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Die Repetiruhr, die an einem zart +geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des alterthümlichen, reich +geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechs Mal an. Gleich +darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton +Schreibelmeyers, von der Commode am Pfeiler aus, die Morgenstunde +zu verkünden. -- Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die +Arbeit! der Tag beginnt! -- Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als +auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und +leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig' ich's an. + +Eine kleine Pause -- und am linken Kopfende des Bettes erhob das +Seitenstück der Repetir-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein +Schäferliedchen zum Besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es +gesungen. + +Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Concerte, +das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit +eingestimmt, so fröhlich war ihr zu Muthe. An dem Lichte, das durch die +herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß +es heute einen schönen Tag gebe -- war das nicht genug, um den reichen +Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen? + +Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne +dabei mehr, als durchaus nöthig war, in den Spiegel zu sehen, denn +-- sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie +ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach +empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als +ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Aeußeres +gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen +Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur +in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich Anderen anders +vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich Niemand leiden. + +Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf in das +Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen +kleinen Platz sah -- einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier +Häusern gebildet; doch war er luftig und hell, und gewährte den Anblick +eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug +war. Es will etwas heißen, im Herzen der Civilisation zu wohnen, im +Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen +viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem +Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer, und das Studium des +Sternenlaufes, fast wie ein Chaldäer, betreiben zu können, Wolken und +Vögel ziehen, und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen. + +Dieses Stück Himmel, obwohl -- nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte +dem Fräulein die ganze im Uebrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ +ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinauf führten, +als eine höchst anmuthige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich +als eine Bergbesteigung, und ~beinahe~ ebenso lohnend. + +Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem +Platze und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse +Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, +das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten +schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Bel-Etage sind die +Gardinen noch nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein, +sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft umflorten Blau, in seiner +duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen giebt's +freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens. + +Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippelten dicke +graue Tauben in großer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das +Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu serviren pflegt. +Kaum weniger gespannt als sie, sehen noch andere Geschöpfe dem +anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung entgegen. Es sind die +nächsten Nachbarn des Fräuleins, und sie gehören zu ihren Bekannten, +wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur Linken erhält +ihren ersten Gruß, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener, ein +gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild eines alten +Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit runden, Dank der +frühen Morgenstunde, sauber gewaschenen Gesichtern. Prächtige Bursche, +noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht +entwachsen; mit Worten wenigstens richtete die Mutter nichts mehr bei +ihnen aus, obwohl sie dieselben nicht spart, die brave Frau. Der Mann +und Vater hat seine Werkstätte nebenan in den Hof hinaus, und plagt +sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist Pfeifenschneider, +aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen, und Ueberfluß hat er nur +an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen sich um den +besten Platz am Fenster zu balgen, die Mutter tritt unter sie, ein +zweijähriges Mädchen auf dem Arme, zieht den Pantoffel vom Fuße und +schlägt wacker auf die Buben los. Der Pantoffel fällt, gleich der Hand +des Schicksals, ohne Unterschied auf das Haupt des Gerechten wie des +Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und Frieden. Die neuen Horatier +liegen still nebeneinander im Fenster, und beobachten die grauen +Tauben, mit innigstem Verständniß für ihre Rauflust und ihren guten +Appetit. + +Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Fräulein +gerichtet. Das braune Mohair-Kleid, das seine Gönnerin heute zum ersten +Mal angethan hat, ist seiner Hände selbsteigenes Werk. Der Schnitt +hat sich seit wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt, und +genäht und ausgefertigt ist das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt, +die ihres Gleichen sucht. Alles solid und geschmackvoll. Der Rock so +faltenreich, die Taille weder zu lang noch zu kurz, sondern gerade dort +angebracht, wo der liebe Gott sie hingesetzt hat. Sie wird von einem +breiten Gürtelband umgeben, aus reiner Seide fein weich und dauerhaft. +Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais, die den Kragen und die +enganliegenden Aermel schmücken. Von den letzteren heben sich die +glatten Manchetten, welche das Fräulein zu tragen pflegt, gar schön +ab, und diese bilden die schneeweiße Einfassung der zarten schlanken +Hände. Ach, diese Hände! das Schneiderlein vermag sie niemals ohne +innere Rührung zu betrachten. Sie waren das Erste, was er erblickte in +jenem unvergeßlichen Momente, in dem er die Augen aufschlug, die er +für immer geschlossen zu haben meinte, freiwillig geschlossen, nach +schwerem, entsetzlichem Kampfe. Der Alte besinnt sich nur noch wie +eines bösen Traums des hoffnungslosen Elends, das ihn zu einer That +der Verzweiflung getrieben; er hat die Ursache fast vergessen und +begreift ihre Wirkung nicht mehr. »Ich muß wahnsinnig gewesen sein!« +sagte er jetzt, wenn er der Stunde gedenkt, in welcher er sein kleines +Töchterchen zu sich gerufen, Thür und Fenster desselben Zimmers, das er +heute noch bewohnt, verriegelt, und das Kohlenbecken entzündet. + +Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen +Schneidermeisters gemacht, ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin. +Nachdem er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden, +sammelte sie allmälig für ihn einen kleinen Kundenkreis. Der Schneider +befand sich jetzt in guten Verhältnissen, war sogar im Stande einen +Sparpfennig zurückzulegen. Er hätte das ruhigste Leben gehabt, wenn +mir die revolutionären Ideen seiner Tochter nicht gewesen wären. Aber +die Leopoldine, ein ehrgeiziges junges Ding, ein Feuerkopf, hatte an +den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und schwärmte, zu +seinem Grauen und Entsetzen, für die unsinnigsten, lächerlichsten, +abscheulichsten Moden, nämlich für die neuesten. + +Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen +jetzt einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen +Seidenmantille mit einem Eifer, den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn +beflügelt. Die Mantille braucht erst morgen fertig zu werden, wird es +aber gewiß heute noch, wenn die Furie anhält, mit der Vater und Tochter +die Nadel führen. + +Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte +geöffnet; eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen, beide +wohlgenährt und weißhaarig. Die Katze schleicht zur Morgenpromenade +auf das Dach hinaus, bleibt öfters stehen und wirft begehrliche +Raubthierblicke nach den Tauben, die von Fräulein Lotti gefüttert +werden. -- Wer eine von Euch erwischen könnte! denkt sie. Saubere +Weltordnung, in der wir leben. -- Gäb's eine Gerechtigkeit -- ich hätte +Flügel! + +Frau Katze schüttelt den Kopf, schließt die Augen, leckt die faden +dünnen Lippen und gähnt wie ein Tiger. + +Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein, damit die Spaziergängerin +bequem eintreten könne; wenn es ihr genehm sein würde, heimzukehren. +Die Rückkunft ihres Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht +abwarten, sie muß an ihren Posten, in den kleinen Laden im Durchhause +nebenan, wo sie im Winter altgebackenes Brod, im Sommer auch Obst +feilbietet, und zu allen Jahreszeiten Näschereien, die ihre Katze +verschmähen würde, die aber an den Schulkindern beharrliche Abnehmer +finden. + +Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüße zu der dicken Frau empor, +die so freundlich aussah wie des Teufels Großmutter, und sich's lange +überlegte, bevor sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte. Aber +auch damit ist Lotti zufrieden. An Zuvorkommenheit von Seite der Frau +Brodsitzerin wurde sie nie gewöhnt, und hat auch kein besonderes +Herzensbedürfniß danach. Sie wünscht nur, konservativ wie sie einmal +ist, daß Alles beim Alten bleibe, und daß sie sich täglich sagen könne, +was die Potentaten jährlich einmal in ihren Thronreden sagen: »Unsere +Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten.« + + + + + II. + + +Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln +zu und zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, in der +Nähe des Kamins hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen Haushalts, +schon alle Vorbereitungen zum Thee getroffen. Lotti begann nun ihn zu +bereiten. Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen +Blicken. + +Je länger sie es bewohnte, desto gemüthlicher erschien es ihr, desto +mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern, +die es möglich gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen +in dem schmalen Zimmer unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man +sich darin freilich nicht, am wenigsten dann, wenn zufällig mehrere +Schrankthüren zu gleicher Zeit offen standen. Doch -- was lag daran? +Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für solche nicht vorgesorgt. +Außer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten benützte, war nur noch +ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter Holzsessel, ein +wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum beweglicher als +ein Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter +Glasglocken, und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der +linken Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort +bildete, befand sich ein großer, bis an die Decke reichender Schrank. +Der glich einer gothischen Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr +schön, sehr merkwürdig und sehr unbequem -- der Schreibtisch einer +Person, die nicht schreibt. Um so zweckmäßiger war der niedrigere +Bücherschrank, der den größten Theil der Längenwand, dem Eingange zu +Agnesens Zimmer gegenüber einnahm. Schlanke Säulen mit korinthischen +Capitälchen verzierten die Glasthüren des Aufsatzes, hinter dessen +blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen +wohnte. + +Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich +abgenützten Prunkgewand aus rothem Saffian, neben zwei kleinen +dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen, den _Mémoires +du Maréchal de Bassompierre_. Goethes Benvenuto Cellini hatte +zwei ganz unähnliche Nachbarn, Dom Jacques Martins _Histoire des +Gaules_ und ein ehrwürdiges Incunabel: Unser lieben frawen psalter, +gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jacobi. +In dè iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des +römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Firlein herab, +Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die +Annalen des Tacitus. Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten +hinein gerathen zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel +und die Familie von Halden; Prinz von Gothland, der Bramarbas und +Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele +Classiker der Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgend +ein Hauptwerk vertreten; vollständig vorhanden jedoch waren alle +Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre lange, majestätische Reihe wurde +durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet, und schloß mit M. L. Moinets +_Traité général d'Horlogerie_. + +Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigenthümerin ganz +fremd, mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße, und gerade in +diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von Neuem. +-- Denn, meinte sie, ein schönes Buch nicht wieder lesen, weil man +es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen theuren Freund nicht +wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt. + +Uebrigens -- ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man +nicht aus. Ein weises Buch ist eben so unergründlich wie ein großes +Menschenherz. + +Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen, auch noch +einen besonderen, für Lotti unschätzbaren Werth. Sie waren mit +Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen, der ihr unter allen +Lebenden am höchsten gestanden -- ihres Vaters. + +Sie meinte, ihn sprechen zu hören, wenn sie die kurzen, zierlich +geschriebenen Sätze, Früchte reiflicher Ueberlegung und solider +Fachkenntniß, überlas. + +Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen +Gedanken deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden +ist. Das Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben, +hatte ihn gelehrt dreißig »vielleicht« und »ich glaube« leichter +auszusprechen, als ein: »So ist's«, oder ein: »Das steht fest.« + +Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft +erfahren hatte, daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse +ein Irrthum lauern kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen +aufzustellen. Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten, die es +verstehen, einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen, +ihr gehöriges Gewicht. + +Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen, wie ernst es +ihm war mit seinem Beruf, und welche Liebe er für denselben gehegt. +Man sah es wohl, was er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine +Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte, seines Handwerks hatte er +dabei nie vergessen. Niemals war ein bemerkenswerthes Ereigniß in +der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntniß gekommen, ohne daß +er gesucht hätte, es mit einem eben solchen in der Geschichte der +Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem +historischen Werke, an einer Stelle, wo die Rede war vom Tode Kaiser +Rudolphs von Habsburg, von Feßlers Hand die Anmerkung: -- In demselben +Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr, für welche +30 Pfund Sterling bezahlt wurden. Weiter, als der »goldenen Bulle« +Erwähnung geschah, hatte der Meister seinerseits erwähnt: Gleichzeitig +ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste öffentliche +Uhr aufstellen ließ. -- Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen +Ansprüchen auf den französischen Thron -- und -- fügte Feßler hinzu: +ertheilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie +nach England kommen können. Anno 1368. -- In demselben Geschichtswerke +war der Beiname König Karl V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen +und daneben stand: Muß, wie der gleichnamige große deutsche Kaiser, +eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt, ja +vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der berühmte Meister +Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren mit der +Inschrift zu versehen: + + _Charles le Quint, Roi de France + Me fit par Jean Jouvence._ + +Der nämliche weise König ließ auch (1364) Herrn Heinrich von Wick +nach Paris kommen, wo dieser eine Uhr für den Thurm des königlichen +Schlosses verfertigte. Er erhielt Wohnung in demselben Thurm und eine +Besoldung von sechs Sous täglich. + +Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, daß Luther +seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher +Peter Hele, Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten +Taschenuhren zu Stande brachten; daß im Jahre des Unterganges der +spanischen Armada, Andreas Landeck, Schüler Abraham Habrechts und +Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu Wertheim in Franken +geboren wurde; daß Anno 1690 -- glorreichen Andenkens für Deutschland +wegen der Gründung der Universität Halle, und für Frankreich wegen +der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles -- in Paris, wo bisher +nur kleine Taschenuhren beliebt gewesen, plötzlich sehr große in die +Mode kamen ... Und so weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame +Zusammenstellungen, die Jedem, der ein Herz hat für die Uhrmacherei, +gar viel zu denken geben. + +Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals +verrathen, sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er +nur ein ungelehrter Mann war und nicht im Stande, eine ausführliche und +genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das +beste Material, das es geben kann -- wenigstens zu einem Hauptzweig +eines solchen Werkes -- besaß er selbst. Er hatte im Laufe seines +langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht, wie +sie vor ihm so vollständig und lückenlos, schwerlich ein Privatmann +(Herrn Asthon Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen +haben dürfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der +Vertreter einer eigenen Gattung, jedes werthvoll an und für sich, und +doppelt werthvoll als Theil des Ganzen, zu dem es gehört. Wäre diese +Sammlung bekannt, sie wäre gewiß auch berühmt geworden, sie hätte die +Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber dem Meister Johannes war +um Berühmtheit gar nicht zu thun, und was die Bewunderung betrifft, die +ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre -- wer hört nicht gern loben, +was er liebt? -- so hat sie doch meistens Neid und Verlangen in ihrem +Gefolge, die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er freute +sich im Stillen an seinem Schatze, was nicht heißen soll, daß er sich +allein daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen +kannten als die seinen, für die sein Wort das Evangelium war, sein +Beifall das Ziel aller Wünsche, seine Zufriedenheit das höchste +Lebensgut. Die Beiden waren seine Tochter Lotti und sein Ziehsohn +Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in ihrer Kindheit, und später +mit Stolz: »Meine Gehülfen«. Endlich schien ihm auch diese Bezeichnung +nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus, ohne sich +dabei in Gedanken zu verbessern: »Ich sollte eigentlich sagen: Meine +Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu +überflügeln.« + +Daß sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit -- sein +liebster Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum +von Erfolg und Glück, den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen +hegte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt +geebnet vor ihnen, sie waren so ganz geschaffen die Bahn, die das +Schicksal ihnen vorgezeichnet, Eines auf das Andere gestützt, ohne +Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie waren beide +brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und +dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrübt +worden. Von dem Augenblick an, in welchem Feßler den kleinen Gottfried, +den Sohn eines in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus +aufgenommen, hatte sich dieser, so jung er selbst war, zum Beschützer +des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen. Gottfried war völlig verwaist, +Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren. + +Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, ernster +Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, ~sie~ +ein hochaufgeschossenes, schlankes Mädchen, verständig, sanft, und +dabei immer lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren +Vetter und fürchtete seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren +ersten großen Schmerz erfuhr sie, als Gottfried nach London geschickt +wurde, um dort seine Lehrjahre durchzumachen. Er selbst hatte die +Stunde der Abreise kaum erwarten können, aber als sie herankam, war +sie so düster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht und freudig +geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Muth, mit dem sie +bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war +plötzlich verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum er denn +fort müsse, und wie es sich ohne ihn leben lassen solle. + +Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloß seine beiden Kinder +in einer Umarmung, dann trennte er sie sanft: »Leb' wohl, Gottfried,« +sagte er, »in drei Jahren bist Du wieder bei uns. Geh', lieber Sohn. +Im Vaterlande eines Harrison,« in seinen feuchten Augen leuchtete es +begeistert auf -- »eines Mudge, eines Arnold müssen unsere künftigen +Meister leben. Wenn Du heimkommst, werde ich von Dir lernen!« + +Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds +Lehrzeit um war, und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei +seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten +Meister und dessen Kunst zu schätzen. So berühmt jene auch seien, +so theuer ihre Arbeiten bezahlt werden, Feßler dürfe sich mit dem +größten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der Geringste unter +Allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu +verwerthen. Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück. Beehrten ihn +die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten +sie, ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen +kam? + +Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was +ihn kränke. -- »Ihr Name auf Deinem Werk! wo steht denn der Deine? +Wer kennt Dich? wer weiß etwas von Dir! ... Was hast Du von Deinen +unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten?« + +»Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Feßlers, und das Herz +schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn +ihm zollte. + +Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll +beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit +der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein +bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe +von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem +Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« -- Dieses Lob hatte er noch +nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen +war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte +Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte +dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld -- aber +welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding +seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann. +Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten -- das Herz des +jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche +Zeit! -- warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so +erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und +Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer +Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr +Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst -- eine +Last. + + + + + III. + + +Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die +Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß +auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden, +sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht +bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu +können: + +~Ich habe das Leben, das ich brauche!~ + +Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte +sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und +Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles +mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit +geraumer Zeit in der kühlen Erde. + +Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals hatten +ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen +Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiß geworden, +hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen +leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend. Die Jugend des mit +Bewußtsein Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich +nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und +erlernt -- da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt +zu haben, trat der Tod an ihn heran. + +Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der +Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in +der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche +Wohlhabenheit sichern können! -- Vor einem Jahre noch fand sich die +beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die +Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich +hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal +geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.« + +Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er sich in +seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen +Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu +melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe +ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre +Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren. + +So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen +harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem +Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt. +Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften +Zurückweisungen, die sie erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue +Bewerbungen anstellten, immer glänzendere Anerbietungen machten. Das +war denn oft herzlich langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe, +welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals +auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel +zu thun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an +ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte +sie das jemals unterlassen müssen, -- die rechte Begeisterung, die +rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt. + +Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand +neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. Eben +fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf +Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er sogleich +hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke +beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von purpurrothem Sammet +lagen. + +Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die +reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig +geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten +und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer +Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade +Nummer Eins! + +Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei +»Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre, +manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten +Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen +Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs +damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den +Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und +Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des +Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie +wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft zu +geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ... + +Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten, +hatten sich Schweres vorgesetzt -- und mit wie geringen Mitteln +gedachten sie es zu erreichen! -- Mit Spindelechappements -- mit +Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste +regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer +Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen. + +Aber -- so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wußten +-- das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie -- daß +Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf +ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen +herbei, dem nichts unmöglich ist, und stellten die Werke ihres +Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie auch wohl der +Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer +der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft +umschließt, von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe +gleichsam beseelt, den Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus +dem fein geschnittenen, prächtig ornamentirten Monogramm der heiligen +Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden. Auf +der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingravirt: + + _Kaspar Werner hat mich gemacht + Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht + Da · man · zelt · 1541._ + +Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen +nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen Formen und +Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen +aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. Unter +andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«, +»Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, das Zifferblatt und +der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt, +die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten. Leider fehlte das +Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen, um +nicht sogleich zu erkennen, daß die prächtige deutsche Arbeit aus der +Zeit Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim +hergestellt worden war. + +Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig, +mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten. +Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern +neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein »Conrad Kreizer« +eingeschrieben. + +Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen, +geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben +geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen +Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder +merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien, +Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es +fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen +Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte +eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem +Werke spiegeln. + +Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen +Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach, +~die~ weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die große Enttäuschung +in Lottis Leben. Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst +... Hinweg! -- Schlafe Du nur ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem +unerhörtesten Curiosum der Sammlung -- zu der Seetaschenuhr von Mudge +dem Ersten. + +Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und unsterbliche +Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die +erste im Jahre 1774, und die beiden andern, der ~blaue~ und der +~grüne~ Zeithalter genannt, im Jahre 1777. Nun, die Geschichte +hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die gründlichste Art der +Welt widerlegt, durch eine Thatsache -- hier war eine vierte Mudge. +Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften +und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch +die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren. + +Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges +besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand. + +Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es war +eine ganze Mudge -- die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man +freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten +Greisin. + +Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne +Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas +von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine +vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus +Gütenbach. + +Ein Familienerbe! -- Als Bräutigam hatte sie der Urgroßvater Lottis +ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried +nannte sie die Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als +Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen +Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti +aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und +vollführte einen so accuraten und energischen Gang und bimmelte so +fleißig fort, als ob sie noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als +ob sie all' die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße +versäumt. + +Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben, +so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der +Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden +und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die +Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie +zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter +und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja, +meine Uhren -- die machen mir noch das Sterben schwer!« + +In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet. + +»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme. + +Lotti wandte sich rasch: »Du, Gottfried? Ist es denn schon acht Uhr?« + +»Noch nicht,« war die Antwort, »ich bin heute unpünktlich.« + +»Zeichen und Wunder!« rief Lotti, »was ist geschehen? Was giebt's?« + +Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen +Glasglocken von den Uhren, welche darunter lagen, und nahm diese in den +allergenauesten Augenschein. + +»Du bist ja fertig,« sagte er nach einer Weile. + +»Beinahe -- aber antworte mir doch -- was giebt's?« + +Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnißvoller Miene, halb +freudig, halb zweifelnd an und sagte: »Eine Ueberraschung.« + + + + + IV. + + +»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge, +»wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.« + +»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden +gemiethet und bereits eingerichtet.« + +Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte +herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?« + +Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten +Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an +dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der +ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases, +und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz. +In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein +Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern. + +Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte +deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. »Ein solcher Werth!« meinte sie, +»ein so großes Capital!« es schien ihr fast zu kühn, daß Gottfried die +Bürgschaft dafür übernommen hatte. + +Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht. + +Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister, +der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner +Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das +Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht bloß +Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern +manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben +bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige +Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen, +keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das +Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte. + +Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger +zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei +verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten +Entschluß so lange ~nicht~ gebracht, und zweitens, daß er sich +~doch~ dazu gebracht. Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte +sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu +stellen. + +Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht früher +geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht +anzufangen, wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen +würde. Um jedoch Alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es +eben viel Zeit gebraucht. + +»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß +Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und +Audemars' ...« + +»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins Wort. + +»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir +erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war -- jetzt wird +ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen, +Gottfried.« + +Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und +sprach ganz unternehmend: + +»Warum nicht?« + +»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die +brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur +sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder +Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu +kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein +übler Mann für mich.« + +Er lachte. »Ein ~junges~ Mädchen denkt das nicht.« + +»Ich meine auch kein sechzehnjähriges.« + +Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparirten +Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen. + +Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann wird die Bestellung +abgeliefert werden?« fragte er nach einer kleinen Weile. + +»Kann morgen geschehen.« + +»Thu' es selbst, ich bitte Dich, und nimm zugleich Abschied von dem +Meister. Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.« + +Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen -- das wäre +schon gut, aber -- so plötzlich, so ohne Weiteres? Ich bin ihm Dank +schuldig, er hat immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne +Arbeit gelassen, immer gut und rasch bezahlt.« + +»Rasch ja, gut -- nein. Mache Dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn +bereits darauf vorbereitet, daß er jetzt seine beste Arbeiterin +verliert. Wie leid ihm ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muß er's +finden, daß Du Dich von nun an für Niemanden mehr plagen wirst als für +mich, was so viel heißt, als für Dich selbst, denn -- nicht wahr? ...« +Er war plötzlich in heiße Verlegenheit gerathen und stockte. »O,« nahm +er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe vergessen! Der Herr +bittet Dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst. Du möchtest +so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat Dein +Lieblings-Echappement.« + +»Duplex also.« + +»Jawohl. Er weiß gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut sie in die +Hand zu geben. Ueberdies hat's Eile. Morgen Abend möcht' er sie wieder +haben.« + +Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes Kästchen +vor Lotti hin. Die wandte demselben den Blick eines theilnehmenden +Arztes für einen Patienten zu, und fragte: + +»Was fehlt denn?« + +»Weiß nicht,« erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der +Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von Einem, +der sie aus Leichtsinn oder aus Noth losschlug, um ein Spottgeld. Will +sie jetzt sehr theuer verkaufen, deshalb sollst Du die Herstellung +besorgen. Er schwatzte ein Langes und Breites, ich habe nicht zugehört. +Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem ich wußte, was mich dabei +anging.« + +Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es +geöffnet und dann auch -- mit seltsamer Spannung und Hast -- die Uhr, +welche darin gelegen. Unverwandt starrte sie den Namen _F. Alexy & +Sandoz frères_ auf der Cuvette, und die Zahl an, die darunter stand. + +»Verkauft -- wie sagtest Du? -- aus Leichtsinn oder aus Noth,« sprach +sie gepreßten Tones. + +»Freilich, freilich,« versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster +zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf +nachzudenken. »Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« rief er +plötzlich aus. + +Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen. + +»Das Schild ist noch nicht aufgemacht,« fuhr Gottfried langsam und +zögernd fort, »aber fertig ist es schon. Es wird nicht aufgemacht, +bevor Du die Erlaubniß dazu giebst.« Er hielt inne, er wartete, aber +vergeblich. Lotti schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause +von Neuem an: + +»Denk' nur, welche Freiheit ich mir genommen -- denk nur -- ich habe +auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf +jeden Fall, wie selbstverständlich -- es kann geändert werden, wenn Du +es wünschest ...« + +Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken +in ihre Arbeit -- eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, die +Meisterin! Ihre sonst so sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war +hochgeröthet, eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem +ganzen Wesen kund. + +Was ist ihr denn? dachte Gottfried. -- Ahnt sie, was er ihr zu sagen +hat und versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie +Bestürzung? Wär's doch so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst, +und er braucht nicht zu fürchten, mit einem Scherze heimgeschickt zu +werden, das Aergste, was ihm geschehen könnte, dem alten Menschen. +Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von +aller Aengstlichkeit. Er athmet auf und spricht mit einem gewissen +unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich: +»Es wäre schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte; es +ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend +schwarzem Grund, das G. & L. Feßler ... G. und L. ... Gottfried und +Lotti ...« + +Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über +ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und +Lotti?« + +Nein! ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie ebenso +gut fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an +ihr Ohr gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, die in +ihnen lag, nicht an ihr Herz ... + +Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht +wurden, die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar, als das +Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus +Gottfrieds Brust. + +Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich +vor ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in +seinen Zügen. + +»Was ist Dir, Gottfried?« sprach sie. + +»Du hörst mich nicht an,« entgegnete er unmuthig. + +Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: »Doch, ich habe Alles gehört.« + +»Hast Du? Wirklich? und -- hast nichts einzuwenden? ... Es ist Dir +recht -- Du weißt ...« + +»Es ist mir recht, gewiß. Aber wenn Du, Lieber, auf Dein Schild auch +nur G. Feßler hättest schreiben lassen, für uns hätte es dennoch und +immer ›Geschwister Feßler‹ bedeutet.« + +»Geschwister -- so? -- -- ja, Geschwister,« murmelte er und +zögerte, die Hand anzunehmen, die Lotti ihm reichte. Allein er ergriff +sie doch und drückte sie fest und treuherzig, als Lotti sagte: + +»Es versteht sich ja von selbst, daß wir Zwei nach wie vor treu +zusammen halten.« + +»-- Das Schild wird also aufgemacht,« sprach er, mit einem herzhaften +Versuch, vergnügt zu scheinen. »Komm' es bewundern, komm' bald!« + +Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. + +Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene +Beschäftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, die Gottfried +mitgebracht, alle Brücken abgeschraubt, alle Räder ausgehoben, bis auf +das Minutenrad. Das haftete noch, festgehalten vom Viertelrohr. Aber +auch dieses muß nun weichen, das letzte Rad liegt bei seinen Kameraden, +und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie zu finden gewiß war. +Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, mit fast unsichtbar +kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die +Zähne des Rohres. + +Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fünfzehnten Male jährte, +hatte sie diese Zeichen da hinein geschrieben und diese Uhr ihrem +Verlobten geschenkt und dabei gesagt: + +»Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen, aber keine, +in der unsere Treue gewankt.« + +So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, solche Schwüre +schwört die kindische Liebe, die kaum erwacht, auch schon die Kraft +in sich fühlt, ewig zu leben. Thorheit ohne Gleichen! Ebenso gut +könnte die Rose schwören, daß sie niemals welken wird, denkt Lotti, +und halberloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche +Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen +allmälig Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam vorüber, mächtig genug, +um noch eine leise Wehmuth, nicht mehr mächtig, einen Schmerz zu +erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen Traum, +aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht. + + + + + V. + + +Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in +der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht, +mit der Bitte sie zu schätzen. Während Feßler die Uhr betrachtete, +betrachtete der junge Mann ~ihn~ so aufmerksam, wie ein Maler +thut, der sich das Bild eines Menschen, den er aus dem Gedächtniß malen +soll, einzuprägen sucht. + +»Dies ist,« sprach Feßler, nachdem er seine lange und sorgfältige +Untersuchung beendet hatte, »ein kostbares Stück.« Er rief seine +Tochter herbei, um auch ihre Meinung zu hören. + +»Wie?« sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt, »sind +Sie Kennerin, mein Fräulein?« + +Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen +Männer, denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick, +der deutlich fragt: Was willst Du in der Welt? und an den ein nicht +hübsches Mädchen sich gewöhnen muß. + +Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben +sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung. + +Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte. + +»Ist's richtig, Herr Feßler?« + +»Ganz richtig,« erwiderte dieser, unangenehm berührt von dem über +Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der an die Seite Lottis +tretend, in seinem früheren Tone fortfuhr: + +»Sie können mir vielleicht auch sagen, was diese Uhr werth ist?« + +Lotti schüttelte den Kopf. »Was sie jetzt werth ist, kann ich nicht +sagen; als sie neu war, sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für +sie bezahlt worden.« + +»Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?« + +»Vor siebzig Jahren etwa.« + +»Ich bewundere Sie!« rief der junge Mann äußerst belustigt; »das Alles +erkennen Sie so auf den ersten Blick? ... Jetzt aber die letzte, +wichtigste Frage: Wie viel ist sie heute, wieviel ist sie ~Ihnen~ +werth?« fügte er zu Feßler gewendet hinzu. + +»Sie wäre mir sehr viel werth, wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche +besäße,« entgegnete dieser. + +»Ach! in Ihrer Sammlung? ... Wenn Sie doch wüßten, Herr Feßler, wie +viel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser +Sammlung, und wie glücklich ich wäre, sie kennen zu lernen ... Wenn Sie +das wüßten -- Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen, den ich +gebraucht habe, um mich bei Ihnen einzuschleichen.« + +Er legte eine gründliche Beichte ab. + +Er hieß Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei ein +ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher eine +alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte. Die mußte geschildert +werden, und um das zu können, brauchte er ein Modell, brauchte er vor +Allem einige fachmännische Kenntniß. + +»Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister,« schloß er, +»würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung -- Ihr Heiligthum +wie ich höre. -- Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde, das +verspreche ich nicht, aber ein dankbarer bin ich gewiß!« + +Feßler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an. +Ihm gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit, +das muntere Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die Reise durchs +Leben zu begeben schien. Schweigend holte der alte Mann einige schöne +Exemplare aus der Sammlung herbei und begann die Eigenthümlichkeiten +und Vorzüge derselben mit der Wärme eines Liebhabers auseinander zu +setzen. + +Halwig unterbrach ihn Anfangs sehr oft; er konnte die Scherze nicht +unterdrücken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten. +Allmälig jedoch wurde er still. Das herablassende und oberflächliche +Interesse, das er für einige »Favoritinnen aus dem Uhrenharem« gezeigt, +verwandelte sich in ein gespanntes. Den Kopf in die Hand gestützt, sah +er bald die Uhren auf dem Tische, bald den Meister, zuletzt nur noch +diesen an, und dabei erhellte der Ausdruck einer so innigen Freude und +Verehrung seine Züge, daß Feßler dachte: dem Burschen könnt' ich gut +sein -- trotz des Leichtsinns, mit dem er vorgab, eine Emmery verkaufen +zu wollen. + +Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf. »Was für Augen haben +Sie!« rief er, »was Ihnen ein Rädchen, eine Spindel, ein Ornament, ein +Stückchen Email nicht Alles erzählen! ... Was für Augen und was für ein +Herz ... Sie sind ein Künstler! ...« + +Er deutete nach dem Schranke, dem Feßler die Uhren entnommen. »Das +Kästchen dort ist für Sie, was für einen Poeten ein Schrein voll +der köstlichsten Werke großer Dichter, die vor ihm gelebt. Eine +schweigende, todte Welt, die ein Blick zum Dasein erweckt, zu einem +mächtigern, schönern Dasein, als das sogenannte wirkliche ... Ein Blick +-- ein sehender, der Blick des Verständnisses muß es sein ... Nicht +wahr, lieber Meister? -- Verständniß ist ~Alles~ -- Weisheit, +Liebe, Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen, die wir uns +einbilden, Dichter zu sein ... An Stoffen fehlt's, höre ich die Leute +sagen. -- Begreife das Begreifbare und aus Allem, was Dich umgiebt, +dringt die Fülle bildsamen Stoffes auf Dich ein, und wenn es Dir an +etwas fehlt, so ist's an Kraft, die wogenden Quellen zu fassen und sie +zu leiten an ein gewolltes Ziel!« + +Er sprang auf, ergriff die Hand Feßlers, nannte ihn einen edlen, einen +seltenen, einen herrlichen Mann und verabschiedete sich mit der Bitte, +recht bald wiederkommen zu dürfen. Und er kam wieder, kam täglich, +ganze Wochen hindurch, und wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies +Niemand mehr, als Feßler. Lotti sprach überhaupt nicht von ihm, vermied +es sogar, seinen Namen zu nennen, und was Gottfried betraf, der meinte, +es sei nicht übel, zwölf Stunden lang Ruhe zu haben in der Werkstatt. +Er leugnete nicht, daß Halwig eine große Unterhaltungsgabe besitze, +allein für seinen Geschmack machte »der Poet« einen gar zu häufigen +Gebrauch davon. + +»Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, täglich +Unterhaltung ist mir zu viel,« sagte er und bewies es, indem er begann, +das Haus zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen +pflegte. Dieser zeigte sich darüber gekränkt. Er war nicht gewöhnt, +gemieden zu werden; er that sich etwas zu Gute auf die Macht, die ihm +über die Gemüther der Menschen gegeben war. Keiner, um dessen Neigung +er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er hatte immer gehört und +geglaubt, daß man ihn lieb haben ~müsse~, wenn er es darauf +angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti über die Steifheit und +Kälte ihres Vetters, versicherte trotzig wie ein verwöhntes Kind, er +werfe seine Freundschaft Niemandem an den Kopf, und wenn Gottfried +ihn hasse, so zahle er ihn mit gleicher Münze. Sobald sich jener +aber blicken ließ, kam er ihm wieder mit der alten und -- darüber +konnte kein Zweifel sein -- aufrichtigen Wärme entgegen. Er bemühte +sich, sein Interesse zu erwecken, ihm Theilnahme einzuflößen, er warb +förmlich um ihn. Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines beweglichen, +frischen, herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rührten +aber Denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze +zeigten. + +Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschäftigt, von +früh bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleißes die +Stunde versäumt, zu welcher er jetzt regelmäßig seinen Rückzug vor dem +»Luxusartikel«, wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte. + +Zum Bewußtsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine Lampe +auf den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen. + +»Ist es denn so spät?« fragte er. + +»Spät und nicht mehr hell, Du verdirbst Dir die Augen.« + +»Was liegt daran? -- Was liegt an mir?« sprach er halblaut vor sich +hin, wie einer, der plötzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er +stöhnte schmerzlich auf und preßte beide Hände gegen die Stirn. + +Lotti wurde feuerroth; schweigend mit einer Gebärde der Mißbilligung +wandte sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade +unterbrochen, war vor Gottfried stehen geblieben und fragte, was ihm +fehle? + +»Nichts,« erhielt er zur Antwort, »nur die Augen sind mir ein wenig +müde geworden.« + +»Gönn' Dir Ruhe,« sagte Feßler, »mach' es mir nach, ich spaziere schon +lange müßig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile schaffen +können -- die Tage wachsen, der Frühling kommt heran ... Ja, der kommt, +man darf auf ihn zählen, der kommt. Wer aber ausbleibt,« schloß der +alte Mann seine Betrachtungen, »das ist unser Hofpoet ... In drei Tagen +hat er sich nicht blicken lassen, und auch heute -- seine Stunde ist +vorbei -- er kommt nicht mehr.« + +»Um so besser!« rief Gottfried, »ich wollte, wir wären für immer von +ihm befreit.« + +»Befreit! -- Ist das Dein Ernst? ...« + +»Leider ja,« versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer +erregten Stimme. + +Gottfried erhob den Kopf: »Was sagst Du?« + +»Daß Du ungerecht bist, zum ersten Mal in Deinem Leben; ungerecht und +grausam gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und +thut ihm weh -- gerade von Dir -- denn Du bist es ja ...« Ihre Lippen +zitterten, der Ausdruck des bittersten Schmerzes zuckte über ihr +Gesicht -- »der ihm der Liebste ist von uns Allen ...« + +Sie hielt tiefathmend inne, Gottfried murmelte ein zorniges Wort, und +der Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern. +In einer bisher ahnungslosen Seele dämmerte das Bewußtsein zerstörter +Hoffnungen, eines nahenden Unglücks auf. Eh' er sich's versah, bevor +ihm zu einer Befürchtung Zeit geblieben, war der Friede aus seinem +stillen Hause entwichen und aus den Herzen seiner Kinder ... + +In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt, bald darauf +durcheilten leichte Schritte das Vorgemach. + +»Da ist er doch,« sagte Feßler. + +Halwig erschien auf der Schwelle, er schwenkte seinen Hut und sah so +glücklich aus, als ob er eben eine Welt erobert hätte. + + + + + VI. + + +»Vater Feßler,« rief er, »da ist es, da haben Sie's, mein Büchlein, +mein erstgebornes! ... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurrothen +mit Gold geputztem Kleidchen? ... Lesen Sie, was hier steht, auf der +ersten Seite: »Johannes Feßler, meinem Lehrer, meinem Vorbild, meinem +Freund ...« Es ist Ihnen gewidmet, Ihr Eigenthum, ich bringe, was aus +meinem Herzen floß und Ihnen gehört, und lege es Ihnen zu Füßen.« + +Er machte Miene, das Büchlein wirklich auf den Boden vor Feßler +hinzulegen; der aber hinderte ihn daran: »Geben Sie es mir in die Hand, +das ist Ehre genug,« sprach er, und lächelte seinem Liebling zu, bei +dessen Erscheinen der trübe Ernst verschwunden war, der eben noch die +Stirn des alten Mannes umdüstert hatte. Er ließ sich erzählen, wie der +Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung seines Werkes gelebt, +wie er jede freie Minute auf dem Postbureau zugebracht und durch die +Ausbrüche seiner Ungeduld den Aerger eines Expeditors und das Mitleid +zweier Briefträger erregt habe. Jetzt aber sei Alles gut, meinte er +und flehte, die Familie möge ihm diesen Abend schenken und sich den +Vortrag seiner Dichtung gefallen lassen. Er stellte die Lampe auf den +Tisch inmitten der Werkstätte, und trug vier Sessel herbei. Lotti +sollte ihm gegenüber sitzen, Feßler und Gottfried neben ihm. + +»Auf diese Stunde,« sagte er, als Alle Platz genommen hatten, »habe +ich mich gefreut von dem Momente an, in welchem mir der erste Gedanke +meines Gedichts aufgegangen, bis zu dem, in welchem ich am letzten +Verse gefeilt ... Wie jetzt in der Wirklichkeit, umgaben Sie mich +immerwährend im Geist, Sie geliebten Drei!« + +Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem kleinen +Auditorium, dann öffnete er das Buch und begann zu lesen. + +Was er las, war nur eine einfache Herzensgeschichte -- ähnliche +sind wohl tausend Mal berichtet, millionen Mal erlebt worden. +»Abgedroschen!« wollte Gottfried schon ausrufen, aber er unterdrückte +das Wort. Offenbar hatte der Dichter nicht durch das Interesse an +seiner Fabel zu wirken gesucht; was da fesselte und bezwang, das war +der Schönheitszauber, der in dem schlichten Bilde webte, das war die +Wahrheit und die Leidenschaft, die es athmete, und wen man darin am +liebsten gewann, das war der Dichter selbst. Absichtslos, ja wider +seinen Willen hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem Werke und +erschien so liebenswürdig wie die verkörperte Jugend. Er war von +Begeisterung durchglüht, von Talent getragen; eine Unendlichkeit +wogte in seiner Seele. Für Ernst und Scherz, für Zorn und Wehmuth, Haß +und Liebe, für jede Stimmung und Empfindung der menschlichen Brust lag +das Verständniß in seinem Herzen und der Ausdruck auf seinen Lippen. +Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung, kein Mißtrauen in +seine Kraft lähmte ihn, er hatte sie, er wußte es, er war ihrer Wirkung +gewiß und baute auf sie mit der unerschütterlichen Zuversicht, die dem +Erfolg vorangeht, die ihn oft erzwingt. + +Und so fragte er denn auch, als er geendet, voll freudiger +Unbefangenheit: »Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen?« + +»Vollkommen,« erwiderte Feßler, »es klopft ein Herz darin.« + +»Nicht wahr? ... Und Sie, Gottfried -- Ihre Meinung?« + +Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen, den Ellbogen auf +den Tisch und die Stirn in die Hand gestützt. Jetzt lehnte er sich in +seinem Sessel zurück und sprach, ohne Halwig anzusehen: »Es ist schön, +ganz schön.« + +»Ich danke, Freund! Ein solches Lob von Ihnen, das thut wohl ... Aber +Sie -- Fräulein Lotti ... Sie schweigen -- Sie sagen mir nichts ...« + +In glühender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf: + +»Ich kann nicht -- Sie sehen ...« stammelte sie, ein schmerzliches, +vergeblich unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre Stimme. + +»Lotti! ... Ist es mir gelungen, Sie zu rühren, zu ergreifen? ... Soll +mein schönster Traum mir heute ganz in Erfüllung gehen?« Er sprang auf +und eilte jubelnd auf sie zu. + +Lotti streckte abwehrend die Hände aus; sie weinte, nicht sanft +befreiende Thränen -- Thränen qualvoller Beschämung und Empörung über +sich selbst. + +Halwig trat bestürzt zurück. Einen Augenblick stand er zweifelnd vor +ihr, plötzlich aber leuchtete das Bewußtsein des Sieges, den er über +diese Seele errungen, mit süßem Triumphe aus seinen Augen, und er +rief in einem Tone, aus dem Rührung, Entzücken und ein letztes Zagen +zugleich heraus klangen: »Sie zürnen mir? soll ich dafür büßen, daß +mein Gedicht Sie bewegte?« + +»Zürnen? Wie können Sie glauben? ... Eine neue Welt hat sich vor mir +aufgethan ... Ich weiß nicht, ich kann nicht sagen, was ich am meisten +bewundere -- ich sehe nur wie groß, wie herrlich und wie fern ...« + +Ihre Stimme brach, sie erhob einen raschen, hülflosen Blick zu ihm, den +er einsog wie himmlischen Thau. + +»Nicht fern,« rief er, »o nein! Ihnen ist sie es nicht, sie lebt von +Ihrem Leben, ist von Ihrem Athem durchhaucht ... Schöpferin meiner +Welt, haben Sie sich in ihr nicht erkannt?« + +Und schon lag er vor Lotti auf den Knieen, bedeckte ihre Hände mit +seinen Küssen, nannte sie seinen Engel, seine Geliebte, seine Braut. +Er pries die Stunde, in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war, +und die noch schönere, ewig gebenedeite, in welcher er's zum ersten +Mal empfunden, daß sie ihn liebe. Das war nicht heute, war nicht vor +Kurzem, das war sehr bald, nachdem sie einander kennen gelernt -- er +wollte gar nicht gestehen, wie bald ... um nicht allzu vermessen zu +erscheinen, so vermessen wie man eben wird, wenn man sich geliebt weiß +von dem edelsten und reinsten Herzen. + +»Jetzt aber sprich!« bestürmte er sie, »bestätige mir mein Glück vor +diesen theuren Zeugen ... Deinem Vater, Deinem Bruder, den Meinen von +nun an -- ein Wort, Geliebteste!« + +»Was soll ich sagen -- Du weißt Alles,« war ihre Antwort, und jauchzend +faßte er sie in seine Arme. -- -- + +Es war keine stumme Seligkeit die seine; unwiderstehlich brauste +der Feuerstrom der Worte, die er ihr lieh, dahin, und vermochte die +Einwendungen Feßlers zu übertäuben, und vermochte Gottfried, sich +ein Wort der Fürsprache für Denjenigen abzuringen, dem Lotti ihr +Herz geschenkt. Freimüthig erzählte Halwig die Geschichte seines +Lebens, sprach von dem Leichtsinn, mit dem er das Erbe seiner Eltern +zersplittert, gestand, daß er im Begriffe gewesen, auf schlechte +Wege zu gerathen, als sein schützender Stern ihn in das Haus Feßlers +geführt. Von dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden. Er +beschwor Feßler und Gottfried, Erkundigungen über ihn einzuholen. Seine +Vorgesetzten im Amte, seine Freunde und Bekannten sollten entscheiden, +ob er verdiene, hoffnungslos verworfen zu werden. + +»Davon ist nicht die Rede,« sagte Feßler, und Halwig rief: + +»So lasset denn die Geliebte das Erlösungswerk vollenden, das sie an +mir begonnen hat.« + +Sie wurde seine Braut; und der Mann, der ihr wie ein höheres Wesen +erschien, machte sie zur Herrin seines Schicksals. Er unterordnete sich +ihr, er wollte ihr Alles danken, was er besaß, er wollte Alles, was er +war, nur durch sie geworden sein. Sein junges Haupt, das schon von der +Morgenröthe des Ruhmes umglänzt wurde, beugte sich vor ihr, schmiegte +sich demüthig an ihre Kniee. + +»Das heißt verwöhnen,« sagte Vater Feßler, aber Gottfrieds Meinung war: +»Bete sie nur an, sie verdient's.« + +Einige Monate vergingen, da fiel der erste Schatten auf die bisher +ungetrübte Seligkeit der Verlobten. Halwig hatte plötzlich den +Staatsdienst aufgegeben, um sich ganz und gar seinem dichterischen +Berufe widmen zu können, der ihm täglich neue Erfolge brachte. Ein +zweites Büchlein war dem ersten gefolgt. Es erfüllte reichlich die +schönen Erwartungen, die jenes erregt hatte. Die kleine Gemeinde von +Bewunderern, die sich um den Dichter zu sammeln begann, wußte seines +Lobes kein Ende und begrüßte auch sein drittes Werk mit unbegrenztem +Entzücken. Und gerade dieses, das er, um eine übernommene Verpflichtung +zu erfüllen, in fieberhafter Hast begonnen und beendet, war ihm vor +allen andern ans Herz gewachsen. Er hatte daran erprobt, daß er zu +jeder Zeit Herr seiner Stimmung, seiner Phantasie, aller seiner Gaben +war, daß sein Talent ihm leiste und gewähre, was immer er von ihm +verlangte. Er wußte jetzt, daß sein Wollen unumschränkt über sein +Können gebiete. Ganz erfüllt von dem Gefühl eines so vollkommenen +Gelingens erschien er bei seiner Braut, und Lotti schwelgte im Anblick +seiner stolzen Glückseligkeit. Als es jedoch hieß, ihre Meinung über +die Arbeit auszusprechen, welche Hermann seine beste und reifste +nannte, zagte sie und antwortete mit Befangenheit nach langem Zögern, +daß ihr Alles gefalle, was von ihm ersonnen sei. + +»Dieses,« rief er, »müßte Dir auch gefallen, wenn ein Anderer es +ersonnen hätte.« + +»Vielleicht -- gewiß ...«, erwiderte Lotti, erschrocken über den +Ausdruck von Enttäuschung, der sich in seinen Zügen malte. + +Er fuhr erregt fort: »Du mußt lernen, ganz von mir abzusehen bei der +Beurtheilung meiner Arbeiten. Daß Schönes geschaffen werde, daran liegt +Alles, ob ich es geschaffen, ob Hinz oder Kunz, daran liegt nichts ... +Der Standpunkt ist der einzig richtige -- der soll der Deine sein. -- +Deine Liebe zu mir darf sich nicht durch blinde Bewunderung äußern. Du +mußt wissen, warum Du bewunderst -- mußt Gründe haben für Dein Lob. +Aufrichtigkeit verlange ich von Dir, und will hoffen, daß Du mich ihrer +würdig hältst.« + +»Hermann -- wie könnt' ich anders?« fragte sie mit einem ängstlichen +Lächeln. »Ich sage Dir, was ich denke, aber das hat ja keinen Werth +... Mein Urtheil zu begründen, muß ich erst lernen ... jetzt bin ich +noch nicht im Stande Dir zu sagen, warum ich Dir dieses Mal nicht so +leicht -- nicht mit so voller -- wie soll ich's nennen? -- so voller +Hingerissenheit folgen konnte wie früher, wie besonders bei Deinem +ersten, allerschönsten Gedicht ...« + +Nun brauste er auf. Er fragte, ob sie denn immer auf seine Anfänge +zurückkommen wollte, ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge. + +»Wenn Du bei dem Punkte stehen bleibst, von dem ich ausging, indeß ich +vorwärts jage, werden wir bald auseinander gekommen sein!« rief er, war +nicht zu beschwichtigen und verließ sie im Zorne. + +Freilich war er am nächsten Tage wieder da, demüthigte sich vor ihr, +und weinte vor Reue, als sie ihn, womöglich noch liebreicher als sonst, +empfing und ihm versicherte, nicht zu wissen, was sie ihm verzeihen +solle. Er war so beschämt, und in seiner Beschämung so ausbündig und +unwiderstehlich liebenswürdig, daß Lotti ihn bat, sich nur recht bald +wieder einzubilden, er habe ihr weh gethan. + +Diese Bitte wurde erfüllt, aber in anderem Sinne, als sie gestellt war. +Hermann ließ es an Gelegenheit nicht fehlen, ein gegen sie begangenes +Unrecht gut machen zu müssen, aber dieselbe zu benützen, verstand er +bald nicht mehr. + +Ein leiser Zweifel, eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner Brust +zu entfesseln, und Lotti erkannte mit Entsetzen, daß es Augenblicke +gab, in denen er sie haßte. Da legte er den Ausbrüchen seines +Zornes keinen Zügel an. Er litt und fand es natürlich und gerecht, +daß Diejenige, die ihn liebte, mit ihm leide. Wenn er sich von ihr +mißverstanden oder im Stillen getadelt glaubte, warf er ihr ihre +untergeordnete Thätigkeit, ihren beschränkten Wirkungskreis vor. + +»Von Dem, was ich anstrebe, steht freilich nichts im _Le Paute_!« +rief er eines Tages, und Gottfried, der bisher männlich an sich +gehalten, fuhr empor: »Noch ein solches Wort, und ich schlage Dir den +Schädel ein!« + +Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern, der darauf folgte, +wurde mühsam genug von Feßler ein Ende gemacht; aber von nun an begann +Gottfried sein passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber aufzugeben. + +»Du bist ein ungebärdiges Kind,« sagte er zu Halwig, »Du wärst im +Stande, das Liebste, das Du hast, in einem Anfall übler Laune zu +zerstören; ich will strenge Wache über Dich halten.« + +Halwig drückte ihm die Hand, er begab sich gern unter den Schutz seines +besten Freundes. + +»Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler!« rief er ganz beseelt von +den edelsten Vorsätzen, »wenn Du mir treulich hilfst, will ich ihrer +schon Herr werden!« + +Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden, sie wußte, daß Hermann +die Selbstbeherrschung, die es ihm auferlegte, ebenso wenig zu +bewahren vermochte, wie er die Aufrichtigkeit vertrug, nach welcher er +immer verlangte. Seine ganze Natur empörte sich gegen den Zwang, die +leiseste Mißbilligung fraß ihm am Herzen, erbitterte ihn, machte ihn +unglücklich und überzeugte ihn nie. Was ihn stählte, was alle seine +Kräfte entfaltete, das war der Kampf gegen Haß und Verfolgung, und der +Genuß überschwänglichen Lobes und verhimmelnder Liebe. + +»Ich kann nur im Lichte gedeihen, und Ihr lebt im Halbdunkel,« rief +er einmal nach einer langen Controverse mit Gottfried und verließ das +Zimmer ohne Abschiedsgruß. Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach. +Eine Weile darauf hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen +herübertönen, manchmal unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes +Flehen. Dann wurde die Hausthür zugeschlagen, und eine lange Zeit +verfloß, bevor Lotti, noch bleich und zitternd, in die Werkstatt +zurückkehrte. + +Am Abend sprach Feßler zu Gottfried: + +»Was ich Dir sagen wollte: Gieb Dein Erziehungswerk auf. Den Halwig +änderst Du nicht. Laß ihn. ~Ihr~ ist er ja recht, wie er ist.« + +»Aber Vater, er mißhandelt sie.« + +Feßler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe. »Seine +Mißhandlungen sind ihr lieber, als die Liebkosungen eines Andern. Das +ist so Weiberart.« + +Gottfried schwieg und ließ fortan die Dinge gehen, wie sie gingen. + +Die Besuche Halwigs wurden immer seltener, und wenn er kam, war er +entweder düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und +erzwungenen Lustigkeit, die unter allen seinen wechselnden Stimmungen +Lotti am peinlichsten berührte. In eine solche gerieth er einmal, +als Feßler über einige Vorbereitungen zur nahenden Hochzeitsfeier +sprach, und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater, die Vermählung müsse +hinausgeschoben werden. + +»Hat ~er~ den Vorschlag gemacht?« rief Gottfried. + +»Ich wünsche es!« entgegnete sie rasch. + +»Warum? ... Mißtraust Du ihm?« + +»Vielleicht nur mir,« war ihre Antwort. Scheinbar völlig ruhig begab +sie sich an die Arbeit. + +Kurze Zeit, nachdem Lotti diesen Entschluß gefaßt, schien Hermann ganz +zu ihr zurückzukehren. Er hatte eine große Täuschung erlitten, er fand +Trost bei ihr, die seinen Schmerz tiefer empfand, als er selbst. Sein +gesunkener Muth wurde indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben, +und die unausbleiblichen Früchte derselben stellten sich ein. Die +Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, wollten bezahlt werden, sie +forderten ihren Lohn, machten Ansprüche auf die Persönlichkeit, auf +die Zeit des Dichters. Verwandte, die sich vor Jahren von ihm logesagt +hatten, erinnerten sich plötzlich, und erinnerten ihn, daß er zu ihnen +gehöre. Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers +sprach, hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht an, die gescheite +Leute für Künstlerlaunen besitzen. Halwig begann sich einzubilden, daß +er seine Braut nur um den Preis schwerer Opfer, harter Kämpfe werde +heimführen können. Er ersparte und verschwieg ihr nichts; kein noch so +herbes Urtheil, das Menschen über sie fällten, die sie nie gesehen, +kein Bedenken Derjenigen, denen er früher aus dem Wege gegangen, und +die er jetzt »die Seinen« nannte. Er schrieb diese grausame Offenheit +dem unbegrenzten Vertrauen zu, das er für Lotti empfand, und die +bestärkte ihn darin. Sie wußte, daß sie seine Liebe verloren hatte, +aber den Schatten derselben, dieses Vertrauen, das ihr sein Herz +öffnete, sie seine geheimsten Gedanken kennen ließ, an dem hielt sie +fest, das hütete sie wie das heilige Feuer, wie ihr Lebenslicht. Als +ob ihre Liebe in dem Maße wüchse, in dem die seine abnahm; als ob +er sie durch Qual fester an sich ketten würde, wachte sie über dem +kleinen Reste seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld. Ein +Aufflackern seiner erlöschenden Empfindung war ihr, was der Mutter ein +Lächeln ihres sterbenden Kindes ist. + +Endlich kam die Stunde, in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte, in +welcher ihr glühender Entsagungsmuth sie verließ. Nach jahrelangem +Ringen erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden. +Aber sie wollte diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele +dessen erkaufen, den sie so sehr geliebt hatte. Sie that es an einem +Tage, an dem er sich einmal wieder ihr gegenüber so herzlich, so warm, +so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt, wie in der Frühlingszeit ihrer +Liebe. + +Er war länger verweilt, als er beabsichtigte und sprang erschrocken +auf, als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde schlugen. + +»Ich sollte längst fort sein!« rief er, »aber gleichviel ... Bei Dir +versäume ich nichts, ich gehe immer reicher, besser, als ich gekommen +bin ... Ich bin ein Narr, so selten zu kommen.« + +Sie traten beide an das geöffnete Fenster, durch welches die sanft +bewegte Luft des lauen Herbstabends hereinfluthete. Die Sonne hatte +sich hinter einer schweren Wolke verborgen, aber ihr Widerschein säumte +den Horizont mit Purpurstreifen. Breite, goldige Lichter lagen auf den +Dächern der Häuser und behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen +Dünste, die von den Bergen herzogen und den östlichen Theil der Stadt +schon in ihre wallenden Schleier gehüllt hatten. Drüben am Quai jagte +Wagen an Wagen vorbei, drängte und tummelte sich das Menschengewühl, +indeß der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen rollte. + +»Die Aussicht hab' ich lieb,« sprach Halwig, »ich sehe gern das +Treiben der großen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat Recht, +seine hohe, alte Warte nicht zu verlassen, wenn es ihm auch manchmal +schwer fallen mag, sie zu erklimmen ... Leb' wohl -- das heißt auf +Wiedersehen!« + +»Nein, nein,« sagte Lotti hastig, »es heißt Leb' wohl ...« Eine +brennende Röthe bedeckte ihre Wangen, und sie umspannte mit beiden +Händen die Hand, die er ihr gereicht. »Wir wollen scheiden, wir müssen +... als gute Freunde, aber für immer. Gieb mir mein Wort zurück, wie +ich Dir das Deine zurückgebe, Hermann ...« + +»Was ficht Dich an?« fragte er. + +Sein Ton klang vorwurfsvoll, allein ein Blitz freudiger Ueberraschung, +kaum sichtbar für ein anderes Auge als das ihre, hatte während ihrer +vorhergehenden Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet. + +»Ich kann Deine Frau nicht werden,« fuhr sie fort, rascher jetzt und +mit fliegendem Athem: »Schon lange wollte ich Dir das sagen ... Ich +ringe schon lange mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht +trennen, kann auch die Lebensweise nicht aufgeben, an die ich gewöhnt +bin, von Kindheit an ... die mir sehr lieb ist ...« + +»Ich meinte Dir noch viel lieber zu sein!« rief er, und setzte in +unaussprechlicher Verwunderung hinzu: + +»Du giebst mich auf?! ... Du -- mich?!« + +»Du wirst Dich darein fügen -- nicht wahr? ... Sage nicht, daß es Dir +unmöglich ist!« + +Sie richtete die Augen fest auf ihn, und die seinen senkten sich. + +Es flog ihm durch den Sinn, daß sie ihm untreu geworden, daß sie einen +Andern liebe, aber sogleich mußte er lächeln über diesen Verdacht. Er +fragte sich, ob sie ihn auf die Probe stellen wolle, fragte sich auch, +ob sie nicht vielleicht seinem Glück, seiner Zukunft, ein ungeheures +Opfer bringe? Die ruhige Haltung, in der sie vor ihm stand, machte ihn +aber auch an dieser Vermuthung irre. + +Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten +Schmerzes: + +»Und wir sollen uns niemals wiedersehen?« + +»Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind.« + +»Du bist es schon jetzt!« entgegnete er voll Bitterkeit. + +»Und Du wirst es werden -- wirst mir danken ... Laß mir Deine Hand! +wende Dich nicht ab ... Du hast keinen Grund mir zu grollen. Ich +befreie Dich von einer traurigen Braut, bei der keine Freude zu holen +ist --« sagte sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln. + +Er unterbrach sie, er wollte nicht weiter hören; er erklärte, daß er +ein einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme, und wenn es sein +Unglück wäre ... + +»Wenn es aber auch das meine ist?« fragte sie, und er rief halb zornig, +halb verlegen: + +»Wie Du mich mißverstehst! ... Wie Du nur glauben, es nur für möglich +halten kannst, daß ich Dich aufgeben werde, ohne Grund ... Weißt Du +denn einen? ... Daß ich mich von Dir trennen werde -- so plötzlich ...« + +Sie erhob das Haupt. »Wir sind längst getrennt,« sprach sie. »Es ist +aus. Frage Dich selbst, ob Du recht hättest, mich mitzuschleppen durchs +ganze Leben, weil Du einmal geglaubt hast, mich zu lieben.« + +»Geglaubt? ... Ich habe Dich unaussprechlich geliebt -- meine Liebe zu +Dir war ...« + +»Sie war!« fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins +Wort, der die Qual ihres Innern verrieth. »Täusche Dich nicht ... Wir +wollen die Kraft haben einzugestehen, daß eine Empfindung, die wir für +ewig hielten -- erloschen ist. Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf +die erloschene bauen, nicht erwarten, daß ein Glück aus ihr erblühen +könne ...« + +Er starrte sie an und schwieg. Sein Verstand gab ihr recht, sein +Herz stimmte ihr bei. Was sich in ihm noch regte und sträubte, das +war ein leiser Gewissensvorwurf. Allein auch den vermochte Lotti zu +beschwichtigen, indem sie sagte: + +»Nur die Geliebte scheidet sich von Dir -- die Freundin bleibt. Die +wirst Du immer finden. Komm zu ihr, wenn Du ein Leid zu klagen hast, +wenn Du verdrossen bist und schlimmen Muthes. Bedrückte Seelen warten +-- das verstehe ich, das ist die Kunst, die ich ausübe, das ist meine +Virtuosität ...« + +»Lotti!« rief er überwältigt und zog sie an seine Brust. Plötzlich +jedoch ließ er sie aus seinen Armen, warf sich in einen Sessel +nieder und brach in heftiges Schluchzen aus. Sie trat zu ihm, beugte +sich, ihre Lippen ruhten lange auf seiner Stirn ... regungslos, mit +geschlossenen Augen, empfing er ihren schwesterlichen Kuß, und ihm war, +als senke sich aus seinem innigen Berühren Frieden und Versöhnung in +seine kämpfende Seele. Als er aufblickte, fand er sich allein; Lotti +war in ihr Zimmer geeilt, und er hörte sie den Riegel vorschieben. Er +sprang auf, er rannte zur Thür und pochte und rüttelte daran wie ein +Verzweifelter. Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen. + +Endlich mußte er sich ergeben -- mußte sich fassen. + +»Ich komme wieder, hörst Du mich? Ich komme wieder!« sprach er und +schritt nach einem letzten Zögern, einem letzten, vergeblichen +Erwarten, langsam aus dem Gemach. + + + + + VII. + + +Allein so oft er wiederkam, so ungestüm er nach ihr fragte -- +Lotti ließ sich nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine +Unterredung, und sie entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewähren, wenn +er zuvor verspreche, ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu +erwähnen. Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen, das erklärte er +offen in einem zweiten Briefe, der unbeantwortet blieb. + +Damit war zwischen ihnen Alles zu Ende. + +Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen, +senkte Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Später +vermieden sie es nicht mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast +Du mir nichts zu sagen? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes +Lächeln, eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert. Nach solchen +flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und +brennender Stirn, und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und +gerötheten Augen von einer durchweinten Nacht. + +Aber auch diese letzte, thörichte Schwäche ward überwunden. Lotti +gewöhnte sich, an dem einst Geliebten vorbei zu gehen, wie an einem +Fremden; sie erröthete nicht mehr, wenn sein Name in ihrer Gegenwart +ausgesprochen wurde; sie las auch seine Bücher nicht mehr. Sie wurde +von ihnen allzu peinlich berührt. Es gab sich darin ein Haschen nach +dem Absonderlichen und Unerhörten kund, ein Streben, gemeine Neugier +zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft sogar das Widerliche zu +schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte +erschienen, den Halwig selbst sie verehren gelehrt: am Gotte des +Schönen. + +Jahre vergingen. Feßler starb -- kurze Zeit nachdem ihm angekündigt +worden, daß er seine »hohe Warte« verlassen müsse, weil das Haus +zum Umbau bestimmt sei. Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried +miethete sich bei dem Uhrmacher ein, für den er seit dem Tode seines +Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes immer eingedenk, +führten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten und +einzigen Liebe so vollkommen geheilt, daß sie die Nachricht von Halwigs +Verheirathung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener +Heiterkeit aufnahm. + +Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich heute noch +des verstörten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen, +der Verlegenheit, der unnöthigen Schonung, mit denen er, nach langem +Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so +beschämt und elend ausgesehen, als ob er eben eine schändliche Handlung +begangen hätte. + +»Ich muß es Dir sagen,« entschuldigte er sich, »Du hättest es +vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet +vielleicht ...« + +Lotti sah ihn freundlich an und sagte: + +»Nun -- was hätte das gemacht?« + +»Wenn Du ihnen aber begegnet wärest, wie ich -- ganz unerwartet -- beim +Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm.« + +»So hätte es mich gefreut,« sagte Lotti. + +»Hätte es? ...« Sein Gesicht hatte sich verklärt, er gerieth in +Begeisterung, und jetzt kam es heraus, daß er schon seit einigen Tagen +von der Verheirathung Halwigs unterrichtet war, daß er auch gehört +hatte, die junge Frau sei arm, vornehm und schön. + +»Das Letztere kann ich bezeugen,« sprach Gottfried mit gedämpfter +Stimme, als ob er ein Geheimniß anzuvertrauen hätte, »Du und ich, +wir haben nie etwas Schöneres gesehen. Sie ist groß -- um ein Haar +vielleicht größer als Du, und so zart, so ätherisch, als wäre sie +aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das Bild paßt nicht; die +Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus, wie das junge, +rosige Leben ... Ein Kind sag' ich Dir, und hat doch schon etwas in +den Augen ... Ich war eilig, und ging in Gedanken so hin, wäre beinahe +an sie angerannt ... Er rief »Holla!« und sie blickte mich mit diesen +prächtigen, sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, als ob +sie sagen würde: Geben Sie doch Acht! Ich bin es ja! ... so, daß ich +außerordentlich erschrocken stehen blieb und den Hut rückte. Da +bemerkte ich erst, daß er den seinen abgenommen hatte. Gesprochen +wurde nichts, wir haben beide nur getrachtet, so bald als möglich +fortzukommen.« + +Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem +Arbeitstisch Lottis gegenüber ein, und sie begann von anderen +Dingen zu sprechen. Sie erzählte mit einer Art Entrüstung, daß der +Uhrenliebhaber, der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht, +das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben, sich wieder melde. +Von Amerika aus, wo er lebte -- er war ein Deutscher, der dort Glück +gemacht -- erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein Agent +Lotti überbrachte. Sie sann jetzt über ihre Antwort nach, konnte nicht +Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschütterlichen +Vorsatz, sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrücken. Sie +hatte Lust, dem »Amerikaner« mitzutheilen, was bisher Niemand außer +Gottfried wußte, daß der Hausschatz nämlich, im Testamente Lottis dem +Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei, wo er unter dem Namen: »Feßlersche +Sammlung«, auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude +künftiger Generationen. + +Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in Allem recht, sprang aber +plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab, und sagte: »Findest +Du es nicht verwegen von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch schon +reifen Jahren ein Mädchen zu heirathen, wie gesagt, fast noch ein Kind +und so wunderschön?« + +»Von -- ihm? ... Du sprichst von Halwig --« erwiderte sie mit +einem verweisenden Blick. -- Die sanfte Lotti war gegen Gottfried +ausnahmsweise immer ein wenig streng. »Das muß man wissen ... Reife +Jahre? Ach was! Künstler bleiben immer jung, nur wir altern, wir +Arbeitsleute.« + + * * * * * + +So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheirathung +aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört. + +Und jetzt, nachdem sie Alles verschmerzt, vieles vergessen, kam ein +Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen +Ruhe. Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks, den sie +plötzlich empfangen hatte, über die Pein, welche er verursachte. Doch +versuchte sie nicht, sich ihr zu entziehen, dazu kannte sie sich zu +gut. Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein, bevor sie sterben +konnten. Da half kein Wegschieben, keine Ueberredungskunst, sie +forderten ihr ganzes Recht, und wichen erst, nachdem es ihnen geworden. + +Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk +sich ab. Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe. Allein, +was sie auch that und sprach, unablässig summten ihr die Worte: »Aus +Leichtsinn oder Noth« im Ohr, und der Gedanke an Halwig verließ sie +nicht eine Sekunde. Sie durchwachte eine böse Nacht. + +Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch ein Mal, die +bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu +überbringen. + +Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten, +auffallend hastig ab. + +»Wie Du willst,« sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von +Empfindlichkeit. + +Sie blickte ihm eine Weile nach. »Der beste Mensch!« murmelte sie +leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig, mit +gekreuzten Händen, im Zimmer auf und ab zu gehen. + +Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen, ihre +Herrin unbeschäftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr, als +sie sich verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr eine +Gelegenheit, sich so recht nach Herzenslust über die interessanten +Neuigkeiten auszulassen, die sie vom Markte mitgebracht. Leider +fand sie nur geringe Theilnahme und wurde plötzlich durch die Worte +unterbrochen: + +»Agnes -- ich gehe jetzt aus.« + +Das war freilich leichter gesagt als gethan. »Ausgehen?« Jetzt? -- die +Alte entsetzte sich über »diese Idee«. Vor dem Essen war das Fräulein +nie ausgegangen, warum denn heut'! + +Die Frage, und die seltsam forschende Miene, mit der sie gestellt +wurde, machten Lotti erröthen; sie wandte das Gesicht verlegen ab und +sagte: »Warum? -- ja -- -- ich könnte eigentlich auch später -- wenn Du +Dich beeilen wolltest ...« + +Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie überbrachte die +Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Fräulein dringend zu sprechen +wünschte. + +Der Agent des »Amerikaners« kam einmal wieder, die Anerbietungen seines +Chefs in Bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern. + +Er wurde selbstverständlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu +bescheiden und sich -- zufrieden oder nicht -- zu empfehlen, nahm er +auf das Breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten +einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen. Nach einer tödtlich +langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung, er wolle +vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu +bemerken, daß sei ganz überflüssig, worauf er verbindlich erwiderte, er +danke und werde sich gewiß einfinden. + +Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn +sie ließ ihr Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde, +unberührt. + +Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an, und blieb dann +zögernd an der Thür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt +langsam durch die Straßen ... immer langsamer, je näher sie ihrem Ziele +kam. + +Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen, unter +denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war. Sie wollte es. Und +doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen +Entschluß. -- Was soll die Gewißheit, nach der du strebst, dir bringen? +fragte sie. -- Was hast du zu erwarten? Du wirst von einem Leichtsinn +hören, den du nicht heilen kannst, oder von einer Noth, der abzuhelfen +du nicht vermagst. Laß ab! Was quälst du dich? ... Zu wessen Frommen? +Du bist längst vergessen -- vergiß auch du!« + +Lotti horchte den leisen, abrathenden Stimmen und -- mit Bewußtsein +handelte sie ihnen entgegen. + +Jetzt stand sie an der Thür des Uhrmacherladens, jetzt drückte sie die +Klinke. + +Der Laden war leer, aber aus dem anstoßenden offenen, mit Gaslicht +hellerleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen. + +»Ich weiß ja, daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange!« rief eine +Stimme, deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte, +und die sie dennoch augenblicklich erkannte. + +»Ich aber bin nicht in der Lage, Gefälligkeiten zu erweisen. -- +Entschuldigen Sie, da ist Jemand ...« sagte der Uhrmacher, der den +Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte; »ah -- Fräulein! +eben recht ...« Er eilte auf Lotti zu, indem er fortfuhr zu sprechen: +»Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden; jetzt sind drei Tage +vorüber; und mit dem besten Willen -- wenn ich noch so gern möchte -- +ich könnte die Uhr nicht herschaffen, denn sie ist --« er warf Lotti +einen Blick des Einverständnisses zu, »bereits in anderen Händen. Diese +Dame kann es bestätigen.« + +Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit Aeußerungen des +Unglaubens begleitet. Als Lottis Zeugniß angerufen wurde, richtete er +plötzlich die Augen auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet, +so völlig überwunden und rathlos an, wie ein Kind, das auf einer +schlimmen That ertappt wird. + +»Mein Gott -- Sie? ...« stammelte er, »was werden Sie von mir denken?« + +Lotti hatte sich rascher gefaßt als er; sie erwiderte: + +»Nichts Anderes, als daß es schön von Ihnen ist, sich so herzlich nach +Ihrer alten Uhr zurückzusehnen.« + +Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas +peinlicher Ueberraschung; er sie, halb wehmütig, halb freudig. Seine +Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht +und wohl ums Herz. Ihm schien es, als träte ihm die Erinnerung an die +beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste, +o, bei weitem nicht! Aber die beste gewiß. + +»Fräulein Lotti -- Fräulein Lotti,« wiederholte er mehrmals, ohne den +Blick von ihr zu verwenden. + +Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte, +wieder. Hübsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schön sein, wenn +ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen +Gedanken auf ihrer Stirn sichtbar wurde, wenn eine Gemüthsbewegung +ihre Wangen röthete -- so wie jetzt ... Was lag daran, ob leichte +Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen schmaler geworden? Die +Augen blickten so gütig wie je; die rosige Farbe der Lippen hatten die +Jahre verwischt, den Zug von Sanftmuth und stiller Heiterkeit, der +sie umspielte, jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja, sie war es, war +dieselbe noch! und -- sie hat sich wenig verändert, dachte er. + +Lotti hingegen dachte: er hat sich sehr verändert. Worin aber? fragte +sie sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorüber gezogen. Seine +Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner Haare +und seines Gesichtes waren dunkler, sein Bart und seine Brauen waren +lichter geworden. Die Augen lagen tiefer, und schon bildeten sich Ringe +um dieselben, doch funkelten sie noch feurig wie sonst; er war noch +immer ein Bild männlicher Schönheit, sein Wesen noch immer anziehend +und gewinnend. Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte eine +gewaltige Aenderung erfahren. Keine Spur des Künstlers war mehr an +ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft +aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode +zugeschnitten, und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch +die Form des langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte +bei der Wahl des glänzenden Cylinders, der sportsmäßigen Cravatte, +der Handschuhe aus Hundsleder, den Ausschlag gegeben. Wenn Kleider +Leute machen würden, hätte man ihn für ein Mitglied des Jockey-Klubs +halten müssen. Er hatte jedoch nur die äußere Hülle eines Engländers, +nicht dessen Art und Weise angenommen -- vielleicht nicht anzunehmen +vermocht. Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone, in +welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte, er freue sich +des Wiedersehens, trotz der ihn beschämenden Umstände, unter denen es +stattfand. Er bat sie, ihn anzuhören, bat, ihr seine thörichte und +leichtsinnige Handlung, die allerdings unverzeihlich sei, wenigstens +erklären zu dürfen. + +Lotti unterbrach ihn und meinte, daß sich wohl mehr werde thun lassen. +Sie wandte sich an den Kaufmann und ihrer eindringlichen Fürsprache +gelang es, nach einiger Bemühung den übereilten Handel rückgängig zu +machen. Sodann verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde +und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit Halwig. + +»Ihre Uhr ist bei mir,« sagte sie zu ihm, »in drei Tagen schicke ich +sie hierher, da kann sie abgeholt werden.« + +Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grüßte so deutlich +verabschiedend, daß ihm nichts übrig blieb, als diesem Winke zu +gehorchen. Er verneigte sich, trat zurück, und sie schlug den Weg nach +ihrer Wohnung ein. + +Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert, als sie durch +rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde, und Halwig an +ihrer Seite erschien. + +»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »verzeihen Sie, Fräulein Lotti ... eine +große Bitte ...« + +»Nun?« + +»Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen?« + +»Das steht Ihnen frei!« antwortete sie. + +»In drei Tagen also! ... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich +danke Ihnen ... das ist eine Freude!« + +»Die hätten Sie sich längst machen können.« + +»Können! ...« wiederholte er fragend, »haben Sie mir nicht dereinst +gesagt, nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte, mög' ich kommen? Nun, +Fräulein Lotti, ich hatte keines zu klagen, außer demjenigen, daß Sie +selbst mir damals angethan haben ... und das ich allein tragen und +überwinden mußte ... In allem übrigen bin ich glücklich gewesen ...« + +»Und davon sollte ich nichts wissen?« unterbrach sie ihn. + +»Davon ~wollten~ Sie nichts wissen ...« + +»O wie kindisch! Ist es möglich, Halwig, so kindisch sind Sie +geblieben?« + +Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte. +Erst die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, daß sie ihm +seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei, stimmte ihn +ernster. + +»Ach,« sagte er mit einem Seufzer, »ich bin ja wie der Vogel der +Minerva. In der Dämmerung beginne ich meinen Flug. Tags über schmiedet +mich die Arbeit an meine Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit +-- eine lohnende und erfolgreiche ...« Er warf den Kopf stolz zurück. +»Ueberdies,« setzte er, als Lotti schwieg, mit veränderter Stimme +hinzu, »habe ich diesen Winter und den vorigen in England zugebracht, +die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen längeren Aufenthalt in +einer kräftigeren Luft nothwendig.« + +»Sie ist leidend?« + +»Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten +Grund zu Besorgnissen gäbe.« + +»Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen, Halwig.« + +»Ich will sie Ihnen bringen!« rief er, hielt aber sogleich inne, wie +Jemand, der ein übereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zögernd +hinzu: »Das heißt, wenn meine Frau -- ich wollte sagen, wenn Sie es mir +erlauben.« + +»Erlauben -- wie denn? -- ich bitte Sie darum.« + +Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. »Hier +wohne ich,« sprach sie, »hoch oben im dritten Stock.« + +»Hier also -- gut -- hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... Wie +glücklich wäre ich, unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon +fortsetzen zu können -- aber ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger +natürlich -- einer, der vernarrt ist in seine Sklaverei ... Auf +Wiedersehen denn!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit Wärme: +»Fräulein Lotti -- so haben wir uns doch endlich wieder gefunden!« + +»Und wie mir scheint,« antwortete sie, »als ganz gute Freunde.« + + + + + VIII. + + +Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde fand Halwig sich ein. + +»Agnes, kennen Sie mich noch!« sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen +Thür die Alte ihm geöffnet hatte. + +Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, daß +Sie kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte, +wurde allmälig milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen +ja prächtig aus.« + +»Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!« + +Die Alte schmunzelte und dachte: jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie +es mir immer gegangen ist. + +Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung +gegen ihn gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im +Handumdrehen im Hause erlangt, sie verabscheute seine Thätigkeit. »Was +thut er?« meinte sie, »er schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für +einen Mann -- nähen wäre ebenso gut. Ich möchte einen Schreiber gerade +so wenig wie einen Schneider.« Da sie niemals Gelegenheit gehabt, diese +Behauptung zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren Haß maßlos zu +überschätzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen +nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrüßt, wenn er fünf Minuten +lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmäßig zu: »Er ist +halt doch ein lieber Mensch.« + +»Darf ich eintreten?« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, mich +anzumelden?« + +»Nicht nothwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Feßler auch.« + +»Gottfried auch?« + +»Ja ja,« bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien, +»zwei alte Freunde heißen Sie willkommen.« + +Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich +anfangs ein wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand +auch er jenes eigenthümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl, +das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der +Jugendzeit erweckt wird. + +»Und wie lebst Du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in +Erinnerungen geschwelgt hatten. + +Halwig lehnte sich in den alterthümlichen Sessel zurück, der ihm +eingeräumt worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund,« +lautete seine langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht -- ich +schreibe.« + +Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mißbehagen schien sich +seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er +fort: + +»Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend, oder -- zur Abwechselung -- vom +Abend bis zum Morgen ... Es giebt einmal nichts so Unpoetisches, wie +das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu +thun, wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß?« + +»Das kann Dir nicht schwer werden,« meinte Gottfried, »ein gefeierter +Dichter wie Du ...« + +»Heuchle nicht, Gottfried! Was weißt Du davon, ob ich ein gefeierter +Dichter bin?« + +»Nun -- man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.« + +»Daher schöpfst Du Deine Nachrichten? Gehst zum Fasse, statt zum Quell +... Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls sich selbst +zu überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?« + +»Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber lieber Halwig, ich +altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.« + +»Sie thun vielleicht sehr gut daran,« sprach er nicht ohne leisen, +etwas ironischen Verdruß. + +Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel +einiger darin aufgestellten Werke. »Da sind noch alle, die alten +Bekannten ... Ja, ja, Ihre Umgebung hat sich eben so wenig verändert, +wie Sie selbst. Der Raum ist kleiner geworden,« sprach er und blickte +sich in der Stube um, »die Gegenstände sind dieselben geblieben. Aber +-- wo ist denn die Sammlung, der Schatz des Hauses?« + +Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers. »Dort steht sie.« + +»Unvermindert? In ihrer ganzen Herrlichkeit?« + +»Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.« + +»Wirklich?« + +»Wie können Sie daran zweifeln? Ein Geizhals würde sich leichter von +Hab und Gut trennen, als ich mich von einer meiner Uhren.« + +»Nicht einmal eine wäre Ihnen feil? -- Um gar keinen Preis? Nicht um +Wohlhabenheit, nicht um Reichthum?« + +»Welche Fragen!« erwiderte Lotti beinahe verletzt. + +Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein; er stützte die Arme auf +seine Kniee und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Da plötzlich +erhob er die Augen zu Lotti: + +»Idealistin! Sie wohnen in einer Nußschale unter dem Dach, plagen sich +ums tägliche Brod, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, um +nichts zu schmälern von einem eingebildeten Werth ... Sie haben Recht! +... Bewahren Sie sich, was Ihnen unschätzbar ist!« schloß er wehmüthig, +schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten Uebergänge, +die ihm immer eigen gewesen waren, einen heitern Ton an. Er nannte sich +einen glücklichen Menschen und pries sein Schicksal, das ihn endlich +wieder mit seinen alten Freunden zusammen geführt. Der Verkehr mit +ihnen sei das Einzige gewesen, wonach er eine Sehnsucht empfunden, die +sich oft bis zum Schmerze gesteigert. Jetzt war auch diese erfüllt. Ihm +fehlte nichts mehr. Er begann von seiner Frau zu erzählen, und wie er +sie im Sturm gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre +Geschwister, »die ganze hochadelige Sippe« gegen ihre Verbindung mit +ihm aufgeboten habe. Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten +seiner Frau gemieden -- nur anfänglich ... + +»Seitdem sie sich überzeugt haben, daß meine Kunst keine brodlose ist,« +sprach er lachend, »bin ich merkwürdig in ihrer Achtung gestiegen, und +das freut mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel Gewicht auf ihre +Meinung zu legen. Es sind sehr ehrenwerthe Leute, aber durchaus keine +überlegenen Geister. Ein wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ...« + +»Einfluß nehmen sie aber doch auf Dich,« versetzte Gottfried. »Dein +Aeußeres hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend! +was bist Du nobel geworden ... ich bewundere Dich schon die ganze Zeit +im Stillen.« + +»Spotte nur,« sagte Halwig. »Uebrigens, lieber Alter, die Zeiten sind +vorbei, in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am +abgeschabten Flausrock erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, habe +ich allerdings aufgegeben. Aber nicht in Folge äußerer Einflüsse, +sondern Dank meinem verbesserten Geschmack.« + +Gottfried blinzelte ihn freundlich an. »Sehr gescheit,« sprach er; +»Deine Leute können mit Deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein. +Und Deine Bücher, sage mir, finden die bei ihnen gehörige Anerkennung? +Gefallen sie ihnen, wie Du selbst ihnen gefallen mußt?« + +»Meinen Leuten -- Bücher? ... meinen Leuten? -- Freund ich frage mich +manchmal, ob sie lesen können,« entgegnete Halwig, und fuhr nach einem +Blick voll Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: »Das +gilt nur von den Männern! Die Frauen lesen, die -- ja. Und zwar die +alten französische, und die jungen englische Romane. Welche Früchte +diese Lectüre den ersten trägt, weiß ich nicht; die zweiten holen sich +aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten und Gebräuche, und +für alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz eines +Maquignons, reden wie die Jockeys, und -- sind reizend. -- Ja, ich +muß gestehen, daß ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im +Geringsten täusche über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber -- +was geht die mich an? Mich unterhalten, mir gefallen diese Amazonen +in Schleppkleidern; meinetwegen dürfen sie bleiben, wie sie sind ... +Die Klagen über die Fehler der Aristokraten, über ihre Frivolität, +Genußsucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen; allein, +wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht +wohl gefühlt? -- man hat überhaupt keinen Sinn für das Anmuthige +und Schöne, wenn man keinen hat für die Anmuth und Schönheit ihrer +Umgangsformen ... freilich eine Ahnung von Talent zu dergleichen +Dingen muß man mitbringen, um sie als Vorzüge gelten lassen zu können +... diese Ahnung fehlt -- nicht dem großen Publikum, das unsere ist +vortrefflich, keine Nation der Welt vermag ein besseres zu bilden -- es +fehlt den Wortführern des Publikums, meinen Herren Collegen und lieben +getreuen, immer dienstbeflissenen Feinden.« + +»Deine Collegen und Feinde?« fragte Gottfried ganz verwundert über +diesen plötzlichen Ausfall. + +»Nun ja! -- Ich habe zu viel Glück und habe stets zu viel Glück gehabt, +um ohne Neider zu sein. Sie thun, was sie können, um mir meine Erfolge +zu verkümmern, allein die Mühe ist verloren. Noch befinde ich mich +im Vollbesitze meiner Kraft und hoffe, nicht so bald zu erlahmen -- +geschehe das -- erwachte ich eines Tages und wäre kein Dichter mehr +-- wie man behauptet, daß es geschehen könne, Anderen schon geschehen +sei, -- versiegte plötzlich der Quell, aus dem ich gewöhnt bin, ohne +Maß zu schöpfen -- ja dann ...« Er griff sich mit beiden Händen an den +Kopf, »dann wäre ich verloren ... denn Alles, was ich bin und habe, +steht und fällt mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegründet, die +Zukunft meiner Frau ... geistige Verarmung hätte für mich so viel zu +bedeuten, wie materielle Noth -- und das hieße sie betrogen haben, die +mir in Unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ... Närrische Gedanken +--« unterbrach er sich mit einem gequälten Lachen, »ich kenne mich +und fürchte nichts. Aber die Phantasie, die uns beseligt, will auch +peinigen. Nur zu! ... In der Einbildung müssen wir das Furchtbare +durchmachen, das uns die Wirklichkeit erspart -- das ist der Tribut, +den der Glückliche dem allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und, daß +er reichlich bezahle, dafür sorgen die eigenen, in dem Geschäft, das +ich betreibe, bis zum Zerreißen gespannten Nerven, und die Bemerkungen +der süßen Neider, oder die Rathschläge der weisen Freunde. Auf dem Wege +hierher bin ich dem weisesten von Allen begegnet ... Was der nicht +Alles wußte, nicht Alles kommen sah! Wie der so eindringlich bat, als +hänge sein eigenes Heil davon ab: Gönne Dir Ruhe! Sündige nicht auf +Dein Talent -- Du brauchst Sammlung, Erholung ... Wohl brauch' ich +sie, aber sie mir gönnen heißt abtreten, Anderen Platz machen ... O +nein, ich weiche nicht, ich bleibe und fühle Nerv und Stärke genug in +mir, der ganzen heranwachsenden Epigonen-Generation Stand zu halten +... Ich traue mir's zu, sie alle zu überdauern, diese altklugen Kinder +mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Können ... Aber ich +ermüde Sie mit diesen literarischen Misèren ... Lassen Sie uns von +angenehmeren Dingen reden ...« + +Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, er bemühte sich, die frühere +Heiterkeit wieder zu gewinnen. Allein es war vergeblich. Endlich erhob +er sich und nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm nur irgend +möglich sei, wollte er mit seiner Frau wiederkehren, die er im Voraus +der Freundschaft und Güte Lottis empfahl. + +»Wie kommt er Dir vor?« sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder +allein waren. + +Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd: »Wie +Dir.« + +»Schad' um ihn.« + +»Ja, traurig.« + +Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen +kleinen Brief. Sie war im höchsten Grade ungeduldig, Fräulein Feßler +kennen zu lernen. Sie forderte ihren Antheil an der Freude, die ihrem +Manne durch das Wiederfinden seiner Jugendfreundin beschert worden war. +Es machte sie wirklich trostlos, dem Zug ihres Herzens nicht folgen, +und statt dieser in Eile hingeworfener und schlecht geschriebener +Zeilen selbst bei Fräulein Feßler erscheinen zu können; aber ein +Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich. +Ja, wenn Fräulein Feßler großmüthig sein, und eine arme, an das Zimmer +gefesselte Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glücklich +würde diese sein ... Auf ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte +freilich Diejenige nicht zu hoffen, die sich mit herzlichster und +wärmster Verehrung Lottis ergebenste Agathe Halwig nannte. + +Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder, und ein Gefühl +von entzückter Beschämung bemächtigte sich ihrer. Es stieg ihr +heiß in die Wangen, sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen +Frau zu stehen, deren sie bisher entweder gar nicht, oder wenn -- ohne +das geringste Wohlwollen gedacht, und die ihr jetzt so liebenswürdig +nahte, mit solcher Bescheidenheit, ja man konnte sagen, mit kindlicher +Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten, besann sich aber +eines Andern. Nein, mit ihrer schwerfälligen und altmodischen Schrift +durfte sie nicht ausrücken, der Besitzerin der schönsten »_grande +anglaise_« gegenüber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschloß +sie denn, eine mündliche Antwort zu geben und trat in das Vorzimmer, um +dieselbe dem wartenden Boten aufzutragen. + +An der offenen Thür der Küche lehnte nachlässig, mit gekreuzten Armen +und Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein untersetztes, +glotzäugiges Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben Wappenknöpfen, +eine blanke, goldbetreßte Tellerkappe zwischen den Fingern. Von +der Höhe seines herrlichen Selbstbewußtseins herab beobachtete er +das Walten Agnesens in ihrem kleinen Bereiche. Er veränderte seine +lümmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch und in großer, freudiger +Aufregung auf ihn zu kam und ihn bat, seiner Gebieterin zu melden, sie +gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen. + +»Heute nicht,« versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen +impertinenten Gesicht. »Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen +um ein Uhr.« + +»Morgen? -- Gut denn, morgen.« + +Es schien Lotti ein wenig befremdlich, daß die junge Frau, die nicht +den Muth gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf +ihn gerechnet haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darüber +Gedanken. Sie kehrte wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden +Brief zurück. Da lag er, sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden +Couvert und duftete köstlich nach Ylang-Ylang. Von Neuem erquickte sich +Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab nichts Gutes und Schönes, das man +ihr nicht zutrauen müßte, die ihn geschrieben. Lotti drückte ihn an +ihre Wange, hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und legte ihn +endlich in das Kästlein, in welchem sie ihre theuersten Erinnerungen +bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe, +die Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren +eigenen Verlobungsring. + +Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen wieder +hervor, um ihn Gottfried mitzutheilen. + +»Lies!« rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen. +Er gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und +ein verwundertes »Oho!« ausgestoßen hatte. Seine Miene blieb ganz +gleichgültig. + +»Hast geantwortet?« fragte er, nachdem er zu Ende gekommen. + +»Natürlich! Ich gehe zu ihr.« + +»Das ist beschlossen?« Gottfrieds Ton klang mißbilligend, und er +warf das Schreiben mit einer Gebärde voll Geringschätzung auf den Tisch. + +»Es ist beschlossen,« entgegnete Lotti ärgerlich. + +Er murmelte einige unverständliche Worte. + +»Was sagst Du?« + +»Nichts. -- Wenn es schon beschlossen ist, nichts.« + +»Und der Brief gefällt Dir nicht? Freut Dich nicht?« + +»Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der +Halwig baronisirt worden?« + +»Gottfried!« rief Lotti, »es ist Deiner ganz unwürdig, so kleinlich zu +sein.« + +»Ist das kleinlich?« sagte er, nicht ohne einige Beschämung. + +»Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein kann.« + +Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der »beste Mensch.« +Er konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab sehr viel +zu thun. Das neu errichtete Geschäft ließ sich vortrefflich an, und +doch wollte er nicht so ganz Kaufmann werden, daß er am Ende seine +Uhrmacherei darüber vernachlässigte. Fortschritte meinte er freilich +unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen zu können, aber +verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz knappes +Wirthschaften mit der Zeit. + +Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt. »Du +bist recht zufrieden?« fragte sie plötzlich. + +»Recht zufrieden,« wiederholte er, vermied aber dabei dem freundlich +forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete. + +Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der Meldung +erschien, Herr von Halwig sei da, und wünsche das Fräulein zu sprechen. + +»Es muß ihm etwas sein,« flüsterte die Alte, und ihr vertrocknetes +Gesicht gerieth in das blitzende Zucken, das bis zum Aeußersten +gespannte Neugier auf demselben hervorzurufen pflegte. »Was ihm wohl +sein mag?« + +»Laß ihn doch kommen!« rief Lotti, und schon, nach einem leichten +Pochen an der Thür, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich +langsam und zögernd entfernte. + +»Entschuldigen Sie die frühe Stunde, ich werde Sie nicht lange stören,« +sprach er, »ich bin nur da, um Ihnen für Ihre Güte gegen meine Frau +zu danken und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir thut, bei Ihrer +ersten Begegnung mit Agathe nicht gegenwärtig sein zu können ... Nein, +nein!« fügte er ablehnend hinzu, da ihm Lotti einen Sessel anwies, »ich +setze mich nicht, ich bleibe, mit Ihrer Erlaubniß hier an dem Platze +Gottfrieds stehen, Ihnen gegenüber, Fräulein Lotti ...« + +Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mühe die raschen +Athemzüge zu verbergen, die seine Brust ängstlich beklemmend hob. + +»Was fehlt Ihnen, Halwig?« fragte Lotti und trat an seine Seite, »Sie +sehen schrecklich aufgeregt und übermüdet aus.« + +»Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am Schreibtisch +durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie mich nur recht +an -- nur recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, frommen, +friedlichen Augen -- es thut mir wohl und beruhigt mich, und ich +brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den ich heute zu machen habe +...« Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem Schweigen sanft und +eindringlich: + +»Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ... Sie wissen, +Sie müssen sich noch erinnern, wie großen Werth ich auf Ihr Vertrauen +lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht verändert.« + +»Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder +Vertrauen haben,« rief er, »ich habe das inmitten der Mißgunst, die +mich umgiebt, verlernt.« + +»Halwig, diese Mißgunst -- besteht sie nicht vielleicht einzig und +allein in Ihren selbstquälerischen Einbildungen? ... Ich frage nur --« +beeilte sie sich entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien, +heftig aufzufahren. »Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig +-- Sie haben neulich von Jemand gesprochen, der Ihnen rieth, sich Ruhe +zu gönnen -- dem stimm' ich bei, sein Rath war gut.« + +»Er wäre gut, wenn sich ein Zeichen des Ueberreizes, des Verfalls +in meinen letzten Arbeiten finden ließe ... Das läßt sich darin +~nicht~ finden! ... Mit jedem Werke, welches ich in die Welt +sende, wächst meine Popularität, es giebt keine Zeitschrift, kein +Journal, das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig Autoren +dürfen sich rühmen, so viel gelesen zu werden, wie ich. -- In faden +Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige +Verblüffung läuft es immer hinaus -- dem Geschmack der Zeit muß man +Concessionen machen ... ~man muß~! ... Welcher Künstler ist groß +geworden und hat das nicht gethan? ... Lesen Sie, lesen Sie doch +einmal eines meiner Bücher und sagen Sie dann, ob ich mich, wie der +schöne Ausdruck lautet: ›ausgeschrieben‹ habe? Ob ich verwässere und +verflache?« + +Er stieß ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken, aus denen +ihn Lotti mit den Worten weckte: + +»Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie zu machen haben ...« + +»Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, gräßlich soll es +heißen ... Ich will Ihnen sagen, was ich zu thun habe: einem Menschen +gute Worte geben, dem ich am liebsten einen Fußtritt gäbe ... aber ich +stehe in seiner Schuld und mir bleibt nichts übrig, als --« die Augen +funkelten ihm vor Zorn, und er warf die Lippen verächtlich auf -- »als +mich vor ihm zu demüthigen.« + +»Eine -- eine Geldschuld?« fragte Lotti zaghaft. + +»Nein -- ja -- wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine +Vorauszahlung von ihm anzunehmen auf einen Roman, der im Feuilleton +seiner Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung +nicht nachkommen ... es ist mir unmöglich, trotz all' meiner +Arbeitskraft, all' meines Fleißes. Heute sollte ich meinen ersten Band +abliefern, und heute muß ich das Geständniß ablegen, daß er noch nicht +begonnen ist -- muß um Zeit bitten, um Geduld -- --« + +»Wär's nicht besser den peinlichen Vertrag ganz zu lösen, Halwig?« +sprach Lotti. + +»Das kann ich nicht --« + +»Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ...« + +»Das kann ich nicht!« wiederholte er übereilt, und verbesserte sich +sogleich: »darauf ginge er nicht ein -- der Seelenverkäufer läßt mich +gewiß nicht los ... Aber -- darf ich's denn verantworten, daß ich Sie +zu langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten, die Ihrem +Gesichtskreise so fern liegen, so tief unter Ihnen stehen?« + +»Diese Frage, Halwig, die können Sie allerdings nicht verantworten,« +sprach Lotti. »Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu +verschaffen vermag. Vergessen Sie das nie und nimmermehr.« + +Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. »Ich habe es nicht vergessen ... +Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und Segen zu +sein ... von jeher war ich bestimmt, Sie zu quälen ... Das Schicksal +erfüllt sich ... Leben Sie wohl! ...« rief er, wandte sich plötzlich +und schritt dem Ausgange zu. Mit einem Male blieb er jedoch stehen. +Seine Augen hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet, +das an der Wand über dem Arbeitstische hing. Das wohlgetroffene Bild +Meister Feßlers. + +»Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte Alles vom +Künstler, nur nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte +die Affenliebe für seine Produkte nicht, und nicht die blinde Freude an +dem Geschaffenen, sondern nur die große Freude an seinem Schaffen ... +Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir -- treiben unsere Kunst wie +ein Handwerk,« sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das Zimmer. + + + + + IX. + + +»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das +Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses. + +»Macht gewiß Visiten,« meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus +dem Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz schritt. + +Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung: +»Schau, schau! Es giebt doch nichts Schöneres, als ein schwarzes +Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben, muß sich so gewiß ausbreiten, +-- ~das~ ist anständig, das ist elegant!« + +»Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr kleines, +breites Näschen rümpfend. + +»Nicht? Kannst Du Dir das Fräulein denken in so einer modernen +Ofenröhre, wie Du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich +auf das enge Kleid deutete, das seine Tochter trug. + +»Sie nicht -- sie freilich nicht --« + +»Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher als +tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne!« + +»Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's, +ein anderes dürft's nicht tragen.« + +»Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?« +polterte der Alte, und der Zank zwischen den Beiden entbrannte. + +»Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, »wenn Ihr +einmal todt seid, halte ich mir doch ein französisches Modejournal!« + +»Dann kannst Du's thun!« schrie der Vater gereizt, aber nicht gekränkt +durch diese brutale Aeußerung. + +Seine Tochter biß sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen schoß +ein Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu +sterben,« sprach sie. + +»Fällt mir auch gar nicht ein.« + +Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodernen gestreiften +Sommerkleides. + +Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und +Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. Auch die +weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut, und dabei ein +derart gescheites Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante +Dinge wüßte, von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren. + +Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten und +dennoch so gleich mächtigen Empfindungen, daß sie nicht vermocht hätte +zu sagen, welche die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer +Thatendrang -- der Wunsch, Einfluß auf die Frau Halwigs zu gewinnen, +und die Hoffnung, wenn das gelang, durch sie dem Selbstzerstörungswerk +Einhalt zu thun, in dem der Dichter begriffen war. Sollte jene +aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte sie, +wenn er auch schweigt -- nichts davon errathen haben? Ist es nicht +offenbarer Unverstand, sich einzubilden, daß eine Fremde kommen müsse, +um der Gattin die Augen zu öffnen? Und dennoch -- dennoch -- trotz +aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung +durchdrungen, für die ihr jeder Grund, jeder Anhaltspunkt fehlte, der +Ahnung: die Frau, die er liebt, weiß nichts von seinem inneren Leben. + +Lotti war im neuen Stadttheil vor dem neuen Hause angekommen, das +Halwig bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; Alles darin +frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht, +Alles geschmackvoll und schön: die Malereien an den Wänden und am +kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die vergoldete Rampe, die +schneeweißen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die Freundin des Alten, +sah sich um in all' der bunten, jungen Herrlichkeit und meinte im +Stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen. + +Sie bemühte sich, den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu +schenken, sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu +befreien, die sich ihrer bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und +Lottis Herz pochte fast laut, als sie das erste Geschoß erreicht hatte +und den Drücker neben einer hohen, hübsch stilisirten Thür berührte, +die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß. Derselbe Diener, +der gestern das Billet Frau von Halwigs überbracht, starrte Lotti mit +derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf, einzutreten. + +Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken und +Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büffet, geschnitzte +Stühle, schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. Durch einen +kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten, +Pagoden, Vasen, Lüster, Armleuchter aus Porzellan, zahllose Kästchen +aus _vieux-laque_: chinesisch. An der dritten Thür blieb der +Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein von Feßler!« und +gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink. + +Lotti trat in ein großes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf +einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame +lag. + +»Wie schön von Ihnen,« sprach diese, und richtete sich, wie es schien +nicht ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine hülflose +Kinderhand streckte sich aus der Fluth von Spitzen, welche die Aermel +des weißen Schlafrocks umgaben, der Besucherin entgegen. + +»Wie schön von Ihnen, daß Sie kommen ... aber ich hab's gewußt, ich +habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ...« + +»Sie sehen, wie recht Sie gehabt ...« + +»Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht' ich mir, als ich meinen Brief +fortschickte, kommt sie sogleich -- und Sie wollten ja auch sogleich +kommen?« + +»Gewiß.« + +»Gestern konnt' ich Sie aber nicht sehen -- ich war zu leidend --.« + +»Das hörte ich mit Bedauern,« erwiderte Lotti theilnehmend, aber auch +erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig +angehauchten Wangen, den frischen, schwellenden Lippen? + +»Und -- was fehlt Ihnen?« + +»Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiß nichts davon, man darf es +ihm auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt,« versicherte +Agathe mit einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme. + +Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein +so lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, daß Lotti +dachte: »Dich müßte ein Tauber beredtsam finden!« + +Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von +Albano, deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat. +Ihre reichen, dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren +Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten. Sie schien groß; die edlen +Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich +unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des langen, weit über die Füße +reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend, hüllte. + +Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demüthigen +Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen +gegenüber, die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten +empfinden. + +Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie eigenthümlich +war ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten von +Blüthenduft und Sonnenschein durchtränkt. + +In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel auf einander +stehenden Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der seltensten +Blumen. In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme ihre +zackigen Blätter aus, in der anderen wiegten sich in den Ringen +ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer +Papagei. Eine zierliche Volière beherbergte ein Dutzend brasilianischer +Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen Gold- +und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten +des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob, +guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer +Neugier hervor. Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen, dessen +Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden +waren. Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa, ein Zelt aus +demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Thür- und Fenstervorhänge +bestanden. Mit diesen stimmte nur das Ruhebett überein. Alle übrigen +Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen. +Persische, indische, türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich +geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren +über die Tische gebreitet. Das Zimmer war überfüllt, drei Dinge jedoch +hätte man darin vergeblich gesucht: ein Gemälde, ein Buch und -- +eine weibliche Handarbeit. Dagegen waren mehrere Etagèren vorhanden, +ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten. Cigaretten-Vorräthe hoch +aufgespeichert, abenteuerlich geformte Pfeifchen, kleine Tschibuks +mit kostbaren, Edelstein-geschmückten Mundstücken, Reitpeitschen und +Reitstöcke, köstlich damascirte Pistolen, mit Schaft aus Elfenbein, +daneben in einem Futteral ein goldener Sporn. + +Die Besitzerin all' dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das +Interesse, das Lotti denselben schenkte. + +»Es gefällt Dir bei mir!« sagten ihre großen langbewimperten Augen, +dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben +schwimmenden spielenden Lichtern ... + +»Nehmen Sie doch einen Fauteuil -- nicht den, der ist unbequem, den +andern -- dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher -- +mir gegenüber, und lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.« + +Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder. + +»Ich muß Ihnen sagen -- ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend +-- leg' dich, Gipsy,« unterbrach sie sich, um zu ihrem Hündchen +zu sprechen, das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die +herabhängende Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte. +Gipsy gehorchte. + +»Ich muß Ihnen sagen,« begann Agathe wieder, »ich war nicht nur +leidend, sondern auch ...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr +bekümmert.« + +»Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig. + +»Ach -- nein ...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche +Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir +nur Freude und Ehre.« + +»Sie sind also stolz auf ihn -- auf seinen Ruf, auf seinen Namen?« + +»Seinen Namen? ... nun -- die Halwigs sind gut, viel besser, als man in +meiner Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ...« + +»Ich meine seinen Namen als Schriftsteller,« fiel Lotti ein. Sie +lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte: ein Kind! -- das +ist ja ein Kind. + +»Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz,« entgegnete Agathe, »man +sagt,« fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »daß ich Ursache +dazu habe, und ich glaube es ... Wenn Sie wüßten, wie seine Schriften +honorirt werden, mit welchen Summen, Sie würden staunen!« + +»So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal »so?« -- und +dann stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie +erkundigte sich nach dem Antheil, den die Frau des Poeten an seiner +künstlerischen Thätigkeit nehme, und war im Voraus von der Wärme und +Größe desselben überzeugt. + +Darin hatte sie auch vollkommen Recht. Agathe wußte Alles, was in der +Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen +des Buches, das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon +jetzt auf den begeisterten Brief, den der Verleger darüber schreiben +werde. Sie würde »alle die Sachen« auch recht gern lesen, allein -- der +Doctor, dieser Tyrann -- erlaubt es ~durchaus~ nicht, untersagt +ihr ~durchaus~ jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie fühlt +leider, daß er weise daran thut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage +schwächer. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe +müßte aufs Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind, wie ihre +Großmutter, die auch im zweiundzwanzigsten Jahre ... + +»Perro! Perro! Perroquet,« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der sich +von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte, und dessen Geschrei immer +gellender wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf ihrem +Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen Sie +sich, haben Sie doch die Güte, den Shawl dort, sehen Sie -- den dort -- +über den Käfig dieses Unthiers zu werfen.« + +»Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen +war und Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden. +»Und jetzt kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.« + +Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt +die unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest, +die man ihr niemals zugetraut hätte. + +»Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt,« sprach sie, »ich weiß es ... +bin aber nicht eifersüchtig -- da haben Sie den Beweis ...« + +Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand. +Sie that es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt, +der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es gethan +hätte. Diese Huldigung war ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im +Leben so beschämt gefühlt zu haben. + +»Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der anmuthigsten +Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, daß auch Sie mich lieb +gewinnen, und daß auch Sie es mir beweisen.« + +»Und wie könnte ich das?« + +»Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann thun ... Wollen Sie +es thun?« wiederholte sie, und stieß, nachdem sie eine bejahende +Versicherung erhalten hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn +Lotti ihr half, dann war geholfen. + +Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar, +deutlich, ohne die geringsten Umschweife auseinander. + +Sie hatte einen liebenswürdigen, großmüthigen, herrlichen Vater; allein +-- das war sein Unglück; leichtsinnig wie ein Lieutenant, dieser arme +Papa! -- Und die Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brüder, +die Cadetten sind bei der Cavallerie, die haben auch alles Andere eher +erfunden, als die Sparsamkeit. Kein Wunder, wenn es Verlegenheiten +ohne Ende giebt. Aus den größten hat bisher regelmäßig der ältere +Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn Jahren eine unermeßlich reiche +Fabrikantentochter aus Liverpool geheirathet und England seitdem +nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit +langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, daß +Agathens Eltern, womöglich auch deren Söhne, zu ihnen kommen, sich +ganz bei ihnen etabliren, nur eine Familie mit ihnen bilden möchten. +Das soll auch geschehen, der Entschluß ist gefaßt, der Tag der Abreise +schon festgesetzt. Allein, der sonst so vernünftige Onkel will nicht +begreifen, daß Papa nicht fort kann, ohne einige Zahlungen beglichen zu +haben, die wirklich dringend sind ... Ehrenschulden an Leute, denen man +nicht sagen mag: warten Sie ... die höchstens denken dürften, man habe +nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein Mann wie Papa! +-- O, wenn Lotti ihn kennen würde! ... Und, mit einem Wort, es steht +so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der +reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens +Lieblingsaufenthalt. Das müßte verkauft werden -- gleich, gleich -- +ohne Verzug und nicht unter seinem Werth. Der Erlös desselben deckt +alle Differenzen, und leichten Herzens verlassen Papa und Mama die +Heimath, und erhobenen Hauptes treten sie vor die fremde Schwägerin. +Ihnen ist die Demüthigung erspart, die gräßliche, mit einer Bitte auf +den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich ihnen gastfreundlich +erschließt ... Genug, das Gütchen muß verkauft werden, und der Käufer +muß -- Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt, +deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist, muß ihn dazu bewegen +... Will sie es thun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt +nicht Nein sagen. Sie wird ihren Einfluß geltend machen ... + +»Sie wollen, Sie werden, Fräulein -- nicht wahr? und bald -- und heute +noch?« + +Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten Sie +mir -- reden Sie!« + +»Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich weiß +nicht, ob man das von ihm verlangen darf -- ob ihm die Mittel zu Gebote +stehen ...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nämlichen +Morgen zu ihr gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und +tiefster Erschöpfung in seinen Zügen. + +»Die Mittel?« rief die junge Frau -- »er ist so reich, als er sein +will. Die Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten +Wunsch zu erfüllen, und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage +zu befreien -- die Summe bietet sein Verleger ihm an ... Er braucht +nur einen Contract zu unterschreiben, in dem er sich verpflichtet ... +Ich kann nicht sagen, wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten +Zeit ... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag einzugehen, +zögert er -- kann zu keinem Entschluß kommen, ich --« eine plötzlich +aufsteigende Röthe, wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt, +bedeckte ihr Angesicht, »ich habe ihn vergeblich darum gebeten.« + +»Wie können Sie glauben,« sagte Lotti, »daß er mir etwas zugestehen +wird, das er Ihnen abschlug?« + +»Er wird! Er hält so viel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... Er +wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir thut in +seiner Eifersucht auf die Meinen ...« erwiderte Agathe melancholisch +und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist +schrecklich bei ihm, ist schon eine fixe Idee ... und so schwer ich +mich von meinen armen Eltern trenne -- ich wünschte wahrlich, sie wären +drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr, und er hätte nie +wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, daß sie mir lieber sind als er ... +als er -- um den ich sie verlassen habe!« + +Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage, und dennoch, +welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher +bezaubernder Stimme, mit so großen Thränen in den feuchten, flehenden +Augen vorgebracht wurde. + +Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein Lotti +...« + +Da pochte es an der Thür, der Diener erschien und meldete: »Herr von +Schweitzer.« + +Agathe schnellte empor. + +»Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute +Schweitzer,« fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte, +»aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte helfen! +... Einen Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon auf ihren +Füßen -- »in so tiefem Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche +nicht sehen lassen. Empfangen Sie ihn an meiner Stelle; der gute +Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund meines Mannes, bleibt nie +lange. Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie, ich komme Ihnen +gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte! ... Keine Einwendungen! ... +Sie dürfen nicht fort -- wir behalten Sie zu Tische, das steht in den +Sternen geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.« + +Sie sprach das Alles rasch mit ihrer weichsten Stimme, und dabei mit +einer Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes +aufkommen ließ. + +»Sei es denn!« sagte Lotti, und fügte in Gedanken hinzu: So laßt uns in +einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau +empfangen. + +Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann +von etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel, +etwas nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf mit dichtem, schon ins +Graue spielenden, bürstenartig zugestutzten Haar und ebensolchem, bis +auf die Brust reichenden Vollbart, saß auf kurzem Halse, von athletisch +geformten Schultern stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach +Alles, die Haltung, die Miene, die breite wie in Erz gegossene Stirn, +die kräftige gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln, der +streng geschlossene Mund, es sprachen die energisch blickenden und tief +liegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen. + +Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau +eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zügen +deutlich und mit einem Mißfallen kund, das Lotti in Verlegenheit +setzte. Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort, um derselben +ein Ende zu machen, und so standen sie ein Weilchen in höchster +Unbehaglichkeit vor einander. + +Da öffnete sich ein klein wenig die Thür von Agathens Gemach. Schlank, +weiß und schmiegsam, preßte sich die junge Frau, die sich in ihrem +Morgenkleide vor einem Herrenbesuch nicht sehen lassen konnte, in den +schmalen Zwischenraum. + +»Lieber Freund,« sprach sie, »das ist Fräulein Feßler; mehr brauche ich +Ihnen nicht zu sagen.« + +Sie war verschwunden. + +Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die +wieder geschlossene Thür mit einem so eigenthümlich verlangenden und +zugleich wüthenden Blicke an, er hatte, als Agathe sich unerwartet in +derselben zeigte, auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick +geworfen, einen Blick, so sprühend von Leidenschaft und Groll, daß +Lotti -- die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit plötzlichem und +bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte: + +Was ist das? Hilf Himmel -- der haßt oder -- der liebt sie. + + + + + X. + + +»Fräulein Feßler?« sprach er, sah sie durchdringend an und verbeugte +sich rasch. »Meine Verehrung. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen +vorstelle. Ich heiße Schweitzer, und bin ein Tyroler.« Er lachte, und +dabei kamen zwei Reihen Zähne zum Vorschein, so weiß und dicht, daß es +eine Freude war. + +Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten. + +»Ja, ich habe viel von Ihnen gehört,« sagte Schweitzer plötzlich mit +verändertem Tone, »am meisten vor acht Tagen. Da traf ich Halwig auf +dem Wege zu Ihnen. Ein erster Besuch -- nach vielen Jahren ...« + +»Das waren Sie?« versetzte Lotti. »Sie haben ihm damals einen sehr +guten Rath gegeben.« + +»Hat er mich verklagt? ... Ja, ja; mein Rath war gut, zu gut, um +befolgt zu werden.« + +Lotti schwieg, und er fragte: + +»Haben Sie sein letztes Buch gelesen?« + +»Nein.« + +»Lesen Sie es nie! ... oder doch -- lesen Sie es, und sagen Sie mir +dann, ob ich recht habe, ihm zuzurufen: Halt ein!« + +»Sie haben Recht; ich brauche, um davon überzeugt zu sein, das Buch +nicht zu lesen.« + +»Ihnen graut! Sie wissen, was Sie zu erwarten hätten. Gut denn, lesen +Sie nicht, aber helfen Sie mir. Wirken Sie in meinem Sinne auf ihn ein. +Ihr Einfluß ist groß. Ich bin dessen inne geworden, als er neulich nach +jener Unterredung mit Ihnen heimkehrte, so ruhig und vernünftig, wie er +seit Langem nicht mehr gewesen ist.« + +»Was soll ich thun?« + +»Ihn vermögen, der Schriftstellerei für eine Zeitlang Valet zu sagen, +und eine andere, freilich minder einträgliche Beschäftigung, die ich +für ihn im Auge habe, zu ergreifen.« Er unterbrach sich: »Aber darüber +sprechen wir noch ... Jetzt sagen Sie mir, warum sehen Sie mich so an?« + +»Ich wundere mich --« erwiderte Lotti, ein wenig außer Fassung gebracht +durch diese Frage. + +Er ließ sie nicht weiter sprechen. + +»Warum?« fiel er ihr ins Wort. »Weil Sie mir glauben? Nun das +geschieht, weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine +Freimaurerei besteht.« + +»Vielleicht -- aber seltsam scheint es mir, daß auch Sie meinen Einfluß +...« + +Abermals unterbrach er sich: + +»Auch ich? ... Ganz recht. Ihr Einfluß ist hier bereits angerufen +worden -- freilich im entgegengesetzten Sinne ... von einem schönen +Vampyr ...« + +Er hielt inne. Die Thür hatte sich geöffnet, und Agathe erschien auf +der Schwelle. + +Sie mußte die letzten Worte gehört haben, es war nicht anders möglich; +doch suchte sie offenbar kein Arg in ihnen, denn sie begrüßte +den Sprecher derselben mit liebenswürdiger, sogar etwas koketter +Freundlichkeit. + +Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen; diese war aber trotzdem +nicht ganz beendet. Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon, +und die Bandschleife am Halse, an welche es befestigt werden sollte. +Sie hielt das Alles in ihren Händen. + +»Nun, lieber Rechtsfreund?« fragte sie, trat an den Pfeilerspiegel und +begann eines ihrer zarten rosigen Ohrläppchen zu quälen, um ihm den +Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient aufzunöthigen. +»Wie steht unsere Angelegenheit? -- Sie bringen eine gute Nachricht, +das sehe ich Ihnen an.« + +»Sie sehen schlecht, gnädige Frau,« sagte Schweitzer trocken und +blickte streng in den Spiegel, aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht +ihn anlächelte. + +»Ist der Brief, den wir erwarten, angekommen?« + +»Er ist nicht angekommen!« + +»Und der Zweck Ihres Besuches, wenn man fragen darf?« Sie wandte +sich um und sah spöttisch fragend zu ihm nieder, der sich bei ihrem +Eintreten erhoben, jetzt aber seinen früheren Platz auf einem Fauteuil, +Lotti gegenüber, wieder eingenommen hatte. »Sie werden mir doch +nicht weis machen wollen, daß nichts Anderes Sie hierher führt, als die +Sehnsucht nach meinem Anblick?« + +»Oder der Wunsch Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen? -- Nein, ich +komme aus einem andern Grunde.« + +»Bitte ihn auseinander zu setzen. In Gegenwart dieser theuren Zeugin da +... Ach, Fräulein Feßler, seien Sie doch so gütig ...« + +Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes, das sie durch den Ring +des Medaillons gezogen hatte, und kniete plötzlich nieder. Lotti +beeilte sich, die Schleife über dem schlanken Rücken festzuknüpfen, der +sich ihr entgegenbeugte, während Schweitzer dieser ganzen Procedur mit +stillem Grimm zuzusehen schien. + +Agathe erhob sich von ihren Knieen, um auf ein kleines Kanapee zu +gleiten, in dessen Kissen sie sich zurücklehnte. + +»Ihren Grund, mein Freund. Reden Sie doch. Sie spannen meine Neugier +auf die Folter,« sagte sie, und ein maskirtes Gähnen hob ihre +Nasenflügel. + +»Ich höre von einem Contract mit einem Buchhändler, den Halwig +unterschreiben soll,« begann Schweitzer in ruhigem, nachdrücklichen +Tone. + +»Daß Sie auch alles hören müssen,« warf Agathe dazwischen. + +»Und will ihn daran hindern,« fuhr Schweitzer fort. »Ich habe den +Contract nicht gesehen, aber ich weiß, wer ihn ausgestellt hat, und +das ist mir genug. Es kann auch Ihnen genug sein. Glauben Sie mir, +gnädige Frau, Sie sind eine so zärtliche Gattin, rathen Sie Ihrem Mann, +sich doch lieber an einen Sclavenhändler zu verkaufen, er kommt dabei +weniger zu Schaden.« + +»Sie sind einzig, lieber Freund. Also, nicht gelesen -- den Contract? +Da komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit, Sie zu belehren. +Der Verleger, den Sie verabscheuen -- der Arme! -- fordert zehn +Jahre hindurch, alljährlich drei Bände ... Ich erinnere mich jetzt,« +schaltete sie ein, zu Lotti gewendet -- »Ist das zu viel? ... Für +Hermann sage ich Ihnen, ist das nichts ...« + +»Drei Bände!« rief Schweitzer, »und sie brauchen nicht einmal sehr dick +zu sein, wenn sie nur recht viel Scandal enthalten, nur einige Seiten, +auf denen das unsagbare gesagt wird -- nur ein einziges Capitel, das +von Dingen handelt ... Dingen -- die man in Gegenwart verehrter Frauen +--« er sah Lotti fest an, und neigte den Kopf, »nicht nennt.« + +»Da haben Sie den ganzen Schweitzer!« versetzte Agathe mit ihrem +hellsten Lachen, und mit der siegreichen Ueberlegenheit des Gleichmuths +über den aufbrausenden Zorn. »Sehen Sie, Fräulein Feßler, wie +er mich mißhandelt, mein Freund, mein strenger, grausamer, aber +alleraufrichtigster Freund.« + +Und dabei neigte sie sich vor, und blickte ihm von unten hinauf ins +Gesicht, lockend, herausfordernd, als wollte sie ihn ganz einhüllen in +Bezauberung, sie, die junge, schöne, glänzende Frau, den alternden, +schlichten Mann, dessen Züge etwas Steinernes annahmen, und der in +hartem Tone sprach: + +»An wem ist Ihnen mehr gelegen? An diesem aufrichtigen Freund oder an +Ihrem blauen Papagei?« + +»Keine Gewissensfragen! Kommen Sie mir jetzt nicht mit Gewissensfragen! +Bleiben wir bei der Stange. Aufrichtig! wenn ich bitten darf.« Sie +wurde ernst, und sprach in kaltem und geschäftsmäßigem Tone: »Sie +sind gegen die Unterschrift, weil Sie nicht zweifeln, daß uns bald +auf andere Art aus der Verlegenheit geholfen wird ... Leugnen Sie +doch nicht! -- Unser Proceß steht gut -- er kann nur gut stehen, sagt +Hermann, der gewiß kein Sanguiniker ist ...« + +»Sagt Hermann, daß es mit dem Proceß gut steht? -- Das sagt er Ihnen? +Warum nicht lieber mir, den es trösten würde? denn ich sehe schwarz in +der Sache, ich halte sie für verloren, und Hermann wäre meiner Meinung, +wenn er den Gang der Angelegenheiten verfolgt hätte. Aber dazu hat er +keine Zeit. Er hört mich gar nicht an, wenn ich relationiren komme.« + +»Sie müssen wissen,« fuhr Schweitzer, zu Lotti gewendet, fort, »daß +Halwig eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers +in Mecklenburg stellt, dem sein Großvater dereinst ein ansehnliches +Darlehn gemacht. Die Summe war auf dem Gute intabulirt, es scheinen +Interessen davon gezahlt worden zu sein, allein im Testamente des alten +Herrn von Halwig blieb sie unerwähnt. Sein Sohn machte wohl sein +Recht geltend, jedoch mit wenig Nachdruck, schläfrig und halb, wie er +Alles zu thun pflegte. Der Mecklenburger war inzwischen in zerrütteten +Vermögensverhältnissen gestorben. Seine Kinder legten nicht besonderen +Eifer an den Tag, sich der Schulden zu entledigen, die ihr Vater ihnen +hinterlassen ... und so vererbten sich Verpflichtung und Forderung auf +die Kinder dieser Kinder, und auf den Sohn jenes Sohnes. Ich erspare +Ihnen eine juridische Auseinandersetzung, ich sage nur, daß Halwigs +Recht so klar ist, wie der Tag, und daß ich überzeugt war, es zur +Geltung bringen zu können, als ich selbst ihn bestimmte, die schon +aufgegebene Sache wieder aufzunehmen, und mir ihre Führung getrost +zu überlassen ... Nun -- ich habe vergeblich gerungen. Ich werde dem +Rechte nicht zum Sieg verhelfen. Ich erkläre das meinem Klienten, so +oft ich ihn sehe. Aber machen Sie einem Menschen etwas begreiflich, was +er nicht begreifen will -- entwurzeln Sie eine Hoffnung, welche durch +die Furcht vor Verzweiflung eingepflanzt worden ist ...« + +Agathe horchte seinen Worten mit verhaltenem Athem. + +»Sie selbst,« sagte sie jetzt, »haben die Hoffnung, die Sie ihm nehmen +wollen, noch nicht verloren. Jener Brief von Ihrem Abgesandten, den +Sie erwarten, kann günstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief,« sie +blickte ihn forschend an, »erwarteten Sie, wenn ich nicht irre, schon +gestern ...« + +»Lieber Freund, wenn der Brief fortfährt auszubleiben -- oder wenn +er eintrifft mit schlechten Nachrichten beladen -- dann, lieber Freund, +dann liebes Fräulein Feßler --« Sie ergriff Lottis Hand und hielt +sie angstvoll mit ihren Fingern umklammert -- »dann muß Hermann den +Contract unterschreiben. -- Meinen Eltern muß geholfen werden. Sehen +Sie das nicht ein, Sie beide! ... Haben Sie nicht auch Eltern gehabt, +die Sie liebten? ... Denken Sie an Ihren Vater, Fräulein Feßler, +Hermann hat mir so viel von ihm erzählt, daß ich meine, ihn gekannt zu +haben. -- Denken Sie an Ihre Mutter, Schweitzer, der Sie so viele Opfer +gebracht ... Fragen Sie sich, hätten Sie nicht Ihre Seele für Vater und +Mutter verkauft?« + +Lotti wollte sprechen, aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab: + +»~Meine~ Seele vielleicht, -- die eines ~Andern~? -- Nein!« + +»So spricht ein Junggesell. Mann und Weib sind eins, und ich erkläre +denn ... aber wie lächerlich, wie lächerlich sind wir mit unserem +Seelenverkauf! Als ob sich's darum handelte! ... Hören Sie meinen +unwiderruflichen Entschluß: wenn der Proceß günstig für uns entschieden +wird, dann zerreiße ich den Contract mit meinen eigenen Händen -- die +Sie dann küssen werden, Schweitzer! -- Wir kaufen sofort das Gut meiner +Eltern, ziehen uns dahin zurück, und sind glücklich, wie wir es schon +einmal waren -- in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird +mir zu Ehren noch ein Sportsman. Man sieht ihn niemals anders als im +rothen Frack oder im Jagdrock mit grünen Aufschlägen ... und nirgends +anders als bei mir ... und immer zu Pferd, zu Wagen oder auf der +Pürsch, -- immer nur bemüht, mich zu bezaubern ... Das gelingt ihm -- +hingerissen falle ich meinem Helden, meinem Ritter in die Arme. Unter +einem Hollunderbusch und vielen Wonnethränen schwören wir uns täglich +ewige Liebe!« + +Sie sagte das schalkhaft, übermüthig, und dabei lag doch in ihren Augen +eine geheimnißvolle Wehmuth, eine sehnsüchtige Zärtlichkeit, die zu +all' den Schmerzen nicht paßten. + +Schweitzer saß aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines +Pharaonen und starrte sie selbstvergessen an. + +Sie fuhr fort: »Wir könnten selig sein. Selig, einander endlich +anzugehören, endlich für einander zu leben. Das geschieht hier nicht, +in der widerwärtigen Stadt. Auf dem Lande, und wenn Hermann noch so +viel zu thun hätte, bliebe ihm mehr Zeit für mich. Hier vergehen Tage, +an denen ich ihn nicht sehe, das halbe Stündchen ausgenommen, das wir +bei Tische zubringen. Und wovon spricht er da? Von Büchern, Zeitungen, +Recensionen ... Ich frage mich oft: Habe ich einen Mann geheirathet +oder eine Schreibmaschine?« + +»Das fühlen Sie?« rief Schweitzer, »und könnten sich doch entschließen, +dieser ohnehin überbürdeten Maschine, deren Motor ein Menschengeist +ist, neue Lasten aufzudrängen?« + +»Ich thu' es nicht, Freund! ich nicht! -- Die Nothwendigkeit thut es. +Was mich betrifft, ich hasse die Schreiberei. Hinge es von mir ab +-- Hermann brauchte nie wieder eine Feder anzurühren ... Da kommen +Leute zu ihm -- Literaten, die sagen, schriftstellern sei unweiblich. +Ich möchte immer erwidern: nein, meine Herren -- unmännlich ist's! +Männlich ist Löwen und Tiger jagen, auf einem Seil über den Niagara +wegschreiten, Schlachten gewinnen, Städte bauen ... aber weißes Papier +schwarz machen ... bah! ... O lieber, lieber Freund! wenn Sie nur recht +wollten, Sie könnten uns aus aller Noth und Drangsal erretten -- man +sagt, Sie hätten noch nie einen Proceß verloren ...« + +Wieder beugte sie sich zu ihm, sah ihm schmeichelnd ins Gesicht, und +legte ihre Fingerspitzen auf seinen Arm. + +Er erhob sich rasch: »Daß doch alle Weiber ... verzeihen Sie, alle +Frauen gleich sind! daß doch jede meint, den Advokaten gewinnen, hieße +den Proceß gewinnen ... Ich blieb so lange -- kann Hermann leider nicht +erwarten -- so gern ich auch ...« + +Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen, und Lotti sah, obwohl sie +wahrlich in dem Augenblick nicht an Uhren dachte, daß es nur eine +silberne Remontoir von einfachster Arbeit war. + +Agathe holte seinen breitkrempigen Hut herbei und reichte ihm denselben +mit einer feierlichen Gebärde. + +»Leben Sie wohl, Gebieter über unsere Schicksale!« sagte sie, »und +nochmals! wenn Sie wiederkehren, bringen Sie uns das Glück in Gestalt +eines Briefes aus Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschönen +Ueberziehers mit.« + +Er verbeugte sich, trat vor Lotti hin und sprach: + +»Vergessen Sie nicht, daß wir Bundesgenossen sind.« + +Damit verließ er das Gemach. + + + + + XI. + + +»Seine Bundesgenossin wären Sie?« fragte Agathe, »indes ich mein +Vertrauen in Sie setze? ... Nein, nein, das wäre Verrath, dessen Sie +nicht fähig sind ... Sie halten mir Wort, und wenn Hermann kommt ... +Aber,« unterbrach sie sich mit einem Mal äußerst beunruhigt, »warum ist +er nicht da -- nicht längst da -- -- er pflegt sonst nie des Morgens +auszugehen und heute, als ich erwachte und nach ihm fragte, hieß es, +er sei fort ... in aller Frühe fortgegangen ... unbegreiflich ... +unbegreiflich --« wiederholte sie, eilte an das Fenster, öffnete es und +blickte in gespannter Erwartung auf die Straße hinunter. + +Plötzlich überdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurgluth. »Er kommt!« rief +sie jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft. + +»Sie entschuldigen mich doch, Fräulein, wenn ich ihm entgegengehe? ... +Ich muß die Freude haben, ihm anzukündigen, daß er Sie hier findet.« + +Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie verschwunden. + +Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti ihr nach und dachte: +»Sie liebt ihn -- das ist ja viel ... für ihn wohl alles ...« + +Eine Weile danach erschien Halwig -- ein Anderer als derjenige, den +Lotti am selben Morgen bei sich gesehen. Freudig und sorgenlos begrüßte +er sie, sprach viel, war der liebenswürdigste und aufmerksamste Wirth. +Beim Dessert gab er eine lustige Geschichte zum Besten, die ihm Papa, +den er unterwegs begegnet, erzählt hatte. + +Seine Heiterkeit schien natürlich und ungezwungen, und dennoch, ohne +sich erklären zu können warum, vermochte Lotti nicht recht froh zu +werden. + +Das Mittagessen war vorüber, und man begab sich zum schwarzen Kaffee +nach dem Zimmer des Hausherrn. Es hatte einen eigenen Eingang durch das +Vorgemach. + +Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat, erhob sich plötzlich ein +kleines Männchen von einer der Bänke an der Wand und nahte mit +höflicher Begrüßung. + +Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen: + +»Sie selbst? ... Sie warten? ...« + +»O nicht lange. Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist, als +ich kam, und ich beschwor den Diener, Sie nicht zu stören.« + +»Treten Sie doch jetzt ein! ... Kommen Sie --« sprach Halwig, und Lotti +fühlte seinen Arm zucken unter ihrer Hand. + +»Wenn Sie erlauben, Herr Baron, allein ich habe Eile ... und nur +weil der Zufall mich eben hier vorbeigeführt, und um Ihnen die Mühe +des Schickens zu ersparen -- bin ich da, um, um das Versprochene +abzuholen.« + +»Kommen Sie denn! -- Kommen Sie! ...« + +»O, ich bitte! ... Erst die Damen --« + +Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen +Beine neben die Thür, die Halwig aufgestoßen hatte, und machte ein +einladendes Zeichen. Seine vorquellenden Augen leuchteten vor cynischer +Bewunderung, als Agathe an ihm vorüberschritt. + +»Die Frau Gemahlin?« flüsterte er Halwig vertraulich zu -- »ganz superb +-- ich gratulire!« + +»Einen Augenblick, Fräulein Feßler! -- Einen Augenblick, Agathe,« +sprach Hermann gepreßt und scharf, und winkte den Beiden, an dem Tische +Platz zu nehmen, auf welchem der Kaffee servirt war. + +Er selbst trat an den Schreibtisch, zog die unterste Lade heraus, nahm +ein versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher. + +Der ergriff oder vielmehr riß es mit einer hastigen Bewegung an sich. + +»Es ist doch das rechte? -- Sie verzeihen -- ich breche die Siegel ... +Eine Irrung ist so leicht geschehen.« + +»Ueberzeugen Sie sich,« sagte Halwig in einem Tone, den mühsam +bezwungener Ingrimm beben machte. + +Der Kleine hat sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort +den Inhalt des Pakets zu untersuchen. + +»Alles in Ordnung. Hingegen da -- auch Alles in Ordnung.« Er +überreichte Halwig einen zusammengefalteten Bogen, den dieser auf +den Schreibtisch warf. »Nicht so, Herr Baron, bitte sich gleichfalls zu +überzeugen. Bitte um pedantische Genauigkeit in Geschäften. Bitte um +Vorsicht, bitte sogar um Mißtrauen.« + +Er stieß ein leises, widerwärtiges Gekicher aus und blinzelte Halwig +halb höhnisch, halb mitleidig an, während der das Schriftstück +durchflog. + +»Sie sind mit mir zufrieden, hoffe ich. Haben auch alle Ursache. Für +Sie ist gesorgt. Wie ich dabei wegkomme, das ist eine andere Frage. +Allein für Sie ... was thäte ich nicht für Sie, Herr Baron?« + +Er empfahl sich, von Hermann bis an die Thür begleitet. + +Agathe lachte ihm herzlich nach: »Was war denn das für ein Ungeheuer? +O, Fräulein Feßler, haben Sie seine Füße gesehen und seinen Gang +bemerkt? ... Mir scheint nein. Warten Sie, ich will das herrliche +Schauspiel vor Ihnen erneuern, Sie müssen sich noch einmal daran +erquicken. Einwärts! noch einwärtser! so -- nicht wahr?« + +Sie begann im Zimmer umher zu humpeln, ihrem Manne entgegen und ließ +sich mit Absicht ausgleitend, in seine Arme fallen. Er umschlang sie +und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Lippen. + +»Meine Agathe! mein Herz, mein Glück, mein Leben!« + +Mit schwerer Selbstüberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und trat +an ihrer Seite vor Lotti hin. + +Diese fragte: »Halwig, war das der Mann, der Ihnen einen Vertrag +anbietet, in welchem ...« + +Er fiel ihr ins Wort: »In welchem ich zehn Jahre meines Lebens +verschreibe? Nein. ~Dem~ nicht einen Tag. Aber wer hat Ihnen +gesagt -- Du?« wandte er sich an seine Frau, die bejahend nickte und +dann sprach: + +»War's nicht recht?« + +»Ganz recht. Wir haben kein Geheimniß vor Fräulein Lotti.« + +»Das meinte ich auch, und setzte ihr die ganze Angelegenheit +auseinander. Sie wird Dir ihre Gedanken darüber sagen.« + +Halwig hatte ihr zerstreut zugehört: »Ich vergesse, ich habe eine +Botschaft von Papa an Dich.« + +»Der arme Papa, Du vergissest ihn immer.« + +Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick, aber er fuhr +fort, ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern: »Deine Eltern sehen heute +einige Bekannte beim Thee. Sie zählen auf Dich. Sie werden den Wagen +schicken, um Dich abzuholen. Ich habe in Deinem Namen zugesagt. Du +wirst meinem Wort doch Ehre machen?« + +»Ungern, Du weißt, wie lästig mir diese Soiréen sind,« entgegnete sie +und lehnte die Wange an seine Schulter. »Laß mich bei Dir bleiben, +Hermann.« + +»Was fällt Dir ein? Du darfst nicht bleiben. Nicht einmal stören darfst +Du mich, um mir Lebewohl zu sagen.« + +»Nicht einmal Lebewohl? ... Fräulein Feßler, ist das nicht hart, nicht +unerträglich? ... Und diesen Zustand zu verewigen, soll ich noch +beitragen, o, wenn ich das bedenke ...« + +»Agathe,« rief er heftig und gequält ... »Du weißt doch ... mein Gott, +was willst Du denn? Geh, liebes Kind« setzte er bittend hinzu, »Du mußt +ruhen, ein wenig schlummern, wenn Du Abends in Gesellschaft sollst. +Geh.« + +Sie sah ihn traurig und gekränkt an und sprach nach kurzem Schweigen zu +Lotti: + +»Er ist ein Tyrann, und ich gehorche. Liebstes Fräulein, schenken Sie +ihm eine Tasse Kaffee ein und ein Gläschen Chartreuse, und bleiben Sie +noch ein wenig bei ihm.« + +Sie drückte Lottis Hände, bat sie, recht bald, unendlich bald, +spätestens morgen wieder zu kommen, und schritt dem Ausgang zu. Aber an +der Thür blieb sie stehen, wandte sich, preßte die Finger an ihren Mund +und warf mit einer Gebärde voll Innigkeit Hermann einen Kuß zu. + +Er erwiderte ihren liebevollen Gruß, und als sie das Zimmer verlassen +hatte, starrte er ihr nach, schien wie unwiderstehlich angezogen, ihr +folgen zu wollen ... aber nach kurzem Kampfe trat er zurück, warf sich +in einen Sessel und versank in dumpfes Hinbrüten. + +»Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung +gesagt,« begann Lotti zögernd, »und ich wünschte doch sehr ...« + +»Was Sie soeben gesehen haben -- das war der Erfolg,« rief Halwig aus. +»Der Ehrenmann, über den Agathe so herzlich gelacht hat, ist derselbe, +zu dem ich sagen mußte: Ich kann Ihnen nicht Wort halten, Herr ...« + +»Und was hat er ...?« + +»Gleichviel ... ich habe mich losgekauft. Ich bin frei ... Frei,« +wiederholte er mit einer Beklommenheit, die zu jedem anderen Worte +besser gepaßt hätte, als zu diesem. + +»Halwig -- Halwig -- womit haben Sie sich losgekauft?« + +»Beruhigen Sie sich, beste Freundin! -- Auf die einfachste Art. +Ich habe ihm ein Manuscript ausgeliefert, das schon vor Jahren in +seinen Händen war, und das ihm damals abgerungen wurde -- durch den +tugendhaften Schweitzer, dem ich nebenbei ganz gern ein Zeichen von +Unabhängigkeit gebe.« + +»Warum hat der es ihm abgerungen? ... Antworten Sie nicht! Ich thu's +für Sie und -- mit mehr Wahrhaftigkeit, als Sie es thäten: weil es +Ihrer unwürdig ist, unwürdig eines Dichters, eines Priesters, wie der +Dichter sein soll, dem ein heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist +...« + +Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren +flammenden Zügen. »O, glauben Sie nicht, eine verschämte, alte Jungfer +zu hören, die sich einbildet, ein Mann, ein Schriftsteller, der +seine Zeit schildern will, werde die Feder immer nur in Blüthenduft +und Morgenthau tauchen. Ihr habt Furchtbares zu zeichnen, zeichnet +es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit, aber auch mit dem +tiefinnerlichen Schauder, den Euer Schüler, Euer Leser, bebend mit +empfindet. Nur nicht mit dem eklen, im Häßlichen wühlenden Behagen, +das sich auf jenen überträgt ... Mit dem Behagen, Halwig, das mich -- +verzeihen Sie mir, es muß ausgesprochen werden -- das mich anwiderte +aus dem ersten Buch, das Sie nach unserer Trennung geschrieben haben.« + +»Aus dem --«, rief er, kämpfend zwischen Bestürzung und Hohn. + +»Sie begreifen das nicht,« fuhr Lotti unerbittlich fort, »jenes Buch +ist von Ihnen seither so vielfach überboten worden, es ist ein Buch +für Kinder im Vergleich zu denen, die ihm folgten. Ich weiß das!« +beantwortete sie den Einwurf, den er machen wollte, »aus Anzeigen Ihrer +Buchändler, aus lobpreisenden Kritiken, die ich hie und da, so wenig +ich danach suchte, in Zeitungen las ... Ich weiß es, können Sie es +leugnen?« + +Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lächeln an. Plötzlich +warf er sich in seinen Sessel zurück und sagte: »Wissen Sie, was Sie +thun? Sie sprechen zu mir, wie mein eigenes künstlerisches Gewissen. +Aber ich darf die Stimmen nicht hören, nicht die Ihre, nicht die +seine. Ich habe einmal den Pegasus vor den Pflug gespannt, und er muß +pflügen, muß erwerben. Kann ich dafür, daß die Menschen von jeher die +Giftmischer besser zahlten als die Aerzte? ... Wär's umgekehrt, ich +reichte ihnen Arzenei.« + +»Halwig!« schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf. + +Er richtete sich empor, ein unterdrücktes Schluchzen hob seine Brust. +Lotti sah sein Herz pochen gegen sein Gewand. »Beste Freundin, ich bin +verloren, machen Sie das Kreuz über mich ... Sie schütteln den Kopf, +Sie verstehen mich nicht. Der Luxus, der uns umgiebt, täuscht Sie, der +Luxus lügt, wir leben eigentlich von der Hand in den Mund, ich verdiene +viel, aber wir brauchen noch mehr, und ich stehe manchmal rathlos vor +kleinen Verlegenheiten. -- Ist's nöthig, Ihnen das zu beichten? ... +Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das muß anders +werden,« setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu. +»Morgen verschreib' ich mich dem Teufel. Ich thu' es nur deshalb heute +noch nicht, weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir +festgenistet hat ...« + +»Vielleicht braucht's kein Wunder,« unterbrach ihn Lotti und erhob sich +mit einer seltsamen Hast. »Leben Sie wohl.« + +»Wie gern möchte ich Sie zurückhalten, aber da,« er deutete auf die +Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, »da ist Gesellschaft, die +jede andere verdrängt.« + +Sie hörte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken beschäftigt ... Der +Gedanke, der war das Wunder -- ein anderes gab es nicht. + +Eine Möglichkeit war ihr erschienen -- eine Möglichkeit ... Alles, was +man unfaßbar und widersinnig nennt, wäre Lotti noch vor einer Stunde +als selbstverständlich erschienen, im Vergleich zu dieser Möglichkeit. + + + + + XII. + + +Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder +umfing, athmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von +einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geraden Weges +auf die Uhrensammlung zu. Eine Weile stand sie sinnend davor und +wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch: »Nein, nein, das könnt' +ich doch nicht, das nicht.« + +Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, daß Gottfried da +gewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr +gewundert habe. Er hatte etwas mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch +unaufgeschnittenes Buch -- Halwigs letztes Werk. + +Mit einer Empfindung des Mißmuths nahm es Lotti in Empfang. + +Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und Alles, +was sich auf ihn bezog, entschlagen. Warum mußte sie von Neuem an ihn +gemahnt werden? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein +Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich +eben erst, mühsam genug, losgemacht? + +Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte +sie es von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm +wenigstens sagen können, daß sie versucht, darin zu lesen. Sie that es +mit widerstrebendem Gefühl, aber mit stets wachsender Spannung. Sie war +gefesselt, umstrickt, aber mit beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr +Blut erstarrte bei manchen Schilderungen. + +Da war dem Thier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser +Genauigkeit auseinander gesetzt. Da war eine erzwungene erlogene +Sinnlichkeit, aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze +hervorgrinste. Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten +Strom des gemeinen Lebens geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit, +die der Poesie. Da war endlich der Nothbehelf, der armselige, einer +lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue und Verzerrung +gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses +gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums, +demjenigen verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt. + +Im großen Ganzen -- die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen +Jahrhunderts: der Sensationsroman. + +Und dennoch! Durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, erschlaffende +Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulniß, brach es manchmal +herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das mißbrauchte, zu +Grunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst +... Du armes Talent! dachte Lotti, wie hat sich an dir versündigt, der +zu deinem Hüter bestellt worden! + +Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. Ihre +Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost. + +Die Lampe knisterte und flackerte: vom verkohlten Docht stiegen +Funken im angerauchten Cylinder empor. Lotti löschte das sterbende +Licht und suchte ihr Lager auf. Wie wohlthätig wäre ein wenig Schlaf +gewesen. Sie schloß die Augen und bemühte sich regungslos zu liegen; +da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine fürchterliche Beängstigung +beklemmte ihr den Athem. Ihr war, als riefe eine flehende Stimme um +Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt in meiner +Reinheit, rette eine verlorene Seele! ... Verloren, weil du dich von +ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich +nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden +und gabst mich auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... +Beweine mich nicht nur -- rette mich! + +Eine lange Zeit verfloß -- eine ~wie~ lange? ... Die Uhren +schwiegen alle, standen alle still ... Lotti hatte vergessen, sie +aufzuziehen, -- zum ersten Male, seitdem es ihr überhaupt oblag, für +Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ... Wie spät war es denn? Wollte +der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute die sonst so rührige +Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen +könnte, wie die Alten gethan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße, +welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das +Fräulein, das seine Lebenszeit abmaß, an der verrinnenden Asche des +verstorbenen Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt, +und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen +Gedanken in ihrem fiebernden Hirn? ... + +Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den +Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche. + +Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins +Zimmer und fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch +unmöglich, die Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advocaten +Schweitzer zu erfragen -- des Advocaten Schweitzer, den Lotti besuchen +will. + +»Eines Advocaten!?« -- Agnes fällt fast um vor Schrecken -- das ist ja +einer vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu thun? + +Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig +zu Stande gebracht, und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen +hatte, wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt, daß sie -- +sie konnte sich nicht anders helfen -- in Thränen ausbrach. + +Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Thür. +Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern, daß ihr +Bruder jetzt nicht zu sprechen sei. + +Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte +entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden +später erschien Schweitzer selbst. + +»Fräulein Feßler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.« + +Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine +große Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen +Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch, und neben demselben ein +eben solcher geöffneter Geldschrank. In hohen Stößen waren darin +Werthpapiere aufgehäuft, hinter eisernen Gittern Geldsäcke und +Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichthümer zu bergen, und +glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern +einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend +aufgesperrten Rachens, zu vertheidigen sehr gesonnen ist. + +Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am +Schreibtische Platz, während der Advocat, dessen ganzes Wesen die +äußerste Aufregung verrieth, vor ihr stehen blieb. + +»Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen,« sprach er, »aber +weil Sie nun da sind, weiß ich auch, was Sie hierher geführt ... Es ist +die Sorge um Halwig.« + +Er beantwortete ihr bestätigendes: »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie hat +guten Grund!« + +Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch +abgewiesen. + +»Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief Schweitzer. +»Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten, und deshalb gestern +noch -- Sie waren Zeuge -- nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung +der Sache vernichtet -- der Sache, für die ich mich aus eigenem Antrieb +begeistert ... Ich, der vorsichtige, peinliche Geschäftsmann ... Halwig +hätte an die alte, vergessene Geschichte nie gedacht.« + +Er stieß unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als den +Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand. + +»Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich will +es Ihnen sagen ...« + +»Ich weiß es,« unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur +noch auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft ... Sprechen +wir ruhig, ich bitte ... Nehmen wir an, Herr Doctor, der Proceß wäre +günstig für ihn entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das +Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was +dann?« + +»Was dann?« + +»Würden Sie sagen: Schließe den Kauf, ziehe Dich auf das Land zurück +mit Deiner jungen verwöhnten Frau? -- Ich kenne sie nicht, aber ich +glaube, sie wird die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen +können.« + +Schweitzer lachte auf. + +»Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr nichts zu bieten -- +sie tanzt nicht ... Theater, Concerte, Kunstsammlungen, was bedeuten +ihr die? Sie ist ja blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern +keine Seele und kein Herz, außer für ihren Mann, für Papa und Mama, und +für die sauberen Brüder, den Kiki und den Koko, oder wie man sie nennt +... Sie hat ja nichts, als die ganz thierische, ganz unmündige und +gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest, aus dem sie hervorgegangen ist +... für eine Familie -- welche Familie! mehr noch als jede andere eine +Brutstätte des Vorurtheils, das Grab der Nächstenliebe, denn was nicht +zu ihr zählt, zählt überhaupt nicht ... O, was gäbe ich, um Halwig aus +dieser Familie zu lösen! ... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen, +das ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. -- Fort +nach England mit Papa und Mama, und auf das Land mit der Tochter +und mit den seidenen Vorhängen, und mit der Menagerie, und mit den +Reitpferden, und mit den Cigaretten ... Fort,« brach er plötzlich aus, +»wenn ich wieder frei athmen soll, fort -- aus meiner Nähe!« + +Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen. + +Eine Pause tiefen Schweigens trat ein. + +»Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich. + +»Er wird den Contract unterschreiben, ihn nicht einhalten können, +das Gut wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau +... nun, er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgend einem +publicistischen Unternehmen, und sie wird sich an das Nadelgeld einer +Taglöhnersfrau gewöhnen, oder zu Papa und Mama nach England reisen +müssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nächstliegende zu ergreifen +und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuüben -- O! ... Führe +uns nicht in Versuchung! das heißt, bringe uns nie in Gelegenheit, +all' das Schlechte, dessen wir im Fall der Noth fähig wären -- zu thun +... Eine nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen +-- Sie ahnen nicht, was die gebiert -- Sie ahnen nicht einmal, daß es +die geben kann. Gräßlich!« stöhnte er, nahm sich zusammen und fügte in +scharfem Tone hinzu: + +»Sehen Sie, Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich, +Respect einflößende Schätze. Und doch sind sie nur Bruchtheile des +Besitzes ihrer Eigenthümer. Diese Eigenthümer haben unbedingtes +Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals nachgerechnet ... +Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addiren, und das +Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde +eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf +nicht beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? überhaupt nicht +aufzutreiben? ... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in +den Ofen oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, daß er sie +~gestohlen~ hat, würden seine Klienten nicht glauben. Und wenn +er selbst es ihnen erzählte, würden sie denken, daß er ein Narr, aber +nicht, daß er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich denn irrte ... +wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt, was +hätte ich dann gethan? ... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn +oder zum Selbstmord treiben würde, ein Verbrechen, das größte, das +ich begehen kann, denn es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste, +angeborne Natur, und doch nichts, im Vergleiche zu dem Elend, das über +den unglückseligen Halwig hereinbricht, wenn ich ihn seinem Schicksale +überlasse ...« + +»Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr +Doctor ...« + +»Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er braucht, +und als Sie an meiner Thür schellten« -- seine Stimme sank zu einem +fast unhörbaren Flüstern herab »-- war ich halb und halb entschlossen, +es zu thun.« + +»Lieber Doctor,« sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch diese +furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz +hätten Sie nicht ausgeführt. Es muß auf andere Art geholfen werden ...« + +Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wie viel kostet das +Gut?« + +Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Werth ist +mindestens das doppelte ... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich +aus, »ich höre, daß Sie im Besitz eines Nibelungen-Hortes sind, einer +Uhrensammlung«, er lächelte gutmüthig, aber doch auch sehr spöttisch, +»ein todtes Capital; das ist heutzutage fast eine Sünde ... Fräulein +Feßler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut ... es wäre +nicht völlige Hülfe, aber es wäre viel, die Eltern würden wir dadurch +los ... und dann ließe sich weiter denken ... Kaufen Sie das Gut! Für +die Administration will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen +Standpunkte des Nutzens aus, ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen +nicht genug dazu rathen« + +Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein +und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort. Die offenbaren, auf +der Hand liegenden Vortheile jedoch, für die er sich bereit erklärte +gut zu stehen, schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte +etwas ganz Anderes wissen. Sie fragte: + +»Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, daß sein Proceß +gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den +Brief nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?« + +Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an: + +»Was soll das?« + +»Antworten Sie mir! ... Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, daß +man ihm glauben machen könnte ...« + +»Den?« unterbrach sie Schweitzer, »Alles kann man Dem aufbinden ... +Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen +... aber um Gotteswillen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich seh's +... Sie werden helfen, Sie! ...« Er faltete die Hände, er vermochte +nicht weiter zu sprechen. + +»Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nöthige Geld,« sagte Lotti, +»Ihre Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber -- nicht einmal +der Tod hebt das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie +schweigen, Sie bewahren mir für immer das Geheimniß.« + +Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich +ergriff. + +»Ich frage Sie nicht,« sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf +welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich +frage: vermögen Sie die Wohlthat zu ermessen, die Sie erweisen? ...« + +Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich thue nur, was ich +nicht lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin, +um die Seele eines Menschen zu retten, der mir einst theuer war.« + +Damit nahm sie Abschied. + +Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach +ihm -- er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen. +Als sie nach Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld +wartend. + +»Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine +Fensterecke. »Ein merkwürdiges Leben führst Du seit einigen Tagen.« + +Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen. + +Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich mit dem +Zusammenlegen ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch +zugeschritten und ließ einen zerstreuten Blick über die ihrer harrende +Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese so appetitlich hergerichtet, daß +ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mußte; allein dasjenige Lottis +verleugnete sich in dem Momente gänzlich. + +Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken sammt ihrem zarten +Inhalte bei Seite und stützte den Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben, +etwas gerötheten Augen, betrachtete sie lange, wehmüthig und wie +fragend, das Bild ihres Vaters. Endlich wandte sie sich zu Gottfried. +Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer +Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme +Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten +Menschen -- dem Agenten des Amerikaners. + +Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen +Besuchen. Er kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen +Zweck, den unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig. + +»Die Uhrensammlung möcht' er an sich bringen.« + +»Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.« + +Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im +Scherz, war auch nicht obenhin, wie die Andeutung einer Möglichkeit +gesagt, das war ein ernster, wohlüberlegter Entschluß, den Gottfried +mit innerster Empörung vernahm. + +»Das thust Du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte +bejahend das Haupt. + +»Ich kann nicht anders. Ich werde Dir Alles erklären, aber nicht +jetzt. Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon +überstanden haben. Du wirst -- ich bitte Dich -- mit dem Agenten +sprechen. Es bleibt bei dem Preis, den der Amerikaner damals dem Vater +angeboten. Weißt Du, ob er den noch bezahlen zahlen will?« + +»Das will er gewiß ...« + +»Bestelle ihn also ... und gleich, wenn Du mir eine Wohlthat erweisen +willst.« + +Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde Dir die +Wohlthat erweisen, ihn nicht zu bestellen.« + +»Gottfried! ...« + +»Lotti, Lotti! ... Wie kannst Du -- und für ~Den~? ... Warum denn +Alles für ~Den~?« + +Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl +ihres eigenen Leids über der Theilnahme mit der bitteren Qual, mit +welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war. + +»Ich muß, siehst Du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.« + +»Ueberleg's. Mir zu Liebe ... versuch' einmal etwas mir zu Liebe zu +thun, überleg's! ... Es wird Dich gereuen ...« + +»Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein Wort verpfändet -- +und gereuen? ... Ich glaube, daß es mich nie gereuen wird.« + +»Auch dann nicht, wenn Du erfahren wirst, daß Du es umsonst gethan +hast? -- Und das wirst Du erfahren!« + +Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort: + +»Ein solches Opfer ... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der +ist's nicht werth!« + +»Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüßte ... Geh jetzt und komm +bald wieder, mit dem -- Käufer.« + +Sie wollte sich erheben, aber die Kniee versagten ihr den Dienst, und +sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück. + +Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier +nicht zu helfen.« + +»Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit ...« + +»Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein. + +»-- Vielleicht.« + +Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons: +»Darf der Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel ihn zu +retten unversucht lassen? Er darf es nicht -- wegen seines eigenen +Seelenfriedens, wegen dieses furchtbaren »vielleicht,« das Dich böse +gemacht hat.« + +»Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte er +ihre Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der Vater +sagen? ... Lotti, denk' an ihn.« + +»Ich habe zuerst an ihn gedacht, und sage Dir: er hätte es auch gethan.« + +Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief: + +»Mag sein ... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt +... Mißverstehe mich nicht! ... ich hab' ja gar kein Recht -- ich meine +nur, er hätte zu mir gesprochen: Das geschieht für einen Andern -- +deshalb brauchst Du nicht zu denken, daß mir der Andere lieber ist als +Du ...« + +Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die +Hand Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit +Schamröthe übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes +erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung +vergrößerte noch die seine. + +»Verzeih,« stotterte er, »ich gehe,« und wandte sich zur Flucht mit +einer so rathlosen und hastigen Eile, daß Lotti -- es schien ihr selbst +unglaublich -- über ihn lachen mußte. Er blieb stehen, halb empört, +halb erfreut: + +»Du lachst?« + +»Ich lache --« sie brach in Thränen aus: »Wir sind zwei alte, +erbärmliche Weichlinge.« + +»Weichlinge ...« wiederholte er, und näherte sich ihr schüchtern -- +»Lotti --« + +»Gottfried --« + +Und die »Geschwister Feßler« umarmten sich. + + + + + XIII. + + +Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Feßler eine +feierliche Handlung statt. Das Fräulein übergab Herrn C. B. Fischer, +Agenten des Hauses F. O. Wagner-Schmid in New-York in Gegenwart der +Herren G. Feßler, Uhrmachermeister, und W. Schweitzer, Advocat, eine +Sammlung bestehend aus dreihundert alterthümlichen Taschenuhren. +Durchschnittspreis per Stück fünfhundert Gulden. Summe des Kaufpreises: +Einmalhundert und fünfzigtausend Gulden. + +Herr C. B. Fischer, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich breit, ungewöhnlich +wohlgenährt, mit dem rundesten Bulldogggesicht und dem feuerfarbigsten +Backenbart in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzüge sich sehr +bewußt, hielt den Katalog in seiner Rechten. Eine gewaltige Rechte, die +mit Leichtigkeit einen Suppenteller umspannt hätte. Er verifizierte +jedes Stück, das Lotti aus dem Schränkchen nahm, sorgsam verpackte, und +in eine Cassette legte, die Herr Fischer mitgebracht. + +»Fünfhundert? ... auch die? ... auch die fünfhundert? ... Mir wäre +das Ding nicht dreißig werth,« sagte der Agent von Zeit zu Zeit; +unter andern gerade bei der Mudge und bei der Majoratsuhr. Oder er +rief: »Dieser Kauf! -- Eine Millionärs-Marotte. Finden Sie nicht, Herr +Doctor? -- Was?« + +Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie Einer, der +standhaft den ersten Grad der Folter aushält, und sprach alle zehn +Minuten einmal: »Vorwärts, wenn ich bitten darf.« + +Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. Der +Mann erweckte ihr soviel Sympathie, wie eine Sabinermutter für einen +Töchterraubenden Römer empfunden haben mochte. + +Nach fünf tödtlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. Der +Agent trug die Cassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als ob +es ein Claque-Hut gewesen wäre, und bald hörte Lotti den Wagen, der +ihre Uhren entführte, über den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach. +Sie saß neben ihrem leeren Schränkchen, hatte seine Laden geschlossen +und die kleinen Flügelthüren gesperrt. + +Jetzt könnt' ich mir einbilden, dachte sie, daß Alles noch beim Alten +ist. Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besaß, immer zu +behalten? -- ein gutes Gedächtniß und einige Phantasie. Das wollte sie +Gottfried zum Trost sagen, dem Getreuen, für den es von jeher keinen +Schmerz, keine Enttäuschung, keinen Verlust zu geben schien, als +diejenigen, die ~sie~ erfahren hatte. Zum ersten Male, seitdem +sie ihn kannte, das heißt so lange sie lebte, hatte sie heut' eine +eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch +diese erloschen, wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen +Ausdruck eines Gefühls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde. +Sie kannte ihn, und wußte -- jetzt quält er sich und kann sich's nicht +verzeihen, daß er ihr eine schwere Stunde noch schwerer gemacht und in +dem Augenblick, in dem sie ihr Theuerstes hingab, unedel ausgerufen: +»Und ich?« ... + +Und er! ... war's nicht ganz recht, daß er sie einmal gemahnt, er zähle +mit in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen durften? +-- Bisher hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; daß +er sich so zeigte, verstand sich von selbst, und wer denkt erst lang +über selbstverständliche Dinge nach? -- Manchmal wohl hatte es in der +Seele Lottis aufgedämmert: da ist Einer, dem verdankst du mehr, als du +vergiltst ... da ist Einer, dem hast du öfter weh als wohl gethan ... +Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten. + +Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen +schlummern in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal +genannt, jedoch, nie wieder schlafen können. Lotti fürchtete sich und +ihre unbekannte und unberechenbare Macht. -- Wozu auch grübeln? -- +über ein Verhältniß zwischen Bruder und Schwester, zwei braven Leuten, +die in Frieden mit einander alt geworden sind und also sterben wollen. +Zugleich -- geb's der Himmel! Denn ein Leben, in dem Gottfried fehlen +würde und seine nie ermüdende treue Sorgfalt, das wäre keine Freude +mehr. + +Allmälig war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich zurück +und schloß die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hörte sie +Agnes nach Hause kommen, und draußen Zurüstungen zur Abendmahlzeit +treffen. Die Alte kehrte von einem Besuch bei ihrer Schwester zurück, +zu dem Lotti sie veranlaßt hatte. Mitten in der Woche und ohne jeden +vernünftigen Grund war sie aufgefordert worden, die Vergnügungsreise in +die Vorstadt zu unternehmen. Gewöhnlich kam sie von derselben in bester +Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger Wolf. + +Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis +nach dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. Die +ganze Agnes war eitel Zurückhaltung, jede ihrer Mienen und Bewegungen +sprach: Hast du deine Geheimnisse, hab' ich die meinen. + +Ihre, mit großer Ausdauer zur Schau getragene Gekränktheit begann ihre +Wirkung auf die Herrin auszuüben. Diese war hellmunter geworden. Es +konnte auch nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes, +aber nicht still. Sie vollführte vielmehr mit einigen Tellern und einem +Bestecke ein Gerassel, das in Anbetracht der geringen Mittel, mit denen +es verursacht wurde, ganz merkwürdig zu nennen war. + +»Liebe Agnes,« begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im Reinen +über die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da +erschallte die Hausglocke, und Agnes stürzte, abermals Unverständliches +murmelnd, aus dem Zimmer. + +»Das Fräulein zu Hause?« ließ eine laute Stimme sich im Vorgemache +vernehmen, und im nächsten Augenblick trat Halwig ein. + +Er war bleich und erregt: »Erlöst!« stieß er, kaum fähig zu sprechen +hervor. »Nehmen Sie Theil an meinem Glück ...« Er preßte beide Hände +gegen seine Brust. -- »Ich bin erlöst -- ich bin ein freier Mann!« + +Lotti wagte nicht, ihn anzusehen ... absichtlich täuschen -- es bleibt +doch immer etwas Furchtbares. -- In äußerster Verlegenheit sprach sie: +»Sie haben -- Ihren Proceß ...« + +»Gewonnen! -- ja, ja, meine Hoffnung, die kühne, die ich nie +aufgegeben, ist erfüllt ... Fräulein Lotti -- freuen Sie sich doch mit +mir ...« + +»Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund ...« + +»Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das?« Er zog ein Heft aus seiner +Tasche -- »Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen +übergab, zum zweiten Male abgerungen worden ... und soll vor Ihren +Augen in Rauch aufgehen.« + +Er hielt einige Blätter des Manuscriptes über die Lampe, sie +entzündeten sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in +hellen Brand zu setzen und warf, nachdem dies geschehen, die lodernde +in den Kamin. Mit wildem Behagen schürte er die Flamme, die sein +Geisteskind verzehrte, und rief: + +»Was nie hätte geboren werden sollen, sterbe! ... Könnt' ich alles so +vernichten, was geschrieben zu haben mich reut! ... Ein Trost bleibt +mir übrigens,« fügte er mit bitterem Lachen hinzu, indem er sich am +Arbeitstische Lottis niederließ: »Lange werden meine Werke den Unwillen +der Freunde des Schönen nicht erregen. Mit dem Tage geht unter, was +dem Tage gedient ... O Fräulein Lotti! ... ich hatte anderes von mir +erwartet ... Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich geträumt +und angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese +Erde, die mich getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines +Schrittes eingeprägt zu haben? ...« + +Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen: + +»Ja wohl, -- was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?« + +»Vorbei!« er erhob von Neuem sein gequältes Lachen. »Sie haben noch nie +einen Menschen gesehen, mit dem es so völlig vorbei gewesen ist, wie +mit mir ...« + +»Es wird schon wieder anfangen,« sagte Lotti. + +»Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.« + +»Kommen Sie nur erst zur Ruhe.« + +»Die ist's ja, die ich fürchte! ... Mit ihr kommt die Besinnung. In +der rastlosen Thätigkeit, in der ich lebte, hatte ich wenigstens +nicht Zeit zur Besinnung ... Glauben Sie nicht, daß mir die Wohlthat +der Selbsttäuschung zu Theil geworden ... Immer wieder, trotz allem, +was ich that, um ihn zu verscheuchen, immer wieder tauchte der Gedanke +in mir auf: was du treibst ist Seelenmord ... Ich habe Stunden des +Rausches, des Triumphes gehabt, aber glücklich, liebe Freundin, war +ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer Zwecke zu +frohnen zwang.« + +Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen, +die sie fand, erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als +Gemeinplätze. Ihre Ohnmacht zu trösten, äußerte sich durch Ablenkung +von der Klage. Sie verwies ihn auf den segensreichen Einfluß, den das +Landleben auf ihn ausüben werde, und da rief er plötzlich beistimmend: + +»O ja, darauf zähl' auch ich. Wonne und Wohlthat wird mir die Stille +des Landlebens sein. Vor allem Andern wird es mich erquicken, meine +kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen. Sie haßt die Stadt, +diese kindische Frau ... Sie müssen sie draußen im Freien sehen ... +Im Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Händen -- ich sage Ihnen, +sie schießt wie Wilhelm Tell. Oder man muß sie sehen, ein wildes Pferd +bändigend, mit Weisheit und Geduld -- oder den Wald durchstreifend, +kühn wie ein Jäger und hold wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang +an, daß ich sie aus ihrer grünen Heimstätte, in der sie aufgewachsen +ist und aufgeblüht, wo sie sich gesund fühlt, hierher bringen +mußte, in dieses steinerne Grab, in dem sie das Dasein einer Lerche im +Käfig führt.« + +Sein Gesicht hatte sich verklärt, während er von seiner Frau sprach. -- + +»Ich liebe sie,« fügte er hinzu, und wiederholte: »Ich liebe sie ... +Wie kann das sein? denken Sie vielleicht, sie theilt ja deine geistigen +Interessen nicht -- -- ein Kind, Theuerste, thut das auch nicht, und +man liebt es doch. Sie ist das meine. Ein anderes wünsch' ich nie zu +haben, denn dieses würde gewiß lesen lernen wollen, und das -- Sie +begreifen, dürfte ich ihm nicht gestatten ...« Er unterbrach sich: +»Immer mahnt es wieder!« rief er heftig aus und versank in Schweigen. + +»Haben Sie Schweitzer gesprochen?« fragte Lotti nach einiger Zeit. + +»Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der großen Nachricht, bedeutete +mich aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. Einer seiner +Clienten schießt einen Theil der Summe vor, die ich erhalten werde -- +wann? ist wohl noch nicht bestimmt ... Morgen soll der Kaufcontract +unterschrieben werden, in acht Tagen reisen meine Schwiegereltern +ab ... ein Schmerz für Agathe -- ich möchte die Thränen nicht sehen +müssen, die sie bei dem Abschied vergießen wird ... Ist der aber +einmal vorüber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen ... dann wird +sie erst mein alleiniges Eigenthum ... Lachen Sie mich nicht aus, +Fräulein Lotti, -- wenn auch noch so viel Grund dazu vorhanden ist +... die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn und der meine scheint mir +unheilbar, denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag.« + +»Um so besser, lieber Freund! ... Sie haben mir da eine Menge Dinge +gesagt, die mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt' ich +eine leise Sorge nicht unterdrücken, daß Ihre Frau, noch so jung, so +außerordentlich schön, und gefeiert, wo immer sie erscheint, sich +vielleicht doch auf die Dauer mit einem ganz stillen und einförmigen +Leben nicht begnügen würde.« + +»Die Sorge war unbegründet!« rief er zuversichtlich aus. »Besuchen Sie +uns, kommen Sie, und bleiben Sie lange bei uns. Ueberzeugen Sie sich, +ob ich recht habe zu sagen: auf dem Lande ist Agathe in ihrem wahren +Element. Etwas viel Sport werden Sie finden -- sich vielleicht wundern, +daß eine junge Dame so leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt, +die freilich nicht eben von idealer Natur ... allein, Beste -- das +werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr die höchsten sind, sind +sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein Leben, aber nie +um mehr ... Ich wollt', ich hätte keine andere Begabung jemals in mir +verspürt, als diejenige, die man braucht, um ein tüchtiger Reiter oder +Jäger zu werden. Bei Gott, das wollt' ich ...« + +Er biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. »So ist +es« -- murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu. + +»Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.« + +Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: »Leben Sie wohl, Halwig, und +werden Sie gesund.« + +»Gesund?« + +»Ja wohl. Jetzt sind Sie's nicht.« + +Sie blickte mit der besorgten Theilnahme einer Mutter in sein Gesicht. +»Eines sagen Sie mir noch: wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten?« + +»Sehr einfach. Ich will bei meinem Pächter Landwirthschaft studiren. +Ich will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der +Schule verfolgen. Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge +betreiben. Da ich nie mehr etwas Schönes hervorbringen werde, will ich +wenigstens versuchen, etwas Vernünftiges zu thun.« + +»Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen?« + +»Weil ich das Gefühl dafür verloren habe, dünkt mich ... das läßt sich +nicht wieder gewinnen.« + +Er riß sich gewaltsam aus den trüben Gedanken, die ihn von Neuem zu +umweben begannen: »Auf Wiedersehen! ...« + +»Auf Wiedersehen, lieber Halwig ... Noch etwas muß ich Ihnen sagen ... +Denken Sie sich, es wären Monate vergangen -- Sie haben ausgeruht, +haben einmal wieder tief und gewaltig empfunden, daß die Welt schön und +das Leben etwas werth ist -- und plötzlich beginnt es in Ihrer Seele zu +tönen wie einst. Sie lauschen den Klängen, Sie wollen nichts, als sich +umspinnen lassen von den lieblichen Harmonien, und festhalten, was +die Ihnen vorgesungen. Und ohne Ihr Zuthun, fast ohne Ihr Bewußtsein, +strömt ein harmloses Lied von Ihren Lippen, eines von denen, wie die +Nachtigallen und die Dichter sie singen, und die Welt heute nicht mehr +anhören mag und die Verleger nicht mehr veröffentlichen. Ein solches, +ein so ganz unpraktisches, muß es sein. Die Stunde, Freund, in welcher +~dieses~ Lied Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt. +Sie wird kommen. Ich will einmal Kassandra sein und prophezeihen, aber +lauter Gutes ... Und jetzt gehen Sie. Auch ich bin erstaunlich müde und +ruhebedürftig.« + +Er beugte sich über ihre Hände und küßte sie. -- + +»Sie haben doch nicht ganz vergessen,« sagte er leise und innig, »daß +Sie einst die Braut eines Poeten waren -- aber ich bin keiner mehr.« + +Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wünschte +ihr mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch blieb +von der zürnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti bis +zum Morgen in einem Zuge. Sie hatte von ihren Uhren geträumt, sich +wieder im Besitz derselben gesehen, und ihr wurde nichts weniger als +froh zu Muthe, als sie am folgenden Tage beim Frühstück saß, dem leeren +Schranke gegenüber. + +Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gespräch noch längere Pausen +als gewöhnlich, hatte eine Welt auf dem Herzen und war nicht im +Stande, ein befreiendes Wort zu sprechen. + +»Was fehlt Dir?« fragte Lotti. + +»Brave Gesellen,« antwortete er mit verstörten Blicken. »Es ist nichts +an den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum Handwerk. Sie +können nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der Nachwuchs ist, +wohin gelangen wir? ... In fünfzehn Jahren giebt es in der ganzen Stadt +keinen tüchtigen Uhrmacher mehr.« + +Das war nun freilich sehr traurig, aber daß ihm die Sache so völlig +seine Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein +gewann, nahm Lotti doch Wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu +fragen: »Was fehlt Dir?« erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid. +Seit dem Tage, an dem sie ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds +gleichmäßig heitere Laune dahin. Wie von jeher widmete er Lotti seine +ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme fern zu halten, blieb +immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei alledem äußerte +sich doch manchmal, und gewiß ganz gegen seinen Willen, etwas wie ein +stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in früheren +Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld +niemals unterdrücken können. Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern +und staunte im Stillen über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen +war. + + + + + XIV. + + +Die Tage vergingen einförmig. Lotti führte ihr stilles Leben fort. Die +einzige Veränderung darin brachten die Besuche des Advocaten Schweitzer +hervor. Er kam sehr oft, zu Gottfrieds großer Befriedigung. Dieser +hatte für ihn eine Liebe gefaßt, kaum minder plötzlich wie die Romeos +zu Julien und äußerte dieselbe in seiner beredten Weise: + +»Der ja! -- ja Der -- das ist Einer!« + +Der Doctor brachte Nachrichten von Halwigs. Das junge Paar befand +sich auf dem Gute; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt. +Schweitzer beschäftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten. +Sobald er damit fertig geworden, wollte er eine Reise nach dem Norden +unternehmen, die heißen Sommermonate in Norwegen oder gar in Island +zubringen. Er sagte, seine Nerven bedürften der Stärkung. + +»Ich bin nervenkrank wie alle Leute: Sie allein ausgenommen und +Gottfried, und vielleicht Ihre alte Agnes.« + +»Nun, ich weiß nicht,« meinte Lotti und ließ ihre Augen von ihm auf +Gottfried hinübergleiten. + +Mit dessen Nerven dachte sie, stände es auch nicht Zum Besten. Er war +so eigen, schien oft selbst nicht zu wissen, was er wollte. Mehrmals +schon hatte ihm Lotti Briefe von Halwig und Agathe vorgelegt, in +welchen Fräulein Feßler beschworen wurde, zu ihnen zu kommen und einige +Tage bei ihnen zuzubringen. + +Gottfried hatte nie etwas Anderes dazu gesagt, als: + +»Ja, sie sind sehr höflich,« und: »Wann gehst Du?« aber dies geschah +in so gepreßtem Tone, daß Lotti immer wieder statt: »Morgen,« wie sie +gewollt: »Ich weiß es noch nicht,« antwortete. + +Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben, von den +beiden Gatten unterzeichnet, daß Lotti, entschlossen, sich nicht länger +bitten zu lassen, noch am selben Abend zu ihrer Dienerin sprach: + +»Agnes, morgen fahre ich um 8 Uhr mit dem Frühzuge fort. Wenn Gottfried +Vormittags nach mir frägt, sagst Du ihm, ich sei bei Halwigs, und käme +um sechs Uhr Abends zurück. Wenn er mich auf dem Bahnhof erwarten will, +so wird mich das sehr freuen.« + +Agnes war überaus zufrieden mit diesem Auftrage. In ihrer Einbildung +schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens, mit dem Gottfried ihre +Botschaft vernehmen, und der Fragen, die er an sie stellen werde. Sie +bereitete sich sogleich auf die Künste vor, mit denen sie dasselbe noch +erhöhen wollte, und schlief mit dem heißen Wunsche ein, daß ihr nur das +Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen möge. + +Dieser Wunsch erfüllte sich vollständig. Der schönste Tag, welchen der +junge Sommer dieses Jahres noch gespendet, brach am nächsten, einem +Sonntagmorgen, an. Die herrlichste Junisonne glänzte, der reinste +Himmel blaute über dem schnaubenden, dampfenden Eisenbahnzuge, der +Lotti aus der Stadt entführte. + +Nach zweistündiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt, +in deren Nähe das Gut Halwigs sich befand. Dahin, wie Lotti durch +Schweitzer wußte, führte ein bequemer Feldweg, und sie hatte sich +vorgenommen, die kurze Strecke zu Fuße zurückzulegen. Irre zu gehen, +war unmöglich. Die Villa lag in dem grünen Wiesenland weithin sichtbar, +wie eine Perle im offenen Schreine. + +Munter begab sich Lotti auf die Wanderung. Sie fühlte sich erquickt +durch die rasche Bewegung, und auch ein wenig berauscht durch die +ungewohnte kräftige Luft. Sie war allmälig in die gehobene Stimmung +gerathen, die beinahe jedes Stadtkind erfaßt, wenn es plötzlich aus +seiner ummauerten in die unbegrenzte Welt versetzt wird. Die athmet +Frische und Freudigkeit und theilt einem empfänglichen Gemüth schon +etwas davon mit. Alles so freundlich und üppig bewachsen oder bewaldet, +die Weiden, die Auen, und der Gürtel von wellenförmigen Hügeln, +der die liebliche Gegend umschloß. Das Schönste aber, das war die +gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund. Kaum zu unterscheiden von +den Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dämmerung wie ein +Wunder da, und wie ein Wunder schien von ihr ein Sehnsucht weckender +Zauber auszugehen. Lotti näherte sich der Villa. Zwei Fahnen wehten von +ihren schlanken Thürmchen und verkündeten, daß Herr und Frau vom Hause +anwesend seien. Der Weg führte an der Umzäunung des Gartens, einem +feinen Drahtgitter auf niederem Mauersockel, vorbei. Lotti schritt +denselben entlang und kam bei dem geöffneten Thor zugleich mit einem +Reiter an, der sich vom Hause her genähert hatte. Dieser, ein kleines +dürres Männchen, hielt seinen langhalsigen Braunen, welcher schnob, +als ob er Feuer geschluckt hätte, ein wenig an, um Lotti eintreten zu +lassen. Ohne die Kappe zu rücken, aber mit gutmüthiger Herablassung +beantwortete er die Fragen der Fremden. Die »Herrschaften« waren +ins nächste Dorf zur Kirche gegangen und dürften in einer Stunde +zurückkehren. Länger bleiben sie schwerlich fort, denn um zwölf Uhr +wird gefrühstückt. + +Eine Stunde warten also! -- das ist im Grunde so schlimm nicht. Man +kann die Zeit benützen, um den Garten anzusehen, und nebenbei um ein +wenig auszuruhen. + +Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren +ein. Kein Mensch war sichtbar, so weit sie blickte, rings umher +herrschte die echte, ländliche Sonntagseinsamkeit, Lotti kam an einem +herrlichen Tulpenbaum vorüber und betrat einen Fichtenhain, dessen +kühler Schatten sie lockte. Unter den Bäumen stand eine eiserne Bank, +auf diese ließ sie sich nieder. + +Es ist doch ein gutes Ding, das Land! dachte sie, und athmete tief +und sah sich mit Entzücken in ihrer stillen Raststätte um. Die Fichten +waren der unteren Aeste schon beraubt, aber junger Nachwuchs bildete +von außen einen Halbkreis um den Hain, exotische Topfpflanzen füllten +die kahlen Stellen zwischen den Stämmen der alten Bäume. Zarte +südländische Palmen, Ficus, Daphnen, Begonien ließen sich's wohl sein +im Schutze der nordischen Riesen. Die Königin der Araucarien, die +Excelsia, breitete ihre farrenkrautähnlichen Zweige in majestätischer +Anmuth aus. Harzgeruch erfüllte die Luft, die Vögel sangen, im Grase +schwirrte und summte es. Mit reichgefülltem Gurt kehrten emsige Bienen +vom Besuche der blühenden Sommerlinden heim. Alles eifrig, Alles +beschäftigt, Alles, was da schwebte, flog und kroch, sich selber so +wichtig und so kühn in seiner Schwäche, so unverdrossen in der Ausübung +seiner kleinen Kräfte. + +Lotti schaute und lauschte und gab sich völlig dem Gefühl der süßesten +Ruhe hin. Still genoß sie die köstliche Stunde, dieses bewegte, +rastlose und doch so friedvolle Leben und Weben um sie her ... halb +unbewußt, gedankenlos ... da plötzlich erklang aus der Ferne das +Geläute eines Glöckleins. + +Zwölf Uhr. -- In zwei Stunden muß sie fort, Gottfried erwartet sie, +und das darf nicht umsonst geschehen. Er hat eine herbe Enttäuschung +gehabt, als er kam und sie nicht zu Hause traf. Er wird die Zeit +sehr lang finden und sich gewiß mit der Vorstellung quälen, daß sie +nicht kommt. Aber sie wird kommen! und wenn sie scheiden müßte, ohne +Diejenigen gesehen zu haben, denen zu Liebe sie eine Art von Flucht +unternommen hat. Diese sind übrigens vielleicht schon längst von ihrem +Kirchgang zurück, warum bildet Lotti sich denn ein, daß sie gerade hier +vorüber kommen müssen? Sie erhob sich, um den Hain zu verlassen, und +im selben Augenblick vernahm sie das Gleiten langsamer Schritte über +den Kies, und sah ein weißes Kleid durch die Zweige der kleinen Bäume +schimmern. + +Halwig und Agathe näherten sich, schon waren ihre Stimmen deutlich zu +unterscheiden. Lotti eilte ihnen entgegen, war aber noch nicht auf dem +Wege angelangt, als sie zögernd stehen blieb. + +Die beiden Menschen, die da einher wandelten, boten den seltensten +Anblick, der auf Erden zu finden ist: den des vollkommenen Glückes. Sie +hielten einander umschlungen. Sein Kopf war leicht geneigt, der ihre +leicht erhoben, sie sahen einander in die Augen und flüsterten sich +lächelnd und leise einzelne Worte zu. Sie schienen sich in Ausdrücken +der Zärtlichkeit überbieten zu wollen, allein ihr Wetteifer hatte +nichts Unruhiges, nichts Stürmisches. In diesem Kampf zu siegen oder +zu unterliegen mußte gleich süß fein. Da war kein Ringen, kein Sehnen, +kein banger Zweifel, da war Erfüllung mit ihrem himmlischen Frieden. + +Sie kamen näher, ganz nah ... Lotti meinte von ihnen bemerkt worden zu +sein ... doch irrte sie. Hermann und Agathe gingen vorbei, Jedes blind +für Alles, was nicht das Andere war, Jedes dem Andern eine ganze Welt. +Nun waren sie am Ende des Weges angelangt, schritten über den Vorplan +-- verschwanden im Hause. + +Lotti folgte ihnen nicht. + +Was soll ich bei Euch, dachte sie, Ihr braucht keinen Dritten. + +Einige Zeit verweilte sie noch, sinnend und träumend in dem Haine, der +ihr zuerst eine traute Gastfreundschaft und später, ohne daß sie es +gewollt und gesucht, ein sicheres Versteck geboten hatte, dann trat sie +ruhig den Rückweg an. + +Die Hitze war drückend geworden. Lotti schlich mehr, als sie ging, +sie hatte ja keine Eile; kam immer noch zu dem ausbündigen Vergnügen +zurecht, ein paar Stunden lang vor dem Stationshäuschen auf und ab zu +wandeln. Weit und breit kein Schatten, nur Wiesen und Felder. Nichts, +als schon in ziemlicher Nähe der Station, neben dem Grenzpfahl des +Halwigschen Besitzes, ein steinernes Kreuz von vier jungen Pappeln +umgeben. Dort ließ sich ebenfalls ein wenig rasten, aber nicht im +Schatten: davon war nicht die Rede, die Sonne stand ja noch im +Scheitel. Gleichviel. Eine Landstreicherin, wie Lotti nachgerade +geworden, dankt Gott auch für die Wohlthat, auf steinerne Stufen +gelagert, die Zeit, deren sie zu viel hat, an sich vorüber ziehen zu +lassen. + +Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald, daß sie keinen besseren +Punkt hätte finden können, um Villa Halwig noch einmal recht nach +Herzenslust zu betrachten. Das that sie lange, und das innigste +Gebet für die Erhaltung fremden Glückes, das einer Menschenbrust +entsteigen kann, wurde zu Füßen des steinernen Kreuzes gesprochen. + +Sodann setzte Lotti ihren Weg fort. + +Sie begann ihre ganze Ausfahrt höchst drollig zu finden. Die +Einladungen Halwigs und Agathens hatten sie mit dem Gefühl einer +Verpflichtung belastet, dem sie gemeint, durchaus genug thun zu müssen. +So hatte sie sich denn aufgemacht, war gekommen, und hatte, statt der +sehnsüchtig ihrer wartenden Freunde, ein Liebespärchen gefunden, das +verspätete Honigwochen beging, und dem man keinen größeren Gefallen +erzeigen konnte, als es allein zu lassen ... + +Sie kam sich ein wenig lächerlich vor, die gute Lotti, aber was +schadete das einer so anspruchslosen Persönlichkeit wie ihr? -- +Nicht das Geringste, und sie lachte im Stillen und fühlte sich +seelenvergnügt, obwohl von einem gewissen Unbehagen ergriffen, das +-- ein klägliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt -- durch ganz +prosaischen Hunger hervorgerufen wurde. + +Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Absicht war, an der Thür des +Stationshäuschens zu pochen und von seinen Einwohnern für Geld und gute +Worte eine kleine Stärkung zu erlangen. + +Das Pochen blieb ihr erspart. Die Frau des Bahnwächters, ein stämmiges +dunkeläugiges Weib, stand am Zaun ihres kleinen Gartens und nahm +hier das Ersuchen der Fremden entgegen. Ihr Benehmen war anfangs +nicht sehr ermuthigend für den hergelaufenen Gast, wurde aber bald so +zutraulich, daß Lotti sich fragte, ob dieses leutselige Wesen etwa der +Freimaurerei, die nach Schweitzers Meinung zwischen ehrlichen Leuten +besteht, zuzuschreiben sei. + +Eine Stunde später saß sie so gemüthlich, als ob sie zur Familie +gehörte, in der Bahnwächterstube. Der Mann rauchte ihr gegenüber seinen +schlechten Tabak aus einer hölzernen Pfeife, das Weib, an einer groben +Jacke flickend, hatte neben ihr Platz genommen auf der Bank, und der +pausbäckige Sprößling des Ehepaares sich's auf Lottis Schoße bequem +gemacht. Sie fand, er habe Aehnlichkeit mit einem ihrer Horatier, und +das hatte sie sofort für ihn gewonnen. + +Die Frau war bereits mit der Erzählung ihrer ganzen Lebensgeschichte +fertig geworden und schien nicht übel Lust zu haben, wieder von vorn +anzufangen. Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt. + +Ja, sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre, und ihr Bub' hatte +kürzlich erst sein drittes erreicht. + +»Arme Leut' kommen halt spät zum Heirathen. Auch darin, auch in so +einer Sach' haben's die Reichen besser.« + +Da erhob sich der Mann -- der Schnellzug mußte bald auf die Strecke +kommen, in einigen Minuten wurde es Zeit, den Signalflügel aufzuziehen. + +Nachdem er die Stube verlassen hatte -- er war ein alter Mensch und +sah recht mürrisch aus -- begann seine Gattin, ihn zu loben. »Er« war +brav. »Er« war allgemein geachtet. Wunder wie viele Unglücksfälle hatte +»Er« durch seine Wachsamkeit verhütet. Sein Bub' geräth ihm nach, ist +wirklich schon jetzt der ganze Vater. Sie zog den Jungen an sich, gab +ihm einen schallenden Kuß und fuhr mit allen fünf Fingern durch seinen +zerzausten Schopf. Ein rührender Ausdruck von Zärtlichkeit milderte und +verschönerte die harten Züge ihres sonnverbrannten Gesichts, während +sie ihrem Kinde diese derben Liebkosungen ertheilte. + +»Heute ist ein rechter Sonntag,« sagte Lotti zu ihr, »heute habe ich +zwei glückliche Ehepaare gesehen.« + +Die Frau blickte sie befremdet an. + +»Und Sie? ... Sind doch auch glücklich?« + +»Ich bin auch glücklich.« + +»So? ... und ...« sie neigte den Kopf mit neugieriger Vertraulichkeit, +»und was ist denn Ihr Herr?« + +»Ich habe keinen; ich bin eine alte Jungfer.« + +»So? ... eine alte Jungfer,« wiederholte die Frau, sichtlich erkaltet +und enttäuscht. Und als der Mann nun ans Fenster klopfte, um der +Reisenden zu bedeuten, daß es Zeit war aufzubrechen, stach der +gleichgültige Abschied, den die Wirthin von ihrem Gaste nahm, von +deren früheren Freundlichkeit merklich ab. Sie hätte sich nicht anders +benehmen können, wenn sie mit einem Male von Reue ergriffen worden wäre +über ein übel angebrachtes Vertrauen. + +Lächelnd über den Mißcredit, in welchem sie plötzlich bei ihrer neuen +Freundin gerathen, stieg Lotti in den Waggon. + +Nur noch Ein Platz war in demselben frei, und sie nahm ihn ein, zum +offenbaren Verdruß einer geschlossenen Gesellschaft, die das Coupé +besetzt hatte. Diese, ein übermüthiges Völkchen, ließ sich, nachdem +ihr erster Unwillen über den Eindringling verraucht war, in ihrer +Unterhaltung nicht stören. Lotti verbrachte zwei unangenehme Stunden +in dem lauten und lustigen Kreise. Ein Gefühl der Vereinsamung ergriff +sie, das wegzuspotten sie sich vergeblich bemühte. + +Endlich brauste die Locomotive in den Bahnhof und das Erste, was Lotti +erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer gelehnt +-- ein Bild der Hoffnungslosigkeit -- starrte die Leute an, die dem +Zuge entstiegen, und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es in +seinem Herzen. + +Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da -- ihre Hand lag auf seinem +Arme. + +»Das hätt' ich nicht gedacht ... daß sie Dich fortlassen ... daß Du +ihnen widerstehen kannst ...« Wie ein Verzückter blickte er sie an. +»Ich hab einen Wagen ...« + +Nein, für den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu sein, +wollte zu Fuß mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre +Erlebnisse erzählen. + +Also geschah es. Er hörte ihr mit äußerster Spannung zu und ging +schweigend neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der +Ueberflüssigkeit sprach, von der sie beim Anblick Halwigs und seiner +Frau überkommen worden, bot er ihr plötzlich seinen Arm und drückte den +ihren fest an sich. + +»Hier bedarf man Deiner,« sagte er. »Du warst Dir dort zu viel, ich -- +war mir hier zu wenig.« + +Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, kamen +aber sehr wehmüthig heraus. »Und was hast Du gethan den ganzen langen +Tag?« fragte Lotti. + +Gottfried räusperte sich: »Hm -- gewartet.« »Sonst nichts!« + +»O, es war genug! Ich weiß keine schwerere Arbeit.« + +Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber gerieth +er in eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreißende +Beredtsamkeit im Stande gewesen wäre. Die seine beschränkte sich auf +den leisen Ausruf: »Liebe Lotti!« + +Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach +~sie~, die er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer +Kindheit an. + +Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's möglich? +... Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner +Wünsche erreichen? ... + +Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und +der Mund, den er liebte, sprach: + +»Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiß ich, daß Du mir das +Liebste auf der Welt bist.« + +Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, daß sie vor +Lottis Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das +Geheimniß seiner tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel +wollte ihm die Brust zersprengen. Ein seliger Mann faßte er seine Braut +in seine Arme, und sie mußte abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig +die Treppe hinaufgetragen. Oben angelangt, stürmte er derart an der +Glocke, daß Agnes in voller Empörung herbei eilte: + +»Wie kann man so anreißen?« rief die Alte. + +»Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, Ihnen +zu sagen -- Sie sind die Erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns an! Wir +sind Brautleute!« + + * * * * * + +In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, der +Gottfried und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden Treiben +der Stadt spann sich ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch +erhoffte Erhöhung ihres Glückes wurde ihnen zu Theil, als nach zwei +Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner Johannes Feßler gerade +in dem Augenblick das Licht der Welt begrüßte, in welchem draußen die +Sonne wunderbar schön unterging, und im Zimmer die goldene Spieluhr, +zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte. + +Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, daß es auch +derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer +gewechselt. Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agathe +waren bald aus dem süßen Hindämmern erwacht, in das die Befreiung von +ihren Sorgen sie versetzt hatte. Sie, gewöhnt an das rege Treiben ihres +großen Familienkreises auf dem Lande, begann sich zu langweilen allein +mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte, und vielleicht noch heißer, +nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betäuben, die ihn in seiner +Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis in die Arme des geliebten +Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner +Lohnschreiber-Nächte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er +seine Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in Blut und in Schlamm +waten ließ, und den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu +die hastende Eile, in welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhängniß +erfüllt werden mußte; die Angst vor dem Mißlingen, und dann wieder +die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete geschah, wenn die Gestalten, +die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt durch eigene Kraft +einen Abschluß herbeiführten, kühner als er ihn geahnt hatte. Halwig +erfuhr, daß wer solche Aufregungen kennen gelernt, sie nicht mehr +missen kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's aus dem Himmel. So +sandte er dem schwindenden, mit Hülfe Agathens und ihrer Brüder rasch +aufgezehrten Wohlstand, kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur +Zeit, in welcher das Gut verkauft werden mußte, machte die Gesundheit +Agathens einen Aufenthalt an der See nothwendig. Hermann ließ sie +allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den seligen Bitternissen +seiner Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie lieferte, wurden +noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advocaten +Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti: + +»Ich mache mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war +umsonst gebracht.« + +Aber Lotti erwiderte: »~Nicht~ umsonst.« + +Ihr Mann blickte sie lächelnd an: »Ohne meine Entrüstung über dieses +Opfer,« sagte er, »wüßte sie vielleicht heute noch nicht, daß der +Gottfried auch einmal etwas für sich wollen konnte.« + + + + + Wieder die Alte. + + + + + I. + + +In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich ein +schmuckes Palais, Eigenthum des Grafen Meiberg, welcher es mit seiner +Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin und aus sechs +Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, das älteste, +eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden sorgfältig +erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, die ihnen +Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So trafen +einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann und ein +hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam von der +Clavierstunde der großen Comtesse, sie ging zur französischen Lection +des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien immer +munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als er und +sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz der breiten, +spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem Lächeln grüßte er +und war entzückt von der anmuthig zurückhaltenden Weise, in der sein +Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen es bald nicht mehr bei +einer stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrirten dieselbe durch +ein freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein,« -- »Guten Tag,« -- und +schon das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois,« -- »Guten Tag, +Herr Bretfeld.« + +Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen erkundigt. +-- Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße. + +Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen scherzenden +Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit selbst, Fräulein,« +worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet sich immer nach +mir.« -- »Das sollten alle Leute thun,« sprach er und erschrak derart +über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er sich ganz +verlegen aus dem Staube machte. + +Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen +Schwächen, selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das +Arnold Bretfeld gethan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte +er ein unangenehmes Gefühl nicht los werden, und wenn er sie fragte: +Was hab' ich denn? -- kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit, +die Du gesagt hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden +Morgen wünschte er allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem +er sich so schrecklich blamirt hatte, gar nie mehr unter die Augen +kommen zu müssen. Diesen Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der +Clavierstunde aus dem Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete +dastehen sah. Er half ihr, da sich zufällig kein Diener in der Nähe +befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber merkwürdig +leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte und den +fallenden Schnee. + +»Fräulein kommen von Hause?« + +»O nein, ich habe heute schon drei Lectionen gegeben.« + +Drei Lectionen! -- Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert durch +Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch so +nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem +die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden. + +Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber sie +ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu den +Zimmern ihrer Schüler führte. + +Das Compliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt +hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im +Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und +schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide. + +»Je nun,« erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus +gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Nothwendige +entbehren, wenn wir das Ueberflüssige nicht mehr anzuschaffen +vermöchten.« + +»Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas zu +sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und -- zu sehen. + +Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der +bis zum Munde reichte, dessen Athem ihn ganz leise bewegte. Wenn er +sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein, +und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüthen im Tau. + +Eine Viertelstunde später saß Arnold am Clavier neben der Fürstin L. +und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die +ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein +geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und Abends, +während des Vortrags, den er im Conservatorium hielt, und Nachts vor +dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Claire Dübois +vor sich, und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd, +ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem +Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er +laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!« + +Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats. +Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst +gewahr, als er in den Thorweg trat. Da stand sie und konferirte mit dem +Portier. + +»Keine Lection, nein,« sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen +haben heute frei.« + +»Heute frei,« wiederholte Claire mechanisch. + +»Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin sagen.« + +Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie mit dem +Ausdruck der Enttäuschung niederblickte. Es enthielt offenbar die +siegelversehenen Visitenkarten, Stück für Stück erworben im Laufe eines +Monats, die Repräsentanten vieler mühseliger Stunden. + +»Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?« +fragte das Mädchen nach einigem Zögern. + +»Keinen, Fräulein,« antwortete der Portier und trat in seine Loge. + +Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch viel +langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb sie +stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen +herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen, +die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen +schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft. + +»Schlimmes Wetter,« sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires +Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien +zuzubringen. -- Ich melde, daß ich gelauscht habe,« fügte er hinzu, den +fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete. + +Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze +Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte. + +»Was fangen sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht +einmal ein Parapluie!« + +»Das ist ja mein Unglück,« entgegnete sie mit einem Lachen, das ein +wenig erzwungen klang, »ich habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war +so schön! Wer hätte dem Februar diese Aprillaune zugetraut?« + +»Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen Regenschirm +auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen Schutz zur +Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte diesen +Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Collegen, sie bis zu einer +Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer nächsten +Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte. + +Die Wanderung kam den Beiden sehr kurz vor, und hatte ihnen doch Muße +genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen. + +Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in +den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares +war: _Monsieur et Madame Dubois_, Professor und Professorin der +Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, die +in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Oesterreich gewandert +waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene Töchterlein +ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. Ihre +Ersparnisse -- dem Bruder Dubois nach Frankreich zugesendet und von +diesem verwaltet -- war allmälig zu einem Capital angewachsen, von +dessen Renten sich's leben ließ. Claire wurde aus dem Kloster genommen, +in dem sie ihre Kindheit zugebracht und ihre Erziehung erhalten hatte, +und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimath an. Die Wohnung +war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im +Begriff, abzureisen -- da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo Ihr +seid; Ihr seid ärmer als Ihr je gewesen, denn der Name, den Ihr tragt, +ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem Ihr es +anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht Ihr +allein seid betrogen, noch viele Andere sind es mit Euch. Ihr würdet +hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo Ihr seid, und +versucht womöglich von vorn anzufangen. + +Der Rath war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister +und seine Frau sich ihn auch zu Nutze gemacht hätten. Die große +Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zu Theil wurde, zu dem sie sich +so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie +bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es +war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den +nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide +vor dem Kinde ihre Muthlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb. +Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von Neuem heranzulocken, +war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers; +die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten, +an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Baarschaft, die als +Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte, +die ersten Schulden wurden gemacht. Es stand schlimm um die kleine +Familie, als ihre früheren Gönner im Spätherbst wieder nach der Stadt +zogen, scharenweise, wie sie davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte +seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte und ging in würdiger Haltung +von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man empfing +ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh gewesen, +den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen Beinen auf +angenehme Art los geworden zu sein. Die Kinder lachten ja längst über +ihn! -- wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und -- in traurigen +Verhältnissen, wie es heißt. -- Unfaßbar eigentlich, die Leute haben so +viel verdient. -- Die Frau soll sterbenskrank sein. -- So möge der Mann +doch daheim bleiben und sich pflegen. + +»Er dauert mich im Grunde,« sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin Lili; +»nimmst Du ihn wieder?« -- »Ich nicht, ich danke, ich habe Monsieur +Pombal engagirt.« + +Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagirt, dann versteht es sich +von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulon dasselbe thun, +und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel folgen. + +So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und es +wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke stellen +und den Vorübergehenden mit möglichst zierlicher Gebärde seinen Hut +entgegen zu halten, wenn die Gunst, die man ihm entzog, sich nicht +seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast alle Damen, die sich gegen +Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, waren für seine Tochter die +Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster aus, in dem Claire zugleich mit +einigen jungen Mädchen aus der großen Welt erzogen worden war. Mutter +Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren mächtigen Schutz angedeihen, empfahl +sie, verschaffte ihr Lectionen. + +»Man nahm mich auf ihre Fürbitte,« schloß das Mädchen, »man behielt +mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen -- ach nein, ich war und +aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin --, sondern weil ich +immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten +Werth legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine; +meine Lustigkeit, die gab uns Brot.« + +Claire hielt inne; der gleichmüthige Ausdruck, mit dem sie bisher +gesprochen hatte, veränderte sich, und sich brach plötzlich mit den +Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu +erhalten suchen. Das habe ich auch gethan.« + +»Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?« + +»Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht +von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage. + +Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder auf ihn. »Sie +wissen nun,« sprach sie, »wie ich eine Lehrerin geworden bin; lassen +Sie mich hören, wie Sie ein Lehrer wurden.« + +Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in +welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung +klar machen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen. +Lectionen geben, war eigentlich nicht seine Sache, er that es nur +ausnahmsweise, wenn irgend eine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang, +eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht +um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender +Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In +Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum +ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und +ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem +Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Sterbedrang, der +sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn +ein Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im +allertiefsten Sinne. Jede Schönheit, die in meiner Welt geboren wird, +gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn +ich vermag Begeisterung zu empfinden und vermag meine Begeisterung zu +rechtfertigen.« + +»Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine edle Freude +leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches Wort zu hören, wie wohl thut +das! Ich fühle mich gleich mit glücklich, wenn mir ein Anderer sagt: +Ich bin's!« + +Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine +Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? -- Nein, +die waren todt. -- Geschwister? -- Ja, zwei Brüder; beide verheirathet, +Geschäftsleute durch und durch. + +»Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er. + +Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte, sich's beiläufig denken +zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des +ehrenwerthen Hauses Bretfeld.« + +Er lachte. »Viel eher das ungerathene Kind, das man in Gottes Namen +seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es +davon abzubringen.« + +Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre +Kämpfe gehabt?« + +»Sehr zahme,« versetzte er. »Die meinen lassen mich gewähren, seitdem +es bei ihnen fest steht, daß ich nun einmal ein Sonderling bin.« + +Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte +munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen hatte, +indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen Lauf der +Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich -- ihre Unwissenheit. +»Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, was ihre Mamas so +freut, denn die meisten dieser Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß +Lernen dumm macht.« + +Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über roth und +mußte das Geständniß ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit +an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen +wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief +beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter +dem Thor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen +Regenschirm aufnöthigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und +eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan. + +Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem sie +nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen, und +in ihr den Inbegriff des Anmuthigen und Schönen, sonst hätten seine +Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das +scheinbar Leere geschaut. + + * * * * * + +Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung +zugethan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Aelteren +immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so +amüsant!« »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud +sie zu den kleinen Comtessen-Soiréen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn +sie »nur einige Damen« hatte, und zu ihren Eltern, wenn ein Partner +zum Boston fehlte. So lange Claire im Salon verweilte, wurde sie von +allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas +zuvorkommender höchstens. Ueber die Schwelle des Salons jedoch reichte +die Gastfreundschaft, die ihr erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte, +wenn der Abend zu Ende war: Wie kommt Claire nach Hause? Es gehörte +mit zu den Vorzügen, die man ihr am höchsten anrechnete, daß sie keine +Prätentionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines +Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben. +Die Eltern, die ihren eigenen Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen +Tage die Straße allein zu überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß +Claire Dubois ohne anderen Schutz als ihren Muth bei Nacht den weiten +Weg nach ihrer Vorstadt antrat. Sie pflegte, wie Aschenbrödel, sich aus +der Gesellschaft davon zu machen, kurze Zeit vor den anderen Gästen. +Ohne Abschied war sie mit einem Mal verschwunden, hatte im Vorzimmer +den Mantel angelegt, das Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so +rasch sie konnte, bis zur Stadt und durch die Stadt und durch den Park, +dem Hause zu, in dem sie wohnte. Näherte sich ihr einmal irgend ein +Zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten +Falle verließ sie sich auf ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte +sie noch nicht gekannt -- und nun plötzlich lernte sie beide kennen. + +Eines Abends -- es war kurz nach der Promenade unter dem seidenen +Dach ihres Collegen Bretfeld -- bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang +des Palais Meiberg bis in die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in theils +größerer, theils geringerer Entfernung folgte. In den belebten Straßen +blieb er ziemlich weit hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks +war er mehrmals dicht an ihren Fersen. Seine großen, regelmäßigen +Schritte hallten auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie +rannte vorwärts, und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause +angelangt, das Thor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es +warten, und nun kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an +der Glocke, und zitternd am ganzen Leibe, legte sie sich die kühnen +Worte zurecht, mit denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie +anspräche. Aber der Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien +stehen geblieben zu sein -- und zu warten wie sie ... Vielleicht auf +das Oeffnen des Thors? Vielleicht war Derjenige, vor dem sie geflohen, +ein harmloser Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der +zahlreiche Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten +Stock? Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so +regungslos an der anderen Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger +da, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während +sie ins Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im +Schatten des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine +Anwesenheit zu verbergen als bemerkbar zu machen. + +Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, so +oft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor dem +geheimnißvollen Beschützer hatte sich allmälig verloren; hingegen +war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger +gefallen zu lassen. + +Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war +zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die +Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den +feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen +Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie +stehen, wandte sich um und sprach: + +»Herr Bretfeld -- was soll's? -- Das muß ein Ende haben.« + +Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so, +entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er: + +»Mein Fräulein -- nein!« + +»Wie so -- nein? Was heißt das?« + +»Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des Abends +Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen -- in ehrerbietiger Entfernung, +wie bisher.« + +»Und wenn ich es Ihnen verbiete?« + +»Werde ich es mir nicht verbieten lassen. -- Habe ich mich Ihnen +lästig gemacht? ... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu +bedeuten gesucht: Ich bin da? -- Sie hatten bisher die Gnade, mich +nicht zu sehen -- fahren Sie so fort, mein Fräulein.« + +»Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.« + +»Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie --!« Wie unterdrückter +Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie +weich und flehend. »Thun Sie es um meinetwillen -- um meiner Ruhe +willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen +Wanderungen bei sinkender Nacht ... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne +es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr +unangenehm.« + +»Ein Sybarit sind Sie und ein Casuist obendrein,« sprach Claire. +»Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie thun.« + +»Und was!« rief er freudig. + +»Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht von +heute stammt: keine Einladung für den Abend mehr annehmen.« + +Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her. + +»Aber es ist doch schade,« hob er bedenklich an; »Sie unterhalten sich +gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.« + +»Meinen Freunden? -- meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: ich +unterhalte ~mich~? kommt das in Betracht? bin ich auf der Welt, +um ~mich~ zu unterhalten? -- die Anderen höchstens. Nun, das wird +tagsüber besorgt -- am Abend darf ich wohl auf meinen Lorbeeren +ruhen. Es soll fortan geschehen.« + +»Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus. + +»Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?« + +»Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung und +Ungeduld; und -- ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen -- zufrieden +heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus, +schläft wohl schon sanft und süß, oder -- ich folge Ihnen, ein getreuer +Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!« + +»Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet. +Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf +meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Uebles dabei. Ich bin +eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann +mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich +warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre +gute Meinung, und: Es bleibt dabei. -- Warten Sie nicht mehr an der +Straßenecke wie ein Commissionär -- ich komme nicht!« + +Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die +Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte. + +»Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig. + +»Nicht später als morgen.« + +»Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in neuester Zeit kaum einen +Gruß, kaum ein Wort, und ich habe Ihnen so viel zu sagen und so viel +von Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte +schuldig ... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir -- ~wollen~ +Sie auch nichts wissen?« + +Die Frage klang halb wehmüthig, halb komisch; Claire blickte zu dem, +der sie gestellt, lächelnd empor und sprach: + +»Was war das nun? Scherz oder Ernst?« + +Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr räthselhaft +schien: »Wählen Sie!« + +Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der +einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu +sprechen, ist versäumt, Gott weiß, auf wie lange! + +»Fräulein,« begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des Gesprächs +und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht +leichtsinnig aneinander vorübergehen ... Es ist nicht gescheit ... Wir +gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei ... Rauben Sie uns +nicht die Möglichkeit, einander kennen zu lernen.« + +»Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?« + +»Daß wir einander gefallen, das heißt, ich Ihnen, denn Sie gefallen mir +schon sehr.« + +»Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und suchte seine +Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr ruhten. »Ich will nicht -- +ich kann das nicht brauchen, daß mir Jemand gefällt -- ich habe andere +Sorgen.« + +»Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an -- ich habe ein +Recht zu fragen, meine große Theilnahme für Sie giebt es mir ... Welche +Sorgen, Fräulein?« + +Sie war wieder stehen geblieben, sie schien mit sich selbst zu kämpfen +und sagte endlich: + +»Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, meine +ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von ihnen +abziehen lassen ... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, Herr +Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen +gedrängt haben.« + +»Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll. + +»Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn Jemand, der immer heucheln +muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ... +Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen +Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch +nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist +mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges. +Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit, +in der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer +... heiter scheinen -- ich ~mußte~ es können, aber ich verachtete +mich, daß ich's konnte. -- Wollen Sie das Traurigste wissen, das ich +erlebt habe? -- Als ich eines Tages von meinen Lectionen heim kam, bei +denen mit verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden, +da lag meine Mutter todt auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein +bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde, -- das verschmerze ich nie.« + +Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. »Mein +Vater lebte noch einige Jahre,« fuhr sie in gepreßtem Tone fort, +»ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte +wohl viel zu thun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die +Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine +Hand geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ -- wir +~mußten~ sie machen während der langen Krankheit der Mutter, und +man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute --, von mir getilgt +werden sollten. Daran arbeite ich nun.« + +»Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zu Stande gekommen sein +werden, stehen Sie vor nichts?« + +»Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur gesund +und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum -- der +mir wohl will, störe meine Kreise nicht. Nicht zu viel Theilnahme, Herr +Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.« + +Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie sich +eben verbeten hatte. + +»Wie schäm' ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie schäm' ich +mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!« + +»Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt Mißtrauen, +das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich die Herzen. +Es giebt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten Menschen, dem +es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu befreien, die er +ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt Abschied nehmen.« + +»Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos ... +sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl auf +Erden wird .... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube ich.« + +»Sie sind kindisch, Herr Bretfeld,« sagte Claire. »Habe ich Ihnen denn +umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben muß?« + +»Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand stürmisch +an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber schutzlos sind +Sie fortan nicht mehr ...« + +Schutzlos! -- Das Wort gerieth ihm zum Unheil. Sie sprach es mit +Entrüstung nach und fügte hinzu: + +»Sie sind der Letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese +Schutzlosigkeit zu Nutze machen wolle.« + +Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war +zurückgetreten -- aber -- mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit +in seinem Gesicht! + +Er that ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg und +sich elend zu fühlen schien. + +»Herr Bretfeld --« begann sie. Da schlug die Uhr vom nächsten Thurm +Zehn und dann ein Viertel nach Zehn, du guter Gott! -- »Herr Bretfeld, +leben Sie wohl!« Und Claire eilte davon, so rasch man eilen kann mit +einem schweren, pochenden Herzen. + + * * * * * + +Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm +aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte +Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu +tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt. + +Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold +schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als +das Lächeln auf Claires Gesicht. Dem ungeachtet wurde sein Gruß immer +eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig +bereits so rechtschaffen gequält, wie nur jemals ein Paar aufrichtig +Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls +gehorchend, vor einander stehen blieben und wie aus einem Munde +sprachen: + +»Fräulein Dübois!« -- »Herr Bretfeld!« -- »Können Sie mir verzeihen?« +Da war der Bann gelöst; und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es +plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und +die Erde war schön und das Leben leicht. + +»Herr Bretfeld,« sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das +habe ich durch meine Rauheit erst recht heraufbeschworen. Statt an +nichts Anderes zu denken, als an meine Schulden, habe ich fortwährend +an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. Machen wir Frieden, Herr +College!« + +»O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann soll +er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, versteht +sich von selbst.« + +Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen die +aus?« + +»Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit dem +Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich, +Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie, +Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.« + +»Diese Dame,« erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, Herr +Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.« + +»Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig kümmern +wird.« + +»Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen -- auf Ihre Gefahr! +... Kommen Sie denn Sonntag, um zwölf Uhr.« + +So sprach Claire am Mittwoch. + +Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der +ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln. +Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie +empfunden habe. Doch kamen unbequeme Erinnerungen und sprachen: Narr! +Als wir Erlebnisse waren statt Schatten, da stand es nicht um ein +Härchen anders mit dir. Du hast immer heiß und heftig gewünscht, was du +später oft so leichten Herzens aufgeben konntest. + +Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang +aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam, und Arnold an der +Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang +und glückselig zu Muthe wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte +wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Thür wurde aufgeklinkt, und +die Geliebte stand vor ihm. + +Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm +bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb. + +Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Ueberraschung. Er +hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, als +er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch +schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmüthiger +Beredtsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden aus. + +Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine +Enttäuschung. + +»Kommen Sie,« sagte Claire, »ich bitte von vornherein um +Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zu Theil wird, an +Enthusiasmus Einiges zu wünschen übrig läßt.« + +Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster +eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische +saß. + +Sie hatte einige fertig gemachte Herrencravatten vor sich liegen, +faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch +dann noch keine Notiz, als er, herantretend, sich vor ihr verbeugte. + +»Das ist der Herr College, den ich Dir angekündigt habe, Karoline,« +nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich +dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu: +»Meine Freundin und zweite Mutter.« + +Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar +hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur +Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: »Was ist an Dir? Was bist Du +werth? Du bist wohl nichts werth.« + +»Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennen zu lernen,« nahm +Frau Karoline das Wort -- und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu +Deinen Augen -- »verzeihen Sie, wenn ich es nicht thue; Phrasen machen +habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst +freuen zu können, daß ich Sie kennen lernte.« + +Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein +gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, deren +jeder einen Verstand für sich zu haben schien. + +»Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau,« antwortete Arnold. »Es +wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegentheil geschehen sollte.« + +»Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten,« sprach Claire, die +für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte. + +»Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen wir +die aus dem Spiel -- Du weißt, was ich von ihr halte.« + +»Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren,« erwiderte Claire. +»Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und +Gefallsucht.« + +Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen +scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter. »Ich +werde mich bemühen, aber -- aus Gehorsam, nicht aus Ueberzeugung. +Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der +Liebenswürdigkeit theile, würde im mich all der Greuel schuldig machen, +die Ihnen dieses Wort bedeutet.« + +Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren von +der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn von +Neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenüber +saß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten +Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden +Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Ueberlegenheit. -- Arnold war +Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf dieser +Weiberstirn wurden durch unerbittliche Gedanken gegraben -- Gedanken, +die sich keine Rast gönnen, die nach den letzten Zielen streben, nach +den letzten Gründen fragen. Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet +auf eine Kraft hin, die unbeugsam, auf einen Muth, der grenzenlos ist, +und wenn die Fähigkeit zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den +Menschen bestimmt, so ist der Deinige ein so hoher, wie er Wenigen +zukommt. + +Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, folgte +ein förmliches Verhör: + +»Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?« + +»Ja.« + +»Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?« + +»Nein.« + +»Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich sehe das voraus, denn +ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.« + +»Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.« + +»So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. -- Compositeur sind Sie +nicht?« + +»Leider nein.« + +»Warum leider? Es sind heutzutage nur zu viel Leute productiv oder +glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke Jedem, der es sich versagt, +zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders +musikalisch zu erfinden -- nichts verweichlicht und erschlafft so sehr +und macht gefühlsselig und denkfaul, wie talentlos betriebene +Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher Verachtung verzog ihre Lippen, +sie brach ab. »Und was sagen die Ihren zu Ihrer Abtrünnigkeit vom +hundertjährigen Familienbrauch?« + +»Jetzt nichts mehr.« + +»Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. ›Nichts umsonst!‹ +ist die Devise des Hauses. -- Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren +Verwandten?« + +»Auf ganz freundschaftlichem.« + +»Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft -- Sympathie, die +gleichen Interessen?« + +»In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es auch +die des Berufes nicht sind.« + +»Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem +Beruf,‹ sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir +verstehen nichts vom Wohl und Weh Derjenigen, deren Gedankenkreis uns +fremd ist.« + +»Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die +Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir +zusammentreffen.« + +»Um einander anzustarren und im Stillen zu denken: So verschieden sind +wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? -- Nein, Herr. Die Kluft +zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen, wie Kunst und Erwerb, +ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen Frieden +bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.« + +Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber +Arnold sah deutlich, wie übel ihr zu Muthe war, und wußte, was in ihr +vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst Du nun, so wird man +bei uns aufgenommen. That ich recht, Dich zu warnen? + +Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein +leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Thür ein +wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und +ängstlich ein alter Mann herein -- eine Erscheinung von auffallender +Schönheit. + +Das feine, längliche Gesicht war glatt rasirt, und die rosige Farbe +desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf der +Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse +niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß. +Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weitgeöffneten blauen +Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die +es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht. +Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur +noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten, seidenen +Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren +beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andere mit +klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!« + +Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, und sobald +Jener das gewahrte, gerieth er in Bestürzung und begann zu winken: + +»Sitzen bleiben! sitzen bleiben! -- Was fällt Ihm ein? Karolinchen, +sieh doch ... Karolinchen, sag' ihm doch ...« + +Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand und +sprach mit großer Sanftmuth: »Wer hat Dir erlaubt, Dein Zimmer zu +verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.« + +»Ich habe Dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon,« +entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten +Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf +Arnold, »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so -- so ist's +recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann?« + +Jetzt bemerkte er die Cravatten auf dem Tische, und sein ganzes Gesicht +strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und glitt mit den +äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken Seidengewebe. +»Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!« + +»Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere +in Deinem Schrank,« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger +Ueberredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune, +denk' nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!« + +»Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, die blaue,« +sagte er, schob die Gegenstände seines flüchtigen Wohlgefallens mit +einer geringschätzenden Gebärde fort und ließ sich widerstandslos +hinwegführen. + +»Das ist der Mann dieser armen Frau,« sprach Claire, als sie mit Arnold +allein geblieben war. + +»Irrsinnig?« + +»Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr lange +leben.« + +»Gott geb's unter solchen Umständen!« + +»Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel +wie, er vegetirt so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für +ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.« + +»Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie,« versetzte Arnold, »und ich +besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt +sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht +gegen den Willen ihrer Angehörigen geheirathet?« + +»Ja, ja, das hat sie gethan.« + +»Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts besaß +als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, das er +selbst freilich für ein außerordentliches hielt. -- Stimmt das?« + +»Es stimmt.« + +»Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt, +hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten +Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner +Compositionen. Ich habe selbst einmal solches Monstrum zu Gesicht +bekommen.« + +Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich +Claire befremdet fühlte. »Allerdings,« fuhr Arnold fort, »fand der +martialische Componist ein Publicum, das ihn bewunderte in dem Troß +gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und +den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt gerieth er in die +Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen, +verlassen. -- So war es doch?« + +»Ich glaube.« + +»Sie wissen es nicht?« + +»Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es denn, +mich durch Andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht mehr +bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend und +Krankheit wieder gefunden hat; und daß sie nun für dieses arme Wesen +wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.« + +Eine Pause entstand; nach derselben rief Arnold plötzlich aus: »Welches +Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem Tagwerk +erschöpft heimkehren!« + +»Was denn -- warum denn?« + +Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag und +blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen +Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er. + +»Ich lese es meiner Freundin vor,« erwiderte Claire. + +Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, ist +das eine Erholung?« + +»Ja -- jawohl! Der Ernst ist Sonntagerholung für mich, die spielen muß +die ganze Woche hindurch.« + +Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah sie +lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen gesenkt, +und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren Zügen. Er hätte +aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen mögen: Du bist +mein! Ich liebe Deine Anmuth, Deinen Geist, ich liebe Deine Seele und +will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen Berührung. Dein +Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen ein glücklicher +Mensch Dich lehren wird, glücklich zu sein. + +Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der Meinung, +daß man mir vertrauen darf?« + +»Ich bin der Meinung.« + +»Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr bestimmten +Absichten und Ansprüchen hierher gekommen bin?« + +Sie erröthete bis an die Schläfen und schwieg. + +»Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, das +ich zu meinem Eigenthum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, Ihre +Neigung zu gewinnen -- Claire, theure Claire.« + +Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr über +denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die ihre +hinein. Und diese kleine Hand verschwand beinahe in seiner großen, +und gleich darauf verschwand sie ganz, denn eine zweite große war +erschienen und hatte sie völlig umschlossen mit einer Zärtlichkeit und +Vorsicht, als handle es sich darum, über einem zitternden Vögelchen ein +bergendes Obdach zu errichten. + +»Sie sind gut und großmüthig,« sagte Claire, »Sie haben tiefes Erbarmen +mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu bethätigen.« + +»Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er +stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen +denn ganz gleichgültig?« + +»Nein, nein,« entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und eben +darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. -- +Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?« + +»Wären Sie's nur recht,« rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, wenn +ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, das ich +Ihnen so schön gestalten will!« + +»Aufleben -- für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir +gethan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das -- ich weiß, +was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht +nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu ihrer Gefährtin wählen, das +keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen +und Schlechten -- das ist ja die wahre Lauterkeit. Sie sollen ein +Mädchen aus Ihren Kreisen wählen,« fuhr sie dringender fort, als er sie +unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht eine Nutzpflanze, nicht eine +Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. Mein Gott, wie lange muß ich +mich noch plagen, bis ich endlich werde sagen dürfen: Ich habe nichts!« + +»O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr als wir brauchen.« + +»Still, still,« gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich allein.« + +»Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein theuerstes +Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr +Leben -- um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich +selbst, mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen +Ueberfluß und schenken Sie mir das Unentbehrliche, Ihre Liebe.« + +Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die Geliebte +sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar streife. Da +machte er eine rasche Bewegung -- von einer Seite des Tisches fiel +polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen das Buch über +den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte im Nebenzimmer +ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Aechzen und Stöhnen folgte. + +Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen +Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. »Wir sehen uns wieder, morgen. +Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf meiner bei ihrem Kranken ... Warten +Sie nicht auf mich,« bat sie, entschlüpfte ihm und verschwand in der +Thür. + +Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach +der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das +Schloß von innen versperrt worden. + +Er stand und lauschte; das Aechzen und Stöhnen dauerte fort, dazwischen +vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die Trostesworte +murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und vorsichtiger +Schritte. + +In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf Claires +Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der +widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er +von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugthuung +dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire -- ja, ja, sie hatte Recht +gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte -- Erbarmen +war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte +dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte +Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem +armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm Schutz und +Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das Bewußtsein, etwas +so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, es vollbringen zu können, +siegte zuletzt über den Unmuth, der noch in ihm gährte, und erfüllte +ihn mit stolzer, mächtiger Freude. + +Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und -- +verzieh er sich. + + * * * * * + +Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire abwesend +wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, ihm eine +Unterredung zu gewähren. + +Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit +unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold +durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten, +mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt. +Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein +wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin +verliebt hat.« + +»Und sie zu heirathen beabsichtigt,« fügte Arnold hinzu, »wenn sie ihn +nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.« + +»O, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird es ja +doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, Schwärmerei, +Alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter deren +Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein Wort +mitzureden.« + +Arnold verbeugte sich beistimmend. + +»Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.« + +»Darf ich um Gründe bitten?« + +Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht +glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube +aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heirathen ist überhaupt ein +Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für +Claire, und Claire taugt nicht für Sie.« + +»Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der Mühe +werth gehalten hätten, mich ein wenig kennen zu lernen, würde es mich +sehr erschrecken,« entgegnete Arnold gereizt. + +»Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urtheil bliebe unverändert. +Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen -- Sie errathen, wer +es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun stehen Sie da -- jeder +Strich paßt -- nur der Gesammteindruck, den das Ganze auf Andere und +auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. ›Der edelste und höchste +aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. -- Ein Glückskind, sage +ich, das sein guter Stern von Kindheit an den geradesten Weg zum +jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in drei Gesellschaftskreisen, +in bürgerlichen, in künstlerischen, in aristokratischen, heimisch oder +mit Heimathsrechten aufgenommen. Ueberall wird ihm gehuldigt, überall +ist er in entsprechender Weise maßgebend.« + +»O, o!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie +erweisen mir zu viel Ehre!« + +»Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden +Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren, +die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der +zugleich ein Weltmann ist ... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie sind +keines von beiden ... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld gilt einmal +für unwiderstehlich, weiß es und -- bildet sich nichts darauf ein. +Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter und dennoch +unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! Das ist +entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung ist wie das +seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre es mit zwanzig +Anderen -- nur er wird gesehen, man hört nur ~ihn~ --« + +»Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben,« +wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht +so ... Wenn es aber so wäre -- ganz oder wenigstens ein bischen, mit +welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus +machen?« + +»Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben sie +eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht eigentlich +gebaut ist, ertragen zu können?« + +»Wie kommt das hierher?« + +»Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, wie sehr eine +Verbindung mit Claire Ihre Stellung in drei ›Welten‹ erschüttern +würde,« versetzte die Baronin mit geringschätzigem Lächeln, und Arnold +rief: + +»Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus +nicht an.« + +Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese +Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem Anderen, glauben +Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch +hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne Weiteres in ihren Kreis +aufnehmen wird?« + +»Ohne Weiteres -- nein,« lautete Arnolds zögernde Erwiderung, »aber +meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu sehen. +Ich habe mich vor Kurzem einem Heirathsplan, den die Meinen für mich +geschmiedet hatten, widersetzt ... Eine Weile grollten sie, dann fügten +sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden es nie übers Herz +bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine Einwendungen mehr, +verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden wollte, ins Wort. +»Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat mir Fräulein Claire +gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: Ich liebe Claire, +ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die Aufgabe meines +Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine wichtigere als +die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu gestalten ... Ich +will gern auf Alles, was Sie meine Erfolge nennen, verzichten, ich will +an der Seite Claires im Frieden meiner Hausgötter leben und meine +Kinder, wenn mir solche zu Theil werden, zu braven Menschen erziehen.« + +Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie nicht +aus so tiefer Ueberzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin empor: +»Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige Einfalt! +Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft davon, daß +Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. -- Herr, Herr! +Heirathen Sie nicht, ich warne Sie!« + +»Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem Gesetze +der Natur zu folgen?« + +»Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und warf ihre +Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die jeden Einzelnen +von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften hinschleift zu +ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... Die Natur, ein +schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt -- ein räthselhaftes +Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam -- manchmal +unsäglich blöd ... Ja, die Natur -- der Natur muß man folgen!« Sie ließ +ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des Gesichts +herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die Brust. »Man +muß ~nicht~,« sprach sie nach einer Weile ruhig und eindringlich, +»wenigstens nicht, ohne sich zur Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals +thun, was Alle thun.