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@@ -0,0 +1,2843 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***
+
+
+
+
+ Langens Mark-Bücher
+
+ Band 3
+
+
+
+
+ Langens Mark-Bücher
+
+ Eine Sammlung moderner
+ Literatur
+
+ Dritter Band:
+
+ Knut Hamsun
+
+ Abenteurer
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ Albert Langen, München
+
+
+
+
+ Knut Hamsun
+
+ Abenteurer
+
+ Ausgewählte Erzählungen
+
+ [Illustration: Signet]
+
+ Albert Langen, München
+
+
+
+
+ Ein Verzeichnis von
+
+ Knut Hamsums Schriften
+
+ findet man am Schluß
+ dieses Buches.
+
+
+ _Copyright 1914 by Albert Langen_
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
+ vorbehalten
+
+ Albert Langen Knut Hamsun
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Vagabondage 7
+
+ Zachäus 71
+
+ Auf den Bänken von New-Foundland 94
+
+
+
+
+Vagabondage
+
+
+_I_
+
+»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn
+nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir
+springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.
+
+Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig
+Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher.
+Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten
+Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt,
+wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.
+
+Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er
+erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und
+ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie
+geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns
+in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz
+zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat
+uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den
+Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« würden wir morgen wieder und
+übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende
+ab in diesem Gejage.
+
+Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an
+Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist
+gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir
+bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.
+
+Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen
+sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen
+Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion
+macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat
+seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.
+
+Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir
+werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose
+Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend
+die Dunkelheit da ist.
+
+»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte
+Huntley, der Irländer.
+
+Und Nut, das war ich.
+
+Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley das gleiche zu dem
+Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.
+
+Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm
+Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.
+
+Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich
+bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter
+aus, er erklärt sich ganz offen:
+
+»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du
+mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«
+
+»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.
+
+Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als
+der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich
+sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch
+nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war
+zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.
+
+Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in
+Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.
+
+Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar
+Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag
+würde verlaufen wie der gestrige und der vorgestrige. Dagegen lag
+wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo
+ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich
+vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.
+
+Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke
+hinüber.
+
+Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach
+der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf
+kam auch der Landstreicher Jeß.
+
+Ich fragte:
+
+»Soll auch Jeß dabei sein?«
+
+»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest
+ja nicht.«
+
+»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.
+
+»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns
+zwei.«
+
+Wütend sagte ich:
+
+»Dann meld ichs dem Aufseher.«
+
+»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du
+das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«
+
+Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.
+
+»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich
+mehr Essen schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«
+
+Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den
+Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und
+als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er
+sagte:
+
+»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen
+erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf
+mir das Fleisch zu.
+
+Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.
+
+
+_II_
+
+Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen,
+und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein
+wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.
+
+Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen,
+daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen
+wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu
+werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor
+uns her, um eine gute Stelle zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte
+mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand
+gestützt, ein.
+
+Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu
+wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.
+
+»Auf, Leute!« rief er.
+
+Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im
+Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und
+behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.
+
+Jeß erwiderte:
+
+»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall
+soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus
+verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«
+
+»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«
+
+»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.
+
+Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten
+wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf
+hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der
+nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er ging strammer
+daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.
+
+»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am
+Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt
+fragt er nach uns.«
+
+Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.
+
+»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.
+
+Ich hörte mein Herz schlagen.
+
+»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer
+schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«
+
+»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte
+ich, um Mut zu markieren.
+
+»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals
+erreichen.«
+
+Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er
+verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.
+
+Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen
+und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen.
+Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.
+
+Jeß sagte:
+
+»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche nach Osten. Die Sonne wird
+bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung
+wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«
+
+»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach
+Norden reiten, -- er wird uns nicht finden.«
+
+Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken
+nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte
+schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben
+oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.
+
+Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und
+besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von
+dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände
+und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen
+Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig
+umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen.
+Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den
+Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht
+in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter
+Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns
+ein kleines Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.
+
+Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal
+schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der
+Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er
+lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie
+nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so
+traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!«
+Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft
+ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs
+entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen
+waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun
+wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah
+es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft
+überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.
+
+Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und
+im hohen Grase rauscht die Brise.
+
+
+_III_
+
+Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und
+schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war.
+Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«
+
+Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und
+aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen
+hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre
+Bezahlung zu bekommen.
+
+»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm
+niederbrennen,« sagte Huntley.
+
+Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht
+sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte,
+brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab
+hatte ein jeder seinen Vorrat.
+
+Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft.
+Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf
+vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach
+Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.
+
+Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der
+Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war
+gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in
+Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir
+im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das
+bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander
+heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror
+etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.
+
+Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:
+
+»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns
+dann hinlegen.«
+
+Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen
+Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern
+stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.
+
+»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.
+
+Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders
+mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.
+
+Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley,
+der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des
+Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden
+vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak
+sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«
+
+Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm
+teilen mußten.
+
+Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten
+wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre
+Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf
+los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im
+Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir
+mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine
+Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene,
+aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum
+wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein
+Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.
+
+Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:
+
+»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«
+
+Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern
+in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem
+Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der
+Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände
+aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns
+wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und
+lachten uns aus.
+
+Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:
+
+»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht
+hier habe.«
+
+Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein
+anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über
+eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen;
+Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben
+ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände
+Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor
+seinen Augen.
+
+»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley
+haßerfüllt.
+
+Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß
+entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern
+längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten,
+den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft,
+der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner
+Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.
+
+Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den
+einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen
+zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte
+loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte
+gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit
+geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug
+erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her,
+schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem
+Trittbrett.
+
+»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras
+aus dem Munde.
+
+Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei
+Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich
+hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr
+bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.
+
+Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal
+seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu
+erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt
+uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den
+Tabak zum letztenmal mit ihm.
+
+Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.
+
+Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher
+Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines
+seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk
+taugt nichts.
+
+»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.
+
+»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.
+
+Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner
+Brust nach, aber er hatte nichts.
+
+Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.
