summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/79067-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-07-10 11:08:21 -0700
committerwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-07-10 11:08:21 -0700
commit470ad60d44fff3781bd26efff3f9cf9135f2b9c6 (patch)
tree73c4ed7fb91f3269e111cd3a41de9d17d7a9a944 /79067-0.txt
Initial commit of ebook 79067 filesHEADmain
Diffstat (limited to '79067-0.txt')
-rw-r--r--79067-0.txt3401
1 files changed, 3401 insertions, 0 deletions
diff --git a/79067-0.txt b/79067-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..5862956
--- /dev/null
+++ b/79067-0.txt
@@ -0,0 +1,3401 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79067 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Die beiden Fußnoten wurden direkt an das Ende des jeweiligen Absatzes
+ angefügt. In der für dieses Buch verwendeten Frakturschrift sind die
+ Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ identisch, demnach werden im Sachregister
+ werden die entsprechenden Begriffe gemeinsam aufgeführt. Für die
+ vorliegende Ausgabe wurden die betreffenden Einträge jedoch gesondert
+ angegeben.
+
+ Der Übersichtlichkeit halber wurde die ganzseitige Anmerkung über die
+ ‚Kosmos, Gesellschaft für Naturfreunde‘ den restlichen Ausführungen
+ der ‚Kosmos‘-Gesellschaft am Ende des Buches vorangestellt.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ unterstrichen: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Die Abstammung der Kunst
+
+
+
+
+ Die
+ Abstammung der Kunst
+
+ Von
+
+ Wilhelm Bölsche
+
+ Mit 14 Tafelbildern und
+ 1 farbigem Umschlagbild
+
+ [Illustration]
+
+ +Stuttgart+
+ Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
+ Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
+
+
+
+
+ Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
+
+ Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in
+ den Vereinigten Staaten von Nordamerika:
+
+ ~Copyright 1926 by
+ Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart~
+
+ ~Printed in Germany~
+
+
+ STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
+ HOLZINGER & Co., STUTTGART
+
+
+
+
+In meinen Knabenjahren gab mir ein Buch viel Anregung, das den
+hübschen Titel führte: „Entdeckungsreisen in Haus und Hof“. Es knüpfte
+bei den alltäglichen Dingen unserer Umgebung an und spann daraus
+naturwissenschaftliche Belehrung.
+
+Von dieser Lektüre ist mir eine Liebhaberei geblieben, auch bisweilen
+vom Nächsten meines Arbeitszimmers, dem Stuhl, auf dem ich saß, dem
+Tisch, an dem ich schrieb, an Fernes und Vergeistigtes meiner Arbeit
+selbst zu denken. Dabei ist mir gelegentlich auch ein Einfall gekommen,
+der, öfter halb im Scherz gesprochen, hier doch etwas ausgeführt werden
+mag.
+
+Angenommen, die ganze menschliche Kultur würde noch einmal unter dickem
+Eis begraben wie die berühmten sibirischen Mammutleichen. (Es gibt ja
+allerhand Kältetheorien, die so etwas vorsehen, obwohl ich selbst nicht
+übermäßig viel davon halte.)
+
+Und nun käme von irgendeinem Stern eine Sorte überkluger Wesen, nach
+undenkbaren Zeiten vielleicht, und veranstaltete wissenschaftliche
+Ausgrabungen.
+
+Wir kennen ja aus eigener Erfahrung, was da später alles noch einmal
+interessant wird: die bedenklichste Topfscherbe kommt zuletzt
+noch irgendwo hinter die Glasscheiben eines Museums. Wir gedenken
+aber auch des Zufalls solcher Grabung. Also eine Weile würden
+vielleicht ausgespart lauter Gegenstände unserer Zeit herauskommen,
+die praktischen Nützlichkeitszwecken gedient hatten. Die findigen
+Gelehrten, selber etwa gerade darauf gestimmt, würden feststellen,
+daß diese verschollenen Erdwesen durchaus kühle Verstandespraktiker
+gewesen sein müßten, die keinen Finger für etwas anderes rührten als
+für solchen unmittelbaren Nutzzweck des Alltagskampfes.
+
+Plötzlich aber sollte das Holzgerüst des alten braven Sessels sich
+zeigen, auf dem ich seit Jahren bei meiner schriftstellerischen
+Tätigkeit zu sitzen pflege. Ein sog. Lutherstuhl von immerhin, wie
+nicht zu leugnen, ganz solider Nutzarbeit im Sinne solchen Besitzens
+— hat er doch so lange Zeit treu ausgehalten, ohne andere Gebresten
+als ein leises Knacken. Man würde messen, daß ein Mensch rückseitig
+bequem hineinpaßte, Lehnen, Beine, alles Wesentliche dem Tragen und
+Stützen angemessen war — kurz ebenfalls „Zweck“. Jetzt aber doch etwas
+Überraschendes, Widersprechendes, Rätselhaftes, wie es als Kobold so
+oft schon die kluge Forschung geäfft hat.
+
+Die Seitenlehnen meines Stuhls laufen in zwei wohlgefällige Schnecken
+aus, die Rückhalter hinauf zieht zierliches Ornament, und die Knäufe
+der Hauptlehne sind jederseits zu zwei deutlichen, wenn auch in sich
+etwas stilisierten Löwenköpfen ausgeschnitzt.
+
+Hier würden aus dem bisher allein verfolgten Gedanken heraus mehrere
+sehr schwierige wissenschaftliche Abhandlungen nötig werden über
+eine zunächst unbegreifliche, nämlich aus dem reinen Nutzprinzip
+völlig widersinnige Absicht oder Eigenschaft der vereisten ehemaligen
+Erdenwürmer — voll kühner Hypothesen, von denen vielleicht keine gleich
+den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Die gescheiten Herren von da
+oben hätten nämlich einfach — die menschliche +Kunst+ entdeckt.
+
+Ein Irgendetwas, das doch noch einmal neben dem zunächst so
+sonnenklaren Nutzzweck herliefe als (dazu gehalten) purer Luxus,
+Allotria, die offensichtlich auch Arbeit gefordert und doch (in unserem
+Falle) den realen Sitznutzen des Stuhls selber in gar keiner Weise
+erhöht hätten.
+
+Es würde im Verfolg der Ausgrabungen sicherlich eintreten, daß unsere
+Gelehrten dergleichen Wunder noch mehr und noch viel intensiver
+entdeckten, ja zuletzt die ganze ehemalige Menschheit in einem
+Ozean ähnlicher „zweckloser“ Dinge herumplätschernd fänden, die sie
+schließlich dazu begeistert hätten, einfache brave Stützpfeiler in
+griechische Säulen zu verwandeln und gar eine Gewölbedecke mit der
+unerhörten Überflüssigkeit bunter Farbflecke in der Anordnung der
+sixtinischen Gemälde Michelangelos zu übertünchen.
+
+Nun, wir Menschen, die wir erfreulicherweise noch nicht im Eis liegen —
+wir haben es ja zu unserer Zeit selber auch hierin besser gewußt.
+
+Wir wußten und wissen, daß es sich hier um eine Betätigung unseres
+tiefsten Menschenwesens handelt, die allerdings nicht ein Anhängsel
+unserer Sitz- oder Eß- oder Hautätigkeit und der daranknüpfenden
+Technik ist — die aber gerade deswegen +kein+ wirklicher Luxus, sondern
+uns in einer andern Schicht Dasein ebenso „brotnötig“ geworden ist, wie
+nur irgend etwas dort drüben selbst. Vom nackten Papuaneger bis zum
+verfeinerten Hochkulturträger diesem Menschen die Kunst fortnehmen,
+hieße sein halbes Leben vernichten oder eigentlich sogar noch mehr.
+
+Denn überall, wo des Lebens gemeine Not mit ihrer Technik uns nur
+etwas Freiheit läßt, da bricht diese Kunst alsbald mit einer Wucht und
+Allgemeinerfüllung hervor, daß man klärlich merkt, sie bilde recht
+eigentlich eine +wahre Unterschicht alles Menschlichen überhaupt+,
+die bloß wartet, von einem gewissen Zwang befreit zu werden. Jene
+ganze Nutztechnik, so gewaltig und glücklich sie sich auch allmählich
+entwickelt haben mag, erscheint in Wahrheit nur als ein gewisses ihr
+abgetrotztes Reservat, das sie doch auch noch jeden Augenblick zu
+sprengen, mindestens zu überwuchern droht.
+
+Man muß ein ethnographisches Museum oder ein Zeughaus besuchen, um
+sich zu überzeugen, wie selbst bei den bösesten Waffen sozusagen kein
+überzähliges Fleckchen frei wird, daß sich nicht sogleich die Kunst
+darauf stürzte, den Dolchgriff, Giftpfeil oder Gewehrkolben mit ihrem
+Ornament zu schmücken. Der Papua ist uns sogar im reinen Kunstgewerbe
+darin noch über, während wir auf oberer Kulturhöhe dafür auch unsere
+obersten Geisteswerte alle mit Kunst durchwachsen haben.
+
+Und wenn man vielleicht einen Moment geneigt sein könnte, den Gedanken
+doch bei unseren allermodernsten maschinellen Errungenschaften lahm
+laufen zu lassen, so möge man sich bloß erinnern, wie wir schon wieder
+für so typisch Modernes wie einen Bahnhof oder eine Flugzeughalle nach
+einem neuen „Kunststil“ suchen, kaum daß wir die Technik haben. Auch
+hier ist nur erst ein kleines Aufatmen nötig, um sofort auch die andere
+Kraft zurückzubringen.
+
+Zu schweigen von den unendlichen Gebieten wie Musik oder Dichtung, wo
+die Notwehr des unmittelbar Nützlichen überhaupt kaum antippt, und der
+Tatsache, daß der tiefste Ideengehalt unseres ganzen Kulturbewußtseins
+sich eben in den +Formen+ der Kunst +verkörpert+ hat; man denke sich
+nur Goethes „Faust“ herausgenommen aus dem Lebensgesetz dieser Kultur:
+es wäre, wie wenn der Mexikaner einem Opfer das Herz ausschnitt.
+Aber man raube selbst jenem Papua seinen Tanz, seine Tamtam-Musik,
+seine Malereien und Schnitzereien, versuche den künstlerischen
+Phantasiegehalt unter seinen religiösen Vorstellungen fortzuziehen,
+und man würde im buchstäblichen Sinne auch bei ihm schon mit dem
+scheinbaren Beiwerk den wahren Nerv seines Daseins vernichten. Und
+wenn wir an Fortschritt auch noch unserer oberen Kultur denken, wenn
+wir Bannung der Lebensnot für möglichst weite Volkskreise, sozialen
+Heraufgang, mehr Luxusraum gleichsam gegenüber der Notarbeit erstreben
+— was schwebt uns auch da immer wieder vor, als daß wir den Menschen
+auch befreien zum vermehrten Anteil an diesem seinem besten, tiefsten,
+reichsten Weltinhalt — der Kunst.
+
+Durchaus entsprechend dieser grundlegenden Bedeutung sehen wir an diese
+Kunst von der Menschheit seit Jahrtausenden tatsächlich nicht eine
+nebensächliche, sondern eine ungeheure Arbeit gewandt, die sinnloseste
+Energieverschwendung wäre, wenn das Exempel Menschengeist wirklich mit
+der +gewöhnlichen+ Nützlichkeit aufginge.
+
+Mag diese Kunstarbeit entsprechend dem höheren Selbstzweck eine
+freiwilligere und darum angenehmere sein als die Kraftanspannung
+dort. Mag für einen großen Teil Menschen (was übrigens bedingt auf
+die Technik selbst zutrifft) ihre Aneignung sich fast als mühelose
+Glücksquelle vollziehen — so kennen wir doch auch hier alle die
+unendliche Arbeit des Erstschaffens, die hingebende Helden- und
+Märtyrerrolle des Einzelkünstlers, der sich an seinem Werk verzehrt
+und verblutet, das fast wie ein neuer Mensch auch ihm unter Schmerzen
+geboren werden muß.
+
+Und auch daran werden wir denken müssen, daß zwar Kunst als solche
+mit dem praktischen Nutzzweck des Lebenskampfes +nichts zu tun haben
+soll+, schlecht und unrein wird, wo sie sich mit ihrem inneren Wesen
+den Tendenzen und Forderungen solcher Nützlichkeit anzupassen sucht
+— daß aber hinter der erfinderischen Tätigkeit selbst auch innerhalb
+der Technik, soweit auch sie mit dem genialen Blitz, der Intuition und
+Phantasie, rechnen muß, Anteile des Künstlerischen im Menschenhirn
+sichtbar werden. Auch der ordnende und kombinatorisch schauende Geist
+der strengen Wissenschaft, die Logik der Philosophie arbeiten zuletzt
+mit einem wohl erkennbaren künstlerischen Einschlag. Unsere Sprache,
+dieses kostbarste praktische Verkehrsmittel der Menschheit, wäre nicht
+möglich geworden ohne den Ur-Anteil des Musikalischen und zugleich
+der Einstellung auf das Begriffliche, das Typische gegenüber den
+Einzeldingen, das von je zugleich als ein Grundelement künstlerischer
+Schau erkannt worden ist.
+
+Es hat bisweilen ja der Auffassung von diesem Ur- und Wesenselement der
+Gesamtmenschheit in der Kunst geschadet, daß man eben im Alltagsleben
+das Künstlerische nur für eine außergewöhnliche, an wenigen seltenen
+Einzelmenschen haftende Gabe zu halten liebte. Der Dichter, der Maler
+erschienen als ein mehr oder minder abnormer Gelegenheitsfall, dessen
+Auftreten man unter Umständen sogar auf bestimmte erregtere Epochen
+der Geschichte einschränken wollte und von dem ein sehr bekannter
+neuerer Philosoph hat drucken lassen, daß er wohl nächstens ganz
+aussterben werde. Wie wir doch auch die eigentlich schon uralte Idee
+kennen, alles Geniale, also auch das Künstlerische, stelle im Grunde
+nur eine Art persönlicher Krankheit, eine Form des Wahnsinns, dar —
+woran vermutlich nur so viel richtig ist, als im Sinne eines Barometers
+der denkbar höchste Stand immer ebenso wie der denkbar tiefste etwas
+Abnormes zur braven Mitte hat.
+
+Aber diese ganze einseitige Ansicht vom Vereinzelten des Künstlers
+ist überhaupt getrübt. Hier wie überall ist der ganz große schaffende
+Genius gewiß etwas Einsames, dessen Auftauchen an uns noch völlig
+unbekannten Gesetzmäßigkeiten haftet; aber seine Leistung wäre wertlos,
+wenn nicht in der Gesamtmenschheit ebenso sicher eine Resonanz für
+dieses Künstlerische bestände, die seine Anregung aufnimmt, weitergibt
+und in ihrer Weise erst zu einem Gesamterlebnis und Kulturwert macht.
+Wir wissen nichts von Homer, wenig von Shakespeare und fühlen doch, daß
+ihre Wirkungen eine Macht sind, die uns alle durch die Zeiten erfüllt
+und so gut den Erdrund erobert hat wie nur irgendeine beste technische
+Erfindung. Die scheinbare Trennung und doch entscheidende innere
+Zusammenarbeit von Genius und Menge ist keineswegs eine Erscheinung
+bloß der Kunst; sie spiegelt auch hier nur ein Grundgesetz aller
+menschlichen Geistesbetätigung überhaupt.
+
+Wie stark aber gerade auch das künstlerische Element in +allen+
+Menschen wurzelt, dafür gibt es vielleicht keinen sinnfälligeren
+Beweis als das frühe und tiefe Erwachen dieses Gefühls bereits
+im Kinde. Es taucht ganz allgemein auf, ehe noch die eigentliche
+Nützlichkeitsbewältigung des Lebens im Sinne von Lernen beginnt.
+Jean Paul hat gelegentlich sehr hübsch von dieser ursprünglichen
+Kinderphantasie gesagt, daß im Wesen jedes Kind ein Dichter sei und die
+späteren wirklichen Künstler sich nur dadurch von ihren Mitmenschen
+abhöben, daß sie eben in stärkerem Maße Kinder geblieben seien.
+
+Der Mensch ist ein sehr vielseitiges Wesen, und auch die Technik des
+Notkampfs holt aus ihm gewaltige Kräfte heraus, die sich gerade mit
+unserer neuesten Kultur ins Unermessene gesteigert haben, so riesig,
+daß wir geneigt sein möchten, alles andere darüber zu vergessen.
+Aber diese Kräfte der Nutztechnik scheinen doch wirklich immer nur
+nachträglich ein gewisses engeres Gebiet herauszugreifen aus dem
+ungeheuren Grundreichtum des im Ganzen des Menschengeistes Gegebenen.
+Und in diesem Ganzen lebt und webt als eine ursprünglich von diesem
+Zwang freie Urmacht auch die Kunst.
+
+Daß auch sie ausübend in weitem Maße in die +Mittel+ dieser Technik,
+nachdem solche einmal gegeben waren, eingetreten ist, also die Stufe
+des +Werkzeugs+ und der damit gebotenen äußeren Projektion mitgemacht
+hat, kann dabei nur den überraschen, der im Menschheitsgeist an
++vollkommene+ innere Schranken glaubt. In Wahrheit ist dieser
+Geist bis zu gewissem Grade auch in seinen äußeren geschichtlichen
+Erfahrungen und Erprobungen immer eine Einheit geblieben und nie zu
+einer nachträglichen Mosaikarbeit geworden. Nichts Menschliches ist dem
+Andersmenschlichen in uns selbst jemals +ganz+ fremd geworden.
+
+Ein altes gutes Wort sagt: bilde, Künstler, rede nicht. Du sollst Kunst
+ausüben, du sollst dich an ihr freuen, aber du sollst nicht über sie
+sprechen. Das Wort ist alt und wahr, und doch bewährt sich auch vor ihm
+eben diese Einheit des menschlichen Geistes.
+
+Wenn schon einmal das Philosophieren (und das ist ja das richtige
+Fachwort für Darüberreden) in unserem Bewußtsein eine Rolle spielen
+soll, so müssen wir es gelegentlich auch auf die Kunst anwenden. Und
+es wird uns erleichtert, wenn wir deutlich gewahren, daß auch diese
+Kunst, so intuitiv sie zuletzt sein mag, ihre innere Logik und ihr
+selbstgestelltes Gesetz hat.
+
+Es gibt gewisse Züge an ihr, die immer wiederkehren und die man sehen
+kann, auch ohne gleich in die schwierigsten Paragraphen ästhetischer
+Wissenschaft sich hineinzulesen.
+
+Alle Kunst als inneres Erlebnis im Künstler hat zunächst eine sehr
+deutliche Beziehung zu etwas, das wir durchaus nicht erst auf den Höhen
+solcher Ästhetik zu suchen haben, sondern das uns allen allnächtlich
+geläufig ist: nämlich dem +Traum+.
+
+Das wache Dasein macht uns unausgesetzt zum Zuschauer von außer uns
+(wie man wenigstens hergebracht sagt) verlaufenden Handlungen. Unser
+Gehirn aber bewahrt davon Erinnerungen, die wach doch immer etwas von
+fernen, halb verblaßten Schemen annehmen. Diese Erinnerungen schafft
+der Traum mit seiner schon in ihm wirksamen Phantasiekraft wieder zu
+einer neuen, vollbelebten Wirklichkeit um, wenn auch zunächst nur
+innerlich.
+
+Die gleiche Phantasie aber erzeigt sich in ihm nicht nur
+wiederbelebend, sondern auch bereits darüber hinaus selbsttätig +neu
+schaffend, neu gestaltend+. Sie verknüpft die wieder lebenskräftigen
+Bilder zu neuen Handlungen, neuen Gestalten weit über alles wirklich
+Erinnerte hinaus, indem sie uns selbst zugleich lebhaft und scheinbar
+wie in die äußere Wirklichkeit hineingerissen mitspielen läßt.
+
+Allnächtlich übt +diese+ Kraft jeder von uns aus, ob er nun ausübender
+Künstler sei oder nicht. Es ist ein ungeheuerlicher Gedanke, was
+für eine Belebungs-, was für eine Gestaltungs- und Erfindungsfülle
+beständig so schon von der Menschheit erzeugt wird, wenn sie auch
+zunächst mit dem Erwachen immer wieder verpufft.
+
+Von diesem echten Traum unterscheidet sich +das künstlerische Erlebnis+
+nun zunächst nur wie eine Art wachen Traumes.
+
+Auch in ihm belebt die Phantasie innere Motive bis an die Grenze wieder
+voll durchbluteter Wahrheit und vollzieht zugleich mit ihnen neue
+Gestaltung mit neu verwebter Handlung. Nur daß das Wachen zugleich
+eine viel größere Ordnung hält, wenigstens bis zu gewissem Grade
+immer dem inneren Meister den Taktstock klar in der Hand läßt. Im
+höchsten künstlerischen Schwung wird auch er sich als Person in sein
+Werk hineingerissen fühlen, aber doch nicht entfernt so passiv, nicht
+überrumpelt, sondern viel mehr bewußt sein Leben und Herzblut nur
+gleichsam leihweise in seine Gebilde, seine Gestalten einströmend, um
+sich ebenso bewußt jederzeit wieder abzulösen, wo er will.
+
+Wie freilich die Phantasie selber arbeitet, heraufwirft, beleuchtet,
+vereint, zum Spiel stellt und verknüpft und was sie selber im letzten
+sei, das wird auch im wachen Kunsterlebnis uns niemals völlig
+klar. Hier wahrt sich auch in ihm der letzte und unentbehrliche
+Traumcharakter, bleibt auch ihm immer jener Eindruck des +Intuitiven+,
+aus dem Unbekannten heraus Zuströmenden. Das „Es“, das die Puppen
+tanzen macht. Der „Furor“, von dem so oft beim Dichter die Rede gewesen
+ist und der doch meiner Überzeugung nach so ganz und gar nichts mit
+dem Wahnsinn zu tun hat und sich zur echten künstlerischen Tat +nur+
+entwickeln kann, wenn er eben auf der anderen Seite in einem ganz klar
+überlegenen, gesunden und wachen Gehirn auftaucht.
+
+Bis hart an den Schatten dieses Dunkelgebiets heran lassen sich dann
+für diese Tat selbst allerdings +gewisse Gesetzmäßigkeiten+ mehr oder
+minder deutlich erkennen, die durchweg weit über den echten Traum
+hinausgehen.
+
+Zu dem inneren Beleben und Neugestalten, je weniger es wirklich +echt+
+traumhaft verpufft, tritt gleichsam als Ersatz der Drang zum +äußeren
+Schaffen+. Wie die Technik sich über das Organ hinaus ihr Werkzeug
+gebildet hat, so sucht auch der Künstler das Werkzeug seines Ausdrucks.
+Er projiziert in die Außenwelt — wesentlich jetzt mit der Klarheit des
+Wachseins noch in erhöhtem Sinne.
+
+Diese Klarheit wird ihn im allgemeinen doch verhindern, sein Kunstwerk
+auch auf dieser Stufe zu +verwechseln+ mit Gebilden der +gewöhnlichen+
+äußeren Wirklichkeit.
+
+Wohl bildet auch er es nach der Wahrheit seines inneren Erlebnisses,
+gibt es also in diesem Sinne als möglichste Wahrheit auch äußerlich
+— eben als Kunstwahrheit. Nicht aber als Konkurrenz und Mitspiel
+noch einmal zu der gemeinen Wahrheit dort. Ich möchte sagen: je mehr
+der Künstler ganz rein in sich Künstler ist, desto weniger wird
+er bei seiner Kunst an Tendenzen, Zwecke, Rücksichten, Einflüsse,
+Nützlichkeiten, Beziehungen überhaupt seiner Kunst im profanen Leben
+denken.
