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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-04-02 21:35:24 -0700 |
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Wir können ihn +nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir +springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an. + +Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig +Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher. +Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten +Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt, +wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei. + +Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er +erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und +ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie +geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns +in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz +zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat +uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den +Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« würden wir morgen wieder und +übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende +ab in diesem Gejage. + +Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an +Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist +gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir +bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus. + +Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen +sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen +Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion +macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat +seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern. + +Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir +werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose +Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend +die Dunkelheit da ist. + +»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte +Huntley, der Irländer. + +Und Nut, das war ich. + +Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley das gleiche zu dem +Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte. + +Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm +Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte. + +Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich +bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter +aus, er erklärt sich ganz offen: + +»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du +mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.« + +»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich. + +Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als +der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich +sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch +nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war +zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte. + +Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in +Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube. + +Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar +Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag +würde verlaufen wie der gestrige und der vorgestrige. Dagegen lag +wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo +ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich +vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden. + +Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke +hinüber. + +Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach +der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf +kam auch der Landstreicher Jeß. + +Ich fragte: + +»Soll auch Jeß dabei sein?« + +»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest +ja nicht.« + +»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal. + +»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns +zwei.« + +Wütend sagte ich: + +»Dann meld ichs dem Aufseher.« + +»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du +das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.« + +Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte. + +»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich +mehr Essen schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.« + +Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den +Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und +als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er +sagte: + +»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen +erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf +mir das Fleisch zu. + +Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort. + + +_II_ + +Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen, +und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein +wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können. + +Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen, +daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen +wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu +werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor +uns her, um eine gute Stelle zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte +mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand +gestützt, ein. + +Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu +wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen. + +»Auf, Leute!« rief er. + +Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im +Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und +behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen. + +Jeß erwiderte: + +»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall +soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus +verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.« + +»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.« + +»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß. + +Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten +wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf +hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der +nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er ging strammer +daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie. + +»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am +Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt +fragt er nach uns.« + +Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder. + +»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder. + +Ich hörte mein Herz schlagen. + +»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer +schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?« + +»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte +ich, um Mut zu markieren. + +»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals +erreichen.« + +Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er +verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann. + +Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen +und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen. +Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer. + +Jeß sagte: + +»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche nach Osten. Die Sonne wird +bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung +wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.« + +»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach +Norden reiten, -- er wird uns nicht finden.« + +Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken +nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte +schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben +oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe. + +Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und +besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von +dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände +und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen +Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig +umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen. +Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den +Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht +in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter +Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns +ein kleines Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte. + +Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal +schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der +Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er +lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie +nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so +traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!« +Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft +ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs +entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen +waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun +wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah +es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft +überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns. + +Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und +im hohen Grase rauscht die Brise. + + +_III_ + +Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und +schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war. +Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.« + +Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und +aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen +hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre +Bezahlung zu bekommen. + +»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm +niederbrennen,« sagte Huntley. + +Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht +sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte, +brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab +hatte ein jeder seinen Vorrat. + +Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft. +Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf +vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach +Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen. + +Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der +Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war +gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in +Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir +im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das +bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander +heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror +etwas weniger als wir, weil er sehr satt war. + +Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei: + +»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns +dann hinlegen.« + +Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen +Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern +stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können. + +»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an. + +Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders +mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand. + +Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley, +der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des +Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden +vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak +sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.« + +Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm +teilen mußten. + +Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten +wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre +Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf +los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im +Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir +mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine +Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene, +aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum +wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein +Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten. + +Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte: + +»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.« + +Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern +in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem +Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der +Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände +aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns +wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und +lachten uns aus. + +Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte: + +»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht +hier habe.« + +Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein +anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über +eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen; +Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben +ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände +Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor +seinen Augen. + +»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley +haßerfüllt. + +Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß +entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern +längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten, +den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft, +der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner +Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung. + +Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den +einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen +zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte +loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte +gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit +geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug +erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her, +schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem +Trittbrett. + +»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras +aus dem Munde. + +Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei +Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich +hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr +bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie. + +Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal +seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu +erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt +uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den +Tabak zum letztenmal mit ihm. + +Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich. + +Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher +Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines +seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk +taugt nichts. + +»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley. + +»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton. + +Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner +Brust nach, aber er hatte nichts. + +Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander. + +»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue +Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine +Menschenseele getroffen.« + +»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir +kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.« + +Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach +Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war +vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur +kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe. + +Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper +leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an +die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten, +begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten. + +Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und +er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her. + +Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es +pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie +die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen. +Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei +heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern +schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir +uns zur Ruhe. + + +_IV_ + +Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es +wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte +sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die +Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er: + +»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der +Durst nicht so plagen. Wie heißt du?« + +»Fred,« entgegnete der Mann. + +»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?« + +»Von Geburt, ja.« + +»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig. + +Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien +seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine +Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht +in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde +und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen, +hatte er sich niedergesetzt. + +Der Landstreicher Jeß sagte: + +»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.« + +Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen +mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was +er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen. + +»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm +erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute. + +Da zuckte Jeß zusammen. + +»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du +wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du +auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich +habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.« + +»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von +dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer +Mensch ist als du?« + +Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große +Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine. + +Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet +nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft +über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und +hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände +ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein +geladener Motor, den wir anzünden könnten. + +»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann +sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn +anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute +werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.« + +»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu +mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er +stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.« + +Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere +Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur +Huntley hielt sein Mundwerk im Gang. + +»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns. + +»Weiß ichs?« war meine Antwort. + +»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach +Orange Flat? Und was solltest du da?« + +»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß. + +Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde. + +Huntley bemerkte: + +»Du sagst ja nichts, Fred.« + +»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen. + +Das reizte Huntley. + +»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge +da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe. + +Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf +seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in +unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf +der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand, +den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren +enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um +unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen. + +Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der +stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen +hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht +mit. + +Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre +Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred +draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu +sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah +hinaus. + +»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns +fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.« + +Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten +ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt +sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber +zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn +wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob +er um einen guten Ort wüßte. + +»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht +bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir +mein Leben. Es liegt mir nichts dran.