+
+»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue
+Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine
+Menschenseele getroffen.«
+
+»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir
+kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«
+
+Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach
+Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war
+vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur
+kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.
+
+Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper
+leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an
+die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten,
+begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.
+
+Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und
+er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.
+
+Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es
+pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie
+die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen.
+Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei
+heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern
+schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir
+uns zur Ruhe.
+
+
+_IV_
+
+Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es
+wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte
+sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die
+Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:
+
+»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der
+Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«
+
+»Fred,« entgegnete der Mann.
+
+»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«
+
+»Von Geburt, ja.«
+
+»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.
+
+Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien
+seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine
+Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht
+in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde
+und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen,
+hatte er sich niedergesetzt.
+
+Der Landstreicher Jeß sagte:
+
+»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«
+
+Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen
+mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was
+er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.
+
+»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm
+erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.
+
+Da zuckte Jeß zusammen.
+
+»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du
+wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du
+auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich
+habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«
+
+»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von
+dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer
+Mensch ist als du?«
+
+Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große
+Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.
+
+Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet
+nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft
+über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und
+hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände
+ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein
+geladener Motor, den wir anzünden könnten.
+
+»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann
+sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn
+anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute
+werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«
+
+»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu
+mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er
+stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«
+
+Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere
+Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur
+Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.
+
+»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.
+
+»Weiß ichs?« war meine Antwort.
+
+»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach
+Orange Flat? Und was solltest du da?«
+
+»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.
+
+Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.
+
+Huntley bemerkte:
+
+»Du sagst ja nichts, Fred.«
+
+»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.
+
+Das reizte Huntley.
+
+»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge
+da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.
+
+Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf
+seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in
+unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf
+der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand,
+den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren
+enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um
+unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.
+
+Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der
+stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen
+hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht
+mit.
+
+Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre
+Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred
+draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu
+sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah
+hinaus.
+
+»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns
+fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«
+
+Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten
+ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt
+sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber
+zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn
+wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob
+er um einen guten Ort wüßte.
+
+»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht
+bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir
+mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«
+
+Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die
+Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig
+zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem
+Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins
+Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.
+
+»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah
+neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn,
+daß er hinfiel und genug hatte.
+
+In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie
+hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er
+führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm
+her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte,
+daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in
+seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still
+kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine
+halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.
+
+Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle
+mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit
+dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei
+Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt
+war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das
+Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir
+gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte
+betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und
+wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.
+
+Dann gingen wir weiter.
+
+Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße
+Vierecke vor uns auftauchen.
+
+Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit
+Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an
+die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen,
+das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger
+Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag
+kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut
+auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der
+zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.
+
+Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir
+begehrten.
+
+»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber
+ist,« sagte Huntley.
+
+Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:
+
+»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug
+Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«
+
+»Gut!« sagte das Mädchen.
+
+Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in
+der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser
+neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am
+besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um
+von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre
+Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte
+sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht
+zu erschrecken.
+
+Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe
+nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.
+
+Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir
+konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam,
+hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur
+Beendigung der Ernte.
+
+
+_V_
+
+Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in
+zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder
+vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu
+verlassen -- wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben
+Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt.
+Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den
+Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.
+
+Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück
+entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen
+Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte
+sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach
+Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der
+Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich
+die Jacke aus und ging an die Arbeit.
+
+Jeß sagte zu mir:
+
+»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten.
+Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld
+und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«
+
+Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog
+mit Jeß von dannen.
+
+Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen
+waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine.
+Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir
+auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man
+sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze.
+Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der
+Bahn entlang hineinkommen.
+
+»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.
+
+»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das
+Mädchen hat es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred
+ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut
+aussieht.«
+
+»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.
+
+Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:
+
+»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«
+
+»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist
+du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst
+also nicht, daß Fred sie bekommt?«
+
+»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du
+dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang
+fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das
+ist der Weg.«
+
+Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.
+
+Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken
+geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im
+Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht:
+als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu
+spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein
+innerliches Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar
+Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.
+
+»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.
+
+Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen
+andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da
+wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ,
+daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen
+wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem
+Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch
+nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten
+Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines
+Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt,
+einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.
+
+Der Wirt fragte:
+
+»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«
+
+»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich
+höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«
+
+»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«
+
+»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur
+nüchtern hält.«
+
+Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte
+scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen:
+er habe mit mir zu reden.
+
+Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg
+entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben
+stand: ^Hart & Co. Farmers Bank^; hier bat Jeß mich, einen
+Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte
+ich:
+
+»Was hast du da drinnen gemacht?«
+
+»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.
+
+Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir
+uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den
+Schienen entlang lag.
+
+Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich,
+daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:
+
+»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre,
+nicht wahr?«
+
+»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.
+
+»Dann wirst du einen Dollar weniger haben als ich. Den hast du der
+Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun
+konntest.«
+
+»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und
+das Geld zu versaufen.«
+
+»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt,
+wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«
+
+»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.
+
+»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht
+gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.
+
+»Was ist das für ein Plan?«
+
+»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.
+
+»Ja --?«
+
+»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«
+
+»Ja, ich habe das gehört --?«
+
+»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«
+
+»So, so.«
+
+»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«
+
+»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«
+
+Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er --
+kurz und gut -- in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen
+Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.
+
+»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.
+
+»Dann nehm ich Huntley mit.«
+
+Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:
+
+»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn
+du michs lehren willst ...«
+
+»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken
+anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus
+studiert.«
+
+Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen,
+und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben
+abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.
+
+»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«
+
+»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht
+drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er
+wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen
+zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die
+Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst,
+dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr
+hinzusparen.«
+
+Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen,
+und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk
+getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen,
+solange Gäste da waren.
+
+»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er
+unternimmt,« sagte Jeß.
+
+Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden
+aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir
+landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.
+
+
+_VI_
+
+George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf
+den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja
+ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo
+er sich für ein Stündchen aufhalte.
+
+Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig
+Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung
+und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns
+beachtete er gar nicht.
+
+Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße
+herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den
+Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit
+behandelt.
