. Es sind nur noch kleine Tropfen auf +meiner Schuerze. Ich moechte weinen! + +_Mutter_: Weine nicht, liebe Olga: Solche Sterne koennen nicht +bleiben. Die Waren einmal Wasser, und die Kaelte machte sie zu Schnee. +Da sehen sie gerade wie kleine, blitzende Sterne aus. Nachher werden +sie wieder zu Wasser. Menschen, Tiere und Pflanzen trinken das +Wasser. Nach und nach holt die Sonne auch viele Tropfen hinauf zu den +Wolken. Ohne Wasser koennten wir gar nicht leben. + +[Illustration] + + + + +53. BRIEF VOM WEIHNACHTSMANN. + +Daheim, am 1. Januar 1913. + +Liebe Kinder! + +Mein Vetter, der Neujahrsbote, bringt Euch meine Gruesse und Wuensche. +Eure Bitten habe ich, wie Ihr wisset, erfuellt. Erfreuet Euch nur +recht an den Geschenken. + +Wenn nun heute mein Baum noch einmal strahlt und glitzert, dann nehmt +Euch vor, auch in diesem Jahre immer lieb und brav zu sein. Ihr koennt +Euren Eltern und mir keine groessere Freude machen. Schreibt mir zur +rechten Zeit wieder, ob Ihr Wort gehalten habt. Dann schenke ich Euch +das naechste Mal, was Ihr als gute Kinder verdient. + +Euer Freund + +Der Weihnachtsmann. + + + + +54. ZU NEUJAHR. + + Noch nicht erwachsen bin ich, + Drum wuensch' ich kurz, doch innig: + Ein glueckliches Neujahr! + + Und was euch freut, das weiss ich: + Wenn brav ich bin und fleissig, + Mehr als ich sonst es war. + + Gesundheit, Freude, Frieden + Sei allen euch beschieden, + Wie heut, so immerdar. + + + + +55. VERSTEHST DU DAS? + + Er ritt auf einem Rappen aus, + Da kam etwas vom Himmel, + Und als er wieder kam nach Haus, + Da war der Rapp' ein Schimmel. + Verstehst du das? + + + + +56. DER SCHNEEMANN. + +Es hatte geschneit. Dick lag der Schnee auf Strassen und Plaetzen. Die +Knaben wollten sehen, wie tief er wohl sei. Sie wateten hindurch, dass +der Schnee in die Stiefel fiel. "Heute wollen wir einen Schneemann +bauen!" So riefen Fritz, Karl und Otto. Schnell machten sie einen +grossen Schneeball und waelzten ihn im tiefen Schnee herum. Bald wurde +der Ball so gross, dass ihn die Knaben nicht mehr fortbringen konnten. +Nun waelzten sie einen neuen Ball heran, den setzten sie auf den +ersten. Oben darauf kam ein kleiner Ball, das war der Kopf des +Schneemannes. In den Kopf steckte Fritz zwei Kohlen, das waren die +Augen. Auch Nase und Mund, ja sogar die Rockknoepfe des Mannes wurden +aus Kohlen gemacht. Nun bekam der Schneemann noch zwei Arme. In den +einen Arm legten ihm die Knaben einen grossen Stock. + +Da stand er nun und drohte. Aber der arme Mann konnte nicht schlagen. +Fortlaufen konnte er auch nicht, als ihn die jungen mit Schneebaellen +warfen. Doch das war noch das Schlimmste nicht! Auf einmal guckte die +liebe Sonne ueber das Dach. Da fing der Schneemann an zu weinen. +Traenen liefen ihm ueber das Gesicht und den weissen Pelzrock. Es war +gut, dass die Sonne heute nicht noch laenger schien, sonst waere er ganz +zu Wasser geworden. Morgen aber oder uebermorgen wird's wohl so +kommen. + +[Illustration] + + + + +57. MAERZ. + +Nach vielen trueben Tagen sehen wir den blauen Himmel wieder. Manchmal +scheint auch schon die Sonne freundlich auf die Erde herab. Da muss +der Winter weichen. Der Schnee faengt an, zu schmelzen, und nur noch +des Nachts gibt es ein wenig Eis. An schoenen Tagen laesst sich +vielleicht ein Vogel hoeren, und ein fleissiges Bienchen fliegt umher. +Auf dem Felde und im Wald sieht es aber noch recht oede aus. Nur die +Weiden und Birken haben graue Kaetzchen, und an den Zweigen der Ulme +sind kleine Blueten. Die Kinder gehen ins Freie; sie spielen Ball oder +lassen den Drachen steigen. + + + + +58. OSTERGRUSS. + + Das Haeschen im Walde eilt hin und her, + Nach Eiern ist heute ein grosses Begehr. + Es borgt bei der Henne, es borgt bei dem Spatz + Und sucht fuer die Nester den passenden Platz. + Ein artiges Kindlein erhaelt heut' sein Ei. + Es schleppen die Haeschen die Eier herbei; + Und bist du am Ostermorgen erwacht, + Hat Haeschen die Nester gefuellt ueber Nacht. + + + + +59. DER OSTERHASE. + +Bald ist es Ostern. O, wie freue ich mich, denn es kommt der +Osterhase! Der bringt schoene, bunte Eier. Wir wollen ihm deshalb ein +Nest zurecht machen. Oft versteckt der Osterhase die Eier. Dann +muessen wir sie suchen. Zuweilen legt er sie in Huete, Schuhe oder +Koerbe. Auch unter den Schrank hat er sie schon gelegt. Ja, er steckt +sie uns wohl gar in die Taschen. Welche Freude, wenn wir sie finden! +Erst zaehlen wir sie und spielen damit. Spaeter essen wir sie; sie +schmecken gut. In Washington werden am Ostermontage viele Kinder zum +Praesidenten eingeladen. Sie koennen lange auf dem Rasen bei dem grossen +Hause spielen. Da gibt es dann viele und sehr schoene Ostereier. Die +werden hin und her gerollt und schliesslich verzehrt. Ihr moechtet auch +dabei sein, nicht wahr? + +[Illustration] + + + + +60. DER OBSTGARTEN. + +Neben dem Gemuese und den Blumen ist oft ein Platz, auf dem nur Gras +und Obstbaeume wachsen, es ist der Obstgarten. Welche Pracht, wenn die +Baeume im Fruehlinge bluehen! Der Kirschbaum kommt zuerst mit seinen +weissen Blueten. Dann ziehen der Birnbaum und der Pflaumenbaum ihr +weisses Kleid an. Am schoensten aber Bluehen der Apfelbaum und der +Pfirsichbaum, die bluehen schoen rot. Das Obst ist zuerst gruen; dann, +wenn die Sonne recht heiss scheint, wird es gelb, rot oder blau. Ah, +Wie schmecken Kirschen und Pflaumen so gut! Wenn sie nur schon reif +waeren! + + + + +61. SPRUECHE. + +Was Haenschen nicht lernt, +Lernt Hans nimmermehr. + +Gute Sprueche, weise Lehren +Muss man ueben, nicht bloss hoeren. + +Frage nicht, was and're