« + +Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die +Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig +zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem +Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins +Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte. + +»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah +neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn, +daß er hinfiel und genug hatte. + +In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie +hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er +führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm +her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte, +daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in +seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still +kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine +halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder. + +Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle +mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit +dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei +Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt +war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das +Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir +gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte +betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und +wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler. + +Dann gingen wir weiter. + +Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße +Vierecke vor uns auftauchen. + +Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit +Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an +die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen, +das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger +Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag +kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut +auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der +zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat. + +Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir +begehrten. + +»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber +ist,« sagte Huntley. + +Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte: + +»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug +Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.« + +»Gut!« sagte das Mädchen. + +Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in +der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser +neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am +besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um +von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre +Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte +sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht +zu erschrecken. + +Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe +nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen. + +Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir +konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam, +hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur +Beendigung der Ernte. + + +_V_ + +Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in +zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder +vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu +verlassen -- wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben +Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt. +Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den +Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen. + +Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück +entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen +Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte +sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach +Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der +Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich +die Jacke aus und ging an die Arbeit. + +Jeß sagte zu mir: + +»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten. +Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld +und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.« + +Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog +mit Jeß von dannen. + +Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen +waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine. +Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir +auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man +sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze. +Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der +Bahn entlang hineinkommen. + +»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich. + +»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das +Mädchen hat es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred +ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut +aussieht.« + +»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich. + +Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er: + +»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.« + +»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist +du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst +also nicht, daß Fred sie bekommt?« + +»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du +dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang +fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das +ist der Weg.« + +Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen. + +Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken +geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im +Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht: +als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu +spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein +innerliches Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar +Pfennige. Jeß sah mich verwundert an. + +»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er. + +Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen +andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da +wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ, +daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen +wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem +Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch +nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten +Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines +Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt, +einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken. + +Der Wirt fragte: + +»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?« + +»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich +höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.« + +»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?« + +»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur +nüchtern hält.« + +Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte +scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen: +er habe mit mir zu reden. + +Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg +entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben +stand: ^Hart & Co. Farmers Bank^; hier bat Jeß mich, einen +Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte +ich: + +»Was hast du da drinnen gemacht?« + +»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß. + +Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir +uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den +Schienen entlang lag. + +Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich, +daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte: + +»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre, +nicht wahr?« + +»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach. + +»Dann wirst du einen Dollar weniger haben als ich. Den hast du der +Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun +konntest.« + +»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und +das Geld zu versaufen.« + +»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt, +wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.« + +»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich. + +»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht +gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort. + +»Was ist das für ein Plan?« + +»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß. + +»Ja --?« + +»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.« + +»Ja, ich habe das gehört --?« + +»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.« + +»So, so.« + +»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.« + +»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!« + +Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er -- +kurz und gut -- in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen +Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein. + +»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort. + +»Dann nehm ich Huntley mit.« + +Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte: + +»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn +du michs lehren willst ...« + +»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken +anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus +studiert.« + +Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen, +und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben +abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer. + +»Aber später?« fragte ich, »hinterher?« + +»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht +drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er +wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen +zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die +Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst, +dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr +hinzusparen.« + +Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen, +und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk +getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen, +solange Gäste da waren. + +»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er +unternimmt,« sagte Jeß. + +Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden +aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir +landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George. + + +_VI_ + +George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf +den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja +ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo +er sich für ein Stündchen aufhalte. + +Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig +Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung +und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns +beachtete er gar nicht. + +Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße +herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den +Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit +behandelt. + +Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken, +antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt +war und Jeß nichts als ein Landstreicher. + +»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben +die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich. + +»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein +Taschenbuch vor. + +Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben +und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um +ihn zufriedenzustellen. + +»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier, +Burschen.« + +Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang. + +»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander. + +»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.« + +Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen. + +Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er +nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde +Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus +dem Taschenbuch. + +Darüber verstrichen einige Stunden. + +»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George. + +Conway war der Inhaber einer andern Kneipe. + +»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt. + +»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir +hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen. + +»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.« + +Und wir ließen uns überreden. + +Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele +Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen +geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er +begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall. + +»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle. + +Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern +Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt +hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer +Spannung war, -- wegen der Dinge, die bevorstanden. + +George zählte sein Geld und sagte: + +»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld +holen.« + +»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet. + +»Es reicht nicht,« erwiderte George. + +Er taumelte zur Tür hinaus. + +»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die +Burschen. + +»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf +ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.« + +Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein +Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück. + +Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu +trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts +mehr trinken. + +»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich. + +Ich sah ihn erstaunt an. + +»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß. + +Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und +hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen +nach dem andern, hinauszuwerfen. + +Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße. + +Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in +der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus +schlossen wir, daß George sich im Hause befinde. + +»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das +Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür. + +»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich. + +Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück. + +Er machte dieselben Sprünge. + +»Wo bist du gewesen?« sagte ich. + +»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,« +entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.« + +Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte: + +»Hörst du?« + +Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und +arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen. + +»George ist es,« sagte Jeß. + +Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten. + +»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf +die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!« + +George ging zu den Mädchen und taumelte stark. + +»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,« +sagte Jeß. + +Im Gehen bemerkte ich: + +»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.« + +»So?« sagte Jeß. + +Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte +sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas +zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte +wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke +Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf. + +Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus: + +»Was zum Teufel ist das?« + +Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie +er hierhergekommen sei. + +»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du +nicht Antwort gibst.« + +»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu +Boden fallen. + +Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und +so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der +Wächter durchaus einsah, daß es sich hier um einen unfreiwilligen +Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend. + +»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er +wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein +kleiner Fang geworden.« + +»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte +ich. + +Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte: + +»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und +gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.« + +»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern. + +»Nun gehe ich,« sagte Jeß. + +Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte +verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier +stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand +zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war +ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen. +Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten +bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen +rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon +will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank werfen, aber statt +dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte +Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten +lang fort sein. + +Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der +Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert +über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn +es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen +längs dem Geleise befanden. + +Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu +durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe +wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur +wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme +Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich +auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch +an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie. + +Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht +zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu +betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran, +hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen. + +»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit. + +»Was ist geschehen?« fragte ich. + +»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen +haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch +da.« + +Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und +ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte +und ihn fragte: + +»Du hast also nichts an dich gebracht?« + +»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich +will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas +andres versuchen.« + +Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging +mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte: + +»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir +wollens aufgeben!« + +»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß. + +Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein +Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der +Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr. + +»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir. + +Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde +ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen. + +Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich +auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb +fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder +ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der +Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich +ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden +gesehen hätte. + +»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten. + +»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein +größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich +in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in +der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen +und hatte sich so seltsam gegen mich benommen. + +Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd: + +»Ist er dir durchgebrannt?« + +Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte: + +»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht, +und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun +haben will.« + +Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus +den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich +hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der +Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil +bedacht. Der Teufel sollte ihn holen! + +Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute +gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich +mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem +geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar +rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte +vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre, +bis zum letzten Blutstropfen! + +Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den +Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen. +Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers +gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem +Goldschmied am Fenster gesehen hatte. + + +_VII_ + +»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,« +sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort +gehalten hast.« + +»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich. +»Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm +auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.« + +»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest. +Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der +Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers. + +Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann +Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze +Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander +hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann. + +»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam. +»Brauch es gut!« + +»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich. + +Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so +auf der Farm. + +Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte +das eine Tier des Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred +schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich, +und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred +blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich +auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für +mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich +solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen. +Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das +erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und +ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald, +Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen. + +Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der +Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein +Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der +Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin +stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder +hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich +nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank +war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt, +es anzuzeigen. Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen +Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt +haben mochte. + +Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte, +immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er +sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er +zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein +helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt +hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn +ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und +beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem +aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und +dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich +konnte mich mit Fred nicht messen. + +Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und +behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir +sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie +mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch +wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon, +geboren und folglich Städter war. + +Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und +bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich +aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde +geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und +dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in +ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten, +weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht. + +So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice, +obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam +gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht +im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der +Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon +verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice +nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und +antwortete mir nicht. + +Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir +ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich +gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen +heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein +trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur +Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben, +ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den +goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen. + +»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben +versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt. + +Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und +mit ihm redete sie. + +»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie. + +»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich. + +»Gewiß.« + +»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr. + +»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es +wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.« + +»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich +diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so +ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber +auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr +den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht +hatte. + +Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach +dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und +Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir +hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit +schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur: + +»Wie lange bist du jetzt in Amerika?« + +»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt +zum zweitenmal hier.« + +»Und du, Freddie?« + +»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort. + +»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir. + +Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte +auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht +deutsch. + +»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was +hast du mit deinem angefangen, Nut?« + +»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es +mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.« + +»So, so,« sagte Alice. + + +_VIII_ + +Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und +ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze +Stunden. + +Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß +Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf +die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das +Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem +Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte +mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher +hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe +Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin +fiel um und lag wie tot da. + +Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich +am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die +Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und +lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich +gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr +Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor +den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen. + +Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller +Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das +Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen +zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und +es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm +die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett +unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich +zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an +seinem Arm zu schneiden. + +Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf +mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind +ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen; +hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte +Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm +halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur. + +Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als +kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und +horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. Da ergriff ich ihn bei den +Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und +her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das +Kind wieder ein wenig nieder und horchte, -- das Herz schlug ein wenig. +Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir +alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der +einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte +Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte +auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz +darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder. +»Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine +Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr. + +»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice. + +Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener; +ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück +Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir +ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen +Streifen ab als Binde. + +Alice kam wieder herein und sagte: + +»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?« + +»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie. + +Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu +ihrer Tochter: + +»Schweig still, Alice.« + +Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte +er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute +er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte. + +Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde +darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn +in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen +wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband. + +»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich. + +Und da war mir wie einem Gotte zumut. + +Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und +begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf +erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte +mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl +zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu +meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere ein und begann wieder zu +pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz. + +Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte +Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins +Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich, +die Tiere für heute auszuspannen. + +Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts +gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann +war. + +Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir: + +»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.« + +»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte +Rodgers hinzu. + +»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein. + +Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn. + +Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es +machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf +der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es +zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice +hätte es sich geziemt, mir allerhöchst ein paar herzliche Worte zu +sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost: + +»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch +einmal!« + +Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien +sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in +den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig; +sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so, +als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu +machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel +zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und +Fred war nicht dabei. + +Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte +ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die +Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher +wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder +arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung +statt. + +Fred kam zu mir und sagte: + +»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was +wirst du dann anfangen?« + +»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon +Rat finden.« + +Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft +zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann +angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein +Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er +arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen +war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete +er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen +wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt +in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam +öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein +bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren +verliebt. + +Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert +wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß +Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden +hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von +ihm lassen solle. + +Fred sagte zu mir: + +»Du mußt uns helfen, Nut.« + +Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte: + +»Bittest du mich mit Alicens Willen?« + +»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.« + +Ich sagte: + +»Dann werde ich es tun!« + +Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde, +Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen. + +Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines +Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme. + +»Von einer Farm,« war die Antwort. + +Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer +einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen +lerne? + +Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und +dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen +treffe man nicht. + +Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen +Vorbeiziehenden nehme? + +Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die +mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem +Paar war es gut gegangen, die jungen Leute hatten sich Land genommen +und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn. + +Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein +junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen +andern kenne und nicht die Wahl habe. + +Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es. + +Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie +wir es wären, sagte ich zum Schlusse. + +Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau. + +Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice +wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von +meiner unheimlichen Einsicht bekommen! + +Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des +Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred +entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu +Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher +ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher +wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör +bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie +uneigennützige Seele ich sei. + +Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie +zuerst zum Reden veranlassen. + +»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie. + +»Was habe ich getan?« + +»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.« + +Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich +Schlechtes über Fred gesagt hätte. + +»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred +sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter. + +»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne +dich, Nut!« + +Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position +gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da +entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und +Alicens Benehmen sei der Grund dafür. + + +_IX_ + +Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über +Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice +kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf +herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und ihren Atem +etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne +Zusammenhang. + +»Über Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was +Sie verlangen.« + +Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im +Stall und hörte uns zu. + +»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich +bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.« + +»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals +gesagt.« + +»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß, +daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.« + +»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn +Freddie ist der, den ich liebe.« + +»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?« + +»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.« + +»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug +gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen +vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte +eines Menschen übersteigen.« + +»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice. + +»Mehr aber nicht?« + +»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du +schreibst wie der Blitz.« + +Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred +und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht. + +»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich. + +»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...« + +Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte: + +»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld +verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred +machen?« + +Alice schwieg. + +»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und +gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte. + +»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor. +Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß +du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich +schlag dich tot wie nen Hund.« + +Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur Abwehr hoch. »Beruhige dich, +Fred, und laß mich gehen,« sagte ich. + +»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und +stach mit der Heugabel nach mir. + +Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,« +war alles, was sie sagte. + +»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die +Heugabel beiseite, Mörder du.« + +Aber Fred wollte mich nicht schonen. + +»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich +nieder,« sagte er. + +Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt +war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der +Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals +vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben. + +»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred. + +»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich +will dir keinen Gefallen tun.« + +Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen +Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich +wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der +Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand +Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und +holte ihren Vater heraus. + +»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?« + +»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.« + +»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice. + +Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl +auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging +ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu +verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was +sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er +pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er +nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte +und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres, +als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als +ich lag und schlief. + +Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit, +wo der Frost begann, in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte +Mr. Rodgers: + +»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!« + +Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und +zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab +ihnen zu fressen. + +»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,« +sagte Mr. Rodgers. + +Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld +aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam, +der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem +neuen Hut aus der Stadt. + +Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke +zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann +hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke +um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas +unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen. + +In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche +aufstand und die Jacke anzog. + +»Wo willst du hin?« fragte ich. + +Er gab mir keine Antwort. + +Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und +schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war +es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter +zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch +geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war +durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am +Morgen erwachte ich wieder. + +Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht +zurückgekommen. + +»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat. + +»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. + +Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte +sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens +Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder +und sagte: + +»Wo mag nur Alice sein?« + +Ihr Gesicht war aschgrau. + +Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden +sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar +wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte. + +»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft. + +Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies +und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst +ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut +gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach +Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als +die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen +Enkelkinder. + +Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses. + +»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit +geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?« + +»Weiter in den Westen,« erwiderte ich. + +»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in +der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.