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diff --git a/79067-0.txt b/79067-0.txt new file mode 100644 index 0000000..5862956 --- /dev/null +++ b/79067-0.txt @@ -0,0 +1,3401 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79067 *** + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit + wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler + wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. + + Die beiden Fußnoten wurden direkt an das Ende des jeweiligen Absatzes + angefügt. In der für dieses Buch verwendeten Frakturschrift sind die + Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ identisch, demnach werden im Sachregister + werden die entsprechenden Begriffe gemeinsam aufgeführt. Für die + vorliegende Ausgabe wurden die betreffenden Einträge jedoch gesondert + angegeben. + + Der Übersichtlichkeit halber wurde die ganzseitige Anmerkung über die + ‚Kosmos, Gesellschaft für Naturfreunde‘ den restlichen Ausführungen + der ‚Kosmos‘-Gesellschaft am Ende des Buches vorangestellt. + + Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + unterstrichen: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + [Illustration] + + + Die Abstammung der Kunst + + + + + Die + Abstammung der Kunst + + Von + + Wilhelm Bölsche + + Mit 14 Tafelbildern und + 1 farbigem Umschlagbild + + [Illustration] + + +Stuttgart+ + Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde + Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung + + + + + Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten. + + Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in + den Vereinigten Staaten von Nordamerika: + + ~Copyright 1926 by + Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart~ + + ~Printed in Germany~ + + + STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI + HOLZINGER & Co., STUTTGART + + + + +In meinen Knabenjahren gab mir ein Buch viel Anregung, das den +hübschen Titel führte: „Entdeckungsreisen in Haus und Hof“. Es knüpfte +bei den alltäglichen Dingen unserer Umgebung an und spann daraus +naturwissenschaftliche Belehrung. + +Von dieser Lektüre ist mir eine Liebhaberei geblieben, auch bisweilen +vom Nächsten meines Arbeitszimmers, dem Stuhl, auf dem ich saß, dem +Tisch, an dem ich schrieb, an Fernes und Vergeistigtes meiner Arbeit +selbst zu denken. Dabei ist mir gelegentlich auch ein Einfall gekommen, +der, öfter halb im Scherz gesprochen, hier doch etwas ausgeführt werden +mag. + +Angenommen, die ganze menschliche Kultur würde noch einmal unter dickem +Eis begraben wie die berühmten sibirischen Mammutleichen. (Es gibt ja +allerhand Kältetheorien, die so etwas vorsehen, obwohl ich selbst nicht +übermäßig viel davon halte.) + +Und nun käme von irgendeinem Stern eine Sorte überkluger Wesen, nach +undenkbaren Zeiten vielleicht, und veranstaltete wissenschaftliche +Ausgrabungen. + +Wir kennen ja aus eigener Erfahrung, was da später alles noch einmal +interessant wird: die bedenklichste Topfscherbe kommt zuletzt +noch irgendwo hinter die Glasscheiben eines Museums. Wir gedenken +aber auch des Zufalls solcher Grabung. Also eine Weile würden +vielleicht ausgespart lauter Gegenstände unserer Zeit herauskommen, +die praktischen Nützlichkeitszwecken gedient hatten. Die findigen +Gelehrten, selber etwa gerade darauf gestimmt, würden feststellen, +daß diese verschollenen Erdwesen durchaus kühle Verstandespraktiker +gewesen sein müßten, die keinen Finger für etwas anderes rührten als +für solchen unmittelbaren Nutzzweck des Alltagskampfes. + +Plötzlich aber sollte das Holzgerüst des alten braven Sessels sich +zeigen, auf dem ich seit Jahren bei meiner schriftstellerischen +Tätigkeit zu sitzen pflege. Ein sog. Lutherstuhl von immerhin, wie +nicht zu leugnen, ganz solider Nutzarbeit im Sinne solchen Besitzens +— hat er doch so lange Zeit treu ausgehalten, ohne andere Gebresten +als ein leises Knacken. Man würde messen, daß ein Mensch rückseitig +bequem hineinpaßte, Lehnen, Beine, alles Wesentliche dem Tragen und +Stützen angemessen war — kurz ebenfalls „Zweck“. Jetzt aber doch etwas +Überraschendes, Widersprechendes, Rätselhaftes, wie es als Kobold so +oft schon die kluge Forschung geäfft hat. + +Die Seitenlehnen meines Stuhls laufen in zwei wohlgefällige Schnecken +aus, die Rückhalter hinauf zieht zierliches Ornament, und die Knäufe +der Hauptlehne sind jederseits zu zwei deutlichen, wenn auch in sich +etwas stilisierten Löwenköpfen ausgeschnitzt. + +Hier würden aus dem bisher allein verfolgten Gedanken heraus mehrere +sehr schwierige wissenschaftliche Abhandlungen nötig werden über +eine zunächst unbegreifliche, nämlich aus dem reinen Nutzprinzip +völlig widersinnige Absicht oder Eigenschaft der vereisten ehemaligen +Erdenwürmer — voll kühner Hypothesen, von denen vielleicht keine gleich +den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Die gescheiten Herren von da +oben hätten nämlich einfach — die menschliche +Kunst+ entdeckt. + +Ein Irgendetwas, das doch noch einmal neben dem zunächst so +sonnenklaren Nutzzweck herliefe als (dazu gehalten) purer Luxus, +Allotria, die offensichtlich auch Arbeit gefordert und doch (in unserem +Falle) den realen Sitznutzen des Stuhls selber in gar keiner Weise +erhöht hätten. + +Es würde im Verfolg der Ausgrabungen sicherlich eintreten, daß unsere +Gelehrten dergleichen Wunder noch mehr und noch viel intensiver +entdeckten, ja zuletzt die ganze ehemalige Menschheit in einem +Ozean ähnlicher „zweckloser“ Dinge herumplätschernd fänden, die sie +schließlich dazu begeistert hätten, einfache brave Stützpfeiler in +griechische Säulen zu verwandeln und gar eine Gewölbedecke mit der +unerhörten Überflüssigkeit bunter Farbflecke in der Anordnung der +sixtinischen Gemälde Michelangelos zu übertünchen. + +Nun, wir Menschen, die wir erfreulicherweise noch nicht im Eis liegen — +wir haben es ja zu unserer Zeit selber auch hierin besser gewußt. + +Wir wußten und wissen, daß es sich hier um eine Betätigung unseres +tiefsten Menschenwesens handelt, die allerdings nicht ein Anhängsel +unserer Sitz- oder Eß- oder Hautätigkeit und der daranknüpfenden +Technik ist — die aber gerade deswegen +kein+ wirklicher Luxus, sondern +uns in einer andern Schicht Dasein ebenso „brotnötig“ geworden ist, wie +nur irgend etwas dort drüben selbst. Vom nackten Papuaneger bis zum +verfeinerten Hochkulturträger diesem Menschen die Kunst fortnehmen, +hieße sein halbes Leben vernichten oder eigentlich sogar noch mehr. + +Denn überall, wo des Lebens gemeine Not mit ihrer Technik uns nur +etwas Freiheit läßt, da bricht diese Kunst alsbald mit einer Wucht und +Allgemeinerfüllung hervor, daß man klärlich merkt, sie bilde recht +eigentlich eine +wahre Unterschicht alles Menschlichen überhaupt+, +die bloß wartet, von einem gewissen Zwang befreit zu werden. Jene +ganze Nutztechnik, so gewaltig und glücklich sie sich auch allmählich +entwickelt haben mag, erscheint in Wahrheit nur als ein gewisses ihr +abgetrotztes Reservat, das sie doch auch noch jeden Augenblick zu +sprengen, mindestens zu überwuchern droht. + +Man muß ein ethnographisches Museum oder ein Zeughaus besuchen, um +sich zu überzeugen, wie selbst bei den bösesten Waffen sozusagen kein +überzähliges Fleckchen frei wird, daß sich nicht sogleich die Kunst +darauf stürzte, den Dolchgriff, Giftpfeil oder Gewehrkolben mit ihrem +Ornament zu schmücken. Der Papua ist uns sogar im reinen Kunstgewerbe +darin noch über, während wir auf oberer Kulturhöhe dafür auch unsere +obersten Geisteswerte alle mit Kunst durchwachsen haben. + +Und wenn man vielleicht einen Moment geneigt sein könnte, den Gedanken +doch bei unseren allermodernsten maschinellen Errungenschaften lahm +laufen zu lassen, so möge man sich bloß erinnern, wie wir schon wieder +für so typisch Modernes wie einen Bahnhof oder eine Flugzeughalle nach +einem neuen „Kunststil“ suchen, kaum daß wir die Technik haben. Auch +hier ist nur erst ein kleines Aufatmen nötig, um sofort auch die andere +Kraft zurückzubringen. + +Zu schweigen von den unendlichen Gebieten wie Musik oder Dichtung, wo +die Notwehr des unmittelbar Nützlichen überhaupt kaum antippt, und der +Tatsache, daß der tiefste Ideengehalt unseres ganzen Kulturbewußtseins +sich eben in den +Formen+ der Kunst +verkörpert+ hat; man denke sich +nur Goethes „Faust“ herausgenommen aus dem Lebensgesetz dieser Kultur: +es wäre, wie wenn der Mexikaner einem Opfer das Herz ausschnitt. +Aber man raube selbst jenem Papua seinen Tanz, seine Tamtam-Musik, +seine Malereien und Schnitzereien, versuche den künstlerischen +Phantasiegehalt unter seinen religiösen Vorstellungen fortzuziehen, +und man würde im buchstäblichen Sinne auch bei ihm schon mit dem +scheinbaren Beiwerk den wahren Nerv seines Daseins vernichten. Und +wenn wir an Fortschritt auch noch unserer oberen Kultur denken, wenn +wir Bannung der Lebensnot für möglichst weite Volkskreise, sozialen +Heraufgang, mehr Luxusraum gleichsam gegenüber der Notarbeit erstreben +— was schwebt uns auch da immer wieder vor, als daß wir den Menschen +auch befreien zum vermehrten Anteil an diesem seinem besten, tiefsten, +reichsten Weltinhalt — der Kunst. + +Durchaus entsprechend dieser grundlegenden Bedeutung sehen wir an diese +Kunst von der Menschheit seit Jahrtausenden tatsächlich nicht eine +nebensächliche, sondern eine ungeheure Arbeit gewandt, die sinnloseste +Energieverschwendung wäre, wenn das Exempel Menschengeist wirklich mit +der +gewöhnlichen+ Nützlichkeit aufginge. + +Mag diese Kunstarbeit entsprechend dem höheren Selbstzweck eine +freiwilligere und darum angenehmere sein als die Kraftanspannung +dort. Mag für einen großen Teil Menschen (was übrigens bedingt auf +die Technik selbst zutrifft) ihre Aneignung sich fast als mühelose +Glücksquelle vollziehen — so kennen wir doch auch hier alle die +unendliche Arbeit des Erstschaffens, die hingebende Helden- und +Märtyrerrolle des Einzelkünstlers, der sich an seinem Werk verzehrt +und verblutet, das fast wie ein neuer Mensch auch ihm unter Schmerzen +geboren werden muß. + +Und auch daran werden wir denken müssen, daß zwar Kunst als solche +mit dem praktischen Nutzzweck des Lebenskampfes +nichts zu tun haben +soll+, schlecht und unrein wird, wo sie sich mit ihrem inneren Wesen +den Tendenzen und Forderungen solcher Nützlichkeit anzupassen sucht +— daß aber hinter der erfinderischen Tätigkeit selbst auch innerhalb +der Technik, soweit auch sie mit dem genialen Blitz, der Intuition und +Phantasie, rechnen muß, Anteile des Künstlerischen im Menschenhirn +sichtbar werden. Auch der ordnende und kombinatorisch schauende Geist +der strengen Wissenschaft, die Logik der Philosophie arbeiten zuletzt +mit einem wohl erkennbaren künstlerischen Einschlag. Unsere Sprache, +dieses kostbarste praktische Verkehrsmittel der Menschheit, wäre nicht +möglich geworden ohne den Ur-Anteil des Musikalischen und zugleich +der Einstellung auf das Begriffliche, das Typische gegenüber den +Einzeldingen, das von je zugleich als ein Grundelement künstlerischer +Schau erkannt worden ist. + +Es hat bisweilen ja der Auffassung von diesem Ur- und Wesenselement der +Gesamtmenschheit in der Kunst geschadet, daß man eben im Alltagsleben +das Künstlerische nur für eine außergewöhnliche, an wenigen seltenen +Einzelmenschen haftende Gabe zu halten liebte. Der Dichter, der Maler +erschienen als ein mehr oder minder abnormer Gelegenheitsfall, dessen +Auftreten man unter Umständen sogar auf bestimmte erregtere Epochen +der Geschichte einschränken wollte und von dem ein sehr bekannter +neuerer Philosoph hat drucken lassen, daß er wohl nächstens ganz +aussterben werde. Wie wir doch auch die eigentlich schon uralte Idee +kennen, alles Geniale, also auch das Künstlerische, stelle im Grunde +nur eine Art persönlicher Krankheit, eine Form des Wahnsinns, dar — +woran vermutlich nur so viel richtig ist, als im Sinne eines Barometers +der denkbar höchste Stand immer ebenso wie der denkbar tiefste etwas +Abnormes zur braven Mitte hat. + +Aber diese ganze einseitige Ansicht vom Vereinzelten des Künstlers +ist überhaupt getrübt. Hier wie überall ist der ganz große schaffende +Genius gewiß etwas Einsames, dessen Auftauchen an uns noch völlig +unbekannten Gesetzmäßigkeiten haftet; aber seine Leistung wäre wertlos, +wenn nicht in der Gesamtmenschheit ebenso sicher eine Resonanz für +dieses Künstlerische bestände, die seine Anregung aufnimmt, weitergibt +und in ihrer Weise erst zu einem Gesamterlebnis und Kulturwert macht. +Wir wissen nichts von Homer, wenig von Shakespeare und fühlen doch, daß +ihre Wirkungen eine Macht sind, die uns alle durch die Zeiten erfüllt +und so gut den Erdrund erobert hat wie nur irgendeine beste technische +Erfindung. Die scheinbare Trennung und doch entscheidende innere +Zusammenarbeit von Genius und Menge ist keineswegs eine Erscheinung +bloß der Kunst; sie spiegelt auch hier nur ein Grundgesetz aller +menschlichen Geistesbetätigung überhaupt. + +Wie stark aber gerade auch das künstlerische Element in +allen+ +Menschen wurzelt, dafür gibt es vielleicht keinen sinnfälligeren +Beweis als das frühe und tiefe Erwachen dieses Gefühls bereits +im Kinde. Es taucht ganz allgemein auf, ehe noch die eigentliche +Nützlichkeitsbewältigung des Lebens im Sinne von Lernen beginnt. +Jean Paul hat gelegentlich sehr hübsch von dieser ursprünglichen +Kinderphantasie gesagt, daß im Wesen jedes Kind ein Dichter sei und die +späteren wirklichen Künstler sich nur dadurch von ihren Mitmenschen +abhöben, daß sie eben in stärkerem Maße Kinder geblieben seien. + +Der Mensch ist ein sehr vielseitiges Wesen, und auch die Technik des +Notkampfs holt aus ihm gewaltige Kräfte heraus, die sich gerade mit +unserer neuesten Kultur ins Unermessene gesteigert haben, so riesig, +daß wir geneigt sein möchten, alles andere darüber zu vergessen. +Aber diese Kräfte der Nutztechnik scheinen doch wirklich immer nur +nachträglich ein gewisses engeres Gebiet herauszugreifen aus dem +ungeheuren Grundreichtum des im Ganzen des Menschengeistes Gegebenen. +Und in diesem Ganzen lebt und webt als eine ursprünglich von diesem +Zwang freie Urmacht auch die Kunst. + +Daß auch sie ausübend in weitem Maße in die +Mittel+ dieser Technik, +nachdem solche einmal gegeben waren, eingetreten ist, also die Stufe +des +Werkzeugs+ und der damit gebotenen äußeren Projektion mitgemacht +hat, kann dabei nur den überraschen, der im Menschheitsgeist an ++vollkommene+ innere Schranken glaubt. In Wahrheit ist dieser +Geist bis zu gewissem Grade auch in seinen äußeren geschichtlichen +Erfahrungen und Erprobungen immer eine Einheit geblieben und nie zu +einer nachträglichen Mosaikarbeit geworden. Nichts Menschliches ist dem +Andersmenschlichen in uns selbst jemals +ganz+ fremd geworden. + +Ein altes gutes Wort sagt: bilde, Künstler, rede nicht. Du sollst Kunst +ausüben, du sollst dich an ihr freuen, aber du sollst nicht über sie +sprechen. Das Wort ist alt und wahr, und doch bewährt sich auch vor ihm +eben diese Einheit des menschlichen Geistes. + +Wenn schon einmal das Philosophieren (und das ist ja das richtige +Fachwort für Darüberreden) in unserem Bewußtsein eine Rolle spielen +soll, so müssen wir es gelegentlich auch auf die Kunst anwenden. Und +es wird uns erleichtert, wenn wir deutlich gewahren, daß auch diese +Kunst, so intuitiv sie zuletzt sein mag, ihre innere Logik und ihr +selbstgestelltes Gesetz hat. + +Es gibt gewisse Züge an ihr, die immer wiederkehren und die man sehen +kann, auch ohne gleich in die schwierigsten Paragraphen ästhetischer +Wissenschaft sich hineinzulesen. + +Alle Kunst als inneres Erlebnis im Künstler hat zunächst eine sehr +deutliche Beziehung zu etwas, das wir durchaus nicht erst auf den Höhen +solcher Ästhetik zu suchen haben, sondern das uns allen allnächtlich +geläufig ist: nämlich dem +Traum+. + +Das wache Dasein macht uns unausgesetzt zum Zuschauer von außer uns +(wie man wenigstens hergebracht sagt) verlaufenden Handlungen. Unser +Gehirn aber bewahrt davon Erinnerungen, die wach doch immer etwas von +fernen, halb verblaßten Schemen annehmen. Diese Erinnerungen schafft +der Traum mit seiner schon in ihm wirksamen Phantasiekraft wieder zu +einer neuen, vollbelebten Wirklichkeit um, wenn auch zunächst nur +innerlich. + +Die gleiche Phantasie aber erzeigt sich in ihm nicht nur +wiederbelebend, sondern auch bereits darüber hinaus selbsttätig +neu +schaffend, neu gestaltend+. Sie verknüpft die wieder lebenskräftigen +Bilder zu neuen Handlungen, neuen Gestalten weit über alles wirklich +Erinnerte hinaus, indem sie uns selbst zugleich lebhaft und scheinbar +wie in die äußere Wirklichkeit hineingerissen mitspielen läßt. + +Allnächtlich übt +diese+ Kraft jeder von uns aus, ob er nun ausübender +Künstler sei oder nicht. Es ist ein ungeheuerlicher Gedanke, was +für eine Belebungs-, was für eine Gestaltungs- und Erfindungsfülle +beständig so schon von der Menschheit erzeugt wird, wenn sie auch +zunächst mit dem Erwachen immer wieder verpufft. + +Von diesem echten Traum unterscheidet sich +das künstlerische Erlebnis+ +nun zunächst nur wie eine Art wachen Traumes. + +Auch in ihm belebt die Phantasie innere Motive bis an die Grenze wieder +voll durchbluteter Wahrheit und vollzieht zugleich mit ihnen neue +Gestaltung mit neu verwebter Handlung. Nur daß das Wachen zugleich +eine viel größere Ordnung hält, wenigstens bis zu gewissem Grade +immer dem inneren Meister den Taktstock klar in der Hand läßt. Im +höchsten künstlerischen Schwung wird auch er sich als Person in sein +Werk hineingerissen fühlen, aber doch nicht entfernt so passiv, nicht +überrumpelt, sondern viel mehr bewußt sein Leben und Herzblut nur +gleichsam leihweise in seine Gebilde, seine Gestalten einströmend, um +sich ebenso bewußt jederzeit wieder abzulösen, wo er will. + +Wie freilich die Phantasie selber arbeitet, heraufwirft, beleuchtet, +vereint, zum Spiel stellt und verknüpft und was sie selber im letzten +sei, das wird auch im wachen Kunsterlebnis uns niemals völlig +klar. Hier wahrt sich auch in ihm der letzte und unentbehrliche +Traumcharakter, bleibt auch ihm immer jener Eindruck des +Intuitiven+, +aus dem Unbekannten heraus Zuströmenden. Das „Es“, das die Puppen +tanzen macht. Der „Furor“, von dem so oft beim Dichter die Rede gewesen +ist und der doch meiner Überzeugung nach so ganz und gar nichts mit +dem Wahnsinn zu tun hat und sich zur echten künstlerischen Tat +nur+ +entwickeln kann, wenn er eben auf der anderen Seite in einem ganz klar +überlegenen, gesunden und wachen Gehirn auftaucht. + +Bis hart an den Schatten dieses Dunkelgebiets heran lassen sich dann +für diese Tat selbst allerdings +gewisse Gesetzmäßigkeiten+ mehr oder +minder deutlich erkennen, die durchweg weit über den echten Traum +hinausgehen. + +Zu dem inneren Beleben und Neugestalten, je weniger es wirklich +echt+ +traumhaft verpufft, tritt gleichsam als Ersatz der Drang zum +äußeren +Schaffen+. Wie die Technik sich über das Organ hinaus ihr Werkzeug +gebildet hat, so sucht auch der Künstler das Werkzeug seines Ausdrucks. +Er projiziert in die Außenwelt — wesentlich jetzt mit der Klarheit des +Wachseins noch in erhöhtem Sinne. + +Diese Klarheit wird ihn im allgemeinen doch verhindern, sein Kunstwerk +auch auf dieser Stufe zu +verwechseln+ mit Gebilden der +gewöhnlichen+ +äußeren Wirklichkeit. + +Wohl