machen, +Sieh auf deine eig'nen Sachen. + + + + +62. DIE VOEGEL IM FRUEHLINGE. + +Im Winter sind nur wenige Voegel Bei uns. Wo sind die andern? Sie sind +fortgezogen nach waermeren Laendern. Jetzt wird es aber auch hier bei +uns warm, und die Voegel kehren zurueck. Bald werdet ihr sie singen +hoeren. Fleissig fliegen sie zum Baume. Sie arbeiten. Im Schnabel +tragen sie Stroh, Heu, Pferdehaare oder auch kleine Zweige herbei; +damit bauen sie ihre Nester. + +[Illustration] + + + + +63. DAS ROTE HUEHNCHEN. + +_Huehnchen_: Hier ist ein Weizenkorn. Wer wird mir helfen, es zu +pflanzen? Bitte, hilf du mir, Frau Gans. + +_Gans_: Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen. + +_Huehnchen_: Bitte, hilf du mir, Frau Ente. + +_Ente_: O, ich kann dir heute nicht helfen. Ich habe so viel mit +meinen Kindern zu tun. + +_Huehnchen_: Nun, dann hilf du mir, alte Katze. + +_Katze_: Ich kann dir auch nicht helfen. Ich muss meine Kaetzchen +waschen. + +_Huehnchen_: Willst du mir denn nicht helfen, kleines Schwein? + +_Schwein_: Ich kann keinen Weizen pflanzen. Ich bin zu muede. +Pflanz du ihn selber. + +_Huehnchen_: Das will ich auch tun! Ich lege dich in die Erde, +Koernchen, und die Sonne, der Regen und der Wind werden dich wachsen +lassen. + + + * * * * * + + +_Huehnchen_: Jetzt ist der Weizen reif. Wer wird ihn nach der +Muehle fahren? Willst du es tun, Frau Gans? + +_Gans_: Es tut mir recht leid, Huehnchen, aber heute kann ich +nicht nach der Muehle fahren. Ich habe Rueckenschmerzen. + +_Huehnchen_: Willst du es tun, Frau Ente? + +_Ente_: Nein, ich kann auch nicht fort. Ich muss jetzt schwimmen. + +_Huehnchen_: So tu du es, alte Katze! + +_Katze_: Sch! Sch! Ruhig! Ich laure auf eine Maus. Ich kann +diesmal nicht gehen. + +_Huehnchen_: Bitte, tu du es doch, kleines Schwein. + +_Schwein_: Ach was! Es ist gerade Zeit fuer mein +Mittagsschlaefchen. Du kannst den Weizen selber zur Muehle fahren. + +_Huehnchen_: Das werde ich auch tun. + + + * * * * * + + +_Huehnchen_: Hier ist Mehl. Wer wird Brot daraus backen? Willst +du das Brot backen, Frau Gans? + +_Gans_: Ei, nein! Ich habe in meinem Leben noch kein Brot +gebacken. + +_Huehnchen_: Willst du das Brot backen, Frau Ente? + +_Ente_: Ich! Brot backen? Nein, das kann ich wirklich nicht tun. + +_Huehnchen_: Backe du das Brot, alte Katze! + +_Katze_: Ich tue alles andere auf der Welt lieber als backen. + +_Huehnchen_: Wach auf, kleines Schwein, und back du das Brot. + +_Schwein_: Ach! lass mich in Ruhe. Ich will dir beim Essen +helfen, wenn es gebacken ist. + +_Huehnchen_: Gut; da backe ich es selbst. + + + * * * * * + + +_Huehnchen_: So, jetzt ist das Brot gebacken. Sechs schoene, +braune Laibe. Wer will helfen essen? + +_Gans, Ente, Katze, Schwein_: Wir wollen dir helfen! + +_Huehnchen_: O, nein! Nun brauch' ich euch auch nicht. Ich werde +es essen, und meine Kuechlein sollen mir helfen. Gluck, gluck, gluck! + + + + +64. RAETSEL. + +Rate flink: +Ein kleines Ding, +Duenn und spitz; +Sticht wie der Blitz. + +Zwei sind's, die nebeneinander steh'n +Und alles ganz gut und deutlich seh'n, +Nur immer eines das andre nicht, +Und waer' es beim hellsten Tageslicht. + + + + +65. DER NASEWEISE BELLO. + +In einem Stalle wohnten fuenf kleine Hunde mit ihrer Mutter. Alle +waren schoen weiss mit braunen Flecken. Sie spielten lustig umher und +lernten auch von der Mutter Ratten und Maeuse fangen. + +Nur einer der Kleinen wollte nicht folgen. Er wollte auch nicht mit +seinen Geschwistern spielen, sondern trieb sich lieber draussen herum. +Einmal war Bello--so hiess der kleine--wieder hinausgeschlichen. Bei +der Tuere stand ein Topf voll schwarzer Farbe. Bello wollte gerne +wissen, was darin waere, und so steckte er seine Nase hinein. Aber, o +weh! er kam mit dem Kopfe zu Weit hinein und warf den Topf um. Jetzt +war er ueber und ueber mit schwarzer Farbe bedeckt. Langsam ging er +zurueck und blieb mit haengendem Kopf auf der Tuerschwelle sitzen. Seine +Mutter und seine Geschwister schaemten sich des schmutzigen, +naseweisen Bello. + + + +66. HEIL, AMERIKA! + + Hoch die Fahnen, + Sie gemahnen + An das teure Vaterland. + Rot und weiss die Streifen winken, + Licht im Blau die Sterne blinken, + Sind der Freiheit Unterpfand. + + Freudig singen + Wir und bringen + Gruesse viel von fern und nah. + Wo die Flaggen munter wehen, + Stolz wir, sie beschuetzend, stehen, + Deiner wert, Amerika! + +[Illustration] + + + + +67. PETERSILIE. + +Es waren einmal zwei Kinder, ein Knabe und ein Maedchen. Das Maedchen +hiess Silie, der Knabe Peter. Die Kinder konnten sich gar nicht +miteinander vertragen. Sobald sie zusammenkamen, stritten sie und +schlugen einander. Dies machte den Eltern viel Kummer. Das aergerte +den Paten der Kinder, der ein Zauberer war. Er sprach zu den beiden: +"Hoere ich euch wieder zanken, so lasse ich euch zur Strafe +zusammenwachsen." + +Es dauerte gar nicht lange, so war wieder Streit; Silie schlug den +Peter, und Peter schlug Silie. Da kam der Zauberer durch die Luft +gefahren und ruehrte beide mit seinem Stabe an. Nun waren sie +verwandelt. Peter wuchs in die Erde hinein als Wurzel, und oben auf +ihm Silie als gruenes Kraut. Der Zauberer nannte sie nun zusammen: +Petersilie. + + + +68. DAS KIND UND SEIN BLUEMCHEN. + + Ward ein Bluemchen mir geschenket, + Hab's gepflanzt und hab's getraenket. + Voegel, kommt und gebet acht! + Gelt, ich hab' es recht gemacht? + + Sonne, lass mein Bluemchen spriessen! + Wolke, komm es zu begiessen! + Richt' empor dein Angesicht, + Liebes Bluemchen, fuercht' dich nicht! + + Und ich kann es kaum erwarten, + Taeglich geh' ich