« + +Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der Baronin, die ihm +als thörichte Auflehnung gegen das Unabänderliche, als frevelhafte +Versündigung an einer ewigen und unergründlichen Weisheit erschien, +sprach Arnold zum ersten Mal zu dieser Frau im Tone ironischer +Ueberlegenheit. Er erklärte ihr, daß er nichts voraus haben wolle vor +seinen Menschenbrüdern, kein anderes Schicksal verdiene und anspreche, +als das des nächsten Besten. + +Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam +wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube +herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Thür des +Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Athmen eines Schlafenden vernahm. + +Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Raume, in dem er sich +befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des +eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig +angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und +ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank, +ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel; +daraus bestand die ganze Einrichtung. + +Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu +unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im +Zimmer Fräulein Claires befinden?« + +»Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis dahin ist es mein +Atelier, und dreimal im Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen +Speisesalon,« entgegnete die Baronin mit einem bitteren Lächeln. + +Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit +erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war +für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit +der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in +Deinem Eigenthum; ich habe nichts, das nicht Dein ist. Und im Voraus +genoß er ihr Entzücken. + +Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts +weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie meine Pflegetochter +hier zu erwarten?« + +»Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben -- ja.« + +Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und nun +hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der im +Stande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken. +Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als +hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich +überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin +noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er +schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging +er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen +hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten +Lieblingsparadoxe zum Besten -- Alles vergebens. Die unerbittlich +ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen den Zauber des Geistreichthums +wie gegen den der Liebenswürdigkeit. Mehrmals schon hatte Arnolds Blick +sich während dieses vergeblichen Ringens auf ein Bildchen gerichtet, +das am Fensterpfeiler hing. Eine verblaßte Aquarellmalerei, offenbar +von Dilettantenhand, aber doch nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es +ausgeführt worden, mußte der mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen +haben. Es stellte zwei Kinder dar, einen Knaben und ein Mädchen, und +die lebensfreudigen, jugendlich holden Züge beider, ganz besonders +aber die des Mädchens, hatten eine sprechende Aehnlichkeit mit denen +des alten Mannes, dessen Anblick am Tage zuvor einen so ergreifenden +Eindruck auf Arnold gemacht hatte. + +»Bezaubernde Köpfchen,« sagte er, auf das Bild deutend, und die Baronin +erwiderte: + +»Schlecht gemalt -- von mir gemalt. Meine Kinder.« + +»Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...« + +»~Waren~ --« fiel sie ein, »es ~waren~ meine Kinder -- ja. +Beide todt. Der Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich +so viel wie todt.« + +In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber +Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen: +Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem er +eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen ist dem Kind +verziehen, das sich von Dir abgewandt, und wär's zur Schmach und zur +Sünde ... Mit neuer Gewalt erfaßte ihn zugleich seine heiße Theilnahme +für Claire, und nun war es nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb, +nach ihrem Besitze zu streben, es war auch Trotz gegen ihre Hüterin. +Der erklärte er in diesem Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der +wollte er Claire entreißen, der beweisen, wer in dem Kampf um ihre +Schutzbefohlene der Stärkere sei. + +Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen +Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das +Vorgemach. Die Thür öffnete sich, und in derselben stand Claire und +blieb wie festgebannt vor Ueberraschung, als sie den unerwarteten +Besucher erblickte. + +»Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung wiedergewonnen +hatte. »Hat vielleicht zwischen Euch beiden eine Conferenz +stattgefunden?« setzte sie, rasch errathend, hinzu. + +»Ganz recht,« antwortete die Baronin, »wir haben eine Conferenz gehabt. +Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Conferenzen. Jeder bleibt bei +seiner Meinung.« + +»Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. Ich +bin vom Gegentheil überzeugt,« sprach Arnold. + +Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber +und ihre starrsinnige Freundin und ließ sich dann vor dieser langsam +auf die Kniee gleiten. Sie umfaßte die knochige Gestalt der alten +Frau mit ihren Armen. »Karoline,« sprach sie, »gestern habe ich ihm +Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem Menschen anzufangen, der +keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, thun wir, was uns als solchen +zukommt, geben wir nach.« + +Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach +aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend +fortfuhr: + +»Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als Bewerber, +sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, der +noch besser bekannt werden und auch noch besser kennen lernen will. +Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der +Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben +ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns +aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus -- wer weiß, wie bald!« + +Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von Seiten der Baronin, neuen +Bitten und Vorschlägen von Seiten Arnolds einigte man sich endlich. Er +erhielt die Erlaubniß, das Haus wöchentlich zweimal für eine Stunde zu +besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer Unterredung mit Claire +außerhalb des Hauses nicht trachten und seine täglichen Begegnungen mit +ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer Entscheidung zu drängen. + + * * * * * + +So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie +erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise +liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen, +Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich +deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich +hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch +welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles +Dasein ein Glück ohne Gleichen getreten war. Freilich fragte sie sich: +Paßt das zum Uebrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem sie diese +Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus ihnen, +schalt sich selbst feige und kleinmüthig und arm an schönem Vertrauen. + +»Wisse,« sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor einem +Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen ganz +allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich +betrifft, mein Wohl oder Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm +genug zu thun. Das wäre thöricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens +aufrichtig und beseligend -- es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich +sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller +Menschen.« + +»Großer Irrthum,« entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie +Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine +Rolle, nur besser als Du. Er hat es dahin gebracht, sich für das zu +halten, wofür er sich giebt, und das gewährt ihm ein außerordentliches +Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin, +die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der +Edelmuth, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte +aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold Bretfelds, und ...« + +»Nicht Zelte,« fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort +heimisch, Du wirst es endlich glauben müssen.« + +»Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden,« +versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer that +der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag +fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn +ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht +zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück, zu errathen, daß +sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem +Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die mit einander +so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er +durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen; +er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte +sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen -- etwas mehr +vielleicht, als eben nöthig gewesen wäre. + +Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es gethan, ein +einziger bittender Blick würde Alles gut gemacht haben. Kaum bemerkt, +und wenn bemerkt, wie bald vergessen wurden von ihr diese kleinen +Trübungen. Sie verflüchtigten sich wie Wölkchen an dem Himmel, den der +Glaube an seine Liebe ihr erschlossen. + +Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem +ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte +ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmuthiger Weise gezeigt, +ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie +Unterricht ertheilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher +für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause +Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug +dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde. + +Der Graf munterte seine Töchter auf, sich ein Beispiel an ihr zu +nehmen. »Laßt Euch auch einmal Etwas einfallen, über das ich lachen +kann,« sagte er ihnen. »Lernt was von der Claire, sitzt nicht immer da +wie die Bilder ohne Gnad', zerstreut mich und die Mama.« + +Im Herzen der Gräfin stiegen, bei solchen Aeußerungen ihres Gatten, +Gefühle wahrer Empörung auf; aber sie widersprach ihm nie, sie hätte +das für unvereinbar gehalten mit den Pflichten einer christlichen +Ehefrau. Ihrer Schwester jedoch, der Stiftsdame Gräfin Eveline, machte +sie das Geständniß: eine Fremde loben hören auf Kosten der eigenen +Kinder, von dem eigenen Vater, sei traurig. + +»Nu, nu,« lautete die tröstende Entgegnung, »wie man's nimmt.« + +»Man kann es nur so nehmen,« versetzte Gräfin Meiberg. »Mir darf +wahrlich Niemand vorwerfen, daß ich dem Familienegoismus huldige, aber +die ewige Aufstellung Claires als Musterbild für meine Töchter stimmt +mich -- ich finde keinen besseren Ausdruck -- traurig.« + +Gräfin Eveline hatte einen so guten Verstand, daß er sie immer Gründe +finden ließ, selbst für die seltsamsten Erscheinungen, und auch jetzt +sagte sie denn: »Das kommt daher, daß unsere Kinder langweilig sind, +und daß Claire unterhaltend ist.« + +Nun rollten die Thränen, die seit dem Anfang dieses Gesprächs in den +wassergrünen Augen der Gräfin gezittert hatten, wie zwei Glaskügelchen +über ihre Wangen. »Ich hoffe, Du weißt, wie sehr ich dafür bin, daß +meine Töchter mehr lernen, als ich gelernt habe, und meine Söhne mehr, +als ihr Vater gelernt hat,« sprach sie sanft und leise. »Ich hoffe, +Du lässest mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich die Ansicht so +Vieler von uns nicht theile, auf der Jagd nach Gelehrsamkeit gehe der +gesunde Menschenverstand verloren.« + +»Weil --« wollte Eveline erklären, aber ihre Schwester ließ sich nicht +unterbrechen. + +»Das liegt mir ferne,« setzte sie abwinkend hinzu, »meine Kinder sollen +sich bilden, ich wünsche es. Wenn ich es aber wünsche, darf ich ihnen +die ernste Richtung, die ich selbst ihnen gab, nicht vorwerfen.« + +Eveline sagte, dagegen sei nichts einzuwenden, andererseits jedoch +müsse man zugestehen, daß aus all' dem Ernst ein Mangel an heiteren +Elementen im Hause entspringe, und daß es klug und politisch wäre, +diesem Mangel abzuhelfen. + +Eine lange Berathung zwischen den beiden Damen entspann sich und +brachte einen Entschluß hervor, dessen Ausführung bereits auf den +nächsten Tag bestimmt wurde. + +Als Claire an demselben zur gewöhnlichen Stunde erschien, wurde sie +sogleich zur Gräfin berufen, von ihr mit außerordentlicher Huld +empfangen und eingeladen, auf einem Sessel neben dem Schreibtisch, an +dem die Gräfin selbst saß, Platz zu nehmen. + +»Ich habe mit Ihnen zu reden, ich habe eine Frage an Sie zu stellen, +eine Bitte -- ich falle gleich mit der Thür ins Haus,« begann sie, und +ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Sie wissen, wie lieb Sie uns +sind,« vermochte sie nur noch tiefbewegt zu sagen, dann kippte ihre +Stimme um. + +»Noch besser weiß ich, verehrte Gräfin,« erwiderte Claire, »daß ich von +Ihnen und den Ihren nur Güte und Freundlichkeit erfahren habe.« + +»Und das wird immer so bleiben! Sie thun uns so wohl mit Ihrer +Heiterkeit, Sie zerstreuen uns, und wir brauchen das so nothwendig bei +unseren vielen Sorgen. Ach, wie schwer ist das Leben!« + +»Es ist mitunter schwer,« lautete Claires nicht ohne Vorbehalt +bestätigende Antwort. + +Die Gräfin streckte ihren Hals etwas vor und sah das Mädchen an, +wie man ein Kind ansieht, das mitreden will in den Angelegenheiten +erwachsener Leute. »Mögen Sie es nie erfahren,« sprach sie, »und +Ihre Munterkeit nie einbüßen, deren Anblick ein solches Labsal ist, +besonders uns -- ein solches Labsal, daß wir wünschen würden, es länger +zu genießen. Deshalb, meine liebe Claire, stelle ich die Frage an Sie +und hoffe, Sie mißverstehen mich nicht: Kann das sein?« + +Claire bat um Entschuldigung und um eine deutlichere Erklärung, und die +Gräfin erwiderte: »Wir bleiben bis Mitte Juli in der Stadt, unserem +Emil zu Liebe, der seine Maturitätsprüfung macht -- noch einmal. Im +vorigen Jahre ließen wir ihn hier allein zurück mit dem Hofmeister. +Das war nicht gut, die Trennung von uns drückte sein Gemüth -- und so +ehrenvoll er schließlich auch bestand, erhielt er doch das Zeugniß der +Reife nicht. Heuer will er sich aber eines geben lassen, und wir harren +denn aus an der Seite unseres Sohnes in der Stadt, die im Sommer so +traurig ist, so einsam und auch so ungesund ... Wir thun's, wie gesagt, +wir harren aus, wenn auch unter solchen Umständen den Mangel an einem +heiteren Element im Hause besonders beklagend.« + +»O, Frau Gräfin,« rief Claire, »und Chouchou und Baby, meine kleinen +Schüler, zählen die für nichts?« + +»Doch -- ganz gewiß, sie zählen, aber sie gehen so früh schlafen, +und dann dauert der Abend noch drei Stunden, und dann lassen Papa +und Mama ihre Enkelinnen von den Aufgaben wegrufen und äußern sich +mißbilligend, wenn die armen Studienmüden nicht belebend in die +Conversation eingreifen oder der Whistpartie ihrer Großeltern nicht mit +der Spannung folgen, die verlangt wird und verlangt werden darf, und +das ist --« Die Gräfin hielt inne, erschrocken über die Voreiligkeit, +mit der sie sich hatte hinreißen lassen, einen so tiefen Einblick in +ihre Familienverhältnisse zu eröffnen vor dem Auge einer doch Fremden. +»Ich hoffe, Claire,« sagte sie erregt, »daß mir Niemand Geschwätzigkeit +in den Angelegenheiten der Meinen vorwerfen kann, ich rede zu Ihnen +wie zu einer Vertrauten; aber nun bitte ich, lassen Sie mich nicht +weitergehen, erleichtern Sie mir meine Aufgabe, verstehen Sie mich.« + +Claire versicherte, daß ihr nichts erwünschter wäre, als das zu können, +worauf die Gräfin in lebhafte Dankbezeigungen ausbrach und so glücklich +war, so sehr glücklich, daß ihr Antrag angenommen, und daß Alles +abgemacht sei, und Claire bereit, außer der Stunde, die sie täglich der +jüngsten Generation widmete, den älteren Generationen regelmäßig den +Nachmittag zu widmen. + +»Den ~ganzen~ Nachmittag, Frau Gräfin?« sprach Claire betroffen, +»verzeihen Sie -- um das handelt es sich?« + +Unbegreiflicher Weise schien die Gräfin verletzt. »Handeln? welch' +ein Wort! -- O, liebe Claire, wir Zwei werden mit einander doch nicht +handeln, o, nicht einmal rechnen!« + +Das Mädchen senkte verwirrt die Augen und stammelte: »Ich habe jeden +Nachmittag drei Lectionen zu geben.« + +»Drei Lectionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das +nothwendig?« + +»Ich habe mich dazu verpflichtet, meine Schüler zählen auf mich.« + +»Verlegen Sie die Stunden auf den Vormittag oder sagen Sie ganz ab; +arrangiren Sie das.« + +Wunderbar rasch hatte die zerschmelzende Weichheit der Gräfin sich +in Strenge verwandelt und ihre Sentimentalität in eine trockene +Schlagfertigkeit, die alle Bedenken und Einwendungen Claires kurz +widerlegte und rücksichtslos zurückwies. Die Lehrerin, verblüfft, +überrascht, suchte noch vergeblich nach dem rechten Mittel, sich dem +Netze zu entziehen, in das sie sich unversehens verwickelt fand, als +die Gräfin schellte und dem eintretenden Diener befahl, Chouchou +und Baby zu holen. Die kleinen dicken Jungen erschienen, stürzten +auf Claire los und überhäuften sie mit Vorwürfen. Sie hatten beide +geschwollene Augen. + +»Warum kommst Du nicht?« fragte Chouchou, der Aeltere. »›Mir‹ weinen +schon so lang, ›mir‹ haben sich gefürcht, daß Du nicht mehr kommst.« Er +stellte sich vor sie hin und brach in ein lautes Geheul aus. + +Baby aber hing sich an ihren Hals, küßte sie und rief: »Wenn ich werd' +groß sein, und Du wirst klein sein, werd ich Dich anbinden bei uns im +Zimmer, daß Du nit mehr fort kannst.« + +»Sehen Sie, wie Sie geliebt werden,« sagte die Gräfin, rief ihre Kinder +zu sich und theilte ihnen mit, daß Claire von nun an den ganzen Tag +bei ihnen bleiben werde. Die Kleinen erhoben ein Jubelgeschrei, und +ein letzter Versuch, den Claire machte, sich der über sie getroffenen +Verfügung zu widersetzen, scheiterte. Ihre Gönnerin beschwor sie, nicht +neue Schwierigkeiten zu erheben, ihr Wort nicht mehr zurückzunehmen. +»Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es +sich von selbst, daß ich sie bringen werde,« erklärte sie mit einer +Hoheit der Gesinnung, an der sie nicht umhin konnte, selbst ihre Freude +zu haben. »Es giebt Gelegenheiten, in denen Opfer keine Consideration +sind, und man an sich nicht denken darf, vielmehr suchen muß zu +vergessen, wie oft man sich schon etwas abgeschlagen hat. Aber das soll +man können ... Nicht nur entsagen -- so im Großen« -- sie schwenkte, +indem sie also sprach, ihre lange schlanke Hand -- »auch im Kleinen +muß man sich etwas versagen können. Was mich betrifft, ich kann's. Für +mein persönliches Vergnügen bleibt nie etwas übrig. Wie habe ich eine +Erweiterung meines armen Glashäuschens nebenan gewünscht! Der Cassier +thut Einsprache, und ich -- verzichte.« + +Claire schwieg, geblendet durch den Glanz einer so großen Tugend, und +brachte es über sich, ohne Lächeln in den mächtigen, mit kostbaren +Pflanzen reich gefüllten Wintergarten hinauszublicken, den eine +geschmackvoll decorirte Glasthür von dem Schreibzimmer, in dem man sich +befand, trennte. + +Chouchou und Baby hatten der Rede ihrer Mutter die gebührende +Aufmerksamkeit durchaus verweigert und während derselben Claire +fortwährend am Kleide gezupft und ihr zugeflüstert: »Komm zu uns, komm, +mir unterhalten sich hier nicht.« + +Endlich entlassen, stürmten sie geradeswegs nach ihren Zimmern und +verkündeten Jedem, der ihnen begegnete, daß die »gute« Claire von jetzt +an immer bei ihnen bleiben würde. Chouchous französische und Babys +englische Bonne zogen bei der Kunde, die erste ein schiefes und die +zweite ein langes Gesicht, und Claire hatte Mühe, die Beiden, die sich +schon an die Luft gesetzt sahen, zu beruhigen. Spät erst konnte die +Lection begonnen werden und erfuhr dann fortwährende Unterbrechungen. +Die Tante war die Erste, die sich einfand, um Claire mitzutheilen, daß +die Idee, sie dem Hause »dauernder zu gewinnen«, mindestens zur Hälfte +von ihr ausgegangen sei. Bald darauf erschienen die Eltern des Grafen +Meiberg. Schon war in das von ihnen bewohnte zweite Stockwerk des +Hauses die Kunde von dem Engagement Claires gedrungen und machte ihnen +eine Freude, welche die der Kinder fast beschämte. Die munteren alten +Leute hatten die Schachpartie, welche die Reihe von Spielen eröffnete, +mit denen sie den Tag auszufüllen pflegten, unterbrochen und waren, so +eilig sie nur irgend vermochten, die Treppe herabgehumpelt gekommen. + +Ein herzgewinnendes Paar! ehrwürdig und freundlich, voll Wohlwollen +und Höflichkeit. Mann und Frau von ganz gleicher Größe, beide hager +und lebhaft, beide altmodisch, aber fein und sorgfältig angethan. +Sie rühmten sich, in ihrer fünfzigjährigen Ehe nie länger als einige +Stunden getrennt gewesen zu sein, und waren einander ähnlich geworden +nicht nur im Benehmen und in der Sprechweise, sondern auch im +kindlichen Ausdruck ihrer fein geschnittenen Gesichter. + +Als Chouchou und Baby auf sie zugingen, um ihnen die Hände zu küssen, +zog die Großmama, bevor sie diese Ehrfurchtsbezeigung gestattete, ihr +Battisttuch aus der Tasche und wischte damit die rosigen Lippen der +Knaben ab. + +»Nur aus übler Gewohnheit,« sagte sie entschuldigend, »nicht etwa, weil +ich glaube, daß es nothwendig ist.« + +Der Greis lüftete das Käppchen und verneigte sich mit liebenswürdiger +Höflichkeit vor Claire. »Ah, Mademoiselle, Mademoiselle +Gesellschafterin,« rief er, »_demoiselle de compagnie_! Wir +wollen uns gleich unseren Antheil versichern an der Gesellschaft der +Gesellschafterin.« + +Ebenso munter wie er kündigte seine Gemahlin Claire an, daß sie täglich +zum Thee und zur Whistpartie mit dem Strohmann geladen sei. Die +schüchternen Entschuldigungen, die Claire vorbringen wollte, wurden +mit der Aufforderung zurückgewiesen, keine Geschichten zu machen. »Nur +keine Geschichten mit uns!« beschworen beide zugleich, und der alte +Herr setzte lustig hinzu: »Sonst folgt die Strafe auf dem Fuß, und Sie +müssen nach dem Whist noch mit Jedem von uns eine Stunde lang Wolf und +Lamm spielen. -- Aber, Christine, wir verplaudern uns,« wandte er sich +an die Gräfin; »die Pflicht ruft -- die unterbrochene Schachpartie will +beendet werden.« Mit gutmüthiger Ironie blickte er auf den Tisch, der +mit den verlockendsten Rechenspielen bedeckt war, und sprach fröhlich +lachend: »Lernt fleißig, Kinder, lernt was! ... Wenn man in der Jugend +nicht zählen lernt, kann man im Alter nicht spielen.« + +Er reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr das Zimmer. + +Der letzte Besuch, den Claire bei der sogenannten Unterrichtsstunde +empfing, war der des Grafen Meiberg. Er kam, stattlich und verdrießlich +wie immer, dankte ihr, daß sie den Antrag seiner Frau angenommen habe +und bat sie, sich vornehmlich seinen erwachsenen Töchtern zu widmen. + +»Gewöhnen Sie ihnen das todtschlächtige Wesen ab, machen Sie sich's +zur Aufgabe, ihnen Heiterkeit beizubringen,« empfahl er ihr, stete +die Hände in die Hosentaschen, sah eine Weile zum Fenster hinaus und +fragte dann, ob Etwas über »Bedingungen« vereinbart worden sei. Claire +verneinte es, und er fuhr ungeduldig auf: + +»Hätt' mir's denken können! Ich brauch' von meiner Frau nur zu hören: +Alles in Ordnung, dann weiß ich schon, daß die Hauptsache fehlt ... +Keine Bedingungen? Sie könnten aber auch praktischer sein, erlauben +Sie mir. Oder sind Sie vielleicht überrumpelt worden? ... Leugnen Sie +nicht, überrumpelt -- und jetzt gehen Sie nach Haus, und morgen kommt +ein Brief von Ihnen, in dem steht: Ich entschuldige mich, kann nicht +annehmen, bin überrumpelt worden. Aber hören Sie, thun Sie das nicht, +warten Sie auf einen Brief von mir. Von Nebeln und Schwebeln wird +nichts drin stehen, aber wie Sie dran sind, das werden Sie wissen.« + +Noch am selben Abend kam eine Zuschrift, mittels welcher Graf +Meiberg Fräulein Dübois in die glänzend besoldete Stellung einer +»Gesellschafterin für den Nachmittag« in seinem Hause einsetzte. + +Der Antrag war so vortheilhaft, Claires Ueberraschung so freudig, +daß ihre Freundin nicht vermochte, sich absprechend über die neue +Vereinbarung zu äußern. Claire vertiefte sich in die Gedanken an +ihr Glück und hatte nur zu bedauern, daß es sich nicht etwas früher +eingestellt. Gar leicht ließ sich ausrechnen: wenn das Anerbieten des +Grafen ihr statt heute vor zwei Jahren gemacht worden wäre, stünde sie +jetzt schuldenfrei da und könnte über sich verfügen. + +»O, wenn meine Schulden nicht wären!« rief sie unwillkürlich laut aus, +und die Baronin mit ihrem Seherblick für die geheimsten Vorgänge in der +Seele ihrer Schutzbefohlenen verstand sie wohl und murmelte vor sich +hin: + +»Gepriesen seien Deine Schulden.« + +In dieser Woche gab es Mühen und Verdrießlichkeiten die Menge. Claire +brauchte viel Takt, viel Geschmeidigkeit und viel festen Willen, um die +Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu einer Verlegung der +Stunden zu bewegen, und um es möglich zu machen, aus den Häusern, die +aufzugeben sie gezwungen war, in guter Freundschaft zu scheiden. + +Indessen -- schwer oder leicht -- Alles das gelang; was Claire +aber nicht gelingen konnte, das war, den Groll, ja die Entrüstung +Arnolds zu versöhnen, als sie ihm von der Uebereinkunft, die sie mit +Meibergs getroffen hatte, sprach. Er begriff nicht, wie sie ohne seine +Zustimmung einen solchen Entschluß hatte fassen können, er machte ihr +den größten Vorwurf aus der Sklaverei, in die sie sich begab, sie, die +ihm gegenüber so viel Unabhängigkeitssinn bewies. + +An dem Sonntag schied er von ihr, ohne Herr seines Unmuths geworden zu +sein. + +Seine Verstimmung überdauerte die Nacht, und es lag ihm sehr daran, +dies zur Kenntniß Derjenigen zu bringen, die er liebte und die ihn +kränkte. Am nächsten Morgen, bei der täglichen Begegnung auf der Treppe +im Palais Meiberg, grüßte er Claire wieder so kühl wie damals, als er +ihr gezürnt, und wollte stumm vorübergehen. Sie aber blieb stehen und +sprach: + +»Herr Bretfeld, was heißt das? -- Verderben Sie mir die Laune nicht, +Sie bringen mich sonst um mein Brot. Sie wissen ja, ich habe mich hier +als heiteres Element verdungen.« + +Die kleine Hand, mit der sie ihm dabei scherzend drohte, zitterte, ihre +Wangen brannten, und gar schmerzlich zuckte es um ihren Mund, der sich +zu lächeln zwang. + + + + + II. + + +Einige Wochen lang versah Claire bereits ihr Vertrauensamt bei +Meibergs und gestand kaum sich, am wenigsten aber den Anderen, wie +schwer die übernommene Aufgabe ihr wurde und welche Anstrengung es +sie kostete, ihr nun in zwei so ungleiche Hälften getheiltes Tagewerk +zu vollbringen. Die zweite, die ungewohnte, war auch die mühevollere. +Claire hatte sich die fragliche Kunst angeeignet, spielend zu +lehren; sie besaß auch die -- und das war einer der Hauptgründe der +Beliebtheit, deren sie sich erfreute --, den Eltern ihrer Zöglinge, +wenn sie ihr von neuen Unterrichtsmethoden zu sprechen oder Winke zu +geben kamen über die Art, in welcher man ihre Kinder »nehmen« solle, +schlagfertig und witzig entgegenzutreten, ohne jemals die schuldige +Ehrfurcht zu verletzen. Höchst unbehaglich jedoch fühlte sie sich +in der ihr neuen Stellung einer mit den Pflichten und Rechten der +Hausgenossin ausgerüsteten Fremden mitten in einer großen Familie. + +Die jungen Gräfinnen Martha und Marie machten kein Hehl daraus, daß +sie es von Papa »sehr komisch« fänden, ihnen Claires Gesellschaft +zu octroyiren. Die zweite, auf welche der Vater sein Talent zur +Verdrießlichkeit vererbt hatte, ein unschönes Mädchen von achtzehn +Jahren, sprach zu Claire: »Ich habe Charakter, ich! ... Ich sage, was +ich denke! ... Bei Chouchou und Baby habe ich Sie gern gehabt, bei uns +mag ich Sie nicht.« + +Claire dankte ihr für ihren Freimuth. »Sie sind im Besitze des +angenehmen Vorrechts, unbeschadet aufrichtig sein zu dürfen,« meinte +sie, »und machen davon Gebrauch.« + +Die Comtesse verstand, stutzte und fragte: »Sind Sie vielleicht nicht +aufrichtig?« + +»Ich bin es gewiß,« entgegnete Claire, »wenn ich Ihnen versichere, daß +ich trachten werde, Ihre eingebüßte Sympathie wiederzugewinnen.« + +Halb und halb entwaffnet durch diese Antwort, brauchte Marie einige +Selbstüberwindung, um ihrem »Charakter«, auf den sie sich so viel zu +Gute that, zu Ehren standhaft zu bleiben und die trockene Antwort zu +geben: »Bin neugierig, wie Sie das anfangen wollen.« + +Vorerst nun hatte Claire gar nicht angefangen, sogar den Schein +einer Einflußnahme auf die jungen Damen gemieden und sich glücklich +gepriesen, wenn ihre geistige Spannkraft und ihre vielgerühmte +Unterhaltungsgabe ausreichten, um dem Grafen und der Gräfin die langen +Nachmittagsstunden zu verkürzen. + +Man speiste der »Kleinen« wegen schon um vier Uhr und lud niemals Gäste +zu Tische. Im Leben des Kindes ist Alles Lection; das Diner muß Lection +sein in der Kunst, anständig zu essen, die man nicht früh genug lernen +kann, weil sie der Anfang allen Anstandes überhaupt ist. In dieser +Meinung stimmten beide Eltern überein, und Tante Eveline gab ihren +Segen dazu. So opferte sich denn der Graf, kam pünktlich um vier Uhr +zur Tafel und befahl jedesmal, langsam zu serviren. Trotzdem mußte das +Diner einmal zu Ende gehen, und sie brachen herein, die schrecklichen +Zwei, und die eine hieß: von Fünf bis Sechs, und die andere hieß: von +Sechs bis Sieben. Fest wie eine Mauer stand die Zeit da und machte doch +den Anspruch, vertrieben zu werden. + +Chouchou und Baby hatten, der Hausordnung gemäß, schon vom Tafelzimmer +aus mit ihren Bonnen zu verschwinden; die übrige Familie, begleitet +von Erzieher und Erzieherin, betrat den Salon. Der Graf nahm Platz vor +einer Fensternische unter den Zweigen einer Palme, die beinahe bis zur +Decke reichte, kreuzte die Arme -- er gehörte zu den seltenen Männern, +die nicht rauchen -- und überließ sich seiner üblen Laune mit dem +Trotz eines Kindes und mit der Ausdauer eines Mannes. Unweit von ihm +in einem bewunderungswürdig geschnitzten altdeutschen Lehnsessel ruhte +die Gräfin als Centrum des »blühenden Halbkreises,« den ihre Kinder um +sie bildeten, während Gräfin Eveline sich leutselig der Gouvernante und +des Hofmeisters annahm und ihre beiden aufmerksamen Zuhörer über die +Ursachen der Dinge belehrte. + +Am ersten Tage, an welchem Claire ihr neues Amt ausüben sollte, war +sie zu ihrem Entsetzen nach dem Eintritt in den großen, heißen, +durch schwere Vorhänge an den Fenstern verdüsterten Salon von einem +unendlichen Ruhebedürfniß ergriffen worden. Sie hatte ihre Lider schwer +werden gefühlt; ihr hatte geschienen, daß sich um die Menschen und +die Gegenstände vor ihr eine Dunstatmosphäre bilde, in der sie sanft +geschaukelt hin und her wiegten ... Lieber Gott, wer jetzt schlummern +dürfte! ... Du darfst ~nicht~, dachte Claire, deine Aufgabe heißt +unterhalten, dafür bezahlt man dich, bezahlt reichlich. + +Plötzlich unterbrach eine Kinderstimme das lastende Schweigen. Thekla, +die jüngste der Töchter, die zwölfjährige, stellte die Frage: + +»Mama, sagt man Mohammed oder Mahomet?« + +Auf den Zügen Mamas malte sich Rathlosigkeit, und sie erwiderte +ausweichend und vorwurfsvoll: »Aber, mein Kind!« + +»Man sagt Muhammed,« rief die Tante, »weil Muhammed ein Muselmann war!« + +Der Hofmeister räusperte sich, erröthete, nahm das Wort und bemerkte +bescheiden, Mu- und Mohammed seien ihm neu. + +»_Mais pas du tout_,« entgegnete die Gouvernante, so gereizt, als +ob sie eine persönliche Beleidigung erfahren hätte. »_N'avez-vous pas +lu, monsieur, l'œuvre admirable de monsieur de Voltaire?_« + +Der Graf ersparte ihm die Antwort; er stand auf, kam auf Claire, die +sich aufgerafft hatte, zu, den Kopf vorgebeugt, die Hände, wie er +pflegte, in den Hosentaschen. + +»Nun,« sagte er, »da hören Sie nun, das ist ein Muster von der +Unterhaltung, die ich in meinem Familienkreise genieße. Mohammed oder +Mahomet! ... Ist Ihnen etwas so Langweiliges schon vorgekommen? ... Ich +laß mir ja die Langeweil' gefallen, in einer Verdünnung, daß man dabei +einschlafen kann, aber unsere Langeweil', das ist ein Extract, das ist +eine Langeweil' wie ein Löw'; die macht einen wild.« + +Die Echtheit seiner Verzweiflung stand in so drolligem Verhältniß +zu ihrer Ursache, daß Claire unwillkürlich lachen mußte. Die große +Gestalt ihrer Freundin, deren Lippen sich auch den schwersten +Schicksalsschlägen gegenüber nie zu einer Klage geöffnet hatten, +tauchte vor ihr auf, und wie neu gestählt durch den Gedanken an die +Starke, wies sie die Beschwerden des Grafen scherzend zurück. Sie +machte die Tactlosigkeit, mit welcher er sie zum Schiedsrichter +zwischen sich und den Seinen aufgerufen hatte, wieder gut, indem sie +sagte: + +»O, wie ungerecht sind Sie, Herr Graf; die Frage Gräfin Theklas ist +ja interessant und besitzt überdies die schöne Eigenschaft, lösbar zu +sein, und zwar zu Gunsten sowohl der Mo- wie der Ma- und der Mu-Partei.« + +»Wie so? wie meinen Sie das?« riefen einige. + +Die Stiftsdame versicherte, es sei ganz natürlich, und sie könne sich's +erklären. Thekla umarmte ihre Beschützerin stürmisch aus Dankbarkeit +dafür, daß sie sich ihrer angenommen hatte; Marie warf noch einige +kühne Behauptungen hin, die Widerspruch erregten. Sogar Gräfin Martha +und Graf Emil, die ältesten und zugleich die stillsten unter den +Geschwistern, von denen selbst ihre Mutter gestand, daß man sie immer +nur »schweigen höre,« nahmen Theil an der Debatte. + +Nach einer Viertelstunde war Leben in die Gesellschaft gekommen. +Vortreffliches leistete die Gräfin an Ausdrechselung zierlicher +Phrasen. Sie suchte den Eindruck zu verwischen, welchen vorhin der +heftige Ausfall ihres Gemahls hervorgerufen haben mochte. Sie that +es in ebenso zarter als indirecter Weise; sie vertheilte gleichmäßig +Balsam an alle die Ihrigen, sprach von der grazienhaften Unschuld ihrer +Kinder und von der Süße einer Familieneinigkeit, die wie eine Oeloase +auf dem Ocean des Lebens schwimme. Nicht umhin konnte sie, sich selbst +das Zeugniß auszustellen, daß sie doch sehr gut spreche, und das gab +ihr ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht empfunden. Aber nicht sie +allein, auch die Uebrigen waren mit sich zufriedener als sonst, und +waren es demnach auch mit den Anderen gewesen. Vergnügt hatte man sich +getrennt. + +Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen +sich an, und wenn auch Niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie +errungen wurden, so fiel es doch Keinem ein, dieselben der wacker +Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der +Graf in grämlicher, die Gräfin in schwülstiger, die Tante in kluger, +Martha in melancholischer, Emil in schläfriger und so weiter. Nur Marie +verhielt sich ablehnend und wurde manchmal sogar aggressiv. + +»Ich durchschaue Ihren Kniff,« sprach sie einmal. »Er besteht darin, +Jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen -- +ich will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht, +denn über mehr haben wir nicht zu verfügen.« + +Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire jedoch +ein sehr ernstes Gesicht machte. + +»Sie sind witzig, Gräfin,« sprach sie, »aber in einer Art, für welche +der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten äußern +kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu stolz, +um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch Andere bestreiten zu +lassen.« + +Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am vierten +stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der kleinen +Brüder, war hochroth im Gesicht, ergriff die Hand Claires und stieß +hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie Sie; +zählen Sie von nun an auf mich.« + +Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten +Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin +innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Copien eines Bildes von +Danton angefertigt und eine große Aehnlichkeit zwischen ihren eigenen +Zügen und denen des Urhebers der Septembermorde entdeckt habe. Was +Alles in ihr gährte, Niemand ahnte es; aber Claire, ihre Freundin, +sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr oft daran, wie nothwendig ein +Umsturz der Gesellschaft geworden sei, besonders in Oesterreich, +und wenn ~sie~ dreinzureden hätte -- Kammerherrnschlüssel und +Sternkreuzorden würden abgeschafft werden. Und noch Etwas: In ihrer +Kindheit hatte sie »Clavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich +leidenschaftlich der Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß +ihr Talent nach einer genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage +schon trug sie sich mit dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß +sie sich entweder zur Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz +aufgeben wolle, damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder +Nichts! So war sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch, +da giebt es keinen Charakter, da giebt es nur Vertrauen. Zum Beweis +desselben verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimniß +ihrer älteren Schwester und theilte Claire mit, Martha habe im vorigen +Jahre ein Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor, +im Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und +zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich +vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt, +dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen +aber pünktlich einhalte. + +Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mittheilung lauschte, +schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der +Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen, +und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich +dumm,« meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern +in die Höhe, »denn heirathen kann ihn ja doch Keine von uns, und ich +glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt ... Er soll eine stille +Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer +einige Monate verlebt, sagen die Einen; für ein armes Mädchen, sagen +die Anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie, +die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.« + +Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die +Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung +mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun that +sie's, that's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht +vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei +ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen +Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine +Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe +und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer +Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne. +Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmuth aus seinem Tone, +gleich faßte es sie mit peinigendem Gewissensvorwurf: Du bist schuld +-- und sie wünschte nichts, als gut zu machen. was sie unbewußt gefehlt +haben mochte. + +Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit +widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er +litt und sich sehnte? + +Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange genug, +um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen zu +dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend +wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst +auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich +in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den Kürzeren zog, +um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht +länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war +ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte, +um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte. +Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren +strafbaren Hochmuth aufzugeben und als ihr Eigenthum zu betrachten, was +ihr ohnedies gehörte -- das Seine. Er wiederholte es so oft, er war so +gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire +endlich zu schwanken begann. + +Freilich mahnte die Baronin: »Laß Dich nicht überreden, um keinen +Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold Recht, wenn er sagte, daß ihm +Schmach angethan werde durch diese ihre Scheu, von ihm eine kleine +materielle Hülfe anzunehmen, von ihm, der ja sein Höchstes gegeben: +seine Liebe, und das Höchste errungen zu haben hoffe: ihre Gegenliebe. + + * * * * * + +Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; Maitage +brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der großen Stadt. +Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren Lebensunterhalt zu +gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt durch schmale Gassen, +in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann über breite Plätze, +auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine zu rauchen und die +Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. Claire sah ermüdet aus, +wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und scherzte über Arnolds +Besorgnisse. + +Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies mit +demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung +ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr +ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den +Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande. + +»Und was gedenken ~Sie~ indessen zu thun?« fragte Arnold. + +Dasselbe, was sie immer that in der todten Saison, erhielt er zur +Antwort. Ein paar Lectionen geben -- zwei bis drei, nicht der Rede +werth. Auf ihren Gängen durch die Stadt die Modemagazine studiren und +sich durch den Anblick des dort Geschauten begeistern zu lassen. Hilf +Gott, man braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu +welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der +jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt +für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie +verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann +sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das +Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und +Erhebung ist. + +»Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie +verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben +niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie +in das Geheimniß eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel +eines Sees nie erblickt?« + +»Niemals,« fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? ... Im Kloster, in +dem sie erzogen wurde, herrschte Clausur. Aus dem Kloster trat sie +in Verhältnisse, die sie theils am Lehrtisch, theils am Siechbett +festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte +täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann +dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz' ein wenig +aus ... Das ging so fort bis zum Tod der Eltern, und wie es seitdem +geht, wissen Sie.« + +Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen +durfte. + +In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland +eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen +Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher +als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man +bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach +dem Rathe und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners. + +Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire ihrem +Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam gegen +sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen +entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand +sie -- ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben +und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug. + +Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie +sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese +selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über +sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß +er durch Umstände gezwungen sei, die Consigne zu brechen, und trat +an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Ueberraschung +begrüßte ihn; Claire erhob sich vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen, +auf das Emsigste mit einer feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an +einem durch einen argen Riß beschädigten Spitzenschleier genäht, +der Karoline zur raschen Heilung anvertraut worden und heute noch +abgeliefert werden mußte. Die Baronin vermochte nicht, die kunstvolle +Arbeit zu beendigen, da sie zu sehr in Anspruch genommen war von der +Pflege ihres Kranken, und so leistete denn Claire hülfreiche Hand. +Bestürzt über den ernsten und inquisitorischen Blick, den Arnold auf +sie und ihre Arbeit geworfen hatte, brachte sie diese Erklärung hastig +und erröthend vor. + +Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren Platz +wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und dachte: +Du bist das Aermste, das lebt. + +Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold aus. +»Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die Spur +eines Makels?« + +Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, Geliebteste, +und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu gelassen. Jetzt +ist's geschehen, und es giebt nichts mehr zu thun, als mich anzuhören.« + +Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist Ihnen? +Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe ich Etwas +gethan, das Ihnen mißfiel? ... Sprechen Sie, sprechen Sie doch!« + +»Mir ist auch feierlich zu Muthe, liebe Claire. Ich habe einen +unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, ihn zu verkünden. Unsere +Probezeit muß abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde +gegeben. Ich kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst +einer Pflicht aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen +vermag. -- Geben Sie mir ein Recht dazu -- ich fordere es.« + +»Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie so +plötzlich an? -- Ich bin ja nicht frei -- ich kann ja nicht über mich +verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Athem. + +Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre +Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie +die Welt mit all' ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen ... Ihm aber +war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt. + +»In vier Wochen sind wir verheirathet,« sprach er, »und ich entführe +Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und +wohnen, wo Sie wollen -- am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im +grünen Thal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie +in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch -- nicht wahr? ... Sie werden +diese Welt jetzt sehen, diese fremde, nie gekannte, und Ihnen wird +sein, als kämen sie in die Heimath zurück.« + +Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen +Beredtsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von +freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur +manchmal: »Träume! Träume!« + +»Wirklichkeit!« rief er. + +»Nein, nein -- bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit +dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben,« setzte +sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von +Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Todten +abtragen.« + +Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den Ausbruch +seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so gering geschätzt, daß er +sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur leise und heftig +sprach: + +»Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas +gethan, das kein später gesprochenes Ja wieder gut machen kann.« + +Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie stützte +sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, indeß die +linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller Seelenkampf +vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, vielleicht keinen +mehr suchte, den nur das Zittern der fest auf einander gepreßten Lippen +verrieth. + +Und von Neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen sich +und mich muthwillig,« sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, bevor +meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen +sagen: Geben Sie jetzt nach oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber +ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu +können.« + +Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntniß ihn +zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er +hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich +abermals vertrösten lassen ... Wenn es aber geschieht, wenn ich, +heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein +empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.« + +»Herr Bretfeld,« stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld ...« Sie +war todtenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf ihm. + +Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es +ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen ... Er sah es +triumphirend und gerührt, und verschloß sein Inneres der Stimme, die +ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht -- +du ~könntest~ dich losreißen, du könntest! + +Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte: + +»Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht bringen. +Lieber mich um die meine,« schaltete sie fast unhörbar ein. »Ich sage +ja zu Allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin -- ärmer als arm.« + +»Aermer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte +eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten. + +»So ist es,« erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen +Vermählung.« + +Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. »Verzeihe,« bat +sie, »ich bin undankbar gegen Dich; ich folge ihm, ich verlasse Dich, +Du bleibst allein.« + +»Was läge daran,« versetzte ihre Freundin; »aber Du handelst +unvernünftig und in Folge dessen unrecht, und das ist schlimm. -- In +vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen +aus Alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener +Machtvollkommenheit das Verhältniß zum Hause Meiberg, das Claires +Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer +Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.« + +»Das Alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.« + +»~Wird?~« fragte die Baronin mit spöttischem Erstaunen, »ist noch +nicht?« + +»Nehmen Sie an, daß heute morgen sei,« entgegnete Arnold rasch und +gereizt, »dann wird es geschehen sein ... Uebrigens bin ich kein Kind, +das um Erlaubniß zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit +fertigen Thatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist +sie keine Sklavin.« + +»Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres +Wortes,« entgegnete die Baronin, und setzte nach kurzer Pause hinzu: +»von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen +haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirath mit +Claire beharren. Bis dahin bleibt Alles beim Alten, das fordere ich -- +einen Schatten von Mutterrecht wird mein Pflegekind mir zugestehen +... Ich weiß, ich weiß --« wehrte sie die Betheuerungen Claires ab und +richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen Sie sich.« + +»Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben vom +ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?« + +Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie --« +brach er aus, »und Sie, Claire?« + +»Und ich,« lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings, +grenzenlos; ich sage, was Sie thun, das ist das Rechte ... Aber aus +Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die -- gleichfalls +aus Liebe zu mir -- gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.« + +Er ließ sich bewegen, er gab nach. + +Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät -- wie sie bald mit +einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte -- ihren Gang zu +Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen +Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung +seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef +des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen +die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen, +Geschäftstheilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten. + +Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer +lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn +wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige +Vorsehung, an welcher sie nie gezweifelt hat, für manchen über alle +Maßen Begnadeten den dornenvollen Weg zum Himmel in eine Wanderung so +schön und wonnehell, daß Engel das Menschenkind darum beneiden könnten? +... Seligkeit ohnegleichen -- ~seine~ Frau sein, seine Genossin +... Und durch dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß +genug gewesen wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und +Mühsal, den bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen +erneute und zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte +... + +Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher +sie dem Geliebten zum ersten Mal begegnet war, athmete sie tief und +blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen. + +»Fräuln,« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus +seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem +silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die +Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben +absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.« + +Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der +That die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing +sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby +einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete +auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen +langen, vorwurfsvollen Blick, senkte ihn dann auf ihren wohlbesetzten +Teller und führte mit verächtlicher Leidensmiene einen Bissen nach dem +anderen langsam zum Munde. Die Comtessen und Gräflein guckten voll mehr +oder minder unschuldiger Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an, +und Chouchou und Baby, die seit dem Eintreten der Letzteren in einen +Kampf mit ihren Bonnen gerathen waren, machten sich plötzlich von ihren +Bändigerinnen los und stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme +befahl der Graf die kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und +als die unversehens Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen, +wurden sie in ihre Zimmer geschickt. + +Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchofsstille ein. Unhörbar +für Jeden, außer für Den, an den es gerichtet war, machte die +Stiftsdame dem Hofmeister das Geständniß, daß »in ihr Alles koche«. Die +Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Thräne. + +Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache für ihre +Zöglinge einzulegen; er aber reagirte nicht darauf, sondern sprach: +»Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang ... +Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum ersten Mal im Leben!« + +»Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf,« entgegnete +Claire mit wunderbarer Gelassenheit. + +»Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre Nachbarin, +ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, richten +ein Familienunglück an und gerathen darüber nicht einmal ein bischen +in Verzweiflung.« + +Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch +außerordentlich merkwürdig, das ...« Der Satz blieb unvollendet, +dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer +Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit +ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von Neuem: »Es ist doch +außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe werth +gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.« + +»Das kommt daher,« erwiderte die Stiftsdame, »daß Ihr sie verwöhnt +habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.« + + * * * * * + +»Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große, kahle +Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend. + +»Jawohl,« antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet +hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen +auch, und --« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen +Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.« + +Josephine Bretfeld ... die einzige Tochter des Consuls Bretfeld, +die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem +zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert, sie hier? + +»Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei uns +abgestiegen,« fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der +Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte. + +Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein Paar zerknitterte +Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen +Sie Niemand, daß ich hier gewesen bin,« sprach er, indem er sich +hastig dem Ausgang zuwandte. -- Da wurde die Thür des Speisezimmers +aufgerissen, und August erschien. + +»Nun, Musicus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte dabei +behaglich seine hohe, schmächtige Gestalt mit der eingedrückten Brust +und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben Dich vom Fenster aus kommen +sehen und Alle gelacht über den Zufall, der Dich gerade heute herführt. +Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie ein Boot im +Winde, die Thüren hinter sich offen lassend, und Arnold blieb nichts +übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich eingerichteter +Gemächer bis in den Salon zu folgen. + +Da saß der wohlbekannte Kreis in der wohlbekannten Weise. Auf dem +altmodischen, mit rothem Brocat überzogenen Canapé die alte Tante +Johanna, in silbergrauem Taffet mit einer gewaltigen weißen Haube +auf dem noch stramm gehaltenen Kopfe. Rechts und links von ihr auf +geradlehnigen Fauteuils ihre Nichten, die Zwillingsschwestern Elise +und Bertha, zwei strenge Schönheiten, mittelgroß, wohlproportionirt, +mit länglichen ebenmäßigen Gesichtern, die bereits zur Ueppigkeit +neigenden Körperformen in eng anliegenden Küraßtaillen von gelbbraunem +Atlas eingedämmt. Den Damen gegenüber verschwand beinahe in einem +großen, tiefen Lehnstuhl der greise und winzige Chef des Hauses +Bretfeld. Seine Füße, die nicht bis zum Fußboden gereicht hätten, +ruhten auf einem Schemel. Er horchte, den Mund halb geöffnet, mit der +Neugier der Tauben nach allen Seiten hin und schien kein Wort des +geführten Gespräches verlieren zu wollen. + +»Arnold ist da!« rief August ihm nun zu und beugte sich zu ihm nieder. + +»Wer?« fragte der Greis. + +»Arnold,« wiederholte, ihm ins andere, ins bessere Ohr schreiend, +sein Neffe Vincenz. Das war der »elegante« Vincenz, das leibhaftige +Widerspiel Augusts. Kurz und gedrungen, schwarzäugig, schwarzbärtig, zu +sorgfältig gekleidet, zu gut frisirt, den kleinen Finger jeder Hand mit +einem Ring geschmückt, dessen Brillant fixsternmäßig funkelte. + +Der Anblick dieser Ringe genügte sonst, um Arnolds Spott zu reizen und +in ihm die Lust zu erwecken, den kargen Vorrath von abgedroschenen +Späßen, aus dem das Unterhaltungsbedürfniß der Seinen gedeckt wurde, +mit einigen lustigen Witzen aufzufrischen. Heute fertigte er die +Familie mit einer kurzen Begrüßung ab. Seine ganze, seine staunende +Aufmerksamkeit wurde von der neuen Erscheinung in Anspruch genommen, +die er bei seinen Angehörigen traf, von dem Mädchen, das er sich eben +angeschickt hatte zu fliehen ... Himmel und Erde! wie schön war dieses +schlanke Geschöpf, mit den herrlichen aschblonden Haaren, das ihn aus +großen Augen ansah und seine tiefe Verbeugung so unbefangen erwiderte, +daß kein Zweifel walten konnte über ihre Unkenntniß der Absichten, +welche ihr Vater mit dem Besuch der Verwandten in Wien verband -- +im vorigen Jahre wenigstens verbunden ~hatte~, als Arnold, der +Wahl, die seine Brüder für ihn getroffen, mißtrauend, einer Begegnung +mit dem Gegenstand derselben schnöde ausgewichen war. Wer konnte aber +auch den schwerfälligen Kaufleuten, den Männern ihrer Frauen, einen +so ausgezeichneten Geschmack zutrauen? Sie waren aus Paris gekommen, +entzückt von ihrer Nichte Josephine und deren Lob in allen Tonarten +singend. Arnold jedoch hatte aus ihren Hymnen nichts herausgehört +als den Schrei der Sympathie der Millionen des Hauses Bretfeld +_senior_ für die Millionen des Hauses Bretfeld _junior_. +Welch' ein Irrthum, welch' ein Unrecht, an dem anmuthigen Wesen +begangen, das jetzt vor ihm stand, so natürlich, so einfach, so +ernst -- und so jung! ... so jung! -- Welcher Contrast zwischen der +liebenswürdig ungezwungenen Art und Weise dieses weltgewandten Kindes +und den hölzernen Manieren seiner Schwägerinnen, die immer verfangen in +einem Netz von Ansprüchen und doch immer verlegen waren, und zweierlei +Benehmen hatten, eines für die Gesellschaft und eines für das Haus. + +Arnold mußte bekennen: die Absicht, die seine Brüder mit ihm gehabt, +war eine gute gewesen. -- Unglaublich nur, unverzeihlich fast erschien +ihm, daß er, der Bräutigam von drei Stunden, ein Auge haben konnte, ein +waches und scharfsichtiges Auge für die Vorzüge eines anderen Wesens +als desjenigen, das er erkoren und errungen. Indessen war ja sein +Schicksal besiegelt, und das Wohlgefallen, welches das schöne Mädchen +ihm einflößte, ein rein künstlerisches. Immer behaglicher gab er sich +dem Vergnügen, mit ihr zu plaudern, hin und fand die Störung höchst +unangenehm, die der Vater Josephinens verursachte, als er erschien, um +sie zur Oper abzuholen. + +Consul Bretfeld kam vom Diner beim Handelsminister und war gar +freundlich anzuschauen, wie er daherschnellte federnden Ganges, +im Schmucke seiner vielen Orden. Sein rundes, röthliches, von +Selbstzufriedenheit strahlendes Gesicht verdüsterte sich, als er Arnold +gewahrte, und ziemlich trocken erwiderte er auf dessen Anrede: + +»Noch nicht zu Hofe gefahren, Herr Vetter? Hat es damit in diesem +Jahre weniger Eile als im verflossenen? Oder ist noch keine Einladung +erfolgt?« + +»Doch,« antwortete Arnold, »ich habe sie bereits erhalten.« + +»Und ihr noch nicht entsprochen?« + +»Noch nicht; es ist sogar wahrscheinlich, daß ich sie ablehnen werde.« + +»Hahaha!« platzte August heraus und rieb sich geräuschvoll die +knochigen Hände. + +»Johanna, was hat er gesagt?« rief der Chef des Hauses seiner Frau +über den Tisch zu. Vincenz kicherte, Elise und Bertha sahen ihre +Männer mit zur Ordnung verweisenden Blicken an. Der Consul aber +näherte sich der Tante, küßte ihr zierlich die Hand, versprach, nach +dem Theater seine Tochter persönlich in das gastfreie Verwandtenhaus +zurückzugeleiten, winkte dem Mädchen, voranzugehen, und empfahl sich, +von August und Vincenz geleitet. Gern wäre Arnold dem Beispiel der +beiden gefolgt, doch widerstand er dieser Versuchung und setzte sich +auf den von Vincenz verlassenen Sessel an die Seite seines Oheims. + +Der Greis hob den Kopf. »Nun, was sagst Du?« fragte er gespannt. +»Sprich aber laut, daß ich's hören kann.« + +»Hören Sie denn, lieber Onkel,« nahm Arnold nach einer Pause, während +welcher seine Brüder wieder in den Salon getreten waren, das Wort. »Ich +bin gekommen, um Ihnen, meiner verehrten Tante und meinen Geschwistern +mitzutheilen ...« -- die Ruhe, mit der er begonnen hatte, drohte ihn +zu verlassen, und mit erzwungener Festigkeit schloß er: »daß ich mich +heute verlobt habe.« + +»Verlobt!« Alle Lippen wiederholten das Wort, theils erschrocken, +theils ungläubig, nur August lachte: »Dummer Spaß!« + +Den Onkel überkam plötzlich eine große Lustigkeit. »Ei der tausend +-- da schau' einer den Burschen an!« Er schlug mit dem geballten +Fäustchen, so stark er konnte, auf Arnolds Knie. »Er macht Späße über +seine Verlobung ... dürfte bald Ernst werden, was? Nun, wie sieht sie +aus, die Braut? ... Ist sie reich? ist sie schön? wie heißt sie?« + +»Sie ist nicht reich und heißt Claire Dübois.« + +»Wie?« fragte der Alte, der schlecht verstanden zu haben glaubte, und +Arnold rief ihm den Namen noch einmal laut ins Ohr. + +Es entstand eine allgemeine Stille. + +Elise unterbrach dieselbe zuerst, indem sie mit schneidendem Spotte +sprach: »Ich entsinne mich eines Tanzmeisters Dübois.« + +»Ganz recht,« entgegnete Arnold, und seine Wimpern zuckten, »dessen +Tochter ist meine Braut.« + +Der kleine Onkel wand sich vor Lachen in seinem großen Fauteuil, und +Tante Johanna lachte mit, sehr erfreut, ihren alten Herrn so munter zu +sehen. Die beiden Schwestern blieben stumm; August sagte noch einmal: +»Dummer Spaß,« und Vincenz brummte: »Willst Du uns zum Besten haben? +... Du -- und eine Tanzmeisterin!« + +»Das ist sie nicht ... lernt sie doch kennen ... erlaubt mir, Euch +meine Braut vorzustellen.« + +Ein ablehnender Ausruf der drei Damen beantwortete diese Zumuthung. +August und Vincenz traten dem jüngeren Bruder entgegen, der sich +seinerseits erhob. Niemals erklärten sie, werde Fräulein Dübois +ihre Schwelle überschreiten; den Vorschlag, Erkundigungen nach ihr +einzuziehen, wiesen sie entschieden von sich. Nicht einmal einen Tag +lang sollte es heißen, die Familie erwäge, fasse das Undenkbare als +eine Möglichkeit ins Auge. + +»Du irrst, Arnold,« mischte Elise sich in den Streit, »wenn Du glaubst, +daß ich Deine Erkorene niemals gesehen habe. Ich besinne mich jetzt, +ihr in einem Hause begegnet zu sein, in dem sie Lectionen gab. Eine +verblühte Person, mein Lieber, die sich auf die Jugendliche spielt.« + +»Verblüht auch?« polterte Vincenz, »dafür aber natürlich um so +erfahrener. O, Du Musicus! ... sich so fangen zu lassen, von einer +Intrigantin, einer Tänzerin, einer Französin.« + +»Kein Wort über sie!« rief Arnold; aber er wurde überstimmt. Was wußte +er von der Welt, er, ein Bewohner von Wolkenkuckucksheim, von Natur +dazu verurtheilt, hinters Licht geführt, betrogen und ausgebeutet zu +werden. + +Ein häßlicher Kampf entspann sich. Jeder Ausdruck von Gutmüthigkeit +war aus dem fahlen Gesicht Augusts verschwunden, der elegante Vincenz +hatte sich in einen plumpen, Verleumdungen hervorstoßenden Gesellen +verwandelt. Arnold öffnete den Mund nicht mehr. Wie fern stehen mir +diese Menschen, dachte der Freund des Schönen. + +Mit regstem Interesse horchte der greise Oheim dem laut geführten +Streit seiner Neffen zu. + +»Bleibst Du trotzdem dabei?« ließ August seinen Bruder an. + +»Ich bleibe dabei,« erhielt er zur Antwort. + +»Johanna, was hat er gesagt?« kreischte der Chef. + +Seine Frau gab ihm einen Wink; sie standen auf und schritten Arm in Arm +in das Nebenzimmer, wo man sie, trotz der verschlossenen Thür, sprechen +hörte. Ihre Unterredung war bald zu einem Schlusse gelangt, und +feierlich traten sie wieder ein und auf den Helden dieser Familienscene +zu. + +»Du heirathest also wirklich die Tänzerin?« fragte der Greis. + +»Ich heirathe Claire Dübois.« + +»Nun denn, Arnold, mein Junge« -- die kleine Gestalt des Alten schien +noch mehr in sich zusammenzuschrumpfen, und sein kahler, eckiger +Kopf zitterte heftig -- »nun denn, so muß ich Dich enterben. Es +thut mir leid, mein Junge, aber Bretfeldsches Geld darf nicht auf +Tanzmeisterkinder übergehen.« + +»Es ist kein Geld wie ein anderes,« sprach die Tante, »es ist in +ehrenwerther Arbeit erworbenes Geld, das wir nur ehrenwerthen Händen +anvertrauen wollen.« + +»Vincenz,« befahl der Onkel, »geh' hinüber ins Comptoir und bringe mir +Arnolds _conto corrente_.« + +Wenige Minuten später legte Vincenz ein großes Buch auf den Tisch, +vor das der Chef sich stellte und dessen lange Zifferreihen er +musterte wie ein Feldherr seine Truppen. Jetzt sollte mit dem Musicus +abgerechnet werden. Bisher hatte man es nicht gethan, sondern ihm die +Summen gegeben, die er verlangte. Wenn er viel Geld ausgab für seine +Musikinstrumente oder seine Bildersammlung, sagte August höchstens: +»Bist ein Clavier- und Geigen-Don-Juan,« oder: »Schon wieder ein Bild +gekauft? Mußt immer Bilderln anschauen wie ein kleines Kind.« + +Und immer war vom alten Herrn entschieden worden: »Zahlt, aber nicht +von dem Seinen, ich streck ihm vor. So lang' er's nicht ärger treibt, +streck ich vor. Laßt ihm das Seine nur beisammen.« + +Der alte Herr hatte ihn ein für allemal acceptirt als den Unmündigen in +der Familie, für dessen Wohl gesorgt werden muß, weil er nicht selbst +dafür zu sorgen versteht. Eine andere Gestalt jedoch nehmen die Dinge +an, wenn der liebe Junge sich loslöst aus dem Verband des Hauses, wenn +man nicht mehr den zukünftigen Erben in ihm zu schonen hat. + +»Soll und haben,« murmelte der Greis. + +August und Vincenz zogen Bleistifte und Blocks aus den Taschen und +schrieben mit fast komischer Geschwindigkeit Zahlen auf; der Chef +rechnete im Kopfe. + +»39651 Gulden und 40 Kreuzer,« sprach er nach kurzer Zeit, und zugleich +legten August und Vincenz ihre Blocks vor ihn hin und wiederholten: +»39651 Gulden und 40 Kreuzer.« + +»Wenn ich mich bezahlt mache -- und ich werde mich bezahlt machen --, +heute Dein ganzes Vermögen, mein lieber Junge,« sagte Onkel Johann. + +»Wie?« rief Arnold in Bestürzung aus. + +»Ja, ja, lieber Junge, Du hättest das längst wissen können, wenn Du +Dich um Deine Sache gekümmert hättest. Deine Eltern haben Vincenz und +Dich auf den Pflichttheil gesetzt, damit August das Geschäft in der +alten glänzenden Weise fortführen könne. Der hier« -- wies auf Vincenz +-- »ist ein Mehrer, hat auch vernünftig geheirathet; das Seine ist +gewachsen. Du bist ein Zehrer, willst nicht vernünftig heirathen; das +Deine ist zusammengeschmolzen und wird bald nichts mehr sein. Die arme +Tänzerin, ich muß sie bedauern. Sie hat sich verrechnet. Du wirst als +Ehemann nicht so großmüthig gegen sie sein können, wie Du es gewiß als +Courmacher gewesen bist.« + +»Onkel!« schrie Arnold gepeinigt; und der Alte hob sogleich wieder an +mit seiner schrillen und zitternden Stimme: »Ich bitte Dich, überleg's! +Sie besitzt keinen der äußeren Vorzüge, die uns Männer blenden und +hinreißen, aus eigenem Antrieb Dummheiten zu machen; ihre Reize haben +Dich nicht verführt, Du kannst nur gefangen worden sein ... Sei doch +kein Narr und sieh es ein: eine solche Verblendung ist kein Unglück +mehr, ist eine Schande.« + +Die Zustimmung der Uebrigen begrüßte diesen Ausruf des Chefs, und +Arnold wußte, daß er sich sechs Menschen und ~einer~ Meinung +gegenüber befand, einer unerschütterlichen Meinung, in welcher Claire +ungesehen gerichtet und ungehört verdammt war. + +Jede gute Regung in ihm bäumte sich auf gegen diese engherzige +grausame Ungerechtigkeit, und stolz aufgerichtet im Gefühl seines +höheren Werthes sprach er: + +»Ich bin nicht verblendet, ~Ihr~ seid es, und zwar in der Weise, +die Eurer Phantasie entspricht. Ich hätte nichts Anderes erwarten +sollen. Nun bleibt mir die ewige Reue, den Namen Claires vor Euch +genannt zu haben.« + +»Johanna, was sagt er?« rief der Greis, und Arnold, der sich schon zum +Gehen gewendet hatte, sah, noch einen letzten Blick zurückwerfend, daß +die Augen des Alten mit einem Ausdruck schmerzlicher Bangigkeit auf ihn +gerichtet waren. + + * * * * * + +Am nächsten Tage beklagten sich die Eltern der Gräfin Meiberg darüber, +daß Claire gestern bei der Partie sehr zerstreut und gar nicht wie +sonst gewesen, auch ungewöhnlich früh fortgegangen sei. Was mag sie +gehabt haben? Vielleicht Migräne? Die meisten Lehrerinnen haben +Migräne. Bisher war Claire von diesem Uebel verschont geblieben; wie +fatal, wenn es sich gerade jetzt, da man ein dauerndes Engagement mit +ihr abgeschlossen, einstellte. + +Von dieser Besorgniß erfüllt, begab sich die Gräfin nach der +Kinderstube, in welcher Claire, wenn sie heute pünktlich gewesen, vor +fünf Minuten eingetroffen sein mußte. + +Sie war da. Sie saß am Tische zwischen Chouchou und Baby und erzählte +ihnen eine Geschichte, eine durchaus nicht traurige, sondern eine +lustige Geschichte, über welche die kleinen Jungen schon oft herzlich +gelacht hatten. Heute aber lachten sie nicht. Sie sahen vielmehr ganz +verdutzt drein und starrten regungslos und unverwandt auf den Mund +der Erzählerin. Diesen hübschen und edlen Mund umspielte, während er +von heiteren Dingen sprach, ein unstät flatternder Leidenszug, und +so oft Claire auch versuchte, ihre kleinen Zöglinge freundlich und +heiter anzublicken, immer wieder senkten sich ihre Lider rasch und +unwillkürlich. Die Gräfin war an den Tisch getreten, nachdem sie Claire +durch einige Worte aufgefordert hatte, sich nicht unterbrechen zu +lassen. In der Art, in welcher Mama das that, mußte etwas liegen, das +Chouchou nicht gefiel, und das er gut zu machen wünschte. Plötzlich +sprang er auf und klopfte mit seiner kleinen Hand derb und zärtlich +die Wange seiner Freundin. Sie wollte es ihm verweisen, vermochte +aber weder zu sprechen noch die Thränen, die ihr in die Augen traten, +zurückzudrängen. + +Das sehen, sich Claire an den Hals werfen und mit ihr weinen, war +eins für Chouchou und für seinen getreuen Nachahmer Baby. Mit größter +Mühe hätte die Gräfin eine bessere Gelegenheit, gerührt zu werden, +nicht finden können. Seltsamerweise machte sie von derselben keinen +Gebrauch. Ihre Ergriffenheit bildete nicht wie gewöhnlich einen +feuchten Niederschlag, sondern krystallisirte zu Eis. Es wurde +ordentlich kühl im Zimmer, als sie den Blick ihrer lichten Augen über +Claire hinweggleiten ließ, ihn auf eine sinnbildliche Darstellung der +Charitas heftete, die an der Wand hing und sprach: + +»Gestern sind Sie zu spät zu uns gekommen und sind zu früh +fortgegangen, heute machen Sie meinen Kindern eine Scene. Das geht +nicht; es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß das nicht geht. +Besonders nicht diesen Kindern gegenüber, denen ihr Vater vorwirft -- +und ihr Vater wirft immer nur mit Recht vor --, daß sie den ganzen Tag +nichts thun als weinen.« + +»Sie werden nicht mehr weinen, es ist schon vorbei; nicht wahr, +Chouchou und Baby?« sagte Claire, die wieder Herrin ihrer selbst +geworden war, sich erhoben und die Standrede der Gräfin schweigend +angehört hatte. + +Die Letztere öffnete ihre schmalen, immer trockenen Lippen nur noch zu +den Worten: »Wir wollen sehen,« und schritt mit unnachahmlicher Hoheit +aus dem Zimmer. + +Noch eine Unterrichtsstunde gab Claire an dem Vormittage, dann eilte +sie heim wie gejagt. + +»Keine Nachricht?« war ihre erste hastig hervorgestoßene Frage an +die Baronin, und diese schüttelte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, +verneinend den Kopf. + +Claire setzte sich ihr gegenüber. »Er wird selbst kommen wollen,« sagte +sie, »er weiß, daß ich bis drei Uhr zu Hause bin.« + +»Möglich,« erwiderte Karoline, und lange Zeit wurde kein Wort mehr +gesprochen. + +»Weißt Du, was ich meine?« unterbrach Claire endlich das Schweigen. +»Es ist so: Er hat gestern seiner Familie seine Verlobung mit mir +angezeigt, und seine Familie hat die Kunde« -- sie machte einen +mißlungenen Versuch, einen leichten und scherzenden Ton anzuschlagen -- +»mit geringer Begeisterung aufgenommen.« + +»Wahrscheinlich.« + +»Und jetzt kämpft er ~für~ mich, ~um~ mich.« + +»Er kämpft? ... Sagte er nicht, daß er gewohnt sei, seiner Familie mit +fertigen Thatsachen entgegenzutreten?« + +»Er sagte es; aber er kennt mich, er täuscht sich nicht über die +Qual, die der Gedanke mir verursachen würde, Schuld zu sein an einer +Entfremdung zwischen ihm und den Seinen. Darum bemüht er sich, mir die +Pfade zu ebnen ... offene Arme sollen mich empfangen, das will er; und +wie dank' ich ihm! ... Ich könnte es ja nicht verwinden, seine Frau +--« Claire wiederholte die letzten Worte mit dem Ausdruck des höchsten +Stolzes: »Seine Frau zu sein und nicht aufgenommen, wie es ~ihm~ +gebührt, von denen, die ihm die Nächsten sind.« + +An der Hausthür wurde geschellt -- Claire stieß einen leisen bebenden +Schrei des Jubels aus und eilte ins Vorgemach. Nach wenigen Minuten +kehrte sie zurück -- allein. + +»Ein Diener der Gräfin Küstin,« sprach sie, »hat das Geld für die +Ausbesserung des Spitzenschleiers gebracht. Ich habe den Empfang in +Deinem Namen quittirt. Die Gräfin läßt sagen, die Rechnung sei sehr +hoch gestellt gewesen.« + +»Wenn Leute, die von Arbeit keinen Begriff haben, sich doch nicht +unterfangen wollten, Arbeit zu taxiren,« entgegnete Karoline und +stickte weiter. + +Claire schloß die Augen; ihre Hände ruhten müßig in ihrem Schoße. Das +Bewußtsein der Zeit, die verstrich, ergriff sie beklemmend, wie etwas +physisch Fühlbares. Entsetzlich langsam für die sehnsüchtige Erwartung, +fürchterlich rasch für die getäuschte Hoffnung rannen die Stunden dahin. + +Manchmal stand die Baronin auf, ging, nach ihrem Kranken zu sehen, und +kam dann wieder an den Stickrahmen zurück. Claire wandte den Blick +nicht zu ihrer Freundin; sie war gewiß, wenn sie es thäte, würde sie +einem strengen Antlitz begegnen, auf dem sich Unzufriedenheit mit ihr +malte. + +»Halb drei Uhr,« sprach Frau Karoline plötzlich, »Du mußt nun fort.« + +Die Angeredete fuhr zusammen. »Und wenn ich nicht ginge?« fragte sie +zögernd. + +»Thätest Du eben unrecht,« lautete die Antwort. + +Eine Viertelstunde später befand sich Claire auf der Wanderung +zu Meibergs. Sie ahnte nicht, als sie, die Brücke zum Stadtpark +überschreitend, am Kastanienwäldchen vorüberging, daß sich von einer +Bank in demselben ein junger schlanker Mann erhoben hatte, der nun auf +den Weg trat, den sie eingeschlagen, und ihr nachsah, so lange er sie +irgend erblicken konnte. Ihm war nicht wohl zu Muthe, sein Mund bebte +schmerzlich, seine Brauen zogen sich zusammen. Er stieß den Fuß heftig +gegen den Boden, er dachte: Arme Claire! Mitleid mit ihr schwellte sein +Herz, und Groll und Haß gegen Diejenigen, die nicht zulassen wollten, +daß sie glücklich werde. + +Auch er hatte schwere Stunden gehabt und zum ersten Mal in seinem Leben +eine Nacht in heißem Seelenkampfe durchwacht. Von der Unterredung mit +seinen Angehörigen war er in seine Wohnung heimgekehrt und rastlos auf +und ab geschritten in den hellen, mit künstlerischem Schönheitssinn +ausgeschmückten Räumen. Der Augenblick, in welchem er Claire hierher +führen und ihr sagen würde: »Tritt ein, schalte und walte, Du bist in +Deinem Eigenthum,« der köstliche Augenblick, den er sich so freudig +ausgemalt, sollte niemals kommen. Was Arnold der Erwählten jetzt zu +bieten hatte, war nicht mehr Wohlstand; diese Wohnung paßte nicht +mehr zu den Verhältnissen, in welche er von heute an getreten war; +sie mußte aufgegeben und ihre besten Zierden, um die Reichere, als +er gewesen, ihn gar oft beneidet hatten, mußten verkauft werden. Es +hieß Geld schaffen. Der neue Haushalt, wenn auch noch so bescheiden, +mußte errichtet werden. Und dann sollte man leben, und daß man es von +den schmalen Renten könne, die sein zusammengeschmolzenes Vermögen +abwerfen werde, fiel Arnold nicht ein. »~Verdienen~« galt's, +beträchtlich verdienen! In welcher Weise, lag auf der Hand. Aber ein +wahrer Greuel war ihm diese Weise -- schon damals, als er sie +spielend, mit der hochmüthigen Gleichgültigkeit des vielumworbenen +»_finishing master's_« betrieb. Er pflegte über die Preise zu +spotten, mit denen man den Vorzug erkaufte, sich des Unterrichts Herrn +Bretfelds rühmen zu dürfen, und ließ das aufgedrungene Geld, das ihn +für die Langeweile des »Stundengebens« doch nicht entschädigte, achtlos +durch die Finger gleiten. Daß er auf Erwerb keinen Werth legte, das +bewies die Lässigkeit, mit welcher er sein so überaus einträgliches +Lehramt versah. Als er sich eine Zeit lang, den Begegnungen mit Claire +zu Liebe, regelmäßig bei Meibergs eingefunden hatte, erregte diese +Pünktlichkeit den Neid aller seiner übrigen Schülerinnen. + +Gewesen, diese Zeiten! eine neue Aera beginnt. Der interessante, der +schöne, der reiche Herr Bretfeld versäumt keine Lection mehr... Wie +merkwürdig! -- Ja, er hat eine »dumme Heirath« gemacht und braucht +jetzt sein Honorar. Steht es so? -- Nun, wenn das Honorar gebraucht +wird, dann wird es zugleich billiger, das ist ganz natürlich; und +mit seiner »dummen Heirath« und mit seinen billigen Honoraren sinkt +Herr Bretfeld von seiner Höhe, sinkt herab zum Lehrer, den man aus +Höflichkeit »Herr Professor« nennt und -- ausschließt. Die Zeit wird +bald dahin sein, in welcher Arnolds Name sein Titel war und ihm die +exclusivsten Kreise zugänglich gemacht hatte. Er sah ganz genau, was +ihm bevorstand, er kannte die Menschen und das Leben besser, als seine +Angehörigen sich's träumen ließen, die meinten, daß Einer, der vom +Weltmarkt~ nichts versteht, von der Welt überhaupt nichts weiß. +Er gab keiner Täuschung Raum, gestand sich, daß Alles verfehlt sei, +auch der Geliebten gegenüber, Alles. Eine glänzende Zukunft hatte er +ihr zu bereiten versprochen, und was er ihr in Wirklichkeit zu bieten +vermochte, war nichts Anderes als eine Fortsetzung ihrer jetzigen +Existenz. Der Gedanke an Claire war ihm der bitterste; die lange Nacht +hindurch quälte er sich damit, eine Hülfe, einen Ausweg zu suchen, +entwarf die abenteuerlichsten Pläne, zog die unmöglichsten Wenn ins +Bereich seiner Erwägungen, nur das eine nicht: ~Wenn~ die Meinen +nachgeben würden! ... Die gaben nicht nach; die hatten gesprochen, und +wie sie es heute gethan, würden sie es in zehn Jahren wieder thun. + +Am Morgen verließ er seine Wohnung und wanderte ziellos in den Straßen +umher. Er nahm sich vor, Claire nicht zu schonen, ihr die ganze +Wahrheit zu sagen. Und wenn sie dann, wie es ihr so ähnlich sah, werde +zurücktreten wollen, dann werde er es nicht zugeben -- um keinen Preis +.... Was wäre ich, wenn ich das vermöchte, was wäre ich! wiederholte er +zahllose Male leise vor sich hin. + +In den Stunden, in welchen sie so bang auf ihn gewartet, war er zum +Entschluß gekommen, die schlimme Kunde, die er ihr mitzutheilen hatte, +nicht selbst zu bringen. Zu grausam für sie, zu peinlich für ihn +erschien ihm das, und so hatte er des Augenblickes geharrt, in dem +Claire die zweite Hälfte ihres Tagewerks begann, und schlug nun den +Weg, den sie eben gegangen war, in entgegengesetzter Richtung ein. + +Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem Miethwagen +überholt, der vor dem Thore desselben anhielt. Langsam öffnete sich der +Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, schwankte, unsicher +auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und verschwand im Eingang. + +Arnold blieb, starr vor Ueberraschung, stehen. + +Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und spähte +von dort nach dem Thor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, und +der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein Zeichen +und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in eine Ecke +des Gefährts, das mit ihm davonrollte. + +Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der +Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das +Zimmer. + +»Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, ergriff +beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum wissend, was +er that. + +Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das +glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart,« +sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich +Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird. +Ihr Onkel -- ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht +einen Bretfeld -- Ihr Onkel meldet Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht +Tage Bedenkzeit läßt.« + +»Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was ich +heute will!« + +»Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, so +gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe und +Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen +der Muth fehlt, zu sagen: »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich +geirrt.«« + +»Der Muth? ... das heißt die Schamlosigkeit!« + +Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer +Geringschätzung. + +»Lauter falsche Empfindungen,« sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter +Schein. Ein bischen ehrlicher Cynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch +einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben +nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen +zu theilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie +nicht gewachsen sind.« + +Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die +aussprach, was er sich selbst im Stillen schon gesagt, nur klarer, nur +schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war, +entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und +ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrig blieb. + +Er suchte sich zu vertheidigen; da hob die alte Frau ihren mächtigen +Kopf hoch empor und fragte: »Wenn Sie Alles ungeschehen machen könnten, +was sich zwischen dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem +heutigen begeben hat, würden Sie es thun?« + +Arnold erröthete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht +ungeschehen machen.« + +Die Baronin lachte triumphirend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut wie +nie Gewesenes! Vergessen Sie!« + +»Vergessen? ein Unrecht, eine Schuld?« + +»Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Thorheit wäre, Ihr +angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirath mit Claire +aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine +Thorheit nicht begehen? -- ein Thor höchstens. Nun, Herr, ich kenne +wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu +zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen +Wenigen, Sie werden mit Ihrem ›Gewissen‹ so ins Reine kommen. Ferner +Sohn des Reichthums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Thun +Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie +sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem +Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für Diejenige, die Ihnen +eine vergängliche Liebe, aber -- nicht wahr? und mich wundert nur, daß +Sie es nicht schon ausgesprochen -- eine ewige Freundschaft eingeflößt +hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine Wohlthat zu +erweisen! Seien Sie einmal großmüthig -- die letzte Gelegenheit zur +Großmuth, Herr -- greifen Sie zu!« + +Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung sich +fast von Neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, nur +um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er +besann sich, er dachte: Durch! diese große Demüthigung ist der Weg zur +Freiheit! + +»Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen,« sprach er, »sagen Sie +Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge, +ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... und auf dem Recht, das sie +selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für +immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!« + +»Herr!« schrie die Baronin, »Herr!« + +Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen schwarzen +Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen einen +frech gewordenen Unterthan streckte sie die Hand aus und wies dann nach +der Thür. + +Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in welchem Maße +er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein Hochmuth rang und +suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, nach einem Partherpfeil +wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, bevor er schied. Umsonst! +Nichts gab der Augenblick ihm ein, stumm leistete er ihrer stummen +Aufforderung Folge. + +Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, ließ +den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmälig mit einem gewissen +Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; er aß, +trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein Telegramm +aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der an Sie +ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.« + + * * * * * + +Allein in einem Coupé erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn +befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und +blickte in den jungen Tag hinein. Thaufrisch, üppig und grün wellten +die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit +blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im +Osten bildete in all' dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank +in immer weitere Ferne. + +Da athmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den +selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzwei +gesprungen. »Heil mir!« jauchzte er laut im Gefühl der seligsten +Genesung. Abgethan der schnöde Drang, ein Anderer sein zu wollen, als +er war; abgethan das kränkliche Mitleid, das ihn irre gemacht an seiner +eigenen Empfindung und ihn Liebe hatte nennen lassen, was Erbarmen +war. Abgethan Selbsttäuschung und Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit +nehme jeder den Platz ein, der ihm zukommt am Mahle des Lebens. Ist's +ein bevorzugter, um so besser! Was nützt es den Armen, für die der +Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu ihnen gesellt? Jedem das Seine +-- Mühsal und Arbeit denen, die dazu berufen sind; Freude, Genuß, +göttliches Otium den Erwählten! ... »Mir!« sagte sich Arnold, und jeder +seiner Pulsschläge war Lebenslust, und jeder Herzschlag Verheißung. +Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, die schöne Welt, die ihm +gehört und seines Gleichen. + +Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmuth, die sich bei +dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein +leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluthen +wollte, mild abdämpfte. + + * * * * * + +Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste Zimmer +leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, der in +tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren Schritten +und fragt sie: + +»Ist er dagewesen?« + +»Ja.« + +»Und --?« + +Karoline zuckte die Achseln. + +»Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!« + +Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins Wort: + +»Nicht in diesem Ton! ... Ich ertrag' es nicht ... weiß auch genug.« +Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will ich +von ~ihm~ erfahren, durch Niemand anders.« + +Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu thun +kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du,« erklärte sie der Baronin mit +einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein +Verständniß und keine Güte.« + +Die Zeit verging. + +»Hoffst Du noch?« fragte Karoline. + +»Ich bin so thöricht! -- Durch die Dämmerung um mich her dringt ein +Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden,« erwiderte Claire, +»an den klammere ich mich und -- gegen alle Voraussicht der Vernunft, +gegen alle Gesetze der Physik -- hält er mich -- hält mich aufrecht ... +Was ich,« fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis +Meibergs abreisen.« + +Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht +aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben +zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte +er Genugthuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. Und wenn +ihre Freundin behauptete, er sei verreist und werde nicht zu ihr +zurückkehren, fragte Claire: + +»Hat er es Dir gesagt?« + +»Das nicht.« + +»Siehst Du! Ich setze meinen Glauben gegen Deinen Unglauben und baue +auf sein Wiederkommen.« + +Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. Sie +meinte, es ganz genau so zu thun wie je und immer. Dennoch mußte sich +irgend eine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute +fragten, ob sie leidend sei und was ihr fehle. Daß sie versicherte, +sich ganz wohl zu fühlen, überzeugte Niemand. Sie dürfe es nicht gelten +lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine +kränkliche Lehrerin behalten? + +Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie jedenfalls +eine Enttäuschung bereitet. + +Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut +geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen +wollen. + +»Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißräth Alles. +Wir engagiren eine heitere Gesellschafterin -- sogleich wird eine +melancholische aus ihr.« + +»Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete Marie. + +»Und ich finde sie auch so zerstreut,« sagte die Gräfin, welche +nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch +versetzte: + +»Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch Du.« + +Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das +sei »ganz etwas Anderes,« und so kühn die junge Dame auch war, den Muth +zu fragen: »Warum?« hatte sie nicht. + +Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh +entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause. + +Das Erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, war +ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. -- ~Seine~ +Botschaft! Leben oder Tod! + +Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines, +lebloses Ding -- wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt +durchfliegen -- und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens. + +Die Kniee Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am +geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen +Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft +bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die +Dunkelheit herein -- nun war es Nacht. + +Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; sie +konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und -- +riß sie langsam entzwei. + +Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch +auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die +Freundinnen tauschten einige Worte, und Karoline wandte sich wieder +der Krankenstube zu. »Es giebt heute eine böse Nacht,« sprach sie im +Fortgehen; »wirst Du mich ein paar Stunden beim Wachen ablösen können?« + +Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie den +Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten +plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die +Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; die +trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, was das +sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, das Geständniß +eines großen Irrthums -- der Ausbruch eines nagenden Schuldbewußtseins. + +Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres +Samariter-Amtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie +sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod +ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören. + +Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach Genesung +gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, am liebsten +rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen und sich nicht +mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang nach der alten +Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper widerstand -- +sie blieb gesund. + +Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine +Prüfung mit noch mehr Ehren ab als im vorigen Jahr, denn dieses Mal +bekam er sogar ein Zeugniß, und die Familie reiste auf das Land. + +Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich Manches +ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in +der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die +Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntniß abzulegen, daß ihr dünke, +das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedner auf den Umgang mit +Kindern, als auf den mit Erwachsenen an. + +Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf die Lippen +Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin mittheilte. + +Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös,« sagte sie, »wenn Du Dir +die Stelle verscherzt hättest, um derentwillen Du Deine besten Stunden +aufgeben mußtest.« + +»Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin mit +Schweigen aufgenommen wurde. + +Sie sprachen überhaupt wenig, die Beiden. Ruhig pflegte Karoline den +Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten +richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie +gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen +als jetzt im Leid um ihr armes, altes Kind, gegen das die Herbe, +Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war, und das sich nun +anschickte, sie zu verlassen. + +Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen und +hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit. +Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name +gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen -- nebenan +herrschte lautlose Stille. + +Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem +Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr +Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand. +Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt -- geblickt, ohne +zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen +Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube +erfüllt war, widerstrahlte. O, wie fahl ihre Wangen geworden waren, +wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So +war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht +doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt +hatte? + +»Der Kummer tödtet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprüchwort +hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus +Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der +solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch tödten, der hat +die Macht. + +Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken und zuckte +mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen. + +Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, ernstes +empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und sagte: + +»Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen +und bin erstaunt ... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben -- in +bin wohl wirklich krank.« + +»Du bist es,« sprach die Baronin, »und tödtlich, denn Du willst Dich +sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben -- +Du gehst. Und was treibt Dich aus der Welt? -- Ein Glück, das in Deinem +Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist Dir nicht zu +Theil geworden. Aber Du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen +als ein Dir zukommendes; Du fühlst Dich in Deinem Recht gekränkt und +gehst aus dieser ungerechten Welt.« + +»Karoline!« beschwor Claire, doch Jene fuhr fort: + +»Sieh' Dich um bei Deinen Berufsgenossinnen -- wie viele von ihnen +haben ein dem Deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal ~nicht~ +gehabt? wie viele haben ein schlimmeres erfahren? -- Nun, sie leben, +sie leisten, sie tragen die eigene Last, und wenn es sein muß, wohl +auch die Anderer, die minder beladen, aber schwächer sind als sie +... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber -- ich sage Dir, beuge +Dich vor Jeder, Jede von ihnen ist mehr als Du! ... Du lässest die +Hände sinken, eh' die Zeit zur Rüste gekommen; Du hättest hier noch +Manches zu thun, Deine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, ein heiliges +Versprechen noch nicht eingelöst; aber gleichviel -- Du gehst ... und +-- kannst gehen.« + +»Karoline,« rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um +Schonung. + +»Und ~kannst~ gehen!« wiederholte die alte Frau unerschütterlich. +»Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für Deine Aufgabe, die meine ist +gethan. Komm, überzeuge Dich.« + +Sie schritt voran und ließ die Thür des Krankenzimmers weit offen +stehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, eine +regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, zog das +Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr eigenes +Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des +Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare, +die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire: +»Ich hätte Dich eigentlich nicht hierher führen sollen, der Anblick +ist nicht angethan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, ~so~ +kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen haben. Claire« -- legte +den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie an ihre Brust -- »nicht zu +hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, bis sie kommt, die große +Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so freundlich an, wie den!« + +»Was meinst Du?« begann sie von Neuem, als Claire gesenkten Hauptes +und thränenlos in Schweigen verharrte. -- »Was meinst Du? Willst Du zu +warten nicht wenigstens versuchen?« + +Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas von +dem heiligen Muth der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: »Ich +will's versuchen.« + + * * * * * + +Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner kehrten +aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der Stadt +zurück. Claire nahm ihre Thätigkeit wieder auf, im Anfang mit einer +gewissen Zaghaftigkeit, später mit neuerwachtem Selbstvertrauen und +endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr eine +feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie und viele sehr alte +weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit Kindern +und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht sie für +Comtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr und +Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben. + +Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer +Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit +zu sagen: »Unsere gute Claire hat sich eine Zeit lang etwas +vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die Alte.« + + + + + Nach dem Tode. + + +»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das +grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden +hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie +behaupten, das Schönste, das es auf Erden giebt, dann würde es Ihnen in +meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich +niemals kennen gelernt habe.« + +Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges +Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond +empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere +Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte +er: »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich +darauf gefaßt: dieser Tage -- morgen vielleicht, kommt er, wirbt um +Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.« + +»Möglich, möglich.« + +»Und -- Sie?« + +»Und ich fahre nach Wildungen.« + +»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst +triumphirend aus. »Sie werden zum ersten Mal die Langeweile, am Ende +sogar die Sehnsucht kennen lernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines +Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und --« er richtete sich auf -- +»die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft, +angeboten habe. Seien Sie aufrichtig -- setzte er hinzu: »Könnten Sie +wohl etwas Vernünftigeres thun?« + +»Vernünftigeres,« wiederholte die Gräfin langsam -- »schwerlich.« + +»Nun denn!« + +»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe und jetzt sprechen Sie von +Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.« + +»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison +hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen -- Sie und ich!« + +Marianne erhob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf +ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken, +einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren +Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.« + +»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter. +»Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu +ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgend einen undankbaren Phaon, +irgend einen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zu +Muthe wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho, oder -- +wie Dido, im Begriffe den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich +das vor!« + +»Das kann ich mir nicht vorstellen,« sprach der Fürst. + +»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere +Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal +lieben. Im Gegentheil, die wahre, die furchtbare Liebe, gehört zu den +größten Seltenheiten und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen, +wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleine +Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleine Leute, wenn wir nur wollen +und bei Zeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertig zu werden.« + +Der Fürst streckte mit würdevoll ablehnender Gebärde die Hand aus, als +wolle er diese Sophismen von sich weisen und antwortete: »Wir werden +fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.« + +Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine breiten +Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säculums trugen: »Das +hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt,« sagte sie. + +Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden +verstehe er nicht. Und in der That, dazu fehlte ihm das Talent und +-- die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß er +trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger Zeit, +erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in den Tagen, +wo diese Leidenschaft am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht, +ihm die Freude zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden +Anzahl Hochwildes in seinen Thiergärten, an seinem ganzen fürstlichen +Junggesellen-Hausstand auf dem Lande wie in der Stadt. + +Klemens war nicht im Reichthum, sondern als ein aussichtsloser Sprosse +der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren worden. +Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, brachte +er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig, meist in elenden +Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er alles +Mißliche des durch »unfreie Associationen« gebildeten Standes aus +dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmuth eines +aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung +des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit +würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadrons-Commandant stand +bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen, +die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirath eines +anderen, ihn zum Eigenthümer des zweiten Majorats seines Hauses machte. +Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast +jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, mit +welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch begann +er nur allzubald an dem Werthe seiner Erfolge zu zweifeln. Die Frage, +die einen geborenen Majoratsherrn, der sich ohne sein Erbgut so wenig +denken kann, wie seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die +Frage: »Was gelte ich?« bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle +Zuversicht, um all sein unbefangenes Selbstvertrauen. + +Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ball-Atmosphäre, umrauscht +von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von +Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen, +und er schloß sich sofort der dicht gedrängten Reihe ihrer Bewerber +an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebeswürdigkeit sei +werthlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle, +die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal +von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der +Fürst war kaum in den Bereich von Mariannens Anziehungskraft gelangt, +als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit +leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen +sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr +beklommen, sehr bewegt -- wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit -- +seinen Heirathsantrag. + +Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, verlangte +die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter Ruhe setzte +Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter triftige +Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte nicht mehr +für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr Töchterchen keinen +Stiefvater erhalten durfte ... Und so weiter! + +Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit +zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter +Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an, +es verrieth sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus +diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber -- wieder erwachten +seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war +zu groß um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend, +um nicht reiflichste Ueberlegung zu fordern. Die Unternehmungslust +des Fürsten sank von Neuem, als er von Neuem inne wurde, daß es sich +nicht darum handle zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne +traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem +Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm wo möglich noch mehr als im +verflossenen Jahre. Was waren Alle, deren Besitz ihm so leicht +erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der Einen Unerreichbaren? +Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem +man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem +Zuge, dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines +Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin +einmal sprechen gehört? + +Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten, +fügte es der Zufall, daß sie im selben Augenblick aus dem Tanzsaale in +den luftigeren Raum eines anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte +sich wie gewöhnlich schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und +doch schien ihm, als sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer +gebreitet, der ihn ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen die Frage +erpreßte: »Wie geht es Ihnen, Frau Gräfin?« + +Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie +nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens +wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht gethan, und als er sich +dessen besann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand +und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei +und drei Uhr Nachmittags immer zu Hause.« + +Von nun an wäre jeder fehl gegangen, der den Fürsten zu jener Stunde +anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er +erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf +den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch +zwei, durch -- zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern, +sie nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf +dem Lande liebte es Gräfin Neumark einsam zu leben und nahm keine +anderen als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit +zu Zeit erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung, +daß jeder ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte. +Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam so weit, daß Marianne ohne +grausam zu sein fragen durfte: »Wie ist mir denn? Nun sind anderthalb +Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine Versorgung dachten. Ich +scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit ... O wie muß ich +aussehen!« + +Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr +vorüber gegangen und hatte ihr kaum Einen Vorzug der Jugend geraubt. +Ihr ganzes Wesen athmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt +bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, niemals schwere +Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr oder minder +unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken +aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu thun. + +»Sie ist gut,« meinte der Fürst, »und doch nicht zu gut, gescheit +und doch nicht zu gescheit. -- Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne.« +Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das Ziel +seiner Wünsche nicht erreichte -- die besten Stunden seines Lebens +hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine +zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenüber saß und einen Vortrag hielt +über seinen Mangel an Beredtsamkeit. + +Marianne, die Hände über einander gelegt, hörte ihm scheinbar zu. Sie +mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn plötzlich +unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben Sie ihn +heute schon gesehen? Kommt er Abends auf den Ball?« + +»Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens, »er ist ja sicher, Sie und +Thekla dort zu finden.« + +»Sie gefällt ihm also, meinen Sie?« + +»Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über +verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese +Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.« + +Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, als +sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres +wünschen.« + +»Ja, der ist's,« meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn, recht +nach Ihrem Herzen.« + +»Und ein Mann nach Theklas Kopfe,« fügte die Gräfin hinzu. + + * * * * * + +Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der +Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und +keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte +ausgebildet, und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohlthätigkeit und +Großmuth hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen. +Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch +ohne Ueberlegung, vor Allem nie aus einer flüchtigen Wallung des +Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der +Gouvernante ihrer Tochter, »weil jede Wohlthat mit Undank belohnt +wird, und weil wir den leichter verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der +Handlung, die ihn hervorrief, nichts zu thun hatte.« + +»_Ah madame, à qui le dites-vous?_« antwortete Madame Zephirine +Dumesnil, wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von +Mariannens Reden völlig dunkel blieb. + +Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vortheil bedachte +Französin, die sich gegen Alles in der Welt, sogar gegen ihre +Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs, +geläufig englisch und französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit +Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein +Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »_un port de reine_« +bekam, da gerieth ihre Erzieherin zu Zeiten in Ausbrüche einer seltsam +kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge Dame. + +Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür +verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich sammt und sonders auf +die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Comtesse, die bisher so +manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen, +ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen und sich mit einer bei ihr +ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. Mit +Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot diese +meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine magere +Kuh auf fetter, oder eine fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine +Ziege tiefsinnig durch die schauerliche Stille der Einöde, da ragte +aus dem Abgrund eine schmale Klippe empor und auf derselben stand eine +Gemse, mit Füßen, zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten +Feldsessels. + +So oft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben fertig +gewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen Fauteuil, +der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, stützte die +Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. »Damit ich +sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann --,« sagte er, blickte +zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk empor und +fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte zuckte: »Schau, +schau unser Comtesserl! ... Aber was macht denn die Bank mitten auf +der »Straßen«? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! -- Also nur fort so -- +das heißt: ganz anders ... ich mein' halt nur in der Ausdauer. Geduld +überwindet Sauerkraut.« + +Madame Dumesnil warf ihm einen indignirten Blick zu, Thekla jedoch nahm +Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem Eifer an +die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff manchmal +einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg verwischte +er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer Emsigkeit +abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, und Madame +Dumesnil, auf solche, ihr von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit +eifersüchtig, nahm den Maler »_en horreur_.« + +Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, etwas +Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der Gräfin +und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf Mariannens +Bett. Sie rief: »_Madame, madame -- voilà!_« und deutete mit +»schauderndem Finger« auf eine Zeile, die an den Rand des Blattes +hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war +von anderer, ach von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand, ein +deutliches: »Ja!« geschrieben. + +Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde weiß, +wie das Kissen, auf dem sie ruhte. + +»Dieses Blatt,« keuchte Zephirine; »dieses Blatt war bestimmt, heute +dem Unverschämten übergeben zu werden ...« + +Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr +bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein +gelassen zu werden. + +Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, wurde er +an der Hausthür von dem Kammerdiener in Empfang genommen und anstatt +nach Theklas Lehrzimmer, nach dem Salon geleitet. Schon das machte ihn +stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, die ihm mit dem _corpus +delicti_ in der Hand entgegen trat, ward ihm recht übel zu Muthe. + +»Herr Krämer,« begann Marianne mit gepreßter Stimme -- »es ist unwürdig +von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, und der +burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau standen +einander fassungslos gegenüber. + +Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wieder gewann. + +»Frau Gräfin,« sagte er, auf das Blatt deutend, daß sie früher vor ihm +empor gehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten zitterte. +-- »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Comtesserl ist immer so +schön roth worden, wenn ich gekommen bin, und so hab' ich mir halt +einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab' ich dabei nicht +gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel,« wiederholte er treuherzig. + +Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr +Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem +Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen +peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen +Unterricht im Malen mehr ...« + +Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! denn, wissen Sie, Frau +Gräfin, Talent hat sie gar kein's. Es ist schad' um die Zeit. Ich hätt' +Ihnen das eigentlich schon lang' sagen sollen, aber ich hab' mir halt +gedacht, bei Ihres Gleichen kommt es ja nicht darauf an.« + +So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens +scheinbar, ihren Gleichmuth wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden +Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der +Theklas »Ja« natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes +Couvert. + +Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang +den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte +dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das +hab' ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, bat +»dem Comtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten und ging seiner Wege. + +Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, und +sich in der Thür umgewandt, ihm würde ein Anblick zu Theil geworden +sein, dessen sich Niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen +konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen +gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Thränen überströmt. -- -- + +Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater +kommenden Damen mit dem Thee erwartet. Marianne trat vor den +Pfeilerspiegel um ihre Coiffüre abzunehmen. Sie stand abgewandt von +ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte, und +auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe +fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im +Spiegel sehen. + +Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung, sprach die +Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat +abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu +verlieren ... Er meint, Du hättest kein Talent, armes Kind.« + +Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röthe des Unwillens +flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie zu +rascher Antwort, aber -- sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer +stolzen Bewegung in den Nacken und -- schwieg. + +Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffüre zu Stande +gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in +eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla +nicht theilnahm. + +Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung, +dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer +unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und +gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit +Herrn Krämers improvisirter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich +ihres so rasch ertheilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte, +und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem, oder von einem +Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an +Selbstmord zu denken. + +Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, unbegreiflich tiefen +Eindruck, machte diese Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter. + +Das kleine Ereigniß, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin +zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß +schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin. +Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe +dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war; +einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem +Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu +gewinnen wußte und sich plötzlich -- sehr zur Beruhigung ihrer Eltern +-- von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes +Verhältniß mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute, +die behaupteten, vielleicht ohne es selbst zu glauben, die Gräfin habe +ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese +schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe +mit einem ehrenwerthen Manne überdauert und den einzigen Schatten +geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem +Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie, und blieb in dieser +Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber +machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne durch +Theklas kindische Herzensverirrung versetzt wurde. So ängstlich behütet +man ein geliebtes Haupt nur vor selbst erfahrenem Uebel. Die Gräfin +stand Nachts auf und wachte stundenlang am Bette ihrer schlafenden +Tochter. Sie führte eine strengere Controle denn je, über die +Bücher, die Thekla las, über die Musikstücke, die sie spielte, einen +lebhafteren Kampf denn je gegen Ueberspanntheit und Schwärmerei. Und +sie mußte sich endlich sagen, daß dieser Kampf siegreich gewesen war. + +Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich, +und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten +Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die +Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid +minder Bevorzugter, und hielt mit kühler Majestät Jeden fern, der sich +aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor, in die ihre wagte. + + * * * * * + +Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits +ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der +Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu +einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war Alles anders +gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll +Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen +Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen. + +»Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen Vermögens +ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater. + +»~Weil~ er das ist,« lautete die Antwort. »Vermögen ist Unvermögen +in der Hand eines Menschen, der nichts vermag. In meiner Hand zum +Beispiel, in der Euren!« + +Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den +Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen +war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn +niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennen lernen; gerüstet +sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die +thätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte, ihn nicht zeitig genug auf +eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können. + +»Es mußte sein! es geschah für ihn!« damit tröstete der Graf sich und +seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen -- eine +spät erfüllte Hoffnung -- noch im Alter geschenkt worden war. + +Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf sie +alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren. +Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater +vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still +billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich, +das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener +Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt, +so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten +Rechte. Nach absolvirter Universität ging er nach England, um +dort Agronomie zu studiren, und traf endlich, heiß und ungeduldig +ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im Elternhause ein. Nun hieß es +zeigen, was er gelernt hatte! es hieß Neuerungen einführen, die +wirthschaftlichen Zustände seines Erbgutes verbessern, der ganzen +Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer Nachahmung. Der stumpfe +Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, das seinem guten Willen +entgegengebracht wurden, entmuthigten ihn nicht -- lange nicht! Als er +aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder an die eingebildete +und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen Theorie und Praxis +anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, jeder seiner Mißerfolge +mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm die Geduld, und Ueberdruß +stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht durch die Unsicherheit der +allgemeinen Lage, durch die trostlosen Verhältnisse des ganzen Landes. +Oesterreich stand damals am Abgrund, an den die Sistirungspolitik es +geführt; im Innern war der Hader der Nationalitäten entbrannt, von +außen drohten Kämpfe auf Leben und Tod. + +In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, mit +ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten geschlossen hatte, fand er +kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und +er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt +in der Heimath in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die +Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als +gemeinen Soldaten in ein Regiment anwerben, das eben nach Italien +abmarschirte. Auf dem Wege erreichte ihn die Nachricht, daß ein +Töchterchen ihm geboren sei, und daß er seine Frau verloren habe. + +Nach beendetem Feldzuge quittirte Paul die Officierscharge, zu welcher +er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und nahm im +Reichsrathe seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. Sein +Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, erregten +Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man auf Rechnung +seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde als eine Art +Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den Augenblick schon +finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In der Gesellschaft +sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine bevorzugte Stellung. +Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettirten Boden des Salons. Er +hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht Thekla darin zu finden +gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren ~die~ für einander +geboren, urtheilte ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen +berechtigt, beide jung, schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich +gesegnet. Namen, Rang, Verhältnisse in vollkommenster Uebereinstimmung. +Mit der Unbefangenheit eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht +besorgt, legte Sonnberg seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem +Wohlgefallen wurde sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas +traten zurück, und jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten +erlosch, als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die Frage: »Wie +gefällt sie Ihnen?« antworten hörte: + +»Wie das Schönste, das ich jemals sah!« + + * * * * * + +Der Ball, auf dem Fürst Klemens eine entscheidende Wendung seines +Schicksals zu erleben hoffte, ging zu Ende; er war der letzte und +zugleich der glänzendste dieser Saison. Marianne erwartete nur +den Schluß des Cotillons, um das Fest zu verlassen, und dieselbe +Absicht hatte Sonnberg ausgesprochen, der an ihrer Seite sitzend dem +Tanze zusah. Sie führten ein eifriges Gespräch, das die Gräfin von +allgemeinen Gegenständen auf besondere, und endlich auf persönliche +zu lenken verstand. Paul bemerkte bald, daß er einem kleinen Verhör +unterzogen wurde, doch geschah dies in so freundlich theilnehmender +Weise, daß es unmöglich war, auf eine Frage die Antwort schuldig +zu bleiben. Besonders warm und herzlich lauteten die Erkundigungen +Mariannens nach den Eltern Sonnbergs und nach seinem Töchterchen; sie +wollte wissen, ob die Kleine ihrer verstorbenen Mutter ähnlich sehe; +sie wollte etwas hören von ihrer Gemüthsart, ihren Eigenthümlichkeiten. + +Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen Mund, und er entgegnete: +»Sie lag in Windeln, als ich sie zum letzten Male sah; ich kann Ihnen +demnach über das Aeußere der jungen Person nichts verrathen. Ihre +Eigenthümlichkeiten aber, ihre Gemüthsart werden wohl die der Leute +ihres Alters sein.« + +»Und die ihrer eigenen kleinen Individualität.« + +»Individualität? Ich denke, daß sie noch keine hat. Zu drei Jahren sind +alle Kinder einander gleich.« + +»Nicht zwei,« sprach die Gräfin bestimmt, »auf der ganzen Erde nicht +zwei!« + +»Wahrhaftig?« versetzte er zerstreut. Sein Auge verfolgte mit dem +Ausdruck eifersüchtigen Entzückens die schöne Thekla, die jetzt in den +Armen ihres Tänzers an ihm vorüber wirbelte. + +Marianne verglich die heiße Leidenschaft, die aus seinen Blicken +funkelte, mit der Kälte, die sie angefröstelt hatte, als er von seinen +Eltern, seinem Kinde sprach und dachte: -- Was für eine Art Mensch bist +Du eigentlich? Es liegt Etwas Unfertiges, Unaufgeschlossenes in Dir. +-- Ah! tröstete sie sich, er hat zu viel in Büchern gesteckt; er kennt +das Leben nicht. Die Schule und ein einsames Schloß auf dem Lande, das +war bisher seine ganze Welt. Er steht zum ersten Male im Menschengewühl +und mit all' seiner Weisheit ist er doch nur ein Neuling darin. Aber +-- wo hat er Wurzeln geschlagen? Was ist sein eigentliches Element? +Die Familie nicht, er scheint sehr gleichgültig gegen Alle, die ihm +angehören. Wahrlich, ein Mann, der Mariannen auf dem Balle von den +Süßigkeiten des Familienlebens vorgesäuselt hätte, wäre ihr lächerlich +vorgekommen; aber so trocken wie dieser Sonnberg es that, sollte +Niemand diejenigen abfertigen, die ihn an die Seinen erinnern. + +Die Gräfin sah ihn von der Seite an: -- Verwöhnt wurdest Du, das +ist's! Zuerst durch das Glück, das Dich mit Talent reich ausgestattet +hat und mit Mitteln, es geltend zu machen, dann durch übergroße Liebe. +Als eine Last empfindest Du sie und meinst genug zu thun, wenn Du sie +nur duldest, nur erträgst. + +Wieder betrachtete sie ihn, forschend, aufmerksam. Sein Gesicht drückte +die höchste, erwartungsvollste Spannung aus. »Wahltour!« hatte der +Vortänzer gerufen -- Thekla, eben erst an ihren Platz zurückgeführt, +erhob sich. Mehrere junge Leute eilten herbei, umringten sie, und jeder +flehte: »Wählen Sie mich! -- mich!« Sie schüttelte verneinend den +Kopf; der Kreis, der um sie geschlossen worden war, theilte sich, und +sie ging, an all' den Enttäuschten vorbei, langsam, in gleichmäßigen +Schritten die Breite des Saales durchschreitend, auf Sonnberg zu. Und +nun, anmuthig und stolz in ihrem duftigen Gewande, die Wangen rosig +angehaucht, die herabhängenden Hände leicht in einander gelegt, stand +sie vor ihm und grüßte ihn mit einem kaum merkbaren Neigen des Hauptes. +Er sprang auf -- aus seinem Antlitz war alle Farbe gewichen -- er +zitterte, ja, er zitterte! wie nach Athem ringend hob sich seine Brust +... Im nächsten Augenblicke jedoch hatte er sich gefaßt, umschlang +die reizende Gestalt, und sie flogen im raschen Takte der Musik +dahin, von allen, die sich in dem leuchtenden Saale lebensdurstig und +lebensfreudig im Tanze bewegten, das schönste Paar. + +An der Seite dieses Mannes nahm sich Mariannens blühende Tochter +beinahe schmächtig aus, aber friedliche Ruhe lag auf ihrer Stirn, +gleichmüthig wie immer glänzten ihre klaren blauen Augen, während die +seinen zu glühen schienen, und sein ganzes Wesen eine gewaltige, tiefe, +seelige Verwirrung verrieth. + +Die Gräfin fühlte die bange Sorge schwinden, die ihr Herz beklemmt +hatte. -- Die wird ihn nicht verwöhnen, sagte sie zu sich selbst, der +zweiten Frau wird er sich beugen! ... + +Ein hagerer, hochgewachsener Mann, der sich ihr näherte, unterbrach sie +in ihren Betrachtungen. + +»Er tanzt!« sprach er, auf Sonnberg deutend, »die Statue des Comthurs +steigt von ihrem Piedestal herab und tanzt!« + +Marianne wandte sich langsam beim Klange der wohlbekannten Stimme und +entgegnete: »Das ist weniger verwunderlich, Herr von Rothenburg, als +daß Sie kommen, um ihr zuzusehen.« + +»Deshalb komme ich auch nicht, sondern um, wie gewöhnlich, meine +Betrachtungen zu machen beim Schluß unserer Carnevals-Ausstellung, +unseres Kindermarktes von Bethnall-Green.« + +Die Gräfin zuckte schweigend mit den Achseln; er nahm ohne Umstände +Platz neben ihr und fuhr fort: »Immer dasselbe, nicht wahr? Angebot und +Nachfrage stimmen niemals überein.« + +Wie Kurzsichtige pflegen, zog er seine kleinen tiefliegenden Augen +zusammen und fixirte Marianne mit eigenthümlich scharfem Blicke. + +»Was fehlt Ihnen, Frau Gräfin? Sie sind aufgeregt. Sollte das Ereigniß, +das bevorsteht in Ihrer Familie, sich Ihrer unbedingten Zustimmung +nicht erfreuen?« + +Sie versuchte nicht Unbefangenheit zu heucheln und zu thun, als +verstände sie ihn nicht. Sie antwortete einfach: »Es ist keineswegs +ausgemacht, daß überhaupt ein Ereigniß bevorsteht.« + +»Um so besser dann,« sprach er. + +»Warum?« fragte Marianne befremdet. + +Er lachte: »Warum? Bin ich der Mann, von dem man Gründe fordert? ... +Und wenn ich von meinem ahnungsvollen Gemüthe spräche, würden Sie mir +glauben?« + +Eine kleine Pause entstand, dann sagte Marianne wie mit plötzlichem +Entschlusse: »Was haben Sie gegen den Grafen Sonnberg?« + +Rothenburg antwortete spöttisch: »Alles. Daß er jung ist, daß er reich, +schön, vornehm ist, daß er ...« + +»Den Ruf eines gescheiten Mannes besitzt,« ergänzte die Gräfin in +demselben Tone. + +»Den ihm alberne Leute gemacht haben -- und der deshalb +unerschütterlich ist. Uebrigens,« fuhr er ernsthaft fort, »glauben Sie +nicht, daß ich ihn unterschätze. Er besitzt ein kostbares und trotz +der Behauptung unserer Psychologen äußerst seltenes Gut: eine Seele. +Vorläufig ist ihm das noch ein Geheimniß -- er weiß es nicht. Aber der +Augenblick wird kommen, in welchem er's erfährt, und dieser wird für +ihn ein entscheidender sein.« + +Mit gesenktem Haupte hatte Marianne seinen Worten gelauscht, die +beinahe völlig ihre eigenen Gedanken aussprachen. + +»Sie rathen mir also --« fragte sie zögernd. + +»Zu mißtrauen!« rief er, »dem Schicksal immer dann am ängstlichsten +zu mißtrauen, wenn es ein ungetrübtes Glück zu verheißen scheint. Die +boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder +den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen +könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo +ich äußere Uebereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer +Zwiespalt.« + +»Etwas geb' ich zu von alledem,« sprach Marianne, »ohne deshalb an Ihre +»boshaften Mächte« zu glauben. Und -- vollkommenes Glück! wer denkt +daran?« + +»Nicht wahr?« rief er, »besonders in unserem tugendreichen Zeitalter, +das jedes andere Glück verbietet als das pflichtmäßige.« + +»Das haben frühere Zeitalter wohl auch gethan.« + +»O nein! Als noch Leidenschaft, Kraft und Muth auf Erden herrschten, +da war es anders. Naivetät ~ent~schuldigte die Schuld. Munter +verübten die alten Götter ihre Frevel, und die Menschen ahmten ihnen +unbefangen nach. Wenn Antonius und Kleopatra sündigten, applaudirten +zwei Welttheile. Jetzt schleicht die Sünde lichtscheu umher, und feige +Reue heftet sich an ihre Fersen. Wir, denkende Schwächlinge, entnervt +durch die Reflexion, wir verstehen auch das schönste Verbrechen nicht +mehr zu genießen.« + +»Verbrechen genießen? ... Das sind wieder ganz Sie selbst!« sagte +Marianne. + +Die Gereiztheit, die aus ihrer Stimme klang, schien Rothenburg ein +lebhaftes Vergnügen zu machen. »Immer nur ich! Mehr denn je!« scherzte +er, »seitdem die einzige Hand, die sich zu meiner Rettung ausstreckte, +mich aufgegeben hat -- völlig aufgegeben. Nicht wahr?« + +Marianne begegnete seinem höhnisch herausfordernden Blick; ein Ausdruck +unerbittlicher Strenge lag auf ihrem Gesichte; ihre Augen glänzten wie +im Bewußtsein eines Sieges, und sie sprach gelassen: »Sie haben sich +eben theilnehmend und besorgt um Theklas Wohl gezeigt, was treibt Sie, +diesen guten Eindruck zu verwischen?« + +»Mein böser Dämon vermuthlich, « antwortete er in leichtfertigem Tone. +»Aber lassen wir das. Frieden also und ewige Freundschaft!« + +»Frieden,« wiederholte sie nachdrücklich, »so guten, als Sie fähig sind +zu halten. -- Da kommt Thekla!« + +Marianne erhob sich und ging ihrer Tochter entgegen, die am Arme des +Fürsten Klemens auf sie zugeschritten kam. Einen Augenblick starrte +ihr Rothenburg finster nach: »Doch schade!