« + +Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist. + + + + +Zachäus + + +_I_ + +Tiefster Friede ruht über der Prärie. + +In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur +Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter +Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und +Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren Maschinen +sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige Laut, den man +hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind herübersteht, +schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, -- das +klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten am Horizont. Zuweilen hört +man diesen Laut ganz merkwürdig nahe. + +Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen, +ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind +mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. Die Häuser der +Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem +unübersehbaren Weizenmeer aufragen. + +Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum späten +Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen beschäftigt. + +Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden +Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden; +aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der +Billybory-Farm. + +Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in +dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt die Luft +ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer. + +Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, spangedeckten +Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt wird, hört man die +Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in +größter Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen Herde mit Gras, +und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und +Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen +hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, +und die drei Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus. + +Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von +militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und +sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von aller Welt Polly +genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat. + +Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er +ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein +Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte Nummer von +einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt er keinem der +Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche liegen, um sie in seinen +freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit großem +Fleiß. + +Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine +Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu +lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch anzubieten, +die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen; +dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung des Kochs in der +Hand zu halten und bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen. +Aber der Koch vermißte augenblicklich seinen Schatz, suchte Zachäus in +seinem Bett auf und riß die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein +heftiger und lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern. + +Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er +schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er +jemals einen Soldaten gesehen habe und ob er die Einrichtung eines +Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur +lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das +Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa Häuser in +Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe? + +Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch, +daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte. +»Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei +ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung wieder hingelegt haben, +nachdem er sie studiert hätte. »Steh' nicht da und spuck' auf den +Fußboden, du schmieriger Hund!« + +Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem +wütenden Gesicht. + +Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden +Landsleuten. -- + +Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und speisen +jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken +herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen sich unter die +Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten während der Mahlzeit zu +ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt +wieder im Sattel und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und +die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zurück. + +Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und Kummen nach +der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen im +Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Gesänge +und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im Süden +mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat. + + +_II_ + +Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit +der Arbeiterschar langsam aus der Prärie heim. Die meisten waschen +ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige +kämmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen +vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, Einwanderer aus Europa +und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger +Vagabunden und verunglückte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande +tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird +gewöhnlich in großer Hast eingenommen, ohne daß irgend jemand was sagt. +Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher, der selber an der +Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit +beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. -- -- -- + +Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von Schweiß +geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen Rücken +brannte. + +Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem großen +Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in die Nacht +hinaus. + +Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit Wasser +standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig während der +Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu +kalkhaltig, um darin zu waschen. + +Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd ab und +fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn +gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er pfiff sogar leise +vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern. + +Da öffnete plötzlich der Koch die Küchentür. Er hielt eine Lampe in der +Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus. + +»Aha!« sagte der Koch und kam heraus. + +Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus zu und +fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?« + +»Ich nahm es,« antwortete Zachäus. + +»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es +genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!« + +Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an, +seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen. + +Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem +Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und +lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel. + +Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem kleinen +Ferkel? Mein eigenes Wasser!« + +»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. »Ich +habe es benutzt!« + +Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?« + +»Ja,« antwortete Zachäus. + +»Ich will sie dich kosten lassen!« + +»Wenn du es wagst!« + +Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und im +selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen ein +Geheul über das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und +Wohlbehagens. + +Zachäus aber hielt nicht lange stand. + +Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, seine +Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu können. +Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt über den Platz +und fiel dann um. + +Der Koch wandte sich an die Menge: + +»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gefällt!« + +»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme. + +Der Koch zuckte die Achseln. + +»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein +großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den +Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen, +er wird literarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »Laßt +ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und +will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich für Generale gekocht +habe! Ist er Oberst der Prärie, frage ich?« + +Und alle bewunderten Pollys Rede. + +Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so verbissen, +genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!« + +Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur +mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser +Lampe prügeln!« + +Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein. + +Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in +ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang es +sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den +andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen. + + +_III_ + +Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras auf den +Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist heute ebenso +scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengläsern voll +Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor +irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen. +Zachäus stößt einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute +später fängt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen +und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen. + +Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein +Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?« + +Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.« + +Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: »Mir +ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche +mir den Finger, ich sehe so schlecht!« + +Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei +Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine +kleine Leiche. + +Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und +bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!« +Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen davon ab; +mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den +abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem +Kameraden für die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. -- Er +hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall +hörte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zurück. + +Das erste, was Zachäus tat, war, den abgeschnittenen Finger +aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl in +eine Flasche, steckte den Finger hinein und verkorkte den Hals fest. +Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche. + +Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der +Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf +den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag da und litt und +grämte sich über alle Maßen. Eine Untätigkeit wie diese hatte er noch +nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine +explodierte und seine Augen beschädigte. + +Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch Polly +selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den +Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht +in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, daß Zachäus sich nach +der Wand umdrehen und die Zähne schweigend zusammenbeißen mußte, weil +er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig war. + +Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen und +gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich war, fing +Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des +Tags, während der Hitze hielt er die Tür nach der Prärie und nach dem +Himmel offen. Oft saß er mit offenem Munde da und lauschte dem Ton +der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit +seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe. + +Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht +in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Tür vor der Nase zu, unter dem +Vorwand, daß es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er +sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer sich vor Wut aus der +Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel +nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum +Krüppel zu machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht, +um zu zielen und er traf niemals. + +Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu Mittag +essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch +ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute sein Essen +auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz verlassen da und +krümmte sich vor Langweile. Jetzt wußte er, daß die Küche leer war, +der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen draußen in der +Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen ausziehen, um sich über den +Eingesperrten lustig zu machen. + +Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber nach +der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an +ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zurück in +den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und fängt an, die +amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen. + +Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden vergingen +jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der Proviantwagen +zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie +gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen zu waschen. + +Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies war +gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab. +Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den +Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung +wieder heraus und bringt sie auf seinem bloßen Leibe unter. Nie im +Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern! + +Es vergeht eine Minute. + +Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus liegt da +und starrt zum Dach empor. + +Polly tritt ein. + +»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in +dem Raum stehen. + +»Nein!« antwortet Zachäus. + +»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran. + +Zachäus richtet sich auf. + +»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird +ganz wütend. + +Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an, +die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die +armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte. + +»Du mußt sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte und +schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um +und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!« + +Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte: +»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du +schmutziges Ferkel!« + +Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein +unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich +nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!« + + +_IV_ + +Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der +Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die +Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher +Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten +Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder +Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und Mähmaschinen. + +Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, wo +er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes +draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte. +Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen +zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch +antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe, +so bekäme er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zachäus' +Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?« + +Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein Schicksal. +Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man ihm gab. + +»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte +er nur und machte sich über die Schüssel her. + +»Küken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß aus +seinen Augen, als er sich umwandte und ging. + +»Küken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen mit +seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Küken, du Lügner.« Aber +es war Fleisch und Sauce. + +Und er aß von dem Fleisch. + +Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug werden +konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit zähem +Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das +Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen +selber behalten!« murmelte er und geht an die Türöffnung, um es +genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Plötzlich +eilt er nach der Pritsche zurück und sieht nach der Flasche mit dem +abgeschnittenen Finger, -- die Flasche war verschwunden. + +Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit +verzerrtem Gesicht bleibt er in der Tür stehen und sagt, so daß alle es +hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?« + +Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe. + +Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische zu kichern an. + +Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und, +Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' ich +den nicht wiedererkennen?« + +Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen +Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an. + +»Was hast du eigentlich?« fragte einer. + +»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,« +erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen +gebracht. Hier ist auch der Nagel.« + +Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, und +die Leute schrieen durcheinander: + +»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du +hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite +abgenagt!« + +»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- -- ich +dachte nicht -- --« + +Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Tür hinaus. + +Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte +sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch +zusammen gekocht, Polly?« + +»Nein,« erwiderte Polly?. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür +haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen +Kessel.« + +Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen +Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, sie +stritten und lachten darüber wie die Verrückten, und der Koch feierte +einen Triumph, wie nie zuvor im Leben. + +Zachäus aber war verschwunden. + +Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer +nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus aber wanderte +weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug seine kranke Hand +in der Binde und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im +übrigen war er von oben bis unten durchnäßt. + +Er setzte seine Wanderung fort. + +Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein +eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück, +den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen Schritten geht er +durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet. +Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an. + +Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum beim +Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er +den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune +ist. + +Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz +stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen, +alles ist still, nur der Regen fällt noch immer, und von Zeit zu Zeit +schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und +schlägt weit hinten in der Prärie nieder. + +Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den +Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht naß +zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig, +dann begibt er sich nach der Küche. + +Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt +ruhig ein. + +»Guten Abend!« sagt er. + +Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich: + +»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.« + +Zachäus entgegnet: + +»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern +abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder waschen.« + +»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch. + +»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!« + +»Ich rate dir davon ab.« + +»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus. + +»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!« + +Und Zachäus geht hinaus. + +Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht +mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser +herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus. + +Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs +mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu. + +»Was machst du hier?« fragt er. + +Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.« + +»In meinem Wasser?« + +»Natürlich!« + +Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon +zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem +Hemd. + +Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand +heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab. + +Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus. + + +_V_ + +Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um +zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten, +was er so lange draußen gemacht habe. + +Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.