in den Garten, + Taeglich frag' ich: Bluemchen, sprich, + Bluemchen, bist du boes auf mich? + + Sonne liess mein Bluemchen spriessen, + Wolke kam, es zu begiessen; + Jedes hat sich brav bemueht, + Und mein liebes Bluemchen blueht. + + Wie's vor lauter Freuden weinet, + Freut sich, dass die Sonne scheinet; + Schmetterlinge, fliegt herbei, + Sagt ihm doch, wie schoen es sei! + +[Illustration] + + + + + +69. NACHLAESSIGKEIT. + +Eine fleissige Mutter baute in ihrem Garten Gemuese aller Art. Eines +Tages sagte sie zu ihrer kleinen Tochter: "Lieschen, sieh da an der +untern Seite des Kohlblattes die kleinen, netten, gelben Tuepfelchen! +Das sind die Eier, aus denen die schoenfarbigen, aber verderblichen +Raupen kommen. Suche diesen Nachmittag alle Blaetter ab und zerdruecke +die Eier, so wird unser Kohl gruen und unversehrt bleiben." + +Lieschen meinte, zu dieser Arbeit sei es immer noch Zeit, und dachte +am Ende gar nicht mehr daran. Die Mutter war einige Wochen krank und +kam nicht in den Garten. Als sie aber wieder gesund war, nahm sie das +saumselige Maedchen bei der Hand und fuehrte es zu den Kohlbeeten, und +siehe! aller Kohl war von den Raupen abgefressen. Man sah nichts mehr +als die Stengel und Gerippe der Blaetter. Das erschrockene und +beschaemte Maedchen weinte ueber seine Nachlaessigkeit. Die Mutter aber +sprach: "Tu' kuenftig das, was heute geschehen kann, sogleich heute +und verschiebe es niemals auf morgen!" + + + + +70. EIN RAETSEL. + +Ratet, ratet, was ist das: +Es ist kein Fuchs und ist kein Has'. +Es hat zwei Augen und kann nicht sehen. +Es hat zwei Fuesse und kann nicht gehen. +Es hat zwei Ohren und kann nicht hoeren. +Es hat zwei Haende und kann sich nicht wehren. + +Es ist ein Maedchen huebsch und fein, +Tut niemals zanken und niemals schrei'n. + +Was fuer ein Maedchen mag das sein? + +[Illustration] + + + + +71. WAS WUERDEST DU TUN? + +"Wenn ich ein Koenig waere," sagte ein Kind, "liesse ich mir ein Schloss +bauen bis an die Wolken!" + +"Und ich," sagte ein anderes, "truege nur Kleider von Silber und +Gold!" + +"Und ich," rief ein dicker Bube, "ich aesse nur Kuchen und Wurst!" + +"Ich," sagte ein kleines Maedchen und wurde ein wenig rot, "ich gaebe +allen armen Kindern Geld, dass sie sich Brot und Kleider kaufen +koennten!" + + + + +72. WAS WOLLEN WIR SPIELEN? + +_Ella_: In fuenf Minuten ist Essenszeit, + Noch schnell was zu spielen, das waere gescheit! + +_Toni_: Ei! Jede holt ihre Puppe heraus, + Wir tragen sie etwas spazieren ums Haus. + +_Ella_: Das Puppenholen haelt aber doch auf! + Komm, spielen wir haschen; ich fange dich, lauf! + +_Toni_: Beim Haschen kommt man ja gar nicht zur Ruh'. + Ach! spielen wir lieber Blindekuh! + +_Ella_: Bei Blindekuh komme ich immer zu Fall. + Topp! Weisst du was, spielen wir Fangeball! + +_Toni_: Ach was, das Ballspiel machte mir niemals Spass; + Reifentreiben, das waere noch was! + +_Ella_: Die Reifen, die sind auch drinnen im Haus. + Was meinst du, wir suchen Mama einen Strauss! + +_Toni_: Wir duerfen ja nicht auf dem Rasen springen. + So lass uns lieber ein Liedchen singen! + +_Ella_: Ich habe den Husten, faellt eben mir ein! + +_Toni_: Na, gut! So spiele ich fuer mich allein! + +_Ella_: Ganz alleine? O, das waere nicht schlecht: + Dir ist ja auch nimmer ein Vorschlag recht! + +_Toni_: Was spiele ich nun?--Die Zeit geht vorbei-- + Zum Wettelaufen gehoeren doch zwei! + +_Ella_: Mir ist nicht sehr zum Spielen zu Mut-- + Alleine tanzen geht auch nicht gut! + +_Toni_: Mama ruft zum Essen! Wir muessen ins Haus! + Ach, Ella, nun ist mit dem Spielen es aus! + +_Ella_: Wie ist die Zeit nur so hingegangen! + Wir haben ja nicht einmal angefangen! + +_Toni_: Ja! weisst du, das Ueberlegen und Streiten! + Es war doch wirklich recht dumm von uns beiden! + +_Ella_: Wir haben recht kindisch uns angestellt! + +_Toni_: Nach Tische spielen wir-- + +_Ella_: Was dir gefaellt! + + + + + +73. DIE SCHLAUE KATZE. + +Die Nachbarin hatte einen zahmen Zeisig, den sie oft aus dem Kaefig +liess. Dann huepfte das Tierchen in der Stube umher und suchte Krumen +am Boden. Die alte Katze war immer sehr freundlich mit dem Voegelchen. +Vor einigen Tagen aber erfasste sie ploetzlich den Zeisig, nahm ihn ins +Maul und sprang mit ihm auf den Tisch. + +Die Nachbarin erschrak und glaubte, die Katze wolle ihr liebes +Voegelein auffressen. Da sah sie jedoch, dass die Stubentuere offen war +und eine fremde Katze sich ins Zimmer geschlichen hatte. Schnell +jagte sie diese hinaus, und sieh, die alte Hauskatze sprang sogleich +vom Tische herab und liess den Zeisig auf den Boden fallen, ohne ihm +etwas zuleide getan zu haben. Hat die alte Katze nicht klug +gehandelt? + + + + +74. KANNST DU ES SAGEN? + + Es sassen zehn Sperlinge auf dem Dach; + Da kam der Jaeger und schoss danach; + Er traf davon nur vier. + Wie viel bleiben sitzen? + Das sage mir. + + + + +75. DER SPERLING + + Ich bin wohl ein gemeiner Wicht, + Das Singen, das versteh' ich nicht, + In schoenen Kleidern geh' ich nicht; + Es sieht mich auch der Mann kaum an; + Nur boese Buben dann und wann, + Die werfen mich mit Steinen; + Und dennoch will mir's scheinen, + Als sei so schoen die ganze Welt, + So blau die Luft, so gruen das Feld-- + Zip, zip, zip! Ich hab' die Welt so lieb! + + + + +76. DAS PFERD UND DER ESEL. + +Einst schleppte ein Esel eine schwere Last. Neben ihm ging ein +lediges Pferd. Der Esel bat das Pferd, es moege ihm doch helfen; +allein es hoerte nicht auf seine Bitte. Zuletzt konnte der Esel nicht +mehr weiter; er fiel zu Boden und starb. + +Nun lud der Treiber die ganze Last dem Pferde auf. Er