bildet auch er es nach der Wahrheit seines inneren Erlebnisses, +gibt es also in diesem Sinne als möglichste Wahrheit auch äußerlich +— eben als Kunstwahrheit. Nicht aber als Konkurrenz und Mitspiel +noch einmal zu der gemeinen Wahrheit dort. Ich möchte sagen: je mehr +der Künstler ganz rein in sich Künstler ist, desto weniger wird +er bei seiner Kunst an Tendenzen, Zwecke, Rücksichten, Einflüsse, +Nützlichkeiten, Beziehungen überhaupt seiner Kunst im profanen Leben +denken. + +Während er anderseits allerdings die echten Innenzüge seines +künstlerischen Erlebnisses selbst bald so, bald so auch äußerlich +stärker hervorkehren mag. Wie dieses Innenerlebnis gleich dem Traum +selbst bald mehr Erinnerungsstoff aus der gemeinen Wirklichkeit +belebte, bald von sich aus stärker neu gestaltend sich bewährte — +so wird er etwa als bildender Künstler auch bald mehr solche reinen +Erinnerungsbilder und unmittelbaren Abbilder selbst herauszuprojizieren +suchen, bald stärker eigenes Neumaterial. Im einen Falle wird das +Kunstwerk sich immerhin mehr Gebilden der gewöhnlichen Wirklichkeit +anähneln, im anderen entferntere eigenere und freiere Wege gehen, die +es auch äußerlich sichtbar stärker von dieser Alltagswelt scheiden. + +Ich denke, man erkennt hier bereits jene beiden Züge, die in weiten +Gebieten der Kunst stets eine so gewaltige Rolle gespielt haben: den +mehr +naturalistischen+ Zug, der auch in der Kunst die Natur stärker +nachzuschaffen scheint — und den +neugestaltenden+, der auch darin +seine Sonderwelt bewährt, daß er durchweg Nieerlebtes in seiner Sphäre +erleben macht. Unsere Betrachtung wird noch auf diesen wichtigen +Gegensatz zurückführen. + +Wo immer wir aber diese eigentliche Neugestaltung selbst im Kunstwerk +wirksam sehen im Gegensatz zur naturalistischen Nurneubelebung — da +treten uns auch in ihr, so scheint es, wieder besondere gesetzliche +Regelmäßigkeiten entgegen. + +Die Kunst als wirkliche Neuschöpferin bleibt auch darin dem echten +Traum stets gleich, daß sie nicht bloß aneinandersetzt, sondern auch +ihre Neugebilde immer wieder zu +Einheiten+ von innen heraus zu ++beseelen+ vermag. + +Wenn sie menschliche Gestalten im inneren Erlebnis schafft, die so nie +profan wirklich existiert haben, Handlungen, die sich so nie vollzogen +haben, so gibt sie ihnen doch wieder diese volle Persönlichkeit und +Lebenskraft, die (so schwer es sein mag) im großen echten Kunstwerk +auch äußerlich projiziert noch durchaus als solche auf uns wirkt. +Deshalb ergreift uns die Madonna, die so nie auf Erden gewandelt ist, +mit so absolut überzeugender Gewalt, folgen wir dem Shakespeareschen +Drama mit der ganzen atemlosen Spannung des Erlebens. Diese Schau aus +geschlossener innerer Einheit lebt aber ebenso in aller echten Musik, +lebt in jeder Säule eines Griechentempels, wirkt aus Beethoven wie aus +dem einsamen Koloß der Asphodeloswiese zu Pästum. + +Man hat gelegentlich billig bemerkt, auch alle schaffende Kunst +sei zuletzt doch nur eine Stückelarbeit aus längst gegebenem +Wirklichkeitsmaterial. Das ist natürlich klar, daß sie Material +benützt, genau wie der Traum von Erinnerungen zehrt. Aber gerade +diese Betrachtung übersieht das eigentliche Wunder: daß nämlich die +Neuzusammenfügung eben wieder neue Einheiten gleichsam aus dem Urgesetz +des Lebens selbst herausbildet; Material hat auch die Natur immer +wieder verwertet und ist doch von Urzellen bis zum Menschen gekommen. +Raffaels Dresdener Madonna oder der Moses des Michelangelo mögen aus +noch so vielen verschollenen menschlichen Modellteilen aufgebaut +sein, so sind es doch nicht diese Teile, sondern es ist die neue +künstlerische Einheit, die uns als das eigentliche Meisterwunder darin +ergreift. + ++Wie+ die innere künstlerische Kraft das +kann+, das ist ja wie beim +Traum wieder ihr Geheimnis. Aber daß sie es kann, erleben wir immer +wieder, und wir sehen auch, daß diese innere Einheitsschau stark genug +ist, selbst auf der Leinwand und im Marmor, also an sich dem sprödesten +Surrogat, ihren ganzen Zauber noch durchzusetzen. Wobei wir nicht +vergessen wollen, daß auch alle noch so naturalistische Kunst etwas von +dieser Einheit braucht, wenn auch sie wirklich echt sein soll — für +jedes Neuschaffen aber ist sie unerläßlich. + +Zu ihr sehen wir dann, eng verknüpft, noch ein zweites treten. + +In aller neu schaffenden Kunst glauben wir einen Zug zu erkennen auf ++ein Rhythmisches, ein Harmonisches+ — eine +Melodie+, wenn ich’s so +nennen soll, nach der sie ihr Selbstgeschaffenes noch einmal gegen die +gemeine Wirklichkeit korrigiert, stilisiert. + +In der Musik selbst haben wir ein ganzes tiefstes Kunstgebiet, +das ausschließlich darauf gebaut ist. Aber der Geist dieses +Rhythmisch-Harmonischen waltet nicht minder in jedem kleinsten +Ornament, bis in das des zu Anfang geschilderten Lehnstuhls. Es lebt in +jedem Vers und bildet das innere Gesetz jedes Dramas mit Steigerung, +Krisis und Lösung. Es ordnet in unendlicher Feinheit (je unsichtbarer +im groben Sinne, desto besser) die Linien der Sixtinischen Madonna, wie +die der Peterskuppel. + +Oft ist bemerkt worden, daß bereits über der allerersten Konzeption +jedes Kunstwerks in der Seele des Schaffenden (auch für bildende oder +dramatische Gestaltung) etwas wie solche +musikalische Grundstimmung+ +zu schweben scheint — Beweis, wie tief auch dieses Rhythmische bereits +mit dem innersten Wesen aller Kunst verknüpft sein muß. + +Zweifellos bildet auch zu ihm Voraussetzung jene tiefe Einheit des +Kunstwerks in sich selbst, — aber noch mit einer Erweiterung. + +Jede einzelne künstlerische Gestaltung, Handlung wird vom Künstler +sogleich wenigstens bis zu einem gewissen Maße +intuitiv überschaut+. +Mit dem ersten Aufschlag ahnt er bereits den Schluß, das Ganze kann +rückwärts in die Teile hinein motivieren. Manchmal scheinen auch hier +ganz besondere Geheimnisse der Intuition zu liegen: es wirkt wie +ein Durchschauen ins Dunkle, das doch schon Richtlinien gibt. Jeder +Schaffende wird sich hier an Rätselhaftes erinnern: als stände das +Kunstwerk schon in einer anderen Dimension fertig und lenkte von dort. +Man kennt Goethes Schilderung von dem blitzhaften Auftauchen eines +ganzen lyrischen Gedichtes, das nicht Zeit läßt, auch nur den Bogen +bei der Niederschrift geradezurücken. Kennt die ungeheure Kraft erster +Erfindungsaugenblicke, wo das Ganze bereits wie Pallas Athene gerüstet +aus dem Haupte des Zeus zu springen scheint. + +Der Vorgang selbst mag zu den anderen Dunkelheiten in Traum und Kunst +hingehen. Jedenfalls aber wäre jenes Rhythmische als typischer Kunstzug +wohl unmöglich ohne diese gleichzeitige Vor- und Zurückschau. Kein +geschlossenes Ornament käme zustande ohne sie, kein Reim im Vers, keine +Folge von Dissonanz und Lösung, von denen die erste erst durch die +zweite bedingt ist, in der Musik. + +Das rhythmische Prinzip selbst kann man dabei sehr verschieden +beurteilen. Je nachdem man es klein nimmt oder im Größten sucht. +Wirklich bloß bei den gefälligen Ornamenten eines Lehnstuhls sucht oder +in den Klängen der neunten Symphonie und der Weltdichtung des Faust. + +Man kann an ihm einfache Gesetze des besseren Wohlgefallens aufsuchen, +die uns eine geordnete Arabeske einem wirren Krackel vorziehen oder +(was selbst in die Kunstformen unserer Möbel, Fenster, Buchformate +hinein verfolgbar ist) das mathematische Verhältnis eines Rechtecks mit +Teilung nach dem sog. Goldenen Schnitt einem reinen Quadrat intuitiv +voransetzen läßt. + +Man kann aber ebenso (und jede vergeistigtere Kunst fordert das +unbedingt) die wunderbare Kraft darin sehen, dem ewig Zerrissenen, +Fragmentarischen unserer gemeinen Wirklichkeitswelt die reinen Rhythmen +einer befreiten, verklärten, geläuterten Welt gegenüberzustellen. Dem +Unzulänglichen das reine Urbild der ungetrübten Form — wie Schopenhauer +in der Kunst unmittelbar den Ausdruck der Platonischen Ideen sah. +Einem Dasein voll Not das Symbol der Erfüllung unserer Sehnsucht nach +ewiger Harmonie. Den Ausdruck des Höchstmenschlichen und Göttlichen, +das sonst keine Sprache hat. Wer wollte sich solchen Gedanken entziehen +beim Anhören bis ins Tiefste erschütternder Musik, die ganz auf solchen +Rhythmen schwebt. + +Bis ins einfachste Volksbewußtsein ist dafür das ursprüngliche +Fremdwort gedrungen vom „Idealisieren“ der Kunst. Das Wort hat aber +noch eine tiefste Bedeutung auch für den wahren Wert aller Kunst. Wenn +auch die echte Kunst keine Tendenz, keinen Zweck im gemeinen Dasein +haben, nicht moralisieren und „nützen“ soll, so tut sie doch auf ihrer +reinen und vom gemeinen Erdenstaube unbefleckten Höhe ständig das +höchste Werk an aller Kultur eben durch diese Schau auf das Ideal. + +Es ist gewiß ein ungeheurer Weg von der schlichten intuitiven Freude +eines Papua an seinen hübschen Farbmustern und Schnitzarabesken — bis +zu diesen Ahnungen und Idealen einer höchsten Weltharmonie in Beethoven +oder Raffael. So bleibt doch, daß es nur ein Weg ist, der auch sonst +dem Heraufgang und der Vertiefung unserer Kultur entspricht, die eben +auch diese geheime Musik in aller Kunst vertieft hat. Diese Musik und +Melodie war aber offenbar von Anfang an schon in aller Kunst, sofern +sie schaffend und nicht bloß nachbildend war, gegeben. Wie ein gutes +Wort gelegentlich gesagt hat: alle Kunst (einerlei, was für ein Gebiet +sie bevorzuge) sei um so echter, je mehr sie solche geheime Musik +enthalte. + +Bei alledem, sagte ich, wahrt der Mensch in seinem Kopf eine Einheit, +und auch die Kunst ist in diesem Sinne nur eine Farbe darin, die erst +scharf getrennt erscheint wie das Rot oder Blau des Sonnenspektrums, +wenn man auch diesen Menschen gleichsam unter ein Prisma stellt. Und +das allein könnte Mut machen zu etwas sonst wahnsinnig Vermessenem: — +nämlich von „+Abstammung der Kunst+“ zu reden. + +In der Umrißskizze, wie ich sie eben selber gegeben, bleibt jedes +einzelne aktive Kunsterlebnis immer wieder etwas ewig „+Autochthones+“, +Selbstgewachsenes, das aus dem Unbekannten — kein Verstand begreift +zuletzt, wie — heraufsteigt. Daß wir mit dem, was wir für gewöhnlich +Verstand nennen, an die wahre Wurzel auch nur der allereinfachsten +intuitiven Kunstleistung nicht herankönnen, weiß jeder. Wir können +diese Intuition weder herausklügeln, noch herausprügeln — sie ist eben +da oder nicht da. Darin hat der Volkswitz durchaus recht, daß der +Dichter ein Mann sei, dem bisweilen etwas einfällt oder auch nicht. +Und es gibt wohl keinen noch so großen Meister, der sich nicht solcher +Augenblicke, wo das Unbekannte und Unberechenbare versagte, schaudernd +bewußt wäre. + +Schließlich würde das aber doch auch auf vieles andere im einzelnen +menschlichen Geistesuhrwerk zutreffen, z. B. die Art, wie wir +Erinnerungen in uns speichern, was jener Verstand selber sei, warum +wir träumen und so fort — geschweige denn, wie es mit den berühmten +letzten Philosophenfragen über Raum, Zeit und Kausalität in uns und +mit dem ganzen Bewußtsein überhaupt stehe. Fragen, die sämtlich im +individuellen Menschen vorläufig und wohl auf lange für uns noch nicht +lösbar sind. Gleichwohl haben wir uns heute, wie männiglich bekannt, +mit gewissen allgemeinen Menschheitsfragen auch ohne das ziemlich weit +gerade ins +geschichtliche+ Gebiet vorgewagt, und, wie doch wohl nicht +zu leugnen, mit manchem guten Erfolg. + +Wir haben versucht, den Menschen als Ganzes +historisch an die Natur+ +zu schließen; zugestanden, daß dabei in ihm wie in der Natur selber +noch manches unklar bleibt. + +Mit einem langen Indizienbeweis, der ihn zunächst einmal an einen ++langen Stammbaum der übrigen Lebewesen+ auf Erden angliederte. + +Zu oberst aus einem Geschöpf, das die Kraft hatte, ein Mensch zu +werden, aber doch noch kein Mensch war. Wir werden es doch wohl ein ++Tier+ nennen müssen, und so ginge es über Tiere weiter hinunter. + +Gewiß ein Indizienbeweis, aber doch ein ungemein folgerichtiger, dem +bereits alle besseren Denkkräfte unserer Kultur zuneigen. + +Wenn sie in Amerika jetzt dagegen gelegentlich nach der Polizei rufen, +so bedeutet (mit Goethes Wort) dieses „Bellens lauter Schall“ doch nur, +„daß wir reiten“, und schließlich wird sich drüben wie bei uns eine +wirklich geläuterte und echte Religion auch mit diesen neuen Ideen in +Einklang zu setzen wissen. + +Noch im Menschenwesen selbst sind wir dann auch ein Stück +zurückgegangen — auch da bis auf eine ziemliche Strecke Brücke weiter +hinaus. Nämlich bis zu jenen lange geleugneten, aber doch endlich +festgestellten, wenn auch in vielem immer noch recht rätselhaften ++Diluvialmenschen+, die jedenfalls noch lange vor all dem standen, +was wir bisher für Kulturgeschichte (auch mit Einschluß aller +Kunstgeschichte) gehalten hatten. Menschen, die ein großer Meister, wie +Ranke, überhaupt noch nicht sah, als er seine „Weltgeschichte“ begann, +deren Überbleibsel aber heute Museen füllen. + +In beiden Fällen haben wir aber bereits etwas von einer gewissen +„Abstammung“ — einmal des bisher bekannten Menschen von einem +älteren Menschentum, dann gar des ganzen Menschen überhaupt aus +etwas Außermenschlichem, Tierhaftem — beides, wenn auch nicht wie in +unserer fingierten Erzählung bisher geradezu unter Eis, so doch einem +ungeheuren Schuttberg Alter und Unkenntnis begraben. + +Unsere Märchenleute entdeckten unter ihrem Eis auch die Kunst. Wäre es +denkbar, daß auch dort schon etwas wie Kunst dabei gewesen sein könnte? + +Wenn der Mensch aus der +Natur+ kam, wie die Entwicklungslehre sich das +denkt, könnte also auch in dieser Natur unter ihm schon etwas angelegt, +vorgezeichnet sein, das gerade zu seiner Kunst führte? Und wie standen +jene diluvialen +Vorzeitmenschen+ zur Kunst? Hatten sie schon so etwas +wirklich, oder lebten auch sie in diesem Punkt doch immer noch auf der +Vor- und Probierstufe? + +Ich gehe zunächst ein Stück weit durch die erste Frage, wobei ich +vorausschicke, daß sie noch viel Dunkles hat. Andererseits ist aber +gerade sie auch so interessant, daß sich ein Spaziergang lohnt. + +Wenn wir dauernd ernst machen wollen mit der Abstammung des Menschen, +so werden wir doch wenigstens versuchen müssen, auch mit solcher +engeren Frage, die ein so ungeheures Stück heutigen Menschentums +angeht, zu ihr heranzukommen. Zumal kein geringerer als der alte Darwin +selbst sie gleich zu Anfang mit der ganzen Unbekümmertheit seines hohen +Geistes schon angeschnitten hatte. + +Die Frage lenkt zunächst über zum +Tier+ als nächstniederem Lebewesen; +sie noch über das Lebendige hinaus zu führen, also sozusagen kosmisch +zu stellen, scheint für unseren Zweck hier nicht ratsam, da sie so +schon schwer genug ist. + +Und sie deckt sich dort mit einer sehr alten und sehr beliebten +Frage, die unzählige Male bereits gestellt worden ist auch in +vordarwinistischen Tagen: ob bei +Tieren+ sich nämlich schon etwas +zeige wie +Anfänge der Kunst+? + +Ganze ältere dicke Bücher findet man tatsächlich bereits gefüllt +mit sinnigen Betrachtungen über die „+Kunsttriebe der Tiere+“, die +meistens schon als ungemein hoch entwickelt gefeiert werden. Danach +könnte die Frage umgekehrt sogar als sehr leicht lösbar erscheinen. +Wir hören da von den kunstvollen Bauten des Bibers und Maulwurfs, der +Ameisen, Termiten und Papierwespen, den Wundern des Vogelnestes und des +Spinnennetzes. + +Richtig besehen aber ergibt sich, daß das alles gar keine „Kunstwerke“ +sind, sondern höchst praktische Nützlichkeitsbauten, also gerade das, +was wir beim Menschen als ganz ausgesprochenen Gegensatz von der Kunst +abschalteten. + +Wenn wir schon vergleichen wollen, müssen wir also eine viel engere +Auslese treffen, die ans wirkliche Kunstgebiet grenzen könnte. Auch +dafür scheint ja nun einiges zu sprechen. + +Ich sagte, die Kunst habe stets einen Bezug zum Phantasieleben des +Traums. Daß Tiere Erinnerungen bewahren, bestreitet niemand, es scheint +aber durchaus, daß solche auch bei ihnen bereits im Schlaf zum Traum +belebt werden können. Hunde knurren, setzen zu Heulen und Bellen an im +Schlaf, zucken mit den Beinen und dem Schwanz. Ähnlich Pferde. Auch von +Vögeln wird Entsprechendes berichtet. + +Man wird solchem träumenden Tier nicht die Anfänge des +Phantasievermögens absprechen wollen, das sehr wahrscheinlich doch +auch schon neu aufbaut. Wenn es irgendeine Stelle gibt, in die man gern +hineinsähe, wäre es gewiß solches träumende Tiergehirn. Nur ist leider +die „geistige Röntgentechnik“ noch nicht dazu erfunden, und mit dem +angeblichen „Briefeschreiben“ der Hunde ist es trotz des Wunderhundes +der Frau Moekel und der ehrlichen Begeisterung des jüngst verstorbenen +Professors Ziegler in Stuttgart doch noch so eine Sache oder, besser, +es ist nicht jedermanns Sache. + +Phantasie äußert sich wohl auch beim Spiele der Tiere, soweit es +nicht bloß ein Vorproben des Jungtieres auf noch nicht klar geweckte +Instinkte ist. Wobei übrigens gerade mit diesem Worte Spiel für unsere +Menschenseite wieder Vorsicht zu üben ist. Ich erwähnte, alle Kinder +kämen mit einem Künstlerzug zur Welt, aber die echte Kunst ist deswegen +kein Kinderspiel, das mit einem nichtssagenden Wort wie „Spieltrieb“ zu +erledigen wäre. So wenig wie diese Kunst (um es noch einmal zu sagen) +ein wirklicher Luxus ist. + +Ergiebiger scheint unser Gebiet dann zu werden, wenn wir an den ++rhythmischen+ Bezug aller Kunst denken. + +Jeder schwärmt vom Schlag der Nachtigall mit seinem unverkennbaren, +in Strophen wiederkehrenden Rhythmus, vom „Gesang“ der Amsel. Und +die kleinen, aber dauerhaften „Musikanten“ vom Typ Grille, Laub- +und Feldheuschrecke werden wir zwar nicht für bedeutende Virtuosen +erklären, aber es wirkt doch besonders musikähnlich, wenn gerade +sie je nachdem bald mit dem einen Flügel auf dem anderen oder dem +Hinterschenkel gegen solchen Flügel regelrecht geigen und dazu schon +richtige körperliche Apparate führen. Ja, der Specht, indem er +Dürrholz zum Schwirren bringt, stellt gar auch schon ein äußerliches +Musikinstrument in primitivster Form her. + +Hier mischt sich aber sogleich der Gedanke ein, inwiefern (was auch auf +jene Nutzbauten zugetroffen hätte) dabei fest eingefahrene angeborene +Triebe, d. h. sog. tierische +Instinkte+, in Frage kommen könnten. + +Ich habe in meinem früheren Kosmosbändchen über „Tierseele und +Menschenseele“ ausführlich entwickelt, was das an und für sich noch für +ein schweres Gebiet zwischen Tier und Mensch ist, voll Fallgruben und +Stacheldrähte einstweilen für unsere Erkenntnis. + +Jedenfalls kann die Kunst im Menschen, wenn sie auch durchweg eine +gewisse triebhafte Unterschicht hat, doch in ihrem eigentlichen und +oberen Stockwerk unmöglich für einen solchen Instinkt gelten. + +Man sieht, es stellt sich bei solchem kursorischen Durchgreifen des +Terrains manches dafür und manches dagegen, und das dürfte wohl zu +einer etwas systematischeren Allgemeinbetrachtung locken. + +Das Kunstwerk des Menschen hat nicht nur die starke persönliche Note, +sondern überall auch die +geistige+. Im Tier unterhalb des Menschen +wissen wir aber, wie erschreckend rasch dieses Geistige überhaupt für +uns undeutlich wird. Wir sehen bald überall nur noch auf die äußere +Maschine. Gewisse Beurteiler meinen deshalb, das Tier sei wirklich bloß +eine Maschine, was ich an und für sich für ziemlich unsinnig halte. +Aber die