« + +Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören. + +»Du hast ihn erschossen?« + +»Ja!« + +»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?« + +»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.« + +»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?« + +»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.« + +»Das hast du getan?« + +Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen. + +Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?« + +»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das +Gehirn.« + +»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch das +Gehirn, so ist das der Tod.« + +Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen -- -- --. + +Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit +dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war +herzlich glücklich über den Mord. + +Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht +weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag +irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei +war nichts mehr zu machen. + +Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten +Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu +trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor, +und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit. + +»Wohin gehst du, Zachäus?« + +»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach +Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.« + +»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche +Reise!« + +Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große +Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming. + +Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die +Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen +gleichen. + + + + +Auf den Bänken bei New-Foundland + + +Monat für Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabeljau. Der +Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an +derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa +und Amerika. Vier- bis fünfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon +hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann +segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben +Grunde und fischten Kabeljau -- und steuerten wieder nach Miquelon +hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land. +Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen +an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und +Schiffshändler bewohnten. + +Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen »Kongo«, ein wirklicher +Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte +Stückpforten hatte von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an +Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest +waren Neger. + +Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus +und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im Winter beim +Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf +derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem +»Kongo«. + +Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot +keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder +Montag wäre. Das einzige, was unsere Verhältnisse von denen der andern +New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungewöhnliche, daß unser +Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber +sehr widerliches Geschöpf mit ganzen Trauben von Warzen an den Händen +und entsetzlich mager und sehr klein. + +Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie +war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich +angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und -- +nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen. Aber obwohl sie so unsauber +war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern, +wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns +hätte sie entbehren mögen. So genügsam waren wir geworden. + +Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer +weiter, gelangt irgendwohin und beendet schließlich seine Fahrt, wie +lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still, +mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser +Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen +konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr +verändert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich +ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und +hörten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir +interessierten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken +mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung +mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen, +fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine +eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten. + +Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier +draußen im Meer nicht hinausgelangen, und außerdem hatte der scharfe +Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen +Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze +Lebensfreude ertötet. + +Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht +ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben teilnahm, +war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im +ernstesten Tone: + +»Meinst du, daß man jetzt daheim Krieg führt?« + +So gleichgültig waren wir für alles geworden, daß wir fast nicht mehr +miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede +Frage lauten würde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe +hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich, +daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die +Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie +zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten, +gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in +jeder Beziehung hilflos und verlassen. + +Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog +draußen ein Auswandererschiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter +Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und in demselben Augenblick +im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen +Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten +einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und +die Lichter vom Schiff uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs +des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft einen plötzlichen +Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der +Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere +Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer +in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog. + +Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van +Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein +Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah, +daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen +eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer +und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau. + +Merkwürdige Gemütsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen, +wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht +heraufbekommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von +verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot auf die +Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Zähnen und ganz +toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir taten, wir +wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Mächten +der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefaßt. + +Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemütsstimmung bekam, sagte +man auf den Bänken, er sänge »um klares Wetter«, weil wir meinten, +der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir +saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus +dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit +großen, zottigen Köpfen, und wieder verschwanden. Und zerfließende, +koboldhafte Gestalten schwebten in dem weißen Dunst umher, groß wie +Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind +blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten +sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen +Mänteln, die ihnen nachflatterten. + +Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über +die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere +Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und +ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein +Sturmwind, wir hörten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an +uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie; +dann verschwand er ... + +Aber wenn wir am Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit +unsern vollbeladenen Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter +Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag getan +zu haben, uns oft in einer andern Weise töricht und erregt. So geschah +es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die +Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln. +Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten +die großen Fische beim Kopf, drückten die Finger in ihre weichen Augen +hinein und hielten sie so in die Höhe, indem sie ganz eigenartig +lachten und sie ansahen. + +Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen +Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei +Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schloß. + +Diese fetten Fischleichen wirkten überhaupt sehr auf uns alle; wir +konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber öffneten; wir +schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, wühlten unnötig viel mit +den Händen in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem +Blut, als nötig war. + +Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gelüsten; aber +dafür war er von einer ganz verrückten Neigung zu der Schifferfrau +entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns +allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie +liebe!« sagte er mehrmals am Tage. + +Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner +ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt +in sie; ich hätte ihn damals, als er es mir erzählte, auf der Stelle, +nur aus Eifersucht, totschlagen können. Denn auch mir erging es nicht +besser. + +Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig +umher und merkte nichts von dem allen. Uns würdigte sie keines Blickes. +Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem +Feldstuhl saß und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich über eine +Tauhaspel und wäre beinahe gefallen. Das ärgerte mich so, daß ich mich +umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte, +statt weiterzugehen, -- ich muß entschieden sehr lächerlich ausgesehen +haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze +Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts +Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht. + +»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verrückten +Sprache; »weiß Gott, sie verfault!« + +Und doch hätte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein mögen +... + +Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schnüre wieder ausgelegt waren, +war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden +mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen. + +Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu müde waren, ein bißchen +miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen, alles in +einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher +Worte ... Der Franzose wußte ein Stück von einem Mann zu erzählen, +der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses +Stück hatte er mehrmals erzählt, immer mit demselben großen Erfolg. +Die Russen waren ganz entzückt davon und lachten unaufhörlich, wenn es +erzählt wurde. Ihre Freude über die derbe Erzählung war so aufrichtig +wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt +in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit. +»Wie ging es dann weiter?« Und doch wußten sie ebensogut wie wir +andern, wie das Ganze zugegangen war. + +Van Tatzel dagegen war fast niemals so glücklich, wenn er ^seine^ +Geschichte erzählte; wir mochten sie selten anhören. Wir verstanden +ihn so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und außerdem verdrehte +er noch das Wenige, was er wußte. Wenn er im Begriff war, etwas zu +sagen, und plötzlich fest saß, sah er sich nach uns allen mit seinem +verzweifelten Gesicht um und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er +war wirklich sehr zu bedauern. + +Van Tatzel war der älteste von den Holländern, ein altes Schwein; +ziemlich taub, aber sonst gutmütig und gefällig. Er hatte immer +Wattebüschel in den Ohren, Sommer und Winter, große Wattebüschel, +die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine +ungewöhnlich schwerfällige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen +Kinde gemacht, und er vermochte nicht über seine Nasenspitze hinaus +zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak, +spuckte rücksichtslos in die Kajüte hinab und begann seine Erzählung +immer folgendermaßen: + +»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines +Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein +letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war, +aber es war schon sehr spät,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer +Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst +meine Hosen auf; ich entsinne mich, daß ich an jedem Hosenbein zwei +Krempel machte. Aber übrigens war ich mehr als betrunken und fiel bei +dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade +bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, -- etwas, was mich +betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war +dicht hinter mir, mitten in der Straße -- ihr mögt es mir glauben oder +nicht, aber es war eine Dame.« + +Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine +feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht +nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle. + +»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Straßen von Amsterdam?« +fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her. + +»Ja, eine Dame!« sagt er entzückt und lacht übers ganze Gesicht. Das +erregt ihn so, daß er es zweimal beschwört, und wir lachen über ihn +alle zusammen. Er versucht, weiter zu erzählen, sitzt aber wieder fest; +es ist ihm nicht möglich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes +Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden, +das uns die Sache klar machen könnte; aber er schweigt mäuschenstill. +Ihm liegt soviel daran, sich gerade über diesen Punkt auszusprechen; +und plötzlich, als er völlig überwältigt ist von der Erinnerung an +diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudrücken +vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein +großer Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von +uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern +Koje liegt und schnarcht. + +Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die +immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male gehört; sie begann +stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine +glaubwürdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran. + +Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das +Meer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die +Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die +Nacht ... + +Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von +dem Geruch von all diesem ausdünstenden Menschenfleisch, das sich in +wilden Träumen wälzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete +auf die plumpen Körper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren +paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre +dicken, nackten Füße glichen Fausthandschuhen. + +Aus jeder Koje vernahm man Stöhnen und halbe Worte; die Neger lagen und +fletschten ihre weißen Zähne und sprachen laut, nannten einen Namen und +bliesen ihre schwarzen Wangen auf. + +Aus der Koje des jüngsten Holländers vernahm man unter glucksendem +Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes +Wimmern, -- den Namen der Schifferfrau. Alle beschäftigten sich mit +ihr, diese lüderlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf +lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf +mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und +lächelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig, +gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier. + +Der scharfe Kajütenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden +Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren, +drückenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie +öffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer große Blume saß +auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre +nassen Blätter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und +still. Und ich wußte nichts mehr von der Welt ... + +Dann kam die Wache und weckte mich auf. + + + + + Die in diesem Auswahlbande enthaltenen + Novellen stammen aus folgenden + Büchern von ^Knut Hamsun^: + + + Sklaven der Liebe + und andere Novellen + + + Die Königin von Saba + und andere Novellen + + + Kämpfende Kräfte + Novellen + + + + +Werke von Knut Hamsun + + +Erzählende +Schriften + +Im Mai wird erscheinen: + + ^Die letzte Freude.^ + Roman Geh. ca. Mk. + 4.--, geb. ca. Mk. 5.-- + +Früher sind erschienen: + + ^Hunger.^ Roman. 7. + Tausend. Geh. Mk. + 3.50, geb. Mk. 4.50 + + ^Mysterien.^ Roman. 4. + Tausend. Geh. Mk. + 4.--, geb. Mk. 5.-- + + ^Neue Erde.^ Roman. 4. + Tausend. Geh. Mk. + 4.--, geb. Mk. 5.-- + + ^Pan.^ (Aus Leutnant + Thomas Glahns Papieren.) + 9. Tausend. + Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50 + + ^Redakteur Lynge.^ + Roman. 2. Tausend. + Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50 + + ^Victoria.^ Die Geschichte + einer Liebe. 7. Tausend. + Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Die Königin von + Saba.^ Novellen. 3. + Tausend. Geh. Mk. + 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Sklaven der Liebe.^ + Novellen. 3. Tausend. + Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Im Märchenland.^ + Erlebtes und Geträumtes + aus Kaukasien. 2. + Tausend. Geh. Mk. + 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Kämpfende Kräfte.^ + Novellen. 3. Tausend. + Geh. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Schwärmer.^ Roman. + 3. Tausend. Geh. Mk. + 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Unter dem Halbmond.^ + Reisebilder. 3. + Tausend. Geh. Mk. + 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Benoni.^ Roman. 3. + Tausend. Geh. Mk. + 4.--, geb. Mk. 5.--, + in Halbfr. Mk. 7.-- + + ^Rosa.^ Roman. 3. Tausend. + Geh. Mk. 4.--, + geb. Mk. 5.50, in Halbfr. + Mk. 7.-- + + Albert Langen, Verlag, München + + + + +Werke von Knut Hamsun + + + ^Unter Herbststernen.^ + Erzählung eines Wanderers. + 3. Tausend. Geh. + Mk. 3.--, geb. Mk. + 4.50, in Halbfr. Mk. 6.-- + + ^Gedämpftes Saitenspiel.^ + Erzählung eines + Wanderers. 3. Tausend. + Geh. Mk. 3.50, geb. + Mk. 5.--, in Halbfr. + Mk. 6.50 + + ^Die Stimme des + Lebens.^ Novellen. 5. + Tausend. Geh. M. 1.--, + geb. Mk. 1.50 + + +Dramen + + ^An des Reiches Pforten.^ + Schauspiel. Geh. + M. 3.--, geb. M. 4.-- + + ^Abendröte.^ Schauspiel. + Geh. M. 2.--, geb. Mk. 3.-- + + ^Munken Vendt.^ Dramatisches + Gedicht. Geh. + Mk. 3.--, geb. Mk. 4.-- + + ^Königin Tamara.^ + Schauspiel. Geh. Mk. + 2.--, geb. Mk. 3.-- + + ^Spiel des Lebens.^ + Schauspiel. Geh. Mk. + 2.--, geb. Mk. 3.50 + + ^Vom Teufel geholt.^ + Schauspiel. Geh. Mk. + 3.50, geb. Mk. 5.-- + +^Hamburgischer Korrespondent^: Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist, +der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist +der Sänger einer großen melancholischen Melodie. Er ist ein Meister +schwermütiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein +Verkünder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam +pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht +viele der heutigen Dichter. Und wer verfügte über eine so beredte +Sprache, das Erlauschte zu verkünden, wie er? + + Albert Langen, Verlag, München + + + + + Druck von Hesse & Becker in Leipzig + + Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, + Niefern bei Pforzheim. + + Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig + + + + +Notizen des Bearbeiters: + + - Text in Antiqua markiert durch _..._ + + - Gesperrter Text markiert durch ^...^ + + - Altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 *** diff --git a/78349-h/78349-h.htm b/78349-h/78349-h.htm new file mode 100644 index 0000000..1da7066 --- /dev/null +++ b/78349-h/78349-h.htm @@ -0,0 +1,3349 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + Abenteurer ausgewählte erzählungen | Project Gutenberg + </title> + + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all 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+<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_2"></a></span></p> + + +<p class="p3 center font16 pmb1">Langens Mark-Bücher</p> + +<p class="center font12 pmb3">Eine Sammlung moderner<br /> +Literatur</p> + +<p class="p3 center font09">Dritter Band:</p> + +<p class="center font11 pmb3">Knut Hamsun<br /> +Abenteurer</p> + + <div class="figcenter"> + <img src="images/signet_bw1.jpg" alt="signet" /> + </div> + +<p class="p3 center font12 pmb3">Albert Langen, München</p> + + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_3"></a></span></p> + + +<h1>Knut Hamsun<br /> + +Abenteurer</h1> + +<p class="center font14 pmb3">Ausgewählte Erzählungen</p> + + <div class="figcenter"> + <img src="images/signet_bw1.jpg" alt="signet" /> + </div> + +<p class="p3 center font12 pmb3">Albert Langen, München</p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_4"></a></span></p> + + + +<p class="p3 center pmb3"><span class="font11">Ein Verzeichnis von</span><br /> + +<span class="font14">Knut Hamsums Schriften</span><br /> + +<span class="font11">findet man am Schluß</span><br /> +<span class="font11">dieses Buches.