zog dem toten +Tiere die Haut ab, und das Pferd musste dieselbe noch obendrein +tragen. Hilf deinem Naechsten in der Not. + + + + +77. DER KLUGE STAR. + +Ein durstiger Star wollte aus einer Wasserflasche trinken. Er konnte +aber das Wasser mit seinem kurzen Schnabel nicht erreichen. Da hackte +er damit aufs dicke Glas; doch er vermochte nicht, es zu zerbrechen. +Dann stemmte er sich gegen die Flasche und wollte sie umwerfen. Aber +dazu war er nicht stark genug. + +Was tat der kluge Star zuletzt? Er las kleine Steinchen mit seinem +Schnabel zusammen und warf eines nach dem andern in die Flasche. +Dadurch stieg das Wasser endlich so hoch, dass er es erreichen konnte. +Jetzt loeschte er seinen Durst. + +[Illustration] + + + + +78. DER APFELBAUM. + + Der Apfelbaum, das ist ein Mann! + Kein andrer gibt so gern wie der. + Im Winter, wenn man schuettelt dran, + Da gibt er Schnee die Fuelle her. + Im Fruehling wirft er Blueten nieder. + Im Sommer herbergt er die Finken. + Jetzt streckt er seine Zweige nieder, + Die voller Frucht zur Erde sinken. + Drum kommt und schuettelt, was ihr koennt! + Ich weiss gewiss, dass er's euch goennt. + +[Illustration] + + + + +79. DER HASE UND DER FUCHS. + +Ein Hase und ein Fuchs machten im Winter eine Reise. Alles war mit +Schnee bedeckt. Der Hunger plagte sie sehr. Da sahen sie ein Maedchen +mit einem Korbe kommen, darin war Brot. Das merkte der Fuchs und +sagte zu dem Hasen: "Lege dich wie tot auf den Boden, dann wird das +Maedchen den Korb niederstellen, um dich aufzuheben. Ich nehme den +Korb weg und mache mich schnell davon. Du eilst mir nach, und dann +lassen wir es uns wohl sein." Das war dem Hasen recht. + +Der Fuchs verbarg sich hinter einem Haufen Schnee, und der Hase legte +sich nieder. Das Maedchen stellte den Korb richtig hin und griff nach +dem Hasen. Da schlich der Fuchs hervor und machte sich mit dem Korb +so schnell davon, dass das Maedchen ihm nicht nachkam. Unser Hase aber +eilte ihm in grossen Saetzen nach. An einem Wasser hielten sie still. +Weil aber der Fuchs nicht teilen wollte, so sagte der Hase: "Brot +haben wir, jetzt sollten wir auch noch Fische haben. Dann haetten wir +ein Essen wie die grossen Herren. Stecke deinen Schwanz ins Wasser, so +werden sich die Fische daran haengen, denn die haben jetzt auch nicht +viel zu beissen." + +Der Fuchs ging an den Weiher hin und hing seinen Schwanz in das +Wasser. Es dauerte aber nicht lange, so war er im Eise festgefroren. +Der Fuchs konnte ziehen und zappeln, wie er wollte--das Eis liess ihn +nicht los. Er musste nun zusehen, wie der Hase ein Brot nach dem +andern verzehrte. Dann rief der listige Hase dem Fuchs zu: "Im +Fruehjahr sehen wir uns wieder. Lass dir die Zeit nicht zu lang werden, +bis das Eis auftaut." + + + + +80. SPRUECHE. + +Wer andern eine Grube graebt, +Faellt selbst hinein. + +Wer redet, was er nicht sollte, +Muss hoeren, was er nicht wollte. + +Kein besseres Kissen in Freude und Schmerz, +Als gutes Gewissen und froehliches Herz. + + + + +81. DER HASE UND DIE SCHILDKROETE. + +Ein flinker Hase forderte einst die langsame Schildkroete zum Wettlauf +auf. Sie willigte ein, und eine grosse Eiche im Walde sollte das Ziel +sein. + +Mit den ersten Sonnenstrahlen machte sich die Schildkroete auf den +Weg, der Hase aber hatte keine grosse Eile. Er spielte lange im Grase +umher, ehe er ans Laufen dachte. Endlich sprang er fort und holte die +Schildkroete wirklich ein. Da er jedoch sah, wie muehsam sie vorwaerts +kroch, legte er sich im Schatten eines Baumes nieder und schlief fest +ein. + +Als er erwachte, war es schon lange nach Mittag. Da rannte er, so +rasch er konnte, den Weg entlang. Aber, siehe da, als er die Eiche +erblickte, sass die Schildkroete schon darunter und lachte den Hasen, +der seine Zeit verspielt und verschlafen hatte, tuechtig aus. + +[Illustration] + + + + +82. HASENBRATEN. + + Auf dem Dach viel blanke Zapfen, + Zu dem Schnee viel kleine Tapfen, + Alle laufen nach dem Kohl! + Haeschen, das gefaellt dir wohl? + + Naechtlich, bei des Mondes Schimmer, + Sitzt es dort zu schmausen immer; + Knusperknaeuschen, gar nicht faul: + Ei, du kleines Leckermaul! + + Haeschen ist es schlecht bekommen; + Vater hat's Gewehr genommen; + Eines Abends ging es: bumm! + Bautz! da fiel das Haeschen um. + + Kannst du wohl das Ende raten? + Heute gibt es Hasenbraten, + Apfelmus mit Zimt dazu. + Ach, du armes Haeschen du! + +[Illustration] + + + + +83. DER SCHEIN TRUEGT. + +Bei einem Teiche wohnten viele Gaense. In der Naehe hatte auch ein +Fuchs seinen Bau. Gar oft versuchte er, sich eine Gans oder ein +Gaensekuechlein zu fangen. Daher fuerchteten sich diese sehr vor dem +braunen Gesellen. Einst war der Fuchs sehr hungrig. "Heute muss ich +mir einen fetten Braten holen!" sagte er zu sich selber. + +Er streckte sich, so lang er war, im Grase aus und ruehrte kein Glied. +Als die Gaense den Raeuber so liegen sahen, kamen sie naeher und erhoben +ein freudiges Geschnatter. "Jetzt werden wir Ruhe haben!" sprachen +sie. "Unser Feind ist nicht mehr am Leben!" + +Schnell sprang der Fuchs auf, erwischte den Gaenserich beim Fluegel und +trug ihn in seine Hoehle. + +[Illustration] + + + + +84. DER FROSCH. + +_Berta_: Geschwind, geschwind, Mama! + +_Mutter_: Was fehlt dir? Wer hat dir etwas zuleide getan? + +_Berta_: Sieh nur, was mir unser Spitz in den Schoss fallen liess! + +_Mutter_: Einen kleinen Frosch! Und deshalb bist du so +erschrocken? Rasch, nimm den kleinen Burschen und setze ihn in das +Gemuesebeet! + +_Berta_: Tragen soll ich das haessliche Tier? Ich wuerde es um +alles in der Welt