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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***
+
+
+
+
+ Langens Mark-Bücher
+
+ Band 3
+
+
+
+
+ Langens Mark-Bücher
+
+ Eine Sammlung moderner
+ Literatur
+
+ Dritter Band:
+
+ Knut Hamsun
+
+ Abenteurer
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ Albert Langen, München
+
+
+
+
+ Knut Hamsun
+
+ Abenteurer
+
+ Ausgewählte Erzählungen
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ Albert Langen, München
+
+
+
+
+ Ein Verzeichnis von
+
+ Knut Hamsums Schriften
+
+ findet man am Schluß
+ dieses Buches.
+
+
+ _Copyright 1914 by Albert Langen_
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
+ vorbehalten
+
+ Albert Langen Knut Hamsun
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Vagabondage 7
+
+ Zachäus 71
+
+ Auf den Bänken von New-Foundland 94
+
+
+
+
+Vagabondage
+
+
+_I_
+
+»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn
+nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir
+springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.
+
+Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig
+Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher.
+Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten
+Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt,
+wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.
+
+Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er
+erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und
+ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie
+geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns
+in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz
+zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat
+uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den
+Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« würden wir morgen wieder und
+übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende
+ab in diesem Gejage.
+
+Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an
+Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist
+gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir
+bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.
+
+Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen
+sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen
+Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion
+macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat
+seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.
+
+Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir
+werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose
+Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend
+die Dunkelheit da ist.
+
+»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte
+Huntley, der Irländer.
+
+Und Nut, das war ich.
+
+Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley das gleiche zu dem
+Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.
+
+Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm
+Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.
+
+Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich
+bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter
+aus, er erklärt sich ganz offen:
+
+»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du
+mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«
+
+»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.
+
+Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als
+der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich
+sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch
+nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war
+zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.
+
+Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in
+Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.
+
+Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar
+Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag
+würde verlaufen wie der gestrige und der vorgestrige. Dagegen lag
+wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo
+ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich
+vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.
+
+Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke
+hinüber.
+
+Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach
+der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf
+kam auch der Landstreicher Jeß.
+
+Ich fragte:
+
+»Soll auch Jeß dabei sein?«
+
+»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest
+ja nicht.«
+
+»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.
+
+»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns
+zwei.«
+
+Wütend sagte ich:
+
+»Dann meld ichs dem Aufseher.«
+
+»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du
+das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«
+
+Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.
+
+»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich
+mehr Essen schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«
+
+Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den
+Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und
+als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er
+sagte:
+
+»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen
+erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf
+mir das Fleisch zu.
+
+Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.
+
+
+_II_
+
+Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen,
+und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein
+wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.
+
+Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen,
+daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen
+wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu
+werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor
+uns her, um eine gute Stelle zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte
+mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand
+gestützt, ein.
+
+Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu
+wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.
+
+»Auf, Leute!« rief er.
+
+Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im
+Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und
+behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.
+
+Jeß erwiderte:
+
+»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall
+soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus
+verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«
+
+»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«
+
+»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.
+
+Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten
+wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf
+hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der
+nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er ging strammer
+daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.
+
+»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am
+Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt
+fragt er nach uns.«
+
+Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.
+
+»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.
+
+Ich hörte mein Herz schlagen.
+
+»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer
+schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«
+
+»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte
+ich, um Mut zu markieren.
+
+»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals
+erreichen.«
+
+Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er
+verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.
+
+Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen
+und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen.
+Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.
+
+Jeß sagte:
+
+»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche nach Osten. Die Sonne wird
+bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung
+wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«
+
+»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach
+Norden reiten, -- er wird uns nicht finden.«
+
+Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken
+nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte
+schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben
+oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.
+
+Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und
+besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von
+dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände
+und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen
+Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig
+umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen.
+Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den
+Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht
+in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter
+Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns
+ein kleines Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.
+
+Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal
+schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der
+Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er
+lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie
+nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so
+traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!«
+Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft
+ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs
+entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen
+waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun
+wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah
+es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft
+überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.
+
+Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und
+im hohen Grase rauscht die Brise.
+
+
+_III_
+
+Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und
+schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war.
+Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«
+
+Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und
+aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen
+hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre
+Bezahlung zu bekommen.
+
+»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm
+niederbrennen,« sagte Huntley.
+
+Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht
+sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte,
+brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab
+hatte ein jeder seinen Vorrat.
+
+Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft.
+Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf
+vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach
+Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.
+
+Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der
+Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war
+gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in
+Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir
+im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das
+bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander
+heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror
+etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.
+
+Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:
+
+»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns
+dann hinlegen.«
+
+Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen
+Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern
+stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.
+
+»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.
+
+Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders
+mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.
+
+Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley,
+der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des
+Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden
+vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak
+sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«
+
+Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm
+teilen mußten.
+
+Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten
+wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre
+Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf
+los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im
+Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir
+mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine
+Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene,
+aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum
+wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein
+Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.
+
+Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:
+
+»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«
+
+Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern
+in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem
+Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der
+Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände
+aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns
+wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und
+lachten uns aus.
+
+Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:
+
+»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht
+hier habe.«
+
+Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein
+anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über
+eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen;
+Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben
+ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände
+Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor
+seinen Augen.
+
+»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley
+haßerfüllt.
+
+Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß
+entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern
+längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten,
+den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft,
+der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner
+Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.
+
+Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den
+einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen
+zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte
+loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte
+gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit
+geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug
+erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her,
+schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem
+Trittbrett.
+
+»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras
+aus dem Munde.
+
+Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei
+Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich
+hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr
+bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.
+
+Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal
+seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu
+erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt
+uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den
+Tabak zum letztenmal mit ihm.
+
+Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.
+
+Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher
+Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines
+seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk
+taugt nichts.
+
+»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.
+
+»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.
+
+Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner
+Brust nach, aber er hatte nichts.
+
+Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.
+
+»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue
+Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine
+Menschenseele getroffen.«
+
+»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir
+kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«
+
+Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach
+Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war
+vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur
+kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.
+
+Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper
+leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an
+die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten,
+begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.
+
+Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und
+er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.
+
+Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es
+pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie
+die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen.
+Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei
+heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern
+schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir
+uns zur Ruhe.
+
+
+_IV_
+
+Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es
+wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte
+sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die
+Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:
+
+»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der
+Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«
+
+»Fred,« entgegnete der Mann.
+
+»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«
+
+»Von Geburt, ja.«
+
+»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.
+
+Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien
+seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine
+Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht
+in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde
+und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen,
+hatte er sich niedergesetzt.
+
+Der Landstreicher Jeß sagte:
+
+»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«
+
+Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen
+mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was
+er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.
+
+»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm
+erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.
+
+Da zuckte Jeß zusammen.
+
+»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du
+wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du
+auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich
+habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«
+
+»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von
+dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer
+Mensch ist als du?«
+
+Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große
+Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.
+
+Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet
+nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft
+über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und
+hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände
+ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein
+geladener Motor, den wir anzünden könnten.
+
+»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann
+sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn
+anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute
+werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«
+
+»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu
+mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er
+stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«
+
+Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere
+Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur
+Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.
+
+»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.
+
+»Weiß ichs?« war meine Antwort.
+
+»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach
+Orange Flat? Und was solltest du da?«
+
+»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.
+
+Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.
+
+Huntley bemerkte:
+
+»Du sagst ja nichts, Fred.«
+
+»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.
+
+Das reizte Huntley.
+
+»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge
+da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.
+
+Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf
+seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in
+unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf
+der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand,
+den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren
+enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um
+unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.
+
+Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der
+stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen
+hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht
+mit.
+
+Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre
+Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred
+draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu
+sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah
+hinaus.
+
+»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns
+fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«
+
+Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten
+ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt
+sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber
+zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn
+wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob
+er um einen guten Ort wüßte.
+
+»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht
+bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir
+mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«
+
+Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die
+Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig
+zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem
+Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins
+Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.
+
+»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah
+neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn,
+daß er hinfiel und genug hatte.
+
+In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie
+hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er
+führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm
+her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte,
+daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in
+seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still
+kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine
+halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.
+
+Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle
+mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit
+dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei
+Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt
+war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das
+Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir
+gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte
+betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und
+wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.
+
+Dann gingen wir weiter.
+
+Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße
+Vierecke vor uns auftauchen.
+
+Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit
+Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an
+die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen,
+das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger
+Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag
+kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut
+auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der
+zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.
+
+Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir
+begehrten.
+
+»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber
+ist,« sagte Huntley.
+
+Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:
+
+»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug
+Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«
+
+»Gut!« sagte das Mädchen.
+
+Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in
+der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser
+neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am
+besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um
+von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre
+Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte
+sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht
+zu erschrecken.
+
+Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe
+nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.
+
+Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir
+konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam,
+hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur
+Beendigung der Ernte.
+
+
+_V_
+
+Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in
+zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder
+vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu
+verlassen -- wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben
+Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt.
+Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den
+Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.
+
+Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück
+entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen
+Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte
+sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach
+Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der
+Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich
+die Jacke aus und ging an die Arbeit.
+
+Jeß sagte zu mir:
+
+»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten.
+Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld
+und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«
+
+Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog
+mit Jeß von dannen.
+
+Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen
+waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine.
+Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir
+auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man
+sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze.
+Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der
+Bahn entlang hineinkommen.
+
+»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.
+
+»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das
+Mädchen hat es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred
+ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut
+aussieht.«
+
+»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.
+
+Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:
+
+»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«
+
+»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist
+du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst
+also nicht, daß Fred sie bekommt?«
+
+»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du
+dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang
+fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das
+ist der Weg.«
+
+Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.
+
+Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken
+geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im
+Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht:
+als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu
+spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein
+innerliches Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar
+Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.
+
+»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.
+
+Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen
+andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da
+wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ,
+daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen
+wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem
+Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch
+nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten
+Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines
+Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt,
+einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.
+
+Der Wirt fragte:
+
+»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«
+
+»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich
+höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«
+
+»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«
+
+»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur
+nüchtern hält.«
+
+Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte
+scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen:
+er habe mit mir zu reden.
+
+Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg
+entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben
+stand: ^Hart & Co. Farmers Bank^; hier bat Jeß mich, einen
+Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte
+ich:
+
+»Was hast du da drinnen gemacht?«
+
+»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.
+
+Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir
+uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den
+Schienen entlang lag.
+
+Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich,
+daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:
+
+»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre,
+nicht wahr?«
+
+»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.
+
+»Dann wirst du einen Dollar weniger haben als ich. Den hast du der
+Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun
+konntest.«
+
+»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und
+das Geld zu versaufen.«
+
+»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt,
+wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«
+
+»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.
+
+»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht
+gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.
+
+»Was ist das für ein Plan?«
+
+»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.
+
+»Ja --?«
+
+»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«
+
+»Ja, ich habe das gehört --?«
+
+»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«
+
+»So, so.«
+
+»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«
+
+»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«
+
+Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er --
+kurz und gut -- in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen
+Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.
+
+»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.
+
+»Dann nehm ich Huntley mit.«
+
+Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:
+
+»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn
+du michs lehren willst ...«
+
+»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken
+anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus
+studiert.«
+
+Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen,
+und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben
+abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.
+
+»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«
+
+»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht
+drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er
+wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen
+zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die
+Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst,
+dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr
+hinzusparen.«
+
+Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen,
+und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk
+getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen,
+solange Gäste da waren.
+
+»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er
+unternimmt,« sagte Jeß.
+
+Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden
+aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir
+landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.
+
+
+_VI_
+
+George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf
+den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja
+ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo
+er sich für ein Stündchen aufhalte.
+
+Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig
+Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung
+und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns
+beachtete er gar nicht.
+
+Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße
+herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den
+Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit
+behandelt.
+
+Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken,
+antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt
+war und Jeß nichts als ein Landstreicher.
+
+»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben
+die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.
+
+»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein
+Taschenbuch vor.
+
+Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben
+und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um
+ihn zufriedenzustellen.
+
+»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier,
+Burschen.«
+
+Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.
+
+»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.
+
+»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«
+
+Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.
+
+Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er
+nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde
+Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus
+dem Taschenbuch.
+
+Darüber verstrichen einige Stunden.
+
+»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.
+
+Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.
+
+»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.
+
+»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir
+hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.
+
+»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«
+
+Und wir ließen uns überreden.
+
+Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele
+Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen
+geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er
+begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.
+
+»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.
+
+Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern
+Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt
+hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer
+Spannung war, -- wegen der Dinge, die bevorstanden.
+
+George zählte sein Geld und sagte:
+
+»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld
+holen.«
+
+»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.
+
+»Es reicht nicht,« erwiderte George.
+
+Er taumelte zur Tür hinaus.
+
+»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die
+Burschen.
+
+»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf
+ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«
+
+Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein
+Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.
+
+Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu
+trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts
+mehr trinken.
+
+»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.
+
+Ich sah ihn erstaunt an.
+
+»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.
+
+Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und
+hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen
+nach dem andern, hinauszuwerfen.
+
+Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.
+
+Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in
+der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus
+schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.
+
+»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das
+Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.
+
+»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.
+
+Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.
+
+Er machte dieselben Sprünge.
+
+»Wo bist du gewesen?« sagte ich.
+
+»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,«
+entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«
+
+Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:
+
+»Hörst du?«
+
+Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und
+arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.
+
+»George ist es,« sagte Jeß.
+
+Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.
+
+»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf
+die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«
+
+George ging zu den Mädchen und taumelte stark.
+
+»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,«
+sagte Jeß.
+
+Im Gehen bemerkte ich:
+
+»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«
+
+»So?« sagte Jeß.
+
+Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte
+sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas
+zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte
+wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke
+Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.
+
+Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:
+
+»Was zum Teufel ist das?«
+
+Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie
+er hierhergekommen sei.
+
+»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du
+nicht Antwort gibst.«
+
+»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu
+Boden fallen.
+
+Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und
+so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der
+Wächter durchaus einsah, daß es sich hier um einen unfreiwilligen
+Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.
+
+»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er
+wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein
+kleiner Fang geworden.«
+
+»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte
+ich.
+
+Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:
+
+»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und
+gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«
+
+»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.
+
+»Nun gehe ich,« sagte Jeß.
+
+Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte
+verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier
+stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand
+zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war
+ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen.
+Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten
+bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen
+rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon
+will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank werfen, aber statt
+dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte
+Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten
+lang fort sein.
+
+Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der
+Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert
+über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn
+es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen
+längs dem Geleise befanden.
+
+Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu
+durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe
+wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur
+wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme
+Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich
+auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch
+an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.
+
+Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht
+zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu
+betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran,
+hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.
+
+»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.
+
+»Was ist geschehen?« fragte ich.
+
+»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen
+haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch
+da.«
+
+Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und
+ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte
+und ihn fragte:
+
+»Du hast also nichts an dich gebracht?«
+
+»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich
+will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas
+andres versuchen.«
+
+Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging
+mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:
+
+»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir
+wollens aufgeben!«
+
+»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.
+
+Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein
+Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der
+Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.
+
+»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.
+
+Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde
+ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.
+
+Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich
+auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb
+fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder
+ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der
+Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich
+ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden
+gesehen hätte.
+
+»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.
+
+»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein
+größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich
+in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in
+der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen
+und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.
+
+Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:
+
+»Ist er dir durchgebrannt?«
+
+Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:
+
+»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht,
+und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun
+haben will.«
+
+Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus
+den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich
+hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der
+Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil
+bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!
+
+Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute
+gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich
+mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem
+geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar
+rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte
+vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre,
+bis zum letzten Blutstropfen!
+
+Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den
+Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen.
+Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers
+gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem
+Goldschmied am Fenster gesehen hatte.
+
+
+_VII_
+
+»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,«
+sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort
+gehalten hast.«
+
+»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich.
+»Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm
+auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«
+
+»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest.
+Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der
+Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.
+
+Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann
+Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze
+Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander
+hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.
+
+»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam.
+»Brauch es gut!«
+
+»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.
+
+Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so
+auf der Farm.
+
+Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte
+das eine Tier des Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred
+schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich,
+und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred
+blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich
+auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für
+mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich
+solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen.
+Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das
+erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und
+ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald,
+Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.
+
+Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der
+Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein
+Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der
+Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin
+stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder
+hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich
+nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank
+war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt,
+es anzuzeigen. Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen
+Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt
+haben mochte.
+
+Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte,
+immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er
+sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er
+zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein
+helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt
+hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn
+ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und
+beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem
+aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und
+dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich
+konnte mich mit Fred nicht messen.
+
+Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und
+behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir
+sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie
+mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch
+wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon,
+geboren und folglich Städter war.
+
+Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und
+bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich
+aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde
+geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und
+dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in
+ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten,
+weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.
+
+So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice,
+obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam
+gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht
+im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der
+Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon
+verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice
+nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und
+antwortete mir nicht.
+
+Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir
+ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich
+gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen
+heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein
+trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur
+Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben,
+ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den
+goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.
+
+»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben
+versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.
+
+Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und
+mit ihm redete sie.
+
+»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.
+
+»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.
+
+»Gewiß.«
+
+»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.
+
+»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es
+wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«
+
+»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich
+diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so
+ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber
+auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr
+den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht
+hatte.
+
+Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach
+dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und
+Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir
+hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit
+schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:
+
+»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«
+
+»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt
+zum zweitenmal hier.«
+
+»Und du, Freddie?«
+
+»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.
+
+»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.
+
+Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte
+auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht
+deutsch.
+
+»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was
+hast du mit deinem angefangen, Nut?«
+
+»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es
+mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«
+
+»So, so,« sagte Alice.
+
+
+_VIII_
+
+Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und
+ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze
+Stunden.
+
+Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß
+Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf
+die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das
+Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem
+Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte
+mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher
+hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe
+Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin
+fiel um und lag wie tot da.
+
+Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich
+am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die
+Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und
+lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich
+gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr
+Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor
+den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.
+
+Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller
+Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das
+Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen
+zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und
+es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm
+die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett
+unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich
+zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an
+seinem Arm zu schneiden.
+
+Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf
+mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind
+ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen;
+hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte
+Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm
+halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.
+
+Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als
+kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und
+horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. Da ergriff ich ihn bei den
+Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und
+her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das
+Kind wieder ein wenig nieder und horchte, -- das Herz schlug ein wenig.
+Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir
+alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der
+einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte
+Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte
+auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz
+darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder.
+»Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine
+Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.
+
+»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.
+
+Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener;
+ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück
+Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir
+ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen
+Streifen ab als Binde.
+
+Alice kam wieder herein und sagte:
+
+»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«
+
+»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.
+
+Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu
+ihrer Tochter:
+
+»Schweig still, Alice.«
+
+Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte
+er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute
+er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.
+
+Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde
+darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn
+in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen
+wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.
+
+»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.
+
+Und da war mir wie einem Gotte zumut.
+
+Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und
+begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf
+erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte
+mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl
+zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu
+meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere ein und begann wieder zu
+pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.
+
+Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte
+Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins
+Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich,
+die Tiere für heute auszuspannen.
+
+Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts
+gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann
+war.
+
+Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:
+
+»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«
+
+»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte
+Rodgers hinzu.
+
+»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.
+
+Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.
+
+Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es
+machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf
+der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es
+zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice
+hätte es sich geziemt, mir allerhöchst ein paar herzliche Worte zu
+sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:
+
+»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch
+einmal!«
+
+Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien
+sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in
+den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig;
+sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so,
+als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu
+machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel
+zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und
+Fred war nicht dabei.
+
+Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte
+ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die
+Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher
+wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder
+arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung
+statt.
+
+Fred kam zu mir und sagte:
+
+»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was
+wirst du dann anfangen?«
+
+»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon
+Rat finden.«
+
+Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft
+zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann
+angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein
+Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er
+arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen
+war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete
+er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen
+wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt
+in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam
+öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein
+bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren
+verliebt.
+
+Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert
+wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß
+Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden
+hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von
+ihm lassen solle.
+
+Fred sagte zu mir:
+
+»Du mußt uns helfen, Nut.«
+
+Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:
+
+»Bittest du mich mit Alicens Willen?«
+
+»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«
+
+Ich sagte:
+
+»Dann werde ich es tun!«
+
+Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde,
+Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.
+
+Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines
+Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.
+
+»Von einer Farm,« war die Antwort.
+
+Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer
+einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen
+lerne?
+
+Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und
+dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen
+treffe man nicht.
+
+Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen
+Vorbeiziehenden nehme?
+
+Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die
+mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem
+Paar war es gut gegangen, die jungen Leute hatten sich Land genommen
+und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.