+
+Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken,
+antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt
+war und Jeß nichts als ein Landstreicher.
+
+»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben
+die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.
+
+»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein
+Taschenbuch vor.
+
+Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben
+und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um
+ihn zufriedenzustellen.
+
+»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier,
+Burschen.«
+
+Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.
+
+»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.
+
+»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«
+
+Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.
+
+Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er
+nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde
+Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus
+dem Taschenbuch.
+
+Darüber verstrichen einige Stunden.
+
+»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.
+
+Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.
+
+»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.
+
+»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir
+hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.
+
+»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«
+
+Und wir ließen uns überreden.
+
+Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele
+Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen
+geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er
+begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.
+
+»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.
+
+Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern
+Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt
+hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer
+Spannung war, -- wegen der Dinge, die bevorstanden.
+
+George zählte sein Geld und sagte:
+
+»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld
+holen.«
+
+»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.
+
+»Es reicht nicht,« erwiderte George.
+
+Er taumelte zur Tür hinaus.
+
+»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die
+Burschen.
+
+»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf
+ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«
+
+Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein
+Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.
+
+Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu
+trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts
+mehr trinken.
+
+»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.
+
+Ich sah ihn erstaunt an.
+
+»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.
+
+Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und
+hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen
+nach dem andern, hinauszuwerfen.
+
+Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.
+
+Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in
+der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus
+schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.
+
+»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das
+Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.
+
+»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.
+
+Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.
+
+Er machte dieselben Sprünge.
+
+»Wo bist du gewesen?« sagte ich.
+
+»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,«
+entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«
+
+Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:
+
+»Hörst du?«
+
+Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und
+arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.
+
+»George ist es,« sagte Jeß.
+
+Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.
+
+»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf
+die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«
+
+George ging zu den Mädchen und taumelte stark.
+
+»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,«
+sagte Jeß.
+
+Im Gehen bemerkte ich:
+
+»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«
+
+»So?« sagte Jeß.
+
+Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte
+sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas
+zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte
+wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke
+Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.
+
+Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:
+
+»Was zum Teufel ist das?«
+
+Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie
+er hierhergekommen sei.
+
+»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du
+nicht Antwort gibst.«
+
+»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu
+Boden fallen.
+
+Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und
+so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der
+Wächter durchaus einsah, daß es sich hier um einen unfreiwilligen
+Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.
+
+»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er
+wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein
+kleiner Fang geworden.«
+
+»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte
+ich.
+
+Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:
+
+»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und
+gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«
+
+»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.
+
+»Nun gehe ich,« sagte Jeß.
+
+Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte
+verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier
+stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand
+zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war
+ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen.
+Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten
+bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen
+rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon
+will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank werfen, aber statt
+dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte
+Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten
+lang fort sein.
+
+Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der
+Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert
+über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn
+es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen
+längs dem Geleise befanden.
+
+Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu
+durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe
+wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur
+wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme
+Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich
+auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch
+an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.
+
+Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht
+zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu
+betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran,
+hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.
+
+»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.
+
+»Was ist geschehen?« fragte ich.
+
+»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen
+haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch
+da.«
+
+Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und
+ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte
+und ihn fragte:
+
+»Du hast also nichts an dich gebracht?«
+
+»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich
+will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas
+andres versuchen.«
+
+Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging
+mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:
+
+»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir
+wollens aufgeben!«
+
+»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.
+
+Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein
+Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der
+Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.
+
+»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.
+
+Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde
+ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.
+
+Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich
+auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb
+fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder
+ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der
+Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich
+ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden
+gesehen hätte.
+
+»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.
+
+»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein
+größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich
+in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in
+der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen
+und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.
+
+Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:
+
+»Ist er dir durchgebrannt?«
+
+Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:
+
+»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht,
+und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun
+haben will.«
+
+Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus
+den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich
+hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der
+Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil
+bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!
+
+Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute
+gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich
+mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem
+geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar
+rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte
+vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre,
+bis zum letzten Blutstropfen!
+
+Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den
+Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen.
+Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers
+gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem
+Goldschmied am Fenster gesehen hatte.
+
+
+_VII_
+
+»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,«
+sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort
+gehalten hast.«
+
+»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich.
+»Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm
+auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«
+
+»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest.
+Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der
+Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.
+
+Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann
+Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze
+Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander
+hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.
+
+»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam.
+»Brauch es gut!«
+
+»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.
+
+Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so
+auf der Farm.
+
+Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte
+das eine Tier des Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred
+schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich,
+und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred
+blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich
+auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für
+mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich
+solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen.
+Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das
+erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und
+ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald,
+Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.
+
+Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der
+Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein
+Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der
+Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin
+stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder
+hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich
+nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank
+war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt,
+es anzuzeigen. Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen
+Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt
+haben mochte.
+
+Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte,
+immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er
+sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er
+zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein
+helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt
+hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn
+ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und
+beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem
+aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und
+dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich
+konnte mich mit Fred nicht messen.
+
+Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und
+behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir
+sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie
+mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch
+wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon,
+geboren und folglich Städter war.
+
+Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und
+bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich
+aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde
+geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und
+dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in
+ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten,
+weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.
+
+So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice,
+obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam
+gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht
+im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der
+Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon
+verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice
+nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und
+antwortete mir nicht.
+
+Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir
+ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich
+gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen
+heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein
+trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur
+Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben,
+ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den
+goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.
+
+»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben
+versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.
+
+Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und
+mit ihm redete sie.
+
+»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.
+
+»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.
+
+»Gewiß.«
+
+»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.
+
+»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es
+wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«
+
+»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich
+diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so
+ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber
+auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr
+den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht
+hatte.
+
+Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach
+dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und
+Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir
+hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit
+schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:
+
+»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«
+
+»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt
+zum zweitenmal hier.«
+
+»Und du, Freddie?«
+
+»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.
+
+»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.
+
+Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte
+auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht
+deutsch.
+
+»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was
+hast du mit deinem angefangen, Nut?«
+
+»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es
+mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«
+
+»So, so,« sagte Alice.