« murmelte er zwischen den +Zähnen, dann wandte er sich um, mit einer Bewegung, als gälte es, eine +unbequeme Last abzuschütteln, und verschwand in der Menge, die den +Gemächern zuströmte, in denen das Souper aufgetragen worden. + +Die kleine Gesellschaft, die sich noch im Ballsaale befand, schickte +sich an, ihn zu verlassen. Sie bestand aus der Gräfin und ihrer Tochter +und aus Eberstein und seinem Neffen. Dieser, ein junger Mann mit rundem +Kindergesichte, treuherzigen braunen Augen, weit aus einander stehenden +Zähnen und einem dünnen lichtblonden Vollbärtchen, bot nun Thekla +seinen Arm, während Marianne den des Fürsten annahm. + +Das junge Paar ging dem älteren voran. Schüchtern und leise, dabei +jedoch höchst eifrig sprach der kleine Graf zu seiner schweigenden +Gefährtin. + +»Er macht ihr Vorwürfe,« sagte der Fürst, als sie über die +blumengeschmückte Treppe der Halle hinabgestiegen. »Er hat Ursache +dazu; sein gutes Recht wäre gewesen, den Cotillon, den er mit ihr +tanzte, auch mit ihr zu beschließen. Der arme Junge wartete so +ungeduldig, daß sie ihm zurückkehre! Aber, als es endlich geschah, da +wurde seine Aufforderung zur letzten Walzertour -- abgelehnt. Ja, ja -- +abgelehnt! Majestätisch, wie sie sein kann, die junge Hexe, sprach sie: +»Ich danke Ihnen -- ich tanze heute nicht mehr ...«.« + +»Das hat Thekla gesagt?« fragte die Gräfin erschrocken. + +»Ja wohl!« entgegnete Klemens fröhlich, »und mit einem Blick auf den +glückstrahlenden Sonnberg, einem ernsten, huldvollen Blick; ich wollte, +Sie hätten ihn gesehen! Verrathen Sie mich aber nicht!« flüsterte er +Mariannen zu. + +Der Wagen war vorgefahren, die Damen stiegen ein. »Morgen also, um zwei +Uhr, kommen wir,« rief ihnen der Fürst noch zu, und die Equipage rollte +davon. + +»Warum sagen Sie ~wir~?« fragte Alfred, »wer begleitet Sie morgen +zu der Gräfin?« + +Klemens zog sein Cache-nez bis zu den Ohren hinauf und erwiderte kurz: +»Sonnberg begleitet mich.« + +»Wie, lieber Onkel -- Sie machen sich zu seinem Freiwerber?« sprach +Alfred vorwurfsvoll -- »Sie! ... Und wissen doch ...« + +»Ich kann in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf Dich nehmen. +Ich kann in dieser Sache nichts für Dich thun. Es war ein Unsinn, daß +Du Dich in Gräfin Thekla verliebtest ... Zum Teufel, ehe man sich +verliebt, sieht man zu in wen?« Das Gespräch, das er heute Morgen mit +Mariannen gehabt, kam dem Fürsten sehr zu Hülfe, und er schloß: »Mit +dieser Empfindung mußt Du trachten fertig zu werden. Das kann man. Man +muß nur bei Zeiten zum Rechten sehen.« + +Unterdessen hatte Paul, der seinen Wagen fortgeschickt, zu Fuß den +Heimweg angetreten. Ihn lockte der Gang durch die schneebedeckten +Straßen in der stillen Winternacht. Erquickt von der kalten Luft, +die ihn anwehte, sog er sie tiefathmend ein und begann gewaltig +auszuschreiten. Wie groß und weit war ihm das Herz! Als hätte ein Bann +sich gelöst, der auf ihm ruhte, so fühlte er sich; als wären ungeahnte +Fähigkeiten in ihm erwacht. + +-- Das ist das Glück! das ist die Liebe! -- jauchzte es in seiner +Brust. Was hatte er bisher für den Inhalt des Lebens gehalten? Einen +Ehrgeiz, den Tausende besaßen, das Jagen nach Zielen, die andere so gut +wie er erreichen konnten. Von dem alles verklärenden Licht, von der +Krone des männlichen Daseins, von der Liebe zu einem Weibe, davon hatte +er nichts gewußt. Wohl war er angebetet worden von Kindheit an, hatte +schwärmische Neigungen eingeflößt, erwidert aber hatte er noch keine +der liebevollen Empfindungen, die ihm entgegen getragen wurden. Und +jetzt -- wie aus dürrem Waldesboden die Lohe bricht, wie Feuerfluthen +emporsteigen aus dem felsenstarrenden Berge, so flammte jetzt in seiner +Seele die Leidenschaft plötzlich auf. Sie war erwacht, ein göttliches +Wunder; das schöne Geschöpf, das er eben in seinen Armen gehalten, +hatte sie geweckt, zu niemals geahnter Wonne ... + +Eine Regung von Mitleid erwachte in ihm -- wie ein Schatten zog +die Erinnerung an seine verstorbene Frau durch sein Gemüth. Aber +selbst dieser leichte Schatten, den eine trübe Vergangenheit über +die leichtströmende Gegenwart gleiten ließ, verflog. Was ist eine +wehmüthige Erinnerung im Augenblick der seligsten Erfüllung? ... +Vorbei! vorbei! Friede mit den Todten, und Glück und Macht mit den +Lebendigen! + + * * * * * + +Am folgenden Tage, um zwei Uhr, ließen Eberstein und Sonnberg sich +bei der Gräfin anmelden. Klemens trug eine Zeitlang die Kosten der +Unterhaltung, gestand aber plötzlich, daß er heute nur gekommen sei, +um zu gehen, da eine Verabredung mit seinem Geschäftsmanne ihn an +das andere Ende der Stadt rufe, und verabschiedete sich mit einem +freudestrahlenden Blick auf Marianne und einem Blick voll väterlichen +Wohlwollens auf Paul. + +Von ihrem Fenster aus, das in den hellen, geräumigen Hof hinabging, +hatte Thekla die beiden Herren kommen und den Fürsten sich nun +entfernen gesehen. Sonnberg war allein bei ihrer Mutter. Jetzt, ganz +gewiß jetzt, stellt er seinen Antrag. Er sagt, daß er von Thekla dazu +berechtigt sei. Eine Pause! eine halbe Minute Pause: Der Anstand will's +und so gehört es sich. -- Das Mädchen sah nach der Uhr auf dem kleinen +Schreibtisch. Die halbe Minute war vorbei, und Mama spricht vielleicht +in diesem Augenblicke: »Ich vertraue Ihnen die Zukunft meiner einzigen +Tochter an ...« Die gute Mama! Theklas rosige Lippen, die sich soeben +mit einem prächtigen Ausdruck muthwilliger Ueberlegenheit aufgeworfen +hatten, verzogen sich ein klein wenig, wie die eines verwöhnten +Kindes, dem man ins Gewissen redet und das mit seiner Rührung kämpft. +Ihre Pulse begannen rascher zu schlagen, eine nie gefühlte Bangigkeit +beengte ihre Brust. Sie erhob sich, trat an das Fenster und blickte +hinab in den Hof. + +Da steht Sonnbergs Equipage. Ein kleines dunkles Coupé, leicht und +solid gebaut, vor Neuheit funkelnd. Der Kutscher sitzt steif auf +dem Bocke, hält mit der rechten Hand den Stiel der Peitsche auf den +Schenkel gestützt und in der linken die Zügel. Man sieht's ihm an, daß +er lieber sterben als die Augen von seinen Pferden wenden würde. Ei, +sie sind dieser Aufmerksamkeit wohl werth, die zierlichen Rappen mit +ihren feinen Köpfen, ihren schlanken Hälsen, mit den geschmeidigen, +stählernen Fesseln. Ihr seidenes Haar ist schwarz wie die Nacht, +und wie Mondlicht schimmert sein Glanz. Sie stampfen mit spielender +Grazie den Boden und blasen übermüthig die Nüstern auf als fühlten +sie, daß ein Kennerauge auf ihnen ruhte ... Thekla hatte ihre Mutter +oft ungeduldig gemacht durch die Behauptung: um zu wissen, was an +einem Menschen sei, brauche sie nur -- seine Equipage zu sehen. An das +erschrockene: »Ich bitte Dich!« das Marianne bei dieser Gelegenheit +auszustoßen pflegte, dachte Thekla jetzt und hielt in Gedanken eine +kleine Rede an ihre Mutter: »Sieh dorthin und wage es, mir Unrecht +zu geben. Sieh diesen Wagen, dieses Gespann, diese Riemen, diese +Schnallen! Ist das nicht alles korrekt und tadellos, pünktlich, +charaktervoll? Auch Klemens hat englische Coupés und Pferde aus +edelstem Blut, aber wie ist das alles zusammengestellt? Ohne rechten +Geschmack, ohne die Strenge, die unerbittlich auf Sorgfalt bis ins +Kleinste dringt. Der Weichling verräth sich überall!« + +Sie wandte sich vom Fenster weg und begann im Zimmer auf und ab zu +schreiten. Ihre Phantasie zauberte ihr einen noch viel schöneren +Anblick vor als den, welchen sie eben genossen: die Equipage der +Gräfin Sonnberg, und bald auch das Palais, durch dessen Einfahrt +diese Equipage rollte, während die Glocke dreimal anschlug und der +dicke Portier sich ehrerbietig verneigte, in seinem rothen Pelze mit +goldgesticktem Bandelier ... Roth und gelb sind die Sonnbergischen +Farben, das Wappen ist eine goldene Sonne, aufsteigend am purpurnen +Horizont. Dieses Sinnbild prangt über dem Thore des majestätischen +Bauwerks, eines Juwels alterthümlicher Architektur, des Palais, dessen +Gebieterin sie werden sollte, Gebieterin des Gebieters und aller, die +dem Gebieter dienten ... + +Thekla war an Reichthum und Behagen gewöhnt, aber im Wittwenhause ihrer +Mutter hatte sich allmälig ein Domestiken-Regiment und mit ihm so +mancher Mißbrauch eingeschlichen. Es fehlte der kräftige Mann, der die +Herrschaft in starken Händen hält. Graf Sonnberg wird das verstehen, +er wird für die Ordnung und nach Außen für den Glanz seines Hauses +sorgen. Den Mittelpunkt dieses Glanzes gedenkt Thekla zu bilden und +von ihm umgeben sich der Welt zu zeigen, in der Stadt zur Winterszeit, +im Sommer auf ihren Schlössern ... Dort will sie leben wie der Adel +im vorigen Jahrhundert auf seinen Schlössern zu leben pflegte, einen +zahlreichen Freundeskreis gastfrei um sich versammeln, täglich neue +Feste ersinnen, den Hasen jagen auf der Haide, den Hirsch im Walde +und sich lächelnd der Zeiten erinnern, in denen sie in Wildungen +zwischen ihrer Mutter und Madame Dumesnil saß und Weihnachtsjacken und +Neujahrshauben für die armen Dorfkinder häkelte und strickte. + +Die Uhr auf dem Schreibtische hob aus zum Stundenschlag ... drei Uhr +... die Unterredung zwischen dem Grafen und ihrer Mutter dauerte lang +-- was hatten sie einander zu sagen? ... Ihr wurde angst -- sollten +alle ihre schönen Träume in Luft zerrinnen? ... Aber da pochte es an +der Thür, der Kammerdiener erschien und sprach: »Die Frau Gräfin lassen +bitten ...« + +Thekla fand ihre Mutter im kleinen Salon, an ihrem gewöhnlichen Platze, +in ihrer gewöhnlichen Haltung, aber mit gerötheten Wangen, ja sogar mit +leicht gerötheten Augen. In hoher Erregung schritt Sonnberg auf das +junge Mädchen zu, er war sehr bleich, und seine Lippen bebten. + +»Ihre Mutter theilt Ihr Vertrauen zu mir nicht, Gräfin Thekla,« sprach +er. »Sie verurtheilt mich zu einer Probezeit ... Ich soll dienen um +mein Glück. Sie will es.« + +Thekla runzelte die Stirn, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und +sie entgegnete leise, aber festen Tones: »Und was wollen Sie?« + +Paul ergriff ungestüm ihre Hand: »Ich will mich bemühen,« rief er, »die +Probezeit möglichst abzukürzen ...« + +»Sie fügen sich also,« sagte Thekla und schüttelte mißbilligend das +Haupt. + +»Ich füge mich, da ich die Zustimmung Ihrer Mutter nicht erzwingen, und +noch viel weniger -- Ihnen entsagen kann ... Helfen Sie mir,« flehte er +leidenschaftlich, »helfen Sie mir den hohen Preis, den ich im Sturme +erringen wollte, nun wenigstens nicht zu verscherzen! ... Ich will +alles lernen, sogar geduldig sein, wenn Sie mir liebevoll zur Seite +stehen, ich will alles thun, um mich allmälig Ihrer werth zu zeigen, -- +nicht nur zu zeigen, es zu werden, so sehr mir dies überhaupt möglich +ist, denn ganz und völlig Ihrer werth ist kein Mann auf Erden -- das +weiß ich wohl.« + +Er sprach abgebrochen, hastig, und Thekla trat einen Schritt zurück, +erstaunt, erschrocken über den Sturm heißer Empfindungen, der in ihm +zu kämpfen schien. Seine Blicke ruhten auf ihr, beschwörend: Sprich! +Antworte mir! ... Aber Thekla verstand ihre glühende Sprache nicht, +denn sie schwieg. Sie stand da um einen Ton blässer als gewöhnlich, sie +dachte: Das ist peinlich; und als sie die gesenkten Augen erhob, war es +nicht zu ihm, der darauf harrte wie auf die Erlösung, sondern zu ihrer +Mutter -- war es rathlos und hülfesuchend ... + +Marianne erhob sich, ging auf Sonnberg zu und legte beschwichtigend die +Hand auf seinen Arm. + +»Sie sind ein Kind, mein lieber Graf,« sagte sie, »trotz Ihrer dreißig +Jahre, trotz Ihres großen Verstandes.« + +»Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht +aber auch weich, nachgiebig und gehorsam ... Ich kenne mich selbst +nicht mehr -- Sie haben ein Wunder gethan, Thekla!« rief er und +breitete die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner +Brust, im nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer +Mutter getreten, verwirrt, in großer Bestürzung. + +»Thekla!« wiederholte Sonnberg. + +Marianne beeilte sich dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen +schwebte: »Vergessen Sie nicht,« sprach sie, »daß Menschen nur unbewußt +Wunder thun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt,« setzte sie +lächelnd hinzu. + + * * * * * + +In der Stadt ließ sich's Niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt +seien, daß ihr Brautstand nur noch, aus irgend einem unbekannten +Grunde, nicht declarirt werde. In der That brachte Sonnberg täglich +einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er +Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn. + +Thekla blieb sich immer gleich. + +Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig +und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und +widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urtheile zu wiederholen, +die er gefällt hatte. Eine Zeitlang begnügte er sich mit diesem für +ihn so schmeichelhaften Begegnen, nach und nach aber begann er hinter +all' dieser Rücksicht und Fügsamkeit große Kälte zu ahnen. Gräßlich +durchblitzte ihn, glückvernichtend ein Zweifel an Theklas Liebe. Sein +ganzes Wesen empörte sich dagegen, und wie einen Gedanken an erlittene +Schmach wies Paul ihn von sich. + +Aber einige Bitterkeit blieb doch zurück, ein unwiderstehlicher +Wunsch, die Geliebte zu reizen, zur Ungeduld zu bringen, den heiteren +Gleichmuth zu stören, der ihn anfangs entzückt hatte, und der ihm +jetzt ein Frevel schien an seinen eignen Gefühlen, an der Sehnsucht, +die er um sie litt, an der schwer erkämpften Geduld, zu welcher er +sich zwang, er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des +raschen Erfolges, der nie gelernt hatte zu warten und zu werben, dem +man niemals Nein gesagt, er, Paul Sonnberg! + +Als Thekla das nächste Mal einer von ihm aufgestellten, sehr +unhaltbaren Behauptung nicht widersprach, rief er herausfordernd und +herb: »Das ist meine Meinung, sagen Sie jetzt die Ihre!« Sie erhob +die großen Augen zu ihm voll bestürzter Verwunderung, senkte dann +hocherröthend den Blick und schwieg. Jede Frage, die er noch an sie +stellte, beantwortete sie kleinlaut mit Ja oder Nein, wohl auch -- +mit Ja ~und~ Nein. Paul blieb während der Dauer seines Besuches +unruhig, bitter, und ging endlich, von tausend widerstrebenden +Empfindungen erfüllt und gequält. + +Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla allein. +Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen Salon, ihre +Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser beschäftigt +noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem Tischchen +lag. Sie saß unbeweglich da, wie eine Statue, Ebenmaß in jeder Form, +Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich und ging ihm +entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer anbetungswürdigen +Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe durchwacht, seine +Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er erwartete Thekla +verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges, kindisches Gebahren, +er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte es! ... Statt dessen +begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als wäre ihr Einvernehmen +nicht durch den leisesten Schatten getrübt worden. Sogleich stieg, mit +unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm auf: »Hab ich nicht einmal +die Macht, ihr weh zu thun?« -- doch bezwang er sich und sprach ruhig: +»Thekla, ich war gestern widerwärtig, unerträglich -- können Sie mir +verzeihen?« + +Sie wurde ein wenig roth, ein wenig verlegen und antwortete hastig wie +Jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich bin +ja gar nicht böse gewesen.« + +»Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer +Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir,« setzte er halb flehend, halb +herausfordernd hinzu. + +»Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden,« erwiderte Thekla, »da Sie +doch wissen ...« sie hielt inne. + +»Ich weiß,« rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie +fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla: +Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz +mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie +ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und +Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist mein +Glück das Ziel Ihrer Wünsche, wie wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff +der meinen ist ... Lieben Sie mich?« + +Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie ein +dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick +nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der +ihre sich nach der Thür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich +eintreten zu sehen -- niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich +herbeigewünscht! ... + +»Sie kommt,« sagt Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, »beruhigen +Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird mich aber +nicht hindern so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es thue ... Weil ich +muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie heftig, +ohne zu denken, daß er ihr weh that. Etwas Drohendes klang aus seiner +Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte. + +Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand aus der seinen und sagte: +»Ich weiß nicht, was Sie wollen.« + +»Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die Ehrenhaftigkeit +des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit aus +unaussprechlicher Liebe -- ›Nein!‹ zu antworten, wenn sie diese Liebe +nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden +unglücklich sein -- beide -- wenn Sie mich nicht liebten. -- Weisen Sie +mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich ab!« + +Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und ruhig +-- noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich über ihr +Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie dieselben +mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rothe Flecken, +die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert hatten; +sie erhob sich wund und weh, um Thränen zu verbergen, die er fließen +gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem Anblick +wandte, und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte seinen +Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen, +steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern, +er fühlte in ihren göttlichen Gluthen alles schmelzen, was in ihm +an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat +auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster +Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog. + +»Sagen Sie noch Ja?« fragte er leise. + +Sie nickte schweigend und sah ihn an. + +»Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: Ja?« + +»Ich sage dennoch Ja,« erwiderte sie mit ihrem bezaubernsten Lächeln. + +»So gehörst Du mir,« flüsterte er ihr zu, »so bin ich Dein -- und ich +bin es ganz ... Gebiete! herrsche!« + +Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie +schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen -- aber sie wagte es nicht +... Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie +mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter +der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Thür, und Marianne +trat ein. + + * * * * * + +Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vortheile, +meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich +bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine +Seele gekommen? Die Ungleichheit seiner Laune störte Theklas heitere +Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm +berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urtheil mehr +von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder +jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter +und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus zu +citiren pflegte, der zur Theilnahme aufforderte, ließ er jetzt ruhen. +Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber +hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer +Stimme auf ihn ausübten. Er begann Geschmack zu finden an dem heiteren, +unbekümmerten Leben im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter und +schwelgte in dem anmuthigen Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um +sich her zu verbreiten weiß. + +Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme +Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung, fand +er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht, +sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt, wie ein +Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt, +den tiefen Sinn der großen Wahrheit: Nachdenken bricht das Herz! + +Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich +bin Ihnen entgegen gekommen,« sagte sie leise und lachend, »um Sie +abzuhalten bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin +Limberg, Sie wissen, die Wohlthäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat +sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten +aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen +Beschreibungen von dem Elende dort -- man kann's nicht anhören. Gewiß, +sie übertreibt.« + +»Schwer möglich, in dem Falle,« sagte Paul; er wollte noch etwas +hinzusetzen, aber sie fiel ihm ins Wort: »Reden wir nicht davon, ich +bitte Sie! Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich +machen. Wir geben, so viel in unseren Kräften steht und beruhigen uns +damit. Sich grämen über das Elend, heißt ja nur es vermehren.« + +Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe hatte +er einst gesagt -- ihm schien mit denselben Worten -- zu seiner jungen +Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung +hungernder und frierender Noth, der sie durchaus abhelfen wollte. Die +junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die +Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war +endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme +Marie! ... + +Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er beistimmend +sagte: »Ja, ja wohl,« eine zarte Gestalt zwischen ihm und ihr +dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. Aber +es war ja nur die Gestalt einer Todten, die er niemals geliebt, und in +der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die +er liebte! + +Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte +sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten +Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so +berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen Widerspruch, +erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demuth zu +ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen, +damit ihm ein solcher Blick öfter zu Theil würde. + +Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, entsetzlich +langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende Paul nicht +erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen -- und +als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete Fenster +drang, und er einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause werfend, +ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt sah, da +überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling gekommen +war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches auch das +schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in dessen +Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn lieben. +Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem greisen +Ehepaare aufwuchs, liebevoller als er je gethan. Innig, wie nie, fühlte +er die Sorge für ihr Wohl in seinem Herzen Raum fassen. Sie sollen alle +neu aufathmen, Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in ihr stilles +Haus, wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, die ihn lieben +lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch die ganze Welt +-- und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den Vater, der +Erde einen Menschen geschenkt. + +Er wird an Theklas Seite ein anderer sein als er in seiner ersten Ehe +gewesen ist. Damals hatte er eine Pein kennen gelernt, ärger fast als +unglückliche Liebe: die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht +erwidert und doch erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es +gelobt ... Schlimm genug, daß er sich dazu verleiten ließ! -- Als +Verwandte war Marie ihm werth gewesen, aber als seine Frau, da fand er +gar vieles an ihr auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet +durch mich! Immer hatte man ihm gesagt, geborgen seien Alle, die ihm +angehörten, sein Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. -- Warum +empfand ~sie~ es nicht? Was wollte sie denn? Kurz angebunden war +seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand er sich nicht auf +zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. Verweichlicht schalt +er sie, anspruchsvoll, und wollte die leise Stimme in seinem Innern +nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr unrecht thue ... Und wenn +es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm ein Räthsel -- und er, der +alles begreift, was die Weisesten denken und die Edelsten empfinden ... +sie begreift er nicht, er steht rathlos vor diesem Kinde. -- + +Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich +grollend ab. -- -- + +Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es ihr +Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegen lebt! In Theklas Armen +werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft schmerzlich +und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der hellen +Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, daß er einst +ein Herz neben sich darben ließ ... Dieses Mal ist er der dürstende +und verlangende! Thekla liebt ihn nicht wie er sie liebt, wenn auch +so sehr als sie zu lieben fähig ist. Hatte sie ihn nicht gewählt aus +freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr erster Blick ihm gesagt: Du bist's +-- ihr Jawort es nicht bestätigt? Was wollte er mehr als den Besitz +ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen, hieße sie +anders wünschen und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte +sie ihn. + +»Bleib wie Du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ... +»Zärtlichkeit und Schwärmerei von Dir verlangen, hieße Duft und Blüthe +des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes +Licht von den leuchtenden Sternen ...« + + * * * * * + +Das Geräusch der sich öffnenden Thür weckte ihn aus seinen Träumereien. +Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend vor Ungeduld +trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das Zimmer und +sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht kennen ... +daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist Alles. Ein nächstes +Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß es so +schwer sei vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten ...« Das Wort +»liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend. + +»Nun, Du bist da,« sagte Paul beschwichtigend, »und sehr willkommen.« + +Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz +nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Ueberzeugung +verschafft, daß auch nicht ~ein~ ordentlicher Sessel vorhanden +sei, auf dem sich »ein altmodischer Landjunker, der gewohnt ist zu +sitzen und nicht zu lümmeln«, mit Annehmlichkeit niederlassen könnte. + +»Wo ist Dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in +inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort +abzuwarten, »nicht residenzfähig natürlich ... Hier braucht man ganz +andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente ...« + +»Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie,« unterbrach ihn Paul. +»Und nun erzähle! wie sieht es aus bei uns daheim?« + +Er hatte dem Gaste eine Cigarre angeboten, welche dieser mit einer Art +Entrüstung ablehnte. + +»Du rauchst nicht?« fragte Paul. + +»Nur meine Cigarren, wie Du wissen könntest,« antwortete Kamnitzky +unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Cigarre +von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger +Anstrengung seiner Athmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter +Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach von +den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von den +Ernteaussichten, er sprach von allerlei, und doch -- es war unschwer +zu errathen -- von dem nicht, was ihm am Herzen lag, was ihm auf den +Lippen brannte, die sich, nach jedem wie mit Gewalt ausgestoßenen +Satze, fest zusammenpreßten, um sich bald wieder zu öffnen und -- etwas +Gleichgültiges zu sagen. Dabei erröthete er alle Augenblicke wie ein +ängstliches Mädchen und empfand darüber den innigsten Verdruß. + +Ach, daß er immer noch erröthen konnte, das war für den alten Mann +eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer +Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in +einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie, war +alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die +der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die +schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die enganliegenden +Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der +siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der +Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen +Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der +martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter +ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles +paßte nicht zu dem weichen Munde, mit seinem schmerzlich resignirten +Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine +Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an, +seine Befangenheit hinter einem mühsam angenommenen ungebundenen +Wesen zu verbergen. + +Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky +sprach, an der Cigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's +Deinen Eltern geht, meinst Du? ... Nun, nun, wie es eben kann ... +Briefe von Dir -- mehrere nämlich -- müssen verloren gegangen sein.« + +Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul dadurch ungeduldig +gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.« + +Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten Augenbrauen +zogen sich zusammen --: »So,« sagte er -- »freilich, freilich -- die +vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit, +Bildung, Intelligenz! wie fände man da Zeit ein paar alte Leute zu +beschwichtigen, die so thöricht sind, in Sorge um Einen zu vergehen ... +_ad vocem_ Intelligenz! -- die macht Fortschritte! Wir haben jetzt +drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den Einen, der im vorigen +Jahre dort verhungerte. Nun denn! -- also lange nicht geschrieben!« Er +senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart. + +»Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man ihren +Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch dem +Kinde ...« + +»Dem Kinde? ... das war krank. -- Man hat Dir's verborgen. Aus +Schonung ... Wie überflüssig -- gelt? Die alten Leute verstehen eben +die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, wie die gepanzert sind, +inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem trefflichen Harnisch: +Gleichgültigkeit! ...« + +Jeder Nerv in seinem Gesicht zuckte, er sprang auf, rannte ein paar +Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul +stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor und rückwärts +wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort: + +»Gleichgültig, eine schöne Sache -- freilich, man könnt' auch sagen, +eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall vor die +Thür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, das +mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die +Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei +ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am +Wunder ohne Andacht ...« + +Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt Deine +Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je« -- +setzte er nach einer Pause hinzu, »so sagen wir denn: ich bin's nicht +mehr.« + +Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem alten +Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner Seele +beschworen. Weich, mit wehmüthigem Vorwurf hob er an: »wie lange warst +Du nicht mehr bei uns! -- Seit Deiner Rückkehr aus dem Feldzuge ...« +Er schlug dreimal mit seiner kleinen Faust auf den Tisch -- »seit drei +Jahren! drei Jahre sind's ...« + +Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung. +Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie +nicht theilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie +abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er +in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. -- Er konnte ja +wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine +Wirbel, die Lust an öffentlicher Thätigkeit, der Ehrgeiz in großem +Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn +wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ... +Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist +kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht +weinen helfen. Und endlich -- er wird sie schon besuchen, aufgeschoben +ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner +flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er +sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte: + +»Drei Jahre ja, -- ja wohl. Damals war es bei uns fürchterlich!« + +»Damals war's gut, noch gut,« rief der Freiherr. »Es war kurz nach dem +Unglück ... Ich spreche von dem Tode Deiner Frau. Unmittelbar nachdem +man den Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie +tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat +... das zeigt sich erst später.« + +»Du meinst,« entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen +Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber +Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.« + +»Im Allgemeinen -- könntest Du wenigstens hinzusetzen,« fiel ihm +Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie Du, giebt es freilich nur das +Allgemeine ... Ein Mann wie Du kümmert sich nicht um das einzelne +Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem +Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner +Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte, +erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere +Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun Lieber, für Deine alten Leute ist +die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo die +Zitterpappeln ... Ja so -- Du weißt nicht -- warst nicht einmal dort +... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die +Schultern zurück, wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort, +mit affektirter Nachlässigkeit, den Blick über Pauls Kopf hinweg, nach +dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus +freundlich: Ein Gitter umschließt die Stelle; an den zierlichen Stäben +ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Epheu bildet, flach und +breit, einen -- weißt Du, einen ...« Seine Hand zeichnete schwungvolle +Linien in die Luft, »einen Kranz, so -- verschlungen ... und die Platte +aus geschliffenem Granit spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein. +Eingemeißelt in den Stein steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst +nichts, als nur das Datum; Geburts- und Todestag natürlich ... Darunter +zwei Verse von ihrer Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.« + +»Peinlich! peinlich,« dachte Paul, »werd' ich den Schwätzer nicht los?« +-- »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen. + +»Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber +aufgeschrieben hab' ich sie, wenn mir recht ist ...« + +Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und +Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog +endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte. + +Dieser las halblaut und langsam: + + »Sehr jung war ich, und sehr an Liebe reich, + Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.« + +Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im Stillen jede Silbe +nach: »Ja, ja,« sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist +sie -- gewesen! Na ... Gott hab' sie selig! Deine Eltern ... sie haben +freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...« + +Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die +Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den +geschriebenen Zeilen, die er fest hielt in der herabgesunkenen +Rechten. Er regte sich nicht -- was ging in ihm vor? Der Alte konnte +sein Gesicht nicht sehen, doch verrieth seine Haltung, sein beklommener +Athem eine tiefe Erschütterung. Rathlos stand Kamnitzky vor ihm. Er +hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, Gescheites! aber die Zunge +war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben haben für das rechte, das +erlösende Wort! + +Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung griff +er endlich nach seinem Hute: »Leb' wohl also,« sagte er. + +Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor. + +»Wann reisest Du?« + +»Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohlthuend +auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene +Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es +dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn Du einen +Auftrag hast für Deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich +ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal +hinüber ...« + +Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte: + +»Im Laufe der nächsten Woche erst? -- Geh mir! So lange wirst Du nicht +zögern, den Zweck Deiner Reise zu erfüllen.« + +»-- Zweck? was meinst Du? ich verstehe Dich nicht.« + +»Du verstehst mich recht gut.« + +Verwirrt und fassungslos, wie ein ertappter Verbrecher, wandte sich +Kamnitzky ab. Er war durchschaut. Sein prächtig angelegter Plan +gescheitert! ... Wie hatte er sich alles so schön eingerichtet! den +alten Nachbarn, deren Kümmernissen er ein Ende machen wollte, von den +Geschäften erzählt, die ihn nach der Stadt riefen, versprochen »bei +dieser Gelegenheit -- vorausgesetzt, daß ihm Zeit dazu übrig bliebe,« +den Paul zu besuchen. »Aber ja nicht sagen, daß sein Schweigen uns +Sorge macht!« -- »Sorge macht es Ihnen? ist das möglich? Nein! nein! +kein Wort, das versteht sich ...« In der Stadt war er mehrere Tage +herumgezogen, die Pflastersteine zählen, seine beste Unterhaltung, +um nur mit gutem Gewissen sagen zu können: »Ich bin schon lange da!« +um nur nicht merken zu lassen, daß er Eile habe ihn zu sehen, den +Renegaten. Und nun ... Was sind Entwürfe? Was ist ein menschlicher +Vorsatz? Das ganze Gewebe seiner Intrigue lag kläglich nackt am Tage! +So schlau angelegt, so diplomatisch ausgeführt -- das heißt, wie man's +nimmt, bei der Ausführung, da hat es gehapert ... da hat ihm sein +»verfluchtes Temperament« einen Streich gespielt ... + +Stumm grollend empfahl sich Kamnitzky. Von dem überraschten Hausherrn +gefolgt, eilte er durch den Salon, das Vorzimmer, in das Treppenhaus. +Er nahm die Hand nicht, die Paul ihm beim Abschiede bot, drückte seinen +Hut fest in die Stirn und eilte stolzen Schrittes die Treppe hinab. + +An die Rampe gelehnt blickte Paul ihm nach. Ein Diener, der den +Besucher an das Hausthor begleitet hatte, kam zurück. »Packe eine +leichte Reisetasche,« befahl sein Herr, »ich fahre heute Abend für +einige Tage auf das Land.« + + * * * * * + +Im Laufe des Nachmittags begab Sonnberg sich zu Gräfin Marianne. +»Sind Gäste da?« fragte er an der Thür des ersten Salons den +voranschreitenden Kammerdiener. Dieser zog die Hand zurück, die er +bereits auf die Klinke gelegt hatte und in bedauerndem Tone, aus dem +es trotz aller schuldigen Ehrfurcht deutlich klang --: Dir ist's nicht +recht, wir verstehen uns -- sprach er: »Frau Gräfin Erlach, Durchlaucht +Eberstein und der Herr Graf Neffe. Haben hier gespeist, werden wohl +bald aufbrechen; der Wagen der Frau Gräfin Erlach ist schon vor einer +halben Stunde gemeldet worden.« + +Paul nickte dem Alten für die Auskunft freundlich dankend zu und trat +ein. Die Portièren zwischen dem Saale, in dessen Mitte das Klavier +stand und dem kleinen Salon waren zurückgeschlagen. Marianne saß der +Gräfin Erlach gegenüber am Kamine, Thekla etwas abseits frei und +aufrecht, die Arme leicht gekreuzt. Der junge Graf Eberstein stand +neben ihr, zupfte an seinem kleinen Schnurrbart, spielte mit der +Uhrkette, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel und senkte +dann mit bescheidener Zufriedenheit die Augen. Der Fürst hatte seinen +Sessel in die Nähe des Fauteuils gerückt, in dem Gräfin Erlach ruhte, +und stützte den Arm auf die Lehne desselben. Die lächelnden Gesichter +aller Anwesenden verriethen, daß die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe, +die man der jungen Dame nachrühmte, sich eben wieder bewährte. + +Paul nahm an ihrer Seite Platz, nachdem er die Damen des Hauses begrüßt +hatte, und sagte in jenem leichten Tone, den sich Männer so gern gegen +Frauen erlauben, deren Ehrgeiz darin besteht, »amüsant« gefunden zu +werden: »Bravo, Gräfin, bravo -- ein vortrefflicher Einfall!« + +-- »Was denn?« + +»Was Sie eben sagten.« + +»Sie haben ja nichts davon gehört.« + +»Was thut's? Ich kann dennoch, bei dem -- Wenigen, was Ihnen heilig +ist, schwören: es war vortrefflich!« + +Klemens lachte schallend und sah dabei Thekla mit Blicken an, die +deutlich sagten: lachen Sie doch auch! Ach, dem Fürsten war Thekla zu +kühl, Paul zu geduldig, er fand es längst an der Zeit, der Brautwerbung +ein Ende zu machen, er konnte nicht oft genug wiederholen, die jungen +Leute hätten sattsam Gelegenheit gehabt, einander kennen zu lernen. +Worauf wartete man noch, um Gotteswillen? wodurch sollte Sonnberg noch +beweisen, daß er Theklas würdig sei? Ein Mann wie man ihn weit suchen +könne, charaktervoll, edel, verläßlich ... Klemens wurde so maßlos in +dem Lobe seines Schützlings, daß Marianne ihm einmal sagte: »Wenn es +ein Mittel giebt, Einem Sonnberg zu verleiden, dann sind Sie im Besitze +desselben, mein armer Freund ...« + +Die Gräfin Erlach beantwortete Pauls Compliment mit einem spöttischen +Lächeln. Sie schien immer spöttisch zu lächeln, sogar wenn sich ihr +Gesicht in vollkommener Ruhe befand. Dann ging sie zu einem andern +Thema über und sagte zu Marianne: »Tonchette kommt morgen aus Paris +zurück.« + +»Haben Sie große Bestellungen bei ihr gemacht?« + +»Große, nein -- nur ein paar Toiletten, das Nothwendigste.« + +»Was man ins Haus braucht, um seinen Mann zu bezaubern,« bemerkte +Klemens, und Paul fiel ein: + +»Das heißt, um ihn in der Bezauberung zu erhalten, denn bezaubert ist +er ja längst.« + +»Schreibt der Graf noch immer?« fragte Alfred schüchtern und zugleich +dreist wie ein kaum flügge gewordenes Spätzchen, das kämpfend zwischen +anerzogener Bescheidenheit und angeborener Keckheit, nicht ohne Zögern +sein Stimmlein im Kreise älterer Gefährten erhebt, »schreibt er noch +immer so viele Gedichte an Sie, Gräfin?« + +»An mich? was fällt Ihnen ein? -- Ich weiß nichts davon.« + +»Wer das glaubte!« sprach Marianne mit einem Anflug von Sarkasmus. »Ihr +Mann macht Ihnen gewiß kein Geheimniß aus den poetischen Huldigungen, +die er Ihnen darbringt.« + +»Doch!« entgegnete die Gräfin, »wenn auch sehr unwillkürlich. Er +besteht nämlich darauf, mir das alles vorzulesen; und ich, sehen Sie, +ich kann nicht zuhören, wenn mir Jemand vorliest, ich kann nicht. Meine +Gedanken fliegen davon, sobald die Lectüre beginnt und stellen sich um +keinen Preis wieder ein, bevor sie beendet ist. Dann natürlich sage ich +auf gut Glück: »Charmant, charmant, sehr schön geschrieben -- besonders +das Letzte!« + +Man lachte, auch Paul nahm Theil an der allgemeinen Heiterkeit, etwas +gezwungen allerdings; und er wandte sich plötzlich mit den Worten +an Gräfin Erlach: »Eigentlich muß ich Ihnen aber sagen, daß die +schriftstellerischen Versuche Ihres Mannes aller Aufmerksamkeit werth +sind und die Ihre erwecken sollten.« + +Die Gräfin sah ihn an mit jenem unbeschreiblichen Erstaunen, das +Leute ergreift, die ihr ganzes Leben hindurch nur gespielt haben und +entschlossen sind, bis an ihr Ende weiter zu spielen, wenn ihnen +plötzlich zugemuthet wird, irgend einer ernsthaften Sache Interesse +zu schenken. Jetzt lächelte nicht mehr ihr Mund allein, ihr ganzes +nicht regelmäßig schönes, aber äußerst anziehendes Gesicht und ihre +großen schalkhaften Augen lächelten mitleidig, spöttisch, übermüthig, +lächelten auf jede Art. Sie warf den Rest ihrer Cigarette in den Kamin, +begann sorgfältig und mit Bedacht ihre Handschuhe anzuziehen und sprach +in ihrer langsamen und nachlässigen Weise: »Fremde haben leicht reden.« +Sie glättete die Falten ihrer Handschuhe und setzte nach einer Pause +hinzu: »Mein Mann ist sehr leicht auswendig zu wissen, und ich weiß ihn +auswendig -- seit vier Jahren! trotzdem sagt er sich mir täglich auf, +in Versen und in Prosa. Das befriedigt zuletzt auch die brennendste +Neugier.« + +Die Gräfin erhob sich, und die Damen riefen bedauernd, wie aus einem +Munde: »Sie wollen schon fort?« + +»Es ist höchste Zeit, ich muß meine Schwiegermutter abholen, in die +Oper ...« Sie versenkte sich in die Betrachtung ihres Fächers, warf +einen langen Blick in den Spiegel -- »Meine Schwiegermutter behauptet, +eine Oper ohne Ouverture sei wie ein Mittagsessen ohne Suppe ... und +meine Schwiegermutter hält etwas auf Suppe, wie alle alten Leute.« + +Der Fürst blinzelte nach der Uhr, die eben acht schlug, gab seinem +Neffen einen Wink und sprach: »Alfred wird die Ehre haben, Sie an Ihren +Wagen zu bringen.« + +Alfred verneigte sich. Sie wollen mich weg haben, dachte er und +murmelte etwas von: »Besonderem Vergnügen.« + +Als die Beiden sich entfernt hatten, sagte Thekla zu Sonnberg mit einer +ihr ungewohnten Lebhaftigkeit: »Wie schade, daß Sie nicht früher kamen! +Sie hätten sich unterhalten. Julie war heute so gut aufgelegt, so +witzig!« + +»Witzig nennen Sie das?« entgegnete Paul. »Es ist schale Spaßmacherei; +und auf wessen Kosten spaßt die Gräfin? -- sie macht ihren Mann +lächerlich.« + +»O, das besorgt er wohl selbst.« + +»Wodurch?« + +»-- Und wenn sie es thut, geschieht es aus Nothwehr ...« + +»Wodurch?« wiederholte er -- »Wodurch?« Sein Gesicht färbte sich +dunkler, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- »Lieben -- +geliebt werden -- macht das lächerlich?« + +Thekla sah mit Erstaunen, daß er zürnte. Was hat er denn? Was liegt ihm +an dem armen kleinen Erlach? ... er versetzt sich doch nicht an seine +Stelle, vergleicht sich doch nicht mit dem? ... Eine solche Möglichkeit +darf von Thekla nicht angenommen werden -- o -- nicht einmal geahnt! +Mit etwas unsicherer Stimme und mit der unschuldig altklugen Miene +eines Kindes, das fremde Weisheit von seinen Lippen strömen läßt, +sprach die junge Gräfin: »Ach nein, Liebe zu empfinden ist nicht +lächerlich, aber es zur Schau tragen, das ist's!« + +»Wer sagt Ihnen, daß Erlach seine Liebe absichtlich zur Schau trägt? +Vielleicht fehlt ihm nur die Kraft, sie zu verbergen, wie er's sollte, +dieser Frau gegenüber. Verspotten Sie ihn nicht -- bedauern Sie ihn.« + +»Ach!« rief Thekla, »ich bedaure Niemand, der Gedichte macht.« + +»So?« Paul schwieg eine Weile, dann fragte er plötzlich: »Was ist's +mit den Gedichten, die ich Ihnen neulich brachte? Haben Sie darin +gelesen?« + +»Ja,« antwortete sie zögernd. + +»Und was sagen Sie dazu? Ich habe das Buch jahrelang besessen und es +nicht zu würdigen verstanden. Vor wenig Tagen kam es mir zufällig in +die Hand, und mir war, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es ist +herrlich ... finden Sie nicht?« + +»Herrlich -- ja, zu herrlich für mich.« + +»Was heißt das?« + +»Es heißt ...« + +»Nun? vollenden Sie doch!« + +Thekla warf den Kopf zurück: »Ich bin überhaupt keine Freundin von +Gedichten,« sagte sie. + +Er zuckte die Achseln. »Sache des Geschmacks!« + +»Ja wohl!« + +»Und es giebt guten und schlechten.« Paul war wieder in den herben Ton +verfallen, den er ihr gegenüber nie mehr anschlagen wollte. + +Dieser kleine Wortwechsel berührte den Fürsten Klemens sehr unangenehm. +Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, räusperte sich mißbilligend +und warf der Gräfin einen bedauernden Blick nach dem andern zu. +Plötzlich rief er aus, in der Weise eines nachsichtigen Vaters, der +streitende Kinder zu beschwichtigen sucht: »Jedes von Euch hat Recht -- +gewissermaßen Jedes!« + +»O,« wandte er sich ernsthaft zu Marianne, »das kann leicht sein; es +trifft sich wohl -- -- ja, wenn man die bezüglichen Standpunkte ins +Auge faßt, trifft sich's eigentlich immer. Was meinen Sie?« Er wartete +die Antwort nicht ab, sondern erhob sich: »Aber, wir müssen ja fort ... +Auch Sie haben bereits die Ouverture versäumt, was freilich nicht für +ein Unglück gilt, im Burgtheater ... Es ist doch heut' Ihr Logentag?« + +»Nicht der unsere, der unserer Kammerjungfern, denn man giebt ein +Trauerspiel. Wir bleiben zu Hause und wollten Sie beide,« Marianne +nickte Paul freundlich zu, »bitten, uns Gesellschaft zu leisten.« + +»Wir sind bereit! o mit Vergnügen!« rief der Fürst und ließ sich +sofort in einen bequemen Fauteuil nieder, der zwischen dem Kamin und +dem Arbeitstischchen der Gräfin stand. Sie nahm ihre Tapisserie zur +Hand, über welche Klemens viel Schmeichelhaftes zu sagen wußte. Er +fand die Zeichnung, »Wirklich, man muß gestehen! geschmackvoll, und +erst die Farben!« er hatte niemals zwei Farben gesehen, die so gut +harmonirten -- nicht einmal auf einem englischen Plaid -- wie dieses +Blau und dieses Grün ... Mit hausfreundlichem Behagen und mit dem +Interesse für den Inhalt von Nähtischen und Arbeitskörben, das beinahe +alle Männer auszeichnet, die Talent zur Weichlichkeit besitzen, begann +er das zierliche Necessaire aus Elfenbein zu öffnen und zu schließen, +die goldenen Scherchen und Büchschen ein- und auszuräumen; er zog die +bunten Seidensträhnchen, die sich die Gräfin zurechtgelegt hatte, durch +seine Finger, und spielte so lange mit den kleinen Knäueln und Spulen, +bis Marianne endlich ungeduldig ausrief: »Ich beschwöre Sie, Klemens, +lassen Sie mein Handwerkszeug in Ruhe.« + +Er gehorchte resignirt, als ein ritterlicher Mann, der gewöhnt ist, +in strenger Zucht gehalten zu werden und gleich wieder den kurzen +Zügel zu fühlen, so bald er sich ein wenig gehen lassen möchte. Seine +Aufmerksamkeit wandte sich dem »anonymen Brautpaare« zu, wie er Paul +und Thekla nannte. Die jungen Leute hatten sich in den Saal begeben. + +Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen +Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit +bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den +reichen Flechten ihrer blonden, natürlich gewellten Haare; ihr Gesicht +nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den +Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu +denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst, mehr +als die Flachheit des Lebens, das du führest, ahnen läßt. + +Er stand ihr gegenüber, legte die verschränkten Arme auf das Klavier, +beugte sich vor und versank in die Wonne ihres Anblicks. + +»O Schönheit! Herzbezwingerin! Herrin, Königin! -- Du bist der Frieden, +-- wer kann dir grollen? Du bist der Sieg, -- wer kann dir widerstehen? +Nur kurzsichtige Thorheit frägt, ob in der schönen Hülle eine schöne +Seele wohne. Die Hülle ist nur darum schön, weil die Seele sie schön +belebt. ~Eins~ sind Form und Wesen; sie sind es im Kunstwerk, das +hervorging aus Menschenhand, und wären es nicht im höchsten Kunstwerke +der Schöpfung? ... + +Unverwandt ruhten seine Augen auf ihrem edlen Angesichte; sie erhob die +ihren zu ihm und sah ihn forschend und etwas besorgt an. + +-- »Sie hören nicht zu -- mißfällt Ihnen, was ich spiele ... oder hätte +ich überhaupt nicht spielen sollen? Ich weiß, Sie lieben Musik nicht +immer.« + +Sie schloß ihr Notenheft und schob es unter das Pult, das sie langsam +niedergleiten ließ. Die kleine Scheidewand, die sie getrennt hatte, +senkte sich. + +»Thekla,« sprach Sonnberg, »mir gefällt Alles, ich liebe Alles, was Sie +thun. Wissen Sie das noch nicht?« + +Heller Freudenglanz breitete sich bei diesen Worten über ihr Gesicht, +und sie entgegnete schalkhaft, übermüthig: »Gefällt Ihnen auch Alles, +was ich sage?« + +Paul gab keine Antwort; er blickte schweigend vor sich hin und sagte +endlich: »Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin +Thekla.« + +»Sie wollen fort?« fragte sie äußerst erstaunt -- »und wohin?« + +»Auf das Land, zu meinen Eltern.« + +»Werden Sie erwartet? Haben Sie zu kommen versprochen?« + +»Nein. Ich will sie überraschen.« + +»Ah -- Sie stehen mit Ihren Eltern auf dem Fuße der Ueberraschungen ... +So ist das!« + +Sie schlug einige Töne auf dem Klavier an, leise, ohne Zusammenhang. +»So ist das!« wiederholte sie gedehnt: »Ihre Eltern können wohl nicht +leben ohne Sie?« + +»Daß sie es können, beweisen sie, denn -- sie leben.« + +»Dann also!« -- Sie sah ihn plötzlich an; eine Wolke voll drohenden +Ernstes war auf seiner Stirn aufgestiegen; ein Zug bitteren Schmerzes +spielte um seine fest zusammengepreßten Lippen, ein Schmerz, dem +Zorne gar nah verwandt und gewiß bereit, sich als solcher zu äußern +... Thekla ahnte, wußte es, und dennoch! zum ersten Male war es nicht +Furcht, was sich in ihr regte, als sie in sein verfinstertes Gesicht +blickte, sondern die halb unbewußt erwachende, echt weibliche Lust +an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem +Stärkeren -- dem Manne. + +Ei, dachte sie -- du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du +unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt? ... + +Sie verschränkte ihre Arme über dem Pulte, beugte sich vor und drückte +ihre Wange auf ihre Hand, während ihr Auge sich zu ihm erhob, der sie +liebte. + +»Bleiben Sie bei uns,« sprach sie, hielt inne, schien zu überlegen und +fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit +hinzu: »Bei mir!« + +Sein Blick glitt über ihr demüthig gesenktes Haupt, über den jungen, +schlanken Nacken, die königlichen Schultern, über die ganze, vor ihn +hingegossene Gestalt, und alle süßen Schauer bewunderungstrunkener +Liebe durchzitterten ihn. Sein Herz pochte wie ein Hammer in +seiner Brust, er richtete sich auf ... Ein ungeübter Trinker, dem der +Wein zu Kopfe steigt, der mit Entsetzen seine Herrschaft über sich +selbst schwinden fühlt, ruft sich nicht eindringlicher zu: Nimm dich +zusammen, wägt seine Worte nicht sorgfältiger, als Paul es that, und +als er sprach: »Ich bin heute hart gemahnt worden an eine versäumte +Pflicht.« + +Hart gemahnt? dachte Thekla -- das wagt Jemand, das lässest du dir +gefallen, und ich lebe in Angst vor dir? -- »Sind denn Ihre Eltern so +anspruchsvoll?« fragte sie rasch. Auch sie hatte sich aufgerichtet und +sah ihm gerade ins Gesicht. + +»Das sind sie wirklich nicht!« rief er, »sie sind nur sehr +bedauernswerthe, alte, einsame Leute. -- Haben Sie schon einmal darüber +nachgedacht, daß Sie die Tochter dieser alten Leute werden sollen, +liebe -- liebe Thekla?« fragte er und reichte ihr über das Pult hinweg +die Hand, in welche sie ohne Besinnen die ihre legte. + +»Gewiß,« sprach sie, »ganz gewiß.« + +Paul begann das Leben zu schildern, das seine Eltern auf dem Lande +führten; er schilderte sie selbst mit Wärme und Lebhaftigkeit; er +sprach Alles aus, was er den Tag hindurch gedacht, und so lange er +lebte, hatte er wohl nie so innige, herzliche und milde Gedanken gehabt. + +»Ich will meinen Eltern von Ihnen sprechen,« schloß er bewegt. »Sie +ist es, die mich zu Euch schickt, will ich sagen, die mich drängte, +Euch endlich in Eurer Verlassenheit aufzusuchen. Sie werden dafür +geliebt und gesegnet werden, Thekla, und wie wird mich das beglücken!« + +Während er sprach, hatte ihre Hand wie todt in der seinen gelegen. +Als er nun schwieg, entzog sie ihm dieselbe, spielte mit ihrem +Taschentuche, legte es ganz klein zusammen, glättete es auf ihrem +Knie, und dieweil er dachte: »O, nur jetzt den Anklang einer weichen +Empfindung, nur einen einzigen, leisen Herzenslaut!« -- sagte sie: +»Ihre Eltern haben sich so lange ohne Sie beholfen, sie werden es +noch länger thun ... Schreiben Sie ihnen, entschuldigen Sie sich -- +versprechen Sie ihnen zu kommen.« + +Paul athmete tief auf: »Sie haben mich mißverstanden. Ich brauche mich +nicht zu entschuldigen, brauche nichts zu versprechen; meine Eltern +denken nicht daran, meine Rückkehr zu fordern. Ich selbst wünsche sie +wiederzusehen -- ich selbst sehne mich ...« Er brach ab und fragte +plötzlich: »Begreifen Sie das nicht?« + +»Nein! ich begreife nichts, als daß Sie jetzt nicht abreisen dürfen ... +Abreisen -- welch ein Einfall! was treibt Sie denn fort?« + +»Ich meinte es Ihnen auseinander gesetzt zu haben ... Mein Gott, wozu +rede ich?!« + +»Und -- ich?« fragte sie mit einem langen vorwurfsvollen Blick ... + +Thekla legte die Verwirrung, die sich in Sonnbergs Zügen malte, zu +ihren Gunsten aus. Giebt er schon nach oder ist es ihm gar nicht +Ernst gewesen mit seinem Reiseplan? Er will vielleicht nur gebeten +werden, ihn aufzugeben, und wäre sehr enttäuscht, wenn Thekla keinen +Widerstand leistete. Und zum Widerstand ist sie ja entschlossen! ... +Es ist freilich ein wenig mühsam das Alles, und der gute Graf etwas +schwerlebig. Aber seine Seltsamkeiten werden sich geben, »wenn Ihr nur +erst verheirathet seid,« meint Mama. Nun denn! Gräfin Sonnberg wird man +eben nicht so leicht, wie man etwa -- Gräfin Eberstein würde. + +Thekla begann eine lebhafte Beredtsamkeit zu entfalten. Sie führte ihr +ganzes weibliches Rüstzeug von liebenswürdigem Trotz, von anmuthiger +Würde und wehmüthigem Scherze in das Treffen; sie war geistreich und +reizend und drohte schließlich auf das unwiderstehlichste mit ihrem +Zorne. Paul hörte sie an, aufmerksam, gespannt; er sah ihr in die +Augen, auf die lieblich gekräuselten Lippen; er schien auf etwas +zu warten, auf etwas, das nicht kam, und seine Miene wurde immer +kälter, immer strenger. Warum? warum dieses steinerne Lächeln, dieser +mißbilligende Blick? Worin verfehlte es die kluge Rednerin? Was wollte +er eigentlich hören, was verlangte er von ihr? Sie errieth es nicht, +noch immer nicht! -- und jetzt war sie zu Ende, jetzt wußte sie nichts +mehr. + +Er aber schien sich grausam an ihrer Rathlosigkeit zu weiden, und +sagte, sie scharf fixirend: »Nehmen Sie sich in Acht! Sie machen mich +übermüthig. Ich muß glauben, daß Sie den Gedanken nicht mehr ertragen +können, acht Tage lang von mir getrennt zu sein. Welche Schwäche, +Gräfin, welche Sentimentalität!« + +Beim Himmel! wenn er jemals gewünscht hatte sie zu erzürnen, jetzt ward +ihm der Wunsch erfüllt! Ihre Wangen flammten, sie erhob sich, eine +beleidigte Göttin, und sprach in feuersprühender Entrüstung: »Reisen +Sie!« + +Klemens hatte nicht aufgehört, die jungen Leute zu beobachten und von +Minute zu Minute der Gräfin zu berichten: »Er hört ihr mit Entzücken zu +-- wie sie aber auch spielt! glockenrein, und immer im Takt, das muß +man sagen, diese Thekla ... Jetzt hält sie inne -- spricht ... und er, +er brennt! er brennt! er gäbe Funken, glaube ich, wenn man ihn anrühren +würde, wie eine Elektrisirmaschine ...« + +Der Fürst faltete seine großen weichen Hände, sah die Gräfin an wie +ein Andächtiger ein Madonnenbild und fragte: »Wenn diese beiden armen +Kinder jetzt vor Sie hinträten und sprächen: ›Gieb uns deinen Segen! +--‹ was würden Sie thun?« + +»Ich würde ihn unbedenklich geben,« entgegnete Marianne. + +»O Himmel! ... o herrliche Frau!« rief der Fürst und hätte sich bei +einem Haar auf seine Kniee niedergelassen. Da schlug Theklas laut +gesprochenes »Reisen Sie!« an sein Ohr, und mit Schrecken sah Klemens +das Paar, mit dem er es so gut meinte, nun erscheinen -- ach, in nichts +weniger als glückseliger Eintracht! Da kamen sie, die Gottbegnadeten, +die Schicksalsgeliebten, die für einander Geschaffenen, beide in +großer Erregung, die Köpfe hoch, mit finsteren Stirnen, Eines den Blick +des Anderen vermeidend, und: »Was giebt es denn?« fragte Klemens in +scherzendem Tone, eigentlich aber sehr beunruhigt. + +»Der Graf verläßt uns, wünschen Sie ihm eine glückliche Reise,« +erwiderte Thekla halb abgewandt, und machte sich an dem Tische zu thun, +auf welchem der Kammerdiener soeben das Theezeug ordnete. + +»Verläßt uns?« Klemens konnte das nicht glauben, auch dann noch nicht, +als Paul es bestätigte. »Papa und Mama besuchen? lächerlich!« der Fürst +war im Begriffe, so boshaft zu werden, als er nur konnte, aber Marianne +fiel ihm ins Wort. + +Sie sah ihren zukünftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte: +»Sie haben recht! Gehen Sie. Wir werden Sie zwar schwer vermissen, +aber wir sagen doch, Sie haben recht, Ihre guten Eltern nicht zu +vergessen. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung +auf ein solches Wiedersehen leben, und von der Erinnerung daran zehren +monatelang. Sehen Sie sich während Ihres Aufenthaltes im Vaterhause +auch das Persönchen gut an, von dem wir schon einmal sprachen, und das +ich liebe, ohne es zu kennen. Wenn Sie, wie ich hoffe, bald zu uns +zurückkehren, dann werden Sie mir erzählen, ob das kleine Ding eine +Individualität besitzt oder nicht!« Sie drohte lächelnd mit dem Finger: +»Sie werden es mir ehrlich erzählen. -- Ich wiederhole: Es thut uns +sehr leid, daß Sie uns verlassen, aber wir billigen es von ganzem +Herzen. Nicht wahr, Thekla?« + +Paul ergriff die Hand Mariannens und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß +darauf, der so auffallend lang dauerte, daß Klemens nicht umhin konnte, +ein halb verlegenes, halb agressives Räuspern vernehmen zu lassen und +zu denken: »Nun -- was heißt denn das?« + +Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul wurde +heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte in den +fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so gern! und +war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr Neigung zum +Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, einen guten +Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die beiden Herren +empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch bis zu dessen +Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem Herzen. + +»Hör' einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der Straße +angelangt waren. »Ich begreife Dich nicht! Ein solcher Zauderer! ... +Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit benützen +und sagen: Sie kennen mich jetzt -- mein Herz -- -- meinen Charakter -- +und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen ... _et +cetera_! Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle Noth eines +provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und Ihr wäret im Reinen.« + +»Wir sind im Reinen; es ist Alles ausgemacht: Wir heirathen uns,« +sagte Paul. Die Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein +Gesicht, das dem Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden +Ausdruck beseelt erschien. »Wir heirathen uns,« wiederholte er, »weil +sie Gräfin Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ... +ja verliebt. -- Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.« + +Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und begann +plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Thorheit hat einmal behauptet, +daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert. +Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler +des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren. +Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren, +der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, spricht sie zu ihrem +Gegenstand. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen Grund, kein Recht; +es ist eine Tollheit, daß ich bestehe -- aber ich bestehe doch! ich +leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe doch‹!« + +»Nun nun,« sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... was Statue! -- +die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber +ein bischen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber! +Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege +der Leidenschaft. Uebers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über +unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht +hergestellt.« + +Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen nothdürftigen Schluß, da sie +am Hausthore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. Sonnberg +eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie allabendlich +den Weg nach dem Klub ein. + + * * * * * + +In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf +schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen +Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirthbarste Gegend des +nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! -- Rauh +weht der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem +weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige +Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die +nothdürftigste zu Theil werden läßt. Ganze Strecken wie übersäet mit +Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln +ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von +breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch +gethaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen +herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf den +Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahr alt und nicht dicker als der +Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt, -- keine +Wiese so weit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, das seine +Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche die Straße führt, +gleichen eine der andern aufs Haar. Ihre kleinen, aus Thonschiefer +erbauten und mit Stroh gedeckten Häuser drängen sich an einander, als +bedürften sie, um nicht umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der +Mitte dieser Ansiedlungen liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit +gekappten Zweigen umgeben, die sich, so gut es geht, in seinem nur +selten klaren Gewässer spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das +Juwel des Dorfes, der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des +schwimmkundigen Federviehs. + +Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner Cigarre +von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem Kutscher, der +über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden Gäule einhieb. +Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, die es noch +zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und während der +Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der Fahrgast mit +einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht und im +Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er stehen, +den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich +freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar. + +Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, Raine +und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende +Schlehdornhecken schmückten den Saum des Thals, das eine dreifache +Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg gegen +Westen noch einmal empor, um dann sachte abwärts zu gleiten, ohne +andere Grenze als den Horizont. Dort aber, wo Erde und Himmel einander +zu berühren schienen, stand eine schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der +untergehenden Sonne wie mit einem glühenden Ringe feurig und prächtig +eingefaßt. Von ihrem dunklen Hintergrunde hob sich ein stattliches +Gebäude in verschwimmenden Konturen ab und schimmerte weißlich herüber +im Dufte der zitternden Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und +Thürmen, es ist das Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der +Ferne grüßt. Paul steht auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte +Markstein, an den sein Fuß stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen. + +Wie hatte ihm das Herz gepocht, als Knabe und als Jüngling, wenn er +an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah, +und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm +lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm +entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt +überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen +heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße +weiter fahren, während er selbst querfeldein, über die Schlucht und +den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte. +Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit, +mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine +Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte. + +Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul +pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen, die Mauer überhangenden +Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens, +er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig; +einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte +Bresche, durch welche auch fleißig ein- und ausgegangen wurde von zwei- +und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Gras und im +Schutte deutlich verriethen. + +Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die vor ihm +Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum siebenjähriges +Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, reichte ihm die +kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: »Gelobt sei Jesus +Christus!« + +»Und die Gemeinde-Polizei!« antwortete Paul. + +Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: Den +frevelhaften Spaß versteh' ich nicht. + +Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Theil +des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer +Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über +kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch +andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich +Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie +herausfordert. + +Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan erhob sich, von +Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker, +großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Aeste über eine +zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen. +Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war +die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben. +Hier hatte er sie gefunden, als er -- einmal schwach in seinem Leben! +-- den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt +und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst Du's mit +mir wagen, Marie?« + +Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Thränen, Angst und +Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!« + +Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet +worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und +heftig rief er: »Warum? sage -- warum?« + +Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie +sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen +zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil Du mich nicht liebst, +und -- weil ich Dich liebe. Es wäre ein Unglück.« + +Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den +ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's! + +Sie behielt Recht ... Es war ein Unglück gewesen. + +Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im +Weiterschreiten: »Arme Marie!« + +Allmälig hatte der Wind sich gelegt; wie aufathmend nach schwerem +Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihre Gezweige im +Abendthau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar +Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von +Millionen Blüthen schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde +die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich Alles wie mit +durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange +getreten, der ihn noch trennte von dem Blumen-Parterre vor dem +Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem +Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Thür des Saales stand +geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges +Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen +bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ... + +»Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei ihnen. +-- Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines Sohnes, +über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, sprachlos +streckte sie die Arme aus, ihre Kniee wankten. Paul erfaßte die alte +Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den beiden, klopfte +Pauls Schulter mit schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter: +»So, so -- laß ihn -- er liebt das nicht -- es ist genug --« Er selbst +erwiderte kurz die Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch Jemand,« sagte +er und deutete auf ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen +Begrüßung mit bangem Erstaunen zugesehen hatte, und das sich nun vor +dem fremden Manne hinter dem Thürflügel verkroch und die Augen scheu +mit seinen blutlosen Händchen bedeckte. + + * * * * * + +In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und +Aufträge ertheilt worden, als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft. +Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern von den +Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu +seinem Empfange zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber +jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum +von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es +überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß +sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und +abermals verließ sie das Gemach. + +Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe +ergriff ihn, so oft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden, +sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter -- Du mußt Geduld +haben.« + +Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Aengstliches sprach sich in +seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des +Gesprächs entglitt ihm -- alt war er geworden! + +Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im +großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf +das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der +magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den +gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in +ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den +Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur +flüchtig, um seiner Frau einen raschen, fragenden Blick zuzuwerfen, +den sie mit verständnißvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders +auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin +entschuldigend zu Paul: -- + +»Hab' Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt -- -- für den Vater und +mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr +gespeist seit dem -- seit dem Tode ...« + +Die Stimme versagte ihr. + +»Ja, ja,« murmelte der Greis, und die Thränen, die an seinen Wimpern +gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte eine +unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes +Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge. + +Ist es denn möglich? so neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch +dieser Verlust? + +Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. Die +Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein schwaches +Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete die +Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus +ihren verwitterten Zügen -- Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach +der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die lang ersehnte Freude +des Wiedersehens mit dem einzig geliebten Sohne, nun war sie erlebt und +hatte die glückentwöhnten Menschen tödtlich erschöpft. Da haben sie +ihn nun, der ihr Abgott, ihr Ein und Alles ist; nichts fehlt zu ihrer +Seligkeit als -- die Kraft, sie zu genießen. + +Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so gebrochen +zu finden, hatte er nicht erwartet. + +Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden, +hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Thee dampfte in +chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische +Confitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll +gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der +Kammerdiener glitt servirend umher, unhörbar und emsig, lächelnde +Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Clemens +hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach +kicherte und scherzte ... Ja, dort konnte Paul sich Thekla denken, +hier -- nimmermehr! Sie, mit ihrer Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was +soll sie in diesem altmodischen Wesen, in dieser Greisen-Atmosphäre? +Ein unbesiegbares Mißbehagen wird sie ergreifen bei dem ersten Schritt +über diese Schwelle, niemals wird sie sich hier heimisch fühlen ... +Paul möchte das kühle Mitleid nicht sehen, mit dem ihr Blick über die +Häupter seiner Eltern hingleiten würde. Die bloße Vorstellung davon ... +Das Blut schoß ihm heiß in die Stirn, und er biß die Zähne zusammen. + +Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige Worte, +sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und sagten zu +sich selber: »Es wird ihm nicht wohl bei uns, es ~kann~ ihm bei +uns nicht wohl werden!« + +Die Thurmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Credenztische das +Aufziehen und Zuklappen der Laden und Thüren, ein unmotivirtes Hin- und +Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert +ihr so lange? geht schlafen, es ist Zeit! + +-- Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten +dringen. Niemand verhindert es, Niemand steht neben ihnen, der ein +Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind! + +Die Eine, die es gethan, ist dahin; die Eine, die sie nicht +verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war. + +Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. Zum +ersten Mal vermißte er die freundlichen Augen, denen er dort immer +zu begegnen gewohnt war, die stets so innig gefragt hatten: Bist du +zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was willst du? Was geht in dir +vor ... Augen, die aufleuchteten, wenn er heiter, sich trübten, wenn +er mißmuthig war. Die liebevolle Ausdauer, mit der sie auf ihm ruhten, +hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt -- wie wohl hätte es ihm +gethan, nur einmal hineinschauen zu können in diese klaren, tiefen, +treuen Augen! + + * * * * * + +Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer +wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster flutheten die Strahlen +der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große +Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im +Kelche der duftenden Blüthen. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein +Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das +noch im Schlaf liegende Haus. + +Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und thaten sehr verwundert, +als sie ihren Herrn erkannten. + +»Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern +haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt: +_allons! allons!_« + +Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem entschuldigenden +Wedeln ihrer fleischigen Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein +Ende nehmen wollte. Ihre matten Augen sprachen: »Bist du gescheit? Wir +sind zu dick geworden zu derlei Späßen.« Und als Paul seine Einladung +wiederholte, krochen die Thiere, so rasch, als ihr Körperumfang es +gestattete, in ihre Hütte zurück. Erst als er hinweggegangen war, +schlüpften sie wieder heraus, setzten sich jedes an einen Pfeiler des +Thores und sahen ihm mit liebevollen Blicken nach. + +Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der +Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre +Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde; +alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die +Weiber sahen ihn mit neugieriger Theilnahme an, eine von ihnen rief ihm +von Weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!« + +In nächster Nähe der Pfarrei, und viel ansehnlicher als diese, erhob +sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte es +von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in +einen weitläufigen Obstgarten, mit reihenweis gepflanzten, roth und +weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen +grünen Grases, mit Malven und Levkoyen bepflanzt und mit einem netten +Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau +getüncht, und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen +und solider Wohlhabenheit, wie sie immer seltener werden »bei uns +zu Lande auf dem Lande.« Aus dem Hause trat ein alter, untersetzter +Mann in blauem, bis an die Fersen reichendem Rocke, der, bei jedem +Schritte auseinander flatternd, die schwarze Kniehose und die hohen, +glänzend gewichsten Stiefel sehen ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte +einen niedrigen Hut mit aufgerollter Krempe, an der Weste Silberknöpfe; +kurz: es kleidete sich keiner im ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so +stattlich, wie er am Werkeltag. Dafür war er aber auch Balthasar der +Große, Balthasar Schießl, der reiche, gescheite: Ein Mann, der's mit +jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift schreibt, die manche Leute +sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf Melkerinnen im Stalle hat +und jahraus, jahrein seine vier paar Ochsen einspannen lassen kann. +Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt fuhr, um dort Steuern +zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einem Sitz zweihundert Gulden +verloren, baar auf den Tisch ausbezahlt, von dem Tage an aber nie mehr +eine Karte angerührt hat. + +Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm die +Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen,« rief +er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen +weiter. Paul fragte nach Dem und Jenem und erhielt auf die Frage: »Wie +geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam dann: +»Dem Ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, der +Zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund herum, Weib +und Kinder gehen in den Tagelohn. Der Dritte ... das is' halt eine +G'schicht -- dem sein Sohn, der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er +denn angestellt?« + +»Es heißt, wissen's, daß er den Heger erschossen hat.« + +»Es heißt! es wird wohl nicht nur heißen.« + +Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, zeigte +lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest wie eine +Mauer: »Ja, sehen's, ich sag'« ... Er spreizte die Finger auseinander +und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: »Es kann sein +-- und es kann auch nit sein.« + +»Ich kenn' Euch!« sprach Paul. + +»So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit er +es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel. + +Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der Wilddieberei +könnt Ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird nur so +hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast ...« + +»Die meinen auch,« sprach Balthasar. + +»Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigenthum? Wann werden die Leute +endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und Dein?« + +Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie zu +stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. Vor der +Thür stand ein junger Mensch, schäbig aber stutzerhaft gekleidet, und +schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne. + +»Das ist der neue Schullehrer,« sagte Balthasar in nachlässigem Tone. + +-- »Der? der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht +absolvirt haben.« + +»Hat's auch nit.« + +»Wie so? Ist er relegirt worden?« + +»Es heißt, daß er, wissen's, drinnen in der Stadt, aus dem Schulzimmer, +oder von wo? Maschinen mitgenommen hat, um d'ran zu studiren. Aber +-- vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn sonst --,« +sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des größten +Schauspielers würdig gewesen wäre, »denn sonst hätt' er sie ja nit +verkaufen können.« + +»Das wißt Ihr?« rief Paul, »und den macht Ihr zum Schullehrer? Den +duldet Ihr?« + +»Wir haben ihn nit g'rad ausgesucht, aber er hat Halt ›Prodektion‹, und +wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit +weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf,« setzte Balthasar hinzu, +zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches +er auf die Ortszustände geworfen. + +»Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt Ihr ihn, könnt Eure Kinder +zu ihm in die Schule schicken!« + +»Ich schick' die meinen nit.« + +»Ihr schickt sie nicht? Existirt vielleicht kein Schulzwang in +Sonnberg?« + +»Ich zahl' halt Straf',« antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. »Ich +kann's ja thun.« + +Sie gingen eine Weile schweigend neben einander, beide in Gedanken +nicht angenehmer Art versunken. + +»Wenn die Frau ~Gräfin~,« sagte der Alte auf einmal, und fuhr +unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn die Frau Gräfin noch am +Leben wäre, so was wär' nie geschehen ... Und hier --« setzte er, in +plötzlich verändertem Tone hinzu, »thät' es auch anders aussehn!« + +Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten +Meierhof, dem sie sich allmälig genähert hatten. + +Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier +nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der +That, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem +Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die +Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber +schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der +Schuppen daneben mit elendem Gerümpel angefüllt war. Alles schmutzig, +unordentlich durcheinander geworfen, alles verwahrlost, und weder +Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte +fragen können: »Wie geht das zu?« + +Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen die +Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin ist +todt, die alten Herrschaften sehen nix mehr -- und Sie ...« sein Mund +verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zu viel zu thun!« + + * * * * * + +Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt +war, und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Façade und +seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich +lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder +zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend +zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung, wie in +einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle +ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte +die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke. +Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig +von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her +und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor +dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit +auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn +Grafen _junior_ gegenüber nicht ein Jota. + +»Der Herr Graf sind da,« sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben +sich _stante pede_ in die Oekonomie, ohne mich haben avisiren +zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, theilzunehmen an der +Inspection.« + +»Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht +erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte,« erwiderte Paul, theils +ergötzt, theils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen +Herrn, den dessen feinfühlende Gemahlin »Mein opulenter Mann«, zu +nennen pflegte. + +»Ah, -- -- Insinuationen! ...« + +»Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um +sich!« + +»Das thue ich täglich,« entgegnete der Herr Verwalter mit einem +Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben +könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen +Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder -- +im Wirthschaftsjournal. Aber jedoch adaptirt, restaurirt darf nichts +werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. ›Thun Sie nichts ohne +meinen Sohn!‹ ist des Herrn Grafen stets von Neuem wiederholt ertheilte +Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.« + +»Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt,« versetzte +Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts, +belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie sein +schnaubender Athem verrieth, schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten. + +Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die +sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch +ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen +waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten +Dächern gemahnten an aufgerissene, hungrige Mäuler. Den Vordergrund des +Jammerbildes bildete eine Pfütze, in der eine zahlreiche Kinderschar +mit einem Vergnügen herumpatschte, das gewisser Geschöpfe würdig +gewesen wäre, die mit mehr Beinen und mit weniger Gottähnlichkeit +ausgestattet wurden, als das menschliche Geschlecht. + +»Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet -- »durfte auch +hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner +verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue, +geräumigere errichtet würden.« + +Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die +Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen +Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen +zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall +vorkommt. Wir haben Wohnungsnoth in Sonnberg. Die Leute sind es +gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer? +Es würde schlechtes Blut zu machen, zu befürchten geben ... Auch kann +Niemand der Gutsverwaltung zumuthen, sich zur Tugendwächterin der +Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt +-- wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu +bedenken zu geben geruhten.« + +So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Ueberzeugung hatte Paul +damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt, +eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er nahe +daran gewesen, einzuwilligen, denn im Stillen gab er ihr Recht. Aber +war er der Mann, der gemahnt zu werden brauchte an die Erfüllung einer +Pflicht? -- Würde er sie als solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge +geschehen. Demnach hatte Paul ein rasches Ende gemacht, erklärt, er +wolle von der Sache nichts mehr hören, und über die Subjektivität der +Weiber gespottet, die immer sich, immer nur sich in die Lage der Andern +versetzen können und unfähig sind, irgend ein Verhältniß anders als +persönlich zu beurtheilen. + +»Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber +innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses +Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein +Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe +ähnlich, die er soeben verdammt ... + +Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen gewußt! +Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten sprach, wie +war es sogleich von ihr errathen, wie dankbar sein Erwachen begrüßt +worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg ihrer +guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den Kopf an +seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm emporgesehen +und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!« + +Ja, ja, sie war anmuthig gewesen und hold. -- -- + +Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an,« sprach er zu seinem +Begleiter, »daß ich heute anders denke als zu jener Zeit, daß ich +einsehe -- kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor, +die meine Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff +genommen werden.« + +Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf +scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht +intensive Wirthschaft, was hier nicht geht! ... Wovon Herr Graf sich +selbst genugsam überzeugten, und was ich mehrmals die Gnade hatte zu +bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir +das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin +zuziehen zu müssen.« + +Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, so oft er von der +Verstorbenen sprach. + +Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach +dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen +ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, muthig und +verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen +trockenen Worten. + + * * * * * + +Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im Saale, +beide, nach altem Brauche, sorgfältig gekleidet vom frühen Morgen an. +Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die Knöchel +reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe sehen +ließ. Die lichten Locken, zu beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das +feine Gesicht mit den milden Augen, von einer weißen Haube umgeben, +die ganze Gestalt wie aus einem Rahmen eines edlen, aber verblaßten +Bildes getreten, das vor dreißig Jahren gemalt worden war. Ihr Mann, +der sie einst um Kopfeslänge überragte, sah jetzt nicht größer aus +als sie. Seine breite Brust war eingesunken, seine Schultern hatten +sich gewölbt. Aber schön geblieben waren die herrlichen Züge seines +Gesichtes. Den kahlen Scheitel des wie aus Erz geformten Hauptes umgab +ein Kranz von schneeigen Haaren, und wie weiße Seide schimmerte der +Bart, der auf die Brust des Greises niederwallte. + +Der Graf stand am Fenster auf seinen Stock gelehnt und sprach: + +»Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird +Befehle geben; Einrichtungen treffen, Alles nach der neuen Art, Alles +anders als zu unserer Zeit, und tausend Mal besser. Ja, der versteht's! +Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.« + +Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne nicht +schaden; es gäbe so Manches zu thun in Sonnberg und gewiß, ein +gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine +Thätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der +bescheidene Beruf eines Landwirths der füllt einen solchen Mann nicht +aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen. + +»Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das kann +er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!« + +Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte sich +an den Frühstückstisch. Er freute sich im Stillen über das frischere +Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der Gedanke +gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben Dache mit +ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt. + +»Bist Du zufrieden mit unserer Wirthschaft?« fragte der Graf. »Vogel +hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen ... +auch fehlt uns nichts als baares Geld. Das Erträgniß, sagt Vogel, +das Erträgniß! -- ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen +Regiekosten zu bestreiten.« + +-- Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber -- Schurke! +du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir +schlecht. -- Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine +Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht ... + +»Nächste -- Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. So +lange bleibt er? o Glück! sie dachten nicht mehr ein solches zu +erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick die +stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Aeußerung der Zärtlichkeit +versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über den auf dem +Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser schüchternen +Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so unaussprechlicher Dank, +daß Paul innig sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine +Lippen drückte. Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Ueberraschung +auf ihren Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie +schienen sich zu fragen: Was ist das? -- was ist geschehen? ist er's +denn noch? + +»Je länger Du bleibst, um so besser für uns,« sagte der Graf. »Du bist +immer willkommen, lieber Sohn.« + +Den alten Leuten war seltsam zu Muthe -- ungefähr wie frommen, +verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen, +sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter +sprechen würde. + +Die Unterhaltung gerieth ins Stocken, das Frühstück war beendet; Paul +ging auf sein Zimmer, mit der Absicht -- an Thekla zu schreiben. + +Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er Abschied +von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts begeben, nicht +ein Ereigniß, das der Mühe lohnte, erzählt zu werden, und doch, ihm +schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze stille Zeit, er meinte +fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen übrigen Dasein. +Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den er an Thekla +schreibt?: »Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen ...« -- Eine Lüge! +-- »Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ...« Was kümmern sie seine +Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd bleiben, und sie +auch ihnen. + +Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das sie lieben lernen +soll, von dem will er ihr sprechen. Nur muß man kennen, was man +beschreiben will, und er hat die Kleine noch kaum gesehen, wie +absichtlich schafft man sie ihm aus dem Wege, erwähnt ihrer nicht, +gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu behaupten pflegte, kleine +Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals nur halb und ist jetzt gar +nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben nichts schwerer, als daß mit +ihren Kindern eine Veränderung vorgehen könne. Paul erhob sich, um zu +schellen, und in diesem Augenblicke wurde nach leisem Pochen die Thür +geöffnet und sein Töchterchen trat ein. Es klammerte sich dabei mit +einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der anderen trug es einen +Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, legte Marie dereinst +täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn soeben halb unbewußt +vermißt. + +»Das bringen wir dem Papa,« sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu der +Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein guter +Papa, geh' zu ihm, mein Engel, geh'!« + +Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel +zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte, +daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen. + +»Und das Kind?« + +»Das bleibt bei mir.« + +»Ganz allein? Es ist so scheu -- Sie sind ihm so fremd --« + +Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich keine +Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, noch +viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Muth, sich nach ihr +umzuwenden. + +Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze +und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust. + +»Arme, verkümmerte Pflanze!« dachte Paul. »Wachsest auf zwischen einem +geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest +frischere Lebensluft!« + +Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah die +Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner +Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll +Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst -- so standen Vater und +Tochter einander gegenüber. + +Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mariechen, +komm' zu mir!« + +Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen +zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in +unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück. +»Sie mag sich ausweinen! hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache +aufhören!« + +Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding als +eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt sich +die Ohren zu, versuchte seine Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu +lenken, die im Grün der Linde vor seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von +Ast zu Ast huschten, bemeisterte sich lange, zuletzt aber wandte er +sich doch um, sprang auf und herrschte dem Kinde zu: »Schweige!« + +Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah +aus großen, in Thränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu +seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz. +So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten +und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich +über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er +sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren +vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den +heimischen Boden betreten hatte. + +Kann das Weib, das im Leben hülflos zu seinen Füßen lag, ihn nach +dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit +unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an -- ihres kleinen +Abbildes ... nein, kein Abbild -- sie selbst, in jedem Zuge des +Gesichtes -- in jeder Bewegung ~sie~, so ganz und gar sie selbst, +als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, ein umgekehrtes Leben, das +wieder zur Kindheit führt ...... + +Im Innersten erschüttert hob Paul das Kind in seinen Armen empor und +drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit erweckte +Entsetzen, und dieses seinen Grimm. »Fürchte Dich nicht!« rief er +in thörichtem Zorne: »Fürchte Dich nicht!« während er sie tödtlich +erschreckte. Alle Glieder des zarten Körperchens begannen zu zittern, +die Augen wurden starr, und in großer Bestürzung setzte Paul das Kind +auf den Boden hin. Da blieb es still, mit herabhängenden Armen, das +Köpfchen tief gebeugt -- auf das Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein +junges Vöglein im verlassenen Neste, über dem ein Gewitter schwebt ... +Schon hat der Blitz gezuckt -- wann trifft sein Strahl? + +O du allmächtige Hülflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des +Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens! + +»Sprich,« flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort -- oder weine Kindchen! +weine -- ich bitte Dich ...« + +Sie bleibt still, stumm, leblos ... Athmet sie denn? In namenloser +Spannung hält er seinen Athem an, um dem ihren besser zu lauschen -- +-- da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Tritte +vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle ... Mariechen horcht +plötzlich auf, an der Thür wird ein Kratzen laut, gebieterisch Einlaß +heischend -- und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Roth tritt auf +seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und -- »Kitty!« +ruft es aufjauchzend. + +Paul öffnete die Thür und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen und +sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte sich, +leckte ihr die Hände und das Gesicht, sprang wieder davon, streckte +die Vorderbeine von sich, so weit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte, +sah sie an und keuchte mit herabhängender Zunge. + +Und sie -- wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen, +wie sie es mit ihren beiden Aermchen umschlang, seinen Kopf an ihre +Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit. + +Ja, dem kann sie schön thun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte +ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken -- es ist +weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund. + +Unmuthig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinweg zu +führen. Er wandte sich ab, als es geschah, was brauchte er zu sehen, +wie gern sie von ihm ging? + + * * * * * + +Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal -- und nicht +wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt -- jetzt heißt +es, um sie werben, um sie dienen ... Der Veilchenstrauß war auf den +Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben sich auf den +Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, aber es stand +in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht beendet werden +sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares Geräusch. Als ob +zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend Hornissen brummten +und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es anzuhören. Ein Geräusch, +in seiner Art nicht minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur +besser erklärt von Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald +es sich vernehmen ließ, wußte Jedermann auf eine Viertelmeile in der +Runde: der Freiherr von Kamnitzky fährt über Land! und was da rasselt, +quiekt und stöhnt, es ist seine historische Kalesche. Ein edles +Vehikel, ein ehrwürdiges Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut +wurde -- »die jetzigen Kinder denken's nicht!« + +In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels, und war +mit dunkelbraunem Tuche, -- das aber aus neuerer Zeit stammte, denn +es zählte keine fünfundzwanzig Jahre -- gefüttert. Es schwebte in +wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschuh hing an +schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein Paar dicke, +kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die, +nach dem Zeugniß ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige +Meilen auf oder ab, nicht weiter regardirten.« + +Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen und +ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei der +Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den Schlag +seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende +Trittbrett herunter zu schlagen. Kamnitzki war eben im Begriffe, diese +fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um +ihn zu begrüßen. + +»Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen. + +Paul half ihm herab: »Ich werde Dich doch nicht umsonst nach Wien +reisen lassen,« sagte er. + +»Umsonst nach Wien? mich? -- sei so gut und sag' das Deinen Eltern +--: Umsonst! ... O das ist wieder -- o freilich ... verzeih', aber so +albern reden doch nur gescheite Leute,« rief Kamnitzky voll Entrüstung +und versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten« +eins anzuhängen. + +Er fragte einen Diener, nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein +Wort mehr -- wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu +werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer Acht setzte, ebensowenig als +der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht +eben nichts über eine gute, altgewohnte Art das Gespräch anzuknüpfen, +und so wurde denn auch heute, wie immer, der Gastfreund mit den Worten +empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt Dir ein?« + +Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und trank +ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges Mal +darüber zu erröthen. Seine gute Laune, und sein guter Appetit erweckten +das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung jedoch +geriethen sie, als er nach dem Speisen begann über die Regierung zu +schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übel nehmen. + +»Er meint nicht Dich,« sagte der Greis beruhigend zu seinem Sohne. + +»Bitt' um Verzeihung! Wohl mein' ich ihn und sein ganzes, ihm +nachbetendes Gelichter,« rief der erregte Freiherr. + +Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide +Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige +Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt, +bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte +den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne +geklemmt, die, wie gewöhnlich, nicht ins Glühen kommen wollte. Sein +kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus. + +»Euch Alle mein' ich, politische Doctoren, Verjüngerer, Verbesserer +des Staates, Baumeister ... ja saubere Baumeister! ... Flicken einen +Riß in der Mauer, repariren am Dache und merken nicht, oder thun, als +ob sie nicht merkten -- daß die Fundamente wanken ... Wißt Ihr, wie +das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude +sich errichten läßt: Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze +macht Ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die +sie befolgen, die sollen noch geboren werden. -- Was Gesetze! sagen +wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den Einzelnen +auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß -- um ihnen den Vater zu +erhalten. Vortheil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen +für den armen Teufel, auf den gehen wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem +großen Ganzen thut, das -- hol's der Kuckuck! -- was kümmert's uns?« + +Er hielt inne, dunkelroth und keuchend, und fuhr sogleich wieder +heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet +ist, heißt all' Eure Thätigkeit _salva venia_ nichts! ... Aber +freilich -- wer steigt gern vom First in den Keller -- und daß der +First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für Euch noch keine +Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Gethan müßte sie +werden, und verschüttet, und wieder gethan, und wieder verschüttet; und +hundertmal das scheinbar Vergebliche zu thun, müssen ein paar hundert +Männer den Heldenmuth haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken +-- unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh' und Selbstverleugnung +ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche Keiner: Seht hin, was der +geleistet hat! -- Viel später erst, ein Enkel Deiner Enkel freute sich +vielleicht: -- sieh da, die Luft wird rein -- das Volk wird brav; es +giebt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern. +Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesäet unter uns: +... Das haben -- von langer Hand her -- schlichte Männer gethan, die +sich geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein +Strahl des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein +solcher Lohn?! Es ist zum Lachen -- der lockt keinen Hund vom Ofen, +geschweige denn einen glänzenden Redner von der beifallumrauschten +Bühne herunter!« + +Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren Sohn +gerichtet. + +-- Er läßt den kindischen Menschen faseln -- dachten sie, plötzlich +wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg +und sagte endlich nur: »Man könnte Dir zwar Manches einwenden, allein +im Ganzen hast Du so Unrecht nicht.« + +Seine Eltern sahen einander lächelnd an: -- O dieser Paul! -- welche +Güte, welche Nachsicht, mit dem armen streitsüchtigen Thoren, der aus +seinem Mausloch die Welt reformiren will. + +Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild. + +»So Unrecht nicht?« rief er. -- »Wahrhaftig? ... Da meint man +immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur +Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als +Du! wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel -- den Weg +dahin, den zu wählen überlasse uns -- davon verstehst Du nichts. Das +wär' ein Wort, das sich hören ließe! aber: Du hast recht ... Schämt +Euch ... das ist ein schöner Trost!« + +»Geh' -- geh',« sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und +hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit +unsäglicher Mühe seine Cigarre wieder für einige Augenblicke zum +Glimmen brachte. + +»Na,« sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde +plötzlich sehr roth und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und +betheuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald +darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem +Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirth und entfaltete +eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten, +erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem +Freunde, so lange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen +Taschentuche die freundlichsten Grüße zu. + + * * * * * + +Zurückkehrend durch die hallenden Gänge kam Paul an den Gemächern +vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die +Hand auf die Thürklinke, sie gab seinem Drucke nach, -- ein kurzes +Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß +auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod +sie überschritten. -- So vergessen sind diese Räume, daß man nicht +einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen, +dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der +Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber er +hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine Spur +des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen der +untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte durch die +geöffneten Fenster über die reich gefüllten Blumenkörbe, durchwürzte +die Luft mit zarten Düften, bewegte die weißen Vorhänge. Spiegelblank +glänzten die Dielen, Teppiche waren allenthalben ausgebreitet, jede +Kleinigkeit befand sich an ihrem gewohnten Platze; Alles war so sorgsam +geordnet, so liebevoll gepflegt, als wenn auch hier täglich, stündlich +eine Wiederkehr erwartet würde. + +Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den Salon +und betrat das Schlafgemach. + +Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem Kanapee +in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd glitten sie +hinaus wie Schatten. + +Seine Eltern! ... + +Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein +entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die der +Verstorbenen gedient, ihren theuersten Besitz ausgemacht haben. Sie +lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten Gedanken, in dem +Gedanken an ihn, von dem hier Alles Zeugniß giebt. Er war der Gott +dieses stillen Heiligthums, aus dem die Priesterin geschieden ist. +Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen -- als rosiges Kind, +als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im Studentenrocke, mit +leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem Haar, als Mann in der Ruhe +der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen Selbstvertrauens ... Das war +er als Bräutigam, und ein verwelkter Myrthenkranz hängt an dem Rahmen +des Bildes. + +Das alterthümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen +an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat Alles mit gleicher Sorgfalt +bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das +Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie +denselben Werth. + +Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter -- +Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal! + +Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin. +Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie +verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band +auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an +und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher +sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht. +Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst +angewiesen, hatte sich mit muthigem, wahrheitsuchendem Verstand an +ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den errathenden Blick besessen, +der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge +richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen +ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich +entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses +... + +Zu spät -- zu spät erkannt! + +»Ich war allein in Deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an Deiner +Brust« -- tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um +es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Athem ihrer +Liebe ihn umwehte. + +O, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange nur, +daß er ihr sagen könnte: »Ich weiß jetzt, was Du littest -- ich erfuhr +es auch!« + +Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört, +nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht +einmal ein Schrei flammender Reue -- nicht einmal das Schmerzenswort, +das Erlösungswort: + +»~Verzeih!~« + +Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte den +Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen, +ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten +Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus. +Der feine Staub, der gleichmäßig vertheilt auf allen Gegenständen +lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war -- +lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief +hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger +Abschiedsgruß. »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschiren morgen,« +hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren +verwischt ... Wie viele Küsse mußten darauf gebrannt haben, wie viele +Thränen darauf gefallen sein! -- Die Hand zitterte, mit der Paul den +Brief bei Seite legte und mechanisch eine Mappe öffnend, in derselben +zu blättern begann. Zwischen anderen Papieren fand er ein zur Hälfte +beschriebenes Blatt. -- Mariens wohlbekannten Schriftzüge, das Datum, +drei Tage vor ihrem Tode, die Aufschrift »Lieber Paul!« + +»Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so kommen +würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich stark und +muthig, wie Du es warst, und leicht sein konntest, weil Du dachtest, +ich seh sie Alle in wenigen Tagen wieder.« + +Nein -- er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit +dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren, +er wollte sich nur den Aerger und die Pein eines thränenreichen +Abschieds ersparen. + +Sie kämpfte heldenmüthig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen mußte, +schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter Stimme +wiederholend: »Weine nicht!« + +Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen +nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen. +Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich vor +-- inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: »O komm zurück!« + +Er hatte sich an der Thür flüchtig umgesehen und flüchtig hatte +ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr +einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er +unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging -- der +Unglückselige! ... + +Er las weiter. + +»Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht. +O wüßtest Du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes +willen, mein Paul, das ich Dir bei Deiner Rückkehr in die Arme legen +werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg, +erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein +Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher Dein erwachtes Herz mir +entgegenschlägt, Deine ganze Seele mir zuruft: Komm!« + +»So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf, +er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend, +Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann +plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn, +schrecklich, hoffnungslos -- eine Erkenntniß, nie wieder auszurotten, +eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast +Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am +ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schwerathmende Brust ... + +Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu bewegen, +eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten herauf +ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich zusammen, +ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die Vorhänge +auseinander -- -- -- + +... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei +Stunden waren vergangen. »Neun Uhr,« sagte der Vater. Die Gräfin legte +ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in ihrem +Schoße. + +»Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort -- »noch immer bei ihr?« + +Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer. + +Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück. + +»Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung +entgegen kam. + +»O Karl! er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint.« + + * * * * * + +Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief; +er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht von +einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen müsse. +Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die Heimkehr +ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht +zumuthen könne, das Leben zu theilen, welches er von nun an zu führen +entschlossen sei. + +Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens +sich in Sonnberg ein. »Sie versteht Dich, sie, die Alles versteht, +nur nicht -- mich zu lieben,« sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir +wissen ja -- Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber, +so leid mir's thut, ich meine: Besser spät als zu spät.« + +Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich bereits +nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin zu +folgen, wozu ihm zum ersten Mal die Erlaubniß ertheilt worden. + +»Ich nehme Alfred mit,« sagte er ... »Weißt Du, daß meine Absicht ist, +dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? -- Warum soll ich ihn +warten lassen auf meinen Tod? Und dann -- ~eine~ Gräfin Neumark +möchte ich Fürstin Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon +wissen, vielleicht, daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt +nicht an der Zeit ... Und Du wirst ja hören --« + +Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren +von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's +gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast +zutraulich geworden. + +Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, nahmen die +Freunde Abschied. Als die Equipage in die Biegung der Straße einlenkte, +wandte Klemens den Kopf zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber +dieser war bereits umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das +mit offenen Armen auf ihn zugelaufen kam. + + [Illustration: Ornamentales Motiv] + + Druck von ~E. Bernstein~ in Berlin. + + + + + Anmerkungen des Bearbeiters + + +Ein Inhaltsverzeichnis wurde für diese Ausgabe neu erstellt und dem +Text vorangestellt. + +Kleinere Zeichensetzungsfehler (z. B. fehlende Kommata oder falsch +gesetzte Anführungszeichen) wurden stillschweigend berichtigt. + +Altertümliche Wörter und abweichende Schreibweisen wurden unverändert +beibehalten. + +Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert: + + Seite 97: eineinzutreten geändert zu einzutreten in: + forderte sie jedoch auf, einzutreten. + + Seite 103: ünwillkürlich geändert zu unwillkürlich in: + und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger + + Seite 107: fremdeu geändert zu fremden in: + im Namen einer fremden Frau empfangen. + + Seite 112: ihn geändert zu ihm in: + um ihm den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient + aufzunöthigen. + + Seite 181: Dübois geändert zu Dubois in: + dem Bruder Dubois nach Frankreich + + Seite 181: ans geändert zu aus in: + holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte + + Seite 184: allertieften geändert zu allertiefsten in: + ein Genießender im allertiefsten Sinne. + + Seite 186: das geändert zu daß in: + diese Damen sind im Geheimen überzeugt -- daß Lernen dumm macht.« + + Seite 331: ihrer geändert zu Ihrer in: + Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche + + Seite 396: Freiherrr geändert zu Freiherr in: + »Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen. + + Seite 408: Bieguug geändert zu Biegung in: + in die Biegung der Straße einlenkte + +Im Original gesperrt gesetzte Wörter sind mit ~ gekennzeichnet. + +Im Frakturtext ursprünglich in Antiqua gesetzte Wörter sind hier durch +_Kursivschrift_ wiedergegeben. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78490 *** diff --git a/78490-h/78490-h.htm b/78490-h/78490-h.htm new file mode 100644 index 0000000..453dab2 --- /dev/null +++ b/78490-h/78490-h.htm @@ -0,0 +1,11419 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> + <title> + Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10) : Dritter Band. 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Erster Band. | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/i_cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +h1, h2, h3, h4, h5, h6 { + text-align: center; + clear: both; +} + +h1 span { + display: block; +} + +.s3 { font-size: 1.33em; } +.s5 { font-size: 0.75em; } +.s6 { font-size: 0.5em; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +.p1 { padding-top: 1em; } +.p2 { padding-top: 2em; } + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +.divider { + display: block; + height: 0; + width: 25%; + margin: 1em auto; + border-top: 2px solid black; +} + +img { + height: auto; +} + +img.cover { + width: 20em; + min-width: 20em; + height: auto; + display: inline-block; + page-break-inside: avoid; +} + +img.title { + width: 5em; + min-width: 5em; + height: auto; + display: inline-block; +} + +.x-ebookmaker-2 img.title { + max-width: 10%; 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Die Repetiruhr, die an einem +zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des alterthümlichen, +reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechs Mal an. +Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister +Anton Schreibelmeyers, von der Commode am Pfeiler aus, die Morgenstunde +zu verkünden. — Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die +Arbeit! der Tag beginnt! — Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als +auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und +leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig' ich's an.</p> + +<p>Eine kleine Pause — und am linken Kopfende des Bettes erhob das +Seitenstück der Repetir-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein +Schäferliedchen zum Besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es +gesungen.</p> + +<p>Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Concerte, +das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit +eingestimmt, so fröhlich war ihr zu Muthe. An dem Lichte, das durch +die herabgelassenen <span class="pagenum">4</span> Vorhänge in das +Zimmer drang, erkannte sie, daß es heute einen schönen Tag gebe — war +das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum +Überströmen zu bringen?</p> + +<p>Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber +ohne dabei mehr, als durchaus nöthig war, in den Spiegel zu sehen, +denn — sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie +ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach +empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als +ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Aeußeres +gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen +Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur +in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich Anderen anders +vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich Niemand leiden.</p> + +<p>Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf in das +Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen +kleinen Platz sah — einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier +Häusern gebildet; doch war er luftig und hell, und gewährte den +Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer +Vorzug war. Es will etwas heißen, im Herzen der Civilisation zu +wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, +den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und +dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie <span +class="pagenum">5</span> Knauer, und das Studium des Sternenlaufes, +fast wie ein Chaldäer, betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen, +und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen.</p> + +<p>Dieses Stück Himmel, obwohl — nur aus einem Fenster sichtbar, +erhellte dem Fräulein die ganze im Uebrigen ziemlich finstere +Wohnung und ließ ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu +derselben hinauf führten, als eine höchst anmuthige Promenade +erscheinen, weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung, und <span +class="gesperrt">beinahe</span> ebenso lohnend.</p> + +<p>Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem +Platze und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse +Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, +das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten +schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Bel-Etage sind die +Gardinen noch nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein, +sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft umflorten Blau, in seiner +duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen giebt's +freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.</p> + +<p>Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippelten dicke +graue Tauben in großer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das +Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu serviren pflegt. +Kaum weniger gespannt als sie, sehen noch andere Geschöpfe <span +class="pagenum">6</span> dem anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung +entgegen. Es sind die nächsten Nachbarn des Fräuleins, und sie gehören +zu ihren Bekannten, wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur +Linken erhält ihren ersten Gruß, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. +Jener, ein gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild +eines alten Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit +runden, Dank der frühen Morgenstunde, sauber gewaschenen Gesichtern. +Prächtige Bursche, noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon +der weiblichen Zucht entwachsen; mit Worten wenigstens richtete die +Mutter nichts mehr bei ihnen aus, obwohl sie dieselben nicht spart, +die brave Frau. Der Mann und Vater hat seine Werkstätte nebenan in den +Hof hinaus, und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. +Er ist Pfeifenschneider, aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen, +und Ueberfluß hat er nur an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben +angefangen sich um den besten Platz am Fenster zu balgen, die Mutter +tritt unter sie, ein zweijähriges Mädchen auf dem Arme, zieht den +Pantoffel vom Fuße und schlägt wacker auf die Buben los. Der Pantoffel +fällt, gleich der Hand des Schicksals, ohne Unterschied auf das +Haupt des Gerechten wie des Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und +Frieden. Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster, +und beobachten die grauen Tauben, mit innigstem Verständniß für ihre +Rauflust und ihren guten Appetit.</p> + +<p>Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist <span +class="pagenum">7</span> auf das Fräulein gerichtet. Das braune +Mohair-Kleid, das seine Gönnerin heute zum ersten Mal angethan hat, ist +seiner Hände selbsteigenes Werk. Der Schnitt hat sich seit wenigstens +zehn Jahren als vortrefflich bewährt, und genäht und ausgefertigt ist +das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt, die ihres Gleichen sucht. Alles +solid und geschmackvoll. Der Rock so faltenreich, die Taille weder zu +lang noch zu kurz, sondern gerade dort angebracht, wo der liebe Gott +sie hingesetzt hat. Sie wird von einem breiten Gürtelband umgeben, +aus reiner Seide fein weich und dauerhaft. Aus demselben Stoffe +bestehen auch die Biais, die den Kragen und die enganliegenden Aermel +schmücken. Von den letzteren heben sich die glatten Manchetten, welche +das Fräulein zu tragen pflegt, gar schön ab, und diese bilden die +schneeweiße Einfassung der zarten schlanken Hände. Ach, diese Hände! +das Schneiderlein vermag sie niemals ohne innere Rührung zu betrachten. +Sie waren das Erste, was er erblickte in jenem unvergeßlichen Momente, +in dem er die Augen aufschlug, die er für immer geschlossen zu +haben meinte, freiwillig geschlossen, nach schwerem, entsetzlichem +Kampfe. Der Alte besinnt sich nur noch wie eines bösen Traums des +hoffnungslosen Elends, das ihn zu einer That der Verzweiflung +getrieben; er hat die Ursache fast vergessen und begreift ihre Wirkung +nicht mehr. »Ich muß wahnsinnig gewesen sein!« sagte er jetzt, wenn +er der Stunde gedenkt, in welcher er sein kleines Töchterchen zu sich +gerufen, Thür und Fenster desselben Zimmers, das er heute <span +class="pagenum">8</span> noch bewohnt, verriegelt, und das Kohlenbecken +entzündet.</p> + +<p>Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen +Schneidermeisters gemacht, ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin. +Nachdem er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden, +sammelte sie allmälig für ihn einen kleinen Kundenkreis. Der Schneider +befand sich jetzt in guten Verhältnissen, war sogar im Stande einen +Sparpfennig zurückzulegen. Er hätte das ruhigste Leben gehabt, wenn +mir die revolutionären Ideen seiner Tochter nicht gewesen wären. Aber +die Leopoldine, ein ehrgeiziges junges Ding, ein Feuerkopf, hatte an +den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und schwärmte, zu +seinem Grauen und Entsetzen, für die unsinnigsten, lächerlichsten, +abscheulichsten Moden, nämlich für die neuesten.</p> + +<p>Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen +jetzt einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen +Seidenmantille mit einem Eifer, den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn +beflügelt. Die Mantille braucht erst morgen fertig zu werden, wird es +aber gewiß heute noch, wenn die Furie anhält, mit der Vater und Tochter +die Nadel führen.</p> + +<p>Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte +geöffnet; eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen, beide +wohlgenährt und weißhaarig. Die Katze schleicht zur Morgenpromenade +auf das Dach hinaus, bleibt öfters stehen und wirft begehrliche +Raubthierblicke nach den Tauben, die von Fräulein Lotti gefüttert +<span class="pagenum">9</span> werden. — Wer eine von Euch erwischen +könnte! denkt sie. Saubere Weltordnung, in der wir leben. — Gäb's eine +Gerechtigkeit — ich hätte Flügel!</p> + +<p>Frau Katze schüttelt den Kopf, schließt die Augen, leckt die faden +dünnen Lippen und gähnt wie ein Tiger.</p> + +<p>Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein, damit die +Spaziergängerin bequem eintreten könne; wenn es ihr genehm sein würde, +heimzukehren. Die Rückkunft ihres Lieblings kann die Bewohnerin der +Dachstube nicht abwarten, sie muß an ihren Posten, in den kleinen Laden +im Durchhause nebenan, wo sie im Winter altgebackenes Brod, im Sommer +auch Obst feilbietet, und zu allen Jahreszeiten Näschereien, die ihre +Katze verschmähen würde, die aber an den Schulkindern beharrliche +Abnehmer finden.</p> + +<p>Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüße zu der dicken Frau empor, +die so freundlich aussah wie des Teufels Großmutter, und sich's lange +überlegte, bevor sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte. Aber +auch damit ist Lotti zufrieden. An Zuvorkommenheit von Seite der Frau +Brodsitzerin wurde sie nie gewöhnt, und hat auch kein besonderes +Herzensbedürfniß danach. Sie wünscht nur, konservativ wie sie einmal +ist, daß Alles beim Alten bleibe, und daß sie sich täglich sagen könne, +was die Potentaten jährlich einmal in ihren Thronreden sagen: »Unsere +Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten.«</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">10</span> + <h3 class="nobreak" id="II"> + II. + </h3> + +<p>Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den +Schnäbeln zu und zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, +in der Nähe des Kamins hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen +Haushalts, schon alle Vorbereitungen zum Thee getroffen. Lotti begann +nun ihn zu bereiten. Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit +wohlgefälligen Blicken.</p> + +<p>Je länger sie es bewohnte, desto gemüthlicher erschien es ihr, desto +mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern, +die es möglich gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen +in dem schmalen Zimmer unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man +sich darin freilich nicht, am wenigsten dann, wenn zufällig mehrere +Schrankthüren zu gleicher Zeit offen standen. Doch — was lag daran? +Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für solche nicht vorgesorgt. +Außer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten benützte, war nur noch +ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter Holzsessel, ein +wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum beweglicher +als ein <span class="pagenum">11</span> Berg, einen Arbeitstisch, auf +dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter Glasglocken, und alle erdenklichen +Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der linken Seite des Fensters, in der +dunklen Ecke, welche das Zimmer dort bildete, befand sich ein großer, +bis an die Decke reichender Schrank. Der glich einer gothischen +Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr schön, sehr merkwürdig und +sehr unbequem — der Schreibtisch einer Person, die nicht schreibt. Um +so zweckmäßiger war der niedrigere Bücherschrank, der den größten Theil +der Längenwand, dem Eingange zu Agnesens Zimmer gegenüber einnahm. +Schlanke Säulen mit korinthischen Capitälchen verzierten die Glasthüren +des Aufsatzes, hinter dessen blanken Scheiben eine sehr gemischte +Gesellschaft friedlich beisammen wohnte.</p> + +<p>Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich +abgenützten Prunkgewand aus rothem Saffian, neben zwei kleinen dicken +Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen, den <i>Mémoires du +Maréchal de Bassompierre</i>. Goethes Benvenuto Cellini hatte zwei ganz +unähnliche Nachbarn, Dom Jacques Martins <i>Histoire des Gaules</i> +und ein ehrwürdiges Incunabel: Unser lieben frawen psalter, gedruckt +zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jacobi. In dè iar +als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des römischen +Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Firlein herab, Krummachers +Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die Annalen des +Tacitus. <span class="pagenum">12</span> Lessings Laokoon war durch +ein Versehen mitten hinein gerathen zwischen den Barometermacher auf +der Zauberinsel und die Familie von Halden; Prinz von Gothland, der +Bramarbas und Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. +Viele Classiker der Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch +irgend ein Hauptwerk vertreten; vollständig vorhanden jedoch waren alle +Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre lange, majestätische Reihe wurde +durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet, und schloß mit M. L. Moinets +<i>Traité général d'Horlogerie</i>.</p> + +<p>Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigenthümerin ganz +fremd, mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße, und gerade in +diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von Neuem. +— Denn, meinte sie, ein schönes Buch nicht wieder lesen, weil man es +schon gelesen hat, das ist, als ob man einen theuren Freund nicht +wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.</p> + +<p>Uebrigens — ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man +nicht aus. Ein weises Buch ist eben so unergründlich wie ein großes +Menschenherz.</p> + +<p>Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen, auch noch +einen besonderen, für Lotti unschätzbaren Werth. Sie waren mit +Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen, der ihr unter allen +Lebenden am höchsten gestanden — ihres Vaters.</p> + +<p>Sie meinte, ihn sprechen zu hören, wenn sie die <span +class="pagenum">13</span> kurzen, zierlich geschriebenen Sätze, Früchte +reiflicher Ueberlegung und solider Fachkenntniß, überlas.</p> + +<p>Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen +Gedanken deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden +ist. Das Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben, +hatte ihn gelehrt dreißig »vielleicht« und »ich glaube« leichter +auszusprechen, als ein: »So ist's«, oder ein: »Das steht fest.