+
+Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein
+junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen
+andern kenne und nicht die Wahl habe.
+
+Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.
+
+Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie
+wir es wären, sagte ich zum Schlusse.
+
+Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.
+
+Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice
+wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von
+meiner unheimlichen Einsicht bekommen!
+
+Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des
+Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred
+entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu
+Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher
+ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher
+wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör
+bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie
+uneigennützige Seele ich sei.
+
+Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie
+zuerst zum Reden veranlassen.
+
+»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.
+
+»Was habe ich getan?«
+
+»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«
+
+Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich
+Schlechtes über Fred gesagt hätte.
+
+»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred
+sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.
+
+»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne
+dich, Nut!«
+
+Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position
+gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da
+entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und
+Alicens Benehmen sei der Grund dafür.
+
+
+_IX_
+
+Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über
+Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice
+kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf
+herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und ihren Atem
+etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne
+Zusammenhang.
+
+Ȇber Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was
+Sie verlangen.«
+
+Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im
+Stall und hörte uns zu.
+
+»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich
+bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«
+
+»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals
+gesagt.«
+
+»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß,
+daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«
+
+»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn
+Freddie ist der, den ich liebe.«
+
+»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«
+
+»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«
+
+»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug
+gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen
+vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte
+eines Menschen übersteigen.«
+
+»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.
+
+»Mehr aber nicht?«
+
+»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du
+schreibst wie der Blitz.«
+
+Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred
+und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.
+
+»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.
+
+»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«
+
+Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:
+
+»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld
+verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred
+machen?«
+
+Alice schwieg.
+
+»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und
+gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.
+
+»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor.
+Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß
+du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich
+schlag dich tot wie nen Hund.«
+
+Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur Abwehr hoch. »Beruhige dich,
+Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.
+
+»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und
+stach mit der Heugabel nach mir.
+
+Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,«
+war alles, was sie sagte.
+
+»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die
+Heugabel beiseite, Mörder du.«
+
+Aber Fred wollte mich nicht schonen.
+
+»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich
+nieder,« sagte er.
+
+Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt
+war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der
+Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals
+vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.
+
+»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.
+
+»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich
+will dir keinen Gefallen tun.«
+
+Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen
+Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich
+wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der
+Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand
+Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und
+holte ihren Vater heraus.
+
+»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«
+
+»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«
+
+»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.
+
+Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl
+auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging
+ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu
+verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was
+sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er
+pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er
+nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte
+und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres,
+als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als
+ich lag und schlief.
+
+Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit,
+wo der Frost begann, in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte
+Mr. Rodgers:
+
+»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«
+
+Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und
+zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab
+ihnen zu fressen.
+
+»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,«
+sagte Mr. Rodgers.
+
+Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld
+aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam,
+der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem
+neuen Hut aus der Stadt.
+
+Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke
+zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann
+hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke
+um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas
+unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.
+
+In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche
+aufstand und die Jacke anzog.
+
+»Wo willst du hin?« fragte ich.
+
+Er gab mir keine Antwort.
+
+Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und
+schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war
+es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter
+zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch
+geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war
+durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am
+Morgen erwachte ich wieder.
+
+Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht
+zurückgekommen.
+
+»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.
+
+»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.
+
+Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte
+sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens
+Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder
+und sagte:
+
+»Wo mag nur Alice sein?«
+
+Ihr Gesicht war aschgrau.
+
+Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden
+sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar
+wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.
+
+»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft.
+
+Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies
+und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst
+ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut
+gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach
+Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als
+die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen
+Enkelkinder.
+
+Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses.
+
+»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit
+geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«
+
+»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.
+
+»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in
+der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«
+
+Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.
+
+
+
+
+Zachäus
+
+
+_I_
+
+Tiefster Friede ruht über der Prärie.
+
+In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur
+Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
+Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und
+Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren Maschinen
+sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige Laut, den man
+hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind herübersteht,
+schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, -- das
+klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten am Horizont. Zuweilen hört
+man diesen Laut ganz merkwürdig nahe.
+
+Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen,
+ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind
+mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. Die Häuser der
+Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem
+unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
+
+Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum späten
+Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen beschäftigt.
+
+Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
+Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden;
+aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der
+Billybory-Farm.
+
+Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in
+dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt die Luft
+ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
+
+Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, spangedeckten
+Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt wird, hört man die
+Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in
+größter Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen Herde mit Gras,
+und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und
+Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen
+hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt,
+und die drei Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
+
+Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von
+militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und
+sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von aller Welt Polly
+genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.
+
+Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
+ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein
+Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte Nummer von
+einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt er keinem der
+Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche liegen, um sie in seinen
+freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit großem
+Fleiß.
+
+Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine
+Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu
+lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch anzubieten,
+die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen;
+dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung des Kochs in der
+Hand zu halten und bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen.
+Aber der Koch vermißte augenblicklich seinen Schatz, suchte Zachäus in
+seinem Bett auf und riß die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein
+heftiger und lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
+
+Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
+schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
+jemals einen Soldaten gesehen habe und ob er die Einrichtung eines
+Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur
+lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das
+Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa Häuser in
+Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe?
+
+Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch,
+daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte.
+»Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei
+ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung wieder hingelegt haben,
+nachdem er sie studiert hätte. »Steh' nicht da und spuck' auf den
+Fußboden, du schmieriger Hund!«
+
+Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem
+wütenden Gesicht.
+
+Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden
+Landsleuten. --
+
+Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und speisen
+jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken
+herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen sich unter die
+Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten während der Mahlzeit zu
+ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt
+wieder im Sattel und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und
+die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zurück.
+
+Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und Kummen nach
+der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen im
+Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Gesänge
+und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im Süden
+mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat.
+
+
+_II_
+
+Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit
+der Arbeiterschar langsam aus der Prärie heim. Die meisten waschen
+ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige
+kämmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen
+vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, Einwanderer aus Europa
+und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger
+Vagabunden und verunglückte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande
+tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird
+gewöhnlich in großer Hast eingenommen, ohne daß irgend jemand was sagt.
+Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher, der selber an der
+Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit
+beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
+
+Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von Schweiß
+geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen Rücken
+brannte.
+
+Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem großen
+Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in die Nacht
+hinaus.
+
+Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit Wasser
+standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig während der
+Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu
+kalkhaltig, um darin zu waschen.
+
+Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd ab und
+fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn
+gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er pfiff sogar leise
+vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
+
+Da öffnete plötzlich der Koch die Küchentür. Er hielt eine Lampe in der
+Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
+
+»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
+
+Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus zu und
+fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
+
+»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
+
+»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es
+genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
+
+Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an,
+seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
+
+Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
+Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
+lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
+
+Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem kleinen
+Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
+
+»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. »Ich
+habe es benutzt!«
+
+Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus.
+
+»Ich will sie dich kosten lassen!«
+
+»Wenn du es wagst!«
+
+Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und im
+selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen ein
+Geheul über das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und
+Wohlbehagens.
+
+Zachäus aber hielt nicht lange stand.
+
+Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, seine
+Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu können.
+Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt über den Platz
+und fiel dann um.
+
+Der Koch wandte sich an die Menge:
+
+»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gefällt!«
+
+»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
+
+Der Koch zuckte die Achseln.
+
+»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
+großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den
+Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen,
+er wird literarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »Laßt
+ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und
+will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich für Generale gekocht
+habe! Ist er Oberst der Prärie, frage ich?«
+
+Und alle bewunderten Pollys Rede.
+
+Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so verbissen,
+genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«
+
+Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
+mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser
+Lampe prügeln!«
+
+Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
+
+Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in
+ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang es
+sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den
+andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.
+
+
+_III_
+
+Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras auf den
+Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist heute ebenso
+scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengläsern voll
+Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor
+irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen.
+Zachäus stößt einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute
+später fängt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen
+und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen.
+
+Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
+Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?«
+
+Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
+
+Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: »Mir
+ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche
+mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
+
+Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei
+Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine
+kleine Leiche.
+
+Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und
+bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!«
+Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen davon ab;
+mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den
+abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem
+Kameraden für die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. -- Er
+hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall
+hörte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zurück.
+
+Das erste, was Zachäus tat, war, den abgeschnittenen Finger
+aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl in
+eine Flasche, steckte den Finger hinein und verkorkte den Hals fest.
+Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche.
+
+Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der
+Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf
+den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag da und litt und
+grämte sich über alle Maßen. Eine Untätigkeit wie diese hatte er noch
+nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine
+explodierte und seine Augen beschädigte.
+
+Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch Polly
+selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den
+Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht
+in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, daß Zachäus sich nach
+der Wand umdrehen und die Zähne schweigend zusammenbeißen mußte, weil
+er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig war.
+
+Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen und
+gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich war, fing
+Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des
+Tags, während der Hitze hielt er die Tür nach der Prärie und nach dem
+Himmel offen. Oft saß er mit offenem Munde da und lauschte dem Ton
+der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit
+seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe.
+
+Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht
+in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Tür vor der Nase zu, unter dem
+Vorwand, daß es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er
+sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer sich vor Wut aus der
+Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel
+nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum
+Krüppel zu machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht,
+um zu zielen und er traf niemals.
+
+Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu Mittag
+essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch
+ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute sein Essen
+auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz verlassen da und
+krümmte sich vor Langweile. Jetzt wußte er, daß die Küche leer war,
+der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen draußen in der
+Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen ausziehen, um sich über den
+Eingesperrten lustig zu machen.
+
+Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber nach
+der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an
+ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zurück in
+den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und fängt an, die
+amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.
+
+Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden vergingen
+jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der Proviantwagen
+zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie
+gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen zu waschen.
+
+Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies war
+gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab.
+Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den
+Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung
+wieder heraus und bringt sie auf seinem bloßen Leibe unter. Nie im
+Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern!
+
+Es vergeht eine Minute.
+
+Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus liegt da
+und starrt zum Dach empor.
+
+Polly tritt ein.
+
+»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in
+dem Raum stehen.
+
+»Nein!« antwortet Zachäus.
+
+»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
+
+Zachäus richtet sich auf.
+
+»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird
+ganz wütend.
+
+Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
+die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die
+armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
+
+»Du mußt sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte und
+schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um
+und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!«
+
+Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
+»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
+schmutziges Ferkel!«
+
+Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein
+unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich
+nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
+
+
+_IV_
+
+Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
+Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
+Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
+Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten
+Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder
+Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.
+
+Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, wo
+er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes
+draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte.
+Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen
+zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch
+antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe,
+so bekäme er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zachäus'
+Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«
+
+Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein Schicksal.
+Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man ihm gab.
+
+»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte
+er nur und machte sich über die Schüssel her.
+
+»Küken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß aus
+seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
+
+»Küken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen mit
+seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Küken, du Lügner.« Aber
+es war Fleisch und Sauce.
+
+Und er aß von dem Fleisch.
+
+Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug werden
+konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit zähem
+Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das
+Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen
+selber behalten!« murmelte er und geht an die Türöffnung, um es
+genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Plötzlich
+eilt er nach der Pritsche zurück und sieht nach der Flasche mit dem
+abgeschnittenen Finger, -- die Flasche war verschwunden.
+
+Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
+verzerrtem Gesicht bleibt er in der Tür stehen und sagt, so daß alle es
+hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?«
+
+Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
+
+Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische zu kichern an.
+
+Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
+Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' ich
+den nicht wiedererkennen?«
+
+Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen
+Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
+
+»Was hast du eigentlich?« fragte einer.
+
+»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
+erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen
+gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
+
+Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, und
+die Leute schrieen durcheinander:
+
+»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du
+hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite
+abgenagt!«
+
+»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- -- ich
+dachte nicht -- --«
+
+Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Tür hinaus.
+
+Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte
+sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch
+zusammen gekocht, Polly?«
+
+»Nein,« erwiderte Polly?. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
+haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen
+Kessel.«
+
+Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
+Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, sie
+stritten und lachten darüber wie die Verrückten, und der Koch feierte
+einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
+
+Zachäus aber war verschwunden.
+
+Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer
+nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus aber wanderte
+weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug seine kranke Hand
+in der Binde und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im
+übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.
+
+Er setzte seine Wanderung fort.
+
+Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein
+eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück,
+den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen Schritten geht er
+durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet.
+Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an.
+
+Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum beim
+Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er
+den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune
+ist.
+
+Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz
+stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen,
+alles ist still, nur der Regen fällt noch immer, und von Zeit zu Zeit
+schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und
+schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
+
+Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
+Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht naß
+zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig,
+dann begibt er sich nach der Küche.
+
+Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt
+ruhig ein.
+
+»Guten Abend!« sagt er.
+
+Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
+
+»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
+
+Zachäus entgegnet:
+
+»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern
+abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder waschen.«
+
+»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
+
+»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
+
+»Ich rate dir davon ab.«
+
+»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
+
+»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
+
+Und Zachäus geht hinaus.
+
+Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht
+mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser
+herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
+
+Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs
+mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.
+
+»Was machst du hier?« fragt er.
+
+Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
+
+»In meinem Wasser?«
+
+»Natürlich!«
+
+Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon
+zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem
+Hemd.
+
+Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand
+heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
+
+Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
+
+
+_V_
+
+Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um
+zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten,
+was er so lange draußen gemacht habe.
+
+Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
+
+Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören.
+
+»Du hast ihn erschossen?«
+
+»Ja!«
+
+»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
+
+»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«
+
+»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
+
+»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
+
+»Das hast du getan?«
+
+Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.
+
+Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das
+Gehirn.«
+
+»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch das
+Gehirn, so ist das der Tod.«
+
+Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen -- -- --.
+
+Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit
+dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war
+herzlich glücklich über den Mord.
+
+Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
+weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag
+irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei
+war nichts mehr zu machen.
+
+Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten
+Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu
+trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor,
+und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.
+
+»Wohin gehst du, Zachäus?«
+
+»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach
+Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«
+
+»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
+Reise!«
+
+Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große
+Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
+
+Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die
+Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
+gleichen.
+
+
+
+
+Auf den Bänken bei New-Foundland
+
+
+Monat für Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabeljau. Der
+Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an
+derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa
+und Amerika. Vier- bis fünfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon
+hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann
+segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben
+Grunde und fischten Kabeljau -- und steuerten wieder nach Miquelon
+hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land.
+Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen
+an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und
+Schiffshändler bewohnten.
+
+Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen »Kongo«, ein wirklicher
+Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte
+Stückpforten hatte von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an
+Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest
+waren Neger.
+
+Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus
+und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im Winter beim
+Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf
+derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem
+»Kongo«.
+
+Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot
+keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder
+Montag wäre. Das einzige, was unsere Verhältnisse von denen der andern
+New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungewöhnliche, daß unser
+Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber
+sehr widerliches Geschöpf mit ganzen Trauben von Warzen an den Händen
+und entsetzlich mager und sehr klein.
+
+Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie
+war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich
+angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und --
+nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen. Aber obwohl sie so unsauber
+war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern,
+wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns
+hätte sie entbehren mögen. So genügsam waren wir geworden.
+
+Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer
+weiter, gelangt irgendwohin und beendet schließlich seine Fahrt, wie
+lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still,
+mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser
+Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen
+konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr
+verändert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich
+ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und
+hörten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir
+interessierten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken
+mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung
+mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen,
+fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine
+eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten.
+
+Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier
+draußen im Meer nicht hinausgelangen, und außerdem hatte der scharfe
+Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen
+Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze
+Lebensfreude ertötet.
+
+Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht
+ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben teilnahm,
+war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im
+ernstesten Tone:
+
+»Meinst du, daß man jetzt daheim Krieg führt?«
+
+So gleichgültig waren wir für alles geworden, daß wir fast nicht mehr
+miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede
+Frage lauten würde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe
+hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich,
+daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die
+Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie
+zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten,
+gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in
+jeder Beziehung hilflos und verlassen.
+
+Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog
+draußen ein Auswandererschiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter
+Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und in demselben Augenblick
+im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen
+Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten
+einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und
+die Lichter vom Schiff uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs
+des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft einen plötzlichen
+Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der
+Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere
+Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer
+in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog.
+
+Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van
+Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein
+Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah,
+daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen
+eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer
+und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau.
+
+Merkwürdige Gemütsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen,
+wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht
+heraufbekommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von
+verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot auf die
+Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Zähnen und ganz
+toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir taten, wir
+wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Mächten
+der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefaßt.
+
+Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemütsstimmung bekam, sagte
+man auf den Bänken, er sänge »um klares Wetter«, weil wir meinten,
+der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir
+saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus
+dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit
+großen, zottigen Köpfen, und wieder verschwanden. Und zerfließende,
+koboldhafte Gestalten schwebten in dem weißen Dunst umher, groß wie
+Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind
+blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten
+sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen
+Mänteln, die ihnen nachflatterten.
+
+Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über
+die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere
+Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und
+ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein
+Sturmwind, wir hörten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an
+uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie;
+dann verschwand er ...
+
+Aber wenn wir am Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit
+unsern vollbeladenen Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter
+Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag getan
+zu haben, uns oft in einer andern Weise töricht und erregt. So geschah
+es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die
+Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln.
+Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten
+die großen Fische beim Kopf, drückten die Finger in ihre weichen Augen
+hinein und hielten sie so in die Höhe, indem sie ganz eigenartig
+lachten und sie ansahen.
+
+Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen
+Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei
+Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schloß.
+
+Diese fetten Fischleichen wirkten überhaupt sehr auf uns alle; wir
+konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber öffneten; wir
+schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, wühlten unnötig viel mit
+den Händen in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem
+Blut, als nötig war.
+
+Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gelüsten; aber
+dafür war er von einer ganz verrückten Neigung zu der Schifferfrau
+entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns
+allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie
+liebe!« sagte er mehrmals am Tage.
+
+Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner
+ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt
+in sie; ich hätte ihn damals, als er es mir erzählte, auf der Stelle,
+nur aus Eifersucht, totschlagen können. Denn auch mir erging es nicht
+besser.
+
+Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig
+umher und merkte nichts von dem allen. Uns würdigte sie keines Blickes.
+Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem
+Feldstuhl saß und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich über eine
+Tauhaspel und wäre beinahe gefallen. Das ärgerte mich so, daß ich mich
+umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte,
+statt weiterzugehen, -- ich muß entschieden sehr lächerlich ausgesehen
+haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze
+Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts
+Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht.
+
+»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verrückten
+Sprache; »weiß Gott, sie verfault!«
+
+Und doch hätte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein mögen
+...
+
+Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schnüre wieder ausgelegt waren,
+war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden
+mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen.
+
+Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu müde waren, ein bißchen
+miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen, alles in
+einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher
+Worte ... Der Franzose wußte ein Stück von einem Mann zu erzählen,
+der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses
+Stück hatte er mehrmals erzählt, immer mit demselben großen Erfolg.
+Die Russen waren ganz entzückt davon und lachten unaufhörlich, wenn es
+erzählt wurde. Ihre Freude über die derbe Erzählung war so aufrichtig
+wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt
+in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit.
+»Wie ging es dann weiter?« Und doch wußten sie ebensogut wie wir
+andern, wie das Ganze zugegangen war.
+
+Van Tatzel dagegen war fast niemals so glücklich, wenn er ^seine^
+Geschichte erzählte; wir mochten sie selten anhören. Wir verstanden
+ihn so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und außerdem verdrehte
+er noch das Wenige, was er wußte. Wenn er im Begriff war, etwas zu
+sagen, und plötzlich fest saß, sah er sich nach uns allen mit seinem
+verzweifelten Gesicht um und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er
+war wirklich sehr zu bedauern.
+
+Van Tatzel war der älteste von den Holländern, ein altes Schwein;
+ziemlich taub, aber sonst gutmütig und gefällig. Er hatte immer
+Wattebüschel in den Ohren, Sommer und Winter, große Wattebüschel,
+die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine
+ungewöhnlich schwerfällige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen
+Kinde gemacht, und er vermochte nicht über seine Nasenspitze hinaus
+zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak,
+spuckte rücksichtslos in die Kajüte hinab und begann seine Erzählung
+immer folgendermaßen:
+
+»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines
+Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein
+letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war,
+aber es war schon sehr spät,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer
+Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst
+meine Hosen auf; ich entsinne mich, daß ich an jedem Hosenbein zwei
+Krempel machte. Aber übrigens war ich mehr als betrunken und fiel bei
+dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade
+bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, -- etwas, was mich
+betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war
+dicht hinter mir, mitten in der Straße -- ihr mögt es mir glauben oder
+nicht, aber es war eine Dame.«
+
+Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine
+feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht
+nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle.
+
+»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Straßen von Amsterdam?«
+fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her.