</span></p> + + +<p class="p3 center pmb1"><span class="font11"><em class="antiqua">Copyright 1914 by Albert Langen</em></span><br /> + +<span class="font10">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,</span><br /> +<span class="font10">vorbehalten</span><br /> + +<span class="font09">Albert Langen Knut Hamsun</span></p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_5"></a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Inhalt">Inhalt</h2> +</div> + +<table border="0" cellspacing="2" cellpadding="2" class="tdr" summary="Inhalts-Verzeichniß"> + <tr> + <td colspan="2" valign="bottom" align="right">Seite</td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left">Vagabondage</td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_7">7</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> I</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_7">7</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> II</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_11">11</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> III</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_16">16</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> IV</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_22">22</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> V</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_30">30</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> VI</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_37">37</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> VII</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_48">48</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> VIII</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_54">54</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> IX</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_63">63</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left">Zachäus</td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_71">71</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> I</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_71">71</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> II</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_75">75</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> III</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_79">79</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> IV</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_84">84</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left"><em class="antiqua"> V</em></td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_91">91</a></td> + </tr> + <tr> + <td valign="bottom" align="left">Auf den Bänken von New-Foundland</td> + <td valign="bottom" align="right"><a href="#Page_94">94</a></td> + </tr> +</table> + +<p class="pmb3" /> + + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_6"></a></span></p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Vagabondage">Vagabondage</h2> +</div> + + +<h3 class="no-break" id="I_1"><em class="antiqua">I</em></h3> + +<p>»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn +nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir +springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.</p> + +<p>Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig +Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher. +Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten +Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt, +wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.</p> + +<p>Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er +erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und +ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie +geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns +in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz +zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat +uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den +Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« + <span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> +würden wir morgen wieder und +übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende +ab in diesem Gejage.</p> + +<p>Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an +Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist +gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir +bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.</p> + +<p>Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen +sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen +Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion +macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat +seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.</p> + +<p>Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir +werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose +Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend +die Dunkelheit da ist.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte +Huntley, der Irländer.</p> + +<p>Und Nut, das war ich.</p> + +<p>Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley + <span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> +das gleiche zu dem +Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.</p> + +<p>Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm +Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.</p> + +<p>Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich +bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter +aus, er erklärt sich ganz offen:</p> + +<p>»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du +mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«</p> + +<p>»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.</p> + +<p>Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als +der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich +sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch +nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war +zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.</p> + +<p>Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in +Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.</p> + +<p>Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar +Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag +würde verlaufen wie der gestrige und der + <span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> +vorgestrige. Dagegen lag +wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo +ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich +vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.</p> + +<p>Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke +hinüber.</p> + +<p>Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach +der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf +kam auch der Landstreicher Jeß.</p> + +<p>Ich fragte:</p> + +<p>»Soll auch Jeß dabei sein?«</p> + +<p>»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest +ja nicht.«</p> + +<p>»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.</p> + +<p>»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns +zwei.«</p> + +<p>Wütend sagte ich:</p> + +<p>»Dann meld ichs dem Aufseher.«</p> + +<p>»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du +das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«</p> + +<p>Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.</p> + +<p>»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich +mehr Essen + <span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span> +schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«</p> + +<p>Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den +Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und +als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er +sagte:</p> + +<p>»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen +erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf +mir das Fleisch zu.</p> + +<p>Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.</p> + + +<h3 class="no-break" id="II_1"><em class="antiqua">II</em></h3> + +<p>Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen, +und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein +wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.</p> + +<p>Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen, +daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen +wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu +werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor +uns her, um eine gute Stelle + <span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> +zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte +mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand +gestützt, ein.</p> + +<p>Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu +wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.</p> + +<p>»Auf, Leute!« rief er.</p> + +<p>Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im +Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und +behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.</p> + +<p>Jeß erwiderte:</p> + +<p>»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall +soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus +verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«</p> + +<p>»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«</p> + +<p>»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.</p> + +<p>Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten +wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf +hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der +nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er + <span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> +ging strammer +daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.</p> + +<p>»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am +Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt +fragt er nach uns.«</p> + +<p>Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.</p> + +<p>»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.</p> + +<p>Ich hörte mein Herz schlagen.</p> + +<p>»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer +schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«</p> + +<p>»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte +ich, um Mut zu markieren.</p> + +<p>»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals +erreichen.«</p> + +<p>Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er +verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.</p> + +<p>Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen +und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen. +Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.</p> + +<p>Jeß sagte:</p> + +<p>»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche + <span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> +nach Osten. Die Sonne wird +bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung +wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«</p> + +<p>»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach +Norden reiten, — er wird uns nicht finden.«</p> + +<p>Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken +nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte +schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben +oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.</p> + +<p>Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und +besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von +dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände +und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen +Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig +umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen. +Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den +Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht +in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter +Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns +ein kleines + <span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span> +Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.</p> + +<p>Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal +schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der +Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er +lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie +nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so +traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!« +Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft +ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs +entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen +waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun +wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah +es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft +überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.</p> + +<p>Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und +im hohen Grase rauscht die Brise.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p> + + +<h3 class="no-break" id="III_1"><em class="antiqua">III</em></h3> + +<p>Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und +schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war. +Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«</p> + +<p>Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und +aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen +hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre +Bezahlung zu bekommen.</p> + +<p>»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm +niederbrennen,« sagte Huntley.</p> + +<p>Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht +sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte, +brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab +hatte ein jeder seinen Vorrat.</p> + +<p>Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft. +Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf +vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach +Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.</p> + +<p>Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der +Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war + <span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> +gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in +Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir +im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das +bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander +heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror +etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.</p> + +<p>Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:</p> + +<p>»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns +dann hinlegen.«</p> + +<p>Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen +Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern +stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.</p> + +<p>»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.</p> + +<p>Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders +mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.</p> + +<p>Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley, +der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des +Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden +vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak + <span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> +sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«</p> + +<p>Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm +teilen mußten.</p> + +<p>Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten +wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre +Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf +los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im +Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir +mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine +Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene, +aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum +wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein +Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.</p> + +<p>Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:</p> + +<p>»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«</p> + +<p>Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern +in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem +Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der +Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände + <span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> +aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns +wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und +lachten uns aus.</p> + +<p>Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:</p> + +<p>»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht +hier habe.«</p> + +<p>Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein +anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über +eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen; +Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben +ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände +Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor +seinen Augen.</p> + +<p>»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley +haßerfüllt.</p> + +<p>Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß +entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern +längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten, +den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft, +der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner +Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span></p> + +<p>Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den +einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen +zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte +loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte +gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit +geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug +erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her, +schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem +Trittbrett.</p> + +<p>»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras +aus dem Munde.</p> + +<p>Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei +Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich +hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr +bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.</p> + +<p>Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal +seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu +erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt +uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den +Tabak zum letztenmal mit ihm.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p> + +<p>Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.</p> + +<p>Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher +Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines +seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk +taugt nichts.</p> + +<p>»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.</p> + +<p>»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.</p> + +<p>Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner +Brust nach, aber er hatte nichts.</p> + +<p>Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.</p> + +<p>»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue +Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine +Menschenseele getroffen.«</p> + +<p>»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir +kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«</p> + +<p>Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach +Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war +vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur +kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span></p> + +<p>Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper +leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an +die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten, +begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.</p> + +<p>Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und +er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.</p> + +<p>Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es +pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie +die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen. +Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei +heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern +schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir +uns zur Ruhe.</p> + + +<h3 class="no-break" id="IV_1"><em class="antiqua">IV</em></h3> + +<p>Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es +wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte +sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die +Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:</p> + +<p>»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der + <span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> +Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«</p> + +<p>»Fred,« entgegnete der Mann.</p> + +<p>»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«</p> + +<p>»Von Geburt, ja.«</p> + +<p>»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.