«</p> + +<p>Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft +erfahren hatte, daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse +ein Irrthum lauern kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen +aufzustellen. Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten, die es +verstehen, einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen, +ihr gehöriges Gewicht.</p> + +<p>Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen, wie ernst +es ihm war mit seinem Beruf, und welche Liebe er für denselben +gehegt. Man sah es wohl, was er auch gelesen hatte, wie sehr ein +Buch seine Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte, seines Handwerks +hatte er dabei nie vergessen. Niemals war ein bemerkenswerthes +Ereigniß in der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntniß gekommen, +ohne daß er gesucht hätte, es mit einem eben solchen in der +Geschichte der Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum +Beispiel in einem historischen Werke, an einer Stelle, wo <span +class="pagenum">14</span> die Rede war vom Tode Kaiser Rudolphs +von Habsburg, von Feßlers Hand die Anmerkung: — In demselben Jahre +erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr, für welche 30 Pfund +Sterling bezahlt wurden. Weiter, als der »goldenen Bulle« Erwähnung +geschah, hatte der Meister seinerseits erwähnt: Gleichzeitig ehrte +die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste öffentliche Uhr +aufstellen ließ. — Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen Ansprüchen +auf den französischen Thron — und — fügte Feßler hinzu: ertheilt +dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie nach +England kommen können. Anno 1368. — In demselben Geschichtswerke war +der Beiname König Karl V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen und +daneben stand: Muß, wie der gleichnamige große deutsche Kaiser, eine +besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt, ja vielleicht +selbst dabei Hand angelegt haben. Der berühmte Meister Jouvence hätte +sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren mit der Inschrift zu +versehen:</p> + +<p class="indent4"> + <i>Charles le Quint, Roi de France</i><br> + <i>Me fit par Jean Jouvence.</i> +</p> + +<p>Der nämliche weise König ließ auch (1364) Herrn Heinrich von Wick +nach Paris kommen, wo dieser eine Uhr für den Thurm des königlichen +Schlosses verfertigte. Er erhielt Wohnung in demselben Thurm und eine +Besoldung von sechs Sous täglich.</p> + +<p>Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, <span +class="pagenum">15</span> daß Luther seine Bibelübersetzung zu +derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher Peter Hele, Andreas +Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten Taschenuhren zu +Stande brachten; daß im Jahre des Unterganges der spanischen Armada, +Andreas Landeck, Schüler Abraham Habrechts und Verfertiger der ersten +Kirchenuhr in Nancy, zu Wertheim in Franken geboren wurde; daß Anno +1690 — glorreichen Andenkens für Deutschland wegen der Gründung der +Universität Halle, und für Frankreich wegen der Siege Luxemburgs, +Catinats und Tourvilles — in Paris, wo bisher nur kleine Taschenuhren +beliebt gewesen, plötzlich sehr große in die Mode kamen ... Und so +weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame Zusammenstellungen, +die Jedem, der ein Herz hat für die Uhrmacherei, gar viel zu denken +geben.</p> + +<p>Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals +verrathen, sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er +nur ein ungelehrter Mann war und nicht im Stande, eine ausführliche und +genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. +Das beste Material, das es geben kann — wenigstens zu einem Hauptzweig +eines solchen Werkes — besaß er selbst. Er hatte im Laufe seines langen +Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht, wie sie vor ihm +so vollständig und lückenlos, schwerlich ein Privatmann (Herrn Asthon +Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen haben dürfte. Lauter +seltene und auserlesene Exemplare, jedes der Vertreter einer eigenen +Gattung, <span class="pagenum">16</span> jedes werthvoll an und für +sich, und doppelt werthvoll als Theil des Ganzen, zu dem es gehört. +Wäre diese Sammlung bekannt, sie wäre gewiß auch berühmt geworden, sie +hätte die Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber dem Meister +Johannes war um Berühmtheit gar nicht zu thun, und was die Bewunderung +betrifft, die ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre — wer hört nicht +gern loben, was er liebt? — so hat sie doch meistens Neid und Verlangen +in ihrem Gefolge, die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er +freute sich im Stillen an seinem Schatze, was nicht heißen soll, daß +er sich allein daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen +Interessen kannten als die seinen, für die sein Wort das Evangelium +war, sein Beifall das Ziel aller Wünsche, seine Zufriedenheit das +höchste Lebensgut. Die Beiden waren seine Tochter Lotti und sein +Ziehsohn Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in ihrer Kindheit, +und später mit Stolz: »Meine Gehülfen«. Endlich schien ihm auch diese +Bezeichnung nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus, +ohne sich dabei in Gedanken zu verbessern: »Ich sollte eigentlich +sagen: Meine Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge +sind, mich zu überflügeln.«</p> + +<p>Daß sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit — sein +liebster Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum +von Erfolg und Glück, den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen +hegte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt +<span class="pagenum">17</span> geebnet vor ihnen, sie waren so ganz +geschaffen die Bahn, die das Schicksal ihnen vorgezeichnet, Eines auf +das Andere gestützt, ohne Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu +verfolgen. Sie waren beide brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe +geistige Interesse und dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals +war ihre Einigkeit getrübt worden. Von dem Augenblick an, in welchem +Feßler den kleinen Gottfried, den Sohn eines in der Fremde verstorbenen +Verwandten, in sein Haus aufgenommen, hatte sich dieser, so jung er +selbst war, zum Beschützer des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen. +Gottfried war völlig verwaist, Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter +verloren.</p> + +<p>Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, +ernster Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, +<span class="gesperrt">sie</span> ein hochaufgeschossenes, schlankes +Mädchen, verständig, sanft, und dabei immer lustig und guter Dinge. +Sie bewunderte und verehrte ihren Vetter und fürchtete seinen Tadel +mehr noch als den ihres Vaters. Ihren ersten großen Schmerz erfuhr sie, +als Gottfried nach London geschickt wurde, um dort seine Lehrjahre +durchzumachen. Er selbst hatte die Stunde der Abreise kaum erwarten +können, aber als sie herankam, war sie so düster und leidvoll, wie +sie aus der Ferne licht und freudig geschienen. Lotti schluchzte +bitterlich. Der frohe Muth, mit dem sie bisher der Trennung von ihrem +Jugendgespielen entgegengesehen, war plötzlich verschwunden, sie wollte +nicht mehr begreifen, warum <span class="pagenum">18</span> er denn +fort müsse, und wie es sich ohne ihn leben lassen solle.</p> + +<p>Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloß seine beiden +Kinder in einer Umarmung, dann trennte er sie sanft: »Leb' wohl, +Gottfried,« sagte er, »in drei Jahren bist Du wieder bei uns. Geh', +lieber Sohn. Im Vaterlande eines Harrison,« in seinen feuchten Augen +leuchtete es begeistert auf — »eines Mudge, eines Arnold müssen +unsere künftigen Meister leben. Wenn Du heimkommst, werde ich von Dir +lernen!«</p> + +<p>Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds +Lehrzeit um war, und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei +seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten +Meister und dessen Kunst zu schätzen. So berühmt jene auch seien, +so theuer ihre Arbeiten bezahlt werden, Feßler dürfe sich mit dem +größten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der Geringste unter +Allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu +verwerthen. Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück. Beehrten ihn +die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten +sie, ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen +kam?</p> + +<p>Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, +was ihn kränke. — »Ihr Name auf Deinem Werk! wo steht denn der +Deine? Wer kennt Dich? wer weiß etwas von Dir! ... Was hast Du +von Deinen unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten?« <span +class="pagenum">19</span></p> + +<p>»Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Feßlers, und das Herz +schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn +ihm zollte.</p> + +<p>Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit +voll beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit +der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein +bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe +von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem +Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« — Dieses Lob hatte er noch +nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen +war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte +Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte +dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld — aber +welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding +seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann. +Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten — das Herz des +jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche +Zeit! — warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so +erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und +Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer +Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr +Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst — eine +Last.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">20</span> + <h3 class="nobreak" id="III"> + III. + </h3> + +<p>Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die +Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß +auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden, +sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht +bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu +können:</p> + +<p><span class="gesperrt">Ich habe das Leben, das ich +brauche!</span></p> + +<p>Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte +sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und +Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles +mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit +geraumer Zeit in der kühlen Erde.</p> + +<p>Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals +hatten ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines +erfinderischen Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare +weiß geworden, hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen +klaren Zügen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen <span +class="pagenum">21</span> Jugend. Die Jugend des mit Bewußtsein +Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich nicht Zeit +genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und erlernt — +da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt zu haben, +trat der Tod an ihn heran.</p> + +<p>Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der +Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in +der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche +Wohlhabenheit sichern können! — Vor einem Jahre noch fand sich die +beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die +Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich +hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal +geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht +feil.«</p> + +<p>Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er +sich in seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend +seinen Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu +melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe +ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre +Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren.</p> + +<p>So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen +harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem +Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe <span +class="pagenum">22</span> gelangt. Es fehlte nicht an zudringlichen +Leuten, die trotz der standhaften Zurückweisungen, die sie erfuhren, +immer wieder erschienen, immer neue Bewerbungen anstellten, immer +glänzendere Anerbietungen machten. Das war denn oft herzlich +langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe, welche Lotti für ihre +Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals auf, ihnen ihre +Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel zu thun gab und +wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an ihr Tagewerk, +ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte sie das +jemals unterlassen müssen, — die rechte Begeisterung, die rechte Lust +zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt.</p> + +<p>Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke +stand neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. +Eben fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, +auf Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er +sogleich hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen +Meisterwerke beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von +purpurrothem Sammet lagen.</p> + +<p>Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die +reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig +geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten +und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer +Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade +Nummer Eins!<span class="pagenum">23</span></p> + +<p>Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und +drei »Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre, +manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten +Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen +Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs +damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den +Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und +Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des +Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie +wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft +zu geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender +...</p> + +<p>Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten, +hatten sich Schweres vorgesetzt — und mit wie geringen Mitteln +gedachten sie es zu erreichen! — Mit Spindelechappements — mit +Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste +regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer +Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen.</p> + +<p>Aber — so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie +wußten — das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie — +daß Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf +ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen +herbei, dem nichts unmöglich ist, und <span class="pagenum">24</span> +stellten die Werke ihres Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, +empfahlen sie auch wohl der Fürsprache der Mutter Gottes oder eines +vornehmen Heiligen. Einer der alten Meister hatte in den Boden des +Federhauses, das die Kraft umschließt, von welcher alle Bewegung +ausgeht, die das ganze Getriebe gleichsam beseelt, den Namen Jesu +eingegraben. Von einem andern war aus dem fein geschnittenen, prächtig +ornamentirten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel +des Zifferblattes gebildet worden. Auf der Innenseite des Gehäuses +standen die Worte eingravirt:</p> + +<p class="indent4"> + <i>Kaspar Werner hat mich gemacht</i><br> + <i>Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht</i><br> + <i>Da · man · zelt · 1541.</i> +</p> + +<p>Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein +Lädchen nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen +Formen und Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, +in Gehäusen aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. +Unter andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger +»Stadtphyr«, »Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, +das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des +Leidens Christi bedeckt, die dem besten Künstler zur Ehre gereicht +hätten. Leider fehlte das Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte +man geschlagen sein müssen, um nicht sogleich zu erkennen, daß die +prächtige deutsche Arbeit aus der Zeit <span class="pagenum">25</span> +Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim +hergestellt worden war.</p> + +<p>Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls +kreuzförmig, mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein +Zweifel obwalten. Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt +geschickt, sondern neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein +»Conrad Kreizer« eingeschrieben.</p> + +<p>Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen, +geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben +geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen +Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder +merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien, +Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es +fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen +Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte +eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem +Werke spiegeln.</p> + +<p>Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen +Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... +Ach, <span class="gesperrt">die</span> weckt traurige Erinnerungen, +mahnt an die große Enttäuschung in Lottis Leben. Mit einer solchen +Uhr in der Hand trat dereinst ... Hinweg! — Schlafe Du nur ruhig +weiter. Hinweg von dir zu dem unerhörtesten Curiosum der <span +class="pagenum">26</span> Sammlung — zu der Seetaschenuhr von Mudge dem +Ersten.</p> + +<p>Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und +unsterbliche Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt +hat, und zwar die erste im Jahre 1774, und die beiden andern, +der <span class="gesperrt">blaue</span> und der <span +class="gesperrt">grüne</span> Zeithalter genannt, im Jahre 1777. +Nun, die Geschichte hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die +gründlichste Art der Welt widerlegt, durch eine Thatsache — hier war +eine vierte Mudge. Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn +in Greenwich geprüften und sicherlich in demselben Jahre mit dieser +entstanden, wie denn auch die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht +worden waren.</p> + +<p>Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr +Mudges besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen +befand.</p> + +<p>Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es +war eine ganze Mudge — die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte +man freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten +Greisin.</p> + +<p>Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne +Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas +von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine +vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus +Gütenbach.</p> + +<p>Ein Familienerbe! — Als Bräutigam hatte sie der <span +class="pagenum">27</span> Urgroßvater Lottis ihrer Urgroßmutter +zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried nannte sie die +Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als Schaustück im +Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen Festtagen wurde +sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti aufgezogen. Dann +setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und vollführte einen so +accuraten und energischen Gang und bimmelte so fleißig fort, als ob sie +noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als ob sie all' die Zeit +einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße versäumt.</p> + +<p>Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben, +so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der +Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden +und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die +Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie +zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter +und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja, +meine Uhren — die machen mir noch das Sterben schwer!«</p> + +<p>In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet.</p> + +<p>»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme.</p> + +<p>Lotti wandte sich rasch: »Du, Gottfried? Ist es denn schon acht +Uhr?«</p> + +<p>»Noch nicht,« war die Antwort, »ich bin heute unpünktlich.« <span +class="pagenum">28</span></p> + +<p>»Zeichen und Wunder!« rief Lotti, »was ist geschehen? Was +giebt's?«</p> + +<p>Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen +Glasglocken von den Uhren, welche darunter lagen, und nahm diese in den +allergenauesten Augenschein.</p> + +<p>»Du bist ja fertig,« sagte er nach einer Weile.</p> + +<p>»Beinahe — aber antworte mir doch — was giebt's?«</p> + +<p>Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnißvoller Miene, halb +freudig, halb zweifelnd an und sagte: »Eine Ueberraschung.«</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">29</span> + <h3 class="nobreak" id="IV"> + IV. + </h3> + +<p>»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge, +»wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.«</p> + +<p>»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen +Laden gemiethet und bereits eingerichtet.«</p> + +<p>Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte +herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?«</p> + +<p>Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten +Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an +dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der +ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases, +und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz. +In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein +Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten +Häusern.</p> + +<p>Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte +deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. <span class="pagenum">30</span> +»Ein solcher Werth!« meinte sie, »ein so großes Capital!« es schien ihr +fast zu kühn, daß Gottfried die Bürgschaft dafür übernommen hatte.</p> + +<p>Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.</p> + +<p>Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der +Meister, der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während +seiner Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf +das Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht +bloß Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern +manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben +bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige +Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen, +keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das +Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte.</p> + +<p>Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer +freudiger zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es +zwei verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten +Entschluß so lange <span class="gesperrt">nicht</span> gebracht, und +zweitens, daß er sich <span class="gesperrt">doch</span> dazu gebracht. +Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte sie ihn nicht schon vor +Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu stellen.</p> + +<p>Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht +früher geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft +nicht anzufangen, wenn er dazu auch <span class="pagenum">31</span> +nur einen Heller fremden Geldes brauchen würde. Um jedoch Alles aus +Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es eben viel Zeit gebraucht.</p> + +<p>»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß +Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und +Audemars' ...«</p> + +<p>»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins +Wort.</p> + +<p>»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir +erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war — jetzt wird +ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen, +Gottfried.«</p> + +<p>Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und +sprach ganz unternehmend:</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die +brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur +sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder +Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu +kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein +übler Mann für mich.«</p> + +<p>Er lachte. »Ein <span class="gesperrt">junges</span> Mädchen denkt +das nicht.«</p> + +<p>»Ich meine auch kein sechzehnjähriges.«</p> + +<p>Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die +reparirten Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen.</p> + +<p>Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann <span +class="pagenum">32</span> wird die Bestellung abgeliefert werden?« +fragte er nach einer kleinen Weile.</p> + +<p>»Kann morgen geschehen.«</p> + +<p>»Thu' es selbst, ich bitte Dich, und nimm zugleich Abschied von dem +Meister. Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.«</p> + +<p>Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen — das +wäre schon gut, aber — so plötzlich, so ohne Weiteres? Ich bin ihm +Dank schuldig, er hat immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne +Arbeit gelassen, immer gut und rasch bezahlt.«</p> + +<p>»Rasch ja, gut — nein. Mache Dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn +bereits darauf vorbereitet, daß er jetzt seine beste Arbeiterin +verliert. Wie leid ihm ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muß er's +finden, daß Du Dich von nun an für Niemanden mehr plagen wirst als für +mich, was so viel heißt, als für Dich selbst, denn — nicht wahr? ...« +Er war plötzlich in heiße Verlegenheit gerathen und stockte. »O,« nahm +er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe vergessen! Der Herr +bittet Dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst. Du möchtest +so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat Dein +Lieblings-Echappement.«</p> + +<p>»Duplex also.«</p> + +<p>»Jawohl. Er weiß gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut sie in +die Hand zu geben. Ueberdies hat's Eile. Morgen Abend möcht' er sie +wieder haben.«</p> + +<p>Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes <span +class="pagenum">33</span> Kästchen vor Lotti hin. Die wandte demselben +den Blick eines theilnehmenden Arztes für einen Patienten zu, und +fragte:</p> + +<p>»Was fehlt denn?«</p> + +<p>»Weiß nicht,« erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der +Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von Einem, +der sie aus Leichtsinn oder aus Noth losschlug, um ein Spottgeld. Will +sie jetzt sehr theuer verkaufen, deshalb sollst Du die Herstellung +besorgen. Er schwatzte ein Langes und Breites, ich habe nicht zugehört. +Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem ich wußte, was mich dabei +anging.«</p> + +<p>Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es +geöffnet und dann auch — mit seltsamer Spannung und Hast — die Uhr, +welche darin gelegen. Unverwandt starrte sie den Namen <i>F. Alexy +& Sandoz frères</i> auf der Cuvette, und die Zahl an, die darunter +stand.</p> + +<p>»Verkauft — wie sagtest Du? — aus Leichtsinn oder aus Noth,« sprach +sie gepreßten Tones.</p> + +<p>»Freilich, freilich,« versetzte er, lehnte sich tiefer in das +Fenster zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und +scharf nachzudenken. »Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« +rief er plötzlich aus.</p> + +<p>Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu +zerlegen.</p> + +<p>»Das Schild ist noch nicht aufgemacht,« fuhr Gottfried +langsam und zögernd fort, »aber fertig ist es schon. <span +class="pagenum">34</span> Es wird nicht aufgemacht, bevor Du die +Erlaubniß dazu giebst.« Er hielt inne, er wartete, aber vergeblich. +Lotti schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause von Neuem +an:</p> + +<p>»Denk' nur, welche Freiheit ich mir genommen — denk nur — ich habe +auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf +jeden Fall, wie selbstverständlich — es kann geändert werden, wenn Du +es wünschest ...«</p> + +<p>Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz +versunken in ihre Arbeit — eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, +die Meisterin! Ihre sonst so sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war +hochgeröthet, eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem +ganzen Wesen kund.</p> + +<p>Was ist ihr denn? dachte Gottfried. — Ahnt sie, was er ihr zu +sagen hat und versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie +Bestürzung? Wär's doch so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst, +und er braucht nicht zu fürchten, mit einem Scherze heimgeschickt zu +werden, das Aergste, was ihm geschehen könnte, dem alten Menschen. +Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von +aller Aengstlichkeit. Er athmet auf und spricht mit einem gewissen +unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich: +»Es wäre schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte; es +ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend +schwarzem Grund, das <span class="pagenum">35</span> G. & L. +Feßler ... G. und L. ... Gottfried und Lotti ...«</p> + +<p>Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über +ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und +Lotti?«</p> + +<p>Nein! ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie +ebenso gut fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, +waren an ihr Ohr gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, +die in ihnen lag, nicht an ihr Herz ...</p> + +<p>Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht +wurden, die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar, als das +Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus +Gottfrieds Brust.</p> + +<p>Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich +vor ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in +seinen Zügen.</p> + +<p>»Was ist Dir, Gottfried?« sprach sie.</p> + +<p>»Du hörst mich nicht an,« entgegnete er unmuthig.</p> + +<p>Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: »Doch, ich habe Alles gehört.«</p> + +<p>»Hast Du? Wirklich? und — hast nichts einzuwenden? ... Es ist Dir +recht — Du weißt ...«</p> + +<p>»Es ist mir recht, gewiß. Aber wenn Du, Lieber, auf Dein Schild auch +nur G. Feßler hättest schreiben lassen, für uns hätte es dennoch und +immer ›Geschwister Feßler‹ bedeutet.«</p> + +<p>»Geschwister — so? — — ja, Geschwister,« murmelte <span +class="pagenum">36</span> er und zögerte, die Hand anzunehmen, die +Lotti ihm reichte. Allein er ergriff sie doch und drückte sie fest und +treuherzig, als Lotti sagte:</p> + +<p>»Es versteht sich ja von selbst, daß wir Zwei nach wie vor treu +zusammen halten.«</p> + +<p>»— Das Schild wird also aufgemacht,« sprach er, mit einem herzhaften +Versuch, vergnügt zu scheinen. »Komm' es bewundern, komm' bald!«</p> + +<p>Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.</p> + +<p>Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick +unterbrochene Beschäftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, +die Gottfried mitgebracht, alle Brücken abgeschraubt, alle Räder +ausgehoben, bis auf das Minutenrad. Das haftete noch, festgehalten vom +Viertelrohr. Aber auch dieses muß nun weichen, das letzte Rad liegt bei +seinen Kameraden, und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie zu +finden gewiß war. Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, +mit fast unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und +verborgen durch die Zähne des Rohres.</p> + +<p>Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fünfzehnten Male jährte, +hatte sie diese Zeichen da hinein geschrieben und diese Uhr ihrem +Verlobten geschenkt und dabei gesagt:</p> + +<p>»Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen, aber +keine, in der unsere Treue gewankt.«</p> + +<p>So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, +solche Schwüre schwört die kindische Liebe, die <span +class="pagenum">37</span> kaum erwacht, auch schon die Kraft in sich +fühlt, ewig zu leben. Thorheit ohne Gleichen! Ebenso gut könnte +die Rose schwören, daß sie niemals welken wird, denkt Lotti, und +halberloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche +Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen +allmälig Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam vorüber, mächtig genug, +um noch eine leise Wehmuth, nicht mehr mächtig, einen Schmerz zu +erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen Traum, +aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">38</span> + <h3 class="nobreak" id="V"> + V. + </h3> + +<p>Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein +junger Mann in der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm +eine alte Uhr gebracht, mit der Bitte sie zu schätzen. Während +Feßler die Uhr betrachtete, betrachtete der junge Mann <span +class="gesperrt">ihn</span> so aufmerksam, wie ein Maler thut, der +sich das Bild eines Menschen, den er aus dem Gedächtniß malen soll, +einzuprägen sucht.</p> + +<p>»Dies ist,« sprach Feßler, nachdem er seine lange und sorgfältige +Untersuchung beendet hatte, »ein kostbares Stück.« Er rief seine +Tochter herbei, um auch ihre Meinung zu hören.</p> + +<p>»Wie?« sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt, +»sind Sie Kennerin, mein Fräulein?«</p> + +<p>Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen +Männer, denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick, +der deutlich fragt: Was willst Du in der Welt? und an den ein nicht +hübsches Mädchen sich gewöhnen muß.</p> + +<p>Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben +sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung. +<span class="pagenum">39</span></p> + +<p>Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte.</p> + +<p>»Ist's richtig, Herr Feßler?«</p> + +<p>»Ganz richtig,« erwiderte dieser, unangenehm berührt von dem über +Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der an die Seite Lottis +tretend, in seinem früheren Tone fortfuhr:</p> + +<p>»Sie können mir vielleicht auch sagen, was diese Uhr werth ist?«</p> + +<p>Lotti schüttelte den Kopf. »Was sie jetzt werth ist, kann ich nicht +sagen; als sie neu war, sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für +sie bezahlt worden.«</p> + +<p>»Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?«</p> + +<p>»Vor siebzig Jahren etwa.«</p> + +<p>»Ich bewundere Sie!« rief der junge Mann äußerst belustigt; »das +Alles erkennen Sie so auf den ersten Blick? ... Jetzt aber die letzte, +wichtigste Frage: Wie viel ist sie heute, wieviel ist sie <span +class="gesperrt">Ihnen</span> werth?« fügte er zu Feßler gewendet +hinzu.</p> + +<p>»Sie wäre mir sehr viel werth, wenn ich nicht schon eine ganz +ähnliche besäße,« entgegnete dieser.</p> + +<p>»Ach! in Ihrer Sammlung? ... Wenn Sie doch wüßten, Herr Feßler, +wie viel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von +dieser Sammlung, und wie glücklich ich wäre, sie kennen zu lernen ... +Wenn Sie das wüßten — Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen, +den ich gebraucht habe, um mich bei Ihnen einzuschleichen.« <span +class="pagenum">40</span></p> + +<p>Er legte eine gründliche Beichte ab.</p> + +<p>Er hieß Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei +ein ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher +eine alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte. Die mußte geschildert +werden, und um das zu können, brauchte er ein Modell, brauchte er vor +Allem einige fachmännische Kenntniß.</p> + +<p>»Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister,« schloß er, +»würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung — Ihr Heiligthum +wie ich höre. — Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde, das +verspreche ich nicht, aber ein dankbarer bin ich gewiß!«</p> + +<p>Feßler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich +an. Ihm gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose +Sicherheit, das muntere Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die +Reise durchs Leben zu begeben schien. Schweigend holte der alte +Mann einige schöne Exemplare aus der Sammlung herbei und begann +die Eigenthümlichkeiten und Vorzüge derselben mit der Wärme eines +Liebhabers auseinander zu setzen.</p> + +<p>Halwig unterbrach ihn Anfangs sehr oft; er konnte die Scherze +nicht unterdrücken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten. +Allmälig jedoch wurde er still. Das herablassende und oberflächliche +Interesse, das er für einige »Favoritinnen aus dem Uhrenharem« gezeigt, +verwandelte sich in ein gespanntes. Den Kopf in die Hand gestützt, sah +er bald die Uhren auf dem Tische, bald den Meister, zuletzt nur noch +diesen an, und dabei <span class="pagenum">41</span> erhellte der +Ausdruck einer so innigen Freude und Verehrung seine Züge, daß Feßler +dachte: dem Burschen könnt' ich gut sein — trotz des Leichtsinns, mit +dem er vorgab, eine Emmery verkaufen zu wollen.</p> + +<p>Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf. »Was für Augen haben +Sie!« rief er, »was Ihnen ein Rädchen, eine Spindel, ein Ornament, ein +Stückchen Email nicht Alles erzählen! ... Was für Augen und was für ein +Herz ... Sie sind ein Künstler! ...«</p> + +<p>Er deutete nach dem Schranke, dem Feßler die Uhren entnommen. +»Das Kästchen dort ist für Sie, was für einen Poeten ein Schrein +voll der köstlichsten Werke großer Dichter, die vor ihm gelebt. +Eine schweigende, todte Welt, die ein Blick zum Dasein erweckt, zu +einem mächtigern, schönern Dasein, als das sogenannte wirkliche +... Ein Blick — ein sehender, der Blick des Verständnisses muß +es sein ... Nicht wahr, lieber Meister? — Verständniß ist <span +class="gesperrt">Alles</span> — Weisheit, Liebe, Poesie ... Nach +dem allein haben wir zu ringen, die wir uns einbilden, Dichter zu +sein ... An Stoffen fehlt's, höre ich die Leute sagen. — Begreife +das Begreifbare und aus Allem, was Dich umgiebt, dringt die Fülle +bildsamen Stoffes auf Dich ein, und wenn es Dir an etwas fehlt, so +ist's an Kraft, die wogenden Quellen zu fassen und sie zu leiten an ein +gewolltes Ziel!«</p> + +<p>Er sprang auf, ergriff die Hand Feßlers, nannte ihn einen edlen, +einen seltenen, einen herrlichen Mann <span class="pagenum">42</span> +und verabschiedete sich mit der Bitte, recht bald wiederkommen zu +dürfen. Und er kam wieder, kam täglich, ganze Wochen hindurch, und +wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies Niemand mehr, als Feßler. +Lotti sprach überhaupt nicht von ihm, vermied es sogar, seinen Namen +zu nennen, und was Gottfried betraf, der meinte, es sei nicht übel, +zwölf Stunden lang Ruhe zu haben in der Werkstatt. Er leugnete nicht, +daß Halwig eine große Unterhaltungsgabe besitze, allein für seinen +Geschmack machte »der Poet« einen gar zu häufigen Gebrauch davon.</p> + +<p>»Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, täglich +Unterhaltung ist mir zu viel,« sagte er und bewies es, indem er begann, +das Haus zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen +pflegte. Dieser zeigte sich darüber gekränkt. Er war nicht gewöhnt, +gemieden zu werden; er that sich etwas zu Gute auf die Macht, die ihm +über die Gemüther der Menschen gegeben war. Keiner, um dessen Neigung +er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er hatte immer gehört und +geglaubt, daß man ihn lieb haben <span class="gesperrt">müsse</span>, +wenn er es darauf angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti über +die Steifheit und Kälte ihres Vetters, versicherte trotzig wie ein +verwöhntes Kind, er werfe seine Freundschaft Niemandem an den Kopf, und +wenn Gottfried ihn hasse, so zahle er ihn mit gleicher Münze. Sobald +sich jener aber blicken ließ, kam er ihm wieder mit der alten und — +darüber konnte kein Zweifel sein — <span class="pagenum">43</span> +aufrichtigen Wärme entgegen. Er bemühte sich, sein Interesse zu +erwecken, ihm Theilnahme einzuflößen, er warb förmlich um ihn. +Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines beweglichen, frischen, +herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rührten aber +Denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze +zeigten.</p> + +<p>Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschäftigt, +von früh bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleißes +die Stunde versäumt, zu welcher er jetzt regelmäßig seinen Rückzug vor +dem »Luxusartikel«, wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte.</p> + +<p>Zum Bewußtsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine +Lampe auf den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen.</p> + +<p>»Ist es denn so spät?« fragte er.</p> + +<p>»Spät und nicht mehr hell, Du verdirbst Dir die Augen.«</p> + +<p>»Was liegt daran? — Was liegt an mir?« sprach er halblaut vor sich +hin, wie einer, der plötzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er +stöhnte schmerzlich auf und preßte beide Hände gegen die Stirn.</p> + +<p>Lotti wurde feuerroth; schweigend mit einer Gebärde der Mißbilligung +wandte sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade +unterbrochen, war vor Gottfried stehen geblieben und fragte, was ihm +fehle? <span class="pagenum">44</span></p> + +<p>»Nichts,« erhielt er zur Antwort, »nur die Augen sind mir ein wenig +müde geworden.«</p> + +<p>»Gönn' Dir Ruhe,« sagte Feßler, »mach' es mir nach, ich spaziere +schon lange müßig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile +schaffen können — die Tage wachsen, der Frühling kommt heran ... Ja, +der kommt, man darf auf ihn zählen, der kommt. Wer aber ausbleibt,« +schloß der alte Mann seine Betrachtungen, »das ist unser Hofpoet ... +In drei Tagen hat er sich nicht blicken lassen, und auch heute — seine +Stunde ist vorbei — er kommt nicht mehr.«</p> + +<p>»Um so besser!« rief Gottfried, »ich wollte, wir wären für immer von +ihm befreit.«</p> + +<p>»Befreit! — Ist das Dein Ernst? ...«</p> + +<p>»Leider ja,« versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer +erregten Stimme.</p> + +<p>Gottfried erhob den Kopf: »Was sagst Du?«</p> + +<p>»Daß Du ungerecht bist, zum ersten Mal in Deinem Leben; ungerecht +und grausam gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und +thut ihm weh — gerade von Dir — denn Du bist es ja ...« Ihre Lippen +zitterten, der Ausdruck des bittersten Schmerzes zuckte über ihr +Gesicht — »der ihm der Liebste ist von uns Allen ...«</p> + +<p>Sie hielt tiefathmend inne, Gottfried murmelte ein zorniges Wort, +und der Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern. +In einer bisher ahnungslosen Seele dämmerte das Bewußtsein zerstörter +<span class="pagenum">45</span> Hoffnungen, eines nahenden Unglücks +auf. Eh' er sich's versah, bevor ihm zu einer Befürchtung Zeit +geblieben, war der Friede aus seinem stillen Hause entwichen und aus +den Herzen seiner Kinder ...</p> + +<p>In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt, bald darauf +durcheilten leichte Schritte das Vorgemach.</p> + +<p>»Da ist er doch,« sagte Feßler.</p> + +<p>Halwig erschien auf der Schwelle, er schwenkte seinen Hut und sah so +glücklich aus, als ob er eben eine Welt erobert hätte.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">46</span> + <h3 class="nobreak" id="VI"> + VI. + </h3> + +<p>»Vater Feßler,« rief er, »da ist es, da haben Sie's, mein Büchlein, +mein erstgebornes! ... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurrothen +mit Gold geputztem Kleidchen? ... Lesen Sie, was hier steht, auf der +ersten Seite: »Johannes Feßler, meinem Lehrer, meinem Vorbild, meinem +Freund ...« Es ist Ihnen gewidmet, Ihr Eigenthum, ich bringe, was aus +meinem Herzen floß und Ihnen gehört, und lege es Ihnen zu Füßen.«</p> + +<p>Er machte Miene, das Büchlein wirklich auf den Boden vor Feßler +hinzulegen; der aber hinderte ihn daran: »Geben Sie es mir in die Hand, +das ist Ehre genug,« sprach er, und lächelte seinem Liebling zu, bei +dessen Erscheinen der trübe Ernst verschwunden war, der eben noch die +Stirn des alten Mannes umdüstert hatte. Er ließ sich erzählen, wie der +Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung seines Werkes gelebt, +wie er jede freie Minute auf dem Postbureau zugebracht und durch die +Ausbrüche seiner Ungeduld den Aerger eines Expeditors und das Mitleid +zweier Briefträger erregt habe. Jetzt aber sei Alles gut, meinte er und +flehte, die Familie <span class="pagenum">47</span> möge ihm diesen +Abend schenken und sich den Vortrag seiner Dichtung gefallen lassen. Er +stellte die Lampe auf den Tisch inmitten der Werkstätte, und trug vier +Sessel herbei. Lotti sollte ihm gegenüber sitzen, Feßler und Gottfried +neben ihm.</p> + +<p>»Auf diese Stunde,« sagte er, als Alle Platz genommen hatten, »habe +ich mich gefreut von dem Momente an, in welchem mir der erste Gedanke +meines Gedichts aufgegangen, bis zu dem, in welchem ich am letzten +Verse gefeilt ... Wie jetzt in der Wirklichkeit, umgaben Sie mich +immerwährend im Geist, Sie geliebten Drei!«</p> + +<p>Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem +kleinen Auditorium, dann öffnete er das Buch und begann zu lesen.</p> + +<p>Was er las, war nur eine einfache Herzensgeschichte — ähnliche +sind wohl tausend Mal berichtet, millionen Mal erlebt worden. +»Abgedroschen!« wollte Gottfried schon ausrufen, aber er unterdrückte +das Wort. Offenbar hatte der Dichter nicht durch das Interesse an +seiner Fabel zu wirken gesucht; was da fesselte und bezwang, das +war der Schönheitszauber, der in dem schlichten Bilde webte, das +war die Wahrheit und die Leidenschaft, die es athmete, und wen man +darin am liebsten gewann, das war der Dichter selbst. Absichtslos, +ja wider seinen Willen hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem +Werke und erschien so liebenswürdig wie die verkörperte Jugend. +Er war von Begeisterung durchglüht, von Talent getragen; <span +class="pagenum">48</span>eine Unendlichkeit wogte in seiner Seele. +Für Ernst und Scherz, für Zorn und Wehmuth, Haß und Liebe, für jede +Stimmung und Empfindung der menschlichen Brust lag das Verständniß in +seinem Herzen und der Ausdruck auf seinen Lippen. Kein Zweifel an sich +selbst hemmte seinen Schwung, kein Mißtrauen in seine Kraft lähmte ihn, +er hatte sie, er wußte es, er war ihrer Wirkung gewiß und baute auf sie +mit der unerschütterlichen Zuversicht, die dem Erfolg vorangeht, die +ihn oft erzwingt.</p> + +<p>Und so fragte er denn auch, als er geendet, voll freudiger +Unbefangenheit: »Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen?«</p> + +<p>»Vollkommen,« erwiderte Feßler, »es klopft ein Herz darin.«</p> + +<p>»Nicht wahr? ... Und Sie, Gottfried — Ihre Meinung?«</p> + +<p>Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen, den Ellbogen auf +den Tisch und die Stirn in die Hand gestützt. Jetzt lehnte er sich in +seinem Sessel zurück und sprach, ohne Halwig anzusehen: »Es ist schön, +ganz schön.«</p> + +<p>»Ich danke, Freund! Ein solches Lob von Ihnen, das thut wohl ... +Aber Sie — Fräulein Lotti ... Sie schweigen — Sie sagen mir nichts +...«</p> + +<p>In glühender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf:</p> + +<p>»Ich kann nicht — Sie sehen ...« stammelte sie, ein schmerzliches, +vergeblich unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre Stimme. <span +class="pagenum">49</span></p> + +<p>»Lotti! ... Ist es mir gelungen, Sie zu rühren, zu ergreifen? ... +Soll mein schönster Traum mir heute ganz in Erfüllung gehen?« Er sprang +auf und eilte jubelnd auf sie zu.</p> + +<p>Lotti streckte abwehrend die Hände aus; sie weinte, nicht sanft +befreiende Thränen — Thränen qualvoller Beschämung und Empörung über +sich selbst.</p> + +<p>Halwig trat bestürzt zurück. Einen Augenblick stand er zweifelnd +vor ihr, plötzlich aber leuchtete das Bewußtsein des Sieges, den er +über diese Seele errungen, mit süßem Triumphe aus seinen Augen, und er +rief in einem Tone, aus dem Rührung, Entzücken und ein letztes Zagen +zugleich heraus klangen: »Sie zürnen mir? soll ich dafür büßen, daß +mein Gedicht Sie bewegte?«</p> + +<p>»Zürnen? Wie können Sie glauben? ... Eine neue Welt hat sich vor mir +aufgethan ... Ich weiß nicht, ich kann nicht sagen, was ich am meisten +bewundere — ich sehe nur wie groß, wie herrlich und wie fern ...«</p> + +<p>Ihre Stimme brach, sie erhob einen raschen, hülflosen Blick zu ihm, +den er einsog wie himmlischen Thau.</p> + +<p>»Nicht fern,« rief er, »o nein! Ihnen ist sie es nicht, sie lebt +von Ihrem Leben, ist von Ihrem Athem durchhaucht ... Schöpferin meiner +Welt, haben Sie sich in ihr nicht erkannt?«</p> + +<p>Und schon lag er vor Lotti auf den Knieen, bedeckte ihre Hände mit +seinen Küssen, nannte sie seinen Engel, seine Geliebte, seine Braut. Er +pries die Stunde, in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war, und +die <span class="pagenum">50</span> noch schönere, ewig gebenedeite, +in welcher er's zum ersten Mal empfunden, daß sie ihn liebe. Das war +nicht heute, war nicht vor Kurzem, das war sehr bald, nachdem sie +einander kennen gelernt — er wollte gar nicht gestehen, wie bald ... um +nicht allzu vermessen zu erscheinen, so vermessen wie man eben wird, +wenn man sich geliebt weiß von dem edelsten und reinsten Herzen.</p> + +<p>»Jetzt aber sprich!« bestürmte er sie, »bestätige mir mein Glück vor +diesen theuren Zeugen ... Deinem Vater, Deinem Bruder, den Meinen von +nun an — ein Wort, Geliebteste!«</p> + +<p>»Was soll ich sagen — Du weißt Alles,« war ihre Antwort, und +jauchzend faßte er sie in seine Arme. — —</p> + +<p>Es war keine stumme Seligkeit die seine; unwiderstehlich brauste +der Feuerstrom der Worte, die er ihr lieh, dahin, und vermochte die +Einwendungen Feßlers zu übertäuben, und vermochte Gottfried, sich +ein Wort der Fürsprache für Denjenigen abzuringen, dem Lotti ihr +Herz geschenkt. Freimüthig erzählte Halwig die Geschichte seines +Lebens, sprach von dem Leichtsinn, mit dem er das Erbe seiner Eltern +zersplittert, gestand, daß er im Begriffe gewesen, auf schlechte +Wege zu gerathen, als sein schützender Stern ihn in das Haus Feßlers +geführt. Von dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden. +Er beschwor Feßler und Gottfried, Erkundigungen über ihn einzuholen. +Seine Vorgesetzten im Amte, seine Freunde und Bekannten sollten +entscheiden, ob er verdiene, hoffnungslos verworfen zu werden. <span +class="pagenum">51</span></p> + +<p>»Davon ist nicht die Rede,« sagte Feßler, und Halwig rief:</p> + +<p>»So lasset denn die Geliebte das Erlösungswerk vollenden, das sie an +mir begonnen hat.«</p> + +<p>Sie wurde seine Braut; und der Mann, der ihr wie ein höheres Wesen +erschien, machte sie zur Herrin seines Schicksals. Er unterordnete sich +ihr, er wollte ihr Alles danken, was er besaß, er wollte Alles, was er +war, nur durch sie geworden sein. Sein junges Haupt, das schon von der +Morgenröthe des Ruhmes umglänzt wurde, beugte sich vor ihr, schmiegte +sich demüthig an ihre Kniee.</p> + +<p>»Das heißt verwöhnen,« sagte Vater Feßler, aber Gottfrieds Meinung +war: »Bete sie nur an, sie verdient's.«</p> + +<p>Einige Monate vergingen, da fiel der erste Schatten auf die bisher +ungetrübte Seligkeit der Verlobten. Halwig hatte plötzlich den +Staatsdienst aufgegeben, um sich ganz und gar seinem dichterischen +Berufe widmen zu können, der ihm täglich neue Erfolge brachte. Ein +zweites Büchlein war dem ersten gefolgt. Es erfüllte reichlich die +schönen Erwartungen, die jenes erregt hatte. Die kleine Gemeinde von +Bewunderern, die sich um den Dichter zu sammeln begann, wußte seines +Lobes kein Ende und begrüßte auch sein drittes Werk mit unbegrenztem +Entzücken. Und gerade dieses, das er, um eine übernommene Verpflichtung +zu erfüllen, in fieberhafter Hast begonnen und beendet, war ihm vor +allen andern ans <span class="pagenum">52</span> Herz gewachsen. +Er hatte daran erprobt, daß er zu jeder Zeit Herr seiner Stimmung, +seiner Phantasie, aller seiner Gaben war, daß sein Talent ihm leiste +und gewähre, was immer er von ihm verlangte. Er wußte jetzt, daß sein +Wollen unumschränkt über sein Können gebiete. Ganz erfüllt von dem +Gefühl eines so vollkommenen Gelingens erschien er bei seiner Braut, +und Lotti schwelgte im Anblick seiner stolzen Glückseligkeit. Als +es jedoch hieß, ihre Meinung über die Arbeit auszusprechen, welche +Hermann seine beste und reifste nannte, zagte sie und antwortete mit +Befangenheit nach langem Zögern, daß ihr Alles gefalle, was von ihm +ersonnen sei.</p> + +<p>»Dieses,« rief er, »müßte Dir auch gefallen, wenn ein Anderer es +ersonnen hätte.«</p> + +<p>»Vielleicht — gewiß ...«, erwiderte Lotti, erschrocken über den +Ausdruck von Enttäuschung, der sich in seinen Zügen malte.</p> + +<p>Er fuhr erregt fort: »Du mußt lernen, ganz von mir abzusehen bei der +Beurtheilung meiner Arbeiten. Daß Schönes geschaffen werde, daran liegt +Alles, ob ich es geschaffen, ob Hinz oder Kunz, daran liegt nichts ... +Der Standpunkt ist der einzig richtige — der soll der Deine sein. — +Deine Liebe zu mir darf sich nicht durch blinde Bewunderung äußern. +Du mußt wissen, warum Du bewunderst — mußt Gründe haben für Dein Lob. +Aufrichtigkeit verlange ich von Dir, und will hoffen, daß Du mich ihrer +würdig hältst.«</p> + +<p>»Hermann — wie könnt' ich anders?« fragte sie <span +class="pagenum">53</span> mit einem ängstlichen Lächeln. »Ich sage +Dir, was ich denke, aber das hat ja keinen Werth ... Mein Urtheil zu +begründen, muß ich erst lernen ... jetzt bin ich noch nicht im Stande +Dir zu sagen, warum ich Dir dieses Mal nicht so leicht — nicht mit so +voller — wie soll ich's nennen? — so voller Hingerissenheit folgen +konnte wie früher, wie besonders bei Deinem ersten, allerschönsten +Gedicht ...«</p> + +<p>Nun brauste er auf. Er fragte, ob sie denn immer auf seine Anfänge +zurückkommen wollte, ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge.</p> + +<p>»Wenn Du bei dem Punkte stehen bleibst, von dem ich ausging, indeß +ich vorwärts jage, werden wir bald auseinander gekommen sein!« rief er, +war nicht zu beschwichtigen und verließ sie im Zorne.</p> + +<p>Freilich war er am nächsten Tage wieder da, demüthigte sich vor ihr, +und weinte vor Reue, als sie ihn, womöglich noch liebreicher als sonst, +empfing und ihm versicherte, nicht zu wissen, was sie ihm verzeihen +solle. Er war so beschämt, und in seiner Beschämung so ausbündig und +unwiderstehlich liebenswürdig, daß Lotti ihn bat, sich nur recht bald +wieder einzubilden, er habe ihr weh gethan.</p> + +<p>Diese Bitte wurde erfüllt, aber in anderem Sinne, als sie gestellt +war. Hermann ließ es an Gelegenheit nicht fehlen, ein gegen sie +begangenes Unrecht gut machen zu müssen, aber dieselbe zu benützen, +verstand er bald nicht mehr. <span class="pagenum">54</span></p> + +<p>Ein leiser Zweifel, eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner +Brust zu entfesseln, und Lotti erkannte mit Entsetzen, daß es +Augenblicke gab, in denen er sie haßte. Da legte er den Ausbrüchen +seines Zornes keinen Zügel an. Er litt und fand es natürlich und +gerecht, daß Diejenige, die ihn liebte, mit ihm leide. Wenn er sich von +ihr mißverstanden oder im Stillen getadelt glaubte, warf er ihr ihre +untergeordnete Thätigkeit, ihren beschränkten Wirkungskreis vor.</p> + +<p>»Von Dem, was ich anstrebe, steht freilich nichts im <i>Le +Paute</i>!« rief er eines Tages, und Gottfried, der bisher männlich an +sich gehalten, fuhr empor: »Noch ein solches Wort, und ich schlage Dir +den Schädel ein!«</p> + +<p>Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern, der darauf +folgte, wurde mühsam genug von Feßler ein Ende gemacht; aber von nun +an begann Gottfried sein passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber +aufzugeben.</p> + +<p>»Du bist ein ungebärdiges Kind,« sagte er zu Halwig, »Du wärst +im Stande, das Liebste, das Du hast, in einem Anfall übler Laune zu +zerstören; ich will strenge Wache über Dich halten.«</p> + +<p>Halwig drückte ihm die Hand, er begab sich gern unter den Schutz +seines besten Freundes.</p> + +<p>»Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler!« rief er ganz beseelt +von den edelsten Vorsätzen, »wenn Du mir treulich hilfst, will ich +ihrer schon Herr werden!«</p> + +<p>Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden, sie +wußte, daß Hermann die Selbstbeherrschung, die es ihm <span +class="pagenum">55</span> auferlegte, ebenso wenig zu bewahren +vermochte, wie er die Aufrichtigkeit vertrug, nach welcher er immer +verlangte. Seine ganze Natur empörte sich gegen den Zwang, die leiseste +Mißbilligung fraß ihm am Herzen, erbitterte ihn, machte ihn unglücklich +und überzeugte ihn nie. Was ihn stählte, was alle seine Kräfte +entfaltete, das war der Kampf gegen Haß und Verfolgung, und der Genuß +überschwänglichen Lobes und verhimmelnder Liebe.</p> + +<p>»Ich kann nur im Lichte gedeihen, und Ihr lebt im Halbdunkel,« rief +er einmal nach einer langen Controverse mit Gottfried und verließ das +Zimmer ohne Abschiedsgruß. Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach. +Eine Weile darauf hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen +herübertönen, manchmal unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes +Flehen. Dann wurde die Hausthür zugeschlagen, und eine lange Zeit +verfloß, bevor Lotti, noch bleich und zitternd, in die Werkstatt +zurückkehrte.</p> + +<p>Am Abend sprach Feßler zu Gottfried:</p> + +<p>»Was ich Dir sagen wollte: Gieb Dein Erziehungswerk auf. Den Halwig +änderst Du nicht. Laß ihn. <span class="gesperrt">Ihr</span> ist er ja +recht, wie er ist.«</p> + +<p>»Aber Vater, er mißhandelt sie.«</p> + +<p>Feßler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe. »Seine +Mißhandlungen sind ihr lieber, als die Liebkosungen eines Andern. Das +ist so Weiberart.«</p> + +<p>Gottfried schwieg und ließ fortan die Dinge gehen, wie sie gingen. +<span class="pagenum">56</span></p> + +<p>Die Besuche Halwigs wurden immer seltener, und wenn er kam, war +er entweder düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und +erzwungenen Lustigkeit, die unter allen seinen wechselnden Stimmungen +Lotti am peinlichsten berührte. In eine solche gerieth er einmal, +als Feßler über einige Vorbereitungen zur nahenden Hochzeitsfeier +sprach, und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater, die Vermählung müsse +hinausgeschoben werden.</p> + +<p>»Hat <span class="gesperrt">er</span> den Vorschlag gemacht?« rief +Gottfried.</p> + +<p>»Ich wünsche es!« entgegnete sie rasch.</p> + +<p>»Warum? ... Mißtraust Du ihm?«</p> + +<p>»Vielleicht nur mir,« war ihre Antwort. Scheinbar völlig ruhig begab +sie sich an die Arbeit.</p> + +<p>Kurze Zeit, nachdem Lotti diesen Entschluß gefaßt, schien Hermann +ganz zu ihr zurückzukehren. Er hatte eine große Täuschung erlitten, er +fand Trost bei ihr, die seinen Schmerz tiefer empfand, als er selbst. +Sein gesunkener Muth wurde indessen bald wieder durch neue Erfolge +gehoben, und die unausbleiblichen Früchte derselben stellten sich ein. +Die Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, wollten bezahlt werden, +sie forderten ihren Lohn, machten Ansprüche auf die Persönlichkeit, +auf die Zeit des Dichters. Verwandte, die sich vor Jahren von ihm +logesagt hatten, erinnerten sich plötzlich, und erinnerten ihn, daß +er zu ihnen gehöre. Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter +eines Uhrmachers sprach, hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht +an, die gescheite Leute für Künstlerlaunen besitzen. Halwig begann +<span class="pagenum">57</span> sich einzubilden, daß er seine Braut +nur um den Preis schwerer Opfer, harter Kämpfe werde heimführen +können. Er ersparte und verschwieg ihr nichts; kein noch so herbes +Urtheil, das Menschen über sie fällten, die sie nie gesehen, kein +Bedenken Derjenigen, denen er früher aus dem Wege gegangen, und die +er jetzt »die Seinen« nannte. Er schrieb diese grausame Offenheit dem +unbegrenzten Vertrauen zu, das er für Lotti empfand, und die bestärkte +ihn darin. Sie wußte, daß sie seine Liebe verloren hatte, aber den +Schatten derselben, dieses Vertrauen, das ihr sein Herz öffnete, sie +seine geheimsten Gedanken kennen ließ, an dem hielt sie fest, das +hütete sie wie das heilige Feuer, wie ihr Lebenslicht. Als ob ihre +Liebe in dem Maße wüchse, in dem die seine abnahm; als ob er sie durch +Qual fester an sich ketten würde, wachte sie über dem kleinen Reste +seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld. Ein Aufflackern +seiner erlöschenden Empfindung war ihr, was der Mutter ein Lächeln +ihres sterbenden Kindes ist.</p> + +<p>Endlich kam die Stunde, in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte, +in welcher ihr glühender Entsagungsmuth sie verließ. Nach jahrelangem +Ringen erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden. +Aber sie wollte diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele +dessen erkaufen, den sie so sehr geliebt hatte. Sie that es an einem +Tage, an dem er sich einmal wieder ihr gegenüber so herzlich, so warm, +so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt, wie in der Frühlingszeit ihrer +Liebe. <span class="pagenum">58</span></p> + +<p>Er war länger verweilt, als er beabsichtigte und sprang erschrocken +auf, als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde +schlugen.</p> + +<p>»Ich sollte längst fort sein!« rief er, »aber gleichviel ... Bei Dir +versäume ich nichts, ich gehe immer reicher, besser, als ich gekommen +bin ... Ich bin ein Narr, so selten zu kommen.«</p> + +<p>Sie traten beide an das geöffnete Fenster, durch welches die sanft +bewegte Luft des lauen Herbstabends hereinfluthete. Die Sonne hatte +sich hinter einer schweren Wolke verborgen, aber ihr Widerschein säumte +den Horizont mit Purpurstreifen. Breite, goldige Lichter lagen auf den +Dächern der Häuser und behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen +Dünste, die von den Bergen herzogen und den östlichen Theil der Stadt +schon in ihre wallenden Schleier gehüllt hatten. Drüben am Quai jagte +Wagen an Wagen vorbei, drängte und tummelte sich das Menschengewühl, +indeß der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen rollte.</p> + +<p>»Die Aussicht hab' ich lieb,« sprach Halwig, »ich sehe gern das +Treiben der großen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat Recht, +seine hohe, alte Warte nicht zu verlassen, wenn es ihm auch manchmal +schwer fallen mag, sie zu erklimmen ... Leb' wohl — das heißt auf +Wiedersehen!«</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte Lotti hastig, »es heißt Leb' wohl ...« Eine +brennende Röthe bedeckte ihre Wangen, und sie umspannte mit beiden +Händen die Hand, die er <span class="pagenum">59</span> ihr gereicht. +»Wir wollen scheiden, wir müssen ... als gute Freunde, aber für immer. +Gieb mir mein Wort zurück, wie ich Dir das Deine zurückgebe, Hermann +...«</p> + +<p>»Was ficht Dich an?« fragte er.</p> + +<p>Sein Ton klang vorwurfsvoll, allein ein Blitz freudiger +Ueberraschung, kaum sichtbar für ein anderes Auge als das ihre, hatte +während ihrer vorhergehenden Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet.</p> + +<p>»Ich kann Deine Frau nicht werden,« fuhr sie fort, rascher jetzt +und mit fliegendem Athem: »Schon lange wollte ich Dir das sagen ... +Ich ringe schon lange mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht +trennen, kann auch die Lebensweise nicht aufgeben, an die ich gewöhnt +bin, von Kindheit an ... die mir sehr lieb ist ...«</p> + +<p>»Ich meinte Dir noch viel lieber zu sein!« rief er, und setzte in +unaussprechlicher Verwunderung hinzu:</p> + +<p>»Du giebst mich auf?! ... Du — mich?!«</p> + +<p>»Du wirst Dich darein fügen — nicht wahr? ... Sage nicht, daß es Dir +unmöglich ist!«</p> + +<p>Sie richtete die Augen fest auf ihn, und die seinen senkten sich.</p> + +<p>Es flog ihm durch den Sinn, daß sie ihm untreu geworden, daß +sie einen Andern liebe, aber sogleich mußte er lächeln über diesen +Verdacht. Er fragte sich, ob sie ihn auf die Probe stellen wolle, +fragte sich auch, ob sie nicht vielleicht seinem Glück, seiner Zukunft, +ein ungeheures Opfer bringe? Die ruhige Haltung, in der sie <span +class="pagenum">60</span> vor ihm stand, machte ihn aber auch an dieser +Vermuthung irre.</p> + +<p>Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines +echten Schmerzes:</p> + +<p>»Und wir sollen uns niemals wiedersehen?«</p> + +<p>»Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind.«</p> + +<p>»Du bist es schon jetzt!« entgegnete er voll Bitterkeit.</p> + +<p>»Und Du wirst es werden — wirst mir danken ... Laß mir Deine Hand! +wende Dich nicht ab ... Du hast keinen Grund mir zu grollen. Ich +befreie Dich von einer traurigen Braut, bei der keine Freude zu holen +ist —« sagte sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln.</p> + +<p>Er unterbrach sie, er wollte nicht weiter hören; er erklärte, daß +er ein einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme, und wenn es sein +Unglück wäre ...</p> + +<p>»Wenn es aber auch das meine ist?« fragte sie, und er rief halb +zornig, halb verlegen:</p> + +<p>»Wie Du mich mißverstehst! ... Wie Du nur glauben, es nur für +möglich halten kannst, daß ich Dich aufgeben werde, ohne Grund ... +Weißt Du denn einen? ... Daß ich mich von Dir trennen werde — so +plötzlich ...«</p> + +<p>Sie erhob das Haupt. »Wir sind längst getrennt,« sprach sie. »Es ist +aus. Frage Dich selbst, ob Du recht hättest, mich mitzuschleppen durchs +ganze Leben, weil Du einmal geglaubt hast, mich zu lieben.«</p> + +<p>»Geglaubt? ... Ich habe Dich unaussprechlich geliebt — meine Liebe +zu Dir war ...« <span class="pagenum">61</span></p> + +<p>»Sie war!« fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins +Wort, der die Qual ihres Innern verrieth. »Täusche Dich nicht ... Wir +wollen die Kraft haben einzugestehen, daß eine Empfindung, die wir für +ewig hielten — erloschen ist. Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf +die erloschene bauen, nicht erwarten, daß ein Glück aus ihr erblühen +könne ...«</p> + +<p>Er starrte sie an und schwieg. Sein Verstand gab ihr recht, sein +Herz stimmte ihr bei. Was sich in ihm noch regte und sträubte, das +war ein leiser Gewissensvorwurf. Allein auch den vermochte Lotti zu +beschwichtigen, indem sie sagte:</p> + +<p>»Nur die Geliebte scheidet sich von Dir — die Freundin bleibt. Die +wirst Du immer finden. Komm zu ihr, wenn Du ein Leid zu klagen hast, +wenn Du verdrossen bist und schlimmen Muthes. Bedrückte Seelen warten +— das verstehe ich, das ist die Kunst, die ich ausübe, das ist meine +Virtuosität ...«</p> + +<p>»Lotti!« rief er überwältigt und zog sie an seine Brust. Plötzlich +jedoch ließ er sie aus seinen Armen, warf sich in einen Sessel +nieder und brach in heftiges Schluchzen aus. Sie trat zu ihm, beugte +sich, ihre Lippen ruhten lange auf seiner Stirn ... regungslos, mit +geschlossenen Augen, empfing er ihren schwesterlichen Kuß, und ihm war, +als senke sich aus seinem innigen Berühren Frieden und Versöhnung in +seine kämpfende Seele. Als er aufblickte, fand er sich allein; Lotti +war in ihr Zimmer geeilt, und er hörte sie den Riegel vorschieben. Er +sprang <span class="pagenum">62</span> auf, er rannte zur Thür und +pochte und rüttelte daran wie ein Verzweifelter. Kein Laut antwortete +seinem Drohen und Flehen.</p> + +<p>Endlich mußte er sich ergeben — mußte sich fassen.</p> + +<p>»Ich komme wieder, hörst Du mich? Ich komme wieder!« sprach er +und schritt nach einem letzten Zögern, einem letzten, vergeblichen +Erwarten, langsam aus dem Gemach.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">63</span> + <h3 class="nobreak" id="VII"> + VII. + </h3> + +<p>Allein so oft er wiederkam, so ungestüm er nach ihr fragte — +Lotti ließ sich nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine +Unterredung, und sie entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewähren, wenn +er zuvor verspreche, ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu +erwähnen. Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen, das erklärte er +offen in einem zweiten Briefe, der unbeantwortet blieb.</p> + +<p>Damit war zwischen ihnen Alles zu Ende.</p> + +<p>Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen, +senkte Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Später +vermieden sie es nicht mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast +Du mir nichts zu sagen? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes +Lächeln, eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert. Nach solchen +flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und +brennender Stirn, und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und +gerötheten Augen von einer durchweinten Nacht.</p> + +<p>Aber auch diese letzte, thörichte Schwäche ward überwunden. Lotti +gewöhnte sich, an dem einst Geliebten <span class="pagenum">64</span> +vorbei zu gehen, wie an einem Fremden; sie erröthete nicht mehr, wenn +sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde; sie las auch seine +Bücher nicht mehr. Sie wurde von ihnen allzu peinlich berührt. Es gab +sich darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhörten kund, +ein Streben, gemeine Neugier zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft +sogar das Widerliche zu schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie +Lästerungen an dem Gotte erschienen, den Halwig selbst sie verehren +gelehrt: am Gotte des Schönen.</p> + +<p>Jahre vergingen. Feßler starb — kurze Zeit nachdem ihm angekündigt +worden, daß er seine »hohe Warte« verlassen müsse, weil das Haus +zum Umbau bestimmt sei. Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried +miethete sich bei dem Uhrmacher ein, für den er seit dem Tode seines +Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes immer eingedenk, +führten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten und +einzigen Liebe so vollkommen geheilt, daß sie die Nachricht von Halwigs +Verheirathung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener +Heiterkeit aufnahm.</p> + +<p>Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich +heute noch des verstörten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr +erschienen, der Verlegenheit, der unnöthigen Schonung, mit denen er, +nach langem Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen +und dabei so beschämt und elend ausgesehen, als ob er eben eine +schändliche Handlung begangen hätte. <span class="pagenum">65</span> +</p> + +<p>»Ich muß es Dir sagen,« entschuldigte er sich, »Du hättest es +vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet +vielleicht ...«</p> + +<p>Lotti sah ihn freundlich an und sagte:</p> + +<p>»Nun — was hätte das gemacht?«</p> + +<p>»Wenn Du ihnen aber begegnet wärest, wie ich — ganz unerwartet — +beim Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm.«</p> + +<p>»So hätte es mich gefreut,« sagte Lotti.</p> + +<p>»Hätte es? ...« Sein Gesicht hatte sich verklärt, er gerieth in +Begeisterung, und jetzt kam es heraus, daß er schon seit einigen Tagen +von der Verheirathung Halwigs unterrichtet war, daß er auch gehört +hatte, die junge Frau sei arm, vornehm und schön.</p> + +<p>»Das Letztere kann ich bezeugen,« sprach Gottfried mit gedämpfter +Stimme, als ob er ein Geheimniß anzuvertrauen hätte, »Du und ich, +wir haben nie etwas Schöneres gesehen. Sie ist groß — um ein Haar +vielleicht größer als Du, und so zart, so ätherisch, als wäre sie +aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das Bild paßt nicht; die +Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus, wie das junge, +rosige Leben ... Ein Kind sag' ich Dir, und hat doch schon etwas +in den Augen ... Ich war eilig, und ging in Gedanken so hin, wäre +beinahe an sie angerannt ... Er rief »Holla!« und sie blickte mich mit +diesen prächtigen, sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, +als ob sie sagen würde: Geben Sie doch Acht! Ich bin es ja! ... so, +daß ich außerordentlich <span class="pagenum">66</span> erschrocken +stehen blieb und den Hut rückte. Da bemerkte ich erst, daß er den +seinen abgenommen hatte. Gesprochen wurde nichts, wir haben beide nur +getrachtet, so bald als möglich fortzukommen.«</p> + +<p>Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem +Arbeitstisch Lottis gegenüber ein, und sie begann von anderen +Dingen zu sprechen. Sie erzählte mit einer Art Entrüstung, daß der +Uhrenliebhaber, der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht, +das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben, sich wieder melde. +Von Amerika aus, wo er lebte — er war ein Deutscher, der dort Glück +gemacht — erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein Agent +Lotti überbrachte. Sie sann jetzt über ihre Antwort nach, konnte nicht +Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschütterlichen +Vorsatz, sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrücken. Sie +hatte Lust, dem »Amerikaner« mitzutheilen, was bisher Niemand außer +Gottfried wußte, daß der Hausschatz nämlich, im Testamente Lottis dem +Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei, wo er unter dem Namen: »Feßlersche +Sammlung«, auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude +künftiger Generationen.</p> + +<p>Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in Allem recht, sprang aber +plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab, und sagte: »Findest +Du es nicht verwegen von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch +schon reifen <span class="pagenum">67</span> Jahren ein Mädchen zu +heirathen, wie gesagt, fast noch ein Kind und so wunderschön?«</p> + +<p>»Von — ihm? ... Du sprichst von Halwig —« erwiderte sie mit +einem verweisenden Blick. — Die sanfte Lotti war gegen Gottfried +ausnahmsweise immer ein wenig streng. »Das muß man wissen ... Reife +Jahre? Ach was! Künstler bleiben immer jung, nur wir altern, wir +Arbeitsleute.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheirathung +aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört.</p> + +<p>Und jetzt, nachdem sie Alles verschmerzt, vieles vergessen, kam +ein Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer +tiefen Ruhe. Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks, den +sie plötzlich empfangen hatte, über die Pein, welche er verursachte. +Doch versuchte sie nicht, sich ihr zu entziehen, dazu kannte sie +sich zu gut. Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein, bevor sie +sterben konnten. Da half kein Wegschieben, keine Ueberredungskunst, +sie forderten ihr ganzes Recht, und wichen erst, nachdem es ihnen +geworden.</p> + +<p>Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk +sich ab. Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe. +Allein, was sie auch that und sprach, unablässig summten ihr die +Worte: »Aus Leichtsinn oder Noth« im Ohr, und der Gedanke an <span +class="pagenum">68</span> Halwig verließ sie nicht eine Sekunde. Sie +durchwachte eine böse Nacht.</p> + +<p>Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch ein Mal, die +bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu +überbringen.</p> + +<p>Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten, +auffallend hastig ab.</p> + +<p>»Wie Du willst,« sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von +Empfindlichkeit.</p> + +<p>Sie blickte ihm eine Weile nach. »Der beste Mensch!« murmelte sie +leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig, mit +gekreuzten Händen, im Zimmer auf und ab zu gehen.</p> + +<p>Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen, +ihre Herrin unbeschäftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr, +als sie sich verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr +eine Gelegenheit, sich so recht nach Herzenslust über die interessanten +Neuigkeiten auszulassen, die sie vom Markte mitgebracht. Leider +fand sie nur geringe Theilnahme und wurde plötzlich durch die Worte +unterbrochen:</p> + +<p>»Agnes — ich gehe jetzt aus.«</p> + +<p>Das war freilich leichter gesagt als gethan. »Ausgehen?« Jetzt? +— die Alte entsetzte sich über »diese Idee«. Vor dem Essen war das +Fräulein nie ausgegangen, warum denn heut'!</p> + +<p>Die Frage, und die seltsam forschende Miene, mit der sie +gestellt wurde, machten Lotti erröthen; sie wandte <span +class="pagenum">69</span> das Gesicht verlegen ab und sagte: »Warum? +— ja — — ich könnte eigentlich auch später — wenn Du Dich beeilen +wolltest ...«</p> + +<p>Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie überbrachte +die Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Fräulein dringend zu +sprechen wünschte.</p> + +<p>Der Agent des »Amerikaners« kam einmal wieder, die Anerbietungen +seines Chefs in Bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern.</p> + +<p>Er wurde selbstverständlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu +bescheiden und sich — zufrieden oder nicht — zu empfehlen, nahm er auf +das Breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten einige +wegwerfende Worte über alte Uhren fallen. Nach einer tödtlich langen +Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung, er wolle vor seiner +Abreise noch einmal vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu bemerken, daß +sei ganz überflüssig, worauf er verbindlich erwiderte, er danke und +werde sich gewiß einfinden.</p> + +<p>Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn +sie ließ ihr Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde, +unberührt.</p> + +<p>Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an, und blieb dann +zögernd an der Thür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt +langsam durch die Straßen ... immer langsamer, je näher sie ihrem Ziele +kam.</p> + +<p>Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen, <span +class="pagenum">70</span> unter denen ihr einstiges Geschenk verkauft +worden war. Sie wollte es. Und doch erhoben sich Einwendungen in ihr +gegen den unwiderruflichen Entschluß. — Was soll die Gewißheit, nach +der du strebst, dir bringen? fragte sie. — Was hast du zu erwarten? +Du wirst von einem Leichtsinn hören, den du nicht heilen kannst, oder +von einer Noth, der abzuhelfen du nicht vermagst. Laß ab! Was quälst +du dich? ... Zu wessen Frommen? Du bist längst vergessen — vergiß auch +du!«</p> + +<p>Lotti horchte den leisen, abrathenden Stimmen und — mit Bewußtsein +handelte sie ihnen entgegen.</p> + +<p>Jetzt stand sie an der Thür des Uhrmacherladens, jetzt drückte sie +die Klinke.</p> + +<p>Der Laden war leer, aber aus dem anstoßenden offenen, mit Gaslicht +hellerleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen.</p> + +<p>»Ich weiß ja, daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange!« rief +eine Stimme, deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört +hatte, und die sie dennoch augenblicklich erkannte.</p> + +<p>»Ich aber bin nicht in der Lage, Gefälligkeiten zu erweisen. — +Entschuldigen Sie, da ist Jemand ...« sagte der Uhrmacher, der den +Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte; »ah — Fräulein! +eben recht ...« Er eilte auf Lotti zu, indem er fortfuhr zu sprechen: +»Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden; jetzt sind drei Tage +vorüber; und mit dem besten Willen — wenn ich noch so gern möchte — ich +könnte <span class="pagenum">71</span> die Uhr nicht herschaffen, denn +sie ist —« er warf Lotti einen Blick des Einverständnisses zu, »bereits +in anderen Händen. Diese Dame kann es bestätigen.«</p> + +<p>Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit Aeußerungen des +Unglaubens begleitet. Als Lottis Zeugniß angerufen wurde, richtete er +plötzlich die Augen auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet, +so völlig überwunden und rathlos an, wie ein Kind, das auf einer +schlimmen That ertappt wird.</p> + +<p>»Mein Gott — Sie? ...« stammelte er, »was werden Sie von mir +denken?«</p> + +<p>Lotti hatte sich rascher gefaßt als er; sie erwiderte:</p> + +<p>»Nichts Anderes, als daß es schön von Ihnen ist, sich so herzlich +nach Ihrer alten Uhr zurückzusehnen.«</p> + +<p>Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas +peinlicher Ueberraschung; er sie, halb wehmütig, halb freudig. Seine +Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht +und wohl ums Herz. Ihm schien es, als träte ihm die Erinnerung an die +beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste, +o, bei weitem nicht! Aber die beste gewiß.</p> + +<p>»Fräulein Lotti — Fräulein Lotti,« wiederholte er mehrmals, ohne den +Blick von ihr zu verwenden.</p> + +<p>Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte, +wieder. Hübsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schön sein, wenn +ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen +Gedanken auf <span class="pagenum">72</span> ihrer Stirn sichtbar +wurde, wenn eine Gemüthsbewegung ihre Wangen röthete — so wie jetzt ... +Was lag daran, ob leichte Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen +schmaler geworden? Die Augen blickten so gütig wie je; die rosige +Farbe der Lippen hatten die Jahre verwischt, den Zug von Sanftmuth und +stiller Heiterkeit, der sie umspielte, jedoch nur tiefer eingeprägt ... +Ja, sie war es, war dieselbe noch! und — sie hat sich wenig verändert, +dachte er.</p> + +<p>Lotti hingegen dachte: er hat sich sehr verändert. Worin aber? +fragte sie sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorüber gezogen. +Seine Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner +Haare und seines Gesichtes waren dunkler, sein Bart und seine Brauen +waren lichter geworden. Die Augen lagen tiefer, und schon bildeten +sich Ringe um dieselben, doch funkelten sie noch feurig wie sonst; er +war noch immer ein Bild männlicher Schönheit, sein Wesen noch immer +anziehend und gewinnend. Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte +eine gewaltige Aenderung erfahren. Keine Spur des Künstlers war mehr an +ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft +aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode +zugeschnitten, und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch +die Form des langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte +bei der Wahl des glänzenden Cylinders, der sportsmäßigen Cravatte, +der Handschuhe aus Hundsleder, den Ausschlag gegeben. Wenn <span +class="pagenum">73</span> Kleider Leute machen würden, hätte man ihn +für ein Mitglied des Jockey-Klubs halten müssen. Er hatte jedoch +nur die äußere Hülle eines Engländers, nicht dessen Art und Weise +angenommen — vielleicht nicht anzunehmen vermocht. Es war nichts von +steifer Gleichgültigkeit in dem Tone, in welchem er sich an Lotti +wendete und sie versicherte, er freue sich des Wiedersehens, trotz der +ihn beschämenden Umstände, unter denen es stattfand. Er bat sie, ihn +anzuhören, bat, ihr seine thörichte und leichtsinnige Handlung, die +allerdings unverzeihlich sei, wenigstens erklären zu dürfen.</p> + +<p>Lotti unterbrach ihn und meinte, daß sich wohl mehr werde thun +lassen. Sie wandte sich an den Kaufmann und ihrer eindringlichen +Fürsprache gelang es, nach einiger Bemühung den übereilten Handel +rückgängig zu machen. Sodann verabschiedete sie sich von dem alten +Geschäftsfreunde und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit +Halwig.</p> + +<p>»Ihre Uhr ist bei mir,« sagte sie zu ihm, »in drei Tagen schicke ich +sie hierher, da kann sie abgeholt werden.«</p> + +<p>Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grüßte so +deutlich verabschiedend, daß ihm nichts übrig blieb, als diesem Winke +zu gehorchen. Er verneigte sich, trat zurück, und sie schlug den Weg +nach ihrer Wohnung ein.</p> + +<p>Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert, als sie durch +rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde, und Halwig an +ihrer Seite erschien. <span class="pagenum">74</span></p> + +<p>»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »verzeihen Sie, Fräulein Lotti ... +eine große Bitte ...«</p> + +<p>»Nun?«</p> + +<p>»Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen?«</p> + +<p>»Das steht Ihnen frei!« antwortete sie.</p> + +<p>»In drei Tagen also! ... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich +danke Ihnen ... das ist eine Freude!«</p> + +<p>»Die hätten Sie sich längst machen können.«</p> + +<p>»Können! ...« wiederholte er fragend, »haben Sie mir nicht dereinst +gesagt, nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte, mög' ich kommen? Nun, +Fräulein Lotti, ich hatte keines zu klagen, außer demjenigen, daß Sie +selbst mir damals angethan haben ... und das ich allein tragen und +überwinden mußte ... In allem übrigen bin ich glücklich gewesen ...«</p> + +<p>»Und davon sollte ich nichts wissen?« unterbrach sie ihn.</p> + +<p>»Davon <span class="gesperrt">wollten</span> Sie nichts wissen +...«</p> + +<p>»O wie kindisch! Ist es möglich, Halwig, so kindisch sind Sie +geblieben?«</p> + +<p>Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte. +Erst die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, daß sie ihm +seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei, stimmte ihn +ernster.</p> + +<p>»Ach,« sagte er mit einem Seufzer, »ich bin ja wie <span +class="pagenum">75</span> der Vogel der Minerva. In der Dämmerung +beginne ich meinen Flug. Tags über schmiedet mich die Arbeit an meine +Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit — eine lohnende und +erfolgreiche ...« Er warf den Kopf stolz zurück. »Ueberdies,« setzte +er, als Lotti schwieg, mit veränderter Stimme hinzu, »habe ich diesen +Winter und den vorigen in England zugebracht, die Gesundheit meiner +kleinen Frau machte einen längeren Aufenthalt in einer kräftigeren Luft +nothwendig.«</p> + +<p>»Sie ist leidend?«</p> + +<p>»Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten +Grund zu Besorgnissen gäbe.«</p> + +<p>»Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen, Halwig.«</p> + +<p>»Ich will sie Ihnen bringen!« rief er, hielt aber sogleich inne, +wie Jemand, der ein übereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zögernd +hinzu: »Das heißt, wenn meine Frau — ich wollte sagen, wenn Sie es mir +erlauben.«</p> + +<p>»Erlauben — wie denn? — ich bitte Sie darum.«</p> + +<p>Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. +»Hier wohne ich,« sprach sie, »hoch oben im dritten Stock.«</p> + +<p>»Hier also — gut — hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... +Wie glücklich wäre ich, unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon +fortsetzen zu können — aber ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger +natürlich — einer, <span class="pagenum">76</span> der vernarrt ist +in seine Sklaverei ... Auf Wiedersehen denn!« Er ergriff ihre Hand und +drückte sie mit Wärme: »Fräulein Lotti — so haben wir uns doch endlich +wieder gefunden!«</p> + +<p>»Und wie mir scheint,« antwortete sie, »als ganz gute Freunde.«</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">77</span> + <h3 class="nobreak" id="VIII"> + VIII. + </h3> + +<p>Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde fand Halwig sich ein.</p> + +<p>»Agnes, kennen Sie mich noch!« sprach er, ins Vorgemach tretend, +dessen Thür die Alte ihm geöffnet hatte.</p> + +<p>Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, daß +Sie kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte, +wurde allmälig milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen +ja prächtig aus.«</p> + +<p>»Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!«</p> + +<p>Die Alte schmunzelte und dachte: jetzt geht es mir wieder mit ihm, +wie es mir immer gegangen ist.</p> + +<p>Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung +gegen ihn gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im +Handumdrehen im Hause erlangt, sie verabscheute seine Thätigkeit. »Was +thut er?« meinte sie, »er schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für +einen Mann — nähen wäre ebenso gut. Ich möchte einen Schreiber gerade +so wenig wie einen Schneider.« Da sie niemals Gelegenheit gehabt, +diese Behauptung <span class="pagenum">78</span> zu beweisen, war es +ihr freigestellt, ihren Haß maßlos zu überschätzen. Trotzdem blieben +Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen nie ohne Erfolg. Wenn er sie +freundlich gegrüßt, wenn er fünf Minuten lang mit ihr geplaudert hatte, +gestand sie es regelmäßig zu: »Er ist halt doch ein lieber Mensch.«</p> + +<p>»Darf ich eintreten?« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, +mich anzumelden?«</p> + +<p>»Nicht nothwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Feßler +auch.«</p> + +<p>»Gottfried auch?«</p> + +<p>»Ja ja,« bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers +erschien, »zwei alte Freunde heißen Sie willkommen.«</p> + +<p>Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich +anfangs ein wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand +auch er jenes eigenthümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl, +das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der +Jugendzeit erweckt wird.</p> + +<p>»Und wie lebst Du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in +Erinnerungen geschwelgt hatten.</p> + +<p>Halwig lehnte sich in den alterthümlichen Sessel zurück, der ihm +eingeräumt worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund,« +lautete seine langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht — ich +schreibe.«</p> + +<p>Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mißbehagen <span +class="pagenum">79</span> schien sich seiner unter diesem Blicke zu +bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er fort:</p> + +<p>»Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend, oder — zur Abwechselung — +vom Abend bis zum Morgen ... Es giebt einmal nichts so Unpoetisches, +wie das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist +zu thun, wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß?«</p> + +<p>»Das kann Dir nicht schwer werden,« meinte Gottfried, »ein +gefeierter Dichter wie Du ...«</p> + +<p>»Heuchle nicht, Gottfried! Was weißt Du davon, ob ich ein gefeierter +Dichter bin?«</p> + +<p>»Nun — man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.«</p> + +<p>»Daher schöpfst Du Deine Nachrichten? Gehst zum Fasse, statt zum +Quell ... Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls sich +selbst zu überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?«</p> + +<p>»Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber lieber Halwig, ich +altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.«</p> + +<p>»Sie thun vielleicht sehr gut daran,« sprach er nicht ohne leisen, +etwas ironischen Verdruß.</p> + +<p>Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die +Titel einiger darin aufgestellten Werke. »Da sind noch alle, die +alten Bekannten ... Ja, ja, Ihre Umgebung hat sich eben so wenig +verändert, wie Sie selbst. Der Raum ist kleiner geworden,« sprach er +und <span class="pagenum">80</span> blickte sich in der Stube um, »die +Gegenstände sind dieselben geblieben. Aber — wo ist denn die Sammlung, +der Schatz des Hauses?«</p> + +<p>Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers. »Dort steht sie.«</p> + +<p>»Unvermindert? In ihrer ganzen Herrlichkeit?«</p> + +<p>»Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.«</p> + +<p>»Wirklich?«</p> + +<p>»Wie können Sie daran zweifeln? Ein Geizhals würde sich leichter von +Hab und Gut trennen, als ich mich von einer meiner Uhren.«</p> + +<p>»Nicht einmal eine wäre Ihnen feil? — Um gar keinen Preis? Nicht um +Wohlhabenheit, nicht um Reichthum?«</p> + +<p>»Welche Fragen!« erwiderte Lotti beinahe verletzt.</p> + +<p>Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein; er stützte die Arme +auf seine Kniee und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Da +plötzlich erhob er die Augen zu Lotti:</p> + +<p>»Idealistin! Sie wohnen in einer Nußschale unter dem Dach, plagen +sich ums tägliche Brod, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des +Lebens, um nichts zu schmälern von einem eingebildeten Werth ... Sie +haben Recht! ... Bewahren Sie sich, was Ihnen unschätzbar ist!« schloß +er wehmüthig, schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten +Uebergänge, die ihm immer eigen gewesen waren, einen heitern Ton an. +Er nannte sich einen <span class="pagenum">81</span> glücklichen +Menschen und pries sein Schicksal, das ihn endlich wieder mit seinen +alten Freunden zusammen geführt. Der Verkehr mit ihnen sei das Einzige +gewesen, wonach er eine Sehnsucht empfunden, die sich oft bis zum +Schmerze gesteigert. Jetzt war auch diese erfüllt. Ihm fehlte nichts +mehr. Er begann von seiner Frau zu erzählen, und wie er sie im Sturm +gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre Geschwister, +»die ganze hochadelige Sippe« gegen ihre Verbindung mit ihm aufgeboten +habe. Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten seiner Frau +gemieden — nur anfänglich ...</p> + +<p>»Seitdem sie sich überzeugt haben, daß meine Kunst keine brodlose +ist,« sprach er lachend, »bin ich merkwürdig in ihrer Achtung +gestiegen, und das freut mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel +Gewicht auf ihre Meinung zu legen. Es sind sehr ehrenwerthe Leute, aber +durchaus keine überlegenen Geister. Ein wirkliches Band besteht nicht +zwischen uns ...«</p> + +<p>»Einfluß nehmen sie aber doch auf Dich,« versetzte Gottfried. »Dein +Aeußeres hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend! +was bist Du nobel geworden ... ich bewundere Dich schon die ganze Zeit +im Stillen.«</p> + +<p>»Spotte nur,« sagte Halwig. »Uebrigens, lieber Alter, die Zeiten +sind vorbei, in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und +am abgeschabten Flausrock erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, +habe ich allerdings <span class="pagenum">82</span> aufgegeben. Aber +nicht in Folge äußerer Einflüsse, sondern Dank meinem verbesserten +Geschmack.«</p> + +<p>Gottfried blinzelte ihn freundlich an. »Sehr gescheit,« sprach er; +»Deine Leute können mit Deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein. +Und Deine Bücher, sage mir, finden die bei ihnen gehörige Anerkennung? +Gefallen sie ihnen, wie Du selbst ihnen gefallen mußt?«</p> + +<p>»Meinen Leuten — Bücher? ... meinen Leuten? — Freund ich frage mich +manchmal, ob sie lesen können,« entgegnete Halwig, und fuhr nach einem +Blick voll Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: »Das +gilt nur von den Männern! Die Frauen lesen, die — ja. Und zwar die +alten französische, und die jungen englische Romane. Welche Früchte +diese Lectüre den ersten trägt, weiß ich nicht; die zweiten holen +sich aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten und Gebräuche, +und für alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz +eines Maquignons, reden wie die Jockeys, und — sind reizend. — Ja, +ich muß gestehen, daß ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im +Geringsten täusche über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber — +was geht die mich an? Mich unterhalten, mir gefallen diese Amazonen +in Schleppkleidern; meinetwegen dürfen sie bleiben, wie sie sind ... +Die Klagen über die Fehler der Aristokraten, über ihre Frivolität, +Genußsucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen; +allein, wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich +dabei nicht wohl gefühlt? — man hat überhaupt keinen Sinn <span +class="pagenum">83</span> für das Anmuthige und Schöne, wenn man keinen +hat für die Anmuth und Schönheit ihrer Umgangsformen ... freilich eine +Ahnung von Talent zu dergleichen Dingen muß man mitbringen, um sie als +Vorzüge gelten lassen zu können ... diese Ahnung fehlt — nicht dem +großen Publikum, das unsere ist vortrefflich, keine Nation der Welt +vermag ein besseres zu bilden — es fehlt den Wortführern des Publikums, +meinen Herren Collegen und lieben getreuen, immer dienstbeflissenen +Feinden.«</p> + +<p>»Deine Collegen und Feinde?« fragte Gottfried ganz verwundert über +diesen plötzlichen Ausfall.</p> + +<p>»Nun ja! — Ich habe zu viel Glück und habe stets zu viel Glück +gehabt, um ohne Neider zu sein. Sie thun, was sie können, um mir meine +Erfolge zu verkümmern, allein die Mühe ist verloren. Noch befinde ich +mich im Vollbesitze meiner Kraft und hoffe, nicht so bald zu erlahmen +— geschehe das — erwachte ich eines Tages und wäre kein Dichter mehr +— wie man behauptet, daß es geschehen könne, Anderen schon geschehen +sei, — versiegte plötzlich der Quell, aus dem ich gewöhnt bin, ohne +Maß zu schöpfen — ja dann ...« Er griff sich mit beiden Händen an den +Kopf, »dann wäre ich verloren ... denn Alles, was ich bin und habe, +steht und fällt mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegründet, die +Zukunft meiner Frau ... geistige Verarmung hätte für mich so viel zu +bedeuten, wie materielle Noth — und das hieße sie betrogen haben, die +mir in Unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ... Närrische Gedanken <span +class="pagenum">84</span> —« unterbrach er sich mit einem gequälten +Lachen, »ich kenne mich und fürchte nichts. Aber die Phantasie, die +uns beseligt, will auch peinigen. Nur zu! ... In der Einbildung müssen +wir das Furchtbare durchmachen, das uns die Wirklichkeit erspart — +das ist der Tribut, den der Glückliche dem allgemeinen Menschenelend +bezahlt ... Und, daß er reichlich bezahle, dafür sorgen die eigenen, in +dem Geschäft, das ich betreibe, bis zum Zerreißen gespannten Nerven, +und die Bemerkungen der süßen Neider, oder die Rathschläge der weisen +Freunde. Auf dem Wege hierher bin ich dem weisesten von Allen begegnet +... Was der nicht Alles wußte, nicht Alles kommen sah! Wie der so +eindringlich bat, als hänge sein eigenes Heil davon ab: Gönne Dir +Ruhe! Sündige nicht auf Dein Talent — Du brauchst Sammlung, Erholung +... Wohl brauch' ich sie, aber sie mir gönnen heißt abtreten, Anderen +Platz machen ... O nein, ich weiche nicht, ich bleibe und fühle Nerv +und Stärke genug in mir, der ganzen heranwachsenden Epigonen-Generation +Stand zu halten ... Ich traue mir's zu, sie alle zu überdauern, diese +altklugen Kinder mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Können +... Aber ich ermüde Sie mit diesen literarischen Misèren ... Lassen Sie +uns von angenehmeren Dingen reden ...«</p> + +<p>Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, er bemühte sich, die +frühere Heiterkeit wieder zu gewinnen. Allein es war vergeblich. +Endlich erhob er sich und nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm +nur <span class="pagenum">85</span> irgend möglich sei, wollte er mit +seiner Frau wiederkehren, die er im Voraus der Freundschaft und Güte +Lottis empfahl.</p> + +<p>»Wie kommt er Dir vor?« sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder +allein waren.</p> + +<p>Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd: +»Wie Dir.«</p> + +<p>»Schad' um ihn.«</p> + +<p>»Ja, traurig.«</p> + +<p>Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen +kleinen Brief. Sie war im höchsten Grade ungeduldig, Fräulein Feßler +kennen zu lernen. Sie forderte ihren Antheil an der Freude, die ihrem +Manne durch das Wiederfinden seiner Jugendfreundin beschert worden war. +Es machte sie wirklich trostlos, dem Zug ihres Herzens nicht folgen, +und statt dieser in Eile hingeworfener und schlecht geschriebener +Zeilen selbst bei Fräulein Feßler erscheinen zu können; aber ein +Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich. +Ja, wenn Fräulein Feßler großmüthig sein, und eine arme, an das Zimmer +gefesselte Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glücklich +würde diese sein ... Auf ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte +freilich Diejenige nicht zu hoffen, die sich mit herzlichster und +wärmster Verehrung Lottis ergebenste Agathe Halwig nannte.</p> + +<p>Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder, +und ein Gefühl von entzückter Beschämung bemächtigte <span +class="pagenum">86</span> sich ihrer. Es stieg ihr heiß in die Wangen, +sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen Frau zu stehen, +deren sie bisher entweder gar nicht, oder wenn — ohne das geringste +Wohlwollen gedacht, und die ihr jetzt so liebenswürdig nahte, mit +solcher Bescheidenheit, ja man konnte sagen, mit kindlicher Ehrfurcht +... Sie wollte sofort schriftlich antworten, besann sich aber eines +Andern. Nein, mit ihrer schwerfälligen und altmodischen Schrift +durfte sie nicht ausrücken, der Besitzerin der schönsten »<i>grande +anglaise</i>« gegenüber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschloß +sie denn, eine mündliche Antwort zu geben und trat in das Vorzimmer, um +dieselbe dem wartenden Boten aufzutragen.</p> + +<p>An der offenen Thür der Küche lehnte nachlässig, mit gekreuzten +Armen und Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein +untersetztes, glotzäugiges Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben +Wappenknöpfen, eine blanke, goldbetreßte Tellerkappe zwischen den +Fingern. Von der Höhe seines herrlichen Selbstbewußtseins herab +beobachtete er das Walten Agnesens in ihrem kleinen Bereiche. Er +veränderte seine lümmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch +und in großer, freudiger Aufregung auf ihn zu kam und ihn bat, +seiner Gebieterin zu melden, sie gedenke heute noch bei derselben +vorzusprechen.</p> + +<p>»Heute nicht,« versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen +impertinenten Gesicht. »Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen +um ein Uhr.«</p> + +<p>»Morgen? — Gut denn, morgen.« <span class="pagenum">87</span></p> + +<p>Es schien Lotti ein wenig befremdlich, daß die junge Frau, die nicht +den Muth gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf +ihn gerechnet haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darüber +Gedanken. Sie kehrte wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden +Brief zurück. Da lag er, sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden +Couvert und duftete köstlich nach Ylang-Ylang. Von Neuem erquickte sich +Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab nichts Gutes und Schönes, das man +ihr nicht zutrauen müßte, die ihn geschrieben. Lotti drückte ihn an +ihre Wange, hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und legte ihn +endlich in das Kästlein, in welchem sie ihre theuersten Erinnerungen +bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe, +die Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren +eigenen Verlobungsring.</p> + +<p>Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen +wieder hervor, um ihn Gottfried mitzutheilen.</p> + +<p>»Lies!« rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen. +Er gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und +ein verwundertes »Oho!« ausgestoßen hatte. Seine Miene blieb ganz +gleichgültig.</p> + +<p>»Hast geantwortet?« fragte er, nachdem er zu Ende gekommen.</p> + +<p>»Natürlich! Ich gehe zu ihr.«</p> + +<p>»Das ist beschlossen?« Gottfrieds Ton klang mißbilligend, <span +class="pagenum">88</span> und er warf das Schreiben mit einer Gebärde +voll Geringschätzung auf den Tisch.</p> + +<p>»Es ist beschlossen,« entgegnete Lotti ärgerlich.</p> + +<p>Er murmelte einige unverständliche Worte.</p> + +<p>»Was sagst Du?«</p> + +<p>»Nichts. — Wenn es schon beschlossen ist, nichts.«</p> + +<p>»Und der Brief gefällt Dir nicht? Freut Dich nicht?«</p> + +<p>»Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der +Halwig baronisirt worden?«</p> + +<p>»Gottfried!« rief Lotti, »es ist Deiner ganz unwürdig, so kleinlich +zu sein.«</p> + +<p>»Ist das kleinlich?« sagte er, nicht ohne einige Beschämung.</p> + +<p>»Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein +kann.«</p> + +<p>Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der »beste +Mensch.« Er konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab +sehr viel zu thun. Das neu errichtete Geschäft ließ sich vortrefflich +an, und doch wollte er nicht so ganz Kaufmann werden, daß er am Ende +seine Uhrmacherei darüber vernachlässigte. Fortschritte meinte er +freilich unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen zu können, aber +verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz knappes +Wirthschaften mit der Zeit.</p> + +<p>Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich +zugestimmt. »Du bist recht zufrieden?« fragte sie plötzlich. <span +class="pagenum">89</span></p> + +<p>»Recht zufrieden,« wiederholte er, vermied aber dabei dem freundlich +forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete.</p> + +<p>Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der +Meldung erschien, Herr von Halwig sei da, und wünsche das Fräulein zu +sprechen.</p> + +<p>»Es muß ihm etwas sein,« flüsterte die Alte, und ihr vertrocknetes +Gesicht gerieth in das blitzende Zucken, das bis zum Aeußersten +gespannte Neugier auf demselben hervorzurufen pflegte. »Was ihm wohl +sein mag?«</p> + +<p>»Laß ihn doch kommen!« rief Lotti, und schon, nach einem leichten +Pochen an der Thür, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich +langsam und zögernd entfernte.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie die frühe Stunde, ich werde Sie nicht lange +stören,« sprach er, »ich bin nur da, um Ihnen für Ihre Güte gegen meine +Frau zu danken und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir thut, bei +Ihrer ersten Begegnung mit Agathe nicht gegenwärtig sein zu können +... Nein, nein!« fügte er ablehnend hinzu, da ihm Lotti einen Sessel +anwies, »ich setze mich nicht, ich bleibe, mit Ihrer Erlaubniß hier an +dem Platze Gottfrieds stehen, Ihnen gegenüber, Fräulein Lotti ...«</p> + +<p>Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mühe die raschen +Athemzüge zu verbergen, die seine Brust ängstlich beklemmend hob.</p> + +<p>»Was fehlt Ihnen, Halwig?« fragte Lotti und trat <span +class="pagenum">90</span> an seine Seite, »Sie sehen schrecklich +aufgeregt und übermüdet aus.«</p> + +<p>»Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am +Schreibtisch durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie +mich nur recht an — nur recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, +frommen, friedlichen Augen — es thut mir wohl und beruhigt mich, und +ich brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den ich heute zu machen habe +...« Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem Schweigen sanft und +eindringlich:</p> + +<p>»Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ... +Sie wissen, Sie müssen sich noch erinnern, wie großen Werth ich +auf Ihr Vertrauen lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht +verändert.«</p> + +<p>»Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder +Vertrauen haben,« rief er, »ich habe das inmitten der Mißgunst, die +mich umgiebt, verlernt.«</p> + +<p>»Halwig, diese Mißgunst — besteht sie nicht vielleicht einzig und +allein in Ihren selbstquälerischen Einbildungen? ... Ich frage nur —« +beeilte sie sich entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien, +heftig aufzufahren. »Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig +— Sie haben neulich von Jemand gesprochen, der Ihnen rieth, sich Ruhe +zu gönnen — dem stimm' ich bei, sein Rath war gut.«</p> + +<p>»Er wäre gut, wenn sich ein Zeichen des Ueberreizes, des +Verfalls in meinen letzten Arbeiten finden ließe ... Das läßt sich +darin <span class="gesperrt">nicht</span> finden! ... Mit <span +class="pagenum">91</span> jedem Werke, welches ich in die Welt sende, +wächst meine Popularität, es giebt keine Zeitschrift, kein Journal, +das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig Autoren dürfen sich +rühmen, so viel gelesen zu werden, wie ich. — In faden Harmlosigkeiten +freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige Verblüffung +läuft es immer hinaus — dem Geschmack der Zeit muß man Concessionen +machen ... <span class="gesperrt">man muß</span>! ... Welcher Künstler +ist groß geworden und hat das nicht gethan? ... Lesen Sie, lesen Sie +doch einmal eines meiner Bücher und sagen Sie dann, ob ich mich, wie +der schöne Ausdruck lautet: ›ausgeschrieben‹ habe? Ob ich verwässere +und verflache?«</p> + +<p>Er stieß ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken, aus denen +ihn Lotti mit den Worten weckte:</p> + +<p>»Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie zu machen haben +...«</p> + +<p>»Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, gräßlich soll es +heißen ... Ich will Ihnen sagen, was ich zu thun habe: einem Menschen +gute Worte geben, dem ich am liebsten einen Fußtritt gäbe ... aber ich +stehe in seiner Schuld und mir bleibt nichts übrig, als —« die Augen +funkelten ihm vor Zorn, und er warf die Lippen verächtlich auf — »als +mich vor ihm zu demüthigen.«</p> + +<p>»Eine — eine Geldschuld?« fragte Lotti zaghaft.</p> + +<p>»Nein — ja — wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine +Vorauszahlung von ihm anzunehmen <span class="pagenum">92</span> +auf einen Roman, der im Feuilleton seiner Zeitschrift erscheinen +soll ... und kann dieser Verpflichtung nicht nachkommen ... es ist +mir unmöglich, trotz all' meiner Arbeitskraft, all' meines Fleißes. +Heute sollte ich meinen ersten Band abliefern, und heute muß ich das +Geständniß ablegen, daß er noch nicht begonnen ist — muß um Zeit +bitten, um Geduld — —«</p> + +<p>»Wär's nicht besser den peinlichen Vertrag ganz zu lösen, Halwig?« +sprach Lotti.</p> + +<p>»Das kann ich nicht —«</p> + +<p>»Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ...«</p> + +<p>»Das kann ich nicht!« wiederholte er übereilt, und verbesserte sich +sogleich: »darauf ginge er nicht ein — der Seelenverkäufer läßt mich +gewiß nicht los ... Aber — darf ich's denn verantworten, daß ich Sie zu +langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten, die Ihrem +Gesichtskreise so fern liegen, so tief unter Ihnen stehen?«</p> + +<p>»Diese Frage, Halwig, die können Sie allerdings nicht verantworten,« +sprach Lotti. »Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu +verschaffen vermag. Vergessen Sie das nie und nimmermehr.«</p> + +<p>Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. »Ich habe es nicht vergessen +... Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und +Segen zu sein ... von jeher war ich bestimmt, Sie zu quälen ... +Das Schicksal erfüllt sich ... Leben Sie wohl! ...« rief <span +class="pagenum">93</span> er, wandte sich plötzlich und schritt dem +Ausgange zu. Mit einem Male blieb er jedoch stehen. Seine Augen +hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet, das an der +Wand über dem Arbeitstische hing. Das wohlgetroffene Bild Meister +Feßlers.</p> + +<p>»Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte Alles vom +Künstler, nur nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte +die Affenliebe für seine Produkte nicht, und nicht die blinde Freude +an dem Geschaffenen, sondern nur die große Freude an seinem Schaffen +... Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir — treiben unsere Kunst +wie ein Handwerk,« sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das +Zimmer.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">94</span> + <h3 class="nobreak" id="IX"> + IX. + </h3> + +<p>»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das +Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses.</p> + +<p>»Macht gewiß Visiten,« meinte Leopoldine und beugte sich recht weit +aus dem Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz +schritt.</p> + +<p>Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in +Begeisterung: »Schau, schau! Es giebt doch nichts Schöneres, als ein +schwarzes Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben, muß sich so gewiß +ausbreiten, — <span class="gesperrt">das</span> ist anständig, das ist +elegant!«</p> + +<p>»Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr +kleines, breites Näschen rümpfend.</p> + +<p>»Nicht? Kannst Du Dir das Fräulein denken in so einer modernen +Ofenröhre, wie Du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich +auf das enge Kleid deutete, das seine Tochter trug.</p> + +<p>»Sie nicht — sie freilich nicht —«</p> + +<p>»Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher +als tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne!« +<span class="pagenum">95</span></p> + +<p>»Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr +steht's, ein anderes dürft's nicht tragen.«</p> + +<p>»Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?« +polterte der Alte, und der Zank zwischen den Beiden entbrannte.</p> + +<p>»Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, +»wenn Ihr einmal todt seid, halte ich mir doch ein französisches +Modejournal!«</p> + +<p>»Dann kannst Du's thun!« schrie der Vater gereizt, aber nicht +gekränkt durch diese brutale Aeußerung.</p> + +<p>Seine Tochter biß sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen +schoß ein Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu +sterben,« sprach sie.</p> + +<p>»Fällt mir auch gar nicht ein.«</p> + +<p>Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodernen gestreiften +Sommerkleides.</p> + +<p>Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen +und Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. +Auch die weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut, und +dabei ein derart gescheites Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei +interessante Dinge wüßte, von denen andere sterbliche Wesen niemals +etwas erfahren.</p> + +<p>Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten +und dennoch so gleich mächtigen Empfindungen, daß sie nicht vermocht +hätte zu sagen, welche die vorherrschende sei. Vielleicht war es +ein geheimer Thatendrang — der Wunsch, Einfluß auf die Frau Halwigs +<span class="pagenum">96</span> zu gewinnen, und die Hoffnung, wenn +das gelang, durch sie dem Selbstzerstörungswerk Einhalt zu thun, in +dem der Dichter begriffen war. Sollte jene aber nichts wissen von +seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte sie, wenn er auch schweigt — +nichts davon errathen haben? Ist es nicht offenbarer Unverstand, sich +einzubilden, daß eine Fremde kommen müsse, um der Gattin die Augen +zu öffnen? Und dennoch — dennoch — trotz aller Einwendungen ihres +Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen, für die ihr jeder +Grund, jeder Anhaltspunkt fehlte, der Ahnung: die Frau, die er liebt, +weiß nichts von seinem inneren Leben.</p> + +<p>Lotti war im neuen Stadttheil vor dem neuen Hause angekommen, +das Halwig bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; Alles +darin frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht, +Alles geschmackvoll und schön: die Malereien an den Wänden und am +kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die vergoldete Rampe, die +schneeweißen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die Freundin des Alten, +sah sich um in all' der bunten, jungen Herrlichkeit und meinte im +Stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen.</p> + +<p>Sie bemühte sich, den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu +schenken, sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu +befreien, die sich ihrer bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und +Lottis Herz pochte fast laut, als sie das erste Geschoß erreicht +hatte und den Drücker neben einer hohen, hübsch stilisirten <span +class="pagenum">97</span> Thür berührte, die sich nach wenig +Augenblicken vor ihr erschloß. Derselbe Diener, der gestern das +Billet Frau von Halwigs überbracht, starrte Lotti mit derselben +dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf, <a href="#97b" +id="97a">einzutreten</a>.</p> + +<p>Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken +und Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büffet, +geschnitzte Stühle, schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. +Durch einen kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen +Tapeten, Pagoden, Vasen, Lüster, Armleuchter aus Porzellan, zahllose +Kästchen aus <i>vieux-laque</i>: chinesisch. An der dritten Thür blieb +der Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein von Feßler!« +und gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.</p> + +<p>Lotti trat in ein großes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf +einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame +lag.</p> + +<p>»Wie schön von Ihnen,« sprach diese, und richtete sich, wie es +schien nicht ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine +hülflose Kinderhand streckte sich aus der Fluth von Spitzen, welche die +Aermel des weißen Schlafrocks umgaben, der Besucherin entgegen.</p> + +<p>»Wie schön von Ihnen, daß Sie kommen ... aber ich hab's gewußt, ich +habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ...«</p> + +<p>»Sie sehen, wie recht Sie gehabt ...«</p> + +<p>»Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht' ich mir, als <span +class="pagenum">98</span> ich meinen Brief fortschickte, kommt sie +sogleich — und Sie wollten ja auch sogleich kommen?«</p> + +<p>»Gewiß.«</p> + +<p>»Gestern konnt' ich Sie aber nicht sehen — ich war zu leidend —.«</p> + +<p>»Das hörte ich mit Bedauern,« erwiderte Lotti theilnehmend, aber +auch erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig +angehauchten Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?</p> + +<p>»Und — was fehlt Ihnen?«</p> + +<p>»Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiß nichts davon, man +darf es ihm auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt,« +versicherte Agathe mit einschmeichelnder, klagender, um Mitleid +bittender Stimme.</p> + +<p>Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei +ein so lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, daß +Lotti dachte: »Dich müßte ein Tauber beredtsam finden!«</p> + +<p>Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von +Albano, deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat. +Ihre reichen, dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren +Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten. Sie schien groß; die edlen +Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich +unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des langen, weit über die Füße +reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend, hüllte. <span +class="pagenum">99</span></p> + +<p>Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast +demüthigen Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade +den Vorzügen gegenüber, die ihnen selbst versagt geblieben sind, am +lebhaftesten empfinden.</p> + +<p>Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie +eigenthümlich war ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem +Wintergarten von Blüthenduft und Sonnenschein durchtränkt.</p> + +<p>In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel auf +einander stehenden Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der +seltensten Blumen. In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme +ihre zackigen Blätter aus, in der anderen wiegten sich in den Ringen +ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer +Papagei. Eine zierliche Volière beherbergte ein Dutzend brasilianischer +Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen Gold- +und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten +des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob, +guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer +Neugier hervor. Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen, dessen +Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden +waren. Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa, ein Zelt aus +demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Thür- und Fenstervorhänge +bestanden. Mit diesen stimmte nur das Ruhebett überein. Alle übrigen +<span class="pagenum">100</span> Möbel schienen je ein Muster von +ganz verschiedenen Gattungen. Persische, indische, türkische Stoffe +und Stickereien schmückten reich geschnitzte oder eingelegte Gestelle, +prangten auf den Kissen, waren über die Tische gebreitet. Das Zimmer +war überfüllt, drei Dinge jedoch hätte man darin vergeblich gesucht: +ein Gemälde, ein Buch und — eine weibliche Handarbeit. Dagegen waren +mehrere Etagèren vorhanden, ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten. +Cigaretten-Vorräthe hoch aufgespeichert, abenteuerlich geformte +Pfeifchen, kleine Tschibuks mit kostbaren, Edelstein-geschmückten +Mundstücken, Reitpeitschen und Reitstöcke, köstlich damascirte +Pistolen, mit Schaft aus Elfenbein, daneben in einem Futteral ein +goldener Sporn.</p> + +<p>Die Besitzerin all' dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das +Interesse, das Lotti denselben schenkte.</p> + +<p>»Es gefällt Dir bei mir!« sagten ihre großen langbewimperten Augen, +dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben +schwimmenden spielenden Lichtern ...</p> + +<p>»Nehmen Sie doch einen Fauteuil — nicht den, der ist unbequem, den +andern — dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher — mir +gegenüber, und lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.«</p> + +<p>Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.</p> + +<p>»Ich muß Ihnen sagen — ich war gestern nicht nur +ungewöhnlich leidend — leg' dich, Gipsy,« unterbrach <span +class="pagenum">101</span> sie sich, um zu ihrem Hündchen zu sprechen, +das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die herabhängende +Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte. Gipsy +gehorchte.</p> + +<p>»Ich muß Ihnen sagen,« begann Agathe wieder, »ich war nicht nur +leidend, sondern auch ...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr +bekümmert.«</p> + +<p>»Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig.</p> + +<p>»Ach — nein ...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche +Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir +nur Freude und Ehre.«</p> + +<p>»Sie sind also stolz auf ihn — auf seinen Ruf, auf seinen Namen?«</p> + +<p>»Seinen Namen? ... nun — die Halwigs sind gut, viel besser, als +man in meiner Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich +...«</p> + +<p>»Ich meine seinen Namen als Schriftsteller,« fiel Lotti ein. Sie +lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte: ein Kind! — das +ist ja ein Kind.</p> + +<p>»Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz,« entgegnete Agathe, +»man sagt,« fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »daß ich +Ursache dazu habe, und ich glaube es ... Wenn Sie wüßten, wie seine +Schriften honorirt werden, mit welchen Summen, Sie würden staunen!«</p> + +<p>»So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal »so?« — und +dann stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie +erkundigte sich nach dem <span class="pagenum">102</span> Antheil, den +die Frau des Poeten an seiner künstlerischen Thätigkeit nehme, und war +im Voraus von der Wärme und Größe desselben überzeugt.</p> + +<p>Darin hatte sie auch vollkommen Recht. Agathe wußte Alles, +was in der Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum +Beispiel den Namen des Buches, das er eben unter der Feder hatte. +Sie freute sich schon jetzt auf den begeisterten Brief, den der +Verleger darüber schreiben werde. Sie würde »alle die Sachen« auch +recht gern lesen, allein — der Doctor, dieser Tyrann — erlaubt es +<span class="gesperrt">durchaus</span> nicht, untersagt ihr <span +class="gesperrt">durchaus</span> jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie +fühlt leider, daß er weise daran thut, denn ihre Augen werden mit jedem +Tage schwächer. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe +müßte aufs Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind, wie ihre +Großmutter, die auch im zweiundzwanzigsten Jahre ...</p> + +<p>»Perro! Perro! Perroquet,« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der +sich von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte, und dessen Geschrei +immer gellender wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf +ihrem Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen +Sie sich, haben Sie doch die Güte, den Shawl dort, sehen Sie — den dort +— über den Käfig dieses Unthiers zu werfen.«</p> + +<p>»Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen +war und Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden. +»Und jetzt kommen <span class="pagenum">103</span> Sie, geben Sie mir +Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.«</p> + +<p>Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und +hielt die <a href="#103b" id="103a">unwillkürlich</a> widerstrebenden +Finger Lottis mit einer Kraft fest, die man ihr niemals zugetraut +hätte.</p> + +<p>»Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt,« sprach sie, »ich weiß es +... bin aber nicht eifersüchtig — da haben Sie den Beweis ...«</p> + +<p>Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis +Hand. Sie that es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer +Gewalt, der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es +gethan hätte. Diese Huldigung war ihr qualvoll, sie meinte sich noch +nie im Leben so beschämt gefühlt zu haben.</p> + +<p>»Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der +anmuthigsten Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, daß auch +Sie mich lieb gewinnen, und daß auch Sie es mir beweisen.«</p> + +<p>»Und wie könnte ich das?«</p> + +<p>»Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann thun ... Wollen Sie +es thun?« wiederholte sie, und stieß, nachdem sie eine bejahende +Versicherung erhalten hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn +Lotti ihr half, dann war geholfen.</p> + +<p>Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar, +deutlich, ohne die geringsten Umschweife auseinander. <span +class="pagenum">104</span></p> + +<p>Sie hatte einen liebenswürdigen, großmüthigen, herrlichen Vater; +allein — das war sein Unglück; leichtsinnig wie ein Lieutenant, +dieser arme Papa! — Und die Mama, die ein Engel ist, und die beiden +jungen Brüder, die Cadetten sind bei der Cavallerie, die haben +auch alles Andere eher erfunden, als die Sparsamkeit. Kein Wunder, +wenn es Verlegenheiten ohne Ende giebt. Aus den größten hat bisher +regelmäßig der ältere Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn +Jahren eine unermeßlich reiche Fabrikantentochter aus Liverpool +geheirathet und England seitdem nicht mehr verlassen hat. Die Ehe +ist kinderlos geblieben, und seit langer Zeit bestehen der Onkel +und die englische Tante darauf, daß Agathens Eltern, womöglich auch +deren Söhne, zu ihnen kommen, sich ganz bei ihnen etabliren, nur +eine Familie mit ihnen bilden möchten. Das soll auch geschehen, +der Entschluß ist gefaßt, der Tag der Abreise schon festgesetzt. +Allein, der sonst so vernünftige Onkel will nicht begreifen, daß +Papa nicht fort kann, ohne einige Zahlungen beglichen zu haben, die +wirklich dringend sind ... Ehrenschulden an Leute, denen man nicht +sagen mag: warten Sie ... die höchstens denken dürften, man habe nur +augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein Mann wie Papa! — O, +wenn Lotti ihn kennen würde! ... Und, mit einem Wort, es steht so: +Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der +reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens +Lieblingsaufenthalt. Das müßte verkauft werden — gleich, gleich — +ohne <span class="pagenum">105</span> Verzug und nicht unter seinem +Werth. Der Erlös desselben deckt alle Differenzen, und leichten Herzens +verlassen Papa und Mama die Heimath, und erhobenen Hauptes treten sie +vor die fremde Schwägerin. Ihnen ist die Demüthigung erspart, die +gräßliche, mit einer Bitte auf den Lippen in dem Hause zu erscheinen, +das sich ihnen gastfreundlich erschließt ... Genug, das Gütchen muß +verkauft werden, und der Käufer muß — Hermann sein, und Lotti, die er +so unaussprechlich verehrt, deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit +ist, muß ihn dazu bewegen ... Will sie es thun? sie will, sie hat es +versprochen, sie darf jetzt nicht Nein sagen. Sie wird ihren Einfluß +geltend machen ...</p> + +<p>»Sie wollen, Sie werden, Fräulein — nicht wahr? und bald — und heute +noch?«</p> + +<p>Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten +Sie mir — reden Sie!«</p> + +<p>»Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich +weiß nicht, ob man das von ihm verlangen darf — ob ihm die Mittel zu +Gebote stehen ...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am +nämlichen Morgen zu ihr gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller +Pein und tiefster Erschöpfung in seinen Zügen.</p> + +<p>»Die Mittel?« rief die junge Frau — »er ist so reich, als er sein +will. Die Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten +Wunsch zu erfüllen, und um meine Eltern aus der unangenehmsten +Lage zu befreien — die Summe bietet sein Verleger ihm an ... +<span class="pagenum">106</span> Er braucht nur einen Contract zu +unterschreiben, in dem er sich verpflichtet ... Ich kann nicht sagen, +wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten Zeit ... und denken Sie! +statt freudig auf den Vorschlag einzugehen, zögert er — kann zu keinem +Entschluß kommen, ich —« eine plötzlich aufsteigende Röthe, wie eine +beschämende Erinnerung sie erweckt, bedeckte ihr Angesicht, »ich habe +ihn vergeblich darum gebeten.«</p> + +<p>»Wie können Sie glauben,« sagte Lotti, »daß er mir etwas zugestehen +wird, das er Ihnen abschlug?«</p> + +<p>»Er wird! Er hält so viel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... +Er wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir thut in +seiner Eifersucht auf die Meinen ...« erwiderte Agathe melancholisch +und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist +schrecklich bei ihm, ist schon eine fixe Idee ... und so schwer ich +mich von meinen armen Eltern trenne — ich wünschte wahrlich, sie wären +drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr, und er hätte nie +wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, daß sie mir lieber sind als er ... +als er — um den ich sie verlassen habe!«</p> + +<p>Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage, und +dennoch, welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so +weicher bezaubernder Stimme, mit so großen Thränen in den feuchten, +flehenden Augen vorgebracht wurde.</p> + +<p>Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein +Lotti ...« <span class="pagenum">107</span></p> + +<p>Da pochte es an der Thür, der Diener erschien und meldete: »Herr von +Schweitzer.«</p> + +<p>Agathe schnellte empor.</p> + +<p>»Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der +gute Schweitzer,« fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt +hatte, »aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte +helfen! ... Einen Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon +auf ihren Füßen — »in so tiefem Negligé will ich mich vor einem +Herrenbesuche nicht sehen lassen. Empfangen Sie ihn an meiner Stelle; +der gute Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund meines Mannes, +bleibt nie lange. Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie, +ich komme Ihnen gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte! ... Keine +Einwendungen! ... Sie dürfen nicht fort — wir behalten Sie zu Tische, +das steht in den Sternen geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.«</p> + +<p>Sie sprach das Alles rasch mit ihrer weichsten Stimme, und dabei mit +einer Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes +aufkommen ließ.</p> + +<p>»Sei es denn!« sagte Lotti, und fügte in Gedanken hinzu: So laßt +uns in einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer <a +href="#107b" id="107a">fremden</a> Frau empfangen.</p> + +<p>Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein +Mann von etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, +dunkel, etwas nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf mit dichtem, +schon ins <span class="pagenum">108</span> Graue spielenden, +bürstenartig zugestutzten Haar und ebensolchem, bis auf die Brust +reichenden Vollbart, saß auf kurzem Halse, von athletisch geformten +Schultern stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach Alles, die +Haltung, die Miene, die breite wie in Erz gegossene Stirn, die kräftige +gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln, der streng +geschlossene Mund, es sprachen die energisch blickenden und tief +liegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen.</p> + +<p>Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten +Hausfrau eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen +Zügen deutlich und mit einem Mißfallen kund, das Lotti in Verlegenheit +setzte. Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort, um derselben +ein Ende zu machen, und so standen sie ein Weilchen in höchster +Unbehaglichkeit vor einander.</p> + +<p>Da öffnete sich ein klein wenig die Thür von Agathens Gemach. +Schlank, weiß und schmiegsam, preßte sich die junge Frau, die sich in +ihrem Morgenkleide vor einem Herrenbesuch nicht sehen lassen konnte, in +den schmalen Zwischenraum.</p> + +<p>»Lieber Freund,« sprach sie, »das ist Fräulein Feßler; mehr brauche +ich Ihnen nicht zu sagen.«</p> + +<p>Sie war verschwunden.</p> + +<p>Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte +die wieder geschlossene Thür mit einem so eigenthümlich verlangenden +und zugleich wüthenden Blicke an, er hatte, als Agathe sich +unerwartet in derselben zeigte, <span class="pagenum">109</span> +auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick geworfen, einen +Blick, so sprühend von Leidenschaft und Groll, daß Lotti — die +unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit plötzlichem und bangem Begreifen +zusammenschrak. Sie dachte:</p> + +<p>Was ist das? Hilf Himmel — der haßt oder — der liebt sie.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">110</span> + <h3 class="nobreak" id="X"> + X. + </h3> + +<p>»Fräulein Feßler?« sprach er, sah sie durchdringend an und verbeugte +sich rasch. »Meine Verehrung. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen +vorstelle. Ich heiße Schweitzer, und bin ein Tyroler.« Er lachte, und +dabei kamen zwei Reihen Zähne zum Vorschein, so weiß und dicht, daß es +eine Freude war.</p> + +<p>Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten.</p> + +<p>»Ja, ich habe viel von Ihnen gehört,« sagte Schweitzer plötzlich mit +verändertem Tone, »am meisten vor acht Tagen. Da traf ich Halwig auf +dem Wege zu Ihnen. Ein erster Besuch — nach vielen Jahren ...«</p> + +<p>»Das waren Sie?« versetzte Lotti. »Sie haben ihm damals einen sehr +guten Rath gegeben.«</p> + +<p>»Hat er mich verklagt? ... Ja, ja; mein Rath war gut, zu gut, um +befolgt zu werden.«</p> + +<p>Lotti schwieg, und er fragte:</p> + +<p>»Haben Sie sein letztes Buch gelesen?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Lesen Sie es nie! ... oder doch — lesen Sie es, <span +class="pagenum">111</span> und sagen Sie mir dann, ob ich recht habe, +ihm zuzurufen: Halt ein!«</p> + +<p>»Sie haben Recht; ich brauche, um davon überzeugt zu sein, das Buch +nicht zu lesen.«</p> + +<p>»Ihnen graut! Sie wissen, was Sie zu erwarten hätten. Gut denn, +lesen Sie nicht, aber helfen Sie mir. Wirken Sie in meinem Sinne auf +ihn ein. Ihr Einfluß ist groß. Ich bin dessen inne geworden, als er +neulich nach jener Unterredung mit Ihnen heimkehrte, so ruhig und +vernünftig, wie er seit Langem nicht mehr gewesen ist.«</p> + +<p>»Was soll ich thun?«</p> + +<p>»Ihn vermögen, der Schriftstellerei für eine Zeitlang Valet zu +sagen, und eine andere, freilich minder einträgliche Beschäftigung, +die ich für ihn im Auge habe, zu ergreifen.« Er unterbrach sich: »Aber +darüber sprechen wir noch ... Jetzt sagen Sie mir, warum sehen Sie mich +so an?«</p> + +<p>»Ich wundere mich —« erwiderte Lotti, ein wenig außer Fassung +gebracht durch diese Frage.</p> + +<p>Er ließ sie nicht weiter sprechen.</p> + +<p>»Warum?« fiel er ihr ins Wort. »Weil Sie mir glauben? Nun das +geschieht, weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine +Freimaurerei besteht.«</p> + +<p>»Vielleicht — aber seltsam scheint es mir, daß auch Sie meinen +Einfluß ...«</p> + +<p>Abermals unterbrach er sich:</p> + +<p>»Auch ich? ... Ganz recht. Ihr Einfluß ist hier <span +class="pagenum">112</span> bereits angerufen worden — freilich im +entgegengesetzten Sinne ... von einem schönen Vampyr ...«</p> + +<p>Er hielt inne. Die Thür hatte sich geöffnet, und Agathe erschien auf +der Schwelle.</p> + +<p>Sie mußte die letzten Worte gehört haben, es war nicht anders +möglich; doch suchte sie offenbar kein Arg in ihnen, denn sie begrüßte +den Sprecher derselben mit liebenswürdiger, sogar etwas koketter +Freundlichkeit.</p> + +<p>Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen; diese war aber trotzdem +nicht ganz beendet. Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon, +und die Bandschleife am Halse, an welche es befestigt werden sollte. +Sie hielt das Alles in ihren Händen.</p> + +<p>»Nun, lieber Rechtsfreund?« fragte sie, trat an den Pfeilerspiegel +und begann eines ihrer zarten rosigen Ohrläppchen zu quälen, um <a +href="#112b" id="112a">ihm</a> den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom +schönsten Orient aufzunöthigen. »Wie steht unsere Angelegenheit? — Sie +bringen eine gute Nachricht, das sehe ich Ihnen an.«</p> + +<p>»Sie sehen schlecht, gnädige Frau,« sagte Schweitzer trocken und +blickte streng in den Spiegel, aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht +ihn anlächelte.</p> + +<p>»Ist der Brief, den wir erwarten, angekommen?«</p> + +<p>»Er ist nicht angekommen!«</p> + +<p>»Und der Zweck Ihres Besuches, wenn man fragen darf?« Sie wandte +sich um und sah spöttisch fragend zu ihm nieder, der sich bei ihrem +Eintreten erhoben, jetzt aber seinen früheren Platz auf einem Fauteuil, +Lotti gegenüber, <span class="pagenum">113</span> wieder eingenommen +hatte. »Sie werden mir doch nicht weis machen wollen, daß nichts +Anderes Sie hierher führt, als die Sehnsucht nach meinem Anblick?«</p> + +<p>»Oder der Wunsch Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen? — Nein, ich +komme aus einem andern Grunde.«</p> + +<p>»Bitte ihn auseinander zu setzen. In Gegenwart dieser theuren Zeugin +da ... Ach, Fräulein Feßler, seien Sie doch so gütig ...«</p> + +<p>Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes, das sie durch den +Ring des Medaillons gezogen hatte, und kniete plötzlich nieder. Lotti +beeilte sich, die Schleife über dem schlanken Rücken festzuknüpfen, der +sich ihr entgegenbeugte, während Schweitzer dieser ganzen Procedur mit +stillem Grimm zuzusehen schien.</p> + +<p>Agathe erhob sich von ihren Knieen, um auf ein kleines Kanapee zu +gleiten, in dessen Kissen sie sich zurücklehnte.</p> + +<p>»Ihren Grund, mein Freund. Reden Sie doch. Sie spannen meine +Neugier auf die Folter,« sagte sie, und ein maskirtes Gähnen hob ihre +Nasenflügel.</p> + +<p>»Ich höre von einem Contract mit einem Buchhändler, den Halwig +unterschreiben soll,« begann Schweitzer in ruhigem, nachdrücklichen +Tone.</p> + +<p>»Daß Sie auch alles hören müssen,« warf Agathe dazwischen.