+
+
+_VIII_
+
+Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und
+ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze
+Stunden.
+
+Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß
+Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf
+die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das
+Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem
+Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte
+mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher
+hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe
+Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin
+fiel um und lag wie tot da.
+
+Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich
+am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die
+Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und
+lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich
+gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr
+Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor
+den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.
+
+Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller
+Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das
+Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen
+zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und
+es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm
+die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett
+unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich
+zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an
+seinem Arm zu schneiden.
+
+Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf
+mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind
+ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen;
+hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte
+Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm
+halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.
+
+Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als
+kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und
+horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. Da ergriff ich ihn bei den
+Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und
+her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das
+Kind wieder ein wenig nieder und horchte, -- das Herz schlug ein wenig.
+Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir
+alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der
+einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte
+Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte
+auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz
+darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder.
+»Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine
+Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.
+
+»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.
+
+Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener;
+ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück
+Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir
+ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen
+Streifen ab als Binde.
+
+Alice kam wieder herein und sagte:
+
+»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«
+
+»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.
+
+Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu
+ihrer Tochter:
+
+»Schweig still, Alice.«
+
+Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte
+er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute
+er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.
+
+Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde
+darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn
+in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen
+wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.
+
+»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.
+
+Und da war mir wie einem Gotte zumut.
+
+Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und
+begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf
+erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte
+mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl
+zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu
+meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere ein und begann wieder zu
+pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.
+
+Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte
+Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins
+Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich,
+die Tiere für heute auszuspannen.
+
+Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts
+gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann
+war.
+
+Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:
+
+»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«
+
+»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte
+Rodgers hinzu.
+
+»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.
+
+Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.
+
+Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es
+machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf
+der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es
+zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice
+hätte es sich geziemt, mir allerhöchst ein paar herzliche Worte zu
+sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:
+
+»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch
+einmal!«
+
+Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien
+sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in
+den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig;
+sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so,
+als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu
+machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel
+zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und
+Fred war nicht dabei.
+
+Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte
+ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die
+Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher
+wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder
+arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung
+statt.
+
+Fred kam zu mir und sagte:
+
+»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was
+wirst du dann anfangen?«
+
+»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon
+Rat finden.«
+
+Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft
+zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann
+angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein
+Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er
+arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen
+war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete
+er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen
+wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt
+in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam
+öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein
+bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren
+verliebt.
+
+Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert
+wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß
+Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden
+hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von
+ihm lassen solle.
+
+Fred sagte zu mir:
+
+»Du mußt uns helfen, Nut.«
+
+Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:
+
+»Bittest du mich mit Alicens Willen?«
+
+»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«
+
+Ich sagte:
+
+»Dann werde ich es tun!«
+
+Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde,
+Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.
+
+Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines
+Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.
+
+»Von einer Farm,« war die Antwort.
+
+Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer
+einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen
+lerne?
+
+Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und
+dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen
+treffe man nicht.
+
+Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen
+Vorbeiziehenden nehme?
+
+Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die
+mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem
+Paar war es gut gegangen, die jungen Leute hatten sich Land genommen
+und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.
+
+Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein
+junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen
+andern kenne und nicht die Wahl habe.
+
+Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.
+
+Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie
+wir es wären, sagte ich zum Schlusse.
+
+Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.
+
+Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice
+wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von
+meiner unheimlichen Einsicht bekommen!
+
+Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des
+Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred
+entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu
+Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher
+ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher
+wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör
+bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie
+uneigennützige Seele ich sei.
+
+Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie
+zuerst zum Reden veranlassen.
+
+»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.
+
+»Was habe ich getan?«
+
+»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«
+
+Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich
+Schlechtes über Fred gesagt hätte.
+
+»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred
+sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.
+
+»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne
+dich, Nut!«
+
+Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position
+gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da
+entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und
+Alicens Benehmen sei der Grund dafür.
+
+
+_IX_
+
+Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über
+Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice
+kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf
+herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und ihren Atem
+etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne
+Zusammenhang.
+
+Ȇber Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was
+Sie verlangen.«
+
+Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im
+Stall und hörte uns zu.
+
+»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich
+bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«
+
+»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals
+gesagt.«
+
+»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß,
+daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«
+
+»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn
+Freddie ist der, den ich liebe.«
+
+»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«
+
+»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«
+
+»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug
+gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen
+vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte
+eines Menschen übersteigen.«
+
+»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.
+
+»Mehr aber nicht?«
+
+»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du
+schreibst wie der Blitz.«
+
+Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred
+und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.
+
+»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.
+
+»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«
+
+Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:
+
+»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld
+verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred
+machen?«
+
+Alice schwieg.
+
+»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und
+gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.
+
+»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor.
+Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß
+du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich
+schlag dich tot wie nen Hund.«
+
+Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur Abwehr hoch. »Beruhige dich,
+Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.
+
+»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und
+stach mit der Heugabel nach mir.
+
+Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,«
+war alles, was sie sagte.
+
+»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die
+Heugabel beiseite, Mörder du.«
+
+Aber Fred wollte mich nicht schonen.
+
+»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich
+nieder,« sagte er.
+
+Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt
+war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der
+Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals
+vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.
+
+»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.
+
+»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich
+will dir keinen Gefallen tun.«
+
+Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen
+Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich
+wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der
+Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand
+Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und
+holte ihren Vater heraus.
+
+»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«
+
+»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«
+
+»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.
+
+Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl
+auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging
+ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu
+verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was
+sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er
+pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er
+nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte
+und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres,
+als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als
+ich lag und schlief.
+
+Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit,
+wo der Frost begann, in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte
+Mr. Rodgers:
+
+»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«
+
+Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und
+zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab
+ihnen zu fressen.
+
+»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,«
+sagte Mr. Rodgers.
+
+Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld
+aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam,
+der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem
+neuen Hut aus der Stadt.
+
+Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke
+zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann
+hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke
+um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas
+unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.
+
+In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche
+aufstand und die Jacke anzog.
+
+»Wo willst du hin?« fragte ich.
