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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78490 ***
+
+
+
+
+ Gesammelte Schriften
+
+ von
+
+ Marie von Ebner-Eschenbach.
+
+ Dritter Band:
+
+ Erzählungen.
+
+ Erster Band.
+
+ [Illustration: Druckerzeichen]
+
+
+ Berlin.
+ Verlag von Gebrüder Paetel.
+ 1893.
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+
+ Lotti, die Uhrmacherin
+
+ Kapitel I 1
+ Kapitel II. 10
+ Kapitel III. 20
+ Kapitel IV. 29
+ Kapitel V. 38
+ Kapitel VI. 46
+ Kapitel VII. 63
+ Kapitel VIII. 77
+ Kapitel IX. 94
+ Kapitel X. 110
+ Kapitel XI. 121
+ Kapitel XII. 131
+ Kapitel XIII. 146
+ Kapitel XIV. 158
+
+ Wieder die Alte.
+
+ Kapitel I 173
+ Kapitel II. 235
+
+ Nach dem Tode.
+
+ Abschnitt 291
+
+
+
+
+ Lotti, die Uhrmacherin
+
+ I.
+
+
+Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetiruhr, die an einem zart
+geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des alterthümlichen, reich
+geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechs Mal an. Gleich
+darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton
+Schreibelmeyers, von der Commode am Pfeiler aus, die Morgenstunde
+zu verkünden. -- Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die
+Arbeit! der Tag beginnt! -- Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als
+auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und
+leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig' ich's an.
+
+Eine kleine Pause -- und am linken Kopfende des Bettes erhob das
+Seitenstück der Repetir-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein
+Schäferliedchen zum Besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es
+gesungen.
+
+Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Concerte,
+das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit
+eingestimmt, so fröhlich war ihr zu Muthe. An dem Lichte, das durch die
+herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß
+es heute einen schönen Tag gebe -- war das nicht genug, um den reichen
+Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen?
+
+Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne
+dabei mehr, als durchaus nöthig war, in den Spiegel zu sehen, denn
+-- sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie
+ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach
+empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als
+ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Aeußeres
+gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen
+Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur
+in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich Anderen anders
+vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich Niemand leiden.
+
+Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf in das
+Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen
+kleinen Platz sah -- einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier
+Häusern gebildet; doch war er luftig und hell, und gewährte den Anblick
+eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug
+war. Es will etwas heißen, im Herzen der Civilisation zu wohnen, im
+Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen
+viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem
+Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer, und das Studium des
+Sternenlaufes, fast wie ein Chaldäer, betreiben zu können, Wolken und
+Vögel ziehen, und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen.
+
+Dieses Stück Himmel, obwohl -- nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte
+dem Fräulein die ganze im Uebrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ
+ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinauf führten,
+als eine höchst anmuthige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich
+als eine Bergbesteigung, und ~beinahe~ ebenso lohnend.
+
+Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem
+Platze und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse
+Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses,
+das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten
+schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Bel-Etage sind die
+Gardinen noch nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein,
+sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft umflorten Blau, in seiner
+duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen giebt's
+freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.
+
+Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippelten dicke
+graue Tauben in großer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das
+Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu serviren pflegt.
+Kaum weniger gespannt als sie, sehen noch andere Geschöpfe dem
+anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung entgegen. Es sind die
+nächsten Nachbarn des Fräuleins, und sie gehören zu ihren Bekannten,
+wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur Linken erhält
+ihren ersten Gruß, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener, ein
+gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild eines alten
+Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit runden, Dank der
+frühen Morgenstunde, sauber gewaschenen Gesichtern. Prächtige Bursche,
+noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht
+entwachsen; mit Worten wenigstens richtete die Mutter nichts mehr bei
+ihnen aus, obwohl sie dieselben nicht spart, die brave Frau. Der Mann
+und Vater hat seine Werkstätte nebenan in den Hof hinaus, und plagt
+sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist Pfeifenschneider,
+aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen, und Ueberfluß hat er nur
+an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen sich um den
+besten Platz am Fenster zu balgen, die Mutter tritt unter sie, ein
+zweijähriges Mädchen auf dem Arme, zieht den Pantoffel vom Fuße und
+schlägt wacker auf die Buben los. Der Pantoffel fällt, gleich der Hand
+des Schicksals, ohne Unterschied auf das Haupt des Gerechten wie des
+Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und Frieden. Die neuen Horatier
+liegen still nebeneinander im Fenster, und beobachten die grauen
+Tauben, mit innigstem Verständniß für ihre Rauflust und ihren guten
+Appetit.
+
+Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Fräulein
+gerichtet. Das braune Mohair-Kleid, das seine Gönnerin heute zum ersten
+Mal angethan hat, ist seiner Hände selbsteigenes Werk. Der Schnitt
+hat sich seit wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt, und
+genäht und ausgefertigt ist das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt,
+die ihres Gleichen sucht. Alles solid und geschmackvoll. Der Rock so
+faltenreich, die Taille weder zu lang noch zu kurz, sondern gerade dort
+angebracht, wo der liebe Gott sie hingesetzt hat. Sie wird von einem
+breiten Gürtelband umgeben, aus reiner Seide fein weich und dauerhaft.
+Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais, die den Kragen und die
+enganliegenden Aermel schmücken. Von den letzteren heben sich die
+glatten Manchetten, welche das Fräulein zu tragen pflegt, gar schön
+ab, und diese bilden die schneeweiße Einfassung der zarten schlanken
+Hände. Ach, diese Hände! das Schneiderlein vermag sie niemals ohne
+innere Rührung zu betrachten. Sie waren das Erste, was er erblickte in
+jenem unvergeßlichen Momente, in dem er die Augen aufschlug, die er
+für immer geschlossen zu haben meinte, freiwillig geschlossen, nach
+schwerem, entsetzlichem Kampfe. Der Alte besinnt sich nur noch wie
+eines bösen Traums des hoffnungslosen Elends, das ihn zu einer That
+der Verzweiflung getrieben; er hat die Ursache fast vergessen und
+begreift ihre Wirkung nicht mehr. »Ich muß wahnsinnig gewesen sein!«
+sagte er jetzt, wenn er der Stunde gedenkt, in welcher er sein kleines
+Töchterchen zu sich gerufen, Thür und Fenster desselben Zimmers, das er
+heute noch bewohnt, verriegelt, und das Kohlenbecken entzündet.
+
+Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen
+Schneidermeisters gemacht, ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin.
+Nachdem er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden,
+sammelte sie allmälig für ihn einen kleinen Kundenkreis. Der Schneider
+befand sich jetzt in guten Verhältnissen, war sogar im Stande einen
+Sparpfennig zurückzulegen. Er hätte das ruhigste Leben gehabt, wenn
+mir die revolutionären Ideen seiner Tochter nicht gewesen wären. Aber
+die Leopoldine, ein ehrgeiziges junges Ding, ein Feuerkopf, hatte an
+den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und schwärmte, zu
+seinem Grauen und Entsetzen, für die unsinnigsten, lächerlichsten,
+abscheulichsten Moden, nämlich für die neuesten.
+
+Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen
+jetzt einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen
+Seidenmantille mit einem Eifer, den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn
+beflügelt. Die Mantille braucht erst morgen fertig zu werden, wird es
+aber gewiß heute noch, wenn die Furie anhält, mit der Vater und Tochter
+die Nadel führen.
+
+Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte
+geöffnet; eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen, beide
+wohlgenährt und weißhaarig. Die Katze schleicht zur Morgenpromenade
+auf das Dach hinaus, bleibt öfters stehen und wirft begehrliche
+Raubthierblicke nach den Tauben, die von Fräulein Lotti gefüttert
+werden. -- Wer eine von Euch erwischen könnte! denkt sie. Saubere
+Weltordnung, in der wir leben. -- Gäb's eine Gerechtigkeit -- ich hätte
+Flügel!
+
+Frau Katze schüttelt den Kopf, schließt die Augen, leckt die faden
+dünnen Lippen und gähnt wie ein Tiger.
+
+Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein, damit die Spaziergängerin
+bequem eintreten könne; wenn es ihr genehm sein würde, heimzukehren.
+Die Rückkunft ihres Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht
+abwarten, sie muß an ihren Posten, in den kleinen Laden im Durchhause
+nebenan, wo sie im Winter altgebackenes Brod, im Sommer auch Obst
+feilbietet, und zu allen Jahreszeiten Näschereien, die ihre Katze
+verschmähen würde, die aber an den Schulkindern beharrliche Abnehmer
+finden.
+
+Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüße zu der dicken Frau empor,
+die so freundlich aussah wie des Teufels Großmutter, und sich's lange
+überlegte, bevor sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte. Aber
+auch damit ist Lotti zufrieden. An Zuvorkommenheit von Seite der Frau
+Brodsitzerin wurde sie nie gewöhnt, und hat auch kein besonderes
+Herzensbedürfniß danach. Sie wünscht nur, konservativ wie sie einmal
+ist, daß Alles beim Alten bleibe, und daß sie sich täglich sagen könne,
+was die Potentaten jährlich einmal in ihren Thronreden sagen: »Unsere
+Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten.«
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln
+zu und zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, in der
+Nähe des Kamins hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen Haushalts,
+schon alle Vorbereitungen zum Thee getroffen. Lotti begann nun ihn zu
+bereiten. Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen
+Blicken.
+
+Je länger sie es bewohnte, desto gemüthlicher erschien es ihr, desto
+mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern,
+die es möglich gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen
+in dem schmalen Zimmer unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man
+sich darin freilich nicht, am wenigsten dann, wenn zufällig mehrere
+Schrankthüren zu gleicher Zeit offen standen. Doch -- was lag daran?
+Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für solche nicht vorgesorgt.
+Außer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten benützte, war nur noch
+ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter Holzsessel, ein
+wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum beweglicher als
+ein Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter
+Glasglocken, und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der
+linken Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort
+bildete, befand sich ein großer, bis an die Decke reichender Schrank.
+Der glich einer gothischen Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr
+schön, sehr merkwürdig und sehr unbequem -- der Schreibtisch einer
+Person, die nicht schreibt. Um so zweckmäßiger war der niedrigere
+Bücherschrank, der den größten Theil der Längenwand, dem Eingange zu
+Agnesens Zimmer gegenüber einnahm. Schlanke Säulen mit korinthischen
+Capitälchen verzierten die Glasthüren des Aufsatzes, hinter dessen
+blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen
+wohnte.
+
+Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich
+abgenützten Prunkgewand aus rothem Saffian, neben zwei kleinen
+dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen, den _Mémoires
+du Maréchal de Bassompierre_. Goethes Benvenuto Cellini hatte
+zwei ganz unähnliche Nachbarn, Dom Jacques Martins _Histoire des
+Gaules_ und ein ehrwürdiges Incunabel: Unser lieben frawen psalter,
+gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jacobi.
+In dè iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des
+römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Firlein herab,
+Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die
+Annalen des Tacitus. Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten
+hinein gerathen zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel
+und die Familie von Halden; Prinz von Gothland, der Bramarbas und
+Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele
+Classiker der Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgend
+ein Hauptwerk vertreten; vollständig vorhanden jedoch waren alle
+Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre lange, majestätische Reihe wurde
+durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet, und schloß mit M. L. Moinets
+_Traité général d'Horlogerie_.
+
+Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigenthümerin ganz
+fremd, mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße, und gerade in
+diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von Neuem.
+-- Denn, meinte sie, ein schönes Buch nicht wieder lesen, weil man
+es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen theuren Freund nicht
+wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.
+
+Uebrigens -- ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man
+nicht aus. Ein weises Buch ist eben so unergründlich wie ein großes
+Menschenherz.
+
+Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen, auch noch
+einen besonderen, für Lotti unschätzbaren Werth. Sie waren mit
+Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen, der ihr unter allen
+Lebenden am höchsten gestanden -- ihres Vaters.
+
+Sie meinte, ihn sprechen zu hören, wenn sie die kurzen, zierlich
+geschriebenen Sätze, Früchte reiflicher Ueberlegung und solider
+Fachkenntniß, überlas.
+
+Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen
+Gedanken deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden
+ist. Das Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben,
+hatte ihn gelehrt dreißig »vielleicht« und »ich glaube« leichter
+auszusprechen, als ein: »So ist's«, oder ein: »Das steht fest.«
+
+Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft
+erfahren hatte, daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse
+ein Irrthum lauern kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen
+aufzustellen. Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten, die es
+verstehen, einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen,
+ihr gehöriges Gewicht.
+
+Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen, wie ernst es
+ihm war mit seinem Beruf, und welche Liebe er für denselben gehegt.
+Man sah es wohl, was er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine
+Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte, seines Handwerks hatte er
+dabei nie vergessen. Niemals war ein bemerkenswerthes Ereigniß in
+der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntniß gekommen, ohne daß
+er gesucht hätte, es mit einem eben solchen in der Geschichte der
+Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem
+historischen Werke, an einer Stelle, wo die Rede war vom Tode Kaiser
+Rudolphs von Habsburg, von Feßlers Hand die Anmerkung: -- In demselben
+Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr, für welche
+30 Pfund Sterling bezahlt wurden. Weiter, als der »goldenen Bulle«
+Erwähnung geschah, hatte der Meister seinerseits erwähnt: Gleichzeitig
+ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste öffentliche
+Uhr aufstellen ließ. -- Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen
+Ansprüchen auf den französischen Thron -- und -- fügte Feßler hinzu:
+ertheilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie
+nach England kommen können. Anno 1368. -- In demselben Geschichtswerke
+war der Beiname König Karl V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen
+und daneben stand: Muß, wie der gleichnamige große deutsche Kaiser,
+eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt, ja
+vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der berühmte Meister
+Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren mit der
+Inschrift zu versehen:
+
+ _Charles le Quint, Roi de France
+ Me fit par Jean Jouvence._
+
+Der nämliche weise König ließ auch (1364) Herrn Heinrich von Wick
+nach Paris kommen, wo dieser eine Uhr für den Thurm des königlichen
+Schlosses verfertigte. Er erhielt Wohnung in demselben Thurm und eine
+Besoldung von sechs Sous täglich.
+
+Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, daß Luther
+seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher
+Peter Hele, Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten
+Taschenuhren zu Stande brachten; daß im Jahre des Unterganges der
+spanischen Armada, Andreas Landeck, Schüler Abraham Habrechts und
+Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu Wertheim in Franken
+geboren wurde; daß Anno 1690 -- glorreichen Andenkens für Deutschland
+wegen der Gründung der Universität Halle, und für Frankreich wegen
+der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles -- in Paris, wo bisher
+nur kleine Taschenuhren beliebt gewesen, plötzlich sehr große in die
+Mode kamen ... Und so weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame
+Zusammenstellungen, die Jedem, der ein Herz hat für die Uhrmacherei,
+gar viel zu denken geben.
+
+Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals
+verrathen, sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er
+nur ein ungelehrter Mann war und nicht im Stande, eine ausführliche und
+genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das
+beste Material, das es geben kann -- wenigstens zu einem Hauptzweig
+eines solchen Werkes -- besaß er selbst. Er hatte im Laufe seines
+langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht, wie
+sie vor ihm so vollständig und lückenlos, schwerlich ein Privatmann
+(Herrn Asthon Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen
+haben dürfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der
+Vertreter einer eigenen Gattung, jedes werthvoll an und für sich, und
+doppelt werthvoll als Theil des Ganzen, zu dem es gehört. Wäre diese
+Sammlung bekannt, sie wäre gewiß auch berühmt geworden, sie hätte die
+Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber dem Meister Johannes war
+um Berühmtheit gar nicht zu thun, und was die Bewunderung betrifft, die
+ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre -- wer hört nicht gern loben,
+was er liebt? -- so hat sie doch meistens Neid und Verlangen in ihrem
+Gefolge, die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er freute
+sich im Stillen an seinem Schatze, was nicht heißen soll, daß er sich
+allein daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen
+kannten als die seinen, für die sein Wort das Evangelium war, sein
+Beifall das Ziel aller Wünsche, seine Zufriedenheit das höchste
+Lebensgut. Die Beiden waren seine Tochter Lotti und sein Ziehsohn
+Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in ihrer Kindheit, und später
+mit Stolz: »Meine Gehülfen«. Endlich schien ihm auch diese Bezeichnung
+nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus, ohne sich
+dabei in Gedanken zu verbessern: »Ich sollte eigentlich sagen: Meine
+Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu
+überflügeln.«
+
+Daß sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit -- sein
+liebster Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum
+von Erfolg und Glück, den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen
+hegte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt
+geebnet vor ihnen, sie waren so ganz geschaffen die Bahn, die das
+Schicksal ihnen vorgezeichnet, Eines auf das Andere gestützt, ohne
+Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie waren beide
+brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und
+dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrübt
+worden. Von dem Augenblick an, in welchem Feßler den kleinen Gottfried,
+den Sohn eines in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus
+aufgenommen, hatte sich dieser, so jung er selbst war, zum Beschützer
+des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen. Gottfried war völlig verwaist,
+Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren.
+
+Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, ernster
+Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, ~sie~
+ein hochaufgeschossenes, schlankes Mädchen, verständig, sanft, und
+dabei immer lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren
+Vetter und fürchtete seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren
+ersten großen Schmerz erfuhr sie, als Gottfried nach London geschickt
+wurde, um dort seine Lehrjahre durchzumachen. Er selbst hatte die
+Stunde der Abreise kaum erwarten können, aber als sie herankam, war
+sie so düster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht und freudig
+geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Muth, mit dem sie
+bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war
+plötzlich verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum er denn
+fort müsse, und wie es sich ohne ihn leben lassen solle.
+
+Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloß seine beiden Kinder
+in einer Umarmung, dann trennte er sie sanft: »Leb' wohl, Gottfried,«
+sagte er, »in drei Jahren bist Du wieder bei uns. Geh', lieber Sohn.
+Im Vaterlande eines Harrison,« in seinen feuchten Augen leuchtete es
+begeistert auf -- »eines Mudge, eines Arnold müssen unsere künftigen
+Meister leben. Wenn Du heimkommst, werde ich von Dir lernen!«
+
+Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds
+Lehrzeit um war, und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei
+seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten
+Meister und dessen Kunst zu schätzen. So berühmt jene auch seien,
+so theuer ihre Arbeiten bezahlt werden, Feßler dürfe sich mit dem
+größten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der Geringste unter
+Allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu
+verwerthen. Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück. Beehrten ihn
+die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten
+sie, ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen
+kam?
+
+Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was
+ihn kränke. -- »Ihr Name auf Deinem Werk! wo steht denn der Deine?
+Wer kennt Dich? wer weiß etwas von Dir! ... Was hast Du von Deinen
+unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten?«
+
+»Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Feßlers, und das Herz
+schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn
+ihm zollte.
+
+Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll
+beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit
+der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein
+bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe
+von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem
+Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« -- Dieses Lob hatte er noch
+nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen
+war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte
+Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte
+dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld -- aber
+welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding
+seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann.
+Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten -- das Herz des
+jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche
+Zeit! -- warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so
+erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und
+Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer
+Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr
+Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst -- eine
+Last.
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die
+Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß
+auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden,
+sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht
+bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu
+können:
+
+~Ich habe das Leben, das ich brauche!~
+
+Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte
+sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und
+Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles
+mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit
+geraumer Zeit in der kühlen Erde.
+
+Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals hatten
+ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen
+Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiß geworden,
+hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen
+leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend. Die Jugend des mit
+Bewußtsein Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich
+nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und
+erlernt -- da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt
+zu haben, trat der Tod an ihn heran.
+
+Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der
+Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in
+der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche
+Wohlhabenheit sichern können! -- Vor einem Jahre noch fand sich die
+beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die
+Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich
+hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal
+geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.«
+
+Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er sich in
+seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen
+Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu
+melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe
+ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre
+Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren.
+
+So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen
+harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem
+Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt.
+Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften
+Zurückweisungen, die sie erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue
+Bewerbungen anstellten, immer glänzendere Anerbietungen machten. Das
+war denn oft herzlich langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe,
+welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals
+auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel
+zu thun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an
+ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte
+sie das jemals unterlassen müssen, -- die rechte Begeisterung, die
+rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt.
+
+Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand
+neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. Eben
+fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf
+Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er sogleich
+hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke
+beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von purpurrothem Sammet
+lagen.
+
+Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die
+reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig
+geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten
+und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer
+Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade
+Nummer Eins!
+
+Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei
+»Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre,
+manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten
+Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen
+Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs
+damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den
+Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und
+Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des
+Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie
+wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft zu
+geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...
+
+Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten,
+hatten sich Schweres vorgesetzt -- und mit wie geringen Mitteln
+gedachten sie es zu erreichen! -- Mit Spindelechappements -- mit
+Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste
+regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer
+Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen.
+
+Aber -- so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wußten
+-- das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie -- daß
+Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf
+ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen
+herbei, dem nichts unmöglich ist, und stellten die Werke ihres
+Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie auch wohl der
+Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer
+der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft
+umschließt, von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe
+gleichsam beseelt, den Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus
+dem fein geschnittenen, prächtig ornamentirten Monogramm der heiligen
+Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden. Auf
+der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingravirt:
+
+ _Kaspar Werner hat mich gemacht
+ Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht
+ Da · man · zelt · 1541._
+
+Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen
+nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen Formen und
+Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen
+aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. Unter
+andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«,
+»Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, das Zifferblatt und
+der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt,
+die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten. Leider fehlte das
+Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen, um
+nicht sogleich zu erkennen, daß die prächtige deutsche Arbeit aus der
+Zeit Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim
+hergestellt worden war.
+
+Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig,
+mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten.
+Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern
+neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein »Conrad Kreizer«
+eingeschrieben.
+
+Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen,
+geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben
+geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen
+Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder
+merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien,
+Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es
+fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen
+Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte
+eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem
+Werke spiegeln.
+
+Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen
+Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach,
+~die~ weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die große Enttäuschung
+in Lottis Leben. Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst
+... Hinweg! -- Schlafe Du nur ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem
+unerhörtesten Curiosum der Sammlung -- zu der Seetaschenuhr von Mudge
+dem Ersten.
+
+Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und unsterbliche
+Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die
+erste im Jahre 1774, und die beiden andern, der ~blaue~ und der
+~grüne~ Zeithalter genannt, im Jahre 1777. Nun, die Geschichte
+hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die gründlichste Art der
+Welt widerlegt, durch eine Thatsache -- hier war eine vierte Mudge.
+Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften
+und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch
+die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren.
+
+Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges
+besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand.
+
+Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es war
+eine ganze Mudge -- die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man
+freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten
+Greisin.
+
+Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne
+Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas
+von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine
+vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus
+Gütenbach.
+
+Ein Familienerbe! -- Als Bräutigam hatte sie der Urgroßvater Lottis
+ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried
+nannte sie die Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als
+Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen
+Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti
+aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und
+vollführte einen so accuraten und energischen Gang und bimmelte so
+fleißig fort, als ob sie noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als
+ob sie all' die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße
+versäumt.
+
+Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben,
+so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der
+Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden
+und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die
+Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie
+zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter
+und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja,
+meine Uhren -- die machen mir noch das Sterben schwer!«
+
+In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet.
+
+»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme.
+
+Lotti wandte sich rasch: »Du, Gottfried? Ist es denn schon acht Uhr?«
+
+»Noch nicht,« war die Antwort, »ich bin heute unpünktlich.«
+
+»Zeichen und Wunder!« rief Lotti, »was ist geschehen? Was giebt's?«
+
+Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen
+Glasglocken von den Uhren, welche darunter lagen, und nahm diese in den
+allergenauesten Augenschein.
+
+»Du bist ja fertig,« sagte er nach einer Weile.
+
+»Beinahe -- aber antworte mir doch -- was giebt's?«
+
+Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnißvoller Miene, halb
+freudig, halb zweifelnd an und sagte: »Eine Ueberraschung.«
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge,
+»wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.«
+
+»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden
+gemiethet und bereits eingerichtet.«
+
+Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte
+herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?«
+
+Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten
+Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an
+dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der
+ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases,
+und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz.
+In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein
+Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern.
+
+Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte
+deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. »Ein solcher Werth!« meinte sie,
+»ein so großes Capital!« es schien ihr fast zu kühn, daß Gottfried die
+Bürgschaft dafür übernommen hatte.
+
+Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.
+
+Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister,
+der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner
+Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das
+Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht bloß
+Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern
+manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben
+bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige
+Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen,
+keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das
+Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte.
+
+Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger
+zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei
+verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten
+Entschluß so lange ~nicht~ gebracht, und zweitens, daß er sich
+~doch~ dazu gebracht. Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte
+sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu
+stellen.
+
+Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht früher
+geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht
+anzufangen, wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen
+würde. Um jedoch Alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es
+eben viel Zeit gebraucht.
+
+»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß
+Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und
+Audemars' ...«
+
+»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins Wort.
+
+»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir
+erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war -- jetzt wird
+ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen,
+Gottfried.«
+
+Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und
+sprach ganz unternehmend:
+
+»Warum nicht?«
+
+»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die
+brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur
+sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder
+Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu
+kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein
+übler Mann für mich.«
+
+Er lachte. »Ein ~junges~ Mädchen denkt das nicht.«
+
+»Ich meine auch kein sechzehnjähriges.«
+
+Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparirten
+Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen.
+
+Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann wird die Bestellung
+abgeliefert werden?« fragte er nach einer kleinen Weile.
+
+»Kann morgen geschehen.«
+
+»Thu' es selbst, ich bitte Dich, und nimm zugleich Abschied von dem
+Meister. Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.«
+
+Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen -- das wäre
+schon gut, aber -- so plötzlich, so ohne Weiteres? Ich bin ihm Dank
+schuldig, er hat immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne
+Arbeit gelassen, immer gut und rasch bezahlt.«
+
+»Rasch ja, gut -- nein. Mache Dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn
+bereits darauf vorbereitet, daß er jetzt seine beste Arbeiterin
+verliert. Wie leid ihm ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muß er's
+finden, daß Du Dich von nun an für Niemanden mehr plagen wirst als für
+mich, was so viel heißt, als für Dich selbst, denn -- nicht wahr? ...«
+Er war plötzlich in heiße Verlegenheit gerathen und stockte. »O,« nahm
+er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe vergessen! Der Herr
+bittet Dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst. Du möchtest
+so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat Dein
+Lieblings-Echappement.«
+
+»Duplex also.«
+
+»Jawohl. Er weiß gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut sie in die
+Hand zu geben. Ueberdies hat's Eile. Morgen Abend möcht' er sie wieder
+haben.«
+
+Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes Kästchen
+vor Lotti hin. Die wandte demselben den Blick eines theilnehmenden
+Arztes für einen Patienten zu, und fragte:
+
+»Was fehlt denn?«
+
+»Weiß nicht,« erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der
+Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von Einem,
+der sie aus Leichtsinn oder aus Noth losschlug, um ein Spottgeld. Will
+sie jetzt sehr theuer verkaufen, deshalb sollst Du die Herstellung
+besorgen. Er schwatzte ein Langes und Breites, ich habe nicht zugehört.
+Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem ich wußte, was mich dabei
+anging.«
+
+Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es
+geöffnet und dann auch -- mit seltsamer Spannung und Hast -- die Uhr,
+welche darin gelegen. Unverwandt starrte sie den Namen _F. Alexy &
+Sandoz frères_ auf der Cuvette, und die Zahl an, die darunter stand.
+
+»Verkauft -- wie sagtest Du? -- aus Leichtsinn oder aus Noth,« sprach
+sie gepreßten Tones.
+
+»Freilich, freilich,« versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster
+zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf
+nachzudenken. »Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« rief er
+plötzlich aus.
+
+Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen.
+
+»Das Schild ist noch nicht aufgemacht,« fuhr Gottfried langsam und
+zögernd fort, »aber fertig ist es schon. Es wird nicht aufgemacht,
+bevor Du die Erlaubniß dazu giebst.« Er hielt inne, er wartete, aber
+vergeblich. Lotti schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause
+von Neuem an:
+
+»Denk' nur, welche Freiheit ich mir genommen -- denk nur -- ich habe
+auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf
+jeden Fall, wie selbstverständlich -- es kann geändert werden, wenn Du
+es wünschest ...«
+
+Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken
+in ihre Arbeit -- eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, die
+Meisterin! Ihre sonst so sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war
+hochgeröthet, eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem
+ganzen Wesen kund.
+
+Was ist ihr denn? dachte Gottfried. -- Ahnt sie, was er ihr zu sagen
+hat und versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie
+Bestürzung? Wär's doch so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst,
+und er braucht nicht zu fürchten, mit einem Scherze heimgeschickt zu
+werden, das Aergste, was ihm geschehen könnte, dem alten Menschen.
+Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von
+aller Aengstlichkeit. Er athmet auf und spricht mit einem gewissen
+unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich:
+»Es wäre schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte; es
+ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend
+schwarzem Grund, das G. & L. Feßler ... G. und L. ... Gottfried und
+Lotti ...«
+
+Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über
+ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und
+Lotti?«
+
+Nein! ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie ebenso
+gut fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an
+ihr Ohr gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, die in
+ihnen lag, nicht an ihr Herz ...
+
+Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht
+wurden, die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar, als das
+Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus
+Gottfrieds Brust.
+
+Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich
+vor ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in
+seinen Zügen.
+
+»Was ist Dir, Gottfried?« sprach sie.
+
+»Du hörst mich nicht an,« entgegnete er unmuthig.
+
+Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: »Doch, ich habe Alles gehört.«
+
+»Hast Du? Wirklich? und -- hast nichts einzuwenden? ... Es ist Dir
+recht -- Du weißt ...«
+
+»Es ist mir recht, gewiß. Aber wenn Du, Lieber, auf Dein Schild auch
+nur G. Feßler hättest schreiben lassen, für uns hätte es dennoch und
+immer ›Geschwister Feßler‹ bedeutet.«
+
+»Geschwister -- so? -- -- ja, Geschwister,« murmelte er und
+zögerte, die Hand anzunehmen, die Lotti ihm reichte. Allein er ergriff
+sie doch und drückte sie fest und treuherzig, als Lotti sagte:
+
+»Es versteht sich ja von selbst, daß wir Zwei nach wie vor treu
+zusammen halten.«
+
+»-- Das Schild wird also aufgemacht,« sprach er, mit einem herzhaften
+Versuch, vergnügt zu scheinen. »Komm' es bewundern, komm' bald!«
+
+Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.
+
+Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene
+Beschäftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, die Gottfried
+mitgebracht, alle Brücken abgeschraubt, alle Räder ausgehoben, bis auf
+das Minutenrad. Das haftete noch, festgehalten vom Viertelrohr. Aber
+auch dieses muß nun weichen, das letzte Rad liegt bei seinen Kameraden,
+und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie zu finden gewiß war.
+Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, mit fast unsichtbar
+kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die
+Zähne des Rohres.
+
+Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fünfzehnten Male jährte,
+hatte sie diese Zeichen da hinein geschrieben und diese Uhr ihrem
+Verlobten geschenkt und dabei gesagt:
+
+»Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen, aber keine,
+in der unsere Treue gewankt.«
+
+So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, solche Schwüre
+schwört die kindische Liebe, die kaum erwacht, auch schon die Kraft
+in sich fühlt, ewig zu leben. Thorheit ohne Gleichen! Ebenso gut
+könnte die Rose schwören, daß sie niemals welken wird, denkt Lotti,
+und halberloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche
+Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen
+allmälig Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam vorüber, mächtig genug,
+um noch eine leise Wehmuth, nicht mehr mächtig, einen Schmerz zu
+erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen Traum,
+aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht.
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in
+der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht,
+mit der Bitte sie zu schätzen. Während Feßler die Uhr betrachtete,
+betrachtete der junge Mann ~ihn~ so aufmerksam, wie ein Maler
+thut, der sich das Bild eines Menschen, den er aus dem Gedächtniß malen
+soll, einzuprägen sucht.
+
+»Dies ist,« sprach Feßler, nachdem er seine lange und sorgfältige
+Untersuchung beendet hatte, »ein kostbares Stück.« Er rief seine
+Tochter herbei, um auch ihre Meinung zu hören.
+
+»Wie?« sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt, »sind
+Sie Kennerin, mein Fräulein?«
+
+Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen
+Männer, denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick,
+der deutlich fragt: Was willst Du in der Welt? und an den ein nicht
+hübsches Mädchen sich gewöhnen muß.
+
+Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben
+sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung.
+
+Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte.
+
+»Ist's richtig, Herr Feßler?«
+
+»Ganz richtig,« erwiderte dieser, unangenehm berührt von dem über
+Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der an die Seite Lottis
+tretend, in seinem früheren Tone fortfuhr:
+
+»Sie können mir vielleicht auch sagen, was diese Uhr werth ist?«
+
+Lotti schüttelte den Kopf. »Was sie jetzt werth ist, kann ich nicht
+sagen; als sie neu war, sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für
+sie bezahlt worden.«
+
+»Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?«
+
+»Vor siebzig Jahren etwa.«
+
+»Ich bewundere Sie!« rief der junge Mann äußerst belustigt; »das Alles
+erkennen Sie so auf den ersten Blick? ... Jetzt aber die letzte,
+wichtigste Frage: Wie viel ist sie heute, wieviel ist sie ~Ihnen~
+werth?« fügte er zu Feßler gewendet hinzu.
+
+»Sie wäre mir sehr viel werth, wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche
+besäße,« entgegnete dieser.
+
+»Ach! in Ihrer Sammlung? ... Wenn Sie doch wüßten, Herr Feßler, wie
+viel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser
+Sammlung, und wie glücklich ich wäre, sie kennen zu lernen ... Wenn Sie
+das wüßten -- Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen, den ich
+gebraucht habe, um mich bei Ihnen einzuschleichen.«
+
+Er legte eine gründliche Beichte ab.
+
+Er hieß Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei ein
+ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher eine
+alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte. Die mußte geschildert
+werden, und um das zu können, brauchte er ein Modell, brauchte er vor
+Allem einige fachmännische Kenntniß.
+
+»Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister,« schloß er,
+»würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung -- Ihr Heiligthum
+wie ich höre. -- Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde, das
+verspreche ich nicht, aber ein dankbarer bin ich gewiß!«
+
+Feßler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an.
+Ihm gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit,
+das muntere Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die Reise durchs
+Leben zu begeben schien. Schweigend holte der alte Mann einige schöne
+Exemplare aus der Sammlung herbei und begann die Eigenthümlichkeiten
+und Vorzüge derselben mit der Wärme eines Liebhabers auseinander zu
+setzen.
+
+Halwig unterbrach ihn Anfangs sehr oft; er konnte die Scherze nicht
+unterdrücken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten.
+Allmälig jedoch wurde er still. Das herablassende und oberflächliche
+Interesse, das er für einige »Favoritinnen aus dem Uhrenharem« gezeigt,
+verwandelte sich in ein gespanntes. Den Kopf in die Hand gestützt, sah
+er bald die Uhren auf dem Tische, bald den Meister, zuletzt nur noch
+diesen an, und dabei erhellte der Ausdruck einer so innigen Freude und
+Verehrung seine Züge, daß Feßler dachte: dem Burschen könnt' ich gut
+sein -- trotz des Leichtsinns, mit dem er vorgab, eine Emmery verkaufen
+zu wollen.
+
+Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf. »Was für Augen haben
+Sie!« rief er, »was Ihnen ein Rädchen, eine Spindel, ein Ornament, ein
+Stückchen Email nicht Alles erzählen! ... Was für Augen und was für ein
+Herz ... Sie sind ein Künstler! ...«
+
+Er deutete nach dem Schranke, dem Feßler die Uhren entnommen. »Das
+Kästchen dort ist für Sie, was für einen Poeten ein Schrein voll
+der köstlichsten Werke großer Dichter, die vor ihm gelebt. Eine
+schweigende, todte Welt, die ein Blick zum Dasein erweckt, zu einem
+mächtigern, schönern Dasein, als das sogenannte wirkliche ... Ein Blick
+-- ein sehender, der Blick des Verständnisses muß es sein ... Nicht
+wahr, lieber Meister? -- Verständniß ist ~Alles~ -- Weisheit,
+Liebe, Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen, die wir uns
+einbilden, Dichter zu sein ... An Stoffen fehlt's, höre ich die Leute
+sagen. -- Begreife das Begreifbare und aus Allem, was Dich umgiebt,
+dringt die Fülle bildsamen Stoffes auf Dich ein, und wenn es Dir an
+etwas fehlt, so ist's an Kraft, die wogenden Quellen zu fassen und sie
+zu leiten an ein gewolltes Ziel!«
+
+Er sprang auf, ergriff die Hand Feßlers, nannte ihn einen edlen, einen
+seltenen, einen herrlichen Mann und verabschiedete sich mit der Bitte,
+recht bald wiederkommen zu dürfen. Und er kam wieder, kam täglich,
+ganze Wochen hindurch, und wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies
+Niemand mehr, als Feßler. Lotti sprach überhaupt nicht von ihm, vermied
+es sogar, seinen Namen zu nennen, und was Gottfried betraf, der meinte,
+es sei nicht übel, zwölf Stunden lang Ruhe zu haben in der Werkstatt.
+Er leugnete nicht, daß Halwig eine große Unterhaltungsgabe besitze,
+allein für seinen Geschmack machte »der Poet« einen gar zu häufigen
+Gebrauch davon.
+
+»Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, täglich
+Unterhaltung ist mir zu viel,« sagte er und bewies es, indem er begann,
+das Haus zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen
+pflegte. Dieser zeigte sich darüber gekränkt. Er war nicht gewöhnt,
+gemieden zu werden; er that sich etwas zu Gute auf die Macht, die ihm
+über die Gemüther der Menschen gegeben war. Keiner, um dessen Neigung
+er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er hatte immer gehört und
+geglaubt, daß man ihn lieb haben ~müsse~, wenn er es darauf
+angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti über die Steifheit und
+Kälte ihres Vetters, versicherte trotzig wie ein verwöhntes Kind, er
+werfe seine Freundschaft Niemandem an den Kopf, und wenn Gottfried
+ihn hasse, so zahle er ihn mit gleicher Münze. Sobald sich jener
+aber blicken ließ, kam er ihm wieder mit der alten und -- darüber
+konnte kein Zweifel sein -- aufrichtigen Wärme entgegen. Er bemühte
+sich, sein Interesse zu erwecken, ihm Theilnahme einzuflößen, er warb
+förmlich um ihn. Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines beweglichen,
+frischen, herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rührten
+aber Denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze
+zeigten.
+
+Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschäftigt, von
+früh bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleißes die
+Stunde versäumt, zu welcher er jetzt regelmäßig seinen Rückzug vor dem
+»Luxusartikel«, wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte.
+
+Zum Bewußtsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine Lampe
+auf den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen.
+
+»Ist es denn so spät?« fragte er.
+
+»Spät und nicht mehr hell, Du verdirbst Dir die Augen.«
+
+»Was liegt daran? -- Was liegt an mir?« sprach er halblaut vor sich
+hin, wie einer, der plötzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er
+stöhnte schmerzlich auf und preßte beide Hände gegen die Stirn.
+
+Lotti wurde feuerroth; schweigend mit einer Gebärde der Mißbilligung
+wandte sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade
+unterbrochen, war vor Gottfried stehen geblieben und fragte, was ihm
+fehle?
+
+»Nichts,« erhielt er zur Antwort, »nur die Augen sind mir ein wenig
+müde geworden.«
+
+»Gönn' Dir Ruhe,« sagte Feßler, »mach' es mir nach, ich spaziere schon
+lange müßig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile schaffen
+können -- die Tage wachsen, der Frühling kommt heran ... Ja, der kommt,
+man darf auf ihn zählen, der kommt. Wer aber ausbleibt,« schloß der
+alte Mann seine Betrachtungen, »das ist unser Hofpoet ... In drei Tagen
+hat er sich nicht blicken lassen, und auch heute -- seine Stunde ist
+vorbei -- er kommt nicht mehr.«
+
+»Um so besser!« rief Gottfried, »ich wollte, wir wären für immer von
+ihm befreit.«
+
+»Befreit! -- Ist das Dein Ernst? ...«
+
+»Leider ja,« versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer
+erregten Stimme.
+
+Gottfried erhob den Kopf: »Was sagst Du?«
+
+»Daß Du ungerecht bist, zum ersten Mal in Deinem Leben; ungerecht und
+grausam gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und
+thut ihm weh -- gerade von Dir -- denn Du bist es ja ...« Ihre Lippen
+zitterten, der Ausdruck des bittersten Schmerzes zuckte über ihr
+Gesicht -- »der ihm der Liebste ist von uns Allen ...«
+
+Sie hielt tiefathmend inne, Gottfried murmelte ein zorniges Wort, und
+der Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern.
+In einer bisher ahnungslosen Seele dämmerte das Bewußtsein zerstörter
+Hoffnungen, eines nahenden Unglücks auf. Eh' er sich's versah, bevor
+ihm zu einer Befürchtung Zeit geblieben, war der Friede aus seinem
+stillen Hause entwichen und aus den Herzen seiner Kinder ...
+
+In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt, bald darauf
+durcheilten leichte Schritte das Vorgemach.
+
+»Da ist er doch,« sagte Feßler.
+
+Halwig erschien auf der Schwelle, er schwenkte seinen Hut und sah so
+glücklich aus, als ob er eben eine Welt erobert hätte.
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+»Vater Feßler,« rief er, »da ist es, da haben Sie's, mein Büchlein,
+mein erstgebornes! ... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurrothen
+mit Gold geputztem Kleidchen? ... Lesen Sie, was hier steht, auf der
+ersten Seite: »Johannes Feßler, meinem Lehrer, meinem Vorbild, meinem
+Freund ...« Es ist Ihnen gewidmet, Ihr Eigenthum, ich bringe, was aus
+meinem Herzen floß und Ihnen gehört, und lege es Ihnen zu Füßen.«
+
+Er machte Miene, das Büchlein wirklich auf den Boden vor Feßler
+hinzulegen; der aber hinderte ihn daran: »Geben Sie es mir in die Hand,
+das ist Ehre genug,« sprach er, und lächelte seinem Liebling zu, bei
+dessen Erscheinen der trübe Ernst verschwunden war, der eben noch die
+Stirn des alten Mannes umdüstert hatte. Er ließ sich erzählen, wie der
+Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung seines Werkes gelebt,
+wie er jede freie Minute auf dem Postbureau zugebracht und durch die
+Ausbrüche seiner Ungeduld den Aerger eines Expeditors und das Mitleid
+zweier Briefträger erregt habe. Jetzt aber sei Alles gut, meinte er
+und flehte, die Familie möge ihm diesen Abend schenken und sich den
+Vortrag seiner Dichtung gefallen lassen. Er stellte die Lampe auf den
+Tisch inmitten der Werkstätte, und trug vier Sessel herbei. Lotti
+sollte ihm gegenüber sitzen, Feßler und Gottfried neben ihm.
+
+»Auf diese Stunde,« sagte er, als Alle Platz genommen hatten, »habe
+ich mich gefreut von dem Momente an, in welchem mir der erste Gedanke
+meines Gedichts aufgegangen, bis zu dem, in welchem ich am letzten
+Verse gefeilt ... Wie jetzt in der Wirklichkeit, umgaben Sie mich
+immerwährend im Geist, Sie geliebten Drei!«
+
+Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem kleinen
+Auditorium, dann öffnete er das Buch und begann zu lesen.
+
+Was er las, war nur eine einfache Herzensgeschichte -- ähnliche
+sind wohl tausend Mal berichtet, millionen Mal erlebt worden.
+»Abgedroschen!« wollte Gottfried schon ausrufen, aber er unterdrückte
+das Wort. Offenbar hatte der Dichter nicht durch das Interesse an
+seiner Fabel zu wirken gesucht; was da fesselte und bezwang, das war
+der Schönheitszauber, der in dem schlichten Bilde webte, das war die
+Wahrheit und die Leidenschaft, die es athmete, und wen man darin am
+liebsten gewann, das war der Dichter selbst. Absichtslos, ja wider
+seinen Willen hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem Werke und
+erschien so liebenswürdig wie die verkörperte Jugend. Er war von
+Begeisterung durchglüht, von Talent getragen; eine Unendlichkeit
+wogte in seiner Seele. Für Ernst und Scherz, für Zorn und Wehmuth, Haß
+und Liebe, für jede Stimmung und Empfindung der menschlichen Brust lag
+das Verständniß in seinem Herzen und der Ausdruck auf seinen Lippen.
+Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung, kein Mißtrauen in
+seine Kraft lähmte ihn, er hatte sie, er wußte es, er war ihrer Wirkung
+gewiß und baute auf sie mit der unerschütterlichen Zuversicht, die dem
+Erfolg vorangeht, die ihn oft erzwingt.
+
+Und so fragte er denn auch, als er geendet, voll freudiger
+Unbefangenheit: »Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen?«
+
+»Vollkommen,« erwiderte Feßler, »es klopft ein Herz darin.«
+
+»Nicht wahr? ... Und Sie, Gottfried -- Ihre Meinung?«
+
+Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen, den Ellbogen auf
+den Tisch und die Stirn in die Hand gestützt. Jetzt lehnte er sich in
+seinem Sessel zurück und sprach, ohne Halwig anzusehen: »Es ist schön,
+ganz schön.«
+
+»Ich danke, Freund! Ein solches Lob von Ihnen, das thut wohl ... Aber
+Sie -- Fräulein Lotti ... Sie schweigen -- Sie sagen mir nichts ...«
+
+In glühender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf:
+
+»Ich kann nicht -- Sie sehen ...« stammelte sie, ein schmerzliches,
+vergeblich unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre Stimme.
+
+»Lotti! ... Ist es mir gelungen, Sie zu rühren, zu ergreifen? ... Soll
+mein schönster Traum mir heute ganz in Erfüllung gehen?« Er sprang auf
+und eilte jubelnd auf sie zu.
+
+Lotti streckte abwehrend die Hände aus; sie weinte, nicht sanft
+befreiende Thränen -- Thränen qualvoller Beschämung und Empörung über
+sich selbst.
+
+Halwig trat bestürzt zurück. Einen Augenblick stand er zweifelnd vor
+ihr, plötzlich aber leuchtete das Bewußtsein des Sieges, den er über
+diese Seele errungen, mit süßem Triumphe aus seinen Augen, und er
+rief in einem Tone, aus dem Rührung, Entzücken und ein letztes Zagen
+zugleich heraus klangen: »Sie zürnen mir? soll ich dafür büßen, daß
+mein Gedicht Sie bewegte?«
+
+»Zürnen? Wie können Sie glauben? ... Eine neue Welt hat sich vor mir
+aufgethan ... Ich weiß nicht, ich kann nicht sagen, was ich am meisten
+bewundere -- ich sehe nur wie groß, wie herrlich und wie fern ...«
+
+Ihre Stimme brach, sie erhob einen raschen, hülflosen Blick zu ihm, den
+er einsog wie himmlischen Thau.
+
+»Nicht fern,« rief er, »o nein! Ihnen ist sie es nicht, sie lebt von
+Ihrem Leben, ist von Ihrem Athem durchhaucht ... Schöpferin meiner
+Welt, haben Sie sich in ihr nicht erkannt?«
+
+Und schon lag er vor Lotti auf den Knieen, bedeckte ihre Hände mit
+seinen Küssen, nannte sie seinen Engel, seine Geliebte, seine Braut.
+Er pries die Stunde, in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war,
+und die noch schönere, ewig gebenedeite, in welcher er's zum ersten
+Mal empfunden, daß sie ihn liebe. Das war nicht heute, war nicht vor
+Kurzem, das war sehr bald, nachdem sie einander kennen gelernt -- er
+wollte gar nicht gestehen, wie bald ... um nicht allzu vermessen zu
+erscheinen, so vermessen wie man eben wird, wenn man sich geliebt weiß
+von dem edelsten und reinsten Herzen.
+
+»Jetzt aber sprich!« bestürmte er sie, »bestätige mir mein Glück vor
+diesen theuren Zeugen ... Deinem Vater, Deinem Bruder, den Meinen von
+nun an -- ein Wort, Geliebteste!«
+
+»Was soll ich sagen -- Du weißt Alles,« war ihre Antwort, und jauchzend
+faßte er sie in seine Arme. -- --
+
+Es war keine stumme Seligkeit die seine; unwiderstehlich brauste
+der Feuerstrom der Worte, die er ihr lieh, dahin, und vermochte die
+Einwendungen Feßlers zu übertäuben, und vermochte Gottfried, sich
+ein Wort der Fürsprache für Denjenigen abzuringen, dem Lotti ihr
+Herz geschenkt. Freimüthig erzählte Halwig die Geschichte seines
+Lebens, sprach von dem Leichtsinn, mit dem er das Erbe seiner Eltern
+zersplittert, gestand, daß er im Begriffe gewesen, auf schlechte
+Wege zu gerathen, als sein schützender Stern ihn in das Haus Feßlers
+geführt. Von dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden. Er
+beschwor Feßler und Gottfried, Erkundigungen über ihn einzuholen. Seine
+Vorgesetzten im Amte, seine Freunde und Bekannten sollten entscheiden,
+ob er verdiene, hoffnungslos verworfen zu werden.
+
+»Davon ist nicht die Rede,« sagte Feßler, und Halwig rief:
+
+»So lasset denn die Geliebte das Erlösungswerk vollenden, das sie an
+mir begonnen hat.«
+
+Sie wurde seine Braut; und der Mann, der ihr wie ein höheres Wesen
+erschien, machte sie zur Herrin seines Schicksals. Er unterordnete sich
+ihr, er wollte ihr Alles danken, was er besaß, er wollte Alles, was er
+war, nur durch sie geworden sein. Sein junges Haupt, das schon von der
+Morgenröthe des Ruhmes umglänzt wurde, beugte sich vor ihr, schmiegte
+sich demüthig an ihre Kniee.
+
+»Das heißt verwöhnen,« sagte Vater Feßler, aber Gottfrieds Meinung war:
+»Bete sie nur an, sie verdient's.«
+
+Einige Monate vergingen, da fiel der erste Schatten auf die bisher
+ungetrübte Seligkeit der Verlobten. Halwig hatte plötzlich den
+Staatsdienst aufgegeben, um sich ganz und gar seinem dichterischen
+Berufe widmen zu können, der ihm täglich neue Erfolge brachte. Ein
+zweites Büchlein war dem ersten gefolgt. Es erfüllte reichlich die
+schönen Erwartungen, die jenes erregt hatte. Die kleine Gemeinde von
+Bewunderern, die sich um den Dichter zu sammeln begann, wußte seines
+Lobes kein Ende und begrüßte auch sein drittes Werk mit unbegrenztem
+Entzücken. Und gerade dieses, das er, um eine übernommene Verpflichtung
+zu erfüllen, in fieberhafter Hast begonnen und beendet, war ihm vor
+allen andern ans Herz gewachsen. Er hatte daran erprobt, daß er zu
+jeder Zeit Herr seiner Stimmung, seiner Phantasie, aller seiner Gaben
+war, daß sein Talent ihm leiste und gewähre, was immer er von ihm
+verlangte. Er wußte jetzt, daß sein Wollen unumschränkt über sein
+Können gebiete. Ganz erfüllt von dem Gefühl eines so vollkommenen
+Gelingens erschien er bei seiner Braut, und Lotti schwelgte im Anblick
+seiner stolzen Glückseligkeit. Als es jedoch hieß, ihre Meinung über
+die Arbeit auszusprechen, welche Hermann seine beste und reifste
+nannte, zagte sie und antwortete mit Befangenheit nach langem Zögern,
+daß ihr Alles gefalle, was von ihm ersonnen sei.
+
+»Dieses,« rief er, »müßte Dir auch gefallen, wenn ein Anderer es
+ersonnen hätte.«
+
+»Vielleicht -- gewiß ...«, erwiderte Lotti, erschrocken über den
+Ausdruck von Enttäuschung, der sich in seinen Zügen malte.
+
+Er fuhr erregt fort: »Du mußt lernen, ganz von mir abzusehen bei der
+Beurtheilung meiner Arbeiten. Daß Schönes geschaffen werde, daran liegt
+Alles, ob ich es geschaffen, ob Hinz oder Kunz, daran liegt nichts ...
+Der Standpunkt ist der einzig richtige -- der soll der Deine sein. --
+Deine Liebe zu mir darf sich nicht durch blinde Bewunderung äußern. Du
+mußt wissen, warum Du bewunderst -- mußt Gründe haben für Dein Lob.
+Aufrichtigkeit verlange ich von Dir, und will hoffen, daß Du mich ihrer
+würdig hältst.«
+
+»Hermann -- wie könnt' ich anders?« fragte sie mit einem ängstlichen
+Lächeln. »Ich sage Dir, was ich denke, aber das hat ja keinen Werth
+... Mein Urtheil zu begründen, muß ich erst lernen ... jetzt bin ich
+noch nicht im Stande Dir zu sagen, warum ich Dir dieses Mal nicht so
+leicht -- nicht mit so voller -- wie soll ich's nennen? -- so voller
+Hingerissenheit folgen konnte wie früher, wie besonders bei Deinem
+ersten, allerschönsten Gedicht ...«
+
+Nun brauste er auf. Er fragte, ob sie denn immer auf seine Anfänge
+zurückkommen wollte, ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge.
+
+»Wenn Du bei dem Punkte stehen bleibst, von dem ich ausging, indeß ich
+vorwärts jage, werden wir bald auseinander gekommen sein!« rief er, war
+nicht zu beschwichtigen und verließ sie im Zorne.
+
+Freilich war er am nächsten Tage wieder da, demüthigte sich vor ihr,
+und weinte vor Reue, als sie ihn, womöglich noch liebreicher als sonst,
+empfing und ihm versicherte, nicht zu wissen, was sie ihm verzeihen
+solle. Er war so beschämt, und in seiner Beschämung so ausbündig und
+unwiderstehlich liebenswürdig, daß Lotti ihn bat, sich nur recht bald
+wieder einzubilden, er habe ihr weh gethan.
+
+Diese Bitte wurde erfüllt, aber in anderem Sinne, als sie gestellt war.
+Hermann ließ es an Gelegenheit nicht fehlen, ein gegen sie begangenes
+Unrecht gut machen zu müssen, aber dieselbe zu benützen, verstand er
+bald nicht mehr.
+
+Ein leiser Zweifel, eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner Brust
+zu entfesseln, und Lotti erkannte mit Entsetzen, daß es Augenblicke
+gab, in denen er sie haßte. Da legte er den Ausbrüchen seines
+Zornes keinen Zügel an. Er litt und fand es natürlich und gerecht,
+daß Diejenige, die ihn liebte, mit ihm leide. Wenn er sich von ihr
+mißverstanden oder im Stillen getadelt glaubte, warf er ihr ihre
+untergeordnete Thätigkeit, ihren beschränkten Wirkungskreis vor.
+
+»Von Dem, was ich anstrebe, steht freilich nichts im _Le Paute_!«
+rief er eines Tages, und Gottfried, der bisher männlich an sich
+gehalten, fuhr empor: »Noch ein solches Wort, und ich schlage Dir den
+Schädel ein!«
+
+Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern, der darauf folgte,
+wurde mühsam genug von Feßler ein Ende gemacht; aber von nun an begann
+Gottfried sein passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber aufzugeben.
+
+»Du bist ein ungebärdiges Kind,« sagte er zu Halwig, »Du wärst im
+Stande, das Liebste, das Du hast, in einem Anfall übler Laune zu
+zerstören; ich will strenge Wache über Dich halten.«
+
+Halwig drückte ihm die Hand, er begab sich gern unter den Schutz seines
+besten Freundes.
+
+»Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler!« rief er ganz beseelt von
+den edelsten Vorsätzen, »wenn Du mir treulich hilfst, will ich ihrer
+schon Herr werden!«
+
+Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden, sie wußte, daß Hermann
+die Selbstbeherrschung, die es ihm auferlegte, ebenso wenig zu
+bewahren vermochte, wie er die Aufrichtigkeit vertrug, nach welcher er
+immer verlangte. Seine ganze Natur empörte sich gegen den Zwang, die
+leiseste Mißbilligung fraß ihm am Herzen, erbitterte ihn, machte ihn
+unglücklich und überzeugte ihn nie. Was ihn stählte, was alle seine
+Kräfte entfaltete, das war der Kampf gegen Haß und Verfolgung, und der
+Genuß überschwänglichen Lobes und verhimmelnder Liebe.
+
+»Ich kann nur im Lichte gedeihen, und Ihr lebt im Halbdunkel,« rief
+er einmal nach einer langen Controverse mit Gottfried und verließ das
+Zimmer ohne Abschiedsgruß. Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach.
+Eine Weile darauf hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen
+herübertönen, manchmal unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes
+Flehen. Dann wurde die Hausthür zugeschlagen, und eine lange Zeit
+verfloß, bevor Lotti, noch bleich und zitternd, in die Werkstatt
+zurückkehrte.
+
+Am Abend sprach Feßler zu Gottfried:
+
+»Was ich Dir sagen wollte: Gieb Dein Erziehungswerk auf. Den Halwig
+änderst Du nicht. Laß ihn. ~Ihr~ ist er ja recht, wie er ist.«
+
+»Aber Vater, er mißhandelt sie.«
+
+Feßler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe. »Seine
+Mißhandlungen sind ihr lieber, als die Liebkosungen eines Andern. Das
+ist so Weiberart.«
+
+Gottfried schwieg und ließ fortan die Dinge gehen, wie sie gingen.
+
+Die Besuche Halwigs wurden immer seltener, und wenn er kam, war er
+entweder düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und
+erzwungenen Lustigkeit, die unter allen seinen wechselnden Stimmungen
+Lotti am peinlichsten berührte. In eine solche gerieth er einmal,
+als Feßler über einige Vorbereitungen zur nahenden Hochzeitsfeier
+sprach, und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater, die Vermählung müsse
+hinausgeschoben werden.
+
+»Hat ~er~ den Vorschlag gemacht?« rief Gottfried.
+
+»Ich wünsche es!« entgegnete sie rasch.
+
+»Warum? ... Mißtraust Du ihm?«
+
+»Vielleicht nur mir,« war ihre Antwort. Scheinbar völlig ruhig begab
+sie sich an die Arbeit.