+
+Während er anderseits allerdings die echten Innenzüge seines
+künstlerischen Erlebnisses selbst bald so, bald so auch äußerlich
+stärker hervorkehren mag. Wie dieses Innenerlebnis gleich dem Traum
+selbst bald mehr Erinnerungsstoff aus der gemeinen Wirklichkeit
+belebte, bald von sich aus stärker neu gestaltend sich bewährte —
+so wird er etwa als bildender Künstler auch bald mehr solche reinen
+Erinnerungsbilder und unmittelbaren Abbilder selbst herauszuprojizieren
+suchen, bald stärker eigenes Neumaterial. Im einen Falle wird das
+Kunstwerk sich immerhin mehr Gebilden der gewöhnlichen Wirklichkeit
+anähneln, im anderen entferntere eigenere und freiere Wege gehen, die
+es auch äußerlich sichtbar stärker von dieser Alltagswelt scheiden.
+
+Ich denke, man erkennt hier bereits jene beiden Züge, die in weiten
+Gebieten der Kunst stets eine so gewaltige Rolle gespielt haben: den
+mehr +naturalistischen+ Zug, der auch in der Kunst die Natur stärker
+nachzuschaffen scheint — und den +neugestaltenden+, der auch darin
+seine Sonderwelt bewährt, daß er durchweg Nieerlebtes in seiner Sphäre
+erleben macht. Unsere Betrachtung wird noch auf diesen wichtigen
+Gegensatz zurückführen.
+
+Wo immer wir aber diese eigentliche Neugestaltung selbst im Kunstwerk
+wirksam sehen im Gegensatz zur naturalistischen Nurneubelebung — da
+treten uns auch in ihr, so scheint es, wieder besondere gesetzliche
+Regelmäßigkeiten entgegen.
+
+Die Kunst als wirkliche Neuschöpferin bleibt auch darin dem echten
+Traum stets gleich, daß sie nicht bloß aneinandersetzt, sondern auch
+ihre Neugebilde immer wieder zu +Einheiten+ von innen heraus zu
++beseelen+ vermag.
+
+Wenn sie menschliche Gestalten im inneren Erlebnis schafft, die so nie
+profan wirklich existiert haben, Handlungen, die sich so nie vollzogen
+haben, so gibt sie ihnen doch wieder diese volle Persönlichkeit und
+Lebenskraft, die (so schwer es sein mag) im großen echten Kunstwerk
+auch äußerlich projiziert noch durchaus als solche auf uns wirkt.
+Deshalb ergreift uns die Madonna, die so nie auf Erden gewandelt ist,
+mit so absolut überzeugender Gewalt, folgen wir dem Shakespeareschen
+Drama mit der ganzen atemlosen Spannung des Erlebens. Diese Schau aus
+geschlossener innerer Einheit lebt aber ebenso in aller echten Musik,
+lebt in jeder Säule eines Griechentempels, wirkt aus Beethoven wie aus
+dem einsamen Koloß der Asphodeloswiese zu Pästum.
+
+Man hat gelegentlich billig bemerkt, auch alle schaffende Kunst
+sei zuletzt doch nur eine Stückelarbeit aus längst gegebenem
+Wirklichkeitsmaterial. Das ist natürlich klar, daß sie Material
+benützt, genau wie der Traum von Erinnerungen zehrt. Aber gerade
+diese Betrachtung übersieht das eigentliche Wunder: daß nämlich die
+Neuzusammenfügung eben wieder neue Einheiten gleichsam aus dem Urgesetz
+des Lebens selbst herausbildet; Material hat auch die Natur immer
+wieder verwertet und ist doch von Urzellen bis zum Menschen gekommen.
+Raffaels Dresdener Madonna oder der Moses des Michelangelo mögen aus
+noch so vielen verschollenen menschlichen Modellteilen aufgebaut
+sein, so sind es doch nicht diese Teile, sondern es ist die neue
+künstlerische Einheit, die uns als das eigentliche Meisterwunder darin
+ergreift.
+
++Wie+ die innere künstlerische Kraft das +kann+, das ist ja wie beim
+Traum wieder ihr Geheimnis. Aber daß sie es kann, erleben wir immer
+wieder, und wir sehen auch, daß diese innere Einheitsschau stark genug
+ist, selbst auf der Leinwand und im Marmor, also an sich dem sprödesten
+Surrogat, ihren ganzen Zauber noch durchzusetzen. Wobei wir nicht
+vergessen wollen, daß auch alle noch so naturalistische Kunst etwas von
+dieser Einheit braucht, wenn auch sie wirklich echt sein soll — für
+jedes Neuschaffen aber ist sie unerläßlich.
+
+Zu ihr sehen wir dann, eng verknüpft, noch ein zweites treten.
+
+In aller neu schaffenden Kunst glauben wir einen Zug zu erkennen auf
++ein Rhythmisches, ein Harmonisches+ — eine +Melodie+, wenn ich’s so
+nennen soll, nach der sie ihr Selbstgeschaffenes noch einmal gegen die
+gemeine Wirklichkeit korrigiert, stilisiert.
+
+In der Musik selbst haben wir ein ganzes tiefstes Kunstgebiet,
+das ausschließlich darauf gebaut ist. Aber der Geist dieses
+Rhythmisch-Harmonischen waltet nicht minder in jedem kleinsten
+Ornament, bis in das des zu Anfang geschilderten Lehnstuhls. Es lebt in
+jedem Vers und bildet das innere Gesetz jedes Dramas mit Steigerung,
+Krisis und Lösung. Es ordnet in unendlicher Feinheit (je unsichtbarer
+im groben Sinne, desto besser) die Linien der Sixtinischen Madonna, wie
+die der Peterskuppel.
+
+Oft ist bemerkt worden, daß bereits über der allerersten Konzeption
+jedes Kunstwerks in der Seele des Schaffenden (auch für bildende oder
+dramatische Gestaltung) etwas wie solche +musikalische Grundstimmung+
+zu schweben scheint — Beweis, wie tief auch dieses Rhythmische bereits
+mit dem innersten Wesen aller Kunst verknüpft sein muß.
+
+Zweifellos bildet auch zu ihm Voraussetzung jene tiefe Einheit des
+Kunstwerks in sich selbst, — aber noch mit einer Erweiterung.
+
+Jede einzelne künstlerische Gestaltung, Handlung wird vom Künstler
+sogleich wenigstens bis zu einem gewissen Maße +intuitiv überschaut+.
+Mit dem ersten Aufschlag ahnt er bereits den Schluß, das Ganze kann
+rückwärts in die Teile hinein motivieren. Manchmal scheinen auch hier
+ganz besondere Geheimnisse der Intuition zu liegen: es wirkt wie
+ein Durchschauen ins Dunkle, das doch schon Richtlinien gibt. Jeder
+Schaffende wird sich hier an Rätselhaftes erinnern: als stände das
+Kunstwerk schon in einer anderen Dimension fertig und lenkte von dort.
+Man kennt Goethes Schilderung von dem blitzhaften Auftauchen eines
+ganzen lyrischen Gedichtes, das nicht Zeit läßt, auch nur den Bogen
+bei der Niederschrift geradezurücken. Kennt die ungeheure Kraft erster
+Erfindungsaugenblicke, wo das Ganze bereits wie Pallas Athene gerüstet
+aus dem Haupte des Zeus zu springen scheint.
+
+Der Vorgang selbst mag zu den anderen Dunkelheiten in Traum und Kunst
+hingehen. Jedenfalls aber wäre jenes Rhythmische als typischer Kunstzug
+wohl unmöglich ohne diese gleichzeitige Vor- und Zurückschau. Kein
+geschlossenes Ornament käme zustande ohne sie, kein Reim im Vers, keine
+Folge von Dissonanz und Lösung, von denen die erste erst durch die
+zweite bedingt ist, in der Musik.
+
+Das rhythmische Prinzip selbst kann man dabei sehr verschieden
+beurteilen. Je nachdem man es klein nimmt oder im Größten sucht.
+Wirklich bloß bei den gefälligen Ornamenten eines Lehnstuhls sucht oder
+in den Klängen der neunten Symphonie und der Weltdichtung des Faust.
+
+Man kann an ihm einfache Gesetze des besseren Wohlgefallens aufsuchen,
+die uns eine geordnete Arabeske einem wirren Krackel vorziehen oder
+(was selbst in die Kunstformen unserer Möbel, Fenster, Buchformate
+hinein verfolgbar ist) das mathematische Verhältnis eines Rechtecks mit
+Teilung nach dem sog. Goldenen Schnitt einem reinen Quadrat intuitiv
+voransetzen läßt.
+
+Man kann aber ebenso (und jede vergeistigtere Kunst fordert das
+unbedingt) die wunderbare Kraft darin sehen, dem ewig Zerrissenen,
+Fragmentarischen unserer gemeinen Wirklichkeitswelt die reinen Rhythmen
+einer befreiten, verklärten, geläuterten Welt gegenüberzustellen. Dem
+Unzulänglichen das reine Urbild der ungetrübten Form — wie Schopenhauer
+in der Kunst unmittelbar den Ausdruck der Platonischen Ideen sah.
+Einem Dasein voll Not das Symbol der Erfüllung unserer Sehnsucht nach
+ewiger Harmonie. Den Ausdruck des Höchstmenschlichen und Göttlichen,
+das sonst keine Sprache hat. Wer wollte sich solchen Gedanken entziehen
+beim Anhören bis ins Tiefste erschütternder Musik, die ganz auf solchen
+Rhythmen schwebt.
+
+Bis ins einfachste Volksbewußtsein ist dafür das ursprüngliche
+Fremdwort gedrungen vom „Idealisieren“ der Kunst. Das Wort hat aber
+noch eine tiefste Bedeutung auch für den wahren Wert aller Kunst. Wenn
+auch die echte Kunst keine Tendenz, keinen Zweck im gemeinen Dasein
+haben, nicht moralisieren und „nützen“ soll, so tut sie doch auf ihrer
+reinen und vom gemeinen Erdenstaube unbefleckten Höhe ständig das
+höchste Werk an aller Kultur eben durch diese Schau auf das Ideal.
+
+Es ist gewiß ein ungeheurer Weg von der schlichten intuitiven Freude
+eines Papua an seinen hübschen Farbmustern und Schnitzarabesken — bis
+zu diesen Ahnungen und Idealen einer höchsten Weltharmonie in Beethoven
+oder Raffael. So bleibt doch, daß es nur ein Weg ist, der auch sonst
+dem Heraufgang und der Vertiefung unserer Kultur entspricht, die eben
+auch diese geheime Musik in aller Kunst vertieft hat. Diese Musik und
+Melodie war aber offenbar von Anfang an schon in aller Kunst, sofern
+sie schaffend und nicht bloß nachbildend war, gegeben. Wie ein gutes
+Wort gelegentlich gesagt hat: alle Kunst (einerlei, was für ein Gebiet
+sie bevorzuge) sei um so echter, je mehr sie solche geheime Musik
+enthalte.
+
+Bei alledem, sagte ich, wahrt der Mensch in seinem Kopf eine Einheit,
+und auch die Kunst ist in diesem Sinne nur eine Farbe darin, die erst
+scharf getrennt erscheint wie das Rot oder Blau des Sonnenspektrums,
+wenn man auch diesen Menschen gleichsam unter ein Prisma stellt. Und
+das allein könnte Mut machen zu etwas sonst wahnsinnig Vermessenem: —
+nämlich von „+Abstammung der Kunst+“ zu reden.
+
+In der Umrißskizze, wie ich sie eben selber gegeben, bleibt jedes
+einzelne aktive Kunsterlebnis immer wieder etwas ewig „+Autochthones+“,
+Selbstgewachsenes, das aus dem Unbekannten — kein Verstand begreift
+zuletzt, wie — heraufsteigt. Daß wir mit dem, was wir für gewöhnlich
+Verstand nennen, an die wahre Wurzel auch nur der allereinfachsten
+intuitiven Kunstleistung nicht herankönnen, weiß jeder. Wir können
+diese Intuition weder herausklügeln, noch herausprügeln — sie ist eben
+da oder nicht da. Darin hat der Volkswitz durchaus recht, daß der
+Dichter ein Mann sei, dem bisweilen etwas einfällt oder auch nicht.
+Und es gibt wohl keinen noch so großen Meister, der sich nicht solcher
+Augenblicke, wo das Unbekannte und Unberechenbare versagte, schaudernd
+bewußt wäre.
+
+Schließlich würde das aber doch auch auf vieles andere im einzelnen
+menschlichen Geistesuhrwerk zutreffen, z. B. die Art, wie wir
+Erinnerungen in uns speichern, was jener Verstand selber sei, warum
+wir träumen und so fort — geschweige denn, wie es mit den berühmten
+letzten Philosophenfragen über Raum, Zeit und Kausalität in uns und
+mit dem ganzen Bewußtsein überhaupt stehe. Fragen, die sämtlich im
+individuellen Menschen vorläufig und wohl auf lange für uns noch nicht
+lösbar sind. Gleichwohl haben wir uns heute, wie männiglich bekannt,
+mit gewissen allgemeinen Menschheitsfragen auch ohne das ziemlich weit
+gerade ins +geschichtliche+ Gebiet vorgewagt, und, wie doch wohl nicht
+zu leugnen, mit manchem guten Erfolg.
+
+Wir haben versucht, den Menschen als Ganzes +historisch an die Natur+
+zu schließen; zugestanden, daß dabei in ihm wie in der Natur selber
+noch manches unklar bleibt.
+
+Mit einem langen Indizienbeweis, der ihn zunächst einmal an einen
++langen Stammbaum der übrigen Lebewesen+ auf Erden angliederte.
+
+Zu oberst aus einem Geschöpf, das die Kraft hatte, ein Mensch zu
+werden, aber doch noch kein Mensch war. Wir werden es doch wohl ein
++Tier+ nennen müssen, und so ginge es über Tiere weiter hinunter.
+
+Gewiß ein Indizienbeweis, aber doch ein ungemein folgerichtiger, dem
+bereits alle besseren Denkkräfte unserer Kultur zuneigen.
+
+Wenn sie in Amerika jetzt dagegen gelegentlich nach der Polizei rufen,
+so bedeutet (mit Goethes Wort) dieses „Bellens lauter Schall“ doch nur,
+„daß wir reiten“, und schließlich wird sich drüben wie bei uns eine
+wirklich geläuterte und echte Religion auch mit diesen neuen Ideen in
+Einklang zu setzen wissen.
+
+Noch im Menschenwesen selbst sind wir dann auch ein Stück
+zurückgegangen — auch da bis auf eine ziemliche Strecke Brücke weiter
+hinaus. Nämlich bis zu jenen lange geleugneten, aber doch endlich
+festgestellten, wenn auch in vielem immer noch recht rätselhaften
++Diluvialmenschen+, die jedenfalls noch lange vor all dem standen,
+was wir bisher für Kulturgeschichte (auch mit Einschluß aller
+Kunstgeschichte) gehalten hatten. Menschen, die ein großer Meister, wie
+Ranke, überhaupt noch nicht sah, als er seine „Weltgeschichte“ begann,
+deren Überbleibsel aber heute Museen füllen.
+
+In beiden Fällen haben wir aber bereits etwas von einer gewissen
+„Abstammung“ — einmal des bisher bekannten Menschen von einem
+älteren Menschentum, dann gar des ganzen Menschen überhaupt aus
+etwas Außermenschlichem, Tierhaftem — beides, wenn auch nicht wie in
+unserer fingierten Erzählung bisher geradezu unter Eis, so doch einem
+ungeheuren Schuttberg Alter und Unkenntnis begraben.
+
+Unsere Märchenleute entdeckten unter ihrem Eis auch die Kunst. Wäre es
+denkbar, daß auch dort schon etwas wie Kunst dabei gewesen sein könnte?
+
+Wenn der Mensch aus der +Natur+ kam, wie die Entwicklungslehre sich das
+denkt, könnte also auch in dieser Natur unter ihm schon etwas angelegt,
+vorgezeichnet sein, das gerade zu seiner Kunst führte? Und wie standen
+jene diluvialen +Vorzeitmenschen+ zur Kunst? Hatten sie schon so etwas
+wirklich, oder lebten auch sie in diesem Punkt doch immer noch auf der
+Vor- und Probierstufe?
+
+Ich gehe zunächst ein Stück weit durch die erste Frage, wobei ich
+vorausschicke, daß sie noch viel Dunkles hat. Andererseits ist aber
+gerade sie auch so interessant, daß sich ein Spaziergang lohnt.
+
+Wenn wir dauernd ernst machen wollen mit der Abstammung des Menschen,
+so werden wir doch wenigstens versuchen müssen, auch mit solcher
+engeren Frage, die ein so ungeheures Stück heutigen Menschentums
+angeht, zu ihr heranzukommen. Zumal kein geringerer als der alte Darwin
+selbst sie gleich zu Anfang mit der ganzen Unbekümmertheit seines hohen
+Geistes schon angeschnitten hatte.
+
+Die Frage lenkt zunächst über zum +Tier+ als nächstniederem Lebewesen;
+sie noch über das Lebendige hinaus zu führen, also sozusagen kosmisch
+zu stellen, scheint für unseren Zweck hier nicht ratsam, da sie so
+schon schwer genug ist.
+
+Und sie deckt sich dort mit einer sehr alten und sehr beliebten
+Frage, die unzählige Male bereits gestellt worden ist auch in
+vordarwinistischen Tagen: ob bei +Tieren+ sich nämlich schon etwas
+zeige wie +Anfänge der Kunst+?
+
+Ganze ältere dicke Bücher findet man tatsächlich bereits gefüllt
+mit sinnigen Betrachtungen über die „+Kunsttriebe der Tiere+“, die
+meistens schon als ungemein hoch entwickelt gefeiert werden. Danach
+könnte die Frage umgekehrt sogar als sehr leicht lösbar erscheinen.
+Wir hören da von den kunstvollen Bauten des Bibers und Maulwurfs, der
+Ameisen, Termiten und Papierwespen, den Wundern des Vogelnestes und des
+Spinnennetzes.
+
+Richtig besehen aber ergibt sich, daß das alles gar keine „Kunstwerke“
+sind, sondern höchst praktische Nützlichkeitsbauten, also gerade das,
+was wir beim Menschen als ganz ausgesprochenen Gegensatz von der Kunst
+abschalteten.
+
+Wenn wir schon vergleichen wollen, müssen wir also eine viel engere
+Auslese treffen, die ans wirkliche Kunstgebiet grenzen könnte. Auch
+dafür scheint ja nun einiges zu sprechen.
+
+Ich sagte, die Kunst habe stets einen Bezug zum Phantasieleben des
+Traums. Daß Tiere Erinnerungen bewahren, bestreitet niemand, es scheint
+aber durchaus, daß solche auch bei ihnen bereits im Schlaf zum Traum
+belebt werden können. Hunde knurren, setzen zu Heulen und Bellen an im
+Schlaf, zucken mit den Beinen und dem Schwanz. Ähnlich Pferde. Auch von
+Vögeln wird Entsprechendes berichtet.
+
+Man wird solchem träumenden Tier nicht die Anfänge des
+Phantasievermögens absprechen wollen, das sehr wahrscheinlich doch
+auch schon neu aufbaut. Wenn es irgendeine Stelle gibt, in die man gern
+hineinsähe, wäre es gewiß solches träumende Tiergehirn. Nur ist leider
+die „geistige Röntgentechnik“ noch nicht dazu erfunden, und mit dem
+angeblichen „Briefeschreiben“ der Hunde ist es trotz des Wunderhundes
+der Frau Moekel und der ehrlichen Begeisterung des jüngst verstorbenen
+Professors Ziegler in Stuttgart doch noch so eine Sache oder, besser,
+es ist nicht jedermanns Sache.
+
+Phantasie äußert sich wohl auch beim Spiele der Tiere, soweit es
+nicht bloß ein Vorproben des Jungtieres auf noch nicht klar geweckte
+Instinkte ist. Wobei übrigens gerade mit diesem Worte Spiel für unsere
+Menschenseite wieder Vorsicht zu üben ist. Ich erwähnte, alle Kinder
+kämen mit einem Künstlerzug zur Welt, aber die echte Kunst ist deswegen
+kein Kinderspiel, das mit einem nichtssagenden Wort wie „Spieltrieb“ zu
+erledigen wäre. So wenig wie diese Kunst (um es noch einmal zu sagen)
+ein wirklicher Luxus ist.
+
+Ergiebiger scheint unser Gebiet dann zu werden, wenn wir an den
++rhythmischen+ Bezug aller Kunst denken.
+
+Jeder schwärmt vom Schlag der Nachtigall mit seinem unverkennbaren,
+in Strophen wiederkehrenden Rhythmus, vom „Gesang“ der Amsel. Und
+die kleinen, aber dauerhaften „Musikanten“ vom Typ Grille, Laub-
+und Feldheuschrecke werden wir zwar nicht für bedeutende Virtuosen
+erklären, aber es wirkt doch besonders musikähnlich, wenn gerade
+sie je nachdem bald mit dem einen Flügel auf dem anderen oder dem
+Hinterschenkel gegen solchen Flügel regelrecht geigen und dazu schon
+richtige körperliche Apparate führen. Ja, der Specht, indem er
+Dürrholz zum Schwirren bringt, stellt gar auch schon ein äußerliches
+Musikinstrument in primitivster Form her.
+
+Hier mischt sich aber sogleich der Gedanke ein, inwiefern (was auch auf
+jene Nutzbauten zugetroffen hätte) dabei fest eingefahrene angeborene
+Triebe, d. h. sog. tierische +Instinkte+, in Frage kommen könnten.
+
+Ich habe in meinem früheren Kosmosbändchen über „Tierseele und
+Menschenseele“ ausführlich entwickelt, was das an und für sich noch für
+ein schweres Gebiet zwischen Tier und Mensch ist, voll Fallgruben und
+Stacheldrähte einstweilen für unsere Erkenntnis.
+
+Jedenfalls kann die Kunst im Menschen, wenn sie auch durchweg eine
+gewisse triebhafte Unterschicht hat, doch in ihrem eigentlichen und
+oberen Stockwerk unmöglich für einen solchen Instinkt gelten.
+
+Man sieht, es stellt sich bei solchem kursorischen Durchgreifen des
+Terrains manches dafür und manches dagegen, und das dürfte wohl zu
+einer etwas systematischeren Allgemeinbetrachtung locken.
+
+Das Kunstwerk des Menschen hat nicht nur die starke persönliche Note,
+sondern überall auch die +geistige+. Im Tier unterhalb des Menschen
+wissen wir aber, wie erschreckend rasch dieses Geistige überhaupt für
+uns undeutlich wird. Wir sehen bald überall nur noch auf die äußere
+Maschine. Gewisse Beurteiler meinen deshalb, das Tier sei wirklich bloß
+eine Maschine, was ich an und für sich für ziemlich unsinnig halte.
+Aber die Schwierigkeit wird niemand ernsthaftes leugnen, aus all den
+zunehmenden reinen Maschinengeräuschen noch die Stimme eines so zarten
+Dings, wie Kunst, wirklich herauszuhören.
+
+Also ich meine, man wird zunächst einen Umweg wählen müssen, um etwas
+näherzukommen.