+
+Er gab mir keine Antwort.
+
+Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und
+schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war
+es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter
+zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch
+geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war
+durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am
+Morgen erwachte ich wieder.
+
+Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht
+zurückgekommen.
+
+»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.
+
+»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.
+
+Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte
+sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens
+Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder
+und sagte:
+
+»Wo mag nur Alice sein?«
+
+Ihr Gesicht war aschgrau.
+
+Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden
+sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar
+wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.
+
+»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft.
+
+Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies
+und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst
+ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut
+gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach
+Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als
+die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen
+Enkelkinder.
+
+Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses.
+
+»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit
+geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«
+
+»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.
+
+»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in
+der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«
+
+Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.
+
+
+
+
+Zachäus
+
+
+_I_
+
+Tiefster Friede ruht über der Prärie.
+
+In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur
+Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
+Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und
+Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren Maschinen
+sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige Laut, den man
+hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind herübersteht,
+schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, -- das
+klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten am Horizont. Zuweilen hört
+man diesen Laut ganz merkwürdig nahe.
+
+Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen,
+ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind
+mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. Die Häuser der
+Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem
+unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
+
+Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum späten
+Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen beschäftigt.
+
+Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
+Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden;
+aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der
+Billybory-Farm.
+
+Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in
+dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt die Luft
+ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
+
+Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, spangedeckten
+Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt wird, hört man die
+Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in
+größter Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen Herde mit Gras,
+und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und
+Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen
+hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt,
+und die drei Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
+
+Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von
+militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und
+sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von aller Welt Polly
+genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.
+
+Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
+ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein
+Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte Nummer von
+einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt er keinem der
+Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche liegen, um sie in seinen
+freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit großem
+Fleiß.
+
+Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine
+Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu
+lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch anzubieten,
+die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen;
+dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung des Kochs in der
+Hand zu halten und bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen.
+Aber der Koch vermißte augenblicklich seinen Schatz, suchte Zachäus in
+seinem Bett auf und riß die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein
+heftiger und lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
+
+Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
+schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
+jemals einen Soldaten gesehen habe und ob er die Einrichtung eines
+Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur
+lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das
+Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa Häuser in
+Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe?
+
+Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch,
+daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte.
+»Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei
+ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung wieder hingelegt haben,
+nachdem er sie studiert hätte. »Steh' nicht da und spuck' auf den
+Fußboden, du schmieriger Hund!«
+
+Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem
+wütenden Gesicht.
+
+Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden
+Landsleuten. --
+
+Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und speisen
+jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken
+herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen sich unter die
+Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten während der Mahlzeit zu
+ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt
+wieder im Sattel und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und
+die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zurück.
+
+Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und Kummen nach
+der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen im
+Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Gesänge
+und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im Süden
+mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat.
+
+
+_II_
+
+Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit
+der Arbeiterschar langsam aus der Prärie heim. Die meisten waschen
+ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige
+kämmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen
+vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, Einwanderer aus Europa
+und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger
+Vagabunden und verunglückte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande
+tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird
+gewöhnlich in großer Hast eingenommen, ohne daß irgend jemand was sagt.
+Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher, der selber an der
+Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit
+beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
+
+Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von Schweiß
+geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen Rücken
+brannte.
+
+Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem großen
+Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in die Nacht
+hinaus.
+
+Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit Wasser
+standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig während der
+Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu
+kalkhaltig, um darin zu waschen.
+
+Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd ab und
+fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn
+gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er pfiff sogar leise
+vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
+
+Da öffnete plötzlich der Koch die Küchentür. Er hielt eine Lampe in der
+Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
+
+»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
+
+Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus zu und
+fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
+
+»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
+
+»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es
+genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
+
+Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an,
+seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
+
+Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
+Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
+lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
+
+Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem kleinen
+Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
+
+»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. »Ich
+habe es benutzt!«
+
+Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus.
+
+»Ich will sie dich kosten lassen!«
+
+»Wenn du es wagst!«
+
+Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und im
+selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen ein
+Geheul über das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und
+Wohlbehagens.
+
+Zachäus aber hielt nicht lange stand.
+
+Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, seine
+Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu können.
+Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt über den Platz
+und fiel dann um.
+
+Der Koch wandte sich an die Menge:
+
+»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gefällt!«
+
+»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
+
+Der Koch zuckte die Achseln.
+
+»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
+großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den
+Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen,
+er wird literarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »Laßt
+ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und
+will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich für Generale gekocht
+habe! Ist er Oberst der Prärie, frage ich?«
+
+Und alle bewunderten Pollys Rede.
+
+Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so verbissen,
+genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«
+
+Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
+mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser
+Lampe prügeln!«
+
+Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
+
+Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in
+ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang es
+sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den
+andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.
+
+
+_III_
+
+Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras auf den
+Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist heute ebenso
+scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengläsern voll
+Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor
+irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen.
+Zachäus stößt einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute
+später fängt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen
+und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen.
+
+Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
+Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?«
+
+Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
+
+Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: »Mir
+ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche
+mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
+
+Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei
+Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine
+kleine Leiche.
+
+Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und
+bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!«
+Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen davon ab;
+mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den
+abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem
+Kameraden für die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. -- Er
+hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall
+hörte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zurück.
+
+Das erste, was Zachäus tat, war, den abgeschnittenen Finger
+aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl in
+eine Flasche, steckte den Finger hinein und verkorkte den Hals fest.
+Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche.
+
+Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der
+Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf
+den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag da und litt und
+grämte sich über alle Maßen. Eine Untätigkeit wie diese hatte er noch
+nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine
+explodierte und seine Augen beschädigte.
+
+Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch Polly
+selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den
+Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht
+in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, daß Zachäus sich nach
+der Wand umdrehen und die Zähne schweigend zusammenbeißen mußte, weil
+er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig war.
+
+Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen und
+gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich war, fing
+Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des
+Tags, während der Hitze hielt er die Tür nach der Prärie und nach dem
+Himmel offen. Oft saß er mit offenem Munde da und lauschte dem Ton
+der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit
+seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe.