+
+Kurze Zeit, nachdem Lotti diesen Entschluß gefaßt, schien Hermann ganz
+zu ihr zurückzukehren. Er hatte eine große Täuschung erlitten, er fand
+Trost bei ihr, die seinen Schmerz tiefer empfand, als er selbst. Sein
+gesunkener Muth wurde indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben,
+und die unausbleiblichen Früchte derselben stellten sich ein. Die
+Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, wollten bezahlt werden, sie
+forderten ihren Lohn, machten Ansprüche auf die Persönlichkeit, auf
+die Zeit des Dichters. Verwandte, die sich vor Jahren von ihm logesagt
+hatten, erinnerten sich plötzlich, und erinnerten ihn, daß er zu ihnen
+gehöre. Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers
+sprach, hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht an, die gescheite
+Leute für Künstlerlaunen besitzen. Halwig begann sich einzubilden, daß
+er seine Braut nur um den Preis schwerer Opfer, harter Kämpfe werde
+heimführen können. Er ersparte und verschwieg ihr nichts; kein noch so
+herbes Urtheil, das Menschen über sie fällten, die sie nie gesehen,
+kein Bedenken Derjenigen, denen er früher aus dem Wege gegangen, und
+die er jetzt »die Seinen« nannte. Er schrieb diese grausame Offenheit
+dem unbegrenzten Vertrauen zu, das er für Lotti empfand, und die
+bestärkte ihn darin. Sie wußte, daß sie seine Liebe verloren hatte,
+aber den Schatten derselben, dieses Vertrauen, das ihr sein Herz
+öffnete, sie seine geheimsten Gedanken kennen ließ, an dem hielt sie
+fest, das hütete sie wie das heilige Feuer, wie ihr Lebenslicht. Als
+ob ihre Liebe in dem Maße wüchse, in dem die seine abnahm; als ob
+er sie durch Qual fester an sich ketten würde, wachte sie über dem
+kleinen Reste seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld. Ein
+Aufflackern seiner erlöschenden Empfindung war ihr, was der Mutter ein
+Lächeln ihres sterbenden Kindes ist.
+
+Endlich kam die Stunde, in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte, in
+welcher ihr glühender Entsagungsmuth sie verließ. Nach jahrelangem
+Ringen erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden.
+Aber sie wollte diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele
+dessen erkaufen, den sie so sehr geliebt hatte. Sie that es an einem
+Tage, an dem er sich einmal wieder ihr gegenüber so herzlich, so warm,
+so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt, wie in der Frühlingszeit ihrer
+Liebe.
+
+Er war länger verweilt, als er beabsichtigte und sprang erschrocken
+auf, als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde schlugen.
+
+»Ich sollte längst fort sein!« rief er, »aber gleichviel ... Bei Dir
+versäume ich nichts, ich gehe immer reicher, besser, als ich gekommen
+bin ... Ich bin ein Narr, so selten zu kommen.«
+
+Sie traten beide an das geöffnete Fenster, durch welches die sanft
+bewegte Luft des lauen Herbstabends hereinfluthete. Die Sonne hatte
+sich hinter einer schweren Wolke verborgen, aber ihr Widerschein säumte
+den Horizont mit Purpurstreifen. Breite, goldige Lichter lagen auf den
+Dächern der Häuser und behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen
+Dünste, die von den Bergen herzogen und den östlichen Theil der Stadt
+schon in ihre wallenden Schleier gehüllt hatten. Drüben am Quai jagte
+Wagen an Wagen vorbei, drängte und tummelte sich das Menschengewühl,
+indeß der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen rollte.
+
+»Die Aussicht hab' ich lieb,« sprach Halwig, »ich sehe gern das
+Treiben der großen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat Recht,
+seine hohe, alte Warte nicht zu verlassen, wenn es ihm auch manchmal
+schwer fallen mag, sie zu erklimmen ... Leb' wohl -- das heißt auf
+Wiedersehen!«
+
+»Nein, nein,« sagte Lotti hastig, »es heißt Leb' wohl ...« Eine
+brennende Röthe bedeckte ihre Wangen, und sie umspannte mit beiden
+Händen die Hand, die er ihr gereicht. »Wir wollen scheiden, wir müssen
+... als gute Freunde, aber für immer. Gieb mir mein Wort zurück, wie
+ich Dir das Deine zurückgebe, Hermann ...«
+
+»Was ficht Dich an?« fragte er.
+
+Sein Ton klang vorwurfsvoll, allein ein Blitz freudiger Ueberraschung,
+kaum sichtbar für ein anderes Auge als das ihre, hatte während ihrer
+vorhergehenden Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet.
+
+»Ich kann Deine Frau nicht werden,« fuhr sie fort, rascher jetzt und
+mit fliegendem Athem: »Schon lange wollte ich Dir das sagen ... Ich
+ringe schon lange mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht
+trennen, kann auch die Lebensweise nicht aufgeben, an die ich gewöhnt
+bin, von Kindheit an ... die mir sehr lieb ist ...«
+
+»Ich meinte Dir noch viel lieber zu sein!« rief er, und setzte in
+unaussprechlicher Verwunderung hinzu:
+
+»Du giebst mich auf?! ... Du -- mich?!«
+
+»Du wirst Dich darein fügen -- nicht wahr? ... Sage nicht, daß es Dir
+unmöglich ist!«
+
+Sie richtete die Augen fest auf ihn, und die seinen senkten sich.
+
+Es flog ihm durch den Sinn, daß sie ihm untreu geworden, daß sie einen
+Andern liebe, aber sogleich mußte er lächeln über diesen Verdacht. Er
+fragte sich, ob sie ihn auf die Probe stellen wolle, fragte sich auch,
+ob sie nicht vielleicht seinem Glück, seiner Zukunft, ein ungeheures
+Opfer bringe? Die ruhige Haltung, in der sie vor ihm stand, machte ihn
+aber auch an dieser Vermuthung irre.
+
+Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten
+Schmerzes:
+
+»Und wir sollen uns niemals wiedersehen?«
+
+»Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind.«
+
+»Du bist es schon jetzt!« entgegnete er voll Bitterkeit.
+
+»Und Du wirst es werden -- wirst mir danken ... Laß mir Deine Hand!
+wende Dich nicht ab ... Du hast keinen Grund mir zu grollen. Ich
+befreie Dich von einer traurigen Braut, bei der keine Freude zu holen
+ist --« sagte sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln.
+
+Er unterbrach sie, er wollte nicht weiter hören; er erklärte, daß er
+ein einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme, und wenn es sein
+Unglück wäre ...
+
+»Wenn es aber auch das meine ist?« fragte sie, und er rief halb zornig,
+halb verlegen:
+
+»Wie Du mich mißverstehst! ... Wie Du nur glauben, es nur für möglich
+halten kannst, daß ich Dich aufgeben werde, ohne Grund ... Weißt Du
+denn einen? ... Daß ich mich von Dir trennen werde -- so plötzlich ...«
+
+Sie erhob das Haupt. »Wir sind längst getrennt,« sprach sie. »Es ist
+aus. Frage Dich selbst, ob Du recht hättest, mich mitzuschleppen durchs
+ganze Leben, weil Du einmal geglaubt hast, mich zu lieben.«
+
+»Geglaubt? ... Ich habe Dich unaussprechlich geliebt -- meine Liebe zu
+Dir war ...«
+
+»Sie war!« fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins
+Wort, der die Qual ihres Innern verrieth. »Täusche Dich nicht ... Wir
+wollen die Kraft haben einzugestehen, daß eine Empfindung, die wir für
+ewig hielten -- erloschen ist. Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf
+die erloschene bauen, nicht erwarten, daß ein Glück aus ihr erblühen
+könne ...«
+
+Er starrte sie an und schwieg. Sein Verstand gab ihr recht, sein
+Herz stimmte ihr bei. Was sich in ihm noch regte und sträubte, das
+war ein leiser Gewissensvorwurf. Allein auch den vermochte Lotti zu
+beschwichtigen, indem sie sagte:
+
+»Nur die Geliebte scheidet sich von Dir -- die Freundin bleibt. Die
+wirst Du immer finden. Komm zu ihr, wenn Du ein Leid zu klagen hast,
+wenn Du verdrossen bist und schlimmen Muthes. Bedrückte Seelen warten
+-- das verstehe ich, das ist die Kunst, die ich ausübe, das ist meine
+Virtuosität ...«
+
+»Lotti!« rief er überwältigt und zog sie an seine Brust. Plötzlich
+jedoch ließ er sie aus seinen Armen, warf sich in einen Sessel
+nieder und brach in heftiges Schluchzen aus. Sie trat zu ihm, beugte
+sich, ihre Lippen ruhten lange auf seiner Stirn ... regungslos, mit
+geschlossenen Augen, empfing er ihren schwesterlichen Kuß, und ihm war,
+als senke sich aus seinem innigen Berühren Frieden und Versöhnung in
+seine kämpfende Seele. Als er aufblickte, fand er sich allein; Lotti
+war in ihr Zimmer geeilt, und er hörte sie den Riegel vorschieben. Er
+sprang auf, er rannte zur Thür und pochte und rüttelte daran wie ein
+Verzweifelter. Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen.
+
+Endlich mußte er sich ergeben -- mußte sich fassen.
+
+»Ich komme wieder, hörst Du mich? Ich komme wieder!« sprach er und
+schritt nach einem letzten Zögern, einem letzten, vergeblichen
+Erwarten, langsam aus dem Gemach.
+
+
+
+
+ VII.
+
+
+Allein so oft er wiederkam, so ungestüm er nach ihr fragte --
+Lotti ließ sich nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine
+Unterredung, und sie entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewähren, wenn
+er zuvor verspreche, ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu
+erwähnen. Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen, das erklärte er
+offen in einem zweiten Briefe, der unbeantwortet blieb.
+
+Damit war zwischen ihnen Alles zu Ende.
+
+Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen,
+senkte Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Später
+vermieden sie es nicht mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast
+Du mir nichts zu sagen? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes
+Lächeln, eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert. Nach solchen
+flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und
+brennender Stirn, und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und
+gerötheten Augen von einer durchweinten Nacht.
+
+Aber auch diese letzte, thörichte Schwäche ward überwunden. Lotti
+gewöhnte sich, an dem einst Geliebten vorbei zu gehen, wie an einem
+Fremden; sie erröthete nicht mehr, wenn sein Name in ihrer Gegenwart
+ausgesprochen wurde; sie las auch seine Bücher nicht mehr. Sie wurde
+von ihnen allzu peinlich berührt. Es gab sich darin ein Haschen nach
+dem Absonderlichen und Unerhörten kund, ein Streben, gemeine Neugier
+zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft sogar das Widerliche zu
+schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte
+erschienen, den Halwig selbst sie verehren gelehrt: am Gotte des
+Schönen.
+
+Jahre vergingen. Feßler starb -- kurze Zeit nachdem ihm angekündigt
+worden, daß er seine »hohe Warte« verlassen müsse, weil das Haus
+zum Umbau bestimmt sei. Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried
+miethete sich bei dem Uhrmacher ein, für den er seit dem Tode seines
+Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes immer eingedenk,
+führten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten und
+einzigen Liebe so vollkommen geheilt, daß sie die Nachricht von Halwigs
+Verheirathung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener
+Heiterkeit aufnahm.
+
+Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich heute noch
+des verstörten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen,
+der Verlegenheit, der unnöthigen Schonung, mit denen er, nach langem
+Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so
+beschämt und elend ausgesehen, als ob er eben eine schändliche Handlung
+begangen hätte.
+
+»Ich muß es Dir sagen,« entschuldigte er sich, »Du hättest es
+vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet
+vielleicht ...«
+
+Lotti sah ihn freundlich an und sagte:
+
+»Nun -- was hätte das gemacht?«
+
+»Wenn Du ihnen aber begegnet wärest, wie ich -- ganz unerwartet -- beim
+Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm.«
+
+»So hätte es mich gefreut,« sagte Lotti.
+
+»Hätte es? ...« Sein Gesicht hatte sich verklärt, er gerieth in
+Begeisterung, und jetzt kam es heraus, daß er schon seit einigen Tagen
+von der Verheirathung Halwigs unterrichtet war, daß er auch gehört
+hatte, die junge Frau sei arm, vornehm und schön.
+
+»Das Letztere kann ich bezeugen,« sprach Gottfried mit gedämpfter
+Stimme, als ob er ein Geheimniß anzuvertrauen hätte, »Du und ich,
+wir haben nie etwas Schöneres gesehen. Sie ist groß -- um ein Haar
+vielleicht größer als Du, und so zart, so ätherisch, als wäre sie
+aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das Bild paßt nicht; die
+Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus, wie das junge,
+rosige Leben ... Ein Kind sag' ich Dir, und hat doch schon etwas in
+den Augen ... Ich war eilig, und ging in Gedanken so hin, wäre beinahe
+an sie angerannt ... Er rief »Holla!« und sie blickte mich mit diesen
+prächtigen, sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, als ob
+sie sagen würde: Geben Sie doch Acht! Ich bin es ja! ... so, daß ich
+außerordentlich erschrocken stehen blieb und den Hut rückte. Da
+bemerkte ich erst, daß er den seinen abgenommen hatte. Gesprochen
+wurde nichts, wir haben beide nur getrachtet, so bald als möglich
+fortzukommen.«
+
+Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem
+Arbeitstisch Lottis gegenüber ein, und sie begann von anderen
+Dingen zu sprechen. Sie erzählte mit einer Art Entrüstung, daß der
+Uhrenliebhaber, der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht,
+das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben, sich wieder melde.
+Von Amerika aus, wo er lebte -- er war ein Deutscher, der dort Glück
+gemacht -- erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein Agent
+Lotti überbrachte. Sie sann jetzt über ihre Antwort nach, konnte nicht
+Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschütterlichen
+Vorsatz, sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrücken. Sie
+hatte Lust, dem »Amerikaner« mitzutheilen, was bisher Niemand außer
+Gottfried wußte, daß der Hausschatz nämlich, im Testamente Lottis dem
+Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei, wo er unter dem Namen: »Feßlersche
+Sammlung«, auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude
+künftiger Generationen.
+
+Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in Allem recht, sprang aber
+plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab, und sagte: »Findest
+Du es nicht verwegen von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch schon
+reifen Jahren ein Mädchen zu heirathen, wie gesagt, fast noch ein Kind
+und so wunderschön?«
+
+»Von -- ihm? ... Du sprichst von Halwig --« erwiderte sie mit
+einem verweisenden Blick. -- Die sanfte Lotti war gegen Gottfried
+ausnahmsweise immer ein wenig streng. »Das muß man wissen ... Reife
+Jahre? Ach was! Künstler bleiben immer jung, nur wir altern, wir
+Arbeitsleute.«
+
+ * * * * *
+
+So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheirathung
+aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört.
+
+Und jetzt, nachdem sie Alles verschmerzt, vieles vergessen, kam ein
+Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen
+Ruhe. Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks, den sie
+plötzlich empfangen hatte, über die Pein, welche er verursachte. Doch
+versuchte sie nicht, sich ihr zu entziehen, dazu kannte sie sich zu
+gut. Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein, bevor sie sterben
+konnten. Da half kein Wegschieben, keine Ueberredungskunst, sie
+forderten ihr ganzes Recht, und wichen erst, nachdem es ihnen geworden.
+
+Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk
+sich ab. Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe. Allein,
+was sie auch that und sprach, unablässig summten ihr die Worte: »Aus
+Leichtsinn oder Noth« im Ohr, und der Gedanke an Halwig verließ sie
+nicht eine Sekunde. Sie durchwachte eine böse Nacht.
+
+Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch ein Mal, die
+bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu
+überbringen.
+
+Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten,
+auffallend hastig ab.
+
+»Wie Du willst,« sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von
+Empfindlichkeit.
+
+Sie blickte ihm eine Weile nach. »Der beste Mensch!« murmelte sie
+leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig, mit
+gekreuzten Händen, im Zimmer auf und ab zu gehen.
+
+Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen, ihre
+Herrin unbeschäftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr, als
+sie sich verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr eine
+Gelegenheit, sich so recht nach Herzenslust über die interessanten
+Neuigkeiten auszulassen, die sie vom Markte mitgebracht. Leider
+fand sie nur geringe Theilnahme und wurde plötzlich durch die Worte
+unterbrochen:
+
+»Agnes -- ich gehe jetzt aus.«
+
+Das war freilich leichter gesagt als gethan. »Ausgehen?« Jetzt? -- die
+Alte entsetzte sich über »diese Idee«. Vor dem Essen war das Fräulein
+nie ausgegangen, warum denn heut'!
+
+Die Frage, und die seltsam forschende Miene, mit der sie gestellt
+wurde, machten Lotti erröthen; sie wandte das Gesicht verlegen ab und
+sagte: »Warum? -- ja -- -- ich könnte eigentlich auch später -- wenn Du
+Dich beeilen wolltest ...«
+
+Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie überbrachte die
+Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Fräulein dringend zu sprechen
+wünschte.
+
+Der Agent des »Amerikaners« kam einmal wieder, die Anerbietungen seines
+Chefs in Bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern.
+
+Er wurde selbstverständlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu
+bescheiden und sich -- zufrieden oder nicht -- zu empfehlen, nahm er
+auf das Breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten
+einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen. Nach einer tödtlich
+langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung, er wolle
+vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu
+bemerken, daß sei ganz überflüssig, worauf er verbindlich erwiderte, er
+danke und werde sich gewiß einfinden.
+
+Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn
+sie ließ ihr Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde,
+unberührt.
+
+Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an, und blieb dann
+zögernd an der Thür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt
+langsam durch die Straßen ... immer langsamer, je näher sie ihrem Ziele
+kam.
+
+Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen, unter
+denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war. Sie wollte es. Und
+doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen
+Entschluß. -- Was soll die Gewißheit, nach der du strebst, dir bringen?
+fragte sie. -- Was hast du zu erwarten? Du wirst von einem Leichtsinn
+hören, den du nicht heilen kannst, oder von einer Noth, der abzuhelfen
+du nicht vermagst. Laß ab! Was quälst du dich? ... Zu wessen Frommen?
+Du bist längst vergessen -- vergiß auch du!«
+
+Lotti horchte den leisen, abrathenden Stimmen und -- mit Bewußtsein
+handelte sie ihnen entgegen.
+
+Jetzt stand sie an der Thür des Uhrmacherladens, jetzt drückte sie die
+Klinke.
+
+Der Laden war leer, aber aus dem anstoßenden offenen, mit Gaslicht
+hellerleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen.
+
+»Ich weiß ja, daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange!« rief eine
+Stimme, deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte,
+und die sie dennoch augenblicklich erkannte.
+
+»Ich aber bin nicht in der Lage, Gefälligkeiten zu erweisen. --
+Entschuldigen Sie, da ist Jemand ...« sagte der Uhrmacher, der den
+Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte; »ah -- Fräulein!
+eben recht ...« Er eilte auf Lotti zu, indem er fortfuhr zu sprechen:
+»Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden; jetzt sind drei Tage
+vorüber; und mit dem besten Willen -- wenn ich noch so gern möchte --
+ich könnte die Uhr nicht herschaffen, denn sie ist --« er warf Lotti
+einen Blick des Einverständnisses zu, »bereits in anderen Händen. Diese
+Dame kann es bestätigen.«
+
+Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit Aeußerungen des
+Unglaubens begleitet. Als Lottis Zeugniß angerufen wurde, richtete er
+plötzlich die Augen auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet,
+so völlig überwunden und rathlos an, wie ein Kind, das auf einer
+schlimmen That ertappt wird.
+
+»Mein Gott -- Sie? ...« stammelte er, »was werden Sie von mir denken?«
+
+Lotti hatte sich rascher gefaßt als er; sie erwiderte:
+
+»Nichts Anderes, als daß es schön von Ihnen ist, sich so herzlich nach
+Ihrer alten Uhr zurückzusehnen.«
+
+Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas
+peinlicher Ueberraschung; er sie, halb wehmütig, halb freudig. Seine
+Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht
+und wohl ums Herz. Ihm schien es, als träte ihm die Erinnerung an die
+beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste,
+o, bei weitem nicht! Aber die beste gewiß.
+
+»Fräulein Lotti -- Fräulein Lotti,« wiederholte er mehrmals, ohne den
+Blick von ihr zu verwenden.
+
+Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte,
+wieder. Hübsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schön sein, wenn
+ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen
+Gedanken auf ihrer Stirn sichtbar wurde, wenn eine Gemüthsbewegung
+ihre Wangen röthete -- so wie jetzt ... Was lag daran, ob leichte
+Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen schmaler geworden? Die
+Augen blickten so gütig wie je; die rosige Farbe der Lippen hatten die
+Jahre verwischt, den Zug von Sanftmuth und stiller Heiterkeit, der
+sie umspielte, jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja, sie war es, war
+dieselbe noch! und -- sie hat sich wenig verändert, dachte er.
+
+Lotti hingegen dachte: er hat sich sehr verändert. Worin aber? fragte
+sie sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorüber gezogen. Seine
+Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner Haare
+und seines Gesichtes waren dunkler, sein Bart und seine Brauen waren
+lichter geworden. Die Augen lagen tiefer, und schon bildeten sich Ringe
+um dieselben, doch funkelten sie noch feurig wie sonst; er war noch
+immer ein Bild männlicher Schönheit, sein Wesen noch immer anziehend
+und gewinnend. Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte eine
+gewaltige Aenderung erfahren. Keine Spur des Künstlers war mehr an
+ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft
+aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode
+zugeschnitten, und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch
+die Form des langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte
+bei der Wahl des glänzenden Cylinders, der sportsmäßigen Cravatte,
+der Handschuhe aus Hundsleder, den Ausschlag gegeben. Wenn Kleider
+Leute machen würden, hätte man ihn für ein Mitglied des Jockey-Klubs
+halten müssen. Er hatte jedoch nur die äußere Hülle eines Engländers,
+nicht dessen Art und Weise angenommen -- vielleicht nicht anzunehmen
+vermocht. Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone, in
+welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte, er freue sich
+des Wiedersehens, trotz der ihn beschämenden Umstände, unter denen es
+stattfand. Er bat sie, ihn anzuhören, bat, ihr seine thörichte und
+leichtsinnige Handlung, die allerdings unverzeihlich sei, wenigstens
+erklären zu dürfen.
+
+Lotti unterbrach ihn und meinte, daß sich wohl mehr werde thun lassen.
+Sie wandte sich an den Kaufmann und ihrer eindringlichen Fürsprache
+gelang es, nach einiger Bemühung den übereilten Handel rückgängig zu
+machen. Sodann verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde
+und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit Halwig.
+
+»Ihre Uhr ist bei mir,« sagte sie zu ihm, »in drei Tagen schicke ich
+sie hierher, da kann sie abgeholt werden.«
+
+Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grüßte so deutlich
+verabschiedend, daß ihm nichts übrig blieb, als diesem Winke zu
+gehorchen. Er verneigte sich, trat zurück, und sie schlug den Weg nach
+ihrer Wohnung ein.
+
+Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert, als sie durch
+rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde, und Halwig an
+ihrer Seite erschien.
+
+»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »verzeihen Sie, Fräulein Lotti ... eine
+große Bitte ...«
+
+»Nun?«
+
+»Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen?«
+
+»Das steht Ihnen frei!« antwortete sie.
+
+»In drei Tagen also! ... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich
+danke Ihnen ... das ist eine Freude!«
+
+»Die hätten Sie sich längst machen können.«
+
+»Können! ...« wiederholte er fragend, »haben Sie mir nicht dereinst
+gesagt, nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte, mög' ich kommen? Nun,
+Fräulein Lotti, ich hatte keines zu klagen, außer demjenigen, daß Sie
+selbst mir damals angethan haben ... und das ich allein tragen und
+überwinden mußte ... In allem übrigen bin ich glücklich gewesen ...«
+
+»Und davon sollte ich nichts wissen?« unterbrach sie ihn.
+
+»Davon ~wollten~ Sie nichts wissen ...«
+
+»O wie kindisch! Ist es möglich, Halwig, so kindisch sind Sie
+geblieben?«
+
+Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte.
+Erst die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, daß sie ihm
+seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei, stimmte ihn
+ernster.
+
+»Ach,« sagte er mit einem Seufzer, »ich bin ja wie der Vogel der
+Minerva. In der Dämmerung beginne ich meinen Flug. Tags über schmiedet
+mich die Arbeit an meine Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit
+-- eine lohnende und erfolgreiche ...« Er warf den Kopf stolz zurück.
+»Ueberdies,« setzte er, als Lotti schwieg, mit veränderter Stimme
+hinzu, »habe ich diesen Winter und den vorigen in England zugebracht,
+die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen längeren Aufenthalt in
+einer kräftigeren Luft nothwendig.«
+
+»Sie ist leidend?«
+
+»Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten
+Grund zu Besorgnissen gäbe.«
+
+»Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen, Halwig.«
+
+»Ich will sie Ihnen bringen!« rief er, hielt aber sogleich inne, wie
+Jemand, der ein übereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zögernd
+hinzu: »Das heißt, wenn meine Frau -- ich wollte sagen, wenn Sie es mir
+erlauben.«
+
+»Erlauben -- wie denn? -- ich bitte Sie darum.«
+
+Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. »Hier
+wohne ich,« sprach sie, »hoch oben im dritten Stock.«
+
+»Hier also -- gut -- hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... Wie
+glücklich wäre ich, unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon
+fortsetzen zu können -- aber ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger
+natürlich -- einer, der vernarrt ist in seine Sklaverei ... Auf
+Wiedersehen denn!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit Wärme:
+»Fräulein Lotti -- so haben wir uns doch endlich wieder gefunden!«
+
+»Und wie mir scheint,« antwortete sie, »als ganz gute Freunde.«
+
+
+
+
+ VIII.
+
+
+Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde fand Halwig sich ein.
+
+»Agnes, kennen Sie mich noch!« sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen
+Thür die Alte ihm geöffnet hatte.
+
+Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, daß
+Sie kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte,
+wurde allmälig milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen
+ja prächtig aus.«
+
+»Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!«
+
+Die Alte schmunzelte und dachte: jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie
+es mir immer gegangen ist.
+
+Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung
+gegen ihn gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im
+Handumdrehen im Hause erlangt, sie verabscheute seine Thätigkeit. »Was
+thut er?« meinte sie, »er schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für
+einen Mann -- nähen wäre ebenso gut. Ich möchte einen Schreiber gerade
+so wenig wie einen Schneider.« Da sie niemals Gelegenheit gehabt, diese
+Behauptung zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren Haß maßlos zu
+überschätzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen
+nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrüßt, wenn er fünf Minuten
+lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmäßig zu: »Er ist
+halt doch ein lieber Mensch.«
+
+»Darf ich eintreten?« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, mich
+anzumelden?«
+
+»Nicht nothwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Feßler auch.«
+
+»Gottfried auch?«
+
+»Ja ja,« bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien,
+»zwei alte Freunde heißen Sie willkommen.«
+
+Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich
+anfangs ein wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand
+auch er jenes eigenthümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl,
+das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der
+Jugendzeit erweckt wird.
+
+»Und wie lebst Du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in
+Erinnerungen geschwelgt hatten.
+
+Halwig lehnte sich in den alterthümlichen Sessel zurück, der ihm
+eingeräumt worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund,«
+lautete seine langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht -- ich
+schreibe.«
+
+Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mißbehagen schien sich
+seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er
+fort:
+
+»Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend, oder -- zur Abwechselung -- vom
+Abend bis zum Morgen ... Es giebt einmal nichts so Unpoetisches, wie
+das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu
+thun, wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß?«
+
+»Das kann Dir nicht schwer werden,« meinte Gottfried, »ein gefeierter
+Dichter wie Du ...«
+
+»Heuchle nicht, Gottfried! Was weißt Du davon, ob ich ein gefeierter
+Dichter bin?«
+
+»Nun -- man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.«
+
+»Daher schöpfst Du Deine Nachrichten? Gehst zum Fasse, statt zum Quell
+... Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls sich selbst
+zu überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?«
+
+»Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber lieber Halwig, ich
+altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.«
+
+»Sie thun vielleicht sehr gut daran,« sprach er nicht ohne leisen,
+etwas ironischen Verdruß.
+
+Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel
+einiger darin aufgestellten Werke. »Da sind noch alle, die alten
+Bekannten ... Ja, ja, Ihre Umgebung hat sich eben so wenig verändert,
+wie Sie selbst. Der Raum ist kleiner geworden,« sprach er und blickte
+sich in der Stube um, »die Gegenstände sind dieselben geblieben. Aber
+-- wo ist denn die Sammlung, der Schatz des Hauses?«
+
+Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers. »Dort steht sie.«
+
+»Unvermindert? In ihrer ganzen Herrlichkeit?«
+
+»Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.«
+
+»Wirklich?«
+
+»Wie können Sie daran zweifeln? Ein Geizhals würde sich leichter von
+Hab und Gut trennen, als ich mich von einer meiner Uhren.«
+
+»Nicht einmal eine wäre Ihnen feil? -- Um gar keinen Preis? Nicht um
+Wohlhabenheit, nicht um Reichthum?«
+
+»Welche Fragen!« erwiderte Lotti beinahe verletzt.
+
+Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein; er stützte die Arme auf
+seine Kniee und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Da plötzlich
+erhob er die Augen zu Lotti:
+
+»Idealistin! Sie wohnen in einer Nußschale unter dem Dach, plagen sich
+ums tägliche Brod, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, um
+nichts zu schmälern von einem eingebildeten Werth ... Sie haben Recht!
+... Bewahren Sie sich, was Ihnen unschätzbar ist!« schloß er wehmüthig,
+schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten Uebergänge,
+die ihm immer eigen gewesen waren, einen heitern Ton an. Er nannte sich
+einen glücklichen Menschen und pries sein Schicksal, das ihn endlich
+wieder mit seinen alten Freunden zusammen geführt. Der Verkehr mit
+ihnen sei das Einzige gewesen, wonach er eine Sehnsucht empfunden, die
+sich oft bis zum Schmerze gesteigert. Jetzt war auch diese erfüllt. Ihm
+fehlte nichts mehr. Er begann von seiner Frau zu erzählen, und wie er
+sie im Sturm gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre
+Geschwister, »die ganze hochadelige Sippe« gegen ihre Verbindung mit
+ihm aufgeboten habe. Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten
+seiner Frau gemieden -- nur anfänglich ...
+
+»Seitdem sie sich überzeugt haben, daß meine Kunst keine brodlose ist,«
+sprach er lachend, »bin ich merkwürdig in ihrer Achtung gestiegen, und
+das freut mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel Gewicht auf ihre
+Meinung zu legen. Es sind sehr ehrenwerthe Leute, aber durchaus keine
+überlegenen Geister. Ein wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ...«
+
+»Einfluß nehmen sie aber doch auf Dich,« versetzte Gottfried. »Dein
+Aeußeres hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend!
+was bist Du nobel geworden ... ich bewundere Dich schon die ganze Zeit
+im Stillen.«
+
+»Spotte nur,« sagte Halwig. »Uebrigens, lieber Alter, die Zeiten sind
+vorbei, in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am
+abgeschabten Flausrock erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, habe
+ich allerdings aufgegeben. Aber nicht in Folge äußerer Einflüsse,
+sondern Dank meinem verbesserten Geschmack.«
+
+Gottfried blinzelte ihn freundlich an. »Sehr gescheit,« sprach er;
+»Deine Leute können mit Deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein.
+Und Deine Bücher, sage mir, finden die bei ihnen gehörige Anerkennung?
+Gefallen sie ihnen, wie Du selbst ihnen gefallen mußt?«
+
+»Meinen Leuten -- Bücher? ... meinen Leuten? -- Freund ich frage mich
+manchmal, ob sie lesen können,« entgegnete Halwig, und fuhr nach einem
+Blick voll Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: »Das
+gilt nur von den Männern! Die Frauen lesen, die -- ja. Und zwar die
+alten französische, und die jungen englische Romane. Welche Früchte
+diese Lectüre den ersten trägt, weiß ich nicht; die zweiten holen sich
+aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten und Gebräuche, und
+für alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz eines
+Maquignons, reden wie die Jockeys, und -- sind reizend. -- Ja, ich
+muß gestehen, daß ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im
+Geringsten täusche über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber --
+was geht die mich an? Mich unterhalten, mir gefallen diese Amazonen
+in Schleppkleidern; meinetwegen dürfen sie bleiben, wie sie sind ...
+Die Klagen über die Fehler der Aristokraten, über ihre Frivolität,
+Genußsucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen; allein,
+wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht
+wohl gefühlt? -- man hat überhaupt keinen Sinn für das Anmuthige
+und Schöne, wenn man keinen hat für die Anmuth und Schönheit ihrer
+Umgangsformen ... freilich eine Ahnung von Talent zu dergleichen
+Dingen muß man mitbringen, um sie als Vorzüge gelten lassen zu können
+... diese Ahnung fehlt -- nicht dem großen Publikum, das unsere ist
+vortrefflich, keine Nation der Welt vermag ein besseres zu bilden -- es
+fehlt den Wortführern des Publikums, meinen Herren Collegen und lieben
+getreuen, immer dienstbeflissenen Feinden.«
+
+»Deine Collegen und Feinde?« fragte Gottfried ganz verwundert über
+diesen plötzlichen Ausfall.
+
+»Nun ja! -- Ich habe zu viel Glück und habe stets zu viel Glück gehabt,
+um ohne Neider zu sein. Sie thun, was sie können, um mir meine Erfolge
+zu verkümmern, allein die Mühe ist verloren. Noch befinde ich mich
+im Vollbesitze meiner Kraft und hoffe, nicht so bald zu erlahmen --
+geschehe das -- erwachte ich eines Tages und wäre kein Dichter mehr
+-- wie man behauptet, daß es geschehen könne, Anderen schon geschehen
+sei, -- versiegte plötzlich der Quell, aus dem ich gewöhnt bin, ohne
+Maß zu schöpfen -- ja dann ...« Er griff sich mit beiden Händen an den
+Kopf, »dann wäre ich verloren ... denn Alles, was ich bin und habe,
+steht und fällt mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegründet, die
+Zukunft meiner Frau ... geistige Verarmung hätte für mich so viel zu
+bedeuten, wie materielle Noth -- und das hieße sie betrogen haben, die
+mir in Unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ... Närrische Gedanken
+--« unterbrach er sich mit einem gequälten Lachen, »ich kenne mich
+und fürchte nichts. Aber die Phantasie, die uns beseligt, will auch
+peinigen. Nur zu! ... In der Einbildung müssen wir das Furchtbare
+durchmachen, das uns die Wirklichkeit erspart -- das ist der Tribut,
+den der Glückliche dem allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und, daß
+er reichlich bezahle, dafür sorgen die eigenen, in dem Geschäft, das
+ich betreibe, bis zum Zerreißen gespannten Nerven, und die Bemerkungen
+der süßen Neider, oder die Rathschläge der weisen Freunde. Auf dem Wege
+hierher bin ich dem weisesten von Allen begegnet ... Was der nicht
+Alles wußte, nicht Alles kommen sah! Wie der so eindringlich bat, als
+hänge sein eigenes Heil davon ab: Gönne Dir Ruhe! Sündige nicht auf
+Dein Talent -- Du brauchst Sammlung, Erholung ... Wohl brauch' ich
+sie, aber sie mir gönnen heißt abtreten, Anderen Platz machen ... O
+nein, ich weiche nicht, ich bleibe und fühle Nerv und Stärke genug in
+mir, der ganzen heranwachsenden Epigonen-Generation Stand zu halten
+... Ich traue mir's zu, sie alle zu überdauern, diese altklugen Kinder
+mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Können ... Aber ich
+ermüde Sie mit diesen literarischen Misèren ... Lassen Sie uns von
+angenehmeren Dingen reden ...«
+
+Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, er bemühte sich, die frühere
+Heiterkeit wieder zu gewinnen. Allein es war vergeblich. Endlich erhob
+er sich und nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm nur irgend
+möglich sei, wollte er mit seiner Frau wiederkehren, die er im Voraus
+der Freundschaft und Güte Lottis empfahl.
+
+»Wie kommt er Dir vor?« sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder
+allein waren.
+
+Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd: »Wie
+Dir.«
+
+»Schad' um ihn.«
+
+»Ja, traurig.«
+
+Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen
+kleinen Brief. Sie war im höchsten Grade ungeduldig, Fräulein Feßler
+kennen zu lernen. Sie forderte ihren Antheil an der Freude, die ihrem
+Manne durch das Wiederfinden seiner Jugendfreundin beschert worden war.
+Es machte sie wirklich trostlos, dem Zug ihres Herzens nicht folgen,
+und statt dieser in Eile hingeworfener und schlecht geschriebener
+Zeilen selbst bei Fräulein Feßler erscheinen zu können; aber ein
+Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich.
+Ja, wenn Fräulein Feßler großmüthig sein, und eine arme, an das Zimmer
+gefesselte Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glücklich
+würde diese sein ... Auf ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte
+freilich Diejenige nicht zu hoffen, die sich mit herzlichster und
+wärmster Verehrung Lottis ergebenste Agathe Halwig nannte.
+
+Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder, und ein Gefühl
+von entzückter Beschämung bemächtigte sich ihrer. Es stieg ihr
+heiß in die Wangen, sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen
+Frau zu stehen, deren sie bisher entweder gar nicht, oder wenn -- ohne
+das geringste Wohlwollen gedacht, und die ihr jetzt so liebenswürdig
+nahte, mit solcher Bescheidenheit, ja man konnte sagen, mit kindlicher
+Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten, besann sich aber
+eines Andern. Nein, mit ihrer schwerfälligen und altmodischen Schrift
+durfte sie nicht ausrücken, der Besitzerin der schönsten »_grande
+anglaise_« gegenüber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschloß
+sie denn, eine mündliche Antwort zu geben und trat in das Vorzimmer, um
+dieselbe dem wartenden Boten aufzutragen.
+
+An der offenen Thür der Küche lehnte nachlässig, mit gekreuzten Armen
+und Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein untersetztes,
+glotzäugiges Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben Wappenknöpfen,
+eine blanke, goldbetreßte Tellerkappe zwischen den Fingern. Von
+der Höhe seines herrlichen Selbstbewußtseins herab beobachtete er
+das Walten Agnesens in ihrem kleinen Bereiche. Er veränderte seine
+lümmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch und in großer, freudiger
+Aufregung auf ihn zu kam und ihn bat, seiner Gebieterin zu melden, sie
+gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen.
+
+»Heute nicht,« versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen
+impertinenten Gesicht. »Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen
+um ein Uhr.«
+
+»Morgen? -- Gut denn, morgen.«
+
+Es schien Lotti ein wenig befremdlich, daß die junge Frau, die nicht
+den Muth gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf
+ihn gerechnet haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darüber
+Gedanken. Sie kehrte wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden
+Brief zurück. Da lag er, sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden
+Couvert und duftete köstlich nach Ylang-Ylang. Von Neuem erquickte sich
+Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab nichts Gutes und Schönes, das man
+ihr nicht zutrauen müßte, die ihn geschrieben. Lotti drückte ihn an
+ihre Wange, hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und legte ihn
+endlich in das Kästlein, in welchem sie ihre theuersten Erinnerungen
+bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe,
+die Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren
+eigenen Verlobungsring.
+
+Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen wieder
+hervor, um ihn Gottfried mitzutheilen.
+
+»Lies!« rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen.
+Er gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und
+ein verwundertes »Oho!« ausgestoßen hatte. Seine Miene blieb ganz
+gleichgültig.
+
+»Hast geantwortet?« fragte er, nachdem er zu Ende gekommen.
+
+»Natürlich! Ich gehe zu ihr.«
+
+»Das ist beschlossen?« Gottfrieds Ton klang mißbilligend, und er
+warf das Schreiben mit einer Gebärde voll Geringschätzung auf den Tisch.
+
+»Es ist beschlossen,« entgegnete Lotti ärgerlich.
+
+Er murmelte einige unverständliche Worte.
+
+»Was sagst Du?«
+
+»Nichts. -- Wenn es schon beschlossen ist, nichts.«
+
+»Und der Brief gefällt Dir nicht? Freut Dich nicht?«
+
+»Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der
+Halwig baronisirt worden?«
+
+»Gottfried!« rief Lotti, »es ist Deiner ganz unwürdig, so kleinlich zu
+sein.«
+
+»Ist das kleinlich?« sagte er, nicht ohne einige Beschämung.
+
+»Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein kann.«
+
+Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der »beste Mensch.«
+Er konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab sehr viel
+zu thun. Das neu errichtete Geschäft ließ sich vortrefflich an, und
+doch wollte er nicht so ganz Kaufmann werden, daß er am Ende seine
+Uhrmacherei darüber vernachlässigte. Fortschritte meinte er freilich
+unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen zu können, aber
+verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz knappes
+Wirthschaften mit der Zeit.
+
+Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt. »Du
+bist recht zufrieden?« fragte sie plötzlich.
+
+»Recht zufrieden,« wiederholte er, vermied aber dabei dem freundlich
+forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete.
+
+Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der Meldung
+erschien, Herr von Halwig sei da, und wünsche das Fräulein zu sprechen.
+
+»Es muß ihm etwas sein,« flüsterte die Alte, und ihr vertrocknetes
+Gesicht gerieth in das blitzende Zucken, das bis zum Aeußersten
+gespannte Neugier auf demselben hervorzurufen pflegte. »Was ihm wohl
+sein mag?«
+
+»Laß ihn doch kommen!« rief Lotti, und schon, nach einem leichten
+Pochen an der Thür, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich
+langsam und zögernd entfernte.
+
+»Entschuldigen Sie die frühe Stunde, ich werde Sie nicht lange stören,«
+sprach er, »ich bin nur da, um Ihnen für Ihre Güte gegen meine Frau
+zu danken und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir thut, bei Ihrer
+ersten Begegnung mit Agathe nicht gegenwärtig sein zu können ... Nein,
+nein!« fügte er ablehnend hinzu, da ihm Lotti einen Sessel anwies, »ich
+setze mich nicht, ich bleibe, mit Ihrer Erlaubniß hier an dem Platze
+Gottfrieds stehen, Ihnen gegenüber, Fräulein Lotti ...«
+
+Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mühe die raschen
+Athemzüge zu verbergen, die seine Brust ängstlich beklemmend hob.
+
+»Was fehlt Ihnen, Halwig?« fragte Lotti und trat an seine Seite, »Sie
+sehen schrecklich aufgeregt und übermüdet aus.«
+
+»Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am Schreibtisch
+durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie mich nur recht
+an -- nur recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, frommen,
+friedlichen Augen -- es thut mir wohl und beruhigt mich, und ich
+brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den ich heute zu machen habe
+...« Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem Schweigen sanft und
+eindringlich:
+
+»Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ... Sie wissen,
+Sie müssen sich noch erinnern, wie großen Werth ich auf Ihr Vertrauen
+lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht verändert.«
+
+»Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder
+Vertrauen haben,« rief er, »ich habe das inmitten der Mißgunst, die
+mich umgiebt, verlernt.«
+
+»Halwig, diese Mißgunst -- besteht sie nicht vielleicht einzig und
+allein in Ihren selbstquälerischen Einbildungen? ... Ich frage nur --«
+beeilte sie sich entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien,
+heftig aufzufahren. »Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig
+-- Sie haben neulich von Jemand gesprochen, der Ihnen rieth, sich Ruhe
+zu gönnen -- dem stimm' ich bei, sein Rath war gut.«
+
+»Er wäre gut, wenn sich ein Zeichen des Ueberreizes, des Verfalls
+in meinen letzten Arbeiten finden ließe ... Das läßt sich darin
+~nicht~ finden! ... Mit jedem Werke, welches ich in die Welt
+sende, wächst meine Popularität, es giebt keine Zeitschrift, kein
+Journal, das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig Autoren
+dürfen sich rühmen, so viel gelesen zu werden, wie ich. -- In faden
+Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige
+Verblüffung läuft es immer hinaus -- dem Geschmack der Zeit muß man
+Concessionen machen ... ~man muß~! ... Welcher Künstler ist groß
+geworden und hat das nicht gethan? ... Lesen Sie, lesen Sie doch
+einmal eines meiner Bücher und sagen Sie dann, ob ich mich, wie der
+schöne Ausdruck lautet: ›ausgeschrieben‹ habe? Ob ich verwässere und
+verflache?«
+
+Er stieß ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken, aus denen
+ihn Lotti mit den Worten weckte:
+
+»Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie zu machen haben ...«
+
+»Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, gräßlich soll es
+heißen ... Ich will Ihnen sagen, was ich zu thun habe: einem Menschen
+gute Worte geben, dem ich am liebsten einen Fußtritt gäbe ... aber ich
+stehe in seiner Schuld und mir bleibt nichts übrig, als --« die Augen
+funkelten ihm vor Zorn, und er warf die Lippen verächtlich auf -- »als
+mich vor ihm zu demüthigen.«
+
+»Eine -- eine Geldschuld?« fragte Lotti zaghaft.
+
+»Nein -- ja -- wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine
+Vorauszahlung von ihm anzunehmen auf einen Roman, der im Feuilleton
+seiner Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung
+nicht nachkommen ... es ist mir unmöglich, trotz all' meiner
+Arbeitskraft, all' meines Fleißes. Heute sollte ich meinen ersten Band
+abliefern, und heute muß ich das Geständniß ablegen, daß er noch nicht
+begonnen ist -- muß um Zeit bitten, um Geduld -- --«
+
+»Wär's nicht besser den peinlichen Vertrag ganz zu lösen, Halwig?«
+sprach Lotti.
+
+»Das kann ich nicht --«
+
+»Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ...«
+
+»Das kann ich nicht!« wiederholte er übereilt, und verbesserte sich
+sogleich: »darauf ginge er nicht ein -- der Seelenverkäufer läßt mich
+gewiß nicht los ... Aber -- darf ich's denn verantworten, daß ich Sie
+zu langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten, die Ihrem
+Gesichtskreise so fern liegen, so tief unter Ihnen stehen?«
+
+»Diese Frage, Halwig, die können Sie allerdings nicht verantworten,«
+sprach Lotti. »Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu
+verschaffen vermag. Vergessen Sie das nie und nimmermehr.«
+
+Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. »Ich habe es nicht vergessen ...
+Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und Segen zu
+sein ... von jeher war ich bestimmt, Sie zu quälen ... Das Schicksal
+erfüllt sich ... Leben Sie wohl! ...« rief er, wandte sich plötzlich
+und schritt dem Ausgange zu. Mit einem Male blieb er jedoch stehen.
+Seine Augen hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet,
+das an der Wand über dem Arbeitstische hing. Das wohlgetroffene Bild
+Meister Feßlers.
+
+»Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte Alles vom
+Künstler, nur nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte
+die Affenliebe für seine Produkte nicht, und nicht die blinde Freude an
+dem Geschaffenen, sondern nur die große Freude an seinem Schaffen ...
+Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir -- treiben unsere Kunst wie
+ein Handwerk,« sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das Zimmer.
+
+
+
+
+ IX.
+
+
+»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das
+Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses.
+
+»Macht gewiß Visiten,« meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus
+dem Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz schritt.
+
+Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung:
+»Schau, schau! Es giebt doch nichts Schöneres, als ein schwarzes
+Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben, muß sich so gewiß ausbreiten,
+-- ~das~ ist anständig, das ist elegant!«
+
+»Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr kleines,
+breites Näschen rümpfend.
+
+»Nicht? Kannst Du Dir das Fräulein denken in so einer modernen
+Ofenröhre, wie Du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich
+auf das enge Kleid deutete, das seine Tochter trug.
+
+»Sie nicht -- sie freilich nicht --«
+
+»Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher als
+tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne!«
+
+»Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's,
+ein anderes dürft's nicht tragen.«
+
+»Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?«
+polterte der Alte, und der Zank zwischen den Beiden entbrannte.
+
+»Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, »wenn Ihr
+einmal todt seid, halte ich mir doch ein französisches Modejournal!«
+
+»Dann kannst Du's thun!« schrie der Vater gereizt, aber nicht gekränkt
+durch diese brutale Aeußerung.
+
+Seine Tochter biß sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen schoß
+ein Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu
+sterben,« sprach sie.
+
+»Fällt mir auch gar nicht ein.«
+
+Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodernen gestreiften
+Sommerkleides.
+
+Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und
+Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. Auch die
+weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut, und dabei ein
+derart gescheites Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante
+Dinge wüßte, von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren.
+
+Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten und
+dennoch so gleich mächtigen Empfindungen, daß sie nicht vermocht hätte
+zu sagen, welche die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer
+Thatendrang -- der Wunsch, Einfluß auf die Frau Halwigs zu gewinnen,
+und die Hoffnung, wenn das gelang, durch sie dem Selbstzerstörungswerk
+Einhalt zu thun, in dem der Dichter begriffen war. Sollte jene
+aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte sie,
+wenn er auch schweigt -- nichts davon errathen haben? Ist es nicht
+offenbarer Unverstand, sich einzubilden, daß eine Fremde kommen müsse,
+um der Gattin die Augen zu öffnen? Und dennoch -- dennoch -- trotz
+aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung
+durchdrungen, für die ihr jeder Grund, jeder Anhaltspunkt fehlte, der
+Ahnung: die Frau, die er liebt, weiß nichts von seinem inneren Leben.
+
+Lotti war im neuen Stadttheil vor dem neuen Hause angekommen, das
+Halwig bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; Alles darin
+frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht,
+Alles geschmackvoll und schön: die Malereien an den Wänden und am
+kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die vergoldete Rampe, die
+schneeweißen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die Freundin des Alten,
+sah sich um in all' der bunten, jungen Herrlichkeit und meinte im
+Stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen.
+
+Sie bemühte sich, den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu
+schenken, sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu
+befreien, die sich ihrer bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und
+Lottis Herz pochte fast laut, als sie das erste Geschoß erreicht hatte
+und den Drücker neben einer hohen, hübsch stilisirten Thür berührte,
+die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß. Derselbe Diener,
+der gestern das Billet Frau von Halwigs überbracht, starrte Lotti mit
+derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf, einzutreten.
+
+Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken und
+Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büffet, geschnitzte
+Stühle, schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. Durch einen
+kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten,
+Pagoden, Vasen, Lüster, Armleuchter aus Porzellan, zahllose Kästchen
+aus _vieux-laque_: chinesisch. An der dritten Thür blieb der
+Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein von Feßler!« und
+gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.
+
+Lotti trat in ein großes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf
+einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame
+lag.
+
+»Wie schön von Ihnen,« sprach diese, und richtete sich, wie es schien
+nicht ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine hülflose
+Kinderhand streckte sich aus der Fluth von Spitzen, welche die Aermel
+des weißen Schlafrocks umgaben, der Besucherin entgegen.
+
+»Wie schön von Ihnen, daß Sie kommen ... aber ich hab's gewußt, ich
+habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ...«
+
+»Sie sehen, wie recht Sie gehabt ...«
+
+»Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht' ich mir, als ich meinen Brief
+fortschickte, kommt sie sogleich -- und Sie wollten ja auch sogleich
+kommen?«
+
+»Gewiß.«
+
+»Gestern konnt' ich Sie aber nicht sehen -- ich war zu leidend --.«
+
+»Das hörte ich mit Bedauern,« erwiderte Lotti theilnehmend, aber auch
+erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig
+angehauchten Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?
+
+»Und -- was fehlt Ihnen?«
+
+»Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiß nichts davon, man darf es
+ihm auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt,« versicherte
+Agathe mit einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme.
+
+Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein
+so lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, daß Lotti
+dachte: »Dich müßte ein Tauber beredtsam finden!«
+
+Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von
+Albano, deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat.
+Ihre reichen, dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren
+Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten. Sie schien groß; die edlen
+Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich
+unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des langen, weit über die Füße
+reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend, hüllte.
+
+Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demüthigen
+Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen
+gegenüber, die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten
+empfinden.
+
+Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie eigenthümlich
+war ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten von
+Blüthenduft und Sonnenschein durchtränkt.
+
+In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel auf einander
+stehenden Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der seltensten
+Blumen. In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme ihre
+zackigen Blätter aus, in der anderen wiegten sich in den Ringen
+ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer
+Papagei. Eine zierliche Volière beherbergte ein Dutzend brasilianischer
+Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen Gold-
+und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten
+des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob,
+guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer
+Neugier hervor. Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen, dessen
+Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden
+waren. Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa, ein Zelt aus
+demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Thür- und Fenstervorhänge
+bestanden. Mit diesen stimmte nur das Ruhebett überein. Alle übrigen
+Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen.
+Persische, indische, türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich
+geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren
+über die Tische gebreitet. Das Zimmer war überfüllt, drei Dinge jedoch
+hätte man darin vergeblich gesucht: ein Gemälde, ein Buch und --
+eine weibliche Handarbeit. Dagegen waren mehrere Etagèren vorhanden,
+ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten. Cigaretten-Vorräthe hoch
+aufgespeichert, abenteuerlich geformte Pfeifchen, kleine Tschibuks
+mit kostbaren, Edelstein-geschmückten Mundstücken, Reitpeitschen und
+Reitstöcke, köstlich damascirte Pistolen, mit Schaft aus Elfenbein,
+daneben in einem Futteral ein goldener Sporn.
+
+Die Besitzerin all' dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das
+Interesse, das Lotti denselben schenkte.
+
+»Es gefällt Dir bei mir!« sagten ihre großen langbewimperten Augen,
+dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben
+schwimmenden spielenden Lichtern ...
+
+»Nehmen Sie doch einen Fauteuil -- nicht den, der ist unbequem, den
+andern -- dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher --
+mir gegenüber, und lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.«
+
+Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.
+
+»Ich muß Ihnen sagen -- ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend
+-- leg' dich, Gipsy,« unterbrach sie sich, um zu ihrem Hündchen
+zu sprechen, das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die
+herabhängende Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte.
+Gipsy gehorchte.
+
+»Ich muß Ihnen sagen,« begann Agathe wieder, »ich war nicht nur
+leidend, sondern auch ...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr
+bekümmert.«
+
+»Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig.
+
+»Ach -- nein ...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche
+Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir
+nur Freude und Ehre.«
+
+»Sie sind also stolz auf ihn -- auf seinen Ruf, auf seinen Namen?«
+
+»Seinen Namen? ... nun -- die Halwigs sind gut, viel besser, als man in
+meiner Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ...«
+
+»Ich meine seinen Namen als Schriftsteller,« fiel Lotti ein. Sie
+lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte: ein Kind! -- das
+ist ja ein Kind.
+
+»Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz,« entgegnete Agathe, »man
+sagt,« fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »daß ich Ursache
+dazu habe, und ich glaube es ... Wenn Sie wüßten, wie seine Schriften
+honorirt werden, mit welchen Summen, Sie würden staunen!«
+
+»So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal »so?« -- und
+dann stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie
+erkundigte sich nach dem Antheil, den die Frau des Poeten an seiner
+künstlerischen Thätigkeit nehme, und war im Voraus von der Wärme und
+Größe desselben überzeugt.
+
+Darin hatte sie auch vollkommen Recht. Agathe wußte Alles, was in der
+Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen
+des Buches, das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon
+jetzt auf den begeisterten Brief, den der Verleger darüber schreiben
+werde. Sie würde »alle die Sachen« auch recht gern lesen, allein -- der
+Doctor, dieser Tyrann -- erlaubt es ~durchaus~ nicht, untersagt
+ihr ~durchaus~ jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie fühlt
+leider, daß er weise daran thut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage
+schwächer. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe
+müßte aufs Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind, wie ihre
+Großmutter, die auch im zweiundzwanzigsten Jahre ...
+
+»Perro! Perro! Perroquet,« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der sich
+von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte, und dessen Geschrei immer
+gellender wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf ihrem
+Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen Sie
+sich, haben Sie doch die Güte, den Shawl dort, sehen Sie -- den dort --
+über den Käfig dieses Unthiers zu werfen.«
+
+»Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen
+war und Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden.
+»Und jetzt kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.«
+
+Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt
+die unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest,
+die man ihr niemals zugetraut hätte.
+
+»Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt,« sprach sie, »ich weiß es ...
+bin aber nicht eifersüchtig -- da haben Sie den Beweis ...«
+
+Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand.
+Sie that es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt,
+der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es gethan
+hätte. Diese Huldigung war ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im
+Leben so beschämt gefühlt zu haben.
+
+»Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der anmuthigsten
+Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, daß auch Sie mich lieb
+gewinnen, und daß auch Sie es mir beweisen.«
+
+»Und wie könnte ich das?«
+
+»Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann thun ... Wollen Sie
+es thun?« wiederholte sie, und stieß, nachdem sie eine bejahende
+Versicherung erhalten hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn
+Lotti ihr half, dann war geholfen.
+
+Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar,
+deutlich, ohne die geringsten Umschweife auseinander.
+
+Sie hatte einen liebenswürdigen, großmüthigen, herrlichen Vater; allein
+-- das war sein Unglück; leichtsinnig wie ein Lieutenant, dieser arme
+Papa! -- Und die Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brüder,
+die Cadetten sind bei der Cavallerie, die haben auch alles Andere eher
+erfunden, als die Sparsamkeit. Kein Wunder, wenn es Verlegenheiten
+ohne Ende giebt. Aus den größten hat bisher regelmäßig der ältere
+Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn Jahren eine unermeßlich reiche
+Fabrikantentochter aus Liverpool geheirathet und England seitdem
+nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit
+langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, daß
+Agathens Eltern, womöglich auch deren Söhne, zu ihnen kommen, sich
+ganz bei ihnen etabliren, nur eine Familie mit ihnen bilden möchten.
+Das soll auch geschehen, der Entschluß ist gefaßt, der Tag der Abreise
+schon festgesetzt. Allein, der sonst so vernünftige Onkel will nicht
+begreifen, daß Papa nicht fort kann, ohne einige Zahlungen beglichen zu
+haben, die wirklich dringend sind ... Ehrenschulden an Leute, denen man
+nicht sagen mag: warten Sie ... die höchstens denken dürften, man habe
+nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein Mann wie Papa!
+-- O, wenn Lotti ihn kennen würde! ... Und, mit einem Wort, es steht
+so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der
+reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens
+Lieblingsaufenthalt. Das müßte verkauft werden -- gleich, gleich --
+ohne Verzug und nicht unter seinem Werth. Der Erlös desselben deckt
+alle Differenzen, und leichten Herzens verlassen Papa und Mama die
+Heimath, und erhobenen Hauptes treten sie vor die fremde Schwägerin.
+Ihnen ist die Demüthigung erspart, die gräßliche, mit einer Bitte auf
+den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich ihnen gastfreundlich
+erschließt ... Genug, das Gütchen muß verkauft werden, und der Käufer
+muß -- Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt,
+deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist, muß ihn dazu bewegen
+... Will sie es thun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt
+nicht Nein sagen. Sie wird ihren Einfluß geltend machen ...