+
+Kunst und reiner Daseinskampfnutzen sind (unbeschadet der oben betonten
+letzten Einheit) für uns straffe äußere Gegensätze. Aber wenn man
+schon einmal den Menschen aus dem Tier irgendwie entwickelt nimmt und
+den Tieren selber eine lange Eigenentwicklung zuerkennt, so kann es
+doch auch für unser Problem immerhin lehrreich sein, etwas von dem
+Wege sich zu vergegenwärtigen und als Vergleich anzuziehen, den dieser
++praktische+ Nutzen in jenem großen Stammbaum genommen hat. Wie der
+ganze Maschinenbegriff ja eigentlich aus ihm stammt, so hat sich dieser
+Weg gerade bei ihm auch sehr glücklich in jenem äußerlich Maschinellen
+der Lebewesen ausgeprägt und kann also weit sicherer und bequemer dort
+abgelesen werden, als alles tiefer Vergeistigte.
+
+Da sehen wir denn sehr deutlich auf +drei Stufen+ dieser Nützlichkeit
+im tierischen Stammbaum bis zum Menschen herauf. Darwin selber hat auch
+sie bereits seinerzeit klar aufgezeigt.
+
+Zuerst ergreift die Nützlichkeit das +Organ+ am Körper des Tieres.
+
+Sie baut Flossen, Flügel, Schuppen, Augen, Kiemen, wer weiß was
+alles für wohlangepaßte Nutzorgane der praktischen Brauchbarkeit im
+Daseinskampf.
+
+Dann, als +ein+ Organ in der Einheitlichkeit des Tierkörpers allmählich
+zu dominieren beginnt, das Gehirn, baut sie in dieses Gehirn als
+nächsthöhere Station gewisse feste +Triebe+, +Instinkte+ ein, die
+gewissermaßen von einem oberen Stockwerk jetzt entsprechend auf Nutzen
+weiterleiten.
+
+Endlich — auf dritter Stufe —, indem dieses Gehirn zur +Intelligenz+
+übergeht, ersetzt diese auch die starren, vererbten Instinkte durch
+persönliche Wahl des Nützlichen, — während zugleich an das Organ von
+dieser Intelligenz das Werkzeug geschlossen wird. Diese dritte Stufe
+ist bereits der Mensch selbst.
+
+Es läge nun nahe, alle drei Stufen, die offenbar in tiefen allgemeinen
+Entwicklungsdingen geboten gewesen sein müssen, auch +auf die Kunst
+anzuwenden+, natürlich jetzt ohne Nützlichkeitsbezug.
+
+Ob auch die Kunst (oder was schließlich bei uns Kunst werden sollte)
+eine erste Stufe des rein Organischen durchgemacht haben könnte, eben
+nicht verkörpert dort in den Schutz- und Nutzorganen, sondern nebenher
+und besonders, aber doch schon mit eigener Marke. Auch sie könnte dann,
+bereits an das Gehirn angeschlossen, vielleicht eine höhere Station
+wirklicher, wenn auch noch starrer Kunsttriebe durchgemacht haben. Bis
+auch sie sich endlich im Menschen befreit hätte zum Anschluß an die
+Persönlichkeit und zugleich äußerlich schaffend durch Benutzung des
+Werkzeugs.
+
+Über den geistigen Betrieb wäre auf der ersten Station wohl schwerlich
+etwas zu sagen, wir hätten auch hier nur die äußere Maschinenschau.
+In der Gegend des Instinkts würde das Geistige doch wohl schon in
+der Maschine bedingt merkbar. Die volle Vergeistigung im Menschen
+bedarf keines Worts, falls nicht auch da bei jenen besagten uralten
+Diluvialleuten noch engere Schlußstufen interessant werden sollten.
+
+Ich will mit möglichst vorsichtigem Wort in die Analogie hineingehen,
+nicht, weil sie schon überall vollkommen klares Licht aufsteckte,
+aber weil sie geeignet erscheint, allerlei, was heute gelegentlich
+als Einfall, Wort und Frage herumschwirrt, zunächst einmal fest zu
+inventarisieren.
+
+Mindestens zwei feste Fragen ordneten sich auch hier hinein in das
+Gebiet noch unterhalb des Menschen.
+
+Gibt es auf der Stufe der rein körperlichen organischen Formenwelt, wie
+es massenhaft dort Nützlichkeitsorgane gibt, so auch schon irgendwelche
+organischen Andeutungen, die an etwas in unserer Kunst erinnern
+könnten, ohne Zufall zu sein?
+
+Und gibt es auf der Instinktstufe schon wirkliche Kunsttriebe, die
+auch hier das spätere echte künstlerische Erleben und Schaffen bereits
+triebhaft starr vorweg nähmen?
+
+Die erste Frage ist, so gestellt, ersichtlich keine andere, als die
+bereits oft erörterte: ob es tatsächlich sog. „+Kunstformen der Natur+“
+gibt. Und zwar nicht als Spielerei, sondern mit dem Ernst, den eine
+wissenschaftliche Betrachtung fordern darf.
+
+Das Wort stammt wohl zuerst von Haeckel. Geht auf sein allbekanntes
+Bilderwerk, in dem er, unterstützt von seinem Mitarbeiter Giltsch in
+Jena, viele Hunderte tierischer und pflanzlicher Objekte rein unter
+dem Gesichtspunkt zusammengestellt hat, inwiefern ihre natürliche
+Körperlichkeit in Form und Farbe uns als „schön“ erscheinen könnte. Das
+Werk hat wenig mit Haeckels polemischen Schriften zu tun und bietet
+seinen eigentlichen Gegnern also kaum einen Angriffspunkt.
+
+„Schön“ ist dabei nicht so zu verstehen, wie etwa eine Landschaft durch
+allerlei verwickelte Bezüge in uns Stimmungen des Idyllischen oder
+Romantischen oder Erhabenen auslöst.
+
+Diese tierischen und pflanzlichen Körper und Körperteile der reinen
+Organstufe sollen vielmehr unmittelbar durch ihre eigene +symmetrische,
+harmonische, rhythmische Anordnung+ im Sinne eines Ornamenten- oder
+Farbmusterschatzes im Anklang an menschliche Kunst wirken, und es wird
+sehr schwer zu leugnen sein, +daß+ sie so wirken.
+
+Sie haben, um einen früher gebrauchten Ausdruck mit Absicht zu
+wiederholen, fast alle die entschiedene Marke einer „+inneren Musik+“.
+
+Ganz im Sinne eines menschlichen Kunstwerks sind auch sie nicht von
+außen zusammengestoppelt, sondern verraten eine innere Einheit,
+darin eben typisch „organische“ Gebilde, Lebenswerk — bloß in all
+diesen echten Fällen auch noch eingestellt auf die charakteristische
+Gliederung der Teile aus dem Ganzen im rhythmischen Effekt.
+
+Je nachdem sind bald nur symmetrische Formen, bald auch Farben in diese
+„innere Musik“ aufgenommen und ihrem ornamentalen Gebot unterstellt.
+
+Eine Zufallswirkung erscheint vollkommen ausgeschlossen.
+
+Auch helfen nicht Einzeldeutungen etwa auf rein chemischen Anlaß oder
+Kraftüberschuß oder was man sonst noch versucht hat, denn es wird nicht
+bezweifelt, daß alles auch hier irgendwie natürlich zugehe; was aber
+zur Frage steht, ist die aus tausend organischen Ecken und Lagen immer
+und immer wieder eindeutig durchbrechende +rhythmische+ Anordnung der
+Gestalt.
+
+Gegen den Zufall spricht schon die Fülle nach verschiedenster
+Variante, aber stets dem gleichen rhythmisch-ornamentalen Grundgesetz
+gebauter Objekte — es sollte aber, meine ich, ebenso entschieden
+bereits die wirklich genaue Betrachtung auch nur eines einzigen
+guten Beispiels widersprechen. So wenig über die objektive Kunstform
+einer korinthischen Säule ein Zweifel sein kann, so hier über eine
+rhythmische Gestaltung des Organischen.
+
+Die Haeckelschen Bildertafeln geben selbst nur eine verschwindende
+Auslese des in der Natur nach dieser Seite Vorhandenen. Sie sind
+gelegentlich, wie das Haeckels Art war, ein klein wenig aufgearbeitet
+für den populären Zweck, um das zu Sehende möglichst deutlich zu
+machen, was ja für den Anfänger immer sehr wichtig ist. Jeder, der die
+Naturobjekte selbst kennt, vergleichen und erweitern kann, weiß aber,
+wie weit immer noch menschliche Beispielwahl und Wiedergabe hinter dem
+verschwenderischen Reichtum der Wirklichkeit zurückbleibt. Man kann
+hier in Wahrheit gar nicht übertreiben, die Natur überbietet immer
+noch. Die reine Ornamentalschönheit z. B. auf Schmetterlingsflügeln zu
+übertreffen, sollte auch dem berufensten Künstler schwer werden.
+
+Haeckels Werk ist (aus einem fast drolligen Eigensinn, der ihm die
+Entomologen verhaßt machte) gerade nach dieser Schmetterlingsseite
+äußerst unvollständig, man muß schon die neuen Prachtbände der großen
+Monographie von Seitz zu Hilfe nehmen, die zugleich den Vorteil haben,
+streng wissenschaftlich genau und doch auf Schritt und Tritt beweisend
+zu sein.
+
+Mit Recht aber hat gerade Haeckel darauf hingewiesen, daß diese
+„Tendenz“ rhythmischer Gestaltung bereits auf den niedrigsten Stufen
+organischer Körperbildung mit einer wenigstens nach Seite der reinen
+Grundformen kaum mehr zu überbietenden Kraft und Fülle einsetzt.
+
+Durch ihn sind als Musterleistung (die ihn selbst zugleich auf das
+ganze Prinzip gebracht) die Radiolarien berühmt geworden, einzellige,
+fast mikroskopisch winzige Urtierchen von tiefster Stufe des
+tierischen Systems, die durch unendlich verwickelte Verkieselung ihrer
+Körpersubstanz in jeder ihrer mehrtausend Arten eine andere fast
+mathematisch regelmäßige Ornamental-Kunstform hervorbringen. (Was man
+neuerlich über die Einzelheiten der Bildung ermittelt hat, führt auch
+hier auf allen Umwegen wieder auf das zentrale Problem des Rhythmus
+selbst zurück.)
+
+Andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß in die oberen tierischen
+und pflanzlichen Systemstufen hinein ganz wie in den menschlichen
+Stilen und Kunstschulen immer raffiniertere und vertieftere Wirkungen
+über das anfänglich starr Mathematische hinaus erzielt werden, wozu
+die Beispiele auch wieder an Schmetterlingsflügeln, zum Teil auch
+an Vogelfedern zu studieren sind. Hier lassen sich als malerische
+Höhepunkte u. a. vollkommen durchgeführte Schattenwirkungen beobachten,
+durch die farbige Flächenobjekte in scheinbar plastisches Relief
+verwandelt, konkave und konvexe Höhlungen und Wölbungen erzeugt werden.
+Genau ausgesparte Lichtreflexe verstärken die Täuschung. Auch lassen
+sich anscheinend Entwicklungsreihen solcher „organischen Kunststile“
+verfolgen, wobei bestimmte Motive durch alle denkbaren Varianten
+gehetzt erscheinen, einzelne Moden aufzutauchen und zu verschwinden
+scheinen bis in expressionistische und andere Extreme, ganz wie im
+Ornamentenschatz der menschlichen Kunstgeschichte.
+
+Ein wirklich vergleichendes Bilderwerk nach dieser Seite fehlt leider
+noch.
+
+Haeckel, der durchaus noch nicht die ganze Tragweite dieser Dinge
+übersah, legte Gewicht darauf, daß seine Tafeln vielleicht anregend und
+bereichernd auf unser menschliches Kunstgewerbe selbst zurückwirken
+könnten — das tritt aber doch weit gegen die große theoretische
+Bedeutung dieser Naturornamente zurück.
+
+Denn vom Standpunkt des oben Gesagten kann es doch nicht belanglos
+sein, wenn eine solche Überfülle rein rhythmischer Tendenzen, wie wir
+sie als ein Charakteristikum der menschlichen Kunst fanden, bereits
+auch auf der rein organbildenden Stufe des Lebens sich geltend macht.
+Wir sehen vorerst nicht einmal in die maschinellen Gesetze hinein,
+wie diese Naturrhythmik sich überall durchsetzt, geschweige, daß wir
+einen psychischen Anhalt dahinter hätten. Aber irgendein natürlicher
+„Selbstzweck“, irgendein Anfang und Ausgang eines Prinzips wird darin
+stecken müssen, denn wir werden nicht glauben wollen, daß bloß ein
+gespenstischer Spukgeist uns narrt. Das war durchaus auch Darwins
+Meinung, obwohl er zunächst noch einen gleich zu besprechenden Nebenweg
+davor suchte.
+
+Wieder aber steht fest — und auch das hat Bezug zu unserer Kunst
+—, daß, so wenig wie unsere Kunst auf groben Daseinsnutzen geht,
+ebensowenig auch diese Welt der „Kunstformen der Natur“ sich ohne
+weiteres etwa den Schutzanpassungen der Organstufe dort ein- und
+unterordnete.
+
+Im Gefolg der so fruchtbaren Ideen des gleichen Darwin über diese
+Schutzseite der Natur war ja hier vielfach seinen Schülern ein kleiner
+Fehlzug unterlaufen.
+
+Weil man soviel trefflich auf Notschutz angelegte Organe sah und
+Darwin eine so bestechende Erklärung gab, wie die Not selber indirekt
+solche herausgearbeitet haben könnte, suchte man in jedem körperlichen
+Merkmal zunächst einen solchen Schutz. In manchen Lehrbüchern schienen
+die Tiere und Pflanzen nachgerade nur noch Kampf-ums-Dasein-Organe
+zu haben, sozusagen reine Feinmechanik zu Schutz und Trutz und
+nationalökonomischem Drill zu sein.
+
+Man übersah, daß es unendliche Merkmale und Grundpläne der Tier- und
+Pflanzenformen gibt, die zu +dieser+ Seite +völlig gleichgültig+ stehen.
+
+Das ganze wahre Riesenbild des Systems mit seinen unzähligen Arten als
+letztem Ausdruck beruht darauf.
+
+Die Natur hat nicht ein paar beste Anpassungen in konsequenter
+Zuchtwahl herausgebracht, sondern eben dieses Bild.
+
+Heute sieht man das immer mehr ein. Die Anpassungsorgane grenzen
+einen bestimmten beschränkten Kreis in der allgemeinen organischen
+Gestaltenfülle heraus, genau wie die Nutztechnik in unserem großen
+Gesamtgeistesleben. Sie nehmen, wenn Darwin nach dieser Seite recht
+gesehen hat, ihre eigene Auslese aus der dort immer wieder andrängenden
+Variantenfülle vor, wie unsere Nutztechnik etwa geniale Blitze unseres
+weiteren Geisteslebens benutzt; aber sie erzeugen und erschöpfen diese
+Fülle selbst nicht.
+
+In den unberührten +Eigen+gesetzen dieser Fülle aber lebt sich
+unverkennbar auch jenes +Rhythmische+ aus, wie in unserem
+nichttechnischen menschlichen Felde die menschliche +Kunst+.
+
+In Grenzgebieten mögen natürlich Vermischungen auch hier statthaben.
+
+Manches Ornamentale verquickt sich in Tier und Pflanze nachträglich bis
+zur Unauflösbarkeit mit dem Nutztechnischen.
+
+In anderen Fällen sieht man, wie die Nutzanpassung ringt mit hundert
+verschiedenen symmetrischen „Luxusstilen“ — wie sie so und so oft
+nebeneinander von den verschiedenartigsten Grundplänen, die das andere
+Prinzip ihr in den Weg gebaut hat, ihren gleichen Zweck durchsetzen muß.
+
+Es kommt aber auch vor, daß die Nutzauslese das ihr zufällig +passende+
+Ornament selber zur Steigerung bringen mag.
+
+Da hat beispielsweise das Ornamentalprinzip auf den Flügeln gewisser
+Schmetterlinge große augenartige Zeichnungen hervorgebracht und durch
+Schattierungen scheinbar plastisch gemacht — so bei ~Telea polyphemus~
+riesige tiefschwarze Scheinlöcher, aus denen ein grauer Kegel mit
+einem gelbgesäumten Glasauge unmittelbar dem Beschauer entgegenzuragen
+scheint, an sich ein Meisterstück dieser Sorte Organkunst, das in jeder
+Sammlung von Exoten entzückt. Oder es ist an Stelle des Augenflecks
+bei ~Nyctipao albicincta~ je eine einfache tiefe konkave Höhlung auf
+jedem Oberflügel herausschattiert, daß es wie eine gewölbte Schale
+aussieht, in die man etwas hineinlegen könnte. Wenn man nun beobachtet
+(und es ist vielfach beobachtet), daß ein angreifender Vogel, etwa ein
+Huhn, vor solchem „Pfauenauge“ wie vor einem wirklichen bösen Blick
+erschrickt und einen Moment abläßt, so daß der Schmetterling entfliehen
+kann (unser Abendpfauenauge stellt dazu eine besondere Schreckstellung
+mit dem ganzen Körper her) — so sieht man wohl auf ein Überspielen
+des einen Prinzips in das andere. In solchem Einzelfall könnte die
+Darwinsche Nutzzüchtung ganz gut für ihren Zweck die Augenähnlichkeit
+nachträglich noch verstärkt haben, wie vielleicht die australische
+~Salassa lola~ zeigt, bei der die Unterflügelflecke so vollkommen
+täuschend zwei ganz scharf blickende, stechend böse tierische Augen mit
+blutigem Saum, Glanzfleck und finster ausgezogenen schwarzen Brauen
+nachahmen, daß ich selbst den Menschen sehen möchte, der sich im
+Augenblick der Suggestion entziehen kann.
+
+Wie ebenso bei den berühmten ~Callima~-Arten der Tropen, wo die
+Unterseiten der Flügel ein trockenes Blatt zu kopieren scheinen, ein
+ursprünglich rein ornamentaler Grundsatz, der zufällig ein Blattmotiv
+annäherte, in der Folge auf solche schützende Blattähnlichkeit
+weitergezüchtet sein mag.
+
+Und im Allerletzten mag auch hier überhaupt kein absoluter Gegensatz
+sein. Wie unsere Kunst in harmonischen Bezügen, gleichsam einer
+immerwährenden heimlichen Musik lebt, unsere Nutztechnik aber zuletzt
+auch nur ein Mittel ist, sich mit einer gewissen Not des äußeren
+Daseins in eine gewisse Harmonie zu setzen, so werden vermutlich auch
+in der Mechanik dieser rhythmischen Naturanläufe verborgene harmonische
+Ordnungen innerlich ihre Rolle spielen, während außen die Nutzorgane
+die beschränkte Harmonie der Darwinschen Anpassung herstellen. Aber
+darum bleibt doch der Gegensatz des dort unendlich viel Reicheren,
+Eigentlicheren, Aufsichselbststehenden gegen einen kleinen roh von
+außen kommandierten Grenzbezirk.
+
+Man ist, seit man den zu weiten Anpassungsgedanken in der Biologie
+wieder mehr losgeworden ist, ja auch in der tieferen Erkenntnis über
+dieses indifferente freie Variationsfeld heute wesentlich weiter
+gekommen, zum Teil unter starker Korrektur Darwins — aber auch da immer
+mit merkwürdigen leisen Bezügen zum Kunstproblem.
+
+Auch in dieser noch rein organischen Sphäre gewahren wir ein
+beharrendes Prinzip, die Vererbung, die bestrebt ist, gleichsam
+naturalistisch das Gegebene immer wieder nachzugestalten. Richard
+Semon hat sehr ernsthaft den Gedanken der Ähnlichkeit dieses
+Vererbungsmechanismus mit unserem menschlichen Gedächtnis verfochten.
+Mit dem mechanischen Substrat dieses Gedächtnisses im Gehirn, sagte
+er vorsichtig, was aber an dem Bezug selbst nicht das geringste
+ändert. Semon wollte ein gemeinsames Wort sogar für beides einführen:
+die Mneme. Seine Idee hat sich (vielleicht wegen der hochgradigen
+Schwerflüssigkeit seiner Beweisführung) nicht durchzusetzen vermocht,
+harrt aber, glaube ich, nur eines noch unbefangeneren Kopfs zur
+Auferstehung.
+
+Neben diesem Reproduktionsprinzip haben uns de Vries und seine
+Leute, die jetzt so stark Boden gewinnen, dann auch ein wirklich neu
+schaffendes, neu ordnendes Prinzip der organischen Stufe angedeutet.
+In ihrer sog. „Mutation“ tritt stoßweise gelegentlich immer einmal
+wieder eine völlige Neukombination des Gegebenen hervor. Nicht
+auf Schutzanpassung gerichtet, sondern zunächst auch nur auf eine
+neue Lösung des freien Gestaltungsproblems aus. Immer aber (sehr
+bezeichnend) mit der Marke völliger innerster Umordnung zu einem neuen
+Schwerpunkt und Balancepunkt gleichsam, wieder sofort ein „Ganzes“
+bildend gegenüber allem Früheren.
+
+Wo auch das Rhythmische einen Wandel erfährt, wird man es sich wohl nur
+auf dem Wege solchen einheitlichen, von innen kommenden Mutationsstoßes
+denken müssen. Niemals aber wird es ursprüngliches Erzeugnis der
+Nützlichkeitszuchtwahl selber sein, so wenig wie die Mutation in ihrer
+freien Entstehung solcher verdankt wird.
+
+Ich behaupte, mich einmal in dieses heikle Gebiet hineinwagend,
+durchaus +nicht+, daß wir in diesen Erscheinungen der reinen
+Organsphäre, von deren Geistigem wir, wie gesagt, nichts und von deren
+Maschinellem wir vorerst bloß einiges Hypothetische wissen, bereits
+künstlerische Arbeit in +unserem+ Sinne vor uns hätten.
+
+So wenig wir heute ein lebendiges Organ schaffen können, so wenig
+konnte jene Organstufe echte menschliche Kunst schaffen.
+
+Aber ich vertrete, daß der Begriff organischer „Kunstformen“ an sich
+kein bloßes Bonmot sei. Vertrete, daß sinnfällige Analogien gegeben
+sind, die in veränderter Zusammensetzung und unendlich höherer
+Vergeistigung zu menschlichem Kunsterleben und Kunstschaffen +führen+
+konnten, so gut wie die Einzelzelle eines Urtiers oder die primitiven
+Hautzellen eines niedrigsten Wurms sich ohne grundsätzlichen Riß zu den
+Ganglienzellen eines menschlichen Gehirns entwickeln konnten, in denen
+sich schließlich doch auch das höchste und verwickeltste Kunsterlebnis
+vollzieht.
+
+Man vergißt sehr leicht, daß in gewissem Sinne die organische Stufe
+ja auch noch bis zu uns selber reicht — bloß (als Maschine weiter
+betrachtet) zuletzt eingehend in das ungeheure Wunderwerk des
+allumgreifenden Gehirnorgans, von dem wir dann — bei uns — allerdings
++auch+ wissen, daß es die Stätte gewaltigster Geistesvorgänge ist.