+
+»Ja, eine Dame!« sagt er entzückt und lacht übers ganze Gesicht. Das
+erregt ihn so, daß er es zweimal beschwört, und wir lachen über ihn
+alle zusammen. Er versucht, weiter zu erzählen, sitzt aber wieder fest;
+es ist ihm nicht möglich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes
+Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden,
+das uns die Sache klar machen könnte; aber er schweigt mäuschenstill.
+Ihm liegt soviel daran, sich gerade über diesen Punkt auszusprechen;
+und plötzlich, als er völlig überwältigt ist von der Erinnerung an
+diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudrücken
+vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein
+großer Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von
+uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern
+Koje liegt und schnarcht.
+
+Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die
+immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male gehört; sie begann
+stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine
+glaubwürdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran.
+
+Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das
+Meer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die
+Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die
+Nacht ...
+
+Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von
+dem Geruch von all diesem ausdünstenden Menschenfleisch, das sich in
+wilden Träumen wälzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete
+auf die plumpen Körper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren
+paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre
+dicken, nackten Füße glichen Fausthandschuhen.
+
+Aus jeder Koje vernahm man Stöhnen und halbe Worte; die Neger lagen und
+fletschten ihre weißen Zähne und sprachen laut, nannten einen Namen und
+bliesen ihre schwarzen Wangen auf.
+
+Aus der Koje des jüngsten Holländers vernahm man unter glucksendem
+Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes
+Wimmern, -- den Namen der Schifferfrau. Alle beschäftigten sich mit
+ihr, diese lüderlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf
+lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf
+mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und
+lächelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig,
+gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier.
+
+Der scharfe Kajütenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden
+Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren,
+drückenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie
+öffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer große Blume saß
+auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre
+nassen Blätter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und
+still. Und ich wußte nichts mehr von der Welt ...
+
+Dann kam die Wache und weckte mich auf.
+
+
+
+
+ Die in diesem Auswahlbande enthaltenen
+ Novellen stammen aus folgenden
+ Büchern von ^Knut Hamsun^:
+
+
+ Sklaven der Liebe
+ und andere Novellen
+
+
+ Die Königin von Saba
+ und andere Novellen
+
+
+ Kämpfende Kräfte
+ Novellen
+
+
+
+
+Werke von Knut Hamsun
+
+
+Erzählende
+Schriften
+
+Im Mai wird erscheinen:
+
+ ^Die letzte Freude.^
+ Roman Geh. ca. Mk.
+ 4.--, geb. ca. Mk. 5.--
+
+Früher sind erschienen:
+
+ ^Hunger.^ Roman. 7.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.50, geb. Mk. 4.50
+
+ ^Mysterien.^ Roman. 4.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 4.--, geb. Mk. 5.--
+
+ ^Neue Erde.^ Roman. 4.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 4.--, geb. Mk. 5.--
+
+ ^Pan.^ (Aus Leutnant
+ Thomas Glahns Papieren.)
+ 9. Tausend.
+ Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50
+
+ ^Redakteur Lynge.^
+ Roman. 2. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50
+
+ ^Victoria.^ Die Geschichte
+ einer Liebe. 7. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Die Königin von
+ Saba.^ Novellen. 3.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Sklaven der Liebe.^
+ Novellen. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Im Märchenland.^
+ Erlebtes und Geträumtes
+ aus Kaukasien. 2.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Kämpfende Kräfte.^
+ Novellen. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Schwärmer.^ Roman.
+ 3. Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Unter dem Halbmond.^
+ Reisebilder. 3.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Benoni.^ Roman. 3.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 4.--, geb. Mk. 5.--,
+ in Halbfr. Mk. 7.--
+
+ ^Rosa.^ Roman. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 4.--,
+ geb. Mk. 5.50, in Halbfr.
+ Mk. 7.--
+
+ Albert Langen, Verlag, München
+
+
+
+
+Werke von Knut Hamsun
+
+
+ ^Unter Herbststernen.^
+ Erzählung eines Wanderers.
+ 3. Tausend. Geh.
+ Mk. 3.--, geb. Mk.
+ 4.50, in Halbfr. Mk. 6.--
+
+ ^Gedämpftes Saitenspiel.^
+ Erzählung eines
+ Wanderers. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.50, geb.
+ Mk. 5.--, in Halbfr.
+ Mk. 6.50
+
+ ^Die Stimme des
+ Lebens.^ Novellen. 5.
+ Tausend. Geh. M. 1.--,
+ geb. Mk. 1.50
+
+
+Dramen
+
+ ^An des Reiches Pforten.^
+ Schauspiel. Geh.
+ M. 3.--, geb. M. 4.--
+
+ ^Abendröte.^ Schauspiel.
+ Geh. M. 2.--, geb. Mk. 3.--
+
+ ^Munken Vendt.^ Dramatisches
+ Gedicht. Geh.
+ Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Königin Tamara.^
+ Schauspiel. Geh. Mk.
+ 2.--, geb. Mk. 3.--
+
+ ^Spiel des Lebens.^
+ Schauspiel. Geh. Mk.
+ 2.--, geb. Mk. 3.50
+
+ ^Vom Teufel geholt.^
+ Schauspiel. Geh. Mk.
+ 3.50, geb. Mk. 5.--
+
+^Hamburgischer Korrespondent^: Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist,
+der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist
+der Sänger einer großen melancholischen Melodie. Er ist ein Meister
+schwermütiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein
+Verkünder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam
+pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht
+viele der heutigen Dichter. Und wer verfügte über eine so beredte
+Sprache, das Erlauschte zu verkünden, wie er?
+
+ Albert Langen, Verlag, München
+
+
+
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+
+ Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik,
+ Niefern bei Pforzheim.
+
+ Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
+
+
+
+
+Notizen des Bearbeiters:
+
+ - Text in Antiqua markiert durch _..._
+
+ - Gesperrter Text markiert durch ^...^
+
+ - Altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***
diff --git a/78349-h/78349-h.htm b/78349-h/78349-h.htm
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+ Abenteurer ausgewählte erzählungen | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***</div>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_1"></a></span></p>
+
+
+<p class="p3 center font14"><b>Langens Mark-B&uuml;cher</b></p>
+
+<p class="p1 center font11 pmb1">Band 3</p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p>
+
+
+<p class="p3 center font16 pmb1">Langens Mark-B&uuml;cher</p>
+
+<p class="center font12 pmb3">Eine Sammlung moderner<br />
+Literatur</p>
+
+<p class="p3 center font09">Dritter Band:</p>
+
+<p class="center font11 pmb3">Knut Hamsun<br />
+Abenteurer</p>
+
+ <div class="figcenter">
+ <img src="images/signet_bw1.jpg" alt="signet" />
+ </div>
+
+<p class="p3 center font12 pmb3">Albert Langen, M&uuml;nchen</p>
+
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_3"></a></span></p>
+
+
+<h1>Knut Hamsun<br />
+
+Abenteurer</h1>
+
+<p class="center font14 pmb3">Ausgew&auml;hlte Erz&auml;hlungen</p>
+
+ <div class="figcenter">
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+
+<p class="p3 center font12 pmb3">Albert Langen, M&uuml;nchen</p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_4"></a></span></p>
+
+
+
+<p class="p3 center pmb3"><span class="font11">Ein Verzeichnis von</span><br />
+
+<span class="font14">Knut Hamsums Schriften</span><br />
+
+<span class="font11">findet man am Schlu&szlig;</span><br />
+<span class="font11">dieses Buches.</span></p>
+
+
+<p class="p3 center pmb1"><span class="font11"><em class="antiqua">Copyright 1914 by Albert Langen</em></span><br />
+
+<span class="font10">Alle Rechte, insbesondere das der &Uuml;bersetzung,</span><br />
+<span class="font10">vorbehalten</span><br />
+
+<span class="font09">Albert Langen&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Knut Hamsun</span></p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_5"></a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Inhalt">Inhalt</h2>
+</div>
+
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+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;V</em></td>
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+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;VI</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_37">37</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;VII</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_48">48</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;VIII</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_54">54</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;IX</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_63">63</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left">Zach&auml;us</td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_71">71</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;I</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_71">71</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;II</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_75">75</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;III</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_79">79</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;IV</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_84">84</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua">&nbsp;&nbsp;V</em></td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_91">91</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="bottom" align="left">Auf den B&auml;nken von New-Foundland</td>
+ <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_94">94</a></td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_6"></a></span></p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Vagabondage">Vagabondage</h2>
+</div>
+
+
+<h3 class="no-break" id="I_1"><em class="antiqua">I</em></h3>
+
+<p>»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir k&ouml;nnen ihn
+nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir
+springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.</p>
+
+<p>Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig
+Schlaf, und alle Mann gehen in unnat&uuml;rlich erhitztem Zustand umher.
+Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten
+Schwierigkeit, die sich w&auml;hrend der Arbeit im Laufe des Tages ergibt,
+wenden wir Gewalt an und brechen die Ger&auml;tschaften entzwei.</p>
+
+<p>Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er
+erz&auml;hlt uns, da&szlig; die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und
+ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie
+geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Z&auml;hnen. Wir habens uns
+in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz
+zu &uuml;bertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten k&ouml;nnen. Darum hat
+uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den
+Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!«
+ <span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
+w&uuml;rden wir morgen wieder und
+&uuml;bermorgen wieder h&ouml;ren um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende
+ab in diesem Gejage.</p>
+
+<p>Wir st&uuml;rzen an den E&szlig;tisch und zwingen uns, das allernotwendigste an
+Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist
+gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir
+bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsst&auml;tte hinaus.</p>
+
+<p>Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Gesch&ouml;pfe. Wir wissen
+sehr wohl, da&szlig; viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen
+Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion
+macht gleichfalls die aller&auml;u&szlig;ersten Anstrengungen. Ein jeder hat
+seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.</p>
+
+<p>Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und f&auml;ngt zu gl&uuml;hen an; wir
+werfen unsre Blusen ab. Hunderte von M&auml;nnern sind &uuml;ber die endlose
+Weizenpr&auml;rie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend
+die Dunkelheit da ist.</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; nicht, ob ichs noch l&auml;nger aushalten kann, Nut,« sagte
+Huntley, der Irl&auml;nder.</p>
+
+<p>Und Nut, das war ich.</p>
+
+<p>Im Laufe des Tages h&ouml;r ich, da&szlig; Huntley
+ <span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
+das gleiche zu dem
+Landstreicher Je&szlig; gesagt hat: da&szlig; ers nicht l&auml;nger aushalte.</p>
+
+<p>Ich r&uuml;ffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm
+Vorw&uuml;rfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.</p>
+
+<p>Huntley begreift wohl, da&szlig; er dadurch eine gewisse Macht &uuml;ber mich
+bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er l&auml;&szlig;t sich noch weiter
+aus, er erkl&auml;rt sich ganz offen:</p>
+
+<p>»Ich kann nicht l&auml;nger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du
+mitkommen, so bin ich um zw&ouml;lf Uhr an der n&ouml;rdlichen Stallecke.«</p>
+
+<p>»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.</p>
+
+<p>Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte &uuml;ber die Sache nach; und als
+der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich
+sah wohl, da&szlig; er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch
+nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war
+zufrieden mit mir, da&szlig; ich ihm Widerstand leisten konnte.</p>
+
+<p>Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in
+Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.</p>
+
+<p>Ich sa&szlig; angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar
+Stunden w&uuml;rde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag
+w&uuml;rde verlaufen wie der gestrige und der
+ <span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
+vorgestrige. Dagegen lag
+wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo
+ich andre Arbeit finden und Geld verdienen k&ouml;nnte. Und da w&uuml;rde ich
+vielleicht ein bi&szlig;chen mehr Schlaf finden.</p>
+
+<p>Ich schlich mich aus der Stube und ging an die n&ouml;rdliche Stallecke
+hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem R&uuml;cken nach
+der Wand zu und die H&auml;nde in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf
+kam auch der Landstreicher Je&szlig;.</p>
+
+<p>Ich fragte:</p>
+
+<p>»Soll auch Je&szlig; dabei sein?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest
+ja nicht.«</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.</p>
+
+<p>»Ja, nun ists zu sp&auml;t,« erkl&auml;rte Huntley. »Ich hab nur Proviant f&uuml;r uns
+zwei.«</p>
+
+<p>W&uuml;tend sagte ich:</p>
+
+<p>»Dann meld ichs dem Aufseher.«</p>
+
+<p>»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du
+das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«</p>
+
+<p>Er kam mir so nahe, da&szlig; ich seinen Atem sp&uuml;rte.</p>
+
+<p>»Halt!« fl&uuml;sterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich
+mehr Essen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
+schaffen. Ich wei&szlig;, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Landstreicher Je&szlig; weg war, standen Huntley und ich bei den
+St&auml;llen und zankten uns darum, da&szlig; ich ihn hatte angeben wollen, und
+als Je&szlig; mit dem Fleisch zur&uuml;ckkam, war Huntley noch so erregt, da&szlig; er
+sagte:</p>
+
+<p>»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das f&uuml;r einen
+erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf
+mir das Fleisch zu.</p>
+
+<p>Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="II_1"><em class="antiqua">II</em></h3>
+
+<p>Wir gingen in n&ouml;rdlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu sto&szlig;en,
+und wir gingen ein paar Stunden. Da erkl&auml;rte der Je&szlig;, er m&uuml;sse ein
+wenig schlafen. Wir beiden andern h&auml;tten noch weiter gehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wir waren mitten auf der Pr&auml;rie, und noch sahen wir kein Anzeichen,
+da&szlig; der Morgen herank&auml;me. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen
+wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Pr&auml;rien, ohne na&szlig; zu
+werden. Wir gingen nun rings im Kreise und f&uuml;hlten mit den F&uuml;&szlig;en vor
+uns her, um eine gute Stelle
+ <span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
+zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte
+mich hint&uuml;ber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand
+gest&uuml;tzt, ein.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich weckt uns Je&szlig;. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu
+wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.</p>
+
+<p>»Auf, Leute!« rief er.</p>
+
+<p>Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im
+Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und
+behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht n&ouml;tig gewesen.</p>
+
+<p>Je&szlig; erwiderte:</p>
+
+<p>»Wir wollen sehen, da&szlig; wir von der Stelle kommen. Hier liegt &uuml;berall
+soviel wei&szlig;er Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den St&auml;llen aus
+verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«</p>
+
+<p>»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«</p>
+
+<p>»Und er kann uns vorher erschie&szlig;en,« erwiderte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten
+wars, als ob der Himmel sich zu erhellen beg&auml;nne, das bi&szlig;chen Schlaf
+hatte uns auch gut getan, so da&szlig; unser Mut etwas stieg; selbst Je&szlig;, der
+nicht geschlafen hatte, schien mehr Kr&auml;fte zu haben, er
+ <span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
+ging strammer
+daher und stolperte seltener auf der unebenen Graspr&auml;rie.</p>
+
+<p>»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Je&szlig;. Er erkannte es am
+Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt fr&uuml;hst&uuml;cken sie. Jetzt
+fragt er nach uns.«</p>
+
+<p>Wir gingen unwillk&uuml;rlich alle drei geschwinder.</p>
+
+<p>»Jetzt ist er drau&szlig;en und sieht nach uns,« sagte dann Je&szlig; wieder.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte mein Herz schlagen.</p>
+
+<p>»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer
+schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«</p>
+
+<p>»Er wird gut zureiten m&uuml;ssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte
+ich, um Mut zu markieren.</p>
+
+<p>»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals
+erreichen.«</p>
+
+<p>Huntleys Sicherheit wurde recht gro&szlig;, wir h&ouml;rten binnen kurzem, da&szlig; er
+verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.</p>
+
+<p>Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Je&szlig; blieb stehen
+und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen.
+Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Pr&auml;riemeer.</p>
+
+<p>Je&szlig; sagte:</p>
+
+<p>»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche
+ <span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
+nach Osten. Die Sonne wird
+bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung
+wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«</p>
+
+<p>»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach
+Norden reiten, &mdash; er wird uns nicht finden.«</p>
+
+<p>Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken
+nahe. Im Steigen wurde die Sonne w&auml;rmer und w&auml;rmer und hatte
+schlie&szlig;lich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben
+oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.</p>
+
+<p>Ich war &uuml;berm&uuml;det und konnte nicht schlafen, aufrecht sa&szlig; ich und
+besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Je&szlig; war von
+dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige H&auml;nde
+und Schultern. Gott wei&szlig;, er hatte vielleicht schon alle m&ouml;glichen
+Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unabl&auml;ssig
+umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu f&uuml;hren.
+Von seiner Matrosenzeit auf den Fl&uuml;ssen her hatte er Kenntnis von den
+Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht
+in einem st&auml;dtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter
+Kamerad: als er in der Nacht M&uuml;digkeit vorsch&uuml;tzte, geschah es, um uns
+ein kleines
+ <span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span>
+Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.</p>
+
+<p>Huntley war ein viel gr&ouml;&szlig;erer und beleibterer Mann; das Schicksal
+schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der
+Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle m&uuml;&szlig;ig waren, hatte er
+lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie
+nicht liebst, so erschie&szlig; sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so
+traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!«
+Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft
+ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs
+entwickelt. Er hatte sanfte, gr&auml;&szlig;liche Augen, die ekelhaft anzuschauen
+waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun
+wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah
+es aus, als w&auml;re er nackt bis zum G&uuml;rtel. Da er uns allen an Kraft
+&uuml;berlegen war, geno&szlig; er gro&szlig;es Ansehen unter uns.</p>
+
+<p>Die Sonne tut schlie&szlig;lich ihr Werk an mir und macht mich schl&auml;frig. Und
+im hohen Grase rauscht die Brise.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="III_1"><em class="antiqua">III</em></h3>
+
+<p>Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und
+schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war.
+Je&szlig; sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«</p>
+
+<p>Als ich sp&auml;ter am Tage erwachte, sa&szlig;en meine beiden Kameraden da und
+a&szlig;en. Sie sprachen dar&uuml;ber, da&szlig; wir unsre L&ouml;hnung im Stich gelassen
+hatten, da&szlig; wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre
+Bezahlung zu bekommen.</p>
+
+<p>»Wenn ich dran denke, k&ouml;nnt ich zur&uuml;ckgehen und die Farm
+niederbrennen,« sagte Huntley.</p>
+
+<p>Er verschlang unm&auml;&szlig;ige Portionen von seinem Proviant und ging nicht
+sparsam damit um f&uuml;r sp&auml;ter. Da ich mein Fleisch f&uuml;r mich hatte,
+brauchte ich blo&szlig; etwas Brot, das ich auch von Je&szlig; bekam. Von nun ab
+hatte ein jeder seinen Vorrat.</p>
+
+<p>Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft.
+Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir sch&auml;tzten die Zeit auf
+vier, halb f&uuml;nf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach
+Norden zu, um auf die Bahnlinie zu sto&szlig;en.</p>
+
+<p>Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der
+Pr&auml;rie zu Bett; vorher a&szlig; Huntley seinen ganzen Vorrat und war
+ <span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
+geh&ouml;rig satt, als er einschlief. W&auml;hrend der Nacht erwachten wir in
+Zwischenr&auml;umen alle drei von der eisigen K&auml;lte, dann machten wir
+im Dunkeln ein paar Spr&uuml;nge vor und zur&uuml;ck, bis wir fielen und das
+bereifte Gras im Gesichte f&uuml;hlten. Dann krochen wir wieder aneinander
+heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Z&auml;hnen. Huntley fror
+etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich sagte Je&szlig; und erhob sich dabei:</p>
+
+<p>»Wir k&ouml;nnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns
+dann hinlegen.«</p>
+
+<p>Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen
+Weg und Je&szlig; einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern
+stand am Himmel, da&szlig; wir uns darnach h&auml;tten richten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>»Ich gehe mit Je&szlig;,« sagte ich und fing zu gehen an.</p>
+
+<p>Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders
+mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.</p>
+
+<p>Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu fr&uuml;hst&uuml;cken an. Huntley,
+der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des
+Tages begannen wir Durst zu versp&uuml;ren, und Je&szlig; sagte: »Wir werden
+vielleicht den ganzen Tag &uuml;ber kein Wasser finden, seid mit dem Tabak
+ <span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
+sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bi&szlig;chen auf einmal.«</p>
+
+<p>Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so da&szlig; wir mit ihm
+teilen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Am Abend in der D&auml;mmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, h&ouml;rten
+wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre
+Ohren wie z&auml;rtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kr&auml;ften drauf
+los. Endlich stie&szlig;en unsre F&uuml;&szlig;e gegen die Schienen. Aber weder im
+Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir
+mu&szlig;ten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine
+Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene,
+aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum
+wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich f&uuml;r mein
+Teil fast st&auml;ndig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.</p>
+
+<p>Als der Morgen d&auml;mmerte, erhob Je&szlig; sich pl&ouml;tzlich und sagte:</p>
+
+<p>»Pa&szlig;t auf, Jungen, es kommt ein Zug.«</p>
+
+<p>Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern
+in der Ferne gef&uuml;hlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem
+Lokomotivf&uuml;hrer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der
+Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten H&auml;nde
+ <span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
+aus. Aber der Zug brauste vor&uuml;ber. Es war ein Weizenzug; er h&auml;tte uns
+wohl aufnehmen k&ouml;nnen. Zwei ru&szlig;ige M&auml;nner standen auf der Maschine und
+lachten uns aus.</p>
+
+<p>Huntley erhob sich und war w&uuml;tend. Er sagte:</p>
+
+<p>»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, da&szlig; ich den nicht
+hier habe.«</p>
+
+<p>Wir begannen l&auml;ngs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein
+anstrengendes Wandern &uuml;ber Tausende von Schwellen, ein Gehen wie &uuml;ber
+eine liegende Leiter. Je&szlig; und ich verzehrten einige Mundvoll Essen;
+Huntley sch&auml;mte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben
+ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die H&auml;nde
+Huntleys fiele, w&auml;hrend ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor
+seinen Augen.</p>
+
+<p>»War das etwa sch&ouml;n gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley
+ha&szlig;erf&uuml;llt.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Tages h&ouml;rten wir einen neuen Weizenzug kommen. Je&szlig;
+entschied, da&szlig; wir uns in Zwischenr&auml;umen von ein paar hundert Metern
+l&auml;ngs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten,
+den Zug zu besteigen. Weit dr&uuml;ben steht eine Rauchlinie in der Luft,
+der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner
+Kasten. Wir sind in der h&ouml;chsten Spannung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span></p>
+
+<p>Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den
+einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen
+zu k&ouml;nnen; am Arme h&auml;ngend, verdrehte er seinen K&ouml;rper und mu&szlig;te
+loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte
+gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit
+geblieben. Je&szlig; jedoch hatte gewi&szlig; schon fr&uuml;her einen fahrenden Zug
+erklettert, er lief in ein paar hastigen S&auml;tzen neben dem Zuge her,
+schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem
+Trittbrett.</p>
+
+<p>»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras
+aus dem Munde.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich steht der Zug ein St&uuml;ckchen weiter still, wir sehen zwei
+Eisenbahnleute Je&szlig; &uuml;bermannen und absetzen. Als Huntley und ich
+hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu sp&auml;t, der Zug fuhr
+bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Pr&auml;rie.</p>
+
+<p>Der Durst qu&auml;lte uns st&auml;rker und st&auml;rker. Huntley hat zum zweitenmal
+seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu
+erwehren, er spuckt ein wenig wei&szlig;en Speichel in seine Hand und zeigt
+uns, da&szlig; ihn mehr d&uuml;rstet als irgendeinen. Da teilen Je&szlig; und ich den
+Tabak zum letztenmal mit ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p>
+
+<p>Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.</p>
+
+<p>Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in &ouml;stlicher
+Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals tr&auml;gt er ein kleines
+seidnes Tuch und ist w&auml;rmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk
+taugt nichts.</p>
+
+<p>»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.</p>
+
+<p>»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.</p>
+
+<p>Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner
+Brust nach, aber er hatte nichts.</p>
+
+<p>Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.</p>
+
+<p>»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue
+Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und N&auml;chte lang und habe keine
+Menschenseele getroffen.«</p>
+
+<p>»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir
+kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«</p>
+
+<p>Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach
+Osten zu wandern. Unsre ganze m&uuml;hselige Wanderung seit heute morgen war
+vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, da&szlig; ein Kondukteur
+kommen m&ouml;chte, der uns auf einen Weizenzug steigen lie&szlig;e.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p>
+
+<p>Unser neuer Kamerad ging im Anfang r&uuml;stiger als wir, weil sein K&ouml;rper
+leicht war und er noch viel Kr&auml;fte hatte; gegen Abend aber, als wir an
+die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten,
+begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.</p>
+
+<p>Je&szlig; fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und
+er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.</p>
+
+<p>Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem m&uuml;den Gef&auml;hrten. Als es
+pechschwarz um uns geworden war, mu&szlig;ten wir die Beine hochheben und wie
+die H&auml;hne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu sto&szlig;en.
+Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei
+heraus, da&szlig; Huntley l&auml;ssig wurde und sich zu sehr von uns andern
+schleppen lie&szlig;, darum gaben wir das wieder auf. Schlie&szlig;lich legten wir
+uns zur Ruhe.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="IV_1"><em class="antiqua">IV</em></h3>
+
+<p>Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es
+wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vor&uuml;ber, k&uuml;mmerte
+sich aber nicht um unsre Signale. Z&auml;hneknirschend ballte Huntley die
+Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:</p>
+
+<p>»H&auml;ttest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so w&uuml;rde uns der
+ <span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
+Durst nicht so plagen. Wie hei&szlig;t du?«</p>
+
+<p>»Fred,« entgegnete der Mann.</p>
+
+<p>»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«</p>
+
+<p>»Von Geburt, ja.«</p>
+
+<p>»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.</p>
+
+<p>Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien
+seiner Sache gewi&szlig; zu sein, da&szlig; im Osten eine Farm oder eine kleine
+Stadt liege; im &uuml;brigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht
+in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er m&uuml;de
+und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schlie&szlig;lich umsahen,
+hatte er sich niedergesetzt.</p>
+
+<p>Der Landstreicher Je&szlig; sagte:</p>
+
+<p>»Wir m&uuml;ssen ihm unser Essen geben, Nut.«</p>
+
+<p>Es war die pure Gro&szlig;tuerei von Je&szlig;, denn er wu&szlig;te, da&szlig; ich kein Essen
+mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was
+er selbst tun w&uuml;rde. Er ging zu Fred zur&uuml;ck und gab ihm sein Essen.</p>
+
+<p>»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm
+erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.</p>
+
+<p>Da zuckte Je&szlig; zusammen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p>
+
+<p>»Und alles tust du blo&szlig;, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du
+wachtest in der ersten Nacht, w&auml;hrend wir schliefen, da sorgtest du
+auch daf&uuml;r, da&szlig; wir die Sache verst&auml;nden. Ein Schwindler bist du. Ich
+habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«</p>
+
+<p>»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von
+dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Je&szlig;, weil er ein besserer
+Mensch ist als du?«</p>
+
+<p>F&uuml;r Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm gro&szlig;e
+Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.</p>
+
+<p>Das Essen hatte jedoch f&uuml;r Fred sowohl b&ouml;se wie gute Folgen, er geriet
+nach und nach in eine Art Geisteszerr&uuml;ttung und verlor die Herrschaft
+&uuml;ber sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anma&szlig;end und
+hatte gro&szlig;e Pl&auml;ne mit einer kleinen Station auf der Pr&auml;rie. Da st&auml;nde
+ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da st&auml;nde auch ein
+geladener Motor, den wir anz&uuml;nden k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>»Warum sollten wir den anz&uuml;nden?« fragte Huntley &auml;rgerlich. Es entspann
+sich eine l&auml;cherliche Unterredung &uuml;ber diesen Motor. »Wenn wir ihn
+anz&uuml;nden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute
+werden herbeilaufen, die wir erschlagen k&ouml;nnen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p>
+
+<p>»Dabei f&auml;llt viel Essen f&uuml;r uns ab,« erwiderte Huntley h&ouml;hnend. Und zu
+mir sagte er: »Dieser Verr&uuml;ckte m&uuml;&szlig;te auf der Stelle von uns fort. Er
+st&ouml;rt unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«</p>
+
+<p>Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine fr&uuml;here
+Wortkargheit zur&uuml;ck. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur
+Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.</p>
+
+<p>»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.</p>
+
+<p>»Wei&szlig; ichs?« war meine Antwort.</p>
+
+<p>»Nein, nein, du wei&szlig;t es nicht. Aber sehnst du dich denn zur&uuml;ck nach
+Orange Flat? Und was solltest du da?«</p>
+
+<p>»Wir m&uuml;ssen nur geradeaus gehen,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.</p>
+
+<p>Huntley bemerkte:</p>
+
+<p>»Du sagst ja nichts, Fred.«</p>
+
+<p>»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit w&uuml;tenden Augen.</p>
+
+<p>Das reizte Huntley.</p>
+
+<p>»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn f&uuml;r die Fahrzeuge
+da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.</p>
+
+<p>Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, da&szlig; er keinen von uns auf
+seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in
+ <span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
+unsern Augen dadurch interessant zu machen, da&szlig; er sich pl&ouml;tzlich auf
+der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand,
+den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren
+entt&auml;uscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um
+unsre Aufmerksamkeit f&uuml;r eine Weile zu erregen.</p>
+
+<p>Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Pr&auml;rie. Der
+stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen
+hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht
+mit.</p>
+
+<p>Je&szlig; und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre
+Anfangsbuchstaben in die W&auml;nde einzuschneiden; w&auml;hrenddessen stand Fred
+drau&szlig;en, und Huntley ging hie und da ans T&uuml;rloch heran, um nach ihm zu
+sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah
+hinaus.</p>
+
+<p>»Da l&auml;uft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns
+fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«</p>
+
+<p>Und alle drei sprangen wir hinter dem fl&uuml;chtigen Fred her und gr&ouml;hlten
+ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt
+sah, wendete er sich in gro&szlig;em Bogen nach der Pr&auml;rie hin; da wir aber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
+zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley sch&uuml;ttelte ihn
+wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob
+er um einen guten Ort w&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht
+bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir
+mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«</p>
+
+<p>Wir verst&auml;ndigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die
+Dunkelheit anbrach; wir waren ersch&ouml;pft und legten uns deshalb zeitig
+zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem
+Landstreicher Je&szlig;, der damit endete, da&szlig; er mir ein paar Schl&auml;ge ins
+Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.</p>
+
+<p>»Das ist recht, er verdient Pr&uuml;gel,« sagte Huntley gleichfalls und sah
+neugierig zu. Schlie&szlig;lich traf ich Je&szlig; mit einem Schlage unters Kinn,
+da&szlig; er hinfiel und genug hatte.</p>
+
+<p>In der Nacht h&ouml;rte ich, wie der Je&szlig; sich erhob und auf die Pr&auml;rie
+hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gr&auml;ser. Er
+f&uuml;hrt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm
+her. Ich war an die zehn Schritte vorw&auml;rts gelangt, als ich bemerkte,
+da&szlig; Je&szlig; im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in
+ <span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
+seiner N&auml;he zu riechen. Er hat also noch E&szlig;waren! dachte ich. Still
+kehrte ich auf meinen Platz zur&uuml;ck und tat, als ob ich schliefe. Eine
+halbe Stunde darauf kam auch Je&szlig; zur&uuml;ck und legte sich nieder.</p>
+
+<p>Am Morgen erz&auml;hlte ich Huntley, was ich wu&szlig;te, und verlangte, er solle
+mir dabei helfen, den Je&szlig; zu untersuchen. Huntley war gleich bereit
+dazu und kriegte Je&szlig; zu packen. Es stellte sich heraus, da&szlig; Je&szlig; an drei
+Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und da&szlig; das Brot ausgeh&ouml;hlt
+war, und in den L&ouml;chern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das
+Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir
+gegessen hatten, dankten wir Je&szlig; und segneten ihn, obwohl er uns hatte
+betr&uuml;gen wollen. Da fing Je&szlig; in seiner Besch&auml;mtheit zu pfeifen an und
+wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein K&uuml;nstler.</p>
+
+<p>Dann gingen wir weiter.</p>
+
+<p>Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine wei&szlig;e
+Vierecke vor uns auftauchen.</p>
+
+<p>Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit
+Weizenfeldern und k&uuml;nstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an
+die Geb&auml;ude gelangten, stie&szlig;en wir auf ein Weib, ein junges M&auml;dchen,
+das auf ihrer Schneidemaschine sa&szlig; und m&auml;hte. Das war ein pr&auml;chtiger
+ <span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
+Anblick f&uuml;r uns, die wir von der Pr&auml;rie kamen und seit Jahr und Tag
+kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen gro&szlig;en Strohhut
+auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir gr&uuml;&szlig;ten. Huntley war es, der
+zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen antwortete, da&szlig; wir alles bekommen sollten, was wir
+begehrten.</p>
+
+<p>»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vor&uuml;ber
+ist,« sagte Huntley.</p>
+
+<p>Da wollte sich Je&szlig; bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:</p>
+
+<p>»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug
+Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«</p>
+
+<p>»Gut!« sagte das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in
+der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser
+neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am
+besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um
+von da E&szlig;waren zu holen; w&auml;hrend der Zeit sollten wir andern ihre
+Pferde besorgen. Es w&auml;re kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span>
+sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht
+zu erschrecken.</p>
+
+<p>W&auml;hrend das M&auml;dchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe
+nach auf die Schneidemaschine und lie&szlig;en die Pferde gehen.</p>
+
+<p>Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir
+konnten; und noch bevor das junge M&auml;dchen mit dem Essen zur&uuml;ckkam,
+hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur
+Beendigung der Ernte.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="V_1"><em class="antiqua">V</em></h3>
+
+<p>Die Erntearbeit erledigten wir in f&uuml;nf und das Dreschen danach in
+zwei Tagen; wir erhielten also Lohn f&uuml;r sieben Tage und waren wieder
+vogelfrei. Der Landstreicher Je&szlig; hielt sich gleich bereit, den Ort zu
+verlassen &mdash; wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben
+Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel geh&auml;ngt gehabt.
+Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den
+Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.</p>
+
+<p>Als wir drau&szlig;en auf dem Hofe standen und Huntley schon ein St&uuml;ck
+entfernt war, da sagte der Farmer, da&szlig; er wohl zwei von uns noch einen
+Monat lang w&uuml;rde brauchen k&ouml;nnen beim Herbstpfl&uuml;gen. Je&szlig; weigerte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
+sich, dazubleiben, und gab vor, er m&uuml;sse ohne Z&ouml;gern notwendig nach
+Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der
+Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich
+die Jacke aus und ging an die Arbeit.</p>
+
+<p>Je&szlig; sagte zu mir:</p>
+
+<p>»Die Verabredung war, da&szlig; wir zwei miteinander wandern wollten.
+Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld
+und k&ouml;nnen uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«</p>
+
+<p>Ich sagte deshalb dem Farmer, ich w&uuml;rde morgen zur&uuml;ckkommen, und zog
+mit Je&szlig; von dannen.</p>
+
+<p>Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen
+waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine.
+Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Je&szlig; mir
+auseinandergesetzt, da&szlig; mancher kleine Verdienst winken k&ouml;nne, wenn man
+sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze.