nicht in die Hand nehmen! + +_Mutter_: Nun, dann muss ich es tun! Schau, wie ich jetzt das +Tierchen anfasse und es ins Beet huepfen lasse. Hopp, da sitzt es +schon drinnen. + +_Berta_: O, Mama, was tust du? Warum hast du den Frosch nicht +getoetet? + +_Mutter_: Weil er ein sehr nuetzliches Tier ist. Freust du dich +nicht, wenn es im Garten die zarten Ruebchen und die suessen Erbsen +gibt, die Papa jedes Fruehjahr pflanzt? + +_Berta_: Gewiss, Mama! Ich esse beides sehr gerne; aber was hat +das mit dem Frosch zu tun? + +_Mutter_: Hoere nur, du wirst es gleich erfahren. Den Raupen und +Kaefern schmecken diese Gemuese auch gut, gerade wie dir. Im Fruehlinge +stellen sich diese Insekten ein und fressen die Blaettchen ab, so dass +die Pflaenzchen sterben muessten, wenn der Frosch nicht zur Hand waere. +Der glatte Bursche huepft dann durch den Garten, faengt die Raupen, +Fliegen und Kaefer, und die Pflaenzchen wachsen wieder. Soll ich den +Frosch zum Dank dafuer toeten, Berta? + +_Berta_: Nein, liebe Mama; und wenn ich wieder sehe, dass ein +Knabe einen Frosch quaelt, will ich ihm sagen, was ich heute von dir +gelernt habe. + +[Illustration] + + + + +85. VOM LISTIGEN GRASMUECKLEIN EIN LUSTIGES STUECKLEIN. + + Klaus ist in den Wald gegangen, + Weil er will die Voeglein fangen; + Auf den Busch ist er gestiegen, + Weil er will die Voeglein kriegen. + Doch im Nestchen sitzt das alte + Voegelein just vor der Spalte, + Schaut und zwitschert: "Ei, der Taus! + Kinderlein, es kommt der Klaus, + Hu, mit einem grossen Pruegel, + Kinderlein, wohl auf die Fluegel!" + Brr, da flattert's: husch, husch, husch! + Leer das Nest, und leer der Busch. + Und die Voeglein lachen Klaus + Mit dem grossen Pruegel aus, + Dass er wieder heimgegangen + Zornig, weil er nichts gefangen; + Dass er wieder heimgestiegen, + Weil er konnt' kein Voeglein kriegen. + + + + +86. EIN TOERICHTER STREIT. + +Zwei Knaben, Albert und Paul, suchten im Walde Nuesse. Da bemerkte +Paul eine grosse Walnuss unter einem Baume und rief seinem Kameraden +zu: "O, sieh dort vor dir die Walnuss!" Albert hob sie schnell auf und +steckte sie in seine Tasche. Damit war aber Paul nicht zufrieden; er +sagte: "Die Nuss gehoert mir, ich habe sie zuerst gesehen!" "Und ich +habe sie aufgehoben," erwiderte Albert trotzig; "ich gebe sie nicht +her!" So stritten sie heftig, und schon wollten die toerichten Knaben +einander schlagen, als Georg, ein aelterer Junge, herbeikam, der im +Walde Eichhoernchen schoss. Albert und Paul baten den grossen Knaben, er +solle entscheiden, wem die Nuss gehoere. Was tat Georg? Er zerbrach die +Nuss mit einem Steine und gab jedem der beiden Streitenden ein Stueck +von der Schale. "Den Kern," sprach er, "behalte ich als Lohn dafuer, +dass ich euer Richter war!" Dann ging er lachend fort. + +[Illustration] + + + + +87. HERR WIND! HERR WIND! + + Ein Bauer hat ein Haus gehabt, + Und auf dem Haus ein Dach. + Zur Nachtzeit kam der Wind getrabt, + Da ward der Bauer wach. + Wie's heulte, krachte, klirrte, klang! + Der arme Bauer flehte bang: + "Ich bitt' dich, lass' dein Toben, + Und lass' mein Dach dort oben, + Herr Wind! Herr Wind!" + + Des Daches Luken schlossen gut + Der Bauer und sein Knecht. + Da ward der Wind voll Trotz und Wut + Und kreischte: "Nun erst recht!" + Herr Wind! Herr Wind! du boeser Wind, + Du bist wie manche Kinder sind, + Die das just haben wollen, + Was sie nicht haben sollen. + Herr Wind! Herr Wind! + + Mit Draeuen draengt der Wind und drueckt + Mit Groll und grausem Krach; + Er zieht und zerrt und ruettelt, rueckt + Und reisst vom Haus das Dach. + Zerstoert ist herzlos Heim und Haus; + Der Bauer sieht so traurig aus, + Sein Weib und seine Kleinen, + Sie stehen da und weinen. + Herr Wind! Herr Wind! + + Hast du's gehoert, mein liebes Kind? + Sei freundlich, friedlich, froh! + Denn wuerdest du ein solcher Wind, + Dann spraech' man von dir so: + Du bist nicht gut, du tust nicht gut, + Du bist ein wild und trotzig Blut, + Das stets gern haben wollte, + Was es nicht haben sollte!---- + Herr Wind! Herr Wind! + +[Illustration] + + + + +88. DAS FUENKCHEN. + +Das Kind hatte mit dem Fuenkchen gespielt, obgleich seine Mutter es +schon oft verboten hatte. Da war das Fuenkchen fortgeflogen und hatte +sich ins Stroh versteckt. Das Stroh fing an zu brennen, und es +entstand eine Flamme, ehe das Kind daran dachte. Da wurde es dem +Kinde bange, und es lief fort, ohne jemandem etwas von der Flamme zu +sagen. Und da niemand Wasser darauf schuettete, ging die Flamme nicht +aus, sondern breitete sich im ganzen Hause aus. Als sie an die +Fenstervorhaenge kam, wurde sie noch groesser, und das Bett, worin die +Leute nachts schliefen, brannte hell auf, und die Tische und die +Stuehle und die Schraenke und alles, was der Vater und die Mutter +hatten, das wurde vom Feuer erfasst, und die Flamme wurde so hoch wie +der Kirchturm. Da schrieen die Leute vor Schrecken, die Glocken +laeuteten; es war fuerchterlich zu hoeren, und die Flamme war +schrecklich zu sehen. Nun fing man an zu loeschen, indem man Wasser in +das Feuer schuettete und spritzte; aber es half nichts; das Haus +brannte ganz ab, und nur noch ein wenig Kohlen und ein bisschen Asche +blieben uebrig. Da hatten nun die Eltern des Kindes kein Haus mehr und +kein Plaetzchen, wo sie wohnen und wo sie schlafen konnten, und auch +kein Geld, um sich ein neues Haus und neue Betten und Tische und +Stuehle zu kaufen. Ach, wie weinten die armen Eltern! Und das Kind, +das mit dem Fuenkchen gespielt hatte, war schuld daran. + + + + +89. RAETSEL. + +Kennt ihr die Blume, in guter Ruh' +Dreht