+
+Inzwischen sind auch diese obersten Geistesdinge aber nicht mit
+einem Tage erst dagewesen, und hier könnte für unsere tastende
+Kunstbetrachtung im Naturfeld nun in der Tat noch eine willkommene
+Brücke sein, wenn wir auch jene +zweite+ Frage (und vielleicht noch
+weit sicherer) beantworten könnten: ob es innerhalb der Tierwelt (die
+Pflanze, die für jene organisch-rhythmische Stufe noch vollwertig
+mit galt, mag hier einstweilen zurücktreten) kunstähnliche Dinge
+auch bereits auf der Stufe des Instinktlebens — also eben +echte
+Kunsttriebe+ gebe.
+
+Die Fragestellung ist diesmal erleichtert, da wir bereits vom Instinkt
+bei ihr ausgehen und nicht mehr als vorerst Instinktives verlangen.
+Immerhin bietet sie, wie wir sehen werden, noch eine neue eigene
+Verwicklung.
+
+Als feste Grundtatsache darf gelten: es +gibt+ auch rhythmische
++Triebe+ dort. Triebe mit dieser Grundmarke ebenfalls eines
+künstlerischen Einschlags.
+
+Insekten, wie Vögel, um es zunächst so maschinell wie möglich
+auszudrücken, bewähren schon einen Gehirnzwang zu rhythmischen
+Geräuschen, genau wie auf den Schmetterlingsflügeln und Vogelfedern der
+Organstufe symmetrische Ornamente deutlich wurden.
+
+Bereits bei Grillen und Heuschrecken hat dieser „Gesang“ genügenden
+melodischen Reiz, daß einfacher Menschensinn sich seit alters daran
+erfreuen konnte und die kleinen Sänger in Käfigen gehalten wurden, wie
+noch heute der Chinese tut.
+
+Über den unmittelbaren musikalischen Wohllaut des Nachtigallen- oder
+Kanarienvogelschlags ist dann nie ein Zweifel gewesen, und es hat wohl
+noch keiner versucht, auch hier von täuschendem „Zufall“ zu sprechen.
+
+Auch (was weniger bekannt zu sein pflegt) der Gesang des Gibbonaffen
+läßt sich glatt in Noten wiedergeben und steigt vom Grundton ~E~ „in
+halben Tönen eine volle Oktave hinauf, die chromatische Tonleiter
+durchlaufend“ (Brehm-Heck).
+
+Bei Spinnen (Attiden) treten des weiteren rhythmische Tanzbewegungen
+auf, die an die kühnsten Verrenkungen unserer Berufs-Balleteusen
+erinnern.
+
+Bei Vögeln äußert sich dieser Tanztrieb auffällig gerade bei solchen
+Arten, die auch körperlich einen Gipfel des Ornamentalen zeigen. Der
+herrliche Argusfasan auf Sumatra, dessen riesige Augenflecke auf den
+Schwungfedern wie bei jenen erwähnten Schmetterlingen durch geeignete
+Schattierung als in Sockeln gebettete plastische Kugeln mit Lichtreflex
+erscheinen, obwohl es sich tatsächlich nur um eine völlig glatte
+Federfläche handelt, stellt sich für solche Tänze im Urwald durch
+Reinigen und Festtreten besondere Tanztennen von mehreren Quadratmetern
+Ausdehnung her. Die schön orangeroten Klippenvögel Guaynas (Rupicola)
+zeigen sich vor versammeltem Volk einzeln nacheinander in den
+seltsamsten Tanzschritten und Bewegungen. Wie die Nandu-Strauße am
+Boden, so tanzen im gleichen Amerika die edelsteinfunkelnden Kolibris
+in der Luft, immer doch mit der Marke des Rhythmischen, wie sie
+ja schon das von uns Menschen nicht vergleichsweise, sondern ganz
+unmittelbar entnommene Wort Tanz ausdrückt.
+
+Unmittelbar an das eigentlich Ornamentale der reinen Organstufe und
+zugleich unserer Menschenkunst gemahnt die Suggestion, wenn ich so
+sagen darf, die glänzende und bunte Gegenstände auf Tieraugen ausüben,
+wie seit alters her von Elstern und Raben berichtet wird, aber auch bei
+südamerikanischen Nagetieren, den Viskatschas, vorkommen soll.
+
+Und die volle rhythmische Durchführung auch dieses Zuges finden wir bei
+dem Paradebeispiel endlich aller instinktiven Tierkunst, den Taten
+der Lauben- und Kragenvögel des australischen Gebiets, die zu den
+Paradiesvögeln gehören, des körperlichen Prachtkleides vieler dieser
+Paradiesier nicht teilhaftig sind, dafür aber ihre rhythmische Richtung
+um so entschiedener in +Handlungen+ ausleben.
+
+Sie bieten jetzt das typische Beispiel wirklicher „Kunstbauten“, wie
+wir sie oben bei Bibern und Termiten vergebens suchten.
+
+Im objektiven Tatbestand durchaus entsprechend den Bräuchen wilder und
+halbkultivierter Menschen auf voller menschlicher Kunststufe, stellen
+sie für ihre Tanz- und Singplätze regelrechte Tanzlauben her. Meist
+lange zeltartige Galerien aus planmäßig oben zueinander geneigtem
+Reisig und Graswerk. Und diese Tanzhütten werden dann geschmückt mit
+von überall herangeholtem Material jener Farben- und Glanzsuggestion:
+roten Beeren, bunten Federn, weißen Bachkieseln, auch beim Menschen
+stibitzten Schmucksachen, Glasstücken und bunten Lappen.
+
+Der zugehörige Gärtnervogel (Amblyornis) in Gebirgen von Neuguinea baut
+entsprechend eine runde Laube mit einem Dach aus Orchideenstielen,
+die „zum Boden herniederhängen und regelrecht strahlenförmig um einen
+mittleren Tragpfeiler geordnet sind. Über letzterem erhebt sich eine
+kegelförmige Masse von Moos. Innerhalb aber läuft ein Gang im Bogen um
+den Pfeiler. Das ganze Bauwerk bleibt auf einer Seite offen und stößt
+hier an einen freien, moosbedeckten Platz, der doppelt so groß wie die
+Hütte und mit Blüten und Beeren zierlich geschmückt ist. Wenn diese
+verbleichen, werden sie entfernt, auf einen Kehrichthaufen hinter der
+Hütte geworfen und durch frische ersetzt“.[1]
+
+ [1] Schilderung und eine Farbentafel so im neuen Brehm.
+
+Besonders charakteristisch erscheint, daß in diesen letzten Fällen vom
+Vogel die bunte Feder als ihm auffallend und ihn lockend gesammelt
+wird, die +andere+ Vogelarten am Leibe tragen; man würde also annehmen
+dürfen, daß ihn auch beim Anblick des betreffenden buntfederigen Vogels
+selbst diese Farbe +reizen+ würde.
+
+Während andererseits bereits die „schöne Blume“ hier auch vom
+rhythmischen Trieb gewürdigt wird, nachdem solche auf der niederen
+Stufe der Organornamentik selber rhythmisch entstanden war, dann aber
+wohl noch eine Steigerung dort durch Hineinspielen eines praktischen
+Nutzens (Lockmittel zum Insektenbesuch, der die Befruchtung der Pflanze
+vermittelte) erfahren hatte. Wie sehr solche Blüte auf unserer
+Menschenstufe abermals Schmuckobjekt und zugleich Ausgangspunkt
+unendlicher Ornamentstilisierung der Kunst geworden, wissen wir
+alle — vielleicht gibt es aber kein anziehenderes Beispiel, um den
+Aneinanderschluß der ganzen Entwicklungskette, wie sie hier zur Frage
+steht, zu veranschaulichen.
+
+Daß bei allen diesen tierischen Handlungen aber mehr oder minder noch
+wirklich +triebhafte+ Züge herrschen, scheint ebenso unverkennbar.
+
+Gelegentlich machen sie allerdings schon einen recht losen Eindruck,
+wie auf der Schwelle des Übergangs.
+
+Vom Gesang unserer Vögel ist bekannt, daß er wenigstens in seiner
+bestimmten Melodie nicht immer so fest vererbt wird, wie man von einem
+echten Instinkt erwartete. Der Nachtigallenschlag ist z. B. nach den
+besten neueren Beobachtern, dem Ehepaar Heinroth, keineswegs angeboren,
+sondern muß erst nach dem Gehör erlernt werden. Eine gefangene
+Nachtigall, die zufällig zuerst eine Mönchsgrasmücke hörte, gab,
+als sie überhaupt zu schlagen begann, solche Grasmückenmelodie. Bei
+anderen Vogelarten scheint es allerdings auch wieder strenger damit zu
+sein, auch der arteigentümliche Rhythmus gleich mitzukommen. Von den
+Laubenvögeln bleibt strittig, wieviel bei ihren Bauten reiner Instinkt
+und wieviel Zulernen der Jungen von den Alten ist.
+
+Wer im Instinkt selber bloß vererbte Gewohnheit sucht (die Theorien
+sind ja noch reichlich widerspruchsvoll), könnte gerade auf diesem
+Gebiet wohl manchen Anhalt finden.
+
+Daß sich aber im ganzen doch noch der +Rahmen+ des Triebhaften darum
+schließt, wird nicht zu bestreiten sein, und das bekräftigen auch die
+genau entsprechenden körperlichen Tonapparate, die den musizierenden
+Tieren überall eigen sind.
+
+Eigentlich könnte ich also auch hier bereits meine Beweisführung
+für die zweite Stufe schließen. Nun aber doch noch eine merkwürdige
+Nebenerscheinung, die das Bild nicht zerstört, aber doch etwas
+verschiebt.
+
+Diese ganze rhythmische Triebecke des Tieres scheint nämlich in
+extremem Maß angeschlossen an das +Geschlechtsleben+.
+
+Gesang und Tanz der Vögel, Musik der Insekten, selbst die grotesken
+Tänze jener Spinnen vollziehen sich wesentlich im Anschluß an die
+Erregungen, teils die Vorglut, teils das Nachzittern, der Liebeszeit.
+
+Ob ein Teil der Vogeltänze reine Geselligkeitsrhythmik und anderweitige
+Erregung sein könnte, wird behauptet, ist aber bisher nicht sicher
+nachgewiesen.
+
+Jene Schmucklauben der Paradiesvögel werden jedenfalls geradezu als
+„Hochzeitslauben“ bezeichnet, weil sie zwar keinerlei Bezug zum Nestbau
+besitzen, wohl aber ganz regelmäßig vor der Paarungszeit erbaut oder
+wiederaufgesucht und von den Pärchen ausschließlich, scheint es, zu
+Liebesspielen benutzt werden.
+
+Vielfach sind es nur einseitig die Männchen, die den rhythmischen Tanz
+und Gesang in dieser Minnezeit ausüben.
+
+Wobei man gleichzeitig den Eindruck bekommt, daß auch die rein
+organische Ornamententfaltung des Körpers dort in dieser Periode eine
+Steigerung erfahre, die sich in besonderen Hochzeitskleidern mit
+erhöhter Farben- und Formenrhythmik offenbaren kann.
+
+Wie denn auch die Herrlichkeit der Schmetterlingsflügel im ganzen sich
+auf das eigentliche Liebesstadium in der Metamorphose dieser Insekten
+zusammendrängt.
+
+Die Beziehung der rhythmischen Gehirntriebe zum Geschlecht aber ist
+so +aufdringlich+, daß sie von jeher bemerkt worden ist wie etwas von
+vornherein Selbstverständliches. Unwillkürlich fragt man sich, was das
+wohl bedeuten könnte.
+
+Daß auch die sexuelle Erregung selbst noch nicht ohne weiteres das
+Rhythmische erzeugen könne, scheint doch deutlich.
+
+An sich ist keine innere Logik ersichtlich zwischen einer
+geschlechtlichen Liebeshitze und dem rhythmischen Bau etwa im Schlag
+einer Nachtigall oder der Suggestion eines roten Lappens oder
+glänzenden Bachkiesels auf das Gehirn eines Laubenvogels.
+
+Aber man könnte einmal vermuten, die ungeheure Geschlechtserregung
+wühle auch die an sich und unabhängig vorhandenen rhythmischen
+Bildungskräfte stärker auf. Vielleicht schon die organischen.
+Jedenfalls aber die instinktiven. Zumal das noch unbefriedigte
+Sexuelle, im Vorspiel des eigentlichen Akts, wirke so bis in alle
+anderen Sphären mit.
+
+Es läge nahe, dabei für die rhythmischen Triebe selbst wieder an
+Menschliches zu denken. An Beziehungen auch unserer echten Kunst zum
+Erotischen.
+
+Wenn man sagt, menschliche Kunst solle keine grobe Tendenz haben, so
+trifft das natürlich auch auf das Sexualleben zu.
+
+Kunst, die sich grob in den Dienst erotischer Aufregung stellt, ist
+stets minderwertig und im Selbstziel verfehlt — so gut wie solche, die
+umgekehrt lehrhaft moralisiert. Gerade darin äußert sich auch bei uns,
+daß die Kunst ihrem Wesen nach etwas Besonderes ist und sein soll, nie
+eines anderen Knecht, und sei es selbst des allmächtigen Eros. Aber
+manche feineren Anknüpfungen finden sich doch auch so.
+
+Eine diskrete, mehr oder minder vergeistigte Rolle spielt die Liebe,
+das „Sichkriegen“ seit alters in aller Dichtung. Die bildende Kunst,
+wenn sie den nackten Menschen darstellt, kommt nie +ganz+ auch um
+einen leise mitklingenden erotischen Unterton, der in feinster Blume
+wohl auch gar nicht fehlen +darf+, wegen des darzustellenden Objektes
+Mensch. Wer wollte die Liebesklage aus der Lyrik nehmen? Und erotische
+Wirkungen stecken in der Musik, rohere und intimere, je höher die
+Kunst, desto intimer, aber ganz streichen dürfen wir auch sie nicht.
+In Witz und Satire darf sogar eine herzhafte Gabe ganz scharfen
+Geschlechtsgewürzes sein, wenn nur die Kunstform zuletzt immer wieder
+darüber siegt.
+
+Gerade da auch, wo die menschliche Kunst vielleicht noch einen
+der stärksten instinktiven Nachklänge bewahrt, im rein rezeptiven
+Massengefühl, ist zu allen Zeiten die erhöhte impulsive Freude an
+Musik, am Lied, am Vers auch im schlichtesten Durchschnittsmenschen mit
+einer Pubertätserscheinung verglichen worden.
+
+Ich gebe zu, daß beim ganz starken überragenden Künstler sich das immer
+mehr wieder verliert, in den obersten Sphären aller „übermenschlichen“
+Kunst die erotische Farbe bis zum Vergehen abblaßt. Aber in den naiven
+Niederungen ist sie, soweit sie sich nicht aufdrängt, nirgendwo ganz zu
+trennen.
+
+Man denke auch wieder an den Wilden: seine wüsten Liebestänze und
+Geschlechtsidole inmitten und unzertrennbar von seinem doch so starken
+rhythmischen Sinn. Auch bei ihm wird die Kunstfreude selbst kein
+Erzeugnis des Geschlechtlichen sein, aber naiv aufbrennen, wenn er
+sonst brennt.
+
+Zuletzt wird man auch die tiefste Analogie nicht vergessen, die
+zwischen dem wirklichen Zeugungsakt und jedem künstlerischen Bilden
+oben schon einmal angedeutet wurde.
+
+Also warum sollten nicht auch auf der Instinktstufe bei dem Tier
+Gesang, Tanz, Farbenzauber gleichsam zu lichterloher Flamme getrieben
+werden in den großen Geschlechtsrevolutionen seines Lebens?
+
+Man könnte auch betonen: das Rhythmische kann besonders durchbrechen
+in der Liebeszeit, weil sie immer etwas auch von einer Asylzeit mit
+allgemein herabgesetzter Rücksicht auf den gewöhnlichen Daseinskampf
+hat. Wo der Daseinskampf aber auch sonst hier und da einmal für ganze
+Tierarten stärker aussetzte, da mag ja schon auf der organischen Stufe
+das Ornamentale sich stärker ausgelebt haben als sonst: man hat bei
+den über und über stilisierten schönsten Arten jener Paradiesvögel im
+Asyl von Neuguinea gelegentlich an so etwas gedacht — daß die Natur
+mit dem Ornamentalschmuck sich bei ihnen etwas leisten durfte, das in
+bedrohterer Lage zu gefährlich gewesen wäre.
+
+Daß aber die Männchen in Körper wie Instinkt die rhythmische Steigerung
+häufig mehr vor uns bewähren als die oft unscheinbaren, nicht tanzenden
+und nicht singenden Weibchen — das könnte wieder sein, weil die
+Nutzzüchtung beim Weibchen doch stärker gebremst, dieses kostbarste Gut
+für die Erhaltung der Art nachträglich immer wieder in unscheinbarere
+Schutzfarben gekleidet und mit Rücksicht auf seine mehr oder minder
+schwere Geburtsarbeit an zuviel Kraftvergeudung ans Rhythmische
+gehindert habe. (Diese Erklärung ist bereits einwandfrei von unserem
+Altmeister Goethe in seiner „Einleitung in die vergleichende Anatomie“
+von 1795 im vierten Kapitel gegeben worden.)
+
+So könnte man denken. Es ist aber doch noch mehr versuchsweise gedacht
+worden.
+
+Man nahm an und nimmt vielfach an, daß wenigstens zu dem Liebesleben
+der höheren Tiere jedesmal eine bestimmte +Wahl+ seitens der Weibchen
+gehöre. Sie sollten stets oder doch meistens bestimmte Männchen aus
+mehreren, die sich zur Liebe anböten, bevorzugen. Also eine beständige
+Liebesauslese ausüben können. Und darauf sind dann wieder mehr oder
+weniger verwickelte weitere Theorien auch für das Rhythmische aufgebaut
+worden.
+
+Wenn die Liebeshitze das Rhythmische gleichsam stärker mit
+herauspeitschen kann — ob dann nicht solches verstärkte Rhythmische
+gegebenenfalls selber auch wieder Erotisches aufpeitschen könnte? Das
+könnte aber folgende Linie ergeben.
+
+Wenn vielfach nur die Männchen durch die Liebe rhythmisch gesteigert
+wurden, die Weibchen aber nicht — so könnte erhöhter Rhythmus der
+Männchen auf die Weibchen liebeserregend wirken. Klar aber dann:
+bei der besagten Wahl müßte das Weibchen sich notwendig dem
+bestrhythmischen Männchen hingeben, da dieses es einfach am stärksten
+aufregte.
+
+Der Gedanke ließe sich hören, obwohl immer noch ein Sprung darin
+bleibt: daß erhöhte Rhythmik ohne weiteres sexuell steigern soll.
+Jedenfalls aber hätte er wieder Konsequenzen.
+
+Das Rhythmische selbst würde durch die einseitige Begünstigung stets
+des besten Sängers, Tänzers usw. fortgesetzt gesteigert oder doch in
+Reinkultur gehalten worden sein. Zugleich rückte es aber als berufener
+Geschlechtserreger in die praktischen Nutzzwecke zur Erhaltung der Art
+selber ein und unterläge deren Nutzzüchtung. Man dürfte sich nicht
+wundern, wenn das erotische Leben auf dieser Stufe schließlich die
+ganze Rhythmik wirklich überwuchert und für sich mit Beschlag belegt
+hätte.
+
+Dieser Gedanke hat viele gefesselt und fesselt noch, zumal er der
+„Wahl“ bei den Weibchen selbst etwas durchaus Zwangsweises, Suggestives
+wahrt, wie es auf dieser Stufe noch näherzuliegen scheint.
+
+Inzwischen hatte der alte Darwin aber noch einen anderen Gedanken
+verfolgt.
+
+Er ging vom rhythmischen Trieb selbst aus, den er an dieser Ecke zuerst
+äußerst klar sah.
+
+Durch den Rhythmus der Männchen sollte das Weibchen nicht sexuell
+erregt werden, sondern selber feinen rhythmischen Wahlerregungen
+unterliegen.
+
+Es sollte aus eigenem rhythmischem Sinn stets das rhythmisch
+vollkommenste Männchen wählen.
+
+Man konnte auch das noch suggestiv denken als eine Art rhythmischer
+Hypnose. Aber wie Darwin es darstellte, schien es doch leicht mehr.
+
+Man kam auf einen raffinierten Schönheitssinn der Weibchen, der immer
+schöner singende, tanzende, aussehende Männchen züchtete.
+
+Schließlich glaubte Darwin fast die ganze organische
+Ornamentalschönheit unserer ersten Stufe auch rein aus der
+Wahlzüchtung dieser zweiten ziehen zu können, indem er z. B. auch alle
+Schmetterlingsherrlichkeit so ableitete und den rhythmischen Sinn der
+Weibchen mit der Zeit immer feinere und feinere Effekte herausholen
+ließ.
+
+Der Gedanke hatte bei aller genialen Durchführung aus Darwins
+unbegrenztem Wissens- und Ideenschatz mehrere Stellen, wo er angreifbar
+war.
+
+Für die letzten Gebiete, wie jene Radiolarien, langte er doch nicht,
+denn da war überhaupt kein wählendes Auge mehr gegeben.
+
+Es mußte also doch noch ein unabhängiges Ornamentalgebiet aus sich
+bestehen.
+
+Selbst bei Schmetterlingen aber wurde so extreme Schönheitswahl mehr
+als bedenklich.
+
+Galt aber bis hierher die Unterschicht, so mochte sie auch bis zu den
+Vögeln gelten.
+
+Schließlich handelte es sich vielleicht doch nur um eine leise
+Nachhilfe, die aber dann das starke Grundaufgebot des schon so weit
+entwickelten ästhetischen Sinns nicht lohnte.
+
+Immerhin hat auch der Darwinsche Gedanke noch immer Anhänger, die vor
+allem fest an die Laubenvögel anknüpfen und meinen, wer bunte Federn
+zur Verzierung sammelt, hätte auch lebenden Vögeln solche Buntfedern
+durch konsequente Wahl auf den Leib züchten können. Und sollte sie
+fallen (schwer widerlegbar, wie beweisbar sie ist), so wird die
+Theorie der „geschlechtlichen Zuchtwahl“, wie Darwin sie bezeichnet
+hatte, jederzeit ein interessantes Ideendokument der Menschheit und
+Kunstgeschichte bleiben.
+
+Nun aber: beide letzte Theorien ruhen auf der Wahrheit der Liebeswahl
+überhaupt.
+
+Und es muß leider gesagt sein, daß sie in dem dort angenommenen Umfang
+bisher keineswegs sicher bewiesen ist. Nicht bei Vögeln und vollends
+nicht bei Insekten.
+
+Hier macht sich (wie so oft) eine höchst bedauerliche Lücke in unseren
+neueren Tierbeobachtungen geltend, die erst zu beseitigen wäre und die
+von keiner noch so logischen Theorie beseitigt wird. Es ist ein Jammer,
+wie wenig wir praktisch vom Tierleben hier wieder wissen.
+
+Wenn die Weibchen überhaupt nicht so frei wählen, wie man vorausgesetzt
+hatte, so bleibt es aber wirklich ziemlich gleichgültig, ob sie es
+nun aus Geschlechtserregung durch Rhythmisches oder aus unmittelbarer
+ästhetischer Rhythmuswahl selbst tun würden.
+
+Wir sind also nach wie vor nur Vermutungen über das Eindringen des
+Rhythmischen gerade in die Geschlechtssphäre auf der Instinktstufe
+ausgeliefert, von denen uns keine absolut sicheren Boden gibt.
+
+Darum bleibt aber für unseren Gesamtfaden doch die Existenz auch von
+rhythmischen Instinkten +bestehen+, in denen sich auch die zweite
+Vorstufe unserer menschlichen Kunst darstellen konnte.