+Hier liege nun ein St&auml;dtchen vor uns; vielleicht k&ouml;nnten wir an der
+Bahn entlang hineinkommen.</p>
+
+<p>»Ich will morgen zur&uuml;ck zur Farm,« sagte ich.</p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Je&szlig;. »Das
+M&auml;dchen hat
+ <span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
+es dir angetan. La&szlig; du ruhig das M&auml;dchen fahren, Fred
+ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut
+aussieht.«</p>
+
+<p>»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Sch&ouml;nheit,« bemerkte ich.</p>
+
+<p>Dazu schwieg Je&szlig;. Aber nach einer Weile sagte er:</p>
+
+<p>»Nicht deswegen; Fred bekommt das M&auml;dchen auch nicht.«</p>
+
+<p>»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergn&uuml;gt. »Der reine Satan bist
+du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Je&szlig;; und du glaubst
+also nicht, da&szlig; Fred sie bekommt?«</p>
+
+<p>»Der Alte w&uuml;rde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du
+dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang
+fortbleiben mu&szlig;t du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das
+ist der Weg.«</p>
+
+<p>Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.</p>
+
+<p>Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und lie&szlig;en uns zu trinken
+geben. Ich war an alle starken Getr&auml;nke so wenig gew&ouml;hnt, da&szlig; ich im
+Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht:
+als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu
+spielen begann, wurde ich gleich wieder dem&uuml;tig und geriet in ein
+innerliches
+ <span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
+Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar
+Pfennige. Je&szlig; sah mich verwundert an.</p>
+
+<p>»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.</p>
+
+<p>Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen
+andern Aufenthaltsort hatten. Und &uuml;berall waren wir willkommen, da
+wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schlie&szlig;en lie&szlig;,
+da&szlig; wir viel Geld mit uns f&uuml;hrten. In einer der Wirtschaften trafen
+wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem
+Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch
+nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten
+Schenke. W&auml;hrend wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines
+Gespr&auml;ch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt gef&uuml;hrt,
+einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.</p>
+
+<p>Der Wirt fragte:</p>
+
+<p>»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«</p>
+
+<p>»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Gesch&auml;fte da, wie ich
+h&ouml;re. Die Frau ist zum Vergn&uuml;gen mitgefahren.«</p>
+
+<p>»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p>
+
+<p>»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur
+n&uuml;chtern h&auml;lt.«</p>
+
+<p>Diese Unterhaltung bot kein Interesse f&uuml;r mich, aber mein Kamerad h&ouml;rte
+scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen:
+er habe mit mir zu reden.</p>
+
+<p>Langsam gingen wir stadteinw&auml;rts, und Je&szlig; gr&uuml;belte den ganzen Weg
+entlang. Wir kamen an ein Geb&auml;ude, woran auf einem Schild geschrieben
+stand: <sup>H</sup>art &amp; Co. Farmers Bank<sup>;</sup> hier bat Je&szlig; mich, einen
+Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zur&uuml;ckkam, fragte
+ich:</p>
+
+<p>»Was hast du da drinnen gemacht?«</p>
+
+<p>»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Je&szlig;.</p>
+
+<p>Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir
+uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den
+Schienen entlang lag.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst ging Je&szlig; rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich,
+da&szlig; wir allein waren, dann kam er zur&uuml;ck und sagte:</p>
+
+<p>»Keiner von uns hat noch soviel Geld &uuml;brig, da&szlig; es der Rede wert w&auml;re,
+nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.</p>
+
+<p>»Dann wirst du einen Dollar weniger haben
+ <span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
+als ich. Den hast du der
+Frau mit der Harfe gegeben. Das war &uuml;brigens das D&uuml;mmste, was du tun
+konntest.«</p>
+
+<p>»Na, soviel kl&uuml;ger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und
+das Geld zu versaufen.«</p>
+
+<p>»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Je&szlig;. »Ich trink einen Schnitt,
+wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«</p>
+
+<p>»Wor&uuml;ber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Und au&szlig;erdem h&auml;tte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht
+gefa&szlig;t, wenn wir nicht in die Schenken gegangen w&auml;ren,« fuhr Je&szlig; fort.</p>
+
+<p>»Was ist das f&uuml;r ein Plan?«</p>
+
+<p>»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>»Ja &mdash;?«</p>
+
+<p>»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«</p>
+
+<p>»Ja, ich habe das geh&ouml;rt &mdash;?«</p>
+
+<p>»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«</p>
+
+<p>»So, so.«</p>
+
+<p>»Aber George ist ein ber&uuml;chtigter Trinker.«</p>
+
+<p>»Das alles wei&szlig; ich bereits, Je&szlig;. Was du blo&szlig; faselst!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span></p>
+
+<p>Je&szlig; erkl&auml;rte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, da&szlig; er &mdash;
+kurz und gut &mdash; in dieser oder in der n&auml;chsten Nacht der Bank einen
+Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.</p>
+
+<p>»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.</p>
+
+<p>»Dann nehm ich Huntley mit.«</p>
+
+<p>Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:</p>
+
+<p>»Ich habe es noch nie getan. Es h&ouml;rt sich sehr gef&auml;hrlich an. Aber wenn
+du michs lehren willst ...«</p>
+
+<p>»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Je&szlig;. »Wenn George zu trinken
+anf&auml;ngt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus
+studiert.«</p>
+
+<p>Und Je&szlig; zeigte mir erstens eine S&auml;ge, um Metall zu durchs&auml;gen,
+und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben
+abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.</p>
+
+<p>»Aber sp&auml;ter?« fragte ich, »hinterher?«</p>
+
+<p>»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Je&szlig;. »Mr. Hart braucht
+drei Tage zur Hin- und drei Tage zur R&uuml;ckreise, das macht sechs; er
+wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen
+zehn«. Und Je&szlig; setzte hinzu: »&Uuml;brigens denke ich nicht daran, die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
+Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem M&auml;dchen gegen&uuml;ber brauchst,
+daf&uuml;r ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr
+hinzusparen.«</p>
+
+<p>Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die L&auml;den wurden geschlossen,
+und die Stra&szlig;e belebte sich f&uuml;r eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk
+getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen,
+solange G&auml;ste da waren.</p>
+
+<p>»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er
+unternimmt,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden
+aber niemand unter den G&auml;sten, der George h&auml;tte sein k&ouml;nnen. Und wir
+landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="VI_1"><em class="antiqua">VI</em></h3>
+
+<p>George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf
+den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja
+ein so sch&ouml;ner Herbsttag, f&uuml;gte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo
+er sich f&uuml;r ein St&uuml;ndchen aufhalte.</p>
+
+<p>Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig
+Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung
+ <span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
+und hatte sehr wei&szlig;e H&auml;nde, weil er immer blo&szlig; sa&szlig; und schrieb. Uns
+beachtete er gar nicht.</p>
+
+<p>Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Stra&szlig;e
+herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den
+Abend zum fr&ouml;hlichen Fest. Er wurde von allen mit gro&szlig;er H&ouml;flichkeit
+behandelt.</p>
+
+<p>Als Je&szlig; an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken,
+antwortete George abweisend, weil er eben ein gro&szlig;er Mann in der Stadt
+war und Je&szlig; nichts als ein Landstreicher.</p>
+
+<p>»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben
+die Tasche voll Geld,« f&uuml;gte er hinzu und deutete auf Je&szlig; und mich.</p>
+
+<p>»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein
+Taschenbuch vor.</p>
+
+<p>Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an &uuml;bernahm er alle Ausgaben
+und traktierte jeden, der zu trinken w&uuml;nschte. Der Wirt tat alles, um
+ihn zufriedenzustellen.</p>
+
+<p>»Ich mu&szlig; mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier,
+Burschen.«</p>
+
+<p>Er ging hinaus. Er war sehr aufger&auml;umt und sang.</p>
+
+<p>»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.</p>
+
+<p>»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«</p>
+
+<p>Je&szlig; lie&szlig; sich kein W&ouml;rtchen entgehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p>
+
+<p>Als George zur&uuml;ckkam, gab er sich zun&auml;chst den Anschein, als habe er
+nicht mehr Geld finden k&ouml;nnen; aber er bestellte sorglos eine Runde
+Getr&auml;nke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus
+dem Taschenbuch.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber verstrichen einige Stunden.</p>
+
+<p>»Nun gehen wir zu Conway,« erkl&auml;rte George.</p>
+
+<p>Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.</p>
+
+<p>»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.</p>
+
+<p>»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Je&szlig; und ich, wir
+hielten uns zur&uuml;ck, als seien wir zu stolz, mitzugehen.</p>
+
+<p>»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«</p>
+
+<p>Und wir lie&szlig;en uns &uuml;berreden.</p>
+
+<p>Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele
+Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen
+gehei&szlig;en. Je&szlig; wollte f&uuml;r sich und mich nicht ganz zur&uuml;ckstehen, er
+begann vielmehr wie ein K&uuml;nstler zu pfeifen und weckte gro&szlig;en Beifall.</p>
+
+<p>»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.</p>
+
+<p>Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern
+Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Je&szlig; es mich gelehrt
+hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in gro&szlig;er
+Spannung war, &mdash; wegen der Dinge, die bevorstanden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p>
+
+<p>George z&auml;hlte sein Geld und sagte:</p>
+
+<p>»Nun geh ich zu den M&auml;dels. Gutnacht, Kinder. Ich mu&szlig; mir noch Geld
+holen.«</p>
+
+<p>»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.</p>
+
+<p>»Es reicht nicht,« erwiderte George.</p>
+
+<p>Er taumelte zur T&uuml;r hinaus.</p>
+
+<p>»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler &auml;rmer,« sagten die
+Burschen.</p>
+
+<p>»Es hat den Anschein,« erwiderte Je&szlig; augenblicklich und ging darauf
+ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«</p>
+
+<p>Doch da keiner ein Gespr&auml;ch mit Je&szlig; f&uuml;hren mochte, der ein
+Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Je&szlig; ging an ihren Tisch hin&uuml;ber und fragte jeden einzeln, was er zu
+trinken w&uuml;nsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts
+mehr trinken.</p>
+
+<p>»Komm und g&ouml;nn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.</p>
+
+<p>Ich sah ihn erstaunt an.</p>
+
+<p>»Du wirst das brauchen k&ouml;nnen,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Ich trank zwei gro&szlig;e Gl&auml;ser Whisky, wurde firm und un&uuml;berwindlich und
+h&auml;tte mich daran machen k&ouml;nnen, die Menschen aus Conways Kneipe, einen
+nach dem andern, hinauszuwerfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p>
+
+<p>Je&szlig; und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Finster und &ouml;de lag die Stadt da. Je&szlig; f&uuml;hrte, und wir bewegten uns in
+der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus
+schlossen wir, da&szlig; George sich im Hause befinde.</p>
+
+<p>»Warte hier auf mich!« sagte Je&szlig; und tat f&uuml;nf lautlose Spr&uuml;nge auf das
+Haus zu. Er verschwand durch die Gartent&uuml;r.</p>
+
+<p>»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.</p>
+
+<p>Ich wartete zwei Minuten, und Je&szlig; kehrte zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er machte dieselben Spr&uuml;nge.</p>
+
+<p>»Wo bist du gewesen?« sagte ich.</p>
+
+<p>»Ich war dr&uuml;ben und hab ein bi&szlig;chen an seinem T&uuml;rschlo&szlig; gefingert,«
+entgegnete Je&szlig;. »La&szlig; uns ruhig hier warten.«</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich ergriff Je&szlig; mich am Arme und fl&uuml;sterte:</p>
+
+<p>»H&ouml;rst du?«</p>
+
+<p>Wir h&ouml;rten einen Mann mit dem Schl&uuml;ssel an einem Schlo&szlig; arbeiten und
+arbeiten und immer ma&szlig;losere Fl&uuml;che aussto&szlig;en.</p>
+
+<p>»George ist es,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.</p>
+
+<p>»Ich kann die verdammte T&uuml;r nicht zukriegen!« sagte George und kam auf
+die Stra&szlig;e heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schl&ouml;sser!«</p>
+
+<p>George ging zu den M&auml;dchen und taumelte stark.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p>
+
+<p>»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,«
+sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Im Gehen bemerkte ich:</p>
+
+<p>»Ich glaube doch nicht, da&szlig; du es wagst, Je&szlig;.«</p>
+
+<p>»So?« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Er musterte die H&auml;user, so gut es sich im Finstern tun lie&szlig;, w&auml;hlte
+sich einen Laden mit einer Doppelt&uuml;r aus und sagte, er wolle mir etwas
+zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte
+wie aus Unbehilflichkeit gegen die T&uuml;r. Das bewirkte eine starke
+Ersch&uuml;tterung im ganzen Hause, und die T&uuml;ren sprangen beide auf.</p>
+
+<p>Ein Mann, der Wache h&auml;lt, ruft drinnen aus dem Laden heraus:</p>
+
+<p>»Was zum Teufel ist das?«</p>
+
+<p>Je&szlig; verharrt schwankend in der T&uuml;r, als begreife er selbst nicht, wie
+er hierhergekommen sei.</p>
+
+<p>»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schie&szlig;e, Hundsfott, wenn du
+nicht Antwort gibst.«</p>
+
+<p>»Ich bin es,« sagt Je&szlig; ganz hilflos vor Trunkenheit und l&auml;&szlig;t sich zu
+Boden fallen.</p>
+
+<p>Der Mann im Laden mu&szlig;te ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und
+so gut verstand Je&szlig; es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, da&szlig; der
+W&auml;chter durchaus einsah, da&szlig; es sich
+ <span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
+hier um einen unfreiwilligen
+Einbruch handle. Er schlo&szlig; die T&uuml;re wieder und war w&uuml;tend.</p>
+
+<p>»Wie &auml;rgerlich, da&szlig; ein Mann im Laden sein mu&szlig;te,« sagte Je&szlig;, als er
+wieder auf der Stra&szlig;e zu mir stie&szlig;. »Sonst w&auml;re es vielleicht ein
+kleiner Fang geworden.«</p>
+
+<p>»Nun sehe ich, da&szlig; du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte
+ich.</p>
+
+<p>Und wieder standen wir vor der Bank. Je&szlig; sagte:</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t dir eine Handvoll Sand hier auf der Stra&szlig;e zusammensuchen und
+gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte ich und h&ouml;rte mein Herz h&auml;mmern.</p>
+
+<p>»Nun gehe ich,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte
+verschwand. Wenn jetzt jemand k&auml;me und mich fragte, warum ich hier
+st&uuml;nde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand
+zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Stra&szlig;e war
+ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen.
+Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten
+bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenz&uuml;gen
+rangierten. Pl&ouml;tzlich h&ouml;re ich Schritte auf dem Fu&szlig;g&auml;ngersteig. Schon
+will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank
+ <span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
+werfen, aber statt
+dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte
+Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Je&szlig; mochte jetzt f&uuml;nf Minuten
+lang fort sein.</p>
+
+<p>Da h&ouml;re ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der
+Bank. Nun schneidet Je&szlig; Schrauben durch, denke ich und bin verwundert
+&uuml;ber seine Kaltbl&uuml;tigkeit. Ich wu&szlig;te, wohin ich fl&uuml;chten wollte, wenn
+es notwendig w&uuml;rde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen
+l&auml;ngs dem Geleise befanden.</p>
+
+<p>Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Je&szlig; beginnt drinnen Metall zu
+durchs&auml;gen, ich h&ouml;re bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe
+wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur
+wirklich gel&auml;nge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme
+Gier auf meinen Anteil. Je sp&auml;ter es wurde, desto ruhiger wurde ich
+auch, und ich ging auf dem B&uuml;rgersteig hin und her und gr&uuml;belte. Auch
+an das M&auml;dchen auf der Farm mu&szlig;te ich denken, Alice Rodgers hie&szlig; sie.</p>
+
+<p>Nun ist Je&szlig; ganz gewi&szlig; seit einer Stunde fort und noch immer nicht
+zur&uuml;ckgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu
+betreten und nachzuschauen, da kommt Je&szlig; heraus. Er eilt mir voran,
+hinunter zu den Bretterstapeln l&auml;ngs den Geleisen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p>
+
+<p>»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner flei&szlig;igen Arbeit.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Dieser verflixte George mu&szlig; die ganze Bank mit zu den M&auml;dchen genommen
+haben,« sagte Je&szlig;. »Der Schrank war leer. Blo&szlig; Protokolle waren noch
+da.«</p>
+
+<p>Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und
+ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte
+und ihn fragte:</p>
+
+<p>»Du hast also nichts an dich gebracht?«</p>
+
+<p>»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Je&szlig; erbost. »Ich
+will nicht l&auml;nger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir m&uuml;ssen etwas
+andres versuchen.«</p>
+
+<p>Damit ging Je&szlig;, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging
+mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:</p>
+
+<p>»Offen gestanden, ich glaube nicht, da&szlig; das einen Zweck hat. Wir
+wollens aufgeben!«</p>
+
+<p>»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Je&szlig;.</p>
+
+<p>Er ging ins Stationsgeb&auml;ude und fragte den Telegraphisten, wann ein
+Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der
+Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p>
+
+<p>»So ist nichts zu machen, bis der Zug vor&uuml;ber ist,« sagte Je&szlig; zu mir.</p>
+
+<p>Wir setzten uns in die N&auml;he der Station und warteten die halbe Stunde
+ab, trotzdem wir t&uuml;chtig froren. Der Morgen begann zu nahen.</p>
+
+<p>Sobald das Kommen des Zuges h&ouml;rbar wurde, stand Je&szlig; auf und hie&szlig; mich
+auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgeb&auml;ude hinein und blieb
+fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder
+ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten d&auml;mmerte der
+Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit aussp&auml;hen,« dachte ich mir. Ich
+ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden
+gesehen h&auml;tte.</p>
+
+<p>»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.</p>
+
+<p>»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein
+gr&ouml;&szlig;eres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Je&szlig; hatte sich
+in mir festzusetzen begonnen, da&szlig; er vielleicht doch etwas andres in
+der Bank gefunden h&auml;tte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen
+und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.</p>
+
+<p>Der Telegraphenbeamte fragte l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>»Ist er dir durchgebrannt?«</p>
+
+<p>&Uuml;berlegen gab ich ihm das L&auml;cheln zur&uuml;ck und sagte:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span></p>
+
+<p>»Nein, ich habe gewu&szlig;t, da&szlig; er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht,
+und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, da&szlig; ich auch nichts mit ihm zu tun
+haben will.«</p>
+
+<p>Von tausend Gedanken erf&uuml;llt, verlie&szlig; ich die Station. Ich war wie aus
+den Wolken gefallen &uuml;ber diese Frechheit meines Kameraden. Nat&uuml;rlich
+hatte er Gl&uuml;ck gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der
+Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil
+bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!</p>
+
+<p>Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute
+gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs f&uuml;hlte ich
+mich mehr und mehr befriedigt davon, da&szlig; ich meine H&auml;nde nicht mit dem
+geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genu&szlig; ist es doch, wunderbar
+rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte
+vor Vergn&uuml;gen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften f&uuml;r andre,
+bis zum letzten Blutstropfen!</p>
+
+<p>Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschlo&szlig; ich, lieber zu den
+Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen.
+Ich besa&szlig; nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers
+gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem
+Goldschmied am Fenster gesehen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="VII_1"><em class="antiqua">VII</em></h3>
+
+<p>»Ich glaubte, du w&auml;rest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,«
+sagte Farmer Rodgers, als ich zur&uuml;ckkam. »Das gef&auml;llt mir, da&szlig; du Wort
+gehalten hast.«</p>
+
+<p>»Ich sagte doch, ich w&uuml;rde heute wiederkommen,« entgegnete ich.
+»Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm
+auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«</p>
+
+<p>»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest.
+Du h&auml;ttest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der
+Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.</p>
+
+<p>Ich wurde auf die Pr&auml;rie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann
+Maultiere auszuw&auml;hlen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze
+Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillk&uuml;rlich zueinander
+hinneigten, als Paartiere, und w&auml;hlte mir danach ein Gespann.</p>
+
+<p>»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zur&uuml;ckkam.
+»Brauch es gut!«</p>
+
+<p>»Das werd ich, Mi&szlig;,« erwiderte ich.</p>
+
+<p>Ich f&uuml;gte Mi&szlig; hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so
+auf der Farm.</p>
+
+<p>Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages st&uuml;rzte
+das eine Tier des
+ <span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
+Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred
+schlug vor, er wolle mein Gespann &uuml;bernehmen. Dem widersetzte ich mich,
+und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred
+blieben Sieger &uuml;ber uns. Am Morgen stand Fred fr&uuml;her als gew&ouml;hnlich
+auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das h&auml;tte f&uuml;r
+mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich
+solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann w&auml;hlen.
+Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das
+erste und von gr&ouml;&szlig;erer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut f&uuml;tterte und
+ihren Kopf wusch und sie sp&auml;t und fr&uuml;h striegelte, gelang es mir bald,
+Fred ein gutes St&uuml;ck im Pfl&uuml;gen zuvorzukommen.</p>
+
+<p>Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der
+Einbruch des Schurken Je&szlig; k&ouml;nnte entdeckt, und ich k&ouml;nnte in sein
+Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsbl&auml;ttchen der
+Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts &uuml;ber den Einbruch darin
+stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder
+hatte Je&szlig; gar keinen Einbruch in den Geldschrank ver&uuml;bt, sondern sich
+nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank
+war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt,
+es anzuzeigen.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span>
+Ich h&ouml;rte sp&auml;ter, da&szlig; George ein Sohn des reichen
+Stadtm&uuml;llers war, so da&szlig; sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt
+haben mochte.</p>
+
+<p>Fred stach mich t&auml;glich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte,
+immer stand er mir im Wege und siegte. Schon w&auml;hrend der Ernte hatte er
+sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er
+zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein
+helles Haar. Es bek&uuml;mmerte ihn, da&szlig; er den einen Augenzahn eingeb&uuml;&szlig;t
+hatte, und da&szlig; das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn
+ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Pr&auml;rie eingeb&uuml;&szlig;t hatte und
+beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte au&szlig;erdem
+aufgeh&ouml;rt, mich zu rasieren, ich lie&szlig; meinen steifen Bart wachsen, und
+dazu kam, da&szlig; Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich
+konnte mich mit Fred nicht messen.</p>
+
+<p>Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und
+behandelten mich gut. Oft kam es vor, da&szlig; Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir
+sagte, ich m&uuml;sse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie
+mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch
+w&auml;re, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon,
+geboren und folglich St&auml;dter war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span></p>
+
+<p>Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und
+bem&uuml;hte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu d&uuml;rfen; es stellte sich
+aber heraus, da&szlig; es blo&szlig; Sonntag war, und da&szlig; sie sich aus dem Grunde
+geschm&uuml;ckt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und
+dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in
+ihrem ganzen Staat zu Fred hin&uuml;bergehen und ihm einen Besuch abstatten,
+weit drau&szlig;en in der Pr&auml;rie. Und zu mir kam sie nicht.</p>
+
+<p>So ging es Tag f&uuml;r Tag. Ich machte keinen Schritt vorw&auml;rts bei Alice,
+obwohl ich sie nicht nur Mi&szlig; nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam
+gegen sie war. Fred war viel nat&uuml;rlicher als ich und spielte sich nicht
+im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der
+Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon
+verw&ouml;hnt, und als ich aufh&ouml;rte, Mi&szlig; zu sagen, und sie einfach Alice
+nannte, fa&szlig;te sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und
+antwortete mir nicht.</p>
+
+<p>Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausf&uuml;hrung, den ich mir
+ausgedacht hatte. Ein mehrst&uuml;ndiger Gewitterregen hatte es unm&ouml;glich
+gemacht, zu pfl&uuml;gen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen
+heim. Ich besa&szlig; keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
+trocknes Hemd an und setzte mich in Hemd&auml;rmeln in die Stube zur
+Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben,
+ich wollte meine gro&szlig;e Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den
+goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.</p>
+
+<p>»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben
+versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.</p>
+
+<p>Alice warf unwillk&uuml;rlich einen Blick auf mich; auch Fred sa&szlig; dabei, und
+mit ihm redete sie.</p>
+
+<p>»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.</p>
+
+<p>»Finden Sie ihn h&uuml;bsch?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;.«</p>
+
+<p>»Sie k&ouml;nnen ihn gern bekommen, Mi&szlig;,« sagte ich und reichte ihn ihr.</p>
+
+<p>»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es
+wundert mich, da&szlig; du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«</p>
+
+<p>»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, da&szlig; ich
+diesen Federhalter von jemand bekommen h&auml;tte, und ich richtete es so
+ein, da&szlig; sie glauben mu&szlig;te, ein M&auml;dchen h&auml;tte ihn mir geschenkt. Aber
+auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr
+den Federhalter zu &uuml;berreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht
+hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p>
+
+<p>Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach
+dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und
+Zur&uuml;ckhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgef&uuml;hl mit mir
+h&auml;tte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit
+schnellen und treffenden Antworten zu gl&auml;nzen. Alice sagte nur:</p>
+
+<p>»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«</p>
+
+<p>»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt
+zum zweitenmal hier.«</p>
+
+<p>»Und du, Freddie?«</p>
+
+<p>»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.</p>
+
+<p>»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.</p>
+
+<p>Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte
+auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht
+deutsch.</p>
+
+<p>»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was
+hast du mit deinem angefangen, Nut?«</p>
+
+<p>»Ich habs auf der Pr&auml;rie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es
+mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederk&auml;me.«</p>
+
+<p>»So, so,« sagte Alice.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="VIII_1"><em class="antiqua">VIII</em></h3>
+
+<p>Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und
+ich f&uuml;r eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze
+Stunden.</p>
+
+<p>Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hie&szlig;
+Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf
+die Pr&auml;rie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das
+Gespann f&uuml;hren lie&szlig;. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem
+Gro&szlig;vater zusammen war, geschah ihm ein Ungl&uuml;ck. Der Alte hantierte
+mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher
+hinunterbef&ouml;rderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe
+Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin
+fiel um und lag wie tot da.</p>
+
+<p>Es entstand ein gro&szlig;es Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich
+am n&auml;chsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich ri&szlig; die
+Maultiere vom Pfluge weg, lie&szlig; sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und
+lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich
+gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr
+Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranla&szlig;te ihn, in aller Hast die Pferde vor
+den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p>
+
+<p>Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Gro&szlig;eltern in voller
+Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das
+Kind hin und her auf dem Fu&szlig;boden, ohne es wieder ins Leben zur&uuml;ckrufen
+zu k&ouml;nnen. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und
+es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm
+die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett
+unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich
+zur&uuml;ckkam, ri&szlig; ich Edwins Hemd&auml;rmel auf und begann, in eine Ader an
+seinem Arm zu schneiden.</p>
+
+<p>Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf
+mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind
+ermorden. Ich stampfte mit dem Fu&szlig;e und befahl ihr, zur Seite zu gehen;
+hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte
+Rodgers f&uuml;gte sich diesen starken Worten gegen&uuml;ber und half den Arm
+halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.</p>
+
+<p>Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als
+kleine Blutung, sp&auml;ter als feiner Strahl. Ich &ouml;ffnete das Hemd und
+horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
+Da ergriff ich ihn bei den
+Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und
+her. Das geschah, damit das Blut ins Str&ouml;men k&auml;me. Dann legte ich das
+Kind wieder ein wenig nieder und horchte, &mdash; das Herz schlug ein wenig.