</p> + +<p>Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien +seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine +Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht +in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde +und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen, +hatte er sich niedergesetzt.</p> + +<p>Der Landstreicher Jeß sagte:</p> + +<p>»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«</p> + +<p>Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen +mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was +er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.</p> + +<p>»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm +erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.</p> + +<p>Da zuckte Jeß zusammen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p> + +<p>»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du +wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du +auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich +habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«</p> + +<p>»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von +dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer +Mensch ist als du?«</p> + +<p>Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große +Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.</p> + +<p>Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet +nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft +über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und +hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände +ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein +geladener Motor, den wir anzünden könnten.</p> + +<p>»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann +sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn +anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute +werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p> + +<p>»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu +mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er +stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«</p> + +<p>Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere +Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur +Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.</p> + +<p>»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.</p> + +<p>»Weiß ichs?« war meine Antwort.</p> + +<p>»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach +Orange Flat? Und was solltest du da?«</p> + +<p>»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.</p> + +<p>Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.</p> + +<p>Huntley bemerkte:</p> + +<p>»Du sagst ja nichts, Fred.«</p> + +<p>»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.</p> + +<p>Das reizte Huntley.</p> + +<p>»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge +da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.</p> + +<p>Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf +seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in + <span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> +unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf +der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand, +den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren +enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um +unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.</p> + +<p>Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der +stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen +hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht +mit.</p> + +<p>Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre +Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred +draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu +sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah +hinaus.</p> + +<p>»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns +fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«</p> + +<p>Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten +ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt +sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber + <span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> +zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn +wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob +er um einen guten Ort wüßte.</p> + +<p>»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht +bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir +mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«</p> + +<p>Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die +Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig +zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem +Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins +Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.</p> + +<p>»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah +neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn, +daß er hinfiel und genug hatte.</p> + +<p>In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie +hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er +führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm +her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte, +daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in + <span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> +seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still +kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine +halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.</p> + +<p>Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle +mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit +dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei +Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt +war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das +Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir +gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte +betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und +wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.</p> + +<p>Dann gingen wir weiter.</p> + +<p>Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße +Vierecke vor uns auftauchen.</p> + +<p>Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit +Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an +die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen, +das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger + <span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> +Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag +kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut +auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der +zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.</p> + +<p>Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir +begehrten.</p> + +<p>»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber +ist,« sagte Huntley.</p> + +<p>Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:</p> + +<p>»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug +Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«</p> + +<p>»Gut!« sagte das Mädchen.</p> + +<p>Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in +der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser +neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am +besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um +von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre +Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte + <span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> +sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht +zu erschrecken.</p> + +<p>Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe +nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.</p> + +<p>Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir +konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam, +hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur +Beendigung der Ernte.</p> + + +<h3 class="no-break" id="V_1"><em class="antiqua">V</em></h3> + +<p>Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in +zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder +vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu +verlassen — wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben +Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt. +Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den +Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.</p> + +<p>Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück +entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen +Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte + <span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> +sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach +Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der +Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich +die Jacke aus und ging an die Arbeit.</p> + +<p>Jeß sagte zu mir:</p> + +<p>»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten. +Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld +und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«</p> + +<p>Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog +mit Jeß von dannen.</p> + +<p>Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen +waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine. +Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir +auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man +sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze. +Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der +Bahn entlang hineinkommen.</p> + +<p>»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.</p> + +<p>»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das +Mädchen hat + <span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> +es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred +ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut +aussieht.«</p> + +<p>»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.</p> + +<p>Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:</p> + +<p>»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«</p> + +<p>»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist +du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst +also nicht, daß Fred sie bekommt?«</p> + +<p>»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du +dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang +fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das +ist der Weg.«</p> + +<p>Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.</p> + +<p>Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken +geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im +Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht: +als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu +spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein +innerliches + <span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> +Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar +Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.</p> + +<p>»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.</p> + +<p>Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen +andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da +wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ, +daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen +wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem +Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch +nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten +Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines +Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt, +einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.</p> + +<p>Der Wirt fragte:</p> + +<p>»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«</p> + +<p>»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich +höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«</p> + +<p>»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span></p> + +<p>»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur +nüchtern hält.«</p> + +<p>Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte +scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen: +er habe mit mir zu reden.</p> + +<p>Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg +entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben +stand: <sup>H</sup>art & Co. Farmers Bank<sup>;</sup> hier bat Jeß mich, einen +Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte +ich:</p> + +<p>»Was hast du da drinnen gemacht?«</p> + +<p>»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.</p> + +<p>Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir +uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den +Schienen entlang lag.</p> + +<p>Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich, +daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:</p> + +<p>»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre, +nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.</p> + +<p>»Dann wirst du einen Dollar weniger haben + <span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> +als ich. Den hast du der +Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun +konntest.«</p> + +<p>»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und +das Geld zu versaufen.«</p> + +<p>»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt, +wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«</p> + +<p>»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.</p> + +<p>»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht +gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.</p> + +<p>»Was ist das für ein Plan?«</p> + +<p>»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.</p> + +<p>»Ja —?«</p> + +<p>»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«</p> + +<p>»Ja, ich habe das gehört —?«</p> + +<p>»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«</p> + +<p>»So, so.«</p> + +<p>»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«</p> + +<p>»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span></p> + +<p>Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er — +kurz und gut — in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen +Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.</p> + +<p>»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.</p> + +<p>»Dann nehm ich Huntley mit.«</p> + +<p>Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:</p> + +<p>»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn +du michs lehren willst ...«</p> + +<p>»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken +anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus +studiert.«</p> + +<p>Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen, +und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben +abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.</p> + +<p>»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«</p> + +<p>»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht +drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er +wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen +zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die + <span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> +Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst, +dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr +hinzusparen.«</p> + +<p>Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen, +und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk +getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen, +solange Gäste da waren.</p> + +<p>»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er +unternimmt,« sagte Jeß.</p> + +<p>Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden +aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir +landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.</p> + + +<h3 class="no-break" id="VI_1"><em class="antiqua">VI</em></h3> + +<p>George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf +den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja +ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo +er sich für ein Stündchen aufhalte.</p> + +<p>Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig +Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung + <span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> +und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns +beachtete er gar nicht.</p> + +<p>Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße +herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den +Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit +behandelt.</p> + +<p>Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken, +antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt +war und Jeß nichts als ein Landstreicher.</p> + +<p>»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben +die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.</p> + +<p>»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein +Taschenbuch vor.</p> + +<p>Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben +und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um +ihn zufriedenzustellen.</p> + +<p>»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier, +Burschen.«</p> + +<p>Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.</p> + +<p>»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.</p> + +<p>»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«</p> + +<p>Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p> + +<p>Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er +nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde +Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus +dem Taschenbuch.</p> + +<p>Darüber verstrichen einige Stunden.</p> + +<p>»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.</p> + +<p>Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.</p> + +<p>»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.</p> + +<p>»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir +hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.</p> + +<p>»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«</p> + +<p>Und wir ließen uns überreden.</p> + +<p>Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele +Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen +geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er +begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.</p> + +<p>»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.</p> + +<p>Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern +Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt +hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer +Spannung war, — wegen der Dinge, die bevorstanden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span></p> + +<p>George zählte sein Geld und sagte:</p> + +<p>»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld +holen.«</p> + +<p>»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.</p> + +<p>»Es reicht nicht,« erwiderte George.</p> + +<p>Er taumelte zur Tür hinaus.</p> + +<p>»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die +Burschen.</p> + +<p>»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf +ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«</p> + +<p>Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein +Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.</p> + +<p>Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu +trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts +mehr trinken.</p> + +<p>»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.</p> + +<p>Ich sah ihn erstaunt an.</p> + +<p>»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.</p> + +<p>Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und +hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen +nach dem andern, hinauszuwerfen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span></p> + +<p>Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.</p> + +<p>Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in +der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus +schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.</p> + +<p>»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das +Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.</p> + +<p>»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.</p> + +<p>Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.</p> + +<p>Er machte dieselben Sprünge.</p> + +<p>»Wo bist du gewesen?« sagte ich.</p> + +<p>»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,« +entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«</p> + +<p>Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:</p> + +<p>»Hörst du?«</p> + +<p>Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und +arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.</p> + +<p>»George ist es,« sagte Jeß.</p> + +<p>Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.</p> + +<p>»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf +die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«</p> + +<p>George ging zu den Mädchen und taumelte stark.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p> + +<p>»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,« +sagte Jeß.</p> + +<p>Im Gehen bemerkte ich:</p> + +<p>»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«</p> + +<p>»So?« sagte Jeß.</p> + +<p>Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte +sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas +zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte +wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke +Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.</p> + +<p>Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:</p> + +<p>»Was zum Teufel ist das?«</p> + +<p>Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie +er hierhergekommen sei.</p> + +<p>»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du +nicht Antwort gibst.