+
+Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht
+in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Tür vor der Nase zu, unter dem
+Vorwand, daß es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er
+sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer sich vor Wut aus der
+Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel
+nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum
+Krüppel zu machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht,
+um zu zielen und er traf niemals.
+
+Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu Mittag
+essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch
+ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute sein Essen
+auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz verlassen da und
+krümmte sich vor Langweile. Jetzt wußte er, daß die Küche leer war,
+der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen draußen in der
+Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen ausziehen, um sich über den
+Eingesperrten lustig zu machen.
+
+Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber nach
+der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an
+ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zurück in
+den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und fängt an, die
+amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.
+
+Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden vergingen
+jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der Proviantwagen
+zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie
+gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen zu waschen.
+
+Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies war
+gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab.
+Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den
+Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung
+wieder heraus und bringt sie auf seinem bloßen Leibe unter. Nie im
+Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern!
+
+Es vergeht eine Minute.
+
+Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus liegt da
+und starrt zum Dach empor.
+
+Polly tritt ein.
+
+»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in
+dem Raum stehen.
+
+»Nein!« antwortet Zachäus.
+
+»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
+
+Zachäus richtet sich auf.
+
+»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird
+ganz wütend.
+
+Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
+die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die
+armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
+
+»Du mußt sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte und
+schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um
+und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!«
+
+Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
+»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
+schmutziges Ferkel!«
+
+Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein
+unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich
+nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
+
+
+_IV_
+
+Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
+Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
+Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
+Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten
+Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder
+Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.
+
+Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, wo
+er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes
+draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte.
+Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen
+zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch
+antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe,
+so bekäme er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zachäus'
+Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«
+
+Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein Schicksal.
+Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man ihm gab.
+
+»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte
+er nur und machte sich über die Schüssel her.
+
+»Küken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß aus
+seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
+
+»Küken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen mit
+seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Küken, du Lügner.« Aber
+es war Fleisch und Sauce.
+
+Und er aß von dem Fleisch.
+
+Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug werden
+konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit zähem
+Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das
+Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen
+selber behalten!« murmelte er und geht an die Türöffnung, um es
+genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Plötzlich
+eilt er nach der Pritsche zurück und sieht nach der Flasche mit dem
+abgeschnittenen Finger, -- die Flasche war verschwunden.
+
+Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
+verzerrtem Gesicht bleibt er in der Tür stehen und sagt, so daß alle es
+hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?«
+
+Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
+
+Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische zu kichern an.
+
+Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
+Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' ich
+den nicht wiedererkennen?«
+
+Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen
+Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
+
+»Was hast du eigentlich?« fragte einer.
+
+»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
+erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen
+gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
+
+Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, und
+die Leute schrieen durcheinander:
+
+»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du
+hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite
+abgenagt!«
+
+»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- -- ich
+dachte nicht -- --«
+
+Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Tür hinaus.
+
+Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte
+sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch
+zusammen gekocht, Polly?«
+
+»Nein,« erwiderte Polly?. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
+haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen
+Kessel.«
+
+Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
+Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, sie
+stritten und lachten darüber wie die Verrückten, und der Koch feierte
+einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
+
+Zachäus aber war verschwunden.
+
+Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer
+nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus aber wanderte
+weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug seine kranke Hand
+in der Binde und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im
+übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.
+
+Er setzte seine Wanderung fort.
+
+Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein
+eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück,
+den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen Schritten geht er
+durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet.
+Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an.
+
+Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum beim
+Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er
+den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune
+ist.
+
+Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz
+stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen,
+alles ist still, nur der Regen fällt noch immer, und von Zeit zu Zeit
+schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und
+schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
+
+Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
+Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht naß
+zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig,
+dann begibt er sich nach der Küche.
+
+Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt
+ruhig ein.
+
+»Guten Abend!« sagt er.
+
+Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
+
+»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
+
+Zachäus entgegnet:
+
+»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern
+abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder waschen.«
+
+»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
+
+»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
+
+»Ich rate dir davon ab.«
+
+»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
+
+»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
+
+Und Zachäus geht hinaus.
+
+Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht
+mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser
+herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
+
+Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs
+mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.
+
+»Was machst du hier?« fragt er.
+
+Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
+
+»In meinem Wasser?«
+
+»Natürlich!«
+
+Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon
+zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem
+Hemd.
+
+Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand
+heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
+
+Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
+
+
+_V_
+
+Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um
+zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten,
+was er so lange draußen gemacht habe.
+
+Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
+
+Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören.
+
+»Du hast ihn erschossen?«
+
+»Ja!«
+
+»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
+
+»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«
+
+»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
+
+»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
+
+»Das hast du getan?«
+
+Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.
+
+Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das
+Gehirn.«
+
+»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch das
+Gehirn, so ist das der Tod.«
+
+Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen -- -- --.
+
+Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit
+dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war
+herzlich glücklich über den Mord.
+
+Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
+weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag
+irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei
+war nichts mehr zu machen.
+
+Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten
+Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu
+trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor,
+und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.
+
+»Wohin gehst du, Zachäus?«
+
+»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach
+Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«
+
+»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
+Reise!«
+
+Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große
+Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
+
+Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die
+Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
+gleichen.
+
+
+
+
+Auf den Bänken bei New-Foundland
+
+
+Monat für Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabeljau. Der
+Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an
+derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa
+und Amerika. Vier- bis fünfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon
+hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann
+segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben
+Grunde und fischten Kabeljau -- und steuerten wieder nach Miquelon
+hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land.
+Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen
+an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und
+Schiffshändler bewohnten.
+
+Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen »Kongo«, ein wirklicher
+Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte
+Stückpforten hatte von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an
+Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest
+waren Neger.
+
+Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus
+und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im Winter beim
+Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf
+derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem
+»Kongo«.
+
+Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot
+keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder
+Montag wäre. Das einzige, was unsere Verhältnisse von denen der andern
+New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungewöhnliche, daß unser
+Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber
+sehr widerliches Geschöpf mit ganzen Trauben von Warzen an den Händen
+und entsetzlich mager und sehr klein.