+Das war die entz&uuml;ckendste Operation, die ich mir w&uuml;nschen konnte. Wir
+alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der
+einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte
+Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte
+auch die alte Gro&szlig;mutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz
+darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schlo&szlig; sie wieder.
+»Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine
+Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.</p>
+
+<p>»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.</p>
+
+<p>Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener;
+ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein wei&szlig;es St&uuml;ck
+Leinenzeug, das soeben f&uuml;r eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich ri&szlig; mir
+ein Viereck zu Charpie heraus, und dann ri&szlig; ich mir noch einen langen
+Streifen ab als Binde.</p>
+
+<p>Alice kam wieder herein und sagte:</p>
+
+<p>»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p>
+
+<p>»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.</p>
+
+<p>Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu
+ihrer Tochter:</p>
+
+<p>»Schweig still, Alice.«</p>
+
+<p>Edwin sah h&auml;ufiger und h&auml;ufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte
+er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute
+er mit vollem Blick auf, und ich sah, da&szlig; er mich erkannte.</p>
+
+<p>Ich legte nun die Charpie auf die ge&ouml;ffnete Ader und band die Binde
+darum, was ich vielleicht fr&uuml;her h&auml;tte tun k&ouml;nnen. Dann trugen wir ihn
+in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Bet&auml;ubung; inzwischen
+wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.</p>
+
+<p>»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.</p>
+
+<p>Und da war mir wie einem Gotte zumut.</p>
+
+<p>Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und
+begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf
+erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte
+mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl
+zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu
+meinem Gespann hin&uuml;ber, schirrte die Tiere
+ <span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
+ein und begann wieder zu
+pfl&uuml;gen. Ich h&auml;tte einschlafen k&ouml;nnen auf meinem Sitz.</p>
+
+<p>Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte
+Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins
+Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich,
+die Tiere f&uuml;r heute auszuspannen.</p>
+
+<p>Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zur&uuml;ck. Es wurde fast nichts
+gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann
+war.</p>
+
+<p>Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:</p>
+
+<p>»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, da&szlig; Edwin es &uuml;berstehen wird.«</p>
+
+<p>»Er sagte, du h&auml;ttest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« f&uuml;gte
+Rodgers hinzu.</p>
+
+<p>»Er sagte, du h&auml;ttest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.</p>
+
+<p>Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.</p>
+
+<p>Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es
+machte mir kein Vergn&uuml;gen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf
+der Farm umher und langweilte mich; h&auml;tte ich mich nicht gesch&auml;mt, es
+zu tun, ich h&auml;tte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. F&uuml;r Alice
+h&auml;tte es sich geziemt, mir allerh&ouml;chst
+ <span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
+ein paar herzliche Worte zu
+sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:</p>
+
+<p>»Du hast mir gegen&uuml;ber mit dem Fu&szlig; aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch
+einmal!«</p>
+
+<p>Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unm&ouml;glich erschien
+sie mir in dem Augenblick. Die Alten f&uuml;r ihr Teil setzten sich aber in
+den Kopf, ich sei gewi&szlig; ein merkw&uuml;rdiger Mann und vieler Dinge kundig;
+sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so,
+als ob sie beg&auml;nnen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu
+machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel
+zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Eink&auml;ufen, und
+Fred war nicht dabei.</p>
+
+<p>W&auml;r ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat h&auml;tte
+ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten k&ouml;nnen. Indes die
+Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie fr&uuml;her
+wurde, fiel meine Gro&szlig;tat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder
+arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine &Auml;nderung
+statt.</p>
+
+<p>Fred kam zu mir und sagte:</p>
+
+<p>»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pfl&uuml;gen ist es zu Ende. Was
+wirst du dann anfangen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p>
+
+<p>»Ich wei&szlig; wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon
+Rat finden.«</p>
+
+<p>Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft
+zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann
+angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein
+Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er
+arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen
+war er eitel auf sein h&uuml;bsches Gesicht, und wenn er lachte, &ouml;ffnete
+er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnl&uuml;cke verbergen
+wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt
+in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam
+&ouml;ffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein
+bi&szlig;chen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis &uuml;ber die Ohren
+verliebt.</p>
+
+<p>Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert
+wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erz&auml;hlte mir, da&szlig;
+Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden
+h&auml;tte, da&szlig; sie ihn liebe; aber die Eltern h&auml;tten verlangt, da&szlig; sie von
+ihm lassen solle.</p>
+
+<p>Fred sagte zu mir:</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t uns helfen, Nut.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p>
+
+<p>Ich f&uuml;hle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:</p>
+
+<p>»Bittest du mich mit Alicens Willen?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gew&uuml;nscht.«</p>
+
+<p>Ich sagte:</p>
+
+<p>»Dann werde ich es tun!«</p>
+
+<p>Es schwebte mir so etwas vor, da&szlig; es mir vielleicht gelingen werde,
+Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.</p>
+
+<p>Ich besa&szlig; der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines
+Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.</p>
+
+<p>»Von einer Farm,« war die Antwort.</p>
+
+<p>Das m&uuml;sse ein seltsames Leben f&uuml;r ein junges M&auml;dchen sein, auf einer
+einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen
+lerne?</p>
+
+<p>Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und
+dann komme man w&ouml;chentlich in die Stadt. Aber nat&uuml;rlich, viele Menschen
+treffe man nicht.</p>
+
+<p>Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen
+Vorbeiziehenden nehme?</p>
+
+<p>Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine &auml;ltere Tochter, die
+mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem
+Paar war es gut gegangen, die jungen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
+Leute hatten sich Land genommen
+und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.</p>
+
+<p>Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht k&ouml;nne ein
+junges M&auml;dchen sich in einen Unw&uuml;rdigen verlieben, blo&szlig; weil sie keinen
+andern kenne und nicht die Wahl habe.</p>
+
+<p>Ja, darin h&auml;tte ich ganz sicherlich recht. So w&auml;re es.</p>
+
+<p>Unzweifelhaft m&uuml;&szlig;te man vorsichtig sein, gegen&uuml;ber Landstreichern, wie
+wir es w&auml;ren, sagte ich zum Schlusse.</p>
+
+<p>Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.</p>
+
+<p>Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice
+wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von
+meiner unheimlichen Einsicht bekommen!</p>
+
+<p>Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst &auml;ngstlich wurde wegen des
+Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice w&uuml;rde erkennen, da&szlig; ich Fred
+entgegenarbeite. Ich benutzte also die n&auml;chste Gelegenheit und sagte zu
+Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher
+ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher
+w&auml;hlen w&uuml;rde, wenn ich ein M&auml;dchen w&auml;re. Auch diesmal fand ich Geh&ouml;r
+bei den Alten, und ich merkte, da&szlig; es ihnen einleuchtete, eine wie
+uneigenn&uuml;tzige Seele ich sei.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
+
+<p>Ich pa&szlig;te dem M&auml;dchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie
+zuerst zum Reden veranlassen.</p>
+
+<p>»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.</p>
+
+<p>»Was habe ich getan?«</p>
+
+<p>»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«</p>
+
+<p>Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich
+Schlechtes &uuml;ber Fred gesagt h&auml;tte.</p>
+
+<p>»Du sagtest, man m&uuml;sse sich h&uuml;ten vor den Herumstreichern, aber Fred
+sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.</p>
+
+<p>»Aber Mutter, das hast du mir nicht erz&auml;hlt!« rief Alice. »Gott segne
+dich, Nut!«</p>
+
+<p>Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine g&uuml;nstige Position
+gut aus. Als Fred mich das n&auml;chste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da
+entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und
+Alicens Benehmen sei der Grund daf&uuml;r.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="IX_1"><em class="antiqua">IX</em></h3>
+
+<p>Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes &uuml;ber
+Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice
+kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf
+herum, so da&szlig; ich n&auml;her bei ihr stand als je zuvor und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
+ihren Atem
+etwas sp&uuml;rte. Dies Gl&uuml;ck machte mich benommen, und ich antwortete ohne
+Zusammenhang.</p>
+
+<p>»&Uuml;ber Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was
+Sie verlangen.«</p>
+
+<p>Und ich wu&szlig;te nicht, da&szlig; Fred den Lauscher machte; aber er stand im
+Stall und h&ouml;rte uns zu.</p>
+
+<p>»Was soll ich &uuml;brigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich
+bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, da&szlig; ich selber Sie lieb habe.«</p>
+
+<p>»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals
+gesagt.«</p>
+
+<p>»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich wei&szlig;,
+da&szlig; ich ein Vagabund und Ihrer unw&uuml;rdig bin.«</p>
+
+<p>»&Uuml;brigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn
+Freddie ist der, den ich liebe.«</p>
+
+<p>»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«</p>
+
+<p>»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, da&szlig; ich schon uneigenn&uuml;tzig genug
+gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen
+vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, w&uuml;rde es die Kr&auml;fte
+eines Menschen &uuml;bersteigen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span></p>
+
+<p>»Ich wei&szlig;, da&szlig; du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.</p>
+
+<p>»Mehr aber nicht?«</p>
+
+<p>»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du
+schreibst wie der Blitz.«</p>
+
+<p>Aber das, was ich h&ouml;ren wollte, da&szlig; ich beinahe so gut aussehe wie Fred
+und ebenso bet&ouml;rend sei, das sagte Alice nicht.</p>
+
+<p>»K&ouml;nnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Gewi&szlig;,« sagte Alice, »ein wenig, das hei&szlig;t ...«</p>
+
+<p>Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:</p>
+
+<p>»Glauben Sie nicht, da&szlig; ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld
+verdienen und Sie auf den H&auml;nden tragen w&uuml;rde? Was aber wird Fred
+machen?«</p>
+
+<p>Alice schwieg.</p>
+
+<p>»Sie wissen nicht, was f&uuml;r ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und
+gab ihr zu verstehen, da&szlig; sie keine Ahnung von mir h&auml;tte.</p>
+
+<p>»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam pl&ouml;tzlich aus dem Stall hervor.
+Er hatte eine Heugabel in den H&auml;nden. »Die Ahnung hab ich von dir, da&szlig;
+du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich
+schlag dich tot wie nen Hund.«</p>
+
+<p>Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur
+ <span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
+Abwehr hoch. »Beruhige dich,
+Fred, und la&szlig; mich gehen,« sagte ich.</p>
+
+<p>»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und
+stach mit der Heugabel nach mir.</p>
+
+<p>Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »T&ouml;te ihn nicht,«
+war alles, was sie sagte.</p>
+
+<p>»Du bist ein M&ouml;rder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die
+Heugabel beiseite, M&ouml;rder du.«</p>
+
+<p>Aber Fred wollte mich nicht schonen.</p>
+
+<p>»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich
+nieder,« sagte er.</p>
+
+<p>Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, da&szlig; Fred vollkommen verr&uuml;ckt
+war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der
+Heugabel ist daf&uuml;r bekannt, da&szlig; er sehr langsam und vielleicht niemals
+vernarbt, und ich f&uuml;rchtete f&uuml;r mein Leben.</p>
+
+<p>»Was hast du den Alten &uuml;ber mich gesagt?« schrie Fred.</p>
+
+<p>»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich
+will dir keinen Gefallen tun.«</p>
+
+<p>Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen
+Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich
+ <span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
+wieder. Als die Heugabel abermals in meine N&auml;he kam, griff ich mit der
+Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand
+Alice, da&szlig; nun Gefahr f&uuml;r Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und
+holte ihren Vater heraus.</p>
+
+<p>»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«</p>
+
+<p>»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«</p>
+
+<p>»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.</p>
+
+<p>Jetzt verstand ich, da&szlig; Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl
+auch ich schlecht war, so war sie doch noch &auml;rger. Im Zorn ging
+ich meiner Wege und &uuml;berlie&szlig; es den zwei Liebesleutchen, sich zu
+verst&auml;ndigen und zu entschuldigen und auf meinen R&uuml;cken abzuladen, was
+sie wollten. Aber am n&auml;chsten Tage ging ich zu Fred hin&uuml;ber, als er
+pfl&uuml;gte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er
+nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, da&szlig; er schwankte
+und vom Sitze fiel. Und zur Rache daf&uuml;r verfiel Fred auf nichts andres,
+als den R&uuml;cken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als
+ich lag und schlief.</p>
+
+<p>Wir pfl&uuml;gten, bis eine Eisdecke die Felder &uuml;berzog, ja bis zu der Zeit,
+wo der Frost begann,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
+in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte
+Mr. Rodgers:</p>
+
+<p>»Nun, Burschen, h&ouml;rt auf mit dem Pfl&uuml;gen!«</p>
+
+<p>Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und
+zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab
+ihnen zu fressen.</p>
+
+<p>»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr k&ouml;nnt bis morgen bleiben,«
+sagte Mr. Rodgers.</p>
+
+<p>Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld
+aus. Ich hatte keinen Vorschu&szlig; erhoben, so da&szlig; ich mehr als Fred bekam,
+der sich hatte Vorschu&szlig; geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem
+neuen Hut aus der Stadt.</p>
+
+<p>Mr. Rodgers erbot sich, mir f&uuml;r die Reise eine etwas bessere Jacke
+zu borgen als meine eigne; ich k&ouml;nne sie ja bei seinem Kaufmann
+hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke
+um, damit er s&auml;he, da&szlig; nichts darin vergessen war. Das war ein etwas
+unn&ouml;tiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.</p>
+
+<p>In der Nacht wurde ich wach davon, da&szlig; Fred von seiner Pritsche
+aufstand und die Jacke anzog.</p>
+
+<p>»Wo willst du hin?« fragte ich.</p>
+
+<p>Er gab mir keine Antwort.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p>
+
+<p>Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und
+schlich mich hinter ihm her an die T&uuml;r und &ouml;ffnete sie; drau&szlig;en war
+es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter
+zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch
+geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war
+durchfroren vom Stehen in der T&uuml;r und schlief jetzt recht tief; erst am
+Morgen erwachte ich wieder.</p>
+
+<p>Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht
+zur&uuml;ckgekommen.</p>
+
+<p>»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.</p>
+
+<p>»Das wei&szlig; ich nicht,« erwiderte ich.</p>
+
+<p>Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte
+sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die T&uuml;r zu Alicens
+Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schlo&szlig; die T&uuml;re wieder
+und sagte:</p>
+
+<p>»Wo mag nur Alice sein?«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht war aschgrau.</p>
+
+<p>Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden
+sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so da&szlig; uns klar
+wurde, da&szlig; das Paar das Weite gesucht hatte.</p>
+
+<p>»Genau so wie unsre &auml;lteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verbl&uuml;fft.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span></p>
+
+<p>Der alte Rodgers gr&auml;mte sich und war stumm, er ging herum und tat dies
+und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst
+ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut
+gegangen, also w&uuml;rde es vielleicht auch dieser gl&uuml;cken. Und nach
+Gro&szlig;elternart sahen sie auch nicht l&auml;nger ihre erwachsenen Kinder als
+die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen
+Enkelkinder.</p>
+
+<p>Klein-Edwin war die h&ouml;chste Freude des Hauses.</p>
+
+<p>»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit
+geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«</p>
+
+<p>»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.</p>
+
+<p>»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in
+der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«</p>
+
+<p>Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.</p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Zachaus">Zach&auml;us</h2>
+</div>
+
+
+<h3 class="no-break" id="I_2"><em class="antiqua">I</em></h3>
+
+<p>Tiefster Friede ruht &uuml;ber der Pr&auml;rie.</p>
+
+<p>In meilenweitem Umkreis sind keine B&auml;ume und H&auml;user zu sehen, nur
+Weizen und gr&uuml;nes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
+Ferne, da&szlig; sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und
+Leute bei der Arbeit, das sind die M&auml;her, die auf ihren Maschinen
+sitzen und das Gras schwadenweise abm&auml;hen. Der einzige Laut, den man
+h&ouml;rt, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind her&uuml;bersteht,
+schl&auml;gt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, &mdash; das
+klappernde Ger&auml;usch der M&auml;hmaschinen unten am Horizont. Zuweilen h&ouml;rt
+man diesen Laut ganz merkw&uuml;rdig nahe.</p>
+
+<p>Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen,
+ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind
+mehrere Tagem&auml;rsche bis zum n&auml;chsten Pr&auml;riest&auml;dtchen. Die H&auml;user der
+Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem
+un&uuml;bersehbaren Weizenmeer aufragen.</p>
+
+<p>Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Fr&uuml;hling bis zum sp&auml;ten
+Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p>
+
+<p>Drei M&auml;nner arbeiten in der K&uuml;che, der Koch und seine beiden
+Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel au&szlig;er den vielen Pferden;
+aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der
+Billybory-Farm.</p>
+
+<p>Die Sonne gl&uuml;ht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in
+dieser gro&szlig;en Hitze, und nicht der geringste Windhauch k&uuml;hlt die Luft
+ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.</p>
+
+<p>Auch bei den H&auml;usern ist alles still, nur von dem gro&szlig;en, spangedeckten
+Schuppen her, der als K&uuml;che und Speisesaal benutzt wird, h&ouml;rt man die
+Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in
+gr&ouml;&szlig;ter Gesch&auml;ftigkeit regen. Sie feuern die gro&szlig;en Herde mit Gras,
+und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und
+Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen
+hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt,
+und die drei M&auml;nner fahren mit dem Essen auf die Pr&auml;rie hinaus.</p>
+
+<p>Der Koch ist ein dicker Irl&auml;nder, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von
+milit&auml;rischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und
+sein Brustkasten gleicht einem M&uuml;hlstein. Er wird von aller Welt Polly
+genannt, weil er im Gesicht &Auml;hnlichkeit mit einem Papagei hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span></p>
+
+<p>Der Koch ist unten in einem der Forts im S&uuml;den Soldat gewesen, er
+ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein
+Liederbuch mit auf die Farm genommen und au&szlig;erdem eine alte Nummer von
+einer Zeitung. Diese Kleinodien zu ber&uuml;hren, erlaubt er keinem der
+Leute; er hat sie auf einem Bord in der K&uuml;che liegen, um sie in seinen
+freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit gro&szlig;em
+Flei&szlig;.</p>
+
+<p>Aber Zach&auml;us, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine
+Brille tr&auml;gt, hatte sich einmal der Zeitung bem&auml;chtigt, um darin zu
+lesen. Es n&uuml;tzte nichts, Zach&auml;us ein gew&ouml;hnliches Buch anzubieten,
+die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen;
+dahingegen war es ihm ein gro&szlig;er Genu&szlig;, die Zeitung des Kochs in der
+Hand zu halten und bei der gro&szlig;en Schrift der Anzeigen zu verweilen.
+Aber der Koch vermi&szlig;te augenblicklich seinen Schatz, suchte Zach&auml;us in
+seinem Bett auf und ri&szlig; die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein
+heftiger und l&auml;cherlicher Wortstreit zwischen diesen beiden M&auml;nnern.</p>
+
+<p>Der Koch nannte Zach&auml;us einen schwarzhaarigen R&auml;uber und Hund. Er
+schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
+jemals einen Soldaten gesehen habe und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span>
+ob er die Einrichtung eines
+Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur
+lieber in acht nehmen, wei&szlig; Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das
+Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa H&auml;user in
+Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe?</p>
+
+<p>Zach&auml;us antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch,
+da&szlig; er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte.