+
+Wobei ich abschließend bloß noch bemerken will, daß ich auch hier die
+Frage nach der +Gefühlsseite+ absichtlich weggelassen habe.
+
+Auch Instinkt, wenn er doch sicher bereits eine Gehirnsache im Rahmen
+des Geistigen darstellt, +kann+ in moderner Naturforscherfassung
+noch ohne Gefühl definiert werden. Daß solches einspielt, kann aber
+ebensowenig ausgeschlossen werden.
+
+Ein Vogel hat sicher bereits reich entwickelte Gefühle. Und es hielte
+meines Erachtens sehr schwer, sich hineinzudenken, daß eine Amsel nicht
+auch schon eigenes Wohlgefallen an ihrem Gesang haben sollte.
+
+Wenn Darwin recht hätte, könnte auch seine rhythmische Wahl der
+Weibchen von angenehmen Empfindungen begleitet sein, wie er selbst wohl
+stets annahm. Rhythmus als sexueller Erreger würde aber ähnlich wirken
+müssen; wollen wir doch nicht übersehen, daß die Liebe selbst mit
+Wollustprämien arbeitet.
+
+Aber ich gebe zu, daß die Empfindungsseite schwer im Instinktbegriff
+von heute unterzubringen ist. Dafür ist er selber einstweilen unklar
+genug und reichlich provisorisch. Manchmal will mir scheinen, er
+sei trotz aller unendlichen Mühe, die unsere schlauesten Leute
+darangewendet, noch so unzulänglich, wie auf anderem Gebiet die
+Theorien über die Eiszeit. Das muß nun auch vorläufig hingenommen
+werden.
+
+Die nächste und letzte Stufe aber wäre jetzt +der Mensch+ selbst.
+
+Ich verglich das künstlerische Erlebnis mit einem wachen Traum. Im
+Wesen des ganzen Menschen liegt aber etwas von solchem Erwachen
+gegenüber der niederen Natur.
+
+Die Persönlichkeit erwachte in ihm im Gegensatz zum Tier, das auch
+als Einzelwesen unerbittlich noch am Gängelbande des gleichmachenden
+Art-Instinktes hing.
+
+Über diese Persönlichkeit geht fortan auch die Kunst, und es bedarf nur
+dieses Wortes, um zu verstehen, daß es jetzt erst +echte+ Kunst geben
+konnte, gestaltend aus dem Kern solcher bewußten Persönlichkeit.
+
+Das Wort ist dabei besser noch als Intelligenz, die zu leicht an reine
+Nützlichkeit auch auf dieser dritten Stufe denken läßt.
+
+Mag man noch so sehr betonen, daß auch diese menschliche Kunst das
+dunkle „Es“ des uralten Geheimnisses bewahrt, das immer wieder aus dem
+Unbekannten auch in sie eingeht, gleichsam den Goldgrund bildet, vor
+dem das Antlitz der Person wie in Heiligenbildern steht, — so ist
+doch das Entscheidende, daß auch dieses Letzte sich jetzt nur noch
+durchsetzen kann und durchsetzen muß durch die Persönlichkeit. Erst
+diese Person zeugt fortan die neue äußere Kunstwirklichkeit in Klang
+und Wort und Bild, die, wirklich und doch einer höheren Welt angehörig,
+zwischen die hart sich stoßenden Dinge des Alltagsraumes tritt.
+
+Gern möchten wir den Finger auf den Moment legen, wo dieser
+entscheidendste Akt geschah. Ist uns doch der Ursprung des Menschen
+historisch sicher unendlich viel näher noch, als etwa die erste
+organische Bildung oder ein erster Instinktanfang.
+
+Aber trotz aller guten Indizienbeweise haben wir bekanntlich
+einstweilen nicht einmal die Knochen, die Schädel des Übergangs —
+geschweige, daß uns solcher Schädel etwas von dem tieferen geistigen
+Hergang verraten könnte, der sich gewiß hinter ihm vollzogen hat, aber
+eben „hinter“ ihm.
+
+Immerhin können uns ein klein wenig die obersten Tiere noch lehren,
+die, ohne selber Menschen zu werden, dem wahren Geheimnis doch noch
+sehr nahegestanden haben müssen, um dann in seltsamer Beharrlichkeit
+bis heute einfach so fortzuexistieren.
+
+Bei den höheren Säugetieren wird vielfach sichtbar, daß der Instinkt
+schon etwas abblaßt, während die Persönlichkeit leise steigt. Man
+hat den Eindruck, daß auch diese Persönlichkeit langer Hand bereits
+angelegt war, aber auf der ganzen Mittelstufe gleichsam überglänzt,
+unterdrückt wurde von der Allmacht des Instinkts. Es brauchen nicht
+gerade unmittelbare Vorfahren des Menschen zu sein, die das verraten,
+aber es ist doch der Schatten der Menschwerdung, der sich hier bereits
+auf dem ganzen Spielraum zu verbreiten beginnt.
+
+Beim Menschenaffen, der sicherlich auch in der Skala selbst einmal ganz
+nahegestanden hat, nimmt das dann bereits greifbare Gestalt an.
+
+Bei den so berühmt gewordenen und wirklich vortrefflichen Koehlerschen
+Prüfungen in der Affenstation auf Teneriffa kam auch dem Ungläubigsten
+klar zutage, daß +Schimpansen+ für Nutzzwecke bereits persönlich
+handelten, wählten, probten, abänderten.
+
+Gerade diese intelligenten Affen zeigten aber, lehrreich genug, auf
+ihrer Übergangsstufe auch offensichtliche Kunstzüge, wie sie sonst bei
+Säugetieren nicht so sehr häufig erscheinen. Sie tanzten, indem sie
+im Kreisspiel das Gehen rhythmisch stilisierten (Ausdruck von Koehler
+selbst), sammelten rote Lappen und glänzende Kiesel. Das konnten an
+sich noch nachklingende Laubenvogelinstinkte aus ihrem Urwald sein.
+Aber wie sie sich dargereichte Metallketten und Schnüre in sichtbar
+gesteigertem Selbstgefühl als Schmuck um Hals und Ohren schlangen, auf
+hohlen Blechbüchsen tuteten und gar weißen Ton zu Farbe anfeuchteten,
+um Wände und den eigenen Leib regelrecht zu bemalen — das sah doch
+schon unzweideutig „persönlich“ aus. Wie ihr Intellekt bereits Holz
+zum Werkzeug spontan anspitzte, so meint man hier die äußere Technik
+auch zur Farbenkunst bereits individuell von einem klugen Einzelaffen
+erfunden. (Ein Geschlechtsbezug war dabei offenbar hier nicht
+Bedingung.)
+
+Wenn diese Affentechniker trotzdem selber keine Menschen geworden sind,
+so kann es intellektuell nur an einer Lichthöhe gelegen haben, die
+allerdings auch sie noch nicht überschritten. Sie besaßen +noch+ kein
++begriffliches Denken+ und gelangten im engsten Zusammenhang damit auch
+nicht zur echten menschlichen Sprache, die alle Menschen, von denen wir
+wissen, haben und die kein Tier je besessen hat. In dem tiefsinnigen
+Mythus der Bibel wird sehr mit Bedeutung hervorgehoben, daß der
+Mensch zuerst den Tieren +Namen+ gab, was genau auf diesen Punkt
+geht. Ich bin aber der Ansicht, daß er auch wieder von einer weiteren
+ausschlaggebenden Bedeutung war für die wirklich ausübende Kunst.
+
+Mit etwas befeuchtetem Farbton als Mittel war es allein doch noch nicht
+getan. Es mußte noch „ein Tier“ dazu, wenn es ein wirkliches Tierbild
+werden sollte. „Ein Hirsch.“ Oder auch „ein Mensch“. Auch dazu ist aber
+die innere Brücke des begrifflichen Denkens nötig gewesen, wie in der
+Sprache zur Wortbezeichnung. Ich glaube aber auch, daß das nicht auf
+die bildende Kunst allein Bezug hat. Es entspricht ebenso dem Sinn in
+jedem Tanz, wie ihn selbst der roheste Wilde hineinlegt, der „Idee“ in
+jedem Ornament; selbst auf die Musik wäre es zuletzt anzuwenden. Am
+„Tage“ (biblisch gesprochen), da der Mensch auch an diesen Zauberring
+in seiner erwachten Persönlichkeit rührte, ist er „Mensch“ geworden
+und nicht zum Schimpansen lebendig versteinert. Am gleichen Tage ist
+aber auch die +ganze+ Kunst geboren worden, ob sie nun in der Folge von
+namenlosen Südseeinsulanern oder Raffael und Beethoven ausgeübt werden
+sollte.
+
+
+Es scheint doch noch ein Rätsel in dieser menschlichen Kunst zu geben.
+
+Wo in den letzten Jahrzehnten vom „Ursprung der Kunst“ die Rede war, da
+hat es eine Hauptrolle gespielt.
+
+Bis in weiteste Kreise hat man sich mit ihm beschäftigen zu müssen
+geglaubt, nachdem einmal eine gewisse Tatsachenkunde durchgedrungen war.
+
+Wissenschaftlich hat es eine unendliche Literatur erzeugt — auch von
+solchen, die vorher an Abstammungsfragen hier nicht im Traum gedacht
+hatten. An ihm erst hat sich die eigentliche, gegen alles auch nur halb
+Naturgeschichtliche durchweg stark vermauerte Kunstgeschichte aufgeregt
+und ihr schwerstes Geschütz spielen lassen. Mit Recht? Mit Unrecht?
+
+Es ist hier jedenfalls ein ganzer Geistesfeldzug für sich noch einmal
+ausgefochten worden. Und es ist wohl nur angemessen, wenn ich ihm den
+Rest dieses Bändchens widme, vielleicht doch mit einem Versuch, auch
+hier wenigstens etwas Klarheit zu schaffen — auf die Gefahr, daß ein
+zunächst Ungeheuerliches und einzigartig Verblüffendes schließlich doch
+auch einfacher aussieht und damit an Sensation einbüßt, wenn auch nicht
+an Interesse.
+
+Ausgangspunkt wurden wirklich jene +Diluvialmenschen+.
+
+Unsere Kenntnis von so entlegenem Menschentum ist schrittweise
+gekommen. Sonst hätte sie uns noch mehr verblüfft.
+
+Zuerst zeigte sich auch hier seine Nützlichkeitskultur — einfachste
+Waffen und Werkzeuge aus Stein und Tierhorn.
+
+Noch keine Nutzpflanzen, kein Haustier, nicht einmal der Hund. Keine
+Töpferei, geschweige Metalle.
+
+Das war doch sehr wenig; denn wenn es auch bei den heutigen
+afrikanischen Buschmännern in ihrem Winkel noch immer eine gewisse
+Analogie findet, so stand man doch hier, so schien es, vor +all+ diesen
+Dingen noch in der Gesamtkultur +überhaupt+ — darauf wies doch wohl der
+ungeheure Zeitabstand.
+
+Es waren Menschen einer anderen geologischen Epoche (eben der
+Diluvialzeit), die in der letzten Eiszeit und (vermutlich) einer
+voraufgegangenen wärmeren Zwischeneiszeit gelebt hatten — die damals in
+unserem Europa Elefanten und Nashörner gejagt hatten.
+
+Ich will nicht mit Zahlen spielen, aber das mußte doch schon mehrere
+Zehntausende hinter die eigentlich historische Kultur zurückgehen.
+
+Dann bekamen wir in Skeletten die Menschen selbst zu sehen, relativ
+wohlerhalten, da sie schon sorgsam bestattet waren.
+
+Zwei Rassen, eine ältere, robustere, — keine Tiermenschen, aber
+doch recht fremdartig: die Neandertaler; wohl aus jener warmen
+Zwischeneiszeit, wo sie wirklich etwa wie heutige Buschmänner bei uns
+gelebt haben mochten. Und eine jüngere, feinere (oder mehrere solcher)
+in der letzten Eiszeit selbst.
+
+Man lernte die Kultur dazu auf Stufen bringen, drei alte etwa
+(Chelleen, Acheuleen, Mousterien) für die Neandertaler; drei weitere
+(mindestens) als Aurignacien, Solutreen, Magdalenien für die Feineren.
+Kein großer, aber doch ein merkbarer Fortschritt, der sich daran
+geltend machte.
+
+Inzwischen begann man langsam, widerstrebend aber auch das Dritte,
+Wunderbarste zu ahnen.
+
+Wenigstens die obere Reihe war bereits erfüllt mit +Kunst+.
+
+Bildender Kunst.
+
+Diese Aurignacenser bis Magdalenier hatten sich massenhaft in Stein,
+Mammutelfenbein, Tierhorn, auf Höhlenwänden und -decken künstlerisch
+verewigt. Hatten Tier- und Menschenfiguren plastisch geschnitzt,
+Bildumrisse eingeschnitten, Reliefs hergestellt, zuletzt sogar
+unmittelbar auf dem Höhlenfels gemalt, einfarbig, schließlich bereits
+prachtvoll bunt.
+
+Ein bestimmtes Lokalgebiet schien sich zunächst für diese Kunst
+einheitlich abzugrenzen. Südfrankreich bis über die Pyrenäen nach Nord-
+und Westspanien hinein, auf der anderen Seite durch die Schweiz bis zum
+Rhein; getrennt im Osten, über Österreich, noch etwas wie eine Insel
+dazu dämmernd.
+
+Was nun aber für eine +Höhe+ schon in dieser Kunst!
+
+Das war das eigentliche, ich möchte fast sagen, Niederschmetternde.
+
+Tierbilder von fabelhafter Naturwahrheit, Lebendigkeit. In höchsten
+technischen Mitteln. Und dabei doch noch als Modell auch hier Mammut,
+Nashorn, Bison, Wildpferd, Renntier. Neben einzelnen Proben, daß man es
+wohl auch vom Menschen konnte.
+
+Ich greife nur ein Beispiel heraus, ohne hier weiter beschreiben zu
+wollen.[2]
+
+ [2] Einige Angaben und Bilder gibt bereits mein Kosmosbändchen
+ „Mensch der Vorzeit I“.
+
+Ein kleiner ausgeschnitzter +Pferdekopf+ aus der tunnelartigen,
+vom Fluß durchströmten Riesenhöhle von Mas d’Azil im französischen
+Pyrenäenvorland. Magdalenienzeit; aus Renntierhorn; damals noch nicht
+gezähmtes Wildpferd mit kurzer Mähne; wiehernd; leicht stilisiert.
+
+Aber nun von einer wahrhaft antik klassischen Schönheit. Man hat
+ihn ohne Übertreibung mit den Parthenonpferden der Phidiasschule
+verglichen. Es mochte auch damals das Meisterwerk eines begnadeten
+Einzelkünstlers gewesen sein, steht aber doch nicht allein.
+
+Ein erster Kenner, Eduard Meyer in seiner „Geschichte des Altertums“,
+urteilt hierzu und allgemein: „Eine Höhe der Kunst, der scharfen
+Beobachtung und realistischen Wiedergabe der Natur und eine Entwicklung
+der Technik, der die neolithische [jungsteinzeitliche] Zeit und die
+heutigen sog. Naturvölker nirgends auch nur Ähnliches zur Seite zu
+setzen haben. Erst die Schöpfungen der Ägypter kurz vor der ersten
+Dynastie, die der Babylonier etwa seit Sargon und Naramsin, oder auch
+die der Kreter auf der Höhe ihrer Kultur lassen sich an künstlerischem
+Empfinden diesen Erzeugnissen vergleichen. Ja, bei manchen
+Tierzeichnungen wird man in Ägypten bis zur fünften Dynastie hinabgehen
+müssen, um gleichartige Parallelen zu finden.“
+
+Von ähnlich bedeutenden Ritzzeichnungen hat Schuchhardt das Wort
+geprägt: „Wie mit Rembrandtscher Rohrfeder gezeichnet.“ „Man fühlt noch
+ganz frisch die künstlerische Freude nach, die so etwas geschaffen hat.“
+
+Die herrlichen Farbentafeln, die Breuil mit Cartailhac nach den
+Deckengemälden der nordspanischen Höhle von Altamira gegeben hat, wird
+niemand ohne Gefühl tiefster Ergriffenheit durchblättern können.
+
+Das war nicht ein erster Versuch, sondern bereits eine strahlende
+Kunstreife.
+
+Am Rande von Eiszeitgletschern und, nochmals betont, mit Bisons,
+Mammuten und diluvialen Wildpferden als Motiv.
+
+Bei Menschen, deren Nutztechnik auch verbessert bis zum Schluß bei
+Stein, Horn und Holz ruhte.
+
+Alle Schnitzereien selbst mit feinem Stein ausgeführt, die Malerei
+bestenfalls mit ein paar einfachen Naturfarbstoffen (Rötel, Ocker,
+Schwarz und Weiß), wie sie bereits jene Schimpansen zu belustigen
+begannen.
+
+Begreiflich, daß diese Entdeckung, als sie einmal feststand (und sie
+steht heute als solche absolut fest), selber eine Art Hypnose auf die
+erste Generation ihrer modernen Beurteiler ausüben mußte.
+
+Es waren zunächst meist angesehene Naturforscher, erst später haben
+sich auch wirkliche Kunstsachverständige eingemischt. Naturforscher,
+die wenigstens in der Mehrzahl auf entwicklungsgeschichtlichem Boden
+standen. Aber hier, wenn das die wirkliche Ur- und Anfangskunst der
+Menschheit sein sollte, schien etwas aller Entwicklung ins Gesicht zu
+schlagen. Als sei der Mensch wirklich gleich geistig fertig vom Himmel
+gefallen.
+
+Bei den Neandertalern wollte sich einstweilen noch gar keine Bildkunst
+finden lassen. So schien der Anfang am gleichen Ort bei den ersten
+Aurignacensern völlig unvermittelt zu liegen. Mindestens schienen
+allerlei Hilfstheorien nötig. Ich verzeichne auch hier wieder ein paar
+Gedanken, die man da zunächst gehabt hat.
+
+Etwa vier Fünftel dieser bisher gefundenen Bildwerke (die Funde jagen
+sich bis heute) stellten in meist vorzüglich naturgetreuer Technik mit
+extremer Einzellebendigkeit +Tiere+ der Zeit dar.
+
+Mit dem früher einmal angezogenen Wort also +naturalistische+ Kunst,
+allerdings ganz hervorragend dabei auch mit jenem Zuge der inneren
+Einheitsschau; den modernen Zoologen entzückten z. B. die „richtigen“
+Einzelheiten der Mammute, der moderne Maler berauschte sich an dem
+seelischen Todeskampf im Auge und Schweifschlag eines vom Speer
+getroffen hingestürzten Bisons, den sein uralter Fachgenosse bereits so
+fabelhaft hineingeschaut.
+
+Hier setzte also zuerst ein Gedanke ein.
+
+Die Anfangskunst des Menschen sei zunächst rein naturalistisch gewesen.
+
+Er zeichnete und malte nur, was er sah. Er änderte, stilisierte
+überhaupt noch nicht. Die in diesem Sinne „vergeistigende“ Seite fehlte
+ihm noch vollständig. Die sei erst viel später gekommen.
+
+In der folgenden Jungsteinzeit und werdenden Metallzeit sehen wir
+allerdings die europäische Kunst fast ganz aus dieser Naturtreue heraus
+— extrem auf Ornament, Stilisierung gewandt, Mensch und Tier zu oft
+fast gespenstischem Gebild umschauend.
+
+Das sei eben die Folgezeit. Der Mensch wurde dort vor allem religiös,
+dachte sich Leib und Seele getrennt, erfand Magie und Gespenster. Und
+das verdarb die Kunst auf lange, füllte sie mit Ideen, statt Natur.
+Erst bei uns, die wir aus solchem Dualismus und Seelenkult wieder
+herauskommen, nimmt auch die Kunst wieder neue naturalistische Anläufe.
+Aber wir sind arg verbildet. Der Eiszeitmensch dagegen war in dem
+Punkte noch der „reine Tor“. Und deshalb gelangte er gleich zu so über
+alle Maßen herrlichem Rein-Naturalismus.
+
+Max Verworn (ausgezeichneter Naturforscher) hat so ähnlich geschlossen.
+
+Es lag nahe, von hier zu folgern, daß, wer sich nur nicht mit „Ideen“
+verfälsche, nicht die Wucherpflanze der „Vorstellungen“ kultiviere,
+eben damit allein schon ein Künstler sei. So wären am Ende +alle+
+Eiszeitmenschen durch die Bank echte ausübende Künstler gewesen. Und
+wenn heute wenigstens hier und da noch solches Genie einzeln auftauche,
+so sei’s nur ein Rückschlag auf diese gottbegnadete Allkünstlerzeit des
+diluvialen Paradieses.
+
+Wieder andere gaben aber doch auch dem Grundgedanken eine bösere
+Wendung für unsere Diluvialahnen selbst.
+
+Der Wiener Moritz Hoernes, ein erstklassiger Ordner und Darsteller des
+ganzen prähistorischen Gebiets, von umfassendem Wissen, wenn auch weit
+geringerem künstlerischem Blick, konstruierte etwa so.
+
+Der Grundnerv dieser ganzen Diluvialkunst sei eigentlich gewesen,
+daß dieser Mensch ewig +hungrig+ war. Er lechzte als wilder Jäger
+ewig nach Fleisch, mehr Fleisch. Mammut- oder Bisonfleisch zum Mahl.
+Vielleicht auch erotisch nach Weiberfleisch. (Deshalb die an sich
+wirklich festgestellte Fettleibigkeit gewisser Menschenplastiken der
+Aurignacenser.) Er konnte einfach gar nicht genug kriegen. „Weib, o
+Weib! Fettes Weib! Schönes Weib! Bison, großer Bison! Starker Bison!“
+(wörtlich so bei Hoernes), war der beständige rote Schrei seiner Seele.
+Deshalb wurde auch seine Kunst die reine Lyrik dieses Schreies. Deshalb
+die lechzende Masse dieser Kunst, das Verbreiten bis in dunkelste
+unwegsamste Höhlenschlünde, das mehrfache Übereinandermalen an ein und
+derselben Stelle.
+
+Die Kunst selber kam auch ihm dabei ganz roh suggestiv vom Objekt
+zu. Der Hergang lief auf eine einfache Faszination des Auges hinaus,
+eine „Mußbeschäftigung“, des engeren daheim wieder angeregt durch
+zufällige Linien und Buckel der Höhlenwände etwa wie gewisse erotische
+Kritzeleien auf geheimen Orten bei uns.
+
+Als Vergleich könne auch das sog. „Hasenlaufen“ gelten, das dem
+Jäger nach ergiebigem Jagdtage vor dem Einschlafen immer wieder
+bei geschlossenem Auge Hasen in größter Naturwahrheit der Stellung
+vorüberlaufen lasse.
+
+Dem wohlwollenden Leser wird nicht entgehen, daß auch hier aus dem
+Fetthunger allein doch noch nicht die objektive Höhe dieser Kunst
+erklärt wird. Es müßte denn die vorzügliche Technik gewisser berühmter
+älterer Niederländer unserer Galerien auch rein aus dem Wurstreiz ihrer
+Stilleben abzuleiten sein.
+
+Vielleicht könnte hier nur eine Hilfstheorie fördern, die ebenfalls
+gelegentlich aufgestellt worden ist: der Mensch sei auf dieser Stufe
+überhaupt noch +reines Instinktgeschöpf+ gewesen. So habe er mit der
+vollkommenen Folgerichtigkeit und Unfehlbarkeit solchen Instinkts
+einfach zwangsweise treu zeichnen +müssen+, ohne selber irgendeine
+Empfindung zu besitzen, was er tat; also strenggenommen noch einmal
+Rückschritt hinter jene Schimpansen Koehlers.