sie sich immer der Sonne zu; +Sie hat viel Samenkoerner schoen, +Wie Strahlen ihre Blaettchen stehn. + +Erst weiss wie Schnee, +Dann gruen wie Klee, +Drauf rot wie Blut, +Dann schmeckt es gut. + + + + +90. DAS GAENSEBLUEMCHEN. + +[Illustration] + +Die Rose feierte einmal ihren Geburtstag. Sie stand mitten im Garten, +und alle Blumen kamen zu ihr, um ihr Glueck zu wuenschen. Zuerst kamen +die stolze Lilie und die praechtige Tulpe, hernach kamen die kleinen +Blumen. Alle neigten sich vor der Rose und sagten: "Wir wuenschen dir +Glueck, liebe Rose." + +[Illustration] + +Aber ein kleines, weisses Bluemchen getraute sich nicht, nahe an die +Rose heranzutreten, weil es so schuechtern und bescheiden war. Es +blieb von ferne stehen und fluesterte nur: "Ich wuensche dir auch +Glueck, liebe Rose!" Die Rose hatte das Bluemchen aber gesehen und +winkte ihm, naeher heranzutreten. "Komm doch naeher, liebe kleine +Schwester," sagte die Rose guetig. Als nun das Bluemchen naeher +herangetreten war, fragte die Rose: "Wie heisst du denn, liebe +Kleine?" Da sprach es ganz leise: "Ich heisse Gaensebluemchen." + +[Illustration] + +"Aber, liebes Gaensebluemchen," sagte die Rose freundlich, "du bist ja +tausendmal schoener als alle andern Blumen. Du sollst jetzt nicht mehr +Gaensebluemchen, sondern Tausendschoen heissen, weil du tausendmal +schoener bist als alle." Darueber freute sich das gute Gaensebluemchen +so sehr, dass es ueber und ueber rot ward, und seit der Zeit haben alle +Gaensebluemchen--rote Ohrlaeppchen. + +[Illustration] + + + + +91. DIE GRUENE STADT. + + Ich weiss euch eine schoene Stadt, + Die lauter gruene Haeuser hat. + Die Haeuser, die sind gross und klein, + Und wer nur will, der darf hinein. + + Die Strassen, die sind freilich krumm, + Sie fuehren hier und dort herum; + Doch stets gerade fort zu gehn, + Wer findet das wohl allzuschoen! + + Die Wege, die sind weit und breit + Mit bunten Blumen ueberstreut. + Das Pflaster, das ist sanft und weich, + Und seine Farb' den Haeusern gleich. + + Es wohnen viele Leute dort, + Und alle lieben ihren Ort. + Ganz deutlich sieht man dies daraus, + Dass jeder singt in seinem Haus. + + Die Leute, die sind alle klein, + Denn es sind lauter Voegelein; + Und meine ganze gruene Stadt + Ist, was den Namen "Wald" sonst hat. + + + + +92. DEUTSCHLAND. + +[Illustration] + +Weit weg von hier liegt Deutschland. Das ist ein schoenes Stueck Erde. +Zu Deutschland gehoeren Preussen, Sachsen, Bayern, Baden und andere +kleinere oder groessere Staaten. Dort gibt es breite und tiefe Fluesse. +Der Rhein, die Elbe und die Donau sind am bekanntesten. Daneben +finden sich weite Ebenen, hohe Berge und dichte Waelder. Auch fehlt es +nicht an Staedten, in denen viele fleissige Leute leben. Berlin, +Muenchen, Koeln, Dresden, Frankfurt und manche andere sind +bemerkenswert. Ueberall hat man praechtige Wohnhaeuser, reiche Kirchen +und herrliche oeffentliche Gebaeude. Alles wird sehr sauber und +ordentlich gehalten. Von Hamburg und Bremen aus fahren maechtige +Dampfschiffe und Segler nach allen Gegenden der Welt. Deutschland +besitzt auch zahlreiche grosse Fabriken. Die Felder werden auf das +Beste bestellt. Die deutsche Fahne ist schwarz, weiss und rot +gestreift. An der Spitze des Reiches steht der deutsche Kaiser. + + + + +93. SONNENSCHEIN. + + Sonnenschein, + Klar und rein, + Leuchtest in die Welt hinein; + Machst so hell, so warm und schoen + In den Taelern, auf den Hoeh'n, + Die du alle ueberstrahlst + Und so hold und lieblich malst. + + Sonnenschein, + Klar und rein, + Kehre auch ins Herz mir ein! + Wenn ich habe heitern Sinn, + Gut und froh und freundlich bin, + Dann ist's in dem Herzen mein + Wunderbarer Sonnenschein. + + + + +94. DIE KOENIGIN LUISE. + +Vor hundert Jahren lebte in Preussen eine Koenigin, namens Luise. Sie +war jung und schoen, aber auch ebenso gut. Ein jeder liebte sie. Schon +als kleines Kind hatte sie ihre Mutter verloren und wurde von ihrer +Grossmutter einfach erzogen. So war sie zu einer echten, deutschen +Jungfrau herangewachsen, als der Kronprinz und spaetere Koenig von +Preussen, Friedrich Wilhelm, sie kennen lernte. Bald darauf wurde sie +seine Frau. Eine grosse Freude hatte sie an ihren Kindern, zwei +Knaben, mit denen sie gerne lernte und spielte. Aber da gab es einen +schrecklichen Krieg mit dem Kaiser von Frankreich, Napoleon. Die +Feinde waren staerker als die Preussen und besiegten sie. Das tat dem +Koenige und der guten Koenigin sehr weh. Es kam so weit, dass sie ihr +Schloss in Berlin verlassen mussten. Als die koenigliche Familie endlich +wieder zurueckkehren konnte, herrschte grosser Jubel. Die Freude sollte +aber nicht lange dauern, denn bald darauf wurde die edle Koenigin +schwer krank und erholte sich nicht mehr. Als sie starb, war die +Trauer allgemein. Noch heute ist die Koenigin Luise unvergessen. + +[Illustration] + + + + +95. DAS GOLDENE SCHLOSS. + +"Willst du eine Prinzessin sein?" So fragte ein Knabe seine kleine +Schwester. Die lachte ihn aus. Er sagte aber: "Ja, ich kann ein Koenig +und du kannst eine Prinzessin werden. Du bekommst ein schoenes, neues +Kleid und einen silbernen Thron. Ich bekomme einen roten Mantel, eine +goldene Krone und einen goldenen Thron." Die Schwester glaubte das +nicht und sagte: "Unsere Eltern sind ja so arm." Der Knabe erzaehlte +dann: "Letzte Nacht im Traume kam ein kleiner Mann zu mir. Er fragte +mich: 'Willst du ein Koenig sein und in einem goldenen Schlosse +wohnen?' Ich sagte, ja. Da sprach der Kleine: 'Komm in den Wald mit +deiner Schwester, wenn der Mond scheint. Bei der grossen Tanne