+
+»Sie wollen, Sie werden, Fräulein -- nicht wahr? und bald -- und heute
+noch?«
+
+Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten Sie
+mir -- reden Sie!«
+
+»Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich weiß
+nicht, ob man das von ihm verlangen darf -- ob ihm die Mittel zu Gebote
+stehen ...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nämlichen
+Morgen zu ihr gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und
+tiefster Erschöpfung in seinen Zügen.
+
+»Die Mittel?« rief die junge Frau -- »er ist so reich, als er sein
+will. Die Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten
+Wunsch zu erfüllen, und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage
+zu befreien -- die Summe bietet sein Verleger ihm an ... Er braucht
+nur einen Contract zu unterschreiben, in dem er sich verpflichtet ...
+Ich kann nicht sagen, wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten
+Zeit ... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag einzugehen,
+zögert er -- kann zu keinem Entschluß kommen, ich --« eine plötzlich
+aufsteigende Röthe, wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt,
+bedeckte ihr Angesicht, »ich habe ihn vergeblich darum gebeten.«
+
+»Wie können Sie glauben,« sagte Lotti, »daß er mir etwas zugestehen
+wird, das er Ihnen abschlug?«
+
+»Er wird! Er hält so viel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... Er
+wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir thut in
+seiner Eifersucht auf die Meinen ...« erwiderte Agathe melancholisch
+und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist
+schrecklich bei ihm, ist schon eine fixe Idee ... und so schwer ich
+mich von meinen armen Eltern trenne -- ich wünschte wahrlich, sie wären
+drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr, und er hätte nie
+wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, daß sie mir lieber sind als er ...
+als er -- um den ich sie verlassen habe!«
+
+Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage, und dennoch,
+welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher
+bezaubernder Stimme, mit so großen Thränen in den feuchten, flehenden
+Augen vorgebracht wurde.
+
+Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein Lotti
+...«
+
+Da pochte es an der Thür, der Diener erschien und meldete: »Herr von
+Schweitzer.«
+
+Agathe schnellte empor.
+
+»Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute
+Schweitzer,« fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte,
+»aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte helfen!
+... Einen Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon auf ihren
+Füßen -- »in so tiefem Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche
+nicht sehen lassen. Empfangen Sie ihn an meiner Stelle; der gute
+Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund meines Mannes, bleibt nie
+lange. Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie, ich komme Ihnen
+gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte! ... Keine Einwendungen! ...
+Sie dürfen nicht fort -- wir behalten Sie zu Tische, das steht in den
+Sternen geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.«
+
+Sie sprach das Alles rasch mit ihrer weichsten Stimme, und dabei mit
+einer Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes
+aufkommen ließ.
+
+»Sei es denn!« sagte Lotti, und fügte in Gedanken hinzu: So laßt uns in
+einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau
+empfangen.
+
+Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann
+von etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel,
+etwas nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf mit dichtem, schon ins
+Graue spielenden, bürstenartig zugestutzten Haar und ebensolchem, bis
+auf die Brust reichenden Vollbart, saß auf kurzem Halse, von athletisch
+geformten Schultern stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach
+Alles, die Haltung, die Miene, die breite wie in Erz gegossene Stirn,
+die kräftige gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln, der
+streng geschlossene Mund, es sprachen die energisch blickenden und tief
+liegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen.
+
+Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau
+eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zügen
+deutlich und mit einem Mißfallen kund, das Lotti in Verlegenheit
+setzte. Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort, um derselben
+ein Ende zu machen, und so standen sie ein Weilchen in höchster
+Unbehaglichkeit vor einander.
+
+Da öffnete sich ein klein wenig die Thür von Agathens Gemach. Schlank,
+weiß und schmiegsam, preßte sich die junge Frau, die sich in ihrem
+Morgenkleide vor einem Herrenbesuch nicht sehen lassen konnte, in den
+schmalen Zwischenraum.
+
+»Lieber Freund,« sprach sie, »das ist Fräulein Feßler; mehr brauche ich
+Ihnen nicht zu sagen.«
+
+Sie war verschwunden.
+
+Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die
+wieder geschlossene Thür mit einem so eigenthümlich verlangenden und
+zugleich wüthenden Blicke an, er hatte, als Agathe sich unerwartet in
+derselben zeigte, auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick
+geworfen, einen Blick, so sprühend von Leidenschaft und Groll, daß
+Lotti -- die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit plötzlichem und
+bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte:
+
+Was ist das? Hilf Himmel -- der haßt oder -- der liebt sie.
+
+
+
+
+ X.
+
+
+»Fräulein Feßler?« sprach er, sah sie durchdringend an und verbeugte
+sich rasch. »Meine Verehrung. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen
+vorstelle. Ich heiße Schweitzer, und bin ein Tyroler.« Er lachte, und
+dabei kamen zwei Reihen Zähne zum Vorschein, so weiß und dicht, daß es
+eine Freude war.
+
+Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten.
+
+»Ja, ich habe viel von Ihnen gehört,« sagte Schweitzer plötzlich mit
+verändertem Tone, »am meisten vor acht Tagen. Da traf ich Halwig auf
+dem Wege zu Ihnen. Ein erster Besuch -- nach vielen Jahren ...«
+
+»Das waren Sie?« versetzte Lotti. »Sie haben ihm damals einen sehr
+guten Rath gegeben.«
+
+»Hat er mich verklagt? ... Ja, ja; mein Rath war gut, zu gut, um
+befolgt zu werden.«
+
+Lotti schwieg, und er fragte:
+
+»Haben Sie sein letztes Buch gelesen?«
+
+»Nein.«
+
+»Lesen Sie es nie! ... oder doch -- lesen Sie es, und sagen Sie mir
+dann, ob ich recht habe, ihm zuzurufen: Halt ein!«
+
+»Sie haben Recht; ich brauche, um davon überzeugt zu sein, das Buch
+nicht zu lesen.«
+
+»Ihnen graut! Sie wissen, was Sie zu erwarten hätten. Gut denn, lesen
+Sie nicht, aber helfen Sie mir. Wirken Sie in meinem Sinne auf ihn ein.
+Ihr Einfluß ist groß. Ich bin dessen inne geworden, als er neulich nach
+jener Unterredung mit Ihnen heimkehrte, so ruhig und vernünftig, wie er
+seit Langem nicht mehr gewesen ist.«
+
+»Was soll ich thun?«
+
+»Ihn vermögen, der Schriftstellerei für eine Zeitlang Valet zu sagen,
+und eine andere, freilich minder einträgliche Beschäftigung, die ich
+für ihn im Auge habe, zu ergreifen.« Er unterbrach sich: »Aber darüber
+sprechen wir noch ... Jetzt sagen Sie mir, warum sehen Sie mich so an?«
+
+»Ich wundere mich --« erwiderte Lotti, ein wenig außer Fassung gebracht
+durch diese Frage.
+
+Er ließ sie nicht weiter sprechen.
+
+»Warum?« fiel er ihr ins Wort. »Weil Sie mir glauben? Nun das
+geschieht, weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine
+Freimaurerei besteht.«
+
+»Vielleicht -- aber seltsam scheint es mir, daß auch Sie meinen Einfluß
+...«
+
+Abermals unterbrach er sich:
+
+»Auch ich? ... Ganz recht. Ihr Einfluß ist hier bereits angerufen
+worden -- freilich im entgegengesetzten Sinne ... von einem schönen
+Vampyr ...«
+
+Er hielt inne. Die Thür hatte sich geöffnet, und Agathe erschien auf
+der Schwelle.
+
+Sie mußte die letzten Worte gehört haben, es war nicht anders möglich;
+doch suchte sie offenbar kein Arg in ihnen, denn sie begrüßte
+den Sprecher derselben mit liebenswürdiger, sogar etwas koketter
+Freundlichkeit.
+
+Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen; diese war aber trotzdem
+nicht ganz beendet. Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon,
+und die Bandschleife am Halse, an welche es befestigt werden sollte.
+Sie hielt das Alles in ihren Händen.
+
+»Nun, lieber Rechtsfreund?« fragte sie, trat an den Pfeilerspiegel und
+begann eines ihrer zarten rosigen Ohrläppchen zu quälen, um ihm den
+Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient aufzunöthigen.
+»Wie steht unsere Angelegenheit? -- Sie bringen eine gute Nachricht,
+das sehe ich Ihnen an.«
+
+»Sie sehen schlecht, gnädige Frau,« sagte Schweitzer trocken und
+blickte streng in den Spiegel, aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht
+ihn anlächelte.
+
+»Ist der Brief, den wir erwarten, angekommen?«
+
+»Er ist nicht angekommen!«
+
+»Und der Zweck Ihres Besuches, wenn man fragen darf?« Sie wandte
+sich um und sah spöttisch fragend zu ihm nieder, der sich bei ihrem
+Eintreten erhoben, jetzt aber seinen früheren Platz auf einem Fauteuil,
+Lotti gegenüber, wieder eingenommen hatte. »Sie werden mir doch
+nicht weis machen wollen, daß nichts Anderes Sie hierher führt, als die
+Sehnsucht nach meinem Anblick?«
+
+»Oder der Wunsch Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen? -- Nein, ich
+komme aus einem andern Grunde.«
+
+»Bitte ihn auseinander zu setzen. In Gegenwart dieser theuren Zeugin da
+... Ach, Fräulein Feßler, seien Sie doch so gütig ...«
+
+Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes, das sie durch den Ring
+des Medaillons gezogen hatte, und kniete plötzlich nieder. Lotti
+beeilte sich, die Schleife über dem schlanken Rücken festzuknüpfen, der
+sich ihr entgegenbeugte, während Schweitzer dieser ganzen Procedur mit
+stillem Grimm zuzusehen schien.
+
+Agathe erhob sich von ihren Knieen, um auf ein kleines Kanapee zu
+gleiten, in dessen Kissen sie sich zurücklehnte.
+
+»Ihren Grund, mein Freund. Reden Sie doch. Sie spannen meine Neugier
+auf die Folter,« sagte sie, und ein maskirtes Gähnen hob ihre
+Nasenflügel.
+
+»Ich höre von einem Contract mit einem Buchhändler, den Halwig
+unterschreiben soll,« begann Schweitzer in ruhigem, nachdrücklichen
+Tone.
+
+»Daß Sie auch alles hören müssen,« warf Agathe dazwischen.
+
+»Und will ihn daran hindern,« fuhr Schweitzer fort. »Ich habe den
+Contract nicht gesehen, aber ich weiß, wer ihn ausgestellt hat, und
+das ist mir genug. Es kann auch Ihnen genug sein. Glauben Sie mir,
+gnädige Frau, Sie sind eine so zärtliche Gattin, rathen Sie Ihrem Mann,
+sich doch lieber an einen Sclavenhändler zu verkaufen, er kommt dabei
+weniger zu Schaden.«
+
+»Sie sind einzig, lieber Freund. Also, nicht gelesen -- den Contract?
+Da komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit, Sie zu belehren.
+Der Verleger, den Sie verabscheuen -- der Arme! -- fordert zehn
+Jahre hindurch, alljährlich drei Bände ... Ich erinnere mich jetzt,«
+schaltete sie ein, zu Lotti gewendet -- »Ist das zu viel? ... Für
+Hermann sage ich Ihnen, ist das nichts ...«
+
+»Drei Bände!« rief Schweitzer, »und sie brauchen nicht einmal sehr dick
+zu sein, wenn sie nur recht viel Scandal enthalten, nur einige Seiten,
+auf denen das unsagbare gesagt wird -- nur ein einziges Capitel, das
+von Dingen handelt ... Dingen -- die man in Gegenwart verehrter Frauen
+--« er sah Lotti fest an, und neigte den Kopf, »nicht nennt.«
+
+»Da haben Sie den ganzen Schweitzer!« versetzte Agathe mit ihrem
+hellsten Lachen, und mit der siegreichen Ueberlegenheit des Gleichmuths
+über den aufbrausenden Zorn. »Sehen Sie, Fräulein Feßler, wie
+er mich mißhandelt, mein Freund, mein strenger, grausamer, aber
+alleraufrichtigster Freund.«
+
+Und dabei neigte sie sich vor, und blickte ihm von unten hinauf ins
+Gesicht, lockend, herausfordernd, als wollte sie ihn ganz einhüllen in
+Bezauberung, sie, die junge, schöne, glänzende Frau, den alternden,
+schlichten Mann, dessen Züge etwas Steinernes annahmen, und der in
+hartem Tone sprach:
+
+»An wem ist Ihnen mehr gelegen? An diesem aufrichtigen Freund oder an
+Ihrem blauen Papagei?«
+
+»Keine Gewissensfragen! Kommen Sie mir jetzt nicht mit Gewissensfragen!
+Bleiben wir bei der Stange. Aufrichtig! wenn ich bitten darf.« Sie
+wurde ernst, und sprach in kaltem und geschäftsmäßigem Tone: »Sie
+sind gegen die Unterschrift, weil Sie nicht zweifeln, daß uns bald
+auf andere Art aus der Verlegenheit geholfen wird ... Leugnen Sie
+doch nicht! -- Unser Proceß steht gut -- er kann nur gut stehen, sagt
+Hermann, der gewiß kein Sanguiniker ist ...«
+
+»Sagt Hermann, daß es mit dem Proceß gut steht? -- Das sagt er Ihnen?
+Warum nicht lieber mir, den es trösten würde? denn ich sehe schwarz in
+der Sache, ich halte sie für verloren, und Hermann wäre meiner Meinung,
+wenn er den Gang der Angelegenheiten verfolgt hätte. Aber dazu hat er
+keine Zeit. Er hört mich gar nicht an, wenn ich relationiren komme.«
+
+»Sie müssen wissen,« fuhr Schweitzer, zu Lotti gewendet, fort, »daß
+Halwig eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers
+in Mecklenburg stellt, dem sein Großvater dereinst ein ansehnliches
+Darlehn gemacht. Die Summe war auf dem Gute intabulirt, es scheinen
+Interessen davon gezahlt worden zu sein, allein im Testamente des alten
+Herrn von Halwig blieb sie unerwähnt. Sein Sohn machte wohl sein
+Recht geltend, jedoch mit wenig Nachdruck, schläfrig und halb, wie er
+Alles zu thun pflegte. Der Mecklenburger war inzwischen in zerrütteten
+Vermögensverhältnissen gestorben. Seine Kinder legten nicht besonderen
+Eifer an den Tag, sich der Schulden zu entledigen, die ihr Vater ihnen
+hinterlassen ... und so vererbten sich Verpflichtung und Forderung auf
+die Kinder dieser Kinder, und auf den Sohn jenes Sohnes. Ich erspare
+Ihnen eine juridische Auseinandersetzung, ich sage nur, daß Halwigs
+Recht so klar ist, wie der Tag, und daß ich überzeugt war, es zur
+Geltung bringen zu können, als ich selbst ihn bestimmte, die schon
+aufgegebene Sache wieder aufzunehmen, und mir ihre Führung getrost
+zu überlassen ... Nun -- ich habe vergeblich gerungen. Ich werde dem
+Rechte nicht zum Sieg verhelfen. Ich erkläre das meinem Klienten, so
+oft ich ihn sehe. Aber machen Sie einem Menschen etwas begreiflich, was
+er nicht begreifen will -- entwurzeln Sie eine Hoffnung, welche durch
+die Furcht vor Verzweiflung eingepflanzt worden ist ...«
+
+Agathe horchte seinen Worten mit verhaltenem Athem.
+
+»Sie selbst,« sagte sie jetzt, »haben die Hoffnung, die Sie ihm nehmen
+wollen, noch nicht verloren. Jener Brief von Ihrem Abgesandten, den
+Sie erwarten, kann günstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief,« sie
+blickte ihn forschend an, »erwarteten Sie, wenn ich nicht irre, schon
+gestern ...«
+
+»Lieber Freund, wenn der Brief fortfährt auszubleiben -- oder wenn
+er eintrifft mit schlechten Nachrichten beladen -- dann, lieber Freund,
+dann liebes Fräulein Feßler --« Sie ergriff Lottis Hand und hielt
+sie angstvoll mit ihren Fingern umklammert -- »dann muß Hermann den
+Contract unterschreiben. -- Meinen Eltern muß geholfen werden. Sehen
+Sie das nicht ein, Sie beide! ... Haben Sie nicht auch Eltern gehabt,
+die Sie liebten? ... Denken Sie an Ihren Vater, Fräulein Feßler,
+Hermann hat mir so viel von ihm erzählt, daß ich meine, ihn gekannt zu
+haben. -- Denken Sie an Ihre Mutter, Schweitzer, der Sie so viele Opfer
+gebracht ... Fragen Sie sich, hätten Sie nicht Ihre Seele für Vater und
+Mutter verkauft?«
+
+Lotti wollte sprechen, aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab:
+
+»~Meine~ Seele vielleicht, -- die eines ~Andern~? -- Nein!«
+
+»So spricht ein Junggesell. Mann und Weib sind eins, und ich erkläre
+denn ... aber wie lächerlich, wie lächerlich sind wir mit unserem
+Seelenverkauf! Als ob sich's darum handelte! ... Hören Sie meinen
+unwiderruflichen Entschluß: wenn der Proceß günstig für uns entschieden
+wird, dann zerreiße ich den Contract mit meinen eigenen Händen -- die
+Sie dann küssen werden, Schweitzer! -- Wir kaufen sofort das Gut meiner
+Eltern, ziehen uns dahin zurück, und sind glücklich, wie wir es schon
+einmal waren -- in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird
+mir zu Ehren noch ein Sportsman. Man sieht ihn niemals anders als im
+rothen Frack oder im Jagdrock mit grünen Aufschlägen ... und nirgends
+anders als bei mir ... und immer zu Pferd, zu Wagen oder auf der
+Pürsch, -- immer nur bemüht, mich zu bezaubern ... Das gelingt ihm --
+hingerissen falle ich meinem Helden, meinem Ritter in die Arme. Unter
+einem Hollunderbusch und vielen Wonnethränen schwören wir uns täglich
+ewige Liebe!«
+
+Sie sagte das schalkhaft, übermüthig, und dabei lag doch in ihren Augen
+eine geheimnißvolle Wehmuth, eine sehnsüchtige Zärtlichkeit, die zu
+all' den Schmerzen nicht paßten.
+
+Schweitzer saß aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines
+Pharaonen und starrte sie selbstvergessen an.
+
+Sie fuhr fort: »Wir könnten selig sein. Selig, einander endlich
+anzugehören, endlich für einander zu leben. Das geschieht hier nicht,
+in der widerwärtigen Stadt. Auf dem Lande, und wenn Hermann noch so
+viel zu thun hätte, bliebe ihm mehr Zeit für mich. Hier vergehen Tage,
+an denen ich ihn nicht sehe, das halbe Stündchen ausgenommen, das wir
+bei Tische zubringen. Und wovon spricht er da? Von Büchern, Zeitungen,
+Recensionen ... Ich frage mich oft: Habe ich einen Mann geheirathet
+oder eine Schreibmaschine?«
+
+»Das fühlen Sie?« rief Schweitzer, »und könnten sich doch entschließen,
+dieser ohnehin überbürdeten Maschine, deren Motor ein Menschengeist
+ist, neue Lasten aufzudrängen?«
+
+»Ich thu' es nicht, Freund! ich nicht! -- Die Nothwendigkeit thut es.
+Was mich betrifft, ich hasse die Schreiberei. Hinge es von mir ab
+-- Hermann brauchte nie wieder eine Feder anzurühren ... Da kommen
+Leute zu ihm -- Literaten, die sagen, schriftstellern sei unweiblich.
+Ich möchte immer erwidern: nein, meine Herren -- unmännlich ist's!
+Männlich ist Löwen und Tiger jagen, auf einem Seil über den Niagara
+wegschreiten, Schlachten gewinnen, Städte bauen ... aber weißes Papier
+schwarz machen ... bah! ... O lieber, lieber Freund! wenn Sie nur recht
+wollten, Sie könnten uns aus aller Noth und Drangsal erretten -- man
+sagt, Sie hätten noch nie einen Proceß verloren ...«
+
+Wieder beugte sie sich zu ihm, sah ihm schmeichelnd ins Gesicht, und
+legte ihre Fingerspitzen auf seinen Arm.
+
+Er erhob sich rasch: »Daß doch alle Weiber ... verzeihen Sie, alle
+Frauen gleich sind! daß doch jede meint, den Advokaten gewinnen, hieße
+den Proceß gewinnen ... Ich blieb so lange -- kann Hermann leider nicht
+erwarten -- so gern ich auch ...«
+
+Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen, und Lotti sah, obwohl sie
+wahrlich in dem Augenblick nicht an Uhren dachte, daß es nur eine
+silberne Remontoir von einfachster Arbeit war.
+
+Agathe holte seinen breitkrempigen Hut herbei und reichte ihm denselben
+mit einer feierlichen Gebärde.
+
+»Leben Sie wohl, Gebieter über unsere Schicksale!« sagte sie, »und
+nochmals! wenn Sie wiederkehren, bringen Sie uns das Glück in Gestalt
+eines Briefes aus Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschönen
+Ueberziehers mit.«
+
+Er verbeugte sich, trat vor Lotti hin und sprach:
+
+»Vergessen Sie nicht, daß wir Bundesgenossen sind.«
+
+Damit verließ er das Gemach.
+
+
+
+
+ XI.
+
+
+»Seine Bundesgenossin wären Sie?« fragte Agathe, »indes ich mein
+Vertrauen in Sie setze? ... Nein, nein, das wäre Verrath, dessen Sie
+nicht fähig sind ... Sie halten mir Wort, und wenn Hermann kommt ...
+Aber,« unterbrach sie sich mit einem Mal äußerst beunruhigt, »warum ist
+er nicht da -- nicht längst da -- -- er pflegt sonst nie des Morgens
+auszugehen und heute, als ich erwachte und nach ihm fragte, hieß es,
+er sei fort ... in aller Frühe fortgegangen ... unbegreiflich ...
+unbegreiflich --« wiederholte sie, eilte an das Fenster, öffnete es und
+blickte in gespannter Erwartung auf die Straße hinunter.
+
+Plötzlich überdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurgluth. »Er kommt!« rief
+sie jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft.
+
+»Sie entschuldigen mich doch, Fräulein, wenn ich ihm entgegengehe? ...
+Ich muß die Freude haben, ihm anzukündigen, daß er Sie hier findet.«
+
+Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie verschwunden.
+
+Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti ihr nach und dachte:
+»Sie liebt ihn -- das ist ja viel ... für ihn wohl alles ...«
+
+Eine Weile danach erschien Halwig -- ein Anderer als derjenige, den
+Lotti am selben Morgen bei sich gesehen. Freudig und sorgenlos begrüßte
+er sie, sprach viel, war der liebenswürdigste und aufmerksamste Wirth.
+Beim Dessert gab er eine lustige Geschichte zum Besten, die ihm Papa,
+den er unterwegs begegnet, erzählt hatte.
+
+Seine Heiterkeit schien natürlich und ungezwungen, und dennoch, ohne
+sich erklären zu können warum, vermochte Lotti nicht recht froh zu
+werden.
+
+Das Mittagessen war vorüber, und man begab sich zum schwarzen Kaffee
+nach dem Zimmer des Hausherrn. Es hatte einen eigenen Eingang durch das
+Vorgemach.
+
+Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat, erhob sich plötzlich ein
+kleines Männchen von einer der Bänke an der Wand und nahte mit
+höflicher Begrüßung.
+
+Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen:
+
+»Sie selbst? ... Sie warten? ...«
+
+»O nicht lange. Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist, als
+ich kam, und ich beschwor den Diener, Sie nicht zu stören.«
+
+»Treten Sie doch jetzt ein! ... Kommen Sie --« sprach Halwig, und Lotti
+fühlte seinen Arm zucken unter ihrer Hand.
+
+»Wenn Sie erlauben, Herr Baron, allein ich habe Eile ... und nur
+weil der Zufall mich eben hier vorbeigeführt, und um Ihnen die Mühe
+des Schickens zu ersparen -- bin ich da, um, um das Versprochene
+abzuholen.«
+
+»Kommen Sie denn! -- Kommen Sie! ...«
+
+»O, ich bitte! ... Erst die Damen --«
+
+Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen
+Beine neben die Thür, die Halwig aufgestoßen hatte, und machte ein
+einladendes Zeichen. Seine vorquellenden Augen leuchteten vor cynischer
+Bewunderung, als Agathe an ihm vorüberschritt.
+
+»Die Frau Gemahlin?« flüsterte er Halwig vertraulich zu -- »ganz superb
+-- ich gratulire!«
+
+»Einen Augenblick, Fräulein Feßler! -- Einen Augenblick, Agathe,«
+sprach Hermann gepreßt und scharf, und winkte den Beiden, an dem Tische
+Platz zu nehmen, auf welchem der Kaffee servirt war.
+
+Er selbst trat an den Schreibtisch, zog die unterste Lade heraus, nahm
+ein versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher.
+
+Der ergriff oder vielmehr riß es mit einer hastigen Bewegung an sich.
+
+»Es ist doch das rechte? -- Sie verzeihen -- ich breche die Siegel ...
+Eine Irrung ist so leicht geschehen.«
+
+»Ueberzeugen Sie sich,« sagte Halwig in einem Tone, den mühsam
+bezwungener Ingrimm beben machte.
+
+Der Kleine hat sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort
+den Inhalt des Pakets zu untersuchen.
+
+»Alles in Ordnung. Hingegen da -- auch Alles in Ordnung.« Er
+überreichte Halwig einen zusammengefalteten Bogen, den dieser auf
+den Schreibtisch warf. »Nicht so, Herr Baron, bitte sich gleichfalls zu
+überzeugen. Bitte um pedantische Genauigkeit in Geschäften. Bitte um
+Vorsicht, bitte sogar um Mißtrauen.«
+
+Er stieß ein leises, widerwärtiges Gekicher aus und blinzelte Halwig
+halb höhnisch, halb mitleidig an, während der das Schriftstück
+durchflog.
+
+»Sie sind mit mir zufrieden, hoffe ich. Haben auch alle Ursache. Für
+Sie ist gesorgt. Wie ich dabei wegkomme, das ist eine andere Frage.
+Allein für Sie ... was thäte ich nicht für Sie, Herr Baron?«
+
+Er empfahl sich, von Hermann bis an die Thür begleitet.
+
+Agathe lachte ihm herzlich nach: »Was war denn das für ein Ungeheuer?
+O, Fräulein Feßler, haben Sie seine Füße gesehen und seinen Gang
+bemerkt? ... Mir scheint nein. Warten Sie, ich will das herrliche
+Schauspiel vor Ihnen erneuern, Sie müssen sich noch einmal daran
+erquicken. Einwärts! noch einwärtser! so -- nicht wahr?«
+
+Sie begann im Zimmer umher zu humpeln, ihrem Manne entgegen und ließ
+sich mit Absicht ausgleitend, in seine Arme fallen. Er umschlang sie
+und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Lippen.
+
+»Meine Agathe! mein Herz, mein Glück, mein Leben!«
+
+Mit schwerer Selbstüberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und trat
+an ihrer Seite vor Lotti hin.
+
+Diese fragte: »Halwig, war das der Mann, der Ihnen einen Vertrag
+anbietet, in welchem ...«
+
+Er fiel ihr ins Wort: »In welchem ich zehn Jahre meines Lebens
+verschreibe? Nein. ~Dem~ nicht einen Tag. Aber wer hat Ihnen
+gesagt -- Du?« wandte er sich an seine Frau, die bejahend nickte und
+dann sprach:
+
+»War's nicht recht?«
+
+»Ganz recht. Wir haben kein Geheimniß vor Fräulein Lotti.«
+
+»Das meinte ich auch, und setzte ihr die ganze Angelegenheit
+auseinander. Sie wird Dir ihre Gedanken darüber sagen.«
+
+Halwig hatte ihr zerstreut zugehört: »Ich vergesse, ich habe eine
+Botschaft von Papa an Dich.«
+
+»Der arme Papa, Du vergissest ihn immer.«
+
+Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick, aber er fuhr
+fort, ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern: »Deine Eltern sehen heute
+einige Bekannte beim Thee. Sie zählen auf Dich. Sie werden den Wagen
+schicken, um Dich abzuholen. Ich habe in Deinem Namen zugesagt. Du
+wirst meinem Wort doch Ehre machen?«
+
+»Ungern, Du weißt, wie lästig mir diese Soiréen sind,« entgegnete sie
+und lehnte die Wange an seine Schulter. »Laß mich bei Dir bleiben,
+Hermann.«
+
+»Was fällt Dir ein? Du darfst nicht bleiben. Nicht einmal stören darfst
+Du mich, um mir Lebewohl zu sagen.«
+
+»Nicht einmal Lebewohl? ... Fräulein Feßler, ist das nicht hart, nicht
+unerträglich? ... Und diesen Zustand zu verewigen, soll ich noch
+beitragen, o, wenn ich das bedenke ...«
+
+»Agathe,« rief er heftig und gequält ... »Du weißt doch ... mein Gott,
+was willst Du denn? Geh, liebes Kind« setzte er bittend hinzu, »Du mußt
+ruhen, ein wenig schlummern, wenn Du Abends in Gesellschaft sollst.
+Geh.«
+
+Sie sah ihn traurig und gekränkt an und sprach nach kurzem Schweigen zu
+Lotti:
+
+»Er ist ein Tyrann, und ich gehorche. Liebstes Fräulein, schenken Sie
+ihm eine Tasse Kaffee ein und ein Gläschen Chartreuse, und bleiben Sie
+noch ein wenig bei ihm.«
+
+Sie drückte Lottis Hände, bat sie, recht bald, unendlich bald,
+spätestens morgen wieder zu kommen, und schritt dem Ausgang zu. Aber an
+der Thür blieb sie stehen, wandte sich, preßte die Finger an ihren Mund
+und warf mit einer Gebärde voll Innigkeit Hermann einen Kuß zu.
+
+Er erwiderte ihren liebevollen Gruß, und als sie das Zimmer verlassen
+hatte, starrte er ihr nach, schien wie unwiderstehlich angezogen, ihr
+folgen zu wollen ... aber nach kurzem Kampfe trat er zurück, warf sich
+in einen Sessel und versank in dumpfes Hinbrüten.
+
+»Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung
+gesagt,« begann Lotti zögernd, »und ich wünschte doch sehr ...«
+
+»Was Sie soeben gesehen haben -- das war der Erfolg,« rief Halwig aus.
+»Der Ehrenmann, über den Agathe so herzlich gelacht hat, ist derselbe,
+zu dem ich sagen mußte: Ich kann Ihnen nicht Wort halten, Herr ...«
+
+»Und was hat er ...?«
+
+»Gleichviel ... ich habe mich losgekauft. Ich bin frei ... Frei,«
+wiederholte er mit einer Beklommenheit, die zu jedem anderen Worte
+besser gepaßt hätte, als zu diesem.
+
+»Halwig -- Halwig -- womit haben Sie sich losgekauft?«
+
+»Beruhigen Sie sich, beste Freundin! -- Auf die einfachste Art.
+Ich habe ihm ein Manuscript ausgeliefert, das schon vor Jahren in
+seinen Händen war, und das ihm damals abgerungen wurde -- durch den
+tugendhaften Schweitzer, dem ich nebenbei ganz gern ein Zeichen von
+Unabhängigkeit gebe.«
+
+»Warum hat der es ihm abgerungen? ... Antworten Sie nicht! Ich thu's
+für Sie und -- mit mehr Wahrhaftigkeit, als Sie es thäten: weil es
+Ihrer unwürdig ist, unwürdig eines Dichters, eines Priesters, wie der
+Dichter sein soll, dem ein heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist
+...«
+
+Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren
+flammenden Zügen. »O, glauben Sie nicht, eine verschämte, alte Jungfer
+zu hören, die sich einbildet, ein Mann, ein Schriftsteller, der
+seine Zeit schildern will, werde die Feder immer nur in Blüthenduft
+und Morgenthau tauchen. Ihr habt Furchtbares zu zeichnen, zeichnet
+es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit, aber auch mit dem
+tiefinnerlichen Schauder, den Euer Schüler, Euer Leser, bebend mit
+empfindet. Nur nicht mit dem eklen, im Häßlichen wühlenden Behagen,
+das sich auf jenen überträgt ... Mit dem Behagen, Halwig, das mich --
+verzeihen Sie mir, es muß ausgesprochen werden -- das mich anwiderte
+aus dem ersten Buch, das Sie nach unserer Trennung geschrieben haben.«
+
+»Aus dem --«, rief er, kämpfend zwischen Bestürzung und Hohn.
+
+»Sie begreifen das nicht,« fuhr Lotti unerbittlich fort, »jenes Buch
+ist von Ihnen seither so vielfach überboten worden, es ist ein Buch
+für Kinder im Vergleich zu denen, die ihm folgten. Ich weiß das!«
+beantwortete sie den Einwurf, den er machen wollte, »aus Anzeigen Ihrer
+Buchändler, aus lobpreisenden Kritiken, die ich hie und da, so wenig
+ich danach suchte, in Zeitungen las ... Ich weiß es, können Sie es
+leugnen?«
+
+Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lächeln an. Plötzlich
+warf er sich in seinen Sessel zurück und sagte: »Wissen Sie, was Sie
+thun? Sie sprechen zu mir, wie mein eigenes künstlerisches Gewissen.
+Aber ich darf die Stimmen nicht hören, nicht die Ihre, nicht die
+seine. Ich habe einmal den Pegasus vor den Pflug gespannt, und er muß
+pflügen, muß erwerben. Kann ich dafür, daß die Menschen von jeher die
+Giftmischer besser zahlten als die Aerzte? ... Wär's umgekehrt, ich
+reichte ihnen Arzenei.«
+
+»Halwig!« schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf.
+
+Er richtete sich empor, ein unterdrücktes Schluchzen hob seine Brust.
+Lotti sah sein Herz pochen gegen sein Gewand. »Beste Freundin, ich bin
+verloren, machen Sie das Kreuz über mich ... Sie schütteln den Kopf,
+Sie verstehen mich nicht. Der Luxus, der uns umgiebt, täuscht Sie, der
+Luxus lügt, wir leben eigentlich von der Hand in den Mund, ich verdiene
+viel, aber wir brauchen noch mehr, und ich stehe manchmal rathlos vor
+kleinen Verlegenheiten. -- Ist's nöthig, Ihnen das zu beichten? ...
+Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das muß anders
+werden,« setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu.
+»Morgen verschreib' ich mich dem Teufel. Ich thu' es nur deshalb heute
+noch nicht, weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir
+festgenistet hat ...«
+
+»Vielleicht braucht's kein Wunder,« unterbrach ihn Lotti und erhob sich
+mit einer seltsamen Hast. »Leben Sie wohl.«
+
+»Wie gern möchte ich Sie zurückhalten, aber da,« er deutete auf die
+Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, »da ist Gesellschaft, die
+jede andere verdrängt.«
+
+Sie hörte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken beschäftigt ... Der
+Gedanke, der war das Wunder -- ein anderes gab es nicht.
+
+Eine Möglichkeit war ihr erschienen -- eine Möglichkeit ... Alles, was
+man unfaßbar und widersinnig nennt, wäre Lotti noch vor einer Stunde
+als selbstverständlich erschienen, im Vergleich zu dieser Möglichkeit.
+
+
+
+
+ XII.
+
+
+Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder
+umfing, athmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von
+einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geraden Weges
+auf die Uhrensammlung zu. Eine Weile stand sie sinnend davor und
+wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch: »Nein, nein, das könnt'
+ich doch nicht, das nicht.«
+
+Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, daß Gottfried da
+gewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr
+gewundert habe. Er hatte etwas mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch
+unaufgeschnittenes Buch -- Halwigs letztes Werk.
+
+Mit einer Empfindung des Mißmuths nahm es Lotti in Empfang.
+
+Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und Alles,
+was sich auf ihn bezog, entschlagen. Warum mußte sie von Neuem an ihn
+gemahnt werden? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein
+Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich
+eben erst, mühsam genug, losgemacht?
+
+Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte
+sie es von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm
+wenigstens sagen können, daß sie versucht, darin zu lesen. Sie that es
+mit widerstrebendem Gefühl, aber mit stets wachsender Spannung. Sie war
+gefesselt, umstrickt, aber mit beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr
+Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.
+
+Da war dem Thier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser
+Genauigkeit auseinander gesetzt. Da war eine erzwungene erlogene
+Sinnlichkeit, aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze
+hervorgrinste. Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten
+Strom des gemeinen Lebens geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit,
+die der Poesie. Da war endlich der Nothbehelf, der armselige, einer
+lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue und Verzerrung
+gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses
+gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums,
+demjenigen verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt.
+
+Im großen Ganzen -- die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen
+Jahrhunderts: der Sensationsroman.
+
+Und dennoch! Durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, erschlaffende
+Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulniß, brach es manchmal
+herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das mißbrauchte, zu
+Grunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst
+... Du armes Talent! dachte Lotti, wie hat sich an dir versündigt, der
+zu deinem Hüter bestellt worden!
+
+Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. Ihre
+Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost.
+
+Die Lampe knisterte und flackerte: vom verkohlten Docht stiegen
+Funken im angerauchten Cylinder empor. Lotti löschte das sterbende
+Licht und suchte ihr Lager auf. Wie wohlthätig wäre ein wenig Schlaf
+gewesen. Sie schloß die Augen und bemühte sich regungslos zu liegen;
+da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine fürchterliche Beängstigung
+beklemmte ihr den Athem. Ihr war, als riefe eine flehende Stimme um
+Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt in meiner
+Reinheit, rette eine verlorene Seele! ... Verloren, weil du dich von
+ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich
+nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden
+und gabst mich auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ...
+Beweine mich nicht nur -- rette mich!
+
+Eine lange Zeit verfloß -- eine ~wie~ lange? ... Die Uhren
+schwiegen alle, standen alle still ... Lotti hatte vergessen, sie
+aufzuziehen, -- zum ersten Male, seitdem es ihr überhaupt oblag, für
+Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ... Wie spät war es denn? Wollte
+der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute die sonst so rührige
+Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen
+könnte, wie die Alten gethan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße,
+welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das
+Fräulein, das seine Lebenszeit abmaß, an der verrinnenden Asche des
+verstorbenen Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt,
+und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen
+Gedanken in ihrem fiebernden Hirn? ...
+
+Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den
+Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche.
+
+Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins
+Zimmer und fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch
+unmöglich, die Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advocaten
+Schweitzer zu erfragen -- des Advocaten Schweitzer, den Lotti besuchen
+will.
+
+»Eines Advocaten!?« -- Agnes fällt fast um vor Schrecken -- das ist ja
+einer vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu thun?
+
+Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig
+zu Stande gebracht, und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen
+hatte, wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt, daß sie --
+sie konnte sich nicht anders helfen -- in Thränen ausbrach.
+
+Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Thür.
+Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern, daß ihr
+Bruder jetzt nicht zu sprechen sei.
+
+Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte
+entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden
+später erschien Schweitzer selbst.
+
+»Fräulein Feßler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.«
+
+Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine
+große Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen
+Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch, und neben demselben ein
+eben solcher geöffneter Geldschrank. In hohen Stößen waren darin
+Werthpapiere aufgehäuft, hinter eisernen Gittern Geldsäcke und
+Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichthümer zu bergen, und
+glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern
+einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend
+aufgesperrten Rachens, zu vertheidigen sehr gesonnen ist.
+
+Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am
+Schreibtische Platz, während der Advocat, dessen ganzes Wesen die
+äußerste Aufregung verrieth, vor ihr stehen blieb.
+
+»Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen,« sprach er, »aber
+weil Sie nun da sind, weiß ich auch, was Sie hierher geführt ... Es ist
+die Sorge um Halwig.«
+
+Er beantwortete ihr bestätigendes: »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie hat
+guten Grund!«
+
+Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch
+abgewiesen.
+
+»Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief Schweitzer.
+»Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten, und deshalb gestern
+noch -- Sie waren Zeuge -- nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung
+der Sache vernichtet -- der Sache, für die ich mich aus eigenem Antrieb
+begeistert ... Ich, der vorsichtige, peinliche Geschäftsmann ... Halwig
+hätte an die alte, vergessene Geschichte nie gedacht.«
+
+Er stieß unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als den
+Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand.
+
+»Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich will
+es Ihnen sagen ...«
+
+»Ich weiß es,« unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur
+noch auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft ... Sprechen
+wir ruhig, ich bitte ... Nehmen wir an, Herr Doctor, der Proceß wäre
+günstig für ihn entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das
+Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was
+dann?«
+
+»Was dann?«
+
+»Würden Sie sagen: Schließe den Kauf, ziehe Dich auf das Land zurück
+mit Deiner jungen verwöhnten Frau? -- Ich kenne sie nicht, aber ich
+glaube, sie wird die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen
+können.«
+
+Schweitzer lachte auf.
+
+»Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr nichts zu bieten --
+sie tanzt nicht ... Theater, Concerte, Kunstsammlungen, was bedeuten
+ihr die? Sie ist ja blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern
+keine Seele und kein Herz, außer für ihren Mann, für Papa und Mama, und
+für die sauberen Brüder, den Kiki und den Koko, oder wie man sie nennt
+... Sie hat ja nichts, als die ganz thierische, ganz unmündige und
+gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest, aus dem sie hervorgegangen ist
+... für eine Familie -- welche Familie! mehr noch als jede andere eine
+Brutstätte des Vorurtheils, das Grab der Nächstenliebe, denn was nicht
+zu ihr zählt, zählt überhaupt nicht ... O, was gäbe ich, um Halwig aus
+dieser Familie zu lösen! ... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen,
+das ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. -- Fort
+nach England mit Papa und Mama, und auf das Land mit der Tochter
+und mit den seidenen Vorhängen, und mit der Menagerie, und mit den
+Reitpferden, und mit den Cigaretten ... Fort,« brach er plötzlich aus,
+»wenn ich wieder frei athmen soll, fort -- aus meiner Nähe!«
+
+Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen.
+
+Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.
+
+»Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich.
+
+»Er wird den Contract unterschreiben, ihn nicht einhalten können,
+das Gut wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau
+... nun, er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgend einem
+publicistischen Unternehmen, und sie wird sich an das Nadelgeld einer
+Taglöhnersfrau gewöhnen, oder zu Papa und Mama nach England reisen
+müssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nächstliegende zu ergreifen
+und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuüben -- O! ... Führe
+uns nicht in Versuchung! das heißt, bringe uns nie in Gelegenheit,
+all' das Schlechte, dessen wir im Fall der Noth fähig wären -- zu thun
+... Eine nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen
+-- Sie ahnen nicht, was die gebiert -- Sie ahnen nicht einmal, daß es
+die geben kann. Gräßlich!« stöhnte er, nahm sich zusammen und fügte in
+scharfem Tone hinzu:
+
+»Sehen Sie, Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich,
+Respect einflößende Schätze. Und doch sind sie nur Bruchtheile des
+Besitzes ihrer Eigenthümer. Diese Eigenthümer haben unbedingtes
+Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals nachgerechnet ...
+Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addiren, und das
+Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde
+eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf
+nicht beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? überhaupt nicht
+aufzutreiben? ... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in
+den Ofen oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, daß er sie
+~gestohlen~ hat, würden seine Klienten nicht glauben. Und wenn
+er selbst es ihnen erzählte, würden sie denken, daß er ein Narr, aber
+nicht, daß er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich denn irrte ...
+wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt, was
+hätte ich dann gethan? ... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn
+oder zum Selbstmord treiben würde, ein Verbrechen, das größte, das
+ich begehen kann, denn es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste,
+angeborne Natur, und doch nichts, im Vergleiche zu dem Elend, das über
+den unglückseligen Halwig hereinbricht, wenn ich ihn seinem Schicksale
+überlasse ...«
+
+»Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr
+Doctor ...«
+
+»Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er braucht,
+und als Sie an meiner Thür schellten« -- seine Stimme sank zu einem
+fast unhörbaren Flüstern herab »-- war ich halb und halb entschlossen,
+es zu thun.«
+
+»Lieber Doctor,« sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch diese
+furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz
+hätten Sie nicht ausgeführt. Es muß auf andere Art geholfen werden ...«
+
+Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wie viel kostet das
+Gut?«
+
+Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Werth ist
+mindestens das doppelte ... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich
+aus, »ich höre, daß Sie im Besitz eines Nibelungen-Hortes sind, einer
+Uhrensammlung«, er lächelte gutmüthig, aber doch auch sehr spöttisch,
+»ein todtes Capital; das ist heutzutage fast eine Sünde ... Fräulein
+Feßler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut ... es wäre
+nicht völlige Hülfe, aber es wäre viel, die Eltern würden wir dadurch
+los ... und dann ließe sich weiter denken ... Kaufen Sie das Gut! Für
+die Administration will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen
+Standpunkte des Nutzens aus, ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen
+nicht genug dazu rathen«
+
+Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein
+und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort. Die offenbaren, auf
+der Hand liegenden Vortheile jedoch, für die er sich bereit erklärte
+gut zu stehen, schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte
+etwas ganz Anderes wissen. Sie fragte:
+
+»Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, daß sein Proceß
+gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den
+Brief nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?«
+
+Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an:
+
+»Was soll das?«
+
+»Antworten Sie mir! ... Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, daß
+man ihm glauben machen könnte ...«
+
+»Den?« unterbrach sie Schweitzer, »Alles kann man Dem aufbinden ...
+Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen
+... aber um Gotteswillen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich seh's
+... Sie werden helfen, Sie! ...« Er faltete die Hände, er vermochte
+nicht weiter zu sprechen.
+
+»Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nöthige Geld,« sagte Lotti,
+»Ihre Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber -- nicht einmal
+der Tod hebt das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie
+schweigen, Sie bewahren mir für immer das Geheimniß.«
+
+Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich
+ergriff.
+
+»Ich frage Sie nicht,« sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf
+welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich
+frage: vermögen Sie die Wohlthat zu ermessen, die Sie erweisen? ...«
+
+Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich thue nur, was ich
+nicht lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin,
+um die Seele eines Menschen zu retten, der mir einst theuer war.«
+
+Damit nahm sie Abschied.
+
+Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach
+ihm -- er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen.
+Als sie nach Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld
+wartend.
+
+»Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine
+Fensterecke. »Ein merkwürdiges Leben führst Du seit einigen Tagen.«
+
+Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.
+
+Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich mit dem
+Zusammenlegen ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch
+zugeschritten und ließ einen zerstreuten Blick über die ihrer harrende
+Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese so appetitlich hergerichtet, daß
+ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mußte; allein dasjenige Lottis
+verleugnete sich in dem Momente gänzlich.
+
+Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken sammt ihrem zarten
+Inhalte bei Seite und stützte den Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben,
+etwas gerötheten Augen, betrachtete sie lange, wehmüthig und wie
+fragend, das Bild ihres Vaters. Endlich wandte sie sich zu Gottfried.
+Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer
+Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme
+Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten
+Menschen -- dem Agenten des Amerikaners.
+
+Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen
+Besuchen. Er kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen
+Zweck, den unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig.
+
+»Die Uhrensammlung möcht' er an sich bringen.«
+
+»Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.«
+
+Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im
+Scherz, war auch nicht obenhin, wie die Andeutung einer Möglichkeit
+gesagt, das war ein ernster, wohlüberlegter Entschluß, den Gottfried
+mit innerster Empörung vernahm.
+
+»Das thust Du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte
+bejahend das Haupt.
+
+»Ich kann nicht anders. Ich werde Dir Alles erklären, aber nicht
+jetzt. Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon
+überstanden haben. Du wirst -- ich bitte Dich -- mit dem Agenten
+sprechen. Es bleibt bei dem Preis, den der Amerikaner damals dem Vater
+angeboten. Weißt Du, ob er den noch bezahlen zahlen will?«
+
+»Das will er gewiß ...«
+
+»Bestelle ihn also ... und gleich, wenn Du mir eine Wohlthat erweisen
+willst.«
+
+Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde Dir die
+Wohlthat erweisen, ihn nicht zu bestellen.«
+
+»Gottfried! ...«
+
+»Lotti, Lotti! ... Wie kannst Du -- und für ~Den~? ... Warum denn
+Alles für ~Den~?«
+
+Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl
+ihres eigenen Leids über der Theilnahme mit der bitteren Qual, mit
+welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war.
+
+»Ich muß, siehst Du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.«
+
+»Ueberleg's. Mir zu Liebe ... versuch' einmal etwas mir zu Liebe zu
+thun, überleg's! ... Es wird Dich gereuen ...«
+
+»Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein Wort verpfändet --
+und gereuen? ... Ich glaube, daß es mich nie gereuen wird.«
+
+»Auch dann nicht, wenn Du erfahren wirst, daß Du es umsonst gethan
+hast? -- Und das wirst Du erfahren!«
+
+Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort:
+
+»Ein solches Opfer ... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der
+ist's nicht werth!«
+
+»Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüßte ... Geh jetzt und komm
+bald wieder, mit dem -- Käufer.«
+
+Sie wollte sich erheben, aber die Kniee versagten ihr den Dienst, und
+sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück.
+
+Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier
+nicht zu helfen.«
+
+»Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit ...«
+
+»Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein.
+
+»-- Vielleicht.«
+
+Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons:
+»Darf der Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel ihn zu
+retten unversucht lassen? Er darf es nicht -- wegen seines eigenen
+Seelenfriedens, wegen dieses furchtbaren »vielleicht,« das Dich böse
+gemacht hat.«
+
+»Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte er
+ihre Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der Vater
+sagen? ... Lotti, denk' an ihn.«
+
+»Ich habe zuerst an ihn gedacht, und sage Dir: er hätte es auch gethan.«
+
+Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief:
+
+»Mag sein ... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt
+... Mißverstehe mich nicht! ... ich hab' ja gar kein Recht -- ich meine
+nur, er hätte zu mir gesprochen: Das geschieht für einen Andern --
+deshalb brauchst Du nicht zu denken, daß mir der Andere lieber ist als
+Du ...«
+
+Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die
+Hand Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit
+Schamröthe übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes
+erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung
+vergrößerte noch die seine.
+
+»Verzeih,« stotterte er, »ich gehe,« und wandte sich zur Flucht mit
+einer so rathlosen und hastigen Eile, daß Lotti -- es schien ihr selbst
+unglaublich -- über ihn lachen mußte. Er blieb stehen, halb empört,
+halb erfreut:
+
+»Du lachst?«
+
+»Ich lache --« sie brach in Thränen aus: »Wir sind zwei alte,
+erbärmliche Weichlinge.«
+
+»Weichlinge ...« wiederholte er, und näherte sich ihr schüchtern --
+»Lotti --«
+
+»Gottfried --«
+
+Und die »Geschwister Feßler« umarmten sich.
+
+
+
+
+ XIII.
+
+
+Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Feßler eine
+feierliche Handlung statt. Das Fräulein übergab Herrn C. B. Fischer,
+Agenten des Hauses F. O. Wagner-Schmid in New-York in Gegenwart der
+Herren G. Feßler, Uhrmachermeister, und W. Schweitzer, Advocat, eine
+Sammlung bestehend aus dreihundert alterthümlichen Taschenuhren.
+Durchschnittspreis per Stück fünfhundert Gulden. Summe des Kaufpreises:
+Einmalhundert und fünfzigtausend Gulden.
+
+Herr C. B. Fischer, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich breit, ungewöhnlich
+wohlgenährt, mit dem rundesten Bulldogggesicht und dem feuerfarbigsten
+Backenbart in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzüge sich sehr
+bewußt, hielt den Katalog in seiner Rechten. Eine gewaltige Rechte, die
+mit Leichtigkeit einen Suppenteller umspannt hätte. Er verifizierte
+jedes Stück, das Lotti aus dem Schränkchen nahm, sorgsam verpackte, und
+in eine Cassette legte, die Herr Fischer mitgebracht.
+
+»Fünfhundert? ... auch die? ... auch die fünfhundert? ... Mir wäre
+das Ding nicht dreißig werth,« sagte der Agent von Zeit zu Zeit;
+unter andern gerade bei der Mudge und bei der Majoratsuhr. Oder er
+rief: »Dieser Kauf! -- Eine Millionärs-Marotte. Finden Sie nicht, Herr
+Doctor? -- Was?«
+
+Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie Einer, der
+standhaft den ersten Grad der Folter aushält, und sprach alle zehn
+Minuten einmal: »Vorwärts, wenn ich bitten darf.«
+
+Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. Der
+Mann erweckte ihr soviel Sympathie, wie eine Sabinermutter für einen
+Töchterraubenden Römer empfunden haben mochte.
+
+Nach fünf tödtlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. Der
+Agent trug die Cassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als ob
+es ein Claque-Hut gewesen wäre, und bald hörte Lotti den Wagen, der
+ihre Uhren entführte, über den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach.
+Sie saß neben ihrem leeren Schränkchen, hatte seine Laden geschlossen
+und die kleinen Flügelthüren gesperrt.
+
+Jetzt könnt' ich mir einbilden, dachte sie, daß Alles noch beim Alten
+ist. Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besaß, immer zu
+behalten? -- ein gutes Gedächtniß und einige Phantasie. Das wollte sie
+Gottfried zum Trost sagen, dem Getreuen, für den es von jeher keinen
+Schmerz, keine Enttäuschung, keinen Verlust zu geben schien, als
+diejenigen, die ~sie~ erfahren hatte. Zum ersten Male, seitdem
+sie ihn kannte, das heißt so lange sie lebte, hatte sie heut' eine
+eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch
+diese erloschen, wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen
+Ausdruck eines Gefühls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde.
+Sie kannte ihn, und wußte -- jetzt quält er sich und kann sich's nicht
+verzeihen, daß er ihr eine schwere Stunde noch schwerer gemacht und in
+dem Augenblick, in dem sie ihr Theuerstes hingab, unedel ausgerufen:
+»Und ich?« ...
+
+Und er! ... war's nicht ganz recht, daß er sie einmal gemahnt, er zähle
+mit in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen durften?
+-- Bisher hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; daß
+er sich so zeigte, verstand sich von selbst, und wer denkt erst lang
+über selbstverständliche Dinge nach? -- Manchmal wohl hatte es in der
+Seele Lottis aufgedämmert: da ist Einer, dem verdankst du mehr, als du
+vergiltst ... da ist Einer, dem hast du öfter weh als wohl gethan ...
+Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten.
+
+Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen
+schlummern in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal
+genannt, jedoch, nie wieder schlafen können. Lotti fürchtete sich und
+ihre unbekannte und unberechenbare Macht. -- Wozu auch grübeln? --
+über ein Verhältniß zwischen Bruder und Schwester, zwei braven Leuten,
+die in Frieden mit einander alt geworden sind und also sterben wollen.
+Zugleich -- geb's der Himmel! Denn ein Leben, in dem Gottfried fehlen
+würde und seine nie ermüdende treue Sorgfalt, das wäre keine Freude
+mehr.
+
+Allmälig war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich zurück
+und schloß die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hörte sie
+Agnes nach Hause kommen, und draußen Zurüstungen zur Abendmahlzeit
+treffen. Die Alte kehrte von einem Besuch bei ihrer Schwester zurück,
+zu dem Lotti sie veranlaßt hatte. Mitten in der Woche und ohne jeden
+vernünftigen Grund war sie aufgefordert worden, die Vergnügungsreise in
+die Vorstadt zu unternehmen. Gewöhnlich kam sie von derselben in bester
+Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger Wolf.
+
+Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis
+nach dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. Die
+ganze Agnes war eitel Zurückhaltung, jede ihrer Mienen und Bewegungen
+sprach: Hast du deine Geheimnisse, hab' ich die meinen.
+
+Ihre, mit großer Ausdauer zur Schau getragene Gekränktheit begann ihre
+Wirkung auf die Herrin auszuüben. Diese war hellmunter geworden. Es
+konnte auch nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes,
+aber nicht still. Sie vollführte vielmehr mit einigen Tellern und einem
+Bestecke ein Gerassel, das in Anbetracht der geringen Mittel, mit denen
+es verursacht wurde, ganz merkwürdig zu nennen war.
+
+»Liebe Agnes,« begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im Reinen
+über die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da
+erschallte die Hausglocke, und Agnes stürzte, abermals Unverständliches
+murmelnd, aus dem Zimmer.
+
+»Das Fräulein zu Hause?« ließ eine laute Stimme sich im Vorgemache
+vernehmen, und im nächsten Augenblick trat Halwig ein.
+
+Er war bleich und erregt: »Erlöst!« stieß er, kaum fähig zu sprechen
+hervor. »Nehmen Sie Theil an meinem Glück ...« Er preßte beide Hände
+gegen seine Brust. -- »Ich bin erlöst -- ich bin ein freier Mann!«
+
+Lotti wagte nicht, ihn anzusehen ... absichtlich täuschen -- es bleibt
+doch immer etwas Furchtbares. -- In äußerster Verlegenheit sprach sie:
+»Sie haben -- Ihren Proceß ...«
+
+»Gewonnen! -- ja, ja, meine Hoffnung, die kühne, die ich nie
+aufgegeben, ist erfüllt ... Fräulein Lotti -- freuen Sie sich doch mit
+mir ...«
+
+»Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund ...«
+
+»Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das?« Er zog ein Heft aus seiner
+Tasche -- »Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen
+übergab, zum zweiten Male abgerungen worden ... und soll vor Ihren
+Augen in Rauch aufgehen.«
+
+Er hielt einige Blätter des Manuscriptes über die Lampe, sie
+entzündeten sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in
+hellen Brand zu setzen und warf, nachdem dies geschehen, die lodernde
+in den Kamin. Mit wildem Behagen schürte er die Flamme, die sein
+Geisteskind verzehrte, und rief:
+
+»Was nie hätte geboren werden sollen, sterbe! ... Könnt' ich alles so
+vernichten, was geschrieben zu haben mich reut! ... Ein Trost bleibt
+mir übrigens,« fügte er mit bitterem Lachen hinzu, indem er sich am
+Arbeitstische Lottis niederließ: »Lange werden meine Werke den Unwillen
+der Freunde des Schönen nicht erregen. Mit dem Tage geht unter, was
+dem Tage gedient ... O Fräulein Lotti! ... ich hatte anderes von mir
+erwartet ... Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich geträumt
+und angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese
+Erde, die mich getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines
+Schrittes eingeprägt zu haben? ...«
+
+Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen:
+
+»Ja wohl, -- was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?«
+
+»Vorbei!« er erhob von Neuem sein gequältes Lachen. »Sie haben noch nie
+einen Menschen gesehen, mit dem es so völlig vorbei gewesen ist, wie
+mit mir ...«
+
+»Es wird schon wieder anfangen,« sagte Lotti.