+»Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zach&auml;us, sei
+ein rechtschaffener Mann, er w&uuml;rde die Zeitung wieder hingelegt haben,
+nachdem er sie studiert h&auml;tte. »Steh' nicht da und spuck' auf den
+Fu&szlig;boden, du schmieriger Hund!«</p>
+
+<p>Und Zach&auml;us' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem
+w&uuml;tenden Gesicht.</p>
+
+<p>Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden
+Landsleuten. &mdash;</p>
+
+<p>Die Wagen mit dem Essen verteilen sich &uuml;ber die Pr&auml;rie und speisen
+jeder seine f&uuml;nfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken
+herbeigelaufen, rei&szlig;en etwas Essen an sich und werfen sich unter die
+Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten w&auml;hrend der Mahlzeit zu
+ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt
+wieder im Sattel
+ <span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span>
+und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und
+die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zur&uuml;ck.</p>
+
+<p class="pmb3">Aber w&auml;hrend die Gehilfen des Kochs jetzt die Sch&uuml;sseln und Kummen nach
+der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber drau&szlig;en im
+Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Ges&auml;nge
+und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im S&uuml;den
+mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="II_2"><em class="antiqua">II</em></h3>
+
+<p>Am Abend, als es schon zu d&auml;mmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit
+der Arbeiterschar langsam aus der Pr&auml;rie heim. Die meisten waschen
+ihre H&auml;nde drau&szlig;en auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige
+k&auml;mmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen
+vertreten, da sind j&uuml;ngere und &auml;ltere Personen, Einwanderer aus Europa
+und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger
+Vagabunden und verungl&uuml;ckte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande
+tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird
+gew&ouml;hnlich in gro&szlig;er Hast eingenommen, ohne da&szlig; irgend jemand was sagt.
+Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
+der selber an der
+Mahlzeit teilnimmt und &uuml;ber die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit
+beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Heute aber wollte Zach&auml;us sein Hemd waschen. Es war so hart von Schwei&szlig;
+geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen R&uuml;cken
+brannte.</p>
+
+<p>Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem gro&szlig;en
+Schlafschuppen her ert&ouml;nte nur noch ein ged&auml;mpftes Murmeln in die Nacht
+hinaus.</p>
+
+<p>Zach&auml;us ging nach der K&uuml;chenwand hin, wo mehrere Beh&auml;lter mit Wasser
+standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgf&auml;ltig w&auml;hrend der
+Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu
+kalkhaltig, um darin zu waschen.</p>
+
+<p>Zach&auml;us bem&auml;chtigte sich eines der Wasserbeh&auml;lter, zog sein Hemd ab und
+fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn
+geh&ouml;rig, aber das Hemd mu&szlig;te gereinigt werden, und er pfiff sogar leise
+vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.</p>
+
+<p>Da &ouml;ffnete pl&ouml;tzlich der Koch die K&uuml;chent&uuml;r. Er hielt eine Lampe in der
+Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zach&auml;us.</p>
+
+<p>»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p>
+
+<p>Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zach&auml;us zu und
+fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«</p>
+
+<p>»Ich nahm es,« antwortete Zach&auml;us.</p>
+
+<p>»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es
+genommen, du L&uuml;gner, du Dieb, du Hund!«</p>
+
+<p>Zach&auml;us erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an,
+seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.</p>
+
+<p>Der L&auml;rm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
+Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
+lauschten mit gr&ouml;&szlig;tem Interesse dem Wortwechsel.</p>
+
+<p>Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht gro&szlig;artig von dem kleinen
+Ferkel? Mein eigenes Wasser!«</p>
+
+<p>»Nimm du dein Wasser,« sagte Zach&auml;us und st&uuml;rzte den Beh&auml;lter um. »Ich
+habe es benutzt!«</p>
+
+<p>Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Zach&auml;us.</p>
+
+<p>»Ich will sie dich kosten lassen!«</p>
+
+<p>»Wenn du es wagst!«</p>
+
+<p>Da ert&ouml;nten pl&ouml;tzlich ein paar schnelle Schl&auml;ge, die erteilt und im
+selben Augenblick zur&uuml;ckbezahlt wurden. Die Zuschauer stie&szlig;en ein
+Geheul &uuml;ber
+ <span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
+das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und
+Wohlbehagens.</p>
+
+<p>Zach&auml;us aber hielt nicht lange stand.</p>
+
+<p>Der blinde, untersetzte Irl&auml;nder war w&uuml;tend wie eine Tigerkatze, seine
+Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu k&ouml;nnen.
+Schlie&szlig;lich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt &uuml;ber den Platz
+und fiel dann um.</p>
+
+<p>Der Koch wandte sich an die Menge:</p>
+
+<p>»Ja, da liegt er nun! La&szlig;t ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gef&auml;llt!«</p>
+
+<p>»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.</p>
+
+<p>Der Koch zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>»Meinetwegen!« erwiderte er &uuml;berm&uuml;tig. Und er f&uuml;hlt sich wie ein
+gro&szlig;er, un&uuml;berwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den
+Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen,
+er wird literarisch: »Ich &uuml;berlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »La&szlig;t
+ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und
+will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich f&uuml;r Generale gekocht
+habe! Ist er Oberst der Pr&auml;rie, frage ich?«</p>
+
+<p>Und alle bewunderten Pollys Rede.</p>
+
+<p>Da erhob sich Zach&auml;us wieder vom Boden und sagte genau so verbissen,
+genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfu&szlig;!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span></p>
+
+<p>Die Leute br&uuml;llten vor Entz&uuml;cken, der Koch aber l&auml;chelte nur
+mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser
+Lampe pr&uuml;geln!«</p>
+
+<p>Damit nahm er die Lampe und ging langsam und w&uuml;rdevoll hinein.</p>
+
+<p>Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in
+ihren Schlafschuppen zur&uuml;ck. Zach&auml;us nahm sein Hemd auf, rang es
+sorgf&auml;ltig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den
+andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="III_2"><em class="antiqua">III</em></h3>
+
+<p>Am folgenden Tage liegt Zach&auml;us drau&szlig;en auf der Pr&auml;rie im Gras auf den
+Knieen und schmiert seine Maschine mit &Ouml;l. Die Sonne ist heute ebenso
+scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengl&auml;sern voll
+Schwei&szlig;. Pl&ouml;tzlich r&uuml;ckt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor
+irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen.
+Zach&auml;us st&ouml;&szlig;t einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute
+sp&auml;ter f&auml;ngt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen
+und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen.</p>
+
+<p>Ein Mann, der in einiger Entfernung die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
+Heuharke f&auml;hrt, h&auml;lt sein
+Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?«</p>
+
+<p>Zach&auml;us antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«</p>
+
+<p>Als der Mann kommt, zeigt ihm Zach&auml;us eine blutige Hand und sagt: »Mir
+ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche
+mir den Finger, ich sehe so schlecht!«</p>
+
+<p>Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei
+Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine
+kleine Leiche.</p>
+
+<p>Zach&auml;us nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und
+bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!«
+Zach&auml;us zieht sein Hemd heraus und rei&szlig;t zwei Streifen davon ab;
+mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den
+abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem
+Kameraden f&uuml;r die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. &mdash; Er
+hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall
+h&ouml;rte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Das erste, was Zach&auml;us tat, war, den abgeschnittenen Finger
+aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen go&szlig; er Maschinen&ouml;l in
+eine Flasche, steckte den Finger hinein und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span>
+verkorkte den Hals fest.
+Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche.</p>
+
+<p>Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der
+Hand und mu&szlig;te sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf
+den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen K&ouml;rper und lag da und litt und
+gr&auml;mte sich &uuml;ber alle Ma&szlig;en. Eine Unt&auml;tigkeit wie diese hatte er noch
+nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine
+explodierte und seine Augen besch&auml;digte.</p>
+
+<p>Um seine elende Lage noch unertr&auml;glicher zu machen, kam der Koch Polly
+selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den
+Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht
+in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, da&szlig; Zach&auml;us sich nach
+der Wand umdrehen und die Z&auml;hne schweigend zusammenbei&szlig;en mu&szlig;te, weil
+er dem Riesen gegen&uuml;ber so ohnm&auml;chtig war.</p>
+
+<p>Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und N&auml;chte, kamen und
+gingen mit unertr&auml;glicher Langsamkeit. Sobald es ihm m&ouml;glich war, fing
+Zach&auml;us an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des
+Tags, w&auml;hrend der Hitze hielt er die T&uuml;r nach der Pr&auml;rie und nach dem
+Himmel offen. Oft sa&szlig; er mit offenem Munde da und lauschte dem
+ <span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
+Ton der M&auml;hmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit
+seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe.</p>
+
+<p>Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht
+in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die T&uuml;r vor der Nase zu, unter dem
+Vorwand, da&szlig; es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug d&uuml;rfe er
+sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zach&auml;us au&szlig;er sich vor Wut aus der
+Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel
+nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum
+Kr&uuml;ppel zu machen. Aber Zach&auml;us hatte kein Gl&uuml;ck, er sah zu schlecht,
+um zu zielen und er traf niemals.</p>
+
+<p>Am siebenten Tage hatte er erkl&auml;rt, da&szlig; er in der K&uuml;che zu Mittag
+essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch
+ganz und gar. Dabei blieb es, Zach&auml;us mu&szlig;te auch heute sein Essen
+auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er sa&szlig; ganz verlassen da und
+kr&uuml;mmte sich vor Langweile. Jetzt wu&szlig;te er, da&szlig; die K&uuml;che leer war,
+der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen drau&szlig;en in der
+Pr&auml;rie, er h&ouml;rte sie mit Gesang und L&auml;rmen ausziehen, um sich &uuml;ber den
+Eingesperrten lustig zu machen.</p>
+
+<p>Zach&auml;us steigt von seiner Pritsche herab und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
+schwankt hin&uuml;ber nach
+der K&uuml;che. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an
+ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zur&uuml;ck in
+den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und f&auml;ngt an, die
+am&uuml;santen, gro&szlig;en Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.</p>
+
+<p>Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, &mdash; die Stunden vergingen
+jetzt so schnell! Endlich h&ouml;rte Zach&auml;us, da&szlig; der Proviantwagen
+zur&uuml;ckkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie
+gew&ouml;hnlich befahl, die Sch&uuml;sseln und Kummen zu waschen.</p>
+
+<p>Jetzt wu&szlig;te Zach&auml;us, da&szlig; die Zeitung vermi&szlig;t werden w&uuml;rde, dies war
+gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab.
+Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den
+Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung
+wieder heraus und bringt sie auf seinem blo&szlig;en Leibe unter. Nie im
+Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern!</p>
+
+<p>Es vergeht eine Minute.</p>
+
+<p>Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zach&auml;us liegt da
+und starrt zum Dach empor.</p>
+
+<p>Polly tritt ein.</p>
+
+<p>»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in
+dem Raum stehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p>
+
+<p>»Nein!« antwortet Zach&auml;us.</p>
+
+<p>»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt n&auml;her an ihn heran.</p>
+
+<p>Zach&auml;us richtet sich auf.</p>
+
+<p>»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird
+ganz w&uuml;tend.</p>
+
+<p>Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und f&auml;ngt an,
+die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die
+armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.</p>
+
+<p>»Du mu&szlig;t sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mu&szlig;te und
+schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um
+und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!«</p>
+
+<p>Da lachte Zach&auml;us herzlich und boshaft &uuml;ber den andern und sagte:
+»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung daf&uuml;r, du
+schmutziges Ferkel!«</p>
+
+<p>Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein
+unheilverk&uuml;ndender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich
+nach Zach&auml;us um und murmelte: »Ja, warte du nur!«</p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="IV_2"><em class="antiqua">IV</em></h3>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Str&ouml;men flo&szlig; der
+Regen vom Himmel
+ <span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
+hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
+H&auml;user und f&uuml;llte die Wasserbeh&auml;lter des Kochs schon zu fr&uuml;her
+Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten
+Korns&auml;cke f&uuml;r die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder
+Arbeiterger&auml;tschaften aus und schliffen Messer und M&auml;hmaschinen.</p>
+
+<p>Als der Mittagsruf ert&ouml;nte, erhob sich Zach&auml;us von der Pritsche, wo
+er sa&szlig; und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes
+drau&szlig;en von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte.
+Zach&auml;us wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen
+zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch
+antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe,
+so bek&auml;me er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zach&auml;us'
+Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«</p>
+
+<p>Zach&auml;us kehrte zu der Pritsche zur&uuml;ck und ergab sich in sein Schicksal.
+Es war das richtigste, da&szlig; er das Essen nahm, das man ihm gab.</p>
+
+<p>»Was f&uuml;r einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte
+er nur und machte sich &uuml;ber die Sch&uuml;ssel her.</p>
+
+<p>»K&uuml;ken!« antwortete der Koch. Und ein eigent&uuml;mlicher Blitz scho&szlig; aus
+seinen Augen, als er sich umwandte und ging.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
+
+<p>»K&uuml;ken?« murmelte Zach&auml;us vor sich hin und durchsuchte das Essen mit
+seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das K&uuml;ken, du L&uuml;gner.« Aber
+es war Fleisch und Sauce.</p>
+
+<p>Und er a&szlig; von dem Fleisch.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich bekam er ein St&uuml;ck in den Mund, woraus er nicht klug werden
+konnte. Es l&auml;&szlig;t sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit z&auml;hem
+Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das
+St&uuml;ck aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen
+selber behalten!« murmelte er und geht an die T&uuml;r&ouml;ffnung, um es
+genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Pl&ouml;tzlich
+eilt er nach der Pritsche zur&uuml;ck und sieht nach der Flasche mit dem
+abgeschnittenen Finger, &mdash; die Flasche war verschwunden.</p>
+
+<p>Zach&auml;us schreitet hin&uuml;ber nach dem Speiseraum. Leichenbla&szlig; mit
+verzerrtem Gesicht bleibt er in der T&uuml;r stehen und sagt, so da&szlig; alle es
+h&ouml;ren, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?«</p>
+
+<p>Damit h&auml;lt er einen Gegenstand in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>Der Koch antwortet nicht, f&auml;ngt aber an seinem Tische zu kichern an.</p>
+
+<p>Zach&auml;us h&auml;lt einen anderen Gegenstand in die H&ouml;he und sagt: »Und,
+Polly, ist dies nicht mein
+ <span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span>
+Nagel, der an dem Finger sa&szlig;? Sollt' ich
+den nicht wiedererkennen?«</p>
+
+<p>Jetzt wurden alle M&auml;nner an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen
+Fragen des Zach&auml;us und sahen ihn staunend an.</p>
+
+<p>»Was hast du eigentlich?« fragte einer.</p>
+
+<p>»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
+erkl&auml;rt Zach&auml;us. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen
+gebracht. Hier ist auch der Nagel.«</p>
+
+<p>Da brach pl&ouml;tzlich an allen Tischen ein br&uuml;llendes Gel&auml;chter los, und
+die Leute schrieen durcheinander:</p>
+
+<p>»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du
+hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite
+abgenagt!«</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zach&auml;us, »ich wu&szlig;te nicht, &mdash; &mdash; ich
+dachte nicht &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Dann aber pl&ouml;tzlich wendet er sich um und geht zur T&uuml;r hinaus.</p>
+
+<p>Der Aufseher mu&szlig;te Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte
+sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch
+zusammen gekocht, Polly?«</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte Polly?. »Gro&szlig;er Gott, wie k&ouml;nnte ich wohl! Wof&uuml;r
+haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn f&uuml;r sich, in einem ganz anderen
+Kessel.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span></p>
+
+<p>Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
+Nachmittag Stoff zu unersch&ouml;pflicher Heiterkeit f&uuml;r die Bande, sie
+stritten und lachten dar&uuml;ber wie die Verr&uuml;ckten, und der Koch feierte
+einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.</p>
+
+<p>Zach&auml;us aber war verschwunden.</p>
+
+<p>Zach&auml;us war in die Pr&auml;rie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer
+nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zach&auml;us aber wanderte
+weiter und weiter &uuml;ber die Pr&auml;rie hinaus. Er trug seine kranke Hand
+in der Binde und sch&uuml;tzte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im
+&uuml;brigen war er von oben bis unten durchn&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Er setzte seine Wanderung fort.</p>
+
+<p>Als die D&auml;mmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein
+eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zur&uuml;ck,
+den er gekommen ist. Mit schwerf&auml;lligen, bed&auml;chtigen Schritten geht er
+durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet.
+Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an.</p>
+
+<p>Es ist jetzt v&ouml;llig dunkel. Er h&ouml;rt, da&szlig; die Leute im Speiseraum beim
+Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er
+den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, da&szlig; er sehr guter Laune
+ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p>
+
+<p>Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz
+stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen,
+alles ist still, nur der Regen f&auml;llt noch immer, und von Zeit zu Zeit
+schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und
+schl&auml;gt weit hinten in der Pr&auml;rie nieder.</p>
+
+<p>Endlich h&ouml;rt er, da&szlig; die Leute vom Abendessen kommen und in den
+Schlafschuppen hin&uuml;bereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht na&szlig;
+zu werden. Zach&auml;us wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig,
+dann begibt er sich nach der K&uuml;che.</p>
+
+<p>Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt
+ruhig ein.</p>
+
+<p>»Guten Abend!« sagt er.</p>
+
+<p>Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schlie&szlig;lich:</p>
+
+<p>»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«</p>
+
+<p>Zach&auml;us entgegnet:</p>
+
+<p>»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern
+abend nicht rein geworden, ich mu&szlig; es noch einmal wieder waschen.«</p>
+
+<p>»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.</p>
+
+<p>»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«</p>
+
+<p>»Ich rate dir davon ab.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p>
+
+<p>»Bekomme ich Seife?« fragt Zach&auml;us.</p>
+
+<p>»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«</p>
+
+<p>Und Zach&auml;us geht hinaus.</p>
+
+<p>Er nimmt den einen der Wasserbeh&auml;lter, tr&auml;gt ihn an die Ecke, so recht
+mitten unter das K&uuml;chenfenster, und f&auml;ngt an, laut in dem Wasser
+herumzupl&auml;tschern. Der Koch h&ouml;rt es und kommt heraus.</p>
+
+<p>Er ist heute gro&szlig; und &uuml;berlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs
+mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zach&auml;us zu.</p>
+
+<p>»Was machst du hier?« fragt er.</p>
+
+<p>Zach&auml;us antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«</p>
+
+<p>»In meinem Wasser?«</p>
+
+<p>»Nat&uuml;rlich!«</p>
+
+<p>Der Koch kommt n&auml;her, beugt sich &uuml;ber den Wasserbeh&auml;lter, um sich davon
+zu &uuml;berzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem
+Hemd.</p>
+
+<p>Da zieht Zach&auml;us seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand
+heraus, h&auml;lt ihn dem Koch gerade vors Ohr und dr&uuml;ckt ab.</p>
+
+<p>Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p>
+
+
+<h3 class="no-break" id="V_2"><em class="antiqua">V</em></h3>
+
+<p>Als Zach&auml;us zu sp&auml;ter n&auml;chtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um
+zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten,
+was er so lange drau&szlig;en gemacht habe.</p>
+
+<p>Zach&auml;us antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«</p>
+
+<p>Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>»Du hast ihn erschossen?«</p>
+
+<p>»Ja!«</p>
+
+<p>»Das w&auml;re doch des Satans! Wo trafst du ihn?«</p>
+
+<p>»In den Kopf. Ich scho&szlig; ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«</p>
+
+<p>»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«</p>
+
+<p>»Westlich in der Pr&auml;rie. Ich gab ihm die Zeitung in die H&auml;nde.«</p>
+
+<p>»Das hast du getan?«</p>
+
+<p>Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.</p>
+
+<p>Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Zach&auml;us, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das
+Gehirn.«</p>
+
+<p>»Ja, das ist der beste Schu&szlig;,« sagt der
+ <span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>
+Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist das der Tod.«</p>
+
+<p>Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen &mdash; &mdash; &mdash;.</p>
+
+<p>Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit
+dem Fr&uuml;hling in &Uuml;bung waren; dieser ward jetzt zum Chef erh&ouml;ht und war
+herzlich gl&uuml;cklich &uuml;ber den Mord.</p>
+
+<p>Und alles ging seinen r&uuml;hrigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
+weiter &uuml;ber Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag
+irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die &Auml;hren ausgerissen waren. Dabei
+war nichts mehr zu machen.</p>
+
+<p>Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der n&auml;chsten
+Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu
+trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor,
+und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.</p>
+
+<p>»Wohin gehst du, Zach&auml;us?«</p>
+
+<p>»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zach&auml;us. »Vielleicht nach
+Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«</p>
+
+<p>»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zach&auml;us! Gl&uuml;ckliche
+Reise!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p>
+
+<p>Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das gro&szlig;e
+Yankeeland. Zach&auml;us reist nach Wyoming.</p>
+
+<p class="pmb3">Und die Pr&auml;rie liegt da gleich einem endlosen Meer, &uuml;ber das die
+Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
+gleichen.</p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p>
+
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="no-break" id="Auf_den_Banken_bei_New-Foundland">Auf den B&auml;nken bei New-Foundland</h2>
+</div>
+
+
+<p>Monat f&uuml;r Monat lagen wir auf den B&auml;nken und fischten Kabeljau. Der
+Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an
+derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa
+und Amerika. Vier- bis f&uuml;nfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon
+hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann
+segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben
+Grunde und fischten Kabeljau &mdash; und steuerten wieder nach Miquelon
+hinauf, um abermals zu l&ouml;schen. Ich war in der Stadt niemals am Land.
+Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen
+an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und
+Schiffsh&auml;ndler bewohnten.</p>
+
+<p>Unser Schiff war ein Russe und f&uuml;hrte den Namen »Kongo«, ein wirklicher
+Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte
+St&uuml;ckpforten hatte von ihren j&uuml;ngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an
+Bord: zwei Holl&auml;nder und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest
+waren Neger.</p>
+
+<p>Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus
+und zogen unsere Schn&uuml;re ein, im Sommer um drei Uhr, im
+ <span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> Winter beim
+Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf
+derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem
+»Kongo«.</p>
+
+<p>Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot
+keine Abwechselung; wir wu&szlig;ten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder
+Montag w&auml;re. Das einzige, was unsere Verh&auml;ltnisse von denen der andern
+New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungew&ouml;hnliche, da&szlig; unser
+Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber
+sehr widerliches Gesch&ouml;pf mit ganzen Trauben von Warzen an den H&auml;nden
+und entsetzlich mager und sehr klein.</p>
+
+<p>Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstie&szlig;en; sie
+war dann gerade aufgestanden, war schl&auml;frig und sehr unordentlich
+angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und &mdash;
+nein, es l&auml;&szlig;t sich wirklich nicht erz&auml;hlen. Aber obwohl sie so unsauber
+war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern,
+wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns
+h&auml;tte sie entbehren m&ouml;gen. So gen&uuml;gsam waren wir geworden.</p>
+
+<p>Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer
+weiter, gelangt irgendwohin
+ <span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
+und beendet schlie&szlig;lich seine Fahrt, wie
+lange sie auch w&auml;hrt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still,
+mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser
+Weise gegangen, da&szlig; wir schlie&szlig;lich uns fast nicht mehr entsinnen
+konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr
+ver&auml;ndert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich
+ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und
+h&ouml;rten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir
+interessierten uns f&uuml;r nichts und dachten keine l&auml;ngeren Gedanken
+mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere st&auml;ndige Besch&auml;ftigung
+mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen,
+fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine
+eigene, nur uns gegenseitig verst&auml;ndliche Sprache redeten.</p>
+
+<p>Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier
+drau&szlig;en im Meer nicht hinausgelangen, und au&szlig;erdem hatte der scharfe
+Nebel, den wir einsogen, unsere t&auml;gliche Besch&auml;ftigung mit rohen
+Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den B&auml;nken unsere ganze
+Lebensfreude ert&ouml;tet.</p>
+
+<p>Wir a&szlig;en, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht
+ganz den Kopf verloren hatte und noch einigerma&szlig;en am Leben teilnahm,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span>
+war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im
+ernstesten Tone:</p>
+
+<p>»Meinst du, da&szlig; man jetzt daheim Krieg f&uuml;hrt?«</p>
+
+<p>So gleichg&uuml;ltig waren wir f&uuml;r alles geworden, da&szlig; wir fast nicht mehr
+miteinander sprachen. Wir wu&szlig;ten allzu gut, wie die Antwort auf jede
+Frage lauten w&uuml;rde, und dazu kam noch, da&szlig; wir oft die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he
+hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es n&auml;mlich,
+da&szlig; die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die
+Holl&auml;nder, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie
+zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas L&auml;ngeres sagen wollten,
+gingen sie &auml;rgerlich in ihre eigene Sprache &uuml;ber. Kurz, wir waren in
+jeder Beziehung hilflos und verlassen.</p>
+
+<p>Aber bisweilen, wenn wir so sa&szlig;en und die Schn&uuml;re einholten, zog
+drau&szlig;en ein Auswandererschiff vorbei, ein m&auml;chtiger, schattenhafter
+Kolo&szlig;, der seine Pfeife einmal ert&ouml;nen lie&szlig; und in demselben Augenblick
+im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die f&uuml;r einen
+Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gew&auml;hrten
+einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und
+die Lichter vom Schiff uns mit runden, gl&uuml;henden Ochsenaugen l&auml;ngs
+des ganzen Rumpfes anstarrten, stie&szlig;en wir oft
+ <span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
+einen pl&ouml;tzlichen
+Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der
+Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere
+Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer
+in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog.</p>
+
+<p>Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, da&szlig; van
+Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit drau&szlig;en ein
+Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah,
+da&szlig; wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen
+eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer
+und den gichtbr&uuml;chigen Schiffer mit seiner Frau.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdige Gem&uuml;tsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen,
+wenn wir sa&szlig;en und m&uuml;hsam an den Schn&uuml;ren zogen und sie fast nicht
+heraufbekommen konnten: es war uns dann, als w&uuml;rden unsere Angeln von
+verborgenen H&auml;nden tief unten festgehalten, die unser Boot auf die
+Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Z&auml;hnen und ganz
+toll vor Angst. Wir verga&szlig;en, wo wir waren und was wir taten, wir
+wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren M&auml;chten
+der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefa&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span></p>
+
+<p>Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gem&uuml;tsstimmung bekam, sagte
+man auf den B&auml;nken, er s&auml;nge »um klares Wetter«, weil wir meinten,
+der Nebel w&auml;re daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir
+sa&szlig;en und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus
+dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit
+gro&szlig;en, zottigen K&ouml;pfen, und wieder verschwanden. Und zerflie&szlig;ende,
+koboldhafte Gestalten schwebten in dem wei&szlig;en Dunst umher, gro&szlig; wie
+Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind
+blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten
+sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen
+M&auml;nteln, die ihnen nachflatterten.</p>
+
+<p>Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, &uuml;ber
+die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere
+Schn&uuml;re auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und
+ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein
+Sturmwind, wir h&ouml;rten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an
+uns vorbei; wir stie&szlig;en einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie;
+dann verschwand er ...</p>
+
+<p>Aber wenn wir am Vormittag unsere Schn&uuml;re eingezogen hatten und mit
+unsern vollbeladenen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
+Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter
+Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit f&uuml;r diesen Tag getan
+zu haben, uns oft in einer andern Weise t&ouml;richt und erregt. So geschah
+es manchmal, da&szlig; wir eine ganz unnat&uuml;rliche Freude daran fanden, die
+Fische zu mi&szlig;handeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mi&szlig;handeln.
+Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten
+die gro&szlig;en Fische beim Kopf, dr&uuml;ckten die Finger in ihre weichen Augen
+hinein und hielten sie so in die H&ouml;he, indem sie ganz eigenartig
+lachten und sie ansahen.</p>
+
+<p>Eines Tages bemerkte ich, da&szlig; der eine von den Russen in einen rohen
+Fisch hineinbi&szlig;, die Z&auml;hne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei
+Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Diese fetten Fischleichen wirkten &uuml;berhaupt sehr auf uns alle; wir
+konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber &ouml;ffneten; wir
+schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, w&uuml;hlten unn&ouml;tig viel mit
+den H&auml;nden in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem
+Blut, als n&ouml;tig war.</p>
+
+<p>Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gel&uuml;sten; aber
+daf&uuml;r war er von einer ganz verr&uuml;ckten Neigung zu der Schifferfrau
+ <span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
+entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns
+allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie
+liebe!« sagte er mehrmals am Tage.</p>
+
+<p>Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner
+ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt
+in sie; ich h&auml;tte ihn damals, als er es mir erz&auml;hlte, auf der Stelle,
+nur aus Eifersucht, totschlagen k&ouml;nnen. Denn auch mir erging es nicht
+besser.</p>
+
+<p>Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig
+umher und merkte nichts von dem allen. Uns w&uuml;rdigte sie keines Blickes.
+Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem
+Feldstuhl sa&szlig; und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich &uuml;ber eine
+Tauhaspel und w&auml;re beinahe gefallen. Das &auml;rgerte mich so, da&szlig; ich mich
+umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte,
+statt weiterzugehen, &mdash; ich mu&szlig; entschieden sehr l&auml;cherlich ausgesehen
+haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze
+Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts
+Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht.</p>
+
+<p>»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verr&uuml;ckten
+Sprache; »wei&szlig; Gott, sie verfault!«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span></p>
+
+<p>Und doch h&auml;tte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein m&ouml;gen
+...</p>
+
+<p>Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schn&uuml;re wieder ausgelegt waren,
+war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden
+mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen.</p>
+
+<p>Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu m&uuml;de waren, ein bi&szlig;chen
+miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erz&auml;hlen, alles in
+einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Fl&uuml;che und h&auml;&szlig;licher
+Worte ... Der Franzose wu&szlig;te ein St&uuml;ck von einem Mann zu erz&auml;hlen,
+der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses
+St&uuml;ck hatte er mehrmals erz&auml;hlt, immer mit demselben gro&szlig;en Erfolg.
+Die Russen waren ganz entz&uuml;ckt davon und lachten unaufh&ouml;rlich, wenn es
+erz&auml;hlt wurde. Ihre Freude &uuml;ber die derbe Erz&auml;hlung war so aufrichtig
+wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt
+in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit.
+»Wie ging es dann weiter?« Und doch wu&szlig;ten sie ebensogut wie wir
+andern, wie das Ganze zugegangen war.</p>
+
+<p>Van Tatzel dagegen war fast niemals so gl&uuml;cklich, wenn er <em class="gesperrt">seine</em>
+Geschichte erz&auml;hlte; wir mochten sie selten anh&ouml;ren. Wir verstanden
+ihn
+ <span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span>
+so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und au&szlig;erdem verdrehte
+er noch das Wenige, was er wu&szlig;te. Wenn er im Begriff war, etwas zu
+sagen, und pl&ouml;tzlich fest sa&szlig;, sah er sich nach uns allen mit seinem
+verzweifelten Gesicht um und wu&szlig;te nicht, wie er sich helfen sollte. Er
+war wirklich sehr zu bedauern.</p>
+
+<p>Van Tatzel war der &auml;lteste von den Holl&auml;ndern, ein altes Schwein;
+ziemlich taub, aber sonst gutm&uuml;tig und gef&auml;llig. Er hatte immer
+Watteb&uuml;schel in den Ohren, Sommer und Winter, gro&szlig;e Watteb&uuml;schel,
+die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine
+ungew&ouml;hnlich schwerf&auml;llige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen
+Kinde gemacht, und er vermochte nicht &uuml;ber seine Nasenspitze hinaus
+zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak,
+spuckte r&uuml;cksichtslos in die Kaj&uuml;te hinab und begann seine Erz&auml;hlung
+immer folgenderma&szlig;en:</p>
+
+<p>»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines
+Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein
+letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war,
+aber es war schon sehr sp&auml;t,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer
+Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst
+meine Hosen auf;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span>
+ich entsinne mich, da&szlig; ich an jedem Hosenbein zwei
+Krempel machte. Aber &uuml;brigens war ich mehr als betrunken und fiel bei
+dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade
+bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, &mdash; etwas, was mich
+betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war
+dicht hinter mir, mitten in der Stra&szlig;e &mdash; ihr m&ouml;gt es mir glauben oder
+nicht, aber es war eine Dame.«</p>
+
+<p>Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine
+feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht
+nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle.</p>
+
+<p>»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Stra&szlig;en von Amsterdam?«
+fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her.</p>
+
+<p>»Ja, eine Dame!« sagt er entz&uuml;ckt und lacht &uuml;bers ganze Gesicht. Das
+erregt ihn so, da&szlig; er es zweimal beschw&ouml;rt, und wir lachen &uuml;ber ihn
+alle zusammen. Er versucht, weiter zu erz&auml;hlen, sitzt aber wieder fest;
+es ist ihm nicht m&ouml;glich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes
+Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden,
+das uns die Sache klar machen k&ouml;nnte; aber er schweigt m&auml;uschenstill.
+Ihm liegt soviel daran, sich gerade &uuml;ber diesen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span>
+Punkt auszusprechen;
+und pl&ouml;tzlich, als er v&ouml;llig &uuml;berw&auml;ltigt ist von der Erinnerung an
+diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudr&uuml;cken
+vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein
+gro&szlig;er Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von
+uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern
+Koje liegt und schnarcht.</p>
+
+<p>Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die
+immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male geh&ouml;rt; sie begann
+stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine
+glaubw&uuml;rdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran.</p>
+
+<p>Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erz&auml;hlungen, w&auml;hrend das
+Meer drau&szlig;en l&auml;rmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die
+Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck &uuml;ber uns trampelte. Dann kam die
+Nacht ...</p>
+
+<p>Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von
+dem Geruch von all diesem ausd&uuml;nstenden Menschenfleisch, das sich in
+wilden Tr&auml;umen w&auml;lzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete
+auf die plumpen K&ouml;rper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren
+paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre
+dicken, nackten F&uuml;&szlig;e glichen Fausthandschuhen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span></p>
+
+<p>Aus jeder Koje vernahm man St&ouml;hnen und halbe Worte; die Neger lagen und
+fletschten ihre wei&szlig;en Z&auml;hne und sprachen laut, nannten einen Namen und
+bliesen ihre schwarzen Wangen auf.</p>
+
+<p>Aus der Koje des j&uuml;ngsten Holl&auml;nders vernahm man unter glucksendem
+Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes
+Wimmern, &mdash; den Namen der Schifferfrau. Alle besch&auml;ftigten sich mit
+ihr, diese l&uuml;derlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf
+lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf
+mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und
+l&auml;chelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig,
+gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier.</p>
+
+<p>Der scharfe Kaj&uuml;tenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden
+Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren,
+dr&uuml;ckenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie
+&ouml;ffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer gro&szlig;e Blume sa&szlig;
+auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre
+nassen Bl&auml;tter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und
+still. Und ich wu&szlig;te nichts mehr von der Welt ...</p>
+
+<p class="pmb3">Dann kam die Wache und weckte mich auf.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_107"></a></span></p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_108"></a></span></p>
+
+
+
+<p class="p3 center pmb1"><span class="font11">Die in diesem Auswahlbande enthaltenen</span><br />
+<span class="font11">Novellen stammen aus folgenden</span><br />
+<span class="font11">B&uuml;chern von <em class="gesperrt">Knut Hamsun</em>:</span></p>
+
+
+<p class="p1 center pmb1"><span class="font14">Sklaven der Liebe</span><br />
+<span class="font11">und andere Novellen</span></p>
+
+
+<p class="p1 center pmb1"><span class="font14">Die K&ouml;nigin von Saba</span><br />
+<span class="font11">und andere Novellen</span></p>
+
+
+<p class="p1 center pmb3"><span class="font14">K&auml;mpfende Kr&auml;fte</span><br />
+<span class="font11">Novellen</span></p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p>
+
+
+<h2><a id="Werke_von_Knut_Hamsun"></a>Werke von Knut Hamsun</h2>
+
+
+<div class="block3">
+
+<p class="p1 pmb3"><span class="font14"><b>Erz&auml;hlende
+Schriften</b></span><br /><br />
+
+<span class="font11">Im Mai wird erscheinen:</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Die letzte Freude.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman</span><br />
+<span class="font10">Geh. ca. Mk. 4.&mdash;, geb. ca. Mk. 5.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font11">Fr&uuml;her sind erschienen:</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Hunger.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">7. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Mysterien.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">4. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 4.&mdash;, geb. Mk. 5.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Neue Erde.</em> Roman. 4.</span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">4. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 4.&mdash;, geb. Mk. 5.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Pan.</em></span><br />
+<span class="font10">(Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren.)</span><br />
+<span class="font10">9. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Redakteur Lynge.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">2. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Victoria.</em></span><br />
+<span class="font10">Die Geschichte einer Liebe.</span><br />
+<span class="font10">7. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Die K&ouml;nigin von Saba.</em></span><br />
+<span class="font10">Novellen.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Sklaven der Liebe.</em></span><br />
+<span class="font10">Novellen.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Im M&auml;rchenland.</em></span><br />
+<span class="font10">Erlebtes und Getr&auml;umtes</span><br />
+<span class="font10">aus Kaukasien.</span><br />
+<span class="font10">2. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">K&auml;mpfende Kr&auml;fte.</em></span><br />
+<span class="font10">Novellen.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Schw&auml;rmer.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Unter dem Halbmond.</em></span><br />
+<span class="font10">Reisebilder.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Benoni.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 4.&mdash;, geb. Mk. 5.&mdash;,</span><br />
+<span class="font10">in Halbfr. Mk. 7.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Rosa.</em></span><br />
+<span class="font10">Roman.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 4.&mdash;,</span><br />
+<span class="font10">geb. Mk. 5.50, in Halbfr.</span><br />
+<span class="font10">Mk. 7.&mdash;</span>
+</p>
+</div>
+
+<p class="p1 center pmb3"><span class="font14">Albert Langen, Verlag, M&uuml;nchen</span></p>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p>
+
+
+<div class="block3">
+
+<p class="p2 center font14 pmb1"><b>Werke von Knut Hamsun</b></p>
+
+
+<p class="p1 pmb3"><span class="font12"><em class="gesperrt">Unter Herbststernen.</em></span><br />
+<span class="font10">Erz&auml;hlung eines Wanderers.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk.</span><br />
+<span class="font10">4.50, in Halbfr. Mk. 6.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Ged&auml;mpftes Saitenspiel.</em></span><br />
+<span class="font10">Erz&auml;hlung eines Wanderers.</span><br />
+<span class="font10">3. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb.</span><br />
+<span class="font10">Mk. 5.&mdash;, in Halbfr.</span><br />
+<span class="font10">Mk. 6.50</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Die Stimme des Lebens</em></span><br />
+<span class="font10">Novellen.</span><br />
+<span class="font10">5. Tausend.</span><br />
+<span class="font10">Tausend. Geh. M. 1.&mdash;,</span><br />
+<span class="font10">geb. Mk. 1.50</span><br /><br /><br />
+
+
+<span class="font14"><b>Dramen</b></span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">An des Reiches Pforten.</em></span><br />
+<span class="font10">Schauspiel.</span><br />
+<span class="font10">Geh. M. 3.&mdash;, geb. M. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Abendr&ouml;te.</em></span><br />
+<span class="font10">Schauspiel.</span><br />
+<span class="font10">Geh. M. 2.&mdash;, geb. Mk. 3.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Munken Vendt.</em></span><br />
+<span class="font10">Dramatisches</span><br />
+<span class="font10">Gedicht.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.&mdash;, geb. Mk. 4.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">K&ouml;nigin&nbsp; Tamara.</em></span><br />
+<span class="font10">Schauspiel.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 2.&mdash;, geb. Mk. 3.&mdash;</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Spiel des Lebens.</em></span><br />
+<span class="font10">Schauspiel.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 2.&mdash;, geb. Mk. 3.50</span><br /><br />
+
+<span class="font12"><em class="gesperrt">Vom Teufel geholt.</em></span><br />
+<span class="font10">Schauspiel.</span><br />
+<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 5.&mdash;</span></p>
+</div>
+
+<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Hamburgischer Korrespondent:</em> Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist,
+der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist
+der S&auml;nger einer gro&szlig;en melancholischen Melodie. Er ist ein Meister
+schwerm&uuml;tiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein
+Verk&uuml;nder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam
+pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht
+viele der heutigen Dichter. Und wer verf&uuml;gte &uuml;ber eine so beredte
+Sprache, das Erlauschte zu verk&uuml;nden, wie er?</p>
+
+<p class="p1 center pmb3"><span class="font14">Albert Langen, Verlag, M&uuml;nchen</span></p>
+
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p>
+
+<p class="p1 center font11 pmb3">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig<br />
+Papier von Bohnenberger &amp; Cie., Papierfabrik,<br />
+Niefern bei Pforzheim.<br />
+Einb&auml;nde von E. A. Enders, Gro&szlig;buchbinderei, Leipzig</p>
+
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pmb3" />
+
+<div class="transnote">
+
+<p><b>Notizen des Bearbeiters:</b><br /></p>
+
+<p>&mdash; Inhaltsverzeichnis erg&auml;nzt.</p>
+
+<p>&mdash; Altert&uuml;mliche Schreibweisen wurden beibehalten.</p>
+
+</div>
+
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***</div>
+</body>
+</html>
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