</p> + +<p>»Und will ihn daran hindern,« fuhr Schweitzer fort. »Ich habe den +Contract nicht gesehen, aber ich weiß, wer ihn ausgestellt hat, und das +ist mir genug. Es <span class="pagenum">114</span> kann auch Ihnen +genug sein. Glauben Sie mir, gnädige Frau, Sie sind eine so zärtliche +Gattin, rathen Sie Ihrem Mann, sich doch lieber an einen Sclavenhändler +zu verkaufen, er kommt dabei weniger zu Schaden.«</p> + +<p>»Sie sind einzig, lieber Freund. Also, nicht gelesen — den Contract? +Da komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit, Sie zu belehren. +Der Verleger, den Sie verabscheuen — der Arme! — fordert zehn Jahre +hindurch, alljährlich drei Bände ... Ich erinnere mich jetzt,« +schaltete sie ein, zu Lotti gewendet — »Ist das zu viel? ... Für +Hermann sage ich Ihnen, ist das nichts ...«</p> + +<p>»Drei Bände!« rief Schweitzer, »und sie brauchen nicht einmal sehr +dick zu sein, wenn sie nur recht viel Scandal enthalten, nur einige +Seiten, auf denen das unsagbare gesagt wird — nur ein einziges Capitel, +das von Dingen handelt ... Dingen — die man in Gegenwart verehrter +Frauen —« er sah Lotti fest an, und neigte den Kopf, »nicht nennt.«</p> + +<p>»Da haben Sie den ganzen Schweitzer!« versetzte Agathe mit +ihrem hellsten Lachen, und mit der siegreichen Ueberlegenheit des +Gleichmuths über den aufbrausenden Zorn. »Sehen Sie, Fräulein Feßler, +wie er mich mißhandelt, mein Freund, mein strenger, grausamer, aber +alleraufrichtigster Freund.«</p> + +<p>Und dabei neigte sie sich vor, und blickte ihm von unten hinauf ins +Gesicht, lockend, herausfordernd, als wollte sie ihn ganz einhüllen in +Bezauberung, sie, die <span class="pagenum">115</span> junge, schöne, +glänzende Frau, den alternden, schlichten Mann, dessen Züge etwas +Steinernes annahmen, und der in hartem Tone sprach:</p> + +<p>»An wem ist Ihnen mehr gelegen? An diesem aufrichtigen Freund oder +an Ihrem blauen Papagei?«</p> + +<p>»Keine Gewissensfragen! Kommen Sie mir jetzt nicht mit +Gewissensfragen! Bleiben wir bei der Stange. Aufrichtig! wenn +ich bitten darf.« Sie wurde ernst, und sprach in kaltem und +geschäftsmäßigem Tone: »Sie sind gegen die Unterschrift, weil Sie nicht +zweifeln, daß uns bald auf andere Art aus der Verlegenheit geholfen +wird ... Leugnen Sie doch nicht! — Unser Proceß steht gut — er kann nur +gut stehen, sagt Hermann, der gewiß kein Sanguiniker ist ...«</p> + +<p>»Sagt Hermann, daß es mit dem Proceß gut steht? — Das sagt er Ihnen? +Warum nicht lieber mir, den es trösten würde? denn ich sehe schwarz in +der Sache, ich halte sie für verloren, und Hermann wäre meiner Meinung, +wenn er den Gang der Angelegenheiten verfolgt hätte. Aber dazu hat er +keine Zeit. Er hört mich gar nicht an, wenn ich relationiren komme.«</p> + +<p>»Sie müssen wissen,« fuhr Schweitzer, zu Lotti gewendet, fort, »daß +Halwig eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers +in Mecklenburg stellt, dem sein Großvater dereinst ein ansehnliches +Darlehn gemacht. Die Summe war auf dem Gute intabulirt, es scheinen +Interessen davon gezahlt worden zu sein, allein im Testamente des alten +Herrn von Halwig blieb sie unerwähnt. <span class="pagenum">116</span> +Sein Sohn machte wohl sein Recht geltend, jedoch mit wenig Nachdruck, +schläfrig und halb, wie er Alles zu thun pflegte. Der Mecklenburger +war inzwischen in zerrütteten Vermögensverhältnissen gestorben. Seine +Kinder legten nicht besonderen Eifer an den Tag, sich der Schulden +zu entledigen, die ihr Vater ihnen hinterlassen ... und so vererbten +sich Verpflichtung und Forderung auf die Kinder dieser Kinder, +und auf den Sohn jenes Sohnes. Ich erspare Ihnen eine juridische +Auseinandersetzung, ich sage nur, daß Halwigs Recht so klar ist, wie +der Tag, und daß ich überzeugt war, es zur Geltung bringen zu können, +als ich selbst ihn bestimmte, die schon aufgegebene Sache wieder +aufzunehmen, und mir ihre Führung getrost zu überlassen ... Nun — +ich habe vergeblich gerungen. Ich werde dem Rechte nicht zum Sieg +verhelfen. Ich erkläre das meinem Klienten, so oft ich ihn sehe. Aber +machen Sie einem Menschen etwas begreiflich, was er nicht begreifen +will — entwurzeln Sie eine Hoffnung, welche durch die Furcht vor +Verzweiflung eingepflanzt worden ist ...«</p> + +<p>Agathe horchte seinen Worten mit verhaltenem Athem.</p> + +<p>»Sie selbst,« sagte sie jetzt, »haben die Hoffnung, die Sie ihm +nehmen wollen, noch nicht verloren. Jener Brief von Ihrem Abgesandten, +den Sie erwarten, kann günstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief,« +sie blickte ihn forschend an, »erwarteten Sie, wenn ich nicht irre, +schon gestern ...«</p> + +<p>»Lieber Freund, wenn der Brief fortfährt auszubleiben <span +class="pagenum">117</span> — oder wenn er eintrifft mit schlechten +Nachrichten beladen — dann, lieber Freund, dann liebes Fräulein Feßler +—« Sie ergriff Lottis Hand und hielt sie angstvoll mit ihren Fingern +umklammert — »dann muß Hermann den Contract unterschreiben. — Meinen +Eltern muß geholfen werden. Sehen Sie das nicht ein, Sie beide! ... +Haben Sie nicht auch Eltern gehabt, die Sie liebten? ... Denken Sie an +Ihren Vater, Fräulein Feßler, Hermann hat mir so viel von ihm erzählt, +daß ich meine, ihn gekannt zu haben. — Denken Sie an Ihre Mutter, +Schweitzer, der Sie so viele Opfer gebracht ... Fragen Sie sich, hätten +Sie nicht Ihre Seele für Vater und Mutter verkauft?«</p> + +<p>Lotti wollte sprechen, aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab:</p> + +<p>»<span class="gesperrt">Meine</span> Seele vielleicht, — die eines +<span class="gesperrt">Andern</span>? — Nein!«</p> + +<p>»So spricht ein Junggesell. Mann und Weib sind eins, und ich erkläre +denn ... aber wie lächerlich, wie lächerlich sind wir mit unserem +Seelenverkauf! Als ob sich's darum handelte! ... Hören Sie meinen +unwiderruflichen Entschluß: wenn der Proceß günstig für uns entschieden +wird, dann zerreiße ich den Contract mit meinen eigenen Händen — die +Sie dann küssen werden, Schweitzer! — Wir kaufen sofort das Gut meiner +Eltern, ziehen uns dahin zurück, und sind glücklich, wie wir es schon +einmal waren — in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird mir +zu Ehren noch ein <span class="pagenum">118</span> Sportsman. Man +sieht ihn niemals anders als im rothen Frack oder im Jagdrock mit +grünen Aufschlägen ... und nirgends anders als bei mir ... und immer +zu Pferd, zu Wagen oder auf der Pürsch, — immer nur bemüht, mich zu +bezaubern ... Das gelingt ihm — hingerissen falle ich meinem Helden, +meinem Ritter in die Arme. Unter einem Hollunderbusch und vielen +Wonnethränen schwören wir uns täglich ewige Liebe!«</p> + +<p>Sie sagte das schalkhaft, übermüthig, und dabei lag doch in ihren +Augen eine geheimnißvolle Wehmuth, eine sehnsüchtige Zärtlichkeit, die +zu all' den Schmerzen nicht paßten.</p> + +<p>Schweitzer saß aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines +Pharaonen und starrte sie selbstvergessen an.</p> + +<p>Sie fuhr fort: »Wir könnten selig sein. Selig, einander endlich +anzugehören, endlich für einander zu leben. Das geschieht hier nicht, +in der widerwärtigen Stadt. Auf dem Lande, und wenn Hermann noch so +viel zu thun hätte, bliebe ihm mehr Zeit für mich. Hier vergehen Tage, +an denen ich ihn nicht sehe, das halbe Stündchen ausgenommen, das wir +bei Tische zubringen. Und wovon spricht er da? Von Büchern, Zeitungen, +Recensionen ... Ich frage mich oft: Habe ich einen Mann geheirathet +oder eine Schreibmaschine?«</p> + +<p>»Das fühlen Sie?« rief Schweitzer, »und könnten sich doch +entschließen, dieser ohnehin überbürdeten Maschine, deren +Motor ein Menschengeist ist, neue Lasten aufzudrängen?« <span +class="pagenum">119</span></p> + +<p>»Ich thu' es nicht, Freund! ich nicht! — Die Nothwendigkeit thut +es. Was mich betrifft, ich hasse die Schreiberei. Hinge es von mir +ab — Hermann brauchte nie wieder eine Feder anzurühren ... Da kommen +Leute zu ihm — Literaten, die sagen, schriftstellern sei unweiblich. +Ich möchte immer erwidern: nein, meine Herren — unmännlich ist's! +Männlich ist Löwen und Tiger jagen, auf einem Seil über den Niagara +wegschreiten, Schlachten gewinnen, Städte bauen ... aber weißes Papier +schwarz machen ... bah! ... O lieber, lieber Freund! wenn Sie nur recht +wollten, Sie könnten uns aus aller Noth und Drangsal erretten — man +sagt, Sie hätten noch nie einen Proceß verloren ...«</p> + +<p>Wieder beugte sie sich zu ihm, sah ihm schmeichelnd ins Gesicht, und +legte ihre Fingerspitzen auf seinen Arm.</p> + +<p>Er erhob sich rasch: »Daß doch alle Weiber ... verzeihen Sie, alle +Frauen gleich sind! daß doch jede meint, den Advokaten gewinnen, hieße +den Proceß gewinnen ... Ich blieb so lange — kann Hermann leider nicht +erwarten — so gern ich auch ...«</p> + +<p>Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen, und Lotti sah, obwohl sie +wahrlich in dem Augenblick nicht an Uhren dachte, daß es nur eine +silberne Remontoir von einfachster Arbeit war.</p> + +<p>Agathe holte seinen breitkrempigen Hut herbei und +reichte ihm denselben mit einer feierlichen Gebärde. <span +class="pagenum">120</span></p> + +<p>»Leben Sie wohl, Gebieter über unsere Schicksale!« sagte sie, »und +nochmals! wenn Sie wiederkehren, bringen Sie uns das Glück in Gestalt +eines Briefes aus Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschönen +Ueberziehers mit.«</p> + +<p>Er verbeugte sich, trat vor Lotti hin und sprach:</p> + +<p>»Vergessen Sie nicht, daß wir Bundesgenossen sind.«</p> + +<p>Damit verließ er das Gemach.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">121</span> + <h3 class="nobreak" id="XI"> + XI. + </h3> + +<p>»Seine Bundesgenossin wären Sie?« fragte Agathe, »indes ich mein +Vertrauen in Sie setze? ... Nein, nein, das wäre Verrath, dessen Sie +nicht fähig sind ... Sie halten mir Wort, und wenn Hermann kommt ... +Aber,« unterbrach sie sich mit einem Mal äußerst beunruhigt, »warum +ist er nicht da — nicht längst da — — er pflegt sonst nie des Morgens +auszugehen und heute, als ich erwachte und nach ihm fragte, hieß es, +er sei fort ... in aller Frühe fortgegangen ... unbegreiflich ... +unbegreiflich —« wiederholte sie, eilte an das Fenster, öffnete es und +blickte in gespannter Erwartung auf die Straße hinunter.</p> + +<p>Plötzlich überdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurgluth. »Er kommt!« +rief sie jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft.</p> + +<p>»Sie entschuldigen mich doch, Fräulein, wenn ich ihm entgegengehe? +... Ich muß die Freude haben, ihm anzukündigen, daß er Sie hier +findet.«</p> + +<p>Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie verschwunden.</p> + +<p>Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti <span +class="pagenum">122</span> ihr nach und dachte: »Sie liebt ihn — das +ist ja viel ... für ihn wohl alles ...«</p> + +<p>Eine Weile danach erschien Halwig — ein Anderer als derjenige, den +Lotti am selben Morgen bei sich gesehen. Freudig und sorgenlos begrüßte +er sie, sprach viel, war der liebenswürdigste und aufmerksamste Wirth. +Beim Dessert gab er eine lustige Geschichte zum Besten, die ihm Papa, +den er unterwegs begegnet, erzählt hatte.</p> + +<p>Seine Heiterkeit schien natürlich und ungezwungen, und dennoch, ohne +sich erklären zu können warum, vermochte Lotti nicht recht froh zu +werden.</p> + +<p>Das Mittagessen war vorüber, und man begab sich zum schwarzen Kaffee +nach dem Zimmer des Hausherrn. Es hatte einen eigenen Eingang durch das +Vorgemach.</p> + +<p>Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat, erhob sich plötzlich +ein kleines Männchen von einer der Bänke an der Wand und nahte mit +höflicher Begrüßung.</p> + +<p>Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen:</p> + +<p>»Sie selbst? ... Sie warten? ...«</p> + +<p>»O nicht lange. Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist, +als ich kam, und ich beschwor den Diener, Sie nicht zu stören.«</p> + +<p>»Treten Sie doch jetzt ein! ... Kommen Sie —« sprach Halwig, und +Lotti fühlte seinen Arm zucken unter ihrer Hand.</p> + +<p>»Wenn Sie erlauben, Herr Baron, allein ich habe Eile ... und nur +weil der Zufall mich eben hier vorbeigeführt, und um Ihnen die Mühe des +Schickens zu <span class="pagenum">123</span> ersparen — bin ich da, +um, um das Versprochene abzuholen.«</p> + +<p>»Kommen Sie denn! — Kommen Sie! ...«</p> + +<p>»O, ich bitte! ... Erst die Damen —«</p> + +<p>Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen +Beine neben die Thür, die Halwig aufgestoßen hatte, und machte ein +einladendes Zeichen. Seine vorquellenden Augen leuchteten vor cynischer +Bewunderung, als Agathe an ihm vorüberschritt.</p> + +<p>»Die Frau Gemahlin?« flüsterte er Halwig vertraulich zu — »ganz +superb — ich gratulire!«</p> + +<p>»Einen Augenblick, Fräulein Feßler! — Einen Augenblick, Agathe,« +sprach Hermann gepreßt und scharf, und winkte den Beiden, an dem Tische +Platz zu nehmen, auf welchem der Kaffee servirt war.</p> + +<p>Er selbst trat an den Schreibtisch, zog die unterste Lade heraus, +nahm ein versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher.</p> + +<p>Der ergriff oder vielmehr riß es mit einer hastigen Bewegung an +sich.</p> + +<p>»Es ist doch das rechte? — Sie verzeihen — ich breche die Siegel ... +Eine Irrung ist so leicht geschehen.«</p> + +<p>»Ueberzeugen Sie sich,« sagte Halwig in einem Tone, den mühsam +bezwungener Ingrimm beben machte.</p> + +<p>Der Kleine hat sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort +den Inhalt des Pakets zu untersuchen.</p> + +<p>»Alles in Ordnung. Hingegen da — auch Alles in Ordnung.« +Er überreichte Halwig einen zusammengefalteten <span +class="pagenum">124</span> Bogen, den dieser auf den Schreibtisch warf. +»Nicht so, Herr Baron, bitte sich gleichfalls zu überzeugen. Bitte um +pedantische Genauigkeit in Geschäften. Bitte um Vorsicht, bitte sogar +um Mißtrauen.«</p> + +<p>Er stieß ein leises, widerwärtiges Gekicher aus und blinzelte +Halwig halb höhnisch, halb mitleidig an, während der das Schriftstück +durchflog.</p> + +<p>»Sie sind mit mir zufrieden, hoffe ich. Haben auch alle Ursache. Für +Sie ist gesorgt. Wie ich dabei wegkomme, das ist eine andere Frage. +Allein für Sie ... was thäte ich nicht für Sie, Herr Baron?«</p> + +<p>Er empfahl sich, von Hermann bis an die Thür begleitet.</p> + +<p>Agathe lachte ihm herzlich nach: »Was war denn das für ein +Ungeheuer? O, Fräulein Feßler, haben Sie seine Füße gesehen und seinen +Gang bemerkt? ... Mir scheint nein. Warten Sie, ich will das herrliche +Schauspiel vor Ihnen erneuern, Sie müssen sich noch einmal daran +erquicken. Einwärts! noch einwärtser! so — nicht wahr?«</p> + +<p>Sie begann im Zimmer umher zu humpeln, ihrem Manne entgegen und ließ +sich mit Absicht ausgleitend, in seine Arme fallen. Er umschlang sie +und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Lippen.</p> + +<p>»Meine Agathe! mein Herz, mein Glück, mein Leben!«</p> + +<p>Mit schwerer Selbstüberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und +trat an ihrer Seite vor Lotti hin. <span class="pagenum">125</span> +</p> + +<p>Diese fragte: »Halwig, war das der Mann, der Ihnen einen Vertrag +anbietet, in welchem ...«</p> + +<p>Er fiel ihr ins Wort: »In welchem ich zehn Jahre meines Lebens +verschreibe? Nein. <span class="gesperrt">Dem</span> nicht einen Tag. +Aber wer hat Ihnen gesagt — Du?« wandte er sich an seine Frau, die +bejahend nickte und dann sprach:</p> + +<p>»War's nicht recht?«</p> + +<p>»Ganz recht. Wir haben kein Geheimniß vor Fräulein Lotti.«</p> + +<p>»Das meinte ich auch, und setzte ihr die ganze Angelegenheit +auseinander. Sie wird Dir ihre Gedanken darüber sagen.«</p> + +<p>Halwig hatte ihr zerstreut zugehört: »Ich vergesse, ich habe eine +Botschaft von Papa an Dich.«</p> + +<p>»Der arme Papa, Du vergissest ihn immer.«</p> + +<p>Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick, aber er fuhr +fort, ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern: »Deine Eltern sehen heute +einige Bekannte beim Thee. Sie zählen auf Dich. Sie werden den Wagen +schicken, um Dich abzuholen. Ich habe in Deinem Namen zugesagt. Du +wirst meinem Wort doch Ehre machen?«</p> + +<p>»Ungern, Du weißt, wie lästig mir diese Soiréen sind,« entgegnete +sie und lehnte die Wange an seine Schulter. »Laß mich bei Dir bleiben, +Hermann.«</p> + +<p>»Was fällt Dir ein? Du darfst nicht bleiben. Nicht einmal +stören darfst Du mich, um mir Lebewohl zu sagen.« <span +class="pagenum">126</span></p> + +<p>»Nicht einmal Lebewohl? ... Fräulein Feßler, ist das nicht hart, +nicht unerträglich? ... Und diesen Zustand zu verewigen, soll ich noch +beitragen, o, wenn ich das bedenke ...«</p> + +<p>»Agathe,« rief er heftig und gequält ... »Du weißt doch ... mein +Gott, was willst Du denn? Geh, liebes Kind« setzte er bittend hinzu, +»Du mußt ruhen, ein wenig schlummern, wenn Du Abends in Gesellschaft +sollst. Geh.«</p> + +<p>Sie sah ihn traurig und gekränkt an und sprach nach kurzem Schweigen +zu Lotti:</p> + +<p>»Er ist ein Tyrann, und ich gehorche. Liebstes Fräulein, schenken +Sie ihm eine Tasse Kaffee ein und ein Gläschen Chartreuse, und bleiben +Sie noch ein wenig bei ihm.«</p> + +<p>Sie drückte Lottis Hände, bat sie, recht bald, unendlich bald, +spätestens morgen wieder zu kommen, und schritt dem Ausgang zu. Aber an +der Thür blieb sie stehen, wandte sich, preßte die Finger an ihren Mund +und warf mit einer Gebärde voll Innigkeit Hermann einen Kuß zu.</p> + +<p>Er erwiderte ihren liebevollen Gruß, und als sie das Zimmer +verlassen hatte, starrte er ihr nach, schien wie unwiderstehlich +angezogen, ihr folgen zu wollen ... aber nach kurzem Kampfe trat er +zurück, warf sich in einen Sessel und versank in dumpfes Hinbrüten.</p> + +<p>»Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung +gesagt,« begann Lotti zögernd, »und ich wünschte doch sehr ...« <span +class="pagenum">127</span></p> + +<p>»Was Sie soeben gesehen haben — das war der Erfolg,« rief Halwig +aus. »Der Ehrenmann, über den Agathe so herzlich gelacht hat, ist +derselbe, zu dem ich sagen mußte: Ich kann Ihnen nicht Wort halten, +Herr ...«</p> + +<p>»Und was hat er ...?«</p> + +<p>»Gleichviel ... ich habe mich losgekauft. Ich bin frei ... Frei,« +wiederholte er mit einer Beklommenheit, die zu jedem anderen Worte +besser gepaßt hätte, als zu diesem.</p> + +<p>»Halwig — Halwig — womit haben Sie sich losgekauft?«</p> + +<p>»Beruhigen Sie sich, beste Freundin! — Auf die einfachste Art. +Ich habe ihm ein Manuscript ausgeliefert, das schon vor Jahren in +seinen Händen war, und das ihm damals abgerungen wurde — durch den +tugendhaften Schweitzer, dem ich nebenbei ganz gern ein Zeichen von +Unabhängigkeit gebe.«</p> + +<p>»Warum hat der es ihm abgerungen? ... Antworten Sie nicht! Ich thu's +für Sie und — mit mehr Wahrhaftigkeit, als Sie es thäten: weil es Ihrer +unwürdig ist, unwürdig eines Dichters, eines Priesters, wie der Dichter +sein soll, dem ein heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist ...«</p> + +<p>Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren +flammenden Zügen. »O, glauben Sie nicht, eine verschämte, alte Jungfer +zu hören, die sich einbildet, ein Mann, ein Schriftsteller, der seine +Zeit <span class="pagenum">128</span> schildern will, werde die Feder +immer nur in Blüthenduft und Morgenthau tauchen. Ihr habt Furchtbares +zu zeichnen, zeichnet es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit, +aber auch mit dem tiefinnerlichen Schauder, den Euer Schüler, Euer +Leser, bebend mit empfindet. Nur nicht mit dem eklen, im Häßlichen +wühlenden Behagen, das sich auf jenen überträgt ... Mit dem Behagen, +Halwig, das mich — verzeihen Sie mir, es muß ausgesprochen werden — +das mich anwiderte aus dem ersten Buch, das Sie nach unserer Trennung +geschrieben haben.«</p> + +<p>»Aus dem —«, rief er, kämpfend zwischen Bestürzung und Hohn.</p> + +<p>»Sie begreifen das nicht,« fuhr Lotti unerbittlich fort, »jenes +Buch ist von Ihnen seither so vielfach überboten worden, es ist ein +Buch für Kinder im Vergleich zu denen, die ihm folgten. Ich weiß das!« +beantwortete sie den Einwurf, den er machen wollte, »aus Anzeigen Ihrer +Buchändler, aus lobpreisenden Kritiken, die ich hie und da, so wenig +ich danach suchte, in Zeitungen las ... Ich weiß es, können Sie es +leugnen?«</p> + +<p>Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lächeln an. Plötzlich +warf er sich in seinen Sessel zurück und sagte: »Wissen Sie, was Sie +thun? Sie sprechen zu mir, wie mein eigenes künstlerisches Gewissen. +Aber ich darf die Stimmen nicht hören, nicht die Ihre, nicht die seine. +Ich habe einmal den Pegasus vor den Pflug gespannt, und er muß pflügen, +muß erwerben. Kann ich <span class="pagenum">129</span> dafür, daß die +Menschen von jeher die Giftmischer besser zahlten als die Aerzte? ... +Wär's umgekehrt, ich reichte ihnen Arzenei.«</p> + +<p>»Halwig!« schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf.</p> + +<p>Er richtete sich empor, ein unterdrücktes Schluchzen hob seine +Brust. Lotti sah sein Herz pochen gegen sein Gewand. »Beste Freundin, +ich bin verloren, machen Sie das Kreuz über mich ... Sie schütteln den +Kopf, Sie verstehen mich nicht. Der Luxus, der uns umgiebt, täuscht +Sie, der Luxus lügt, wir leben eigentlich von der Hand in den Mund, +ich verdiene viel, aber wir brauchen noch mehr, und ich stehe manchmal +rathlos vor kleinen Verlegenheiten. — Ist's nöthig, Ihnen das zu +beichten? ... Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das +muß anders werden,« setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens +hinzu. »Morgen verschreib' ich mich dem Teufel. Ich thu' es nur deshalb +heute noch nicht, weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in +mir festgenistet hat ...«</p> + +<p>»Vielleicht braucht's kein Wunder,« unterbrach ihn Lotti und erhob +sich mit einer seltsamen Hast. »Leben Sie wohl.«</p> + +<p>»Wie gern möchte ich Sie zurückhalten, aber da,« er deutete auf die +Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, »da ist Gesellschaft, die +jede andere verdrängt.«</p> + +<p>Sie hörte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken <span +class="pagenum">130</span> beschäftigt ... Der Gedanke, der war das +Wunder — ein anderes gab es nicht.</p> + +<p>Eine Möglichkeit war ihr erschienen — eine Möglichkeit ... Alles, +was man unfaßbar und widersinnig nennt, wäre Lotti noch vor einer +Stunde als selbstverständlich erschienen, im Vergleich zu dieser +Möglichkeit.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">131</span> + <h3 class="nobreak" id="XII"> + XII. + </h3> + +<p>Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder +umfing, athmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von +einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geraden Weges +auf die Uhrensammlung zu. Eine Weile stand sie sinnend davor und +wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch: »Nein, nein, das könnt' +ich doch nicht, das nicht.«</p> + +<p>Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, daß Gottfried da +gewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr +gewundert habe. Er hatte etwas mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch +unaufgeschnittenes Buch — Halwigs letztes Werk.</p> + +<p>Mit einer Empfindung des Mißmuths nahm es Lotti in Empfang.</p> + +<p>Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und Alles, +was sich auf ihn bezog, entschlagen. Warum mußte sie von Neuem an ihn +gemahnt werden? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein +Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich +eben erst, mühsam genug, losgemacht?</p> + +<p>Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende <span +class="pagenum">132</span> des Zimmers, doch holte sie es von dort +wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm wenigstens +sagen können, daß sie versucht, darin zu lesen. Sie that es mit +widerstrebendem Gefühl, aber mit stets wachsender Spannung. Sie war +gefesselt, umstrickt, aber mit beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr +Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.</p> + +<p>Da war dem Thier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit +schamloser Genauigkeit auseinander gesetzt. Da war eine erzwungene +erlogene Sinnlichkeit, aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher +Fratze hervorgrinste. Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem +seichten Strom des gemeinen Lebens geschöpft, da fehlte alle höchste +Wahrheit, die der Poesie. Da war endlich der Nothbehelf, der armselige, +einer lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue und Verzerrung +gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses +gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums, +demjenigen verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt.</p> + +<p>Im großen Ganzen — die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen +Jahrhunderts: der Sensationsroman.</p> + +<p>Und dennoch! Durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, +erschlaffende Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulniß, brach +es manchmal herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das +mißbrauchte, zu Grunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick +auf sich selbst ... Du armes Talent! dachte Lotti, wie hat <span +class="pagenum">133</span> sich an dir versündigt, der zu deinem Hüter +bestellt worden!</p> + +<p>Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. +Ihre Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost.</p> + +<p>Die Lampe knisterte und flackerte: vom verkohlten Docht stiegen +Funken im angerauchten Cylinder empor. Lotti löschte das sterbende +Licht und suchte ihr Lager auf. Wie wohlthätig wäre ein wenig Schlaf +gewesen. Sie schloß die Augen und bemühte sich regungslos zu liegen; +da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine fürchterliche Beängstigung +beklemmte ihr den Athem. Ihr war, als riefe eine flehende Stimme um +Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt in meiner +Reinheit, rette eine verlorene Seele! ... Verloren, weil du dich von +ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich +nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden +und gabst mich auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... +Beweine mich nicht nur — rette mich!</p> + +<p>Eine lange Zeit verfloß — eine <span class="gesperrt">wie</span> +lange? ... Die Uhren schwiegen alle, standen alle still ... Lotti +hatte vergessen, sie aufzuziehen, — zum ersten Male, seitdem es ihr +überhaupt oblag, für Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ... Wie +spät war es denn? Wollte der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben +heute die sonst so rührige Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit +an Pulsschlägen abzählen könnte, wie <span class="pagenum">134</span> +die Alten gethan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße, welche sich +dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das Fräulein, das +seine Lebenszeit abmaß, an der verrinnenden Asche des verstorbenen +Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt, und wie +paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in +ihrem fiebernden Hirn? ...</p> + +<p>Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes +ist auf den Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem +Küchenbereiche.</p> + +<p>Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins +Zimmer und fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch +unmöglich, die Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advocaten +Schweitzer zu erfragen — des Advocaten Schweitzer, den Lotti besuchen +will.</p> + +<p>»Eines Advocaten!?« — Agnes fällt fast um vor Schrecken — das ist ja +einer vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu thun?</p> + +<p>Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse +richtig zu Stande gebracht, und Lotti schweigend und eilends das Haus +verlassen hatte, wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt, +daß sie — sie konnte sich nicht anders helfen — in Thränen ausbrach.</p> + +<p>Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers +Thür. Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem +Bedauern, daß ihr Bruder jetzt nicht zu sprechen sei. <span +class="pagenum">135</span></p> + +<p>Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte +entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden +später erschien Schweitzer selbst.</p> + +<p>»Fräulein Feßler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.«</p> + +<p>Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine +große Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen +Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch, und neben demselben ein +eben solcher geöffneter Geldschrank. In hohen Stößen waren darin +Werthpapiere aufgehäuft, hinter eisernen Gittern Geldsäcke und +Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichthümer zu bergen, und +glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern +einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend +aufgesperrten Rachens, zu vertheidigen sehr gesonnen ist.</p> + +<p>Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am +Schreibtische Platz, während der Advocat, dessen ganzes Wesen die +äußerste Aufregung verrieth, vor ihr stehen blieb.</p> + +<p>»Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen,« sprach er, »aber +weil Sie nun da sind, weiß ich auch, was Sie hierher geführt ... Es ist +die Sorge um Halwig.«</p> + +<p>Er beantwortete ihr bestätigendes: »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie +hat guten Grund!«</p> + +<p>Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch +abgewiesen. <span class="pagenum">136</span></p> + +<p>»Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief +Schweitzer. »Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten, und +deshalb gestern noch — Sie waren Zeuge — nicht jede Hoffnung auf eine +günstige Lösung der Sache vernichtet — der Sache, für die ich mich +aus eigenem Antrieb begeistert ... Ich, der vorsichtige, peinliche +Geschäftsmann ... Halwig hätte an die alte, vergessene Geschichte nie +gedacht.«</p> + +<p>Er stieß unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als +den Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand.</p> + +<p>»Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich +will es Ihnen sagen ...«</p> + +<p>»Ich weiß es,« unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur +noch auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft ... Sprechen +wir ruhig, ich bitte ... Nehmen wir an, Herr Doctor, der Proceß wäre +günstig für ihn entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das +Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was +dann?«</p> + +<p>»Was dann?«</p> + +<p>»Würden Sie sagen: Schließe den Kauf, ziehe Dich auf das Land zurück +mit Deiner jungen verwöhnten Frau? — Ich kenne sie nicht, aber ich +glaube, sie wird die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen +können.«</p> + +<p>Schweitzer lachte auf.</p> + +<p>»Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr <span +class="pagenum">137</span> nichts zu bieten — sie tanzt nicht ... +Theater, Concerte, Kunstsammlungen, was bedeuten ihr die? Sie ist ja +blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern keine Seele und kein +Herz, außer für ihren Mann, für Papa und Mama, und für die sauberen +Brüder, den Kiki und den Koko, oder wie man sie nennt ... Sie hat +ja nichts, als die ganz thierische, ganz unmündige und gedankenlose +Zärtlichkeit für das Nest, aus dem sie hervorgegangen ist ... für eine +Familie — welche Familie! mehr noch als jede andere eine Brutstätte +des Vorurtheils, das Grab der Nächstenliebe, denn was nicht zu ihr +zählt, zählt überhaupt nicht ... O, was gäbe ich, um Halwig aus dieser +Familie zu lösen! ... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen, das +ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. — Fort nach +England mit Papa und Mama, und auf das Land mit der Tochter und mit den +seidenen Vorhängen, und mit der Menagerie, und mit den Reitpferden, und +mit den Cigaretten ... Fort,« brach er plötzlich aus, »wenn ich wieder +frei athmen soll, fort — aus meiner Nähe!«</p> + +<p>Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine +Augen.</p> + +<p>Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.</p> + +<p>»Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich.</p> + +<p>»Er wird den Contract unterschreiben, ihn nicht einhalten können, +das Gut wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau +... nun, er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgend einem +<span class="pagenum">138</span> publicistischen Unternehmen, und +sie wird sich an das Nadelgeld einer Taglöhnersfrau gewöhnen, oder zu +Papa und Mama nach England reisen müssen, wenn sie es nicht vorzieht, +das Nächstliegende zu ergreifen und die teuflische Macht, die ihr +innewohnt, auszuüben — O! ... Führe uns nicht in Versuchung! das heißt, +bringe uns nie in Gelegenheit, all' das Schlechte, dessen wir im Fall +der Noth fähig wären — zu thun ... Eine nichtswürdige Empfindung in der +Brust eines braven Menschen — Sie ahnen nicht, was die gebiert — Sie +ahnen nicht einmal, daß es die geben kann. Gräßlich!« stöhnte er, nahm +sich zusammen und fügte in scharfem Tone hinzu:</p> + +<p>»Sehen Sie, Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich, +Respect einflößende Schätze. Und doch sind sie nur Bruchtheile des +Besitzes ihrer Eigenthümer. Diese Eigenthümer haben unbedingtes +Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals nachgerechnet ... +Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addiren, und das +Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde +eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf +nicht beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? überhaupt nicht +aufzutreiben? ... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in +den Ofen oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, daß er sie +<span class="gesperrt">gestohlen</span> hat, würden seine Klienten +nicht glauben. Und wenn er selbst es ihnen erzählte, würden sie denken, +daß er ein Narr, aber nicht, <span class="pagenum">139</span> daß +er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich denn irrte ... wenn ich mich +genau um die Summe irrte, um die es sich handelt, was hätte ich dann +gethan? ... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn oder zum Selbstmord +treiben würde, ein Verbrechen, das größte, das ich begehen kann, denn +es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste, angeborne Natur, und doch +nichts, im Vergleiche zu dem Elend, das über den unglückseligen Halwig +hereinbricht, wenn ich ihn seinem Schicksale überlasse ...«</p> + +<p>»Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr +Doctor ...«</p> + +<p>»Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er +braucht, und als Sie an meiner Thür schellten« — seine Stimme sank +zu einem fast unhörbaren Flüstern herab »— war ich halb und halb +entschlossen, es zu thun.«</p> + +<p>»Lieber Doctor,« sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch +diese furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den +Vorsatz hätten Sie nicht ausgeführt. Es muß auf andere Art geholfen +werden ...«</p> + +<p>Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wie viel kostet das +Gut?«</p> + +<p>Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Werth ist +mindestens das doppelte ... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich +aus, »ich höre, daß Sie im Besitz eines Nibelungen-Hortes sind, einer +Uhrensammlung«, er lächelte gutmüthig, aber doch auch sehr <span +class="pagenum">140</span> spöttisch, »ein todtes Capital; das ist +heutzutage fast eine Sünde ... Fräulein Feßler, verkaufen Sie Ihre +Uhren und kaufen Sie das Gut ... es wäre nicht völlige Hülfe, aber es +wäre viel, die Eltern würden wir dadurch los ... und dann ließe sich +weiter denken ... Kaufen Sie das Gut! Für die Administration will ich +sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen Standpunkte des Nutzens aus, +ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen nicht genug dazu rathen«</p> + +<p>Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein +und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort. Die offenbaren, auf +der Hand liegenden Vortheile jedoch, für die er sich bereit erklärte +gut zu stehen, schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte +etwas ganz Anderes wissen. Sie fragte:</p> + +<p>»Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, daß +sein Proceß gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie +das zugegangen, den Brief nicht sehen wollen, der die Nachricht +brachte?«</p> + +<p>Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an:</p> + +<p>»Was soll das?«</p> + +<p>»Antworten Sie mir! ... Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, +daß man ihm glauben machen könnte ...«</p> + +<p>»Den?« unterbrach sie Schweitzer, »Alles kann man Dem aufbinden ... +Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen +... aber um Gotteswillen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich <span +class="pagenum">141</span> seh's ... Sie werden helfen, Sie! ...« Er +faltete die Hände, er vermochte nicht weiter zu sprechen.</p> + +<p>»Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nöthige Geld,« sagte Lotti, +»Ihre Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber — nicht einmal +der Tod hebt das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie +schweigen, Sie bewahren mir für immer das Geheimniß.«</p> + +<p>Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich +ergriff.</p> + +<p>»Ich frage Sie nicht,« sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf +welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich +frage: vermögen Sie die Wohlthat zu ermessen, die Sie erweisen? ...«</p> + +<p>Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich thue nur, was ich +nicht lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin, +um die Seele eines Menschen zu retten, der mir einst theuer war.«</p> + +<p>Damit nahm sie Abschied.</p> + +<p>Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich +nach ihm — er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit +fortgegangen. Als sie nach Hause kam, fand sie ihn, ihrer in +sehnsüchtiger Ungeduld wartend.</p> + +<p>»Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine +Fensterecke. »Ein merkwürdiges Leben führst Du seit einigen Tagen.«</p> + +<p>Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.</p> + +<p>Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich <span +class="pagenum">142</span> mit dem Zusammenlegen ihres Tuches. Jetzt +kam sie langsam auf den Tisch zugeschritten und ließ einen zerstreuten +Blick über die ihrer harrende Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese +so appetitlich hergerichtet, daß ein echtes Uhrmacherherz dabei +aufgehen mußte; allein dasjenige Lottis verleugnete sich in dem Momente +gänzlich.</p> + +<p>Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken sammt ihrem zarten +Inhalte bei Seite und stützte den Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben, +etwas gerötheten Augen, betrachtete sie lange, wehmüthig und wie +fragend, das Bild ihres Vaters. Endlich wandte sie sich zu Gottfried. +Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer +Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme +Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten +Menschen — dem Agenten des Amerikaners.</p> + +<p>Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen +Besuchen. Er kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen +Zweck, den unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig.</p> + +<p>»Die Uhrensammlung möcht' er an sich bringen.«</p> + +<p>»Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.«</p> + +<p>Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im +Scherz, war auch nicht obenhin, wie die Andeutung einer Möglichkeit +gesagt, das war ein ernster, wohlüberlegter Entschluß, den Gottfried +mit innerster Empörung vernahm. <span class="pagenum">143</span></p> + +<p>»Das thust Du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte +bejahend das Haupt.</p> + +<p>»Ich kann nicht anders. Ich werde Dir Alles erklären, aber nicht +jetzt. Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren +schon überstanden haben. Du wirst — ich bitte Dich — mit dem Agenten +sprechen. Es bleibt bei dem Preis, den der Amerikaner damals dem Vater +angeboten. Weißt Du, ob er den noch bezahlen zahlen will?«</p> + +<p>»Das will er gewiß ...«</p> + +<p>»Bestelle ihn also ... und gleich, wenn Du mir eine Wohlthat +erweisen willst.«</p> + +<p>Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde Dir die +Wohlthat erweisen, ihn nicht zu bestellen.«</p> + +<p>»Gottfried! ...«</p> + +<p>»Lotti, Lotti! ... Wie kannst Du — und für <span +class="gesperrt">Den</span>? ... Warum denn Alles für <span +class="gesperrt">Den</span>?«</p> + +<p>Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl +ihres eigenen Leids über der Theilnahme mit der bitteren Qual, mit +welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war.</p> + +<p>»Ich muß, siehst Du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.«</p> + +<p>»Ueberleg's. Mir zu Liebe ... versuch' einmal etwas mir zu Liebe zu +thun, überleg's! ... Es wird Dich gereuen ...«</p> + +<p>»Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein <span +class="pagenum">144</span> Wort verpfändet — und gereuen? ... Ich +glaube, daß es mich nie gereuen wird.«</p> + +<p>»Auch dann nicht, wenn Du erfahren wirst, daß Du es umsonst gethan +hast? — Und das wirst Du erfahren!«</p> + +<p>Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort:</p> + +<p>»Ein solches Opfer ... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, +der ist's nicht werth!«</p> + +<p>»Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüßte ... Geh jetzt und +komm bald wieder, mit dem — Käufer.«</p> + +<p>Sie wollte sich erheben, aber die Kniee versagten ihr den Dienst, +und sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück.</p> + +<p>Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist +hier nicht zu helfen.«</p> + +<p>»Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit +...«</p> + +<p>»Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein.</p> + +<p>»— Vielleicht.«</p> + +<p>Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons: +»Darf der Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel ihn zu +retten unversucht lassen? Er darf es nicht — wegen seines eigenen +Seelenfriedens, wegen dieses furchtbaren »vielleicht,« das Dich böse +gemacht hat.«</p> + +<p>»Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte +er ihre Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der +Vater sagen? ... Lotti, denk' an ihn.« <span class="pagenum">145</span> +</p> + +<p>»Ich habe zuerst an ihn gedacht, und sage Dir: er hätte es auch +gethan.«</p> + +<p>Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und +rief:</p> + +<p>»Mag sein ... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich +gehabt ... Mißverstehe mich nicht! ... ich hab' ja gar kein Recht — ich +meine nur, er hätte zu mir gesprochen: Das geschieht für einen Andern — +deshalb brauchst Du nicht zu denken, daß mir der Andere lieber ist als +Du ...«</p> + +<p>Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die +Hand Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit +Schamröthe übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes +erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung +vergrößerte noch die seine.</p> + +<p>»Verzeih,« stotterte er, »ich gehe,« und wandte sich zur Flucht mit +einer so rathlosen und hastigen Eile, daß Lotti — es schien ihr selbst +unglaublich — über ihn lachen mußte. Er blieb stehen, halb empört, halb +erfreut:</p> + +<p>»Du lachst?«</p> + +<p>»Ich lache —« sie brach in Thränen aus: »Wir sind zwei alte, +erbärmliche Weichlinge.«</p> + +<p>»Weichlinge ...« wiederholte er, und näherte sich ihr schüchtern — +»Lotti —«</p> + +<p>»Gottfried —«</p> + +<p>Und die »Geschwister Feßler« umarmten sich.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">146</span> + <h3 class="nobreak" id="XIII"> + XIII. + </h3> + +<p>Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Feßler +eine feierliche Handlung statt. Das Fräulein übergab Herrn C. B. +Fischer, Agenten des Hauses F. O. Wagner-Schmid in New-York in +Gegenwart der Herren G. Feßler, Uhrmachermeister, und W. Schweitzer, +Advocat, eine Sammlung bestehend aus dreihundert alterthümlichen +Taschenuhren. Durchschnittspreis per Stück fünfhundert Gulden. Summe +des Kaufpreises: Einmalhundert und fünfzigtausend Gulden.</p> + +<p>Herr C. B. Fischer, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich breit, +ungewöhnlich wohlgenährt, mit dem rundesten Bulldogggesicht und dem +feuerfarbigsten Backenbart in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzüge +sich sehr bewußt, hielt den Katalog in seiner Rechten. Eine gewaltige +Rechte, die mit Leichtigkeit einen Suppenteller umspannt hätte. Er +verifizierte jedes Stück, das Lotti aus dem Schränkchen nahm, sorgsam +verpackte, und in eine Cassette legte, die Herr Fischer mitgebracht.</p> + +<p>»Fünfhundert? ... auch die? ... auch die fünfhundert? ... Mir wäre +das Ding nicht dreißig werth,« <span class="pagenum">147</span> sagte +der Agent von Zeit zu Zeit; unter andern gerade bei der Mudge und bei +der Majoratsuhr. Oder er rief: »Dieser Kauf! — Eine Millionärs-Marotte. +Finden Sie nicht, Herr Doctor? — Was?«</p> + +<p>Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie Einer, der +standhaft den ersten Grad der Folter aushält, und sprach alle zehn +Minuten einmal: »Vorwärts, wenn ich bitten darf.«</p> + +<p>Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. +Der Mann erweckte ihr soviel Sympathie, wie eine Sabinermutter für +einen Töchterraubenden Römer empfunden haben mochte.</p> + +<p>Nach fünf tödtlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. +Der Agent trug die Cassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als +ob es ein Claque-Hut gewesen wäre, und bald hörte Lotti den Wagen, der +ihre Uhren entführte, über den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach. +Sie saß neben ihrem leeren Schränkchen, hatte seine Laden geschlossen +und die kleinen Flügelthüren gesperrt.</p> + +<p>Jetzt könnt' ich mir einbilden, dachte sie, daß Alles noch beim +Alten ist. Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besaß, +immer zu behalten? — ein gutes Gedächtniß und einige Phantasie. Das +wollte sie Gottfried zum Trost sagen, dem Getreuen, für den es von +jeher keinen Schmerz, keine Enttäuschung, keinen Verlust zu geben +schien, als diejenigen, die <span class="gesperrt">sie</span> erfahren +hatte. Zum ersten Male, seitdem sie ihn kannte, das heißt so lange +<span class="pagenum">148</span> sie lebte, hatte sie heut' eine +eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch +diese erloschen, wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen +Ausdruck eines Gefühls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde. +Sie kannte ihn, und wußte — jetzt quält er sich und kann sich's nicht +verzeihen, daß er ihr eine schwere Stunde noch schwerer gemacht und in +dem Augenblick, in dem sie ihr Theuerstes hingab, unedel ausgerufen: +»Und ich?« ...</p> + +<p>Und er! ... war's nicht ganz recht, daß er sie einmal gemahnt, er +zähle mit in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen +durften? — Bisher hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; +daß er sich so zeigte, verstand sich von selbst, und wer denkt erst +lang über selbstverständliche Dinge nach? — Manchmal wohl hatte es in +der Seele Lottis aufgedämmert: da ist Einer, dem verdankst du mehr, als +du vergiltst ... da ist Einer, dem hast du öfter weh als wohl gethan +... Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten.</p> + +<p>Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen +schlummern in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal +genannt, jedoch, nie wieder schlafen können. Lotti fürchtete sich und +ihre unbekannte und unberechenbare Macht. — Wozu auch grübeln? — über +ein Verhältniß zwischen Bruder und Schwester, zwei braven Leuten, die +in Frieden mit einander alt geworden sind und also sterben wollen. +Zugleich <span class="pagenum">149</span> — geb's der Himmel! Denn +ein Leben, in dem Gottfried fehlen würde und seine nie ermüdende treue +Sorgfalt, das wäre keine Freude mehr.</p> + +<p>Allmälig war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich +zurück und schloß die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hörte sie +Agnes nach Hause kommen, und draußen Zurüstungen zur Abendmahlzeit +treffen. Die Alte kehrte von einem Besuch bei ihrer Schwester zurück, +zu dem Lotti sie veranlaßt hatte. Mitten in der Woche und ohne jeden +vernünftigen Grund war sie aufgefordert worden, die Vergnügungsreise in +die Vorstadt zu unternehmen. Gewöhnlich kam sie von derselben in bester +Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger Wolf.</p> + +<p>Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage +Lottis nach dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. +Die ganze Agnes war eitel Zurückhaltung, jede ihrer Mienen und +Bewegungen sprach: Hast du deine Geheimnisse, hab' ich die meinen.</p> + +<p>Ihre, mit großer Ausdauer zur Schau getragene Gekränktheit begann +ihre Wirkung auf die Herrin auszuüben. Diese war hellmunter geworden. +Es konnte auch nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes, +aber nicht still. Sie vollführte vielmehr mit einigen Tellern und +einem Bestecke ein Gerassel, das in Anbetracht der geringen Mittel, +mit denen es verursacht wurde, ganz merkwürdig zu nennen war. <span +class="pagenum">150</span></p> + +<p>»Liebe Agnes,« begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im +Reinen über die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da +erschallte die Hausglocke, und Agnes stürzte, abermals Unverständliches +murmelnd, aus dem Zimmer.</p> + +<p>»Das Fräulein zu Hause?« ließ eine laute Stimme sich im Vorgemache +vernehmen, und im nächsten Augenblick trat Halwig ein.</p> + +<p>Er war bleich und erregt: »Erlöst!« stieß er, kaum fähig zu sprechen +hervor. »Nehmen Sie Theil an meinem Glück ...« Er preßte beide Hände +gegen seine Brust. — »Ich bin erlöst — ich bin ein freier Mann!«</p> + +<p>Lotti wagte nicht, ihn anzusehen ... absichtlich täuschen — es +bleibt doch immer etwas Furchtbares. — In äußerster Verlegenheit sprach +sie: »Sie haben — Ihren Proceß ...«</p> + +<p>»Gewonnen! — ja, ja, meine Hoffnung, die kühne, die ich nie +aufgegeben, ist erfüllt ... Fräulein Lotti — freuen Sie sich doch mit +mir ...«</p> + +<p>»Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund ...«</p> + +<p>»Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das?« Er zog ein Heft aus seiner +Tasche — »Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen übergab, +zum zweiten Male abgerungen worden ... und soll vor Ihren Augen in +Rauch aufgehen.«</p> + +<p>Er hielt einige Blätter des Manuscriptes über die Lampe, sie +entzündeten sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in +hellen Brand zu setzen und warf, <span class="pagenum">151</span> +nachdem dies geschehen, die lodernde in den Kamin. Mit wildem Behagen +schürte er die Flamme, die sein Geisteskind verzehrte, und rief:</p> + +<p>»Was nie hätte geboren werden sollen, sterbe! ... Könnt' ich alles +so vernichten, was geschrieben zu haben mich reut! ... Ein Trost bleibt +mir übrigens,« fügte er mit bitterem Lachen hinzu, indem er sich am +Arbeitstische Lottis niederließ: »Lange werden meine Werke den Unwillen +der Freunde des Schönen nicht erregen. Mit dem Tage geht unter, was +dem Tage gedient ... O Fräulein Lotti! ... ich hatte anderes von mir +erwartet ... Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich geträumt +und angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese +Erde, die mich getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines +Schrittes eingeprägt zu haben? ...«</p> + +<p>Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten +Augen:</p> + +<p>»Ja wohl, — was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?«</p> + +<p>»Vorbei!« er erhob von Neuem sein gequältes Lachen. »Sie haben noch +nie einen Menschen gesehen, mit dem es so völlig vorbei gewesen ist, +wie mit mir ...«</p> + +<p>»Es wird schon wieder anfangen,« sagte Lotti.</p> + +<p>»Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.«</p> + +<p>»Kommen Sie nur erst zur Ruhe.«</p> + +<p>»Die ist's ja, die ich fürchte! ... Mit ihr kommt die Besinnung. In +der rastlosen Thätigkeit, in der ich <span class="pagenum">152</span> +lebte, hatte ich wenigstens nicht Zeit zur Besinnung ... Glauben Sie +nicht, daß mir die Wohlthat der Selbsttäuschung zu Theil geworden ... +Immer wieder, trotz allem, was ich that, um ihn zu verscheuchen, immer +wieder tauchte der Gedanke in mir auf: was du treibst ist Seelenmord +... Ich habe Stunden des Rausches, des Triumphes gehabt, aber +glücklich, liebe Freundin, war ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent +im Dienste irdischer Zwecke zu frohnen zwang.«</p> + +<p>Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen, +die sie fand, erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als +Gemeinplätze. Ihre Ohnmacht zu trösten, äußerte sich durch Ablenkung +von der Klage. Sie verwies ihn auf den segensreichen Einfluß, den +das Landleben auf ihn ausüben werde, und da rief er plötzlich +beistimmend:</p> + +<p>»O ja, darauf zähl' auch ich. Wonne und Wohlthat wird mir die Stille +des Landlebens sein. Vor allem Andern wird es mich erquicken, meine +kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen. Sie haßt die Stadt, +diese kindische Frau ... Sie müssen sie draußen im Freien sehen ... +Im Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Händen — ich sage Ihnen, +sie schießt wie Wilhelm Tell. Oder man muß sie sehen, ein wildes Pferd +bändigend, mit Weisheit und Geduld — oder den Wald durchstreifend, kühn +wie ein Jäger und hold wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang an, +daß ich sie aus ihrer grünen Heimstätte, in der sie aufgewachsen ist +und aufgeblüht, <span class="pagenum">153</span> wo sie sich gesund +fühlt, hierher bringen mußte, in dieses steinerne Grab, in dem sie das +Dasein einer Lerche im Käfig führt.«</p> + +<p>Sein Gesicht hatte sich verklärt, während er von seiner Frau sprach. +—</p> + +<p>»Ich liebe sie,« fügte er hinzu, und wiederholte: »Ich liebe sie ... +Wie kann das sein? denken Sie vielleicht, sie theilt ja deine geistigen +Interessen nicht — — ein Kind, Theuerste, thut das auch nicht, und man +liebt es doch. Sie ist das meine. Ein anderes wünsch' ich nie zu haben, +denn dieses würde gewiß lesen lernen wollen, und das — Sie begreifen, +dürfte ich ihm nicht gestatten ...« Er unterbrach sich: »Immer mahnt es +wieder!« rief er heftig aus und versank in Schweigen.</p> + +<p>»Haben Sie Schweitzer gesprochen?« fragte Lotti nach einiger +Zeit.</p> + +<p>»Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der großen Nachricht, +bedeutete mich aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. +Einer seiner Clienten schießt einen Theil der Summe vor, die ich +erhalten werde — wann? ist wohl noch nicht bestimmt ... Morgen soll +der Kaufcontract unterschrieben werden, in acht Tagen reisen meine +Schwiegereltern ab ... ein Schmerz für Agathe — ich möchte die Thränen +nicht sehen müssen, die sie bei dem Abschied vergießen wird ... Ist +der aber einmal vorüber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen ... dann +wird sie erst mein alleiniges Eigenthum ... Lachen Sie mich nicht aus, +Fräulein Lotti, — wenn auch noch so <span class="pagenum">154</span> +viel Grund dazu vorhanden ist ... die Liebe ist einmal partieller +Wahnsinn und der meine scheint mir unheilbar, denn er verschlimmert +sich von Tag zu Tag.«</p> + +<p>»Um so besser, lieber Freund! ... Sie haben mir da eine Menge Dinge +gesagt, die mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt' ich +eine leise Sorge nicht unterdrücken, daß Ihre Frau, noch so jung, so +außerordentlich schön, und gefeiert, wo immer sie erscheint, sich +vielleicht doch auf die Dauer mit einem ganz stillen und einförmigen +Leben nicht begnügen würde.«</p> + +<p>»Die Sorge war unbegründet!« rief er zuversichtlich aus. »Besuchen +Sie uns, kommen Sie, und bleiben Sie lange bei uns. Ueberzeugen Sie +sich, ob ich recht habe zu sagen: auf dem Lande ist Agathe in ihrem +wahren Element. Etwas viel Sport werden Sie finden — sich vielleicht +wundern, daß eine junge Dame so leidenschaftliches Interesse an Dingen +nimmt, die freilich nicht eben von idealer Natur ... allein, Beste — +das werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr die höchsten sind, sind +sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein Leben, aber nie +um mehr ... Ich wollt', ich hätte keine andere Begabung jemals in mir +verspürt, als diejenige, die man braucht, um ein tüchtiger Reiter oder +Jäger zu werden. Bei Gott, das wollt' ich ...«</p> + +<p>Er biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. »So +ist es« — murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu.</p> + +<p>»Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.« <span +class="pagenum">155</span></p> + +<p>Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: »Leben Sie wohl, Halwig, +und werden Sie gesund.«</p> + +<p>»Gesund?«</p> + +<p>»Ja wohl. Jetzt sind Sie's nicht.«</p> + +<p>Sie blickte mit der besorgten Theilnahme einer Mutter in sein +Gesicht. »Eines sagen Sie mir noch: wie gedenken Sie Ihr Leben +einzurichten?«</p> + +<p>»Sehr einfach. Ich will bei meinem Pächter Landwirthschaft studiren. +Ich will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der +Schule verfolgen. Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge +betreiben. Da ich nie mehr etwas Schönes hervorbringen werde, will ich +wenigstens versuchen, etwas Vernünftiges zu thun.«</p> + +<p>»Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen?«</p> + +<p>»Weil ich das Gefühl dafür verloren habe, dünkt mich ... das läßt +sich nicht wieder gewinnen.«</p> + +<p>Er riß sich gewaltsam aus den trüben Gedanken, die ihn von Neuem zu +umweben begannen: »Auf Wiedersehen! ...«</p> + +<p>»Auf Wiedersehen, lieber Halwig ... Noch etwas muß ich Ihnen sagen +... Denken Sie sich, es wären Monate vergangen — Sie haben ausgeruht, +haben einmal wieder tief und gewaltig empfunden, daß die Welt schön +und das Leben etwas werth ist — und plötzlich beginnt es in Ihrer +Seele zu tönen wie einst. Sie lauschen den Klängen, Sie wollen nichts, +als sich umspinnen <span class="pagenum">156</span> lassen von den +lieblichen Harmonien, und festhalten, was die Ihnen vorgesungen. +Und ohne Ihr Zuthun, fast ohne Ihr Bewußtsein, strömt ein harmloses +Lied von Ihren Lippen, eines von denen, wie die Nachtigallen und die +Dichter sie singen, und die Welt heute nicht mehr anhören mag und +die Verleger nicht mehr veröffentlichen. Ein solches, ein so ganz +unpraktisches, muß es sein. Die Stunde, Freund, in welcher <span +class="gesperrt">dieses</span> Lied Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer +Wiedergeburt. Sie wird kommen. Ich will einmal Kassandra sein und +prophezeihen, aber lauter Gutes ... Und jetzt gehen Sie. Auch ich bin +erstaunlich müde und ruhebedürftig.«</p> + +<p>Er beugte sich über ihre Hände und küßte sie. —</p> + +<p>»Sie haben doch nicht ganz vergessen,« sagte er leise und innig, +»daß Sie einst die Braut eines Poeten waren — aber ich bin keiner +mehr.«</p> + +<p>Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und +wünschte ihr mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch +blieb von der zürnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti +bis zum Morgen in einem Zuge. Sie hatte von ihren Uhren geträumt, sich +wieder im Besitz derselben gesehen, und ihr wurde nichts weniger als +froh zu Muthe, als sie am folgenden Tage beim Frühstück saß, dem leeren +Schranke gegenüber.</p> + +<p>Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gespräch noch +längere Pausen als gewöhnlich, hatte eine Welt auf <span +class="pagenum">157</span> dem Herzen und war nicht im Stande, ein +befreiendes Wort zu sprechen.</p> + +<p>»Was fehlt Dir?« fragte Lotti.</p> + +<p>»Brave Gesellen,« antwortete er mit verstörten Blicken. »Es ist +nichts an den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum +Handwerk. Sie können nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der +Nachwuchs ist, wohin gelangen wir? ... In fünfzehn Jahren giebt es in +der ganzen Stadt keinen tüchtigen Uhrmacher mehr.«</p> + +<p>Das war nun freilich sehr traurig, aber daß ihm die Sache so völlig +seine Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein +gewann, nahm Lotti doch Wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu +fragen: »Was fehlt Dir?« erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid. +Seit dem Tage, an dem sie ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds +gleichmäßig heitere Laune dahin. Wie von jeher widmete er Lotti seine +ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme fern zu halten, blieb +immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei alledem äußerte +sich doch manchmal, und gewiß ganz gegen seinen Willen, etwas wie ein +stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in früheren +Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld +niemals unterdrücken können. Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern +und staunte im Stillen über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen +war.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">158</span> + <h3 class="nobreak" id="XIV"> + XIV. + </h3> + +<p>Die Tage vergingen einförmig. Lotti führte ihr stilles Leben fort. +Die einzige Veränderung darin brachten die Besuche des Advocaten +Schweitzer hervor. Er kam sehr oft, zu Gottfrieds großer Befriedigung. +Dieser hatte für ihn eine Liebe gefaßt, kaum minder plötzlich wie die +Romeos zu Julien und äußerte dieselbe in seiner beredten Weise:</p> + +<p>»Der ja! — ja Der — das ist Einer!«</p> + +<p>Der Doctor brachte Nachrichten von Halwigs. Das junge Paar befand +sich auf dem Gute; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt. +Schweitzer beschäftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten. +Sobald er damit fertig geworden, wollte er eine Reise nach dem Norden +unternehmen, die heißen Sommermonate in Norwegen oder gar in Island +zubringen. Er sagte, seine Nerven bedürften der Stärkung.</p> + +<p>»Ich bin nervenkrank wie alle Leute: Sie allein ausgenommen und +Gottfried, und vielleicht Ihre alte Agnes.«</p> + +<p>»Nun, ich weiß nicht,« meinte Lotti und ließ ihre Augen von ihm auf +Gottfried hinübergleiten. <span class="pagenum">159</span></p> + +<p>Mit dessen Nerven dachte sie, stände es auch nicht Zum Besten. +Er war so eigen, schien oft selbst nicht zu wissen, was er wollte. +Mehrmals schon hatte ihm Lotti Briefe von Halwig und Agathe vorgelegt, +in welchen Fräulein Feßler beschworen wurde, zu ihnen zu kommen und +einige Tage bei ihnen zuzubringen.</p> + +<p>Gottfried hatte nie etwas Anderes dazu gesagt, als:</p> + +<p>»Ja, sie sind sehr höflich,« und: »Wann gehst Du?« aber dies geschah +in so gepreßtem Tone, daß Lotti immer wieder statt: »Morgen,« wie sie +gewollt: »Ich weiß es noch nicht,« antwortete.</p> + +<p>Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben, +von den beiden Gatten unterzeichnet, daß Lotti, entschlossen, sich +nicht länger bitten zu lassen, noch am selben Abend zu ihrer Dienerin +sprach:</p> + +<p>»Agnes, morgen fahre ich um 8 Uhr mit dem Frühzuge fort. Wenn +Gottfried Vormittags nach mir frägt, sagst Du ihm, ich sei bei Halwigs, +und käme um sechs Uhr Abends zurück. Wenn er mich auf dem Bahnhof +erwarten will, so wird mich das sehr freuen.«</p> + +<p>Agnes war überaus zufrieden mit diesem Auftrage. In ihrer Einbildung +schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens, mit dem Gottfried ihre +Botschaft vernehmen, und der Fragen, die er an sie stellen werde. Sie +bereitete sich sogleich auf die Künste vor, mit denen sie dasselbe +noch erhöhen wollte, und schlief mit dem heißen Wunsche ein, daß ihr +nur das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen möge. <span +class="pagenum">160</span></p> + +<p>Dieser Wunsch erfüllte sich vollständig. Der schönste Tag, welchen +der junge Sommer dieses Jahres noch gespendet, brach am nächsten, einem +Sonntagmorgen, an. Die herrlichste Junisonne glänzte, der reinste +Himmel blaute über dem schnaubenden, dampfenden Eisenbahnzuge, der +Lotti aus der Stadt entführte.</p> + +<p>Nach zweistündiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt, +in deren Nähe das Gut Halwigs sich befand. Dahin, wie Lotti durch +Schweitzer wußte, führte ein bequemer Feldweg, und sie hatte sich +vorgenommen, die kurze Strecke zu Fuße zurückzulegen. Irre zu gehen, +war unmöglich. Die Villa lag in dem grünen Wiesenland weithin sichtbar, +wie eine Perle im offenen Schreine.</p> + +<p>Munter begab sich Lotti auf die Wanderung. Sie fühlte sich erquickt +durch die rasche Bewegung, und auch ein wenig berauscht durch die +ungewohnte kräftige Luft. Sie war allmälig in die gehobene Stimmung +gerathen, die beinahe jedes Stadtkind erfaßt, wenn es plötzlich +aus seiner ummauerten in die unbegrenzte Welt versetzt wird. Die +athmet Frische und Freudigkeit und theilt einem empfänglichen Gemüth +schon etwas davon mit. Alles so freundlich und üppig bewachsen oder +bewaldet, die Weiden, die Auen, und der Gürtel von wellenförmigen +Hügeln, der die liebliche Gegend umschloß. Das Schönste aber, das war +die gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund. Kaum zu unterscheiden +von den Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dämmerung wie +ein Wunder da, und wie ein Wunder schien von ihr ein Sehnsucht <span +class="pagenum">161</span> weckender Zauber auszugehen. Lotti näherte +sich der Villa. Zwei Fahnen wehten von ihren schlanken Thürmchen und +verkündeten, daß Herr und Frau vom Hause anwesend seien. Der Weg führte +an der Umzäunung des Gartens, einem feinen Drahtgitter auf niederem +Mauersockel, vorbei. Lotti schritt denselben entlang und kam bei dem +geöffneten Thor zugleich mit einem Reiter an, der sich vom Hause her +genähert hatte. Dieser, ein kleines dürres Männchen, hielt seinen +langhalsigen Braunen, welcher schnob, als ob er Feuer geschluckt hätte, +ein wenig an, um Lotti eintreten zu lassen. Ohne die Kappe zu rücken, +aber mit gutmüthiger Herablassung beantwortete er die Fragen der +Fremden. Die »Herrschaften« waren ins nächste Dorf zur Kirche gegangen +und dürften in einer Stunde zurückkehren. Länger bleiben sie schwerlich +fort, denn um zwölf Uhr wird gefrühstückt.</p> + +<p>Eine Stunde warten also! — das ist im Grunde so schlimm nicht. Man +kann die Zeit benützen, um den Garten anzusehen, und nebenbei um ein +wenig auszuruhen.</p> + +<p>Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren +ein. Kein Mensch war sichtbar, so weit sie blickte, rings umher +herrschte die echte, ländliche Sonntagseinsamkeit, Lotti kam an einem +herrlichen Tulpenbaum vorüber und betrat einen Fichtenhain, dessen +kühler Schatten sie lockte. Unter den Bäumen stand eine eiserne Bank, +auf diese ließ sie sich nieder.</p> + +<p>Es ist doch ein gutes Ding, das Land! dachte sie, <span +class="pagenum">162</span> und athmete tief und sah sich mit Entzücken +in ihrer stillen Raststätte um. Die Fichten waren der unteren Aeste +schon beraubt, aber junger Nachwuchs bildete von außen einen Halbkreis +um den Hain, exotische Topfpflanzen füllten die kahlen Stellen zwischen +den Stämmen der alten Bäume. Zarte südländische Palmen, Ficus, +Daphnen, Begonien ließen sich's wohl sein im Schutze der nordischen +Riesen. Die Königin der Araucarien, die Excelsia, breitete ihre +farrenkrautähnlichen Zweige in majestätischer Anmuth aus. Harzgeruch +erfüllte die Luft, die Vögel sangen, im Grase schwirrte und summte es. +Mit reichgefülltem Gurt kehrten emsige Bienen vom Besuche der blühenden +Sommerlinden heim. Alles eifrig, Alles beschäftigt, Alles, was da +schwebte, flog und kroch, sich selber so wichtig und so kühn in seiner +Schwäche, so unverdrossen in der Ausübung seiner kleinen Kräfte.</p> + +<p>Lotti schaute und lauschte und gab sich völlig dem Gefühl der +süßesten Ruhe hin. Still genoß sie die köstliche Stunde, dieses +bewegte, rastlose und doch so friedvolle Leben und Weben um sie her ... +halb unbewußt, gedankenlos ... da plötzlich erklang aus der Ferne das +Geläute eines Glöckleins.</p> + +<p>Zwölf Uhr. — In zwei Stunden muß sie fort, Gottfried erwartet sie, +und das darf nicht umsonst geschehen. Er hat eine herbe Enttäuschung +gehabt, als er kam und sie nicht zu Hause traf. Er wird die Zeit sehr +lang finden und sich gewiß mit der Vorstellung quälen, daß sie nicht +kommt. Aber sie wird kommen! und wenn <span class="pagenum">163</span> +sie scheiden müßte, ohne Diejenigen gesehen zu haben, denen zu Liebe +sie eine Art von Flucht unternommen hat. Diese sind übrigens vielleicht +schon längst von ihrem Kirchgang zurück, warum bildet Lotti sich denn +ein, daß sie gerade hier vorüber kommen müssen? Sie erhob sich, um den +Hain zu verlassen, und im selben Augenblick vernahm sie das Gleiten +langsamer Schritte über den Kies, und sah ein weißes Kleid durch die +Zweige der kleinen Bäume schimmern.</p> + +<p>Halwig und Agathe näherten sich, schon waren ihre Stimmen deutlich +zu unterscheiden. Lotti eilte ihnen entgegen, war aber noch nicht auf +dem Wege angelangt, als sie zögernd stehen blieb.</p> + +<p>Die beiden Menschen, die da einher wandelten, boten den seltensten +Anblick, der auf Erden zu finden ist: den des vollkommenen Glückes. Sie +hielten einander umschlungen. Sein Kopf war leicht geneigt, der ihre +leicht erhoben, sie sahen einander in die Augen und flüsterten sich +lächelnd und leise einzelne Worte zu. Sie schienen sich in Ausdrücken +der Zärtlichkeit überbieten zu wollen, allein ihr Wetteifer hatte +nichts Unruhiges, nichts Stürmisches. In diesem Kampf zu siegen oder +zu unterliegen mußte gleich süß fein. Da war kein Ringen, kein Sehnen, +kein banger Zweifel, da war Erfüllung mit ihrem himmlischen Frieden.</p> + +<p>Sie kamen näher, ganz nah ... Lotti meinte von ihnen bemerkt worden +zu sein ... doch irrte sie. Hermann und Agathe gingen vorbei, Jedes +blind für Alles, <span class="pagenum">164</span> was nicht das Andere +war, Jedes dem Andern eine ganze Welt. Nun waren sie am Ende des Weges +angelangt, schritten über den Vorplan — verschwanden im Hause.</p> + +<p>Lotti folgte ihnen nicht.</p> + +<p>Was soll ich bei Euch, dachte sie, Ihr braucht keinen Dritten.</p> + +<p>Einige Zeit verweilte sie noch, sinnend und träumend in dem Haine, +der ihr zuerst eine traute Gastfreundschaft und später, ohne daß sie es +gewollt und gesucht, ein sicheres Versteck geboten hatte, dann trat sie +ruhig den Rückweg an.</p> + +<p>Die Hitze war drückend geworden. Lotti schlich mehr, als sie +ging, sie hatte ja keine Eile; kam immer noch zu dem ausbündigen +Vergnügen zurecht, ein paar Stunden lang vor dem Stationshäuschen +auf und ab zu wandeln. Weit und breit kein Schatten, nur Wiesen und +Felder. Nichts, als schon in ziemlicher Nähe der Station, neben dem +Grenzpfahl des Halwigschen Besitzes, ein steinernes Kreuz von vier +jungen Pappeln umgeben. Dort ließ sich ebenfalls ein wenig rasten, aber +nicht im Schatten: davon war nicht die Rede, die Sonne stand ja noch +im Scheitel. Gleichviel. Eine Landstreicherin, wie Lotti nachgerade +geworden, dankt Gott auch für die Wohlthat, auf steinerne Stufen +gelagert, die Zeit, deren sie zu viel hat, an sich vorüber ziehen zu +lassen.</p> + +<p>Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald, daß sie keinen +besseren Punkt hätte finden können, um Villa Halwig noch einmal recht +nach Herzenslust zu betrachten. <span class="pagenum">165</span> +Das that sie lange, und das innigste Gebet für die Erhaltung fremden +Glückes, das einer Menschenbrust entsteigen kann, wurde zu Füßen des +steinernen Kreuzes gesprochen.</p> + +<p>Sodann setzte Lotti ihren Weg fort.</p> + +<p>Sie begann ihre ganze Ausfahrt höchst drollig zu finden. Die +Einladungen Halwigs und Agathens hatten sie mit dem Gefühl einer +Verpflichtung belastet, dem sie gemeint, durchaus genug thun zu müssen. +So hatte sie sich denn aufgemacht, war gekommen, und hatte, statt der +sehnsüchtig ihrer wartenden Freunde, ein Liebespärchen gefunden, das +verspätete Honigwochen beging, und dem man keinen größeren Gefallen +erzeigen konnte, als es allein zu lassen ...</p> + +<p>Sie kam sich ein wenig lächerlich vor, die gute Lotti, aber +was schadete das einer so anspruchslosen Persönlichkeit wie ihr? +— Nicht das Geringste, und sie lachte im Stillen und fühlte sich +seelenvergnügt, obwohl von einem gewissen Unbehagen ergriffen, das +— ein klägliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt — durch ganz +prosaischen Hunger hervorgerufen wurde.</p> + +<p>Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Absicht war, an der Thür des +Stationshäuschens zu pochen und von seinen Einwohnern für Geld und gute +Worte eine kleine Stärkung zu erlangen.</p> + +<p>Das Pochen blieb ihr erspart. Die Frau des Bahnwächters, ein +stämmiges dunkeläugiges Weib, stand am Zaun ihres kleinen Gartens und +nahm hier das Ersuchen <span class="pagenum">166</span> der Fremden +entgegen. Ihr Benehmen war anfangs nicht sehr ermuthigend für den +hergelaufenen Gast, wurde aber bald so zutraulich, daß Lotti sich +fragte, ob dieses leutselige Wesen etwa der Freimaurerei, die nach +Schweitzers Meinung zwischen ehrlichen Leuten besteht, zuzuschreiben +sei.</p> + +<p>Eine Stunde später saß sie so gemüthlich, als ob sie zur Familie +gehörte, in der Bahnwächterstube. Der Mann rauchte ihr gegenüber seinen +schlechten Tabak aus einer hölzernen Pfeife, das Weib, an einer groben +Jacke flickend, hatte neben ihr Platz genommen auf der Bank, und der +pausbäckige Sprößling des Ehepaares sich's auf Lottis Schoße bequem +gemacht. Sie fand, er habe Aehnlichkeit mit einem ihrer Horatier, und +das hatte sie sofort für ihn gewonnen.</p> + +<p>Die Frau war bereits mit der Erzählung ihrer ganzen Lebensgeschichte +fertig geworden und schien nicht übel Lust zu haben, wieder von vorn +anzufangen. Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt.</p> + +<p>Ja, sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre, und ihr Bub' hatte +kürzlich erst sein drittes erreicht.</p> + +<p>»Arme Leut' kommen halt spät zum Heirathen. Auch darin, auch in so +einer Sach' haben's die Reichen besser.«</p> + +<p>Da erhob sich der Mann — der Schnellzug mußte bald auf die +Strecke kommen, in einigen Minuten wurde es Zeit, den Signalflügel +aufzuziehen.</p> + +<p>Nachdem er die Stube verlassen hatte — er war ein alter Mensch und +sah recht mürrisch aus — begann seine <span class="pagenum">167</span> +Gattin, ihn zu loben. »Er« war brav. »Er« war allgemein geachtet. +Wunder wie viele Unglücksfälle hatte »Er« durch seine Wachsamkeit +verhütet. Sein Bub' geräth ihm nach, ist wirklich schon jetzt der +ganze Vater. Sie zog den Jungen an sich, gab ihm einen schallenden +Kuß und fuhr mit allen fünf Fingern durch seinen zerzausten Schopf. +Ein rührender Ausdruck von Zärtlichkeit milderte und verschönerte die +harten Züge ihres sonnverbrannten Gesichts, während sie ihrem Kinde +diese derben Liebkosungen ertheilte.</p> + +<p>»Heute ist ein rechter Sonntag,« sagte Lotti zu ihr, »heute habe ich +zwei glückliche Ehepaare gesehen.«</p> + +<p>Die Frau blickte sie befremdet an.</p> + +<p>»Und Sie? ... Sind doch auch glücklich?«</p> + +<p>»Ich bin auch glücklich.«</p> + +<p>»So? ... und ...« sie neigte den Kopf mit neugieriger +Vertraulichkeit, »und was ist denn Ihr Herr?«</p> + +<p>»Ich habe keinen; ich bin eine alte Jungfer.«</p> + +<p>»So? ... eine alte Jungfer,« wiederholte die Frau, sichtlich +erkaltet und enttäuscht. Und als der Mann nun ans Fenster klopfte, um +der Reisenden zu bedeuten, daß es Zeit war aufzubrechen, stach der +gleichgültige Abschied, den die Wirthin von ihrem Gaste nahm, von +deren früheren Freundlichkeit merklich ab. Sie hätte sich nicht anders +benehmen können, wenn sie mit einem Male von Reue ergriffen worden wäre +über ein übel angebrachtes Vertrauen. <span class="pagenum">168</span> +</p> + +<p>Lächelnd über den Mißcredit, in welchem sie plötzlich bei ihrer +neuen Freundin gerathen, stieg Lotti in den Waggon.</p> + +<p>Nur noch Ein Platz war in demselben frei, und sie nahm ihn ein, zum +offenbaren Verdruß einer geschlossenen Gesellschaft, die das Coupé +besetzt hatte. Diese, ein übermüthiges Völkchen, ließ sich, nachdem +ihr erster Unwillen über den Eindringling verraucht war, in ihrer +Unterhaltung nicht stören. Lotti verbrachte zwei unangenehme Stunden +in dem lauten und lustigen Kreise. Ein Gefühl der Vereinsamung ergriff +sie, das wegzuspotten sie sich vergeblich bemühte.</p> + +<p>Endlich brauste die Locomotive in den Bahnhof und das Erste, was +Lotti erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer +gelehnt — ein Bild der Hoffnungslosigkeit — starrte die Leute an, die +dem Zuge entstiegen, und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es +in seinem Herzen.</p> + +<p>Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da — ihre Hand lag auf seinem +Arme.</p> + +<p>»Das hätt' ich nicht gedacht ... daß sie Dich fortlassen ... daß Du +ihnen widerstehen kannst ...« Wie ein Verzückter blickte er sie an. +»Ich hab einen Wagen ...«</p> + +<p>Nein, für den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu +sein, wollte zu Fuß mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs +ihre Erlebnisse erzählen. <span class="pagenum">169</span> + +<p>Also geschah es. Er hörte ihr mit äußerster Spannung zu und +ging schweigend neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der +Ueberflüssigkeit sprach, von der sie beim Anblick Halwigs und seiner +Frau überkommen worden, bot er ihr plötzlich seinen Arm und drückte den +ihren fest an sich.</p> + +<p>»Hier bedarf man Deiner,« sagte er. »Du warst Dir dort zu viel, ich +— war mir hier zu wenig.«</p> + +<p>Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, +kamen aber sehr wehmüthig heraus. »Und was hast Du gethan den ganzen +langen Tag?« fragte Lotti.</p> + +<p>Gottfried räusperte sich: »Hm — gewartet.« »Sonst nichts!«</p> + +<p>»O, es war genug! Ich weiß keine schwerere Arbeit.«</p> + +<p>Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber +gerieth er in eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so +hinreißende Beredtsamkeit im Stande gewesen wäre. Die seine beschränkte +sich auf den leisen Ausruf: »Liebe Lotti!«</p> + +<p>Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach +<span class="gesperrt">sie</span>, die er im Herzen trug von seiner +Jugend und von ihrer Kindheit an.</p> + +<p>Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's +möglich? ... Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff +aller seiner Wünsche erreichen? ... <span class="pagenum">170</span> + +<p>Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und +der Mund, den er liebte, sprach:</p> + +<p>»Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiß ich, daß Du mir das +Liebste auf der Welt bist.«</p> + +<p>Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, daß sie vor +Lottis Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das +Geheimniß seiner tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel +wollte ihm die Brust zersprengen. Ein seliger Mann faßte er seine Braut +in seine Arme, und sie mußte abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig +die Treppe hinaufgetragen. Oben angelangt, stürmte er derart an der +Glocke, daß Agnes in voller Empörung herbei eilte:</p> + +<p>»Wie kann man so anreißen?« rief die Alte.</p> + +<p>»Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, +Ihnen zu sagen — Sie sind die Erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns +an! Wir sind Brautleute!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, +der Gottfried und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden +Treiben der Stadt spann sich ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine +kaum noch erhoffte Erhöhung ihres Glückes wurde ihnen zu Theil, als +nach zwei Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner Johannes Feßler +gerade in dem Augenblick das Licht der Welt begrüßte, in welchem +draußen die Sonne wunderbar schön unterging, und im Zimmer <span +class="pagenum">171</span> die goldene Spieluhr, zum siebenzehnten Male +an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte.</p> + +<p>Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, daß +es auch derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren +Besitzer gewechselt. Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er +und Agathe waren bald aus dem süßen Hindämmern erwacht, in das die +Befreiung von ihren Sorgen sie versetzt hatte. Sie, gewöhnt an das +rege Treiben ihres großen Familienkreises auf dem Lande, begann sich +zu langweilen allein mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte, und +vielleicht noch heißer, nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht +betäuben, die ihn in seiner Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis +in die Arme des geliebten Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den +Qualen und Wonnen seiner Lohnschreiber-Nächte, nach dem Fieber, das ihn +durchraste, wenn er seine Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in +Blut und in Schlamm waten ließ, und den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn +umstrickten. Dazu die hastende Eile, in welcher ihr Schicksal gewoben +und ihr Verhängniß erfüllt werden mußte; die Angst vor dem Mißlingen, +und dann wieder die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete geschah, +wenn die Gestalten, die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt +durch eigene Kraft einen Abschluß herbeiführten, kühner als er ihn +geahnt hatte. Halwig erfuhr, daß wer solche Aufregungen kennen gelernt, +sie nicht mehr missen kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's +aus dem Himmel. So sandte er <span class="pagenum">172</span> dem +schwindenden, mit Hülfe Agathens und ihrer Brüder rasch aufgezehrten +Wohlstand, kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur Zeit, in +welcher das Gut verkauft werden mußte, machte die Gesundheit Agathens +einen Aufenthalt an der See nothwendig. Hermann ließ sie allein zu +ihren Eltern ziehen und kehrte zu den seligen Bitternissen seiner +Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie lieferte, wurden noch +immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advocaten Schweitzer +jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti:</p> + +<p>»Ich mache mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, +war umsonst gebracht.«</p> + +<p>Aber Lotti erwiderte: »<span class="gesperrt">Nicht</span> +umsonst.«</p> + +<p>Ihr Mann blickte sie lächelnd an: »Ohne meine Entrüstung über dieses +Opfer,« sagte er, »wüßte sie vielleicht heute noch nicht, daß der +Gottfried auch einmal etwas für sich wollen konnte.«</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">173-5</span> + <h2 class="nobreak"> + <span class="center" id="I_1">Wieder die Alte.</span> + </h2> + <h3>I.</h3> + +<p>In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich +ein schmuckes Palais, Eigenthum des Grafen Meiberg, welcher es mit +seiner Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin +und aus sechs Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, +das älteste, eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden +sorgfältig erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, +die ihnen Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So +trafen einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann +und ein hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam +von der Clavierstunde der großen Comtesse, sie ging zur französischen +Lection des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien +immer munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als +er und sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz +der breiten, spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem +Lächeln grüßte er und war entzückt von der anmuthig zurückhaltenden +Weise, in der sein Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen +<span class="pagenum">176</span> es bald nicht mehr bei einer +stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrirten dieselbe durch ein +freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein,« — »Guten Tag,« — und schon +das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois,« — »Guten Tag, Herr +Bretfeld.«</p> + +<p>Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen +erkundigt. — Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße.</p> + +<p>Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen +scherzenden Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit +selbst, Fräulein,« worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet +sich immer nach mir.« — »Das sollten alle Leute thun,« sprach er und +erschrak derart über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er +sich ganz verlegen aus dem Staube machte.</p> + +<p>Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen +Schwächen, selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das Arnold +Bretfeld gethan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte er ein +unangenehmes Gefühl nicht los werden, und wenn er sie fragte: Was hab' +ich denn? — kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit, die Du gesagt +hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden Morgen wünschte er +allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem er sich so schrecklich +blamirt hatte, gar nie mehr unter die Augen kommen zu müssen. Diesen +Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der Clavierstunde aus dem +Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete dastehen sah. Er half +<span class="pagenum">177</span> ihr, da sich zufällig kein Diener +in der Nähe befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber +merkwürdig leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte +und den fallenden Schnee.</p> + +<p>»Fräulein kommen von Hause?«</p> + +<p>»O nein, ich habe heute schon drei Lectionen gegeben.«</p> + +<p>Drei Lectionen! — Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert +durch Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch +so nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem +die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden.</p> + +<p>Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber +sie ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu +den Zimmern ihrer Schüler führte.</p> + +<p>Das Compliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt +hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im +Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und +schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide.</p> + +<p>»Je nun,« erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus +gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Nothwendige +entbehren, wenn wir das Ueberflüssige nicht mehr anzuschaffen +vermöchten.«</p> + +<p>»Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas +zu sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und — zu sehen. +<span class="pagenum">178</span></p> + +<p>Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der +bis zum Munde reichte, dessen Athem ihn ganz leise bewegte. Wenn er +sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein, +und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüthen im Tau.</p> + +<p>Eine Viertelstunde später saß Arnold am Clavier neben der Fürstin +L. und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die +ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein +geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und Abends, +während des Vortrags, den er im Conservatorium hielt, und Nachts vor +dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Claire Dübois +vor sich, und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd, +ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem +Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er +laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!«</p> + +<p>Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats. +Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst +gewahr, als er in den Thorweg trat. Da stand sie und konferirte mit dem +Portier.</p> + +<p>»Keine Lection, nein,« sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen +haben heute frei.«</p> + +<p>»Heute frei,« wiederholte Claire mechanisch.</p> + +<p>»Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin +sagen.«</p> + +<p>Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie <span +class="pagenum">179</span> mit dem Ausdruck der Enttäuschung +niederblickte. Es enthielt offenbar die siegelversehenen Visitenkarten, +Stück für Stück erworben im Laufe eines Monats, die Repräsentanten +vieler mühseliger Stunden.</p> + +<p>»Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?« +fragte das Mädchen nach einigem Zögern.</p> + +<p>»Keinen, Fräulein,« antwortete der Portier und trat in seine +Loge.</p> + +<p>Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch +viel langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb +sie stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen +herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen, +die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen +schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft.</p> + +<p>»Schlimmes Wetter,« sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires +Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien +zuzubringen. — Ich melde, daß ich gelauscht habe,« fügte er hinzu, den +fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete.</p> + +<p>Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze +Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte.</p> + +<p>»Was fangen sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht +einmal ein Parapluie!«</p> + +<p>»Das ist ja mein Unglück,« entgegnete sie mit einem <span +class="pagenum">180</span> Lachen, das ein wenig erzwungen klang, »ich +habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war so schön! Wer hätte dem +Februar diese Aprillaune zugetraut?«</p> + +<p>»Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen +Regenschirm auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen +Schutz zur Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte +diesen Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Collegen, sie bis +zu einer Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer +nächsten Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte.</p> + +<p>Die Wanderung kam den Beiden sehr kurz vor, und hatte ihnen doch +Muße genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen.</p> + +<p>Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in +den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares +war: <i>Monsieur et Madame Dubois</i>, Professor und Professorin +der Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, +die in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Oesterreich +gewandert waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene +Töchterlein ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. +Ihre Ersparnisse — dem Bruder <a href="#181b" id="181a">Dubois</a> +nach Frankreich zugesendet und von diesem verwaltet — war allmälig zu +einem Capital angewachsen, von dessen Renten sich's leben ließ. Claire +wurde aus dem Kloster genommen, in dem sie ihre Kindheit zugebracht +und ihre Erziehung erhalten hatte, <span class="pagenum">181</span> +und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimath an. Die Wohnung +war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im +Begriff, abzureisen — da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo Ihr +seid; Ihr seid ärmer als Ihr je gewesen, denn der Name, den Ihr tragt, +ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem Ihr es +anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht Ihr +allein seid betrogen, noch viele Andere sind es mit Euch. Ihr würdet +hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo Ihr seid, und +versucht womöglich von vorn anzufangen.</p> + +<p>Der Rath war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister +und seine Frau sich ihn auch zu Nutze gemacht hätten. Die große +Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zu Theil wurde, zu dem sie sich +so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie +bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es +war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den +nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide +vor dem Kinde ihre Muthlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb. +Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von Neuem heranzulocken, +war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers; +die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten, +an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Baarschaft, die als +Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte, +die ersten <span class="pagenum">182</span> Schulden wurden gemacht. +Es stand schlimm um die kleine Familie, als ihre früheren Gönner +im Spätherbst wieder nach der Stadt zogen, scharenweise, wie sie +davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte seinen schwarzen Frack <a +href="#181d" id="181c">aus</a> dem Versatzamte und ging in würdiger +Haltung von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man +empfing ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh +gewesen, den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen +Beinen auf angenehme Art los geworden zu sein. Die Kinder lachten ja +längst über ihn! — wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und — in +traurigen Verhältnissen, wie es heißt. — Unfaßbar eigentlich, die Leute +haben so viel verdient. — Die Frau soll sterbenskrank sein. — So möge +der Mann doch daheim bleiben und sich pflegen.</p> + +<p>»Er dauert mich im Grunde,« sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin +Lili; »nimmst Du ihn wieder?« — »Ich nicht, ich danke, ich habe +Monsieur Pombal engagirt.«</p> + +<p>Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagirt, dann versteht es +sich von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulon dasselbe +thun, und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel +folgen.</p> + +<p>So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und +es wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke stellen +und den Vorübergehenden <span class="pagenum">183</span> mit möglichst +zierlicher Gebärde seinen Hut entgegen zu halten, wenn die Gunst, die +man ihm entzog, sich nicht seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast +alle Damen, die sich gegen Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, +waren für seine Tochter die Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster +aus, in dem Claire zugleich mit einigen jungen Mädchen aus der großen +Welt erzogen worden war. Mutter Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren +mächtigen Schutz angedeihen, empfahl sie, verschaffte ihr Lectionen.</p> + +<p>»Man nahm mich auf ihre Fürbitte,« schloß das Mädchen, »man behielt +mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen — ach nein, ich war und +aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin —, sondern weil ich +immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten +Werth legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine; +meine Lustigkeit, die gab uns Brot.«</p> + +<p>Claire hielt inne; der gleichmüthige Ausdruck, mit dem sie bisher +gesprochen hatte, veränderte sich, und sich brach plötzlich mit den +Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu +erhalten suchen. Das habe ich auch gethan.«</p> + +<p>»Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?«</p> + +<p>»Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht +von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage.</p> + +<p>Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder <span +class="pagenum">184</span> auf ihn. »Sie wissen nun,« sprach sie, »wie +ich eine Lehrerin geworden bin; lassen Sie mich hören, wie Sie ein +Lehrer wurden.«</p> + +<p>Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in +welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung +klar machen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen. +Lectionen geben, war eigentlich nicht seine Sache, er that es nur +ausnahmsweise, wenn irgend eine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang, +eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht +um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender +Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In +Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum +ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und +ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem +Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Sterbedrang, der +sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn ein +Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im <a +href="#184b" id="184a">allertiefsten</a> Sinne. Jede Schönheit, die in +meiner Welt geboren wird, gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin +ein glücklicher Mensch, denn ich vermag Begeisterung zu empfinden und +vermag meine Begeisterung zu rechtfertigen.«</p> + +<p>»Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine +edle Freude leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches <span +class="pagenum">185</span> Wort zu hören, wie wohl thut das! Ich fühle +mich gleich mit glücklich, wenn mir ein Anderer sagt: Ich bin's!«</p> + +<p>Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine +Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? — Nein, +die waren todt. — Geschwister? — Ja, zwei Brüder; beide verheirathet, +Geschäftsleute durch und durch.</p> + +<p>»Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er.</p> + +<p>Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte, sich's beiläufig +denken zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des +ehrenwerthen Hauses Bretfeld.«</p> + +<p>Er lachte. »Viel eher das ungerathene Kind, das man in Gottes Namen +seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es +davon abzubringen.«</p> + +<p>Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre +Kämpfe gehabt?«</p> + +<p>»Sehr zahme,« versetzte er. »Die meinen lassen mich gewähren, +seitdem es bei ihnen fest steht, daß ich nun einmal ein Sonderling +bin.«</p> + +<p>Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte +munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen +hatte, indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen +Lauf der Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich — ihre +Unwissenheit. »Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, +<span class="pagenum">186</span> was ihre Mamas so freut, denn die +meisten dieser Damen sind im Geheimen überzeugt — <a href="#186b" +id="186a">daß</a> Lernen dumm macht.«</p> + +<p>Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über roth und +mußte das Geständniß ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit +an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen +wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief +beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter +dem Thor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen +Regenschirm aufnöthigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und +eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan.</p> + +<p>Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem +sie nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen, und +in ihr den Inbegriff des Anmuthigen und Schönen, sonst hätten seine +Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das +scheinbar Leere geschaut.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung +zugethan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Aelteren +immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so +amüsant!« »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud +sie zu den kleinen Comtessen-Soiréen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn +sie »nur einige Damen« hatte, und <span class="pagenum">187</span> +zu ihren Eltern, wenn ein Partner zum Boston fehlte. So lange Claire +im Salon verweilte, wurde sie von allen Anwesenden wie eine der Ihren +behandelt, etwas höflicher, etwas zuvorkommender höchstens. Ueber +die Schwelle des Salons jedoch reichte die Gastfreundschaft, die ihr +erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte, wenn der Abend zu Ende war: Wie +kommt Claire nach Hause? Es gehörte mit zu den Vorzügen, die man ihr am +höchsten anrechnete, daß sie keine Prätentionen machte, daß es ihr nie +einfiel, auf die Begleitung eines Dieners oder gar auf die Benutzung +der Equipage Anspruch zu erheben. Die Eltern, die ihren eigenen +Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen Tage die Straße allein zu +überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß Claire Dubois ohne anderen +Schutz als ihren Muth bei Nacht den weiten Weg nach ihrer Vorstadt +antrat. Sie pflegte, wie Aschenbrödel, sich aus der Gesellschaft davon +zu machen, kurze Zeit vor den anderen Gästen. Ohne Abschied war sie mit +einem Mal verschwunden, hatte im Vorzimmer den Mantel angelegt, das +Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so rasch sie konnte, bis zur +Stadt und durch die Stadt und durch den Park, dem Hause zu, in dem sie +wohnte. Näherte sich ihr einmal irgend ein Zudringlicher, verstand sie +es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten Falle verließ sie sich auf +ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte sie noch nicht gekannt — +und nun plötzlich lernte sie beide kennen.</p> + +<p>Eines Abends — es war kurz nach der Promenade <span +class="pagenum">188</span> unter dem seidenen Dach ihres Collegen +Bretfeld — bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang des Palais Meiberg bis in +die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in theils größerer, theils geringerer +Entfernung folgte. In den belebten Straßen blieb er ziemlich weit +hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks war er mehrmals +dicht an ihren Fersen. Seine großen, regelmäßigen Schritte hallten +auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie rannte vorwärts, +und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause angelangt, das +Thor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es warten, und nun +kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an der Glocke, und +zitternd am ganzen Leibe, legte sie sich die kühnen Worte zurecht, mit +denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie anspräche. Aber der +Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien stehen geblieben +zu sein — und zu warten wie sie ... Vielleicht auf das Oeffnen des +Thors? Vielleicht war Derjenige, vor dem sie geflohen, ein harmloser +Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der zahlreiche +Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten Stock? +Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so regungslos +an der anderen Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger da, der +Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während sie ins +Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im Schatten +des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine Anwesenheit +zu verbergen als bemerkbar zu machen. <span class="pagenum">189</span> +</p> + +<p>Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, +so oft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor +dem geheimnißvollen Beschützer hatte sich allmälig verloren; hingegen +war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger +gefallen zu lassen.</p> + +<p>Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war +zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die +Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den +feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen +Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie +stehen, wandte sich um und sprach:</p> + +<p>»Herr Bretfeld — was soll's? — Das muß ein Ende haben.«</p> + +<p>Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so, +entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er:</p> + +<p>»Mein Fräulein — nein!«</p> + +<p>»Wie so — nein? Was heißt das?«</p> + +<p>»Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des +Abends Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen — in ehrerbietiger +Entfernung, wie bisher.«</p> + +<p>»Und wenn ich es Ihnen verbiete?«</p> + +<p>»Werde ich es mir nicht verbieten lassen. — Habe ich mich Ihnen +lästig gemacht? ... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu +bedeuten gesucht: Ich <span class="pagenum">190</span> bin da? — Sie +hatten bisher die Gnade, mich nicht zu sehen — fahren Sie so fort, mein +Fräulein.«</p> + +<p>»Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.«</p> + +<p>»Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie —!« Wie unterdrückter +Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie +weich und flehend. »Thun Sie es um meinetwillen — um meiner Ruhe +willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen +Wanderungen bei sinkender Nacht ... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne +es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr +unangenehm.«</p> + +<p>»Ein Sybarit sind Sie und ein Casuist obendrein,« sprach Claire. +»Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie thun.«</p> + +<p>»Und was!« rief er freudig.</p> + +<p>»Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht +von heute stammt: keine Einladung für den Abend mehr annehmen.«</p> + +<p>Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her.</p> + +<p>»Aber es ist doch schade,« hob er bedenklich an; »Sie unterhalten +sich gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.«</p> + +<p>»Meinen Freunden? — meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: +ich unterhalte <span class="gesperrt">mich</span>? kommt das in +Betracht? bin ich auf der Welt, um <span class="gesperrt">mich</span> +zu unterhalten? — die Anderen höchstens. Nun, das wird tagsüber <span +class="pagenum">191</span> besorgt — am Abend darf ich wohl auf meinen +Lorbeeren ruhen. Es soll fortan geschehen.«</p> + +<p>»Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus.</p> + +<p>»Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?«</p> + +<p>»Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung +und Ungeduld; und — ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen — zufrieden +heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus, +schläft wohl schon sanft und süß, oder — ich folge Ihnen, ein getreuer +Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!«</p> + +<p>»Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet. +Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf +meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Uebles dabei. Ich bin +eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann +mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich +warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre +gute Meinung, und: Es bleibt dabei. — Warten Sie nicht mehr an der +Straßenecke wie ein Commissionär — ich komme nicht!«</p> + +<p>Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die +Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte.</p> + +<p>»Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig.</p> + +<p>»Nicht später als morgen.«</p> + +<p>»Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in <span +class="pagenum">192</span> neuester Zeit kaum einen Gruß, kaum +ein Wort, und ich habe Ihnen so viel zu sagen und so viel von +Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte +schuldig ... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir — <span +class="gesperrt">wollen</span> Sie auch nichts wissen?«</p> + +<p>Die Frage klang halb wehmüthig, halb komisch; Claire blickte zu dem, +der sie gestellt, lächelnd empor und sprach:</p> + +<p>»Was war das nun? Scherz oder Ernst?«</p> + +<p>Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr räthselhaft +schien: »Wählen Sie!«</p> + +<p>Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der +einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu +sprechen, ist versäumt, Gott weiß, auf wie lange!</p> + +<p>»Fräulein,« begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des +Gesprächs und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht +leichtsinnig aneinander vorübergehen ... Es ist nicht gescheit ... Wir +gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei ... Rauben Sie uns +nicht die Möglichkeit, einander kennen zu lernen.«</p> + +<p>»Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?«</p> + +<p>»Daß wir einander gefallen, das heißt, ich Ihnen, denn Sie gefallen +mir schon sehr.«</p> + +<p>»Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und +suchte seine Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr <span +class="pagenum">193</span> ruhten. »Ich will nicht — ich kann das nicht +brauchen, daß mir Jemand gefällt — ich habe andere Sorgen.«</p> + +<p>»Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an — ich habe ein +Recht zu fragen, meine große Theilnahme für Sie giebt es mir ... Welche +Sorgen, Fräulein?«</p> + +<p>Sie war wieder stehen geblieben, sie schien mit sich selbst zu +kämpfen und sagte endlich:</p> + +<p>»Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, +meine ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von +ihnen abziehen lassen ... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, +Herr Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen +gedrängt haben.«</p> + +<p>»Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll.</p> + +<p>»Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn Jemand, der immer +heucheln muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ... +Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen +Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch +nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist +mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges. +Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit, in +der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer ... +heiter scheinen — ich <span class="gesperrt">mußte</span> es können, +aber ich verachtete mich, daß ich's konnte. — Wollen Sie das Traurigste +wissen, das ich erlebt habe? — Als <span class="pagenum">194</span> +ich eines Tages von meinen Lectionen heim kam, bei denen mit +verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden, da lag +meine Mutter todt auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein bei ihr +gewesen in ihrer letzten Stunde, — das verschmerze ich nie.«</p> + +<p>Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. +»Mein Vater lebte noch einige Jahre,« fuhr sie in gepreßtem Tone +fort, »ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte +wohl viel zu thun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die +Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine Hand +geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ — wir <span +class="gesperrt">mußten</span> sie machen während der langen Krankheit +der Mutter, und man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute —, von +mir getilgt werden sollten. Daran arbeite ich nun.«</p> + +<p>»Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zu Stande gekommen sein +werden, stehen Sie vor nichts?«</p> + +<p>»Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur +gesund und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum — +der mir wohl will, störe meine Kreise nicht. Nicht zu viel Theilnahme, +Herr Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.«</p> + +<p>Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie +sich eben verbeten hatte.</p> + +<p>»Wie schäm' ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie +schäm' ich mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!« <span +class="pagenum">195</span> + +<p>»Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt +Mißtrauen, das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich +die Herzen. Es giebt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten +Menschen, dem es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu +befreien, die er ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt +Abschied nehmen.«</p> + +<p>»Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos +... sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl +auf Erden wird .... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube +ich.«</p> + +<p>»Sie sind kindisch, Herr Bretfeld,« sagte Claire. »Habe ich Ihnen +denn umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben +muß?«</p> + +<p>»Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand +stürmisch an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber +schutzlos sind Sie fortan nicht mehr ...«</p> + +<p>Schutzlos! — Das Wort gerieth ihm zum Unheil. Sie sprach es mit +Entrüstung nach und fügte hinzu:</p> + +<p>»Sie sind der Letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese +Schutzlosigkeit zu Nutze machen wolle.«</p> + +<p>Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war +zurückgetreten — aber — mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit in +seinem Gesicht!</p> + +<p>Er that ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg +und sich elend zu fühlen schien.</p> + +<p>»Herr Bretfeld —« begann sie. Da schlug die Uhr <span +class="pagenum">196</span> vom nächsten Thurm Zehn und dann ein Viertel +nach Zehn, du guter Gott! — »Herr Bretfeld, leben Sie wohl!« Und Claire +eilte davon, so rasch man eilen kann mit einem schweren, pochenden +Herzen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm +aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte +Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu +tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt.</p> + +<p>Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold +schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als +das Lächeln auf Claires Gesicht. Dem ungeachtet wurde sein Gruß immer +eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig +bereits so rechtschaffen gequält, wie nur jemals ein Paar aufrichtig +Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls +gehorchend, vor einander stehen blieben und wie aus einem Munde +sprachen:</p> + +<p>»Fräulein Dübois!« — »Herr Bretfeld!« — »Können Sie mir verzeihen?« +Da war der Bann gelöst; und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es +plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und +die Erde war schön und das Leben leicht.</p> + +<p>»Herr Bretfeld,« sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das +habe ich durch meine Rauheit erst <span class="pagenum">197</span> +recht heraufbeschworen. Statt an nichts Anderes zu denken, als an meine +Schulden, habe ich fortwährend an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. +Machen wir Frieden, Herr College!«</p> + +<p>»O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann +soll er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, +versteht sich von selbst.«</p> + +<p>Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen +die aus?«</p> + +<p>»Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit +dem Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich, +Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie, +Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.«</p> + +<p>»Diese Dame,« erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, +Herr Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.«</p> + +<p>»Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig +kümmern wird.«</p> + +<p>»Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen — auf Ihre Gefahr! +... Kommen Sie denn Sonntag, um zwölf Uhr.«</p> + +<p>So sprach Claire am Mittwoch.</p> + +<p>Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der +ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln. +Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie +empfunden <span class="pagenum">198</span> habe. Doch kamen unbequeme +Erinnerungen und sprachen: Narr! Als wir Erlebnisse waren statt +Schatten, da stand es nicht um ein Härchen anders mit dir. Du hast +immer heiß und heftig gewünscht, was du später oft so leichten Herzens +aufgeben konntest.</p> + +<p>Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang +aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam, und Arnold an der +Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang +und glückselig zu Muthe wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte +wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Thür wurde aufgeklinkt, und +die Geliebte stand vor ihm.</p> + +<p>Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm +bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb.</p> + +<p>Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Ueberraschung. +Er hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, +als er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch +schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmüthiger +Beredtsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden +aus.</p> + +<p>Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine +Enttäuschung.</p> + +<p>»Kommen Sie,« sagte Claire, »ich bitte von vornherein um +Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zu Theil wird, +an Enthusiasmus Einiges zu wünschen übrig läßt.« <span +class="pagenum">199</span></p> + +<p>Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster +eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische +saß.</p> + +<p>Sie hatte einige fertig gemachte Herrencravatten vor sich liegen, +faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch +dann noch keine Notiz, als er, herantretend, sich vor ihr verbeugte.</p> + +<p>»Das ist der Herr College, den ich Dir angekündigt habe, Karoline,« +nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich +dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu: +»Meine Freundin und zweite Mutter.«</p> + +<p>Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar +hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur +Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: »Was ist an Dir? Was bist Du +werth? Du bist wohl nichts werth.«</p> + +<p>»Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennen zu lernen,« +nahm Frau Karoline das Wort — und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu +Deinen Augen — »verzeihen Sie, wenn ich es nicht thue; Phrasen machen +habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst +freuen zu können, daß ich Sie kennen lernte.«</p> + +<p>Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein +gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, +deren jeder einen Verstand für sich zu haben schien. <span +class="pagenum">200</span></p> + +<p>»Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau,« antwortete Arnold. +»Es wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegentheil geschehen +sollte.«</p> + +<p>»Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten,« sprach Claire, +die für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte.</p> + +<p>»Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen +wir die aus dem Spiel — Du weißt, was ich von ihr halte.«</p> + +<p>»Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren,« erwiderte +Claire. »Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und +Gefallsucht.«</p> + +<p>Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen +scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter. »Ich +werde mich bemühen, aber — aus Gehorsam, nicht aus Ueberzeugung. +Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der +Liebenswürdigkeit theile, würde im mich all der Greuel schuldig machen, +die Ihnen dieses Wort bedeutet.«</p> + +<p>Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren +von der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn +von Neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenüber +saß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten +Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden +Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Ueberlegenheit. — Arnold +war Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf +<span class="pagenum">201</span> dieser Weiberstirn wurden durch +unerbittliche Gedanken gegraben — Gedanken, die sich keine Rast gönnen, +die nach den letzten Zielen streben, nach den letzten Gründen fragen. +Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet auf eine Kraft hin, die +unbeugsam, auf einen Muth, der grenzenlos ist, und wenn die Fähigkeit +zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den Menschen bestimmt, so +ist der Deinige ein so hoher, wie er Wenigen zukommt.</p> + +<p>Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, +folgte ein förmliches Verhör:</p> + +<p>»Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich sehe das voraus, +denn ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.«</p> + +<p>»Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.«</p> + +<p>»So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. — Compositeur sind Sie +nicht?«</p> + +<p>»Leider nein.«</p> + +<p>»Warum leider? Es sind heutzutage nur zu viel Leute productiv oder +glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke Jedem, der es sich versagt, +zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders +musikalisch zu erfinden — nichts verweichlicht und erschlafft so sehr +und macht gefühlsselig und denkfaul, wie talentlos betriebene <span +class="pagenum">202</span> Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher +Verachtung verzog ihre Lippen, sie brach ab. »Und was sagen die Ihren +zu Ihrer Abtrünnigkeit vom hundertjährigen Familienbrauch?«</p> + +<p>»Jetzt nichts mehr.«</p> + +<p>»Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. ›Nichts umsonst!‹ +ist die Devise des Hauses. — Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren +Verwandten?«</p> + +<p>»Auf ganz freundschaftlichem.«</p> + +<p>»Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft — Sympathie, die +gleichen Interessen?«</p> + +<p>»In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es +auch die des Berufes nicht sind.«</p> + +<p>»Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem +Beruf,‹ sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir +verstehen nichts vom Wohl und Weh Derjenigen, deren Gedankenkreis uns +fremd ist.«</p> + +<p>»Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die +Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir +zusammentreffen.«</p> + +<p>»Um einander anzustarren und im Stillen zu denken: So verschieden +sind wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? — Nein, Herr. Die +Kluft zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen, wie Kunst und +Erwerb, ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen +Frieden bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.« <span +class="pagenum">203</span></p> + +<p>Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber +Arnold sah deutlich, wie übel ihr zu Muthe war, und wußte, was in ihr +vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst Du nun, so wird man +bei uns aufgenommen. That ich recht, Dich zu warnen?</p> + +<p>Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein +leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Thür ein +wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und +ängstlich ein alter Mann herein — eine Erscheinung von auffallender +Schönheit.</p> + +<p>Das feine, längliche Gesicht war glatt rasirt, und die rosige +Farbe desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf +der Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse +niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß. +Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weitgeöffneten blauen +Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die +es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht. +Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur +noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten, seidenen +Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren +beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andere mit +klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!«</p> + +<p>Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, <span +class="pagenum">204</span> und sobald Jener das gewahrte, gerieth er in +Bestürzung und begann zu winken:</p> + +<p>»Sitzen bleiben! sitzen bleiben! — Was fällt Ihm ein? Karolinchen, +sieh doch ... Karolinchen, sag' ihm doch ...«</p> + +<p>Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand +und sprach mit großer Sanftmuth: »Wer hat Dir erlaubt, Dein Zimmer zu +verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.«</p> + +<p>»Ich habe Dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon,« +entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten +Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf +Arnold, »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so — so ist's +recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann?«</p> + +<p>Jetzt bemerkte er die Cravatten auf dem Tische, und sein ganzes +Gesicht strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und +glitt mit den äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken +Seidengewebe. »Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!«</p> + +<p>»Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere +in Deinem Schrank,« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger +Ueberredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune, +denk' nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!«</p> + +<p>»Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, <span +class="pagenum">205</span> die blaue,« sagte er, schob die Gegenstände +seines flüchtigen Wohlgefallens mit einer geringschätzenden Gebärde +fort und ließ sich widerstandslos hinwegführen.</p> + +<p>»Das ist der Mann dieser armen Frau,« sprach Claire, als sie mit +Arnold allein geblieben war.</p> + +<p>»Irrsinnig?«</p> + +<p>»Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr +lange leben.«</p> + +<p>»Gott geb's unter solchen Umständen!«</p> + +<p>»Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel +wie, er vegetirt so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für +ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.«</p> + +<p>»Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie,« versetzte Arnold, »und ich +besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt +sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht +gegen den Willen ihrer Angehörigen geheirathet?«</p> + +<p>»Ja, ja, das hat sie gethan.«</p> + +<p>»Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts +besaß als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, +das er selbst freilich für ein außerordentliches hielt. — Stimmt +das?«</p> + +<p>»Es stimmt.«</p> + +<p>»Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt, +hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten +Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner +Compositionen. <span class="pagenum">206</span> Ich habe selbst einmal +solches Monstrum zu Gesicht bekommen.«</p> + +<p>Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich +Claire befremdet fühlte. »Allerdings,« fuhr Arnold fort, »fand der +martialische Componist ein Publicum, das ihn bewunderte in dem Troß +gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und +den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt gerieth er in die +Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen, +verlassen. — So war es doch?«</p> + +<p>»Ich glaube.«</p> + +<p>»Sie wissen es nicht?«</p> + +<p>»Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es +denn, mich durch Andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht +mehr bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend +und Krankheit wieder gefunden hat; und daß sie nun für dieses arme +Wesen wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.«</p> + +<p>Eine Pause entstand; nach derselben rief Arnold plötzlich aus: +»Welches Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem +Tagwerk erschöpft heimkehren!«</p> + +<p>»Was denn — warum denn?«</p> + +<p>Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag und +blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen +Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er.</p> + +<p>»Ich lese es meiner Freundin vor,« erwiderte Claire. <span +class="pagenum">207</span></p> + +<p>Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, +ist das eine Erholung?«</p> + +<p>»Ja — jawohl! Der Ernst ist Sonntagerholung für mich, die spielen +muß die ganze Woche hindurch.«</p> + +<p>Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah +sie lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen +gesenkt, und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren +Zügen. Er hätte aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen +mögen: Du bist mein! Ich liebe Deine Anmuth, Deinen Geist, ich liebe +Deine Seele und will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen +Berührung. Dein Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen +ein glücklicher Mensch Dich lehren wird, glücklich zu sein.</p> + +<p>Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der +Meinung, daß man mir vertrauen darf?«</p> + +<p>»Ich bin der Meinung.«</p> + +<p>»Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr +bestimmten Absichten und Ansprüchen hierher gekommen bin?«</p> + +<p>Sie erröthete bis an die Schläfen und schwieg.</p> + +<p>»Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, +das ich zu meinem Eigenthum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, +Ihre Neigung zu gewinnen — Claire, theure Claire.«</p> + +<p>Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr +über denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die +ihre hinein. Und diese <span class="pagenum">208</span> kleine Hand +verschwand beinahe in seiner großen, und gleich darauf verschwand +sie ganz, denn eine zweite große war erschienen und hatte sie völlig +umschlossen mit einer Zärtlichkeit und Vorsicht, als handle es sich +darum, über einem zitternden Vögelchen ein bergendes Obdach zu +errichten.</p> + +<p>»Sie sind gut und großmüthig,« sagte Claire, »Sie haben tiefes +Erbarmen mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu bethätigen.«</p> + +<p>»Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er +stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen +denn ganz gleichgültig?«</p> + +<p>»Nein, nein,« entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und +eben darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. +— Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?«</p> + +<p>»Wären Sie's nur recht,« rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, +wenn ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, +das ich Ihnen so schön gestalten will!«</p> + +<p>»Aufleben — für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir +gethan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das — ich weiß, +was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht +nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu ihrer Gefährtin wählen, das +keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen und +Schlechten — <span class="pagenum">209</span> das ist ja die wahre +Lauterkeit. Sie sollen ein Mädchen aus Ihren Kreisen wählen,« fuhr sie +dringender fort, als er sie unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht +eine Nutzpflanze, nicht eine Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. +Mein Gott, wie lange muß ich mich noch plagen, bis ich endlich werde +sagen dürfen: Ich habe nichts!«</p> + +<p>»O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr als wir brauchen.«</p> + +<p>»Still, still,« gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich +allein.«</p> + +<p>»Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein theuerstes +Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr +Leben — um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich selbst, +mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen Ueberfluß und +schenken Sie mir das Unentbehrliche, Ihre Liebe.«</p> + +<p>Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die +Geliebte sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar +streife. Da machte er eine rasche Bewegung — von einer Seite des +Tisches fiel polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen +das Buch über den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte +im Nebenzimmer ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Aechzen und +Stöhnen folgte.</p> + +<p>Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen +Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. <span class="pagenum">210</span> +»Wir sehen uns wieder, morgen. Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf +meiner bei ihrem Kranken ... Warten Sie nicht auf mich,« bat sie, +entschlüpfte ihm und verschwand in der Thür.</p> + +<p>Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach +der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das +Schloß von innen versperrt worden.</p> + +<p>Er stand und lauschte; das Aechzen und Stöhnen dauerte fort, +dazwischen vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die +Trostesworte murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und +vorsichtiger Schritte.</p> + +<p>In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf +Claires Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der +widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er +von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugthuung +dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire — ja, ja, sie hatte Recht +gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte — Erbarmen +war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte +dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte +Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, +einem armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm +Schutz und Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das +Bewußtsein, etwas so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, <span +class="pagenum">211</span> es vollbringen zu können, siegte zuletzt +über den Unmuth, der noch in ihm gährte, und erfüllte ihn mit stolzer, +mächtiger Freude.</p> + +<p>Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und — +verzieh er sich.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire +abwesend wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, +ihm eine Unterredung zu gewähren.</p> + +<p>Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit +unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold +durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten, +mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt. +Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein +wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin +verliebt hat.«</p> + +<p>»Und sie zu heirathen beabsichtigt,« fügte Arnold hinzu, »wenn sie +ihn nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.«</p> + +<p>»O, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird +es ja doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, +Schwärmerei, Alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter +deren Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein +Wort mitzureden.« <span class="pagenum">212</span></p> + +<p>Arnold verbeugte sich beistimmend.</p> + +<p>»Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.«</p> + +<p>»Darf ich um Gründe bitten?«</p> + +<p>Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht +glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube +aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heirathen ist überhaupt ein +Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für +Claire, und Claire taugt nicht für Sie.«</p> + +<p>»Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der +Mühe werth gehalten hätten, mich ein wenig kennen zu lernen, würde es +mich sehr erschrecken,« entgegnete Arnold gereizt.</p> + +<p>»Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urtheil bliebe +unverändert. Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen — +Sie errathen, wer es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun +stehen Sie da — jeder Strich paßt — nur der Gesammteindruck, den das +Ganze auf Andere und auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. +›Der edelste und höchste aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. +— Ein Glückskind, sage ich, das sein guter Stern von Kindheit an +den geradesten Weg zum jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in +drei Gesellschaftskreisen, in bürgerlichen, in künstlerischen, in +aristokratischen, heimisch oder mit Heimathsrechten aufgenommen. +Ueberall wird ihm gehuldigt, überall ist er in entsprechender Weise +maßgebend.« <span class="pagenum">213</span></p> + +<p>»O, o!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie +erweisen mir zu viel Ehre!«</p> + +<p>»Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden +Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren, +die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der +zugleich ein Weltmann ist ... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie +sind keines von beiden ... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld +gilt einmal für unwiderstehlich, weiß es und — bildet sich nichts +darauf ein. Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter +und dennoch unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! +Das ist entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung +ist wie das seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre +es mit zwanzig Anderen — nur er wird gesehen, man hört nur <span +class="gesperrt">ihn</span> —«</p> + +<p>»Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben,« +wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht +so ... Wenn es aber so wäre — ganz oder wenigstens ein bischen, mit +welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus +machen?«</p> + +<p>»Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben +sie eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht +eigentlich gebaut ist, ertragen zu können?«</p> + +<p>»Wie kommt das hierher?«</p> + +<p>»Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, <span +class="pagenum">214</span> wie sehr eine Verbindung mit Claire Ihre +Stellung in drei ›Welten‹ erschüttern würde,« versetzte die Baronin mit +geringschätzigem Lächeln, und Arnold rief:</p> + +<p>»Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus +nicht an.«</p> + +<p>Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese +Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem Anderen, glauben +Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch +hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne Weiteres in ihren Kreis +aufnehmen wird?