+
+»Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.«
+
+»Kommen Sie nur erst zur Ruhe.«
+
+»Die ist's ja, die ich fürchte! ... Mit ihr kommt die Besinnung. In
+der rastlosen Thätigkeit, in der ich lebte, hatte ich wenigstens
+nicht Zeit zur Besinnung ... Glauben Sie nicht, daß mir die Wohlthat
+der Selbsttäuschung zu Theil geworden ... Immer wieder, trotz allem,
+was ich that, um ihn zu verscheuchen, immer wieder tauchte der Gedanke
+in mir auf: was du treibst ist Seelenmord ... Ich habe Stunden des
+Rausches, des Triumphes gehabt, aber glücklich, liebe Freundin, war
+ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer Zwecke zu
+frohnen zwang.«
+
+Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen,
+die sie fand, erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als
+Gemeinplätze. Ihre Ohnmacht zu trösten, äußerte sich durch Ablenkung
+von der Klage. Sie verwies ihn auf den segensreichen Einfluß, den das
+Landleben auf ihn ausüben werde, und da rief er plötzlich beistimmend:
+
+»O ja, darauf zähl' auch ich. Wonne und Wohlthat wird mir die Stille
+des Landlebens sein. Vor allem Andern wird es mich erquicken, meine
+kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen. Sie haßt die Stadt,
+diese kindische Frau ... Sie müssen sie draußen im Freien sehen ...
+Im Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Händen -- ich sage Ihnen,
+sie schießt wie Wilhelm Tell. Oder man muß sie sehen, ein wildes Pferd
+bändigend, mit Weisheit und Geduld -- oder den Wald durchstreifend,
+kühn wie ein Jäger und hold wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang
+an, daß ich sie aus ihrer grünen Heimstätte, in der sie aufgewachsen
+ist und aufgeblüht, wo sie sich gesund fühlt, hierher bringen
+mußte, in dieses steinerne Grab, in dem sie das Dasein einer Lerche im
+Käfig führt.«
+
+Sein Gesicht hatte sich verklärt, während er von seiner Frau sprach. --
+
+»Ich liebe sie,« fügte er hinzu, und wiederholte: »Ich liebe sie ...
+Wie kann das sein? denken Sie vielleicht, sie theilt ja deine geistigen
+Interessen nicht -- -- ein Kind, Theuerste, thut das auch nicht, und
+man liebt es doch. Sie ist das meine. Ein anderes wünsch' ich nie zu
+haben, denn dieses würde gewiß lesen lernen wollen, und das -- Sie
+begreifen, dürfte ich ihm nicht gestatten ...« Er unterbrach sich:
+»Immer mahnt es wieder!« rief er heftig aus und versank in Schweigen.
+
+»Haben Sie Schweitzer gesprochen?« fragte Lotti nach einiger Zeit.
+
+»Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der großen Nachricht, bedeutete
+mich aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. Einer seiner
+Clienten schießt einen Theil der Summe vor, die ich erhalten werde --
+wann? ist wohl noch nicht bestimmt ... Morgen soll der Kaufcontract
+unterschrieben werden, in acht Tagen reisen meine Schwiegereltern
+ab ... ein Schmerz für Agathe -- ich möchte die Thränen nicht sehen
+müssen, die sie bei dem Abschied vergießen wird ... Ist der aber
+einmal vorüber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen ... dann wird
+sie erst mein alleiniges Eigenthum ... Lachen Sie mich nicht aus,
+Fräulein Lotti, -- wenn auch noch so viel Grund dazu vorhanden ist
+... die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn und der meine scheint mir
+unheilbar, denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag.«
+
+»Um so besser, lieber Freund! ... Sie haben mir da eine Menge Dinge
+gesagt, die mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt' ich
+eine leise Sorge nicht unterdrücken, daß Ihre Frau, noch so jung, so
+außerordentlich schön, und gefeiert, wo immer sie erscheint, sich
+vielleicht doch auf die Dauer mit einem ganz stillen und einförmigen
+Leben nicht begnügen würde.«
+
+»Die Sorge war unbegründet!« rief er zuversichtlich aus. »Besuchen Sie
+uns, kommen Sie, und bleiben Sie lange bei uns. Ueberzeugen Sie sich,
+ob ich recht habe zu sagen: auf dem Lande ist Agathe in ihrem wahren
+Element. Etwas viel Sport werden Sie finden -- sich vielleicht wundern,
+daß eine junge Dame so leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt,
+die freilich nicht eben von idealer Natur ... allein, Beste -- das
+werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr die höchsten sind, sind
+sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein Leben, aber nie
+um mehr ... Ich wollt', ich hätte keine andere Begabung jemals in mir
+verspürt, als diejenige, die man braucht, um ein tüchtiger Reiter oder
+Jäger zu werden. Bei Gott, das wollt' ich ...«
+
+Er biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. »So ist
+es« -- murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu.
+
+»Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.«
+
+Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: »Leben Sie wohl, Halwig, und
+werden Sie gesund.«
+
+»Gesund?«
+
+»Ja wohl. Jetzt sind Sie's nicht.«
+
+Sie blickte mit der besorgten Theilnahme einer Mutter in sein Gesicht.
+»Eines sagen Sie mir noch: wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten?«
+
+»Sehr einfach. Ich will bei meinem Pächter Landwirthschaft studiren.
+Ich will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der
+Schule verfolgen. Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge
+betreiben. Da ich nie mehr etwas Schönes hervorbringen werde, will ich
+wenigstens versuchen, etwas Vernünftiges zu thun.«
+
+»Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen?«
+
+»Weil ich das Gefühl dafür verloren habe, dünkt mich ... das läßt sich
+nicht wieder gewinnen.«
+
+Er riß sich gewaltsam aus den trüben Gedanken, die ihn von Neuem zu
+umweben begannen: »Auf Wiedersehen! ...«
+
+»Auf Wiedersehen, lieber Halwig ... Noch etwas muß ich Ihnen sagen ...
+Denken Sie sich, es wären Monate vergangen -- Sie haben ausgeruht,
+haben einmal wieder tief und gewaltig empfunden, daß die Welt schön und
+das Leben etwas werth ist -- und plötzlich beginnt es in Ihrer Seele zu
+tönen wie einst. Sie lauschen den Klängen, Sie wollen nichts, als sich
+umspinnen lassen von den lieblichen Harmonien, und festhalten, was
+die Ihnen vorgesungen. Und ohne Ihr Zuthun, fast ohne Ihr Bewußtsein,
+strömt ein harmloses Lied von Ihren Lippen, eines von denen, wie die
+Nachtigallen und die Dichter sie singen, und die Welt heute nicht mehr
+anhören mag und die Verleger nicht mehr veröffentlichen. Ein solches,
+ein so ganz unpraktisches, muß es sein. Die Stunde, Freund, in welcher
+~dieses~ Lied Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt.
+Sie wird kommen. Ich will einmal Kassandra sein und prophezeihen, aber
+lauter Gutes ... Und jetzt gehen Sie. Auch ich bin erstaunlich müde und
+ruhebedürftig.«
+
+Er beugte sich über ihre Hände und küßte sie. --
+
+»Sie haben doch nicht ganz vergessen,« sagte er leise und innig, »daß
+Sie einst die Braut eines Poeten waren -- aber ich bin keiner mehr.«
+
+Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wünschte
+ihr mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch blieb
+von der zürnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti bis
+zum Morgen in einem Zuge. Sie hatte von ihren Uhren geträumt, sich
+wieder im Besitz derselben gesehen, und ihr wurde nichts weniger als
+froh zu Muthe, als sie am folgenden Tage beim Frühstück saß, dem leeren
+Schranke gegenüber.
+
+Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gespräch noch längere Pausen
+als gewöhnlich, hatte eine Welt auf dem Herzen und war nicht im
+Stande, ein befreiendes Wort zu sprechen.
+
+»Was fehlt Dir?« fragte Lotti.
+
+»Brave Gesellen,« antwortete er mit verstörten Blicken. »Es ist nichts
+an den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum Handwerk. Sie
+können nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der Nachwuchs ist,
+wohin gelangen wir? ... In fünfzehn Jahren giebt es in der ganzen Stadt
+keinen tüchtigen Uhrmacher mehr.«
+
+Das war nun freilich sehr traurig, aber daß ihm die Sache so völlig
+seine Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein
+gewann, nahm Lotti doch Wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu
+fragen: »Was fehlt Dir?« erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid.
+Seit dem Tage, an dem sie ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds
+gleichmäßig heitere Laune dahin. Wie von jeher widmete er Lotti seine
+ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme fern zu halten, blieb
+immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei alledem äußerte
+sich doch manchmal, und gewiß ganz gegen seinen Willen, etwas wie ein
+stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in früheren
+Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld
+niemals unterdrücken können. Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern
+und staunte im Stillen über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen
+war.
+
+
+
+
+ XIV.
+
+
+Die Tage vergingen einförmig. Lotti führte ihr stilles Leben fort. Die
+einzige Veränderung darin brachten die Besuche des Advocaten Schweitzer
+hervor. Er kam sehr oft, zu Gottfrieds großer Befriedigung. Dieser
+hatte für ihn eine Liebe gefaßt, kaum minder plötzlich wie die Romeos
+zu Julien und äußerte dieselbe in seiner beredten Weise:
+
+»Der ja! -- ja Der -- das ist Einer!«
+
+Der Doctor brachte Nachrichten von Halwigs. Das junge Paar befand
+sich auf dem Gute; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt.
+Schweitzer beschäftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten.
+Sobald er damit fertig geworden, wollte er eine Reise nach dem Norden
+unternehmen, die heißen Sommermonate in Norwegen oder gar in Island
+zubringen. Er sagte, seine Nerven bedürften der Stärkung.
+
+»Ich bin nervenkrank wie alle Leute: Sie allein ausgenommen und
+Gottfried, und vielleicht Ihre alte Agnes.«
+
+»Nun, ich weiß nicht,« meinte Lotti und ließ ihre Augen von ihm auf
+Gottfried hinübergleiten.
+
+Mit dessen Nerven dachte sie, stände es auch nicht Zum Besten. Er war
+so eigen, schien oft selbst nicht zu wissen, was er wollte. Mehrmals
+schon hatte ihm Lotti Briefe von Halwig und Agathe vorgelegt, in
+welchen Fräulein Feßler beschworen wurde, zu ihnen zu kommen und einige
+Tage bei ihnen zuzubringen.
+
+Gottfried hatte nie etwas Anderes dazu gesagt, als:
+
+»Ja, sie sind sehr höflich,« und: »Wann gehst Du?« aber dies geschah
+in so gepreßtem Tone, daß Lotti immer wieder statt: »Morgen,« wie sie
+gewollt: »Ich weiß es noch nicht,« antwortete.
+
+Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben, von den
+beiden Gatten unterzeichnet, daß Lotti, entschlossen, sich nicht länger
+bitten zu lassen, noch am selben Abend zu ihrer Dienerin sprach:
+
+»Agnes, morgen fahre ich um 8 Uhr mit dem Frühzuge fort. Wenn Gottfried
+Vormittags nach mir frägt, sagst Du ihm, ich sei bei Halwigs, und käme
+um sechs Uhr Abends zurück. Wenn er mich auf dem Bahnhof erwarten will,
+so wird mich das sehr freuen.«
+
+Agnes war überaus zufrieden mit diesem Auftrage. In ihrer Einbildung
+schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens, mit dem Gottfried ihre
+Botschaft vernehmen, und der Fragen, die er an sie stellen werde. Sie
+bereitete sich sogleich auf die Künste vor, mit denen sie dasselbe noch
+erhöhen wollte, und schlief mit dem heißen Wunsche ein, daß ihr nur das
+Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen möge.
+
+Dieser Wunsch erfüllte sich vollständig. Der schönste Tag, welchen der
+junge Sommer dieses Jahres noch gespendet, brach am nächsten, einem
+Sonntagmorgen, an. Die herrlichste Junisonne glänzte, der reinste
+Himmel blaute über dem schnaubenden, dampfenden Eisenbahnzuge, der
+Lotti aus der Stadt entführte.
+
+Nach zweistündiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt,
+in deren Nähe das Gut Halwigs sich befand. Dahin, wie Lotti durch
+Schweitzer wußte, führte ein bequemer Feldweg, und sie hatte sich
+vorgenommen, die kurze Strecke zu Fuße zurückzulegen. Irre zu gehen,
+war unmöglich. Die Villa lag in dem grünen Wiesenland weithin sichtbar,
+wie eine Perle im offenen Schreine.
+
+Munter begab sich Lotti auf die Wanderung. Sie fühlte sich erquickt
+durch die rasche Bewegung, und auch ein wenig berauscht durch die
+ungewohnte kräftige Luft. Sie war allmälig in die gehobene Stimmung
+gerathen, die beinahe jedes Stadtkind erfaßt, wenn es plötzlich aus
+seiner ummauerten in die unbegrenzte Welt versetzt wird. Die athmet
+Frische und Freudigkeit und theilt einem empfänglichen Gemüth schon
+etwas davon mit. Alles so freundlich und üppig bewachsen oder bewaldet,
+die Weiden, die Auen, und der Gürtel von wellenförmigen Hügeln,
+der die liebliche Gegend umschloß. Das Schönste aber, das war die
+gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund. Kaum zu unterscheiden von
+den Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dämmerung wie ein
+Wunder da, und wie ein Wunder schien von ihr ein Sehnsucht weckender
+Zauber auszugehen. Lotti näherte sich der Villa. Zwei Fahnen wehten von
+ihren schlanken Thürmchen und verkündeten, daß Herr und Frau vom Hause
+anwesend seien. Der Weg führte an der Umzäunung des Gartens, einem
+feinen Drahtgitter auf niederem Mauersockel, vorbei. Lotti schritt
+denselben entlang und kam bei dem geöffneten Thor zugleich mit einem
+Reiter an, der sich vom Hause her genähert hatte. Dieser, ein kleines
+dürres Männchen, hielt seinen langhalsigen Braunen, welcher schnob,
+als ob er Feuer geschluckt hätte, ein wenig an, um Lotti eintreten zu
+lassen. Ohne die Kappe zu rücken, aber mit gutmüthiger Herablassung
+beantwortete er die Fragen der Fremden. Die »Herrschaften« waren
+ins nächste Dorf zur Kirche gegangen und dürften in einer Stunde
+zurückkehren. Länger bleiben sie schwerlich fort, denn um zwölf Uhr
+wird gefrühstückt.
+
+Eine Stunde warten also! -- das ist im Grunde so schlimm nicht. Man
+kann die Zeit benützen, um den Garten anzusehen, und nebenbei um ein
+wenig auszuruhen.
+
+Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren
+ein. Kein Mensch war sichtbar, so weit sie blickte, rings umher
+herrschte die echte, ländliche Sonntagseinsamkeit, Lotti kam an einem
+herrlichen Tulpenbaum vorüber und betrat einen Fichtenhain, dessen
+kühler Schatten sie lockte. Unter den Bäumen stand eine eiserne Bank,
+auf diese ließ sie sich nieder.
+
+Es ist doch ein gutes Ding, das Land! dachte sie, und athmete tief
+und sah sich mit Entzücken in ihrer stillen Raststätte um. Die Fichten
+waren der unteren Aeste schon beraubt, aber junger Nachwuchs bildete
+von außen einen Halbkreis um den Hain, exotische Topfpflanzen füllten
+die kahlen Stellen zwischen den Stämmen der alten Bäume. Zarte
+südländische Palmen, Ficus, Daphnen, Begonien ließen sich's wohl sein
+im Schutze der nordischen Riesen. Die Königin der Araucarien, die
+Excelsia, breitete ihre farrenkrautähnlichen Zweige in majestätischer
+Anmuth aus. Harzgeruch erfüllte die Luft, die Vögel sangen, im Grase
+schwirrte und summte es. Mit reichgefülltem Gurt kehrten emsige Bienen
+vom Besuche der blühenden Sommerlinden heim. Alles eifrig, Alles
+beschäftigt, Alles, was da schwebte, flog und kroch, sich selber so
+wichtig und so kühn in seiner Schwäche, so unverdrossen in der Ausübung
+seiner kleinen Kräfte.
+
+Lotti schaute und lauschte und gab sich völlig dem Gefühl der süßesten
+Ruhe hin. Still genoß sie die köstliche Stunde, dieses bewegte,
+rastlose und doch so friedvolle Leben und Weben um sie her ... halb
+unbewußt, gedankenlos ... da plötzlich erklang aus der Ferne das
+Geläute eines Glöckleins.
+
+Zwölf Uhr. -- In zwei Stunden muß sie fort, Gottfried erwartet sie,
+und das darf nicht umsonst geschehen. Er hat eine herbe Enttäuschung
+gehabt, als er kam und sie nicht zu Hause traf. Er wird die Zeit
+sehr lang finden und sich gewiß mit der Vorstellung quälen, daß sie
+nicht kommt. Aber sie wird kommen! und wenn sie scheiden müßte, ohne
+Diejenigen gesehen zu haben, denen zu Liebe sie eine Art von Flucht
+unternommen hat. Diese sind übrigens vielleicht schon längst von ihrem
+Kirchgang zurück, warum bildet Lotti sich denn ein, daß sie gerade hier
+vorüber kommen müssen? Sie erhob sich, um den Hain zu verlassen, und
+im selben Augenblick vernahm sie das Gleiten langsamer Schritte über
+den Kies, und sah ein weißes Kleid durch die Zweige der kleinen Bäume
+schimmern.
+
+Halwig und Agathe näherten sich, schon waren ihre Stimmen deutlich zu
+unterscheiden. Lotti eilte ihnen entgegen, war aber noch nicht auf dem
+Wege angelangt, als sie zögernd stehen blieb.
+
+Die beiden Menschen, die da einher wandelten, boten den seltensten
+Anblick, der auf Erden zu finden ist: den des vollkommenen Glückes. Sie
+hielten einander umschlungen. Sein Kopf war leicht geneigt, der ihre
+leicht erhoben, sie sahen einander in die Augen und flüsterten sich
+lächelnd und leise einzelne Worte zu. Sie schienen sich in Ausdrücken
+der Zärtlichkeit überbieten zu wollen, allein ihr Wetteifer hatte
+nichts Unruhiges, nichts Stürmisches. In diesem Kampf zu siegen oder
+zu unterliegen mußte gleich süß fein. Da war kein Ringen, kein Sehnen,
+kein banger Zweifel, da war Erfüllung mit ihrem himmlischen Frieden.
+
+Sie kamen näher, ganz nah ... Lotti meinte von ihnen bemerkt worden zu
+sein ... doch irrte sie. Hermann und Agathe gingen vorbei, Jedes blind
+für Alles, was nicht das Andere war, Jedes dem Andern eine ganze Welt.
+Nun waren sie am Ende des Weges angelangt, schritten über den Vorplan
+-- verschwanden im Hause.
+
+Lotti folgte ihnen nicht.
+
+Was soll ich bei Euch, dachte sie, Ihr braucht keinen Dritten.
+
+Einige Zeit verweilte sie noch, sinnend und träumend in dem Haine, der
+ihr zuerst eine traute Gastfreundschaft und später, ohne daß sie es
+gewollt und gesucht, ein sicheres Versteck geboten hatte, dann trat sie
+ruhig den Rückweg an.
+
+Die Hitze war drückend geworden. Lotti schlich mehr, als sie ging,
+sie hatte ja keine Eile; kam immer noch zu dem ausbündigen Vergnügen
+zurecht, ein paar Stunden lang vor dem Stationshäuschen auf und ab zu
+wandeln. Weit und breit kein Schatten, nur Wiesen und Felder. Nichts,
+als schon in ziemlicher Nähe der Station, neben dem Grenzpfahl des
+Halwigschen Besitzes, ein steinernes Kreuz von vier jungen Pappeln
+umgeben. Dort ließ sich ebenfalls ein wenig rasten, aber nicht im
+Schatten: davon war nicht die Rede, die Sonne stand ja noch im
+Scheitel. Gleichviel. Eine Landstreicherin, wie Lotti nachgerade
+geworden, dankt Gott auch für die Wohlthat, auf steinerne Stufen
+gelagert, die Zeit, deren sie zu viel hat, an sich vorüber ziehen zu
+lassen.
+
+Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald, daß sie keinen besseren
+Punkt hätte finden können, um Villa Halwig noch einmal recht nach
+Herzenslust zu betrachten. Das that sie lange, und das innigste
+Gebet für die Erhaltung fremden Glückes, das einer Menschenbrust
+entsteigen kann, wurde zu Füßen des steinernen Kreuzes gesprochen.
+
+Sodann setzte Lotti ihren Weg fort.
+
+Sie begann ihre ganze Ausfahrt höchst drollig zu finden. Die
+Einladungen Halwigs und Agathens hatten sie mit dem Gefühl einer
+Verpflichtung belastet, dem sie gemeint, durchaus genug thun zu müssen.
+So hatte sie sich denn aufgemacht, war gekommen, und hatte, statt der
+sehnsüchtig ihrer wartenden Freunde, ein Liebespärchen gefunden, das
+verspätete Honigwochen beging, und dem man keinen größeren Gefallen
+erzeigen konnte, als es allein zu lassen ...
+
+Sie kam sich ein wenig lächerlich vor, die gute Lotti, aber was
+schadete das einer so anspruchslosen Persönlichkeit wie ihr? --
+Nicht das Geringste, und sie lachte im Stillen und fühlte sich
+seelenvergnügt, obwohl von einem gewissen Unbehagen ergriffen, das
+-- ein klägliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt -- durch ganz
+prosaischen Hunger hervorgerufen wurde.
+
+Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Absicht war, an der Thür des
+Stationshäuschens zu pochen und von seinen Einwohnern für Geld und gute
+Worte eine kleine Stärkung zu erlangen.
+
+Das Pochen blieb ihr erspart. Die Frau des Bahnwächters, ein stämmiges
+dunkeläugiges Weib, stand am Zaun ihres kleinen Gartens und nahm
+hier das Ersuchen der Fremden entgegen. Ihr Benehmen war anfangs
+nicht sehr ermuthigend für den hergelaufenen Gast, wurde aber bald so
+zutraulich, daß Lotti sich fragte, ob dieses leutselige Wesen etwa der
+Freimaurerei, die nach Schweitzers Meinung zwischen ehrlichen Leuten
+besteht, zuzuschreiben sei.
+
+Eine Stunde später saß sie so gemüthlich, als ob sie zur Familie
+gehörte, in der Bahnwächterstube. Der Mann rauchte ihr gegenüber seinen
+schlechten Tabak aus einer hölzernen Pfeife, das Weib, an einer groben
+Jacke flickend, hatte neben ihr Platz genommen auf der Bank, und der
+pausbäckige Sprößling des Ehepaares sich's auf Lottis Schoße bequem
+gemacht. Sie fand, er habe Aehnlichkeit mit einem ihrer Horatier, und
+das hatte sie sofort für ihn gewonnen.
+
+Die Frau war bereits mit der Erzählung ihrer ganzen Lebensgeschichte
+fertig geworden und schien nicht übel Lust zu haben, wieder von vorn
+anzufangen. Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt.
+
+Ja, sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre, und ihr Bub' hatte
+kürzlich erst sein drittes erreicht.
+
+»Arme Leut' kommen halt spät zum Heirathen. Auch darin, auch in so
+einer Sach' haben's die Reichen besser.«
+
+Da erhob sich der Mann -- der Schnellzug mußte bald auf die Strecke
+kommen, in einigen Minuten wurde es Zeit, den Signalflügel aufzuziehen.
+
+Nachdem er die Stube verlassen hatte -- er war ein alter Mensch und
+sah recht mürrisch aus -- begann seine Gattin, ihn zu loben. »Er« war
+brav. »Er« war allgemein geachtet. Wunder wie viele Unglücksfälle hatte
+»Er« durch seine Wachsamkeit verhütet. Sein Bub' geräth ihm nach, ist
+wirklich schon jetzt der ganze Vater. Sie zog den Jungen an sich, gab
+ihm einen schallenden Kuß und fuhr mit allen fünf Fingern durch seinen
+zerzausten Schopf. Ein rührender Ausdruck von Zärtlichkeit milderte und
+verschönerte die harten Züge ihres sonnverbrannten Gesichts, während
+sie ihrem Kinde diese derben Liebkosungen ertheilte.
+
+»Heute ist ein rechter Sonntag,« sagte Lotti zu ihr, »heute habe ich
+zwei glückliche Ehepaare gesehen.«
+
+Die Frau blickte sie befremdet an.
+
+»Und Sie? ... Sind doch auch glücklich?«
+
+»Ich bin auch glücklich.«
+
+»So? ... und ...« sie neigte den Kopf mit neugieriger Vertraulichkeit,
+»und was ist denn Ihr Herr?«
+
+»Ich habe keinen; ich bin eine alte Jungfer.«
+
+»So? ... eine alte Jungfer,« wiederholte die Frau, sichtlich erkaltet
+und enttäuscht. Und als der Mann nun ans Fenster klopfte, um der
+Reisenden zu bedeuten, daß es Zeit war aufzubrechen, stach der
+gleichgültige Abschied, den die Wirthin von ihrem Gaste nahm, von
+deren früheren Freundlichkeit merklich ab. Sie hätte sich nicht anders
+benehmen können, wenn sie mit einem Male von Reue ergriffen worden wäre
+über ein übel angebrachtes Vertrauen.
+
+Lächelnd über den Mißcredit, in welchem sie plötzlich bei ihrer neuen
+Freundin gerathen, stieg Lotti in den Waggon.
+
+Nur noch Ein Platz war in demselben frei, und sie nahm ihn ein, zum
+offenbaren Verdruß einer geschlossenen Gesellschaft, die das Coupé
+besetzt hatte. Diese, ein übermüthiges Völkchen, ließ sich, nachdem
+ihr erster Unwillen über den Eindringling verraucht war, in ihrer
+Unterhaltung nicht stören. Lotti verbrachte zwei unangenehme Stunden
+in dem lauten und lustigen Kreise. Ein Gefühl der Vereinsamung ergriff
+sie, das wegzuspotten sie sich vergeblich bemühte.
+
+Endlich brauste die Locomotive in den Bahnhof und das Erste, was Lotti
+erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer gelehnt
+-- ein Bild der Hoffnungslosigkeit -- starrte die Leute an, die dem
+Zuge entstiegen, und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es in
+seinem Herzen.
+
+Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da -- ihre Hand lag auf seinem
+Arme.
+
+»Das hätt' ich nicht gedacht ... daß sie Dich fortlassen ... daß Du
+ihnen widerstehen kannst ...« Wie ein Verzückter blickte er sie an.
+»Ich hab einen Wagen ...«
+
+Nein, für den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu sein,
+wollte zu Fuß mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre
+Erlebnisse erzählen.
+
+Also geschah es. Er hörte ihr mit äußerster Spannung zu und ging
+schweigend neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der
+Ueberflüssigkeit sprach, von der sie beim Anblick Halwigs und seiner
+Frau überkommen worden, bot er ihr plötzlich seinen Arm und drückte den
+ihren fest an sich.
+
+»Hier bedarf man Deiner,« sagte er. »Du warst Dir dort zu viel, ich --
+war mir hier zu wenig.«
+
+Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, kamen
+aber sehr wehmüthig heraus. »Und was hast Du gethan den ganzen langen
+Tag?« fragte Lotti.
+
+Gottfried räusperte sich: »Hm -- gewartet.« »Sonst nichts!«
+
+»O, es war genug! Ich weiß keine schwerere Arbeit.«
+
+Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber gerieth
+er in eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreißende
+Beredtsamkeit im Stande gewesen wäre. Die seine beschränkte sich auf
+den leisen Ausruf: »Liebe Lotti!«
+
+Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach
+~sie~, die er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer
+Kindheit an.
+
+Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's möglich?
+... Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner
+Wünsche erreichen? ...
+
+Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und
+der Mund, den er liebte, sprach:
+
+»Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiß ich, daß Du mir das
+Liebste auf der Welt bist.«
+
+Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, daß sie vor
+Lottis Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das
+Geheimniß seiner tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel
+wollte ihm die Brust zersprengen. Ein seliger Mann faßte er seine Braut
+in seine Arme, und sie mußte abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig
+die Treppe hinaufgetragen. Oben angelangt, stürmte er derart an der
+Glocke, daß Agnes in voller Empörung herbei eilte:
+
+»Wie kann man so anreißen?« rief die Alte.
+
+»Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, Ihnen
+zu sagen -- Sie sind die Erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns an! Wir
+sind Brautleute!«
+
+ * * * * *
+
+In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, der
+Gottfried und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden Treiben
+der Stadt spann sich ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch
+erhoffte Erhöhung ihres Glückes wurde ihnen zu Theil, als nach zwei
+Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner Johannes Feßler gerade
+in dem Augenblick das Licht der Welt begrüßte, in welchem draußen die
+Sonne wunderbar schön unterging, und im Zimmer die goldene Spieluhr,
+zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte.
+
+Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, daß es auch
+derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer
+gewechselt. Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agathe
+waren bald aus dem süßen Hindämmern erwacht, in das die Befreiung von
+ihren Sorgen sie versetzt hatte. Sie, gewöhnt an das rege Treiben ihres
+großen Familienkreises auf dem Lande, begann sich zu langweilen allein
+mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte, und vielleicht noch heißer,
+nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betäuben, die ihn in seiner
+Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis in die Arme des geliebten
+Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner
+Lohnschreiber-Nächte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er
+seine Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in Blut und in Schlamm
+waten ließ, und den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu
+die hastende Eile, in welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhängniß
+erfüllt werden mußte; die Angst vor dem Mißlingen, und dann wieder
+die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete geschah, wenn die Gestalten,
+die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt durch eigene Kraft
+einen Abschluß herbeiführten, kühner als er ihn geahnt hatte. Halwig
+erfuhr, daß wer solche Aufregungen kennen gelernt, sie nicht mehr
+missen kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's aus dem Himmel. So
+sandte er dem schwindenden, mit Hülfe Agathens und ihrer Brüder rasch
+aufgezehrten Wohlstand, kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur
+Zeit, in welcher das Gut verkauft werden mußte, machte die Gesundheit
+Agathens einen Aufenthalt an der See nothwendig. Hermann ließ sie
+allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den seligen Bitternissen
+seiner Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie lieferte, wurden
+noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advocaten
+Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti:
+
+»Ich mache mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war
+umsonst gebracht.«
+
+Aber Lotti erwiderte: »~Nicht~ umsonst.«
+
+Ihr Mann blickte sie lächelnd an: »Ohne meine Entrüstung über dieses
+Opfer,« sagte er, »wüßte sie vielleicht heute noch nicht, daß der
+Gottfried auch einmal etwas für sich wollen konnte.«
+
+
+
+
+ Wieder die Alte.
+
+
+
+
+ I.
+
+
+In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich ein
+schmuckes Palais, Eigenthum des Grafen Meiberg, welcher es mit seiner
+Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin und aus sechs
+Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, das älteste,
+eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden sorgfältig
+erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, die ihnen
+Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So trafen
+einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann und ein
+hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam von der
+Clavierstunde der großen Comtesse, sie ging zur französischen Lection
+des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien immer
+munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als er und
+sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz der breiten,
+spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem Lächeln grüßte er
+und war entzückt von der anmuthig zurückhaltenden Weise, in der sein
+Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen es bald nicht mehr bei
+einer stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrirten dieselbe durch
+ein freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein,« -- »Guten Tag,« -- und
+schon das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois,« -- »Guten Tag,
+Herr Bretfeld.«
+
+Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen erkundigt.
+-- Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße.
+
+Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen scherzenden
+Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit selbst, Fräulein,«
+worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet sich immer nach
+mir.« -- »Das sollten alle Leute thun,« sprach er und erschrak derart
+über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er sich ganz
+verlegen aus dem Staube machte.
+
+Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen
+Schwächen, selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das
+Arnold Bretfeld gethan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte
+er ein unangenehmes Gefühl nicht los werden, und wenn er sie fragte:
+Was hab' ich denn? -- kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit,
+die Du gesagt hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden
+Morgen wünschte er allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem
+er sich so schrecklich blamirt hatte, gar nie mehr unter die Augen
+kommen zu müssen. Diesen Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der
+Clavierstunde aus dem Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete
+dastehen sah. Er half ihr, da sich zufällig kein Diener in der Nähe
+befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber merkwürdig
+leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte und den
+fallenden Schnee.
+
+»Fräulein kommen von Hause?«
+
+»O nein, ich habe heute schon drei Lectionen gegeben.«
+
+Drei Lectionen! -- Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert durch
+Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch so
+nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem
+die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden.
+
+Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber sie
+ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu den
+Zimmern ihrer Schüler führte.
+
+Das Compliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt
+hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im
+Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und
+schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide.
+
+»Je nun,« erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus
+gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Nothwendige
+entbehren, wenn wir das Ueberflüssige nicht mehr anzuschaffen
+vermöchten.«
+
+»Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas zu
+sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und -- zu sehen.
+
+Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der
+bis zum Munde reichte, dessen Athem ihn ganz leise bewegte. Wenn er
+sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein,
+und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüthen im Tau.
+
+Eine Viertelstunde später saß Arnold am Clavier neben der Fürstin L.
+und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die
+ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein
+geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und Abends,
+während des Vortrags, den er im Conservatorium hielt, und Nachts vor
+dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Claire Dübois
+vor sich, und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd,
+ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem
+Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er
+laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!«
+
+Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats.
+Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst
+gewahr, als er in den Thorweg trat. Da stand sie und konferirte mit dem
+Portier.
+
+»Keine Lection, nein,« sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen
+haben heute frei.«
+
+»Heute frei,« wiederholte Claire mechanisch.
+
+»Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin sagen.«
+
+Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie mit dem
+Ausdruck der Enttäuschung niederblickte. Es enthielt offenbar die
+siegelversehenen Visitenkarten, Stück für Stück erworben im Laufe eines
+Monats, die Repräsentanten vieler mühseliger Stunden.
+
+»Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?«
+fragte das Mädchen nach einigem Zögern.
+
+»Keinen, Fräulein,« antwortete der Portier und trat in seine Loge.
+
+Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch viel
+langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb sie
+stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen
+herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen,
+die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen
+schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft.
+
+»Schlimmes Wetter,« sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires
+Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien
+zuzubringen. -- Ich melde, daß ich gelauscht habe,« fügte er hinzu, den
+fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete.
+
+Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze
+Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte.
+
+»Was fangen sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht
+einmal ein Parapluie!«
+
+»Das ist ja mein Unglück,« entgegnete sie mit einem Lachen, das ein
+wenig erzwungen klang, »ich habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war
+so schön! Wer hätte dem Februar diese Aprillaune zugetraut?«
+
+»Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen Regenschirm
+auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen Schutz zur
+Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte diesen
+Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Collegen, sie bis zu einer
+Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer nächsten
+Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte.
+
+Die Wanderung kam den Beiden sehr kurz vor, und hatte ihnen doch Muße
+genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
+
+Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in
+den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares
+war: _Monsieur et Madame Dubois_, Professor und Professorin der
+Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, die
+in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Oesterreich gewandert
+waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene Töchterlein
+ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. Ihre
+Ersparnisse -- dem Bruder Dubois nach Frankreich zugesendet und von
+diesem verwaltet -- war allmälig zu einem Capital angewachsen, von
+dessen Renten sich's leben ließ. Claire wurde aus dem Kloster genommen,
+in dem sie ihre Kindheit zugebracht und ihre Erziehung erhalten hatte,
+und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimath an. Die Wohnung
+war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im
+Begriff, abzureisen -- da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo Ihr
+seid; Ihr seid ärmer als Ihr je gewesen, denn der Name, den Ihr tragt,
+ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem Ihr es
+anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht Ihr
+allein seid betrogen, noch viele Andere sind es mit Euch. Ihr würdet
+hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo Ihr seid, und
+versucht womöglich von vorn anzufangen.
+
+Der Rath war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister
+und seine Frau sich ihn auch zu Nutze gemacht hätten. Die große
+Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zu Theil wurde, zu dem sie sich
+so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie
+bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es
+war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den
+nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide
+vor dem Kinde ihre Muthlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb.
+Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von Neuem heranzulocken,
+war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers;
+die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten,
+an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Baarschaft, die als
+Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte,
+die ersten Schulden wurden gemacht. Es stand schlimm um die kleine
+Familie, als ihre früheren Gönner im Spätherbst wieder nach der Stadt
+zogen, scharenweise, wie sie davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte
+seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte und ging in würdiger Haltung
+von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man empfing
+ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh gewesen,
+den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen Beinen auf
+angenehme Art los geworden zu sein. Die Kinder lachten ja längst über
+ihn! -- wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und -- in traurigen
+Verhältnissen, wie es heißt. -- Unfaßbar eigentlich, die Leute haben so
+viel verdient. -- Die Frau soll sterbenskrank sein. -- So möge der Mann
+doch daheim bleiben und sich pflegen.
+
+»Er dauert mich im Grunde,« sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin Lili;
+»nimmst Du ihn wieder?« -- »Ich nicht, ich danke, ich habe Monsieur
+Pombal engagirt.«
+
+Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagirt, dann versteht es sich
+von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulon dasselbe thun,
+und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel folgen.
+
+So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und es
+wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke stellen
+und den Vorübergehenden mit möglichst zierlicher Gebärde seinen Hut
+entgegen zu halten, wenn die Gunst, die man ihm entzog, sich nicht
+seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast alle Damen, die sich gegen
+Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, waren für seine Tochter die
+Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster aus, in dem Claire zugleich mit
+einigen jungen Mädchen aus der großen Welt erzogen worden war. Mutter
+Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren mächtigen Schutz angedeihen, empfahl
+sie, verschaffte ihr Lectionen.
+
+»Man nahm mich auf ihre Fürbitte,« schloß das Mädchen, »man behielt
+mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen -- ach nein, ich war und
+aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin --, sondern weil ich
+immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten
+Werth legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine;
+meine Lustigkeit, die gab uns Brot.«
+
+Claire hielt inne; der gleichmüthige Ausdruck, mit dem sie bisher
+gesprochen hatte, veränderte sich, und sich brach plötzlich mit den
+Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu
+erhalten suchen. Das habe ich auch gethan.«
+
+»Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?«
+
+»Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht
+von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage.
+
+Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder auf ihn. »Sie
+wissen nun,« sprach sie, »wie ich eine Lehrerin geworden bin; lassen
+Sie mich hören, wie Sie ein Lehrer wurden.«
+
+Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in
+welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung
+klar machen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen.
+Lectionen geben, war eigentlich nicht seine Sache, er that es nur
+ausnahmsweise, wenn irgend eine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang,
+eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht
+um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender
+Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In
+Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum
+ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und
+ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem
+Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Sterbedrang, der
+sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn
+ein Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im
+allertiefsten Sinne. Jede Schönheit, die in meiner Welt geboren wird,
+gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn
+ich vermag Begeisterung zu empfinden und vermag meine Begeisterung zu
+rechtfertigen.«
+
+»Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine edle Freude
+leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches Wort zu hören, wie wohl thut
+das! Ich fühle mich gleich mit glücklich, wenn mir ein Anderer sagt:
+Ich bin's!«
+
+Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine
+Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? -- Nein,
+die waren todt. -- Geschwister? -- Ja, zwei Brüder; beide verheirathet,
+Geschäftsleute durch und durch.
+
+»Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er.
+
+Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte, sich's beiläufig denken
+zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des
+ehrenwerthen Hauses Bretfeld.«
+
+Er lachte. »Viel eher das ungerathene Kind, das man in Gottes Namen
+seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es
+davon abzubringen.«
+
+Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre
+Kämpfe gehabt?«
+
+»Sehr zahme,« versetzte er. »Die meinen lassen mich gewähren, seitdem
+es bei ihnen fest steht, daß ich nun einmal ein Sonderling bin.«
+
+Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte
+munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen hatte,
+indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen Lauf der
+Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich -- ihre Unwissenheit.
+»Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, was ihre Mamas so
+freut, denn die meisten dieser Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß
+Lernen dumm macht.«
+
+Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über roth und
+mußte das Geständniß ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit
+an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen
+wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief
+beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter
+dem Thor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen
+Regenschirm aufnöthigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und
+eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan.
+
+Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem sie
+nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen, und
+in ihr den Inbegriff des Anmuthigen und Schönen, sonst hätten seine
+Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das
+scheinbar Leere geschaut.
+
+ * * * * *
+
+Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung
+zugethan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Aelteren
+immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so
+amüsant!« »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud
+sie zu den kleinen Comtessen-Soiréen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn
+sie »nur einige Damen« hatte, und zu ihren Eltern, wenn ein Partner
+zum Boston fehlte. So lange Claire im Salon verweilte, wurde sie von
+allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas
+zuvorkommender höchstens. Ueber die Schwelle des Salons jedoch reichte
+die Gastfreundschaft, die ihr erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte,
+wenn der Abend zu Ende war: Wie kommt Claire nach Hause? Es gehörte
+mit zu den Vorzügen, die man ihr am höchsten anrechnete, daß sie keine
+Prätentionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines
+Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben.
+Die Eltern, die ihren eigenen Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen
+Tage die Straße allein zu überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß
+Claire Dubois ohne anderen Schutz als ihren Muth bei Nacht den weiten
+Weg nach ihrer Vorstadt antrat. Sie pflegte, wie Aschenbrödel, sich aus
+der Gesellschaft davon zu machen, kurze Zeit vor den anderen Gästen.
+Ohne Abschied war sie mit einem Mal verschwunden, hatte im Vorzimmer
+den Mantel angelegt, das Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so
+rasch sie konnte, bis zur Stadt und durch die Stadt und durch den Park,
+dem Hause zu, in dem sie wohnte. Näherte sich ihr einmal irgend ein
+Zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten
+Falle verließ sie sich auf ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte
+sie noch nicht gekannt -- und nun plötzlich lernte sie beide kennen.
+
+Eines Abends -- es war kurz nach der Promenade unter dem seidenen
+Dach ihres Collegen Bretfeld -- bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang
+des Palais Meiberg bis in die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in theils
+größerer, theils geringerer Entfernung folgte. In den belebten Straßen
+blieb er ziemlich weit hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks
+war er mehrmals dicht an ihren Fersen. Seine großen, regelmäßigen
+Schritte hallten auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie
+rannte vorwärts, und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause
+angelangt, das Thor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es
+warten, und nun kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an
+der Glocke, und zitternd am ganzen Leibe, legte sie sich die kühnen
+Worte zurecht, mit denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie
+anspräche. Aber der Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien
+stehen geblieben zu sein -- und zu warten wie sie ... Vielleicht auf
+das Oeffnen des Thors? Vielleicht war Derjenige, vor dem sie geflohen,
+ein harmloser Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der
+zahlreiche Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten
+Stock? Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so
+regungslos an der anderen Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger
+da, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während
+sie ins Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im
+Schatten des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine
+Anwesenheit zu verbergen als bemerkbar zu machen.
+
+Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, so
+oft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor dem
+geheimnißvollen Beschützer hatte sich allmälig verloren; hingegen
+war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger
+gefallen zu lassen.
+
+Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war
+zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die
+Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den
+feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen
+Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie
+stehen, wandte sich um und sprach:
+
+»Herr Bretfeld -- was soll's? -- Das muß ein Ende haben.«
+
+Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so,
+entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er:
+
+»Mein Fräulein -- nein!«
+
+»Wie so -- nein? Was heißt das?«
+
+»Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des Abends
+Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen -- in ehrerbietiger Entfernung,
+wie bisher.«
+
+»Und wenn ich es Ihnen verbiete?«
+
+»Werde ich es mir nicht verbieten lassen. -- Habe ich mich Ihnen
+lästig gemacht? ... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu
+bedeuten gesucht: Ich bin da? -- Sie hatten bisher die Gnade, mich
+nicht zu sehen -- fahren Sie so fort, mein Fräulein.«
+
+»Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.«
+
+»Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie --!« Wie unterdrückter
+Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie
+weich und flehend. »Thun Sie es um meinetwillen -- um meiner Ruhe
+willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen
+Wanderungen bei sinkender Nacht ... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne
+es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr
+unangenehm.«
+
+»Ein Sybarit sind Sie und ein Casuist obendrein,« sprach Claire.
+»Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie thun.«
+
+»Und was!« rief er freudig.
+
+»Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht von
+heute stammt: keine Einladung für den Abend mehr annehmen.«
+
+Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her.
+
+»Aber es ist doch schade,« hob er bedenklich an; »Sie unterhalten sich
+gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.«
+
+»Meinen Freunden? -- meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: ich
+unterhalte ~mich~? kommt das in Betracht? bin ich auf der Welt,
+um ~mich~ zu unterhalten? -- die Anderen höchstens. Nun, das wird
+tagsüber besorgt -- am Abend darf ich wohl auf meinen Lorbeeren
+ruhen. Es soll fortan geschehen.«
+
+»Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus.
+
+»Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?«
+
+»Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung und
+Ungeduld; und -- ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen -- zufrieden
+heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus,
+schläft wohl schon sanft und süß, oder -- ich folge Ihnen, ein getreuer
+Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!«
+
+»Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet.
+Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf
+meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Uebles dabei. Ich bin
+eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann
+mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich
+warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre
+gute Meinung, und: Es bleibt dabei. -- Warten Sie nicht mehr an der
+Straßenecke wie ein Commissionär -- ich komme nicht!«
+
+Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die
+Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte.
+
+»Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig.
+
+»Nicht später als morgen.«
+
+»Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in neuester Zeit kaum einen
+Gruß, kaum ein Wort, und ich habe Ihnen so viel zu sagen und so viel
+von Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte
+schuldig ... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir -- ~wollen~
+Sie auch nichts wissen?«
+
+Die Frage klang halb wehmüthig, halb komisch; Claire blickte zu dem,
+der sie gestellt, lächelnd empor und sprach:
+
+»Was war das nun? Scherz oder Ernst?«
+
+Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr räthselhaft
+schien: »Wählen Sie!«
+
+Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der
+einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu
+sprechen, ist versäumt, Gott weiß, auf wie lange!
+
+»Fräulein,« begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des Gesprächs
+und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht
+leichtsinnig aneinander vorübergehen ... Es ist nicht gescheit ... Wir
+gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei ... Rauben Sie uns
+nicht die Möglichkeit, einander kennen zu lernen.«
+
+»Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?«
+
+»Daß wir einander gefallen, das heißt, ich Ihnen, denn Sie gefallen mir
+schon sehr.«
+
+»Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und suchte seine
+Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr ruhten. »Ich will nicht --
+ich kann das nicht brauchen, daß mir Jemand gefällt -- ich habe andere
+Sorgen.«
+
+»Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an -- ich habe ein
+Recht zu fragen, meine große Theilnahme für Sie giebt es mir ... Welche
+Sorgen, Fräulein?«
+
+Sie war wieder stehen geblieben, sie schien mit sich selbst zu kämpfen
+und sagte endlich:
+
+»Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, meine
+ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von ihnen
+abziehen lassen ... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, Herr
+Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen
+gedrängt haben.«
+
+»Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll.
+
+»Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn Jemand, der immer heucheln
+muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ...
+Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen
+Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch
+nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist
+mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges.
+Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit,
+in der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer
+... heiter scheinen -- ich ~mußte~ es können, aber ich verachtete
+mich, daß ich's konnte. -- Wollen Sie das Traurigste wissen, das ich
+erlebt habe? -- Als ich eines Tages von meinen Lectionen heim kam, bei
+denen mit verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden,
+da lag meine Mutter todt auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein
+bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde, -- das verschmerze ich nie.«
+
+Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. »Mein
+Vater lebte noch einige Jahre,« fuhr sie in gepreßtem Tone fort,
+»ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte
+wohl viel zu thun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die
+Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine
+Hand geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ -- wir
+~mußten~ sie machen während der langen Krankheit der Mutter, und
+man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute --, von mir getilgt
+werden sollten. Daran arbeite ich nun.«
+
+»Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zu Stande gekommen sein
+werden, stehen Sie vor nichts?«
+
+»Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur gesund
+und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum -- der
+mir wohl will, störe meine Kreise nicht. Nicht zu viel Theilnahme, Herr
+Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.«
+
+Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie sich
+eben verbeten hatte.
+
+»Wie schäm' ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie schäm' ich
+mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!«
+
+»Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt Mißtrauen,
+das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich die Herzen.
+Es giebt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten Menschen, dem
+es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu befreien, die er
+ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt Abschied nehmen.«
+
+»Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos ...
+sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl auf
+Erden wird .... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube ich.«
+
+»Sie sind kindisch, Herr Bretfeld,« sagte Claire. »Habe ich Ihnen denn
+umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben muß?«
+
+»Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand stürmisch
+an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber schutzlos sind
+Sie fortan nicht mehr ...«
+
+Schutzlos! -- Das Wort gerieth ihm zum Unheil. Sie sprach es mit
+Entrüstung nach und fügte hinzu:
+
+»Sie sind der Letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese
+Schutzlosigkeit zu Nutze machen wolle.«
+
+Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war
+zurückgetreten -- aber -- mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit
+in seinem Gesicht!
+
+Er that ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg und
+sich elend zu fühlen schien.
+
+»Herr Bretfeld --« begann sie. Da schlug die Uhr vom nächsten Thurm
+Zehn und dann ein Viertel nach Zehn, du guter Gott! -- »Herr Bretfeld,
+leben Sie wohl!« Und Claire eilte davon, so rasch man eilen kann mit
+einem schweren, pochenden Herzen.
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm
+aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte
+Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu
+tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt.
+
+Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold
+schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als
+das Lächeln auf Claires Gesicht. Dem ungeachtet wurde sein Gruß immer
+eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig
+bereits so rechtschaffen gequält, wie nur jemals ein Paar aufrichtig
+Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls
+gehorchend, vor einander stehen blieben und wie aus einem Munde
+sprachen:
+
+»Fräulein Dübois!« -- »Herr Bretfeld!« -- »Können Sie mir verzeihen?«
+Da war der Bann gelöst; und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es
+plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und
+die Erde war schön und das Leben leicht.
+
+»Herr Bretfeld,« sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das
+habe ich durch meine Rauheit erst recht heraufbeschworen. Statt an
+nichts Anderes zu denken, als an meine Schulden, habe ich fortwährend
+an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. Machen wir Frieden, Herr
+College!«
+
+»O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann soll
+er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, versteht
+sich von selbst.«
+
+Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen die
+aus?«
+
+»Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit dem
+Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich,
+Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie,
+Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.«
+
+»Diese Dame,« erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, Herr
+Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.«
+
+»Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig kümmern
+wird.«
+
+»Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen -- auf Ihre Gefahr!
+... Kommen Sie denn Sonntag, um zwölf Uhr.«
+
+So sprach Claire am Mittwoch.
+
+Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der
+ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln.
+Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie
+empfunden habe. Doch kamen unbequeme Erinnerungen und sprachen: Narr!
+Als wir Erlebnisse waren statt Schatten, da stand es nicht um ein
+Härchen anders mit dir. Du hast immer heiß und heftig gewünscht, was du
+später oft so leichten Herzens aufgeben konntest.
+
+Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang
+aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam, und Arnold an der
+Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang
+und glückselig zu Muthe wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte
+wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Thür wurde aufgeklinkt, und
+die Geliebte stand vor ihm.
+
+Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm
+bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb.
+
+Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Ueberraschung. Er
+hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, als
+er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch
+schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmüthiger
+Beredtsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden aus.
+
+Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine
+Enttäuschung.
+
+»Kommen Sie,« sagte Claire, »ich bitte von vornherein um
+Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zu Theil wird, an
+Enthusiasmus Einiges zu wünschen übrig läßt.«
+
+Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster
+eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische
+saß.
+
+Sie hatte einige fertig gemachte Herrencravatten vor sich liegen,
+faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch
+dann noch keine Notiz, als er, herantretend, sich vor ihr verbeugte.
+
+»Das ist der Herr College, den ich Dir angekündigt habe, Karoline,«
+nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich
+dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu:
+»Meine Freundin und zweite Mutter.«
+
+Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar
+hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur
+Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: »Was ist an Dir? Was bist Du
+werth? Du bist wohl nichts werth.«
+
+»Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennen zu lernen,« nahm
+Frau Karoline das Wort -- und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu
+Deinen Augen -- »verzeihen Sie, wenn ich es nicht thue; Phrasen machen
+habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst
+freuen zu können, daß ich Sie kennen lernte.«
+
+Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein
+gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, deren
+jeder einen Verstand für sich zu haben schien.
+
+»Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau,« antwortete Arnold. »Es
+wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegentheil geschehen sollte.«
+
+»Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten,« sprach Claire, die
+für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte.
+
+»Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen wir
+die aus dem Spiel -- Du weißt, was ich von ihr halte.«
+
+»Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren,« erwiderte Claire.
+»Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und
+Gefallsucht.«
+
+Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen
+scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter. »Ich
+werde mich bemühen, aber -- aus Gehorsam, nicht aus Ueberzeugung.
+Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der
+Liebenswürdigkeit theile, würde im mich all der Greuel schuldig machen,
+die Ihnen dieses Wort bedeutet.«
+
+Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren von
+der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn von
+Neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenüber
+saß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten
+Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden
+Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Ueberlegenheit. -- Arnold war
+Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf dieser
+Weiberstirn wurden durch unerbittliche Gedanken gegraben -- Gedanken,
+die sich keine Rast gönnen, die nach den letzten Zielen streben, nach
+den letzten Gründen fragen. Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet
+auf eine Kraft hin, die unbeugsam, auf einen Muth, der grenzenlos ist,
+und wenn die Fähigkeit zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den
+Menschen bestimmt, so ist der Deinige ein so hoher, wie er Wenigen
+zukommt.
+
+Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, folgte
+ein förmliches Verhör:
+
+»Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?«
+
+»Ja.«
+
+»Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?«
+
+»Nein.«
+
+»Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich sehe das voraus, denn
+ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.«
+
+»Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.«
+
+»So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. -- Compositeur sind Sie
+nicht?«
+
+»Leider nein.«
+
+»Warum leider? Es sind heutzutage nur zu viel Leute productiv oder
+glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke Jedem, der es sich versagt,
+zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders
+musikalisch zu erfinden -- nichts verweichlicht und erschlafft so sehr
+und macht gefühlsselig und denkfaul, wie talentlos betriebene
+Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher Verachtung verzog ihre Lippen,
+sie brach ab. »Und was sagen die Ihren zu Ihrer Abtrünnigkeit vom
+hundertjährigen Familienbrauch?«
+
+»Jetzt nichts mehr.«
+
+»Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. ›Nichts umsonst!‹
+ist die Devise des Hauses. -- Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren
+Verwandten?«
+
+»Auf ganz freundschaftlichem.«
+
+»Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft -- Sympathie, die
+gleichen Interessen?«
+
+»In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es auch
+die des Berufes nicht sind.«
+
+»Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem
+Beruf,‹ sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir
+verstehen nichts vom Wohl und Weh Derjenigen, deren Gedankenkreis uns
+fremd ist.«
+
+»Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die
+Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir
+zusammentreffen.«
+
+»Um einander anzustarren und im Stillen zu denken: So verschieden sind
+wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? -- Nein, Herr. Die Kluft
+zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen, wie Kunst und Erwerb,
+ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen Frieden
+bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.«
+
+Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber
+Arnold sah deutlich, wie übel ihr zu Muthe war, und wußte, was in ihr
+vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst Du nun, so wird man
+bei uns aufgenommen. That ich recht, Dich zu warnen?
+
+Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein
+leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Thür ein
+wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und
+ängstlich ein alter Mann herein -- eine Erscheinung von auffallender
+Schönheit.
+
+Das feine, längliche Gesicht war glatt rasirt, und die rosige Farbe
+desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf der
+Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse
+niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß.
+Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weitgeöffneten blauen
+Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die
+es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht.
+Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur
+noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten, seidenen
+Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren
+beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andere mit
+klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!«
+
+Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, und sobald
+Jener das gewahrte, gerieth er in Bestürzung und begann zu winken:
+
+»Sitzen bleiben! sitzen bleiben! -- Was fällt Ihm ein? Karolinchen,
+sieh doch ... Karolinchen, sag' ihm doch ...«
+
+Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand und
+sprach mit großer Sanftmuth: »Wer hat Dir erlaubt, Dein Zimmer zu
+verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.«
+
+»Ich habe Dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon,«
+entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten
+Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf
+Arnold, »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so -- so ist's
+recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann?«
+
+Jetzt bemerkte er die Cravatten auf dem Tische, und sein ganzes Gesicht
+strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und glitt mit den
+äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken Seidengewebe.
+»Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!«
+
+»Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere
+in Deinem Schrank,« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger
+Ueberredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune,
+denk' nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!«
+
+»Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, die blaue,«
+sagte er, schob die Gegenstände seines flüchtigen Wohlgefallens mit
+einer geringschätzenden Gebärde fort und ließ sich widerstandslos
+hinwegführen.
+
+»Das ist der Mann dieser armen Frau,« sprach Claire, als sie mit Arnold
+allein geblieben war.
+
+»Irrsinnig?«
+
+»Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr lange
+leben.«
+
+»Gott geb's unter solchen Umständen!«
+
+»Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel
+wie, er vegetirt so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für
+ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.«
+
+»Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie,« versetzte Arnold, »und ich
+besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt
+sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht
+gegen den Willen ihrer Angehörigen geheirathet?«
+
+»Ja, ja, das hat sie gethan.«
+
+»Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts besaß
+als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, das er
+selbst freilich für ein außerordentliches hielt. -- Stimmt das?«
+
+»Es stimmt.«
+
+»Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt,
+hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten
+Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner
+Compositionen. Ich habe selbst einmal solches Monstrum zu Gesicht
+bekommen.«
+
+Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich
+Claire befremdet fühlte. »Allerdings,« fuhr Arnold fort, »fand der
+martialische Componist ein Publicum, das ihn bewunderte in dem Troß
+gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und
+den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt gerieth er in die
+Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen,
+verlassen. -- So war es doch?«
+
+»Ich glaube.«
+
+»Sie wissen es nicht?«
+
+»Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es denn,
+mich durch Andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht mehr
+bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend und
+Krankheit wieder gefunden hat; und daß sie nun für dieses arme Wesen
+wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.«
+
+Eine Pause entstand; nach derselben rief Arnold plötzlich aus: »Welches
+Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem Tagwerk
+erschöpft heimkehren!«
+
+»Was denn -- warum denn?«
+
+Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag und
+blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen
+Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er.