+
+Hoernes selbst war andererseits sehr geneigt, vor „Überschätzung“ jenes
+angeblichen diluvialen Kunstwerkes selbst zu warnen.
+
+Es sei zuzugeben, daß in der ganzen Zeit zwischen jenem Pferdekopf von
+Mas d’Azil und den griechischen Parthenonpferden in der Tierdarstellung
+nichts vergleichbar Vollkommenes geleistet worden sei. Aber diese
+hohe Phidiaskunst bilde ein Glied in langer kunstgeschichtlicher
+Entwicklungskette, die Diluvialkunst dagegen sei bloß eine für alle
+wahre Kultur belanglose Moment-Mutation gewesen. Sie hatte „keine
+Vergangenheit und keine Folge“, kam „aus dem Nichts“ (offenbar mit
+dem ersten Aurignacensermagen, obwohl die Neandertaler doch auch
+wohl schon gelegentlichen Fetthunger verspürt haben mochten) und
+ging ohne echte eigene Entwicklung „wieder ins Nichts“ — im Grunde
+tiefste Unfruchtbarkeit, bettelarme Borniertheit (ich gebrauche
+fast lauter Hoernessche Ausdrücke), die uns nur durch jenen Zwang
+formaler Vollendung äfft. Mit solchem „Ungeist“ waren diese
+Troglodyten geschlagen, daß ihnen „die Syntax der bildenden Kunst ewig
+verschlossen“ bleiben mußte.
+
+So wanderten die Gedanken.
+
+Gelegentlich wurden wir auch noch in einem anderen Sinne
+„nationalökonomisch“ belehrt: daß diese wilde naturalistische Urkunst
+lediglich noch Jägerkunst des +Mannes+ gewesen sei. Als später der
+Ackerbau eingeführt wurde und die Töpferei in die Hand der Frau kam,
+begann deren, rein ästhetisch betrachtet, „kleinliche, geistlose“ und
+im Gegensatz zum Mann „pedantisch-ordnungsliebende“ Art auf die Kunst
+zu drücken (ich referiere nur!) und leitete vom Topfschmuck eine Epoche
+des naturfremden Ornaments und der „abergläubischen“ Kunst ein.
+
+Es dürfte doch recht lehrreich sein, kurz zusammenzustellen, was die
+inzwischen rasch weitergehende Diluvialforschung heute bereits von all
+diesen glänzenden Konstruktionen übrig gelassen hat.
+
+Hoernes selbst war allerdings der Ansicht, daß „Überraschungen durch
+zukünftige Funde“ gegenüber seinen Ideen „wahrscheinlich vollkommen
+ausgeschlossen“ seien.
+
+Zunächst sollte auch ohne neue Funde klar sein, daß wir in all dem
+Material zunächst doch nur den Ausschnitt der engeren +bildenden+ Kunst
+dieser alten Leute vor uns haben.
+
+Sollte aber ein hier so reich begabtes Volk sich nicht auch gleich
+allen Naturvölkern von heute künstlerisch in Tanz, Musik, Gesang
+ausgelebt haben? Schmuck trugen sie, wie wir wissen, in Masse. Es ist
+aus den Resten wahrscheinlich, daß sie Pansflöten aus Röhrenknochen
+herstellten, auf denen sie doch wohl nicht bloß „Hasenlaufen“ gespielt
+haben werden.
+
+Hier würden aber überall +rhythmische+ Bewegungen und Erzeugungen nicht
+zu vermeiden gewesen sein, auf deren Fehlen die meisten jener Theorien,
+recht besehen, doch aufbauen.
+
+Was die mysteriöse Entstehung aus dem Nichts anbetrifft, so ist nur
+richtig daran, daß wir aus dem Chelleen bis Mousterien bisher keine
+Zeugnisse gerade bildender Kunst besitzen. Damals lebte aber unter
+ganz anderen klimatischen Verhältnissen eine völlig andere Rasse, die
+Neandertaler, von denen bisher durchaus nicht feststeht, daß sie sich
+in die folgende höhere Rasse verwandelt hätten. Viel einleuchtender
+handelt es sich um einen Ersatz durch Einwanderung, wobei die neuen
+Menschen ihre Kunst schon mitbrachten, ohne daß wir irgend etwas
+darüber aussagen könnten, was für +eigene+ Entwicklungen an +anderem+
+Fleck da schon voraufgegangen waren.
+
+Ebenso unbewiesen ist aber bislang, daß die Neandertaler selbst noch
++ganz+ kunstfrei gewesen seien.
+
+Hugo Obermaier, dem wir ein geistvolles Werk über den „Menschen
+der Vorzeit“ (von klerikalem Grundstandpunkt, der aber doch meist
+geschmackvoll gemäßigt ist) verdanken, bezeichnet es mit Recht als
+eine „totale Verkennung der Menschennatur“, diesen Neandertalmenschen
+„Körperschmuck und jede freie primitive Kunstbetätigung“ absprechen zu
+wollen.
+
+Denkbar, daß sie eben als Rasse weniger gerade zu bildender Kunst
+neigten.
+
+Sehr möglich, daß ihre technische Bevorzugung von Steinwerkzeugen
+gegenüber Bein und Horn sie gerade am Gravieren und Schnitzen als
+Ausgangspunkt gehindert oder auf Holz gewiesen hat, das nicht erhalten
+ist. Solche reinen +Material+fragen sind aber bei der Kunst aller
+Völker bis heute wichtig gewesen. Bereits wird für Knochenarbeit, wo
+sie doch im Mousterien schon vorkommt, neuerlich prompt auch schon
+Kunstarbeit behauptet. Hier kann trotz Hoernes ein einziger ganz
+sicherer neuer Fund all jene Urweisheit umwerfen.
+
+Aber bleiben wir ruhig bei der höheren Rasse. So ist Verworns purer
+Ur-Naturalismus und schließlich doch auch Hoernes’ rohe Freßtheorie
+hinfällig im Augenblick, wo auch für die Diluvialzeit bereits
+deutliches religiöses Leben mit Seelenkult nachweisbar wäre.
+
+Dieser Beweis ist restlos geglückt.
+
+Schon der so rasch berühmt gewordene Neandertaler-Knabe, den Hauser und
+Klaatsch 1908 als ~Homo mousteriensis~ im Vézèretal ausgegraben haben,
+war allem Anschein nach sorgsam in seitlicher Schlafstellung und unter
+Beigabe von Waffe und Proviant bestattet worden.
+
+Ähnliche und noch viel sicherere und verwickeltere Begräbnisse, oft in
+deutlicher Hockerstellung, mit reichstem Schmuck, die Knochen mit Rötel
+bestreut, liegen jetzt auch aus der jüngeren Rasse in ganzer Menge vor.
+
+Die Beigaben deuten nach sicherster Analogie heutiger Naturvölker
+durchaus auf Seelentrennung, Unsterblichkeitsglauben, Totenkult. Die
+rote Farbe soll Ansehen des Blutes, fortgesetzten Lebens geben.
+
+Wenn das die Kunst beeinflussen konnte, so war der stärkste Einfluß da.
+
+Weitere Züge hierüber geben dann die Bildwerke selbst.
+
+Man besitzt Darstellungen von Menschen, die Tierfelle noch mit
+den natürlichen Köpfen daran, z. B. von Gemsen, samt dem Gehörn
+übergestülpt tragen. Das konnten Jagdverkleidungen zum unbemerkten
+Beschleichen des Wildes nach Buschmannart sein. Aber auch die bei
+heutigen Wilden so beliebten Tanzmasken für magische Tänze und Kult.
+
+Ganz kürzlich ist nun in der Höhle Trois Frères (Provinz Ariège an
+den Pyrenäen) eine große Gestalt entdeckt worden, die auch diese
+Frage im letzteren Sinne zu erledigen scheint. „Die Figur ist etwa
+75 ~cm~ lang und steht in Verbindung mit einem gravierten Friese von
+Tierbildern (Pferd, Bison, Löwe, Mammut, Bär, Nashorn, Renn usw.). Sie
+befindet sich hoch am Ende der Höhlenwand und beherrscht den ganzen
+Raum. Das Bild ist graviert, die Umrißlinien sind teilweise durch
+schwarze Farbe betont. Die Darstellung der Bewegung ist ungewöhnlich
+vollkommen: während der Körper im Profil gegeben ist, wendet sich
+das Gesicht voll dem Beschauer zu. Die Wiedergabe der Einzelheiten
+läßt erfreulicherweise an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
+Die Bildung der Hände und Füße sowie die Wiedergabe der Genitalien
+behebt jeden Zweifel darüber, daß es sich hier um einen verkleideten
+Menschen handelt. Auffallend ist der lange Pferdeschwanz, der zu einem
+Hirschfell nicht paßt.“
+
+Gerade diese Verbindung von Hirschdecke und Roßschweif widerstreitet
+aber einer rein profanen Jagdmaske. Oswald Menghin, der umsichtige
+neueste Bearbeiter von Hoernes’ Hauptwerk, dem das Zitat entnommen,
+gibt nach diesem Fund eines so unzweideutigen „Zauberers“ rund zu, daß
+Hoernes’ Ablehnung aller diluvialen Kultdarstellung ferner nicht mehr
+zu halten sei.
+
+Darüber werden aber noch andere Sachen wichtig. Was man bisher für
+Bilder von Zelten gehalten, könnten „Geisterfallen“ sein, wie sie
+heute noch in der Magie der Malaien eine Rolle spielen. Schon längst
+ist vermutet worden, die vielen Einzeltierbilder auf Höhlenwänden
+und besonderen amuletthaften Gegenständen hingen mit der Idee eines
++Jagdzaubers+ zusammen — im Sinne, daß das Tier, von dem man ein Bild
+besitzt, leichter zu erlegen sei.
+
+Solche Deutung kann natürlich selber wieder nicht die Existenz der
+Kunst und auch nicht ohne weiteres die Höhe dieser Kunst erklären. Sie
+gibt einen sekundären Kunstzweck, der aber zu allen Zeiten (genau wie
+das Geschlechtliche) auch in die spätere Kunst seitens des Zauberwesens
+und der Religion eingespielt hat. Religion hat auf höchster Stufe
+dieser Kunst sogar echte und innerliche Anregung gegeben. Auf tieferer
+war sie aber selber immer eng mit Zauberei verquickt.
+
+Also solcher Zauberzweck könnte uns doch manche +Eigenart+ der
+Stoffwahl und Methode auch dieser Altkunst enträtseln. Wir finden
+Bisonbilder mit Speeren im Leibe gezeichnet, was sehr gut paßte.
+Manchmal roh, handwerksmäßig, aber auch auf der herrlichen Saaldecke
+von Altamira, wo der Bison wirklich getroffen in ganzer farbiger
+Malpracht vor uns zusammenbricht.
+
+Aber gerade dieser magische Zweck, der vielleicht durch uralte
+Überlieferung gefestigte, vorgeschriebene Regeln vertrat, könnte
+auch erklären, warum wir so hartnäckig immer wieder losgelöste
++Einzelfiguren+ von Tieren dargestellt sehen. Die Figuren selbst sind
+jede für sich bewegten Lebens voll, rennen, wiehern, sehen sich um,
+stürzen wie aus großen Gruppen solcher Jagd gewaltsam entnommen, aber
+sie sind meist nicht wirklich zu solcher Gruppe vereint. Jede steht
+(oft kunterbunt zu den anderen) auf eigenem Horizont. In Altamira
+hat man alle denkbaren Einzeltypen einer drohenden, flüchtenden,
+beschossenen, fallenden Bisonherde, aber auch hier bilden sie kein
+wahres Einheitsgemälde mit Bezug von Typ zu Typ.
+
+Dabei +konnten+ die Leute Gruppenbilder machen. Was man grundsätzlich
+auch dagegen gesagt hat, ist wieder vorgefaßte Theorie.
+
+Man sieht wenigstens in kleiner Skizze, die nach Entwurf für Größeres
+schmeckt, ganz köstlich, fast in der Art Wilhelm Buschs, Renntier- und
+Wildpferdherden, bloß die Ecktiere voll ausgezeichnet, die anderen
+durch Geweihe oder Köpfe und Beinstriche angedeutet. Wenn etwas
+unmittelbar nach Skizze draußen vor der bewegten Szene selbst aussieht,
+so müßten es diese virtuos hingeworfenen Gruppen sein mit ihrer
+Atemlosigkeit der Improvisation.
+
+Warum also bis in die erhaltenen riesigen Prachtgemälde der
+Bilderhöhlen so zäh bloß das Einzeltier?
+
+Lag hier eine magische Vorschrift, ein Gesetz der Zauberer des Stammes
+für die Künstler vor, vor dem sie sich zu beugen hatten? Brachte nur
+das Einzelbild Glück, die Gruppe irgendeinen mystischen Schaden?
+
+Die Frage hat noch Konsequenzen.
+
+Waren gerade diese Bilderhöhlen nicht eigentliche Wohnungen, sondern
+Zauberklüfte mit einem für Generationen wirksamen kombinierten
+Stammeszauber? Man könnte auch an Totenkult denken — Tiere für die
+Gründe des Jenseits, die doch auch geisterhaft einzeln schweben
+mußten nach wieder einem Ritual. Oder Häuptlingshöhlen, die (nach
+Art der Buschmänner) mit einzelnen noch bekannten Trophäen wie eine
+Bilderchronik bemalt wurden? Ich dächte doch, das wären wertvollere
+Gedanken, als eine Freßhypnose, die sich in Kunst verwandeln soll.
+
+Zu den Menschenbildern, die man neuerlich auch viel reicher zu finden
+beginnt, dabei noch ein Wort.
+
+Bereits im Aurignacien stellten diese alten Herren offenbar mit Liebe
+kleine weibliche Püppchen her, bald in Elfenbein, bald in Stein,
+künstlerisch wie anatomisch auch durchaus beachtlich gemacht, aber
+offenbar durchweg mit etwas Eigensinn — auch sie wie auf eine Kult-
+oder sonstige Instanzvorschrift Rücksicht nehmend, die noch über der
+Kunst stand.
+
+Das berühmteste Stück ist die sog. Venus von Willendorf aus dem Löß
+des Donautals in Niederösterreich. Der ferne Ort verrät die allgemeine
+Zeitmode. Venus gilt doch nur in spöttischem Sinne. Ein Scheusälchen
+von 11 ~cm~ Höhe, mit tollen Brüsten, reichlichem Spitzbauch und
+Hinterteil, doch noch nicht ganz so schlimm im Sinne dessen, was man
+bei den Hottentottenfrauen Steatopygie (monströsen Fettsteiß) nennt.
+Jedenfalls stark geschlechtlich pointiert, nackt, bloß der Kopf seltsam
+kappenartig verhüllt und ohne Gesicht, die eben markierten Ärmchen
+mit Schmuckringen, die Füße nicht ausgeführt. Am Ganzen Reste roter
+Bemalung. Die Fundschicht oberstes Aurignacien. Nicht fern lag ein
+Vorratshaufen von Mammutstoßzähnen.
+
+Man denkt unwillkürlich einen Augenblick an die Laune des Schicksals,
+die diesen Kobold durch die Jahrtausende kommen ließ, in denen der
+olympische Zeus des Phidias untergehen mußte!
+
+Aus Brassempouy in Südfrankreich hat man verwandte elfenbeinerne Torsi,
+aus Predmost in Mähren, von dem berühmten Mammutschlachtfeld, fünf
+schwangere Frauen aus Mittelfußknochen dieses diluvialen Elefanten.
+
+Was sollten diese Alräunchen?
+
+Man hat diesmal wirklich mit Fruchtbarkeitsidolen, allerdings im
+Gegensatz zu Hoernes auch aus dem Magiegebiet, verglichen. Die
+verhüllende Haube kehrt auch modern als Schutz für Wöchnerinnen vor
+Kindbettfieber wieder. Aber auch bei Toten, um sie vor Dämonen zu
+bewahren.
+
+An solchen Totenkult hat Schuchhardt in seinem bekannten geistreichen
+Buch „Alteuropa“ gedacht. Der Rötel mahne deutlich an Tote. Das
+verborgene Gesicht und die Hände über der Brust verrieten Ehrerbietung
+vor der Gottheit. Die Nacktheit wäre vielleicht nur Wiedergabe echter
+Lebensgewohnheit in der warmen Höhle, wie heute noch bei den Eskimo. So
+wären es vielleicht kleine Ahnenbilder gewesen, die man in Wandnischen
+der Wohnfelsen aufstellte.
+
+Die Erklärung ist wahrscheinlicher geworden durch neue interessante
+Entdeckungen vortrefflicher Menschenreliefs in der Dordognehöhle von
++Laussel+.
+
+Man hat da zunächst den fast halbmeterhohen Relieftorso eines rein
+edelschlanken Jünglings, nackt, bloß mit einer Art Schmachtriemen,
+lebhaft bewegt, eine glänzende Probe. Mit solchen Figuren mehr, meint
+Hoernes, hätte ein Großes „entstehen können, wenn eine andere Sonne
+darüber geleuchtet hätte“. Es ist aber Bestes entstanden und lag also
+eben auch schon in der Zeit!
+
+Dazu auch hier wieder sehr fettleibige nackte Frauenfiguren in
+gleichem Relief, eine mit einem Steinbockhorn in der Rechten ist
+jetzt in Berlin. Auch darin verteidigt Schuchhardt Totenbilder über
+dem Bestattungsort, mit guter Dialektik. Das Horn sei das älteste
+Opfergefäß. Es muß aber wohl doch noch ein geheimer Sexualbezug dabei
+gewesen sein.
+
+Man datiert wieder ins Aurignacien. Gerade diese +früheste+ bekannte
+Zeit der höheren Rasse wäre also bereits bis über den Kopf in
+religiöser Kult-Kunst gewesen trotz Hoernes und Verworn. Tatsachen sind
+schließlich jeder Theorie überlegen.
+
+Und das muß auch von der Idee der „Allkunstbegabung“ gelten, so
+bestechend sie ersonnen war.
+
+Die Vorstellung, daß jeder im Stamm ein berufener Künstler sei, kann
+sich ja dem oberflächlichen Blick bei überhaupt kunstreichen Natur-
+und Halbkulturvölkern von heute leicht aufdrängen. In Wahrheit sind
+die Dinge auch dort nicht viel anders als bei uns. Wenige schaffen,
+erfinden wirklich; an sie schließt sich ein sehr viel breiteres
+Virtuosen- und Kunstgewerblertum; der große Rest ist Publikum, das
+zwar nicht ohne Kunstempfindung ist, aber doch nur aufnehmend. Selbst
+beim einfachsten Wildentanz gibt es den ursprünglichen Schöpfer,
+die Nachahmer, die in unendlicher Tradition sein Werk ausschleifen,
+bis nach erlahmter Mode wieder ein Meister ein neues Motiv liefert,
+und die zuschauende Masse. Kein Volk, wohin wir auch sehen, so weit
+wir zurückdenken, das nicht seine bestimmten gefeierten Dichter,
+Musiker von Beruf hätte, seine fahrenden Sänger, Künstlergilden und
+Kunstschulen. Selbst berühmte Tätowiermeister ziehen so herum. Nichts
+erscheint so folgerichtig, so gleichförmig in diesem Bilde auf all
+ihren Stufen, wie die Kunst. Wozu sich also Schwierigkeiten suchen für
+dieses alte Volk, das gerade in seiner Kunst (das ist ja das Problem)
+durchaus nichts Primitives, sondern bereits eine glänzende Höhe
+hatte. Sicher werden wir auch für damals schon ein ähnlich geordnetes
+Kunstleben annehmen dürfen, und recht besehen sprechen auch wieder
+mancherlei Züge der erhaltenen Bildwerke selber dafür.
+
+In glücklichen Einzelfällen mag uns ein wirkliches Original überliefert
+sein, wie jener Meisterkopf von Mas d’Azil; daneben steht gute
+Nachahmung aus der Schule, roheres Dutzendprodukt bis zur völlig
+dilettantischen Kritzelei. Wer Pompeji näher kennt, findet alle
+Gegensätze von dort auch hier wieder.
+
+Gerade das, was die Kritik voreilig als Beschränktheit und Schwäche
+deuten wollte: der so weit verbreitete und zäh immer wiederkehrende
+einheitliche Stilcharakter, spricht (wie Obermaier wieder mit Recht
+ausgeführt hat) für echte Kunsttradition und wirkliche Schulen,
+spricht für weit von Stamm zu Stamm ziehende „fahrende Künstler“, oft
+sonst vielleicht „arme Teufel“, die, dem Jäger und Kriegerberuf nicht
+gewachsen, dafür den Ruhm ihrer begehrten Malerbegabung genossen.
+
+Bisweilen meint man ihre Arbeit noch wie lebendig zu erblicken, wenn
+in einer spanischen Höhle (Hormos de la Penja) auf der Wand ein
+Pferdehinterteil eingraviert erscheint und daneben am Fleck selbst ein
+Pferdestirnbein erhalten ist mit der peinlich genauen Skizze dazu.
+
+Auf gesonderte feinere und daneben mehr zweitklassige Arbeitsstätten
+weist, wenn an einer Fundstelle allgemein solche künstlerischen
+Erstproben und Versuchsproben in Menge auftauchen, an anderer dagegen
+durchweg schon fabrikmäßig zum Gebrauch ausgemünztes Kunstgewerbe sich
+häuft.
+
+Auch das könnte an fahrende Gesellen mahnen, die überallhin gleichmäßig
+ihre besondere Tradition übertrugen, wenn bisweilen die erhaltenen
+Knochen der gerade dort gejagten Tiere nicht zu den Bildern stimmen
+wollen — also z. B. der Zeichner die ihm geläufigen Mammute noch
+verewigt hat, wo gar keine vorkamen.
+
+Im übrigen ist aber auch nicht wahr, daß diese
+französisch-nordspanische Kunst in sich keinerlei +Entwicklung+ gehabt
+hätte.
+
+Der Abbé Breuil, der fast sein ganzes Leben mit einer rührenden
+Liebe in den Dienst dieser uralten Dinge gestellt, hat sich seit
+Jahren bemüht, Linien solcher Innenentwicklung doch zu fixieren —
+mit schwankendem Glück, aber unermüdlich neu tastend. Man gewahrt
+Mammute auf verschiedenen Stufen mit durchaus verschiedener Technik
+dargestellt. Glaubt die Gravierung sich verfeinern und dann vor der
+Malerei zurücktreten zu sehen, während diese selbst über Lücken und
+Krisen schließlich erst zu ihrem vollen buntfarbigen Endausdruck
+gelangt. Auf der letzten Stufe machen sich aber, scheint es, auch
+bereits Manier und Konvention mit ihrer beginnenden Erstarrung
+geltend. Wo wäre eine spätere kunstgeschichtliche Periode, die nicht
+ähnliches zeigte, zumal die Dauer groß erscheint. Vieles mag bei dem
+lückenhaften und ungleichen Stoff hier noch Täuschung sein oder auf
+fremde Einmischungen gehen, die nicht von innen kamen — alles gewiß
+nicht.
+
+Hier noch ein Wort auch zu Stilisierung und Ornament als solchen.
+
+Nach dem, was früher über das Rhythmische wohl aller Kunst und Vorkunst
+gesagt ist, sollte man theoretisch das auch hier schon voraussetzen.