«</p> + +<p>»Ohne Weiteres — nein,« lautete Arnolds zögernde Erwiderung, +»aber meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu +sehen. Ich habe mich vor Kurzem einem Heirathsplan, den die Meinen +für mich geschmiedet hatten, widersetzt ... Eine Weile grollten +sie, dann fügten sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden +es nie übers Herz bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine +Einwendungen mehr, verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden +wollte, ins Wort. »Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat +mir Fräulein Claire gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: +Ich liebe Claire, ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die +Aufgabe meines Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine +wichtigere als die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu +gestalten ... Ich will gern auf Alles, was Sie meine Erfolge nennen, +verzichten, ich will an der Seite Claires im Frieden meiner <span +class="pagenum">215</span> Hausgötter leben und meine Kinder, wenn mir +solche zu Theil werden, zu braven Menschen erziehen.«</p> + +<p>Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie +nicht aus so tiefer Ueberzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin +empor: »Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige +Einfalt! Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft +davon, daß Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. — Herr, +Herr! Heirathen Sie nicht, ich warne Sie!«</p> + +<p>»Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem +Gesetze der Natur zu folgen?«</p> + +<p>»Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und +warf ihre Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die +jeden Einzelnen von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften +hinschleift zu ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... +Die Natur, ein schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt — ein +räthselhaftes Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam — +manchmal unsäglich blöd ... Ja, die Natur — der Natur muß man folgen!« +Sie ließ ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des +Gesichts herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die +Brust. »Man muß <span class="gesperrt">nicht</span>,« sprach sie nach +einer Weile ruhig und eindringlich, »wenigstens nicht, ohne sich zur +Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals thun, was Alle thun.«</p> + +<p>Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der <span +class="pagenum">216</span> Baronin, die ihm als thörichte Auflehnung +gegen das Unabänderliche, als frevelhafte Versündigung an einer ewigen +und unergründlichen Weisheit erschien, sprach Arnold zum ersten Mal zu +dieser Frau im Tone ironischer Ueberlegenheit. Er erklärte ihr, daß +er nichts voraus haben wolle vor seinen Menschenbrüdern, kein anderes +Schicksal verdiene und anspreche, als das des nächsten Besten.</p> + +<p>Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam +wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube +herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Thür +des Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Athmen eines Schlafenden +vernahm.</p> + +<p>Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Raume, in dem er sich +befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des +eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig +angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und +ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank, +ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel; +daraus bestand die ganze Einrichtung.</p> + +<p>Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu +unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im +Zimmer Fräulein Claires befinden?«</p> + +<p>»Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis <span +class="pagenum">217</span> dahin ist es mein Atelier, und dreimal im +Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen Speisesalon,« entgegnete +die Baronin mit einem bitteren Lächeln.</p> + +<p>Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit +erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war +für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit +der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in +Deinem Eigenthum; ich habe nichts, das nicht Dein ist. Und im Voraus +genoß er ihr Entzücken.</p> + +<p>Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts +weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie meine Pflegetochter +hier zu erwarten?«</p> + +<p>»Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben — ja.«</p> + +<p>Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und +nun hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der im +Stande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken. +Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als +hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich +überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin +noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er +schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging +er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen +hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten +Lieblingsparadoxe zum Besten — Alles <span class="pagenum">218</span> +vergebens. Die unerbittlich ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen +den Zauber des Geistreichthums wie gegen den der Liebenswürdigkeit. +Mehrmals schon hatte Arnolds Blick sich während dieses vergeblichen +Ringens auf ein Bildchen gerichtet, das am Fensterpfeiler hing. Eine +verblaßte Aquarellmalerei, offenbar von Dilettantenhand, aber doch +nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es ausgeführt worden, mußte der +mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen haben. Es stellte zwei Kinder +dar, einen Knaben und ein Mädchen, und die lebensfreudigen, jugendlich +holden Züge beider, ganz besonders aber die des Mädchens, hatten eine +sprechende Aehnlichkeit mit denen des alten Mannes, dessen Anblick am +Tage zuvor einen so ergreifenden Eindruck auf Arnold gemacht hatte.</p> + +<p>»Bezaubernde Köpfchen,« sagte er, auf das Bild deutend, und die +Baronin erwiderte:</p> + +<p>»Schlecht gemalt — von mir gemalt. Meine Kinder.«</p> + +<p>»Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...«</p> + +<p>»<span class="gesperrt">Waren</span> —« fiel sie ein, »es <span +class="gesperrt">waren</span> meine Kinder — ja. Beide todt. Der +Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich so viel wie +todt.«</p> + +<p>In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber +Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen: +Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem +er eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen <span +class="pagenum">219</span> ist dem Kind verziehen, das sich von Dir +abgewandt, und wär's zur Schmach und zur Sünde ... Mit neuer Gewalt +erfaßte ihn zugleich seine heiße Theilnahme für Claire, und nun war es +nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb, nach ihrem Besitze zu streben, +es war auch Trotz gegen ihre Hüterin. Der erklärte er in diesem +Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der wollte er Claire entreißen, +der beweisen, wer in dem Kampf um ihre Schutzbefohlene der Stärkere +sei.</p> + +<p>Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen +Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das +Vorgemach. Die Thür öffnete sich, und in derselben stand Claire und +blieb wie festgebannt vor Ueberraschung, als sie den unerwarteten +Besucher erblickte.</p> + +<p>»Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung +wiedergewonnen hatte. »Hat vielleicht zwischen Euch beiden eine +Conferenz stattgefunden?« setzte sie, rasch errathend, hinzu.</p> + +<p>»Ganz recht,« antwortete die Baronin, »wir haben eine Conferenz +gehabt. Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Conferenzen. Jeder +bleibt bei seiner Meinung.«</p> + +<p>»Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. +Ich bin vom Gegentheil überzeugt,« sprach Arnold.</p> + +<p>Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber +und ihre starrsinnige Freundin und <span class="pagenum">220</span> +ließ sich dann vor dieser langsam auf die Kniee gleiten. Sie umfaßte +die knochige Gestalt der alten Frau mit ihren Armen. »Karoline,« sprach +sie, »gestern habe ich ihm Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem +Menschen anzufangen, der keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, thun +wir, was uns als solchen zukommt, geben wir nach.«</p> + +<p>Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach +aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend +fortfuhr:</p> + +<p>»Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als +Bewerber, sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, +der noch besser bekannt werden und auch noch besser kennen lernen will. +Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der +Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben +ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns +aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus — wer weiß, wie bald!«</p> + +<p>Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von Seiten der Baronin, +neuen Bitten und Vorschlägen von Seiten Arnolds einigte man sich +endlich. Er erhielt die Erlaubniß, das Haus wöchentlich zweimal +für eine Stunde zu besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer +Unterredung mit Claire außerhalb des Hauses nicht trachten und seine +täglichen Begegnungen mit ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer +Entscheidung zu drängen.<span class="pagenum">221</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie +erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise +liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen, +Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich +deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich +hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch +welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles +Dasein ein Glück ohne Gleichen getreten war. Freilich fragte sie +sich: Paßt das zum Uebrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem +sie diese Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus +ihnen, schalt sich selbst feige und kleinmüthig und arm an schönem +Vertrauen.</p> + +<p>»Wisse,« sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor +einem Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen +ganz allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich +betrifft, mein Wohl oder Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm +genug zu thun. Das wäre thöricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens +aufrichtig und beseligend — es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich +sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller +Menschen.«</p> + +<p>»Großer Irrthum,« entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie +Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine +Rolle, nur besser als Du. <span class="pagenum">222</span> Er hat es +dahin gebracht, sich für das zu halten, wofür er sich giebt, und das +gewährt ihm ein außerordentliches Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu +Ehren, mir, der alten Skeptikerin, die er nicht leiden kann, zum Possen +will er beweisen: Seht, der Edelmuth, die Hochherzigkeit, sie leben +auf Erden, sie haben Zelte aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold +Bretfelds, und ...«</p> + +<p>»Nicht Zelte,« fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort +heimisch, Du wirst es endlich glauben müssen.«</p> + +<p>»Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden,« +versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer that +der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag +fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn +ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht +zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück, zu errathen, daß +sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem +Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die mit einander +so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er +durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen; +er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte +sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen — etwas mehr +vielleicht, als eben nöthig gewesen wäre.</p> + +<p>Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es gethan, ein +einziger bittender Blick würde Alles <span class="pagenum">223</span> +gut gemacht haben. Kaum bemerkt, und wenn bemerkt, wie bald vergessen +wurden von ihr diese kleinen Trübungen. Sie verflüchtigten sich +wie Wölkchen an dem Himmel, den der Glaube an seine Liebe ihr +erschlossen.</p> + +<p>Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem +ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte +ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmuthiger Weise gezeigt, +ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie +Unterricht ertheilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher +für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause +Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug +dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde.</p> + +<p>Der Graf munterte seine Töchter auf, sich ein Beispiel an ihr zu +nehmen. »Laßt Euch auch einmal Etwas einfallen, über das ich lachen +kann,« sagte er ihnen. »Lernt was von der Claire, sitzt nicht immer da +wie die Bilder ohne Gnad', zerstreut mich und die Mama.«</p> + +<p>Im Herzen der Gräfin stiegen, bei solchen Aeußerungen ihres +Gatten, Gefühle wahrer Empörung auf; aber sie widersprach ihm nie, +sie hätte das für unvereinbar gehalten mit den Pflichten einer +christlichen Ehefrau. Ihrer Schwester jedoch, der Stiftsdame Gräfin +Eveline, machte sie das Geständniß: eine Fremde loben hören auf +Kosten der eigenen Kinder, von dem eigenen Vater, sei traurig. <span +class="pagenum">224</span></p> + +<p>»Nu, nu,« lautete die tröstende Entgegnung, »wie man's nimmt.«</p> + +<p>»Man kann es nur so nehmen,« versetzte Gräfin Meiberg. »Mir darf +wahrlich Niemand vorwerfen, daß ich dem Familienegoismus huldige, aber +die ewige Aufstellung Claires als Musterbild für meine Töchter stimmt +mich — ich finde keinen besseren Ausdruck — traurig.«</p> + +<p>Gräfin Eveline hatte einen so guten Verstand, daß er sie immer +Gründe finden ließ, selbst für die seltsamsten Erscheinungen, und auch +jetzt sagte sie denn: »Das kommt daher, daß unsere Kinder langweilig +sind, und daß Claire unterhaltend ist.«</p> + +<p>Nun rollten die Thränen, die seit dem Anfang dieses Gesprächs in den +wassergrünen Augen der Gräfin gezittert hatten, wie zwei Glaskügelchen +über ihre Wangen. »Ich hoffe, Du weißt, wie sehr ich dafür bin, daß +meine Töchter mehr lernen, als ich gelernt habe, und meine Söhne mehr, +als ihr Vater gelernt hat,« sprach sie sanft und leise. »Ich hoffe, +Du lässest mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich die Ansicht so +Vieler von uns nicht theile, auf der Jagd nach Gelehrsamkeit gehe der +gesunde Menschenverstand verloren.«</p> + +<p>»Weil —« wollte Eveline erklären, aber ihre Schwester ließ sich +nicht unterbrechen.</p> + +<p>»Das liegt mir ferne,« setzte sie abwinkend hinzu, »meine Kinder +sollen sich bilden, ich wünsche es. Wenn ich es aber wünsche, darf ich +ihnen die ernste Richtung, die ich selbst ihnen gab, nicht vorwerfen.« +<span class="pagenum">225</span></p> + +<p>Eveline sagte, dagegen sei nichts einzuwenden, andererseits jedoch +müsse man zugestehen, daß aus all' dem Ernst ein Mangel an heiteren +Elementen im Hause entspringe, und daß es klug und politisch wäre, +diesem Mangel abzuhelfen.</p> + +<p>Eine lange Berathung zwischen den beiden Damen entspann sich und +brachte einen Entschluß hervor, dessen Ausführung bereits auf den +nächsten Tag bestimmt wurde.</p> + +<p>Als Claire an demselben zur gewöhnlichen Stunde erschien, wurde +sie sogleich zur Gräfin berufen, von ihr mit außerordentlicher Huld +empfangen und eingeladen, auf einem Sessel neben dem Schreibtisch, an +dem die Gräfin selbst saß, Platz zu nehmen.</p> + +<p>»Ich habe mit Ihnen zu reden, ich habe eine Frage an Sie zu stellen, +eine Bitte — ich falle gleich mit der Thür ins Haus,« begann sie, und +ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Sie wissen, wie lieb Sie uns +sind,« vermochte sie nur noch tiefbewegt zu sagen, dann kippte ihre +Stimme um.</p> + +<p>»Noch besser weiß ich, verehrte Gräfin,« erwiderte Claire, »daß ich +von Ihnen und den Ihren nur Güte und Freundlichkeit erfahren habe.«</p> + +<p>»Und das wird immer so bleiben! Sie thun uns so wohl mit Ihrer +Heiterkeit, Sie zerstreuen uns, und wir brauchen das so nothwendig bei +unseren vielen Sorgen. Ach, wie schwer ist das Leben!«</p> + +<p>»Es ist mitunter schwer,« lautete Claires nicht ohne Vorbehalt +bestätigende Antwort. <span class="pagenum">226</span></p> + +<p>Die Gräfin streckte ihren Hals etwas vor und sah das Mädchen an, +wie man ein Kind ansieht, das mitreden will in den Angelegenheiten +erwachsener Leute. »Mögen Sie es nie erfahren,« sprach sie, »und +Ihre Munterkeit nie einbüßen, deren Anblick ein solches Labsal ist, +besonders uns — ein solches Labsal, daß wir wünschen würden, es länger +zu genießen. Deshalb, meine liebe Claire, stelle ich die Frage an Sie +und hoffe, Sie mißverstehen mich nicht: Kann das sein?«</p> + +<p>Claire bat um Entschuldigung und um eine deutlichere Erklärung, und +die Gräfin erwiderte: »Wir bleiben bis Mitte Juli in der Stadt, unserem +Emil zu Liebe, der seine Maturitätsprüfung macht — noch einmal. Im +vorigen Jahre ließen wir ihn hier allein zurück mit dem Hofmeister. +Das war nicht gut, die Trennung von uns drückte sein Gemüth — und so +ehrenvoll er schließlich auch bestand, erhielt er doch das Zeugniß der +Reife nicht. Heuer will er sich aber eines geben lassen, und wir harren +denn aus an der Seite unseres Sohnes in der Stadt, die im Sommer so +traurig ist, so einsam und auch so ungesund ... Wir thun's, wie gesagt, +wir harren aus, wenn auch unter solchen Umständen den Mangel an einem +heiteren Element im Hause besonders beklagend.«</p> + +<p>»O, Frau Gräfin,« rief Claire, »und Chouchou und Baby, meine kleinen +Schüler, zählen die für nichts?«</p> + +<p>»Doch — ganz gewiß, sie zählen, aber sie gehen so früh schlafen, +und dann dauert der Abend noch drei Stunden, und dann lassen Papa und +Mama ihre <span class="pagenum">227</span> Enkelinnen von den Aufgaben +wegrufen und äußern sich mißbilligend, wenn die armen Studienmüden +nicht belebend in die Conversation eingreifen oder der Whistpartie +ihrer Großeltern nicht mit der Spannung folgen, die verlangt wird und +verlangt werden darf, und das ist —« Die Gräfin hielt inne, erschrocken +über die Voreiligkeit, mit der sie sich hatte hinreißen lassen, einen +so tiefen Einblick in ihre Familienverhältnisse zu eröffnen vor dem +Auge einer doch Fremden. »Ich hoffe, Claire,« sagte sie erregt, »daß +mir Niemand Geschwätzigkeit in den Angelegenheiten der Meinen vorwerfen +kann, ich rede zu Ihnen wie zu einer Vertrauten; aber nun bitte ich, +lassen Sie mich nicht weitergehen, erleichtern Sie mir meine Aufgabe, +verstehen Sie mich.«</p> + +<p>Claire versicherte, daß ihr nichts erwünschter wäre, als das zu +können, worauf die Gräfin in lebhafte Dankbezeigungen ausbrach und +so glücklich war, so sehr glücklich, daß ihr Antrag angenommen, und +daß Alles abgemacht sei, und Claire bereit, außer der Stunde, die sie +täglich der jüngsten Generation widmete, den älteren Generationen +regelmäßig den Nachmittag zu widmen.</p> + +<p>»Den <span class="gesperrt">ganzen</span> Nachmittag, Frau Gräfin?« +sprach Claire betroffen, »verzeihen Sie — um das handelt es sich?«</p> + +<p>Unbegreiflicher Weise schien die Gräfin verletzt. »Handeln? welch' +ein Wort! — O, liebe Claire, wir Zwei werden mit einander doch nicht +handeln, o, nicht einmal rechnen!« <span class="pagenum">228</span></p> + +<p>Das Mädchen senkte verwirrt die Augen und stammelte: »Ich habe jeden +Nachmittag drei Lectionen zu geben.«</p> + +<p>»Drei Lectionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das +nothwendig?«</p> + +<p>»Ich habe mich dazu verpflichtet, meine Schüler zählen auf mich.«</p> + +<p>»Verlegen Sie die Stunden auf den Vormittag oder sagen Sie ganz ab; +arrangiren Sie das.«</p> + +<p>Wunderbar rasch hatte die zerschmelzende Weichheit der Gräfin +sich in Strenge verwandelt und ihre Sentimentalität in eine trockene +Schlagfertigkeit, die alle Bedenken und Einwendungen Claires kurz +widerlegte und rücksichtslos zurückwies. Die Lehrerin, verblüfft, +überrascht, suchte noch vergeblich nach dem rechten Mittel, sich dem +Netze zu entziehen, in das sie sich unversehens verwickelt fand, als +die Gräfin schellte und dem eintretenden Diener befahl, Chouchou +und Baby zu holen. Die kleinen dicken Jungen erschienen, stürzten +auf Claire los und überhäuften sie mit Vorwürfen. Sie hatten beide +geschwollene Augen.</p> + +<p>»Warum kommst Du nicht?« fragte Chouchou, der Aeltere. »›Mir‹ weinen +schon so lang, ›mir‹ haben sich gefürcht, daß Du nicht mehr kommst.« Er +stellte sich vor sie hin und brach in ein lautes Geheul aus.</p> + +<p>Baby aber hing sich an ihren Hals, küßte sie und rief: »Wenn +ich werd' groß sein, und Du wirst klein sein, werd ich Dich +anbinden bei uns im Zimmer, daß Du nit mehr fort kannst.« <span +class="pagenum">229</span></p> + +<p>»Sehen Sie, wie Sie geliebt werden,« sagte die Gräfin, rief ihre +Kinder zu sich und theilte ihnen mit, daß Claire von nun an den ganzen +Tag bei ihnen bleiben werde. Die Kleinen erhoben ein Jubelgeschrei, und +ein letzter Versuch, den Claire machte, sich der über sie getroffenen +Verfügung zu widersetzen, scheiterte. Ihre Gönnerin beschwor sie, nicht +neue Schwierigkeiten zu erheben, ihr Wort nicht mehr zurückzunehmen. +»Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es +sich von selbst, daß ich sie bringen werde,« erklärte sie mit einer +Hoheit der Gesinnung, an der sie nicht umhin konnte, selbst ihre Freude +zu haben. »Es giebt Gelegenheiten, in denen Opfer keine Consideration +sind, und man an sich nicht denken darf, vielmehr suchen muß zu +vergessen, wie oft man sich schon etwas abgeschlagen hat. Aber das soll +man können ... Nicht nur entsagen — so im Großen« — sie schwenkte, +indem sie also sprach, ihre lange schlanke Hand — »auch im Kleinen muß +man sich etwas versagen können. Was mich betrifft, ich kann's. Für +mein persönliches Vergnügen bleibt nie etwas übrig. Wie habe ich eine +Erweiterung meines armen Glashäuschens nebenan gewünscht! Der Cassier +thut Einsprache, und ich — verzichte.«</p> + +<p>Claire schwieg, geblendet durch den Glanz einer so großen Tugend, +und brachte es über sich, ohne Lächeln in den mächtigen, mit kostbaren +Pflanzen reich gefüllten Wintergarten hinauszublicken, den eine +geschmackvoll decorirte Glasthür von dem Schreibzimmer, in dem man sich +befand, trennte. <span class="pagenum">230</span></p> + +<p>Chouchou und Baby hatten der Rede ihrer Mutter die gebührende +Aufmerksamkeit durchaus verweigert und während derselben Claire +fortwährend am Kleide gezupft und ihr zugeflüstert: »Komm zu uns, komm, +mir unterhalten sich hier nicht.«</p> + +<p>Endlich entlassen, stürmten sie geradeswegs nach ihren Zimmern und +verkündeten Jedem, der ihnen begegnete, daß die »gute« Claire von jetzt +an immer bei ihnen bleiben würde. Chouchous französische und Babys +englische Bonne zogen bei der Kunde, die erste ein schiefes und die +zweite ein langes Gesicht, und Claire hatte Mühe, die Beiden, die sich +schon an die Luft gesetzt sahen, zu beruhigen. Spät erst konnte die +Lection begonnen werden und erfuhr dann fortwährende Unterbrechungen. +Die Tante war die Erste, die sich einfand, um Claire mitzutheilen, daß +die Idee, sie dem Hause »dauernder zu gewinnen«, mindestens zur Hälfte +von ihr ausgegangen sei. Bald darauf erschienen die Eltern des Grafen +Meiberg. Schon war in das von ihnen bewohnte zweite Stockwerk des +Hauses die Kunde von dem Engagement Claires gedrungen und machte ihnen +eine Freude, welche die der Kinder fast beschämte. Die munteren alten +Leute hatten die Schachpartie, welche die Reihe von Spielen eröffnete, +mit denen sie den Tag auszufüllen pflegten, unterbrochen und waren, so +eilig sie nur irgend vermochten, die Treppe herabgehumpelt gekommen.</p> + +<p>Ein herzgewinnendes Paar! ehrwürdig und freundlich, voll Wohlwollen +und Höflichkeit. Mann und Frau <span class="pagenum">231</span> +von ganz gleicher Größe, beide hager und lebhaft, beide altmodisch, +aber fein und sorgfältig angethan. Sie rühmten sich, in ihrer +fünfzigjährigen Ehe nie länger als einige Stunden getrennt gewesen zu +sein, und waren einander ähnlich geworden nicht nur im Benehmen und +in der Sprechweise, sondern auch im kindlichen Ausdruck ihrer fein +geschnittenen Gesichter.</p> + +<p>Als Chouchou und Baby auf sie zugingen, um ihnen die Hände zu +küssen, zog die Großmama, bevor sie diese Ehrfurchtsbezeigung +gestattete, ihr Battisttuch aus der Tasche und wischte damit die +rosigen Lippen der Knaben ab.</p> + +<p>»Nur aus übler Gewohnheit,« sagte sie entschuldigend, »nicht etwa, +weil ich glaube, daß es nothwendig ist.«</p> + +<p>Der Greis lüftete das Käppchen und verneigte sich mit +liebenswürdiger Höflichkeit vor Claire. »Ah, Mademoiselle, Mademoiselle +Gesellschafterin,« rief er, »<i>demoiselle de compagnie</i>! Wir +wollen uns gleich unseren Antheil versichern an der Gesellschaft der +Gesellschafterin.«</p> + +<p>Ebenso munter wie er kündigte seine Gemahlin Claire an, daß sie +täglich zum Thee und zur Whistpartie mit dem Strohmann geladen sei. Die +schüchternen Entschuldigungen, die Claire vorbringen wollte, wurden +mit der Aufforderung zurückgewiesen, keine Geschichten zu machen. »Nur +keine Geschichten mit uns!« beschworen beide zugleich, und der alte +Herr setzte lustig hinzu: »Sonst folgt die Strafe auf dem Fuß, und Sie +müssen nach dem Whist noch mit Jedem von uns eine Stunde lang Wolf und +Lamm spielen. — Aber, Christine, wir <span class="pagenum">232</span> +verplaudern uns,« wandte er sich an die Gräfin; »die Pflicht ruft — die +unterbrochene Schachpartie will beendet werden.« Mit gutmüthiger Ironie +blickte er auf den Tisch, der mit den verlockendsten Rechenspielen +bedeckt war, und sprach fröhlich lachend: »Lernt fleißig, Kinder, lernt +was! ... Wenn man in der Jugend nicht zählen lernt, kann man im Alter +nicht spielen.«</p> + +<p>Er reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr das Zimmer.</p> + +<p>Der letzte Besuch, den Claire bei der sogenannten Unterrichtsstunde +empfing, war der des Grafen Meiberg. Er kam, stattlich und verdrießlich +wie immer, dankte ihr, daß sie den Antrag seiner Frau angenommen habe +und bat sie, sich vornehmlich seinen erwachsenen Töchtern zu widmen.</p> + +<p>»Gewöhnen Sie ihnen das todtschlächtige Wesen ab, machen Sie sich's +zur Aufgabe, ihnen Heiterkeit beizubringen,« empfahl er ihr, stete +die Hände in die Hosentaschen, sah eine Weile zum Fenster hinaus und +fragte dann, ob Etwas über »Bedingungen« vereinbart worden sei. Claire +verneinte es, und er fuhr ungeduldig auf:</p> + +<p>»Hätt' mir's denken können! Ich brauch' von meiner Frau nur zu +hören: Alles in Ordnung, dann weiß ich schon, daß die Hauptsache fehlt +... Keine Bedingungen? Sie könnten aber auch praktischer sein, erlauben +Sie mir. Oder sind Sie vielleicht überrumpelt worden? ... Leugnen Sie +nicht, überrumpelt — und jetzt gehen Sie nach Haus, und morgen kommt +ein Brief von Ihnen, in dem steht: <span class="pagenum">233</span> +Ich entschuldige mich, kann nicht annehmen, bin überrumpelt worden. +Aber hören Sie, thun Sie das nicht, warten Sie auf einen Brief von mir. +Von Nebeln und Schwebeln wird nichts drin stehen, aber wie Sie dran +sind, das werden Sie wissen.«</p> + +<p>Noch am selben Abend kam eine Zuschrift, mittels welcher Graf +Meiberg Fräulein Dübois in die glänzend besoldete Stellung einer +»Gesellschafterin für den Nachmittag« in seinem Hause einsetzte.</p> + +<p>Der Antrag war so vortheilhaft, Claires Ueberraschung so freudig, +daß ihre Freundin nicht vermochte, sich absprechend über die neue +Vereinbarung zu äußern. Claire vertiefte sich in die Gedanken an +ihr Glück und hatte nur zu bedauern, daß es sich nicht etwas früher +eingestellt. Gar leicht ließ sich ausrechnen: wenn das Anerbieten des +Grafen ihr statt heute vor zwei Jahren gemacht worden wäre, stünde sie +jetzt schuldenfrei da und könnte über sich verfügen.</p> + +<p>»O, wenn meine Schulden nicht wären!« rief sie unwillkürlich laut +aus, und die Baronin mit ihrem Seherblick für die geheimsten Vorgänge +in der Seele ihrer Schutzbefohlenen verstand sie wohl und murmelte vor +sich hin:</p> + +<p>»Gepriesen seien Deine Schulden.«</p> + +<p>In dieser Woche gab es Mühen und Verdrießlichkeiten die Menge. +Claire brauchte viel Takt, viel Geschmeidigkeit und viel festen +Willen, um die Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu +einer Verlegung der Stunden zu bewegen, und um es möglich zu machen, +<span class="pagenum">234</span> aus den Häusern, die aufzugeben sie +gezwungen war, in guter Freundschaft zu scheiden.</p> + +<p>Indessen — schwer oder leicht — Alles das gelang; was Claire +aber nicht gelingen konnte, das war, den Groll, ja die Entrüstung +Arnolds zu versöhnen, als sie ihm von der Uebereinkunft, die sie mit +Meibergs getroffen hatte, sprach. Er begriff nicht, wie sie ohne seine +Zustimmung einen solchen Entschluß hatte fassen können, er machte ihr +den größten Vorwurf aus der Sklaverei, in die sie sich begab, sie, die +ihm gegenüber so viel Unabhängigkeitssinn bewies.</p> + +<p>An dem Sonntag schied er von ihr, ohne Herr seines Unmuths geworden +zu sein.</p> + +<p>Seine Verstimmung überdauerte die Nacht, und es lag ihm sehr daran, +dies zur Kenntniß Derjenigen zu bringen, die er liebte und die ihn +kränkte. Am nächsten Morgen, bei der täglichen Begegnung auf der Treppe +im Palais Meiberg, grüßte er Claire wieder so kühl wie damals, als er +ihr gezürnt, und wollte stumm vorübergehen. Sie aber blieb stehen und +sprach:</p> + +<p>»Herr Bretfeld, was heißt das? — Verderben Sie mir die Laune nicht, +Sie bringen mich sonst um mein Brot. Sie wissen ja, ich habe mich hier +als heiteres Element verdungen.«</p> + +<p>Die kleine Hand, mit der sie ihm dabei scherzend drohte, zitterte, +ihre Wangen brannten, und gar schmerzlich zuckte es um ihren Mund, der +sich zu lächeln zwang.</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">235</span> + <h3 class="nobreak" id="II_1"> + II. + </h3> + +<p>Einige Wochen lang versah Claire bereits ihr Vertrauensamt bei +Meibergs und gestand kaum sich, am wenigsten aber den Anderen, wie +schwer die übernommene Aufgabe ihr wurde und welche Anstrengung es +sie kostete, ihr nun in zwei so ungleiche Hälften getheiltes Tagewerk +zu vollbringen. Die zweite, die ungewohnte, war auch die mühevollere. +Claire hatte sich die fragliche Kunst angeeignet, spielend zu lehren; +sie besaß auch die — und das war einer der Hauptgründe der Beliebtheit, +deren sie sich erfreute —, den Eltern ihrer Zöglinge, wenn sie ihr +von neuen Unterrichtsmethoden zu sprechen oder Winke zu geben kamen +über die Art, in welcher man ihre Kinder »nehmen« solle, schlagfertig +und witzig entgegenzutreten, ohne jemals die schuldige Ehrfurcht +zu verletzen. Höchst unbehaglich jedoch fühlte sie sich in der ihr +neuen Stellung einer mit den Pflichten und Rechten der Hausgenossin +ausgerüsteten Fremden mitten in einer großen Familie.</p> + +<p>Die jungen Gräfinnen Martha und Marie machten kein Hehl daraus, daß +sie es von Papa »sehr komisch« fänden, ihnen Claires Gesellschaft zu +octroyiren. Die <span class="pagenum">236</span> zweite, auf welche +der Vater sein Talent zur Verdrießlichkeit vererbt hatte, ein unschönes +Mädchen von achtzehn Jahren, sprach zu Claire: »Ich habe Charakter, +ich! ... Ich sage, was ich denke! ... Bei Chouchou und Baby habe ich +Sie gern gehabt, bei uns mag ich Sie nicht.«</p> + +<p>Claire dankte ihr für ihren Freimuth. »Sie sind im Besitze des +angenehmen Vorrechts, unbeschadet aufrichtig sein zu dürfen,« meinte +sie, »und machen davon Gebrauch.«</p> + +<p>Die Comtesse verstand, stutzte und fragte: »Sind Sie vielleicht +nicht aufrichtig?«</p> + +<p>»Ich bin es gewiß,« entgegnete Claire, »wenn ich Ihnen versichere, +daß ich trachten werde, Ihre eingebüßte Sympathie wiederzugewinnen.«</p> + +<p>Halb und halb entwaffnet durch diese Antwort, brauchte Marie einige +Selbstüberwindung, um ihrem »Charakter«, auf den sie sich so viel zu +Gute that, zu Ehren standhaft zu bleiben und die trockene Antwort zu +geben: »Bin neugierig, wie Sie das anfangen wollen.«</p> + +<p>Vorerst nun hatte Claire gar nicht angefangen, sogar den Schein +einer Einflußnahme auf die jungen Damen gemieden und sich glücklich +gepriesen, wenn ihre geistige Spannkraft und ihre vielgerühmte +Unterhaltungsgabe ausreichten, um dem Grafen und der Gräfin die langen +Nachmittagsstunden zu verkürzen.</p> + +<p>Man speiste der »Kleinen« wegen schon um vier Uhr und lud niemals +Gäste zu Tische. Im Leben des Kindes ist Alles Lection; das Diner muß +Lection sein in <span class="pagenum">237</span> der Kunst, anständig +zu essen, die man nicht früh genug lernen kann, weil sie der Anfang +allen Anstandes überhaupt ist. In dieser Meinung stimmten beide Eltern +überein, und Tante Eveline gab ihren Segen dazu. So opferte sich denn +der Graf, kam pünktlich um vier Uhr zur Tafel und befahl jedesmal, +langsam zu serviren. Trotzdem mußte das Diner einmal zu Ende gehen, und +sie brachen herein, die schrecklichen Zwei, und die eine hieß: von Fünf +bis Sechs, und die andere hieß: von Sechs bis Sieben. Fest wie eine +Mauer stand die Zeit da und machte doch den Anspruch, vertrieben zu +werden.</p> + +<p>Chouchou und Baby hatten, der Hausordnung gemäß, schon vom +Tafelzimmer aus mit ihren Bonnen zu verschwinden; die übrige Familie, +begleitet von Erzieher und Erzieherin, betrat den Salon. Der Graf +nahm Platz vor einer Fensternische unter den Zweigen einer Palme, die +beinahe bis zur Decke reichte, kreuzte die Arme — er gehörte zu den +seltenen Männern, die nicht rauchen — und überließ sich seiner üblen +Laune mit dem Trotz eines Kindes und mit der Ausdauer eines Mannes. +Unweit von ihm in einem bewunderungswürdig geschnitzten altdeutschen +Lehnsessel ruhte die Gräfin als Centrum des »blühenden Halbkreises,« +den ihre Kinder um sie bildeten, während Gräfin Eveline sich leutselig +der Gouvernante und des Hofmeisters annahm und ihre beiden aufmerksamen +Zuhörer über die Ursachen der Dinge belehrte.</p> + +<p>Am ersten Tage, an welchem Claire ihr neues Amt ausüben +sollte, war sie zu ihrem Entsetzen nach dem Eintritt <span +class="pagenum">238</span> in den großen, heißen, durch schwere +Vorhänge an den Fenstern verdüsterten Salon von einem unendlichen +Ruhebedürfniß ergriffen worden. Sie hatte ihre Lider schwer werden +gefühlt; ihr hatte geschienen, daß sich um die Menschen und die +Gegenstände vor ihr eine Dunstatmosphäre bilde, in der sie sanft +geschaukelt hin und her wiegten ... Lieber Gott, wer jetzt schlummern +dürfte! ... Du darfst <span class="gesperrt">nicht</span>, dachte +Claire, deine Aufgabe heißt unterhalten, dafür bezahlt man dich, +bezahlt reichlich.</p> + +<p>Plötzlich unterbrach eine Kinderstimme das lastende Schweigen. +Thekla, die jüngste der Töchter, die zwölfjährige, stellte die +Frage:</p> + +<p>»Mama, sagt man Mohammed oder Mahomet?«</p> + +<p>Auf den Zügen Mamas malte sich Rathlosigkeit, und sie erwiderte +ausweichend und vorwurfsvoll: »Aber, mein Kind!«</p> + +<p>»Man sagt Muhammed,« rief die Tante, »weil Muhammed ein Muselmann +war!«</p> + +<p>Der Hofmeister räusperte sich, erröthete, nahm das Wort und bemerkte +bescheiden, Mu- und Mohammed seien ihm neu.</p> + +<p>»<i>Mais pas du tout</i>,« entgegnete die Gouvernante, so gereizt, +als ob sie eine persönliche Beleidigung erfahren hätte. »<i>N'avez-vous +pas lu, monsieur, l'œuvre admirable de monsieur de Voltaire?</i>«</p> + +<p>Der Graf ersparte ihm die Antwort; er stand auf, kam auf Claire, die +sich aufgerafft hatte, zu, den Kopf <span class="pagenum">239</span> +vorgebeugt, die Hände, wie er pflegte, in den Hosentaschen.</p> + +<p>»Nun,« sagte er, »da hören Sie nun, das ist ein Muster von der +Unterhaltung, die ich in meinem Familienkreise genieße. Mohammed oder +Mahomet! ... Ist Ihnen etwas so Langweiliges schon vorgekommen? ... Ich +laß mir ja die Langeweil' gefallen, in einer Verdünnung, daß man dabei +einschlafen kann, aber unsere Langeweil', das ist ein Extract, das ist +eine Langeweil' wie ein Löw'; die macht einen wild.«</p> + +<p>Die Echtheit seiner Verzweiflung stand in so drolligem Verhältniß +zu ihrer Ursache, daß Claire unwillkürlich lachen mußte. Die große +Gestalt ihrer Freundin, deren Lippen sich auch den schwersten +Schicksalsschlägen gegenüber nie zu einer Klage geöffnet hatten, +tauchte vor ihr auf, und wie neu gestählt durch den Gedanken an die +Starke, wies sie die Beschwerden des Grafen scherzend zurück. Sie +machte die Tactlosigkeit, mit welcher er sie zum Schiedsrichter +zwischen sich und den Seinen aufgerufen hatte, wieder gut, indem sie +sagte:</p> + +<p>»O, wie ungerecht sind Sie, Herr Graf; die Frage Gräfin Theklas ist +ja interessant und besitzt überdies die schöne Eigenschaft, lösbar +zu sein, und zwar zu Gunsten sowohl der Mo- wie der Ma- und der +Mu-Partei.«</p> + +<p>»Wie so? wie meinen Sie das?« riefen einige.</p> + +<p>Die Stiftsdame versicherte, es sei ganz natürlich, und sie könne +sich's erklären. Thekla umarmte ihre Beschützerin stürmisch aus +Dankbarkeit dafür, daß sie sich <span class="pagenum">240</span> ihrer +angenommen hatte; Marie warf noch einige kühne Behauptungen hin, die +Widerspruch erregten. Sogar Gräfin Martha und Graf Emil, die ältesten +und zugleich die stillsten unter den Geschwistern, von denen selbst +ihre Mutter gestand, daß man sie immer nur »schweigen höre,« nahmen +Theil an der Debatte.</p> + +<p>Nach einer Viertelstunde war Leben in die Gesellschaft gekommen. +Vortreffliches leistete die Gräfin an Ausdrechselung zierlicher +Phrasen. Sie suchte den Eindruck zu verwischen, welchen vorhin der +heftige Ausfall ihres Gemahls hervorgerufen haben mochte. Sie that +es in ebenso zarter als indirecter Weise; sie vertheilte gleichmäßig +Balsam an alle die Ihrigen, sprach von der grazienhaften Unschuld ihrer +Kinder und von der Süße einer Familieneinigkeit, die wie eine Oeloase +auf dem Ocean des Lebens schwimme. Nicht umhin konnte sie, sich selbst +das Zeugniß auszustellen, daß sie doch sehr gut spreche, und das gab +ihr ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht empfunden. Aber nicht sie +allein, auch die Uebrigen waren mit sich zufriedener als sonst, und +waren es demnach auch mit den Anderen gewesen. Vergnügt hatte man sich +getrennt.</p> + +<p>Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen +sich an, und wenn auch Niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie +errungen wurden, so fiel es doch Keinem ein, dieselben der wacker +Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der +Graf in grämlicher, die Gräfin in <span class="pagenum">241</span> +schwülstiger, die Tante in kluger, Martha in melancholischer, Emil in +schläfriger und so weiter. Nur Marie verhielt sich ablehnend und wurde +manchmal sogar aggressiv.</p> + +<p>»Ich durchschaue Ihren Kniff,« sprach sie einmal. »Er besteht darin, +Jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen — ich +will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht, denn +über mehr haben wir nicht zu verfügen.«</p> + +<p>Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire +jedoch ein sehr ernstes Gesicht machte.</p> + +<p>»Sie sind witzig, Gräfin,« sprach sie, »aber in einer Art, für +welche der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten +äußern kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu +stolz, um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch Andere bestreiten +zu lassen.«</p> + +<p>Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am +vierten stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der +kleinen Brüder, war hochroth im Gesicht, ergriff die Hand Claires und +stieß hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie Sie; +zählen Sie von nun an auf mich.«</p> + +<p>Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten +Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin +innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Copien eines Bildes von +Danton angefertigt <span class="pagenum">242</span> und eine große +Aehnlichkeit zwischen ihren eigenen Zügen und denen des Urhebers der +Septembermorde entdeckt habe. Was Alles in ihr gährte, Niemand ahnte +es; aber Claire, ihre Freundin, sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr +oft daran, wie nothwendig ein Umsturz der Gesellschaft geworden sei, +besonders in Oesterreich, und wenn <span class="gesperrt">sie</span> +dreinzureden hätte — Kammerherrnschlüssel und Sternkreuzorden würden +abgeschafft werden. Und noch Etwas: In ihrer Kindheit hatte sie +»Clavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich leidenschaftlich der +Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß ihr Talent nach einer +genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage schon trug sie sich mit +dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß sie sich entweder zur +Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz aufgeben wolle, +damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder Nichts! So war +sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch, da giebt es +keinen Charakter, da giebt es nur Vertrauen. Zum Beweis desselben +verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimniß ihrer älteren +Schwester und theilte Claire mit, Martha habe im vorigen Jahre ein +Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor, im +Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und +zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich +vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt, +dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen +aber pünktlich einhalte. <span class="pagenum">243</span></p> + +<p>Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mittheilung lauschte, +schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der +Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen, +und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich +dumm,« meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern +in die Höhe, »denn heirathen kann ihn ja doch Keine von uns, und ich +glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt ... Er soll eine stille +Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer +einige Monate verlebt, sagen die Einen; für ein armes Mädchen, sagen +die Anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie, +die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.«</p> + +<p>Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die +Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung +mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun that +sie's, that's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht +vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei +ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen +Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine +Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe +und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer +Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne. +Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmuth aus seinem Tone, +gleich <span class="pagenum">244</span> faßte es sie mit peinigendem +Gewissensvorwurf: Du bist schuld — und sie wünschte nichts, als gut zu +machen. was sie unbewußt gefehlt haben mochte.</p> + +<p>Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit +widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er +litt und sich sehnte?</p> + +<p>Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange +genug, um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen +zu dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend +wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst +auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich +in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den Kürzeren zog, +um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht +länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war +ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte, +um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte. +Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren +strafbaren Hochmuth aufzugeben und als ihr Eigenthum zu betrachten, +was ihr ohnedies gehörte — das Seine. Er wiederholte es so oft, er war +so gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire +endlich zu schwanken begann.</p> + +<p>Freilich mahnte die Baronin: »Laß Dich nicht überreden, um keinen +Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold Recht, wenn er sagte, daß ihm +Schmach angethan <span class="pagenum">245</span> werde durch diese +ihre Scheu, von ihm eine kleine materielle Hülfe anzunehmen, von ihm, +der ja sein Höchstes gegeben: seine Liebe, und das Höchste errungen zu +haben hoffe: ihre Gegenliebe.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; +Maitage brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der +großen Stadt. Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren +Lebensunterhalt zu gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt +durch schmale Gassen, in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann +über breite Plätze, auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine +zu rauchen und die Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. +Claire sah ermüdet aus, wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und +scherzte über Arnolds Besorgnisse.</p> + +<p>Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies +mit demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung +ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr +ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den +Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande.</p> + +<p>»Und was gedenken <span class="gesperrt">Sie</span> indessen zu +thun?« fragte Arnold.</p> + +<p>Dasselbe, was sie immer that in der todten Saison, erhielt +er zur Antwort. Ein paar Lectionen geben — zwei <span +class="pagenum">246</span> bis drei, nicht der Rede werth. Auf ihren +Gängen durch die Stadt die Modemagazine studiren und sich durch den +Anblick des dort Geschauten begeistern zu lassen. Hilf Gott, man +braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu welchem +der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der jenem +jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt für +eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie +verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann +sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das +Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und +Erhebung ist.</p> + +<p>»Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie +verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben +niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie +in das Geheimniß eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel +eines Sees nie erblickt?«</p> + +<p>»Niemals,« fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? ... Im Kloster, +in dem sie erzogen wurde, herrschte Clausur. Aus dem Kloster trat sie +in Verhältnisse, die sie theils am Lehrtisch, theils am Siechbett +festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte +täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann +dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz' ein wenig +aus ... Das <span class="pagenum">247</span> ging so fort bis zum Tod +der Eltern, und wie es seitdem geht, wissen Sie.«</p> + +<p>Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen +durfte.</p> + +<p>In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland +eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen +Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher +als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man +bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach +dem Rathe und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners.</p> + +<p>Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire +ihrem Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam +gegen sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen +entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand +sie — ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben +und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug.</p> + +<p>Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie +sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese +selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über +sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß +er durch Umstände gezwungen sei, die Consigne zu brechen, und trat +an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Ueberraschung +begrüßte ihn; Claire <span class="pagenum">248</span> erhob sich +vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen, auf das Emsigste mit einer +feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an einem durch einen argen Riß +beschädigten Spitzenschleier genäht, der Karoline zur raschen Heilung +anvertraut worden und heute noch abgeliefert werden mußte. Die +Baronin vermochte nicht, die kunstvolle Arbeit zu beendigen, da sie +zu sehr in Anspruch genommen war von der Pflege ihres Kranken, und so +leistete denn Claire hülfreiche Hand. Bestürzt über den ernsten und +inquisitorischen Blick, den Arnold auf sie und ihre Arbeit geworfen +hatte, brachte sie diese Erklärung hastig und erröthend vor.</p> + +<p>Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren +Platz wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und +dachte: Du bist das Aermste, das lebt.</p> + +<p>Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold +aus. »Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die +Spur eines Makels?«</p> + +<p>Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, +Geliebteste, und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu +gelassen. Jetzt ist's geschehen, und es giebt nichts mehr zu thun, als +mich anzuhören.«</p> + +<p>Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist +Ihnen? Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe +ich Etwas gethan, das Ihnen mißfiel? ... Sprechen Sie, sprechen Sie +doch!«</p> + +<p>»Mir ist auch feierlich zu Muthe, liebe Claire. Ich habe +einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, <span +class="pagenum">249</span> ihn zu verkünden. Unsere Probezeit muß +abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde gegeben. Ich +kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst einer Pflicht +aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen vermag. — +Geben Sie mir ein Recht dazu — ich fordere es.«</p> + +<p>»Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie +so plötzlich an? — Ich bin ja nicht frei — ich kann ja nicht über mich +verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Athem.</p> + +<p>Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre +Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie +die Welt mit all' ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen ... Ihm aber +war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt.</p> + +<p>»In vier Wochen sind wir verheirathet,« sprach er, »und ich entführe +Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und +wohnen, wo Sie wollen — am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im +grünen Thal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie +in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch — nicht wahr? ... Sie werden +diese Welt jetzt sehen, diese fremde, nie gekannte, und Ihnen wird +sein, als kämen sie in die Heimath zurück.«</p> + +<p>Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen +Beredtsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von +freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur +manchmal: »Träume! Träume!« <span class="pagenum">250</span></p> + +<p>»Wirklichkeit!« rief er.</p> + +<p>»Nein, nein — bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit +dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben,« setzte +sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von +Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Todten +abtragen.«</p> + +<p>Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den +Ausbruch seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so gering +geschätzt, daß er sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur +leise und heftig sprach:</p> + +<p>»Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas +gethan, das kein später gesprochenes Ja wieder gut machen kann.«</p> + +<p>Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie +stützte sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, +indeß die linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller +Seelenkampf vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, +vielleicht keinen mehr suchte, den nur das Zittern der fest auf +einander gepreßten Lippen verrieth.</p> + +<p>Und von Neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen +sich und mich muthwillig,« sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, +bevor meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen +sagen: Geben Sie jetzt nach oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber +ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu +können.« <span class="pagenum">251</span></p> + +<p>Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntniß ihn +zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er +hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich +abermals vertrösten lassen ... Wenn es aber geschieht, wenn ich, +heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein +empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.«</p> + +<p>»Herr Bretfeld,« stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld ...« +Sie war todtenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf +ihm.</p> + +<p>Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es +ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen ... Er sah es +triumphirend und gerührt, und verschloß sein Inneres der Stimme, die +ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht — du +<span class="gesperrt">könntest</span> dich losreißen, du könntest!</p> + +<p>Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte:</p> + +<p>»Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht +bringen. Lieber mich um die meine,« schaltete sie fast unhörbar ein. +»Ich sage ja zu Allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin — ärmer als +arm.«</p> + +<p>»Aermer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte +eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten.</p> + +<p>»So ist es,« erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen +Vermählung.«</p> + +<p>Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. <span +class="pagenum">252</span> »Verzeihe,« bat sie, »ich bin undankbar +gegen Dich; ich folge ihm, ich verlasse Dich, Du bleibst allein.«</p> + +<p>»Was läge daran,« versetzte ihre Freundin; »aber Du handelst +unvernünftig und in Folge dessen unrecht, und das ist schlimm. — In +vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen +aus Alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener +Machtvollkommenheit das Verhältniß zum Hause Meiberg, das Claires +Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer +Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.«</p> + +<p>»Das Alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.«</p> + +<p>»<span class="gesperrt">Wird?</span>« fragte die Baronin mit +spöttischem Erstaunen, »ist noch nicht?«</p> + +<p>»Nehmen Sie an, daß heute morgen sei,« entgegnete Arnold rasch und +gereizt, »dann wird es geschehen sein ... Uebrigens bin ich kein Kind, +das um Erlaubniß zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit +fertigen Thatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist +sie keine Sklavin.«</p> + +<p>»Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres +Wortes,« entgegnete die Baronin, und setzte nach kurzer Pause hinzu: +»von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen +haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirath mit +Claire beharren. Bis dahin bleibt Alles beim Alten, das fordere ich — +einen Schatten von Mutterrecht wird <span class="pagenum">253</span> +mein Pflegekind mir zugestehen ... Ich weiß, ich weiß —« wehrte sie die +Betheuerungen Claires ab und richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen +Sie sich.«</p> + +<p>»Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben +vom ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?«</p> + +<p>Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie —« +brach er aus, »und Sie, Claire?«</p> + +<p>»Und ich,« lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings, +grenzenlos; ich sage, was Sie thun, das ist das Rechte ... Aber aus +Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die — gleichfalls +aus Liebe zu mir — gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.«</p> + +<p>Er ließ sich bewegen, er gab nach.</p> + +<p>Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät — wie sie bald mit +einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte — ihren Gang zu +Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen +Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung +seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef +des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen +die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen, +Geschäftstheilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten.</p> + +<p>Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer +lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn +wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige +Vorsehung, an <span class="pagenum">254</span> welcher sie nie +gezweifelt hat, für manchen über alle Maßen Begnadeten den dornenvollen +Weg zum Himmel in eine Wanderung so schön und wonnehell, daß Engel das +Menschenkind darum beneiden könnten? ... Seligkeit ohnegleichen — <span +class="gesperrt">seine</span> Frau sein, seine Genossin ... Und durch +dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß genug gewesen +wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und Mühsal, den +bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen erneute und +zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte ...</p> + +<p>Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher +sie dem Geliebten zum ersten Mal begegnet war, athmete sie tief und +blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen.</p> + +<p>»Fräuln,« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus +seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem +silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die +Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben +absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.«</p> + +<p>Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der +That die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing +sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby +einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete +auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen +langen, vorwurfsvollen Blick, senkte <span class="pagenum">255</span> +ihn dann auf ihren wohlbesetzten Teller und führte mit verächtlicher +Leidensmiene einen Bissen nach dem anderen langsam zum Munde. Die +Comtessen und Gräflein guckten voll mehr oder minder unschuldiger +Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an, und Chouchou und Baby, +die seit dem Eintreten der Letzteren in einen Kampf mit ihren Bonnen +gerathen waren, machten sich plötzlich von ihren Bändigerinnen los und +stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme befahl der Graf die +kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und als die unversehens +Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen, wurden sie in ihre +Zimmer geschickt.</p> + +<p>Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchofsstille ein. +Unhörbar für Jeden, außer für Den, an den es gerichtet war, machte die +Stiftsdame dem Hofmeister das Geständniß, daß »in ihr Alles koche«. Die +Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Thräne.</p> + +<p>Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache +für ihre Zöglinge einzulegen; er aber reagirte nicht darauf, sondern +sprach: »Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr +lang ... Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum ersten Mal im +Leben!«</p> + +<p>»Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf,« +entgegnete Claire mit wunderbarer Gelassenheit.</p> + +<p>»Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre +Nachbarin, ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, +richten ein Familienunglück <span class="pagenum">256</span> an und +gerathen darüber nicht einmal ein bischen in Verzweiflung.«</p> + +<p>Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch +außerordentlich merkwürdig, das ...« Der Satz blieb unvollendet, +dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer +Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit +ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von Neuem: »Es ist doch +außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe werth +gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.«</p> + +<p>»Das kommt daher,« erwiderte die Stiftsdame, »daß Ihr sie verwöhnt +habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große, kahle +Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend.</p> + +<p>»Jawohl,« antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet +hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen +auch, und —« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen +Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.«</p> + +<p>Josephine Bretfeld ... die einzige Tochter des Consuls Bretfeld, +die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem +zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert, sie hier? +<span class="pagenum">257</span></p> + +<p>»Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei +uns abgestiegen,« fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der +Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte.</p> + +<p>Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein Paar zerknitterte +Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen +Sie Niemand, daß ich hier gewesen bin,« sprach er, indem er sich +hastig dem Ausgang zuwandte. — Da wurde die Thür des Speisezimmers +aufgerissen, und August erschien.</p> + +<p>»Nun, Musicus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte +dabei behaglich seine hohe, schmächtige Gestalt mit der eingedrückten +Brust und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben Dich vom Fenster +aus kommen sehen und Alle gelacht über den Zufall, der Dich gerade +heute herführt. Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie +ein Boot im Winde, die Thüren hinter sich offen lassend, und Arnold +blieb nichts übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich +eingerichteter Gemächer bis in den Salon zu folgen.</p> + +<p>Da saß der wohlbekannte Kreis in der wohlbekannten Weise. Auf dem +altmodischen, mit rothem Brocat überzogenen Canapé die alte Tante +Johanna, in silbergrauem Taffet mit einer gewaltigen weißen Haube +auf dem noch stramm gehaltenen Kopfe. Rechts und links von ihr auf +geradlehnigen Fauteuils ihre Nichten, die Zwillingsschwestern Elise und +Bertha, zwei strenge Schönheiten, mittelgroß, wohlproportionirt, mit +länglichen ebenmäßigen <span class="pagenum">258</span> Gesichtern, +die bereits zur Ueppigkeit neigenden Körperformen in eng anliegenden +Küraßtaillen von gelbbraunem Atlas eingedämmt. Den Damen gegenüber +verschwand beinahe in einem großen, tiefen Lehnstuhl der greise und +winzige Chef des Hauses Bretfeld. Seine Füße, die nicht bis zum +Fußboden gereicht hätten, ruhten auf einem Schemel. Er horchte, den +Mund halb geöffnet, mit der Neugier der Tauben nach allen Seiten hin +und schien kein Wort des geführten Gespräches verlieren zu wollen.</p> + +<p>»Arnold ist da!« rief August ihm nun zu und beugte sich zu ihm +nieder.</p> + +<p>»Wer?« fragte der Greis.</p> + +<p>»Arnold,« wiederholte, ihm ins andere, ins bessere Ohr schreiend, +sein Neffe Vincenz. Das war der »elegante« Vincenz, das leibhaftige +Widerspiel Augusts. Kurz und gedrungen, schwarzäugig, schwarzbärtig, zu +sorgfältig gekleidet, zu gut frisirt, den kleinen Finger jeder Hand mit +einem Ring geschmückt, dessen Brillant fixsternmäßig funkelte.</p> + +<p>Der Anblick dieser Ringe genügte sonst, um Arnolds Spott zu reizen +und in ihm die Lust zu erwecken, den kargen Vorrath von abgedroschenen +Späßen, aus dem das Unterhaltungsbedürfniß der Seinen gedeckt wurde, +mit einigen lustigen Witzen aufzufrischen. Heute fertigte er die +Familie mit einer kurzen Begrüßung ab. Seine ganze, seine staunende +Aufmerksamkeit wurde von der neuen Erscheinung in Anspruch genommen, +die er bei seinen Angehörigen traf, von dem Mädchen, das er sich +<span class="pagenum">259</span> eben angeschickt hatte zu fliehen +... Himmel und Erde! wie schön war dieses schlanke Geschöpf, mit den +herrlichen aschblonden Haaren, das ihn aus großen Augen ansah und seine +tiefe Verbeugung so unbefangen erwiderte, daß kein Zweifel walten +konnte über ihre Unkenntniß der Absichten, welche ihr Vater mit dem +Besuch der Verwandten in Wien verband — im vorigen Jahre wenigstens +verbunden <span class="gesperrt">hatte</span>, als Arnold, der Wahl, +die seine Brüder für ihn getroffen, mißtrauend, einer Begegnung mit +dem Gegenstand derselben schnöde ausgewichen war. Wer konnte aber +auch den schwerfälligen Kaufleuten, den Männern ihrer Frauen, einen +so ausgezeichneten Geschmack zutrauen? Sie waren aus Paris gekommen, +entzückt von ihrer Nichte Josephine und deren Lob in allen Tonarten +singend. Arnold jedoch hatte aus ihren Hymnen nichts herausgehört +als den Schrei der Sympathie der Millionen des Hauses Bretfeld +<i>senior</i> für die Millionen des Hauses Bretfeld <i>junior</i>. +Welch' ein Irrthum, welch' ein Unrecht, an dem anmuthigen Wesen +begangen, das jetzt vor ihm stand, so natürlich, so einfach, so +ernst — und so jung! ... so jung! — Welcher Contrast zwischen der +liebenswürdig ungezwungenen Art und Weise dieses weltgewandten Kindes +und den hölzernen Manieren seiner Schwägerinnen, die immer verfangen in +einem Netz von Ansprüchen und doch immer verlegen waren, und zweierlei +Benehmen hatten, eines für die Gesellschaft und eines für das Haus.</p> + +<p>Arnold mußte bekennen: die Absicht, die seine Brüder mit ihm gehabt, +war eine gute gewesen. — Unglaublich <span class="pagenum">260</span> +nur, unverzeihlich fast erschien ihm, daß er, der Bräutigam von drei +Stunden, ein Auge haben konnte, ein waches und scharfsichtiges Auge +für die Vorzüge eines anderen Wesens als desjenigen, das er erkoren +und errungen. Indessen war ja sein Schicksal besiegelt, und das +Wohlgefallen, welches das schöne Mädchen ihm einflößte, ein rein +künstlerisches. Immer behaglicher gab er sich dem Vergnügen, mit ihr +zu plaudern, hin und fand die Störung höchst unangenehm, die der Vater +Josephinens verursachte, als er erschien, um sie zur Oper abzuholen.</p> + +<p>Consul Bretfeld kam vom Diner beim Handelsminister und war gar +freundlich anzuschauen, wie er daherschnellte federnden Ganges, +im Schmucke seiner vielen Orden. Sein rundes, röthliches, von +Selbstzufriedenheit strahlendes Gesicht verdüsterte sich, als er Arnold +gewahrte, und ziemlich trocken erwiderte er auf dessen Anrede:</p> + +<p>»Noch nicht zu Hofe gefahren, Herr Vetter? Hat es damit in diesem +Jahre weniger Eile als im verflossenen? Oder ist noch keine Einladung +erfolgt?«</p> + +<p>»Doch,« antwortete Arnold, »ich habe sie bereits erhalten.«</p> + +<p>»Und ihr noch nicht entsprochen?«</p> + +<p>»Noch nicht; es ist sogar wahrscheinlich, daß ich sie ablehnen +werde.«</p> + +<p>»Hahaha!« platzte August heraus und rieb sich geräuschvoll die +knochigen Hände.</p> + +<p>»Johanna, was hat er gesagt?« rief der Chef des <span +class="pagenum">261</span> Hauses seiner Frau über den Tisch zu. +Vincenz kicherte, Elise und Bertha sahen ihre Männer mit zur Ordnung +verweisenden Blicken an. Der Consul aber näherte sich der Tante, küßte +ihr zierlich die Hand, versprach, nach dem Theater seine Tochter +persönlich in das gastfreie Verwandtenhaus zurückzugeleiten, winkte +dem Mädchen, voranzugehen, und empfahl sich, von August und Vincenz +geleitet. Gern wäre Arnold dem Beispiel der beiden gefolgt, doch +widerstand er dieser Versuchung und setzte sich auf den von Vincenz +verlassenen Sessel an die Seite seines Oheims.</p> + +<p>Der Greis hob den Kopf. »Nun, was sagst Du?« fragte er gespannt. +»Sprich aber laut, daß ich's hören kann.«</p> + +<p>»Hören Sie denn, lieber Onkel,« nahm Arnold nach einer Pause, +während welcher seine Brüder wieder in den Salon getreten waren, das +Wort. »Ich bin gekommen, um Ihnen, meiner verehrten Tante und meinen +Geschwistern mitzutheilen ...« — die Ruhe, mit der er begonnen hatte, +drohte ihn zu verlassen, und mit erzwungener Festigkeit schloß er: »daß +ich mich heute verlobt habe.«</p> + +<p>»Verlobt!« Alle Lippen wiederholten das Wort, theils erschrocken, +theils ungläubig, nur August lachte: »Dummer Spaß!«</p> + +<p>Den Onkel überkam plötzlich eine große Lustigkeit. »Ei der tausend +— da schau' einer den Burschen an!« Er schlug mit dem geballten +Fäustchen, so stark er konnte, <span class="pagenum">262</span> auf +Arnolds Knie. »Er macht Späße über seine Verlobung ... dürfte bald +Ernst werden, was? Nun, wie sieht sie aus, die Braut? ... Ist sie +reich? ist sie schön? wie heißt sie?«</p> + +<p>»Sie ist nicht reich und heißt Claire Dübois.«</p> + +<p>»Wie?« fragte der Alte, der schlecht verstanden zu haben glaubte, +und Arnold rief ihm den Namen noch einmal laut ins Ohr.</p> + +<p>Es entstand eine allgemeine Stille.</p> + +<p>Elise unterbrach dieselbe zuerst, indem sie mit schneidendem Spotte +sprach: »Ich entsinne mich eines Tanzmeisters Dübois.«</p> + +<p>»Ganz recht,« entgegnete Arnold, und seine Wimpern zuckten, »dessen +Tochter ist meine Braut.«</p> + +<p>Der kleine Onkel wand sich vor Lachen in seinem großen Fauteuil, und +Tante Johanna lachte mit, sehr erfreut, ihren alten Herrn so munter zu +sehen. Die beiden Schwestern blieben stumm; August sagte noch einmal: +»Dummer Spaß,« und Vincenz brummte: »Willst Du uns zum Besten haben? +... Du — und eine Tanzmeisterin!«</p> + +<p>»Das ist sie nicht ... lernt sie doch kennen ... erlaubt mir, Euch +meine Braut vorzustellen.«</p> + +<p>Ein ablehnender Ausruf der drei Damen beantwortete diese Zumuthung. +August und Vincenz traten dem jüngeren Bruder entgegen, der sich +seinerseits erhob. Niemals erklärten sie, werde Fräulein Dübois +ihre Schwelle überschreiten; den Vorschlag, Erkundigungen nach ihr +einzuziehen, <span class="pagenum">263</span> wiesen sie entschieden +von sich. Nicht einmal einen Tag lang sollte es heißen, die Familie +erwäge, fasse das Undenkbare als eine Möglichkeit ins Auge.</p> + +<p>»Du irrst, Arnold,« mischte Elise sich in den Streit, »wenn Du +glaubst, daß ich Deine Erkorene niemals gesehen habe. Ich besinne +mich jetzt, ihr in einem Hause begegnet zu sein, in dem sie Lectionen +gab. Eine verblühte Person, mein Lieber, die sich auf die Jugendliche +spielt.«</p> + +<p>»Verblüht auch?« polterte Vincenz, »dafür aber natürlich um so +erfahrener. O, Du Musicus! ... sich so fangen zu lassen, von einer +Intrigantin, einer Tänzerin, einer Französin.«</p> + +<p>»Kein Wort über sie!« rief Arnold; aber er wurde überstimmt. Was +wußte er von der Welt, er, ein Bewohner von Wolkenkuckucksheim, von +Natur dazu verurtheilt, hinters Licht geführt, betrogen und ausgebeutet +zu werden.</p> + +<p>Ein häßlicher Kampf entspann sich. Jeder Ausdruck von Gutmüthigkeit +war aus dem fahlen Gesicht Augusts verschwunden, der elegante Vincenz +hatte sich in einen plumpen, Verleumdungen hervorstoßenden Gesellen +verwandelt. Arnold öffnete den Mund nicht mehr. Wie fern stehen mir +diese Menschen, dachte der Freund des Schönen.</p> + +<p>Mit regstem Interesse horchte der greise Oheim dem laut geführten +Streit seiner Neffen zu.</p> + +<p>»Bleibst Du trotzdem dabei?« ließ August seinen Bruder an. <span +class="pagenum">264</span></p> + +<p>»Ich bleibe dabei,« erhielt er zur Antwort.</p> + +<p>»Johanna, was hat er gesagt?« kreischte der Chef.</p> + +<p>Seine Frau gab ihm einen Wink; sie standen auf und schritten Arm +in Arm in das Nebenzimmer, wo man sie, trotz der verschlossenen +Thür, sprechen hörte. Ihre Unterredung war bald zu einem Schlusse +gelangt, und feierlich traten sie wieder ein und auf den Helden dieser +Familienscene zu.</p> + +<p>»Du heirathest also wirklich die Tänzerin?« fragte der Greis.</p> + +<p>»Ich heirathe Claire Dübois.«</p> + +<p>»Nun denn, Arnold, mein Junge« — die kleine Gestalt des Alten +schien noch mehr in sich zusammenzuschrumpfen, und sein kahler, +eckiger Kopf zitterte heftig — »nun denn, so muß ich Dich enterben. +Es thut mir leid, mein Junge, aber Bretfeldsches Geld darf nicht auf +Tanzmeisterkinder übergehen.«</p> + +<p>»Es ist kein Geld wie ein anderes,« sprach die Tante, »es ist in +ehrenwerther Arbeit erworbenes Geld, das wir nur ehrenwerthen Händen +anvertrauen wollen.«</p> + +<p>»Vincenz,« befahl der Onkel, »geh' hinüber ins Comptoir und bringe +mir Arnolds <i>conto corrente</i>.«</p> + +<p>Wenige Minuten später legte Vincenz ein großes Buch auf den +Tisch, vor das der Chef sich stellte und dessen lange Zifferreihen +er musterte wie ein Feldherr seine Truppen. Jetzt sollte mit dem +Musicus abgerechnet werden. Bisher hatte man es nicht gethan, sondern +ihm die Summen gegeben, die er verlangte. Wenn er viel <span +class="pagenum">265</span> Geld ausgab für seine Musikinstrumente oder +seine Bildersammlung, sagte August höchstens: »Bist ein Clavier- und +Geigen-Don-Juan,« oder: »Schon wieder ein Bild gekauft? Mußt immer +Bilderln anschauen wie ein kleines Kind.«</p> + +<p>Und immer war vom alten Herrn entschieden worden: »Zahlt, aber nicht +von dem Seinen, ich streck ihm vor. So lang' er's nicht ärger treibt, +streck ich vor. Laßt ihm das Seine nur beisammen.«</p> + +<p>Der alte Herr hatte ihn ein für allemal acceptirt als den Unmündigen +in der Familie, für dessen Wohl gesorgt werden muß, weil er nicht +selbst dafür zu sorgen versteht. Eine andere Gestalt jedoch nehmen die +Dinge an, wenn der liebe Junge sich loslöst aus dem Verband des Hauses, +wenn man nicht mehr den zukünftigen Erben in ihm zu schonen hat.</p> + +<p>»Soll und haben,« murmelte der Greis.</p> + +<p>August und Vincenz zogen Bleistifte und Blocks aus den Taschen und +schrieben mit fast komischer Geschwindigkeit Zahlen auf; der Chef +rechnete im Kopfe.</p> + +<p>»39651 Gulden und 40 Kreuzer,« sprach er nach kurzer Zeit, und +zugleich legten August und Vincenz ihre Blocks vor ihn hin und +wiederholten: »39651 Gulden und 40 Kreuzer.«</p> + +<p>»Wenn ich mich bezahlt mache — und ich werde mich bezahlt machen —, +heute Dein ganzes Vermögen, mein lieber Junge,« sagte Onkel Johann.</p> + +<p>»Wie?« rief Arnold in Bestürzung aus. <span +class="pagenum">266</span></p> + +<p>»Ja, ja, lieber Junge, Du hättest das längst wissen können, wenn Du +Dich um Deine Sache gekümmert hättest. Deine Eltern haben Vincenz und +Dich auf den Pflichttheil gesetzt, damit August das Geschäft in der +alten glänzenden Weise fortführen könne. Der hier« — wies auf Vincenz +— »ist ein Mehrer, hat auch vernünftig geheirathet; das Seine ist +gewachsen. Du bist ein Zehrer, willst nicht vernünftig heirathen; das +Deine ist zusammengeschmolzen und wird bald nichts mehr sein. Die arme +Tänzerin, ich muß sie bedauern. Sie hat sich verrechnet. Du wirst als +Ehemann nicht so großmüthig gegen sie sein können, wie Du es gewiß als +Courmacher gewesen bist.«</p> + +<p>»Onkel!« schrie Arnold gepeinigt; und der Alte hob sogleich wieder +an mit seiner schrillen und zitternden Stimme: »Ich bitte Dich, +überleg's! Sie besitzt keinen der äußeren Vorzüge, die uns Männer +blenden und hinreißen, aus eigenem Antrieb Dummheiten zu machen; ihre +Reize haben Dich nicht verführt, Du kannst nur gefangen worden sein ... +Sei doch kein Narr und sieh es ein: eine solche Verblendung ist kein +Unglück mehr, ist eine Schande.«</p> + +<p>Die Zustimmung der Uebrigen begrüßte diesen Ausruf des +Chefs, und Arnold wußte, daß er sich sechs Menschen und <span +class="gesperrt">einer</span> Meinung gegenüber befand, einer +unerschütterlichen Meinung, in welcher Claire ungesehen gerichtet und +ungehört verdammt war.</p> + +<p>Jede gute Regung in ihm bäumte sich auf gegen <span +class="pagenum">267</span> diese engherzige grausame Ungerechtigkeit, +und stolz aufgerichtet im Gefühl seines höheren Werthes sprach er:</p> + +<p>»Ich bin nicht verblendet, <span class="gesperrt">Ihr</span> seid +es, und zwar in der Weise, die Eurer Phantasie entspricht. Ich hätte +nichts Anderes erwarten sollen. Nun bleibt mir die ewige Reue, den +Namen Claires vor Euch genannt zu haben.«</p> + +<p>»Johanna, was sagt er?« rief der Greis, und Arnold, der sich schon +zum Gehen gewendet hatte, sah, noch einen letzten Blick zurückwerfend, +daß die Augen des Alten mit einem Ausdruck schmerzlicher Bangigkeit auf +ihn gerichtet waren.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am nächsten Tage beklagten sich die Eltern der Gräfin Meiberg +darüber, daß Claire gestern bei der Partie sehr zerstreut und gar nicht +wie sonst gewesen, auch ungewöhnlich früh fortgegangen sei. Was mag +sie gehabt haben? Vielleicht Migräne? Die meisten Lehrerinnen haben +Migräne. Bisher war Claire von diesem Uebel verschont geblieben; wie +fatal, wenn es sich gerade jetzt, da man ein dauerndes Engagement mit +ihr abgeschlossen, einstellte.</p> + +<p>Von dieser Besorgniß erfüllt, begab sich die Gräfin nach der +Kinderstube, in welcher Claire, wenn sie heute pünktlich gewesen, vor +fünf Minuten eingetroffen sein mußte.</p> + +<p>Sie war da. Sie saß am Tische zwischen Chouchou und Baby +und erzählte ihnen eine Geschichte, eine durchaus <span +class="pagenum">268</span> nicht traurige, sondern eine lustige +Geschichte, über welche die kleinen Jungen schon oft herzlich gelacht +hatten. Heute aber lachten sie nicht. Sie sahen vielmehr ganz +verdutzt drein und starrten regungslos und unverwandt auf den Mund +der Erzählerin. Diesen hübschen und edlen Mund umspielte, während er +von heiteren Dingen sprach, ein unstät flatternder Leidenszug, und +so oft Claire auch versuchte, ihre kleinen Zöglinge freundlich und +heiter anzublicken, immer wieder senkten sich ihre Lider rasch und +unwillkürlich. Die Gräfin war an den Tisch getreten, nachdem sie Claire +durch einige Worte aufgefordert hatte, sich nicht unterbrechen zu +lassen. In der Art, in welcher Mama das that, mußte etwas liegen, das +Chouchou nicht gefiel, und das er gut zu machen wünschte. Plötzlich +sprang er auf und klopfte mit seiner kleinen Hand derb und zärtlich +die Wange seiner Freundin. Sie wollte es ihm verweisen, vermochte +aber weder zu sprechen noch die Thränen, die ihr in die Augen traten, +zurückzudrängen.</p> + +<p>Das sehen, sich Claire an den Hals werfen und mit ihr weinen, +war eins für Chouchou und für seinen getreuen Nachahmer Baby. Mit +größter Mühe hätte die Gräfin eine bessere Gelegenheit, gerührt zu +werden, nicht finden können. Seltsamerweise machte sie von derselben +keinen Gebrauch. Ihre Ergriffenheit bildete nicht wie gewöhnlich +einen feuchten Niederschlag, sondern krystallisirte zu Eis. Es wurde +ordentlich kühl im Zimmer, als sie den Blick ihrer lichten Augen über +Claire hinweggleiten <span class="pagenum">269</span> ließ, ihn auf +eine sinnbildliche Darstellung der Charitas heftete, die an der Wand +hing und sprach:</p> + +<p>»Gestern sind Sie zu spät zu uns gekommen und sind zu früh +fortgegangen, heute machen Sie meinen Kindern eine Scene. Das geht +nicht; es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß das nicht geht. +Besonders nicht diesen Kindern gegenüber, denen ihr Vater vorwirft — +und ihr Vater wirft immer nur mit Recht vor —, daß sie den ganzen Tag +nichts thun als weinen.«</p> + +<p>»Sie werden nicht mehr weinen, es ist schon vorbei; nicht wahr, +Chouchou und Baby?« sagte Claire, die wieder Herrin ihrer selbst +geworden war, sich erhoben und die Standrede der Gräfin schweigend +angehört hatte.</p> + +<p>Die Letztere öffnete ihre schmalen, immer trockenen Lippen nur noch +zu den Worten: »Wir wollen sehen,« und schritt mit unnachahmlicher +Hoheit aus dem Zimmer.</p> + +<p>Noch eine Unterrichtsstunde gab Claire an dem Vormittage, dann eilte +sie heim wie gejagt.</p> + +<p>»Keine Nachricht?« war ihre erste hastig hervorgestoßene Frage an +die Baronin, und diese schüttelte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, +verneinend den Kopf.</p> + +<p>Claire setzte sich ihr gegenüber. »Er wird selbst kommen wollen,« +sagte sie, »er weiß, daß ich bis drei Uhr zu Hause bin.«</p> + +<p>»Möglich,« erwiderte Karoline, und lange Zeit wurde kein Wort mehr +gesprochen.</p> + +<p>»Weißt Du, was ich meine?« unterbrach Claire endlich das Schweigen. +»Es ist so: Er hat gestern <span class="pagenum">270</span> seiner +Familie seine Verlobung mit mir angezeigt, und seine Familie hat +die Kunde« — sie machte einen mißlungenen Versuch, einen leichten +und scherzenden Ton anzuschlagen — »mit geringer Begeisterung +aufgenommen.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich.«</p> + +<p>»Und jetzt kämpft er <span class="gesperrt">für</span> mich, <span +class="gesperrt">um</span> mich.«</p> + +<p>»Er kämpft? ... Sagte er nicht, daß er gewohnt sei, seiner Familie +mit fertigen Thatsachen entgegenzutreten?«</p> + +<p>»Er sagte es; aber er kennt mich, er täuscht sich nicht über die +Qual, die der Gedanke mir verursachen würde, Schuld zu sein an einer +Entfremdung zwischen ihm und den Seinen. Darum bemüht er sich, mir die +Pfade zu ebnen ... offene Arme sollen mich empfangen, das will er; und +wie dank' ich ihm! ... Ich könnte es ja nicht verwinden, seine Frau +—« Claire wiederholte die letzten Worte mit dem Ausdruck des höchsten +Stolzes: »Seine Frau zu sein und nicht aufgenommen, wie es <span +class="gesperrt">ihm</span> gebührt, von denen, die ihm die Nächsten +sind.«</p> + +<p>An der Hausthür wurde geschellt — Claire stieß einen leisen bebenden +Schrei des Jubels aus und eilte ins Vorgemach. Nach wenigen Minuten +kehrte sie zurück — allein.</p> + +<p>»Ein Diener der Gräfin Küstin,« sprach sie, »hat das Geld für die +Ausbesserung des Spitzenschleiers gebracht. Ich habe den Empfang in +Deinem Namen quittirt. Die Gräfin läßt sagen, die Rechnung sei sehr +hoch gestellt gewesen.« <span class="pagenum">271</span></p> + +<p>»Wenn Leute, die von Arbeit keinen Begriff haben, sich doch nicht +unterfangen wollten, Arbeit zu taxiren,« entgegnete Karoline und +stickte weiter.</p> + +<p>Claire schloß die Augen; ihre Hände ruhten müßig in ihrem Schoße. +Das Bewußtsein der Zeit, die verstrich, ergriff sie beklemmend, wie +etwas physisch Fühlbares. Entsetzlich langsam für die sehnsüchtige +Erwartung, fürchterlich rasch für die getäuschte Hoffnung rannen die +Stunden dahin.</p> + +<p>Manchmal stand die Baronin auf, ging, nach ihrem Kranken zu sehen, +und kam dann wieder an den Stickrahmen zurück. Claire wandte den Blick +nicht zu ihrer Freundin; sie war gewiß, wenn sie es thäte, würde sie +einem strengen Antlitz begegnen, auf dem sich Unzufriedenheit mit ihr +malte.</p> + +<p>»Halb drei Uhr,« sprach Frau Karoline plötzlich, »Du mußt nun +fort.«</p> + +<p>Die Angeredete fuhr zusammen. »Und wenn ich nicht ginge?« fragte sie +zögernd.</p> + +<p>»Thätest Du eben unrecht,« lautete die Antwort.</p> + +<p>Eine Viertelstunde später befand sich Claire auf der Wanderung +zu Meibergs. Sie ahnte nicht, als sie, die Brücke zum Stadtpark +überschreitend, am Kastanienwäldchen vorüberging, daß sich von einer +Bank in demselben ein junger schlanker Mann erhoben hatte, der nun auf +den Weg trat, den sie eingeschlagen, und ihr nachsah, so lange er sie +irgend erblicken konnte. Ihm war nicht wohl zu Muthe, sein Mund bebte +schmerzlich, seine <span class="pagenum">272</span> Brauen zogen sich +zusammen. Er stieß den Fuß heftig gegen den Boden, er dachte: Arme +Claire! Mitleid mit ihr schwellte sein Herz, und Groll und Haß gegen +Diejenigen, die nicht zulassen wollten, daß sie glücklich werde.</p> + +<p>Auch er hatte schwere Stunden gehabt und zum ersten Mal in seinem +Leben eine Nacht in heißem Seelenkampfe durchwacht. Von der Unterredung +mit seinen Angehörigen war er in seine Wohnung heimgekehrt und rastlos +auf und ab geschritten in den hellen, mit künstlerischem Schönheitssinn +ausgeschmückten Räumen. Der Augenblick, in welchem er Claire hierher +führen und ihr sagen würde: »Tritt ein, schalte und walte, Du bist in +Deinem Eigenthum,« der köstliche Augenblick, den er sich so freudig +ausgemalt, sollte niemals kommen. Was Arnold der Erwählten jetzt zu +bieten hatte, war nicht mehr Wohlstand; diese Wohnung paßte nicht +mehr zu den Verhältnissen, in welche er von heute an getreten war; +sie mußte aufgegeben und ihre besten Zierden, um die Reichere, als er +gewesen, ihn gar oft beneidet hatten, mußten verkauft werden. Es hieß +Geld schaffen. Der neue Haushalt, wenn auch noch so bescheiden, mußte +errichtet werden. Und dann sollte man leben, und daß man es von den +schmalen Renten könne, die sein zusammengeschmolzenes Vermögen abwerfen +werde, fiel Arnold nicht ein. »<span class="gesperrt">Verdienen</span>« +galt's, beträchtlich verdienen! In welcher Weise, lag auf der Hand. +Aber ein wahrer Greuel war ihm diese Weise — schon damals, <span +class="pagenum">273</span> als er sie spielend, mit der hochmüthigen +Gleichgültigkeit des vielumworbenen »<i>finishing master's</i>« +betrieb. Er pflegte über die Preise zu spotten, mit denen man den +Vorzug erkaufte, sich des Unterrichts Herrn Bretfelds rühmen zu +dürfen, und ließ das aufgedrungene Geld, das ihn für die Langeweile +des »Stundengebens« doch nicht entschädigte, achtlos durch die +Finger gleiten. Daß er auf Erwerb keinen Werth legte, das bewies die +Lässigkeit, mit welcher er sein so überaus einträgliches Lehramt +versah. Als er sich eine Zeit lang, den Begegnungen mit Claire zu +Liebe, regelmäßig bei Meibergs eingefunden hatte, erregte diese +Pünktlichkeit den Neid aller seiner übrigen Schülerinnen.</p> + +<p>Gewesen, diese Zeiten! eine neue Aera beginnt. Der interessante, +der schöne, der reiche Herr Bretfeld versäumt keine Lection mehr... +Wie merkwürdig! — Ja, er hat eine »dumme Heirath« gemacht und braucht +jetzt sein Honorar. Steht es so? — Nun, wenn das Honorar gebraucht +wird, dann wird es zugleich billiger, das ist ganz natürlich; und +mit seiner »dummen Heirath« und mit seinen billigen Honoraren sinkt +Herr Bretfeld von seiner Höhe, sinkt herab zum Lehrer, den man aus +Höflichkeit »Herr Professor« nennt und — ausschließt. Die Zeit +wird bald dahin sein, in welcher Arnolds Name sein Titel war und +ihm die exclusivsten Kreise zugänglich gemacht hatte. Er sah ganz +genau, was ihm bevorstand, er kannte die Menschen und das Leben +besser, als seine Angehörigen sich's träumen ließen, die meinten, +daß Einer, <span class="pagenum">274</span> der vom Welt<span +class="gesperrt">markt</span> nichts versteht, von der Welt überhaupt +nichts weiß. Er gab keiner Täuschung Raum, gestand sich, daß Alles +verfehlt sei, auch der Geliebten gegenüber, Alles. Eine glänzende +Zukunft hatte er ihr zu bereiten versprochen, und was er ihr in +Wirklichkeit zu bieten vermochte, war nichts Anderes als eine +Fortsetzung ihrer jetzigen Existenz. Der Gedanke an Claire war ihm der +bitterste; die lange Nacht hindurch quälte er sich damit, eine Hülfe, +einen Ausweg zu suchen, entwarf die abenteuerlichsten Pläne, zog die +unmöglichsten Wenn ins Bereich seiner Erwägungen, nur das eine nicht: +<span class="gesperrt">Wenn</span> die Meinen nachgeben würden! ... Die +gaben nicht nach; die hatten gesprochen, und wie sie es heute gethan, +würden sie es in zehn Jahren wieder thun.</p> + +<p>Am Morgen verließ er seine Wohnung und wanderte ziellos in den +Straßen umher. Er nahm sich vor, Claire nicht zu schonen, ihr die ganze +Wahrheit zu sagen. Und wenn sie dann, wie es ihr so ähnlich sah, werde +zurücktreten wollen, dann werde er es nicht zugeben — um keinen Preis +.... Was wäre ich, wenn ich das vermöchte, was wäre ich! wiederholte er +zahllose Male leise vor sich hin.</p> + +<p>In den Stunden, in welchen sie so bang auf ihn gewartet, war er +zum Entschluß gekommen, die schlimme Kunde, die er ihr mitzutheilen +hatte, nicht selbst zu bringen. Zu grausam für sie, zu peinlich für +ihn erschien ihm das, und so hatte er des Augenblickes geharrt, +in dem Claire die zweite Hälfte ihres Tagewerks begann, <span +class="pagenum">275</span> und schlug nun den Weg, den sie eben +gegangen war, in entgegengesetzter Richtung ein.</p> + +<p>Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem +Miethwagen überholt, der vor dem Thore desselben anhielt. Langsam +öffnete sich der Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, +schwankte, unsicher auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und +verschwand im Eingang.</p> + +<p>Arnold blieb, starr vor Ueberraschung, stehen.</p> + +<p>Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und +spähte von dort nach dem Thor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, +und der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein +Zeichen und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in +eine Ecke des Gefährts, das mit ihm davonrollte.</p> + +<p>Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der +Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das +Zimmer.</p> + +<p>»Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, +ergriff beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum +wissend, was er that.</p> + +<p>Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das +glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart,« +sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich +Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird. +Ihr Onkel — ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht +einen Bretfeld — Ihr Onkel meldet <span class="pagenum">276</span> +Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht Tage Bedenkzeit läßt.«</p> + +<p>»Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was +ich heute will!«</p> + +<p>»Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, +so gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe +und Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen +der Muth fehlt, zu sagen: »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich +geirrt.««</p> + +<p>»Der Muth? ... das heißt die Schamlosigkeit!«</p> + +<p>Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer +Geringschätzung.</p> + +<p>»Lauter falsche Empfindungen,« sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter +Schein. Ein bischen ehrlicher Cynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch +einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben +nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen +zu theilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie +nicht gewachsen sind.«</p> + +<p>Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die +aussprach, was er sich selbst im Stillen schon gesagt, nur klarer, nur +schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war, +entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und +ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrig blieb.</p> + +<p>Er suchte sich zu vertheidigen; da hob die alte <span +class="pagenum">277</span> Frau ihren mächtigen Kopf hoch empor und +fragte: »Wenn Sie Alles ungeschehen machen könnten, was sich zwischen +dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem heutigen begeben +hat, würden Sie es thun?«</p> + +<p>Arnold erröthete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht +ungeschehen machen.«</p> + +<p>Die Baronin lachte triumphirend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut +wie nie Gewesenes! Vergessen Sie!«</p> + +<p>»Vergessen? ein Unrecht, eine Schuld?«</p> + +<p>»Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Thorheit wäre, +Ihr angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirath mit Claire +aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine +Thorheit nicht begehen? — ein Thor höchstens. Nun, Herr, ich kenne +wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu +zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen +Wenigen, Sie werden mit Ihrem ›Gewissen‹ so ins Reine kommen. Ferner +Sohn des Reichthums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Thun +Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie +sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem +Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für Diejenige, die +Ihnen eine vergängliche Liebe, aber — nicht wahr? und mich wundert +nur, daß Sie es nicht schon ausgesprochen — eine ewige Freundschaft +eingeflößt hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine <span +class="pagenum">278</span> Wohlthat zu erweisen! Seien Sie einmal +großmüthig — die letzte Gelegenheit zur Großmuth, Herr — greifen Sie +zu!«</p> + +<p>Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung +sich fast von Neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, +nur um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er +besann sich, er dachte: Durch! diese große Demüthigung ist der Weg zur +Freiheit!</p> + +<p>»Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen,« sprach er, »sagen Sie +Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge, +ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... und auf dem Recht, das sie +selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für +immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!«</p> + +<p>»Herr!« schrie die Baronin, »Herr!«</p> + +<p>Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen +schwarzen Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen +einen frech gewordenen Unterthan streckte sie die Hand aus und wies +dann nach der Thür.</p> + +<p>Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in +welchem Maße er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein +Hochmuth rang und suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, +nach einem Partherpfeil wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, +bevor er schied. Umsonst! Nichts gab der Augenblick ihm ein, <span +class="pagenum">279</span> stumm leistete er ihrer stummen Aufforderung +Folge.</p> + +<p>Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, +ließ den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmälig mit einem +gewissen Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; +er aß, trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein +Telegramm aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der +an Sie ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Allein in einem Coupé erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn +befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und +blickte in den jungen Tag hinein. Thaufrisch, üppig und grün wellten +die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit +blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im +Osten bildete in all' dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank +in immer weitere Ferne.</p> + +<p>Da athmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den +selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzwei +gesprungen. »Heil mir!« jauchzte er laut im Gefühl der seligsten +Genesung. Abgethan der schnöde Drang, ein Anderer sein zu wollen, als +er war; abgethan das kränkliche Mitleid, das ihn irre gemacht an seiner +eigenen Empfindung und ihn Liebe <span class="pagenum">280</span> +hatte nennen lassen, was Erbarmen war. Abgethan Selbsttäuschung und +Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit nehme jeder den Platz ein, der ihm +zukommt am Mahle des Lebens. Ist's ein bevorzugter, um so besser! Was +nützt es den Armen, für die der Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu +ihnen gesellt? Jedem das Seine — Mühsal und Arbeit denen, die dazu +berufen sind; Freude, Genuß, göttliches Otium den Erwählten! ... »Mir!« +sagte sich Arnold, und jeder seiner Pulsschläge war Lebenslust, und +jeder Herzschlag Verheißung. Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, +die schöne Welt, die ihm gehört und seines Gleichen.</p> + +<p>Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmuth, die sich bei +dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein +leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluthen +wollte, mild abdämpfte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste +Zimmer leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, +der in tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren +Schritten und fragt sie:</p> + +<p>»Ist er dagewesen?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und —?«</p> + +<p>Karoline zuckte die Achseln. <span class="pagenum">281</span></p> + +<p>»Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!«</p> + +<p>Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins +Wort:</p> + +<p>»Nicht in diesem Ton! ... Ich ertrag' es nicht ... weiß auch genug.« +Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will +ich von <span class="gesperrt">ihm</span> erfahren, durch Niemand +anders.«</p> + +<p>Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu thun +kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du,« erklärte sie der Baronin mit +einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein +Verständniß und keine Güte.«</p> + +<p>Die Zeit verging.</p> + +<p>»Hoffst Du noch?« fragte Karoline.</p> + +<p>»Ich bin so thöricht! — Durch die Dämmerung um mich her dringt ein +Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden,« erwiderte Claire, +»an den klammere ich mich und — gegen alle Voraussicht der Vernunft, +gegen alle Gesetze der Physik — hält er mich — hält mich aufrecht ... +Was ich,« fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis +Meibergs abreisen.«</p> + +<p>Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht +aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben +zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte +er Genugthuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. <span +class="pagenum">282</span> Und wenn ihre Freundin behauptete, er sei +verreist und werde nicht zu ihr zurückkehren, fragte Claire:</p> + +<p>»Hat er es Dir gesagt?«</p> + +<p>»Das nicht.«</p> + +<p>»Siehst Du! Ich setze meinen Glauben gegen Deinen Unglauben und baue +auf sein Wiederkommen.«</p> + +<p>Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. +Sie meinte, es ganz genau so zu thun wie je und immer. Dennoch mußte +sich irgend eine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute +fragten, ob sie leidend sei und was ihr fehle. Daß sie versicherte, +sich ganz wohl zu fühlen, überzeugte Niemand. Sie dürfe es nicht gelten +lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine +kränkliche Lehrerin behalten?</p> + +<p>Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie +jedenfalls eine Enttäuschung bereitet.</p> + +<p>Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut +geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen +wollen.</p> + +<p>»Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißräth Alles. +Wir engagiren eine heitere Gesellschafterin — sogleich wird eine +melancholische aus ihr.«</p> + +<p>»Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete +Marie.</p> + +<p>»Und ich finde sie auch so zerstreut,« sagte die Gräfin, welche +nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch +versetzte: <span class="pagenum">283</span></p> + +<p>»Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch Du.«</p> + +<p>Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das +sei »ganz etwas Anderes,« und so kühn die junge Dame auch war, den Muth +zu fragen: »Warum?« hatte sie nicht.</p> + +<p>Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh +entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause.</p> + +<p>Das Erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, +war ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. — <span +class="gesperrt">Seine</span> Botschaft! Leben oder Tod!</p> + +<p>Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines, +lebloses Ding — wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt +durchfliegen — und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens.</p> + +<p>Die Kniee Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am +geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen +Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft +bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die +Dunkelheit herein — nun war es Nacht.</p> + +<p>Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; +sie konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und +— riß sie langsam entzwei.</p> + +<p>Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch +auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die +Freundinnen tauschten einige <span class="pagenum">284</span> Worte, +und Karoline wandte sich wieder der Krankenstube zu. »Es giebt heute +eine böse Nacht,« sprach sie im Fortgehen; »wirst Du mich ein paar +Stunden beim Wachen ablösen können?«</p> + +<p>Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie +den Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten +plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die +Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; +die trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, +was das sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, +das Geständniß eines großen Irrthums — der Ausbruch eines nagenden +Schuldbewußtseins.</p> + +<p>Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres +Samariter-Amtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie +sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod +ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören.</p> + +<p>Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach +Genesung gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, +am liebsten rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen +und sich nicht mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang +nach der alten Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper +widerstand — sie blieb gesund.</p> + +<p>Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine +Prüfung mit noch mehr Ehren ab als <span class="pagenum">285</span> +im vorigen Jahr, denn dieses Mal bekam er sogar ein Zeugniß, und die +Familie reiste auf das Land.</p> + +<p>Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich Manches +ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in +der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die +Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntniß abzulegen, daß ihr dünke, +das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedner auf den Umgang mit +Kindern, als auf den mit Erwachsenen an.</p> + +<p>Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf +die Lippen Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin +mittheilte.</p> + +<p>Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös,« sagte sie, »wenn Du +Dir die Stelle verscherzt hättest, um derentwillen Du Deine besten +Stunden aufgeben mußtest.«</p> + +<p>»Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin +mit Schweigen aufgenommen wurde.</p> + +<p>Sie sprachen überhaupt wenig, die Beiden. Ruhig pflegte Karoline +den Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten +richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie +gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen +als jetzt im Leid um ihr armes, altes Kind, gegen das die Herbe, +Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war, und das sich nun +anschickte, sie zu verlassen. <span class="pagenum">286</span></p> + +<p>Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen +und hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit. +Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name +gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen — nebenan +herrschte lautlose Stille.</p> + +<p>Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem +Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr +Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand. +Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt — geblickt, ohne +zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen +Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube +erfüllt war, widerstrahlte. O, wie fahl ihre Wangen geworden waren, +wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So +war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht +doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt +hatte?</p> + +<p>»Der Kummer tödtet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprüchwort +hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus +Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der +solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch tödten, der hat +die Macht.</p> + +<p>Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken +und zuckte mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen. <span +class="pagenum">287</span></p> + +<p>Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, +ernstes empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und +sagte:</p> + +<p>»Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen +und bin erstaunt ... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben — in +bin wohl wirklich krank.«</p> + +<p>»Du bist es,« sprach die Baronin, »und tödtlich, denn Du willst Dich +sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben — +Du gehst. Und was treibt Dich aus der Welt? — Ein Glück, das in Deinem +Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist Dir nicht zu +Theil geworden. Aber Du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen +als ein Dir zukommendes; Du fühlst Dich in Deinem Recht gekränkt und +gehst aus dieser ungerechten Welt.«</p> + +<p>»Karoline!« beschwor Claire, doch Jene fuhr fort:</p> + +<p>»Sieh' Dich um bei Deinen Berufsgenossinnen — wie viele von ihnen +haben ein dem Deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal <span +class="gesperrt">nicht</span> gehabt? wie viele haben ein schlimmeres +erfahren? — Nun, sie leben, sie leisten, sie tragen die eigene Last, +und wenn es sein muß, wohl auch die Anderer, die minder beladen, aber +schwächer sind als sie ... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber +— ich sage Dir, beuge Dich vor Jeder, Jede von ihnen ist mehr als Du! +... Du lässest die Hände sinken, eh' die Zeit zur Rüste gekommen; +Du hättest hier noch Manches zu thun, Deine Aufgabe ist noch nicht +erfüllt, ein heiliges <span class="pagenum">288</span> Versprechen +noch nicht eingelöst; aber gleichviel — Du gehst ... und — kannst +gehen.«</p> + +<p>»Karoline,« rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um +Schonung.</p> + +<p>»Und <span class="gesperrt">kannst</span> gehen!« wiederholte die +alte Frau unerschütterlich. »Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für +Deine Aufgabe, die meine ist gethan. Komm, überzeuge Dich.«</p> + +<p>Sie schritt voran und ließ die Thür des Krankenzimmers weit +offen stehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, +eine regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, +zog das Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr +eigenes Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des +Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare, +die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire: +»Ich hätte Dich eigentlich nicht hierher führen sollen, der Anblick +ist nicht angethan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, <span +class="gesperrt">so</span> kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen +haben. Claire« — legte den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie +an ihre Brust — »nicht zu hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, +bis sie kommt, die große Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so +freundlich an, wie den!«</p> + +<p>»Was meinst Du?« begann sie von Neuem, als Claire gesenkten Hauptes +und thränenlos in Schweigen verharrte. — »Was meinst Du? Willst Du zu +warten nicht wenigstens versuchen?« <span class="pagenum">289</span> +</p> + +<p>Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas +von dem heiligen Muth der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: +»Ich will's versuchen.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner +kehrten aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der +Stadt zurück. Claire nahm ihre Thätigkeit wieder auf, im Anfang mit +einer gewissen Zaghaftigkeit, später mit neuerwachtem Selbstvertrauen +und endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr +eine feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie und viele sehr +alte weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit +Kindern und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht +sie für Comtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr +und Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben.</p> + +<p>Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer +Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit +zu sagen: »Unsere gute Claire hat sich eine Zeit lang etwas +vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die Alte.«</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<span class="pagenum">290-3</span> + <h2 class="nobreak" id="Nach_dem_Tode"> + <span class="center">Nach dem Tode.</span> + </h2> + +<p>»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das +grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden +hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie +behaupten, das Schönste, das es auf Erden giebt, dann würde es Ihnen in +meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich +niemals kennen gelernt habe.«</p> + +<p>Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges +Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond +empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere +Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte +er: »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich +darauf gefaßt: dieser Tage — morgen vielleicht, kommt er, wirbt um Ihre +Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«</p> + +<p>»Möglich, möglich.«</p> + +<p>»Und — Sie?«</p> + +<p>»Und ich fahre nach Wildungen.«</p> + +<p>»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief <span +class="pagenum">294</span> der Fürst triumphirend aus. »Sie werden zum +ersten Mal die Langeweile, am Ende sogar die Sehnsucht kennen lernen. +Sie werden sich sagen, daß Sie eines Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, +und —« er richtete sich auf — »die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir +wollen nicht fragen wie oft, angeboten habe. Seien Sie aufrichtig — +setzte er hinzu: »Könnten Sie wohl etwas Vernünftigeres thun?«</p> + +<p>»Vernünftigeres,« wiederholte die Gräfin langsam — »schwerlich.«</p> + +<p>»Nun denn!«</p> + +<p>»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe und jetzt sprechen Sie von +Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«</p> + +<p>»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und +Raison hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen — Sie und ich!«</p> + +<p>Marianne erhob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf +ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken, +einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren +Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«</p> + +<p>»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin +munter. »Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht +es gewiß zu ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgend einen +undankbaren Phaon, irgend einen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie +sich vor, wie Ihnen zu Muthe wäre, wenn Sie mich fänden <span +class="pagenum">295</span> in Verzweiflung wie Sappho, oder — wie Dido, +im Begriffe den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich das +vor!«</p> + +<p>»Das kann ich mir nicht vorstellen,« sprach der Fürst.</p> + +<p>»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine +falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens +einmal lieben. Im Gegentheil, die wahre, die furchtbare Liebe, gehört +zu den größten Seltenheiten und ihre Helden sind an den Fingern +herzuzählen, wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die +wir kleine Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleine Leute, wenn +wir nur wollen und bei Zeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertig zu +werden.«</p> + +<p>Der Fürst streckte mit würdevoll ablehnender Gebärde die Hand aus, +als wolle er diese Sophismen von sich weisen und antwortete: »Wir +werden fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.«</p> + +<p>Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine +breiten Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säculums trugen: +»Das hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt,« sagte sie.</p> + +<p>Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden +verstehe er nicht. Und in der That, dazu fehlte ihm das Talent +und — die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß +er trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger +Zeit, erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in +<span class="pagenum">296</span> den Tagen, wo diese Leidenschaft +am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht, ihm die Freude +zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden Anzahl +Hochwildes in seinen Thiergärten, an seinem ganzen fürstlichen +Junggesellen-Hausstand auf dem Lande wie in der Stadt.</p> + +<p>Klemens war nicht im Reichthum, sondern als ein aussichtsloser +Sprosse der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren +worden. Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, +brachte er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig, meist in +elenden Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er +alles Mißliche des durch »unfreie Associationen« gebildeten Standes +aus dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmuth eines +aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung +des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit +würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadrons-Commandant stand +bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen, +die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirath eines +anderen, ihn zum Eigenthümer des zweiten Majorats seines Hauses machte. +Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast +jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, +mit welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch +begann er nur allzubald an dem Werthe seiner Erfolge zu zweifeln. +Die Frage, die einen geborenen Majoratsherrn, der sich <span +class="pagenum">297</span> ohne sein Erbgut so wenig denken kann, wie +seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die Frage: »Was gelte +ich?« bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle Zuversicht, um all +sein unbefangenes Selbstvertrauen.</p> + +<p>Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ball-Atmosphäre, umrauscht +von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von +Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen, +und er schloß sich sofort der dicht gedrängten Reihe ihrer Bewerber +an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebeswürdigkeit sei +werthlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle, +die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal +von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der +Fürst war kaum in den Bereich von Mariannens Anziehungskraft gelangt, +als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit +leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen +sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr +beklommen, sehr bewegt — wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit — seinen +Heirathsantrag.</p> + +<p>Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, +verlangte die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter +Ruhe setzte Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter +triftige Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte +nicht mehr für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr <span +class="pagenum">298</span> Töchterchen keinen Stiefvater erhalten +durfte ... Und so weiter!</p> + +<p>Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit +zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter +Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an, +es verrieth sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus +diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber — wieder erwachten +seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war +zu groß um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend, +um nicht reiflichste Ueberlegung zu fordern. Die Unternehmungslust +des Fürsten sank von Neuem, als er von Neuem inne wurde, daß es sich +nicht darum handle zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne +traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem +Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm wo möglich noch mehr als im +verflossenen Jahre. Was waren Alle, deren Besitz ihm so leicht +erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der Einen Unerreichbaren? +Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem +man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem +Zuge, dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines +Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin +einmal sprechen gehört?</p> + +<p>Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten, +fügte es der Zufall, daß sie im <span class="pagenum">299</span> +selben Augenblick aus dem Tanzsaale in den luftigeren Raum eines +anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte sich wie gewöhnlich +schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und doch schien ihm, als +sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer gebreitet, der ihn +ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen die Frage erpreßte: »Wie geht +es Ihnen, Frau Gräfin?«</p> + +<p>Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie +nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens +wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht gethan, und als er sich +dessen besann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand +und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei +und drei Uhr Nachmittags immer zu Hause.«</p> + +<p>Von nun an wäre jeder fehl gegangen, der den Fürsten zu jener Stunde +anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er +erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf +den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch +zwei, durch — zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern, sie +nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf dem +Lande liebte es Gräfin Neumark einsam zu leben und nahm keine anderen +als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit zu Zeit +erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung, daß jeder +ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte. <span +class="pagenum">300</span> Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam +so weit, daß Marianne ohne grausam zu sein fragen durfte: »Wie ist mir +denn? Nun sind anderthalb Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine +Versorgung dachten. Ich scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit +... O wie muß ich aussehen!«</p> + +<p>Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit +an ihr vorüber gegangen und hatte ihr kaum Einen Vorzug der Jugend +geraubt. Ihr ganzes Wesen athmete die Frische, die nur denjenigen +Frauen bewahrt bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, +niemals schwere Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr +oder minder unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da +nachzudenken aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu thun.</p> + +<p>»Sie ist gut,« meinte der Fürst, »und doch nicht zu gut, gescheit +und doch nicht zu gescheit. — Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne.« +Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das +Ziel seiner Wünsche nicht erreichte — die besten Stunden seines Lebens +hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine +zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenüber saß und einen Vortrag hielt +über seinen Mangel an Beredtsamkeit.</p> + +<p>Marianne, die Hände über einander gelegt, hörte ihm scheinbar zu. +Sie mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn +plötzlich unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben +Sie <span class="pagenum">301</span> ihn heute schon gesehen? Kommt er +Abends auf den Ball?«</p> + +<p>»Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens, »er ist ja sicher, Sie +und Thekla dort zu finden.«</p> + +<p>»Sie gefällt ihm also, meinen Sie?«</p> + +<p>»Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über +verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese +Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.«</p> + +<p>Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, +als sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres +wünschen.«</p> + +<p>»Ja, der ist's,« meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn, +recht nach Ihrem Herzen.«</p> + +<p>»Und ein Mann nach Theklas Kopfe,« fügte die Gräfin hinzu.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der +Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und +keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte +ausgebildet, und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohlthätigkeit und +Großmuth hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen. +Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch +ohne Ueberlegung, vor Allem nie aus einer flüchtigen Wallung des +Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der +<span class="pagenum">302</span> Gouvernante ihrer Tochter, »weil +jede Wohlthat mit Undank belohnt wird, und weil wir den leichter +verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der Handlung, die ihn hervorrief, +nichts zu thun hatte.«</p> + +<p>»<i>Ah madame, à qui le dites-vous?</i>« antwortete Madame Zephirine +Dumesnil, wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von +Mariannens Reden völlig dunkel blieb.</p> + +<p>Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vortheil bedachte +Französin, die sich gegen Alles in der Welt, sogar gegen ihre +Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs, +geläufig englisch und französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit +Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein +Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »<i>un port de reine</i>« +bekam, da gerieth ihre Erzieherin zu Zeiten in Ausbrüche einer seltsam +kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge +Dame.</p> + +<p>Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür +verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich sammt und sonders auf +die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Comtesse, die bisher so +manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen, +ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen und sich mit einer bei +ihr ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. +Mit Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot +diese meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine +magere <span class="pagenum">303</span> Kuh auf fetter, oder eine +fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine Ziege tiefsinnig durch +die schauerliche Stille der Einöde, da ragte aus dem Abgrund eine +schmale Klippe empor und auf derselben stand eine Gemse, mit Füßen, +zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten Feldsessels.</p> + +<p>So oft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben +fertig gewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen +Fauteuil, der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, +stützte die Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. +»Damit ich sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann —,« sagte er, +blickte zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk +empor und fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte +zuckte: »Schau, schau unser Comtesserl! ... Aber was macht denn die +Bank mitten auf der »Straßen«? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! — Also +nur fort so — das heißt: ganz anders ... ich mein' halt nur in der +Ausdauer. Geduld überwindet Sauerkraut.«</p> + +<p>Madame Dumesnil warf ihm einen indignirten Blick zu, Thekla jedoch +nahm Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem +Eifer an die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff +manchmal einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg +verwischte er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer +Emsigkeit abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, +<span class="pagenum">304</span> und Madame Dumesnil, auf solche, ihr +von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit eifersüchtig, nahm den Maler +»<i>en horreur</i>.«</p> + +<p>Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, +etwas Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der +Gräfin und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf +Mariannens Bett. Sie rief: »<i>Madame, madame — voilà!</i>« und deutete +mit »schauderndem Finger« auf eine Zeile, die an den Rand des Blattes +hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war +von anderer, ach von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand, ein +deutliches: »Ja!« geschrieben.</p> + +<p>Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde +weiß, wie das Kissen, auf dem sie ruhte.</p> + +<p>»Dieses Blatt,« keuchte Zephirine; »dieses Blatt war bestimmt, heute +dem Unverschämten übergeben zu werden ...«</p> + +<p>Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr +bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein +gelassen zu werden.</p> + +<p>Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, +wurde er an der Hausthür von dem Kammerdiener in Empfang genommen +und anstatt nach Theklas Lehrzimmer, nach dem Salon geleitet. Schon +das machte ihn stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, <span +class="pagenum">305</span> die ihm mit dem <i>corpus delicti</i> in der +Hand entgegen trat, ward ihm recht übel zu Muthe.</p> + +<p>»Herr Krämer,« begann Marianne mit gepreßter Stimme — »es ist +unwürdig von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, +und der burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau +standen einander fassungslos gegenüber.</p> + +<p>Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wieder gewann.</p> + +<p>»Frau Gräfin,« sagte er, auf das Blatt deutend, daß sie früher vor +ihm empor gehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten +zitterte. — »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Comtesserl ist +immer so schön roth worden, wenn ich gekommen bin, und so hab' ich mir +halt einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab' ich dabei nicht +gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel,« wiederholte er treuherzig.</p> + +<p>Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr +Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem +Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen +peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen +Unterricht im Malen mehr ...«</p> + +<p>Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! denn, wissen Sie, +Frau Gräfin, Talent hat sie gar kein's. Es ist schad' um die Zeit. Ich +hätt' Ihnen das eigentlich schon lang' sagen sollen, aber ich hab' mir +halt gedacht, bei Ihres Gleichen kommt es ja nicht darauf an.« <span +class="pagenum">306</span></p> + +<p>So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens +scheinbar, ihren Gleichmuth wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden +Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der +Theklas »Ja« natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes +Couvert.</p> + +<p>Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang +den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte +dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das +hab' ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, +bat »dem Comtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten und ging seiner +Wege.</p> + +<p>Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, +und sich in der Thür umgewandt, ihm würde ein Anblick zu Theil geworden +sein, dessen sich Niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen +konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen +gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Thränen überströmt. — —</p> + +<p>Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater +kommenden Damen mit dem Thee erwartet. Marianne trat vor den +Pfeilerspiegel um ihre Coiffüre abzunehmen. Sie stand abgewandt von +ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte, und +auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe +fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im +Spiegel sehen. <span class="pagenum">307</span></p> + +<p>Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung, sprach die +Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat +abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu +verlieren ... Er meint, Du hättest kein Talent, armes Kind.«</p> + +<p>Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röthe des Unwillens +flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie +zu rascher Antwort, aber — sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer +stolzen Bewegung in den Nacken und — schwieg.</p> + +<p>Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffüre zu Stande +gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in +eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla +nicht theilnahm.</p> + +<p>Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung, +dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer +unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und +gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit +Herrn Krämers improvisirter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich +ihres so rasch ertheilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte, +und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem, oder von einem +Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an +Selbstmord zu denken.</p> + +<p>Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, <span +class="pagenum">308</span> unbegreiflich tiefen Eindruck, machte diese +Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter.</p> + +<p>Das kleine Ereigniß, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin +zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß +schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin. +Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe +dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war; +einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem +Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu +gewinnen wußte und sich plötzlich — sehr zur Beruhigung ihrer Eltern +— von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes +Verhältniß mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute, +die behaupteten, vielleicht ohne es selbst zu glauben, die Gräfin habe +ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese +schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe +mit einem ehrenwerthen Manne überdauert und den einzigen Schatten +geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem +Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie, und blieb in dieser +Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber +machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne +durch Theklas kindische Herzensverirrung versetzt wurde. So ängstlich +behütet man ein geliebtes Haupt nur vor selbst erfahrenem Uebel. Die +Gräfin stand Nachts auf und <span class="pagenum">309</span> wachte +stundenlang am Bette ihrer schlafenden Tochter. Sie führte eine +strengere Controle denn je, über die Bücher, die Thekla las, über die +Musikstücke, die sie spielte, einen lebhafteren Kampf denn je gegen +Ueberspanntheit und Schwärmerei. Und sie mußte sich endlich sagen, daß +dieser Kampf siegreich gewesen war.</p> + +<p>Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich, +und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten +Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die +Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid +minder Bevorzugter, und hielt mit kühler Majestät Jeden fern, der sich +aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor, in die ihre wagte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits +ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der +Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu +einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war Alles anders +gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll +Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen +Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen.</p> + +<p>»Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen +Vermögens ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater. <span +class="pagenum">310</span></p> + +<p>»<span class="gesperrt">Weil</span> er das ist,« lautete die +Antwort. »Vermögen ist Unvermögen in der Hand eines Menschen, der +nichts vermag. In meiner Hand zum Beispiel, in der Euren!«</p> + +<p>Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den +Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen +war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn +niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennen lernen; gerüstet +sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die +thätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte, ihn nicht zeitig genug auf +eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können.</p> + +<p>»Es mußte sein! es geschah für ihn!« damit tröstete der Graf sich +und seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen — +eine spät erfüllte Hoffnung — noch im Alter geschenkt worden war.</p> + +<p>Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf +sie alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren. +Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater +vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still +billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich, +das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener +Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt, +so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten +Rechte. Nach absolvirter Universität ging er nach England, <span +class="pagenum">311</span> um dort Agronomie zu studiren, und traf +endlich, heiß und ungeduldig ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im +Elternhause ein. Nun hieß es zeigen, was er gelernt hatte! es hieß +Neuerungen einführen, die wirthschaftlichen Zustände seines Erbgutes +verbessern, der ganzen Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer +Nachahmung. Der stumpfe Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, +das seinem guten Willen entgegengebracht wurden, entmuthigten ihn nicht +— lange nicht! Als er aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder +an die eingebildete und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen +Theorie und Praxis anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, +jeder seiner Mißerfolge mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm +die Geduld, und Ueberdruß stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht +durch die Unsicherheit der allgemeinen Lage, durch die trostlosen +Verhältnisse des ganzen Landes. Oesterreich stand damals am Abgrund, +an den die Sistirungspolitik es geführt; im Innern war der Hader der +Nationalitäten entbrannt, von außen drohten Kämpfe auf Leben und +Tod.</p> + +<p>In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, +mit ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten geschlossen hatte, fand +er kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und +er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt +in der Heimath in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die +Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als +gemeinen Soldaten <span class="pagenum">312</span> in ein Regiment +anwerben, das eben nach Italien abmarschirte. Auf dem Wege erreichte +ihn die Nachricht, daß ein Töchterchen ihm geboren sei, und daß er +seine Frau verloren habe.</p> + +<p>Nach beendetem Feldzuge quittirte Paul die Officierscharge, zu +welcher er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und +nahm im Reichsrathe seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. +Sein Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, +erregten Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man +auf Rechnung seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde +als eine Art Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den +Augenblick schon finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In +der Gesellschaft sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine +bevorzugte Stellung. Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettirten +Boden des Salons. Er hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht +Thekla darin zu finden gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren +<span class="gesperrt">die</span> für einander geboren, urtheilte +ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen berechtigt, beide jung, +schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich gesegnet. Namen, Rang, +Verhältnisse in vollkommenster Uebereinstimmung. Mit der Unbefangenheit +eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht besorgt, legte Sonnberg +seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem Wohlgefallen wurde +sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas traten zurück, und +jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten erlosch, <span +class="pagenum">313</span> als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die +Frage: »Wie gefällt sie Ihnen?« antworten hörte:</p> + +<p>»Wie das Schönste, das ich jemals sah!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Ball, auf dem Fürst Klemens eine entscheidende Wendung seines +Schicksals zu erleben hoffte, ging zu Ende; er war der letzte und +zugleich der glänzendste dieser Saison. Marianne erwartete nur +den Schluß des Cotillons, um das Fest zu verlassen, und dieselbe +Absicht hatte Sonnberg ausgesprochen, der an ihrer Seite sitzend dem +Tanze zusah. Sie führten ein eifriges Gespräch, das die Gräfin von +allgemeinen Gegenständen auf besondere, und endlich auf persönliche +zu lenken verstand. Paul bemerkte bald, daß er einem kleinen Verhör +unterzogen wurde, doch geschah dies in so freundlich theilnehmender +Weise, daß es unmöglich war, auf eine Frage die Antwort schuldig +zu bleiben. Besonders warm und herzlich lauteten die Erkundigungen +Mariannens nach den Eltern Sonnbergs und nach seinem Töchterchen; +sie wollte wissen, ob die Kleine ihrer verstorbenen Mutter +ähnlich sehe; sie wollte etwas hören von ihrer Gemüthsart, ihren +Eigenthümlichkeiten.</p> + +<p>Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen Mund, und er entgegnete: +»Sie lag in Windeln, als ich sie zum letzten Male sah; ich kann Ihnen +demnach über das Aeußere der jungen Person nichts verrathen. Ihre +Eigenthümlichkeiten aber, ihre Gemüthsart werden wohl die der Leute +ihres Alters sein.