+
+»Ich lese es meiner Freundin vor,« erwiderte Claire.
+
+Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, ist
+das eine Erholung?«
+
+»Ja -- jawohl! Der Ernst ist Sonntagerholung für mich, die spielen muß
+die ganze Woche hindurch.«
+
+Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah sie
+lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen gesenkt,
+und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren Zügen. Er hätte
+aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen mögen: Du bist
+mein! Ich liebe Deine Anmuth, Deinen Geist, ich liebe Deine Seele und
+will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen Berührung. Dein
+Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen ein glücklicher
+Mensch Dich lehren wird, glücklich zu sein.
+
+Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der Meinung,
+daß man mir vertrauen darf?«
+
+»Ich bin der Meinung.«
+
+»Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr bestimmten
+Absichten und Ansprüchen hierher gekommen bin?«
+
+Sie erröthete bis an die Schläfen und schwieg.
+
+»Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, das
+ich zu meinem Eigenthum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, Ihre
+Neigung zu gewinnen -- Claire, theure Claire.«
+
+Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr über
+denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die ihre
+hinein. Und diese kleine Hand verschwand beinahe in seiner großen,
+und gleich darauf verschwand sie ganz, denn eine zweite große war
+erschienen und hatte sie völlig umschlossen mit einer Zärtlichkeit und
+Vorsicht, als handle es sich darum, über einem zitternden Vögelchen ein
+bergendes Obdach zu errichten.
+
+»Sie sind gut und großmüthig,« sagte Claire, »Sie haben tiefes Erbarmen
+mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu bethätigen.«
+
+»Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er
+stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen
+denn ganz gleichgültig?«
+
+»Nein, nein,« entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und eben
+darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. --
+Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?«
+
+»Wären Sie's nur recht,« rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, wenn
+ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, das ich
+Ihnen so schön gestalten will!«
+
+»Aufleben -- für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir
+gethan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das -- ich weiß,
+was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht
+nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu ihrer Gefährtin wählen, das
+keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen
+und Schlechten -- das ist ja die wahre Lauterkeit. Sie sollen ein
+Mädchen aus Ihren Kreisen wählen,« fuhr sie dringender fort, als er sie
+unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht eine Nutzpflanze, nicht eine
+Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. Mein Gott, wie lange muß ich
+mich noch plagen, bis ich endlich werde sagen dürfen: Ich habe nichts!«
+
+»O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr als wir brauchen.«
+
+»Still, still,« gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich allein.«
+
+»Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein theuerstes
+Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr
+Leben -- um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich
+selbst, mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen
+Ueberfluß und schenken Sie mir das Unentbehrliche, Ihre Liebe.«
+
+Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die Geliebte
+sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar streife. Da
+machte er eine rasche Bewegung -- von einer Seite des Tisches fiel
+polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen das Buch über
+den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte im Nebenzimmer
+ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Aechzen und Stöhnen folgte.
+
+Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen
+Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. »Wir sehen uns wieder, morgen.
+Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf meiner bei ihrem Kranken ... Warten
+Sie nicht auf mich,« bat sie, entschlüpfte ihm und verschwand in der
+Thür.
+
+Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach
+der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das
+Schloß von innen versperrt worden.
+
+Er stand und lauschte; das Aechzen und Stöhnen dauerte fort, dazwischen
+vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die Trostesworte
+murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und vorsichtiger
+Schritte.
+
+In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf Claires
+Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der
+widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er
+von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugthuung
+dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire -- ja, ja, sie hatte Recht
+gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte -- Erbarmen
+war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte
+dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte
+Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem
+armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm Schutz und
+Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das Bewußtsein, etwas
+so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, es vollbringen zu können,
+siegte zuletzt über den Unmuth, der noch in ihm gährte, und erfüllte
+ihn mit stolzer, mächtiger Freude.
+
+Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und --
+verzieh er sich.
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire abwesend
+wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, ihm eine
+Unterredung zu gewähren.
+
+Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit
+unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold
+durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten,
+mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt.
+Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein
+wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin
+verliebt hat.«
+
+»Und sie zu heirathen beabsichtigt,« fügte Arnold hinzu, »wenn sie ihn
+nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.«
+
+»O, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird es ja
+doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, Schwärmerei,
+Alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter deren
+Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein Wort
+mitzureden.«
+
+Arnold verbeugte sich beistimmend.
+
+»Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.«
+
+»Darf ich um Gründe bitten?«
+
+Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht
+glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube
+aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heirathen ist überhaupt ein
+Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für
+Claire, und Claire taugt nicht für Sie.«
+
+»Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der Mühe
+werth gehalten hätten, mich ein wenig kennen zu lernen, würde es mich
+sehr erschrecken,« entgegnete Arnold gereizt.
+
+»Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urtheil bliebe unverändert.
+Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen -- Sie errathen, wer
+es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun stehen Sie da -- jeder
+Strich paßt -- nur der Gesammteindruck, den das Ganze auf Andere und
+auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. ›Der edelste und höchste
+aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. -- Ein Glückskind, sage
+ich, das sein guter Stern von Kindheit an den geradesten Weg zum
+jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in drei Gesellschaftskreisen,
+in bürgerlichen, in künstlerischen, in aristokratischen, heimisch oder
+mit Heimathsrechten aufgenommen. Ueberall wird ihm gehuldigt, überall
+ist er in entsprechender Weise maßgebend.«
+
+»O, o!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie
+erweisen mir zu viel Ehre!«
+
+»Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden
+Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren,
+die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der
+zugleich ein Weltmann ist ... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie sind
+keines von beiden ... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld gilt einmal
+für unwiderstehlich, weiß es und -- bildet sich nichts darauf ein.
+Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter und dennoch
+unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! Das ist
+entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung ist wie das
+seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre es mit zwanzig
+Anderen -- nur er wird gesehen, man hört nur ~ihn~ --«
+
+»Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben,«
+wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht
+so ... Wenn es aber so wäre -- ganz oder wenigstens ein bischen, mit
+welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus
+machen?«
+
+»Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben sie
+eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht eigentlich
+gebaut ist, ertragen zu können?«
+
+»Wie kommt das hierher?«
+
+»Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, wie sehr eine
+Verbindung mit Claire Ihre Stellung in drei ›Welten‹ erschüttern
+würde,« versetzte die Baronin mit geringschätzigem Lächeln, und Arnold
+rief:
+
+»Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus
+nicht an.«
+
+Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese
+Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem Anderen, glauben
+Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch
+hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne Weiteres in ihren Kreis
+aufnehmen wird?«
+
+»Ohne Weiteres -- nein,« lautete Arnolds zögernde Erwiderung, »aber
+meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu sehen.
+Ich habe mich vor Kurzem einem Heirathsplan, den die Meinen für mich
+geschmiedet hatten, widersetzt ... Eine Weile grollten sie, dann fügten
+sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden es nie übers Herz
+bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine Einwendungen mehr,
+verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden wollte, ins Wort.
+»Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat mir Fräulein Claire
+gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: Ich liebe Claire,
+ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die Aufgabe meines
+Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine wichtigere als
+die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu gestalten ... Ich
+will gern auf Alles, was Sie meine Erfolge nennen, verzichten, ich will
+an der Seite Claires im Frieden meiner Hausgötter leben und meine
+Kinder, wenn mir solche zu Theil werden, zu braven Menschen erziehen.«
+
+Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie nicht
+aus so tiefer Ueberzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin empor:
+»Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige Einfalt!
+Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft davon, daß
+Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. -- Herr, Herr!
+Heirathen Sie nicht, ich warne Sie!«
+
+»Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem Gesetze
+der Natur zu folgen?«
+
+»Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und warf ihre
+Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die jeden Einzelnen
+von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften hinschleift zu
+ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... Die Natur, ein
+schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt -- ein räthselhaftes
+Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam -- manchmal
+unsäglich blöd ... Ja, die Natur -- der Natur muß man folgen!« Sie ließ
+ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des Gesichts
+herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die Brust. »Man
+muß ~nicht~,« sprach sie nach einer Weile ruhig und eindringlich,
+»wenigstens nicht, ohne sich zur Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals
+thun, was Alle thun.«
+
+Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der Baronin, die ihm
+als thörichte Auflehnung gegen das Unabänderliche, als frevelhafte
+Versündigung an einer ewigen und unergründlichen Weisheit erschien,
+sprach Arnold zum ersten Mal zu dieser Frau im Tone ironischer
+Ueberlegenheit. Er erklärte ihr, daß er nichts voraus haben wolle vor
+seinen Menschenbrüdern, kein anderes Schicksal verdiene und anspreche,
+als das des nächsten Besten.
+
+Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam
+wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube
+herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Thür des
+Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Athmen eines Schlafenden vernahm.
+
+Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Raume, in dem er sich
+befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des
+eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig
+angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und
+ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank,
+ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel;
+daraus bestand die ganze Einrichtung.
+
+Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu
+unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im
+Zimmer Fräulein Claires befinden?«
+
+»Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis dahin ist es mein
+Atelier, und dreimal im Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen
+Speisesalon,« entgegnete die Baronin mit einem bitteren Lächeln.
+
+Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit
+erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war
+für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit
+der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in
+Deinem Eigenthum; ich habe nichts, das nicht Dein ist. Und im Voraus
+genoß er ihr Entzücken.
+
+Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts
+weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie meine Pflegetochter
+hier zu erwarten?«
+
+»Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben -- ja.«
+
+Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und nun
+hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der im
+Stande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken.
+Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als
+hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich
+überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin
+noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er
+schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging
+er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen
+hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten
+Lieblingsparadoxe zum Besten -- Alles vergebens. Die unerbittlich
+ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen den Zauber des Geistreichthums
+wie gegen den der Liebenswürdigkeit. Mehrmals schon hatte Arnolds Blick
+sich während dieses vergeblichen Ringens auf ein Bildchen gerichtet,
+das am Fensterpfeiler hing. Eine verblaßte Aquarellmalerei, offenbar
+von Dilettantenhand, aber doch nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es
+ausgeführt worden, mußte der mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen
+haben. Es stellte zwei Kinder dar, einen Knaben und ein Mädchen, und
+die lebensfreudigen, jugendlich holden Züge beider, ganz besonders
+aber die des Mädchens, hatten eine sprechende Aehnlichkeit mit denen
+des alten Mannes, dessen Anblick am Tage zuvor einen so ergreifenden
+Eindruck auf Arnold gemacht hatte.
+
+»Bezaubernde Köpfchen,« sagte er, auf das Bild deutend, und die Baronin
+erwiderte:
+
+»Schlecht gemalt -- von mir gemalt. Meine Kinder.«
+
+»Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...«
+
+»~Waren~ --« fiel sie ein, »es ~waren~ meine Kinder -- ja.
+Beide todt. Der Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich
+so viel wie todt.«
+
+In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber
+Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen:
+Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem er
+eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen ist dem Kind
+verziehen, das sich von Dir abgewandt, und wär's zur Schmach und zur
+Sünde ... Mit neuer Gewalt erfaßte ihn zugleich seine heiße Theilnahme
+für Claire, und nun war es nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb,
+nach ihrem Besitze zu streben, es war auch Trotz gegen ihre Hüterin.
+Der erklärte er in diesem Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der
+wollte er Claire entreißen, der beweisen, wer in dem Kampf um ihre
+Schutzbefohlene der Stärkere sei.
+
+Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen
+Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das
+Vorgemach. Die Thür öffnete sich, und in derselben stand Claire und
+blieb wie festgebannt vor Ueberraschung, als sie den unerwarteten
+Besucher erblickte.
+
+»Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung wiedergewonnen
+hatte. »Hat vielleicht zwischen Euch beiden eine Conferenz
+stattgefunden?« setzte sie, rasch errathend, hinzu.
+
+»Ganz recht,« antwortete die Baronin, »wir haben eine Conferenz gehabt.
+Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Conferenzen. Jeder bleibt bei
+seiner Meinung.«
+
+»Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. Ich
+bin vom Gegentheil überzeugt,« sprach Arnold.
+
+Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber
+und ihre starrsinnige Freundin und ließ sich dann vor dieser langsam
+auf die Kniee gleiten. Sie umfaßte die knochige Gestalt der alten
+Frau mit ihren Armen. »Karoline,« sprach sie, »gestern habe ich ihm
+Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem Menschen anzufangen, der
+keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, thun wir, was uns als solchen
+zukommt, geben wir nach.«
+
+Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach
+aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend
+fortfuhr:
+
+»Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als Bewerber,
+sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, der
+noch besser bekannt werden und auch noch besser kennen lernen will.
+Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der
+Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben
+ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns
+aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus -- wer weiß, wie bald!«
+
+Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von Seiten der Baronin, neuen
+Bitten und Vorschlägen von Seiten Arnolds einigte man sich endlich. Er
+erhielt die Erlaubniß, das Haus wöchentlich zweimal für eine Stunde zu
+besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer Unterredung mit Claire
+außerhalb des Hauses nicht trachten und seine täglichen Begegnungen mit
+ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer Entscheidung zu drängen.
+
+ * * * * *
+
+So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie
+erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise
+liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen,
+Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich
+deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich
+hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch
+welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles
+Dasein ein Glück ohne Gleichen getreten war. Freilich fragte sie sich:
+Paßt das zum Uebrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem sie diese
+Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus ihnen,
+schalt sich selbst feige und kleinmüthig und arm an schönem Vertrauen.
+
+»Wisse,« sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor einem
+Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen ganz
+allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich
+betrifft, mein Wohl oder Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm
+genug zu thun. Das wäre thöricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens
+aufrichtig und beseligend -- es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich
+sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller
+Menschen.«
+
+»Großer Irrthum,« entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie
+Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine
+Rolle, nur besser als Du. Er hat es dahin gebracht, sich für das zu
+halten, wofür er sich giebt, und das gewährt ihm ein außerordentliches
+Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin,
+die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der
+Edelmuth, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte
+aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold Bretfelds, und ...«
+
+»Nicht Zelte,« fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort
+heimisch, Du wirst es endlich glauben müssen.«
+
+»Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden,«
+versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer that
+der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag
+fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn
+ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht
+zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück, zu errathen, daß
+sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem
+Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die mit einander
+so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er
+durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen;
+er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte
+sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen -- etwas mehr
+vielleicht, als eben nöthig gewesen wäre.
+
+Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es gethan, ein
+einziger bittender Blick würde Alles gut gemacht haben. Kaum bemerkt,
+und wenn bemerkt, wie bald vergessen wurden von ihr diese kleinen
+Trübungen. Sie verflüchtigten sich wie Wölkchen an dem Himmel, den der
+Glaube an seine Liebe ihr erschlossen.
+
+Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem
+ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte
+ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmuthiger Weise gezeigt,
+ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie
+Unterricht ertheilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher
+für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause
+Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug
+dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde.
+
+Der Graf munterte seine Töchter auf, sich ein Beispiel an ihr zu
+nehmen. »Laßt Euch auch einmal Etwas einfallen, über das ich lachen
+kann,« sagte er ihnen. »Lernt was von der Claire, sitzt nicht immer da
+wie die Bilder ohne Gnad', zerstreut mich und die Mama.«
+
+Im Herzen der Gräfin stiegen, bei solchen Aeußerungen ihres Gatten,
+Gefühle wahrer Empörung auf; aber sie widersprach ihm nie, sie hätte
+das für unvereinbar gehalten mit den Pflichten einer christlichen
+Ehefrau. Ihrer Schwester jedoch, der Stiftsdame Gräfin Eveline, machte
+sie das Geständniß: eine Fremde loben hören auf Kosten der eigenen
+Kinder, von dem eigenen Vater, sei traurig.
+
+»Nu, nu,« lautete die tröstende Entgegnung, »wie man's nimmt.«
+
+»Man kann es nur so nehmen,« versetzte Gräfin Meiberg. »Mir darf
+wahrlich Niemand vorwerfen, daß ich dem Familienegoismus huldige, aber
+die ewige Aufstellung Claires als Musterbild für meine Töchter stimmt
+mich -- ich finde keinen besseren Ausdruck -- traurig.«
+
+Gräfin Eveline hatte einen so guten Verstand, daß er sie immer Gründe
+finden ließ, selbst für die seltsamsten Erscheinungen, und auch jetzt
+sagte sie denn: »Das kommt daher, daß unsere Kinder langweilig sind,
+und daß Claire unterhaltend ist.«
+
+Nun rollten die Thränen, die seit dem Anfang dieses Gesprächs in den
+wassergrünen Augen der Gräfin gezittert hatten, wie zwei Glaskügelchen
+über ihre Wangen. »Ich hoffe, Du weißt, wie sehr ich dafür bin, daß
+meine Töchter mehr lernen, als ich gelernt habe, und meine Söhne mehr,
+als ihr Vater gelernt hat,« sprach sie sanft und leise. »Ich hoffe,
+Du lässest mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich die Ansicht so
+Vieler von uns nicht theile, auf der Jagd nach Gelehrsamkeit gehe der
+gesunde Menschenverstand verloren.«
+
+»Weil --« wollte Eveline erklären, aber ihre Schwester ließ sich nicht
+unterbrechen.
+
+»Das liegt mir ferne,« setzte sie abwinkend hinzu, »meine Kinder sollen
+sich bilden, ich wünsche es. Wenn ich es aber wünsche, darf ich ihnen
+die ernste Richtung, die ich selbst ihnen gab, nicht vorwerfen.«
+
+Eveline sagte, dagegen sei nichts einzuwenden, andererseits jedoch
+müsse man zugestehen, daß aus all' dem Ernst ein Mangel an heiteren
+Elementen im Hause entspringe, und daß es klug und politisch wäre,
+diesem Mangel abzuhelfen.
+
+Eine lange Berathung zwischen den beiden Damen entspann sich und
+brachte einen Entschluß hervor, dessen Ausführung bereits auf den
+nächsten Tag bestimmt wurde.
+
+Als Claire an demselben zur gewöhnlichen Stunde erschien, wurde sie
+sogleich zur Gräfin berufen, von ihr mit außerordentlicher Huld
+empfangen und eingeladen, auf einem Sessel neben dem Schreibtisch, an
+dem die Gräfin selbst saß, Platz zu nehmen.
+
+»Ich habe mit Ihnen zu reden, ich habe eine Frage an Sie zu stellen,
+eine Bitte -- ich falle gleich mit der Thür ins Haus,« begann sie, und
+ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Sie wissen, wie lieb Sie uns
+sind,« vermochte sie nur noch tiefbewegt zu sagen, dann kippte ihre
+Stimme um.
+
+»Noch besser weiß ich, verehrte Gräfin,« erwiderte Claire, »daß ich von
+Ihnen und den Ihren nur Güte und Freundlichkeit erfahren habe.«
+
+»Und das wird immer so bleiben! Sie thun uns so wohl mit Ihrer
+Heiterkeit, Sie zerstreuen uns, und wir brauchen das so nothwendig bei
+unseren vielen Sorgen. Ach, wie schwer ist das Leben!«
+
+»Es ist mitunter schwer,« lautete Claires nicht ohne Vorbehalt
+bestätigende Antwort.
+
+Die Gräfin streckte ihren Hals etwas vor und sah das Mädchen an,
+wie man ein Kind ansieht, das mitreden will in den Angelegenheiten
+erwachsener Leute. »Mögen Sie es nie erfahren,« sprach sie, »und
+Ihre Munterkeit nie einbüßen, deren Anblick ein solches Labsal ist,
+besonders uns -- ein solches Labsal, daß wir wünschen würden, es länger
+zu genießen. Deshalb, meine liebe Claire, stelle ich die Frage an Sie
+und hoffe, Sie mißverstehen mich nicht: Kann das sein?«
+
+Claire bat um Entschuldigung und um eine deutlichere Erklärung, und die
+Gräfin erwiderte: »Wir bleiben bis Mitte Juli in der Stadt, unserem
+Emil zu Liebe, der seine Maturitätsprüfung macht -- noch einmal. Im
+vorigen Jahre ließen wir ihn hier allein zurück mit dem Hofmeister.
+Das war nicht gut, die Trennung von uns drückte sein Gemüth -- und so
+ehrenvoll er schließlich auch bestand, erhielt er doch das Zeugniß der
+Reife nicht. Heuer will er sich aber eines geben lassen, und wir harren
+denn aus an der Seite unseres Sohnes in der Stadt, die im Sommer so
+traurig ist, so einsam und auch so ungesund ... Wir thun's, wie gesagt,
+wir harren aus, wenn auch unter solchen Umständen den Mangel an einem
+heiteren Element im Hause besonders beklagend.«
+
+»O, Frau Gräfin,« rief Claire, »und Chouchou und Baby, meine kleinen
+Schüler, zählen die für nichts?«
+
+»Doch -- ganz gewiß, sie zählen, aber sie gehen so früh schlafen,
+und dann dauert der Abend noch drei Stunden, und dann lassen Papa
+und Mama ihre Enkelinnen von den Aufgaben wegrufen und äußern sich
+mißbilligend, wenn die armen Studienmüden nicht belebend in die
+Conversation eingreifen oder der Whistpartie ihrer Großeltern nicht mit
+der Spannung folgen, die verlangt wird und verlangt werden darf, und
+das ist --« Die Gräfin hielt inne, erschrocken über die Voreiligkeit,
+mit der sie sich hatte hinreißen lassen, einen so tiefen Einblick in
+ihre Familienverhältnisse zu eröffnen vor dem Auge einer doch Fremden.
+»Ich hoffe, Claire,« sagte sie erregt, »daß mir Niemand Geschwätzigkeit
+in den Angelegenheiten der Meinen vorwerfen kann, ich rede zu Ihnen
+wie zu einer Vertrauten; aber nun bitte ich, lassen Sie mich nicht
+weitergehen, erleichtern Sie mir meine Aufgabe, verstehen Sie mich.«
+
+Claire versicherte, daß ihr nichts erwünschter wäre, als das zu können,
+worauf die Gräfin in lebhafte Dankbezeigungen ausbrach und so glücklich
+war, so sehr glücklich, daß ihr Antrag angenommen, und daß Alles
+abgemacht sei, und Claire bereit, außer der Stunde, die sie täglich der
+jüngsten Generation widmete, den älteren Generationen regelmäßig den
+Nachmittag zu widmen.
+
+»Den ~ganzen~ Nachmittag, Frau Gräfin?« sprach Claire betroffen,
+»verzeihen Sie -- um das handelt es sich?«
+
+Unbegreiflicher Weise schien die Gräfin verletzt. »Handeln? welch'
+ein Wort! -- O, liebe Claire, wir Zwei werden mit einander doch nicht
+handeln, o, nicht einmal rechnen!«
+
+Das Mädchen senkte verwirrt die Augen und stammelte: »Ich habe jeden
+Nachmittag drei Lectionen zu geben.«
+
+»Drei Lectionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das
+nothwendig?«
+
+»Ich habe mich dazu verpflichtet, meine Schüler zählen auf mich.«
+
+»Verlegen Sie die Stunden auf den Vormittag oder sagen Sie ganz ab;
+arrangiren Sie das.«
+
+Wunderbar rasch hatte die zerschmelzende Weichheit der Gräfin sich
+in Strenge verwandelt und ihre Sentimentalität in eine trockene
+Schlagfertigkeit, die alle Bedenken und Einwendungen Claires kurz
+widerlegte und rücksichtslos zurückwies. Die Lehrerin, verblüfft,
+überrascht, suchte noch vergeblich nach dem rechten Mittel, sich dem
+Netze zu entziehen, in das sie sich unversehens verwickelt fand, als
+die Gräfin schellte und dem eintretenden Diener befahl, Chouchou
+und Baby zu holen. Die kleinen dicken Jungen erschienen, stürzten
+auf Claire los und überhäuften sie mit Vorwürfen. Sie hatten beide
+geschwollene Augen.
+
+»Warum kommst Du nicht?« fragte Chouchou, der Aeltere. »›Mir‹ weinen
+schon so lang, ›mir‹ haben sich gefürcht, daß Du nicht mehr kommst.« Er
+stellte sich vor sie hin und brach in ein lautes Geheul aus.
+
+Baby aber hing sich an ihren Hals, küßte sie und rief: »Wenn ich werd'
+groß sein, und Du wirst klein sein, werd ich Dich anbinden bei uns im
+Zimmer, daß Du nit mehr fort kannst.«
+
+»Sehen Sie, wie Sie geliebt werden,« sagte die Gräfin, rief ihre Kinder
+zu sich und theilte ihnen mit, daß Claire von nun an den ganzen Tag
+bei ihnen bleiben werde. Die Kleinen erhoben ein Jubelgeschrei, und
+ein letzter Versuch, den Claire machte, sich der über sie getroffenen
+Verfügung zu widersetzen, scheiterte. Ihre Gönnerin beschwor sie, nicht
+neue Schwierigkeiten zu erheben, ihr Wort nicht mehr zurückzunehmen.
+»Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es
+sich von selbst, daß ich sie bringen werde,« erklärte sie mit einer
+Hoheit der Gesinnung, an der sie nicht umhin konnte, selbst ihre Freude
+zu haben. »Es giebt Gelegenheiten, in denen Opfer keine Consideration
+sind, und man an sich nicht denken darf, vielmehr suchen muß zu
+vergessen, wie oft man sich schon etwas abgeschlagen hat. Aber das soll
+man können ... Nicht nur entsagen -- so im Großen« -- sie schwenkte,
+indem sie also sprach, ihre lange schlanke Hand -- »auch im Kleinen
+muß man sich etwas versagen können. Was mich betrifft, ich kann's. Für
+mein persönliches Vergnügen bleibt nie etwas übrig. Wie habe ich eine
+Erweiterung meines armen Glashäuschens nebenan gewünscht! Der Cassier
+thut Einsprache, und ich -- verzichte.«
+
+Claire schwieg, geblendet durch den Glanz einer so großen Tugend, und
+brachte es über sich, ohne Lächeln in den mächtigen, mit kostbaren
+Pflanzen reich gefüllten Wintergarten hinauszublicken, den eine
+geschmackvoll decorirte Glasthür von dem Schreibzimmer, in dem man sich
+befand, trennte.
+
+Chouchou und Baby hatten der Rede ihrer Mutter die gebührende
+Aufmerksamkeit durchaus verweigert und während derselben Claire
+fortwährend am Kleide gezupft und ihr zugeflüstert: »Komm zu uns, komm,
+mir unterhalten sich hier nicht.«
+
+Endlich entlassen, stürmten sie geradeswegs nach ihren Zimmern und
+verkündeten Jedem, der ihnen begegnete, daß die »gute« Claire von jetzt
+an immer bei ihnen bleiben würde. Chouchous französische und Babys
+englische Bonne zogen bei der Kunde, die erste ein schiefes und die
+zweite ein langes Gesicht, und Claire hatte Mühe, die Beiden, die sich
+schon an die Luft gesetzt sahen, zu beruhigen. Spät erst konnte die
+Lection begonnen werden und erfuhr dann fortwährende Unterbrechungen.
+Die Tante war die Erste, die sich einfand, um Claire mitzutheilen, daß
+die Idee, sie dem Hause »dauernder zu gewinnen«, mindestens zur Hälfte
+von ihr ausgegangen sei. Bald darauf erschienen die Eltern des Grafen
+Meiberg. Schon war in das von ihnen bewohnte zweite Stockwerk des
+Hauses die Kunde von dem Engagement Claires gedrungen und machte ihnen
+eine Freude, welche die der Kinder fast beschämte. Die munteren alten
+Leute hatten die Schachpartie, welche die Reihe von Spielen eröffnete,
+mit denen sie den Tag auszufüllen pflegten, unterbrochen und waren, so
+eilig sie nur irgend vermochten, die Treppe herabgehumpelt gekommen.
+
+Ein herzgewinnendes Paar! ehrwürdig und freundlich, voll Wohlwollen
+und Höflichkeit. Mann und Frau von ganz gleicher Größe, beide hager
+und lebhaft, beide altmodisch, aber fein und sorgfältig angethan.
+Sie rühmten sich, in ihrer fünfzigjährigen Ehe nie länger als einige
+Stunden getrennt gewesen zu sein, und waren einander ähnlich geworden
+nicht nur im Benehmen und in der Sprechweise, sondern auch im
+kindlichen Ausdruck ihrer fein geschnittenen Gesichter.
+
+Als Chouchou und Baby auf sie zugingen, um ihnen die Hände zu küssen,
+zog die Großmama, bevor sie diese Ehrfurchtsbezeigung gestattete, ihr
+Battisttuch aus der Tasche und wischte damit die rosigen Lippen der
+Knaben ab.
+
+»Nur aus übler Gewohnheit,« sagte sie entschuldigend, »nicht etwa, weil
+ich glaube, daß es nothwendig ist.«
+
+Der Greis lüftete das Käppchen und verneigte sich mit liebenswürdiger
+Höflichkeit vor Claire. »Ah, Mademoiselle, Mademoiselle
+Gesellschafterin,« rief er, »_demoiselle de compagnie_! Wir
+wollen uns gleich unseren Antheil versichern an der Gesellschaft der
+Gesellschafterin.«
+
+Ebenso munter wie er kündigte seine Gemahlin Claire an, daß sie täglich
+zum Thee und zur Whistpartie mit dem Strohmann geladen sei. Die
+schüchternen Entschuldigungen, die Claire vorbringen wollte, wurden
+mit der Aufforderung zurückgewiesen, keine Geschichten zu machen. »Nur
+keine Geschichten mit uns!« beschworen beide zugleich, und der alte
+Herr setzte lustig hinzu: »Sonst folgt die Strafe auf dem Fuß, und Sie
+müssen nach dem Whist noch mit Jedem von uns eine Stunde lang Wolf und
+Lamm spielen. -- Aber, Christine, wir verplaudern uns,« wandte er sich
+an die Gräfin; »die Pflicht ruft -- die unterbrochene Schachpartie will
+beendet werden.« Mit gutmüthiger Ironie blickte er auf den Tisch, der
+mit den verlockendsten Rechenspielen bedeckt war, und sprach fröhlich
+lachend: »Lernt fleißig, Kinder, lernt was! ... Wenn man in der Jugend
+nicht zählen lernt, kann man im Alter nicht spielen.«
+
+Er reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr das Zimmer.
+
+Der letzte Besuch, den Claire bei der sogenannten Unterrichtsstunde
+empfing, war der des Grafen Meiberg. Er kam, stattlich und verdrießlich
+wie immer, dankte ihr, daß sie den Antrag seiner Frau angenommen habe
+und bat sie, sich vornehmlich seinen erwachsenen Töchtern zu widmen.
+
+»Gewöhnen Sie ihnen das todtschlächtige Wesen ab, machen Sie sich's
+zur Aufgabe, ihnen Heiterkeit beizubringen,« empfahl er ihr, stete
+die Hände in die Hosentaschen, sah eine Weile zum Fenster hinaus und
+fragte dann, ob Etwas über »Bedingungen« vereinbart worden sei. Claire
+verneinte es, und er fuhr ungeduldig auf:
+
+»Hätt' mir's denken können! Ich brauch' von meiner Frau nur zu hören:
+Alles in Ordnung, dann weiß ich schon, daß die Hauptsache fehlt ...
+Keine Bedingungen? Sie könnten aber auch praktischer sein, erlauben
+Sie mir. Oder sind Sie vielleicht überrumpelt worden? ... Leugnen Sie
+nicht, überrumpelt -- und jetzt gehen Sie nach Haus, und morgen kommt
+ein Brief von Ihnen, in dem steht: Ich entschuldige mich, kann nicht
+annehmen, bin überrumpelt worden. Aber hören Sie, thun Sie das nicht,
+warten Sie auf einen Brief von mir. Von Nebeln und Schwebeln wird
+nichts drin stehen, aber wie Sie dran sind, das werden Sie wissen.«
+
+Noch am selben Abend kam eine Zuschrift, mittels welcher Graf
+Meiberg Fräulein Dübois in die glänzend besoldete Stellung einer
+»Gesellschafterin für den Nachmittag« in seinem Hause einsetzte.
+
+Der Antrag war so vortheilhaft, Claires Ueberraschung so freudig,
+daß ihre Freundin nicht vermochte, sich absprechend über die neue
+Vereinbarung zu äußern. Claire vertiefte sich in die Gedanken an
+ihr Glück und hatte nur zu bedauern, daß es sich nicht etwas früher
+eingestellt. Gar leicht ließ sich ausrechnen: wenn das Anerbieten des
+Grafen ihr statt heute vor zwei Jahren gemacht worden wäre, stünde sie
+jetzt schuldenfrei da und könnte über sich verfügen.
+
+»O, wenn meine Schulden nicht wären!« rief sie unwillkürlich laut aus,
+und die Baronin mit ihrem Seherblick für die geheimsten Vorgänge in der
+Seele ihrer Schutzbefohlenen verstand sie wohl und murmelte vor sich
+hin:
+
+»Gepriesen seien Deine Schulden.«
+
+In dieser Woche gab es Mühen und Verdrießlichkeiten die Menge. Claire
+brauchte viel Takt, viel Geschmeidigkeit und viel festen Willen, um die
+Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu einer Verlegung der
+Stunden zu bewegen, und um es möglich zu machen, aus den Häusern, die
+aufzugeben sie gezwungen war, in guter Freundschaft zu scheiden.
+
+Indessen -- schwer oder leicht -- Alles das gelang; was Claire
+aber nicht gelingen konnte, das war, den Groll, ja die Entrüstung
+Arnolds zu versöhnen, als sie ihm von der Uebereinkunft, die sie mit
+Meibergs getroffen hatte, sprach. Er begriff nicht, wie sie ohne seine
+Zustimmung einen solchen Entschluß hatte fassen können, er machte ihr
+den größten Vorwurf aus der Sklaverei, in die sie sich begab, sie, die
+ihm gegenüber so viel Unabhängigkeitssinn bewies.
+
+An dem Sonntag schied er von ihr, ohne Herr seines Unmuths geworden zu
+sein.
+
+Seine Verstimmung überdauerte die Nacht, und es lag ihm sehr daran,
+dies zur Kenntniß Derjenigen zu bringen, die er liebte und die ihn
+kränkte. Am nächsten Morgen, bei der täglichen Begegnung auf der Treppe
+im Palais Meiberg, grüßte er Claire wieder so kühl wie damals, als er
+ihr gezürnt, und wollte stumm vorübergehen. Sie aber blieb stehen und
+sprach:
+
+»Herr Bretfeld, was heißt das? -- Verderben Sie mir die Laune nicht,
+Sie bringen mich sonst um mein Brot. Sie wissen ja, ich habe mich hier
+als heiteres Element verdungen.«
+
+Die kleine Hand, mit der sie ihm dabei scherzend drohte, zitterte, ihre
+Wangen brannten, und gar schmerzlich zuckte es um ihren Mund, der sich
+zu lächeln zwang.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Einige Wochen lang versah Claire bereits ihr Vertrauensamt bei
+Meibergs und gestand kaum sich, am wenigsten aber den Anderen, wie
+schwer die übernommene Aufgabe ihr wurde und welche Anstrengung es
+sie kostete, ihr nun in zwei so ungleiche Hälften getheiltes Tagewerk
+zu vollbringen. Die zweite, die ungewohnte, war auch die mühevollere.
+Claire hatte sich die fragliche Kunst angeeignet, spielend zu
+lehren; sie besaß auch die -- und das war einer der Hauptgründe der
+Beliebtheit, deren sie sich erfreute --, den Eltern ihrer Zöglinge,
+wenn sie ihr von neuen Unterrichtsmethoden zu sprechen oder Winke zu
+geben kamen über die Art, in welcher man ihre Kinder »nehmen« solle,
+schlagfertig und witzig entgegenzutreten, ohne jemals die schuldige
+Ehrfurcht zu verletzen. Höchst unbehaglich jedoch fühlte sie sich
+in der ihr neuen Stellung einer mit den Pflichten und Rechten der
+Hausgenossin ausgerüsteten Fremden mitten in einer großen Familie.
+
+Die jungen Gräfinnen Martha und Marie machten kein Hehl daraus, daß
+sie es von Papa »sehr komisch« fänden, ihnen Claires Gesellschaft
+zu octroyiren. Die zweite, auf welche der Vater sein Talent zur
+Verdrießlichkeit vererbt hatte, ein unschönes Mädchen von achtzehn
+Jahren, sprach zu Claire: »Ich habe Charakter, ich! ... Ich sage, was
+ich denke! ... Bei Chouchou und Baby habe ich Sie gern gehabt, bei uns
+mag ich Sie nicht.«
+
+Claire dankte ihr für ihren Freimuth. »Sie sind im Besitze des
+angenehmen Vorrechts, unbeschadet aufrichtig sein zu dürfen,« meinte
+sie, »und machen davon Gebrauch.«
+
+Die Comtesse verstand, stutzte und fragte: »Sind Sie vielleicht nicht
+aufrichtig?«
+
+»Ich bin es gewiß,« entgegnete Claire, »wenn ich Ihnen versichere, daß
+ich trachten werde, Ihre eingebüßte Sympathie wiederzugewinnen.«
+
+Halb und halb entwaffnet durch diese Antwort, brauchte Marie einige
+Selbstüberwindung, um ihrem »Charakter«, auf den sie sich so viel zu
+Gute that, zu Ehren standhaft zu bleiben und die trockene Antwort zu
+geben: »Bin neugierig, wie Sie das anfangen wollen.«
+
+Vorerst nun hatte Claire gar nicht angefangen, sogar den Schein
+einer Einflußnahme auf die jungen Damen gemieden und sich glücklich
+gepriesen, wenn ihre geistige Spannkraft und ihre vielgerühmte
+Unterhaltungsgabe ausreichten, um dem Grafen und der Gräfin die langen
+Nachmittagsstunden zu verkürzen.
+
+Man speiste der »Kleinen« wegen schon um vier Uhr und lud niemals Gäste
+zu Tische. Im Leben des Kindes ist Alles Lection; das Diner muß Lection
+sein in der Kunst, anständig zu essen, die man nicht früh genug lernen
+kann, weil sie der Anfang allen Anstandes überhaupt ist. In dieser
+Meinung stimmten beide Eltern überein, und Tante Eveline gab ihren
+Segen dazu. So opferte sich denn der Graf, kam pünktlich um vier Uhr
+zur Tafel und befahl jedesmal, langsam zu serviren. Trotzdem mußte das
+Diner einmal zu Ende gehen, und sie brachen herein, die schrecklichen
+Zwei, und die eine hieß: von Fünf bis Sechs, und die andere hieß: von
+Sechs bis Sieben. Fest wie eine Mauer stand die Zeit da und machte doch
+den Anspruch, vertrieben zu werden.
+
+Chouchou und Baby hatten, der Hausordnung gemäß, schon vom Tafelzimmer
+aus mit ihren Bonnen zu verschwinden; die übrige Familie, begleitet
+von Erzieher und Erzieherin, betrat den Salon. Der Graf nahm Platz vor
+einer Fensternische unter den Zweigen einer Palme, die beinahe bis zur
+Decke reichte, kreuzte die Arme -- er gehörte zu den seltenen Männern,
+die nicht rauchen -- und überließ sich seiner üblen Laune mit dem
+Trotz eines Kindes und mit der Ausdauer eines Mannes. Unweit von ihm
+in einem bewunderungswürdig geschnitzten altdeutschen Lehnsessel ruhte
+die Gräfin als Centrum des »blühenden Halbkreises,« den ihre Kinder um
+sie bildeten, während Gräfin Eveline sich leutselig der Gouvernante und
+des Hofmeisters annahm und ihre beiden aufmerksamen Zuhörer über die
+Ursachen der Dinge belehrte.
+
+Am ersten Tage, an welchem Claire ihr neues Amt ausüben sollte, war
+sie zu ihrem Entsetzen nach dem Eintritt in den großen, heißen,
+durch schwere Vorhänge an den Fenstern verdüsterten Salon von einem
+unendlichen Ruhebedürfniß ergriffen worden. Sie hatte ihre Lider schwer
+werden gefühlt; ihr hatte geschienen, daß sich um die Menschen und
+die Gegenstände vor ihr eine Dunstatmosphäre bilde, in der sie sanft
+geschaukelt hin und her wiegten ... Lieber Gott, wer jetzt schlummern
+dürfte! ... Du darfst ~nicht~, dachte Claire, deine Aufgabe heißt
+unterhalten, dafür bezahlt man dich, bezahlt reichlich.
+
+Plötzlich unterbrach eine Kinderstimme das lastende Schweigen. Thekla,
+die jüngste der Töchter, die zwölfjährige, stellte die Frage:
+
+»Mama, sagt man Mohammed oder Mahomet?«
+
+Auf den Zügen Mamas malte sich Rathlosigkeit, und sie erwiderte
+ausweichend und vorwurfsvoll: »Aber, mein Kind!«
+
+»Man sagt Muhammed,« rief die Tante, »weil Muhammed ein Muselmann war!«
+
+Der Hofmeister räusperte sich, erröthete, nahm das Wort und bemerkte
+bescheiden, Mu- und Mohammed seien ihm neu.
+
+»_Mais pas du tout_,« entgegnete die Gouvernante, so gereizt, als
+ob sie eine persönliche Beleidigung erfahren hätte. »_N'avez-vous pas
+lu, monsieur, l'œuvre admirable de monsieur de Voltaire?_«
+
+Der Graf ersparte ihm die Antwort; er stand auf, kam auf Claire, die
+sich aufgerafft hatte, zu, den Kopf vorgebeugt, die Hände, wie er
+pflegte, in den Hosentaschen.
+
+»Nun,« sagte er, »da hören Sie nun, das ist ein Muster von der
+Unterhaltung, die ich in meinem Familienkreise genieße. Mohammed oder
+Mahomet! ... Ist Ihnen etwas so Langweiliges schon vorgekommen? ... Ich
+laß mir ja die Langeweil' gefallen, in einer Verdünnung, daß man dabei
+einschlafen kann, aber unsere Langeweil', das ist ein Extract, das ist
+eine Langeweil' wie ein Löw'; die macht einen wild.«
+
+Die Echtheit seiner Verzweiflung stand in so drolligem Verhältniß
+zu ihrer Ursache, daß Claire unwillkürlich lachen mußte. Die große
+Gestalt ihrer Freundin, deren Lippen sich auch den schwersten
+Schicksalsschlägen gegenüber nie zu einer Klage geöffnet hatten,
+tauchte vor ihr auf, und wie neu gestählt durch den Gedanken an die
+Starke, wies sie die Beschwerden des Grafen scherzend zurück. Sie
+machte die Tactlosigkeit, mit welcher er sie zum Schiedsrichter
+zwischen sich und den Seinen aufgerufen hatte, wieder gut, indem sie
+sagte:
+
+»O, wie ungerecht sind Sie, Herr Graf; die Frage Gräfin Theklas ist
+ja interessant und besitzt überdies die schöne Eigenschaft, lösbar zu
+sein, und zwar zu Gunsten sowohl der Mo- wie der Ma- und der Mu-Partei.«
+
+»Wie so? wie meinen Sie das?« riefen einige.
+
+Die Stiftsdame versicherte, es sei ganz natürlich, und sie könne sich's
+erklären. Thekla umarmte ihre Beschützerin stürmisch aus Dankbarkeit
+dafür, daß sie sich ihrer angenommen hatte; Marie warf noch einige
+kühne Behauptungen hin, die Widerspruch erregten. Sogar Gräfin Martha
+und Graf Emil, die ältesten und zugleich die stillsten unter den
+Geschwistern, von denen selbst ihre Mutter gestand, daß man sie immer
+nur »schweigen höre,« nahmen Theil an der Debatte.
+
+Nach einer Viertelstunde war Leben in die Gesellschaft gekommen.
+Vortreffliches leistete die Gräfin an Ausdrechselung zierlicher
+Phrasen. Sie suchte den Eindruck zu verwischen, welchen vorhin der
+heftige Ausfall ihres Gemahls hervorgerufen haben mochte. Sie that
+es in ebenso zarter als indirecter Weise; sie vertheilte gleichmäßig
+Balsam an alle die Ihrigen, sprach von der grazienhaften Unschuld ihrer
+Kinder und von der Süße einer Familieneinigkeit, die wie eine Oeloase
+auf dem Ocean des Lebens schwimme. Nicht umhin konnte sie, sich selbst
+das Zeugniß auszustellen, daß sie doch sehr gut spreche, und das gab
+ihr ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht empfunden. Aber nicht sie
+allein, auch die Uebrigen waren mit sich zufriedener als sonst, und
+waren es demnach auch mit den Anderen gewesen. Vergnügt hatte man sich
+getrennt.
+
+Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen
+sich an, und wenn auch Niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie
+errungen wurden, so fiel es doch Keinem ein, dieselben der wacker
+Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der
+Graf in grämlicher, die Gräfin in schwülstiger, die Tante in kluger,
+Martha in melancholischer, Emil in schläfriger und so weiter. Nur Marie
+verhielt sich ablehnend und wurde manchmal sogar aggressiv.
+
+»Ich durchschaue Ihren Kniff,« sprach sie einmal. »Er besteht darin,
+Jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen --
+ich will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht,
+denn über mehr haben wir nicht zu verfügen.«
+
+Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire jedoch
+ein sehr ernstes Gesicht machte.
+
+»Sie sind witzig, Gräfin,« sprach sie, »aber in einer Art, für welche
+der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten äußern
+kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu stolz,
+um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch Andere bestreiten zu
+lassen.«
+
+Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am vierten
+stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der kleinen
+Brüder, war hochroth im Gesicht, ergriff die Hand Claires und stieß
+hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie Sie;
+zählen Sie von nun an auf mich.«
+
+Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten
+Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin
+innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Copien eines Bildes von
+Danton angefertigt und eine große Aehnlichkeit zwischen ihren eigenen
+Zügen und denen des Urhebers der Septembermorde entdeckt habe. Was
+Alles in ihr gährte, Niemand ahnte es; aber Claire, ihre Freundin,
+sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr oft daran, wie nothwendig ein
+Umsturz der Gesellschaft geworden sei, besonders in Oesterreich,
+und wenn ~sie~ dreinzureden hätte -- Kammerherrnschlüssel und
+Sternkreuzorden würden abgeschafft werden. Und noch Etwas: In ihrer
+Kindheit hatte sie »Clavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich
+leidenschaftlich der Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß
+ihr Talent nach einer genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage
+schon trug sie sich mit dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß
+sie sich entweder zur Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz
+aufgeben wolle, damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder
+Nichts! So war sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch,
+da giebt es keinen Charakter, da giebt es nur Vertrauen. Zum Beweis
+desselben verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimniß
+ihrer älteren Schwester und theilte Claire mit, Martha habe im vorigen
+Jahre ein Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor,
+im Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und
+zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich
+vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt,
+dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen
+aber pünktlich einhalte.
+
+Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mittheilung lauschte,
+schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der
+Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen,
+und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich
+dumm,« meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern
+in die Höhe, »denn heirathen kann ihn ja doch Keine von uns, und ich
+glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt ... Er soll eine stille
+Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer
+einige Monate verlebt, sagen die Einen; für ein armes Mädchen, sagen
+die Anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie,
+die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.«
+
+Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die
+Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung
+mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun that
+sie's, that's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht
+vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei
+ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen
+Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine
+Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe
+und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer
+Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne.
+Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmuth aus seinem Tone,
+gleich faßte es sie mit peinigendem Gewissensvorwurf: Du bist schuld
+-- und sie wünschte nichts, als gut zu machen. was sie unbewußt gefehlt
+haben mochte.
+
+Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit
+widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er
+litt und sich sehnte?
+
+Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange genug,
+um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen zu
+dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend
+wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst
+auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich
+in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den Kürzeren zog,
+um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht
+länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war
+ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte,
+um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte.
+Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren
+strafbaren Hochmuth aufzugeben und als ihr Eigenthum zu betrachten, was
+ihr ohnedies gehörte -- das Seine. Er wiederholte es so oft, er war so
+gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire
+endlich zu schwanken begann.
+
+Freilich mahnte die Baronin: »Laß Dich nicht überreden, um keinen
+Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold Recht, wenn er sagte, daß ihm
+Schmach angethan werde durch diese ihre Scheu, von ihm eine kleine
+materielle Hülfe anzunehmen, von ihm, der ja sein Höchstes gegeben:
+seine Liebe, und das Höchste errungen zu haben hoffe: ihre Gegenliebe.
+
+ * * * * *
+
+Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; Maitage
+brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der großen Stadt.
+Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren Lebensunterhalt zu
+gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt durch schmale Gassen,
+in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann über breite Plätze,
+auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine zu rauchen und die
+Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. Claire sah ermüdet aus,
+wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und scherzte über Arnolds
+Besorgnisse.
+
+Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies mit
+demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung
+ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr
+ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den
+Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande.
+
+»Und was gedenken ~Sie~ indessen zu thun?« fragte Arnold.
+
+Dasselbe, was sie immer that in der todten Saison, erhielt er zur
+Antwort. Ein paar Lectionen geben -- zwei bis drei, nicht der Rede
+werth. Auf ihren Gängen durch die Stadt die Modemagazine studiren und
+sich durch den Anblick des dort Geschauten begeistern zu lassen. Hilf
+Gott, man braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu
+welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der
+jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt
+für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie
+verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann
+sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das
+Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und
+Erhebung ist.
+
+»Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie
+verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben
+niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie
+in das Geheimniß eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel
+eines Sees nie erblickt?«
+
+»Niemals,« fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? ... Im Kloster, in
+dem sie erzogen wurde, herrschte Clausur. Aus dem Kloster trat sie
+in Verhältnisse, die sie theils am Lehrtisch, theils am Siechbett
+festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte
+täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann
+dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz' ein wenig
+aus ... Das ging so fort bis zum Tod der Eltern, und wie es seitdem
+geht, wissen Sie.«
+
+Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen
+durfte.
+
+In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland
+eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen
+Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher
+als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man
+bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach
+dem Rathe und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners.
+
+Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire ihrem
+Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam gegen
+sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen
+entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand
+sie -- ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben
+und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug.
+
+Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie
+sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese
+selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über
+sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß
+er durch Umstände gezwungen sei, die Consigne zu brechen, und trat
+an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Ueberraschung
+begrüßte ihn; Claire erhob sich vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen,
+auf das Emsigste mit einer feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an
+einem durch einen argen Riß beschädigten Spitzenschleier genäht,
+der Karoline zur raschen Heilung anvertraut worden und heute noch
+abgeliefert werden mußte. Die Baronin vermochte nicht, die kunstvolle
+Arbeit zu beendigen, da sie zu sehr in Anspruch genommen war von der
+Pflege ihres Kranken, und so leistete denn Claire hülfreiche Hand.
+Bestürzt über den ernsten und inquisitorischen Blick, den Arnold auf
+sie und ihre Arbeit geworfen hatte, brachte sie diese Erklärung hastig
+und erröthend vor.
+
+Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren Platz
+wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und dachte:
+Du bist das Aermste, das lebt.
+
+Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold aus.
+»Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die Spur
+eines Makels?«
+
+Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, Geliebteste,
+und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu gelassen. Jetzt
+ist's geschehen, und es giebt nichts mehr zu thun, als mich anzuhören.«
+
+Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist Ihnen?
+Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe ich Etwas
+gethan, das Ihnen mißfiel? ... Sprechen Sie, sprechen Sie doch!«
+
+»Mir ist auch feierlich zu Muthe, liebe Claire. Ich habe einen
+unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, ihn zu verkünden. Unsere
+Probezeit muß abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde
+gegeben. Ich kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst
+einer Pflicht aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen
+vermag. -- Geben Sie mir ein Recht dazu -- ich fordere es.«
+
+»Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie so
+plötzlich an? -- Ich bin ja nicht frei -- ich kann ja nicht über mich
+verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Athem.
+
+Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre
+Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie
+die Welt mit all' ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen ... Ihm aber
+war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt.
+
+»In vier Wochen sind wir verheirathet,« sprach er, »und ich entführe
+Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und
+wohnen, wo Sie wollen -- am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im
+grünen Thal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie
+in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch -- nicht wahr? ... Sie werden
+diese Welt jetzt sehen, diese fremde, nie gekannte, und Ihnen wird
+sein, als kämen sie in die Heimath zurück.«
+
+Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen
+Beredtsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von
+freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur
+manchmal: »Träume! Träume!«
+
+»Wirklichkeit!« rief er.
+
+»Nein, nein -- bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit
+dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben,« setzte
+sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von
+Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Todten
+abtragen.«
+
+Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den Ausbruch
+seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so gering geschätzt, daß er
+sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur leise und heftig
+sprach:
+
+»Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas
+gethan, das kein später gesprochenes Ja wieder gut machen kann.«
+
+Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie stützte
+sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, indeß die
+linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller Seelenkampf
+vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, vielleicht keinen
+mehr suchte, den nur das Zittern der fest auf einander gepreßten Lippen
+verrieth.
+
+Und von Neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen sich
+und mich muthwillig,« sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, bevor
+meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen
+sagen: Geben Sie jetzt nach oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber
+ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu
+können.«
+
+Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntniß ihn
+zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er
+hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich
+abermals vertrösten lassen ... Wenn es aber geschieht, wenn ich,
+heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein
+empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.«
+
+»Herr Bretfeld,« stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld ...« Sie
+war todtenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf ihm.
+
+Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es
+ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen ... Er sah es
+triumphirend und gerührt, und verschloß sein Inneres der Stimme, die
+ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht --
+du ~könntest~ dich losreißen, du könntest!
+
+Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte:
+
+»Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht bringen.
+Lieber mich um die meine,« schaltete sie fast unhörbar ein. »Ich sage
+ja zu Allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin -- ärmer als arm.«
+
+»Aermer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte
+eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten.
+
+»So ist es,« erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen
+Vermählung.«
+
+Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. »Verzeihe,« bat
+sie, »ich bin undankbar gegen Dich; ich folge ihm, ich verlasse Dich,
+Du bleibst allein.«
+
+»Was läge daran,« versetzte ihre Freundin; »aber Du handelst
+unvernünftig und in Folge dessen unrecht, und das ist schlimm. -- In
+vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen
+aus Alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener
+Machtvollkommenheit das Verhältniß zum Hause Meiberg, das Claires
+Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer
+Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.«
+
+»Das Alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.«
+
+»~Wird?~« fragte die Baronin mit spöttischem Erstaunen, »ist noch
+nicht?«
+
+»Nehmen Sie an, daß heute morgen sei,« entgegnete Arnold rasch und
+gereizt, »dann wird es geschehen sein ... Uebrigens bin ich kein Kind,
+das um Erlaubniß zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit
+fertigen Thatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist
+sie keine Sklavin.«
+
+»Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres
+Wortes,« entgegnete die Baronin, und setzte nach kurzer Pause hinzu:
+»von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen
+haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirath mit
+Claire beharren. Bis dahin bleibt Alles beim Alten, das fordere ich --
+einen Schatten von Mutterrecht wird mein Pflegekind mir zugestehen
+... Ich weiß, ich weiß --« wehrte sie die Betheuerungen Claires ab und
+richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen Sie sich.«
+
+»Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben vom
+ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?«
+
+Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie --«
+brach er aus, »und Sie, Claire?«
+
+»Und ich,« lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings,
+grenzenlos; ich sage, was Sie thun, das ist das Rechte ... Aber aus
+Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die -- gleichfalls
+aus Liebe zu mir -- gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.«
+
+Er ließ sich bewegen, er gab nach.
+
+Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät -- wie sie bald mit
+einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte -- ihren Gang zu
+Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen
+Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung
+seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef
+des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen
+die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen,
+Geschäftstheilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten.
+
+Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer
+lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn
+wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige
+Vorsehung, an welcher sie nie gezweifelt hat, für manchen über alle
+Maßen Begnadeten den dornenvollen Weg zum Himmel in eine Wanderung so
+schön und wonnehell, daß Engel das Menschenkind darum beneiden könnten?
+... Seligkeit ohnegleichen -- ~seine~ Frau sein, seine Genossin
+... Und durch dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß
+genug gewesen wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und
+Mühsal, den bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen
+erneute und zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte
+...
+
+Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher
+sie dem Geliebten zum ersten Mal begegnet war, athmete sie tief und
+blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen.
+
+»Fräuln,« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus
+seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem
+silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die
+Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben
+absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.«
+
+Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der
+That die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing
+sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby
+einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete
+auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen
+langen, vorwurfsvollen Blick, senkte ihn dann auf ihren wohlbesetzten
+Teller und führte mit verächtlicher Leidensmiene einen Bissen nach dem
+anderen langsam zum Munde. Die Comtessen und Gräflein guckten voll mehr
+oder minder unschuldiger Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an,
+und Chouchou und Baby, die seit dem Eintreten der Letzteren in einen
+Kampf mit ihren Bonnen gerathen waren, machten sich plötzlich von ihren
+Bändigerinnen los und stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme
+befahl der Graf die kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und
+als die unversehens Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen,
+wurden sie in ihre Zimmer geschickt.
+
+Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchofsstille ein. Unhörbar
+für Jeden, außer für Den, an den es gerichtet war, machte die
+Stiftsdame dem Hofmeister das Geständniß, daß »in ihr Alles koche«. Die
+Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Thräne.
+
+Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache für ihre
+Zöglinge einzulegen; er aber reagirte nicht darauf, sondern sprach:
+»Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang ...
+Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum ersten Mal im Leben!«
+
+»Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf,« entgegnete
+Claire mit wunderbarer Gelassenheit.
+
+»Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre Nachbarin,
+ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, richten
+ein Familienunglück an und gerathen darüber nicht einmal ein bischen
+in Verzweiflung.«
+
+Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch
+außerordentlich merkwürdig, das ...« Der Satz blieb unvollendet,
+dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer
+Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit
+ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von Neuem: »Es ist doch
+außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe werth
+gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.«
+
+»Das kommt daher,« erwiderte die Stiftsdame, »daß Ihr sie verwöhnt
+habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.«
+
+ * * * * *
+
+»Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große, kahle
+Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend.
+
+»Jawohl,« antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet
+hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen
+auch, und --« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen
+Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.«
+
+Josephine Bretfeld ... die einzige Tochter des Consuls Bretfeld,
+die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem
+zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert, sie hier?