+Und wenn es in der allein gegebenen bildenden Kunst wirklich so radikal
+ausschaltete, wie Hoernes oder Verworn glaubten, so müßte man auch
+dann nicht gleich von „Ur-Naturalismus“ reden, sondern zunächst einen
+besonderen Grund der +nachträglichen+ Wiederausmerzung suchen — etwa in
+jenem Zauberzweck oder sonst einem nicht rein künstlerischen Nebenzwang.
+
+Inzwischen wissen wir aber, daß die Leute auch ganz ausgezeichnete
+Ornamente herstellen konnten, wenn sie wollten.
+
+Es gibt solche aus gewissen südfranzösischen Höhlen, die in ihrer
+Art fast genau so vorzüglich sind wie das naturalistische Tierbild.
+Und auch diese flotten Spiralen und verwickelten Arabesken, zum Teil
+wieder in Mammutelfenbein, sind ebenso unzweideutig echt, wie das
+andere Material, so stark man sie auch dem guten alten Piette, der
+sie zuerst fand und abbildete, anzweifeln wollte. Piette, Autor des
+dicken Quartanten ~L’art pendant l’Age du Renne~ mit vielen schönen
+grundlegenden Tafeln, war kein übermäßig kritischer Kopf, aber er
+behielt in dem Punkte wie im andern Recht.
+
+Des weiteren zeigen sich mehr oder minder weitgehende Umgestaltungen,
+Rhythmisierungen, Stilisierungen echter Naturobjekte (Pflanzen,
+Tierköpfe) in solches Ornamentale hinein. Hübsche Tierhäupter, z. B.
+Gemsen, werden zunächst einfach identisch in Reihen wiederholt, dann
+immer mehr auch im einzelnen ausstilisiert, in Arabesken verwandelt,
+bis endlich das Tier fast unkenntlich nur noch aus einer Art
+hieroglyphischer Zeichen durchschimmert.
+
+Auch da ist (wie bei heutigen Naturvölkern, die es noch ähnlich machen)
+wieder viel mit Theorien herumgearbeitet worden. Als wenn allgemein
+das Naturalistische das Rhythmische nachträglich erst aus sich
++erzeugte+! Als ob auch die verschnörkeltsten Ornamente zuletzt etwa
+nur Tierhörner wären. Das ist so gesagt natürlich wieder grundsätzlich
+unmöglich. Um etwas zu rhythmisieren, muß ich zunächst das rhythmische
+Bedürfnis schon +haben+. Das kann aber dann sehr eigene Wege auch
+hier gehen, wie in der Musik. Kann aus solcher „innerer Musik“ auch
++freie+ Ornamente schaffen. Andererseits wird es aber auch Naturmotive
++benutzen+, gleichsam zur Kristallisationsstelle machen, zumal wenn in
+denen selber bereits aus den früher dargelegten Gründen +organische+
+Rhythmik steckt, wie in einem Hirschgeweih oder einem Akanthusblatt.
+Und wird diese gegebene Natur-Rhythmik dann selbsttätig so lange weiter
+stilisieren, bis schließlich auch so die reine Formenmusik übrig bleibt
+und das pure Kunstornament auch von hier erreicht ist.
+
+Auch diese einfachen Dinge sollte man sich doch nicht überflüssig
+schwer machen. Sollte nicht ein Volk bloß auf ein Stück des
+ursprünglichen Kunsterlebnisses festnageln wollen, anstatt jeder Kunst
+ursprünglich auch ihre ganzen Mittel zuzubilligen.
+
+Ein anderes ist es natürlich, ob eine spezielle Kunstrichtung örtlich
+oder zeitlich aus irgendwelchen Gründen mehr die Realistik oder diese
+innere Musik in ihrem Kunstbild +pflegen+ will. In gleicher Zeit können
+hier parallele Kunstvölker doch sehr verschiedene Wege gehen, und es
+kann auch eines das andere nachträglich beeinflussen.
+
+Man hat Anzeichen, daß zur gleichen Epoche, da in Westeuropa das
+naturgetreue Tierbild so feste diluviale Mode war, weit im Osten mehr
+das Ornament blühte. Immerhin blühte es doch parallel, wieder ein
+Beweis, daß es selber auch damals schon je nach Wunsch da war.
+
+Die Idee ist dann ausgesprochen worden, es sei schon im Solutreen
+durch eine diluviale Wanderung einmal solcher Osteinfluß mit seiner
+Ornamentliebe vorübergehend auch nach Westen getrieben worden, der sich
+dann im folgenden Magdalenien aber wieder verloren hätte. Und ebenso
+soll sich in der unverkennbaren Stilisierung der letzten nordspanischen
+Höhlenmalerei ein anderer Fremdeinfluß merkbar gemacht haben, der
+allmählich die ganze Westkunst überhaupt überflutet, die alte Kunst
+dort endgültig zu Fall gebracht und im Ausklang der Diluvialzeit für
+ganz Europa eine Hochflut übersteigerter Ornamentkunst heraufgeführt
+hätte.
+
+Doch dazu ist jetzt noch ein Letztes von dieser wunderbaren
+Diluvialkunst selbst zu erzählen, das auch die neueren Jahre, wie es
+scheint, immer reinlicher herausgearbeitet haben und das nun vollends
+jenen ersten Theorien den Hals bricht.
+
+Nachdem nämlich all jene mehr oder weniger kühnen Ideen sich wesentlich
+nur auf die geschlossene französisch-nordspanische Kunst (mit ihren
+doch in der Hauptsache noch gleichartigen östlichen Ausläufen)
+versteift hatten; nachdem sie in ihr einfach „+die+“ Kunst der Eiszeit
+gesehen hatten, auf der sich jedwede Spekulation über Eigenart einer
+menschlichen Ur- und Anfangskunst aufbauen +müsse+ — ist jetzt zum
+Schluß am Mittelmeer noch eine ganze +zweite Diluvialkunst+ entdeckt
+worden, die, selber ebenfalls eine hohe und geschlossene Kunst, doch
+in der gleichen Zeit auch im Tier- und Menschenbild bereits völlig
++andere+ Wege einschlug.
+
+Ich erinnere noch einmal an die sechs diluvialen Kulturperioden, wie
+sie zuerst in Frankreich deutlich wurden. Drei (Chelleen, Acheuleen,
+Mousterien) Stufen der Neandertaler, drei höhere, zu der jene Schnitz-
+und Malkünstler dort gehörten: Aurignacien, Solutreen, Magdalenien.
+(Ob das Schema selbst noch zu vertiefen wäre, wie neuerlich Hauser
+vertritt, lasse ich hier für meinen Zweck beiseite.) Es hat sich
+nun herausgestellt, daß die drei Alt-Stufen mit ihrer typisch
+altertümlichen Steintechnik auch durch +das ganze Mittelmeergebiet+
+bis drüben an die afrikanische Wüste und fern nach Ägypten und Syrien
+gehen. Und auf sie folgt in diesem Riesengebiet dann auch eine etwas
+höhere Kultur, zeitlich parallel dem Aurignacien, Solutreen und
+Magdalenien, doch nicht identisch, sondern offenbar einen +eigenen+
+Nebenweg jetzt einschlagend.
+
+Man hat also für diese einheitliche Oberstufe dort einen neuen
+Sondernamen einführen müssen, wobei die tunesische Oasenstadt Gafsa,
+einst in der Jugurtha-Zeit +Capsa+ geheißen, Pate stand.
+
+Von Capsa abgeleitet also das +Capsien+.
+
+Darin ein Alt-Capsien zeitlich entsprechend dem
+französisch-nordspanischen Aurignacien. Und ein Jung-Capsien zeitlich
+parallel bis zum Ende des Magdalenien dort.
+
+Es schien nun zunächst befremdend, daß dieses doch so kolossal
+ausgedehnte Capsien keinerlei Kunst zeigen wollte. Dann aber kam die
+Überraschung auch hier.
+
+Im Westmittelmeer reichte auch das Capsien selbst noch bis nach Spanien
+als Schlußstation. Also ganz verdächtig nahe an die Kunstzone dort des
+Aurignacien und Magdalenien heran — um so näher, als diese sich nicht
+rein auf Nordwestspanien einschränkte, sondern einen Ableger auch ganz
+im spanischen Süden besaß.
+
+Tatsächlich besetzte das spanische Capsien seiner
+Mittelmeerorientierung entsprechend wesentlich die Ostküste. Also etwa
+von Tarragona rund bis Granada. Und dort nun die verblüffende Neuheit.
+
+Auch die Capsienleute hatten wirklich Kunst getrieben und sich
+mindestens hier auch mit ihr verewigt.
+
+Wohlverstanden noch einmal: Kunst jetzt zeitlich ebenfalls genau
+parallel zu der der Aurignacien- und Magdalenienkünstler drüben.
+
+Aber es ist eine zwar auch in ihrer Art hohe, doch im Wesen durchaus
++verschiedene+ Kunst.
+
+Diluvialkunst gleichsam aus einem ganz anderen künstlerischen Sehwinkel
+als bei denen dort drüben, dabei zunächst keineswegs bloß auf den
+Gegensatz: hie Naturalismus, hie Ornament. Sondern auch in ihrer Weise
+mit einem gewissen Anlauf Naturalismus, aber völlig anders gewandt.
+Eben mit dem Wort: aus einem radikal anderen künstlerischen Augenwinkel.
+
+Der erste Fleck, wo dieses neue Wunder sich andeutete, war +Alpera+,
+etwas landeinwärts in der Provinz Albacete. Danach hat man diese ganze
+verblüffende Zweit-Kunst die Alperakunst genannt.
+
+Da die andere drüben in Nordspanien in der pompösen Bilderhöhle von
+Altamira gipfelt, stellt man sie wohl dieser Alperakunst einfach als
+Altamirakunst gegenüber, gute Namen, aber beide wohlverstanden noch
+diluvial.
+
+Auch Alpera lieferte gleich vier Felsnischen mit Malerei. Halb offene
+Felsnischen, denn diese Ostleute malten statt in Höhlen mehr frei
+und außen an, wobei, wie man sich denken kann, in der Folge immer
+viel zerstört worden ist — Capsienkunst heute noch zu bekommen, wird
+also stets noch etwas schwieriger und unwahrscheinlicher sein als
+Altamirakunst. In Ostspanien gehen solche Nischen aber jetzt doch noch
+durch das ganze Gebiet aller Provinzen herunter und hinauf. Meist
+mehrere, einmal gleich fünfzehn, beisammen.
+
+Malerei aber ist offenbar schon allgemein Trumpf, sobald der Vorhang
+aufgeht. Gravierung findet sich nur sehr ausnahmsweise; das meiste
+einfach mit roten Ockerfarben gegeben, selten schwarz oder gelb, noch
+seltener weiß. Und zwar die Figuren (um solche handelt es sich zunächst
+auch hier durchweg) fast rein +silhouettenhaft+ ausgefüllt und nur auf
+Umrißwirkung zugeschnitten — eine Teufels- und Hexenwelt sozusagen, die
+wie im Schattenspiel über den Fels geistert.
+
+Die Einzelfiguren klein, oft sehr klein, als hätten Leutchen mit einem
+kleineren Sehmaß gearbeitet. Aber was für eine wunderbare Welt!
+
+Da ist diesmal keine Rede von jener mit unendlicher Liebe
+durchgearbeiteten Einzelnaturtreue der Altamirakunst. Dafür aber eine
+ganz andere, ebenso packende Naturtreue der bewegten Gruppenhandlung.
+
+Menschen, Massen von Menschen aufdringlich diesmal im Vordergrund,
+die gespenstischen Schattenrisse aber alle in temperamentvollster
+Aktion. Nicht immer, aber doch geradezu herrschend diesmal eben
+das Gruppenbild. Was wir in Altamira nur gleichsam in Einzelstücke
+gesondert erhielten, hier wirklich als die Komposition der
+fortlaufenden Lebenshandlung.
+
+Wir sehen als solchen Silhouettentanz ohne Hintergrund, aber doch
+aneinanderhängend, die Jagd. Alle möglichen Wildtiere, auch sie nur
+solche einfachen, aber durchweg wohl erkennbaren Schattenrisse. Dann
+die Jäger, anstürmend, schießend, in den abenteuerlichsten Stellungen
+und Verrenkungen der bis in jeden Nerv anspannenden Jagd. Seltsame
+Männchen. Also so sahen sie aus, mindestens die Capsienleute, wenn sie
+gegen Wildpferd und Nashorn zogen. Unverkennbar etwas von Indianern.
+
+In der Hauptsache splitterfasernackt, aber fast mit einem eiteln
+Übermaß zugleich von Schmuck, den auch die Silhouette noch dick
+herausarbeitet. Ganz indianerhafter Federkopfputz. Gehänge durchbohrter
+Zähne und Schnecken. Troddeln, Gürtel und Kniebänder. Um die Arme
+Ringe. Man kann sich denken, daß solch ein nackter Kerl, der
+wahrscheinlich im Leben auch rot bemalt war, doch stundenlang Toilette
+machen mochte.
+
+Nun die Hauptwaffe, mit der sie dem Wild zu Leibe gehen. Ausgespart
+das, was bei den Altamiraleuten niemals klar werden wollte: ob sie
+schon Bogen und Pfeil besessen hätten. Unsere roten Capsien-Teufel
+führen durchweg ganz mächtige Bogen. Es sind sogar schon sehr
+kunstvolle Bogen mit sog. reflexer Einkrümmung beim Gebrauch. Die
+hakigen Pfeile gefiedert. Auch die Köcher dazu sieht man.
+
+Noch unterhaltender: es tauchen auch Frauen auf. Keine Willendorfer
+Fettmassen, aber doch auch sie recht seltsam. Oben in manchen Fällen
+nackt mit langen Brüsten, unten mit kurzen, beinahe modern flotten
+Röckchen. Hauben tragen sie oder (ich sehe nicht genau) auch schon
+Bubiköpfe. Andere auch höher hinauf bekleidet, wieder dritte ganz
+nackt. Auch sie mit mächtigem Halsschmuck und schweren Armreifen.
+Stehen sie in Gruppen beisammen, so hat man gemeint, sie umtanzen
+feierlich etwas, etwa ein nacktes Männchen. Doch bleibt das unklar.
+
+Eine Merkwürdigkeit, die Erklärung heischt, hält auch hier zäh durch:
+daß man nämlich offenbar auch in der Silhouette, wo es doch nahe
+läge, keinerlei Gesichtsprofile gibt. Als wenn selbst bei dieser
+Massenmenschlichkeit, die uns sonst nichts schenkt, was ein Schattenriß
+auch nur eben noch markieren kann, das Antlitz durchaus nicht
+nachgeahmt werden dürfe. Magischer Sinn auch darin? Auch hier?
+
+Oder liegt es auch schon an dem (man hat kein besser passendes Wort)
+unzweifelhaft diesmal mehr +expressionistischen+ Kunststil, der überall
+herrscht, bald vereinfacht, bald im Umriß übertreibt, die menschliche
+Körperform bis zum Humoristischen (doch stets aus voll beherrschtem
+zielgerechtem Stilprinzip) reckt, verbiegt — über alle zum Ausdruck
+minderwertigen Einzelheiten wegzeichnet, Leib und Glieder schließlich
+bloß noch als Nerv, als Gedankenlinie faßt, um das Menschenmögliche an
+Bewegung, Handlung herauszupeitschen.
+
+Man glaubt auch dabei Stufen, Schulen, immer extremere
+Künstlerkühnheiten zu verfolgen.
+
+Einmal ist das Teufelchen noch annähernd auch hier naturalistisch treu,
+wie es mit seinem Bogen weit spreizbeinig anstürmt, ein Meisterstück
+sicher in der Silhouettenschneiderei aller Zeiten. Dann kommen aber
+im „expressionistischen“ Verfolg über schönen Beinen die Leiber ganz
+schlangenhaft ausgereckt, mit winzigen Affenköpfchen daran. Wiederum
+in anderem Akrobatenexzeß ein feiner Oberkörper über unheimlich dick
+aufgeschwollenen Beinen. Und endlich die Silhouetten überhaupt fast
+nur noch linear wie die Schneiderspinnen, eben so ganz Nerv. Womit
+sich dann allerdings auch ein Umschwung zu einer gleich zu erörternden
+Schlußwendung dieser Kunst anbahnt.
+
+Die Jagdtiere geben zoologisch, was von diesem Ostspanien wohl ungefähr
+zu erwarten war. Die klimatischen Verhältnisse Spaniens entsprachen
+nach Obermaier auch in der Eiszeit am Nordrand etwa denen des heutigen
+Schottland, im Innern Polen, im Süden dem jetzigen Südfrankreich.
+Mammut und Renntier sind wohl nicht mehr bis in diese Alpera-Gegend
+gelangt. So sehen wir den gewöhnlichen Hirsch, den Ur, das Wildpferd,
+Gemse und Steinbock, die damals noch unten bis an die Küste streiften,
+typisch diluvial aber doch das Nashorn und den Wildesel, vielleicht den
+Bison.
+
+Es fällt schwer, diese Kunst bloß zu beschreiben, man muß die Bilder
+sehen. Aber schon das erstbeste zeigt, daß man in einer himmelweit
++anderen+ Kunstwelt ist, als so nahe drüben in Altamira, doch auch in
+unbedingt +hoher+, bis zu weitem Ziel ausgelebter Kunst.
+
+Stärker noch als drüben hat man sogar den Eindruck einer im letzteren
+Sinne bereits „ausgeschriebenen“ Kunstepoche. Nicht eigentlich
+Verfall, aber Übersteigerung. Eine Endkunst von offenbar sehr
+langer Vergangenheit. Hochgradig vergeistigt geworden mit ihrem
+Silhouettenspuk, der alle Form in Bewegung auflöst, bis er etwas von
+Fieberspuk bekommt.
+
+Man hat sich diesmal besonders stark an die bekannte heutige
+Buschmannkunst gemahnt gefühlt, die in ihrem Winkel eines auch
+untergehenden rätselhaften Volkes gewisse zugleich realistischen
+und dämonischen Züge unbedingt teilt. Vielleicht ist es doch nicht
+bloß ein Zufall, daß diese Capsienkultur räumlich auch an den
+uralten Geheimnisboden Afrikas rührte. Man hat bei den kleinen
+Männchen und auch einigen Zügen in der späteren Werkzeugtechnik des
+Capsien selbst gelegentlich schon direkt an eine „pygmäoide“, an
+die afrikanischen Zwergrassen anknüpfende Unterschicht in dieser
+diluvialen Mittelmeerkultur gedacht, doch sind das einstweilen nur lose
+Vermutungen.
+
+Am heutigen algerischen Sahararand sind Frobenius und Obermaier eben
+dabei, auch wundersame Felsbilder zu deuten, von denen allerdings noch
+nicht sicher ist, wie alt sie sind, und die vorläufig keine echte
+Alperakunst, sondern eher wieder Naturalismus zeigen würden. Ein
+monumentales deutsches Prachtwerk „Hadschra Maktuba“ gibt das Material.
+Auch das ist noch unklarer Boden, wenn auch hochinteressanter.
+
+Bleiben wir aber bei der Kunst und zweifellosen echten Diluvialkunst in
+diesen unseren Alperaleuten selbst. So ist das doch in jedem Betracht
+ein ungeheurer Fund.
+
+Also jene diluvialen Südfranzosen und Altamiraleute +waren+ gar nicht
+„+der+“ Anfang.
+
+Sie hatten glänzende Künstler, waren eben schon ein starkes Kunstvolk.
+Aber sie hatten nahe neben sich (und wohl noch über ein sehr viel
+größeres Landgebiet schon damals hinaus) eine andere Kunst, auch
+Lebensmalerei und gute, nur völlig andere, nicht naturalistische,
+sondern „expressionistische“, extrem auf reinen Handlungsausdruck,
+Gruppenbild, von Anfang an Malerei, flotteste Menschendarstellung —
+was bedarf es noch der Worte.
+
+Nur der Schluß dieser Alperakunst, den wir wenigstens in Spanien
+selbst auch noch sehr gut übersehen, muß noch fesseln, da er zugleich
+in die Ornamentfrage überleitet und noch einmal sehr hübsch Hoernes’
+schiefe Idee beleuchtet, alle Diluvialkunst sei mit Ende der Eiszeit
+ohne innere Wandlung ins „Nichts“ verpufft, wie sie unbegreiflich dem
+„Nichts“ entstiegen.
+
+Ein solcher schließlich reiner „Nervenstil“, wie der auf der Höhe von
+Alpera, wird immer eine Tendenz haben, jenseits dieser Höhe in sein
+Gegenteil umzuschlagen. Nämlich zu erstarren in eine Art Zeichenschrift
+mit abstraktem Schematismus, in dem gerade das extravagante Leben
+wieder erstickt. Seine Figuren werden sozusagen Noten.
+
+Ganz deutlich sehen wir die ostspanischen Felsmalereien nach einer
+(zeitlich vielleicht auch sehr bedeutenden) Weile ungebändigter Kraft
+diesen Weg wirklich einschlagen.
+
+Die Menschen- und Tiersilhouetten werden mehr und mehr ganz
+regelmäßig, geometrisch, arabeskenhaft. Der Engländer Wells hat in
+einem seiner besten Romane einmal vierbeinige Menschenameisen auf dem
+Mond geschildert — so fangen die kleinen roten Indianerchen zuerst
+auch an auszusehen, dann zehren sie ganz zu einer Art chinesischer
+Teebuchstaben ab. Zugleich empfindet man aber die offenbar wachsende
+Freude der Leute an diesem so entstehenden rein symmetrischen Ornament
+als Kunstausdruck wieder selbst. Alle Sorten auch reiner Ornamentsaat:
+Wellenbänder, Kreise, Sterne, drängen sich dazwischen. Noch immer
+werden Felswände benutzt, oft die gleichen Nischen von früher, indem
+wie bei Palimpsest-Handschriften die verschliffene Kunst über die noch
+echte alte weggeführt wird, Beweis, daß sie stets die jüngere ist.
+
+Auf dieser schematischen Stufe scheint die ostspanische Kunst dann
+wieder lange geblieben zu sein, sich nur räumlich immer tiefer in
+die ganze Halbinsel verbreitend. Über ein Spät-Capsien, das schon
+nicht mehr diluvial war, fort durch die ganze jüngere (neolithische)
+spanische Steinzeit bis in die Kupferzeit, schätzungsweise zuletzt bis
+gegen 2000 v. Chr., womit bereits die engere historische Zeit weit
+überschritten war.
+
+Es gibt aber Vermutungen, daß sie mit dem Diluvialausgang selber noch
+über Spanien hinaus allgemein nach Norden gegriffen habe. Es wäre
+immerhin merkwürdig, wenn die beiden Kunstlinien Altamira und Alpera,
+so nahe geographisch beieinander, sich nicht schon vorher und in ihrer
+Blüte gelegentlich berührt hätten. Man hat sich gedacht, der Übergang
+zur Farbe drüben sei tatsächlich bereits von hier, wo man offenbar
+längst malte, angeregt worden. Und noch wieder hätte das merkbare
+Stilisieren des gemalten naturalistischen Bildes drüben von der
+beginnenden Schematisierung hier Einfluß erfahren. Nur Versuchsblicke
+das alles einstweilen.