+
+Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie
+war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich
+angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und --
+nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen. Aber obwohl sie so unsauber
+war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern,
+wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns
+hätte sie entbehren mögen. So genügsam waren wir geworden.
+
+Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer
+weiter, gelangt irgendwohin und beendet schließlich seine Fahrt, wie
+lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still,
+mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser
+Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen
+konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr
+verändert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich
+ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und
+hörten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir
+interessierten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken
+mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung
+mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen,
+fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine
+eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten.
+
+Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier
+draußen im Meer nicht hinausgelangen, und außerdem hatte der scharfe
+Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen
+Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze
+Lebensfreude ertötet.
+
+Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht
+ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben teilnahm,
+war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im
+ernstesten Tone:
+
+»Meinst du, daß man jetzt daheim Krieg führt?«
+
+So gleichgültig waren wir für alles geworden, daß wir fast nicht mehr
+miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede
+Frage lauten würde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe
+hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich,
+daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die
+Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie
+zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten,
+gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in
+jeder Beziehung hilflos und verlassen.
+
+Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog
+draußen ein Auswandererschiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter
+Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und in demselben Augenblick
+im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen
+Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten
+einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und
+die Lichter vom Schiff uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs
+des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft einen plötzlichen
+Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der
+Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere
+Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer
+in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog.
+
+Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van
+Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein
+Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah,
+daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen
+eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer
+und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau.
+
+Merkwürdige Gemütsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen,
+wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht
+heraufbekommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von
+verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot auf die
+Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Zähnen und ganz
+toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir taten, wir
+wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Mächten
+der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefaßt.
+
+Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemütsstimmung bekam, sagte
+man auf den Bänken, er sänge »um klares Wetter«, weil wir meinten,
+der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir
+saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus
+dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit
+großen, zottigen Köpfen, und wieder verschwanden. Und zerfließende,
+koboldhafte Gestalten schwebten in dem weißen Dunst umher, groß wie
+Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind
+blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten
+sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen
+Mänteln, die ihnen nachflatterten.
+
+Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über
+die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere
+Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und
+ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein
+Sturmwind, wir hörten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an
+uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie;
+dann verschwand er ...
+
+Aber wenn wir am Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit
+unsern vollbeladenen Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter
+Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag getan
+zu haben, uns oft in einer andern Weise töricht und erregt. So geschah
+es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die
+Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln.
+Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten
+die großen Fische beim Kopf, drückten die Finger in ihre weichen Augen
+hinein und hielten sie so in die Höhe, indem sie ganz eigenartig
+lachten und sie ansahen.
+
+Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen
+Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei
+Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schloß.
+
+Diese fetten Fischleichen wirkten überhaupt sehr auf uns alle; wir
+konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber öffneten; wir
+schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, wühlten unnötig viel mit
+den Händen in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem
+Blut, als nötig war.
+
+Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gelüsten; aber
+dafür war er von einer ganz verrückten Neigung zu der Schifferfrau
+entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns
+allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie
+liebe!« sagte er mehrmals am Tage.
+
+Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner
+ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt
+in sie; ich hätte ihn damals, als er es mir erzählte, auf der Stelle,
+nur aus Eifersucht, totschlagen können. Denn auch mir erging es nicht
+besser.
+
+Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig
+umher und merkte nichts von dem allen. Uns würdigte sie keines Blickes.
+Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem
+Feldstuhl saß und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich über eine
+Tauhaspel und wäre beinahe gefallen. Das ärgerte mich so, daß ich mich
+umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte,
+statt weiterzugehen, -- ich muß entschieden sehr lächerlich ausgesehen
+haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze
+Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts
+Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht.
+
+»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verrückten
+Sprache; »weiß Gott, sie verfault!«
+
+Und doch hätte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein mögen
+...
+
+Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schnüre wieder ausgelegt waren,
+war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden
+mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen.
+
+Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu müde waren, ein bißchen
+miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen, alles in
+einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher
+Worte ... Der Franzose wußte ein Stück von einem Mann zu erzählen,
+der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses
+Stück hatte er mehrmals erzählt, immer mit demselben großen Erfolg.
+Die Russen waren ganz entzückt davon und lachten unaufhörlich, wenn es
+erzählt wurde. Ihre Freude über die derbe Erzählung war so aufrichtig
+wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt
+in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit.
+»Wie ging es dann weiter?« Und doch wußten sie ebensogut wie wir
+andern, wie das Ganze zugegangen war.
+
+Van Tatzel dagegen war fast niemals so glücklich, wenn er ^seine^
+Geschichte erzählte; wir mochten sie selten anhören. Wir verstanden
+ihn so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und außerdem verdrehte
+er noch das Wenige, was er wußte. Wenn er im Begriff war, etwas zu
+sagen, und plötzlich fest saß, sah er sich nach uns allen mit seinem
+verzweifelten Gesicht um und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er
+war wirklich sehr zu bedauern.
+
+Van Tatzel war der älteste von den Holländern, ein altes Schwein;
+ziemlich taub, aber sonst gutmütig und gefällig. Er hatte immer
+Wattebüschel in den Ohren, Sommer und Winter, große Wattebüschel,
+die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine
+ungewöhnlich schwerfällige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen
+Kinde gemacht, und er vermochte nicht über seine Nasenspitze hinaus
+zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak,
+spuckte rücksichtslos in die Kajüte hinab und begann seine Erzählung
+immer folgendermaßen:
+
+»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines
+Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein
+letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war,
+aber es war schon sehr spät,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer
+Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst
+meine Hosen auf; ich entsinne mich, daß ich an jedem Hosenbein zwei
+Krempel machte. Aber übrigens war ich mehr als betrunken und fiel bei
+dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade
+bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, -- etwas, was mich
+betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war
+dicht hinter mir, mitten in der Straße -- ihr mögt es mir glauben oder
+nicht, aber es war eine Dame.«
+
+Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine
+feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht
+nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle.
+
+»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Straßen von Amsterdam?«
+fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her.