+
+»Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei uns
+abgestiegen,« fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der
+Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte.
+
+Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein Paar zerknitterte
+Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen
+Sie Niemand, daß ich hier gewesen bin,« sprach er, indem er sich
+hastig dem Ausgang zuwandte. -- Da wurde die Thür des Speisezimmers
+aufgerissen, und August erschien.
+
+»Nun, Musicus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte dabei
+behaglich seine hohe, schmächtige Gestalt mit der eingedrückten Brust
+und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben Dich vom Fenster aus kommen
+sehen und Alle gelacht über den Zufall, der Dich gerade heute herführt.
+Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie ein Boot im
+Winde, die Thüren hinter sich offen lassend, und Arnold blieb nichts
+übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich eingerichteter
+Gemächer bis in den Salon zu folgen.
+
+Da saß der wohlbekannte Kreis in der wohlbekannten Weise. Auf dem
+altmodischen, mit rothem Brocat überzogenen Canapé die alte Tante
+Johanna, in silbergrauem Taffet mit einer gewaltigen weißen Haube
+auf dem noch stramm gehaltenen Kopfe. Rechts und links von ihr auf
+geradlehnigen Fauteuils ihre Nichten, die Zwillingsschwestern Elise
+und Bertha, zwei strenge Schönheiten, mittelgroß, wohlproportionirt,
+mit länglichen ebenmäßigen Gesichtern, die bereits zur Ueppigkeit
+neigenden Körperformen in eng anliegenden Küraßtaillen von gelbbraunem
+Atlas eingedämmt. Den Damen gegenüber verschwand beinahe in einem
+großen, tiefen Lehnstuhl der greise und winzige Chef des Hauses
+Bretfeld. Seine Füße, die nicht bis zum Fußboden gereicht hätten,
+ruhten auf einem Schemel. Er horchte, den Mund halb geöffnet, mit der
+Neugier der Tauben nach allen Seiten hin und schien kein Wort des
+geführten Gespräches verlieren zu wollen.
+
+»Arnold ist da!« rief August ihm nun zu und beugte sich zu ihm nieder.
+
+»Wer?« fragte der Greis.
+
+»Arnold,« wiederholte, ihm ins andere, ins bessere Ohr schreiend,
+sein Neffe Vincenz. Das war der »elegante« Vincenz, das leibhaftige
+Widerspiel Augusts. Kurz und gedrungen, schwarzäugig, schwarzbärtig, zu
+sorgfältig gekleidet, zu gut frisirt, den kleinen Finger jeder Hand mit
+einem Ring geschmückt, dessen Brillant fixsternmäßig funkelte.
+
+Der Anblick dieser Ringe genügte sonst, um Arnolds Spott zu reizen und
+in ihm die Lust zu erwecken, den kargen Vorrath von abgedroschenen
+Späßen, aus dem das Unterhaltungsbedürfniß der Seinen gedeckt wurde,
+mit einigen lustigen Witzen aufzufrischen. Heute fertigte er die
+Familie mit einer kurzen Begrüßung ab. Seine ganze, seine staunende
+Aufmerksamkeit wurde von der neuen Erscheinung in Anspruch genommen,
+die er bei seinen Angehörigen traf, von dem Mädchen, das er sich eben
+angeschickt hatte zu fliehen ... Himmel und Erde! wie schön war dieses
+schlanke Geschöpf, mit den herrlichen aschblonden Haaren, das ihn aus
+großen Augen ansah und seine tiefe Verbeugung so unbefangen erwiderte,
+daß kein Zweifel walten konnte über ihre Unkenntniß der Absichten,
+welche ihr Vater mit dem Besuch der Verwandten in Wien verband --
+im vorigen Jahre wenigstens verbunden ~hatte~, als Arnold, der
+Wahl, die seine Brüder für ihn getroffen, mißtrauend, einer Begegnung
+mit dem Gegenstand derselben schnöde ausgewichen war. Wer konnte aber
+auch den schwerfälligen Kaufleuten, den Männern ihrer Frauen, einen
+so ausgezeichneten Geschmack zutrauen? Sie waren aus Paris gekommen,
+entzückt von ihrer Nichte Josephine und deren Lob in allen Tonarten
+singend. Arnold jedoch hatte aus ihren Hymnen nichts herausgehört
+als den Schrei der Sympathie der Millionen des Hauses Bretfeld
+_senior_ für die Millionen des Hauses Bretfeld _junior_.
+Welch' ein Irrthum, welch' ein Unrecht, an dem anmuthigen Wesen
+begangen, das jetzt vor ihm stand, so natürlich, so einfach, so
+ernst -- und so jung! ... so jung! -- Welcher Contrast zwischen der
+liebenswürdig ungezwungenen Art und Weise dieses weltgewandten Kindes
+und den hölzernen Manieren seiner Schwägerinnen, die immer verfangen in
+einem Netz von Ansprüchen und doch immer verlegen waren, und zweierlei
+Benehmen hatten, eines für die Gesellschaft und eines für das Haus.
+
+Arnold mußte bekennen: die Absicht, die seine Brüder mit ihm gehabt,
+war eine gute gewesen. -- Unglaublich nur, unverzeihlich fast erschien
+ihm, daß er, der Bräutigam von drei Stunden, ein Auge haben konnte, ein
+waches und scharfsichtiges Auge für die Vorzüge eines anderen Wesens
+als desjenigen, das er erkoren und errungen. Indessen war ja sein
+Schicksal besiegelt, und das Wohlgefallen, welches das schöne Mädchen
+ihm einflößte, ein rein künstlerisches. Immer behaglicher gab er sich
+dem Vergnügen, mit ihr zu plaudern, hin und fand die Störung höchst
+unangenehm, die der Vater Josephinens verursachte, als er erschien, um
+sie zur Oper abzuholen.
+
+Consul Bretfeld kam vom Diner beim Handelsminister und war gar
+freundlich anzuschauen, wie er daherschnellte federnden Ganges,
+im Schmucke seiner vielen Orden. Sein rundes, röthliches, von
+Selbstzufriedenheit strahlendes Gesicht verdüsterte sich, als er Arnold
+gewahrte, und ziemlich trocken erwiderte er auf dessen Anrede:
+
+»Noch nicht zu Hofe gefahren, Herr Vetter? Hat es damit in diesem
+Jahre weniger Eile als im verflossenen? Oder ist noch keine Einladung
+erfolgt?«
+
+»Doch,« antwortete Arnold, »ich habe sie bereits erhalten.«
+
+»Und ihr noch nicht entsprochen?«
+
+»Noch nicht; es ist sogar wahrscheinlich, daß ich sie ablehnen werde.«
+
+»Hahaha!« platzte August heraus und rieb sich geräuschvoll die
+knochigen Hände.
+
+»Johanna, was hat er gesagt?« rief der Chef des Hauses seiner Frau
+über den Tisch zu. Vincenz kicherte, Elise und Bertha sahen ihre
+Männer mit zur Ordnung verweisenden Blicken an. Der Consul aber
+näherte sich der Tante, küßte ihr zierlich die Hand, versprach, nach
+dem Theater seine Tochter persönlich in das gastfreie Verwandtenhaus
+zurückzugeleiten, winkte dem Mädchen, voranzugehen, und empfahl sich,
+von August und Vincenz geleitet. Gern wäre Arnold dem Beispiel der
+beiden gefolgt, doch widerstand er dieser Versuchung und setzte sich
+auf den von Vincenz verlassenen Sessel an die Seite seines Oheims.
+
+Der Greis hob den Kopf. »Nun, was sagst Du?« fragte er gespannt.
+»Sprich aber laut, daß ich's hören kann.«
+
+»Hören Sie denn, lieber Onkel,« nahm Arnold nach einer Pause, während
+welcher seine Brüder wieder in den Salon getreten waren, das Wort. »Ich
+bin gekommen, um Ihnen, meiner verehrten Tante und meinen Geschwistern
+mitzutheilen ...« -- die Ruhe, mit der er begonnen hatte, drohte ihn
+zu verlassen, und mit erzwungener Festigkeit schloß er: »daß ich mich
+heute verlobt habe.«
+
+»Verlobt!« Alle Lippen wiederholten das Wort, theils erschrocken,
+theils ungläubig, nur August lachte: »Dummer Spaß!«
+
+Den Onkel überkam plötzlich eine große Lustigkeit. »Ei der tausend
+-- da schau' einer den Burschen an!« Er schlug mit dem geballten
+Fäustchen, so stark er konnte, auf Arnolds Knie. »Er macht Späße über
+seine Verlobung ... dürfte bald Ernst werden, was? Nun, wie sieht sie
+aus, die Braut? ... Ist sie reich? ist sie schön? wie heißt sie?«
+
+»Sie ist nicht reich und heißt Claire Dübois.«
+
+»Wie?« fragte der Alte, der schlecht verstanden zu haben glaubte, und
+Arnold rief ihm den Namen noch einmal laut ins Ohr.
+
+Es entstand eine allgemeine Stille.
+
+Elise unterbrach dieselbe zuerst, indem sie mit schneidendem Spotte
+sprach: »Ich entsinne mich eines Tanzmeisters Dübois.«
+
+»Ganz recht,« entgegnete Arnold, und seine Wimpern zuckten, »dessen
+Tochter ist meine Braut.«
+
+Der kleine Onkel wand sich vor Lachen in seinem großen Fauteuil, und
+Tante Johanna lachte mit, sehr erfreut, ihren alten Herrn so munter zu
+sehen. Die beiden Schwestern blieben stumm; August sagte noch einmal:
+»Dummer Spaß,« und Vincenz brummte: »Willst Du uns zum Besten haben?
+... Du -- und eine Tanzmeisterin!«
+
+»Das ist sie nicht ... lernt sie doch kennen ... erlaubt mir, Euch
+meine Braut vorzustellen.«
+
+Ein ablehnender Ausruf der drei Damen beantwortete diese Zumuthung.
+August und Vincenz traten dem jüngeren Bruder entgegen, der sich
+seinerseits erhob. Niemals erklärten sie, werde Fräulein Dübois
+ihre Schwelle überschreiten; den Vorschlag, Erkundigungen nach ihr
+einzuziehen, wiesen sie entschieden von sich. Nicht einmal einen Tag
+lang sollte es heißen, die Familie erwäge, fasse das Undenkbare als
+eine Möglichkeit ins Auge.
+
+»Du irrst, Arnold,« mischte Elise sich in den Streit, »wenn Du glaubst,
+daß ich Deine Erkorene niemals gesehen habe. Ich besinne mich jetzt,
+ihr in einem Hause begegnet zu sein, in dem sie Lectionen gab. Eine
+verblühte Person, mein Lieber, die sich auf die Jugendliche spielt.«
+
+»Verblüht auch?« polterte Vincenz, »dafür aber natürlich um so
+erfahrener. O, Du Musicus! ... sich so fangen zu lassen, von einer
+Intrigantin, einer Tänzerin, einer Französin.«
+
+»Kein Wort über sie!« rief Arnold; aber er wurde überstimmt. Was wußte
+er von der Welt, er, ein Bewohner von Wolkenkuckucksheim, von Natur
+dazu verurtheilt, hinters Licht geführt, betrogen und ausgebeutet zu
+werden.
+
+Ein häßlicher Kampf entspann sich. Jeder Ausdruck von Gutmüthigkeit
+war aus dem fahlen Gesicht Augusts verschwunden, der elegante Vincenz
+hatte sich in einen plumpen, Verleumdungen hervorstoßenden Gesellen
+verwandelt. Arnold öffnete den Mund nicht mehr. Wie fern stehen mir
+diese Menschen, dachte der Freund des Schönen.
+
+Mit regstem Interesse horchte der greise Oheim dem laut geführten
+Streit seiner Neffen zu.
+
+»Bleibst Du trotzdem dabei?« ließ August seinen Bruder an.
+
+»Ich bleibe dabei,« erhielt er zur Antwort.
+
+»Johanna, was hat er gesagt?« kreischte der Chef.
+
+Seine Frau gab ihm einen Wink; sie standen auf und schritten Arm in Arm
+in das Nebenzimmer, wo man sie, trotz der verschlossenen Thür, sprechen
+hörte. Ihre Unterredung war bald zu einem Schlusse gelangt, und
+feierlich traten sie wieder ein und auf den Helden dieser Familienscene
+zu.
+
+»Du heirathest also wirklich die Tänzerin?« fragte der Greis.
+
+»Ich heirathe Claire Dübois.«
+
+»Nun denn, Arnold, mein Junge« -- die kleine Gestalt des Alten schien
+noch mehr in sich zusammenzuschrumpfen, und sein kahler, eckiger
+Kopf zitterte heftig -- »nun denn, so muß ich Dich enterben. Es
+thut mir leid, mein Junge, aber Bretfeldsches Geld darf nicht auf
+Tanzmeisterkinder übergehen.«
+
+»Es ist kein Geld wie ein anderes,« sprach die Tante, »es ist in
+ehrenwerther Arbeit erworbenes Geld, das wir nur ehrenwerthen Händen
+anvertrauen wollen.«
+
+»Vincenz,« befahl der Onkel, »geh' hinüber ins Comptoir und bringe mir
+Arnolds _conto corrente_.«
+
+Wenige Minuten später legte Vincenz ein großes Buch auf den Tisch,
+vor das der Chef sich stellte und dessen lange Zifferreihen er
+musterte wie ein Feldherr seine Truppen. Jetzt sollte mit dem Musicus
+abgerechnet werden. Bisher hatte man es nicht gethan, sondern ihm die
+Summen gegeben, die er verlangte. Wenn er viel Geld ausgab für seine
+Musikinstrumente oder seine Bildersammlung, sagte August höchstens:
+»Bist ein Clavier- und Geigen-Don-Juan,« oder: »Schon wieder ein Bild
+gekauft? Mußt immer Bilderln anschauen wie ein kleines Kind.«
+
+Und immer war vom alten Herrn entschieden worden: »Zahlt, aber nicht
+von dem Seinen, ich streck ihm vor. So lang' er's nicht ärger treibt,
+streck ich vor. Laßt ihm das Seine nur beisammen.«
+
+Der alte Herr hatte ihn ein für allemal acceptirt als den Unmündigen in
+der Familie, für dessen Wohl gesorgt werden muß, weil er nicht selbst
+dafür zu sorgen versteht. Eine andere Gestalt jedoch nehmen die Dinge
+an, wenn der liebe Junge sich loslöst aus dem Verband des Hauses, wenn
+man nicht mehr den zukünftigen Erben in ihm zu schonen hat.
+
+»Soll und haben,« murmelte der Greis.
+
+August und Vincenz zogen Bleistifte und Blocks aus den Taschen und
+schrieben mit fast komischer Geschwindigkeit Zahlen auf; der Chef
+rechnete im Kopfe.
+
+»39651 Gulden und 40 Kreuzer,« sprach er nach kurzer Zeit, und zugleich
+legten August und Vincenz ihre Blocks vor ihn hin und wiederholten:
+»39651 Gulden und 40 Kreuzer.«
+
+»Wenn ich mich bezahlt mache -- und ich werde mich bezahlt machen --,
+heute Dein ganzes Vermögen, mein lieber Junge,« sagte Onkel Johann.
+
+»Wie?« rief Arnold in Bestürzung aus.
+
+»Ja, ja, lieber Junge, Du hättest das längst wissen können, wenn Du
+Dich um Deine Sache gekümmert hättest. Deine Eltern haben Vincenz und
+Dich auf den Pflichttheil gesetzt, damit August das Geschäft in der
+alten glänzenden Weise fortführen könne. Der hier« -- wies auf Vincenz
+-- »ist ein Mehrer, hat auch vernünftig geheirathet; das Seine ist
+gewachsen. Du bist ein Zehrer, willst nicht vernünftig heirathen; das
+Deine ist zusammengeschmolzen und wird bald nichts mehr sein. Die arme
+Tänzerin, ich muß sie bedauern. Sie hat sich verrechnet. Du wirst als
+Ehemann nicht so großmüthig gegen sie sein können, wie Du es gewiß als
+Courmacher gewesen bist.«
+
+»Onkel!« schrie Arnold gepeinigt; und der Alte hob sogleich wieder an
+mit seiner schrillen und zitternden Stimme: »Ich bitte Dich, überleg's!
+Sie besitzt keinen der äußeren Vorzüge, die uns Männer blenden und
+hinreißen, aus eigenem Antrieb Dummheiten zu machen; ihre Reize haben
+Dich nicht verführt, Du kannst nur gefangen worden sein ... Sei doch
+kein Narr und sieh es ein: eine solche Verblendung ist kein Unglück
+mehr, ist eine Schande.«
+
+Die Zustimmung der Uebrigen begrüßte diesen Ausruf des Chefs, und
+Arnold wußte, daß er sich sechs Menschen und ~einer~ Meinung
+gegenüber befand, einer unerschütterlichen Meinung, in welcher Claire
+ungesehen gerichtet und ungehört verdammt war.
+
+Jede gute Regung in ihm bäumte sich auf gegen diese engherzige
+grausame Ungerechtigkeit, und stolz aufgerichtet im Gefühl seines
+höheren Werthes sprach er:
+
+»Ich bin nicht verblendet, ~Ihr~ seid es, und zwar in der Weise,
+die Eurer Phantasie entspricht. Ich hätte nichts Anderes erwarten
+sollen. Nun bleibt mir die ewige Reue, den Namen Claires vor Euch
+genannt zu haben.«
+
+»Johanna, was sagt er?« rief der Greis, und Arnold, der sich schon zum
+Gehen gewendet hatte, sah, noch einen letzten Blick zurückwerfend, daß
+die Augen des Alten mit einem Ausdruck schmerzlicher Bangigkeit auf ihn
+gerichtet waren.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage beklagten sich die Eltern der Gräfin Meiberg darüber,
+daß Claire gestern bei der Partie sehr zerstreut und gar nicht wie
+sonst gewesen, auch ungewöhnlich früh fortgegangen sei. Was mag sie
+gehabt haben? Vielleicht Migräne? Die meisten Lehrerinnen haben
+Migräne. Bisher war Claire von diesem Uebel verschont geblieben; wie
+fatal, wenn es sich gerade jetzt, da man ein dauerndes Engagement mit
+ihr abgeschlossen, einstellte.
+
+Von dieser Besorgniß erfüllt, begab sich die Gräfin nach der
+Kinderstube, in welcher Claire, wenn sie heute pünktlich gewesen, vor
+fünf Minuten eingetroffen sein mußte.
+
+Sie war da. Sie saß am Tische zwischen Chouchou und Baby und erzählte
+ihnen eine Geschichte, eine durchaus nicht traurige, sondern eine
+lustige Geschichte, über welche die kleinen Jungen schon oft herzlich
+gelacht hatten. Heute aber lachten sie nicht. Sie sahen vielmehr ganz
+verdutzt drein und starrten regungslos und unverwandt auf den Mund
+der Erzählerin. Diesen hübschen und edlen Mund umspielte, während er
+von heiteren Dingen sprach, ein unstät flatternder Leidenszug, und
+so oft Claire auch versuchte, ihre kleinen Zöglinge freundlich und
+heiter anzublicken, immer wieder senkten sich ihre Lider rasch und
+unwillkürlich. Die Gräfin war an den Tisch getreten, nachdem sie Claire
+durch einige Worte aufgefordert hatte, sich nicht unterbrechen zu
+lassen. In der Art, in welcher Mama das that, mußte etwas liegen, das
+Chouchou nicht gefiel, und das er gut zu machen wünschte. Plötzlich
+sprang er auf und klopfte mit seiner kleinen Hand derb und zärtlich
+die Wange seiner Freundin. Sie wollte es ihm verweisen, vermochte
+aber weder zu sprechen noch die Thränen, die ihr in die Augen traten,
+zurückzudrängen.
+
+Das sehen, sich Claire an den Hals werfen und mit ihr weinen, war
+eins für Chouchou und für seinen getreuen Nachahmer Baby. Mit größter
+Mühe hätte die Gräfin eine bessere Gelegenheit, gerührt zu werden,
+nicht finden können. Seltsamerweise machte sie von derselben keinen
+Gebrauch. Ihre Ergriffenheit bildete nicht wie gewöhnlich einen
+feuchten Niederschlag, sondern krystallisirte zu Eis. Es wurde
+ordentlich kühl im Zimmer, als sie den Blick ihrer lichten Augen über
+Claire hinweggleiten ließ, ihn auf eine sinnbildliche Darstellung der
+Charitas heftete, die an der Wand hing und sprach:
+
+»Gestern sind Sie zu spät zu uns gekommen und sind zu früh
+fortgegangen, heute machen Sie meinen Kindern eine Scene. Das geht
+nicht; es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß das nicht geht.
+Besonders nicht diesen Kindern gegenüber, denen ihr Vater vorwirft --
+und ihr Vater wirft immer nur mit Recht vor --, daß sie den ganzen Tag
+nichts thun als weinen.«
+
+»Sie werden nicht mehr weinen, es ist schon vorbei; nicht wahr,
+Chouchou und Baby?« sagte Claire, die wieder Herrin ihrer selbst
+geworden war, sich erhoben und die Standrede der Gräfin schweigend
+angehört hatte.
+
+Die Letztere öffnete ihre schmalen, immer trockenen Lippen nur noch zu
+den Worten: »Wir wollen sehen,« und schritt mit unnachahmlicher Hoheit
+aus dem Zimmer.
+
+Noch eine Unterrichtsstunde gab Claire an dem Vormittage, dann eilte
+sie heim wie gejagt.
+
+»Keine Nachricht?« war ihre erste hastig hervorgestoßene Frage an
+die Baronin, und diese schüttelte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen,
+verneinend den Kopf.
+
+Claire setzte sich ihr gegenüber. »Er wird selbst kommen wollen,« sagte
+sie, »er weiß, daß ich bis drei Uhr zu Hause bin.«
+
+»Möglich,« erwiderte Karoline, und lange Zeit wurde kein Wort mehr
+gesprochen.
+
+»Weißt Du, was ich meine?« unterbrach Claire endlich das Schweigen.
+»Es ist so: Er hat gestern seiner Familie seine Verlobung mit mir
+angezeigt, und seine Familie hat die Kunde« -- sie machte einen
+mißlungenen Versuch, einen leichten und scherzenden Ton anzuschlagen --
+»mit geringer Begeisterung aufgenommen.«
+
+»Wahrscheinlich.«
+
+»Und jetzt kämpft er ~für~ mich, ~um~ mich.«
+
+»Er kämpft? ... Sagte er nicht, daß er gewohnt sei, seiner Familie mit
+fertigen Thatsachen entgegenzutreten?«
+
+»Er sagte es; aber er kennt mich, er täuscht sich nicht über die
+Qual, die der Gedanke mir verursachen würde, Schuld zu sein an einer
+Entfremdung zwischen ihm und den Seinen. Darum bemüht er sich, mir die
+Pfade zu ebnen ... offene Arme sollen mich empfangen, das will er; und
+wie dank' ich ihm! ... Ich könnte es ja nicht verwinden, seine Frau
+--« Claire wiederholte die letzten Worte mit dem Ausdruck des höchsten
+Stolzes: »Seine Frau zu sein und nicht aufgenommen, wie es ~ihm~
+gebührt, von denen, die ihm die Nächsten sind.«
+
+An der Hausthür wurde geschellt -- Claire stieß einen leisen bebenden
+Schrei des Jubels aus und eilte ins Vorgemach. Nach wenigen Minuten
+kehrte sie zurück -- allein.
+
+»Ein Diener der Gräfin Küstin,« sprach sie, »hat das Geld für die
+Ausbesserung des Spitzenschleiers gebracht. Ich habe den Empfang in
+Deinem Namen quittirt. Die Gräfin läßt sagen, die Rechnung sei sehr
+hoch gestellt gewesen.«
+
+»Wenn Leute, die von Arbeit keinen Begriff haben, sich doch nicht
+unterfangen wollten, Arbeit zu taxiren,« entgegnete Karoline und
+stickte weiter.
+
+Claire schloß die Augen; ihre Hände ruhten müßig in ihrem Schoße. Das
+Bewußtsein der Zeit, die verstrich, ergriff sie beklemmend, wie etwas
+physisch Fühlbares. Entsetzlich langsam für die sehnsüchtige Erwartung,
+fürchterlich rasch für die getäuschte Hoffnung rannen die Stunden dahin.
+
+Manchmal stand die Baronin auf, ging, nach ihrem Kranken zu sehen, und
+kam dann wieder an den Stickrahmen zurück. Claire wandte den Blick
+nicht zu ihrer Freundin; sie war gewiß, wenn sie es thäte, würde sie
+einem strengen Antlitz begegnen, auf dem sich Unzufriedenheit mit ihr
+malte.
+
+»Halb drei Uhr,« sprach Frau Karoline plötzlich, »Du mußt nun fort.«
+
+Die Angeredete fuhr zusammen. »Und wenn ich nicht ginge?« fragte sie
+zögernd.
+
+»Thätest Du eben unrecht,« lautete die Antwort.
+
+Eine Viertelstunde später befand sich Claire auf der Wanderung
+zu Meibergs. Sie ahnte nicht, als sie, die Brücke zum Stadtpark
+überschreitend, am Kastanienwäldchen vorüberging, daß sich von einer
+Bank in demselben ein junger schlanker Mann erhoben hatte, der nun auf
+den Weg trat, den sie eingeschlagen, und ihr nachsah, so lange er sie
+irgend erblicken konnte. Ihm war nicht wohl zu Muthe, sein Mund bebte
+schmerzlich, seine Brauen zogen sich zusammen. Er stieß den Fuß heftig
+gegen den Boden, er dachte: Arme Claire! Mitleid mit ihr schwellte sein
+Herz, und Groll und Haß gegen Diejenigen, die nicht zulassen wollten,
+daß sie glücklich werde.
+
+Auch er hatte schwere Stunden gehabt und zum ersten Mal in seinem Leben
+eine Nacht in heißem Seelenkampfe durchwacht. Von der Unterredung mit
+seinen Angehörigen war er in seine Wohnung heimgekehrt und rastlos auf
+und ab geschritten in den hellen, mit künstlerischem Schönheitssinn
+ausgeschmückten Räumen. Der Augenblick, in welchem er Claire hierher
+führen und ihr sagen würde: »Tritt ein, schalte und walte, Du bist in
+Deinem Eigenthum,« der köstliche Augenblick, den er sich so freudig
+ausgemalt, sollte niemals kommen. Was Arnold der Erwählten jetzt zu
+bieten hatte, war nicht mehr Wohlstand; diese Wohnung paßte nicht
+mehr zu den Verhältnissen, in welche er von heute an getreten war;
+sie mußte aufgegeben und ihre besten Zierden, um die Reichere, als
+er gewesen, ihn gar oft beneidet hatten, mußten verkauft werden. Es
+hieß Geld schaffen. Der neue Haushalt, wenn auch noch so bescheiden,
+mußte errichtet werden. Und dann sollte man leben, und daß man es von
+den schmalen Renten könne, die sein zusammengeschmolzenes Vermögen
+abwerfen werde, fiel Arnold nicht ein. »~Verdienen~« galt's,
+beträchtlich verdienen! In welcher Weise, lag auf der Hand. Aber ein
+wahrer Greuel war ihm diese Weise -- schon damals, als er sie
+spielend, mit der hochmüthigen Gleichgültigkeit des vielumworbenen
+»_finishing master's_« betrieb. Er pflegte über die Preise zu
+spotten, mit denen man den Vorzug erkaufte, sich des Unterrichts Herrn
+Bretfelds rühmen zu dürfen, und ließ das aufgedrungene Geld, das ihn
+für die Langeweile des »Stundengebens« doch nicht entschädigte, achtlos
+durch die Finger gleiten. Daß er auf Erwerb keinen Werth legte, das
+bewies die Lässigkeit, mit welcher er sein so überaus einträgliches
+Lehramt versah. Als er sich eine Zeit lang, den Begegnungen mit Claire
+zu Liebe, regelmäßig bei Meibergs eingefunden hatte, erregte diese
+Pünktlichkeit den Neid aller seiner übrigen Schülerinnen.
+
+Gewesen, diese Zeiten! eine neue Aera beginnt. Der interessante, der
+schöne, der reiche Herr Bretfeld versäumt keine Lection mehr... Wie
+merkwürdig! -- Ja, er hat eine »dumme Heirath« gemacht und braucht
+jetzt sein Honorar. Steht es so? -- Nun, wenn das Honorar gebraucht
+wird, dann wird es zugleich billiger, das ist ganz natürlich; und
+mit seiner »dummen Heirath« und mit seinen billigen Honoraren sinkt
+Herr Bretfeld von seiner Höhe, sinkt herab zum Lehrer, den man aus
+Höflichkeit »Herr Professor« nennt und -- ausschließt. Die Zeit wird
+bald dahin sein, in welcher Arnolds Name sein Titel war und ihm die
+exclusivsten Kreise zugänglich gemacht hatte. Er sah ganz genau, was
+ihm bevorstand, er kannte die Menschen und das Leben besser, als seine
+Angehörigen sich's träumen ließen, die meinten, daß Einer, der vom
+Weltmarkt~ nichts versteht, von der Welt überhaupt nichts weiß.
+Er gab keiner Täuschung Raum, gestand sich, daß Alles verfehlt sei,
+auch der Geliebten gegenüber, Alles. Eine glänzende Zukunft hatte er
+ihr zu bereiten versprochen, und was er ihr in Wirklichkeit zu bieten
+vermochte, war nichts Anderes als eine Fortsetzung ihrer jetzigen
+Existenz. Der Gedanke an Claire war ihm der bitterste; die lange Nacht
+hindurch quälte er sich damit, eine Hülfe, einen Ausweg zu suchen,
+entwarf die abenteuerlichsten Pläne, zog die unmöglichsten Wenn ins
+Bereich seiner Erwägungen, nur das eine nicht: ~Wenn~ die Meinen
+nachgeben würden! ... Die gaben nicht nach; die hatten gesprochen, und
+wie sie es heute gethan, würden sie es in zehn Jahren wieder thun.
+
+Am Morgen verließ er seine Wohnung und wanderte ziellos in den Straßen
+umher. Er nahm sich vor, Claire nicht zu schonen, ihr die ganze
+Wahrheit zu sagen. Und wenn sie dann, wie es ihr so ähnlich sah, werde
+zurücktreten wollen, dann werde er es nicht zugeben -- um keinen Preis
+.... Was wäre ich, wenn ich das vermöchte, was wäre ich! wiederholte er
+zahllose Male leise vor sich hin.
+
+In den Stunden, in welchen sie so bang auf ihn gewartet, war er zum
+Entschluß gekommen, die schlimme Kunde, die er ihr mitzutheilen hatte,
+nicht selbst zu bringen. Zu grausam für sie, zu peinlich für ihn
+erschien ihm das, und so hatte er des Augenblickes geharrt, in dem
+Claire die zweite Hälfte ihres Tagewerks begann, und schlug nun den
+Weg, den sie eben gegangen war, in entgegengesetzter Richtung ein.
+
+Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem Miethwagen
+überholt, der vor dem Thore desselben anhielt. Langsam öffnete sich der
+Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, schwankte, unsicher
+auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und verschwand im Eingang.
+
+Arnold blieb, starr vor Ueberraschung, stehen.
+
+Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und spähte
+von dort nach dem Thor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, und
+der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein Zeichen
+und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in eine Ecke
+des Gefährts, das mit ihm davonrollte.
+
+Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der
+Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das
+Zimmer.
+
+»Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, ergriff
+beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum wissend, was
+er that.
+
+Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das
+glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart,«
+sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich
+Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird.
+Ihr Onkel -- ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht
+einen Bretfeld -- Ihr Onkel meldet Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht
+Tage Bedenkzeit läßt.«
+
+»Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was ich
+heute will!«
+
+»Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, so
+gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe und
+Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen
+der Muth fehlt, zu sagen: »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich
+geirrt.««
+
+»Der Muth? ... das heißt die Schamlosigkeit!«
+
+Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer
+Geringschätzung.
+
+»Lauter falsche Empfindungen,« sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter
+Schein. Ein bischen ehrlicher Cynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch
+einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben
+nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen
+zu theilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie
+nicht gewachsen sind.«
+
+Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die
+aussprach, was er sich selbst im Stillen schon gesagt, nur klarer, nur
+schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war,
+entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und
+ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrig blieb.
+
+Er suchte sich zu vertheidigen; da hob die alte Frau ihren mächtigen
+Kopf hoch empor und fragte: »Wenn Sie Alles ungeschehen machen könnten,
+was sich zwischen dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem
+heutigen begeben hat, würden Sie es thun?«
+
+Arnold erröthete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht
+ungeschehen machen.«
+
+Die Baronin lachte triumphirend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut wie
+nie Gewesenes! Vergessen Sie!«
+
+»Vergessen? ein Unrecht, eine Schuld?«
+
+»Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Thorheit wäre, Ihr
+angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirath mit Claire
+aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine
+Thorheit nicht begehen? -- ein Thor höchstens. Nun, Herr, ich kenne
+wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu
+zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen
+Wenigen, Sie werden mit Ihrem ›Gewissen‹ so ins Reine kommen. Ferner
+Sohn des Reichthums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Thun
+Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie
+sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem
+Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für Diejenige, die Ihnen
+eine vergängliche Liebe, aber -- nicht wahr? und mich wundert nur, daß
+Sie es nicht schon ausgesprochen -- eine ewige Freundschaft eingeflößt
+hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine Wohlthat zu
+erweisen! Seien Sie einmal großmüthig -- die letzte Gelegenheit zur
+Großmuth, Herr -- greifen Sie zu!«
+
+Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung sich
+fast von Neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, nur
+um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er
+besann sich, er dachte: Durch! diese große Demüthigung ist der Weg zur
+Freiheit!
+
+»Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen,« sprach er, »sagen Sie
+Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge,
+ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... und auf dem Recht, das sie
+selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für
+immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!«
+
+»Herr!« schrie die Baronin, »Herr!«
+
+Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen schwarzen
+Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen einen
+frech gewordenen Unterthan streckte sie die Hand aus und wies dann nach
+der Thür.
+
+Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in welchem Maße
+er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein Hochmuth rang und
+suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, nach einem Partherpfeil
+wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, bevor er schied. Umsonst!
+Nichts gab der Augenblick ihm ein, stumm leistete er ihrer stummen
+Aufforderung Folge.
+
+Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, ließ
+den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmälig mit einem gewissen
+Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; er aß,
+trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein Telegramm
+aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der an Sie
+ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.«
+
+ * * * * *
+
+Allein in einem Coupé erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn
+befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und
+blickte in den jungen Tag hinein. Thaufrisch, üppig und grün wellten
+die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit
+blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im
+Osten bildete in all' dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank
+in immer weitere Ferne.
+
+Da athmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den
+selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzwei
+gesprungen. »Heil mir!« jauchzte er laut im Gefühl der seligsten
+Genesung. Abgethan der schnöde Drang, ein Anderer sein zu wollen, als
+er war; abgethan das kränkliche Mitleid, das ihn irre gemacht an seiner
+eigenen Empfindung und ihn Liebe hatte nennen lassen, was Erbarmen
+war. Abgethan Selbsttäuschung und Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit
+nehme jeder den Platz ein, der ihm zukommt am Mahle des Lebens. Ist's
+ein bevorzugter, um so besser! Was nützt es den Armen, für die der
+Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu ihnen gesellt? Jedem das Seine
+-- Mühsal und Arbeit denen, die dazu berufen sind; Freude, Genuß,
+göttliches Otium den Erwählten! ... »Mir!« sagte sich Arnold, und jeder
+seiner Pulsschläge war Lebenslust, und jeder Herzschlag Verheißung.
+Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, die schöne Welt, die ihm
+gehört und seines Gleichen.
+
+Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmuth, die sich bei
+dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein
+leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluthen
+wollte, mild abdämpfte.
+
+ * * * * *
+
+Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste Zimmer
+leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, der in
+tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren Schritten
+und fragt sie:
+
+»Ist er dagewesen?«
+
+»Ja.«
+
+»Und --?«
+
+Karoline zuckte die Achseln.
+
+»Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!«
+
+Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins Wort:
+
+»Nicht in diesem Ton! ... Ich ertrag' es nicht ... weiß auch genug.«
+Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will ich
+von ~ihm~ erfahren, durch Niemand anders.«
+
+Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu thun
+kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du,« erklärte sie der Baronin mit
+einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein
+Verständniß und keine Güte.«
+
+Die Zeit verging.
+
+»Hoffst Du noch?« fragte Karoline.
+
+»Ich bin so thöricht! -- Durch die Dämmerung um mich her dringt ein
+Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden,« erwiderte Claire,
+»an den klammere ich mich und -- gegen alle Voraussicht der Vernunft,
+gegen alle Gesetze der Physik -- hält er mich -- hält mich aufrecht ...
+Was ich,« fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis
+Meibergs abreisen.«
+
+Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht
+aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben
+zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte
+er Genugthuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. Und wenn
+ihre Freundin behauptete, er sei verreist und werde nicht zu ihr
+zurückkehren, fragte Claire:
+
+»Hat er es Dir gesagt?«
+
+»Das nicht.«
+
+»Siehst Du! Ich setze meinen Glauben gegen Deinen Unglauben und baue
+auf sein Wiederkommen.«
+
+Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. Sie
+meinte, es ganz genau so zu thun wie je und immer. Dennoch mußte sich
+irgend eine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute
+fragten, ob sie leidend sei und was ihr fehle. Daß sie versicherte,
+sich ganz wohl zu fühlen, überzeugte Niemand. Sie dürfe es nicht gelten
+lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine
+kränkliche Lehrerin behalten?
+
+Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie jedenfalls
+eine Enttäuschung bereitet.
+
+Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut
+geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen
+wollen.
+
+»Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißräth Alles.
+Wir engagiren eine heitere Gesellschafterin -- sogleich wird eine
+melancholische aus ihr.«
+
+»Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete Marie.
+
+»Und ich finde sie auch so zerstreut,« sagte die Gräfin, welche
+nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch
+versetzte:
+
+»Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch Du.«
+
+Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das
+sei »ganz etwas Anderes,« und so kühn die junge Dame auch war, den Muth
+zu fragen: »Warum?« hatte sie nicht.
+
+Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh
+entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause.
+
+Das Erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, war
+ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. -- ~Seine~
+Botschaft! Leben oder Tod!
+
+Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines,
+lebloses Ding -- wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt
+durchfliegen -- und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens.
+
+Die Kniee Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am
+geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen
+Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft
+bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die
+Dunkelheit herein -- nun war es Nacht.
+
+Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; sie
+konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und --
+riß sie langsam entzwei.
+
+Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch
+auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die
+Freundinnen tauschten einige Worte, und Karoline wandte sich wieder
+der Krankenstube zu. »Es giebt heute eine böse Nacht,« sprach sie im
+Fortgehen; »wirst Du mich ein paar Stunden beim Wachen ablösen können?«
+
+Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie den
+Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten
+plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die
+Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; die
+trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, was das
+sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, das Geständniß
+eines großen Irrthums -- der Ausbruch eines nagenden Schuldbewußtseins.
+
+Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres
+Samariter-Amtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie
+sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod
+ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören.
+
+Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach Genesung
+gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, am liebsten
+rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen und sich nicht
+mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang nach der alten
+Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper widerstand --
+sie blieb gesund.
+
+Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine
+Prüfung mit noch mehr Ehren ab als im vorigen Jahr, denn dieses Mal
+bekam er sogar ein Zeugniß, und die Familie reiste auf das Land.
+
+Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich Manches
+ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in
+der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die
+Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntniß abzulegen, daß ihr dünke,
+das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedner auf den Umgang mit
+Kindern, als auf den mit Erwachsenen an.
+
+Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf die Lippen
+Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin mittheilte.
+
+Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös,« sagte sie, »wenn Du Dir
+die Stelle verscherzt hättest, um derentwillen Du Deine besten Stunden
+aufgeben mußtest.«
+
+»Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin mit
+Schweigen aufgenommen wurde.
+
+Sie sprachen überhaupt wenig, die Beiden. Ruhig pflegte Karoline den
+Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten
+richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie
+gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen
+als jetzt im Leid um ihr armes, altes Kind, gegen das die Herbe,
+Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war, und das sich nun
+anschickte, sie zu verlassen.
+
+Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen und
+hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit.
+Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name
+gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen -- nebenan
+herrschte lautlose Stille.
+
+Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem
+Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr
+Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand.
+Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt -- geblickt, ohne
+zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen
+Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube
+erfüllt war, widerstrahlte. O, wie fahl ihre Wangen geworden waren,
+wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So
+war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht
+doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt
+hatte?
+
+»Der Kummer tödtet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprüchwort
+hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus
+Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der
+solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch tödten, der hat
+die Macht.
+
+Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken und zuckte
+mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen.
+
+Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, ernstes
+empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und sagte:
+
+»Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen
+und bin erstaunt ... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben -- in
+bin wohl wirklich krank.«
+
+»Du bist es,« sprach die Baronin, »und tödtlich, denn Du willst Dich
+sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben --
+Du gehst. Und was treibt Dich aus der Welt? -- Ein Glück, das in Deinem
+Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist Dir nicht zu
+Theil geworden. Aber Du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen
+als ein Dir zukommendes; Du fühlst Dich in Deinem Recht gekränkt und
+gehst aus dieser ungerechten Welt.«
+
+»Karoline!« beschwor Claire, doch Jene fuhr fort:
+
+»Sieh' Dich um bei Deinen Berufsgenossinnen -- wie viele von ihnen
+haben ein dem Deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal ~nicht~
+gehabt? wie viele haben ein schlimmeres erfahren? -- Nun, sie leben,
+sie leisten, sie tragen die eigene Last, und wenn es sein muß, wohl
+auch die Anderer, die minder beladen, aber schwächer sind als sie
+... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber -- ich sage Dir, beuge
+Dich vor Jeder, Jede von ihnen ist mehr als Du! ... Du lässest die
+Hände sinken, eh' die Zeit zur Rüste gekommen; Du hättest hier noch
+Manches zu thun, Deine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, ein heiliges
+Versprechen noch nicht eingelöst; aber gleichviel -- Du gehst ... und
+-- kannst gehen.«
+
+»Karoline,« rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um
+Schonung.
+
+»Und ~kannst~ gehen!« wiederholte die alte Frau unerschütterlich.
+»Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für Deine Aufgabe, die meine ist
+gethan. Komm, überzeuge Dich.«
+
+Sie schritt voran und ließ die Thür des Krankenzimmers weit offen
+stehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, eine
+regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, zog das
+Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr eigenes
+Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des
+Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare,
+die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire:
+»Ich hätte Dich eigentlich nicht hierher führen sollen, der Anblick
+ist nicht angethan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, ~so~
+kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen haben. Claire« -- legte
+den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie an ihre Brust -- »nicht zu
+hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, bis sie kommt, die große
+Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so freundlich an, wie den!«
+
+»Was meinst Du?« begann sie von Neuem, als Claire gesenkten Hauptes
+und thränenlos in Schweigen verharrte. -- »Was meinst Du? Willst Du zu
+warten nicht wenigstens versuchen?«
+
+Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas von
+dem heiligen Muth der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: »Ich
+will's versuchen.«
+
+ * * * * *
+
+Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner kehrten
+aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der Stadt
+zurück. Claire nahm ihre Thätigkeit wieder auf, im Anfang mit einer
+gewissen Zaghaftigkeit, später mit neuerwachtem Selbstvertrauen und
+endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr eine
+feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie und viele sehr alte
+weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit Kindern
+und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht sie für
+Comtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr und
+Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben.
+
+Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer
+Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit
+zu sagen: »Unsere gute Claire hat sich eine Zeit lang etwas
+vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die Alte.«
+
+
+
+
+ Nach dem Tode.
+
+
+»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das
+grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden
+hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie
+behaupten, das Schönste, das es auf Erden giebt, dann würde es Ihnen in
+meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich
+niemals kennen gelernt habe.«
+
+Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges
+Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond
+empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere
+Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte
+er: »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich
+darauf gefaßt: dieser Tage -- morgen vielleicht, kommt er, wirbt um
+Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«
+
+»Möglich, möglich.«
+
+»Und -- Sie?«
+
+»Und ich fahre nach Wildungen.«
+
+»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst
+triumphirend aus. »Sie werden zum ersten Mal die Langeweile, am Ende
+sogar die Sehnsucht kennen lernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines
+Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und --« er richtete sich auf --
+»die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft,
+angeboten habe. Seien Sie aufrichtig -- setzte er hinzu: »Könnten Sie
+wohl etwas Vernünftigeres thun?«
+
+»Vernünftigeres,« wiederholte die Gräfin langsam -- »schwerlich.«
+
+»Nun denn!«
+
+»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe und jetzt sprechen Sie von
+Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«
+
+»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison
+hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen -- Sie und ich!«
+
+Marianne erhob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf
+ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken,
+einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren
+Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«
+
+»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter.
+»Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu
+ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgend einen undankbaren Phaon,
+irgend einen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zu
+Muthe wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho, oder --
+wie Dido, im Begriffe den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich
+das vor!«
+
+»Das kann ich mir nicht vorstellen,« sprach der Fürst.
+
+»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere
+Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal
+lieben. Im Gegentheil, die wahre, die furchtbare Liebe, gehört zu den
+größten Seltenheiten und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen,
+wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleine
+Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleine Leute, wenn wir nur wollen
+und bei Zeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertig zu werden.«
+
+Der Fürst streckte mit würdevoll ablehnender Gebärde die Hand aus, als
+wolle er diese Sophismen von sich weisen und antwortete: »Wir werden
+fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.«
+
+Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine breiten
+Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säculums trugen: »Das
+hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt,« sagte sie.
+
+Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden
+verstehe er nicht. Und in der That, dazu fehlte ihm das Talent und
+-- die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß er
+trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger Zeit,
+erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in den Tagen,
+wo diese Leidenschaft am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht,
+ihm die Freude zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden
+Anzahl Hochwildes in seinen Thiergärten, an seinem ganzen fürstlichen
+Junggesellen-Hausstand auf dem Lande wie in der Stadt.
+
+Klemens war nicht im Reichthum, sondern als ein aussichtsloser Sprosse
+der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren worden.
+Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, brachte
+er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig, meist in elenden
+Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er alles
+Mißliche des durch »unfreie Associationen« gebildeten Standes aus
+dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmuth eines
+aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung
+des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit
+würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadrons-Commandant stand
+bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen,
+die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirath eines
+anderen, ihn zum Eigenthümer des zweiten Majorats seines Hauses machte.
+Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast
+jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, mit
+welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch begann
+er nur allzubald an dem Werthe seiner Erfolge zu zweifeln. Die Frage,
+die einen geborenen Majoratsherrn, der sich ohne sein Erbgut so wenig
+denken kann, wie seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die
+Frage: »Was gelte ich?« bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle
+Zuversicht, um all sein unbefangenes Selbstvertrauen.
+
+Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ball-Atmosphäre, umrauscht
+von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von
+Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen,
+und er schloß sich sofort der dicht gedrängten Reihe ihrer Bewerber
+an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebeswürdigkeit sei
+werthlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle,
+die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal
+von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der
+Fürst war kaum in den Bereich von Mariannens Anziehungskraft gelangt,
+als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit
+leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen
+sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr
+beklommen, sehr bewegt -- wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit --
+seinen Heirathsantrag.
+
+Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, verlangte
+die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter Ruhe setzte
+Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter triftige
+Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte nicht mehr
+für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr Töchterchen keinen
+Stiefvater erhalten durfte ... Und so weiter!
+
+Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit
+zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter
+Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an,
+es verrieth sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus
+diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber -- wieder erwachten
+seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war
+zu groß um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend,
+um nicht reiflichste Ueberlegung zu fordern. Die Unternehmungslust
+des Fürsten sank von Neuem, als er von Neuem inne wurde, daß es sich
+nicht darum handle zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne
+traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem
+Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm wo möglich noch mehr als im
+verflossenen Jahre. Was waren Alle, deren Besitz ihm so leicht
+erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der Einen Unerreichbaren?
+Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem
+man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem
+Zuge, dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines
+Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin
+einmal sprechen gehört?
+
+Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten,
+fügte es der Zufall, daß sie im selben Augenblick aus dem Tanzsaale in
+den luftigeren Raum eines anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte
+sich wie gewöhnlich schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und
+doch schien ihm, als sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer
+gebreitet, der ihn ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen die Frage
+erpreßte: »Wie geht es Ihnen, Frau Gräfin?«
+
+Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie
+nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens
+wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht gethan, und als er sich
+dessen besann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand
+und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei
+und drei Uhr Nachmittags immer zu Hause.«
+
+Von nun an wäre jeder fehl gegangen, der den Fürsten zu jener Stunde
+anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er
+erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf
+den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch
+zwei, durch -- zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern,
+sie nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf
+dem Lande liebte es Gräfin Neumark einsam zu leben und nahm keine
+anderen als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit
+zu Zeit erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung,
+daß jeder ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte.
+Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam so weit, daß Marianne ohne
+grausam zu sein fragen durfte: »Wie ist mir denn? Nun sind anderthalb
+Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine Versorgung dachten. Ich
+scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit ... O wie muß ich
+aussehen!«
+
+Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr
+vorüber gegangen und hatte ihr kaum Einen Vorzug der Jugend geraubt.
+Ihr ganzes Wesen athmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt
+bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, niemals schwere
+Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr oder minder
+unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken
+aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu thun.
+
+»Sie ist gut,« meinte der Fürst, »und doch nicht zu gut, gescheit
+und doch nicht zu gescheit. -- Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne.«
+Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das Ziel
+seiner Wünsche nicht erreichte -- die besten Stunden seines Lebens
+hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine
+zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenüber saß und einen Vortrag hielt
+über seinen Mangel an Beredtsamkeit.
+
+Marianne, die Hände über einander gelegt, hörte ihm scheinbar zu. Sie
+mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn plötzlich
+unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben Sie ihn
+heute schon gesehen? Kommt er Abends auf den Ball?«
+
+»Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens, »er ist ja sicher, Sie und
+Thekla dort zu finden.«
+
+»Sie gefällt ihm also, meinen Sie?«
+
+»Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über
+verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese
+Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.«
+
+Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, als
+sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres
+wünschen.«
+
+»Ja, der ist's,« meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn, recht
+nach Ihrem Herzen.«
+
+»Und ein Mann nach Theklas Kopfe,« fügte die Gräfin hinzu.
+
+ * * * * *
+
+Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der
+Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und
+keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte
+ausgebildet, und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohlthätigkeit und
+Großmuth hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen.
+Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch
+ohne Ueberlegung, vor Allem nie aus einer flüchtigen Wallung des
+Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der
+Gouvernante ihrer Tochter, »weil jede Wohlthat mit Undank belohnt
+wird, und weil wir den leichter verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der
+Handlung, die ihn hervorrief, nichts zu thun hatte.«
+
+»_Ah madame, à qui le dites-vous?_« antwortete Madame Zephirine
+Dumesnil, wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von
+Mariannens Reden völlig dunkel blieb.
+
+Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vortheil bedachte
+Französin, die sich gegen Alles in der Welt, sogar gegen ihre
+Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs,
+geläufig englisch und französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit
+Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein
+Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »_un port de reine_«
+bekam, da gerieth ihre Erzieherin zu Zeiten in Ausbrüche einer seltsam
+kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge Dame.
+
+Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür
+verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich sammt und sonders auf
+die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Comtesse, die bisher so
+manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen,
+ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen und sich mit einer bei ihr
+ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. Mit
+Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot diese
+meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine magere
+Kuh auf fetter, oder eine fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine
+Ziege tiefsinnig durch die schauerliche Stille der Einöde, da ragte
+aus dem Abgrund eine schmale Klippe empor und auf derselben stand eine
+Gemse, mit Füßen, zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten
+Feldsessels.
+
+So oft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben fertig
+gewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen Fauteuil,
+der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, stützte die
+Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. »Damit ich
+sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann --,« sagte er, blickte
+zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk empor und
+fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte zuckte: »Schau,
+schau unser Comtesserl! ... Aber was macht denn die Bank mitten auf
+der »Straßen«? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! -- Also nur fort so --
+das heißt: ganz anders ... ich mein' halt nur in der Ausdauer. Geduld
+überwindet Sauerkraut.«
+
+Madame Dumesnil warf ihm einen indignirten Blick zu, Thekla jedoch nahm
+Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem Eifer an
+die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff manchmal
+einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg verwischte
+er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer Emsigkeit
+abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, und Madame
+Dumesnil, auf solche, ihr von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit
+eifersüchtig, nahm den Maler »_en horreur_.«
+
+Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, etwas
+Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der Gräfin
+und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf Mariannens
+Bett. Sie rief: »_Madame, madame -- voilà!_« und deutete mit
+»schauderndem Finger« auf eine Zeile, die an den Rand des Blattes
+hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war
+von anderer, ach von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand, ein
+deutliches: »Ja!« geschrieben.
+
+Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde weiß,
+wie das Kissen, auf dem sie ruhte.
+
+»Dieses Blatt,« keuchte Zephirine; »dieses Blatt war bestimmt, heute
+dem Unverschämten übergeben zu werden ...«
+
+Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr
+bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein
+gelassen zu werden.
+
+Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, wurde er
+an der Hausthür von dem Kammerdiener in Empfang genommen und anstatt
+nach Theklas Lehrzimmer, nach dem Salon geleitet. Schon das machte ihn
+stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, die ihm mit dem _corpus
+delicti_ in der Hand entgegen trat, ward ihm recht übel zu Muthe.
+
+»Herr Krämer,« begann Marianne mit gepreßter Stimme -- »es ist unwürdig
+von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, und der
+burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau standen
+einander fassungslos gegenüber.
+
+Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wieder gewann.
+
+»Frau Gräfin,« sagte er, auf das Blatt deutend, daß sie früher vor ihm
+empor gehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten zitterte.
+-- »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Comtesserl ist immer so
+schön roth worden, wenn ich gekommen bin, und so hab' ich mir halt
+einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab' ich dabei nicht
+gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel,« wiederholte er treuherzig.
+
+Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr
+Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem
+Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen
+peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen
+Unterricht im Malen mehr ...«
+
+Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! denn, wissen Sie, Frau
+Gräfin, Talent hat sie gar kein's. Es ist schad' um die Zeit. Ich hätt'
+Ihnen das eigentlich schon lang' sagen sollen, aber ich hab' mir halt
+gedacht, bei Ihres Gleichen kommt es ja nicht darauf an.«
+
+So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens
+scheinbar, ihren Gleichmuth wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden
+Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der
+Theklas »Ja« natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes
+Couvert.
+
+Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang
+den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte
+dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das
+hab' ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, bat
+»dem Comtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten und ging seiner Wege.
+
+Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, und
+sich in der Thür umgewandt, ihm würde ein Anblick zu Theil geworden
+sein, dessen sich Niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen
+konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen
+gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Thränen überströmt. -- --
+
+Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater
+kommenden Damen mit dem Thee erwartet. Marianne trat vor den
+Pfeilerspiegel um ihre Coiffüre abzunehmen. Sie stand abgewandt von
+ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte, und
+auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe
+fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im
+Spiegel sehen.
+
+Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung, sprach die
+Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat
+abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu
+verlieren ... Er meint, Du hättest kein Talent, armes Kind.«
+
+Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röthe des Unwillens
+flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie zu
+rascher Antwort, aber -- sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer
+stolzen Bewegung in den Nacken und -- schwieg.
+
+Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffüre zu Stande
+gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in
+eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla
+nicht theilnahm.
+
+Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung,
+dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer
+unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und
+gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit
+Herrn Krämers improvisirter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich
+ihres so rasch ertheilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte,
+und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem, oder von einem
+Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an
+Selbstmord zu denken.
+
+Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, unbegreiflich tiefen
+Eindruck, machte diese Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter.
+
+Das kleine Ereigniß, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin
+zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß
+schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin.
+Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe
+dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war;
+einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem
+Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu
+gewinnen wußte und sich plötzlich -- sehr zur Beruhigung ihrer Eltern
+-- von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes
+Verhältniß mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute,
+die behaupteten, vielleicht ohne es selbst zu glauben, die Gräfin habe
+ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese
+schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe
+mit einem ehrenwerthen Manne überdauert und den einzigen Schatten
+geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem
+Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie, und blieb in dieser
+Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber
+machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne durch
+Theklas kindische Herzensverirrung versetzt wurde. So ängstlich behütet
+man ein geliebtes Haupt nur vor selbst erfahrenem Uebel. Die Gräfin
+stand Nachts auf und wachte stundenlang am Bette ihrer schlafenden
+Tochter. Sie führte eine strengere Controle denn je, über die
+Bücher, die Thekla las, über die Musikstücke, die sie spielte, einen
+lebhafteren Kampf denn je gegen Ueberspanntheit und Schwärmerei. Und
+sie mußte sich endlich sagen, daß dieser Kampf siegreich gewesen war.
+
+Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich,
+und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten
+Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die
+Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid
+minder Bevorzugter, und hielt mit kühler Majestät Jeden fern, der sich
+aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor, in die ihre wagte.
+
+ * * * * *
+
+Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits
+ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der
+Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu
+einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war Alles anders
+gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll
+Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen
+Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen.
+
+»Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen Vermögens
+ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater.
+
+»~Weil~ er das ist,« lautete die Antwort. »Vermögen ist Unvermögen
+in der Hand eines Menschen, der nichts vermag. In meiner Hand zum
+Beispiel, in der Euren!«
+
+Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den
+Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen
+war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn
+niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennen lernen; gerüstet
+sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die
+thätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte, ihn nicht zeitig genug auf
+eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können.
+
+»Es mußte sein! es geschah für ihn!« damit tröstete der Graf sich und
+seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen -- eine
+spät erfüllte Hoffnung -- noch im Alter geschenkt worden war.
+
+Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf sie
+alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren.
+Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater
+vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still
+billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich,
+das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener
+Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt,
+so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten
+Rechte. Nach absolvirter Universität ging er nach England, um
+dort Agronomie zu studiren, und traf endlich, heiß und ungeduldig
+ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im Elternhause ein. Nun hieß es
+zeigen, was er gelernt hatte! es hieß Neuerungen einführen, die
+wirthschaftlichen Zustände seines Erbgutes verbessern, der ganzen
+Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer Nachahmung. Der stumpfe
+Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, das seinem guten Willen
+entgegengebracht wurden, entmuthigten ihn nicht -- lange nicht! Als er
+aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder an die eingebildete
+und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen Theorie und Praxis
+anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, jeder seiner Mißerfolge
+mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm die Geduld, und Ueberdruß
+stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht durch die Unsicherheit der
+allgemeinen Lage, durch die trostlosen Verhältnisse des ganzen Landes.