Schwierigkeit wird niemand ernsthaftes leugnen, aus all den +zunehmenden reinen Maschinengeräuschen noch die Stimme eines so zarten +Dings, wie Kunst, wirklich herauszuhören. + +Also ich meine, man wird zunächst einen Umweg wählen müssen, um etwas +näherzukommen. + +Kunst und reiner Daseinskampfnutzen sind (unbeschadet der oben betonten +letzten Einheit) für uns straffe äußere Gegensätze. Aber wenn man +schon einmal den Menschen aus dem Tier irgendwie entwickelt nimmt und +den Tieren selber eine lange Eigenentwicklung zuerkennt, so kann es +doch auch für unser Problem immerhin lehrreich sein, etwas von dem +Wege sich zu vergegenwärtigen und als Vergleich anzuziehen, den dieser ++praktische+ Nutzen in jenem großen Stammbaum genommen hat. Wie der +ganze Maschinenbegriff ja eigentlich aus ihm stammt, so hat sich dieser +Weg gerade bei ihm auch sehr glücklich in jenem äußerlich Maschinellen +der Lebewesen ausgeprägt und kann also weit sicherer und bequemer dort +abgelesen werden, als alles tiefer Vergeistigte. + +Da sehen wir denn sehr deutlich auf +drei Stufen+ dieser Nützlichkeit +im tierischen Stammbaum bis zum Menschen herauf. Darwin selber hat auch +sie bereits seinerzeit klar aufgezeigt. + +Zuerst ergreift die Nützlichkeit das +Organ+ am Körper des Tieres. + +Sie baut Flossen, Flügel, Schuppen, Augen, Kiemen, wer weiß was +alles für wohlangepaßte Nutzorgane der praktischen Brauchbarkeit im +Daseinskampf. + +Dann, als +ein+ Organ in der Einheitlichkeit des Tierkörpers allmählich +zu dominieren beginnt, das Gehirn, baut sie in dieses Gehirn als +nächsthöhere Station gewisse feste +Triebe+, +Instinkte+ ein, die +gewissermaßen von einem oberen Stockwerk jetzt entsprechend auf Nutzen +weiterleiten. + +Endlich — auf dritter Stufe —, indem dieses Gehirn zur +Intelligenz+ +übergeht, ersetzt diese auch die starren, vererbten Instinkte durch +persönliche Wahl des Nützlichen, — während zugleich an das Organ von +dieser Intelligenz das Werkzeug geschlossen wird. Diese dritte Stufe +ist bereits der Mensch selbst. + +Es läge nun nahe, alle drei Stufen, die offenbar in tiefen allgemeinen +Entwicklungsdingen geboten gewesen sein müssen, auch +auf die Kunst +anzuwenden+, natürlich jetzt ohne Nützlichkeitsbezug. + +Ob auch die Kunst (oder was schließlich bei uns Kunst werden sollte) +eine erste Stufe des rein Organischen durchgemacht haben könnte, eben +nicht verkörpert dort in den Schutz- und Nutzorganen, sondern nebenher +und besonders, aber doch schon mit eigener Marke. Auch sie könnte dann, +bereits an das Gehirn angeschlossen, vielleicht eine höhere Station +wirklicher, wenn auch noch starrer Kunsttriebe durchgemacht haben. Bis +auch sie sich endlich im Menschen befreit hätte zum Anschluß an die +Persönlichkeit und zugleich äußerlich schaffend durch Benutzung des +Werkzeugs. + +Über den geistigen Betrieb wäre auf der ersten Station wohl schwerlich +etwas zu sagen, wir hätten auch hier nur die äußere Maschinenschau. +In der Gegend des Instinkts würde das Geistige doch wohl schon in +der Maschine bedingt merkbar. Die volle Vergeistigung im Menschen +bedarf keines Worts, falls nicht auch da bei jenen besagten uralten +Diluvialleuten noch engere Schlußstufen interessant werden sollten. + +Ich will mit möglichst vorsichtigem Wort in die Analogie hineingehen, +nicht, weil sie schon überall vollkommen klares Licht aufsteckte, +aber weil sie geeignet erscheint, allerlei, was heute gelegentlich +als Einfall, Wort und Frage herumschwirrt, zunächst einmal fest zu +inventarisieren. + +Mindestens zwei feste Fragen ordneten sich auch hier hinein in das +Gebiet noch unterhalb des Menschen. + +Gibt es auf der Stufe der rein körperlichen organischen Formenwelt, wie +es massenhaft dort Nützlichkeitsorgane gibt, so auch schon irgendwelche +organischen Andeutungen, die an etwas in unserer Kunst erinnern +könnten, ohne Zufall zu sein? + +Und gibt es auf der Instinktstufe schon wirkliche Kunsttriebe, die +auch hier das spätere echte künstlerische Erleben und Schaffen bereits +triebhaft starr vorweg nähmen? + +Die erste Frage ist, so gestellt, ersichtlich keine andere, als die +bereits oft erörterte: ob es tatsächlich sog. „+Kunstformen der Natur+“ +gibt. Und zwar nicht als Spielerei, sondern mit dem Ernst, den eine +wissenschaftliche Betrachtung fordern darf. + +Das Wort stammt wohl zuerst von Haeckel. Geht auf sein allbekanntes +Bilderwerk, in dem er, unterstützt von seinem Mitarbeiter Giltsch in +Jena, viele Hunderte tierischer und pflanzlicher Objekte rein unter +dem Gesichtspunkt zusammengestellt hat, inwiefern ihre natürliche +Körperlichkeit in Form und Farbe uns als „schön“ erscheinen könnte. Das +Werk hat wenig mit Haeckels polemischen Schriften zu tun und bietet +seinen eigentlichen Gegnern also kaum einen Angriffspunkt. + +„Schön“ ist dabei nicht so zu verstehen, wie etwa eine Landschaft durch +allerlei verwickelte Bezüge in uns Stimmungen des Idyllischen oder +Romantischen oder Erhabenen auslöst. + +Diese tierischen und pflanzlichen Körper und Körperteile der reinen +Organstufe sollen vielmehr unmittelbar durch ihre eigene +symmetrische, +harmonische, rhythmische Anordnung+ im Sinne eines Ornamenten- oder +Farbmusterschatzes im Anklang an menschliche Kunst wirken, und es wird +sehr schwer zu leugnen sein, +daß+ sie so wirken. + +Sie haben, um einen früher gebrauchten Ausdruck mit Absicht zu +wiederholen, fast alle die entschiedene Marke einer „+inneren Musik+“. + +Ganz im Sinne eines menschlichen Kunstwerks sind auch sie nicht von +außen zusammengestoppelt, sondern verraten eine innere Einheit, +darin eben typisch „organische“ Gebilde, Lebenswerk — bloß in all +diesen echten Fällen auch noch eingestellt auf die charakteristische +Gliederung der Teile aus dem Ganzen im rhythmischen Effekt. + +Je nachdem sind bald nur symmetrische Formen, bald auch Farben in diese +„innere Musik“ aufgenommen und ihrem ornamentalen Gebot unterstellt. + +Eine Zufallswirkung erscheint vollkommen ausgeschlossen. + +Auch helfen nicht Einzeldeutungen etwa auf rein chemischen Anlaß oder +Kraftüberschuß oder was man sonst noch versucht hat, denn es wird nicht +bezweifelt, daß alles auch hier irgendwie natürlich zugehe; was aber +zur Frage steht, ist die aus tausend organischen Ecken und Lagen immer +und immer wieder eindeutig durchbrechende +rhythmische+ Anordnung der +Gestalt. + +Gegen den Zufall spricht schon die Fülle nach verschiedenster +Variante, aber stets dem gleichen rhythmisch-ornamentalen Grundgesetz +gebauter Objekte — es sollte aber, meine ich, ebenso entschieden +bereits die wirklich genaue Betrachtung auch nur eines einzigen +guten Beispiels widersprechen. So wenig über die objektive Kunstform +einer korinthischen Säule ein Zweifel sein kann, so hier über eine +rhythmische Gestaltung des Organischen. + +Die Haeckelschen Bildertafeln geben selbst nur eine verschwindende +Auslese des in der Natur nach dieser Seite Vorhandenen. Sie sind +gelegentlich, wie das Haeckels Art war, ein klein wenig aufgearbeitet +für den populären Zweck, um das zu Sehende möglichst deutlich zu +machen, was ja für den Anfänger immer sehr wichtig ist. Jeder, der die +Naturobjekte selbst kennt, vergleichen und erweitern kann, weiß aber, +wie weit immer noch menschliche Beispielwahl und Wiedergabe hinter dem +verschwenderischen Reichtum der Wirklichkeit zurückbleibt. Man kann +hier in Wahrheit gar nicht übertreiben, die Natur überbietet immer +noch. Die reine Ornamentalschönheit z. B. auf Schmetterlingsflügeln zu +übertreffen, sollte auch dem berufensten Künstler schwer werden. + +Haeckels Werk ist (aus einem fast drolligen Eigensinn, der ihm die +Entomologen verhaßt machte) gerade nach dieser Schmetterlingsseite +äußerst unvollständig, man muß schon die neuen Prachtbände der großen +Monographie von Seitz zu Hilfe nehmen, die zugleich den Vorteil haben, +streng wissenschaftlich genau und doch auf Schritt und Tritt beweisend +zu sein. + +Mit Recht aber hat gerade Haeckel darauf hingewiesen, daß diese +„Tendenz“ rhythmischer Gestaltung bereits auf den niedrigsten Stufen +organischer Körperbildung mit einer wenigstens nach Seite der reinen +Grundformen kaum mehr zu überbietenden Kraft und Fülle einsetzt. + +Durch ihn sind als Musterleistung (die ihn selbst zugleich auf das +ganze Prinzip gebracht) die Radiolarien berühmt geworden, einzellige, +fast mikroskopisch winzige Urtierchen von tiefster Stufe des +tierischen Systems, die durch unendlich verwickelte Verkieselung ihrer +Körpersubstanz in jeder ihrer mehrtausend Arten eine andere fast +mathematisch regelmäßige Ornamental-Kunstform hervorbringen. (Was man +neuerlich über die Einzelheiten der Bildung ermittelt hat, führt auch +hier auf allen Umwegen wieder auf das zentrale Problem des Rhythmus +selbst zurück.) + +Andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß in die oberen tierischen +und pflanzlichen Systemstufen hinein ganz wie in den menschlichen +Stilen und Kunstschulen immer raffiniertere und vertieftere Wirkungen +über das anfänglich starr Mathematische hinaus erzielt werden, wozu +die Beispiele auch wieder an Schmetterlingsflügeln, zum Teil auch +an Vogelfedern zu studieren sind. Hier lassen sich als malerische +Höhepunkte u. a. vollkommen durchgeführte Schattenwirkungen beobachten, +durch die farbige Flächenobjekte in scheinbar plastisches Relief +verwandelt, konkave und konvexe Höhlungen und Wölbungen erzeugt werden. +Genau ausgesparte Lichtreflexe verstärken die Täuschung. Auch lassen +sich anscheinend Entwicklungsreihen solcher „organischen Kunststile“ +verfolgen, wobei bestimmte Motive durch alle denkbaren Varianten +gehetzt erscheinen, einzelne Moden aufzutauchen und zu verschwinden +scheinen bis in expressionistische und andere Extreme, ganz wie im +Ornamentenschatz der menschlichen Kunstgeschichte. + +Ein wirklich vergleichendes Bilderwerk nach dieser Seite fehlt leider +noch. + +Haeckel, der durchaus noch nicht die ganze Tragweite dieser Dinge +übersah, legte Gewicht darauf, daß seine Tafeln vielleicht anregend und +bereichernd auf unser menschliches Kunstgewerbe selbst zurückwirken +könnten — das tritt aber doch weit gegen die große theoretische +Bedeutung dieser Naturornamente zurück. + +Denn vom Standpunkt des oben Gesagten kann es doch nicht belanglos +sein, wenn eine solche Überfülle rein rhythmischer Tendenzen, wie wir +sie als ein Charakteristikum der menschlichen Kunst fanden, bereits +auch auf der rein organbildenden Stufe des Lebens sich geltend macht. +Wir sehen vorerst nicht einmal in die maschinellen Gesetze hinein, +wie diese Naturrhythmik sich überall durchsetzt, geschweige, daß wir +einen psychischen Anhalt dahinter hätten. Aber irgendein natürlicher +„Selbstzweck“, irgendein Anfang und Ausgang eines Prinzips wird darin +stecken müssen, denn wir werden nicht glauben wollen, daß bloß ein +gespenstischer Spukgeist uns narrt. Das war durchaus auch Darwins +Meinung, obwohl er zunächst noch einen gleich zu besprechenden Nebenweg +davor suchte. + +Wieder aber steht fest — und auch das hat Bezug zu unserer Kunst +—, daß, so wenig wie unsere Kunst auf groben Daseinsnutzen geht, +ebensowenig auch diese Welt der „Kunstformen der Natur“ sich ohne +weiteres etwa den Schutzanpassungen der Organstufe dort ein- und +unterordnete. + +Im Gefolg der so fruchtbaren Ideen des gleichen Darwin über diese +Schutzseite der Natur war ja hier vielfach seinen Schülern ein kleiner +Fehlzug unterlaufen. + +Weil man soviel trefflich auf Notschutz angelegte Organe sah und +Darwin eine so bestechende Erklärung gab, wie die Not selber indirekt +solche herausgearbeitet haben könnte, suchte man in jedem körperlichen +Merkmal zunächst einen solchen Schutz. In manchen Lehrbüchern schienen +die Tiere und Pflanzen nachgerade nur noch Kampf-ums-Dasein-Organe +zu haben, sozusagen reine Feinmechanik zu Schutz und Trutz und +nationalökonomischem Drill zu sein. + +Man übersah, daß es unendliche Merkmale und Grundpläne der Tier- und +Pflanzenformen gibt, die zu +dieser+ Seite +völlig gleichgültig+ stehen. + +Das ganze wahre Riesenbild des Systems mit seinen unzähligen Arten als +letztem Ausdruck beruht darauf. + +Die Natur hat nicht ein paar beste Anpassungen in konsequenter +Zuchtwahl herausgebracht, sondern eben dieses Bild. + +Heute sieht man das immer mehr ein. Die Anpassungsorgane grenzen +einen bestimmten beschränkten Kreis in der allgemeinen organischen +Gestaltenfülle heraus, genau wie die Nutztechnik in unserem großen +Gesamtgeistesleben. Sie nehmen, wenn Darwin nach dieser Seite recht +gesehen hat, ihre eigene Auslese aus der dort immer wieder andrängenden +Variantenfülle vor, wie unsere Nutztechnik etwa geniale Blitze unseres +weiteren Geisteslebens benutzt; aber sie erzeugen und erschöpfen diese +Fülle selbst nicht. + +In den unberührten +Eigen+gesetzen dieser Fülle aber lebt sich +unverkennbar auch jenes +Rhythmische+ aus, wie in unserem +nichttechnischen menschlichen Felde die menschliche +Kunst+. + +In Grenzgebieten mögen natürlich Vermischungen auch hier statthaben. + +Manches Ornamentale verquickt sich in Tier und Pflanze nachträglich bis +zur Unauflösbarkeit mit dem Nutztechnischen. + +In anderen Fällen sieht man, wie die Nutzanpassung ringt mit hundert +verschiedenen symmetrischen „Luxusstilen“ — wie sie so und so oft +nebeneinander von den verschiedenartigsten Grundplänen, die das andere +Prinzip ihr in den Weg gebaut hat, ihren gleichen Zweck durchsetzen muß. + +Es kommt aber auch vor, daß die Nutzauslese das ihr zufällig +passende+ +Ornament selber zur Steigerung bringen mag. + +Da hat beispielsweise das Ornamentalprinzip auf den Flügeln gewisser +Schmetterlinge große augenartige Zeichnungen hervorgebracht und durch +Schattierungen scheinbar plastisch gemacht — so bei ~Telea polyphemus~ +riesige tiefschwarze Scheinlöcher, aus denen ein grauer Kegel mit +einem gelbgesäumten Glasauge unmittelbar dem Beschauer entgegenzuragen +scheint, an sich ein Meisterstück dieser Sorte Organkunst, das in jeder +Sammlung von Exoten entzückt. Oder es ist an Stelle des Augenflecks +bei ~Nyctipao albicincta~ je eine einfache tiefe konkave Höhlung auf +jedem Oberflügel herausschattiert, daß es wie eine gewölbte Schale +aussieht, in die man etwas hineinlegen könnte. Wenn man nun beobachtet +(und es ist vielfach beobachtet), daß ein angreifender Vogel, etwa ein +Huhn, vor solchem „Pfauenauge“ wie vor einem wirklichen bösen Blick +erschrickt und einen Moment abläßt, so daß der Schmetterling entfliehen +kann (unser Abendpfauenauge stellt dazu eine besondere Schreckstellung +mit dem ganzen Körper her) — so sieht man wohl auf ein Überspielen +des einen Prinzips in das andere. In solchem Einzelfall könnte die +Darwinsche Nutzzüchtung ganz gut für ihren Zweck die Augenähnlichkeit +nachträglich noch verstärkt haben, wie vielleicht die australische +~Salassa lola~ zeigt, bei der die Unterflügelflecke so vollkommen +täuschend zwei ganz scharf blickende, stechend böse tierische Augen mit +blutigem Saum, Glanzfleck und finster ausgezogenen schwarzen Brauen +nachahmen, daß ich selbst den Menschen sehen möchte, der sich im +Augenblick der Suggestion entziehen kann. + +Wie ebenso bei den berühmten ~Callima~-Arten der Tropen, wo die +Unterseiten der Flügel ein trockenes Blatt zu kopieren scheinen, ein +ursprünglich rein ornamentaler Grundsatz, der zufällig ein Blattmotiv +annäherte, in der Folge auf solche schützende Blattähnlichkeit +weitergezüchtet sein mag. + +Und im Allerletzten mag auch hier überhaupt kein absoluter Gegensatz +sein. Wie unsere Kunst in harmonischen Bezügen, gleichsam einer +immerwährenden heimlichen Musik lebt, unsere Nutztechnik aber zuletzt +auch nur ein Mittel ist, sich mit einer gewissen Not des äußeren +Daseins in eine gewisse Harmonie zu setzen, so werden vermutlich auch +in der Mechanik dieser rhythmischen Naturanläufe verborgene harmonische +Ordnungen innerlich ihre Rolle spielen, während außen die Nutzorgane +die beschränkte Harmonie der Darwinschen Anpassung herstellen. Aber +darum bleibt doch der Gegensatz des dort unendlich viel Reicheren, +Eigentlicheren, Aufsichselbststehenden gegen einen kleinen roh von +außen kommandierten Grenzbezirk. + +Man ist, seit man den zu weiten Anpassungsgedanken in der Biologie +wieder mehr losgeworden ist, ja auch in der tieferen Erkenntnis über +dieses indifferente freie Variationsfeld heute wesentlich weiter +gekommen, zum Teil unter starker Korrektur Darwins — aber auch da immer +mit merkwürdigen leisen Bezügen zum Kunstproblem. + +Auch in dieser noch rein organischen Sphäre gewahren wir ein +beharrendes Prinzip, die Vererbung, die bestrebt ist, gleichsam +naturalistisch das Gegebene immer wieder nachzugestalten. Richard +Semon hat sehr ernsthaft den Gedanken der Ähnlichkeit dieses +Vererbungsmechanismus mit unserem menschlichen Gedächtnis verfochten. +Mit dem mechanischen Substrat dieses Gedächtnisses im Gehirn, sagte +er vorsichtig, was aber an dem Bezug selbst nicht das geringste +ändert. Semon wollte ein gemeinsames Wort sogar für beides einführen: +die Mneme. Seine Idee hat sich (vielleicht wegen der hochgradigen +Schwerflüssigkeit seiner Beweisführung) nicht durchzusetzen vermocht, +harrt aber, glaube ich, nur eines noch unbefangeneren Kopfs zur +Auferstehung. + +Neben diesem Reproduktionsprinzip haben uns de Vries und seine +Leute, die jetzt so stark Boden gewinnen, dann auch ein wirklich neu +schaffendes, neu ordnendes Prinzip der organischen Stufe angedeutet. +In ihrer sog. „Mutation“ tritt stoßweise gelegentlich immer einmal +wieder eine völlige Neukombination des Gegebenen hervor. Nicht +auf Schutzanpassung gerichtet, sondern zunächst auch nur auf eine +neue Lösung des freien Gestaltungsproblems aus. Immer aber (sehr +bezeichnend) mit der Marke völliger innerster Umordnung zu einem neuen +Schwerpunkt und Balancepunkt gleichsam, wieder sofort ein „Ganzes“ +bildend gegenüber allem Früheren. + +Wo auch das Rhythmische einen Wandel erfährt, wird man es sich wohl nur +auf dem Wege solchen einheitlichen, von innen kommenden Mutationsstoßes +denken müssen. Niemals aber wird es ursprüngliches Erzeugnis der +Nützlichkeitszuchtwahl selber sein, so wenig wie die Mutation in ihrer +freien Entstehung solcher verdankt wird. + +Ich behaupte, mich einmal in dieses heikle Gebiet hineinwagend, +durchaus +nicht+, daß wir in diesen Erscheinungen der reinen +Organsphäre, von deren Geistigem wir, wie gesagt, nichts und von deren +Maschinellem wir vorerst bloß einiges Hypothetische wissen, bereits +künstlerische Arbeit in +unserem+ Sinne vor uns hätten. + +So wenig wir heute ein lebendiges Organ schaffen können, so wenig +konnte jene Organstufe echte menschliche Kunst schaffen. + +Aber ich vertrete, daß der Begriff organischer „Kunstformen“ an sich +kein bloßes Bonmot sei. Vertrete, daß sinnfällige Analogien gegeben +sind, die in veränderter Zusammensetzung und unendlich höherer +Vergeistigung zu menschlichem Kunsterleben und Kunstschaffen +führen+ +konnten, so gut wie die Einzelzelle eines Urtiers oder die primitiven +Hautzellen eines niedrigsten Wurms sich ohne grundsätzlichen Riß zu den +Ganglienzellen eines menschlichen Gehirns entwickeln konnten, in denen +sich schließlich doch auch das höchste und verwickeltste Kunsterlebnis +vollzieht. + +Man vergißt sehr leicht, daß in gewissem Sinne die