warte +auf mich. Aber spaeter im goldenen Schlosse darf keine Traene auf den +Boden fallen. Wenn eine Traene auf den Boden faellt, muesst ihr wieder +heim.'" Jetzt glaubte die Schwester, was der Bruder sagte. Sie wollte +gerne mit ihm gehen. + +Am Abend schien der Mond sehr hell. Da gingen Bruder und Schwester +hin zu der grossen Tanne im Walde. Das Maennlein war noch nicht da. Die +Kinder setzten sich ins Moos, um zu warten. Sie waren muede und +schliefen bald ein. Auf einmal wachten sie auf. Verwundert schauten +sie um sich. Sie hatten schoene neue Kleider an. Der Bruder hatte +einen roten Mantel und trug eine goldene Krone. Die Schwester hatte +ein himmelblaues Kleid mit silbernen Sternen. Auf ihren Haaren war +ein Kranz von Diamanten. Der kleine Mann kam und rief: "Willkommen, +willkommen!" Dann kamen noch viele kleine Maennlein mit einem goldenen +und einem silbernen Wagen. Der Bruder musste sich in den goldenen +Wagen und die Schwester in den silbernen Wagen setzen. Die Maennlein +zogen die Wagen und fuhren durch den Wald an einen Berg. Im Berge war +eine grosse, hohe Halle, und darin stand ein goldenes Schloss. Die +kleinen Maenner fuehrten die Geschwister in dieses Schloss. Dann holten +sie einen goldenen und einen silbernen Thron. Der goldene Thron war +fuer den Bruder und der silberne fuer die Schwester. Die kleinen Maenner +stellten sich vor sie hin und riefen: "Hoch lebe unser Koenig und auch +die Prinzessin!" Dann gab es zu essen, lauter gute Sachen. + +Nach dem Essen wollten die Kinder schlafen, denn es war schon spaet. +Im Schlafzimmer standen zwei Betten, ein goldenes und ein silbernes. +Der Koenig legte sich in das goldene, die Prinzessin in das silberne +Bett. Da fragte der Bruder: "Schwesterchen, wie gefaellt dir das +goldene Schloss?" Sie antwortete: "Schoen ist es schon hier; wenn nur +der Vater und die Mutter auch hier waeren!" Der Bruder sagte: "Das +moechte ich auch haben. Was werden die Eltern jetzt machen?" Die +Schwester meinte: "Sie werden uns suchen und weinen, weil sie uns +nicht finden koennen." "Ja," war des Bruders Antwort, "sie werden +denken, der Wolf habe uns gefressen." Das konnte die Schwester nicht +anhoeren. Sie fing an zu weinen. Da warnte der Bruder: "Nicht weinen, +sonst fallen deine Traenen auf den Boden!" "Nein," sagte die +Schwester, "ich hab' sie mit der Hand aufgefangen. Aber ich muss +weinen." Nun wurde auch der Bruder ganz traurig. Auch er weinte +einige Traenen. Doch die Traenen fielen in das Bett. Die Schwester +fragte: "Wie lange willst du noch Koenig bleiben? Ich will nicht mehr +Prinzessin sein. Ich will heim!" Der Bruder sagte: "Ja, zu Hause bei +Vater und Mutter ist es doch schoener!" Da liessen sie beide grosse +Traenen auf den Boden fallen. Es donnerte, und die Kinder fielen aus +den Betten. + +Nun kamen die kleinen Maenner wieder. Sie waren sehr traurig und +brachten die Geschwister zurueck zu der grossen Tanne im Wald. Da +schliefen Bruder und Schwester bald ein. Als sie die Augen oeffneten, +war es heller Tag, aber der rote Mantel und das himmelblaue Kleid +Waren verschwunden. + +Da kamen auch schon die Eltern. Die freuten sich sehr, ihre Kinder +wieder zu haben. Die Geschwister waren ebenso froh und versprachen, +nie mehr fortgehen zu wollen. + + + + +96. DIE KLEINEN MUESSIGGAENGER. + +Drei Kinder sollten nach der Schule gehen, aber sie sprachen: "Was +kann das Lernen helfen! Lasst uns in den Wald laufen; da spielen die +Tierlein, und wir wollen mit ihnen spielen." + +Als die Kinder nun im Walde waren, luden sie zuerst die Kaefer zu +ihrem Spiele ein. Da summten die Kaefer um die Koepfe der Kinder, und +der eine sprach: "Ich habe keine Zeit, ich muss Holz saegen!" Der +andere sprach: "Ich muss ein Loch graben!" Noch andere riefen: "Wir +muessen uns ein Huettlein aus Gras bauen!" + +Nun kamen die Kinder an einen Ameisenhaufen. Hier lief eine ganze +Menge von Ameisen aus und ein. Jedes dieser winzigen Tierchen hatte +etwas in seine Wohnung zu tragen; und wo es dem einen zu schwer ward, +sprach es zum andern: "Komm', hilf mir!" + +Die Kinder schlichen vorbei und fanden Bienlein auf den Blumen. Die +waren so eilig und mochten gar nicht zu den Kindern aufsehen. Sie +sammelten Honig und Bluetenstaub und flogen dann flink davon. + +Da hoerten die Kinder einen Vogel singen. Es war ein Fink. "Du kannst +so schoen singen," riefen sie, "und hast auch gewiss Lust, mit uns zu +spielen." Allein der Fink sagte: "Pink, pink! Flink, flink! Ich muss +Muecken fangen fuer meine Jungen und dann die Kleinen in den Schlaf +singen. Auch muss ich mich fleissig im Singen ueben, damit ich dem +Wanderer schoene Lieder vorsingen kann." Und fort war er. + +Auf einmal rasselte es im Busche. Die Kinder erschraken. Eins sagte: +"Wenn nur ein Eichhoernchen kaeme und mit uns spielte!" Da lief auch +schon eines aus dem Busche und kletterte auf einen Baum. Es kicherte +und rief: "Ich suche Knospen und Nuesse!" Die Kinder baten: "Komm' und +bring' uns auch schoene Nuesse!" Aber das Tierchen zischte und knurrte +nur. + +Bald darauf hoerten sie ein Baechlein plaetschern, und nun riefen sie +froehlich: "O, mit dem Baechlein moegen wir spielen! Kommt!" + +Sie liefen geschwind hin. Aber das Baechlein sagte: "Seht doch die +faulen Kinder! Ihr meint, ich haette nichts zu tun. Ich muss Tag und +Nacht arbeiten; ich netze Felder und Wiesen und traenke die durstigen +Tiere. Wenn ich gross und stark bin, treibe ich Muehlen und trage +Schiffe. Geht, geht, ihr faulen Kinder!" + +Da wurde den Kindern gar aengstlich zu Mute. Sie gingen beschaemt weg +und blieben nie