+
+»Ja, eine Dame!« sagt er entzückt und lacht übers ganze Gesicht. Das
+erregt ihn so, daß er es zweimal beschwört, und wir lachen über ihn
+alle zusammen. Er versucht, weiter zu erzählen, sitzt aber wieder fest;
+es ist ihm nicht möglich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes
+Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden,
+das uns die Sache klar machen könnte; aber er schweigt mäuschenstill.
+Ihm liegt soviel daran, sich gerade über diesen Punkt auszusprechen;
+und plötzlich, als er völlig überwältigt ist von der Erinnerung an
+diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudrücken
+vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein
+großer Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von
+uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern
+Koje liegt und schnarcht.
+
+Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die
+immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male gehört; sie begann
+stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine
+glaubwürdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran.
+
+Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das
+Meer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die
+Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die
+Nacht ...
+
+Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von
+dem Geruch von all diesem ausdünstenden Menschenfleisch, das sich in
+wilden Träumen wälzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete
+auf die plumpen Körper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren
+paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre
+dicken, nackten Füße glichen Fausthandschuhen.
+
+Aus jeder Koje vernahm man Stöhnen und halbe Worte; die Neger lagen und
+fletschten ihre weißen Zähne und sprachen laut, nannten einen Namen und
+bliesen ihre schwarzen Wangen auf.
+
+Aus der Koje des jüngsten Holländers vernahm man unter glucksendem
+Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes
+Wimmern, -- den Namen der Schifferfrau. Alle beschäftigten sich mit
+ihr, diese lüderlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf
+lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf
+mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und
+lächelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig,
+gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier.
+
+Der scharfe Kajütenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden
+Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren,
+drückenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie
+öffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer große Blume saß
+auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre
+nassen Blätter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und
+still. Und ich wußte nichts mehr von der Welt ...
+
+Dann kam die Wache und weckte mich auf.
+
+
+
+
+ Die in diesem Auswahlbande enthaltenen
+ Novellen stammen aus folgenden
+ Büchern von ^Knut Hamsun^:
+
+
+ Sklaven der Liebe
+ und andere Novellen
+
+
+ Die Königin von Saba
+ und andere Novellen
+
+
+ Kämpfende Kräfte
+ Novellen
+
+
+
+
+Werke von Knut Hamsun
+
+
+Erzählende
+Schriften
+
+Im Mai wird erscheinen:
+
+ ^Die letzte Freude.^
+ Roman Geh. ca. Mk.
+ 4.--, geb. ca. Mk. 5.--
+
+Früher sind erschienen:
+
+ ^Hunger.^ Roman. 7.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.50, geb. Mk. 4.50
+
+ ^Mysterien.^ Roman. 4.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 4.--, geb. Mk. 5.--
+
+ ^Neue Erde.^ Roman. 4.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 4.--, geb. Mk. 5.--
+
+ ^Pan.^ (Aus Leutnant
+ Thomas Glahns Papieren.)
+ 9. Tausend.
+ Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50
+
+ ^Redakteur Lynge.^
+ Roman. 2. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50
+
+ ^Victoria.^ Die Geschichte
+ einer Liebe. 7. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Die Königin von
+ Saba.^ Novellen. 3.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Sklaven der Liebe.^
+ Novellen. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Im Märchenland.^
+ Erlebtes und Geträumtes
+ aus Kaukasien. 2.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Kämpfende Kräfte.^
+ Novellen. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Schwärmer.^ Roman.
+ 3. Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Unter dem Halbmond.^
+ Reisebilder. 3.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Benoni.^ Roman. 3.
+ Tausend. Geh. Mk.
+ 4.--, geb. Mk. 5.--,
+ in Halbfr. Mk. 7.--
+
+ ^Rosa.^ Roman. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 4.--,
+ geb. Mk. 5.50, in Halbfr.
+ Mk. 7.--
+
+ Albert Langen, Verlag, München
+
+
+
+
+Werke von Knut Hamsun
+
+
+ ^Unter Herbststernen.^
+ Erzählung eines Wanderers.
+ 3. Tausend. Geh.
+ Mk. 3.--, geb. Mk.
+ 4.50, in Halbfr. Mk. 6.--
+
+ ^Gedämpftes Saitenspiel.^
+ Erzählung eines
+ Wanderers. 3. Tausend.
+ Geh. Mk. 3.50, geb.
+ Mk. 5.--, in Halbfr.
+ Mk. 6.50
+
+ ^Die Stimme des
+ Lebens.^ Novellen. 5.
+ Tausend. Geh. M. 1.--,
+ geb. Mk. 1.50
+
+
+Dramen
+
+ ^An des Reiches Pforten.^
+ Schauspiel. Geh.
+ M. 3.--, geb. M. 4.--
+
+ ^Abendröte.^ Schauspiel.
+ Geh. M. 2.--, geb. Mk. 3.--
+
+ ^Munken Vendt.^ Dramatisches
+ Gedicht. Geh.
+ Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--
+
+ ^Königin Tamara.^
+ Schauspiel. Geh. Mk.
+ 2.--, geb. Mk. 3.--
+
+ ^Spiel des Lebens.^
+ Schauspiel. Geh. Mk.
+ 2.--, geb. Mk. 3.50
+
+ ^Vom Teufel geholt.^
+ Schauspiel. Geh. Mk.
+ 3.50, geb. Mk. 5.--
+
+^Hamburgischer Korrespondent^: Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist,
+der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist
+der Sänger einer großen melancholischen Melodie. Er ist ein Meister
+schwermütiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein
+Verkünder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam
+pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht
+viele der heutigen Dichter. Und wer verfügte über eine so beredte
+Sprache, das Erlauschte zu verkünden, wie er?
+
+ Albert Langen, Verlag, München
+
+
+
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+
+ Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik,
+ Niefern bei Pforzheim.
+
+ Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
+
+
+
+
+Notizen des Bearbeiters:
+
+ - Text in Antiqua markiert durch _..._
+
+ - Gesperrter Text markiert durch ^...^
+
+ - Altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***