organische Stufe +ja auch noch bis zu uns selber reicht — bloß (als Maschine weiter +betrachtet) zuletzt eingehend in das ungeheure Wunderwerk des +allumgreifenden Gehirnorgans, von dem wir dann — bei uns — allerdings ++auch+ wissen, daß es die Stätte gewaltigster Geistesvorgänge ist. + +Inzwischen sind auch diese obersten Geistesdinge aber nicht mit +einem Tage erst dagewesen, und hier könnte für unsere tastende +Kunstbetrachtung im Naturfeld nun in der Tat noch eine willkommene +Brücke sein, wenn wir auch jene +zweite+ Frage (und vielleicht noch +weit sicherer) beantworten könnten: ob es innerhalb der Tierwelt (die +Pflanze, die für jene organisch-rhythmische Stufe noch vollwertig +mit galt, mag hier einstweilen zurücktreten) kunstähnliche Dinge +auch bereits auf der Stufe des Instinktlebens — also eben +echte +Kunsttriebe+ gebe. + +Die Fragestellung ist diesmal erleichtert, da wir bereits vom Instinkt +bei ihr ausgehen und nicht mehr als vorerst Instinktives verlangen. +Immerhin bietet sie, wie wir sehen werden, noch eine neue eigene +Verwicklung. + +Als feste Grundtatsache darf gelten: es +gibt+ auch rhythmische ++Triebe+ dort. Triebe mit dieser Grundmarke ebenfalls eines +künstlerischen Einschlags. + +Insekten, wie Vögel, um es zunächst so maschinell wie möglich +auszudrücken, bewähren schon einen Gehirnzwang zu rhythmischen +Geräuschen, genau wie auf den Schmetterlingsflügeln und Vogelfedern der +Organstufe symmetrische Ornamente deutlich wurden. + +Bereits bei Grillen und Heuschrecken hat dieser „Gesang“ genügenden +melodischen Reiz, daß einfacher Menschensinn sich seit alters daran +erfreuen konnte und die kleinen Sänger in Käfigen gehalten wurden, wie +noch heute der Chinese tut. + +Über den unmittelbaren musikalischen Wohllaut des Nachtigallen- oder +Kanarienvogelschlags ist dann nie ein Zweifel gewesen, und es hat wohl +noch keiner versucht, auch hier von täuschendem „Zufall“ zu sprechen. + +Auch (was weniger bekannt zu sein pflegt) der Gesang des Gibbonaffen +läßt sich glatt in Noten wiedergeben und steigt vom Grundton ~E~ „in +halben Tönen eine volle Oktave hinauf, die chromatische Tonleiter +durchlaufend“ (Brehm-Heck). + +Bei Spinnen (Attiden) treten des weiteren rhythmische Tanzbewegungen +auf, die an die kühnsten Verrenkungen unserer Berufs-Balleteusen +erinnern. + +Bei Vögeln äußert sich dieser Tanztrieb auffällig gerade bei solchen +Arten, die auch körperlich einen Gipfel des Ornamentalen zeigen. Der +herrliche Argusfasan auf Sumatra, dessen riesige Augenflecke auf den +Schwungfedern wie bei jenen erwähnten Schmetterlingen durch geeignete +Schattierung als in Sockeln gebettete plastische Kugeln mit Lichtreflex +erscheinen, obwohl es sich tatsächlich nur um eine völlig glatte +Federfläche handelt, stellt sich für solche Tänze im Urwald durch +Reinigen und Festtreten besondere Tanztennen von mehreren Quadratmetern +Ausdehnung her. Die schön orangeroten Klippenvögel Guaynas (Rupicola) +zeigen sich vor versammeltem Volk einzeln nacheinander in den +seltsamsten Tanzschritten und Bewegungen. Wie die Nandu-Strauße am +Boden, so tanzen im gleichen Amerika die edelsteinfunkelnden Kolibris +in der Luft, immer doch mit der Marke des Rhythmischen, wie sie +ja schon das von uns Menschen nicht vergleichsweise, sondern ganz +unmittelbar entnommene Wort Tanz ausdrückt. + +Unmittelbar an das eigentlich Ornamentale der reinen Organstufe und +zugleich unserer Menschenkunst gemahnt die Suggestion, wenn ich so +sagen darf, die glänzende und bunte Gegenstände auf Tieraugen ausüben, +wie seit alters her von Elstern und Raben berichtet wird, aber auch bei +südamerikanischen Nagetieren, den Viskatschas, vorkommen soll. + +Und die volle rhythmische Durchführung auch dieses Zuges finden wir bei +dem Paradebeispiel endlich aller instinktiven Tierkunst, den Taten +der Lauben- und Kragenvögel des australischen Gebiets, die zu den +Paradiesvögeln gehören, des körperlichen Prachtkleides vieler dieser +Paradiesier nicht teilhaftig sind, dafür aber ihre rhythmische Richtung +um so entschiedener in +Handlungen+ ausleben. + +Sie bieten jetzt das typische Beispiel wirklicher „Kunstbauten“, wie +wir sie oben bei Bibern und Termiten vergebens suchten. + +Im objektiven Tatbestand durchaus entsprechend den Bräuchen wilder und +halbkultivierter Menschen auf voller menschlicher Kunststufe, stellen +sie für ihre Tanz- und Singplätze regelrechte Tanzlauben her. Meist +lange zeltartige Galerien aus planmäßig oben zueinander geneigtem +Reisig und Graswerk. Und diese Tanzhütten werden dann geschmückt mit +von überall herangeholtem Material jener Farben- und Glanzsuggestion: +roten Beeren, bunten Federn, weißen Bachkieseln, auch beim Menschen +stibitzten Schmucksachen, Glasstücken und bunten Lappen. + +Der zugehörige Gärtnervogel (Amblyornis) in Gebirgen von Neuguinea baut +entsprechend eine runde Laube mit einem Dach aus Orchideenstielen, +die „zum Boden herniederhängen und regelrecht strahlenförmig um einen +mittleren Tragpfeiler geordnet sind. Über letzterem erhebt sich eine +kegelförmige Masse von Moos. Innerhalb aber läuft ein Gang im Bogen um +den Pfeiler. Das ganze Bauwerk bleibt auf einer Seite offen und stößt +hier an einen freien, moosbedeckten Platz, der doppelt so groß wie die +Hütte und mit Blüten und Beeren zierlich geschmückt ist. Wenn diese +verbleichen, werden sie entfernt, auf einen Kehrichthaufen hinter der +Hütte geworfen und durch frische ersetzt“.[1] + + [1] Schilderung und eine Farbentafel so im neuen Brehm. + +Besonders charakteristisch erscheint, daß in diesen letzten Fällen vom +Vogel die bunte Feder als ihm auffallend und ihn lockend gesammelt +wird, die +andere+ Vogelarten am Leibe tragen; man würde also annehmen +dürfen, daß ihn auch beim Anblick des betreffenden buntfederigen Vogels +selbst diese Farbe +reizen+ würde. + +Während andererseits bereits die „schöne Blume“ hier auch vom +rhythmischen Trieb gewürdigt wird, nachdem solche auf der niederen +Stufe der Organornamentik selber rhythmisch entstanden war, dann aber +wohl noch eine Steigerung dort durch Hineinspielen eines praktischen +Nutzens (Lockmittel zum Insektenbesuch, der die Befruchtung der Pflanze +vermittelte) erfahren hatte. Wie sehr solche Blüte auf unserer +Menschenstufe abermals Schmuckobjekt und zugleich Ausgangspunkt +unendlicher Ornamentstilisierung der Kunst geworden, wissen wir +alle — vielleicht gibt es aber kein anziehenderes Beispiel, um den +Aneinanderschluß der ganzen Entwicklungskette, wie sie hier zur Frage +steht, zu veranschaulichen. + +Daß bei allen diesen tierischen Handlungen aber mehr oder minder noch +wirklich +triebhafte+ Züge herrschen, scheint ebenso unverkennbar. + +Gelegentlich machen sie allerdings schon einen recht losen Eindruck, +wie auf der Schwelle des Übergangs. + +Vom Gesang unserer Vögel ist bekannt, daß er wenigstens in seiner +bestimmten Melodie nicht immer so fest vererbt wird, wie man von einem +echten Instinkt erwartete. Der Nachtigallenschlag ist z. B. nach den +besten neueren Beobachtern, dem Ehepaar Heinroth, keineswegs angeboren, +sondern muß erst nach dem Gehör erlernt werden. Eine gefangene +Nachtigall, die zufällig zuerst eine Mönchsgrasmücke hörte, gab, +als sie überhaupt zu schlagen begann, solche Grasmückenmelodie. Bei +anderen Vogelarten scheint es allerdings auch wieder strenger damit zu +sein, auch der arteigentümliche Rhythmus gleich mitzukommen. Von den +Laubenvögeln bleibt strittig, wieviel bei ihren Bauten reiner Instinkt +und wieviel Zulernen der Jungen von den Alten ist. + +Wer im Instinkt selber bloß vererbte Gewohnheit sucht (die Theorien +sind ja noch reichlich widerspruchsvoll), könnte gerade auf diesem +Gebiet wohl manchen Anhalt finden. + +Daß sich aber im ganzen doch noch der +Rahmen+ des Triebhaften darum +schließt, wird nicht zu bestreiten sein, und das bekräftigen auch die +genau entsprechenden körperlichen Tonapparate, die den musizierenden +Tieren überall eigen sind. + +Eigentlich könnte ich also auch hier bereits meine Beweisführung +für die zweite Stufe schließen. Nun aber doch noch eine merkwürdige +Nebenerscheinung, die das Bild nicht zerstört, aber doch etwas +verschiebt. + +Diese ganze rhythmische Triebecke des Tieres scheint nämlich in +extremem Maß angeschlossen an das +Geschlechtsleben+. + +Gesang und Tanz der Vögel, Musik der Insekten, selbst die grotesken +Tänze jener Spinnen vollziehen sich wesentlich im Anschluß an die +Erregungen, teils die Vorglut, teils das Nachzittern, der Liebeszeit. + +Ob ein Teil der Vogeltänze reine Geselligkeitsrhythmik und anderweitige +Erregung sein könnte, wird behauptet, ist aber bisher nicht sicher +nachgewiesen. + +Jene Schmucklauben der Paradiesvögel werden jedenfalls geradezu als +„Hochzeitslauben“ bezeichnet, weil sie zwar keinerlei Bezug zum Nestbau +besitzen, wohl aber ganz regelmäßig vor der Paarungszeit erbaut oder +wiederaufgesucht und von den Pärchen ausschließlich, scheint es, zu +Liebesspielen benutzt werden. + +Vielfach sind es nur einseitig die Männchen, die den rhythmischen Tanz +und Gesang in dieser Minnezeit ausüben. + +Wobei man gleichzeitig den Eindruck bekommt, daß auch die rein +organische Ornamententfaltung des Körpers dort in dieser Periode eine +Steigerung erfahre, die sich in besonderen Hochzeitskleidern mit +erhöhter Farben- und Formenrhythmik offenbaren kann. + +Wie denn auch die Herrlichkeit der Schmetterlingsflügel im ganzen sich +auf das eigentliche Liebesstadium in der Metamorphose dieser Insekten +zusammendrängt. + +Die Beziehung der rhythmischen Gehirntriebe zum Geschlecht aber ist +so +aufdringlich+, daß sie von jeher bemerkt worden ist wie etwas von +vornherein Selbstverständliches. Unwillkürlich fragt man sich, was das +wohl bedeuten könnte. + +Daß auch die sexuelle Erregung selbst noch nicht ohne weiteres das +Rhythmische erzeugen könne, scheint doch deutlich. + +An sich ist keine innere Logik ersichtlich zwischen einer +geschlechtlichen Liebeshitze und dem rhythmischen Bau etwa im Schlag +einer Nachtigall oder der Suggestion eines roten Lappens oder +glänzenden Bachkiesels auf das Gehirn eines Laubenvogels. + +Aber man könnte einmal vermuten, die ungeheure Geschlechtserregung +wühle auch die an sich und unabhängig vorhandenen rhythmischen +Bildungskräfte stärker auf. Vielleicht schon die organischen. +Jedenfalls aber die instinktiven. Zumal das noch unbefriedigte +Sexuelle, im Vorspiel des eigentlichen Akts, wirke so bis in alle +anderen Sphären mit. + +Es läge nahe, dabei für die rhythmischen Triebe selbst wieder an +Menschliches zu denken. An Beziehungen auch unserer echten Kunst zum +Erotischen. + +Wenn man sagt, menschliche Kunst solle keine grobe Tendenz haben, so +trifft das natürlich auch auf das Sexualleben zu. + +Kunst, die sich grob in den Dienst erotischer Aufregung stellt, ist +stets minderwertig und im Selbstziel verfehlt — so gut wie solche, die +umgekehrt lehrhaft moralisiert. Gerade darin äußert sich auch bei uns, +daß die Kunst ihrem Wesen nach etwas Besonderes ist und sein soll, nie +eines anderen Knecht, und sei es selbst des allmächtigen Eros. Aber +manche feineren Anknüpfungen finden sich doch auch so. + +Eine diskrete, mehr oder minder vergeistigte Rolle spielt die Liebe, +das „Sichkriegen“ seit alters in aller Dichtung. Die bildende Kunst, +wenn sie den nackten Menschen darstellt, kommt nie +ganz+ auch um +einen leise mitklingenden erotischen Unterton, der in feinster Blume +wohl auch gar nicht fehlen +darf+, wegen des darzustellenden Objektes +Mensch. Wer wollte die Liebesklage aus der Lyrik nehmen? Und erotische +Wirkungen stecken in der Musik, rohere und intimere, je höher die +Kunst, desto intimer, aber ganz streichen dürfen wir auch sie nicht. +In Witz und Satire darf sogar eine herzhafte Gabe ganz scharfen +Geschlechtsgewürzes sein, wenn nur die Kunstform zuletzt immer wieder +darüber siegt. + +Gerade da auch, wo die menschliche Kunst vielleicht noch einen +der stärksten instinktiven Nachklänge bewahrt, im rein rezeptiven +Massengefühl, ist zu allen Zeiten die erhöhte impulsive Freude an +Musik, am Lied, am Vers auch im schlichtesten Durchschnittsmenschen mit +einer Pubertätserscheinung verglichen worden. + +Ich gebe zu, daß beim ganz starken überragenden Künstler sich das immer +mehr wieder verliert, in den obersten Sphären aller „übermenschlichen“ +Kunst die erotische Farbe bis zum Vergehen abblaßt. Aber in den naiven +Niederungen ist sie, soweit sie sich nicht aufdrängt, nirgendwo ganz zu +trennen. + +Man denke auch wieder an den Wilden: seine wüsten Liebestänze und +Geschlechtsidole inmitten und unzertrennbar von seinem doch so starken +rhythmischen Sinn. Auch bei ihm wird die Kunstfreude selbst kein +Erzeugnis des Geschlechtlichen sein, aber naiv aufbrennen, wenn er +sonst brennt. + +Zuletzt wird man auch die tiefste Analogie nicht vergessen, die +zwischen dem wirklichen Zeugungsakt und jedem künstlerischen Bilden +oben schon einmal angedeutet wurde. + +Also warum sollten nicht auch auf der Instinktstufe bei dem Tier +Gesang, Tanz, Farbenzauber gleichsam zu lichterloher Flamme getrieben +werden in den großen Geschlechtsrevolutionen seines Lebens? + +Man könnte auch betonen: das Rhythmische kann besonders durchbrechen +in der Liebeszeit, weil sie immer etwas auch von einer Asylzeit mit +allgemein herabgesetzter Rücksicht auf den gewöhnlichen Daseinskampf +hat. Wo der Daseinskampf aber auch sonst hier und da einmal für ganze +Tierarten stärker aussetzte, da mag ja schon auf der organischen Stufe +das Ornamentale sich stärker ausgelebt haben als sonst: man hat bei +den über und über stilisierten schönsten Arten jener Paradiesvögel im +Asyl von Neuguinea gelegentlich an so etwas gedacht — daß die Natur +mit dem Ornamentalschmuck sich bei ihnen etwas leisten durfte, das in +bedrohterer Lage zu gefährlich gewesen wäre. + +Daß aber die Männchen in Körper wie Instinkt die rhythmische Steigerung +häufig mehr vor uns bewähren als die oft unscheinbaren, nicht tanzenden +und nicht singenden Weibchen — das könnte wieder sein, weil die +Nutzzüchtung beim Weibchen doch stärker gebremst, dieses kostbarste Gut +für die Erhaltung der Art nachträglich immer wieder in unscheinbarere +Schutzfarben gekleidet und mit Rücksicht auf seine mehr oder minder +schwere Geburtsarbeit an zuviel Kraftvergeudung ans Rhythmische +gehindert habe. (Diese Erklärung ist bereits einwandfrei von unserem +Altmeister Goethe in seiner „Einleitung in die vergleichende Anatomie“ +von 1795 im vierten Kapitel gegeben worden.) + +So könnte man denken. Es ist aber doch noch mehr versuchsweise gedacht +worden. + +Man nahm an und nimmt vielfach an, daß wenigstens zu dem Liebesleben +der höheren Tiere jedesmal eine bestimmte +Wahl+ seitens der Weibchen +gehöre. Sie sollten stets oder doch meistens bestimmte Männchen aus +mehreren, die sich zur Liebe anböten, bevorzugen. Also eine beständige +Liebesauslese ausüben können. Und darauf sind dann wieder mehr oder +weniger verwickelte weitere Theorien auch für das Rhythmische aufgebaut +worden. + +Wenn die Liebeshitze das Rhythmische gleichsam stärker mit +herauspeitschen kann — ob dann nicht solches verstärkte Rhythmische +gegebenenfalls selber auch wieder Erotisches aufpeitschen könnte? Das +könnte aber folgende Linie ergeben. + +Wenn vielfach nur die Männchen durch die Liebe rhythmisch gesteigert +wurden, die Weibchen aber nicht — so könnte erhöhter Rhythmus der +Männchen auf die Weibchen liebeserregend wirken. Klar aber dann: +bei der besagten Wahl müßte das Weibchen sich notwendig dem +bestrhythmischen Männchen hingeben, da dieses es einfach am stärksten +aufregte. + +Der Gedanke ließe sich hören, obwohl immer noch ein Sprung darin +bleibt: daß erhöhte Rhythmik ohne weiteres sexuell steigern soll. +Jedenfalls aber hätte er wieder Konsequenzen. + +Das Rhythmische selbst würde durch die einseitige Begünstigung stets +des besten Sängers, Tänzers usw. fortgesetzt gesteigert oder doch in +Reinkultur gehalten worden sein. Zugleich rückte es aber als berufener +Geschlechtserreger in die praktischen Nutzzwecke zur Erhaltung der Art +selber ein und unterläge deren Nutzzüchtung. Man dürfte sich nicht +wundern, wenn das erotische Leben auf dieser Stufe schließlich die +ganze Rhythmik wirklich überwuchert und für sich mit Beschlag belegt +hätte. + +Dieser Gedanke hat viele gefesselt und fesselt noch, zumal er der +„Wahl“ bei den Weibchen selbst etwas durchaus Zwangsweises, Suggestives +wahrt, wie es auf dieser Stufe noch näherzuliegen scheint. + +Inzwischen hatte der alte Darwin aber noch einen anderen Gedanken +verfolgt. + +Er ging vom rhythmischen Trieb selbst aus, den er an dieser Ecke zuerst +äußerst klar sah. + +Durch den Rhythmus der Männchen sollte das Weibchen nicht sexuell +erregt werden, sondern selber feinen rhythmischen Wahlerregungen +unterliegen. + +Es sollte aus eigenem rhythmischem Sinn stets das rhythmisch +vollkommenste Männchen wählen. + +Man konnte auch das noch suggestiv denken als eine Art rhythmischer +Hypnose. Aber wie Darwin es darstellte, schien es doch leicht mehr. + +Man kam auf einen raffinierten Schönheitssinn der Weibchen, der immer +schöner singende, tanzende, aussehende Männchen züchtete. + +Schließlich glaubte Darwin fast die ganze organische +Ornamentalschönheit unserer ersten Stufe auch rein aus der +Wahlzüchtung dieser zweiten ziehen zu können, indem er z. B. auch alle +Schmetterlingsherrlichkeit so ableitete und den rhythmischen Sinn der +Weibchen mit der Zeit immer feinere und feinere Effekte herausholen +ließ. + +Der Gedanke hatte bei aller genialen Durchführung aus Darwins +unbegrenztem Wissens- und Ideenschatz mehrere Stellen, wo er angreifbar +war. + +Für die letzten Gebiete, wie jene Radiolarien, langte er doch nicht, +denn da war überhaupt kein wählendes Auge mehr gegeben. + +Es mußte also doch noch ein unabhängiges Ornamentalgebiet aus sich +bestehen. + +Selbst bei Schmetterlingen aber wurde so extreme Schönheitswahl mehr +als bedenklich. + +Galt aber bis hierher die Unterschicht, so mochte sie auch bis zu den +Vögeln gelten. + +Schließlich handelte es sich vielleicht doch nur um eine leise +Nachhilfe, die aber dann das starke Grundaufgebot des schon so weit +entwickelten ästhetischen Sinns nicht lohnte. + +Immerhin hat auch der Darwinsche Gedanke noch immer Anhänger, die vor +allem fest an die Laubenvögel anknüpfen und meinen, wer bunte Federn +zur Verzierung sammelt, hätte auch lebenden Vögeln solche Buntfedern +durch konsequente Wahl auf den Leib züchten können. Und sollte sie +fallen (schwer widerlegbar, wie beweisbar sie ist), so wird die +Theorie der „geschlechtlichen Zuchtwahl“, wie Darwin sie bezeichnet +hatte, jederzeit ein interessantes Ideendokument der Menschheit und +Kunstgeschichte bleiben. + +Nun aber: beide letzte Theorien ruhen auf der Wahrheit der Liebeswahl +überhaupt. + +Und es muß leider gesagt sein, daß sie in dem dort angenommenen Umfang +bisher keineswegs sicher bewiesen ist. Nicht bei Vögeln und vollends +nicht bei Insekten. + +Hier macht sich (wie so oft) eine höchst bedauerliche Lücke in unseren +neueren Tierbeobachtungen geltend, die erst zu beseitigen wäre und die +von keiner noch so logischen Theorie beseitigt wird. Es ist ein Jammer, +wie wenig wir praktisch vom Tierleben hier wieder wissen. + +Wenn die