mehr aus der Schule. + + + + +97. DER GUTE KAMERAD. + + Ich hatt' einen Kameraden, + Einen bessern find'st du nit. + Die Trommel schlug zum Streite, + Er ging an meiner Seite + In gleichem Schritt und Tritt. + + Eine Kugel kam geflogen, + Gilt's mir oder gilt es dir? + Ihn hat es weggerissen, + Er liegt mir vor den Fuessen, + Als waer's ein Stueck von mir. + + Will mir die Hand noch reichen, + Derweil ich eben lad'. + "Kann dir die Hand nicht geben, + Bleib' du im ew'gen Leben + Mein guter Kamerad!" + + + + +98. DER GOLDBAUM. + +Eduard scherzte gerne und spielte auch gerne anderen einen Streich. +Dabei kam es nicht immer darauf an, ob, was er sagte, auch der +Wahrheit gemaess sei. Seine kleine Schwester Emilie, die noch nicht in +die Schule ging, fragte gerne ihren Bruder, den sie fuer sehr weise +hielt, ueber alles aus. Um sie schnell wieder los zu werden, sagte ihr +Eduard oft Dinge, welche das Kind ganz falsch belehrten. + +Eines Morgens, es war Eduards Geburtstag, sah Emilie auf dem Tische +ihres Bruders ein Goldstueck liegen, das er vom Vater zum Geschenk +bekommen hatte. Sie fragte ihn: "Wo waechst das Gold?"--"Es wird +gesaet," antwortete Eduard, der sich wieder einmal auf Kosten seiner +Schwester einen Spass machen wollte, "dann wird ein Baum daraus, an +dem wachsen die Goldstuecke." + +Als Eduard beschaeftigt war, nahm Emilie leise das Goldstueck vom +Tische, eilte damit hinunter in den Garten, grub mit den Haenden ein +Loch in die weiche Erde, legte das Goldstueck hinein und bedeckte es +wieder mit Erde. + +Eine Weile spaeter sprang sie in Eduards Zimmer und rief: "Jetzt wirst +du bald viele, viele Goldstuecke haben! Ich habe deines im Garten +gepflanzt." + +Umsonst bekannte Eduard, er habe nur gescherzt, und umsonst suchte +und grub er im Garten nach seinem Golde. Emilie wusste die Stelle +nicht anzugeben, wo sie es eingegraben hatte. + +Der Vater kam hinzu und sagte: "Es war unklug von Emilie, das +Goldstueck pflanzen zu wollen; du aber, Eduard, hast gefehlt, da du +ihr, wenn auch im Scherze, eine Unwahrheit sagtest." + + + + +99. GERETTET. + +"Rasch, Ernst, kleide dich an, und komme sogleich herunter!" + +"Was ist geschehen, Vater?" + +"Geschwind, mein Junge! Der Ohio ist ueber Nacht gestiegen, das Dorf +ist unter Wasser, und wir muessen unser Haus verlassen." + +Mit einem Satz war Ernst aus dem Bette und fuhr wie der Blitz in +seine Kleider. Dann lief er die Treppe hinunter in die Wohnstube. +Hier stand das Wasser schon ueber zwei Fuss hoch. Auf einem Tische am +Fenster war der Vater mit den Seinen. Die Mutter hielt die kleine +Rosa an der Hand und trug das Juengste, ein herziges Bueblein, auf dem +Arme. Sie hatte Traenen im Auge, der Vater aber sprach ihr Mut zu. +Endlich kam ein Mann in einem Kahn, alle stiegen hinein, und durch +dieselben Strassen, durch welche gestern noch Leute gegangen und Wagen +gefahren waren, ruderten sie jetzt im Rachen dem Lande zu. Nachdem +sie eine hochgelegene Stelle erreicht hatten, stiegen sie aus. Der +Bootsmann ging mit dem Vater, der Mutter und den zwei Kleinen den +Huegel hinauf nach einem Hause. Dort wollten sie ein Unterkommen +suchen. + +"Du kannst dableiben und auf meinen Kahn achtgeben," sagte der +Bootsmann zu Ernst. Das war dem Knaben gerade recht. Jetzt erst +schaute er sich um. Welch ein Anblick! Nach dem Flusse zu sah man nur +Wasser. So weit das Auge reichte, schien alles ein grosser See zu +sein. Drueben am anderen Ufer, ganz in der Ferne guckten die Wipfel +der Baeume und die Schornsteine aus der Flut empor. Ganz in der Naehe +stand das Bretterhaus der alten Frau Werner, welche sehr arm war und +von guten Leuten unterstuetzt wurde. Schon hatte das Wasser den +zweiten Stock erreicht und stieg immer hoeher und hoeher. + +[Illustration] + +Waehrend Ernst das Haeuschen der Frau Werner betrachtete, kam es ihm +vor, als rufe jemand um Hilfe. Richtig, jetzt oeffnete die alte Frau +einen Laden und schaute heraus. Als sie ringsum nichts als Wasser +erblickte, klagte und jammerte sie laut und rang die Haende. + +Ernst sah alles und dachte nach, was er wohl tun koenne. Ja, so ging +es! Er wollte rasch den Huegel hinauflaufen und den Vater und den +Bootsmann rufen. Aber siehe da! Die Flut trieb einen maechtigen +Baumstamm gerade auf das Haeuschen zu. Wenn er gegen dasselbe stiess, +loeste es sich gewiss los, schwamm in der Stroemung fort, und dann waere +die alte Frau verloren. + +Da sprang Ernst in den Kahn, stiess vom Ufer und steuerte nach dem +Haeuschen. Frau Werner stieg aus dem Fenster in den Rachen, und der +Knabe ruderte, so rasch er konnte, an das Ufer zurueck. Als er sich +demselben naeherte, kam sein Vater gerade wieder vom Huegel herab. + +"Hurra, wir sind gerettet!" rief Ernst, als der Kahn ans Land stiess. +Mit Traenen des Dankes im Auge drueckte die alte Frau dem Knaben die +Haende. Der Vater aber schloss ihn an seine Brust und sprach: "Das war +wie ein braver Mann gehandelt, mein Sohn!" + + + + +100. SPRUECHE. + +Erfuellte Pflicht +macht froh Gesicht. + +Die traege Hand sei noch so glatt und weiss, +Der fleissigen allein gebuehrt der Preis. + +Traegt einer gar so hoch den Kopf, +So ist er wohl ein eitler Tropf. + +Allen Leuten recht getan, +Ist eine Kunst, die niemand kann. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, HIN UND HER *** + +This file should be named 7hnhr10.txt or 7hnhr10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7hnhr11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7hnhr10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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