+Oesterreich stand damals am Abgrund, an den die Sistirungspolitik es
+geführt; im Innern war der Hader der Nationalitäten entbrannt, von
+außen drohten Kämpfe auf Leben und Tod.
+
+In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, mit
+ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten geschlossen hatte, fand er
+kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und
+er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt
+in der Heimath in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die
+Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als
+gemeinen Soldaten in ein Regiment anwerben, das eben nach Italien
+abmarschirte. Auf dem Wege erreichte ihn die Nachricht, daß ein
+Töchterchen ihm geboren sei, und daß er seine Frau verloren habe.
+
+Nach beendetem Feldzuge quittirte Paul die Officierscharge, zu welcher
+er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und nahm im
+Reichsrathe seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. Sein
+Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, erregten
+Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man auf Rechnung
+seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde als eine Art
+Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den Augenblick schon
+finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In der Gesellschaft
+sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine bevorzugte Stellung.
+Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettirten Boden des Salons. Er
+hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht Thekla darin zu finden
+gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren ~die~ für einander
+geboren, urtheilte ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen
+berechtigt, beide jung, schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich
+gesegnet. Namen, Rang, Verhältnisse in vollkommenster Uebereinstimmung.
+Mit der Unbefangenheit eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht
+besorgt, legte Sonnberg seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem
+Wohlgefallen wurde sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas
+traten zurück, und jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten
+erlosch, als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die Frage: »Wie
+gefällt sie Ihnen?« antworten hörte:
+
+»Wie das Schönste, das ich jemals sah!«
+
+ * * * * *
+
+Der Ball, auf dem Fürst Klemens eine entscheidende Wendung seines
+Schicksals zu erleben hoffte, ging zu Ende; er war der letzte und
+zugleich der glänzendste dieser Saison. Marianne erwartete nur
+den Schluß des Cotillons, um das Fest zu verlassen, und dieselbe
+Absicht hatte Sonnberg ausgesprochen, der an ihrer Seite sitzend dem
+Tanze zusah. Sie führten ein eifriges Gespräch, das die Gräfin von
+allgemeinen Gegenständen auf besondere, und endlich auf persönliche
+zu lenken verstand. Paul bemerkte bald, daß er einem kleinen Verhör
+unterzogen wurde, doch geschah dies in so freundlich theilnehmender
+Weise, daß es unmöglich war, auf eine Frage die Antwort schuldig
+zu bleiben. Besonders warm und herzlich lauteten die Erkundigungen
+Mariannens nach den Eltern Sonnbergs und nach seinem Töchterchen; sie
+wollte wissen, ob die Kleine ihrer verstorbenen Mutter ähnlich sehe;
+sie wollte etwas hören von ihrer Gemüthsart, ihren Eigenthümlichkeiten.
+
+Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen Mund, und er entgegnete:
+»Sie lag in Windeln, als ich sie zum letzten Male sah; ich kann Ihnen
+demnach über das Aeußere der jungen Person nichts verrathen. Ihre
+Eigenthümlichkeiten aber, ihre Gemüthsart werden wohl die der Leute
+ihres Alters sein.«
+
+»Und die ihrer eigenen kleinen Individualität.«
+
+»Individualität? Ich denke, daß sie noch keine hat. Zu drei Jahren sind
+alle Kinder einander gleich.«
+
+»Nicht zwei,« sprach die Gräfin bestimmt, »auf der ganzen Erde nicht
+zwei!«
+
+»Wahrhaftig?« versetzte er zerstreut. Sein Auge verfolgte mit dem
+Ausdruck eifersüchtigen Entzückens die schöne Thekla, die jetzt in den
+Armen ihres Tänzers an ihm vorüber wirbelte.
+
+Marianne verglich die heiße Leidenschaft, die aus seinen Blicken
+funkelte, mit der Kälte, die sie angefröstelt hatte, als er von seinen
+Eltern, seinem Kinde sprach und dachte: -- Was für eine Art Mensch bist
+Du eigentlich? Es liegt Etwas Unfertiges, Unaufgeschlossenes in Dir.
+-- Ah! tröstete sie sich, er hat zu viel in Büchern gesteckt; er kennt
+das Leben nicht. Die Schule und ein einsames Schloß auf dem Lande, das
+war bisher seine ganze Welt. Er steht zum ersten Male im Menschengewühl
+und mit all' seiner Weisheit ist er doch nur ein Neuling darin. Aber
+-- wo hat er Wurzeln geschlagen? Was ist sein eigentliches Element?
+Die Familie nicht, er scheint sehr gleichgültig gegen Alle, die ihm
+angehören. Wahrlich, ein Mann, der Mariannen auf dem Balle von den
+Süßigkeiten des Familienlebens vorgesäuselt hätte, wäre ihr lächerlich
+vorgekommen; aber so trocken wie dieser Sonnberg es that, sollte
+Niemand diejenigen abfertigen, die ihn an die Seinen erinnern.
+
+Die Gräfin sah ihn von der Seite an: -- Verwöhnt wurdest Du, das
+ist's! Zuerst durch das Glück, das Dich mit Talent reich ausgestattet
+hat und mit Mitteln, es geltend zu machen, dann durch übergroße Liebe.
+Als eine Last empfindest Du sie und meinst genug zu thun, wenn Du sie
+nur duldest, nur erträgst.
+
+Wieder betrachtete sie ihn, forschend, aufmerksam. Sein Gesicht drückte
+die höchste, erwartungsvollste Spannung aus. »Wahltour!« hatte der
+Vortänzer gerufen -- Thekla, eben erst an ihren Platz zurückgeführt,
+erhob sich. Mehrere junge Leute eilten herbei, umringten sie, und jeder
+flehte: »Wählen Sie mich! -- mich!« Sie schüttelte verneinend den
+Kopf; der Kreis, der um sie geschlossen worden war, theilte sich, und
+sie ging, an all' den Enttäuschten vorbei, langsam, in gleichmäßigen
+Schritten die Breite des Saales durchschreitend, auf Sonnberg zu. Und
+nun, anmuthig und stolz in ihrem duftigen Gewande, die Wangen rosig
+angehaucht, die herabhängenden Hände leicht in einander gelegt, stand
+sie vor ihm und grüßte ihn mit einem kaum merkbaren Neigen des Hauptes.
+Er sprang auf -- aus seinem Antlitz war alle Farbe gewichen -- er
+zitterte, ja, er zitterte! wie nach Athem ringend hob sich seine Brust
+... Im nächsten Augenblicke jedoch hatte er sich gefaßt, umschlang
+die reizende Gestalt, und sie flogen im raschen Takte der Musik
+dahin, von allen, die sich in dem leuchtenden Saale lebensdurstig und
+lebensfreudig im Tanze bewegten, das schönste Paar.
+
+An der Seite dieses Mannes nahm sich Mariannens blühende Tochter
+beinahe schmächtig aus, aber friedliche Ruhe lag auf ihrer Stirn,
+gleichmüthig wie immer glänzten ihre klaren blauen Augen, während die
+seinen zu glühen schienen, und sein ganzes Wesen eine gewaltige, tiefe,
+seelige Verwirrung verrieth.
+
+Die Gräfin fühlte die bange Sorge schwinden, die ihr Herz beklemmt
+hatte. -- Die wird ihn nicht verwöhnen, sagte sie zu sich selbst, der
+zweiten Frau wird er sich beugen! ...
+
+Ein hagerer, hochgewachsener Mann, der sich ihr näherte, unterbrach sie
+in ihren Betrachtungen.
+
+»Er tanzt!« sprach er, auf Sonnberg deutend, »die Statue des Comthurs
+steigt von ihrem Piedestal herab und tanzt!«
+
+Marianne wandte sich langsam beim Klange der wohlbekannten Stimme und
+entgegnete: »Das ist weniger verwunderlich, Herr von Rothenburg, als
+daß Sie kommen, um ihr zuzusehen.«
+
+»Deshalb komme ich auch nicht, sondern um, wie gewöhnlich, meine
+Betrachtungen zu machen beim Schluß unserer Carnevals-Ausstellung,
+unseres Kindermarktes von Bethnall-Green.«
+
+Die Gräfin zuckte schweigend mit den Achseln; er nahm ohne Umstände
+Platz neben ihr und fuhr fort: »Immer dasselbe, nicht wahr? Angebot und
+Nachfrage stimmen niemals überein.«
+
+Wie Kurzsichtige pflegen, zog er seine kleinen tiefliegenden Augen
+zusammen und fixirte Marianne mit eigenthümlich scharfem Blicke.
+
+»Was fehlt Ihnen, Frau Gräfin? Sie sind aufgeregt. Sollte das Ereigniß,
+das bevorsteht in Ihrer Familie, sich Ihrer unbedingten Zustimmung
+nicht erfreuen?«
+
+Sie versuchte nicht Unbefangenheit zu heucheln und zu thun, als
+verstände sie ihn nicht. Sie antwortete einfach: »Es ist keineswegs
+ausgemacht, daß überhaupt ein Ereigniß bevorsteht.«
+
+»Um so besser dann,« sprach er.
+
+»Warum?« fragte Marianne befremdet.
+
+Er lachte: »Warum? Bin ich der Mann, von dem man Gründe fordert? ...
+Und wenn ich von meinem ahnungsvollen Gemüthe spräche, würden Sie mir
+glauben?«
+
+Eine kleine Pause entstand, dann sagte Marianne wie mit plötzlichem
+Entschlusse: »Was haben Sie gegen den Grafen Sonnberg?«
+
+Rothenburg antwortete spöttisch: »Alles. Daß er jung ist, daß er reich,
+schön, vornehm ist, daß er ...«
+
+»Den Ruf eines gescheiten Mannes besitzt,« ergänzte die Gräfin in
+demselben Tone.
+
+»Den ihm alberne Leute gemacht haben -- und der deshalb
+unerschütterlich ist. Uebrigens,« fuhr er ernsthaft fort, »glauben Sie
+nicht, daß ich ihn unterschätze. Er besitzt ein kostbares und trotz
+der Behauptung unserer Psychologen äußerst seltenes Gut: eine Seele.
+Vorläufig ist ihm das noch ein Geheimniß -- er weiß es nicht. Aber der
+Augenblick wird kommen, in welchem er's erfährt, und dieser wird für
+ihn ein entscheidender sein.«
+
+Mit gesenktem Haupte hatte Marianne seinen Worten gelauscht, die
+beinahe völlig ihre eigenen Gedanken aussprachen.
+
+»Sie rathen mir also --« fragte sie zögernd.
+
+»Zu mißtrauen!« rief er, »dem Schicksal immer dann am ängstlichsten
+zu mißtrauen, wenn es ein ungetrübtes Glück zu verheißen scheint. Die
+boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder
+den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen
+könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo
+ich äußere Uebereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer
+Zwiespalt.«
+
+»Etwas geb' ich zu von alledem,« sprach Marianne, »ohne deshalb an Ihre
+»boshaften Mächte« zu glauben. Und -- vollkommenes Glück! wer denkt
+daran?«
+
+»Nicht wahr?« rief er, »besonders in unserem tugendreichen Zeitalter,
+das jedes andere Glück verbietet als das pflichtmäßige.«
+
+»Das haben frühere Zeitalter wohl auch gethan.«
+
+»O nein! Als noch Leidenschaft, Kraft und Muth auf Erden herrschten,
+da war es anders. Naivetät ~ent~schuldigte die Schuld. Munter
+verübten die alten Götter ihre Frevel, und die Menschen ahmten ihnen
+unbefangen nach. Wenn Antonius und Kleopatra sündigten, applaudirten
+zwei Welttheile. Jetzt schleicht die Sünde lichtscheu umher, und feige
+Reue heftet sich an ihre Fersen. Wir, denkende Schwächlinge, entnervt
+durch die Reflexion, wir verstehen auch das schönste Verbrechen nicht
+mehr zu genießen.«
+
+»Verbrechen genießen? ... Das sind wieder ganz Sie selbst!« sagte
+Marianne.
+
+Die Gereiztheit, die aus ihrer Stimme klang, schien Rothenburg ein
+lebhaftes Vergnügen zu machen. »Immer nur ich! Mehr denn je!« scherzte
+er, »seitdem die einzige Hand, die sich zu meiner Rettung ausstreckte,
+mich aufgegeben hat -- völlig aufgegeben. Nicht wahr?«
+
+Marianne begegnete seinem höhnisch herausfordernden Blick; ein Ausdruck
+unerbittlicher Strenge lag auf ihrem Gesichte; ihre Augen glänzten wie
+im Bewußtsein eines Sieges, und sie sprach gelassen: »Sie haben sich
+eben theilnehmend und besorgt um Theklas Wohl gezeigt, was treibt Sie,
+diesen guten Eindruck zu verwischen?«
+
+»Mein böser Dämon vermuthlich, « antwortete er in leichtfertigem Tone.
+»Aber lassen wir das. Frieden also und ewige Freundschaft!«
+
+»Frieden,« wiederholte sie nachdrücklich, »so guten, als Sie fähig sind
+zu halten. -- Da kommt Thekla!«
+
+Marianne erhob sich und ging ihrer Tochter entgegen, die am Arme des
+Fürsten Klemens auf sie zugeschritten kam. Einen Augenblick starrte
+ihr Rothenburg finster nach: »Doch schade!« murmelte er zwischen den
+Zähnen, dann wandte er sich um, mit einer Bewegung, als gälte es, eine
+unbequeme Last abzuschütteln, und verschwand in der Menge, die den
+Gemächern zuströmte, in denen das Souper aufgetragen worden.
+
+Die kleine Gesellschaft, die sich noch im Ballsaale befand, schickte
+sich an, ihn zu verlassen. Sie bestand aus der Gräfin und ihrer Tochter
+und aus Eberstein und seinem Neffen. Dieser, ein junger Mann mit rundem
+Kindergesichte, treuherzigen braunen Augen, weit aus einander stehenden
+Zähnen und einem dünnen lichtblonden Vollbärtchen, bot nun Thekla
+seinen Arm, während Marianne den des Fürsten annahm.
+
+Das junge Paar ging dem älteren voran. Schüchtern und leise, dabei
+jedoch höchst eifrig sprach der kleine Graf zu seiner schweigenden
+Gefährtin.
+
+»Er macht ihr Vorwürfe,« sagte der Fürst, als sie über die
+blumengeschmückte Treppe der Halle hinabgestiegen. »Er hat Ursache
+dazu; sein gutes Recht wäre gewesen, den Cotillon, den er mit ihr
+tanzte, auch mit ihr zu beschließen. Der arme Junge wartete so
+ungeduldig, daß sie ihm zurückkehre! Aber, als es endlich geschah, da
+wurde seine Aufforderung zur letzten Walzertour -- abgelehnt. Ja, ja --
+abgelehnt! Majestätisch, wie sie sein kann, die junge Hexe, sprach sie:
+»Ich danke Ihnen -- ich tanze heute nicht mehr ...«.«
+
+»Das hat Thekla gesagt?« fragte die Gräfin erschrocken.
+
+»Ja wohl!« entgegnete Klemens fröhlich, »und mit einem Blick auf den
+glückstrahlenden Sonnberg, einem ernsten, huldvollen Blick; ich wollte,
+Sie hätten ihn gesehen! Verrathen Sie mich aber nicht!« flüsterte er
+Mariannen zu.
+
+Der Wagen war vorgefahren, die Damen stiegen ein. »Morgen also, um zwei
+Uhr, kommen wir,« rief ihnen der Fürst noch zu, und die Equipage rollte
+davon.
+
+»Warum sagen Sie ~wir~?« fragte Alfred, »wer begleitet Sie morgen
+zu der Gräfin?«
+
+Klemens zog sein Cache-nez bis zu den Ohren hinauf und erwiderte kurz:
+»Sonnberg begleitet mich.«
+
+»Wie, lieber Onkel -- Sie machen sich zu seinem Freiwerber?« sprach
+Alfred vorwurfsvoll -- »Sie! ... Und wissen doch ...«
+
+»Ich kann in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf Dich nehmen.
+Ich kann in dieser Sache nichts für Dich thun. Es war ein Unsinn, daß
+Du Dich in Gräfin Thekla verliebtest ... Zum Teufel, ehe man sich
+verliebt, sieht man zu in wen?« Das Gespräch, das er heute Morgen mit
+Mariannen gehabt, kam dem Fürsten sehr zu Hülfe, und er schloß: »Mit
+dieser Empfindung mußt Du trachten fertig zu werden. Das kann man. Man
+muß nur bei Zeiten zum Rechten sehen.«
+
+Unterdessen hatte Paul, der seinen Wagen fortgeschickt, zu Fuß den
+Heimweg angetreten. Ihn lockte der Gang durch die schneebedeckten
+Straßen in der stillen Winternacht. Erquickt von der kalten Luft,
+die ihn anwehte, sog er sie tiefathmend ein und begann gewaltig
+auszuschreiten. Wie groß und weit war ihm das Herz! Als hätte ein Bann
+sich gelöst, der auf ihm ruhte, so fühlte er sich; als wären ungeahnte
+Fähigkeiten in ihm erwacht.
+
+-- Das ist das Glück! das ist die Liebe! -- jauchzte es in seiner
+Brust. Was hatte er bisher für den Inhalt des Lebens gehalten? Einen
+Ehrgeiz, den Tausende besaßen, das Jagen nach Zielen, die andere so gut
+wie er erreichen konnten. Von dem alles verklärenden Licht, von der
+Krone des männlichen Daseins, von der Liebe zu einem Weibe, davon hatte
+er nichts gewußt. Wohl war er angebetet worden von Kindheit an, hatte
+schwärmische Neigungen eingeflößt, erwidert aber hatte er noch keine
+der liebevollen Empfindungen, die ihm entgegen getragen wurden. Und
+jetzt -- wie aus dürrem Waldesboden die Lohe bricht, wie Feuerfluthen
+emporsteigen aus dem felsenstarrenden Berge, so flammte jetzt in seiner
+Seele die Leidenschaft plötzlich auf. Sie war erwacht, ein göttliches
+Wunder; das schöne Geschöpf, das er eben in seinen Armen gehalten,
+hatte sie geweckt, zu niemals geahnter Wonne ...
+
+Eine Regung von Mitleid erwachte in ihm -- wie ein Schatten zog
+die Erinnerung an seine verstorbene Frau durch sein Gemüth. Aber
+selbst dieser leichte Schatten, den eine trübe Vergangenheit über
+die leichtströmende Gegenwart gleiten ließ, verflog. Was ist eine
+wehmüthige Erinnerung im Augenblick der seligsten Erfüllung? ...
+Vorbei! vorbei! Friede mit den Todten, und Glück und Macht mit den
+Lebendigen!
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Tage, um zwei Uhr, ließen Eberstein und Sonnberg sich
+bei der Gräfin anmelden. Klemens trug eine Zeitlang die Kosten der
+Unterhaltung, gestand aber plötzlich, daß er heute nur gekommen sei,
+um zu gehen, da eine Verabredung mit seinem Geschäftsmanne ihn an
+das andere Ende der Stadt rufe, und verabschiedete sich mit einem
+freudestrahlenden Blick auf Marianne und einem Blick voll väterlichen
+Wohlwollens auf Paul.
+
+Von ihrem Fenster aus, das in den hellen, geräumigen Hof hinabging,
+hatte Thekla die beiden Herren kommen und den Fürsten sich nun
+entfernen gesehen. Sonnberg war allein bei ihrer Mutter. Jetzt, ganz
+gewiß jetzt, stellt er seinen Antrag. Er sagt, daß er von Thekla dazu
+berechtigt sei. Eine Pause! eine halbe Minute Pause: Der Anstand will's
+und so gehört es sich. -- Das Mädchen sah nach der Uhr auf dem kleinen
+Schreibtisch. Die halbe Minute war vorbei, und Mama spricht vielleicht
+in diesem Augenblicke: »Ich vertraue Ihnen die Zukunft meiner einzigen
+Tochter an ...« Die gute Mama! Theklas rosige Lippen, die sich soeben
+mit einem prächtigen Ausdruck muthwilliger Ueberlegenheit aufgeworfen
+hatten, verzogen sich ein klein wenig, wie die eines verwöhnten
+Kindes, dem man ins Gewissen redet und das mit seiner Rührung kämpft.
+Ihre Pulse begannen rascher zu schlagen, eine nie gefühlte Bangigkeit
+beengte ihre Brust. Sie erhob sich, trat an das Fenster und blickte
+hinab in den Hof.
+
+Da steht Sonnbergs Equipage. Ein kleines dunkles Coupé, leicht und
+solid gebaut, vor Neuheit funkelnd. Der Kutscher sitzt steif auf
+dem Bocke, hält mit der rechten Hand den Stiel der Peitsche auf den
+Schenkel gestützt und in der linken die Zügel. Man sieht's ihm an, daß
+er lieber sterben als die Augen von seinen Pferden wenden würde. Ei,
+sie sind dieser Aufmerksamkeit wohl werth, die zierlichen Rappen mit
+ihren feinen Köpfen, ihren schlanken Hälsen, mit den geschmeidigen,
+stählernen Fesseln. Ihr seidenes Haar ist schwarz wie die Nacht,
+und wie Mondlicht schimmert sein Glanz. Sie stampfen mit spielender
+Grazie den Boden und blasen übermüthig die Nüstern auf als fühlten
+sie, daß ein Kennerauge auf ihnen ruhte ... Thekla hatte ihre Mutter
+oft ungeduldig gemacht durch die Behauptung: um zu wissen, was an
+einem Menschen sei, brauche sie nur -- seine Equipage zu sehen. An das
+erschrockene: »Ich bitte Dich!« das Marianne bei dieser Gelegenheit
+auszustoßen pflegte, dachte Thekla jetzt und hielt in Gedanken eine
+kleine Rede an ihre Mutter: »Sieh dorthin und wage es, mir Unrecht
+zu geben. Sieh diesen Wagen, dieses Gespann, diese Riemen, diese
+Schnallen! Ist das nicht alles korrekt und tadellos, pünktlich,
+charaktervoll? Auch Klemens hat englische Coupés und Pferde aus
+edelstem Blut, aber wie ist das alles zusammengestellt? Ohne rechten
+Geschmack, ohne die Strenge, die unerbittlich auf Sorgfalt bis ins
+Kleinste dringt. Der Weichling verräth sich überall!«
+
+Sie wandte sich vom Fenster weg und begann im Zimmer auf und ab zu
+schreiten. Ihre Phantasie zauberte ihr einen noch viel schöneren
+Anblick vor als den, welchen sie eben genossen: die Equipage der
+Gräfin Sonnberg, und bald auch das Palais, durch dessen Einfahrt
+diese Equipage rollte, während die Glocke dreimal anschlug und der
+dicke Portier sich ehrerbietig verneigte, in seinem rothen Pelze mit
+goldgesticktem Bandelier ... Roth und gelb sind die Sonnbergischen
+Farben, das Wappen ist eine goldene Sonne, aufsteigend am purpurnen
+Horizont. Dieses Sinnbild prangt über dem Thore des majestätischen
+Bauwerks, eines Juwels alterthümlicher Architektur, des Palais, dessen
+Gebieterin sie werden sollte, Gebieterin des Gebieters und aller, die
+dem Gebieter dienten ...
+
+Thekla war an Reichthum und Behagen gewöhnt, aber im Wittwenhause ihrer
+Mutter hatte sich allmälig ein Domestiken-Regiment und mit ihm so
+mancher Mißbrauch eingeschlichen. Es fehlte der kräftige Mann, der die
+Herrschaft in starken Händen hält. Graf Sonnberg wird das verstehen,
+er wird für die Ordnung und nach Außen für den Glanz seines Hauses
+sorgen. Den Mittelpunkt dieses Glanzes gedenkt Thekla zu bilden und
+von ihm umgeben sich der Welt zu zeigen, in der Stadt zur Winterszeit,
+im Sommer auf ihren Schlössern ... Dort will sie leben wie der Adel
+im vorigen Jahrhundert auf seinen Schlössern zu leben pflegte, einen
+zahlreichen Freundeskreis gastfrei um sich versammeln, täglich neue
+Feste ersinnen, den Hasen jagen auf der Haide, den Hirsch im Walde
+und sich lächelnd der Zeiten erinnern, in denen sie in Wildungen
+zwischen ihrer Mutter und Madame Dumesnil saß und Weihnachtsjacken und
+Neujahrshauben für die armen Dorfkinder häkelte und strickte.
+
+Die Uhr auf dem Schreibtische hob aus zum Stundenschlag ... drei Uhr
+... die Unterredung zwischen dem Grafen und ihrer Mutter dauerte lang
+-- was hatten sie einander zu sagen? ... Ihr wurde angst -- sollten
+alle ihre schönen Träume in Luft zerrinnen? ... Aber da pochte es an
+der Thür, der Kammerdiener erschien und sprach: »Die Frau Gräfin lassen
+bitten ...«
+
+Thekla fand ihre Mutter im kleinen Salon, an ihrem gewöhnlichen Platze,
+in ihrer gewöhnlichen Haltung, aber mit gerötheten Wangen, ja sogar mit
+leicht gerötheten Augen. In hoher Erregung schritt Sonnberg auf das
+junge Mädchen zu, er war sehr bleich, und seine Lippen bebten.
+
+»Ihre Mutter theilt Ihr Vertrauen zu mir nicht, Gräfin Thekla,« sprach
+er. »Sie verurtheilt mich zu einer Probezeit ... Ich soll dienen um
+mein Glück. Sie will es.«
+
+Thekla runzelte die Stirn, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und
+sie entgegnete leise, aber festen Tones: »Und was wollen Sie?«
+
+Paul ergriff ungestüm ihre Hand: »Ich will mich bemühen,« rief er, »die
+Probezeit möglichst abzukürzen ...«
+
+»Sie fügen sich also,« sagte Thekla und schüttelte mißbilligend das
+Haupt.
+
+»Ich füge mich, da ich die Zustimmung Ihrer Mutter nicht erzwingen, und
+noch viel weniger -- Ihnen entsagen kann ... Helfen Sie mir,« flehte er
+leidenschaftlich, »helfen Sie mir den hohen Preis, den ich im Sturme
+erringen wollte, nun wenigstens nicht zu verscherzen! ... Ich will
+alles lernen, sogar geduldig sein, wenn Sie mir liebevoll zur Seite
+stehen, ich will alles thun, um mich allmälig Ihrer werth zu zeigen, --
+nicht nur zu zeigen, es zu werden, so sehr mir dies überhaupt möglich
+ist, denn ganz und völlig Ihrer werth ist kein Mann auf Erden -- das
+weiß ich wohl.«
+
+Er sprach abgebrochen, hastig, und Thekla trat einen Schritt zurück,
+erstaunt, erschrocken über den Sturm heißer Empfindungen, der in ihm
+zu kämpfen schien. Seine Blicke ruhten auf ihr, beschwörend: Sprich!
+Antworte mir! ... Aber Thekla verstand ihre glühende Sprache nicht,
+denn sie schwieg. Sie stand da um einen Ton blässer als gewöhnlich, sie
+dachte: Das ist peinlich; und als sie die gesenkten Augen erhob, war es
+nicht zu ihm, der darauf harrte wie auf die Erlösung, sondern zu ihrer
+Mutter -- war es rathlos und hülfesuchend ...
+
+Marianne erhob sich, ging auf Sonnberg zu und legte beschwichtigend die
+Hand auf seinen Arm.
+
+»Sie sind ein Kind, mein lieber Graf,« sagte sie, »trotz Ihrer dreißig
+Jahre, trotz Ihres großen Verstandes.«
+
+»Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht
+aber auch weich, nachgiebig und gehorsam ... Ich kenne mich selbst
+nicht mehr -- Sie haben ein Wunder gethan, Thekla!« rief er und
+breitete die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner
+Brust, im nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer
+Mutter getreten, verwirrt, in großer Bestürzung.
+
+»Thekla!« wiederholte Sonnberg.
+
+Marianne beeilte sich dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen
+schwebte: »Vergessen Sie nicht,« sprach sie, »daß Menschen nur unbewußt
+Wunder thun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt,« setzte sie
+lächelnd hinzu.
+
+ * * * * *
+
+In der Stadt ließ sich's Niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt
+seien, daß ihr Brautstand nur noch, aus irgend einem unbekannten
+Grunde, nicht declarirt werde. In der That brachte Sonnberg täglich
+einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er
+Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn.
+
+Thekla blieb sich immer gleich.
+
+Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig
+und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und
+widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urtheile zu wiederholen,
+die er gefällt hatte. Eine Zeitlang begnügte er sich mit diesem für
+ihn so schmeichelhaften Begegnen, nach und nach aber begann er hinter
+all' dieser Rücksicht und Fügsamkeit große Kälte zu ahnen. Gräßlich
+durchblitzte ihn, glückvernichtend ein Zweifel an Theklas Liebe. Sein
+ganzes Wesen empörte sich dagegen, und wie einen Gedanken an erlittene
+Schmach wies Paul ihn von sich.
+
+Aber einige Bitterkeit blieb doch zurück, ein unwiderstehlicher
+Wunsch, die Geliebte zu reizen, zur Ungeduld zu bringen, den heiteren
+Gleichmuth zu stören, der ihn anfangs entzückt hatte, und der ihm
+jetzt ein Frevel schien an seinen eignen Gefühlen, an der Sehnsucht,
+die er um sie litt, an der schwer erkämpften Geduld, zu welcher er
+sich zwang, er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des
+raschen Erfolges, der nie gelernt hatte zu warten und zu werben, dem
+man niemals Nein gesagt, er, Paul Sonnberg!
+
+Als Thekla das nächste Mal einer von ihm aufgestellten, sehr
+unhaltbaren Behauptung nicht widersprach, rief er herausfordernd und
+herb: »Das ist meine Meinung, sagen Sie jetzt die Ihre!« Sie erhob
+die großen Augen zu ihm voll bestürzter Verwunderung, senkte dann
+hocherröthend den Blick und schwieg. Jede Frage, die er noch an sie
+stellte, beantwortete sie kleinlaut mit Ja oder Nein, wohl auch --
+mit Ja ~und~ Nein. Paul blieb während der Dauer seines Besuches
+unruhig, bitter, und ging endlich, von tausend widerstrebenden
+Empfindungen erfüllt und gequält.
+
+Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla allein.
+Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen Salon, ihre
+Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser beschäftigt
+noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem Tischchen
+lag. Sie saß unbeweglich da, wie eine Statue, Ebenmaß in jeder Form,
+Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich und ging ihm
+entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer anbetungswürdigen
+Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe durchwacht, seine
+Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er erwartete Thekla
+verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges, kindisches Gebahren,
+er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte es! ... Statt dessen
+begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als wäre ihr Einvernehmen
+nicht durch den leisesten Schatten getrübt worden. Sogleich stieg, mit
+unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm auf: »Hab ich nicht einmal
+die Macht, ihr weh zu thun?« -- doch bezwang er sich und sprach ruhig:
+»Thekla, ich war gestern widerwärtig, unerträglich -- können Sie mir
+verzeihen?«
+
+Sie wurde ein wenig roth, ein wenig verlegen und antwortete hastig wie
+Jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich bin
+ja gar nicht böse gewesen.«
+
+»Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer
+Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir,« setzte er halb flehend, halb
+herausfordernd hinzu.
+
+»Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden,« erwiderte Thekla, »da Sie
+doch wissen ...« sie hielt inne.
+
+»Ich weiß,« rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie
+fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla:
+Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz
+mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie
+ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und
+Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist mein
+Glück das Ziel Ihrer Wünsche, wie wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff
+der meinen ist ... Lieben Sie mich?«
+
+Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie ein
+dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick
+nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der
+ihre sich nach der Thür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich
+eintreten zu sehen -- niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich
+herbeigewünscht! ...
+
+»Sie kommt,« sagt Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, »beruhigen
+Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird mich aber
+nicht hindern so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es thue ... Weil ich
+muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie heftig,
+ohne zu denken, daß er ihr weh that. Etwas Drohendes klang aus seiner
+Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte.
+
+Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand aus der seinen und sagte:
+»Ich weiß nicht, was Sie wollen.«
+
+»Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die Ehrenhaftigkeit
+des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit aus
+unaussprechlicher Liebe -- ›Nein!‹ zu antworten, wenn sie diese Liebe
+nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden
+unglücklich sein -- beide -- wenn Sie mich nicht liebten. -- Weisen Sie
+mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich ab!«
+
+Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und ruhig
+-- noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich über ihr
+Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie dieselben
+mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rothe Flecken,
+die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert hatten;
+sie erhob sich wund und weh, um Thränen zu verbergen, die er fließen
+gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem Anblick
+wandte, und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte seinen
+Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen,
+steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern,
+er fühlte in ihren göttlichen Gluthen alles schmelzen, was in ihm
+an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat
+auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster
+Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog.
+
+»Sagen Sie noch Ja?« fragte er leise.
+
+Sie nickte schweigend und sah ihn an.
+
+»Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: Ja?«
+
+»Ich sage dennoch Ja,« erwiderte sie mit ihrem bezaubernsten Lächeln.
+
+»So gehörst Du mir,« flüsterte er ihr zu, »so bin ich Dein -- und ich
+bin es ganz ... Gebiete! herrsche!«
+
+Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie
+schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen -- aber sie wagte es nicht
+... Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie
+mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter
+der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Thür, und Marianne
+trat ein.
+
+ * * * * *
+
+Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vortheile,
+meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich
+bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine
+Seele gekommen? Die Ungleichheit seiner Laune störte Theklas heitere
+Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm
+berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urtheil mehr
+von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder
+jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter
+und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus zu
+citiren pflegte, der zur Theilnahme aufforderte, ließ er jetzt ruhen.
+Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber
+hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer
+Stimme auf ihn ausübten. Er begann Geschmack zu finden an dem heiteren,
+unbekümmerten Leben im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter und
+schwelgte in dem anmuthigen Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um
+sich her zu verbreiten weiß.
+
+Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme
+Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung, fand
+er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht,
+sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt, wie ein
+Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt,
+den tiefen Sinn der großen Wahrheit: Nachdenken bricht das Herz!
+
+Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich
+bin Ihnen entgegen gekommen,« sagte sie leise und lachend, »um Sie
+abzuhalten bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin
+Limberg, Sie wissen, die Wohlthäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat
+sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten
+aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen
+Beschreibungen von dem Elende dort -- man kann's nicht anhören. Gewiß,
+sie übertreibt.«
+
+»Schwer möglich, in dem Falle,« sagte Paul; er wollte noch etwas
+hinzusetzen, aber sie fiel ihm ins Wort: »Reden wir nicht davon, ich
+bitte Sie! Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich
+machen. Wir geben, so viel in unseren Kräften steht und beruhigen uns
+damit. Sich grämen über das Elend, heißt ja nur es vermehren.«
+
+Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe hatte
+er einst gesagt -- ihm schien mit denselben Worten -- zu seiner jungen
+Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung
+hungernder und frierender Noth, der sie durchaus abhelfen wollte. Die
+junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die
+Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war
+endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme
+Marie! ...
+
+Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er beistimmend
+sagte: »Ja, ja wohl,« eine zarte Gestalt zwischen ihm und ihr
+dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. Aber
+es war ja nur die Gestalt einer Todten, die er niemals geliebt, und in
+der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die
+er liebte!
+
+Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte
+sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten
+Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so
+berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen Widerspruch,
+erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demuth zu
+ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen,
+damit ihm ein solcher Blick öfter zu Theil würde.
+
+Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, entsetzlich
+langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende Paul nicht
+erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen -- und
+als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete Fenster
+drang, und er einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause werfend,
+ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt sah, da
+überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling gekommen
+war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches auch das
+schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in dessen
+Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn lieben.
+Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem greisen
+Ehepaare aufwuchs, liebevoller als er je gethan. Innig, wie nie, fühlte
+er die Sorge für ihr Wohl in seinem Herzen Raum fassen. Sie sollen alle
+neu aufathmen, Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in ihr stilles
+Haus, wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, die ihn lieben
+lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch die ganze Welt
+-- und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den Vater, der
+Erde einen Menschen geschenkt.
+
+Er wird an Theklas Seite ein anderer sein als er in seiner ersten Ehe
+gewesen ist. Damals hatte er eine Pein kennen gelernt, ärger fast als
+unglückliche Liebe: die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht
+erwidert und doch erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es
+gelobt ... Schlimm genug, daß er sich dazu verleiten ließ! -- Als
+Verwandte war Marie ihm werth gewesen, aber als seine Frau, da fand er
+gar vieles an ihr auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet
+durch mich! Immer hatte man ihm gesagt, geborgen seien Alle, die ihm
+angehörten, sein Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. -- Warum
+empfand ~sie~ es nicht? Was wollte sie denn? Kurz angebunden war
+seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand er sich nicht auf
+zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. Verweichlicht schalt
+er sie, anspruchsvoll, und wollte die leise Stimme in seinem Innern
+nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr unrecht thue ... Und wenn
+es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm ein Räthsel -- und er, der
+alles begreift, was die Weisesten denken und die Edelsten empfinden ...
+sie begreift er nicht, er steht rathlos vor diesem Kinde. --
+
+Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich
+grollend ab. -- --
+
+Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es ihr
+Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegen lebt! In Theklas Armen
+werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft schmerzlich
+und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der hellen
+Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, daß er einst
+ein Herz neben sich darben ließ ... Dieses Mal ist er der dürstende
+und verlangende! Thekla liebt ihn nicht wie er sie liebt, wenn auch
+so sehr als sie zu lieben fähig ist. Hatte sie ihn nicht gewählt aus
+freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr erster Blick ihm gesagt: Du bist's
+-- ihr Jawort es nicht bestätigt? Was wollte er mehr als den Besitz
+ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen, hieße sie
+anders wünschen und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte
+sie ihn.
+
+»Bleib wie Du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ...
+»Zärtlichkeit und Schwärmerei von Dir verlangen, hieße Duft und Blüthe
+des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes
+Licht von den leuchtenden Sternen ...«
+
+ * * * * *
+
+Das Geräusch der sich öffnenden Thür weckte ihn aus seinen Träumereien.
+Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend vor Ungeduld
+trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das Zimmer und
+sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht kennen ...
+daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist Alles. Ein nächstes
+Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß es so
+schwer sei vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten ...« Das Wort
+»liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend.
+
+»Nun, Du bist da,« sagte Paul beschwichtigend, »und sehr willkommen.«
+
+Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz
+nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Ueberzeugung
+verschafft, daß auch nicht ~ein~ ordentlicher Sessel vorhanden
+sei, auf dem sich »ein altmodischer Landjunker, der gewohnt ist zu
+sitzen und nicht zu lümmeln«, mit Annehmlichkeit niederlassen könnte.
+
+»Wo ist Dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in
+inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort
+abzuwarten, »nicht residenzfähig natürlich ... Hier braucht man ganz
+andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente ...«
+
+»Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie,« unterbrach ihn Paul.
+»Und nun erzähle! wie sieht es aus bei uns daheim?«
+
+Er hatte dem Gaste eine Cigarre angeboten, welche dieser mit einer Art
+Entrüstung ablehnte.
+
+»Du rauchst nicht?« fragte Paul.
+
+»Nur meine Cigarren, wie Du wissen könntest,« antwortete Kamnitzky
+unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Cigarre
+von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger
+Anstrengung seiner Athmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter
+Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach von
+den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von den
+Ernteaussichten, er sprach von allerlei, und doch -- es war unschwer
+zu errathen -- von dem nicht, was ihm am Herzen lag, was ihm auf den
+Lippen brannte, die sich, nach jedem wie mit Gewalt ausgestoßenen
+Satze, fest zusammenpreßten, um sich bald wieder zu öffnen und -- etwas
+Gleichgültiges zu sagen. Dabei erröthete er alle Augenblicke wie ein
+ängstliches Mädchen und empfand darüber den innigsten Verdruß.
+
+Ach, daß er immer noch erröthen konnte, das war für den alten Mann
+eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer
+Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in
+einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie, war
+alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die
+der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die
+schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die enganliegenden
+Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der
+siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der
+Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen
+Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der
+martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter
+ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles
+paßte nicht zu dem weichen Munde, mit seinem schmerzlich resignirten
+Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine
+Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an,
+seine Befangenheit hinter einem mühsam angenommenen ungebundenen
+Wesen zu verbergen.
+
+Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky
+sprach, an der Cigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's
+Deinen Eltern geht, meinst Du? ... Nun, nun, wie es eben kann ...
+Briefe von Dir -- mehrere nämlich -- müssen verloren gegangen sein.«
+
+Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul dadurch ungeduldig
+gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.«
+
+Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten Augenbrauen
+zogen sich zusammen --: »So,« sagte er -- »freilich, freilich -- die
+vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit,
+Bildung, Intelligenz! wie fände man da Zeit ein paar alte Leute zu
+beschwichtigen, die so thöricht sind, in Sorge um Einen zu vergehen ...
+_ad vocem_ Intelligenz! -- die macht Fortschritte! Wir haben jetzt
+drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den Einen, der im vorigen
+Jahre dort verhungerte. Nun denn! -- also lange nicht geschrieben!« Er
+senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart.
+
+»Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man ihren
+Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch dem
+Kinde ...«
+
+»Dem Kinde? ... das war krank. -- Man hat Dir's verborgen. Aus
+Schonung ... Wie überflüssig -- gelt? Die alten Leute verstehen eben
+die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, wie die gepanzert sind,
+inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem trefflichen Harnisch:
+Gleichgültigkeit! ...«
+
+Jeder Nerv in seinem Gesicht zuckte, er sprang auf, rannte ein paar
+Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul
+stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor und rückwärts
+wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort:
+
+»Gleichgültig, eine schöne Sache -- freilich, man könnt' auch sagen,
+eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall vor die
+Thür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, das
+mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die
+Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei
+ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am
+Wunder ohne Andacht ...«
+
+Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt Deine
+Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je« --
+setzte er nach einer Pause hinzu, »so sagen wir denn: ich bin's nicht
+mehr.«
+
+Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem alten
+Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner Seele
+beschworen. Weich, mit wehmüthigem Vorwurf hob er an: »wie lange warst
+Du nicht mehr bei uns! -- Seit Deiner Rückkehr aus dem Feldzuge ...«
+Er schlug dreimal mit seiner kleinen Faust auf den Tisch -- »seit drei
+Jahren! drei Jahre sind's ...«
+
+Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung.
+Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie
+nicht theilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie
+abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er
+in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. -- Er konnte ja
+wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine
+Wirbel, die Lust an öffentlicher Thätigkeit, der Ehrgeiz in großem
+Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn
+wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ...
+Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist
+kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht
+weinen helfen. Und endlich -- er wird sie schon besuchen, aufgeschoben
+ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner
+flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er
+sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte:
+
+»Drei Jahre ja, -- ja wohl. Damals war es bei uns fürchterlich!«
+
+»Damals war's gut, noch gut,« rief der Freiherr. »Es war kurz nach dem
+Unglück ... Ich spreche von dem Tode Deiner Frau. Unmittelbar nachdem
+man den Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie
+tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat
+... das zeigt sich erst später.«
+
+»Du meinst,« entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen
+Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber
+Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.«
+
+»Im Allgemeinen -- könntest Du wenigstens hinzusetzen,« fiel ihm
+Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie Du, giebt es freilich nur das
+Allgemeine ... Ein Mann wie Du kümmert sich nicht um das einzelne
+Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem
+Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner
+Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte,
+erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere
+Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun Lieber, für Deine alten Leute ist
+die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo die
+Zitterpappeln ... Ja so -- Du weißt nicht -- warst nicht einmal dort
+... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die
+Schultern zurück, wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort,
+mit affektirter Nachlässigkeit, den Blick über Pauls Kopf hinweg, nach
+dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus
+freundlich: Ein Gitter umschließt die Stelle; an den zierlichen Stäben
+ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Epheu bildet, flach und
+breit, einen -- weißt Du, einen ...« Seine Hand zeichnete schwungvolle
+Linien in die Luft, »einen Kranz, so -- verschlungen ... und die Platte
+aus geschliffenem Granit spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein.
+Eingemeißelt in den Stein steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst
+nichts, als nur das Datum; Geburts- und Todestag natürlich ... Darunter
+zwei Verse von ihrer Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.«
+
+»Peinlich! peinlich,« dachte Paul, »werd' ich den Schwätzer nicht los?«
+-- »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen.
+
+»Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber
+aufgeschrieben hab' ich sie, wenn mir recht ist ...«
+
+Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und
+Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog
+endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte.
+
+Dieser las halblaut und langsam:
+
+ »Sehr jung war ich, und sehr an Liebe reich,
+ Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.«
+
+Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im Stillen jede Silbe
+nach: »Ja, ja,« sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist
+sie -- gewesen! Na ... Gott hab' sie selig! Deine Eltern ... sie haben
+freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...«
+
+Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die
+Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den
+geschriebenen Zeilen, die er fest hielt in der herabgesunkenen
+Rechten. Er regte sich nicht -- was ging in ihm vor? Der Alte konnte
+sein Gesicht nicht sehen, doch verrieth seine Haltung, sein beklommener
+Athem eine tiefe Erschütterung. Rathlos stand Kamnitzky vor ihm. Er
+hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, Gescheites! aber die Zunge
+war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben haben für das rechte, das
+erlösende Wort!
+
+Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung griff
+er endlich nach seinem Hute: »Leb' wohl also,« sagte er.
+
+Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor.
+
+»Wann reisest Du?«
+
+»Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohlthuend
+auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene
+Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es
+dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn Du einen
+Auftrag hast für Deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich
+ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal
+hinüber ...«
+
+Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte:
+
+»Im Laufe der nächsten Woche erst? -- Geh mir! So lange wirst Du nicht
+zögern, den Zweck Deiner Reise zu erfüllen.«
+
+»-- Zweck? was meinst Du? ich verstehe Dich nicht.«
+
+»Du verstehst mich recht gut.«
+
+Verwirrt und fassungslos, wie ein ertappter Verbrecher, wandte sich
+Kamnitzky ab. Er war durchschaut. Sein prächtig angelegter Plan
+gescheitert! ... Wie hatte er sich alles so schön eingerichtet! den
+alten Nachbarn, deren Kümmernissen er ein Ende machen wollte, von den
+Geschäften erzählt, die ihn nach der Stadt riefen, versprochen »bei
+dieser Gelegenheit -- vorausgesetzt, daß ihm Zeit dazu übrig bliebe,«
+den Paul zu besuchen. »Aber ja nicht sagen, daß sein Schweigen uns
+Sorge macht!« -- »Sorge macht es Ihnen? ist das möglich? Nein! nein!
+kein Wort, das versteht sich ...« In der Stadt war er mehrere Tage
+herumgezogen, die Pflastersteine zählen, seine beste Unterhaltung,
+um nur mit gutem Gewissen sagen zu können: »Ich bin schon lange da!«
+um nur nicht merken zu lassen, daß er Eile habe ihn zu sehen, den
+Renegaten. Und nun ... Was sind Entwürfe? Was ist ein menschlicher
+Vorsatz? Das ganze Gewebe seiner Intrigue lag kläglich nackt am Tage!
+So schlau angelegt, so diplomatisch ausgeführt -- das heißt, wie man's
+nimmt, bei der Ausführung, da hat es gehapert ... da hat ihm sein
+»verfluchtes Temperament« einen Streich gespielt ...
+
+Stumm grollend empfahl sich Kamnitzky. Von dem überraschten Hausherrn
+gefolgt, eilte er durch den Salon, das Vorzimmer, in das Treppenhaus.
+Er nahm die Hand nicht, die Paul ihm beim Abschiede bot, drückte seinen
+Hut fest in die Stirn und eilte stolzen Schrittes die Treppe hinab.
+
+An die Rampe gelehnt blickte Paul ihm nach. Ein Diener, der den
+Besucher an das Hausthor begleitet hatte, kam zurück. »Packe eine
+leichte Reisetasche,« befahl sein Herr, »ich fahre heute Abend für
+einige Tage auf das Land.«
+
+ * * * * *
+
+Im Laufe des Nachmittags begab Sonnberg sich zu Gräfin Marianne.
+»Sind Gäste da?« fragte er an der Thür des ersten Salons den
+voranschreitenden Kammerdiener. Dieser zog die Hand zurück, die er
+bereits auf die Klinke gelegt hatte und in bedauerndem Tone, aus dem
+es trotz aller schuldigen Ehrfurcht deutlich klang --: Dir ist's nicht
+recht, wir verstehen uns -- sprach er: »Frau Gräfin Erlach, Durchlaucht
+Eberstein und der Herr Graf Neffe. Haben hier gespeist, werden wohl
+bald aufbrechen; der Wagen der Frau Gräfin Erlach ist schon vor einer
+halben Stunde gemeldet worden.«
+
+Paul nickte dem Alten für die Auskunft freundlich dankend zu und trat
+ein. Die Portièren zwischen dem Saale, in dessen Mitte das Klavier
+stand und dem kleinen Salon waren zurückgeschlagen. Marianne saß der
+Gräfin Erlach gegenüber am Kamine, Thekla etwas abseits frei und
+aufrecht, die Arme leicht gekreuzt. Der junge Graf Eberstein stand
+neben ihr, zupfte an seinem kleinen Schnurrbart, spielte mit der
+Uhrkette, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel und senkte
+dann mit bescheidener Zufriedenheit die Augen. Der Fürst hatte seinen
+Sessel in die Nähe des Fauteuils gerückt, in dem Gräfin Erlach ruhte,
+und stützte den Arm auf die Lehne desselben. Die lächelnden Gesichter
+aller Anwesenden verriethen, daß die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe,
+die man der jungen Dame nachrühmte, sich eben wieder bewährte.
+
+Paul nahm an ihrer Seite Platz, nachdem er die Damen des Hauses begrüßt
+hatte, und sagte in jenem leichten Tone, den sich Männer so gern gegen
+Frauen erlauben, deren Ehrgeiz darin besteht, »amüsant« gefunden zu
+werden: »Bravo, Gräfin, bravo -- ein vortrefflicher Einfall!«
+
+-- »Was denn?«
+
+»Was Sie eben sagten.«
+
+»Sie haben ja nichts davon gehört.«
+
+»Was thut's? Ich kann dennoch, bei dem -- Wenigen, was Ihnen heilig
+ist, schwören: es war vortrefflich!«
+
+Klemens lachte schallend und sah dabei Thekla mit Blicken an, die
+deutlich sagten: lachen Sie doch auch! Ach, dem Fürsten war Thekla zu
+kühl, Paul zu geduldig, er fand es längst an der Zeit, der Brautwerbung
+ein Ende zu machen, er konnte nicht oft genug wiederholen, die jungen
+Leute hätten sattsam Gelegenheit gehabt, einander kennen zu lernen.
+Worauf wartete man noch, um Gotteswillen? wodurch sollte Sonnberg noch
+beweisen, daß er Theklas würdig sei? Ein Mann wie man ihn weit suchen
+könne, charaktervoll, edel, verläßlich ... Klemens wurde so maßlos in
+dem Lobe seines Schützlings, daß Marianne ihm einmal sagte: »Wenn es
+ein Mittel giebt, Einem Sonnberg zu verleiden, dann sind Sie im Besitze
+desselben, mein armer Freund ...«
+
+Die Gräfin Erlach beantwortete Pauls Compliment mit einem spöttischen
+Lächeln. Sie schien immer spöttisch zu lächeln, sogar wenn sich ihr
+Gesicht in vollkommener Ruhe befand. Dann ging sie zu einem andern
+Thema über und sagte zu Marianne: »Tonchette kommt morgen aus Paris
+zurück.«
+
+»Haben Sie große Bestellungen bei ihr gemacht?«
+
+»Große, nein -- nur ein paar Toiletten, das Nothwendigste.«
+
+»Was man ins Haus braucht, um seinen Mann zu bezaubern,« bemerkte
+Klemens, und Paul fiel ein:
+
+»Das heißt, um ihn in der Bezauberung zu erhalten, denn bezaubert ist
+er ja längst.«
+
+»Schreibt der Graf noch immer?« fragte Alfred schüchtern und zugleich
+dreist wie ein kaum flügge gewordenes Spätzchen, das kämpfend zwischen
+anerzogener Bescheidenheit und angeborener Keckheit, nicht ohne Zögern
+sein Stimmlein im Kreise älterer Gefährten erhebt, »schreibt er noch
+immer so viele Gedichte an Sie, Gräfin?«
+
+»An mich? was fällt Ihnen ein? -- Ich weiß nichts davon.«
+
+»Wer das glaubte!« sprach Marianne mit einem Anflug von Sarkasmus. »Ihr
+Mann macht Ihnen gewiß kein Geheimniß aus den poetischen Huldigungen,
+die er Ihnen darbringt.«
+
+»Doch!« entgegnete die Gräfin, »wenn auch sehr unwillkürlich. Er
+besteht nämlich darauf, mir das alles vorzulesen; und ich, sehen Sie,
+ich kann nicht zuhören, wenn mir Jemand vorliest, ich kann nicht. Meine
+Gedanken fliegen davon, sobald die Lectüre beginnt und stellen sich um
+keinen Preis wieder ein, bevor sie beendet ist. Dann natürlich sage ich
+auf gut Glück: »Charmant, charmant, sehr schön geschrieben -- besonders
+das Letzte!«
+
+Man lachte, auch Paul nahm Theil an der allgemeinen Heiterkeit, etwas
+gezwungen allerdings; und er wandte sich plötzlich mit den Worten
+an Gräfin Erlach: »Eigentlich muß ich Ihnen aber sagen, daß die
+schriftstellerischen Versuche Ihres Mannes aller Aufmerksamkeit werth
+sind und die Ihre erwecken sollten.«
+
+Die Gräfin sah ihn an mit jenem unbeschreiblichen Erstaunen, das
+Leute ergreift, die ihr ganzes Leben hindurch nur gespielt haben und
+entschlossen sind, bis an ihr Ende weiter zu spielen, wenn ihnen
+plötzlich zugemuthet wird, irgend einer ernsthaften Sache Interesse
+zu schenken. Jetzt lächelte nicht mehr ihr Mund allein, ihr ganzes
+nicht regelmäßig schönes, aber äußerst anziehendes Gesicht und ihre
+großen schalkhaften Augen lächelten mitleidig, spöttisch, übermüthig,
+lächelten auf jede Art. Sie warf den Rest ihrer Cigarette in den Kamin,
+begann sorgfältig und mit Bedacht ihre Handschuhe anzuziehen und sprach
+in ihrer langsamen und nachlässigen Weise: »Fremde haben leicht reden.«
+Sie glättete die Falten ihrer Handschuhe und setzte nach einer Pause
+hinzu: »Mein Mann ist sehr leicht auswendig zu wissen, und ich weiß ihn
+auswendig -- seit vier Jahren! trotzdem sagt er sich mir täglich auf,
+in Versen und in Prosa. Das befriedigt zuletzt auch die brennendste
+Neugier.«
+
+Die Gräfin erhob sich, und die Damen riefen bedauernd, wie aus einem
+Munde: »Sie wollen schon fort?«
+
+»Es ist höchste Zeit, ich muß meine Schwiegermutter abholen, in die
+Oper ...« Sie versenkte sich in die Betrachtung ihres Fächers, warf
+einen langen Blick in den Spiegel -- »Meine Schwiegermutter behauptet,
+eine Oper ohne Ouverture sei wie ein Mittagsessen ohne Suppe ... und
+meine Schwiegermutter hält etwas auf Suppe, wie alle alten Leute.«
+
+Der Fürst blinzelte nach der Uhr, die eben acht schlug, gab seinem
+Neffen einen Wink und sprach: »Alfred wird die Ehre haben, Sie an Ihren
+Wagen zu bringen.«
+
+Alfred verneigte sich. Sie wollen mich weg haben, dachte er und
+murmelte etwas von: »Besonderem Vergnügen.«
+
+Als die Beiden sich entfernt hatten, sagte Thekla zu Sonnberg mit einer
+ihr ungewohnten Lebhaftigkeit: »Wie schade, daß Sie nicht früher kamen!
+Sie hätten sich unterhalten. Julie war heute so gut aufgelegt, so
+witzig!«
+
+»Witzig nennen Sie das?« entgegnete Paul. »Es ist schale Spaßmacherei;
+und auf wessen Kosten spaßt die Gräfin? -- sie macht ihren Mann
+lächerlich.«
+
+»O, das besorgt er wohl selbst.«
+
+»Wodurch?«
+
+»-- Und wenn sie es thut, geschieht es aus Nothwehr ...«
+
+»Wodurch?« wiederholte er -- »Wodurch?« Sein Gesicht färbte sich
+dunkler, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- »Lieben --
+geliebt werden -- macht das lächerlich?«
+
+Thekla sah mit Erstaunen, daß er zürnte. Was hat er denn? Was liegt ihm
+an dem armen kleinen Erlach? ... er versetzt sich doch nicht an seine
+Stelle, vergleicht sich doch nicht mit dem? ... Eine solche Möglichkeit
+darf von Thekla nicht angenommen werden -- o -- nicht einmal geahnt!
+Mit etwas unsicherer Stimme und mit der unschuldig altklugen Miene
+eines Kindes, das fremde Weisheit von seinen Lippen strömen läßt,
+sprach die junge Gräfin: »Ach nein, Liebe zu empfinden ist nicht
+lächerlich, aber es zur Schau tragen, das ist's!«
+
+»Wer sagt Ihnen, daß Erlach seine Liebe absichtlich zur Schau trägt?
+Vielleicht fehlt ihm nur die Kraft, sie zu verbergen, wie er's sollte,
+dieser Frau gegenüber. Verspotten Sie ihn nicht -- bedauern Sie ihn.«
+
+»Ach!« rief Thekla, »ich bedaure Niemand, der Gedichte macht.«
+
+»So?« Paul schwieg eine Weile, dann fragte er plötzlich: »Was ist's
+mit den Gedichten, die ich Ihnen neulich brachte? Haben Sie darin
+gelesen?«
+
+»Ja,« antwortete sie zögernd.