Weibchen überhaupt nicht so frei wählen, wie man vorausgesetzt +hatte, so bleibt es aber wirklich ziemlich gleichgültig, ob sie es +nun aus Geschlechtserregung durch Rhythmisches oder aus unmittelbarer +ästhetischer Rhythmuswahl selbst tun würden. + +Wir sind also nach wie vor nur Vermutungen über das Eindringen des +Rhythmischen gerade in die Geschlechtssphäre auf der Instinktstufe +ausgeliefert, von denen uns keine absolut sicheren Boden gibt. + +Darum bleibt aber für unseren Gesamtfaden doch die Existenz auch von +rhythmischen Instinkten +bestehen+, in denen sich auch die zweite +Vorstufe unserer menschlichen Kunst darstellen konnte. + +Wobei ich abschließend bloß noch bemerken will, daß ich auch hier die +Frage nach der +Gefühlsseite+ absichtlich weggelassen habe. + +Auch Instinkt, wenn er doch sicher bereits eine Gehirnsache im Rahmen +des Geistigen darstellt, +kann+ in moderner Naturforscherfassung +noch ohne Gefühl definiert werden. Daß solches einspielt, kann aber +ebensowenig ausgeschlossen werden. + +Ein Vogel hat sicher bereits reich entwickelte Gefühle. Und es hielte +meines Erachtens sehr schwer, sich hineinzudenken, daß eine Amsel nicht +auch schon eigenes Wohlgefallen an ihrem Gesang haben sollte. + +Wenn Darwin recht hätte, könnte auch seine rhythmische Wahl der +Weibchen von angenehmen Empfindungen begleitet sein, wie er selbst wohl +stets annahm. Rhythmus als sexueller Erreger würde aber ähnlich wirken +müssen; wollen wir doch nicht übersehen, daß die Liebe selbst mit +Wollustprämien arbeitet. + +Aber ich gebe zu, daß die Empfindungsseite schwer im Instinktbegriff +von heute unterzubringen ist. Dafür ist er selber einstweilen unklar +genug und reichlich provisorisch. Manchmal will mir scheinen, er +sei trotz aller unendlichen Mühe, die unsere schlauesten Leute +darangewendet, noch so unzulänglich, wie auf anderem Gebiet die +Theorien über die Eiszeit. Das muß nun auch vorläufig hingenommen +werden. + +Die nächste und letzte Stufe aber wäre jetzt +der Mensch+ selbst. + +Ich verglich das künstlerische Erlebnis mit einem wachen Traum. Im +Wesen des ganzen Menschen liegt aber etwas von solchem Erwachen +gegenüber der niederen Natur. + +Die Persönlichkeit erwachte in ihm im Gegensatz zum Tier, das auch +als Einzelwesen unerbittlich noch am Gängelbande des gleichmachenden +Art-Instinktes hing. + +Über diese Persönlichkeit geht fortan auch die Kunst, und es bedarf nur +dieses Wortes, um zu verstehen, daß es jetzt erst +echte+ Kunst geben +konnte, gestaltend aus dem Kern solcher bewußten Persönlichkeit. + +Das Wort ist dabei besser noch als Intelligenz, die zu leicht an reine +Nützlichkeit auch auf dieser dritten Stufe denken läßt. + +Mag man noch so sehr betonen, daß auch diese menschliche Kunst das +dunkle „Es“ des uralten Geheimnisses bewahrt, das immer wieder aus dem +Unbekannten auch in sie eingeht, gleichsam den Goldgrund bildet, vor +dem das Antlitz der Person wie in Heiligenbildern steht, — so ist +doch das Entscheidende, daß auch dieses Letzte sich jetzt nur noch +durchsetzen kann und durchsetzen muß durch die Persönlichkeit. Erst +diese Person zeugt fortan die neue äußere Kunstwirklichkeit in Klang +und Wort und Bild, die, wirklich und doch einer höheren Welt angehörig, +zwischen die hart sich stoßenden Dinge des Alltagsraumes tritt. + +Gern möchten wir den Finger auf den Moment legen, wo dieser +entscheidendste Akt geschah. Ist uns doch der Ursprung des Menschen +historisch sicher unendlich viel näher noch, als etwa die erste +organische Bildung oder ein erster Instinktanfang. + +Aber trotz aller guten Indizienbeweise haben wir bekanntlich +einstweilen nicht einmal die Knochen, die Schädel des Übergangs — +geschweige, daß uns solcher Schädel etwas von dem tieferen geistigen +Hergang verraten könnte, der sich gewiß hinter ihm vollzogen hat, aber +eben „hinter“ ihm. + +Immerhin können uns ein klein wenig die obersten Tiere noch lehren, +die, ohne selber Menschen zu werden, dem wahren Geheimnis doch noch +sehr nahegestanden haben müssen, um dann in seltsamer Beharrlichkeit +bis heute einfach so fortzuexistieren. + +Bei den höheren Säugetieren wird vielfach sichtbar, daß der Instinkt +schon etwas abblaßt, während die Persönlichkeit leise steigt. Man +hat den Eindruck, daß auch diese Persönlichkeit langer Hand bereits +angelegt war, aber auf der ganzen Mittelstufe gleichsam überglänzt, +unterdrückt wurde von der Allmacht des Instinkts. Es brauchen nicht +gerade unmittelbare Vorfahren des Menschen zu sein, die das verraten, +aber es ist doch der Schatten der Menschwerdung, der sich hier bereits +auf dem ganzen Spielraum zu verbreiten beginnt. + +Beim Menschenaffen, der sicherlich auch in der Skala selbst einmal ganz +nahegestanden hat, nimmt das dann bereits greifbare Gestalt an. + +Bei den so berühmt gewordenen und wirklich vortrefflichen Koehlerschen +Prüfungen in der Affenstation auf Teneriffa kam auch dem Ungläubigsten +klar zutage, daß +Schimpansen+ für Nutzzwecke bereits persönlich +handelten, wählten, probten, abänderten. + +Gerade diese intelligenten Affen zeigten aber, lehrreich genug, auf +ihrer Übergangsstufe auch offensichtliche Kunstzüge, wie sie sonst bei +Säugetieren nicht so sehr häufig erscheinen. Sie tanzten, indem sie +im Kreisspiel das Gehen rhythmisch stilisierten (Ausdruck von Koehler +selbst), sammelten rote Lappen und glänzende Kiesel. Das konnten an +sich noch nachklingende Laubenvogelinstinkte aus ihrem Urwald sein. +Aber wie sie sich dargereichte Metallketten und Schnüre in sichtbar +gesteigertem Selbstgefühl als Schmuck um Hals und Ohren schlangen, auf +hohlen Blechbüchsen tuteten und gar weißen Ton zu Farbe anfeuchteten, +um Wände und den eigenen Leib regelrecht zu bemalen — das sah doch +schon unzweideutig „persönlich“ aus. Wie ihr Intellekt bereits Holz +zum Werkzeug spontan anspitzte, so meint man hier die äußere Technik +auch zur Farbenkunst bereits individuell von einem klugen Einzelaffen +erfunden. (Ein Geschlechtsbezug war dabei offenbar hier nicht +Bedingung.) + +Wenn diese Affentechniker trotzdem selber keine Menschen geworden sind, +so kann es intellektuell nur an einer Lichthöhe gelegen haben, die +allerdings auch sie noch nicht überschritten. Sie besaßen +noch+ kein ++begriffliches Denken+ und gelangten im engsten Zusammenhang damit auch +nicht zur echten menschlichen Sprache, die alle Menschen, von denen wir +wissen, haben und die kein Tier je besessen hat. In dem tiefsinnigen +Mythus der Bibel wird sehr mit Bedeutung hervorgehoben, daß der +Mensch zuerst den Tieren +Namen+ gab, was genau auf diesen Punkt +geht. Ich bin aber der Ansicht, daß er auch wieder von einer weiteren +ausschlaggebenden Bedeutung war für die wirklich ausübende Kunst. + +Mit etwas befeuchtetem Farbton als Mittel war es allein doch noch nicht +getan. Es mußte noch „ein Tier“ dazu, wenn es ein wirkliches Tierbild +werden sollte. „Ein Hirsch.“ Oder auch „ein Mensch“. Auch dazu ist aber +die innere Brücke des begrifflichen Denkens nötig gewesen, wie in der +Sprache zur Wortbezeichnung. Ich glaube aber auch, daß das nicht auf +die bildende Kunst allein Bezug hat. Es entspricht ebenso dem Sinn in +jedem Tanz, wie ihn selbst der roheste Wilde hineinlegt, der „Idee“ in +jedem Ornament; selbst auf die Musik wäre es zuletzt anzuwenden. Am +„Tage“ (biblisch gesprochen), da der Mensch auch an diesen Zauberring +in seiner erwachten Persönlichkeit rührte, ist er „Mensch“ geworden +und nicht zum Schimpansen lebendig versteinert. Am gleichen Tage ist +aber auch die +ganze+ Kunst geboren worden, ob sie nun in der Folge von +namenlosen Südseeinsulanern oder Raffael und Beethoven ausgeübt werden +sollte. + + +Es scheint doch noch ein Rätsel in dieser menschlichen Kunst zu geben. + +Wo in den letzten Jahrzehnten vom „Ursprung der Kunst“ die Rede war, da +hat es eine Hauptrolle gespielt. + +Bis in weiteste Kreise hat man sich mit ihm beschäftigen zu müssen +geglaubt, nachdem einmal eine gewisse Tatsachenkunde durchgedrungen war. + +Wissenschaftlich hat es eine unendliche Literatur erzeugt — auch von +solchen, die vorher an Abstammungsfragen hier nicht im Traum gedacht +hatten. An ihm erst hat sich die eigentliche, gegen alles auch nur halb +Naturgeschichtliche durchweg stark vermauerte Kunstgeschichte aufgeregt +und ihr schwerstes Geschütz spielen lassen. Mit Recht? Mit Unrecht? + +Es ist hier jedenfalls ein ganzer Geistesfeldzug für sich noch einmal +ausgefochten worden. Und es ist wohl nur angemessen, wenn ich ihm den +Rest dieses Bändchens widme, vielleicht doch mit einem Versuch, auch +hier wenigstens etwas Klarheit zu schaffen — auf die Gefahr, daß ein +zunächst Ungeheuerliches und einzigartig Verblüffendes schließlich doch +auch einfacher aussieht und damit an Sensation einbüßt, wenn auch nicht +an Interesse. + +Ausgangspunkt wurden wirklich jene +Diluvialmenschen+. + +Unsere Kenntnis von so entlegenem Menschentum ist schrittweise +gekommen. Sonst hätte sie uns noch mehr verblüfft. + +Zuerst zeigte sich auch hier seine Nützlichkeitskultur — einfachste +Waffen und Werkzeuge aus Stein und Tierhorn. + +Noch keine Nutzpflanzen, kein Haustier, nicht einmal der Hund. Keine +Töpferei, geschweige Metalle. + +Das war doch sehr wenig; denn wenn es auch bei den heutigen +afrikanischen Buschmännern in ihrem Winkel noch immer eine gewisse +Analogie findet, so stand man doch hier, so schien es, vor +all+ diesen +Dingen noch in der Gesamtkultur +überhaupt+ — darauf wies doch wohl der +ungeheure Zeitabstand. + +Es waren Menschen einer anderen geologischen Epoche (eben der +Diluvialzeit), die in der letzten Eiszeit und (vermutlich) einer +voraufgegangenen wärmeren Zwischeneiszeit gelebt hatten — die damals in +unserem Europa Elefanten und Nashörner gejagt hatten. + +Ich will nicht mit Zahlen spielen, aber das mußte doch schon mehrere +Zehntausende hinter die eigentlich historische Kultur zurückgehen. + +Dann bekamen wir in Skeletten die Menschen selbst zu sehen, relativ +wohlerhalten, da sie schon sorgsam bestattet waren. + +Zwei Rassen, eine ältere, robustere, — keine Tiermenschen, aber +doch recht fremdartig: die Neandertaler; wohl aus jener warmen +Zwischeneiszeit, wo sie wirklich etwa wie heutige Buschmänner bei uns +gelebt haben mochten. Und eine jüngere, feinere (oder mehrere solcher) +in der letzten Eiszeit selbst. + +Man lernte die Kultur dazu auf Stufen bringen, drei alte etwa +(Chelleen, Acheuleen, Mousterien) für die Neandertaler; drei weitere +(mindestens) als Aurignacien, Solutreen, Magdalenien für die Feineren. +Kein großer, aber doch ein merkbarer Fortschritt, der sich daran +geltend machte. + +Inzwischen begann man langsam, widerstrebend aber auch das Dritte, +Wunderbarste zu ahnen. + +Wenigstens die obere Reihe war bereits erfüllt mit +Kunst+. + +Bildender Kunst. + +Diese Aurignacenser bis Magdalenier hatten sich massenhaft in Stein, +Mammutelfenbein, Tierhorn, auf Höhlenwänden und -decken künstlerisch +verewigt. Hatten Tier- und Menschenfiguren plastisch geschnitzt, +Bildumrisse eingeschnitten, Reliefs hergestellt, zuletzt sogar +unmittelbar auf dem Höhlenfels gemalt, einfarbig, schließlich bereits +prachtvoll bunt. + +Ein bestimmtes Lokalgebiet schien sich zunächst für diese Kunst +einheitlich abzugrenzen. Südfrankreich bis über die Pyrenäen nach Nord- +und Westspanien hinein, auf der anderen Seite durch die Schweiz bis zum +Rhein; getrennt im Osten, über Österreich, noch etwas wie eine Insel +dazu dämmernd. + +Was nun aber für eine +Höhe+ schon in dieser Kunst! + +Das war das eigentliche, ich möchte fast sagen, Niederschmetternde. + +Tierbilder von fabelhafter Naturwahrheit, Lebendigkeit. In höchsten +technischen Mitteln. Und dabei doch noch als Modell auch hier Mammut, +Nashorn, Bison, Wildpferd, Renntier. Neben einzelnen Proben, daß man es +wohl auch vom Menschen konnte. + +Ich greife nur ein Beispiel heraus, ohne hier weiter beschreiben zu +wollen.[2] + + [2] Einige Angaben und Bilder gibt bereits mein Kosmosbändchen + „Mensch der Vorzeit I“. + +Ein kleiner ausgeschnitzter +Pferdekopf+ aus der tunnelartigen, +vom Fluß durchströmten Riesenhöhle von Mas d’Azil im französischen +Pyrenäenvorland. Magdalenienzeit; aus Renntierhorn; damals noch nicht +gezähmtes Wildpferd mit kurzer Mähne; wiehernd; leicht stilisiert. + +Aber nun von einer wahrhaft antik klassischen Schönheit. Man hat +ihn ohne Übertreibung mit den Parthenonpferden der Phidiasschule +verglichen. Es mochte auch damals das Meisterwerk eines begnadeten +Einzelkünstlers gewesen sein, steht aber doch nicht allein. + +Ein erster Kenner, Eduard Meyer in seiner „Geschichte des Altertums“, +urteilt hierzu und allgemein: „Eine Höhe der Kunst, der scharfen +Beobachtung und realistischen Wiedergabe der Natur und eine Entwicklung +der Technik, der die neolithische [jungsteinzeitliche] Zeit und die +heutigen sog. Naturvölker nirgends auch nur Ähnliches zur Seite zu +setzen haben. Erst die Schöpfungen der Ägypter kurz vor der ersten +Dynastie, die der Babylonier etwa seit Sargon und Naramsin, oder auch +die der Kreter auf der Höhe ihrer Kultur lassen sich an künstlerischem +Empfinden diesen Erzeugnissen vergleichen. Ja, bei manchen +Tierzeichnungen wird man in Ägypten bis zur fünften Dynastie hinabgehen +müssen, um gleichartige Parallelen zu finden.“ + +Von ähnlich bedeutenden Ritzzeichnungen hat Schuchhardt das Wort +geprägt: „Wie mit Rembrandtscher Rohrfeder gezeichnet.“ „Man fühlt noch +ganz frisch die künstlerische Freude nach, die so etwas geschaffen hat.“ + +Die herrlichen Farbentafeln, die Breuil mit Cartailhac nach den +Deckengemälden der nordspanischen Höhle von Altamira gegeben hat, wird +niemand ohne Gefühl tiefster Ergriffenheit durchblättern können. + +Das war nicht ein erster Versuch, sondern bereits eine strahlende +Kunstreife. + +Am Rande von Eiszeitgletschern und, nochmals betont, mit Bisons, +Mammuten und diluvialen Wildpferden als Motiv. + +Bei Menschen, deren Nutztechnik auch verbessert bis zum Schluß bei +Stein, Horn und Holz ruhte. + +Alle Schnitzereien selbst mit feinem Stein ausgeführt, die Malerei +bestenfalls mit ein paar einfachen Naturfarbstoffen (Rötel, Ocker, +Schwarz und Weiß), wie sie bereits jene Schimpansen zu belustigen +begannen. + +Begreiflich, daß diese Entdeckung, als sie einmal feststand (und sie +steht heute als solche absolut fest), selber eine Art Hypnose auf die +erste Generation ihrer modernen Beurteiler ausüben mußte. + +Es waren zunächst meist angesehene Naturforscher, erst später haben +sich auch wirkliche Kunstsachverständige eingemischt. Naturforscher, +die wenigstens in der Mehrzahl auf entwicklungsgeschichtlichem Boden +standen. Aber hier, wenn das die wirkliche Ur- und Anfangskunst der +Menschheit sein sollte, schien etwas aller Entwicklung ins Gesicht zu +schlagen. Als sei der Mensch wirklich gleich geistig fertig vom Himmel +gefallen. + +Bei den Neandertalern wollte sich einstweilen noch gar keine Bildkunst +finden lassen. So schien der Anfang am gleichen Ort bei den ersten +Aurignacensern völlig unvermittelt zu liegen. Mindestens schienen +allerlei Hilfstheorien nötig. Ich verzeichne auch hier wieder ein paar +Gedanken, die man da zunächst gehabt hat. + +Etwa vier Fünftel dieser bisher gefundenen Bildwerke (die Funde jagen +sich bis heute) stellten in meist vorzüglich naturgetreuer Technik mit +extremer Einzellebendigkeit +Tiere+ der Zeit dar. + +Mit dem früher einmal angezogenen Wort also +naturalistische+ Kunst, +allerdings ganz hervorragend dabei auch mit jenem Zuge der inneren +Einheitsschau; den modernen Zoologen entzückten z. B. die „richtigen“ +Einzelheiten der Mammute, der moderne Maler berauschte sich an dem +seelischen Todeskampf im Auge und Schweifschlag eines vom Speer +getroffen hingestürzten Bisons, den sein uralter Fachgenosse bereits so +fabelhaft hineingeschaut. + +Hier setzte also zuerst ein Gedanke ein. + +Die Anfangskunst des Menschen sei zunächst rein naturalistisch gewesen. + +Er zeichnete und malte nur, was er sah. Er änderte, stilisierte +überhaupt noch nicht. Die in diesem Sinne „vergeistigende“ Seite fehlte +ihm noch vollständig. Die sei erst viel später gekommen. + +In der folgenden Jungsteinzeit und werdenden Metallzeit sehen wir +allerdings die europäische Kunst fast ganz aus dieser Naturtreue heraus +— extrem auf Ornament, Stilisierung gewandt, Mensch und Tier zu oft +fast gespenstischem Gebild umschauend. + +Das sei eben die Folgezeit. Der Mensch wurde dort vor allem religiös, +dachte sich Leib und Seele getrennt, erfand Magie und Gespenster. Und +das verdarb die Kunst auf lange, füllte sie mit Ideen, statt Natur. +Erst bei uns, die wir aus solchem Dualismus und Seelenkult wieder +herauskommen, nimmt auch die Kunst wieder neue naturalistische Anläufe. +Aber wir sind arg verbildet. Der Eiszeitmensch dagegen war in dem +Punkte noch der „reine Tor“. Und deshalb gelangte er gleich zu so über +alle Maßen herrlichem Rein-Naturalismus. + +Max Verworn (ausgezeichneter Naturforscher) hat so ähnlich geschlossen. + +Es lag nahe, von hier zu folgern, daß, wer sich nur nicht mit „Ideen“ +verfälsche, nicht die Wucherpflanze der „Vorstellungen“ kultiviere, +eben damit allein schon ein Künstler sei. So wären am Ende +alle+ +Eiszeitmenschen durch die Bank echte ausübende Künstler gewesen. Und +wenn heute wenigstens hier und da noch solches Genie einzeln auftauche, +so sei’s nur ein Rückschlag auf diese gottbegnadete Allkünstlerzeit des +diluvialen Paradieses. + +Wieder andere gaben aber doch auch dem Grundgedanken eine bösere +Wendung für unsere Diluvialahnen selbst. + +Der Wiener Moritz Hoernes, ein erstklassiger Ordner und Darsteller des +ganzen prähistorischen Gebiets, von umfassendem Wissen, wenn auch weit +geringerem künstlerischem Blick, konstruierte etwa so. + +Der Grundnerv dieser ganzen Diluvialkunst sei eigentlich gewesen, +daß dieser Mensch ewig +hungrig+ war. Er lechzte als wilder Jäger +ewig nach Fleisch, mehr Fleisch. Mammut- oder Bisonfleisch zum Mahl. +Vielleicht auch erotisch nach Weiberfleisch. (Deshalb die an sich +wirklich festgestellte Fettleibigkeit gewisser Menschenplastiken der +Aurignacenser.) Er konnte einfach gar nicht genug kriegen. „Weib, o +Weib! Fettes Weib! Schönes Weib! Bison, großer Bison! Starker Bison!