« <span class="pagenum">314</span></p> + +<p>»Und die ihrer eigenen kleinen Individualität.«</p> + +<p>»Individualität? Ich denke, daß sie noch keine hat. Zu drei Jahren +sind alle Kinder einander gleich.«</p> + +<p>»Nicht zwei,« sprach die Gräfin bestimmt, »auf der ganzen Erde nicht +zwei!«</p> + +<p>»Wahrhaftig?« versetzte er zerstreut. Sein Auge verfolgte mit dem +Ausdruck eifersüchtigen Entzückens die schöne Thekla, die jetzt in den +Armen ihres Tänzers an ihm vorüber wirbelte.</p> + +<p>Marianne verglich die heiße Leidenschaft, die aus seinen Blicken +funkelte, mit der Kälte, die sie angefröstelt hatte, als er von seinen +Eltern, seinem Kinde sprach und dachte: — Was für eine Art Mensch bist +Du eigentlich? Es liegt Etwas Unfertiges, Unaufgeschlossenes in Dir. +— Ah! tröstete sie sich, er hat zu viel in Büchern gesteckt; er kennt +das Leben nicht. Die Schule und ein einsames Schloß auf dem Lande, das +war bisher seine ganze Welt. Er steht zum ersten Male im Menschengewühl +und mit all' seiner Weisheit ist er doch nur ein Neuling darin. Aber +— wo hat er Wurzeln geschlagen? Was ist sein eigentliches Element? +Die Familie nicht, er scheint sehr gleichgültig gegen Alle, die ihm +angehören. Wahrlich, ein Mann, der Mariannen auf dem Balle von den +Süßigkeiten des Familienlebens vorgesäuselt hätte, wäre ihr lächerlich +vorgekommen; aber so trocken wie dieser Sonnberg es that, sollte +Niemand diejenigen abfertigen, die ihn an die Seinen erinnern.</p> + +<p>Die Gräfin sah ihn von der Seite an: — Verwöhnt <span +class="pagenum">315</span> wurdest Du, das ist's! Zuerst durch das +Glück, das Dich mit Talent reich ausgestattet hat und mit Mitteln, +es geltend zu machen, dann durch übergroße Liebe. Als eine Last +empfindest Du sie und meinst genug zu thun, wenn Du sie nur duldest, +nur erträgst.</p> + +<p>Wieder betrachtete sie ihn, forschend, aufmerksam. Sein Gesicht +drückte die höchste, erwartungsvollste Spannung aus. »Wahltour!« hatte +der Vortänzer gerufen — Thekla, eben erst an ihren Platz zurückgeführt, +erhob sich. Mehrere junge Leute eilten herbei, umringten sie, und +jeder flehte: »Wählen Sie mich! — mich!« Sie schüttelte verneinend den +Kopf; der Kreis, der um sie geschlossen worden war, theilte sich, und +sie ging, an all' den Enttäuschten vorbei, langsam, in gleichmäßigen +Schritten die Breite des Saales durchschreitend, auf Sonnberg zu. +Und nun, anmuthig und stolz in ihrem duftigen Gewande, die Wangen +rosig angehaucht, die herabhängenden Hände leicht in einander gelegt, +stand sie vor ihm und grüßte ihn mit einem kaum merkbaren Neigen des +Hauptes. Er sprang auf — aus seinem Antlitz war alle Farbe gewichen +— er zitterte, ja, er zitterte! wie nach Athem ringend hob sich +seine Brust ... Im nächsten Augenblicke jedoch hatte er sich gefaßt, +umschlang die reizende Gestalt, und sie flogen im raschen Takte der +Musik dahin, von allen, die sich in dem leuchtenden Saale lebensdurstig +und lebensfreudig im Tanze bewegten, das schönste Paar. <span +class="pagenum">316</span></p> + +<p>An der Seite dieses Mannes nahm sich Mariannens blühende Tochter +beinahe schmächtig aus, aber friedliche Ruhe lag auf ihrer Stirn, +gleichmüthig wie immer glänzten ihre klaren blauen Augen, während die +seinen zu glühen schienen, und sein ganzes Wesen eine gewaltige, tiefe, +seelige Verwirrung verrieth.</p> + +<p>Die Gräfin fühlte die bange Sorge schwinden, die ihr Herz beklemmt +hatte. — Die wird ihn nicht verwöhnen, sagte sie zu sich selbst, der +zweiten Frau wird er sich beugen! ...</p> + +<p>Ein hagerer, hochgewachsener Mann, der sich ihr näherte, unterbrach +sie in ihren Betrachtungen.</p> + +<p>»Er tanzt!« sprach er, auf Sonnberg deutend, »die Statue des +Comthurs steigt von ihrem Piedestal herab und tanzt!«</p> + +<p>Marianne wandte sich langsam beim Klange der wohlbekannten Stimme +und entgegnete: »Das ist weniger verwunderlich, Herr von Rothenburg, +als daß Sie kommen, um ihr zuzusehen.«</p> + +<p>»Deshalb komme ich auch nicht, sondern um, wie gewöhnlich, meine +Betrachtungen zu machen beim Schluß unserer Carnevals-Ausstellung, +unseres Kindermarktes von Bethnall-Green.«</p> + +<p>Die Gräfin zuckte schweigend mit den Achseln; er nahm ohne Umstände +Platz neben ihr und fuhr fort: »Immer dasselbe, nicht wahr? Angebot und +Nachfrage stimmen niemals überein.«</p> + +<p>Wie Kurzsichtige pflegen, zog er seine kleinen tiefliegenden <span +class="pagenum">317</span> Augen zusammen und fixirte Marianne mit +eigenthümlich scharfem Blicke.</p> + +<p>»Was fehlt Ihnen, Frau Gräfin? Sie sind aufgeregt. Sollte das +Ereigniß, das bevorsteht in Ihrer Familie, sich Ihrer unbedingten +Zustimmung nicht erfreuen?«</p> + +<p>Sie versuchte nicht Unbefangenheit zu heucheln und zu thun, als +verstände sie ihn nicht. Sie antwortete einfach: »Es ist keineswegs +ausgemacht, daß überhaupt ein Ereigniß bevorsteht.«</p> + +<p>»Um so besser dann,« sprach er.</p> + +<p>»Warum?« fragte Marianne befremdet.</p> + +<p>Er lachte: »Warum? Bin ich der Mann, von dem man Gründe fordert? ... +Und wenn ich von meinem ahnungsvollen Gemüthe spräche, würden Sie mir +glauben?«</p> + +<p>Eine kleine Pause entstand, dann sagte Marianne wie mit plötzlichem +Entschlusse: »Was haben Sie gegen den Grafen Sonnberg?«</p> + +<p>Rothenburg antwortete spöttisch: »Alles. Daß er jung ist, daß er +reich, schön, vornehm ist, daß er ...«</p> + +<p>»Den Ruf eines gescheiten Mannes besitzt,« ergänzte die Gräfin in +demselben Tone.</p> + +<p>»Den ihm alberne Leute gemacht haben — und der deshalb +unerschütterlich ist. Uebrigens,« fuhr er ernsthaft fort, »glauben Sie +nicht, daß ich ihn unterschätze. Er besitzt ein kostbares und trotz +der Behauptung unserer Psychologen äußerst seltenes Gut: eine Seele. +Vorläufig ist ihm das noch ein Geheimniß — er weiß es nicht. Aber der +<span class="pagenum">318</span> Augenblick wird kommen, in welchem +er's erfährt, und dieser wird für ihn ein entscheidender sein.«</p> + +<p>Mit gesenktem Haupte hatte Marianne seinen Worten gelauscht, die +beinahe völlig ihre eigenen Gedanken aussprachen.</p> + +<p>»Sie rathen mir also —« fragte sie zögernd.</p> + +<p>»Zu mißtrauen!« rief er, »dem Schicksal immer dann am ängstlichsten +zu mißtrauen, wenn es ein ungetrübtes Glück zu verheißen scheint. Die +boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder +den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen +könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo +ich äußere Uebereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer +Zwiespalt.«</p> + +<p>»Etwas geb' ich zu von alledem,« sprach Marianne, »ohne deshalb an +Ihre »boshaften Mächte« zu glauben. Und — vollkommenes Glück! wer denkt +daran?«</p> + +<p>»Nicht wahr?« rief er, »besonders in unserem tugendreichen +Zeitalter, das jedes andere Glück verbietet als das pflichtmäßige.«</p> + +<p>»Das haben frühere Zeitalter wohl auch gethan.«</p> + +<p>»O nein! Als noch Leidenschaft, Kraft und Muth auf Erden herrschten, +da war es anders. Naivetät <span class="gesperrt">ent</span>schuldigte +die Schuld. Munter verübten die alten Götter ihre Frevel, und die +Menschen ahmten ihnen unbefangen nach. Wenn Antonius und Kleopatra +sündigten, applaudirten zwei Welttheile. Jetzt schleicht die Sünde +lichtscheu umher, und feige Reue heftet sich an ihre Fersen. Wir, +<span class="pagenum">319</span> denkende Schwächlinge, entnervt durch +die Reflexion, wir verstehen auch das schönste Verbrechen nicht mehr zu +genießen.«</p> + +<p>»Verbrechen genießen? ... Das sind wieder ganz Sie selbst!« sagte +Marianne.</p> + +<p>Die Gereiztheit, die aus ihrer Stimme klang, schien Rothenburg ein +lebhaftes Vergnügen zu machen. »Immer nur ich! Mehr denn je!« scherzte +er, »seitdem die einzige Hand, die sich zu meiner Rettung ausstreckte, +mich aufgegeben hat — völlig aufgegeben. Nicht wahr?«</p> + +<p>Marianne begegnete seinem höhnisch herausfordernden Blick; ein +Ausdruck unerbittlicher Strenge lag auf ihrem Gesichte; ihre Augen +glänzten wie im Bewußtsein eines Sieges, und sie sprach gelassen: »Sie +haben sich eben theilnehmend und besorgt um Theklas Wohl gezeigt, was +treibt Sie, diesen guten Eindruck zu verwischen?«</p> + +<p>»Mein böser Dämon vermuthlich, « antwortete er in leichtfertigem +Tone. »Aber lassen wir das. Frieden also und ewige Freundschaft!«</p> + +<p>»Frieden,« wiederholte sie nachdrücklich, »so guten, als Sie fähig +sind zu halten. — Da kommt Thekla!«</p> + +<p>Marianne erhob sich und ging ihrer Tochter entgegen, die am Arme des +Fürsten Klemens auf sie zugeschritten kam. Einen Augenblick starrte +ihr Rothenburg finster nach: »Doch schade!« murmelte er zwischen den +Zähnen, dann wandte er sich um, mit einer Bewegung, als gälte es, eine +unbequeme Last abzuschütteln, und verschwand in der Menge, die den +Gemächern zuströmte, in denen das Souper aufgetragen worden. <span +class="pagenum">320</span></p> + +<p>Die kleine Gesellschaft, die sich noch im Ballsaale befand, schickte +sich an, ihn zu verlassen. Sie bestand aus der Gräfin und ihrer Tochter +und aus Eberstein und seinem Neffen. Dieser, ein junger Mann mit rundem +Kindergesichte, treuherzigen braunen Augen, weit aus einander stehenden +Zähnen und einem dünnen lichtblonden Vollbärtchen, bot nun Thekla +seinen Arm, während Marianne den des Fürsten annahm.</p> + +<p>Das junge Paar ging dem älteren voran. Schüchtern und leise, dabei +jedoch höchst eifrig sprach der kleine Graf zu seiner schweigenden +Gefährtin.</p> + +<p>»Er macht ihr Vorwürfe,« sagte der Fürst, als sie über die +blumengeschmückte Treppe der Halle hinabgestiegen. »Er hat Ursache +dazu; sein gutes Recht wäre gewesen, den Cotillon, den er mit ihr +tanzte, auch mit ihr zu beschließen. Der arme Junge wartete so +ungeduldig, daß sie ihm zurückkehre! Aber, als es endlich geschah, da +wurde seine Aufforderung zur letzten Walzertour — abgelehnt. Ja, ja — +abgelehnt! Majestätisch, wie sie sein kann, die junge Hexe, sprach sie: +»Ich danke Ihnen — ich tanze heute nicht mehr ...«.«</p> + +<p>»Das hat Thekla gesagt?« fragte die Gräfin erschrocken.</p> + +<p>»Ja wohl!« entgegnete Klemens fröhlich, »und mit einem Blick auf den +glückstrahlenden Sonnberg, einem ernsten, huldvollen Blick; ich wollte, +Sie hätten ihn gesehen! Verrathen Sie mich aber nicht!« flüsterte er +Mariannen zu. <span class="pagenum">321</span></p> + +<p>Der Wagen war vorgefahren, die Damen stiegen ein. »Morgen also, um +zwei Uhr, kommen wir,« rief ihnen der Fürst noch zu, und die Equipage +rollte davon.</p> + +<p>»Warum sagen Sie <span class="gesperrt">wir</span>?« fragte Alfred, +»wer begleitet Sie morgen zu der Gräfin?«</p> + +<p>Klemens zog sein Cache-nez bis zu den Ohren hinauf und erwiderte +kurz: »Sonnberg begleitet mich.«</p> + +<p>»Wie, lieber Onkel — Sie machen sich zu seinem Freiwerber?« sprach +Alfred vorwurfsvoll — »Sie! ... Und wissen doch ...«</p> + +<p>»Ich kann in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf Dich nehmen. +Ich kann in dieser Sache nichts für Dich thun. Es war ein Unsinn, daß +Du Dich in Gräfin Thekla verliebtest ... Zum Teufel, ehe man sich +verliebt, sieht man zu in wen?« Das Gespräch, das er heute Morgen mit +Mariannen gehabt, kam dem Fürsten sehr zu Hülfe, und er schloß: »Mit +dieser Empfindung mußt Du trachten fertig zu werden. Das kann man. Man +muß nur bei Zeiten zum Rechten sehen.«</p> + +<p>Unterdessen hatte Paul, der seinen Wagen fortgeschickt, zu Fuß den +Heimweg angetreten. Ihn lockte der Gang durch die schneebedeckten +Straßen in der stillen Winternacht. Erquickt von der kalten Luft, +die ihn anwehte, sog er sie tiefathmend ein und begann gewaltig +auszuschreiten. Wie groß und weit war ihm das Herz! Als hätte ein Bann +sich gelöst, der auf ihm ruhte, so fühlte er sich; als wären ungeahnte +Fähigkeiten in ihm erwacht. <span class="pagenum">322</span></p> + +<p>— Das ist das Glück! das ist die Liebe! — jauchzte es in seiner +Brust. Was hatte er bisher für den Inhalt des Lebens gehalten? Einen +Ehrgeiz, den Tausende besaßen, das Jagen nach Zielen, die andere so gut +wie er erreichen konnten. Von dem alles verklärenden Licht, von der +Krone des männlichen Daseins, von der Liebe zu einem Weibe, davon hatte +er nichts gewußt. Wohl war er angebetet worden von Kindheit an, hatte +schwärmische Neigungen eingeflößt, erwidert aber hatte er noch keine +der liebevollen Empfindungen, die ihm entgegen getragen wurden. Und +jetzt — wie aus dürrem Waldesboden die Lohe bricht, wie Feuerfluthen +emporsteigen aus dem felsenstarrenden Berge, so flammte jetzt in seiner +Seele die Leidenschaft plötzlich auf. Sie war erwacht, ein göttliches +Wunder; das schöne Geschöpf, das er eben in seinen Armen gehalten, +hatte sie geweckt, zu niemals geahnter Wonne ...</p> + +<p>Eine Regung von Mitleid erwachte in ihm — wie ein Schatten zog +die Erinnerung an seine verstorbene Frau durch sein Gemüth. Aber +selbst dieser leichte Schatten, den eine trübe Vergangenheit über +die leichtströmende Gegenwart gleiten ließ, verflog. Was ist eine +wehmüthige Erinnerung im Augenblick der seligsten Erfüllung? ... +Vorbei! vorbei! Friede mit den Todten, und Glück und Macht mit den +Lebendigen!<span class="pagenum">323</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am folgenden Tage, um zwei Uhr, ließen Eberstein und Sonnberg +sich bei der Gräfin anmelden. Klemens trug eine Zeitlang die Kosten +der Unterhaltung, gestand aber plötzlich, daß er heute nur gekommen +sei, um zu gehen, da eine Verabredung mit seinem Geschäftsmanne ihn +an das andere Ende der Stadt rufe, und verabschiedete sich mit einem +freudestrahlenden Blick auf Marianne und einem Blick voll väterlichen +Wohlwollens auf Paul.</p> + +<p>Von ihrem Fenster aus, das in den hellen, geräumigen Hof hinabging, +hatte Thekla die beiden Herren kommen und den Fürsten sich nun +entfernen gesehen. Sonnberg war allein bei ihrer Mutter. Jetzt, ganz +gewiß jetzt, stellt er seinen Antrag. Er sagt, daß er von Thekla dazu +berechtigt sei. Eine Pause! eine halbe Minute Pause: Der Anstand will's +und so gehört es sich. — Das Mädchen sah nach der Uhr auf dem kleinen +Schreibtisch. Die halbe Minute war vorbei, und Mama spricht vielleicht +in diesem Augenblicke: »Ich vertraue Ihnen die Zukunft meiner einzigen +Tochter an ...« Die gute Mama! Theklas rosige Lippen, die sich soeben +mit einem prächtigen Ausdruck muthwilliger Ueberlegenheit aufgeworfen +hatten, verzogen sich ein klein wenig, wie die eines verwöhnten +Kindes, dem man ins Gewissen redet und das mit seiner Rührung kämpft. +Ihre Pulse begannen rascher zu schlagen, eine nie gefühlte Bangigkeit +beengte ihre Brust. Sie erhob sich, trat an das Fenster und blickte +hinab in den Hof.</p> + +<p>Da steht Sonnbergs Equipage. Ein kleines dunkles <span +class="pagenum">324</span> Coupé, leicht und solid gebaut, vor Neuheit +funkelnd. Der Kutscher sitzt steif auf dem Bocke, hält mit der rechten +Hand den Stiel der Peitsche auf den Schenkel gestützt und in der linken +die Zügel. Man sieht's ihm an, daß er lieber sterben als die Augen von +seinen Pferden wenden würde. Ei, sie sind dieser Aufmerksamkeit wohl +werth, die zierlichen Rappen mit ihren feinen Köpfen, ihren schlanken +Hälsen, mit den geschmeidigen, stählernen Fesseln. Ihr seidenes Haar +ist schwarz wie die Nacht, und wie Mondlicht schimmert sein Glanz. Sie +stampfen mit spielender Grazie den Boden und blasen übermüthig die +Nüstern auf als fühlten sie, daß ein Kennerauge auf ihnen ruhte ... +Thekla hatte ihre Mutter oft ungeduldig gemacht durch die Behauptung: +um zu wissen, was an einem Menschen sei, brauche sie nur — seine +Equipage zu sehen. An das erschrockene: »Ich bitte Dich!« das Marianne +bei dieser Gelegenheit auszustoßen pflegte, dachte Thekla jetzt und +hielt in Gedanken eine kleine Rede an ihre Mutter: »Sieh dorthin und +wage es, mir Unrecht zu geben. Sieh diesen Wagen, dieses Gespann, diese +Riemen, diese Schnallen! Ist das nicht alles korrekt und tadellos, +pünktlich, charaktervoll? Auch Klemens hat englische Coupés und Pferde +aus edelstem Blut, aber wie ist das alles zusammengestellt? Ohne +rechten Geschmack, ohne die Strenge, die unerbittlich auf Sorgfalt bis +ins Kleinste dringt. Der Weichling verräth sich überall!«</p> + +<p>Sie wandte sich vom Fenster weg und begann im <span +class="pagenum">325</span> Zimmer auf und ab zu schreiten. Ihre +Phantasie zauberte ihr einen noch viel schöneren Anblick vor als den, +welchen sie eben genossen: die Equipage der Gräfin Sonnberg, und bald +auch das Palais, durch dessen Einfahrt diese Equipage rollte, während +die Glocke dreimal anschlug und der dicke Portier sich ehrerbietig +verneigte, in seinem rothen Pelze mit goldgesticktem Bandelier ... Roth +und gelb sind die Sonnbergischen Farben, das Wappen ist eine goldene +Sonne, aufsteigend am purpurnen Horizont. Dieses Sinnbild prangt über +dem Thore des majestätischen Bauwerks, eines Juwels alterthümlicher +Architektur, des Palais, dessen Gebieterin sie werden sollte, +Gebieterin des Gebieters und aller, die dem Gebieter dienten ...</p> + +<p>Thekla war an Reichthum und Behagen gewöhnt, aber im Wittwenhause +ihrer Mutter hatte sich allmälig ein Domestiken-Regiment und mit ihm +so mancher Mißbrauch eingeschlichen. Es fehlte der kräftige Mann, +der die Herrschaft in starken Händen hält. Graf Sonnberg wird das +verstehen, er wird für die Ordnung und nach Außen für den Glanz seines +Hauses sorgen. Den Mittelpunkt dieses Glanzes gedenkt Thekla zu +bilden und von ihm umgeben sich der Welt zu zeigen, in der Stadt zur +Winterszeit, im Sommer auf ihren Schlössern ... Dort will sie leben +wie der Adel im vorigen Jahrhundert auf seinen Schlössern zu leben +pflegte, einen zahlreichen Freundeskreis gastfrei um sich versammeln, +täglich neue Feste ersinnen, den Hasen jagen auf der Haide, den <span +class="pagenum">326</span> Hirsch im Walde und sich lächelnd der Zeiten +erinnern, in denen sie in Wildungen zwischen ihrer Mutter und Madame +Dumesnil saß und Weihnachtsjacken und Neujahrshauben für die armen +Dorfkinder häkelte und strickte.</p> + +<p>Die Uhr auf dem Schreibtische hob aus zum Stundenschlag ... drei +Uhr ... die Unterredung zwischen dem Grafen und ihrer Mutter dauerte +lang — was hatten sie einander zu sagen? ... Ihr wurde angst — sollten +alle ihre schönen Träume in Luft zerrinnen? ... Aber da pochte es an +der Thür, der Kammerdiener erschien und sprach: »Die Frau Gräfin lassen +bitten ...«</p> + +<p>Thekla fand ihre Mutter im kleinen Salon, an ihrem gewöhnlichen +Platze, in ihrer gewöhnlichen Haltung, aber mit gerötheten Wangen, ja +sogar mit leicht gerötheten Augen. In hoher Erregung schritt Sonnberg +auf das junge Mädchen zu, er war sehr bleich, und seine Lippen +bebten.</p> + +<p>»Ihre Mutter theilt Ihr Vertrauen zu mir nicht, Gräfin Thekla,« +sprach er. »Sie verurtheilt mich zu einer Probezeit ... Ich soll dienen +um mein Glück. Sie will es.«</p> + +<p>Thekla runzelte die Stirn, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und +sie entgegnete leise, aber festen Tones: »Und was wollen Sie?«</p> + +<p>Paul ergriff ungestüm ihre Hand: »Ich will mich bemühen,« +rief er, »die Probezeit möglichst abzukürzen ...« <span +class="pagenum">327</span></p> + +<p>»Sie fügen sich also,« sagte Thekla und schüttelte mißbilligend das +Haupt.</p> + +<p>»Ich füge mich, da ich die Zustimmung Ihrer Mutter nicht erzwingen, +und noch viel weniger — Ihnen entsagen kann ... Helfen Sie mir,« flehte +er leidenschaftlich, »helfen Sie mir den hohen Preis, den ich im Sturme +erringen wollte, nun wenigstens nicht zu verscherzen! ... Ich will +alles lernen, sogar geduldig sein, wenn Sie mir liebevoll zur Seite +stehen, ich will alles thun, um mich allmälig Ihrer werth zu zeigen, — +nicht nur zu zeigen, es zu werden, so sehr mir dies überhaupt möglich +ist, denn ganz und völlig Ihrer werth ist kein Mann auf Erden — das +weiß ich wohl.«</p> + +<p>Er sprach abgebrochen, hastig, und Thekla trat einen Schritt zurück, +erstaunt, erschrocken über den Sturm heißer Empfindungen, der in ihm +zu kämpfen schien. Seine Blicke ruhten auf ihr, beschwörend: Sprich! +Antworte mir! ... Aber Thekla verstand ihre glühende Sprache nicht, +denn sie schwieg. Sie stand da um einen Ton blässer als gewöhnlich, sie +dachte: Das ist peinlich; und als sie die gesenkten Augen erhob, war es +nicht zu ihm, der darauf harrte wie auf die Erlösung, sondern zu ihrer +Mutter — war es rathlos und hülfesuchend ...</p> + +<p>Marianne erhob sich, ging auf Sonnberg zu und legte beschwichtigend +die Hand auf seinen Arm.</p> + +<p>»Sie sind ein Kind, mein lieber Graf,« sagte sie, »trotz +Ihrer dreißig Jahre, trotz Ihres großen Verstandes.« <span +class="pagenum">328</span></p> + +<p>»Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht +aber auch weich, nachgiebig und gehorsam ... Ich kenne mich selbst +nicht mehr — Sie haben ein Wunder gethan, Thekla!« rief er und breitete +die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner Brust, im +nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer Mutter +getreten, verwirrt, in großer Bestürzung.</p> + +<p>»Thekla!« wiederholte Sonnberg.</p> + +<p>Marianne beeilte sich dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen +schwebte: »Vergessen Sie nicht,« sprach sie, »daß Menschen nur unbewußt +Wunder thun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt,« setzte sie +lächelnd hinzu.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In der Stadt ließ sich's Niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt +seien, daß ihr Brautstand nur noch, aus irgend einem unbekannten +Grunde, nicht declarirt werde. In der That brachte Sonnberg täglich +einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er +Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn.</p> + +<p>Thekla blieb sich immer gleich.</p> + +<p>Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig +und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und +widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urtheile zu wiederholen, +die er gefällt <span class="pagenum">329</span> hatte. Eine Zeitlang +begnügte er sich mit diesem für ihn so schmeichelhaften Begegnen, nach +und nach aber begann er hinter all' dieser Rücksicht und Fügsamkeit +große Kälte zu ahnen. Gräßlich durchblitzte ihn, glückvernichtend ein +Zweifel an Theklas Liebe. Sein ganzes Wesen empörte sich dagegen, und +wie einen Gedanken an erlittene Schmach wies Paul ihn von sich.</p> + +<p>Aber einige Bitterkeit blieb doch zurück, ein unwiderstehlicher +Wunsch, die Geliebte zu reizen, zur Ungeduld zu bringen, den heiteren +Gleichmuth zu stören, der ihn anfangs entzückt hatte, und der ihm +jetzt ein Frevel schien an seinen eignen Gefühlen, an der Sehnsucht, +die er um sie litt, an der schwer erkämpften Geduld, zu welcher er +sich zwang, er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des +raschen Erfolges, der nie gelernt hatte zu warten und zu werben, dem +man niemals Nein gesagt, er, Paul Sonnberg!</p> + +<p>Als Thekla das nächste Mal einer von ihm aufgestellten, sehr +unhaltbaren Behauptung nicht widersprach, rief er herausfordernd und +herb: »Das ist meine Meinung, sagen Sie jetzt die Ihre!« Sie erhob +die großen Augen zu ihm voll bestürzter Verwunderung, senkte dann +hocherröthend den Blick und schwieg. Jede Frage, die er noch an sie +stellte, beantwortete sie kleinlaut mit Ja oder Nein, wohl auch — +mit Ja <span class="gesperrt">und</span> Nein. Paul blieb während +der Dauer seines Besuches unruhig, bitter, und ging endlich, von +tausend widerstrebenden Empfindungen erfüllt und gequält. <span +class="pagenum">330</span></p> + +<p>Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla +allein. Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen +Salon, ihre Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser +beschäftigt noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem +Tischchen lag. Sie saß unbeweglich da, wie eine Statue, Ebenmaß in +jeder Form, Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich +und ging ihm entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer +anbetungswürdigen Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe +durchwacht, seine Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er +erwartete Thekla verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges, +kindisches Gebahren, er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte +es! ... Statt dessen begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als +wäre ihr Einvernehmen nicht durch den leisesten Schatten getrübt +worden. Sogleich stieg, mit unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm +auf: »Hab ich nicht einmal die Macht, ihr weh zu thun?« — doch bezwang +er sich und sprach ruhig: »Thekla, ich war gestern widerwärtig, +unerträglich — können Sie mir verzeihen?«</p> + +<p>Sie wurde ein wenig roth, ein wenig verlegen und antwortete hastig +wie Jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich +bin ja gar nicht böse gewesen.«</p> + +<p>»Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer +Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir,« setzte er halb flehend, halb +herausfordernd hinzu. <span class="pagenum">331</span></p> + +<p>»Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden,« erwiderte Thekla, »da +Sie doch wissen ...« sie hielt inne.</p> + +<p>»Ich weiß,« rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie +fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla: +Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz +mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie +ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und +Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist +mein Glück das Ziel <a href="#331b" id="331a">Ihrer</a> Wünsche, wie +wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff der meinen ist ... Lieben Sie +mich?«</p> + +<p>Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie +ein dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick +nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der +ihre sich nach der Thür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich +eintreten zu sehen — niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich +herbeigewünscht! ...</p> + +<p>»Sie kommt,« sagt Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, +»beruhigen Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird +mich aber nicht hindern so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es thue ... +Weil ich muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie +heftig, ohne zu denken, daß er ihr weh that. Etwas Drohendes klang aus +seiner Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte.</p> + +<p>Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand <span +class="pagenum">332</span> aus der seinen und sagte: »Ich weiß nicht, +was Sie wollen.«</p> + +<p>»Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die +Ehrenhaftigkeit des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit +aus unaussprechlicher Liebe — ›Nein!‹ zu antworten, wenn sie diese +Liebe nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden +unglücklich sein — beide — wenn Sie mich nicht liebten. — Weisen Sie +mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich +ab!«</p> + +<p>Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und +ruhig — noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich +über ihr Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie +dieselben mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rothe +Flecken, die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert +hatten; sie erhob sich wund und weh, um Thränen zu verbergen, die er +fließen gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem +Anblick wandte, und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte +seinen Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe +steigen, steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen +und läutern, er fühlte in ihren göttlichen Gluthen alles schmelzen, +was in ihm an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte +... Er trat auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit +innigster Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog. <span +class="pagenum">333</span></p> + +<p>»Sagen Sie noch Ja?« fragte er leise.</p> + +<p>Sie nickte schweigend und sah ihn an.</p> + +<p>»Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: +Ja?«</p> + +<p>»Ich sage dennoch Ja,« erwiderte sie mit ihrem bezaubernsten +Lächeln.</p> + +<p>»So gehörst Du mir,« flüsterte er ihr zu, »so bin ich Dein — und ich +bin es ganz ... Gebiete! herrsche!«</p> + +<p>Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie +schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen — aber sie wagte es nicht ... +Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie +mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter +der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Thür, und Marianne +trat ein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vortheile, +meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich +bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine +Seele gekommen? Die Ungleichheit seiner Laune störte Theklas heitere +Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm +berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urtheil mehr +von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder +jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter +und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus <span +class="pagenum">334</span> zu citiren pflegte, der zur Theilnahme +aufforderte, ließ er jetzt ruhen. Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, +er gab sich ganz dem Zauber hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes +Wesen, den der Wohllaut ihrer Stimme auf ihn ausübten. Er begann +Geschmack zu finden an dem heiteren, unbekümmerten Leben im Hause +seiner zukünftigen Schwiegermutter und schwelgte in dem anmuthigen +Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um sich her zu verbreiten +weiß.</p> + +<p>Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme +Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung, fand +er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht, +sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt, wie ein +Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt, +den tiefen Sinn der großen Wahrheit: Nachdenken bricht das Herz!</p> + +<p>Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich +bin Ihnen entgegen gekommen,« sagte sie leise und lachend, »um Sie +abzuhalten bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin +Limberg, Sie wissen, die Wohlthäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat +sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten +aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen +Beschreibungen von dem Elende dort — man kann's nicht anhören. Gewiß, +sie übertreibt.«</p> + +<p>»Schwer möglich, in dem Falle,« sagte Paul; er <span +class="pagenum">335</span> wollte noch etwas hinzusetzen, aber sie +fiel ihm ins Wort: »Reden wir nicht davon, ich bitte Sie! Was nützt es +denn? Man kann nicht alle armen Leute reich machen. Wir geben, so viel +in unseren Kräften steht und beruhigen uns damit. Sich grämen über das +Elend, heißt ja nur es vermehren.«</p> + +<p>Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe +hatte er einst gesagt — ihm schien mit denselben Worten — zu seiner +jungen Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer +Schilderung hungernder und frierender Noth, der sie durchaus abhelfen +wollte. Die junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die +Hand auf die Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen +gesehen und war endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und +still ... Arme Marie! ...</p> + +<p>Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er +beistimmend sagte: »Ja, ja wohl,« eine zarte Gestalt zwischen ihm und +ihr dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. +Aber es war ja nur die Gestalt einer Todten, die er niemals geliebt, +und in der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der +Lebendigen, die er liebte!</p> + +<p>Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und +übte sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des +strengsten Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb +um so berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen <span +class="pagenum">336</span> Widerspruch, erhob aber dabei stets einen +Blick voll so liebenswürdiger Demuth zu ihrem Bewerber, daß dieser +wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen, damit ihm ein solcher Blick +öfter zu Theil würde.</p> + +<p>Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, +entsetzlich langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende +Paul nicht erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen +— und als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete +Fenster drang, und er einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause +werfend, ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt +sah, da überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling +gekommen war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches +auch das schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in +dessen Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn +lieben. Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem +greisen Ehepaare aufwuchs, liebevoller als er je gethan. Innig, wie +nie, fühlte er die Sorge für ihr Wohl in seinem Herzen Raum fassen. Sie +sollen alle neu aufathmen, Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in +ihr stilles Haus, wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, +die ihn lieben lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch +die ganze Welt — und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den +Vater, der Erde einen Menschen geschenkt.</p> + +<p>Er wird an Theklas Seite ein anderer sein als er <span +class="pagenum">337</span> in seiner ersten Ehe gewesen ist. Damals +hatte er eine Pein kennen gelernt, ärger fast als unglückliche Liebe: +die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht erwidert und doch +erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es gelobt ... Schlimm +genug, daß er sich dazu verleiten ließ! — Als Verwandte war Marie +ihm werth gewesen, aber als seine Frau, da fand er gar vieles an ihr +auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet durch mich! Immer +hatte man ihm gesagt, geborgen seien Alle, die ihm angehörten, sein +Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. — Warum empfand <span +class="gesperrt">sie</span> es nicht? Was wollte sie denn? Kurz +angebunden war seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand +er sich nicht auf zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. +Verweichlicht schalt er sie, anspruchsvoll, und wollte die leise +Stimme in seinem Innern nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr +unrecht thue ... Und wenn es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm +ein Räthsel — und er, der alles begreift, was die Weisesten denken und +die Edelsten empfinden ... sie begreift er nicht, er steht rathlos vor +diesem Kinde. —</p> + +<p>Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich +grollend ab. — —</p> + +<p>Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es +ihr Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegen lebt! In Theklas +Armen werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft +schmerzlich und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der +hellen Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, <span +class="pagenum">338</span> daß er einst ein Herz neben sich darben ließ +... Dieses Mal ist er der dürstende und verlangende! Thekla liebt ihn +nicht wie er sie liebt, wenn auch so sehr als sie zu lieben fähig ist. +Hatte sie ihn nicht gewählt aus freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr +erster Blick ihm gesagt: Du bist's — ihr Jawort es nicht bestätigt? +Was wollte er mehr als den Besitz ihres ganzen schönen Selbst? Sie +leidenschaftlicher wünschen, hieße sie anders wünschen und so, ganz so +wie sie war, bezauberte und entzückte sie ihn.</p> + +<p>»Bleib wie Du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ... +»Zärtlichkeit und Schwärmerei von Dir verlangen, hieße Duft und Blüthe +des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes +Licht von den leuchtenden Sternen ...«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Geräusch der sich öffnenden Thür weckte ihn aus seinen +Träumereien. Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend +vor Ungeduld trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das +Zimmer und sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht +kennen ... daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist Alles. Ein +nächstes Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß +es so schwer sei vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten ...« Das +Wort »liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend. <span +class="pagenum">339</span></p> + +<p>»Nun, Du bist da,« sagte Paul beschwichtigend, »und sehr +willkommen.«</p> + +<p>Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz +nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Ueberzeugung +verschafft, daß auch nicht <span class="gesperrt">ein</span> +ordentlicher Sessel vorhanden sei, auf dem sich »ein altmodischer +Landjunker, der gewohnt ist zu sitzen und nicht zu lümmeln«, mit +Annehmlichkeit niederlassen könnte.</p> + +<p>»Wo ist Dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in +inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort +abzuwarten, »nicht residenzfähig natürlich ... Hier braucht man ganz +andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente ...«</p> + +<p>»Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie,« unterbrach ihn Paul. +»Und nun erzähle! wie sieht es aus bei uns daheim?«</p> + +<p>Er hatte dem Gaste eine Cigarre angeboten, welche dieser mit einer +Art Entrüstung ablehnte.</p> + +<p>»Du rauchst nicht?« fragte Paul.</p> + +<p>»Nur meine Cigarren, wie Du wissen könntest,« antwortete Kamnitzky +unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Cigarre +von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger +Anstrengung seiner Athmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter +Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach +von den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von +den Ernteaussichten, er <span class="pagenum">340</span> sprach von +allerlei, und doch — es war unschwer zu errathen — von dem nicht, was +ihm am Herzen lag, was ihm auf den Lippen brannte, die sich, nach jedem +wie mit Gewalt ausgestoßenen Satze, fest zusammenpreßten, um sich bald +wieder zu öffnen und — etwas Gleichgültiges zu sagen. Dabei erröthete +er alle Augenblicke wie ein ängstliches Mädchen und empfand darüber den +innigsten Verdruß.</p> + +<p>Ach, daß er immer noch erröthen konnte, das war für den alten Mann +eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer +Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in +einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie, war +alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die +der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die +schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die enganliegenden +Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der +siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der +Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen +Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der +martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter +ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles +paßte nicht zu dem weichen Munde, mit seinem schmerzlich resignirten +Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine +Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an, +seine Befangenheit <span class="pagenum">341</span> hinter einem +mühsam angenommenen ungebundenen Wesen zu verbergen.</p> + +<p>Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky +sprach, an der Cigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's +Deinen Eltern geht, meinst Du? ... Nun, nun, wie es eben kann ... +Briefe von Dir — mehrere nämlich — müssen verloren gegangen sein.«</p> + +<p>Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul dadurch ungeduldig +gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.«</p> + +<p>Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten +Augenbrauen zogen sich zusammen —: »So,« sagte er — »freilich, freilich +— die vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit, +Bildung, Intelligenz! wie fände man da Zeit ein paar alte Leute zu +beschwichtigen, die so thöricht sind, in Sorge um Einen zu vergehen ... +<i>ad vocem</i> Intelligenz! — die macht Fortschritte! Wir haben jetzt +drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den Einen, der im vorigen +Jahre dort verhungerte. Nun denn! — also lange nicht geschrieben!« Er +senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart.</p> + +<p>»Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man +ihren Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch +dem Kinde ...«</p> + +<p>»Dem Kinde? ... das war krank. — Man hat Dir's verborgen. Aus +Schonung ... Wie überflüssig <span class="pagenum">342</span> — gelt? +Die alten Leute verstehen eben die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, +wie die gepanzert sind, inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem +trefflichen Harnisch: Gleichgültigkeit! ...«</p> + +<p>Jeder Nerv in seinem Gesicht zuckte, er sprang auf, rannte ein +paar Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul +stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor und rückwärts +wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort:</p> + +<p>»Gleichgültig, eine schöne Sache — freilich, man könnt' auch +sagen, eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall +vor die Thür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, +das mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die +Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei +ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am +Wunder ohne Andacht ...«</p> + +<p>Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt Deine +Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je« — +setzte er nach einer Pause hinzu, »so sagen wir denn: ich bin's nicht +mehr.«</p> + +<p>Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem +alten Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner +Seele beschworen. Weich, mit wehmüthigem Vorwurf hob er an: »wie +lange warst Du nicht mehr bei uns! — Seit Deiner Rückkehr aus <span +class="pagenum">343</span> dem Feldzuge ...« Er schlug dreimal mit +seiner kleinen Faust auf den Tisch — »seit drei Jahren! drei Jahre +sind's ...«</p> + +<p>Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung. +Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie +nicht theilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie +abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte +er in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. — Er konnte ja +wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine +Wirbel, die Lust an öffentlicher Thätigkeit, der Ehrgeiz in großem +Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn +wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ... +Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist +kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht +weinen helfen. Und endlich — er wird sie schon besuchen, aufgeschoben +ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner +flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er +sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte:</p> + +<p>»Drei Jahre ja, — ja wohl. Damals war es bei uns fürchterlich!«</p> + +<p>»Damals war's gut, noch gut,« rief der Freiherr. »Es war kurz nach +dem Unglück ... Ich spreche von dem Tode Deiner Frau. Unmittelbar +nachdem man den <span class="pagenum">344</span> Streich empfing, +den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie tief er getroffen, wie +viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat ... das zeigt sich erst +später.«</p> + +<p>»Du meinst,« entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen +Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber +Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.«</p> + +<p>»Im Allgemeinen — könntest Du wenigstens hinzusetzen,« fiel ihm +Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie Du, giebt es freilich nur das +Allgemeine ... Ein Mann wie Du kümmert sich nicht um das einzelne +Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem +Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner +Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte, +erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere +Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun Lieber, für Deine alten Leute +ist die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo +die Zitterpappeln ... Ja so — Du weißt nicht — warst nicht einmal dort +... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die +Schultern zurück, wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort, +mit affektirter Nachlässigkeit, den Blick über Pauls Kopf hinweg, nach +dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus +freundlich: Ein Gitter umschließt die Stelle; an den zierlichen Stäben +ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Epheu bildet, flach und +breit, einen — weißt Du, <span class="pagenum">345</span> einen +...« Seine Hand zeichnete schwungvolle Linien in die Luft, »einen +Kranz, so — verschlungen ... und die Platte aus geschliffenem Granit +spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein. Eingemeißelt in den Stein +steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst nichts, als nur das Datum; +Geburts- und Todestag natürlich ... Darunter zwei Verse von ihrer +Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.«</p> + +<p>»Peinlich! peinlich,« dachte Paul, »werd' ich den Schwätzer nicht +los?« — »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen.</p> + +<p>»Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber +aufgeschrieben hab' ich sie, wenn mir recht ist ...«</p> + +<p>Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und +Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog +endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte.</p> + +<p>Dieser las halblaut und langsam:</p> + +<p class="indent4"> + »Sehr jung war ich, und sehr an Liebe reich,<br> + Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.« +</p> + +<p>Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im Stillen jede Silbe +nach: »Ja, ja,« sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist +sie — gewesen! Na ... Gott hab' sie selig! Deine Eltern ... sie haben +freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...«</p> + +<p>Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die +Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den +geschriebenen Zeilen, die er <span class="pagenum">346</span> fest +hielt in der herabgesunkenen Rechten. Er regte sich nicht — was ging +in ihm vor? Der Alte konnte sein Gesicht nicht sehen, doch verrieth +seine Haltung, sein beklommener Athem eine tiefe Erschütterung. Rathlos +stand Kamnitzky vor ihm. Er hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, +Gescheites! aber die Zunge war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben +haben für das rechte, das erlösende Wort!</p> + +<p>Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung +griff er endlich nach seinem Hute: »Leb' wohl also,« sagte er.</p> + +<p>Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor.</p> + +<p>»Wann reisest Du?«</p> + +<p>»Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohlthuend +auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene +Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es +dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn Du einen +Auftrag hast für Deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich +ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal +hinüber ...«</p> + +<p>Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte:</p> + +<p>»Im Laufe der nächsten Woche erst? — Geh mir! So lange wirst Du +nicht zögern, den Zweck Deiner Reise zu erfüllen.«</p> + +<p>»— Zweck? was meinst Du? ich verstehe Dich nicht.«</p> + +<p>»Du verstehst mich recht gut.« <span class="pagenum">347</span></p> + +<p>Verwirrt und fassungslos, wie ein ertappter Verbrecher, wandte +sich Kamnitzky ab. Er war durchschaut. Sein prächtig angelegter Plan +gescheitert! ... Wie hatte er sich alles so schön eingerichtet! den +alten Nachbarn, deren Kümmernissen er ein Ende machen wollte, von den +Geschäften erzählt, die ihn nach der Stadt riefen, versprochen »bei +dieser Gelegenheit — vorausgesetzt, daß ihm Zeit dazu übrig bliebe,« +den Paul zu besuchen. »Aber ja nicht sagen, daß sein Schweigen uns +Sorge macht!« — »Sorge macht es Ihnen? ist das möglich? Nein! nein! +kein Wort, das versteht sich ...« In der Stadt war er mehrere Tage +herumgezogen, die Pflastersteine zählen, seine beste Unterhaltung, +um nur mit gutem Gewissen sagen zu können: »Ich bin schon lange da!« +um nur nicht merken zu lassen, daß er Eile habe ihn zu sehen, den +Renegaten. Und nun ... Was sind Entwürfe? Was ist ein menschlicher +Vorsatz? Das ganze Gewebe seiner Intrigue lag kläglich nackt am Tage! +So schlau angelegt, so diplomatisch ausgeführt — das heißt, wie man's +nimmt, bei der Ausführung, da hat es gehapert ... da hat ihm sein +»verfluchtes Temperament« einen Streich gespielt ...</p> + +<p>Stumm grollend empfahl sich Kamnitzky. Von dem überraschten +Hausherrn gefolgt, eilte er durch den Salon, das Vorzimmer, in das +Treppenhaus. Er nahm die Hand nicht, die Paul ihm beim Abschiede bot, +drückte seinen Hut fest in die Stirn und eilte stolzen Schrittes die +Treppe hinab. <span class="pagenum">348</span></p> + +<p>An die Rampe gelehnt blickte Paul ihm nach. Ein Diener, der den +Besucher an das Hausthor begleitet hatte, kam zurück. »Packe eine +leichte Reisetasche,« befahl sein Herr, »ich fahre heute Abend für +einige Tage auf das Land.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Laufe des Nachmittags begab Sonnberg sich zu Gräfin Marianne. +»Sind Gäste da?« fragte er an der Thür des ersten Salons den +voranschreitenden Kammerdiener. Dieser zog die Hand zurück, die er +bereits auf die Klinke gelegt hatte und in bedauerndem Tone, aus dem +es trotz aller schuldigen Ehrfurcht deutlich klang —: Dir ist's nicht +recht, wir verstehen uns — sprach er: »Frau Gräfin Erlach, Durchlaucht +Eberstein und der Herr Graf Neffe. Haben hier gespeist, werden wohl +bald aufbrechen; der Wagen der Frau Gräfin Erlach ist schon vor einer +halben Stunde gemeldet worden.«</p> + +<p>Paul nickte dem Alten für die Auskunft freundlich dankend zu und +trat ein. Die Portièren zwischen dem Saale, in dessen Mitte das Klavier +stand und dem kleinen Salon waren zurückgeschlagen. Marianne saß der +Gräfin Erlach gegenüber am Kamine, Thekla etwas abseits frei und +aufrecht, die Arme leicht gekreuzt. Der junge Graf Eberstein stand +neben ihr, zupfte an seinem kleinen Schnurrbart, spielte mit der +Uhrkette, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel und senkte +dann mit bescheidener Zufriedenheit die Augen. Der Fürst hatte seinen +Sessel in <span class="pagenum">349</span> die Nähe des Fauteuils +gerückt, in dem Gräfin Erlach ruhte, und stützte den Arm auf die Lehne +desselben. Die lächelnden Gesichter aller Anwesenden verriethen, +daß die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe, die man der jungen Dame +nachrühmte, sich eben wieder bewährte.</p> + +<p>Paul nahm an ihrer Seite Platz, nachdem er die Damen des Hauses +begrüßt hatte, und sagte in jenem leichten Tone, den sich Männer so +gern gegen Frauen erlauben, deren Ehrgeiz darin besteht, »amüsant« +gefunden zu werden: »Bravo, Gräfin, bravo — ein vortrefflicher +Einfall!«</p> + +<p>— »Was denn?«</p> + +<p>»Was Sie eben sagten.«</p> + +<p>»Sie haben ja nichts davon gehört.«</p> + +<p>»Was thut's? Ich kann dennoch, bei dem — Wenigen, was Ihnen heilig +ist, schwören: es war vortrefflich!«</p> + +<p>Klemens lachte schallend und sah dabei Thekla mit Blicken an, die +deutlich sagten: lachen Sie doch auch! Ach, dem Fürsten war Thekla zu +kühl, Paul zu geduldig, er fand es längst an der Zeit, der Brautwerbung +ein Ende zu machen, er konnte nicht oft genug wiederholen, die jungen +Leute hätten sattsam Gelegenheit gehabt, einander kennen zu lernen. +Worauf wartete man noch, um Gotteswillen? wodurch sollte Sonnberg noch +beweisen, daß er Theklas würdig sei? Ein Mann wie man ihn weit suchen +könne, charaktervoll, edel, verläßlich ... Klemens wurde so maßlos in +dem Lobe seines Schützlings, <span class="pagenum">350</span> daß +Marianne ihm einmal sagte: »Wenn es ein Mittel giebt, Einem Sonnberg +zu verleiden, dann sind Sie im Besitze desselben, mein armer Freund +...«</p> + +<p>Die Gräfin Erlach beantwortete Pauls Compliment mit einem +spöttischen Lächeln. Sie schien immer spöttisch zu lächeln, sogar wenn +sich ihr Gesicht in vollkommener Ruhe befand. Dann ging sie zu einem +andern Thema über und sagte zu Marianne: »Tonchette kommt morgen aus +Paris zurück.«</p> + +<p>»Haben Sie große Bestellungen bei ihr gemacht?«</p> + +<p>»Große, nein — nur ein paar Toiletten, das Nothwendigste.«</p> + +<p>»Was man ins Haus braucht, um seinen Mann zu bezaubern,« bemerkte +Klemens, und Paul fiel ein:</p> + +<p>»Das heißt, um ihn in der Bezauberung zu erhalten, denn bezaubert +ist er ja längst.«</p> + +<p>»Schreibt der Graf noch immer?« fragte Alfred schüchtern und +zugleich dreist wie ein kaum flügge gewordenes Spätzchen, das kämpfend +zwischen anerzogener Bescheidenheit und angeborener Keckheit, nicht +ohne Zögern sein Stimmlein im Kreise älterer Gefährten erhebt, +»schreibt er noch immer so viele Gedichte an Sie, Gräfin?«</p> + +<p>»An mich? was fällt Ihnen ein? — Ich weiß nichts davon.«</p> + +<p>»Wer das glaubte!« sprach Marianne mit einem Anflug von Sarkasmus. +»Ihr Mann macht Ihnen gewiß kein Geheimniß aus den poetischen +Huldigungen, die er Ihnen darbringt.« <span class="pagenum">351</span> +</p> + +<p>»Doch!« entgegnete die Gräfin, »wenn auch sehr unwillkürlich. Er +besteht nämlich darauf, mir das alles vorzulesen; und ich, sehen Sie, +ich kann nicht zuhören, wenn mir Jemand vorliest, ich kann nicht. Meine +Gedanken fliegen davon, sobald die Lectüre beginnt und stellen sich um +keinen Preis wieder ein, bevor sie beendet ist. Dann natürlich sage ich +auf gut Glück: »Charmant, charmant, sehr schön geschrieben — besonders +das Letzte!«</p> + +<p>Man lachte, auch Paul nahm Theil an der allgemeinen Heiterkeit, +etwas gezwungen allerdings; und er wandte sich plötzlich mit den +Worten an Gräfin Erlach: »Eigentlich muß ich Ihnen aber sagen, daß die +schriftstellerischen Versuche Ihres Mannes aller Aufmerksamkeit werth +sind und die Ihre erwecken sollten.«</p> + +<p>Die Gräfin sah ihn an mit jenem unbeschreiblichen Erstaunen, das +Leute ergreift, die ihr ganzes Leben hindurch nur gespielt haben und +entschlossen sind, bis an ihr Ende weiter zu spielen, wenn ihnen +plötzlich zugemuthet wird, irgend einer ernsthaften Sache Interesse +zu schenken. Jetzt lächelte nicht mehr ihr Mund allein, ihr ganzes +nicht regelmäßig schönes, aber äußerst anziehendes Gesicht und ihre +großen schalkhaften Augen lächelten mitleidig, spöttisch, übermüthig, +lächelten auf jede Art. Sie warf den Rest ihrer Cigarette in den +Kamin, begann sorgfältig und mit Bedacht ihre Handschuhe anzuziehen +und sprach in ihrer langsamen und nachlässigen Weise: »Fremde haben +leicht reden.« Sie glättete die Falten ihrer Handschuhe <span +class="pagenum">352</span> und setzte nach einer Pause hinzu: »Mein +Mann ist sehr leicht auswendig zu wissen, und ich weiß ihn auswendig — +seit vier Jahren! trotzdem sagt er sich mir täglich auf, in Versen und +in Prosa. Das befriedigt zuletzt auch die brennendste Neugier.«</p> + +<p>Die Gräfin erhob sich, und die Damen riefen bedauernd, wie aus einem +Munde: »Sie wollen schon fort?«</p> + +<p>»Es ist höchste Zeit, ich muß meine Schwiegermutter abholen, in die +Oper ...« Sie versenkte sich in die Betrachtung ihres Fächers, warf +einen langen Blick in den Spiegel — »Meine Schwiegermutter behauptet, +eine Oper ohne Ouverture sei wie ein Mittagsessen ohne Suppe ... und +meine Schwiegermutter hält etwas auf Suppe, wie alle alten Leute.«</p> + +<p>Der Fürst blinzelte nach der Uhr, die eben acht schlug, gab seinem +Neffen einen Wink und sprach: »Alfred wird die Ehre haben, Sie an Ihren +Wagen zu bringen.«</p> + +<p>Alfred verneigte sich. Sie wollen mich weg haben, dachte er und +murmelte etwas von: »Besonderem Vergnügen.«</p> + +<p>Als die Beiden sich entfernt hatten, sagte Thekla zu Sonnberg mit +einer ihr ungewohnten Lebhaftigkeit: »Wie schade, daß Sie nicht früher +kamen! Sie hätten sich unterhalten. Julie war heute so gut aufgelegt, +so witzig!«</p> + +<p>»Witzig nennen Sie das?« entgegnete Paul. »Es <span +class="pagenum">353</span> ist schale Spaßmacherei; und auf wessen +Kosten spaßt die Gräfin? — sie macht ihren Mann lächerlich.«</p> + +<p>»O, das besorgt er wohl selbst.«</p> + +<p>»Wodurch?«</p> + +<p>»— Und wenn sie es thut, geschieht es aus Nothwehr ...«</p> + +<p>»Wodurch?« wiederholte er — »Wodurch?« Sein Gesicht färbte sich +dunkler, die Adern an seinen Schläfen schwollen an — »Lieben — geliebt +werden — macht das lächerlich?«</p> + +<p>Thekla sah mit Erstaunen, daß er zürnte. Was hat er denn? Was liegt +ihm an dem armen kleinen Erlach? ... er versetzt sich doch nicht an +seine Stelle, vergleicht sich doch nicht mit dem? ... Eine solche +Möglichkeit darf von Thekla nicht angenommen werden — o — nicht einmal +geahnt! Mit etwas unsicherer Stimme und mit der unschuldig altklugen +Miene eines Kindes, das fremde Weisheit von seinen Lippen strömen +läßt, sprach die junge Gräfin: »Ach nein, Liebe zu empfinden ist nicht +lächerlich, aber es zur Schau tragen, das ist's!«</p> + +<p>»Wer sagt Ihnen, daß Erlach seine Liebe absichtlich zur Schau trägt? +Vielleicht fehlt ihm nur die Kraft, sie zu verbergen, wie er's sollte, +dieser Frau gegenüber. Verspotten Sie ihn nicht — bedauern Sie ihn.«</p> + +<p>»Ach!« rief Thekla, »ich bedaure Niemand, der Gedichte macht.«</p> + +<p>»So?« Paul schwieg eine Weile, dann fragte er <span +class="pagenum">354</span> plötzlich: »Was ist's mit den Gedichten, die +ich Ihnen neulich brachte? Haben Sie darin gelesen?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete sie zögernd.</p> + +<p>»Und was sagen Sie dazu? Ich habe das Buch jahrelang besessen und +es nicht zu würdigen verstanden. Vor wenig Tagen kam es mir zufällig +in die Hand, und mir war, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es ist +herrlich ... finden Sie nicht?«</p> + +<p>»Herrlich — ja, zu herrlich für mich.«</p> + +<p>»Was heißt das?«</p> + +<p>»Es heißt ...«</p> + +<p>»Nun? vollenden Sie doch!«</p> + +<p>Thekla warf den Kopf zurück: »Ich bin überhaupt keine Freundin von +Gedichten,« sagte sie.</p> + +<p>Er zuckte die Achseln. »Sache des Geschmacks!«</p> + +<p>»Ja wohl!«</p> + +<p>»Und es giebt guten und schlechten.« Paul war wieder in den herben +Ton verfallen, den er ihr gegenüber nie mehr anschlagen wollte.</p> + +<p>Dieser kleine Wortwechsel berührte den Fürsten Klemens sehr +unangenehm. Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, räusperte sich +mißbilligend und warf der Gräfin einen bedauernden Blick nach dem +andern zu. Plötzlich rief er aus, in der Weise eines nachsichtigen +Vaters, der streitende Kinder zu beschwichtigen sucht: »Jedes von Euch +hat Recht — gewissermaßen Jedes!«</p> + +<p>»O,« wandte er sich ernsthaft zu Marianne, »das kann leicht sein; es +trifft sich wohl — — ja, wenn man <span class="pagenum">355</span> die +bezüglichen Standpunkte ins Auge faßt, trifft sich's eigentlich immer. +Was meinen Sie?« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern erhob sich: +»Aber, wir müssen ja fort ... Auch Sie haben bereits die Ouverture +versäumt, was freilich nicht für ein Unglück gilt, im Burgtheater ... +Es ist doch heut' Ihr Logentag?«</p> + +<p>»Nicht der unsere, der unserer Kammerjungfern, denn man giebt ein +Trauerspiel. Wir bleiben zu Hause und wollten Sie beide,« Marianne +nickte Paul freundlich zu, »bitten, uns Gesellschaft zu leisten.«</p> + +<p>»Wir sind bereit! o mit Vergnügen!« rief der Fürst und ließ sich +sofort in einen bequemen Fauteuil nieder, der zwischen dem Kamin und +dem Arbeitstischchen der Gräfin stand. Sie nahm ihre Tapisserie zur +Hand, über welche Klemens viel Schmeichelhaftes zu sagen wußte. Er +fand die Zeichnung, »Wirklich, man muß gestehen! geschmackvoll, und +erst die Farben!« er hatte niemals zwei Farben gesehen, die so gut +harmonirten — nicht einmal auf einem englischen Plaid — wie dieses +Blau und dieses Grün ... Mit hausfreundlichem Behagen und mit dem +Interesse für den Inhalt von Nähtischen und Arbeitskörben, das beinahe +alle Männer auszeichnet, die Talent zur Weichlichkeit besitzen, begann +er das zierliche Necessaire aus Elfenbein zu öffnen und zu schließen, +die goldenen Scherchen und Büchschen ein- und auszuräumen; er zog die +bunten Seidensträhnchen, die sich die Gräfin zurechtgelegt hatte, durch +seine Finger, und spielte so lange mit den kleinen Knäueln und Spulen, +bis Marianne endlich <span class="pagenum">356</span> ungeduldig +ausrief: »Ich beschwöre Sie, Klemens, lassen Sie mein Handwerkszeug in +Ruhe.«</p> + +<p>Er gehorchte resignirt, als ein ritterlicher Mann, der gewöhnt ist, +in strenger Zucht gehalten zu werden und gleich wieder den kurzen +Zügel zu fühlen, so bald er sich ein wenig gehen lassen möchte. Seine +Aufmerksamkeit wandte sich dem »anonymen Brautpaare« zu, wie er Paul +und Thekla nannte. Die jungen Leute hatten sich in den Saal begeben.</p> + +<p>Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen +Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit +bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den +reichen Flechten ihrer blonden, natürlich gewellten Haare; ihr Gesicht +nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den +Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu +denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst, mehr +als die Flachheit des Lebens, das du führest, ahnen läßt.</p> + +<p>Er stand ihr gegenüber, legte die verschränkten Arme auf das +Klavier, beugte sich vor und versank in die Wonne ihres Anblicks.</p> + +<p>»O Schönheit! Herzbezwingerin! Herrin, Königin! — Du bist der +Frieden, — wer kann dir grollen? Du bist der Sieg, — wer kann dir +widerstehen? Nur kurzsichtige Thorheit frägt, ob in der schönen Hülle +eine schöne Seele wohne. Die Hülle ist nur darum schön, weil die Seele +sie schön belebt. <span class="gesperrt">Eins</span> sind Form und +Wesen; sie sind <span class="pagenum">357</span> es im Kunstwerk, das +hervorging aus Menschenhand, und wären es nicht im höchsten Kunstwerke +der Schöpfung? ...</p> + +<p>Unverwandt ruhten seine Augen auf ihrem edlen Angesichte; sie erhob +die ihren zu ihm und sah ihn forschend und etwas besorgt an.</p> + +<p>— »Sie hören nicht zu — mißfällt Ihnen, was ich spiele ... oder +hätte ich überhaupt nicht spielen sollen? Ich weiß, Sie lieben Musik +nicht immer.«</p> + +<p>Sie schloß ihr Notenheft und schob es unter das Pult, das sie +langsam niedergleiten ließ. Die kleine Scheidewand, die sie getrennt +hatte, senkte sich.</p> + +<p>»Thekla,« sprach Sonnberg, »mir gefällt Alles, ich liebe Alles, was +Sie thun. Wissen Sie das noch nicht?«</p> + +<p>Heller Freudenglanz breitete sich bei diesen Worten über ihr +Gesicht, und sie entgegnete schalkhaft, übermüthig: »Gefällt Ihnen auch +Alles, was ich sage?«</p> + +<p>Paul gab keine Antwort; er blickte schweigend vor sich hin und sagte +endlich: »Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin +Thekla.«</p> + +<p>»Sie wollen fort?« fragte sie äußerst erstaunt — »und wohin?«</p> + +<p>»Auf das Land, zu meinen Eltern.«</p> + +<p>»Werden Sie erwartet? Haben Sie zu kommen versprochen?«</p> + +<p>»Nein. Ich will sie überraschen.«</p> + +<p>»Ah — Sie stehen mit Ihren Eltern auf dem Fuße der Ueberraschungen +... So ist das!«</p> + +<p>Sie schlug einige Töne auf dem Klavier an, leise, <span +class="pagenum">358</span> ohne Zusammenhang. »So ist das!« wiederholte +sie gedehnt: »Ihre Eltern können wohl nicht leben ohne Sie?«</p> + +<p>»Daß sie es können, beweisen sie, denn — sie leben.«</p> + +<p>»Dann also!« — Sie sah ihn plötzlich an; eine Wolke voll drohenden +Ernstes war auf seiner Stirn aufgestiegen; ein Zug bitteren Schmerzes +spielte um seine fest zusammengepreßten Lippen, ein Schmerz, dem +Zorne gar nah verwandt und gewiß bereit, sich als solcher zu äußern +... Thekla ahnte, wußte es, und dennoch! zum ersten Male war es nicht +Furcht, was sich in ihr regte, als sie in sein verfinstertes Gesicht +blickte, sondern die halb unbewußt erwachende, echt weibliche Lust +an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem +Stärkeren — dem Manne.</p> + +<p>Ei, dachte sie — du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du +unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt? ...</p> + +<p>Sie verschränkte ihre Arme über dem Pulte, beugte sich vor und +drückte ihre Wange auf ihre Hand, während ihr Auge sich zu ihm erhob, +der sie liebte.</p> + +<p>»Bleiben Sie bei uns,« sprach sie, hielt inne, schien zu überlegen +und fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit +hinzu: »Bei mir!«</p> + +<p>Sein Blick glitt über ihr demüthig gesenktes Haupt, über den jungen, +schlanken Nacken, die königlichen Schultern, über die ganze, vor ihn +hingegossene Gestalt, und alle süßen Schauer bewunderungstrunkener +Liebe durchzitterten <span class="pagenum">359</span> ihn. Sein +Herz pochte wie ein Hammer in seiner Brust, er richtete sich auf +... Ein ungeübter Trinker, dem der Wein zu Kopfe steigt, der mit +Entsetzen seine Herrschaft über sich selbst schwinden fühlt, ruft sich +nicht eindringlicher zu: Nimm dich zusammen, wägt seine Worte nicht +sorgfältiger, als Paul es that, und als er sprach: »Ich bin heute hart +gemahnt worden an eine versäumte Pflicht.«</p> + +<p>Hart gemahnt? dachte Thekla — das wagt Jemand, das lässest du dir +gefallen, und ich lebe in Angst vor dir? — »Sind denn Ihre Eltern so +anspruchsvoll?« fragte sie rasch. Auch sie hatte sich aufgerichtet und +sah ihm gerade ins Gesicht.</p> + +<p>»Das sind sie wirklich nicht!« rief er, »sie sind nur sehr +bedauernswerthe, alte, einsame Leute. — Haben Sie schon einmal darüber +nachgedacht, daß Sie die Tochter dieser alten Leute werden sollen, +liebe — liebe Thekla?« fragte er und reichte ihr über das Pult hinweg +die Hand, in welche sie ohne Besinnen die ihre legte.</p> + +<p>»Gewiß,« sprach sie, »ganz gewiß.«</p> + +<p>Paul begann das Leben zu schildern, das seine Eltern auf dem Lande +führten; er schilderte sie selbst mit Wärme und Lebhaftigkeit; er +sprach Alles aus, was er den Tag hindurch gedacht, und so lange er +lebte, hatte er wohl nie so innige, herzliche und milde Gedanken +gehabt.</p> + +<p>»Ich will meinen Eltern von Ihnen sprechen,« schloß er bewegt. »Sie +ist es, die mich zu Euch schickt, will ich sagen, die mich drängte, +Euch endlich in Eurer Verlassenheit <span class="pagenum">360</span> +aufzusuchen. Sie werden dafür geliebt und gesegnet werden, Thekla, und +wie wird mich das beglücken!«</p> + +<p>Während er sprach, hatte ihre Hand wie todt in der seinen gelegen. +Als er nun schwieg, entzog sie ihm dieselbe, spielte mit ihrem +Taschentuche, legte es ganz klein zusammen, glättete es auf ihrem +Knie, und dieweil er dachte: »O, nur jetzt den Anklang einer weichen +Empfindung, nur einen einzigen, leisen Herzenslaut!« — sagte sie: »Ihre +Eltern haben sich so lange ohne Sie beholfen, sie werden es noch länger +thun ... Schreiben Sie ihnen, entschuldigen Sie sich — versprechen Sie +ihnen zu kommen.«</p> + +<p>Paul athmete tief auf: »Sie haben mich mißverstanden. Ich brauche +mich nicht zu entschuldigen, brauche nichts zu versprechen; meine +Eltern denken nicht daran, meine Rückkehr zu fordern. Ich selbst +wünsche sie wiederzusehen — ich selbst sehne mich ...« Er brach ab und +fragte plötzlich: »Begreifen Sie das nicht?«</p> + +<p>»Nein! ich begreife nichts, als daß Sie jetzt nicht abreisen dürfen +... Abreisen — welch ein Einfall! was treibt Sie denn fort?«</p> + +<p>»Ich meinte es Ihnen auseinander gesetzt zu haben ... Mein Gott, +wozu rede ich?!«</p> + +<p>»Und — ich?« fragte sie mit einem langen vorwurfsvollen Blick ...</p> + +<p>Thekla legte die Verwirrung, die sich in Sonnbergs Zügen malte, +zu ihren Gunsten aus. Giebt er schon nach oder ist es ihm gar nicht +Ernst gewesen mit seinem <span class="pagenum">361</span> Reiseplan? +Er will vielleicht nur gebeten werden, ihn aufzugeben, und wäre sehr +enttäuscht, wenn Thekla keinen Widerstand leistete. Und zum Widerstand +ist sie ja entschlossen! ... Es ist freilich ein wenig mühsam das +Alles, und der gute Graf etwas schwerlebig. Aber seine Seltsamkeiten +werden sich geben, »wenn Ihr nur erst verheirathet seid,« meint Mama. +Nun denn! Gräfin Sonnberg wird man eben nicht so leicht, wie man etwa — +Gräfin Eberstein würde.</p> + +<p>Thekla begann eine lebhafte Beredtsamkeit zu entfalten. Sie +führte ihr ganzes weibliches Rüstzeug von liebenswürdigem Trotz, +von anmuthiger Würde und wehmüthigem Scherze in das Treffen; +sie war geistreich und reizend und drohte schließlich auf das +unwiderstehlichste mit ihrem Zorne. Paul hörte sie an, aufmerksam, +gespannt; er sah ihr in die Augen, auf die lieblich gekräuselten +Lippen; er schien auf etwas zu warten, auf etwas, das nicht kam, und +seine Miene wurde immer kälter, immer strenger. Warum? warum dieses +steinerne Lächeln, dieser mißbilligende Blick? Worin verfehlte es die +kluge Rednerin? Was wollte er eigentlich hören, was verlangte er von +ihr? Sie errieth es nicht, noch immer nicht! — und jetzt war sie zu +Ende, jetzt wußte sie nichts mehr.</p> + +<p>Er aber schien sich grausam an ihrer Rathlosigkeit zu weiden, und +sagte, sie scharf fixirend: »Nehmen Sie sich in Acht! Sie machen mich +übermüthig. Ich muß glauben, daß Sie den Gedanken nicht mehr ertragen +<span class="pagenum">362</span> können, acht Tage lang von mir +getrennt zu sein. Welche Schwäche, Gräfin, welche Sentimentalität!«</p> + +<p>Beim Himmel! wenn er jemals gewünscht hatte sie zu erzürnen, jetzt +ward ihm der Wunsch erfüllt! Ihre Wangen flammten, sie erhob sich, eine +beleidigte Göttin, und sprach in feuersprühender Entrüstung: »Reisen +Sie!«</p> + +<p>Klemens hatte nicht aufgehört, die jungen Leute zu beobachten +und von Minute zu Minute der Gräfin zu berichten: »Er hört ihr mit +Entzücken zu — wie sie aber auch spielt! glockenrein, und immer im +Takt, das muß man sagen, diese Thekla ... Jetzt hält sie inne — spricht +... und er, er brennt! er brennt! er gäbe Funken, glaube ich, wenn man +ihn anrühren würde, wie eine Elektrisirmaschine ...«</p> + +<p>Der Fürst faltete seine großen weichen Hände, sah die Gräfin an wie +ein Andächtiger ein Madonnenbild und fragte: »Wenn diese beiden armen +Kinder jetzt vor Sie hinträten und sprächen: ›Gieb uns deinen Segen! —‹ +was würden Sie thun?«</p> + +<p>»Ich würde ihn unbedenklich geben,« entgegnete Marianne.</p> + +<p>»O Himmel! ... o herrliche Frau!« rief der Fürst und hätte sich +bei einem Haar auf seine Kniee niedergelassen. Da schlug Theklas laut +gesprochenes »Reisen Sie!« an sein Ohr, und mit Schrecken sah Klemens +das Paar, mit dem er es so gut meinte, nun erscheinen — ach, in nichts +weniger als glückseliger Eintracht! Da kamen sie, die Gottbegnadeten, +die Schicksalsgeliebten, die für <span class="pagenum">363</span> +einander Geschaffenen, beide in großer Erregung, die Köpfe hoch, mit +finsteren Stirnen, Eines den Blick des Anderen vermeidend, und: »Was +giebt es denn?« fragte Klemens in scherzendem Tone, eigentlich aber +sehr beunruhigt.</p> + +<p>»Der Graf verläßt uns, wünschen Sie ihm eine glückliche Reise,« +erwiderte Thekla halb abgewandt, und machte sich an dem Tische zu thun, +auf welchem der Kammerdiener soeben das Theezeug ordnete.</p> + +<p>»Verläßt uns?« Klemens konnte das nicht glauben, auch dann noch +nicht, als Paul es bestätigte. »Papa und Mama besuchen? lächerlich!« +der Fürst war im Begriffe, so boshaft zu werden, als er nur konnte, +aber Marianne fiel ihm ins Wort.</p> + +<p>Sie sah ihren zukünftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte: +»Sie haben recht! Gehen Sie. Wir werden Sie zwar schwer vermissen, +aber wir sagen doch, Sie haben recht, Ihre guten Eltern nicht zu +vergessen. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung +auf ein solches Wiedersehen leben, und von der Erinnerung daran zehren +monatelang. Sehen Sie sich während Ihres Aufenthaltes im Vaterhause +auch das Persönchen gut an, von dem wir schon einmal sprachen, und das +ich liebe, ohne es zu kennen. Wenn Sie, wie ich hoffe, bald zu uns +zurückkehren, dann werden Sie mir erzählen, ob das kleine Ding eine +Individualität besitzt oder nicht!« Sie drohte lächelnd mit dem Finger: +»Sie werden es mir ehrlich erzählen. — Ich wiederhole: Es <span +class="pagenum">364</span> thut uns sehr leid, daß Sie uns verlassen, +aber wir billigen es von ganzem Herzen. Nicht wahr, Thekla?«</p> + +<p>Paul ergriff die Hand Mariannens und drückte einen ehrfurchtsvollen +Kuß darauf, der so auffallend lang dauerte, daß Klemens nicht umhin +konnte, ein halb verlegenes, halb agressives Räuspern vernehmen zu +lassen und zu denken: »Nun — was heißt denn das?«</p> + +<p>Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul +wurde heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte +in den fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so +gern! und war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr +Neigung zum Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, +einen guten Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die +beiden Herren empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch +bis zu dessen Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem +Herzen.</p> + +<p>»Hör' einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der +Straße angelangt waren. »Ich begreife Dich nicht! Ein solcher Zauderer! +... Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit +benützen und sagen: Sie kennen mich jetzt — mein Herz — — meinen +Charakter — und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen +... <i>et cetera</i>! Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle +Noth eines provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und Ihr wäret im +Reinen.«</p> + +<p>»Wir sind im Reinen; es ist Alles ausgemacht: <span +class="pagenum">365</span> Wir heirathen uns,« sagte Paul. Die +Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein Gesicht, das dem +Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden Ausdruck beseelt +erschien. »Wir heirathen uns,« wiederholte er, »weil sie Gräfin +Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ... ja verliebt. +— Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.«</p> + +<p>Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und +begann plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Thorheit hat einmal +behauptet, daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es +nachgeplappert. Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den +kleinsten Fehler des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde +sie nicht beirren. Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, +sich zu bewähren, der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, +spricht sie zu ihrem Gegenstand. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen +Grund, kein Recht; es ist eine Tollheit, daß ich bestehe — aber ich +bestehe doch! ich leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe +doch‹!«</p> + +<p>»Nun nun,« sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... was Statue! +— die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber +ein bischen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber! +Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege +der Leidenschaft. Uebers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über +unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht +hergestellt.« <span class="pagenum">366</span></p> + +<p>Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen nothdürftigen Schluß, +da sie am Hausthore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. +Sonnberg eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie +allabendlich den Weg nach dem Klub ein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf +schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen +Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirthbarste Gegend des +nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! — Rauh +weht der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem +weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige +Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die +nothdürftigste zu Theil werden läßt. Ganze Strecken wie übersäet mit +Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln +ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von +breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch +gethaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen +herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf +den Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahr alt und nicht dicker +als der Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt, +— keine Wiese so weit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, +das seine Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche <span +class="pagenum">367</span> die Straße führt, gleichen eine der andern +aufs Haar. Ihre kleinen, aus Thonschiefer erbauten und mit Stroh +gedeckten Häuser drängen sich an einander, als bedürften sie, um nicht +umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der Mitte dieser Ansiedlungen +liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit gekappten Zweigen umgeben, +die sich, so gut es geht, in seinem nur selten klaren Gewässer +spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das Juwel des Dorfes, +der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des schwimmkundigen +Federviehs.</p> + +<p>Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner +Cigarre von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem +Kutscher, der über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden +Gäule einhieb. Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, +die es noch zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und +während der Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der +Fahrgast mit einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht +und im Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er +stehen, den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich +freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar.</p> + +<p>Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, +Raine und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende +Schlehdornhecken schmückten den Saum des Thals, das eine dreifache +Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg <span +class="pagenum">368</span> gegen Westen noch einmal empor, um dann +sachte abwärts zu gleiten, ohne andere Grenze als den Horizont. Dort +aber, wo Erde und Himmel einander zu berühren schienen, stand eine +schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der untergehenden Sonne wie mit +einem glühenden Ringe feurig und prächtig eingefaßt. Von ihrem dunklen +Hintergrunde hob sich ein stattliches Gebäude in verschwimmenden +Konturen ab und schimmerte weißlich herüber im Dufte der zitternden +Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und Thürmen, es ist das +Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der Ferne grüßt. Paul steht +auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte Markstein, an den sein Fuß +stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen.</p> + +<p>Wie hatte ihm das Herz gepocht, als Knabe und als Jüngling, wenn +er an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah, +und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm +lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm +entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt +überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen +heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße +weiter fahren, während er selbst querfeldein, über die Schlucht und +den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte. +Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit, +mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine +Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte. <span +class="pagenum">369</span></p> + +<p>Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul +pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen, die Mauer überhangenden +Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens, +er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig; +einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte +Bresche, durch welche auch fleißig ein- und ausgegangen wurde von zwei- +und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Gras und im +Schutte deutlich verriethen.</p> + +<p>Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die +vor ihm Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum +siebenjähriges Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, +reichte ihm die kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: +»Gelobt sei Jesus Christus!«</p> + +<p>»Und die Gemeinde-Polizei!« antwortete Paul.</p> + +<p>Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: +Den frevelhaften Spaß versteh' ich nicht.</p> + +<p>Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Theil +des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer +Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über +kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch +andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich +Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie +herausfordert. <span class="pagenum">370</span></p> + +<p>Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan erhob sich, von +Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker, +großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Aeste über eine +zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen. +Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war +die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben. +Hier hatte er sie gefunden, als er — einmal schwach in seinem Leben! — +den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt +und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst Du's mit +mir wagen, Marie?«</p> + +<p>Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Thränen, Angst und +Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!«</p> + +<p>Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet +worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und +heftig rief er: »Warum? sage — warum?«</p> + +<p>Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie +sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen +zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil Du mich nicht liebst, +und — weil ich Dich liebe. Es wäre ein Unglück.«</p> + +<p>Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den +ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's! <span +class="pagenum">371</span></p> + +<p>Sie behielt Recht ... Es war ein Unglück gewesen.</p> + +<p>Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im +Weiterschreiten: »Arme Marie!«</p> + +<p>Allmälig hatte der Wind sich gelegt; wie aufathmend nach schwerem +Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihre Gezweige im +Abendthau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar +Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von +Millionen Blüthen schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde +die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich Alles wie mit +durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange +getreten, der ihn noch trennte von dem Blumen-Parterre vor dem +Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem +Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Thür des Saales stand +geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges +Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen +bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ...</p> + +<p>»Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei +ihnen. — Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines +Sohnes, über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, +sprachlos streckte sie die Arme aus, ihre Kniee wankten. Paul erfaßte +die alte Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den +beiden, klopfte Pauls Schulter <span class="pagenum">372</span> mit +schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter: »So, so — laß ihn +— er liebt das nicht — es ist genug —« Er selbst erwiderte kurz die +Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch Jemand,« sagte er und deutete auf +ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen Begrüßung mit bangem +Erstaunen zugesehen hatte, und das sich nun vor dem fremden Manne +hinter dem Thürflügel verkroch und die Augen scheu mit seinen blutlosen +Händchen bedeckte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und +Aufträge ertheilt worden, als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft. +Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern von den +Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu +seinem Empfange zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber +jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum +von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es +überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß +sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und +abermals verließ sie das Gemach.</p> + +<p>Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe +ergriff ihn, so oft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden, +sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter — Du mußt Geduld +haben.« <span class="pagenum">373</span></p> + +<p>Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Aengstliches sprach sich in +seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des +Gesprächs entglitt ihm — alt war er geworden!</p> + +<p>Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im +großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf +das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der +magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den +gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in +ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den +Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur +flüchtig, um seiner Frau einen raschen, fragenden Blick zuzuwerfen, +den sie mit verständnißvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders +auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin +entschuldigend zu Paul: —</p> + +<p>»Hab' Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt — — für den Vater und +mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr +gespeist seit dem — seit dem Tode ...«</p> + +<p>Die Stimme versagte ihr.</p> + +<p>»Ja, ja,« murmelte der Greis, und die Thränen, die an seinen +Wimpern gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte +eine unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes +Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge. <span +class="pagenum">374</span></p> + +<p>Ist es denn möglich? so neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch +dieser Verlust?</p> + +<p>Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. +Die Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein +schwaches Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete +die Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus +ihren verwitterten Zügen — Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach +der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die lang ersehnte Freude +des Wiedersehens mit dem einzig geliebten Sohne, nun war sie erlebt und +hatte die glückentwöhnten Menschen tödtlich erschöpft. Da haben sie +ihn nun, der ihr Abgott, ihr Ein und Alles ist; nichts fehlt zu ihrer +Seligkeit als — die Kraft, sie zu genießen.</p> + +<p>Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so +gebrochen zu finden, hatte er nicht erwartet.</p> + +<p>Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden, +hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Thee dampfte in +chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische +Confitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll +gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der +Kammerdiener glitt servirend umher, unhörbar und emsig, lächelnde +Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Clemens +hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach +kicherte und scherzte <span class="pagenum">375</span> ... Ja, dort +konnte Paul sich Thekla denken, hier — nimmermehr! Sie, mit ihrer +Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was soll sie in diesem altmodischen +Wesen, in dieser Greisen-Atmosphäre? Ein unbesiegbares Mißbehagen wird +sie ergreifen bei dem ersten Schritt über diese Schwelle, niemals wird +sie sich hier heimisch fühlen ... Paul möchte das kühle Mitleid nicht +sehen, mit dem ihr Blick über die Häupter seiner Eltern hingleiten +würde. Die bloße Vorstellung davon ... Das Blut schoß ihm heiß in die +Stirn, und er biß die Zähne zusammen.</p> + +<p>Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige +Worte, sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und +sagten zu sich selber: »Es wird ihm nicht wohl bei uns, es <span +class="gesperrt">kann</span> ihm bei uns nicht wohl werden!«</p> + +<p>Die Thurmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Credenztische das +Aufziehen und Zuklappen der Laden und Thüren, ein unmotivirtes Hin- und +Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert +ihr so lange? geht schlafen, es ist Zeit!</p> + +<p>— Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten +dringen. Niemand verhindert es, Niemand steht neben ihnen, der ein +Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind!</p> + +<p>Die Eine, die es gethan, ist dahin; die Eine, die sie nicht +verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war.</p> + +<p>Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. <span +class="pagenum">376</span> Zum ersten Mal vermißte er die freundlichen +Augen, denen er dort immer zu begegnen gewohnt war, die stets so innig +gefragt hatten: Bist du zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was +willst du? Was geht in dir vor ... Augen, die aufleuchteten, wenn er +heiter, sich trübten, wenn er mißmuthig war. Die liebevolle Ausdauer, +mit der sie auf ihm ruhten, hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt +— wie wohl hätte es ihm gethan, nur einmal hineinschauen zu können in +diese klaren, tiefen, treuen Augen!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer +wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster flutheten die Strahlen +der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große +Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im +Kelche der duftenden Blüthen. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein +Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das +noch im Schlaf liegende Haus.</p> + +<p>Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und thaten sehr +verwundert, als sie ihren Herrn erkannten.</p> + +<p>»Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern +haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt: +<i>allons! allons!</i>«</p> + +<p>Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem <span +class="pagenum">377</span> entschuldigenden Wedeln ihrer fleischigen +Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein Ende nehmen wollte. Ihre +matten Augen sprachen: »Bist du gescheit? Wir sind zu dick geworden zu +derlei Späßen.« Und als Paul seine Einladung wiederholte, krochen die +Thiere, so rasch, als ihr Körperumfang es gestattete, in ihre Hütte +zurück. Erst als er hinweggegangen war, schlüpften sie wieder heraus, +setzten sich jedes an einen Pfeiler des Thores und sahen ihm mit +liebevollen Blicken nach.</p> + +<p>Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der +Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre +Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde; +alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die +Weiber sahen ihn mit neugieriger Theilnahme an, eine von ihnen rief ihm +von Weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!«</p> + +<p>In nächster Nähe der Pfarrei, und viel ansehnlicher als diese, +erhob sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte +es von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in +einen weitläufigen Obstgarten, mit reihenweis gepflanzten, roth und +weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen +grünen Grases, mit Malven und Levkoyen bepflanzt und mit einem netten +Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau +getüncht, und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen +und solider Wohlhabenheit, wie sie <span class="pagenum">378</span> +immer seltener werden »bei uns zu Lande auf dem Lande.« Aus dem +Hause trat ein alter, untersetzter Mann in blauem, bis an die Fersen +reichendem Rocke, der, bei jedem Schritte auseinander flatternd, die +schwarze Kniehose und die hohen, glänzend gewichsten Stiefel sehen +ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte einen niedrigen Hut mit aufgerollter +Krempe, an der Weste Silberknöpfe; kurz: es kleidete sich keiner im +ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so stattlich, wie er am Werkeltag. Dafür +war er aber auch Balthasar der Große, Balthasar Schießl, der reiche, +gescheite: Ein Mann, der's mit jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift +schreibt, die manche Leute sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf +Melkerinnen im Stalle hat und jahraus, jahrein seine vier paar Ochsen +einspannen lassen kann. Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt +fuhr, um dort Steuern zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einem Sitz +zweihundert Gulden verloren, baar auf den Tisch ausbezahlt, von dem +Tage an aber nie mehr eine Karte angerührt hat.</p> + +<p>Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm +die Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen,« +rief er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen +weiter. Paul fragte nach Dem und Jenem und erhielt auf die Frage: +»Wie geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam +dann: »Dem Ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, +der Zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund <span +class="pagenum">379</span> herum, Weib und Kinder gehen in den +Tagelohn. Der Dritte ... das is' halt eine G'schicht — dem sein Sohn, +der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er denn angestellt?«</p> + +<p>»Es heißt, wissen's, daß er den Heger erschossen hat.«</p> + +<p>»Es heißt! es wird wohl nicht nur heißen.«</p> + +<p>Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, +zeigte lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest +wie eine Mauer: »Ja, sehen's, ich sag'« ... Er spreizte die Finger +auseinander und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: +»Es kann sein — und es kann auch nit sein.«</p> + +<p>»Ich kenn' Euch!« sprach Paul.</p> + +<p>»So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit +er es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel.</p> + +<p>Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der +Wilddieberei könnt Ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird +nur so hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast +...«</p> + +<p>»Die meinen auch,« sprach Balthasar.</p> + +<p>»Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigenthum? Wann werden +die Leute endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und +Dein?«</p> + +<p>Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie +zu stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. +Vor der Thür stand ein junger Mensch, schäbig aber stutzerhaft +gekleidet, und schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne. <span +class="pagenum">380</span></p> + +<p>»Das ist der neue Schullehrer,« sagte Balthasar in nachlässigem +Tone.</p> + +<p>— »Der? der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht +absolvirt haben.«</p> + +<p>»Hat's auch nit.«</p> + +<p>»Wie so? Ist er relegirt worden?«</p> + +<p>»Es heißt, daß er, wissen's, drinnen in der Stadt, aus dem +Schulzimmer, oder von wo? Maschinen mitgenommen hat, um d'ran zu +studiren. Aber — vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn +sonst —,« sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des +größten Schauspielers würdig gewesen wäre, »denn sonst hätt' er sie ja +nit verkaufen können.«</p> + +<p>»Das wißt Ihr?« rief Paul, »und den macht Ihr zum Schullehrer? Den +duldet Ihr?«</p> + +<p>»Wir haben ihn nit g'rad ausgesucht, aber er hat Halt ›Prodektion‹, +und wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit +weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf,« setzte Balthasar hinzu, +zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches +er auf die Ortszustände geworfen.</p> + +<p>»Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt Ihr ihn, könnt Eure +Kinder zu ihm in die Schule schicken!«</p> + +<p>»Ich schick' die meinen nit.«</p> + +<p>»Ihr schickt sie nicht? Existirt vielleicht kein Schulzwang in +Sonnberg?«</p> + +<p>»Ich zahl' halt Straf',« antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. +»Ich kann's ja thun.« <span class="pagenum">381</span></p> + +<p>Sie gingen eine Weile schweigend neben einander, beide in Gedanken +nicht angenehmer Art versunken.</p> + +<p>»Wenn die Frau <span class="gesperrt">Gräfin</span>,« sagte der Alte +auf einmal, und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn +die Frau Gräfin noch am Leben wäre, so was wär' nie geschehen ... Und +hier —« setzte er, in plötzlich verändertem Tone hinzu, »thät' es auch +anders aussehn!«</p> + +<p>Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten +Meierhof, dem sie sich allmälig genähert hatten.</p> + +<p>Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier +nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der +That, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem +Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die +Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber +schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der +Schuppen daneben mit elendem Gerümpel angefüllt war. Alles schmutzig, +unordentlich durcheinander geworfen, alles verwahrlost, und weder +Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte +fragen können: »Wie geht das zu?«</p> + +<p>Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen +die Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin +ist todt, die alten Herrschaften sehen nix mehr — und Sie ...« sein +Mund verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zu viel zu thun!«<span +class="pagenum">382</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt +war, und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Façade und +seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich +lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder +zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend +zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung, wie in +einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle +ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte +die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke. +Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig +von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her +und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor +dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit +auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn +Grafen <i>junior</i> gegenüber nicht ein Jota.</p> + +<p>»Der Herr Graf sind da,« sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben +sich <i>stante pede</i> in die Oekonomie, ohne mich haben avisiren +zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, theilzunehmen an der +Inspection.«</p> + +<p>»Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht +erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte,« erwiderte Paul, theils +ergötzt, theils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen +Herrn, den <span class="pagenum">383</span> dessen feinfühlende +Gemahlin »Mein opulenter Mann«, zu nennen pflegte.</p> + +<p>»Ah, — — Insinuationen! ...«</p> + +<p>»Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um +sich!«</p> + +<p>»Das thue ich täglich,« entgegnete der Herr Verwalter mit einem +Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben +könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen +Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder — im +Wirthschaftsjournal. Aber jedoch adaptirt, restaurirt darf nichts +werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. ›Thun Sie nichts ohne +meinen Sohn!‹ ist des Herrn Grafen stets von Neuem wiederholt ertheilte +Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.«</p> + +<p>»Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt,« versetzte +Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts, +belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie +sein schnaubender Athem verrieth, schwer wurde, mit ihm Schritt zu +halten.</p> + +<p>Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die +sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch +ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen +waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten +Dächern gemahnten an aufgerissene, hungrige Mäuler. Den Vordergrund des +Jammerbildes bildete <span class="pagenum">384</span> eine Pfütze, +in der eine zahlreiche Kinderschar mit einem Vergnügen herumpatschte, +das gewisser Geschöpfe würdig gewesen wäre, die mit mehr Beinen und +mit weniger Gottähnlichkeit ausgestattet wurden, als das menschliche +Geschlecht.</p> + +<p>»Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet — »durfte auch +hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner +verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue, +geräumigere errichtet würden.«</p> + +<p>Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die +Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen +Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen +zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall +vorkommt. Wir haben Wohnungsnoth in Sonnberg. Die Leute sind es +gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer? +Es würde schlechtes Blut zu machen, zu befürchten geben ... Auch kann +Niemand der Gutsverwaltung zumuthen, sich zur Tugendwächterin der +Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt +— wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu +bedenken zu geben geruhten.«</p> + +<p>So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Ueberzeugung hatte +Paul damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt, +eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er +nahe daran <span class="pagenum">385</span> gewesen, einzuwilligen, +denn im Stillen gab er ihr Recht. Aber war er der Mann, der gemahnt +zu werden brauchte an die Erfüllung einer Pflicht? — Würde er sie als +solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge geschehen. Demnach hatte Paul +ein rasches Ende gemacht, erklärt, er wolle von der Sache nichts mehr +hören, und über die Subjektivität der Weiber gespottet, die immer sich, +immer nur sich in die Lage der Andern versetzen können und unfähig +sind, irgend ein Verhältniß anders als persönlich zu beurtheilen.</p> + +<p>»Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber +innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses +Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein +Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe +ähnlich, die er soeben verdammt ...</p> + +<p>Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen +gewußt! Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten +sprach, wie war es sogleich von ihr errathen, wie dankbar sein Erwachen +begrüßt worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg +ihrer guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den +Kopf an seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm +emporgesehen und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!«</p> + +<p>Ja, ja, sie war anmuthig gewesen und hold. — —</p> + +<p>Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an,« sprach +er zu seinem Begleiter, »daß ich heute anders <span +class="pagenum">386</span> denke als zu jener Zeit, daß ich einsehe +— kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor, die meine +Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff genommen +werden.«</p> + +<p>Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf +scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht +intensive Wirthschaft, was hier nicht geht! ... Wovon Herr Graf sich +selbst genugsam überzeugten, und was ich mehrmals die Gnade hatte zu +bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir +das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin +zuziehen zu müssen.«</p> + +<p>Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, so oft er von +der Verstorbenen sprach.</p> + +<p>Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach +dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen +ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, muthig und +verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen +trockenen Worten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im +Saale, beide, nach altem Brauche, sorgfältig gekleidet vom frühen +Morgen an. Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die +Knöchel reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe +sehen <span class="pagenum">387</span> ließ. Die lichten Locken, zu +beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das feine Gesicht mit den milden +Augen, von einer weißen Haube umgeben, die ganze Gestalt wie aus einem +Rahmen eines edlen, aber verblaßten Bildes getreten, das vor dreißig +Jahren gemalt worden war. Ihr Mann, der sie einst um Kopfeslänge +überragte, sah jetzt nicht größer aus als sie. Seine breite Brust war +eingesunken, seine Schultern hatten sich gewölbt. Aber schön geblieben +waren die herrlichen Züge seines Gesichtes. Den kahlen Scheitel des +wie aus Erz geformten Hauptes umgab ein Kranz von schneeigen Haaren, +und wie weiße Seide schimmerte der Bart, der auf die Brust des Greises +niederwallte.</p> + +<p>Der Graf stand am Fenster auf seinen Stock gelehnt und sprach:</p> + +<p>»Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird +Befehle geben; Einrichtungen treffen, Alles nach der neuen Art, Alles +anders als zu unserer Zeit, und tausend Mal besser. Ja, der versteht's! +Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.«</p> + +<p>Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne +nicht schaden; es gäbe so Manches zu thun in Sonnberg und gewiß, +ein gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine +Thätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der +bescheidene Beruf eines Landwirths der füllt einen solchen Mann nicht +aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen. +<span class="pagenum">388</span></p> + +<p>»Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das +kann er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!«</p> + +<p>Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte +sich an den Frühstückstisch. Er freute sich im Stillen über das +frischere Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der +Gedanke gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben +Dache mit ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt.</p> + +<p>»Bist Du zufrieden mit unserer Wirthschaft?« fragte der Graf. »Vogel +hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen ... +auch fehlt uns nichts als baares Geld. Das Erträgniß, sagt Vogel, das +Erträgniß! — ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen Regiekosten +zu bestreiten.«</p> + +<p>— Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber — Schurke! +du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir +schlecht. — Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine +Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht ...</p> + +<p>»Nächste — Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. +So lange bleibt er? o Glück! sie dachten nicht mehr ein solches +zu erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick +die stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Aeußerung der +Zärtlichkeit versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über +den auf dem Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser +schüchternen Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so <span +class="pagenum">389</span> unaussprechlicher Dank, daß Paul innig +sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine Lippen drückte. +Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Ueberraschung auf ihren +Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie schienen +sich zu fragen: Was ist das? — was ist geschehen? ist er's denn +noch?</p> + +<p>»Je länger Du bleibst, um so besser für uns,« sagte der Graf. »Du +bist immer willkommen, lieber Sohn.«</p> + +<p>Den alten Leuten war seltsam zu Muthe — ungefähr wie frommen, +verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen, +sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter +sprechen würde.</p> + +<p>Die Unterhaltung gerieth ins Stocken, das Frühstück war beendet; +Paul ging auf sein Zimmer, mit der Absicht — an Thekla zu schreiben.</p> + +<p>Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er +Abschied von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts +begeben, nicht ein Ereigniß, das der Mühe lohnte, erzählt zu werden, +und doch, ihm schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze stille +Zeit, er meinte fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen +übrigen Dasein. Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den +er an Thekla schreibt?: »Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen +...« — Eine Lüge! — »Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ...« Was +kümmern sie seine Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd +bleiben, und sie auch ihnen.</p> + +<p>Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das <span +class="pagenum">390</span> sie lieben lernen soll, von dem will er ihr +sprechen. Nur muß man kennen, was man beschreiben will, und er hat die +Kleine noch kaum gesehen, wie absichtlich schafft man sie ihm aus dem +Wege, erwähnt ihrer nicht, gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu +behaupten pflegte, kleine Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals +nur halb und ist jetzt gar nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben +nichts schwerer, als daß mit ihren Kindern eine Veränderung vorgehen +könne. Paul erhob sich, um zu schellen, und in diesem Augenblicke wurde +nach leisem Pochen die Thür geöffnet und sein Töchterchen trat ein. Es +klammerte sich dabei mit einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der +anderen trug es einen Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, +legte Marie dereinst täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn +soeben halb unbewußt vermißt.</p> + +<p>»Das bringen wir dem Papa,« sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu +der Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein +guter Papa, geh' zu ihm, mein Engel, geh'!«</p> + +<p>Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel +zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte, +daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen.</p> + +<p>»Und das Kind?«</p> + +<p>»Das bleibt bei mir.«</p> + +<p>»Ganz allein? Es ist so scheu — Sie sind ihm so fremd —« <span +class="pagenum">391</span></p> + +<p>Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich +keine Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, +noch viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Muth, sich nach +ihr umzuwenden.</p> + +<p>Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze +und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust.</p> + +<p>»Arme, verkümmerte Pflanze!« dachte Paul. »Wachsest auf zwischen +einem geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest +frischere Lebensluft!«</p> + +<p>Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah +die Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner +Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll +Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst — so standen Vater und +Tochter einander gegenüber.</p> + +<p>Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: +»Mariechen, komm' zu mir!«</p> + +<p>Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen +zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in +unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück. +»Sie mag sich ausweinen! hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache +aufhören!«</p> + +<p>Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding +als eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt +sich die Ohren zu, versuchte <span class="pagenum">392</span> seine +Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu lenken, die im Grün der Linde vor +seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von Ast zu Ast huschten, bemeisterte +sich lange, zuletzt aber wandte er sich doch um, sprang auf und +herrschte dem Kinde zu: »Schweige!«</p> + +<p>Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah +aus großen, in Thränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu +seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz. +So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten +und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich +über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er +sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren +vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den +heimischen Boden betreten hatte.</p> + +<p>Kann das Weib, das im Leben hülflos zu seinen Füßen lag, ihn nach +dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit +unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an — ihres kleinen +Abbildes ... nein, kein Abbild — sie selbst, in jedem Zuge des +Gesichtes — in jeder Bewegung <span class="gesperrt">sie</span>, so +ganz und gar sie selbst, als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, +ein umgekehrtes Leben, das wieder zur Kindheit führt ......</p> + +<p>Im Innersten erschüttert hob Paul das Kind in seinen Armen empor +und drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit +erweckte Entsetzen, und dieses <span class="pagenum">393</span> seinen +Grimm. »Fürchte Dich nicht!« rief er in thörichtem Zorne: »Fürchte +Dich nicht!« während er sie tödtlich erschreckte. Alle Glieder des +zarten Körperchens begannen zu zittern, die Augen wurden starr, und in +großer Bestürzung setzte Paul das Kind auf den Boden hin. Da blieb es +still, mit herabhängenden Armen, das Köpfchen tief gebeugt — auf das +Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein junges Vöglein im verlassenen +Neste, über dem ein Gewitter schwebt ... Schon hat der Blitz gezuckt — +wann trifft sein Strahl?</p> + +<p>O du allmächtige Hülflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des +Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens!</p> + +<p>»Sprich,« flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort — oder weine +Kindchen! weine — ich bitte Dich ...«</p> + +<p>Sie bleibt still, stumm, leblos ... Athmet sie denn? In namenloser +Spannung hält er seinen Athem an, um dem ihren besser zu lauschen — +— da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Tritte +vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle ... Mariechen horcht +plötzlich auf, an der Thür wird ein Kratzen laut, gebieterisch Einlaß +heischend — und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Roth tritt auf +seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und — »Kitty!« +ruft es aufjauchzend.</p> + +<p>Paul öffnete die Thür und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen +und sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte +sich, leckte ihr die Hände <span class="pagenum">394</span> und das +Gesicht, sprang wieder davon, streckte die Vorderbeine von sich, so +weit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte, sah sie an und keuchte mit +herabhängender Zunge.</p> + +<p>Und sie — wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen, +wie sie es mit ihren beiden Aermchen umschlang, seinen Kopf an ihre +Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit.</p> + +<p>Ja, dem kann sie schön thun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte +ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken — es ist +weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund.</p> + +<p>Unmuthig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinweg +zu führen. Er wandte sich ab, als es geschah, was brauchte er zu sehen, +wie gern sie von ihm ging?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal — und nicht +wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt — jetzt +heißt es, um sie werben, um sie dienen ... Der Veilchenstrauß +war auf den Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben +sich auf den Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, +aber es stand in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht +beendet werden sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares +Geräusch. Als ob zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend +Hornissen brummten und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es <span +class="pagenum">395</span> anzuhören. Ein Geräusch, in seiner Art nicht +minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur besser erklärt von +Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald es sich vernehmen +ließ, wußte Jedermann auf eine Viertelmeile in der Runde: der Freiherr +von Kamnitzky fährt über Land! und was da rasselt, quiekt und stöhnt, +es ist seine historische Kalesche. Ein edles Vehikel, ein ehrwürdiges +Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut wurde — »die jetzigen +Kinder denken's nicht!«</p> + +<p>In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels, und +war mit dunkelbraunem Tuche, — das aber aus neuerer Zeit stammte, +denn es zählte keine fünfundzwanzig Jahre — gefüttert. Es schwebte in +wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschuh hing an +schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein Paar dicke, +kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die, +nach dem Zeugniß ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige +Meilen auf oder ab, nicht weiter regardirten.«</p> + +<p>Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen +und ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei +der Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den +Schlag seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende +Trittbrett herunter zu schlagen. Kamnitzki war eben im Begriffe, diese +fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um +ihn zu begrüßen. <span class="pagenum">396</span></p> + +<p>»Was der Teufel!« rief der <a href="#396b" id="396a">Freiherr</a> +und blieb wie versteinert stehen.</p> + +<p>Paul half ihm herab: »Ich werde Dich doch nicht umsonst nach Wien +reisen lassen,« sagte er.</p> + +<p>»Umsonst nach Wien? mich? — sei so gut und sag' das Deinen Eltern —: +Umsonst! ... O das ist wieder — o freilich ... verzeih', aber so albern +reden doch nur gescheite Leute,« rief Kamnitzky voll Entrüstung und +versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten« eins +anzuhängen.</p> + +<p>Er fragte einen Diener, nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein +Wort mehr — wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu +werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer Acht setzte, ebensowenig als +der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht +eben nichts über eine gute, altgewohnte Art das Gespräch anzuknüpfen, +und so wurde denn auch heute, wie immer, der Gastfreund mit den Worten +empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt Dir ein?«</p> + +<p>Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und +trank ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges +Mal darüber zu erröthen. Seine gute Laune, und sein guter Appetit +erweckten das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung +jedoch geriethen sie, als er nach dem Speisen begann über die Regierung +zu schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übel nehmen. <span +class="pagenum">397</span></p> + +<p>»Er meint nicht Dich,« sagte der Greis beruhigend zu seinem +Sohne.</p> + +<p>»Bitt' um Verzeihung! Wohl mein' ich ihn und sein ganzes, ihm +nachbetendes Gelichter,« rief der erregte Freiherr.</p> + +<p>Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide +Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige +Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt, +bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte +den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne +geklemmt, die, wie gewöhnlich, nicht ins Glühen kommen wollte. Sein +kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus.</p> + +<p>»Euch Alle mein' ich, politische Doctoren, Verjüngerer, Verbesserer +des Staates, Baumeister ... ja saubere Baumeister! ... Flicken einen +Riß in der Mauer, repariren am Dache und merken nicht, oder thun, als +ob sie nicht merkten — daß die Fundamente wanken ... Wißt Ihr, wie +das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude +sich errichten läßt: Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze +macht Ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die +sie befolgen, die sollen noch geboren werden. — Was Gesetze! sagen +wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den Einzelnen +auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß — um ihnen den Vater zu +erhalten. Vortheil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen +<span class="pagenum">398</span> für den armen Teufel, auf den gehen +wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem großen Ganzen thut, das — hol's der +Kuckuck! — was kümmert's uns?«</p> + +<p>Er hielt inne, dunkelroth und keuchend, und fuhr sogleich wieder +heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet +ist, heißt all' Eure Thätigkeit <i>salva venia</i> nichts! ... Aber +freilich — wer steigt gern vom First in den Keller — und daß der +First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für Euch noch keine +Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Gethan müßte sie +werden, und verschüttet, und wieder gethan, und wieder verschüttet; und +hundertmal das scheinbar Vergebliche zu thun, müssen ein paar hundert +Männer den Heldenmuth haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken +— unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh' und Selbstverleugnung +ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche Keiner: Seht hin, was +der geleistet hat! — Viel später erst, ein Enkel Deiner Enkel freute +sich vielleicht: — sieh da, die Luft wird rein — das Volk wird brav; es +giebt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern. +Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesäet unter uns: +... Das haben — von langer Hand her — schlichte Männer gethan, die sich +geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein Strahl +des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein solcher +Lohn?! Es ist zum Lachen — der lockt keinen Hund vom Ofen, geschweige +denn einen <span class="pagenum">399</span> glänzenden Redner von der +beifallumrauschten Bühne herunter!«</p> + +<p>Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren +Sohn gerichtet.</p> + +<p>— Er läßt den kindischen Menschen faseln — dachten sie, plötzlich +wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg +und sagte endlich nur: »Man könnte Dir zwar Manches einwenden, allein +im Ganzen hast Du so Unrecht nicht.«</p> + +<p>Seine Eltern sahen einander lächelnd an: — O dieser Paul! — welche +Güte, welche Nachsicht, mit dem armen streitsüchtigen Thoren, der aus +seinem Mausloch die Welt reformiren will.</p> + +<p>Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild.</p> + +<p>»So Unrecht nicht?« rief er. — »Wahrhaftig? ... Da meint man +immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur +Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als +Du! wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel — den Weg +dahin, den zu wählen überlasse uns — davon verstehst Du nichts. Das +wär' ein Wort, das sich hören ließe! aber: Du hast recht ... Schämt +Euch ... das ist ein schöner Trost!«</p> + +<p>»Geh' — geh',« sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und +hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit +unsäglicher Mühe seine Cigarre wieder für einige Augenblicke zum +Glimmen brachte. <span class="pagenum">400</span></p> + +<p>»Na,« sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde +plötzlich sehr roth und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und +betheuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald +darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem +Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirth und entfaltete +eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten, +erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem +Freunde, so lange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen +Taschentuche die freundlichsten Grüße zu.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Zurückkehrend durch die hallenden Gänge kam Paul an den Gemächern +vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die +Hand auf die Thürklinke, sie gab seinem Drucke nach, — ein kurzes +Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß +auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod +sie überschritten. — So vergessen sind diese Räume, daß man nicht +einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen, +dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der +Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber +er hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine +Spur des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen +der untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte <span +class="pagenum">401</span> durch die geöffneten Fenster über die reich +gefüllten Blumenkörbe, durchwürzte die Luft mit zarten Düften, bewegte +die weißen Vorhänge. Spiegelblank glänzten die Dielen, Teppiche waren +allenthalben ausgebreitet, jede Kleinigkeit befand sich an ihrem +gewohnten Platze; Alles war so sorgsam geordnet, so liebevoll gepflegt, +als wenn auch hier täglich, stündlich eine Wiederkehr erwartet +würde.</p> + +<p>Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den +Salon und betrat das Schlafgemach.</p> + +<p>Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem +Kanapee in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd +glitten sie hinaus wie Schatten.</p> + +<p>Seine Eltern! ...</p> + +<p>Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein +entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die +der Verstorbenen gedient, ihren theuersten Besitz ausgemacht +haben. Sie lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten +Gedanken, in dem Gedanken an ihn, von dem hier Alles Zeugniß giebt. +Er war der Gott dieses stillen Heiligthums, aus dem die Priesterin +geschieden ist. Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen — +als rosiges Kind, als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im +Studentenrocke, mit leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem +Haar, als Mann in der Ruhe der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen +<span class="pagenum">402</span> Selbstvertrauens ... Das war er als +Bräutigam, und ein verwelkter Myrthenkranz hängt an dem Rahmen des +Bildes.</p> + +<p>Das alterthümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen +an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat Alles mit gleicher Sorgfalt +bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das +Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie +denselben Werth.</p> + +<p>Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter — +Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal!</p> + +<p>Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin. +Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie +verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band +auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an +und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher +sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht. +Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst +angewiesen, hatte sich mit muthigem, wahrheitsuchendem Verstand an +ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den errathenden Blick besessen, +der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge +richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen +ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich +entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses +... <span class="pagenum">403</span></p> + +<p>Zu spät — zu spät erkannt!</p> + +<p>»Ich war allein in Deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an Deiner +Brust« — tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um +es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Athem ihrer +Liebe ihn umwehte.</p> + +<p>O, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange +nur, daß er ihr sagen könnte: »Ich weiß jetzt, was Du littest — ich +erfuhr es auch!«</p> + +<p>Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr +stört, nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt +hätte, nicht einmal ein Schrei flammender Reue — nicht einmal das +Schmerzenswort, das Erlösungswort:</p> + +<p>»<span class="gesperrt">Verzeih!</span>«</p> + +<p>Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte +den Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen, +ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten +Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus. +Der feine Staub, der gleichmäßig vertheilt auf allen Gegenständen +lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war — +lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief +hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger +Abschiedsgruß. »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschiren morgen,« +hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren +verwischt ... Wie <span class="pagenum">404</span> viele Küsse mußten +darauf gebrannt haben, wie viele Thränen darauf gefallen sein! — Die +Hand zitterte, mit der Paul den Brief bei Seite legte und mechanisch +eine Mappe öffnend, in derselben zu blättern begann. Zwischen anderen +Papieren fand er ein zur Hälfte beschriebenes Blatt. — Mariens +wohlbekannten Schriftzüge, das Datum, drei Tage vor ihrem Tode, die +Aufschrift »Lieber Paul!«</p> + +<p>»Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so +kommen würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich +stark und muthig, wie Du es warst, und leicht sein konntest, weil Du +dachtest, ich seh sie Alle in wenigen Tagen wieder.«</p> + +<p>Nein — er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit +dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren, +er wollte sich nur den Aerger und die Pein eines thränenreichen +Abschieds ersparen.</p> + +<p>Sie kämpfte heldenmüthig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen +mußte, schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter +Stimme wiederholend: »Weine nicht!«</p> + +<p>Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen +nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen. +Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich +vor — inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: »O komm zurück!« <span +class="pagenum">405</span></p> + +<p>Er hatte sich an der Thür flüchtig umgesehen und flüchtig hatte +ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr +einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er +unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging — der +Unglückselige! ...</p> + +<p>Er las weiter.</p> + +<p>»Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht. +O wüßtest Du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes +willen, mein Paul, das ich Dir bei Deiner Rückkehr in die Arme legen +werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg, +erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein +Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher Dein erwachtes Herz mir +entgegenschlägt, Deine ganze Seele mir zuruft: Komm!«</p> + +<p>»So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf, +er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend, +Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann +plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn, +schrecklich, hoffnungslos — eine Erkenntniß, nie wieder auszurotten, +eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast +Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am +ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schwerathmende Brust ... +<span class="pagenum">406</span></p> + +<p>Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu +bewegen, eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten +herauf ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich +zusammen, ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die +Vorhänge auseinander — — —</p> + +<p>... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, +zwei Stunden waren vergangen. »Neun Uhr,« sagte der Vater. Die Gräfin +legte ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in +ihrem Schoße.</p> + +<p>»Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort — »noch immer bei +ihr?«</p> + +<p>Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer.</p> + +<p>Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück.</p> + +<p>»Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung +entgegen kam.</p> + +<p>»O Karl! er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen +Brief; er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht +von einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen +müsse. Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die +<span class="pagenum">407</span> Heimkehr ins Vaterhaus auf ihn +hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht zumuthen könne, das +Leben zu theilen, welches er von nun an zu führen entschlossen sei.</p> + +<p>Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens +sich in Sonnberg ein. »Sie versteht Dich, sie, die Alles versteht, nur +nicht — mich zu lieben,« sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir wissen +ja — Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber, so leid +mir's thut, ich meine: Besser spät als zu spät.«</p> + +<p>Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich +bereits nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin +zu folgen, wozu ihm zum ersten Mal die Erlaubniß ertheilt worden.</p> + +<p>»Ich nehme Alfred mit,« sagte er ... »Weißt Du, daß meine +Absicht ist, dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? — +Warum soll ich ihn warten lassen auf meinen Tod? Und dann — <span +class="gesperrt">eine</span> Gräfin Neumark möchte ich Fürstin +Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon wissen, +vielleicht, daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt nicht an der +Zeit ... Und Du wirst ja hören —«</p> + +<p>Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren +von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's +gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast +zutraulich geworden. <span class="pagenum">408</span></p> + +<p>Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, +nahmen die Freunde Abschied. Als die Equipage in die <a href="#408b" +id="408a">Biegung</a> der Straße einlenkte, wandte Klemens den Kopf +zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber dieser war bereits +umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das mit offenen Armen +auf ihn zugelaufen kam.</p> </div> + +<p class="center"> + <img src="./images/i_b408.jpg" class="OM" alt="Ornamentales Motiv"> +</p> + +<p class="center p2"> + Druck von <span class="gesperrt">E. Bernstein</span> in Berlin. +</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- T R A N S C R I B E R ' S N O T E S --> +<div class="chapter"> + <h2 class="nobreak"> + Anmerkungen des Bearbeiters + </h2> +<div class="transnote"> + +<p>Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und in die Public +Domain eingebracht.</p> + +<p>Ein Inhaltsverzeichnis wurde für diese Ausgabe neu erstellt und dem +Text vorangestellt.</p> + +<p>Kleinere Zeichensetzungsfehler (z. B. fehlende Kommata oder falsch +gesetzte Anführungszeichen) wurden stillschweigend berichtigt.</p> + +<p>Altertümliche Wörter und abweichende Schreibweisen wurden +unverändert beibehalten.</p> + +<p>Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert:</p> + +<ul> +<li><p><a href="#97a" id="97b">Seite 97</a>: +eineinzutreten geändert zu einzutreten in:<br> +forderte sie jedoch auf, einzutreten.</p></li> + +<li><p><a href="#103a" id="103b">Seite 103</a>: +ünwillkürlich geändert zu unwillkürlich in:<br> +und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger</p></li> + +<li><p><a href="#107a" id="107b">Seite 107</a>: +fremdeu geändert zu fremden in:<br> +im Namen einer fremden Frau empfangen.</p></li> + +<li><p><a href="#112a" id="112b">Seite 112</a>: +ihn geändert zu ihm in:<br> +um ihm den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient +aufzunöthigen.</p></li> + +<li><p><a href="#181a" id="181b">Seite 181</a>: +Dübois geändert zu Dubois in:<br> +dem Bruder Dubois nach Frankreich</p></li> + +<li><p><a href="#181c" id="181d">Seite 181</a>: +ans geändert zu aus in:<br> +holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte</p></li> + +<li><p><a href="#184a" id="184b">Seite 184</a>: +allertieften geändert zu allertiefsten in:<br> +ein Genießender im allertiefsten Sinne.</p></li> + +<li><p><a href="#186a" id="186b">Seite 186</a>: +das geändert zu daß in:<br> +diese Damen sind im Geheimen überzeugt — daß Lernen dumm +macht.«</p></li> + +<li><p><a href="#331a" id="331b">Seite 331</a>: +ihrer geändert zu Ihrer in:<br> +Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche</p></li> + +<li><p><a href="#396a" id="396b">Seite 396</a>: +Freiherrr geändert zu Freiherr in:<br> +»Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert +stehen.</p></li> + +<li><p><a href="#408a" id="408b">Seite 408</a>: +Bieguug geändert zu Biegung in:<br> +in die Biegung der Straße einlenkte</p></li> +</ul> + +</div> +</div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78490 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78490-h/images/i_b408.jpg b/78490-h/images/i_b408.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5f87581 --- /dev/null +++ b/78490-h/images/i_b408.jpg diff --git a/78490-h/images/i_cover.jpg b/78490-h/images/i_cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..40d5425 --- /dev/null +++ b/78490-h/images/i_cover.jpg diff --git a/78490-h/images/i_title.jpg b/78490-h/images/i_title.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e6b559b --- /dev/null +++ b/78490-h/images/i_title.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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