+
+»Und was sagen Sie dazu? Ich habe das Buch jahrelang besessen und es
+nicht zu würdigen verstanden. Vor wenig Tagen kam es mir zufällig in
+die Hand, und mir war, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es ist
+herrlich ... finden Sie nicht?«
+
+»Herrlich -- ja, zu herrlich für mich.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Es heißt ...«
+
+»Nun? vollenden Sie doch!«
+
+Thekla warf den Kopf zurück: »Ich bin überhaupt keine Freundin von
+Gedichten,« sagte sie.
+
+Er zuckte die Achseln. »Sache des Geschmacks!«
+
+»Ja wohl!«
+
+»Und es giebt guten und schlechten.« Paul war wieder in den herben Ton
+verfallen, den er ihr gegenüber nie mehr anschlagen wollte.
+
+Dieser kleine Wortwechsel berührte den Fürsten Klemens sehr unangenehm.
+Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, räusperte sich mißbilligend
+und warf der Gräfin einen bedauernden Blick nach dem andern zu.
+Plötzlich rief er aus, in der Weise eines nachsichtigen Vaters, der
+streitende Kinder zu beschwichtigen sucht: »Jedes von Euch hat Recht --
+gewissermaßen Jedes!«
+
+»O,« wandte er sich ernsthaft zu Marianne, »das kann leicht sein; es
+trifft sich wohl -- -- ja, wenn man die bezüglichen Standpunkte ins
+Auge faßt, trifft sich's eigentlich immer. Was meinen Sie?« Er wartete
+die Antwort nicht ab, sondern erhob sich: »Aber, wir müssen ja fort ...
+Auch Sie haben bereits die Ouverture versäumt, was freilich nicht für
+ein Unglück gilt, im Burgtheater ... Es ist doch heut' Ihr Logentag?«
+
+»Nicht der unsere, der unserer Kammerjungfern, denn man giebt ein
+Trauerspiel. Wir bleiben zu Hause und wollten Sie beide,« Marianne
+nickte Paul freundlich zu, »bitten, uns Gesellschaft zu leisten.«
+
+»Wir sind bereit! o mit Vergnügen!« rief der Fürst und ließ sich
+sofort in einen bequemen Fauteuil nieder, der zwischen dem Kamin und
+dem Arbeitstischchen der Gräfin stand. Sie nahm ihre Tapisserie zur
+Hand, über welche Klemens viel Schmeichelhaftes zu sagen wußte. Er
+fand die Zeichnung, »Wirklich, man muß gestehen! geschmackvoll, und
+erst die Farben!« er hatte niemals zwei Farben gesehen, die so gut
+harmonirten -- nicht einmal auf einem englischen Plaid -- wie dieses
+Blau und dieses Grün ... Mit hausfreundlichem Behagen und mit dem
+Interesse für den Inhalt von Nähtischen und Arbeitskörben, das beinahe
+alle Männer auszeichnet, die Talent zur Weichlichkeit besitzen, begann
+er das zierliche Necessaire aus Elfenbein zu öffnen und zu schließen,
+die goldenen Scherchen und Büchschen ein- und auszuräumen; er zog die
+bunten Seidensträhnchen, die sich die Gräfin zurechtgelegt hatte, durch
+seine Finger, und spielte so lange mit den kleinen Knäueln und Spulen,
+bis Marianne endlich ungeduldig ausrief: »Ich beschwöre Sie, Klemens,
+lassen Sie mein Handwerkszeug in Ruhe.«
+
+Er gehorchte resignirt, als ein ritterlicher Mann, der gewöhnt ist,
+in strenger Zucht gehalten zu werden und gleich wieder den kurzen
+Zügel zu fühlen, so bald er sich ein wenig gehen lassen möchte. Seine
+Aufmerksamkeit wandte sich dem »anonymen Brautpaare« zu, wie er Paul
+und Thekla nannte. Die jungen Leute hatten sich in den Saal begeben.
+
+Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen
+Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit
+bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den
+reichen Flechten ihrer blonden, natürlich gewellten Haare; ihr Gesicht
+nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den
+Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu
+denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst, mehr
+als die Flachheit des Lebens, das du führest, ahnen läßt.
+
+Er stand ihr gegenüber, legte die verschränkten Arme auf das Klavier,
+beugte sich vor und versank in die Wonne ihres Anblicks.
+
+»O Schönheit! Herzbezwingerin! Herrin, Königin! -- Du bist der Frieden,
+-- wer kann dir grollen? Du bist der Sieg, -- wer kann dir widerstehen?
+Nur kurzsichtige Thorheit frägt, ob in der schönen Hülle eine schöne
+Seele wohne. Die Hülle ist nur darum schön, weil die Seele sie schön
+belebt. ~Eins~ sind Form und Wesen; sie sind es im Kunstwerk, das
+hervorging aus Menschenhand, und wären es nicht im höchsten Kunstwerke
+der Schöpfung? ...
+
+Unverwandt ruhten seine Augen auf ihrem edlen Angesichte; sie erhob die
+ihren zu ihm und sah ihn forschend und etwas besorgt an.
+
+-- »Sie hören nicht zu -- mißfällt Ihnen, was ich spiele ... oder hätte
+ich überhaupt nicht spielen sollen? Ich weiß, Sie lieben Musik nicht
+immer.«
+
+Sie schloß ihr Notenheft und schob es unter das Pult, das sie langsam
+niedergleiten ließ. Die kleine Scheidewand, die sie getrennt hatte,
+senkte sich.
+
+»Thekla,« sprach Sonnberg, »mir gefällt Alles, ich liebe Alles, was Sie
+thun. Wissen Sie das noch nicht?«
+
+Heller Freudenglanz breitete sich bei diesen Worten über ihr Gesicht,
+und sie entgegnete schalkhaft, übermüthig: »Gefällt Ihnen auch Alles,
+was ich sage?«
+
+Paul gab keine Antwort; er blickte schweigend vor sich hin und sagte
+endlich: »Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin
+Thekla.«
+
+»Sie wollen fort?« fragte sie äußerst erstaunt -- »und wohin?«
+
+»Auf das Land, zu meinen Eltern.«
+
+»Werden Sie erwartet? Haben Sie zu kommen versprochen?«
+
+»Nein. Ich will sie überraschen.«
+
+»Ah -- Sie stehen mit Ihren Eltern auf dem Fuße der Ueberraschungen ...
+So ist das!«
+
+Sie schlug einige Töne auf dem Klavier an, leise, ohne Zusammenhang.
+»So ist das!« wiederholte sie gedehnt: »Ihre Eltern können wohl nicht
+leben ohne Sie?«
+
+»Daß sie es können, beweisen sie, denn -- sie leben.«
+
+»Dann also!« -- Sie sah ihn plötzlich an; eine Wolke voll drohenden
+Ernstes war auf seiner Stirn aufgestiegen; ein Zug bitteren Schmerzes
+spielte um seine fest zusammengepreßten Lippen, ein Schmerz, dem
+Zorne gar nah verwandt und gewiß bereit, sich als solcher zu äußern
+... Thekla ahnte, wußte es, und dennoch! zum ersten Male war es nicht
+Furcht, was sich in ihr regte, als sie in sein verfinstertes Gesicht
+blickte, sondern die halb unbewußt erwachende, echt weibliche Lust
+an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem
+Stärkeren -- dem Manne.
+
+Ei, dachte sie -- du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du
+unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt? ...
+
+Sie verschränkte ihre Arme über dem Pulte, beugte sich vor und drückte
+ihre Wange auf ihre Hand, während ihr Auge sich zu ihm erhob, der sie
+liebte.
+
+»Bleiben Sie bei uns,« sprach sie, hielt inne, schien zu überlegen und
+fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit
+hinzu: »Bei mir!«
+
+Sein Blick glitt über ihr demüthig gesenktes Haupt, über den jungen,
+schlanken Nacken, die königlichen Schultern, über die ganze, vor ihn
+hingegossene Gestalt, und alle süßen Schauer bewunderungstrunkener
+Liebe durchzitterten ihn. Sein Herz pochte wie ein Hammer in
+seiner Brust, er richtete sich auf ... Ein ungeübter Trinker, dem der
+Wein zu Kopfe steigt, der mit Entsetzen seine Herrschaft über sich
+selbst schwinden fühlt, ruft sich nicht eindringlicher zu: Nimm dich
+zusammen, wägt seine Worte nicht sorgfältiger, als Paul es that, und
+als er sprach: »Ich bin heute hart gemahnt worden an eine versäumte
+Pflicht.«
+
+Hart gemahnt? dachte Thekla -- das wagt Jemand, das lässest du dir
+gefallen, und ich lebe in Angst vor dir? -- »Sind denn Ihre Eltern so
+anspruchsvoll?« fragte sie rasch. Auch sie hatte sich aufgerichtet und
+sah ihm gerade ins Gesicht.
+
+»Das sind sie wirklich nicht!« rief er, »sie sind nur sehr
+bedauernswerthe, alte, einsame Leute. -- Haben Sie schon einmal darüber
+nachgedacht, daß Sie die Tochter dieser alten Leute werden sollen,
+liebe -- liebe Thekla?« fragte er und reichte ihr über das Pult hinweg
+die Hand, in welche sie ohne Besinnen die ihre legte.
+
+»Gewiß,« sprach sie, »ganz gewiß.«
+
+Paul begann das Leben zu schildern, das seine Eltern auf dem Lande
+führten; er schilderte sie selbst mit Wärme und Lebhaftigkeit; er
+sprach Alles aus, was er den Tag hindurch gedacht, und so lange er
+lebte, hatte er wohl nie so innige, herzliche und milde Gedanken gehabt.
+
+»Ich will meinen Eltern von Ihnen sprechen,« schloß er bewegt. »Sie
+ist es, die mich zu Euch schickt, will ich sagen, die mich drängte,
+Euch endlich in Eurer Verlassenheit aufzusuchen. Sie werden dafür
+geliebt und gesegnet werden, Thekla, und wie wird mich das beglücken!«
+
+Während er sprach, hatte ihre Hand wie todt in der seinen gelegen.
+Als er nun schwieg, entzog sie ihm dieselbe, spielte mit ihrem
+Taschentuche, legte es ganz klein zusammen, glättete es auf ihrem
+Knie, und dieweil er dachte: »O, nur jetzt den Anklang einer weichen
+Empfindung, nur einen einzigen, leisen Herzenslaut!« -- sagte sie:
+»Ihre Eltern haben sich so lange ohne Sie beholfen, sie werden es
+noch länger thun ... Schreiben Sie ihnen, entschuldigen Sie sich --
+versprechen Sie ihnen zu kommen.«
+
+Paul athmete tief auf: »Sie haben mich mißverstanden. Ich brauche mich
+nicht zu entschuldigen, brauche nichts zu versprechen; meine Eltern
+denken nicht daran, meine Rückkehr zu fordern. Ich selbst wünsche sie
+wiederzusehen -- ich selbst sehne mich ...« Er brach ab und fragte
+plötzlich: »Begreifen Sie das nicht?«
+
+»Nein! ich begreife nichts, als daß Sie jetzt nicht abreisen dürfen ...
+Abreisen -- welch ein Einfall! was treibt Sie denn fort?«
+
+»Ich meinte es Ihnen auseinander gesetzt zu haben ... Mein Gott, wozu
+rede ich?!«
+
+»Und -- ich?« fragte sie mit einem langen vorwurfsvollen Blick ...
+
+Thekla legte die Verwirrung, die sich in Sonnbergs Zügen malte, zu
+ihren Gunsten aus. Giebt er schon nach oder ist es ihm gar nicht
+Ernst gewesen mit seinem Reiseplan? Er will vielleicht nur gebeten
+werden, ihn aufzugeben, und wäre sehr enttäuscht, wenn Thekla keinen
+Widerstand leistete. Und zum Widerstand ist sie ja entschlossen! ...
+Es ist freilich ein wenig mühsam das Alles, und der gute Graf etwas
+schwerlebig. Aber seine Seltsamkeiten werden sich geben, »wenn Ihr nur
+erst verheirathet seid,« meint Mama. Nun denn! Gräfin Sonnberg wird man
+eben nicht so leicht, wie man etwa -- Gräfin Eberstein würde.
+
+Thekla begann eine lebhafte Beredtsamkeit zu entfalten. Sie führte ihr
+ganzes weibliches Rüstzeug von liebenswürdigem Trotz, von anmuthiger
+Würde und wehmüthigem Scherze in das Treffen; sie war geistreich und
+reizend und drohte schließlich auf das unwiderstehlichste mit ihrem
+Zorne. Paul hörte sie an, aufmerksam, gespannt; er sah ihr in die
+Augen, auf die lieblich gekräuselten Lippen; er schien auf etwas
+zu warten, auf etwas, das nicht kam, und seine Miene wurde immer
+kälter, immer strenger. Warum? warum dieses steinerne Lächeln, dieser
+mißbilligende Blick? Worin verfehlte es die kluge Rednerin? Was wollte
+er eigentlich hören, was verlangte er von ihr? Sie errieth es nicht,
+noch immer nicht! -- und jetzt war sie zu Ende, jetzt wußte sie nichts
+mehr.
+
+Er aber schien sich grausam an ihrer Rathlosigkeit zu weiden, und
+sagte, sie scharf fixirend: »Nehmen Sie sich in Acht! Sie machen mich
+übermüthig. Ich muß glauben, daß Sie den Gedanken nicht mehr ertragen
+können, acht Tage lang von mir getrennt zu sein. Welche Schwäche,
+Gräfin, welche Sentimentalität!«
+
+Beim Himmel! wenn er jemals gewünscht hatte sie zu erzürnen, jetzt ward
+ihm der Wunsch erfüllt! Ihre Wangen flammten, sie erhob sich, eine
+beleidigte Göttin, und sprach in feuersprühender Entrüstung: »Reisen
+Sie!«
+
+Klemens hatte nicht aufgehört, die jungen Leute zu beobachten und von
+Minute zu Minute der Gräfin zu berichten: »Er hört ihr mit Entzücken zu
+-- wie sie aber auch spielt! glockenrein, und immer im Takt, das muß
+man sagen, diese Thekla ... Jetzt hält sie inne -- spricht ... und er,
+er brennt! er brennt! er gäbe Funken, glaube ich, wenn man ihn anrühren
+würde, wie eine Elektrisirmaschine ...«
+
+Der Fürst faltete seine großen weichen Hände, sah die Gräfin an wie
+ein Andächtiger ein Madonnenbild und fragte: »Wenn diese beiden armen
+Kinder jetzt vor Sie hinträten und sprächen: ›Gieb uns deinen Segen!
+--‹ was würden Sie thun?«
+
+»Ich würde ihn unbedenklich geben,« entgegnete Marianne.
+
+»O Himmel! ... o herrliche Frau!« rief der Fürst und hätte sich bei
+einem Haar auf seine Kniee niedergelassen. Da schlug Theklas laut
+gesprochenes »Reisen Sie!« an sein Ohr, und mit Schrecken sah Klemens
+das Paar, mit dem er es so gut meinte, nun erscheinen -- ach, in nichts
+weniger als glückseliger Eintracht! Da kamen sie, die Gottbegnadeten,
+die Schicksalsgeliebten, die für einander Geschaffenen, beide in
+großer Erregung, die Köpfe hoch, mit finsteren Stirnen, Eines den Blick
+des Anderen vermeidend, und: »Was giebt es denn?« fragte Klemens in
+scherzendem Tone, eigentlich aber sehr beunruhigt.
+
+»Der Graf verläßt uns, wünschen Sie ihm eine glückliche Reise,«
+erwiderte Thekla halb abgewandt, und machte sich an dem Tische zu thun,
+auf welchem der Kammerdiener soeben das Theezeug ordnete.
+
+»Verläßt uns?« Klemens konnte das nicht glauben, auch dann noch nicht,
+als Paul es bestätigte. »Papa und Mama besuchen? lächerlich!« der Fürst
+war im Begriffe, so boshaft zu werden, als er nur konnte, aber Marianne
+fiel ihm ins Wort.
+
+Sie sah ihren zukünftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte:
+»Sie haben recht! Gehen Sie. Wir werden Sie zwar schwer vermissen,
+aber wir sagen doch, Sie haben recht, Ihre guten Eltern nicht zu
+vergessen. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung
+auf ein solches Wiedersehen leben, und von der Erinnerung daran zehren
+monatelang. Sehen Sie sich während Ihres Aufenthaltes im Vaterhause
+auch das Persönchen gut an, von dem wir schon einmal sprachen, und das
+ich liebe, ohne es zu kennen. Wenn Sie, wie ich hoffe, bald zu uns
+zurückkehren, dann werden Sie mir erzählen, ob das kleine Ding eine
+Individualität besitzt oder nicht!« Sie drohte lächelnd mit dem Finger:
+»Sie werden es mir ehrlich erzählen. -- Ich wiederhole: Es thut uns
+sehr leid, daß Sie uns verlassen, aber wir billigen es von ganzem
+Herzen. Nicht wahr, Thekla?«
+
+Paul ergriff die Hand Mariannens und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß
+darauf, der so auffallend lang dauerte, daß Klemens nicht umhin konnte,
+ein halb verlegenes, halb agressives Räuspern vernehmen zu lassen und
+zu denken: »Nun -- was heißt denn das?«
+
+Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul wurde
+heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte in den
+fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so gern! und
+war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr Neigung zum
+Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, einen guten
+Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die beiden Herren
+empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch bis zu dessen
+Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem Herzen.
+
+»Hör' einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der Straße
+angelangt waren. »Ich begreife Dich nicht! Ein solcher Zauderer! ...
+Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit benützen
+und sagen: Sie kennen mich jetzt -- mein Herz -- -- meinen Charakter --
+und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen ... _et
+cetera_! Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle Noth eines
+provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und Ihr wäret im Reinen.«
+
+»Wir sind im Reinen; es ist Alles ausgemacht: Wir heirathen uns,«
+sagte Paul. Die Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein
+Gesicht, das dem Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden
+Ausdruck beseelt erschien. »Wir heirathen uns,« wiederholte er, »weil
+sie Gräfin Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ...
+ja verliebt. -- Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.«
+
+Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und begann
+plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Thorheit hat einmal behauptet,
+daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert.
+Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler
+des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren.
+Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren,
+der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, spricht sie zu ihrem
+Gegenstand. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen Grund, kein Recht;
+es ist eine Tollheit, daß ich bestehe -- aber ich bestehe doch! ich
+leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe doch‹!«
+
+»Nun nun,« sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... was Statue! --
+die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber
+ein bischen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber!
+Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege
+der Leidenschaft. Uebers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über
+unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht
+hergestellt.«
+
+Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen nothdürftigen Schluß, da sie
+am Hausthore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. Sonnberg
+eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie allabendlich
+den Weg nach dem Klub ein.
+
+ * * * * *
+
+In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf
+schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen
+Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirthbarste Gegend des
+nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! -- Rauh
+weht der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem
+weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige
+Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die
+nothdürftigste zu Theil werden läßt. Ganze Strecken wie übersäet mit
+Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln
+ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von
+breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch
+gethaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen
+herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf den
+Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahr alt und nicht dicker als der
+Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt, -- keine
+Wiese so weit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, das seine
+Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche die Straße führt,
+gleichen eine der andern aufs Haar. Ihre kleinen, aus Thonschiefer
+erbauten und mit Stroh gedeckten Häuser drängen sich an einander, als
+bedürften sie, um nicht umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der
+Mitte dieser Ansiedlungen liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit
+gekappten Zweigen umgeben, die sich, so gut es geht, in seinem nur
+selten klaren Gewässer spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das
+Juwel des Dorfes, der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des
+schwimmkundigen Federviehs.
+
+Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner Cigarre
+von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem Kutscher, der
+über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden Gäule einhieb.
+Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, die es noch
+zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und während der
+Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der Fahrgast mit
+einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht und im
+Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er stehen,
+den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich
+freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar.
+
+Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, Raine
+und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende
+Schlehdornhecken schmückten den Saum des Thals, das eine dreifache
+Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg gegen
+Westen noch einmal empor, um dann sachte abwärts zu gleiten, ohne
+andere Grenze als den Horizont. Dort aber, wo Erde und Himmel einander
+zu berühren schienen, stand eine schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der
+untergehenden Sonne wie mit einem glühenden Ringe feurig und prächtig
+eingefaßt. Von ihrem dunklen Hintergrunde hob sich ein stattliches
+Gebäude in verschwimmenden Konturen ab und schimmerte weißlich herüber
+im Dufte der zitternden Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und
+Thürmen, es ist das Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der
+Ferne grüßt. Paul steht auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte
+Markstein, an den sein Fuß stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen.
+
+Wie hatte ihm das Herz gepocht, als Knabe und als Jüngling, wenn er
+an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah,
+und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm
+lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm
+entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt
+überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen
+heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße
+weiter fahren, während er selbst querfeldein, über die Schlucht und
+den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte.
+Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit,
+mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine
+Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte.
+
+Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul
+pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen, die Mauer überhangenden
+Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens,
+er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig;
+einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte
+Bresche, durch welche auch fleißig ein- und ausgegangen wurde von zwei-
+und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Gras und im
+Schutte deutlich verriethen.
+
+Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die vor ihm
+Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum siebenjähriges
+Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, reichte ihm die
+kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: »Gelobt sei Jesus
+Christus!«
+
+»Und die Gemeinde-Polizei!« antwortete Paul.
+
+Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: Den
+frevelhaften Spaß versteh' ich nicht.
+
+Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Theil
+des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer
+Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über
+kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch
+andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich
+Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie
+herausfordert.
+
+Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan erhob sich, von
+Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker,
+großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Aeste über eine
+zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen.
+Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war
+die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben.
+Hier hatte er sie gefunden, als er -- einmal schwach in seinem Leben!
+-- den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt
+und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst Du's mit
+mir wagen, Marie?«
+
+Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Thränen, Angst und
+Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!«
+
+Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet
+worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und
+heftig rief er: »Warum? sage -- warum?«
+
+Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie
+sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen
+zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil Du mich nicht liebst,
+und -- weil ich Dich liebe. Es wäre ein Unglück.«
+
+Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den
+ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's!
+
+Sie behielt Recht ... Es war ein Unglück gewesen.
+
+Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im
+Weiterschreiten: »Arme Marie!«
+
+Allmälig hatte der Wind sich gelegt; wie aufathmend nach schwerem
+Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihre Gezweige im
+Abendthau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar
+Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von
+Millionen Blüthen schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde
+die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich Alles wie mit
+durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange
+getreten, der ihn noch trennte von dem Blumen-Parterre vor dem
+Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem
+Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Thür des Saales stand
+geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges
+Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen
+bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ...
+
+»Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei ihnen.
+-- Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines Sohnes,
+über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, sprachlos
+streckte sie die Arme aus, ihre Kniee wankten. Paul erfaßte die alte
+Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den beiden, klopfte
+Pauls Schulter mit schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter:
+»So, so -- laß ihn -- er liebt das nicht -- es ist genug --« Er selbst
+erwiderte kurz die Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch Jemand,« sagte
+er und deutete auf ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen
+Begrüßung mit bangem Erstaunen zugesehen hatte, und das sich nun vor
+dem fremden Manne hinter dem Thürflügel verkroch und die Augen scheu
+mit seinen blutlosen Händchen bedeckte.
+
+ * * * * *
+
+In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und
+Aufträge ertheilt worden, als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft.
+Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern von den
+Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu
+seinem Empfange zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber
+jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum
+von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es
+überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß
+sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und
+abermals verließ sie das Gemach.
+
+Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe
+ergriff ihn, so oft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden,
+sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter -- Du mußt Geduld
+haben.«
+
+Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Aengstliches sprach sich in
+seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des
+Gesprächs entglitt ihm -- alt war er geworden!
+
+Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im
+großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf
+das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der
+magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den
+gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in
+ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den
+Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur
+flüchtig, um seiner Frau einen raschen, fragenden Blick zuzuwerfen,
+den sie mit verständnißvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders
+auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin
+entschuldigend zu Paul: --
+
+»Hab' Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt -- -- für den Vater und
+mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr
+gespeist seit dem -- seit dem Tode ...«
+
+Die Stimme versagte ihr.
+
+»Ja, ja,« murmelte der Greis, und die Thränen, die an seinen Wimpern
+gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte eine
+unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes
+Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge.
+
+Ist es denn möglich? so neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch
+dieser Verlust?
+
+Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. Die
+Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein schwaches
+Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete die
+Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus
+ihren verwitterten Zügen -- Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach
+der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die lang ersehnte Freude
+des Wiedersehens mit dem einzig geliebten Sohne, nun war sie erlebt und
+hatte die glückentwöhnten Menschen tödtlich erschöpft. Da haben sie
+ihn nun, der ihr Abgott, ihr Ein und Alles ist; nichts fehlt zu ihrer
+Seligkeit als -- die Kraft, sie zu genießen.
+
+Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so gebrochen
+zu finden, hatte er nicht erwartet.
+
+Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden,
+hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Thee dampfte in
+chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische
+Confitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll
+gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der
+Kammerdiener glitt servirend umher, unhörbar und emsig, lächelnde
+Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Clemens
+hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach
+kicherte und scherzte ... Ja, dort konnte Paul sich Thekla denken,
+hier -- nimmermehr! Sie, mit ihrer Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was
+soll sie in diesem altmodischen Wesen, in dieser Greisen-Atmosphäre?
+Ein unbesiegbares Mißbehagen wird sie ergreifen bei dem ersten Schritt
+über diese Schwelle, niemals wird sie sich hier heimisch fühlen ...
+Paul möchte das kühle Mitleid nicht sehen, mit dem ihr Blick über die
+Häupter seiner Eltern hingleiten würde. Die bloße Vorstellung davon ...
+Das Blut schoß ihm heiß in die Stirn, und er biß die Zähne zusammen.
+
+Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige Worte,
+sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und sagten zu
+sich selber: »Es wird ihm nicht wohl bei uns, es ~kann~ ihm bei
+uns nicht wohl werden!«
+
+Die Thurmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Credenztische das
+Aufziehen und Zuklappen der Laden und Thüren, ein unmotivirtes Hin- und
+Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert
+ihr so lange? geht schlafen, es ist Zeit!
+
+-- Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten
+dringen. Niemand verhindert es, Niemand steht neben ihnen, der ein
+Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind!
+
+Die Eine, die es gethan, ist dahin; die Eine, die sie nicht
+verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war.
+
+Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. Zum
+ersten Mal vermißte er die freundlichen Augen, denen er dort immer
+zu begegnen gewohnt war, die stets so innig gefragt hatten: Bist du
+zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was willst du? Was geht in dir
+vor ... Augen, die aufleuchteten, wenn er heiter, sich trübten, wenn
+er mißmuthig war. Die liebevolle Ausdauer, mit der sie auf ihm ruhten,
+hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt -- wie wohl hätte es ihm
+gethan, nur einmal hineinschauen zu können in diese klaren, tiefen,
+treuen Augen!
+
+ * * * * *
+
+Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer
+wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster flutheten die Strahlen
+der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große
+Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im
+Kelche der duftenden Blüthen. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein
+Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das
+noch im Schlaf liegende Haus.
+
+Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und thaten sehr verwundert,
+als sie ihren Herrn erkannten.
+
+»Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern
+haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt:
+_allons! allons!_«
+
+Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem entschuldigenden
+Wedeln ihrer fleischigen Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein
+Ende nehmen wollte. Ihre matten Augen sprachen: »Bist du gescheit? Wir
+sind zu dick geworden zu derlei Späßen.« Und als Paul seine Einladung
+wiederholte, krochen die Thiere, so rasch, als ihr Körperumfang es
+gestattete, in ihre Hütte zurück. Erst als er hinweggegangen war,
+schlüpften sie wieder heraus, setzten sich jedes an einen Pfeiler des
+Thores und sahen ihm mit liebevollen Blicken nach.
+
+Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der
+Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre
+Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde;
+alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die
+Weiber sahen ihn mit neugieriger Theilnahme an, eine von ihnen rief ihm
+von Weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!«
+
+In nächster Nähe der Pfarrei, und viel ansehnlicher als diese, erhob
+sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte es
+von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in
+einen weitläufigen Obstgarten, mit reihenweis gepflanzten, roth und
+weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen
+grünen Grases, mit Malven und Levkoyen bepflanzt und mit einem netten
+Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau
+getüncht, und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen
+und solider Wohlhabenheit, wie sie immer seltener werden »bei uns
+zu Lande auf dem Lande.« Aus dem Hause trat ein alter, untersetzter
+Mann in blauem, bis an die Fersen reichendem Rocke, der, bei jedem
+Schritte auseinander flatternd, die schwarze Kniehose und die hohen,
+glänzend gewichsten Stiefel sehen ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte
+einen niedrigen Hut mit aufgerollter Krempe, an der Weste Silberknöpfe;
+kurz: es kleidete sich keiner im ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so
+stattlich, wie er am Werkeltag. Dafür war er aber auch Balthasar der
+Große, Balthasar Schießl, der reiche, gescheite: Ein Mann, der's mit
+jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift schreibt, die manche Leute
+sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf Melkerinnen im Stalle hat
+und jahraus, jahrein seine vier paar Ochsen einspannen lassen kann.
+Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt fuhr, um dort Steuern
+zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einem Sitz zweihundert Gulden
+verloren, baar auf den Tisch ausbezahlt, von dem Tage an aber nie mehr
+eine Karte angerührt hat.
+
+Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm die
+Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen,« rief
+er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen
+weiter. Paul fragte nach Dem und Jenem und erhielt auf die Frage: »Wie
+geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam dann:
+»Dem Ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, der
+Zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund herum, Weib
+und Kinder gehen in den Tagelohn. Der Dritte ... das is' halt eine
+G'schicht -- dem sein Sohn, der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er
+denn angestellt?«
+
+»Es heißt, wissen's, daß er den Heger erschossen hat.«
+
+»Es heißt! es wird wohl nicht nur heißen.«
+
+Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, zeigte
+lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest wie eine
+Mauer: »Ja, sehen's, ich sag'« ... Er spreizte die Finger auseinander
+und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: »Es kann sein
+-- und es kann auch nit sein.«
+
+»Ich kenn' Euch!« sprach Paul.
+
+»So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit er
+es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel.
+
+Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der Wilddieberei
+könnt Ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird nur so
+hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast ...«
+
+»Die meinen auch,« sprach Balthasar.
+
+»Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigenthum? Wann werden die Leute
+endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und Dein?«
+
+Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie zu
+stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. Vor der
+Thür stand ein junger Mensch, schäbig aber stutzerhaft gekleidet, und
+schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne.
+
+»Das ist der neue Schullehrer,« sagte Balthasar in nachlässigem Tone.
+
+-- »Der? der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht
+absolvirt haben.«
+
+»Hat's auch nit.«
+
+»Wie so? Ist er relegirt worden?«
+
+»Es heißt, daß er, wissen's, drinnen in der Stadt, aus dem Schulzimmer,
+oder von wo? Maschinen mitgenommen hat, um d'ran zu studiren. Aber
+-- vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn sonst --,«
+sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des größten
+Schauspielers würdig gewesen wäre, »denn sonst hätt' er sie ja nit
+verkaufen können.«
+
+»Das wißt Ihr?« rief Paul, »und den macht Ihr zum Schullehrer? Den
+duldet Ihr?«
+
+»Wir haben ihn nit g'rad ausgesucht, aber er hat Halt ›Prodektion‹, und
+wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit
+weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf,« setzte Balthasar hinzu,
+zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches
+er auf die Ortszustände geworfen.
+
+»Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt Ihr ihn, könnt Eure Kinder
+zu ihm in die Schule schicken!«
+
+»Ich schick' die meinen nit.«
+
+»Ihr schickt sie nicht? Existirt vielleicht kein Schulzwang in
+Sonnberg?«
+
+»Ich zahl' halt Straf',« antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. »Ich
+kann's ja thun.«
+
+Sie gingen eine Weile schweigend neben einander, beide in Gedanken
+nicht angenehmer Art versunken.
+
+»Wenn die Frau ~Gräfin~,« sagte der Alte auf einmal, und fuhr
+unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn die Frau Gräfin noch am
+Leben wäre, so was wär' nie geschehen ... Und hier --« setzte er, in
+plötzlich verändertem Tone hinzu, »thät' es auch anders aussehn!«
+
+Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten
+Meierhof, dem sie sich allmälig genähert hatten.
+
+Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier
+nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der
+That, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem
+Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die
+Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber
+schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der
+Schuppen daneben mit elendem Gerümpel angefüllt war. Alles schmutzig,
+unordentlich durcheinander geworfen, alles verwahrlost, und weder
+Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte
+fragen können: »Wie geht das zu?«
+
+Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen die
+Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin ist
+todt, die alten Herrschaften sehen nix mehr -- und Sie ...« sein Mund
+verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zu viel zu thun!«
+
+ * * * * *
+
+Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt
+war, und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Façade und
+seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich
+lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder
+zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend
+zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung, wie in
+einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle
+ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte
+die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke.
+Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig
+von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her
+und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor
+dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit
+auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn
+Grafen _junior_ gegenüber nicht ein Jota.
+
+»Der Herr Graf sind da,« sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben
+sich _stante pede_ in die Oekonomie, ohne mich haben avisiren
+zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, theilzunehmen an der
+Inspection.«
+
+»Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht
+erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte,« erwiderte Paul, theils
+ergötzt, theils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen
+Herrn, den dessen feinfühlende Gemahlin »Mein opulenter Mann«, zu
+nennen pflegte.
+
+»Ah, -- -- Insinuationen! ...«
+
+»Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um
+sich!«
+
+»Das thue ich täglich,« entgegnete der Herr Verwalter mit einem
+Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben
+könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen
+Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder --
+im Wirthschaftsjournal. Aber jedoch adaptirt, restaurirt darf nichts
+werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. ›Thun Sie nichts ohne
+meinen Sohn!‹ ist des Herrn Grafen stets von Neuem wiederholt ertheilte
+Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.«
+
+»Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt,« versetzte
+Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts,
+belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie sein
+schnaubender Athem verrieth, schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten.
+
+Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die
+sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch
+ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen
+waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten
+Dächern gemahnten an aufgerissene, hungrige Mäuler. Den Vordergrund des
+Jammerbildes bildete eine Pfütze, in der eine zahlreiche Kinderschar
+mit einem Vergnügen herumpatschte, das gewisser Geschöpfe würdig
+gewesen wäre, die mit mehr Beinen und mit weniger Gottähnlichkeit
+ausgestattet wurden, als das menschliche Geschlecht.
+
+»Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet -- »durfte auch
+hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner
+verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue,
+geräumigere errichtet würden.«
+
+Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die
+Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen
+Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen
+zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall
+vorkommt. Wir haben Wohnungsnoth in Sonnberg. Die Leute sind es
+gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer?
+Es würde schlechtes Blut zu machen, zu befürchten geben ... Auch kann
+Niemand der Gutsverwaltung zumuthen, sich zur Tugendwächterin der
+Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt
+-- wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu
+bedenken zu geben geruhten.«
+
+So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Ueberzeugung hatte Paul
+damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt,
+eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er nahe
+daran gewesen, einzuwilligen, denn im Stillen gab er ihr Recht. Aber
+war er der Mann, der gemahnt zu werden brauchte an die Erfüllung einer
+Pflicht? -- Würde er sie als solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge
+geschehen. Demnach hatte Paul ein rasches Ende gemacht, erklärt, er
+wolle von der Sache nichts mehr hören, und über die Subjektivität der
+Weiber gespottet, die immer sich, immer nur sich in die Lage der Andern
+versetzen können und unfähig sind, irgend ein Verhältniß anders als
+persönlich zu beurtheilen.
+
+»Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber
+innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses
+Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein
+Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe
+ähnlich, die er soeben verdammt ...
+
+Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen gewußt!
+Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten sprach, wie
+war es sogleich von ihr errathen, wie dankbar sein Erwachen begrüßt
+worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg ihrer
+guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den Kopf an
+seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm emporgesehen
+und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!«
+
+Ja, ja, sie war anmuthig gewesen und hold. -- --
+
+Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an,« sprach er zu seinem
+Begleiter, »daß ich heute anders denke als zu jener Zeit, daß ich
+einsehe -- kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor,
+die meine Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff
+genommen werden.«
+
+Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf
+scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht
+intensive Wirthschaft, was hier nicht geht! ... Wovon Herr Graf sich
+selbst genugsam überzeugten, und was ich mehrmals die Gnade hatte zu
+bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir
+das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin
+zuziehen zu müssen.«
+
+Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, so oft er von der
+Verstorbenen sprach.
+
+Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach
+dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen
+ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, muthig und
+verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen
+trockenen Worten.
+
+ * * * * *
+
+Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im Saale,
+beide, nach altem Brauche, sorgfältig gekleidet vom frühen Morgen an.
+Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die Knöchel
+reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe sehen
+ließ. Die lichten Locken, zu beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das
+feine Gesicht mit den milden Augen, von einer weißen Haube umgeben,
+die ganze Gestalt wie aus einem Rahmen eines edlen, aber verblaßten
+Bildes getreten, das vor dreißig Jahren gemalt worden war. Ihr Mann,
+der sie einst um Kopfeslänge überragte, sah jetzt nicht größer aus
+als sie. Seine breite Brust war eingesunken, seine Schultern hatten
+sich gewölbt. Aber schön geblieben waren die herrlichen Züge seines
+Gesichtes. Den kahlen Scheitel des wie aus Erz geformten Hauptes umgab
+ein Kranz von schneeigen Haaren, und wie weiße Seide schimmerte der
+Bart, der auf die Brust des Greises niederwallte.
+
+Der Graf stand am Fenster auf seinen Stock gelehnt und sprach:
+
+»Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird
+Befehle geben; Einrichtungen treffen, Alles nach der neuen Art, Alles
+anders als zu unserer Zeit, und tausend Mal besser. Ja, der versteht's!
+Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.«
+
+Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne nicht
+schaden; es gäbe so Manches zu thun in Sonnberg und gewiß, ein
+gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine
+Thätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der
+bescheidene Beruf eines Landwirths der füllt einen solchen Mann nicht
+aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen.
+
+»Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das kann
+er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!«
+
+Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte sich
+an den Frühstückstisch. Er freute sich im Stillen über das frischere
+Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der Gedanke
+gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben Dache mit
+ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt.
+
+»Bist Du zufrieden mit unserer Wirthschaft?« fragte der Graf. »Vogel
+hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen ...
+auch fehlt uns nichts als baares Geld. Das Erträgniß, sagt Vogel,
+das Erträgniß! -- ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen
+Regiekosten zu bestreiten.«
+
+-- Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber -- Schurke!
+du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir
+schlecht. -- Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine
+Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht ...
+
+»Nächste -- Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. So
+lange bleibt er? o Glück! sie dachten nicht mehr ein solches zu
+erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick die
+stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Aeußerung der Zärtlichkeit
+versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über den auf dem
+Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser schüchternen
+Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so unaussprechlicher Dank,
+daß Paul innig sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine
+Lippen drückte. Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Ueberraschung
+auf ihren Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie
+schienen sich zu fragen: Was ist das? -- was ist geschehen? ist er's
+denn noch?
+
+»Je länger Du bleibst, um so besser für uns,« sagte der Graf. »Du bist
+immer willkommen, lieber Sohn.«
+
+Den alten Leuten war seltsam zu Muthe -- ungefähr wie frommen,
+verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen,
+sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter
+sprechen würde.
+
+Die Unterhaltung gerieth ins Stocken, das Frühstück war beendet; Paul
+ging auf sein Zimmer, mit der Absicht -- an Thekla zu schreiben.
+
+Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er Abschied
+von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts begeben, nicht
+ein Ereigniß, das der Mühe lohnte, erzählt zu werden, und doch, ihm
+schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze stille Zeit, er meinte
+fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen übrigen Dasein.
+Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den er an Thekla
+schreibt?: »Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen ...« -- Eine Lüge!
+-- »Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ...« Was kümmern sie seine
+Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd bleiben, und sie
+auch ihnen.
+
+Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das sie lieben lernen
+soll, von dem will er ihr sprechen. Nur muß man kennen, was man
+beschreiben will, und er hat die Kleine noch kaum gesehen, wie
+absichtlich schafft man sie ihm aus dem Wege, erwähnt ihrer nicht,
+gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu behaupten pflegte, kleine
+Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals nur halb und ist jetzt gar
+nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben nichts schwerer, als daß mit
+ihren Kindern eine Veränderung vorgehen könne. Paul erhob sich, um zu
+schellen, und in diesem Augenblicke wurde nach leisem Pochen die Thür
+geöffnet und sein Töchterchen trat ein. Es klammerte sich dabei mit
+einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der anderen trug es einen
+Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, legte Marie dereinst
+täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn soeben halb unbewußt
+vermißt.
+
+»Das bringen wir dem Papa,« sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu der
+Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein guter
+Papa, geh' zu ihm, mein Engel, geh'!«
+
+Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel
+zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte,
+daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen.
+
+»Und das Kind?«
+
+»Das bleibt bei mir.«
+
+»Ganz allein? Es ist so scheu -- Sie sind ihm so fremd --«
+
+Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich keine
+Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, noch
+viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Muth, sich nach ihr
+umzuwenden.
+
+Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze
+und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust.
+
+»Arme, verkümmerte Pflanze!« dachte Paul. »Wachsest auf zwischen einem
+geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest
+frischere Lebensluft!«
+
+Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah die
+Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner
+Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll
+Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst -- so standen Vater und
+Tochter einander gegenüber.
+
+Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mariechen,
+komm' zu mir!«
+
+Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen
+zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in
+unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück.
+»Sie mag sich ausweinen! hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache
+aufhören!«
+
+Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding als
+eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt sich
+die Ohren zu, versuchte seine Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu
+lenken, die im Grün der Linde vor seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von
+Ast zu Ast huschten, bemeisterte sich lange, zuletzt aber wandte er
+sich doch um, sprang auf und herrschte dem Kinde zu: »Schweige!«
+
+Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah
+aus großen, in Thränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu
+seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz.
+So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten
+und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich
+über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er
+sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren
+vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den
+heimischen Boden betreten hatte.
+
+Kann das Weib, das im Leben hülflos zu seinen Füßen lag, ihn nach
+dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit
+unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an -- ihres kleinen
+Abbildes ... nein, kein Abbild -- sie selbst, in jedem Zuge des
+Gesichtes -- in jeder Bewegung ~sie~, so ganz und gar sie selbst,
+als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, ein umgekehrtes Leben, das
+wieder zur Kindheit führt ......
+
+Im Innersten erschüttert hob Paul das Kind in seinen Armen empor und
+drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit erweckte
+Entsetzen, und dieses seinen Grimm. »Fürchte Dich nicht!« rief er
+in thörichtem Zorne: »Fürchte Dich nicht!« während er sie tödtlich
+erschreckte. Alle Glieder des zarten Körperchens begannen zu zittern,
+die Augen wurden starr, und in großer Bestürzung setzte Paul das Kind
+auf den Boden hin. Da blieb es still, mit herabhängenden Armen, das
+Köpfchen tief gebeugt -- auf das Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein
+junges Vöglein im verlassenen Neste, über dem ein Gewitter schwebt ...
+Schon hat der Blitz gezuckt -- wann trifft sein Strahl?
+
+O du allmächtige Hülflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des
+Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens!
+
+»Sprich,« flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort -- oder weine Kindchen!
+weine -- ich bitte Dich ...«
+
+Sie bleibt still, stumm, leblos ... Athmet sie denn? In namenloser
+Spannung hält er seinen Athem an, um dem ihren besser zu lauschen --
+-- da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Tritte
+vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle ... Mariechen horcht
+plötzlich auf, an der Thür wird ein Kratzen laut, gebieterisch Einlaß
+heischend -- und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Roth tritt auf
+seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und -- »Kitty!«
+ruft es aufjauchzend.
+
+Paul öffnete die Thür und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen und
+sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte sich,
+leckte ihr die Hände und das Gesicht, sprang wieder davon, streckte
+die Vorderbeine von sich, so weit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte,
+sah sie an und keuchte mit herabhängender Zunge.
+
+Und sie -- wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen,
+wie sie es mit ihren beiden Aermchen umschlang, seinen Kopf an ihre
+Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit.
+
+Ja, dem kann sie schön thun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte
+ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken -- es ist
+weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund.
+
+Unmuthig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinweg zu
+führen. Er wandte sich ab, als es geschah, was brauchte er zu sehen,
+wie gern sie von ihm ging?
+
+ * * * * *
+
+Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal -- und nicht
+wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt -- jetzt heißt
+es, um sie werben, um sie dienen ... Der Veilchenstrauß war auf den
+Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben sich auf den
+Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, aber es stand
+in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht beendet werden
+sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares Geräusch. Als ob
+zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend Hornissen brummten
+und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es anzuhören. Ein Geräusch,
+in seiner Art nicht minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur
+besser erklärt von Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald
+es sich vernehmen ließ, wußte Jedermann auf eine Viertelmeile in der
+Runde: der Freiherr von Kamnitzky fährt über Land! und was da rasselt,
+quiekt und stöhnt, es ist seine historische Kalesche. Ein edles
+Vehikel, ein ehrwürdiges Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut
+wurde -- »die jetzigen Kinder denken's nicht!«
+
+In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels, und war
+mit dunkelbraunem Tuche, -- das aber aus neuerer Zeit stammte, denn
+es zählte keine fünfundzwanzig Jahre -- gefüttert. Es schwebte in
+wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschuh hing an
+schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein Paar dicke,
+kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die,
+nach dem Zeugniß ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige
+Meilen auf oder ab, nicht weiter regardirten.«
+
+Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen und
+ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei der
+Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den Schlag
+seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende
+Trittbrett herunter zu schlagen. Kamnitzki war eben im Begriffe, diese
+fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um
+ihn zu begrüßen.
+
+»Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen.
+
+Paul half ihm herab: »Ich werde Dich doch nicht umsonst nach Wien
+reisen lassen,« sagte er.
+
+»Umsonst nach Wien? mich? -- sei so gut und sag' das Deinen Eltern
+--: Umsonst! ... O das ist wieder -- o freilich ... verzeih', aber so
+albern reden doch nur gescheite Leute,« rief Kamnitzky voll Entrüstung
+und versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten«
+eins anzuhängen.
+
+Er fragte einen Diener, nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein
+Wort mehr -- wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu
+werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer Acht setzte, ebensowenig als
+der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht
+eben nichts über eine gute, altgewohnte Art das Gespräch anzuknüpfen,
+und so wurde denn auch heute, wie immer, der Gastfreund mit den Worten
+empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt Dir ein?«
+
+Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und trank
+ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges Mal
+darüber zu erröthen. Seine gute Laune, und sein guter Appetit erweckten
+das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung jedoch
+geriethen sie, als er nach dem Speisen begann über die Regierung zu
+schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übel nehmen.
+
+»Er meint nicht Dich,« sagte der Greis beruhigend zu seinem Sohne.
+
+»Bitt' um Verzeihung! Wohl mein' ich ihn und sein ganzes, ihm
+nachbetendes Gelichter,« rief der erregte Freiherr.
+
+Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide
+Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige
+Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt,
+bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte
+den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne
+geklemmt, die, wie gewöhnlich, nicht ins Glühen kommen wollte. Sein
+kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus.
+
+»Euch Alle mein' ich, politische Doctoren, Verjüngerer, Verbesserer
+des Staates, Baumeister ... ja saubere Baumeister! ... Flicken einen
+Riß in der Mauer, repariren am Dache und merken nicht, oder thun, als
+ob sie nicht merkten -- daß die Fundamente wanken ... Wißt Ihr, wie
+das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude
+sich errichten läßt: Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze
+macht Ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die
+sie befolgen, die sollen noch geboren werden. -- Was Gesetze! sagen
+wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den Einzelnen
+auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß -- um ihnen den Vater zu
+erhalten. Vortheil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen
+für den armen Teufel, auf den gehen wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem
+großen Ganzen thut, das -- hol's der Kuckuck! -- was kümmert's uns?«
+
+Er hielt inne, dunkelroth und keuchend, und fuhr sogleich wieder
+heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet
+ist, heißt all' Eure Thätigkeit _salva venia_ nichts! ... Aber
+freilich -- wer steigt gern vom First in den Keller -- und daß der
+First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für Euch noch keine
+Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Gethan müßte sie
+werden, und verschüttet, und wieder gethan, und wieder verschüttet; und
+hundertmal das scheinbar Vergebliche zu thun, müssen ein paar hundert
+Männer den Heldenmuth haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken
+-- unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh' und Selbstverleugnung
+ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche Keiner: Seht hin, was der
+geleistet hat! -- Viel später erst, ein Enkel Deiner Enkel freute sich
+vielleicht: -- sieh da, die Luft wird rein -- das Volk wird brav; es
+giebt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern.
+Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesäet unter uns:
+... Das haben -- von langer Hand her -- schlichte Männer gethan, die
+sich geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein
+Strahl des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein
+solcher Lohn?! Es ist zum Lachen -- der lockt keinen Hund vom Ofen,
+geschweige denn einen glänzenden Redner von der beifallumrauschten
+Bühne herunter!«
+
+Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren Sohn
+gerichtet.
+
+-- Er läßt den kindischen Menschen faseln -- dachten sie, plötzlich
+wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg
+und sagte endlich nur: »Man könnte Dir zwar Manches einwenden, allein
+im Ganzen hast Du so Unrecht nicht.«
+
+Seine Eltern sahen einander lächelnd an: -- O dieser Paul! -- welche
+Güte, welche Nachsicht, mit dem armen streitsüchtigen Thoren, der aus
+seinem Mausloch die Welt reformiren will.
+
+Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild.
+
+»So Unrecht nicht?« rief er. -- »Wahrhaftig? ... Da meint man
+immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur
+Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als
+Du! wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel -- den Weg
+dahin, den zu wählen überlasse uns -- davon verstehst Du nichts. Das
+wär' ein Wort, das sich hören ließe! aber: Du hast recht ... Schämt
+Euch ... das ist ein schöner Trost!«
+
+»Geh' -- geh',« sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und
+hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit
+unsäglicher Mühe seine Cigarre wieder für einige Augenblicke zum
+Glimmen brachte.
+
+»Na,« sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde
+plötzlich sehr roth und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und
+betheuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald
+darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem
+Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirth und entfaltete
+eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten,
+erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem
+Freunde, so lange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen
+Taschentuche die freundlichsten Grüße zu.
+
+ * * * * *
+
+Zurückkehrend durch die hallenden Gänge kam Paul an den Gemächern
+vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die
+Hand auf die Thürklinke, sie gab seinem Drucke nach, -- ein kurzes
+Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß
+auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod
+sie überschritten. -- So vergessen sind diese Räume, daß man nicht
+einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen,
+dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der
+Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber er
+hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine Spur
+des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen der
+untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte durch die
+geöffneten Fenster über die reich gefüllten Blumenkörbe, durchwürzte
+die Luft mit zarten Düften, bewegte die weißen Vorhänge. Spiegelblank
+glänzten die Dielen, Teppiche waren allenthalben ausgebreitet, jede
+Kleinigkeit befand sich an ihrem gewohnten Platze; Alles war so sorgsam
+geordnet, so liebevoll gepflegt, als wenn auch hier täglich, stündlich
+eine Wiederkehr erwartet würde.
+
+Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den Salon
+und betrat das Schlafgemach.
+
+Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem Kanapee
+in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd glitten sie
+hinaus wie Schatten.
+
+Seine Eltern! ...
+
+Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein
+entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die der
+Verstorbenen gedient, ihren theuersten Besitz ausgemacht haben. Sie
+lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten Gedanken, in dem
+Gedanken an ihn, von dem hier Alles Zeugniß giebt. Er war der Gott
+dieses stillen Heiligthums, aus dem die Priesterin geschieden ist.
+Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen -- als rosiges Kind,
+als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im Studentenrocke, mit
+leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem Haar, als Mann in der Ruhe
+der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen Selbstvertrauens ... Das war
+er als Bräutigam, und ein verwelkter Myrthenkranz hängt an dem Rahmen
+des Bildes.
+
+Das alterthümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen
+an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat Alles mit gleicher Sorgfalt
+bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das
+Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie
+denselben Werth.
+
+Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter --
+Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal!
+
+Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin.
+Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie
+verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band
+auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an
+und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher
+sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht.
+Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst
+angewiesen, hatte sich mit muthigem, wahrheitsuchendem Verstand an
+ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den errathenden Blick besessen,
+der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge
+richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen
+ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich
+entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses
+...
+
+Zu spät -- zu spät erkannt!
+
+»Ich war allein in Deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an Deiner
+Brust« -- tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um
+es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Athem ihrer
+Liebe ihn umwehte.
+
+O, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange nur,
+daß er ihr sagen könnte: »Ich weiß jetzt, was Du littest -- ich erfuhr
+es auch!«
+
+Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört,
+nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht
+einmal ein Schrei flammender Reue -- nicht einmal das Schmerzenswort,
+das Erlösungswort:
+
+»~Verzeih!~«
+
+Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte den
+Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen,
+ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten
+Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus.
+Der feine Staub, der gleichmäßig vertheilt auf allen Gegenständen
+lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war --
+lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief
+hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger
+Abschiedsgruß. »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschiren morgen,«
+hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren
+verwischt ... Wie viele Küsse mußten darauf gebrannt haben, wie viele
+Thränen darauf gefallen sein! -- Die Hand zitterte, mit der Paul den
+Brief bei Seite legte und mechanisch eine Mappe öffnend, in derselben
+zu blättern begann. Zwischen anderen Papieren fand er ein zur Hälfte
+beschriebenes Blatt. -- Mariens wohlbekannten Schriftzüge, das Datum,
+drei Tage vor ihrem Tode, die Aufschrift »Lieber Paul!«
+
+»Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so kommen
+würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich stark und
+muthig, wie Du es warst, und leicht sein konntest, weil Du dachtest,
+ich seh sie Alle in wenigen Tagen wieder.«
+
+Nein -- er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit
+dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren,
+er wollte sich nur den Aerger und die Pein eines thränenreichen
+Abschieds ersparen.
+
+Sie kämpfte heldenmüthig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen mußte,
+schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter Stimme
+wiederholend: »Weine nicht!«
+
+Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen
+nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen.
+Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich vor
+-- inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: »O komm zurück!«
+
+Er hatte sich an der Thür flüchtig umgesehen und flüchtig hatte
+ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr
+einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er
+unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging -- der
+Unglückselige! ...
+
+Er las weiter.
+
+»Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht.
+O wüßtest Du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes
+willen, mein Paul, das ich Dir bei Deiner Rückkehr in die Arme legen
+werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg,
+erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein
+Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher Dein erwachtes Herz mir
+entgegenschlägt, Deine ganze Seele mir zuruft: Komm!«
+
+»So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf,
+er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend,
+Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann
+plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn,
+schrecklich, hoffnungslos -- eine Erkenntniß, nie wieder auszurotten,
+eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast
+Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am
+ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schwerathmende Brust ...
+
+Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu bewegen,
+eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten herauf
+ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich zusammen,
+ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die Vorhänge
+auseinander -- -- --
+
+... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei
+Stunden waren vergangen. »Neun Uhr,« sagte der Vater. Die Gräfin legte
+ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in ihrem
+Schoße.
+
+»Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort -- »noch immer bei ihr?«
+
+Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer.
+
+Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück.
+
+»Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung
+entgegen kam.
+
+»O Karl! er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint.«
+
+ * * * * *
+
+Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief;
+er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht von
+einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen müsse.
+Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die Heimkehr
+ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht
+zumuthen könne, das Leben zu theilen, welches er von nun an zu führen
+entschlossen sei.
+
+Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens
+sich in Sonnberg ein. »Sie versteht Dich, sie, die Alles versteht,
+nur nicht -- mich zu lieben,« sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir
+wissen ja -- Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber,
+so leid mir's thut, ich meine: Besser spät als zu spät.«
+
+Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich bereits
+nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin zu
+folgen, wozu ihm zum ersten Mal die Erlaubniß ertheilt worden.
+
+»Ich nehme Alfred mit,« sagte er ... »Weißt Du, daß meine Absicht ist,
+dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? -- Warum soll ich ihn
+warten lassen auf meinen Tod? Und dann -- ~eine~ Gräfin Neumark
+möchte ich Fürstin Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon
+wissen, vielleicht, daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt
+nicht an der Zeit ... Und Du wirst ja hören --«
+
+Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren
+von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's
+gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast
+zutraulich geworden.
+
+Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, nahmen die
+Freunde Abschied. Als die Equipage in die Biegung der Straße einlenkte,
+wandte Klemens den Kopf zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber
+dieser war bereits umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das
+mit offenen Armen auf ihn zugelaufen kam.
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+ [Illustration: Ornamentales Motiv]
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+ Druck von ~E. Bernstein~ in Berlin.
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+ Anmerkungen des Bearbeiters
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+Ein Inhaltsverzeichnis wurde für diese Ausgabe neu erstellt und dem
+Text vorangestellt.
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+Kleinere Zeichensetzungsfehler (z. B. fehlende Kommata oder falsch
+gesetzte Anführungszeichen) wurden stillschweigend berichtigt.
+
+Altertümliche Wörter und abweichende Schreibweisen wurden unverändert
+beibehalten.
+
+Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 97: eineinzutreten geändert zu einzutreten in:
+ forderte sie jedoch auf, einzutreten.
+
+ Seite 103: ünwillkürlich geändert zu unwillkürlich in:
+ und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger
+
+ Seite 107: fremdeu geändert zu fremden in:
+ im Namen einer fremden Frau empfangen.
+
+ Seite 112: ihn geändert zu ihm in:
+ um ihm den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient
+ aufzunöthigen.
+
+ Seite 181: Dübois geändert zu Dubois in:
+ dem Bruder Dubois nach Frankreich
+
+ Seite 181: ans geändert zu aus in:
+ holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte
+
+ Seite 184: allertieften geändert zu allertiefsten in:
+ ein Genießender im allertiefsten Sinne.
+
+ Seite 186: das geändert zu daß in:
+ diese Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß Lernen dumm macht.«
+
+ Seite 331: ihrer geändert zu Ihrer in:
+ Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche
+
+ Seite 396: Freiherrr geändert zu Freiherr in:
+ »Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen.
+
+ Seite 408: Bieguug geändert zu Biegung in:
+ in die Biegung der Straße einlenkte
+
+Im Original gesperrt gesetzte Wörter sind mit ~ gekennzeichnet.
+
+Im Frakturtext ursprünglich in Antiqua gesetzte Wörter sind hier durch
+_Kursivschrift_ wiedergegeben.
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78490 ***