+
+Aber im Ausgang der Diluvialzeit ist es wirklich, als flössen die
+Kunstrivalen merklich im objektiven Gehalt zusammen — mit Sieg der
+bereits stark schematischen Kunst. In der gleichen französischen
+Pyrenäenhöhle, wo einst jener herrliche Pferdekopf liegen geblieben,
+Mas d’Azil, verrät sich jetzt in schon ersichtlich nachdiluvialer
+Staffage auch eine beinahe bis zu Hieroglyphen erstarrte Schemakunst
+(im sog. Azilien). Was war geschehen? Waren nicht bloß Kunststile
+gewandert, sondern ganze Völker ins Rollen gekommen?
+
+Jedenfalls ahnt man, daß überall die Folgezeit in eine stärkere
+Ornamentwelle gerissen werden konnte, wie sie denn auch die ganze
+neolithische und frühe Metallzeit bis hoch in den Norden hinauf
+durchzieht.
+
+Doch ich gehe auf diese Perspektive nicht ein, denn sie hatte mit
+der Diluvialzeit selbst nichts mehr zu tun, war der Wellenschlag
+einer neuen geologischen Epoche, wie in der Technik und Wirtschaft,
+so gewissermaßen auch in der Kunst, der unaufhaltsam bereits auf die
+engere historische Zeit zuläuft. Ich komme für meine Schilderung zum
+Schluß.
+
+Ich denke doch, daß ich mit zwei Gedanken schließen darf.
+
+Diese diluviale Kunst, wie wir sie jetzt sehen, ist +keine Vorkunst
+mehr+.
+
++Keine+ allgemeine +Anfangsstation+ noch in der menschlichen
+Kunstwerdung.
+
+Weder die Altamira- noch die Alperakunst kann vom Himmel gefallen sein
+aus dem „Nichts“. Beide waren schon einseitige Gipfel, denen Langes
+voraufgegangen sein muß.
+
+Mit beiden sind wir bereits mitten in der „Kunstgeschichte“ mit all
+ihren Gegensätzen: Naturalismus, Expressionismus, Ornament, Stil,
+Aufstieg, Verfall, religiöse und profane Kunst, gegensätzliche
+Kunstwege parallel zu gleicher Zeit, sich trennend, endlich sich
+überschneidend.
+
+Wir sehen darin auf ein Kunstvolk, vielleicht ein relativ kleines im
+Winkel, das es im Tierbild erstaunlich weit bringt.
+
+Auf ein anderes, dem der rücksichtslose Ausdruck belebter Handlung fast
+bis zum Übermaß in seiner bildenden Kunst glückt.
+
+In einer verborgeneren Linie blüht auch das reine Ornament schon, das
+sich für eine ganze Ära dann wieder durchsetzt.
+
+Völker wechseln schon damals, und mit ihnen Kunststil und Kunstbegabung.
+
+Fremde Gewalten des übrigen menschlichen Seelenlebens mögen zeitweise
+in die reine Kunstübung eingreifen, sie tyrannisieren und retardieren.
+
+Auf eine ungeheure zeitweise Anspannung mag eine Art Lähmung zunächst
+wieder gefolgt sein, bis der Genius erneut irgendwo durchbrach, ohne
+daß der Faden wohl je ganz gerissen wäre.
+
+Das alles doch Erscheinungen genau wie in aller +späteren+ hell für uns
+beleuchteten Kunst.
+
+Auch da sehen wir etwa die Dichtung plötzlich schon solchen Gipfel
+erreichen, wie in den homerischen Epen, um dann wieder scheinbar
+zu pausieren bis auf die großen griechischen Tragiker und wieder,
+noch viel länger, bis zu Dante. Auch die bildende Kunst des
+klassisch-griechischen Zeitalters oder der Renaissance auf ihren Höhen
+ergreifen bisweilen wie ein Wunder, das wir vergebens rein aus der
+Wirtschaft und Technik ihrer Tage zu verstehen suchen. Und doch wissen
+wir, wenn wir von den letzten Geheimnissen des inneren künstlerischen
+Erlebnisses, die immer bleiben, absehen, daß es sich hier um +kein+
+Wunder gehandelt hat, sondern nur um die ewige Ungleichheit, um das
+ewige Wechsel- und Gegenspiel des Individuellen, das auch in Völkern
+und Zeiten das unersetzliche Ferment aller Entwicklung und des
+Gesamtfortschrittes bildet.
+
+Es ist gewiß ein bestrickendes Bild, das sich uns dazu selbst noch aus
+der Welt der Mammute enthüllt; aber es ist +nicht mehr+ die „Abstammung
+der Kunst“, auch nicht auf der Station Mensch.
+
+Ob wir je an deren engeres Geheimnis rühren werden? Ich will keine
+Hoernesschen Prophezeiungen wagen; aber noch haben wir dieses Geheimnis
+rückwärts nicht weidgerecht gestellt, auch bei den Mammutjägern nicht.
+
+Aber noch ein Gedanke drängt sich auf, einlenkend wieder zu dem ganz im
+Anfang Gesagten.
+
+Was für eine +ungeheure Bedeutung+ muß diese Kunst von Beginn an auch
+für den Menschen gehabt haben! Wenn er auf einer technischen Stufe
+von solcher Unvollkommenheit, wie sie die Waffen und Werkzeuge und
+der ganze Kulturbesitz nach der Seite der Nützlichkeit damals noch
+verraten, doch bereits so hoch in allen Kräften und Problemen der
+bildenden Kunst gekommen war.
+
+Der erste Mensch, möchte man sagen, muß nicht nur bereits ein erster
+Menschenkünstler gewesen sein.
+
+Sondern in ihm muß auch diese Kunst selber ein +Erstes+ gewesen sein —
+der leuchtendste Stern vielleicht über der Krippe, in der er lag.
+
+Ja, wer uns auch in dieses Geheimnis einmal schauen ließe ...
+
+
+
+
+Sachregister
+
+
+ Abendpfauenauge 26
+
+ Akanthusmotiv 54
+
+ Albacete 56
+
+ Allkünstlertum der Urzeit 44
+
+ Alperakunst 56 ff., 59 f., 61
+
+ Altamira 42, 56 f., 59, 61
+
+ Amblyornis 30
+
+ Argusfasan 29
+
+ Asyltheorie 34
+
+ Aurignacien 41, 43, 45, 49 f., 51 f.
+
+ Azilien 61
+
+
+ Beethoven 13, 15
+
+ Begriffliches Denken 39
+
+ Bogen 57
+
+ Brassempouy 50
+
+ Brehm 29 f.
+
+ Breuil 42, 52
+
+ Briefschreiben, angebliches, bei Hunden 19
+
+ Buschmänner 40 f., 47, 49, 59
+
+ Busch, Wilhelm 49
+
+
+ Callima 26
+
+ Capsa, Stadt 55
+
+ Capsien 55 ff.
+
+
+ Dante 62
+
+ Darwin 18, 24 f., 26 f., 35 ff.
+
+ De Vries 27
+
+ Diluvialmenschen 17, 21, 40 ff.
+
+
+ Einheit des Kunstwerks 13
+
+ Einzelfiguren in der diluvialen Kunst 48
+
+ Elster 29
+
+ Erlebnis, künstlerisches 10 ff., 16, 37
+
+ Erotik in der Kunst 32 f.
+
+ Expressionismus 58 f., 61
+
+
+ Fahrende Künstler der Diluvialzeit 52
+
+ Felsnischenkunst, ostspanische 56
+
+ Fortschritte innerhalb der diluvialen Kunst 52
+
+ Frauenkunst 45
+
+ Frobenius 59
+
+ Fruchtbarkeitsidole 50
+
+
+ Geheimnis, letztes, der Kunst 37
+
+ Geisterfallen 48
+
+ Geist im Tiere 20 f.
+
+ Gesang der Vögel 19, 28 f., 31
+
+ — des Gibbon 29
+
+ Geschlechtliche Zuchtwahl 36
+
+ Geschlechtsleben, Bezug der rhythmischen Triebe zum 31 ff., 34 ff.,
+ 37, 39
+
+ Giltsch 22
+
+ Goethe 7, 14, 17, 34
+
+ Goldener Schnitt 15
+
+ Gruppenbilder 48, 57
+
+
+ Haeckel 22 ff.
+
+ Hasenlaufen, Theorie vom 44, 46
+
+ Hauser 47, 55
+
+ Heinroth, Ehepaar 31
+
+ Heuschrecken als Musikanten 19, 29
+
+ Hochzeitskleider bei Tieren 32, 34
+
+ Hochzeitslauben 32
+
+ Hoernes, Moritz 44 ff., 47 f., 50 f., 53, 60, 62
+
+ Homer 9, 62
+
+ Hormos de la Penja, Höhle 52
+
+ Hungertheorie in der diluvialen Kunst 44, 49
+
+
+ Idealisieren 15
+
+ Instinkt 19 f., 23 ff., 36 f., 38, 45
+
+ Intelligenz 21, 37
+
+ Intuition 10 f., 14
+
+
+ Jagdzauber 48
+
+ Jean Paul 9
+
+
+ Klaatsch 47
+
+ Klippenvögel 29
+
+ Koehler 38, 45
+
+ Kunstformen der Natur 22, 24, 28
+
+ Kunstschulen der Diluvialzeit 51, 58
+
+ Kunsttriebe der Tiere 18, 21, 28 ff.
+
+
+ Laubenvögel 30, 32, 36, 39
+
+ Laussel, Höhle 50
+
+ Liebeswahl der Tiere 34 ff.
+
+
+ Magdalenien 41, 54 f.
+
+ Magie in der diluvialen Kunst 43, 47, 49 f., 58
+
+ Mammut 5, 42, 50, 52, 58, 62
+
+ Mas d’Azil, Höhle 41, 45, 61
+
+ Materialfrage in der Kunst 46 f.
+
+ Menghin, Oswald 48
+
+ Menschendarstellung in der Diluvialkunst 47, 49 ff., 57 f.
+
+ Meyer, Eduard 42
+
+ Michelangelo 6, 13
+
+ Mneme 27
+
+ Moekel, Frau 19
+
+ Musik als Grundstimmung der Kunst 14, 22, 54
+
+ Mutation 27
+
+
+ Nachtigall, nicht vererbter Schlag der 31
+
+ Nacktheit bei den Diluvialmenschen 50
+
+ Namengebung im biblischen Schöpfungsbericht 39
+
+ Naturalismus 12, 43, 53, 56, 59, 61 f.
+
+ Neandertaler 41, 43, 45 f., 47, 55
+
+ ~Nyctipao albicincta~ 26
+
+
+ Obermaier, Hugo 46, 52, 58 f.
+
+ Organ 20 f., 35
+
+ Ornament 6, 15, 22 ff., 28, 34 f., 43, 53 f., 56, 60
+
+ Ostspanien in der Diluvialkunst 55 ff.
+
+
+ Pästum, Tempel von 13
+
+ Papuaneger 6 f., 15
+
+ Paradiesvögel 30, 32, 34
+
+ Persönlichkeit, Wesen der 37 ff.
+
+ Peterskuppel in Rom 14
+
+ Pferdekopf von Mas d’Azil 41, 45, 51
+
+ Phantasie 10 ff.
+
+ Phidiasschule am Parthenon 42, 45
+
+ Piette 53
+
+ Platonische Ideen 15
+
+ Pompeji 52
+
+ Predmost 50
+
+
+ Radiolarien 23, 35
+
+ Raffael 13 ff.
+
+ Religion und Entwicklungsidee 17
+
+ Rembrandt 42
+
+ Rhythmisches i. d. Kunst 14 f.
+
+ — bei Tieren 19, 22, 28 ff.
+
+
+ Sahara, Felsbilder am Rande der 59
+
+ ~Salassa lola~ 26
+
+ Schematismus in der Kunst 60 f.
+
+ Schimpanse, Kunstzüge beim 38 f., 42, 45
+
+ Schmetterlinge 23 f., 26, 32, 35 f.
+
+ Schmuck 39, 46
+
+ Schönheitssinn bei Tieren 35
+
+ Schopenhauer 15
+
+ Schuchhardt 42, 50 f.
+
+ Seitz 23
+
+ Semon, Richard 27
+
+ Shakespeare 9, 13
+
+ Silhouettenkunst, ostspanische 56, 59
+
+ Solutreen 41, 55
+
+ Specht, Musikinstrument beim 19
+
+ Sprache, begriffliche 39
+
+ Steatopygie 50
+
+
+ Tanz beim Menschen 29, 33, 46, 51
+
+ — bei Menschenaffen 38
+
+ — bei Spinnen 29, 31
+
+ — bei Vögeln 29 ff.
+
+ Tanzmasken 47
+
+ ~Telea polyphemus~ 26
+
+ Tonapparate der Tiere 31
+
+ Totenkult bei den Diluvialmenschen 47, 49
+
+ Traum 10 ff., 37
+
+ — bei Tieren 18
+
+ Trois Frères, Höhle 47
+
+
+ Venus, sog. von Willendorf 50
+
+ Vererbung 27, 31
+
+ Verworn, Max 44, 47, 51, 53
+
+ Viskatscha 29, 31
+
+
+ Wells 60
+
+ Wohlgefallen, Gesetze im 15
+
+
+ Zauberer, diluviales Bild von einem 48
+
+ Ziegler 19
+
+ Zwergrassen 59
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 1
+
+Sog. „Venus“ von Willendorf
+
+Diluviale Schnitzerei
+
+(Nach einer Photographie des Museums für Völkerkunde in Berlin)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 2
+
+Diluviales Relief eines schlanken Jünglings von Laussel
+
+(Nach Lalaune)]
+
+[Illustration: Diluviales Relief einer Frau von Laussel
+
+(Nach Lalaune)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 3
+
+Pferdekopf. Diluviale Schnitzerei von Mas d’Azil
+
+(Nach Piette)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 4
+
+Oben: Diluviale Alpera-Kunst: Bogenschützen von Alpera und
+Frauengestalten von Cogul. (Nach Breuil u. Cabré)
+
+Unten: Renntiergruppe, diluviale Gravierung aus der Dordogne. (Nach
+Breuil)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 5
+
+Sog. „Zauberer“. Diluviale Tiermaske von Trois Frères
+
+(Nach M. C. Burkitt und Hoernes-Menghin)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 6
+
+Diluviale Tierköpfe (Gemsen) und Ornamente aus französischen Höhlen
+
+(Nach Piette)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 7
+
+Diluviale Bisonfigur aus der Höhle von Altamira
+
+(Nach Cartailhac und Breuil)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 8
+
+Diluviale Alpera-Kunst aus Spanien: Hirschjagd
+
+(Nach Breuil und Obermaier)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 9
+
+Diluviale Alpera-Kunst: Schwarze und rote Fresken
+
+(Nach Breuil)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 10
+
+Expressionistische Typen aus der ostspanischen Felsenkunst I
+
+(Nach Obermaier)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 11
+
+Expressionistische Typen aus der ostspanischen Felsenkunst II
+
+(Nach Obermaier)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 12
+
+Südspanische rote Felsenbilder mit stark stilisierten Figuren
+
+(Nach Breuil)]
+
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 13
+
+Balzender Paradiesvogel
+
+(~Paradisea apoda~)]
+
+[Illustration:
+
+ Tafel 14
+
+Der Schmetterling ~Telea polyphemus~ als Beispiel ornamentaler
+Naturgestaltung]
+
+
+
+
+Aus Bölsches Werken:
+
+Als unentbehrliche Ergänzung dieses Bandes:
+
+Der Mensch der Vorzeit 1. Teil
+
+Tertiärzeit und Diluvium
+
+Mit vielen interessanten Abbildungen
+
+ Abstammung des Menschen
+ Der Mensch der Zukunft
+ Im Steinkohlenwald
+ Sieg des Lebens
+ Eiszeit und Klimawechsel
+ Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten
+ Tierwanderungen in der Urwelt
+
+ Jeder Band geh. RM 1.50, geb. RM 2.40
+ Für Kosmosmitglieder geh. RM 1.20, geb. RM 1.80
+
+
+Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
+
+
+
+
+Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde ⁘ Stuttgart
+
+Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
+und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
+Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
+— Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
+naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im
+
+
+=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde
+
+Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen
+
+Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben im guten
+Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
+Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1926 festgelegt (Reihenfolge und
+Änderungen auch im Text vorbehalten):
+
+
+ R. H. Francé, Die Harmonie in der Natur
+
+ Dr. K. Floericke, Zwischen Äquator und Pol
+ Tiergeographische Lebensbilder
+
+ W. Bölsche, Die Abstammung der Kunst
+
+ Dr. H. Dekker, Planeten und Menschen
+
+ Jedes Bändchen reich illustriert.
+
+Diese Veröffentlichungen sind durch +alle Buchhandlungen+ zu beziehen;
+daselbst werden Beitrittserklärungen zum =Kosmos=, =Gesellschaft der
+Naturfreunde=, entgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge
+sind noch erhältlich.
+
+
+Geschäftsstelle des Kosmos =Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart=
+
+
+
+
+Freude am Leben
+
+⁘ ⁘ ⁘ ⁘ ⁘ und sichere Grundlagen
+
+für eine moderne Weltanschauung findet jeder in der Natur.
+
+Zum Beitritt in den „Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde“, laden wir
+
+alle Naturfreunde
+
+jedes Standes sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._
+ein
+
+⁘
+
+Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung für
+ihren Jahresbeitrag im Jahre 1926 =kostenlos=:
+
+ I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich
+ bebildert.
+
+ II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. _4 Buchbeilagen._
+
+ R. H. Francé, Harmonie in der Natur
+
+ Dr. K. Floericke, Zwischen Pol und Äquator
+ Tiergeographische Lebensbilder
+
+ W. Bölsche, Die Abstammung der Kunst
+
+ Dr. H. Dekker, Planeten und Menschen
+
+ Jedes Bändchen reich illustriert
+
+ III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
+ naturwissenschaftlichen Werken.
+
+
+Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
+
+Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.
+
+
+Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder durch die Geschäftsstelle des
++Kosmos+, +Stuttgart+, Pfizerstraße 5.
+
+
+
+
+Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen
+
+erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu +Ausnahmepreisen+:
+
+[Sidenote: 1904]
+
+Bölsche, W., Abstammung des Menschen. — Meyer, Dr. M. W.,
+Weltuntergang. — Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). — Meyer,
+Dr. M. W., Weltschöpfung.
+
+[Sidenote: 1905]
+
+Bölsche, Stammbaum d. Tiere. — Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. — Zell,
+Tierfabeln. — Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. — Meyer, Dr. M. W.,
+Sonne u. Sterne.
+
+[Sidenote: 1906]
+
+Francé, Liebesleben d. Pflanzen. — Meyer, Rätsel d. Erdpole. — Zell,
+Streifzüge d. d. Tierwelt. — Bölsche, Im Steinkohlenwald. — Ament,
+Seele d. Kindes.
+
+[Sidenote: 1907]
+
+Francé, Streifzüge im Wassertropfen. — Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
+— Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. — Teichmann, Fortpflanzung und
+Zeugung. — Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.
+
+[Sidenote: 1908]
+
+Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. — Teichmann, Dr. E., Die
+Vererbung. — Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. — Dekker,
+Naturgeschichte des Kindes. — Floericke, Dr. K., Säugetiere des
+deutschen Waldes.
+
+[Sidenote: 1909]
+
+Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. — Meyer, Dr. M. W., Der Mond.
+— Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. — Floericke, Kriechtiere und Lurche
+Deutschlands. — Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.
+
+[Sidenote: 1910]
+
+Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. — Dekker, Fühlen u. Hören. —
+Meyer, Welt d. Planeten. — Floericke, Säugetiere fremd. Länder. —
+Weule, Kultur d. Kulturlosen.
+
+[Sidenote: 1911]
+
+Koelsch, Durch Heide und Moor. — Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
+— — Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. — Floericke, Vögel fremder
+Länder. — Weule, Kulturelemente der Menschheit.
+
+[Sidenote: 1912]
+
+Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? — Dannemann, Wie unser Weltbild
+entstand. — Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. — Weule,
+Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. — Koelsch, Würger im
+Pflanzenreich.
+
+[Sidenote: 1913]
+
+Bölsche, Festländer u. Meere. — Floericke, Einheimische Fische. —
+Koelsch, Der blühende See. — Zart, Bausteine des Weltalls. — Dekker,
+Vom siegh. Zellenstaat.
+
+[Sidenote: 1914]
+
+Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. — Floericke, Dr. Kurt,
+Meeresfische. Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. — Kahn Dr. Fritz,
+Die Milchstraße. — Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.
+
+[Sidenote: 1915]
+
+Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. — Floericke, Dr. K., Gepanzerte
+Ritter. — Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. — Müller, A.
+L., Gedächtnis und seine Pflege. — Besser, H., Raubwild und Dickhäuter.
+
+[Sidenote: 1916]
+
+Bölsche, Stammbaum der Insekten. — Sieberg, Wetterbüchlein. — Zell,
+Pferd als Steppentier. — Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit
+(Dopp.-Bd.).
+
+[Sidenote: 1917]
+
+Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. — Floericke, Dr.,
+Plagegeister. Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. — Bölsche, Schutz- u.
+Trutzbündnisse i. d. Natur.
+
+[Sidenote: 1918]
+
+Bölsche, Sieg des Lebens. — Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen.
+— Kurth, Zwischen Keller u. Dach. — Hasterlik, Dr., Von Reiz- u.
+Rauschmitteln.
+
+[Sidenote: 1919]
+
+Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. — Zell, Neue Tierbeobachtungen. —
+Floericke, Spinnen und Spinnenleben. — Kahn, Die Zelle.
+
+[Sidenote: 1920]
+
+Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. — Francé, Die Pflanze als
+Erfinder. — Floericke, Schnecken und Muscheln. — Lämmel, Wege zur
+Relativitätstheorie.
+
+[Sidenote: 1921]
+
+Weule, Naturbeherrschung I. — Floericke, Gewürm. — Günther,
+Radiotechnik. — Sanders, Hypnose und Suggestion.
+
+[Sidenote: 1922]
+
+Weule, Naturbeherrschung II. — Francé, Leben im Ackerboden. —
+Floericke, Heuschrecken und Libellen. — Lotze, Jahreszahlen der
+Erdgeschichte.
+
+[Sidenote: 1923]
+
+Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. — Floericke, Falterleben. — Francé,
+Entdeckung der Heimat. — Behm, Kleidung und Gewebe.
+
+[Sidenote: 1924]
+
+Floericke, Käfervolk. — Henseling, Astrologie. — Bölsche, Tierseele und
+Menschenseele. — Behm, Von der Faser zum Gewand.
+
+[Sidenote: 1925]
+
+Lämmel, Sozialphysik. — Floericke, Wundertiere des Meeres. — Henseling,
+Mars. — Behm, Kolloidchemie.
+
+
+Preise:
+
+ Die Jahrgänge 1904–16 (je 5 Bände) kosten für Mitglieder:
+ brosch. je RM 5.40, geb. je RM 8.—
+ Die Jahrgänge 1917–25 (je 4 Bände) brosch. je RM 4.30, geb. je RM 6.40
+ Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.20, geb. RM 1.80
+ Für Nichtmitglieder je RM 1.50 bezw. RM 2.40
+
+Besonders niedrige Preise bei Gruppenbezug
+
+nach Wahl des Bestellers
+
+ 10 Bände geb. für nur RM 13.50
+ 10 Bände brosch. für nur RM 10.—
+
+ 20 Bände geb. für nur RM 24.50
+ 20 Bände brosch. für nur RM 18.50
+
+ 50 Bände geb. für nur RM 55.—
+ 50 Bände brosch. für nur RM 42.—
+
+
+Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch
+in _Teilzahlungen_ entrichtet werden.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79067 ***