“ +(wörtlich so bei Hoernes), war der beständige rote Schrei seiner Seele. +Deshalb wurde auch seine Kunst die reine Lyrik dieses Schreies. Deshalb +die lechzende Masse dieser Kunst, das Verbreiten bis in dunkelste +unwegsamste Höhlenschlünde, das mehrfache Übereinandermalen an ein und +derselben Stelle. + +Die Kunst selber kam auch ihm dabei ganz roh suggestiv vom Objekt +zu. Der Hergang lief auf eine einfache Faszination des Auges hinaus, +eine „Mußbeschäftigung“, des engeren daheim wieder angeregt durch +zufällige Linien und Buckel der Höhlenwände etwa wie gewisse erotische +Kritzeleien auf geheimen Orten bei uns. + +Als Vergleich könne auch das sog. „Hasenlaufen“ gelten, das dem +Jäger nach ergiebigem Jagdtage vor dem Einschlafen immer wieder +bei geschlossenem Auge Hasen in größter Naturwahrheit der Stellung +vorüberlaufen lasse. + +Dem wohlwollenden Leser wird nicht entgehen, daß auch hier aus dem +Fetthunger allein doch noch nicht die objektive Höhe dieser Kunst +erklärt wird. Es müßte denn die vorzügliche Technik gewisser berühmter +älterer Niederländer unserer Galerien auch rein aus dem Wurstreiz ihrer +Stilleben abzuleiten sein. + +Vielleicht könnte hier nur eine Hilfstheorie fördern, die ebenfalls +gelegentlich aufgestellt worden ist: der Mensch sei auf dieser Stufe +überhaupt noch +reines Instinktgeschöpf+ gewesen. So habe er mit der +vollkommenen Folgerichtigkeit und Unfehlbarkeit solchen Instinkts +einfach zwangsweise treu zeichnen +müssen+, ohne selber irgendeine +Empfindung zu besitzen, was er tat; also strenggenommen noch einmal +Rückschritt hinter jene Schimpansen Koehlers. + +Hoernes selbst war andererseits sehr geneigt, vor „Überschätzung“ jenes +angeblichen diluvialen Kunstwerkes selbst zu warnen. + +Es sei zuzugeben, daß in der ganzen Zeit zwischen jenem Pferdekopf von +Mas d’Azil und den griechischen Parthenonpferden in der Tierdarstellung +nichts vergleichbar Vollkommenes geleistet worden sei. Aber diese +hohe Phidiaskunst bilde ein Glied in langer kunstgeschichtlicher +Entwicklungskette, die Diluvialkunst dagegen sei bloß eine für alle +wahre Kultur belanglose Moment-Mutation gewesen. Sie hatte „keine +Vergangenheit und keine Folge“, kam „aus dem Nichts“ (offenbar mit +dem ersten Aurignacensermagen, obwohl die Neandertaler doch auch +wohl schon gelegentlichen Fetthunger verspürt haben mochten) und +ging ohne echte eigene Entwicklung „wieder ins Nichts“ — im Grunde +tiefste Unfruchtbarkeit, bettelarme Borniertheit (ich gebrauche +fast lauter Hoernessche Ausdrücke), die uns nur durch jenen Zwang +formaler Vollendung äfft. Mit solchem „Ungeist“ waren diese +Troglodyten geschlagen, daß ihnen „die Syntax der bildenden Kunst ewig +verschlossen“ bleiben mußte. + +So wanderten die Gedanken. + +Gelegentlich wurden wir auch noch in einem anderen Sinne +„nationalökonomisch“ belehrt: daß diese wilde naturalistische Urkunst +lediglich noch Jägerkunst des +Mannes+ gewesen sei. Als später der +Ackerbau eingeführt wurde und die Töpferei in die Hand der Frau kam, +begann deren, rein ästhetisch betrachtet, „kleinliche, geistlose“ und +im Gegensatz zum Mann „pedantisch-ordnungsliebende“ Art auf die Kunst +zu drücken (ich referiere nur!) und leitete vom Topfschmuck eine Epoche +des naturfremden Ornaments und der „abergläubischen“ Kunst ein. + +Es dürfte doch recht lehrreich sein, kurz zusammenzustellen, was die +inzwischen rasch weitergehende Diluvialforschung heute bereits von all +diesen glänzenden Konstruktionen übrig gelassen hat. + +Hoernes selbst war allerdings der Ansicht, daß „Überraschungen durch +zukünftige Funde“ gegenüber seinen Ideen „wahrscheinlich vollkommen +ausgeschlossen“ seien. + +Zunächst sollte auch ohne neue Funde klar sein, daß wir in all dem +Material zunächst doch nur den Ausschnitt der engeren +bildenden+ Kunst +dieser alten Leute vor uns haben. + +Sollte aber ein hier so reich begabtes Volk sich nicht auch gleich +allen Naturvölkern von heute künstlerisch in Tanz, Musik, Gesang +ausgelebt haben? Schmuck trugen sie, wie wir wissen, in Masse. Es ist +aus den Resten wahrscheinlich, daß sie Pansflöten aus Röhrenknochen +herstellten, auf denen sie doch wohl nicht bloß „Hasenlaufen“ gespielt +haben werden. + +Hier würden aber überall +rhythmische+ Bewegungen und Erzeugungen nicht +zu vermeiden gewesen sein, auf deren Fehlen die meisten jener Theorien, +recht besehen, doch aufbauen. + +Was die mysteriöse Entstehung aus dem Nichts anbetrifft, so ist nur +richtig daran, daß wir aus dem Chelleen bis Mousterien bisher keine +Zeugnisse gerade bildender Kunst besitzen. Damals lebte aber unter +ganz anderen klimatischen Verhältnissen eine völlig andere Rasse, die +Neandertaler, von denen bisher durchaus nicht feststeht, daß sie sich +in die folgende höhere Rasse verwandelt hätten. Viel einleuchtender +handelt es sich um einen Ersatz durch Einwanderung, wobei die neuen +Menschen ihre Kunst schon mitbrachten, ohne daß wir irgend etwas +darüber aussagen könnten, was für +eigene+ Entwicklungen an +anderem+ +Fleck da schon voraufgegangen waren. + +Ebenso unbewiesen ist aber bislang, daß die Neandertaler selbst noch ++ganz+ kunstfrei gewesen seien. + +Hugo Obermaier, dem wir ein geistvolles Werk über den „Menschen +der Vorzeit“ (von klerikalem Grundstandpunkt, der aber doch meist +geschmackvoll gemäßigt ist) verdanken, bezeichnet es mit Recht als +eine „totale Verkennung der Menschennatur“, diesen Neandertalmenschen +„Körperschmuck und jede freie primitive Kunstbetätigung“ absprechen zu +wollen. + +Denkbar, daß sie eben als Rasse weniger gerade zu bildender Kunst +neigten. + +Sehr möglich, daß ihre technische Bevorzugung von Steinwerkzeugen +gegenüber Bein und Horn sie gerade am Gravieren und Schnitzen als +Ausgangspunkt gehindert oder auf Holz gewiesen hat, das nicht erhalten +ist. Solche reinen +Material+fragen sind aber bei der Kunst aller +Völker bis heute wichtig gewesen. Bereits wird für Knochenarbeit, wo +sie doch im Mousterien schon vorkommt, neuerlich prompt auch schon +Kunstarbeit behauptet. Hier kann trotz Hoernes ein einziger ganz +sicherer neuer Fund all jene Urweisheit umwerfen. + +Aber bleiben wir ruhig bei der höheren Rasse. So ist Verworns purer +Ur-Naturalismus und schließlich doch auch Hoernes’ rohe Freßtheorie +hinfällig im Augenblick, wo auch für die Diluvialzeit bereits +deutliches religiöses Leben mit Seelenkult nachweisbar wäre. + +Dieser Beweis ist restlos geglückt. + +Schon der so rasch berühmt gewordene Neandertaler-Knabe, den Hauser und +Klaatsch 1908 als ~Homo mousteriensis~ im Vézèretal ausgegraben haben, +war allem Anschein nach sorgsam in seitlicher Schlafstellung und unter +Beigabe von Waffe und Proviant bestattet worden. + +Ähnliche und noch viel sicherere und verwickeltere Begräbnisse, oft in +deutlicher Hockerstellung, mit reichstem Schmuck, die Knochen mit Rötel +bestreut, liegen jetzt auch aus der jüngeren Rasse in ganzer Menge vor. + +Die Beigaben deuten nach sicherster Analogie heutiger Naturvölker +durchaus auf Seelentrennung, Unsterblichkeitsglauben, Totenkult. Die +rote Farbe soll Ansehen des Blutes, fortgesetzten Lebens geben. + +Wenn das die Kunst beeinflussen konnte, so war der stärkste Einfluß da. + +Weitere Züge hierüber geben dann die Bildwerke selbst. + +Man besitzt Darstellungen von Menschen, die Tierfelle noch mit +den natürlichen Köpfen daran, z. B. von Gemsen, samt dem Gehörn +übergestülpt tragen. Das konnten Jagdverkleidungen zum unbemerkten +Beschleichen des Wildes nach Buschmannart sein. Aber auch die bei +heutigen Wilden so beliebten Tanzmasken für magische Tänze und Kult. + +Ganz kürzlich ist nun in der Höhle Trois Frères (Provinz Ariège an +den Pyrenäen) eine große Gestalt entdeckt worden, die auch diese +Frage im letzteren Sinne zu erledigen scheint. „Die Figur ist etwa +75 ~cm~ lang und steht in Verbindung mit einem gravierten Friese von +Tierbildern (Pferd, Bison, Löwe, Mammut, Bär, Nashorn, Renn usw.). Sie +befindet sich hoch am Ende der Höhlenwand und beherrscht den ganzen +Raum. Das Bild ist graviert, die Umrißlinien sind teilweise durch +schwarze Farbe betont. Die Darstellung der Bewegung ist ungewöhnlich +vollkommen: während der Körper im Profil gegeben ist, wendet sich +das Gesicht voll dem Beschauer zu. Die Wiedergabe der Einzelheiten +läßt erfreulicherweise an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. +Die Bildung der Hände und Füße sowie die Wiedergabe der Genitalien +behebt jeden Zweifel darüber, daß es sich hier um einen verkleideten +Menschen handelt. Auffallend ist der lange Pferdeschwanz, der zu einem +Hirschfell nicht paßt.“ + +Gerade diese Verbindung von Hirschdecke und Roßschweif widerstreitet +aber einer rein profanen Jagdmaske. Oswald Menghin, der umsichtige +neueste Bearbeiter von Hoernes’ Hauptwerk, dem das Zitat entnommen, +gibt nach diesem Fund eines so unzweideutigen „Zauberers“ rund zu, daß +Hoernes’ Ablehnung aller diluvialen Kultdarstellung ferner nicht mehr +zu halten sei. + +Darüber werden aber noch andere Sachen wichtig. Was man bisher für +Bilder von Zelten gehalten, könnten „Geisterfallen“ sein, wie sie +heute noch in der Magie der Malaien eine Rolle spielen. Schon längst +ist vermutet worden, die vielen Einzeltierbilder auf Höhlenwänden +und besonderen amuletthaften Gegenständen hingen mit der Idee eines ++Jagdzaubers+ zusammen — im Sinne, daß das Tier, von dem man ein Bild +besitzt, leichter zu erlegen sei. + +Solche Deutung kann natürlich selber wieder nicht die Existenz der +Kunst und auch nicht ohne weiteres die Höhe dieser Kunst erklären. Sie +gibt einen sekundären Kunstzweck, der aber zu allen Zeiten (genau wie +das Geschlechtliche) auch in die spätere Kunst seitens des Zauberwesens +und der Religion eingespielt hat. Religion hat auf höchster Stufe +dieser Kunst sogar echte und innerliche Anregung gegeben. Auf tieferer +war sie aber selber immer eng mit Zauberei verquickt. + +Also solcher Zauberzweck könnte uns doch manche +Eigenart+ der +Stoffwahl und Methode auch dieser Altkunst enträtseln. Wir finden +Bisonbilder mit Speeren im Leibe gezeichnet, was sehr gut paßte. +Manchmal roh, handwerksmäßig, aber auch auf der herrlichen Saaldecke +von Altamira, wo der Bison wirklich getroffen in ganzer farbiger +Malpracht vor uns zusammenbricht. + +Aber gerade dieser magische Zweck, der vielleicht durch uralte +Überlieferung gefestigte, vorgeschriebene Regeln vertrat, könnte +auch erklären, warum wir so hartnäckig immer wieder losgelöste ++Einzelfiguren+ von Tieren dargestellt sehen. Die Figuren selbst sind +jede für sich bewegten Lebens voll, rennen, wiehern, sehen sich um, +stürzen wie aus großen Gruppen solcher Jagd gewaltsam entnommen, aber +sie sind meist nicht wirklich zu solcher Gruppe vereint. Jede steht +(oft kunterbunt zu den anderen) auf eigenem Horizont. In Altamira +hat man alle denkbaren Einzeltypen einer drohenden, flüchtenden, +beschossenen, fallenden Bisonherde, aber auch hier bilden sie kein +wahres Einheitsgemälde mit Bezug von Typ zu Typ. + +Dabei +konnten+ die Leute Gruppenbilder machen. Was man grundsätzlich +auch dagegen gesagt hat, ist wieder vorgefaßte Theorie. + +Man sieht wenigstens in kleiner Skizze, die nach Entwurf für Größeres +schmeckt, ganz köstlich, fast in der Art Wilhelm Buschs, Renntier- und +Wildpferdherden, bloß die Ecktiere voll ausgezeichnet, die anderen +durch Geweihe oder Köpfe und Beinstriche angedeutet. Wenn etwas +unmittelbar nach Skizze draußen vor der bewegten Szene selbst aussieht, +so müßten es diese virtuos hingeworfenen Gruppen sein mit ihrer +Atemlosigkeit der Improvisation. + +Warum also bis in die erhaltenen riesigen Prachtgemälde der +Bilderhöhlen so zäh bloß das Einzeltier? + +Lag hier eine magische Vorschrift, ein Gesetz der Zauberer des Stammes +für die Künstler vor, vor dem sie sich zu beugen hatten? Brachte nur +das Einzelbild Glück, die Gruppe irgendeinen mystischen Schaden? + +Die Frage hat noch Konsequenzen. + +Waren gerade diese Bilderhöhlen nicht eigentliche Wohnungen, sondern +Zauberklüfte mit einem für Generationen wirksamen kombinierten +Stammeszauber? Man könnte auch an Totenkult denken — Tiere für die +Gründe des Jenseits, die doch auch geisterhaft einzeln schweben +mußten nach wieder einem Ritual. Oder Häuptlingshöhlen, die (nach +Art der Buschmänner) mit einzelnen noch bekannten Trophäen wie eine +Bilderchronik bemalt wurden? Ich dächte doch, das wären wertvollere +Gedanken, als eine Freßhypnose, die sich in Kunst verwandeln soll. + +Zu den Menschenbildern, die man neuerlich auch viel reicher zu finden +beginnt, dabei noch ein Wort. + +Bereits im Aurignacien stellten diese alten Herren offenbar mit Liebe +kleine weibliche Püppchen her, bald in Elfenbein, bald in Stein, +künstlerisch wie anatomisch auch durchaus beachtlich gemacht, aber +offenbar durchweg mit etwas Eigensinn — auch sie wie auf eine Kult- +oder sonstige Instanzvorschrift Rücksicht nehmend, die noch über der +Kunst stand. + +Das berühmteste Stück ist die sog. Venus von Willendorf aus dem Löß +des Donautals in Niederösterreich. Der ferne Ort verrät die allgemeine +Zeitmode. Venus gilt doch nur in spöttischem Sinne. Ein Scheusälchen +von 11 ~cm~ Höhe, mit tollen Brüsten, reichlichem Spitzbauch und +Hinterteil, doch noch nicht ganz so schlimm im Sinne dessen, was man +bei den Hottentottenfrauen Steatopygie (monströsen Fettsteiß) nennt. +Jedenfalls stark geschlechtlich pointiert, nackt, bloß der Kopf seltsam +kappenartig verhüllt und ohne Gesicht, die eben markierten Ärmchen +mit Schmuckringen, die Füße nicht ausgeführt. Am Ganzen Reste roter +Bemalung. Die Fundschicht oberstes Aurignacien. Nicht fern lag ein +Vorratshaufen von Mammutstoßzähnen. + +Man denkt unwillkürlich einen Augenblick an die Laune des Schicksals, +die diesen Kobold durch die Jahrtausende kommen ließ, in denen der +olympische Zeus des Phidias untergehen mußte! + +Aus Brassempouy in Südfrankreich hat man verwandte elfenbeinerne Torsi, +aus Predmost in Mähren, von dem berühmten Mammutschlachtfeld, fünf +schwangere Frauen aus Mittelfußknochen dieses diluvialen Elefanten. + +Was sollten diese Alräunchen? + +Man hat diesmal wirklich mit Fruchtbarkeitsidolen, allerdings im +Gegensatz zu Hoernes auch aus dem Magiegebiet, verglichen. Die +verhüllende Haube kehrt auch modern als Schutz für Wöchnerinnen vor +Kindbettfieber wieder. Aber auch bei Toten, um sie vor Dämonen zu +bewahren. + +An solchen Totenkult hat Schuchhardt in seinem bekannten geistreichen +Buch „Alteuropa“ gedacht. Der Rötel mahne deutlich an Tote. Das +verborgene Gesicht und die Hände über der Brust verrieten Ehrerbietung +vor der Gottheit. Die Nacktheit wäre vielleicht nur Wiedergabe echter +Lebensgewohnheit in der warmen Höhle, wie heute noch bei den Eskimo. So +wären es vielleicht kleine Ahnenbilder gewesen, die man in Wandnischen +der Wohnfelsen aufstellte. + +Die Erklärung ist wahrscheinlicher geworden durch neue interessante +Entdeckungen vortrefflicher Menschenreliefs in der Dordognehöhle von ++Laussel+. + +Man hat da zunächst den fast halbmeterhohen Relieftorso eines rein +edelschlanken Jünglings, nackt, bloß mit einer Art Schmachtriemen, +lebhaft bewegt, eine glänzende Probe. Mit solchen Figuren mehr, meint +Hoernes, hätte ein Großes „entstehen können, wenn eine andere Sonne +darüber geleuchtet hätte“. Es ist aber Bestes entstanden und lag also +eben auch schon in der Zeit! + +Dazu auch hier wieder sehr fettleibige nackte Frauenfiguren in +gleichem Relief, eine mit einem Steinbockhorn in der Rechten ist +jetzt in Berlin. Auch darin verteidigt Schuchhardt Totenbilder über +dem Bestattungsort, mit guter Dialektik. Das Horn sei das älteste +Opfergefäß. Es muß aber wohl doch noch ein geheimer Sexualbezug dabei +gewesen sein. + +Man datiert wieder ins Aurignacien. Gerade diese +früheste+ bekannte +Zeit der höheren Rasse wäre also bereits bis über den Kopf in +religiöser Kult-Kunst gewesen trotz Hoernes und Verworn. Tatsachen sind +schließlich jeder Theorie überlegen. + +Und das muß auch von der Idee der „Allkunstbegabung“ gelten, so +bestechend sie ersonnen war. + +Die Vorstellung, daß jeder im Stamm ein berufener Künstler sei, kann +sich ja dem oberflächlichen Blick bei überhaupt kunstreichen Natur- +und Halbkulturvölkern von heute leicht aufdrängen. In Wahrheit sind +die Dinge auch dort nicht viel anders als bei uns. Wenige schaffen, +erfinden wirklich; an sie schließt sich ein sehr viel breiteres +Virtuosen- und Kunstgewerblertum; der große Rest ist Publikum, das +zwar nicht ohne Kunstempfindung ist, aber doch nur aufnehmend. Selbst +beim einfachsten Wildentanz gibt es den ursprünglichen Schöpfer, +die Nachahmer, die in unendlicher Tradition sein Werk ausschleifen, +bis nach erlahmter Mode wieder ein Meister ein neues Motiv liefert, +und die zuschauende Masse. Kein Volk, wohin wir auch sehen, so weit +wir zurückdenken, das nicht seine bestimmten gefeierten Dichter, +Musiker von Beruf hätte, seine fahrenden Sänger, Künstlergilden und +Kunstschulen. Selbst berühmte Tätowiermeister ziehen so herum. Nichts +erscheint so folgerichtig, so gleichförmig in diesem Bilde auf all +ihren Stufen, wie die Kunst. Wozu sich also Schwierigkeiten suchen für +dieses alte Volk, das gerade in seiner Kunst (das ist ja das Problem) +durchaus nichts Primitives, sondern bereits eine glänzende Höhe +hatte. Sicher werden wir auch für damals schon ein ähnlich geordnetes +Kunstleben annehmen dürfen, und recht besehen sprechen auch wieder +mancherlei Züge der erhaltenen Bildwerke selber dafür. + +In glücklichen Einzelfällen mag uns ein wirkliches Original überliefert +sein, wie jener Meisterkopf von Mas d’Azil; daneben steht gute +Nachahmung aus der Schule, roheres Dutzendprodukt bis zur völlig +dilettantischen Kritzelei. Wer Pompeji näher kennt, findet alle +Gegensätze von dort auch hier wieder. + +Gerade das, was die Kritik voreilig als Beschränktheit und Schwäche +deuten wollte: der so weit verbreitete und zäh immer wiederkehrende +einheitliche Stilcharakter, spricht (wie Obermaier wieder mit Recht +ausgeführt hat) für echte Kunsttradition und wirkliche Schulen, +spricht für weit von Stamm zu Stamm ziehende „fahrende Künstler“, oft +sonst vielleicht „arme Teufel“, die, dem Jäger und Kriegerberuf nicht +gewachsen, dafür den Ruhm ihrer begehrten Malerbegabung genossen. + +Bisweilen meint man ihre Arbeit noch wie lebendig zu erblicken, wenn +in einer spanischen Höhle (Hormos de la Penja) auf der Wand ein +Pferdehinterteil eingraviert erscheint und daneben am Fleck selbst ein +Pferdestirnbein erhalten ist mit der peinlich genauen Skizze dazu. + +Auf gesonderte feinere und daneben mehr zweitklassige Arbeitsstätten +weist, wenn an einer Fundstelle allgemein solche künstlerischen +Erstproben und Versuchsproben in Menge auftauchen, an anderer dagegen +durchweg schon fabrikmäßig zum Gebrauch ausgemünztes Kunstgewerbe sich +häuft. + +Auch das könnte an fahrende Gesellen mahnen, die überallhin gleichmäßig +ihre besondere Tradition übertrugen, wenn bisweilen die erhaltenen +Knochen der gerade dort gejagten Tiere nicht zu den Bildern stimmen +wollen — also z. B. der Zeichner die ihm geläufigen Mammute noch +verewigt hat, wo gar keine vorkamen. + +Im übrigen ist aber auch nicht wahr, daß diese +französisch-nordspanische Kunst in sich keinerlei +Entwicklung+ gehabt +hätte. + +Der Abbé Breuil, der fast sein ganzes Leben mit einer rührenden +Liebe in den Dienst dieser uralten Dinge gestellt, hat sich seit +Jahren bemüht, Linien solcher Innenentwicklung doch zu fixieren — +mit schwankendem Glück, aber unermüdlich neu tastend. Man gewahrt +Mammute auf verschiedenen Stufen mit durchaus verschiedener Technik +dargestellt. Glaubt die Gravierung sich verfeinern und dann vor der +Malerei zurücktreten zu sehen, während diese selbst über Lücken und +Krisen schließlich erst zu ihrem vollen buntfarbigen Endausdruck +gelangt. Auf der letzten Stufe machen sich aber, scheint es, auch +bereits Manier und Konvention mit ihrer beginnenden Erstarrung +geltend. Wo wäre eine spätere kunstgeschichtliche Periode, die nicht +ähnliches zeigte, zumal die Dauer groß erscheint. Vieles mag bei dem +lückenhaften und ungleichen Stoff hier noch Täuschung sein oder auf +fremde Einmischungen gehen, die nicht von innen kamen — alles gewiß +nicht. + +Hier noch ein Wort auch zu Stilisierung und Ornament als solchen. + +Nach dem, was früher über das Rhythmische wohl aller Kunst und Vorkunst +gesagt ist, sollte man theoretisch das auch hier schon voraussetzen. +Und wenn es in der allein gegebenen bildenden Kunst wirklich so radikal +ausschaltete, wie Hoernes oder Verworn glaubten, so müßte man auch +dann nicht gleich von „Ur-Naturalismus“ reden, sondern zunächst einen +besonderen Grund der +nachträglichen+ Wiederausmerzung suchen — etwa in +jenem Zauberzweck oder sonst einem nicht rein künstlerischen Nebenzwang. + +Inzwischen wissen wir aber, daß die Leute auch ganz ausgezeichnete +Ornamente herstellen konnten, wenn sie wollten. + +Es gibt solche aus gewissen südfranzösischen Höhlen, die in ihrer +Art fast genau so vorzüglich sind wie das naturalistische Tierbild. +Und auch diese flotten Spiralen und verwickelten Arabesken, zum Teil +wieder in Mammutelfenbein, sind ebenso unzweideutig echt, wie das +andere Material, so stark man sie auch dem guten alten Piette, der +sie zuerst fand und abbildete, anzweifeln wollte. Piette, Autor des +dicken Quartanten ~L’art pendant l’Age du Renne~ mit vielen schönen +grundlegenden Tafeln, war kein übermäßig kritischer Kopf, aber er +behielt in dem Punkte wie im andern Recht. + +Des weiteren zeigen sich mehr oder minder weitgehende Umgestaltungen, +Rhythmisierungen, Stilisierungen echter Naturobjekte (Pflanzen, +Tierköpfe) in solches Ornamentale hinein. Hübsche Tierhäupter, z. B. +Gemsen, werden zunächst einfach identisch in Reihen wiederholt, dann +immer mehr auch im einzelnen ausstilisiert, in Arabesken verwandelt, +bis endlich das Tier fast unkenntlich nur noch aus einer Art +hieroglyphischer Zeichen durchschimmert. + +Auch da ist (wie bei heutigen Naturvölkern, die es noch ähnlich machen) +wieder viel mit Theorien herumgearbeitet worden. Als wenn allgemein +das Naturalistische das Rhythmische nachträglich erst aus sich ++erzeugte+! Als ob auch die verschnörkeltsten Ornamente zuletzt etwa +nur Tierhörner wären. Das ist so gesagt natürlich wieder grundsätzlich +unmöglich. Um etwas zu rhythmisieren, muß ich zunächst das rhythmische +Bedürfnis schon +haben+. Das kann aber dann sehr eigene Wege auch +hier gehen, wie in der Musik. Kann aus solcher „innerer Musik“ auch ++freie+ Ornamente schaffen. Andererseits wird es aber auch Naturmotive ++benutzen+, gleichsam zur Kristallisationsstelle machen, zumal wenn in +denen selber bereits aus den früher dargelegten Gründen +organische+ +Rhythmik steckt, wie in einem Hirschgeweih oder einem Akanthusblatt. +Und wird diese gegebene Natur-Rhythmik dann selbsttätig so lange weiter +stilisieren, bis schließlich auch so die reine Formenmusik übrig bleibt +und das pure Kunstornament auch von hier erreicht ist. + +Auch diese einfachen Dinge sollte man sich doch nicht überflüssig +schwer machen. Sollte nicht ein Volk bloß auf ein Stück des +ursprünglichen Kunsterlebnisses festnageln wollen, anstatt jeder Kunst +ursprünglich auch ihre ganzen Mittel zuzubilligen. + +Ein anderes ist es natürlich, ob eine spezielle Kunstrichtung örtlich +oder zeitlich aus irgendwelchen Gründen mehr die Realistik oder diese +innere Musik in ihrem Kunstbild +pflegen+ will. In gleicher Zeit können +hier parallele Kunstvölker doch sehr verschiedene Wege gehen, und es +kann auch eines das andere nachträglich beeinflussen. + +Man hat Anzeichen, daß zur gleichen Epoche, da in Westeuropa das +naturgetreue Tierbild so feste diluviale Mode war, weit im Osten mehr +das Ornament blühte. Immerhin blühte es doch parallel, wieder ein +Beweis, daß es selber auch damals schon je nach Wunsch da war. + +Die Idee ist dann ausgesprochen worden, es sei schon im Solutreen +durch eine diluviale Wanderung einmal solcher Osteinfluß mit seiner +Ornamentliebe vorübergehend auch nach Westen getrieben worden, der sich +dann im folgenden Magdalenien aber wieder verloren hätte. Und ebenso +soll sich in der unverkennbaren Stilisierung der letzten nordspanischen +Höhlenmalerei ein anderer Fremdeinfluß merkbar gemacht haben, der +allmählich die ganze Westkunst überhaupt überflutet, die alte Kunst +dort endgültig zu Fall gebracht und im Ausklang der Diluvialzeit für +ganz Europa eine Hochflut übersteigerter Ornamentkunst heraufgeführt +hätte. + +Doch dazu ist jetzt noch ein Letztes von dieser wunderbaren +Diluvialkunst selbst zu erzählen, das auch die neueren Jahre, wie es +scheint, immer reinlicher herausgearbeitet haben und das nun vollends +jenen ersten Theorien den Hals bricht. + +Nachdem nämlich all jene mehr oder weniger kühnen Ideen sich wesentlich +nur auf die geschlossene französisch-nordspanische Kunst (mit ihren +doch in der Hauptsache noch gleichartigen östlichen Ausläufen) +versteift hatten; nachdem sie in ihr einfach „+die+“ Kunst der Eiszeit +gesehen hatten, auf der sich jedwede Spekulation über Eigenart einer +menschlichen Ur- und Anfangskunst aufbauen +müsse+ — ist jetzt zum +Schluß am Mittelmeer noch eine ganze +zweite Diluvialkunst+ entdeckt +worden, die, selber ebenfalls eine hohe und geschlossene Kunst, doch +in der gleichen Zeit auch im Tier- und Menschenbild bereits völlig ++andere+ Wege einschlug. + +Ich erinnere noch einmal an die sechs diluvialen Kulturperioden, wie +sie zuerst in Frankreich deutlich wurden. Drei (Chelleen, Acheuleen, +Mousterien) Stufen der Neandertaler, drei höhere, zu der jene Schnitz- +und Malkünstler dort gehörten: Aurignacien, Solutreen, Magdalenien. +(Ob das Schema selbst noch zu vertiefen wäre, wie neuerlich Hauser +vertritt, lasse ich hier für meinen Zweck beiseite.) Es hat sich +nun herausgestellt, daß die drei Alt-Stufen mit ihrer typisch +altertümlichen Steintechnik auch durch +das ganze Mittelmeergebiet+ +bis drüben an die afrikanische Wüste und fern nach Ägypten und Syrien +gehen. Und auf sie folgt in diesem Riesengebiet dann auch eine etwas +höhere Kultur, zeitlich parallel dem Aurignacien, Solutreen und +Magdalenien, doch nicht identisch, sondern offenbar einen +eigenen+ +Nebenweg jetzt einschlagend. + +Man hat also für diese einheitliche Oberstufe dort einen neuen +Sondernamen einführen müssen, wobei die tunesische Oasenstadt Gafsa, +einst in der Jugurtha-Zeit +Capsa+ geheißen, Pate stand. + +Von Capsa abgeleitet also das +Capsien+. + +Darin ein Alt-Capsien zeitlich entsprechend dem +französisch-nordspanischen Aurignacien. Und ein Jung-Capsien zeitlich +parallel bis zum Ende des Magdalenien dort. + +Es schien nun zunächst befremdend, daß dieses doch so kolossal +ausgedehnte Capsien keinerlei Kunst zeigen wollte. Dann aber kam die +Überraschung auch hier. + +Im Westmittelmeer reichte auch das Capsien selbst noch bis nach Spanien +als Schlußstation. Also ganz verdächtig nahe an die Kunstzone dort des +Aurignacien und Magdalenien heran — um so näher, als diese sich nicht +rein auf Nordwestspanien einschränkte, sondern einen Ableger auch ganz +im spanischen Süden besaß. + +Tatsächlich besetzte das spanische Capsien seiner +Mittelmeerorientierung entsprechend wesentlich die Ostküste. Also etwa +von Tarragona rund bis Granada. Und dort nun die verblüffende Neuheit. + +Auch die Capsienleute hatten wirklich Kunst getrieben und sich +mindestens hier auch mit ihr verewigt. + +Wohlverstanden noch einmal: Kunst jetzt zeitlich ebenfalls genau +parallel zu der der Aurignacien- und Magdalenienkünstler drüben. + +Aber es ist eine zwar auch in ihrer Art hohe, doch im Wesen durchaus ++verschiedene+ Kunst. + +Diluvialkunst gleichsam aus einem ganz anderen künstlerischen Sehwinkel +als bei denen dort drüben, dabei zunächst keineswegs bloß auf den +Gegensatz: hie Naturalismus, hie Ornament. Sondern auch in ihrer Weise +mit einem gewissen Anlauf Naturalismus, aber völlig anders gewandt. +Eben mit dem Wort: aus einem radikal anderen künstlerischen Augenwinkel. + +Der erste Fleck, wo dieses neue Wunder sich andeutete, war +Alpera+, +etwas landeinwärts in der Provinz Albacete. Danach hat man diese ganze +verblüffende Zweit-Kunst die Alperakunst genannt. + +Da die andere drüben in Nordspanien in der pompösen Bilderhöhle von +Altamira gipfelt, stellt man sie wohl dieser Alperakunst einfach als +Altamirakunst gegenüber, gute Namen, aber beide wohlverstanden noch +diluvial. + +Auch Alpera lieferte gleich vier Felsnischen mit Malerei. Halb offene +Felsnischen, denn diese Ostleute malten statt in Höhlen mehr frei +und außen an, wobei, wie man sich denken kann, in der Folge immer +viel zerstört worden ist — Capsienkunst heute noch zu bekommen, wird +also stets noch etwas schwieriger und unwahrscheinlicher sein als +Altamirakunst. In Ostspanien gehen solche Nischen aber jetzt doch noch +durch das ganze Gebiet aller Provinzen herunter und hinauf. Meist +mehrere, einmal gleich fünfzehn, beisammen. + +Malerei aber ist offenbar schon allgemein Trumpf, sobald der Vorhang +aufgeht. Gravierung findet sich nur sehr ausnahmsweise; das meiste +einfach mit roten Ockerfarben gegeben, selten schwarz oder gelb, noch +seltener weiß. Und zwar die Figuren (um solche handelt es sich zunächst +auch hier durchweg) fast rein +silhouettenhaft+ ausgefüllt und nur auf +Umrißwirkung zugeschnitten — eine Teufels- und Hexenwelt sozusagen, die +wie im Schattenspiel über den Fels geistert. + +Die Einzelfiguren klein, oft sehr klein, als hätten Leutchen mit einem +kleineren Sehmaß gearbeitet. Aber was für eine wunderbare Welt! + +Da ist diesmal keine Rede von jener mit unendlicher Liebe +durchgearbeiteten Einzelnaturtreue der Altamirakunst. Dafür aber eine +ganz andere, ebenso packende Naturtreue der bewegten Gruppenhandlung. + +Menschen, Massen von Menschen aufdringlich diesmal im Vordergrund, +die gespenstischen Schattenrisse aber alle in temperamentvollster +Aktion. Nicht immer, aber doch geradezu herrschend diesmal eben +das Gruppenbild. Was wir in Altamira nur gleichsam in Einzelstücke +gesondert erhielten, hier wirklich als die Komposition der +fortlaufenden Lebenshandlung. + +Wir sehen als solchen Silhouettentanz ohne Hintergrund, aber doch +aneinanderhängend, die Jagd. Alle möglichen Wildtiere, auch sie nur +solche einfachen, aber durchweg wohl erkennbaren Schattenrisse. Dann +die Jäger, anstürmend, schießend, in den abenteuerlichsten Stellungen +und Verrenkungen der bis in jeden Nerv anspannenden Jagd. Seltsame +Männchen. Also so sahen sie aus, mindestens die Capsienleute, wenn sie +gegen Wildpferd und Nashorn zogen. Unverkennbar etwas von Indianern. + +In der Hauptsache splitterfasernackt, aber fast mit einem eiteln +Übermaß zugleich von Schmuck, den auch die Silhouette noch dick +herausarbeitet. Ganz indianerhafter Federkopfputz. Gehänge durchbohrter +Zähne und Schnecken. Troddeln, Gürtel und Kniebänder. Um die Arme +Ringe. Man kann sich denken, daß solch ein nackter Kerl, der +wahrscheinlich im Leben auch rot bemalt war, doch stundenlang Toilette +machen mochte. + +Nun die Hauptwaffe, mit der sie dem Wild zu Leibe gehen. Ausgespart +das, was bei den Altamiraleuten niemals klar werden wollte: ob sie +schon Bogen und Pfeil besessen hätten. Unsere roten Capsien-Teufel +führen durchweg ganz mächtige Bogen. Es sind sogar schon sehr +kunstvolle Bogen mit sog. reflexer Einkrümmung beim Gebrauch. Die +hakigen Pfeile gefiedert. Auch die Köcher dazu sieht man. + +Noch unterhaltender: es tauchen auch Frauen auf. Keine Willendorfer +Fettmassen, aber doch auch sie recht seltsam. Oben in manchen Fällen +nackt mit langen Brüsten, unten mit kurzen, beinahe modern flotten +Röckchen. Hauben tragen sie oder (ich sehe nicht genau) auch schon +Bubiköpfe. Andere auch höher hinauf bekleidet, wieder dritte ganz +nackt. Auch sie mit mächtigem Halsschmuck und schweren Armreifen. +Stehen sie in Gruppen beisammen, so hat man gemeint, sie umtanzen +feierlich etwas, etwa ein nacktes Männchen. Doch bleibt das unklar. + +Eine Merkwürdigkeit, die Erklärung heischt, hält auch hier zäh durch: +daß man nämlich offenbar auch in der Silhouette, wo es doch nahe +läge, keinerlei Gesichtsprofile gibt. Als wenn selbst bei dieser +Massenmenschlichkeit, die uns sonst nichts schenkt, was ein Schattenriß +auch nur eben noch markieren kann, das Antlitz durchaus nicht +nachgeahmt werden dürfe. Magischer Sinn auch darin? Auch hier? + +Oder liegt es auch schon an dem (man hat kein besser passendes Wort) +unzweifelhaft diesmal mehr +expressionistischen+ Kunststil, der überall +herrscht, bald vereinfacht, bald im Umriß übertreibt, die menschliche +Körperform bis zum Humoristischen (doch stets aus voll beherrschtem +zielgerechtem Stilprinzip) reckt, verbiegt — über alle zum Ausdruck +minderwertigen Einzelheiten wegzeichnet, Leib und Glieder schließlich +bloß noch als Nerv, als Gedankenlinie faßt, um das Menschenmögliche an +Bewegung, Handlung herauszupeitschen. + +Man glaubt auch dabei Stufen, Schulen, immer extremere +Künstlerkühnheiten zu verfolgen. + +Einmal ist das Teufelchen noch annähernd auch hier naturalistisch treu, +wie es mit seinem Bogen weit spreizbeinig anstürmt, ein Meisterstück +sicher in der Silhouettenschneiderei aller Zeiten. Dann kommen aber +im „expressionistischen“ Verfolg über schönen Beinen die Leiber ganz +schlangenhaft ausgereckt, mit winzigen Affenköpfchen daran. Wiederum +in anderem Akrobatenexzeß ein feiner Oberkörper über unheimlich dick +aufgeschwollenen Beinen. Und endlich die Silhouetten überhaupt fast +nur noch linear wie die Schneiderspinnen, eben so ganz Nerv. Womit +sich dann allerdings auch ein Umschwung zu einer gleich zu erörternden +Schlußwendung dieser Kunst anbahnt. + +Die Jagdtiere geben zoologisch, was von diesem Ostspanien wohl ungefähr +zu erwarten war. Die klimatischen Verhältnisse Spaniens entsprachen +nach Obermaier auch in der Eiszeit am Nordrand etwa denen des heutigen +Schottland, im Innern Polen, im Süden dem jetzigen Südfrankreich. +Mammut und Renntier sind wohl nicht mehr bis in diese Alpera-Gegend +gelangt. So sehen wir den gewöhnlichen Hirsch, den Ur, das Wildpferd, +Gemse und Steinbock, die damals noch unten bis an die Küste streiften, +typisch diluvial aber doch das Nashorn und den Wildesel, vielleicht den +Bison. + +Es fällt schwer, diese Kunst bloß zu beschreiben, man muß die Bilder +sehen. Aber schon das erstbeste zeigt, daß man in einer himmelweit ++anderen+ Kunstwelt ist, als so nahe drüben in Altamira, doch auch in +unbedingt +hoher+, bis zu weitem Ziel ausgelebter Kunst. + +Stärker noch als drüben hat man sogar den Eindruck einer im letzteren +Sinne bereits „ausgeschriebenen“ Kunstepoche. Nicht eigentlich +Verfall, aber Übersteigerung. Eine Endkunst von offenbar sehr +langer Vergangenheit. Hochgradig vergeistigt geworden mit ihrem +Silhouettenspuk, der alle Form in Bewegung auflöst, bis er etwas von +Fieberspuk bekommt. + +Man hat sich diesmal besonders stark an die bekannte heutige +Buschmannkunst gemahnt gefühlt, die in ihrem Winkel eines auch +untergehenden rätselhaften Volkes gewisse zugleich realistischen +und dämonischen Züge unbedingt teilt. Vielleicht ist es doch nicht +bloß ein Zufall, daß diese Capsienkultur räumlich auch an den +uralten Geheimnisboden Afrikas rührte. Man hat bei den kleinen +Männchen und auch einigen Zügen in der späteren Werkzeugtechnik des +Capsien selbst gelegentlich schon direkt an eine „pygmäoide“, an +die afrikanischen Zwergrassen anknüpfende Unterschicht in dieser +diluvialen Mittelmeerkultur gedacht, doch sind das einstweilen nur lose +Vermutungen. + +Am heutigen algerischen Sahararand sind Frobenius und Obermaier eben +dabei, auch wundersame Felsbilder zu deuten, von denen allerdings noch +nicht sicher ist, wie alt sie sind, und die vorläufig keine echte +Alperakunst, sondern eher wieder Naturalismus zeigen würden. Ein +monumentales deutsches Prachtwerk „Hadschra Maktuba“ gibt das Material. +Auch das ist noch unklarer Boden, wenn auch hochinteressanter. + +Bleiben wir aber bei der Kunst und zweifellosen echten Diluvialkunst in +diesen unseren Alperaleuten selbst. So ist das doch in jedem Betracht +ein ungeheurer Fund. + +Also jene diluvialen Südfranzosen und Altamiraleute +waren+ gar nicht +„+der+“ Anfang. + +Sie hatten glänzende Künstler, waren eben schon ein starkes Kunstvolk. +Aber sie hatten nahe neben sich (und wohl noch über ein sehr viel +größeres Landgebiet schon damals hinaus) eine andere Kunst, auch +Lebensmalerei und gute, nur völlig andere, nicht naturalistische, +sondern „expressionistische“, extrem auf reinen Handlungsausdruck, +Gruppenbild, von Anfang an Malerei, flotteste Menschendarstellung — +was bedarf es noch der Worte. + +Nur der Schluß dieser Alperakunst, den wir wenigstens in Spanien +selbst auch noch sehr gut übersehen, muß noch fesseln, da er zugleich +in die Ornamentfrage überleitet und noch einmal sehr hübsch Hoernes’ +schiefe Idee beleuchtet, alle Diluvialkunst sei mit Ende der Eiszeit +ohne innere Wandlung ins „Nichts“ verpufft, wie sie unbegreiflich dem +„Nichts“ entstiegen. + +Ein solcher schließlich reiner „Nervenstil“, wie der auf der Höhe von +Alpera, wird immer eine Tendenz haben, jenseits dieser Höhe in sein +Gegenteil umzuschlagen. Nämlich zu erstarren in eine Art Zeichenschrift +mit abstraktem Schematismus, in dem gerade das extravagante Leben +wieder erstickt. Seine Figuren werden sozusagen Noten. + +Ganz deutlich sehen wir die ostspanischen Felsmalereien nach einer +(zeitlich vielleicht auch sehr bedeutenden) Weile ungebändigter Kraft +diesen Weg wirklich einschlagen. + +Die Menschen- und Tiersilhouetten werden mehr und mehr ganz +regelmäßig, geometrisch, arabeskenhaft. Der Engländer Wells hat in +einem seiner besten Romane einmal vierbeinige Menschenameisen auf dem +Mond geschildert — so fangen die kleinen roten Indianerchen zuerst +auch an auszusehen, dann zehren sie ganz zu einer Art chinesischer +Teebuchstaben ab. Zugleich empfindet man aber die offenbar wachsende +Freude der Leute an diesem so entstehenden rein symmetrischen Ornament +als Kunstausdruck wieder selbst. Alle Sorten auch reiner Ornamentsaat: +Wellenbänder, Kreise, Sterne, drängen sich dazwischen. Noch immer +werden Felswände benutzt, oft die gleichen Nischen von früher, indem +wie bei Palimpsest-Handschriften die verschliffene Kunst über die noch +echte alte weggeführt wird, Beweis, daß sie stets die jüngere ist. + +Auf dieser schematischen Stufe scheint die ostspanische Kunst dann +wieder lange geblieben zu sein, sich nur räumlich immer tiefer in +die ganze Halbinsel verbreitend. Über ein Spät-Capsien, das schon +nicht mehr diluvial war, fort durch die ganze jüngere (neolithische) +spanische Steinzeit bis in die Kupferzeit, schätzungsweise zuletzt bis +gegen 2000 v. Chr., womit bereits die engere historische Zeit weit +überschritten war. + +Es gibt aber Vermutungen, daß sie mit dem Diluvialausgang selber noch +über Spanien hinaus allgemein nach Norden gegriffen habe. Es wäre +immerhin merkwürdig, wenn die beiden Kunstlinien Altamira und Alpera, +so nahe geographisch beieinander, sich nicht schon vorher und in ihrer +Blüte gelegentlich berührt hätten. Man hat sich gedacht, der Übergang +zur Farbe drüben sei tatsächlich bereits von hier, wo man offenbar +längst malte, angeregt worden. Und noch wieder hätte das merkbare +Stilisieren des gemalten naturalistischen Bildes drüben von der +beginnenden Schematisierung hier Einfluß erfahren. Nur Versuchsblicke +das alles einstweilen. + +Aber im Ausgang der Diluvialzeit ist es wirklich, als flössen die +Kunstrivalen merklich im objektiven Gehalt zusammen — mit Sieg der +bereits stark schematischen Kunst. In der gleichen französischen +Pyrenäenhöhle, wo einst jener herrliche Pferdekopf liegen geblieben, +Mas d’Azil, verrät sich jetzt in schon ersichtlich nachdiluvialer +Staffage auch eine beinahe bis zu Hieroglyphen erstarrte Schemakunst +(im sog. Azilien). Was war geschehen? Waren nicht bloß Kunststile +gewandert, sondern ganze Völker ins Rollen gekommen? + +Jedenfalls ahnt man, daß überall die Folgezeit in eine stärkere +Ornamentwelle gerissen werden konnte, wie sie denn auch die ganze +neolithische und frühe Metallzeit bis hoch in den Norden hinauf +durchzieht. + +Doch ich gehe auf diese Perspektive nicht ein, denn sie hatte mit +der Diluvialzeit selbst nichts mehr zu tun, war der Wellenschlag +einer neuen geologischen Epoche, wie in der Technik und Wirtschaft, +so gewissermaßen auch in der Kunst, der unaufhaltsam bereits auf die +engere historische Zeit zuläuft. Ich komme für meine Schilderung zum +Schluß. + +Ich denke doch, daß ich mit zwei Gedanken schließen darf. + +Diese diluviale Kunst, wie wir sie jetzt sehen, ist +keine Vorkunst +mehr+. + ++Keine+ allgemeine +Anfangsstation+ noch in der menschlichen +Kunstwerdung. + +Weder die Altamira- noch die Alperakunst kann vom Himmel gefallen sein +aus dem „Nichts“. Beide waren schon einseitige Gipfel, denen Langes +voraufgegangen sein muß. + +Mit beiden sind wir bereits mitten in der „Kunstgeschichte“ mit all +ihren Gegensätzen: Naturalismus, Expressionismus, Ornament, Stil, +Aufstieg, Verfall, religiöse und profane Kunst, gegensätzliche +Kunstwege parallel zu gleicher Zeit, sich trennend, endlich sich +überschneidend. + +Wir sehen darin auf ein Kunstvolk, vielleicht ein relativ kleines im +Winkel, das es im Tierbild erstaunlich weit bringt. + +Auf ein anderes, dem der rücksichtslose Ausdruck belebter Handlung fast +bis zum Übermaß in seiner bildenden Kunst glückt. + +In einer verborgeneren Linie blüht auch das reine Ornament schon, das +sich für eine ganze Ära dann wieder durchsetzt. + +Völker wechseln schon damals, und mit ihnen Kunststil und Kunstbegabung. + +Fremde Gewalten des übrigen menschlichen Seelenlebens mögen zeitweise +in die reine Kunstübung eingreifen, sie tyrannisieren und retardieren. + +Auf eine ungeheure zeitweise Anspannung mag eine Art Lähmung zunächst +wieder gefolgt sein, bis der Genius erneut irgendwo durchbrach, ohne +daß der Faden wohl je ganz gerissen wäre. + +Das alles doch Erscheinungen genau wie in aller +späteren+ hell für uns +beleuchteten Kunst. + +Auch da sehen wir etwa die Dichtung plötzlich schon solchen Gipfel +erreichen, wie in den homerischen Epen, um dann wieder scheinbar +zu pausieren bis auf die großen griechischen Tragiker und wieder, +noch viel länger, bis zu Dante. Auch die bildende Kunst des +klassisch-griechischen Zeitalters oder der Renaissance auf ihren Höhen +ergreifen bisweilen wie ein Wunder, das wir vergebens rein aus der +Wirtschaft und Technik ihrer Tage zu verstehen suchen. Und doch wissen +wir, wenn wir von den letzten Geheimnissen des inneren künstlerischen +Erlebnisses, die immer bleiben, absehen, daß es sich hier um +kein+ +Wunder gehandelt hat, sondern nur um die ewige Ungleichheit, um das +ewige Wechsel- und Gegenspiel des Individuellen, das auch in Völkern +und Zeiten das unersetzliche Ferment aller Entwicklung und des +Gesamtfortschrittes bildet. + +Es ist gewiß ein bestrickendes Bild, das sich uns dazu selbst noch aus +der Welt der Mammute enthüllt; aber es ist +nicht mehr+ die „Abstammung +der Kunst“, auch nicht auf der Station Mensch. + +Ob wir je an deren engeres Geheimnis rühren werden? Ich will keine +Hoernesschen Prophezeiungen wagen; aber noch haben wir dieses Geheimnis +rückwärts nicht weidgerecht gestellt, auch bei den Mammutjägern nicht. + +Aber noch ein Gedanke drängt sich auf, einlenkend wieder zu dem ganz im +Anfang Gesagten. + +Was für eine +ungeheure Bedeutung+ muß diese Kunst von Beginn an auch +für den Menschen gehabt haben! Wenn er auf einer technischen Stufe +von solcher Unvollkommenheit, wie sie die Waffen und Werkzeuge und +der ganze Kulturbesitz nach der Seite der Nützlichkeit damals noch +verraten, doch bereits so hoch in allen Kräften und Problemen der +bildenden Kunst gekommen war. + +Der erste Mensch, möchte man sagen, muß nicht nur bereits ein erster +Menschenkünstler gewesen sein. + +Sondern in ihm muß auch diese Kunst selber ein +Erstes+ gewesen sein — +der leuchtendste Stern vielleicht über der Krippe, in der er lag. + +Ja, wer uns auch in dieses Geheimnis einmal schauen ließe ... + + + + +Sachregister + + + Abendpfauenauge 26 + + Akanthusmotiv 54 + + Albacete 56 + + Allkünstlertum der Urzeit 44 + + Alperakunst 56 ff., 59 f., 61 + + Altamira 42, 56 f., 59, 61 + + Amblyornis 30 + + Argusfasan 29 + + Asyltheorie 34 + + Aurignacien 41, 43, 45, 49 f., 51 f. + + Azilien 61 + + + Beethoven 13, 15 + + Begriffliches Denken 39 + + Bogen 57 + + Brassempouy 50 + + Brehm 29 f. + + Breuil 42, 52 + + Briefschreiben, angebliches, bei Hunden 19 + + Buschmänner 40 f., 47, 49, 59 + + Busch, Wilhelm 49 + + + Callima 26 + + Capsa, Stadt 55 + + Capsien 55 ff. + + + Dante 62 + + Darwin 18, 24 f., 26 f., 35 ff. + + De Vries 27 + + Diluvialmenschen 17, 21, 40 ff. + + + Einheit des Kunstwerks 13 + + Einzelfiguren in der diluvialen Kunst 48 + + Elster 29 + + Erlebnis, künstlerisches 10 ff., 16, 37 + + Erotik in der Kunst 32 f. + + Expressionismus 58 f., 61 + + + Fahrende Künstler der Diluvialzeit 52 + + Felsnischenkunst, ostspanische 56 + + Fortschritte innerhalb der diluvialen Kunst 52 + + Frauenkunst 45 + + Frobenius 59 + + Fruchtbarkeitsidole 50 + + + Geheimnis, letztes, der Kunst 37 + + Geisterfallen 48 + + Geist im Tiere 20 f. + + Gesang der Vögel 19, 28 f., 31 + + — des Gibbon 29 + + Geschlechtliche Zuchtwahl 36 + + Geschlechtsleben, Bezug der rhythmischen Triebe zum 31 ff., 34 ff., + 37, 39 + + Giltsch 22 + + Goethe 7, 14, 17, 34 + + Goldener Schnitt 15 + + Gruppenbilder 48, 57 + + + Haeckel 22 ff. + + Hasenlaufen, Theorie vom 44, 46 + + Hauser 47, 55 + + Heinroth, Ehepaar 31 + + Heuschrecken als Musikanten 19, 29 + + Hochzeitskleider bei Tieren 32, 34 + + Hochzeitslauben 32 + + Hoernes, Moritz 44 ff., 47 f., 50 f., 53, 60, 62 + + Homer 9, 62 + + Hormos de la Penja, Höhle 52 + + Hungertheorie in der diluvialen Kunst 44, 49 + + + Idealisieren 15 + + Instinkt 19 f., 23 ff., 36 f., 38, 45 + + Intelligenz 21, 37 + + Intuition 10 f., 14 + + + Jagdzauber 48 + + Jean Paul 9 + + + Klaatsch 47 + + Klippenvögel 29 + + Koehler 38, 45 + + Kunstformen der Natur 22, 24, 28 + + Kunstschulen der Diluvialzeit 51, 58 + + Kunsttriebe der Tiere 18, 21, 28 ff. + + + Laubenvögel 30, 32, 36, 39 + + Laussel, Höhle 50 + + Liebeswahl der Tiere 34 ff. + + + Magdalenien 41, 54 f. + + Magie in der diluvialen Kunst 43, 47, 49 f., 58 + + Mammut 5, 42, 50, 52, 58, 62 + + Mas d’Azil, Höhle 41, 45, 61 + + Materialfrage in der Kunst 46 f. + + Menghin, Oswald 48 + + Menschendarstellung in der Diluvialkunst 47, 49 ff., 57 f. + + Meyer, Eduard 42 + + Michelangelo 6, 13 + + Mneme 27 + + Moekel, Frau 19 + + Musik als Grundstimmung der Kunst 14, 22, 54 + + Mutation 27 + + + Nachtigall, nicht vererbter Schlag der 31 + + Nacktheit bei den Diluvialmenschen 50 + + Namengebung im biblischen Schöpfungsbericht 39 + + Naturalismus 12, 43, 53, 56, 59, 61 f. + + Neandertaler 41, 43, 45 f., 47, 55 + + ~Nyctipao albicincta~ 26 + + + Obermaier, Hugo 46, 52, 58 f. + + Organ 20 f., 35 + + Ornament 6, 15, 22 ff., 28, 34 f., 43, 53 f., 56, 60 + + Ostspanien in der Diluvialkunst 55 ff. + + + Pästum, Tempel von 13 + + Papuaneger 6 f., 15 + + Paradiesvögel 30, 32, 34 + + Persönlichkeit, Wesen der 37 ff. + + Peterskuppel in Rom 14 + + Pferdekopf von Mas d’Azil 41, 45, 51 + + Phantasie 10 ff. + + Phidiasschule am Parthenon 42, 45 + + Piette 53 + + Platonische Ideen 15 + + Pompeji 52 + + Predmost 50 + + + Radiolarien 23, 35 + + Raffael 13 ff. + + Religion und Entwicklungsidee 17 + + Rembrandt 42 + + Rhythmisches i. d. Kunst 14 f. + + — bei Tieren 19, 22, 28 ff. + + + Sahara, Felsbilder am Rande der 59 + + ~Salassa lola~ 26 + + Schematismus in der Kunst 60 f. + + Schimpanse, Kunstzüge beim 38 f., 42, 45 + + Schmetterlinge 23 f., 26, 32, 35 f. + + Schmuck 39, 46 + + Schönheitssinn bei Tieren 35 + + Schopenhauer 15 + + Schuchhardt 42, 50 f. + + Seitz 23 + + Semon, Richard 27 + + Shakespeare 9, 13 + + Silhouettenkunst, ostspanische 56, 59 + + Solutreen 41, 55 + + Specht, Musikinstrument beim 19 + + Sprache, begriffliche 39 + + Steatopygie 50 + + + Tanz beim Menschen 29, 33, 46, 51 + + — bei Menschenaffen 38 + + — bei Spinnen 29, 31 + + — bei Vögeln 29 ff. + + Tanzmasken 47 + + ~Telea polyphemus~ 26 + + Tonapparate der Tiere 31 + + Totenkult bei den Diluvialmenschen 47, 49 + + Traum 10 ff., 37 + + — bei Tieren 18 + + Trois Frères, Höhle 47 + + + Venus, sog. von Willendorf 50 + + Vererbung 27, 31 + + Verworn, Max 44, 47, 51, 53 + + Viskatscha 29, 31 + + + Wells 60 + + Wohlgefallen, Gesetze im 15 + + + Zauberer, diluviales Bild von einem 48 + + Ziegler 19 + + Zwergrassen 59 + + + + +[Illustration: + + Tafel 1 + +Sog. „Venus“ von Willendorf + +Diluviale Schnitzerei + +(Nach einer Photographie des Museums für Völkerkunde in Berlin)] + + +[Illustration: + + Tafel 2 + +Diluviales Relief eines schlanken Jünglings von Laussel + +(Nach Lalaune)] + +[Illustration: Diluviales Relief einer Frau von Laussel + +(Nach Lalaune)] + + +[Illustration: + + Tafel 3 + +Pferdekopf. Diluviale Schnitzerei von Mas d’Azil + +(Nach Piette)] + + +[Illustration: + + Tafel 4 + +Oben: Diluviale Alpera-Kunst: Bogenschützen von Alpera und +Frauengestalten von Cogul. (Nach Breuil u. Cabré) + +Unten: Renntiergruppe, diluviale Gravierung aus der Dordogne. (Nach +Breuil)] + + +[Illustration: + + Tafel 5 + +Sog. „Zauberer“. Diluviale Tiermaske von Trois Frères + +(Nach M. C. Burkitt und Hoernes-Menghin)] + + +[Illustration: + + Tafel 6 + +Diluviale Tierköpfe (Gemsen) und Ornamente aus französischen Höhlen + +(Nach Piette)] + + +[Illustration: + + Tafel 7 + +Diluviale Bisonfigur aus der Höhle von Altamira + +(Nach Cartailhac und Breuil)] + + +[Illustration: + + Tafel 8 + +Diluviale Alpera-Kunst aus Spanien: Hirschjagd + +(Nach Breuil und Obermaier)] + + +[Illustration: + + Tafel 9 + +Diluviale Alpera-Kunst: Schwarze und rote Fresken + +(Nach Breuil)] + + +[Illustration: + + Tafel 10 + +Expressionistische Typen aus der ostspanischen Felsenkunst I + +(Nach Obermaier)] + + +[Illustration: + + Tafel 11 + +Expressionistische Typen aus der ostspanischen Felsenkunst II + +(Nach Obermaier)] + + +[Illustration: + + Tafel 12 + +Südspanische rote Felsenbilder mit stark stilisierten Figuren + +(Nach Breuil)] + + +[Illustration: + + Tafel 13 + +Balzender Paradiesvogel + +(~Paradisea apoda~)] + +[Illustration: + + Tafel 14 + +Der Schmetterling ~Telea polyphemus~ als Beispiel ornamentaler +Naturgestaltung] + + + + +Aus Bölsches Werken: + +Als unentbehrliche Ergänzung dieses Bandes: + +Der Mensch der Vorzeit 1. Teil + +Tertiärzeit und Diluvium + +Mit vielen interessanten Abbildungen + + Abstammung des Menschen + Der Mensch der Zukunft + Im Steinkohlenwald + Sieg des Lebens + Eiszeit und Klimawechsel + Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten + Tierwanderungen in der Urwelt + + Jeder Band geh. RM 1.50, geb. RM 2.40 + Für Kosmosmitglieder geh. RM 1.20, geb. RM 1.80 + + +Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart + + + + +Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde ⁘ Stuttgart + +Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften +und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer +Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten. +— Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter +naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im + + +=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde + +Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen + +Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben im guten +Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. +Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1926 festgelegt (Reihenfolge und +Änderungen auch im Text vorbehalten): + + + R. H. Francé, Die Harmonie in der Natur + + Dr. K. Floericke, Zwischen Äquator und Pol + Tiergeographische Lebensbilder + + W. Bölsche, Die Abstammung der Kunst + + Dr. H. Dekker, Planeten und Menschen + + Jedes Bändchen reich illustriert. + +Diese Veröffentlichungen sind durch +alle Buchhandlungen+ zu beziehen; +daselbst werden Beitrittserklärungen zum =Kosmos=, =Gesellschaft der +Naturfreunde=, entgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge +sind noch erhältlich. + + +Geschäftsstelle des Kosmos =Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart= + + + + +Freude am Leben + +⁘ ⁘ ⁘ ⁘ ⁘ und sichere Grundlagen + +für eine moderne Weltanschauung findet jeder in der Natur. + +Zum Beitritt in den „Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde“, laden wir + +alle Naturfreunde + +jedes Standes sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ +ein + +⁘ + +Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung für +ihren Jahresbeitrag im Jahre 1926 =kostenlos=: + + I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich + bebildert. + + II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. _4 Buchbeilagen._ + + R. H. Francé, Harmonie in der Natur + + Dr. K. Floericke, Zwischen Pol und Äquator + Tiergeographische Lebensbilder + + W. Bölsche, Die Abstammung der Kunst + + Dr. H. Dekker, Planeten und Menschen + + Jedes Bändchen reich illustriert + + III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden + naturwissenschaftlichen Werken. + + +Jedermann kann jederzeit Mitglied werden. + +Bereits Erschienenes wird nachgeliefert. + + +Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder durch die Geschäftsstelle des ++Kosmos+, +Stuttgart+, Pfizerstraße 5. + + + + +Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen + +erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu +Ausnahmepreisen+: + +[Sidenote: 1904] + +Bölsche, W., Abstammung des Menschen. — Meyer, Dr. M. W., +Weltuntergang. — Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). — Meyer, +Dr. M. W., Weltschöpfung. + +[Sidenote: 1905] + +Bölsche, Stammbaum d. Tiere. — Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. — Zell, +Tierfabeln. — Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. — Meyer, Dr. M. W., +Sonne u. Sterne. + +[Sidenote: 1906] + +Francé, Liebesleben d. Pflanzen. — Meyer, Rätsel d. Erdpole. — Zell, +Streifzüge d. d. Tierwelt. — Bölsche, Im Steinkohlenwald. — Ament, +Seele d. Kindes. + +[Sidenote: 1907] + +Francé, Streifzüge im Wassertropfen. — Zell, Dr. Th., Straußenpolitik. +— Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. — Teichmann, Fortpflanzung und +Zeugung. — Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes. + +[Sidenote: 1908] + +Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. — Teichmann, Dr. E., Die +Vererbung. — Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. — Dekker, +Naturgeschichte des Kindes. — Floericke, Dr. K., Säugetiere des +deutschen Waldes. + +[Sidenote: 1909] + +Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. — Meyer, Dr. M. W., Der Mond. +— Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. — Floericke, Kriechtiere und Lurche +Deutschlands. — Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit. + +[Sidenote: 1910] + +Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. — Dekker, Fühlen u. Hören. — +Meyer, Welt d. Planeten. — Floericke, Säugetiere fremd. Länder. — +Weule, Kultur d. Kulturlosen. + +[Sidenote: 1911] + +Koelsch, Durch Heide und Moor. — Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken. +— — Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. — Floericke, Vögel fremder +Länder. — Weule, Kulturelemente der Menschheit. + +[Sidenote: 1912] + +Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? — Dannemann, Wie unser Weltbild +entstand. — Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. — Weule, +Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. — Koelsch, Würger im +Pflanzenreich. + +[Sidenote: 1913] + +Bölsche, Festländer u. Meere. — Floericke, Einheimische Fische. — +Koelsch, Der blühende See. — Zart, Bausteine des Weltalls. — Dekker, +Vom siegh. Zellenstaat. + +[Sidenote: 1914] + +Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. — Floericke, Dr. Kurt, +Meeresfische. Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. — Kahn Dr. Fritz, +Die Milchstraße. — Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie. + +[Sidenote: 1915] + +Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. — Floericke, Dr. K., Gepanzerte +Ritter. — Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. — Müller, A. +L., Gedächtnis und seine Pflege. — Besser, H., Raubwild und Dickhäuter. + +[Sidenote: 1916] + +Bölsche, Stammbaum der Insekten. — Sieberg, Wetterbüchlein. — Zell, +Pferd als Steppentier. — Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit +(Dopp.-Bd.). + +[Sidenote: 1917] + +Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. — Floericke, Dr., +Plagegeister. Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. — Bölsche, Schutz- u. +Trutzbündnisse i. d. Natur. + +[Sidenote: 1918] + +Bölsche, Sieg des Lebens. — Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen. +— Kurth, Zwischen Keller u. Dach. — Hasterlik, Dr., Von Reiz- u. +Rauschmitteln. + +[Sidenote: 1919] + +Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. — Zell, Neue Tierbeobachtungen. — +Floericke, Spinnen und Spinnenleben. — Kahn, Die Zelle. + +[Sidenote: 1920] + +Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. — Francé, Die Pflanze als +Erfinder. — Floericke, Schnecken und Muscheln. — Lämmel, Wege zur +Relativitätstheorie. + +[Sidenote: 1921] + +Weule, Naturbeherrschung I. — Floericke, Gewürm. — Günther, +Radiotechnik. — Sanders, Hypnose und Suggestion. + +[Sidenote: 1922] + +Weule, Naturbeherrschung II. — Francé, Leben im Ackerboden. — +Floericke, Heuschrecken und Libellen. — Lotze, Jahreszahlen der +Erdgeschichte. + +[Sidenote: 1923] + +Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. — Floericke, Falterleben. — Francé, +Entdeckung der Heimat. — Behm, Kleidung und Gewebe. + +[Sidenote: 1924] + +Floericke, Käfervolk. — Henseling, Astrologie. — Bölsche, Tierseele und +Menschenseele. — Behm, Von der Faser zum Gewand. + +[Sidenote: 1925] + +Lämmel, Sozialphysik. — Floericke, Wundertiere des Meeres. — Henseling, +Mars. — Behm, Kolloidchemie. + + +Preise: + + Die Jahrgänge 1904–16 (je 5 Bände) kosten für Mitglieder: + brosch. je RM 5.40, geb. je RM 8.— + Die Jahrgänge 1917–25 (je 4 Bände) brosch. je RM 4.30, geb. je RM 6.40 + Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.20, geb. RM 1.80 + Für Nichtmitglieder je RM 1.50 bezw. RM 2.40 + +Besonders niedrige Preise bei Gruppenbezug + +nach Wahl des Bestellers + + 10 Bände geb. für nur RM 13.50 + 10 Bände brosch. für nur RM 10.— + + 20 Bände geb. für nur RM 24.50 + 20 Bände brosch. für nur RM 18.50 + + 50 Bände geb. für nur RM 55.— + 50 Bände brosch. für nur RM 42.— + + +Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch +in _Teilzahlungen_ entrichtet werden. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79067 *** |