«</p> + +<p>»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu +Boden fallen.</p> + +<p>Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und +so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der +Wächter durchaus einsah, daß es sich + <span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> +hier um einen unfreiwilligen +Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.</p> + +<p>»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er +wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein +kleiner Fang geworden.«</p> + +<p>»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte +ich.</p> + +<p>Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:</p> + +<p>»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und +gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«</p> + +<p>»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.</p> + +<p>»Nun gehe ich,« sagte Jeß.</p> + +<p>Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte +verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier +stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand +zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war +ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen. +Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten +bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen +rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon +will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank + <span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> +werfen, aber statt +dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte +Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten +lang fort sein.</p> + +<p>Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der +Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert +über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn +es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen +längs dem Geleise befanden.</p> + +<p>Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu +durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe +wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur +wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme +Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich +auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch +an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.</p> + +<p>Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht +zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu +betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran, +hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p> + +<p>»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.</p> + +<p>»Was ist geschehen?« fragte ich.</p> + +<p>»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen +haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch +da.«</p> + +<p>Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und +ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte +und ihn fragte:</p> + +<p>»Du hast also nichts an dich gebracht?«</p> + +<p>»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich +will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas +andres versuchen.«</p> + +<p>Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging +mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:</p> + +<p>»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir +wollens aufgeben!«</p> + +<p>»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.</p> + +<p>Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein +Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der +Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p> + +<p>»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.</p> + +<p>Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde +ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.</p> + +<p>Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich +auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb +fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder +ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der +Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich +ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden +gesehen hätte.</p> + +<p>»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.</p> + +<p>»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein +größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich +in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in +der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen +und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.</p> + +<p>Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:</p> + +<p>»Ist er dir durchgebrannt?«</p> + +<p>Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span></p> + +<p>»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht, +und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun +haben will.«</p> + +<p>Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus +den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich +hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der +Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil +bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!</p> + +<p>Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute +gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich +mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem +geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar +rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte +vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre, +bis zum letzten Blutstropfen!</p> + +<p>Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den +Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen. +Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers +gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem +Goldschmied am Fenster gesehen hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span></p> + + +<h3 class="no-break" id="VII_1"><em class="antiqua">VII</em></h3> + +<p>»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,« +sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort +gehalten hast.«</p> + +<p>»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich. +»Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm +auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«</p> + +<p>»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest. +Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der +Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.</p> + +<p>Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann +Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze +Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander +hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.</p> + +<p>»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam. +»Brauch es gut!«</p> + +<p>»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.</p> + +<p>Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so +auf der Farm.</p> + +<p>Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte +das eine Tier des + <span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> +Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred +schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich, +und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred +blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich +auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für +mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich +solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen. +Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das +erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und +ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald, +Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.</p> + +<p>Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der +Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein +Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der +Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin +stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder +hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich +nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank +war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt, +es anzuzeigen. + <span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> +Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen +Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt +haben mochte.</p> + +<p>Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte, +immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er +sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er +zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein +helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt +hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn +ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und +beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem +aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und +dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich +konnte mich mit Fred nicht messen.</p> + +<p>Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und +behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir +sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie +mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch +wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon, +geboren und folglich Städter war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span></p> + +<p>Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und +bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich +aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde +geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und +dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in +ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten, +weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.</p> + +<p>So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice, +obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam +gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht +im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der +Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon +verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice +nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und +antwortete mir nicht.</p> + +<p>Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir +ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich +gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen +heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein + <span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> +trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur +Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben, +ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den +goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.</p> + +<p>»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben +versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.</p> + +<p>Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und +mit ihm redete sie.</p> + +<p>»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.</p> + +<p>»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.</p> + +<p>»Gewiß.«</p> + +<p>»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.</p> + +<p>»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es +wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«</p> + +<p>»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich +diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so +ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber +auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr +den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht +hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p> + +<p>Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach +dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und +Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir +hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit +schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:</p> + +<p>»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«</p> + +<p>»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt +zum zweitenmal hier.«</p> + +<p>»Und du, Freddie?«</p> + +<p>»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.</p> + +<p>»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.</p> + +<p>Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte +auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht +deutsch.</p> + +<p>»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was +hast du mit deinem angefangen, Nut?«</p> + +<p>»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es +mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«</p> + +<p>»So, so,« sagte Alice.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> + + +<h3 class="no-break" id="VIII_1"><em class="antiqua">VIII</em></h3> + +<p>Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und +ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze +Stunden.</p> + +<p>Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß +Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf +die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das +Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem +Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte +mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher +hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe +Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin +fiel um und lag wie tot da.</p> + +<p>Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich +am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die +Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und +lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich +gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr +Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor +den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p> + +<p>Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller +Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das +Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen +zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und +es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm +die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett +unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich +zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an +seinem Arm zu schneiden.</p> + +<p>Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf +mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind +ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen; +hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte +Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm +halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.</p> + +<p>Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als +kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und +horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. + <span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> +Da ergriff ich ihn bei den +Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und +her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das +Kind wieder ein wenig nieder und horchte, — das Herz schlug ein wenig. +Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir +alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der +einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte +Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte +auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz +darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder. +»Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine +Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.</p> + +<p>»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.</p> + +<p>Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener; +ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück +Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir +ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen +Streifen ab als Binde.</p> + +<p>Alice kam wieder herein und sagte:</p> + +<p>»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span></p> + +<p>»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.</p> + +<p>Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu +ihrer Tochter:</p> + +<p>»Schweig still, Alice.«</p> + +<p>Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte +er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute +er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.</p> + +<p>Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde +darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn +in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen +wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.</p> + +<p>»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.</p> + +<p>Und da war mir wie einem Gotte zumut.</p> + +<p>Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und +begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf +erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte +mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl +zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu +meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere + <span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> +ein und begann wieder zu +pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.</p> + +<p>Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte +Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins +Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich, +die Tiere für heute auszuspannen.</p> + +<p>Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts +gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann +war.</p> + +<p>Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:</p> + +<p>»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«</p> + +<p>»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte +Rodgers hinzu.</p> + +<p>»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.</p> + +<p>Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.</p> + +<p>Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es +machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf +der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es +zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice +hätte es sich geziemt, mir allerhöchst + <span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span> +ein paar herzliche Worte zu +sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:</p> + +<p>»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch +einmal!«</p> + +<p>Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien +sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in +den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig; +sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so, +als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu +machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel +zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und +Fred war nicht dabei.</p> + +<p>Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte +ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die +Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher +wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder +arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung +statt.</p> + +<p>Fred kam zu mir und sagte:</p> + +<p>»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was +wirst du dann anfangen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p> + +<p>»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon +Rat finden.«</p> + +<p>Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft +zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann +angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein +Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er +arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen +war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete +er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen +wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt +in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam +öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein +bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren +verliebt.</p> + +<p>Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert +wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß +Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden +hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von +ihm lassen solle.</p> + +<p>Fred sagte zu mir:</p> + +<p>»Du mußt uns helfen, Nut.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p> + +<p>Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:</p> + +<p>»Bittest du mich mit Alicens Willen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«</p> + +<p>Ich sagte:</p> + +<p>»Dann werde ich es tun!«</p> + +<p>Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde, +Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.</p> + +<p>Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines +Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.</p> + +<p>»Von einer Farm,« war die Antwort.</p> + +<p>Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer +einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen +lerne?</p> + +<p>Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und +dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen +treffe man nicht.</p> + +<p>Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen +Vorbeiziehenden nehme?</p> + +<p>Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die +mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem +Paar war es gut gegangen, die jungen + <span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> +Leute hatten sich Land genommen +und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.</p> + +<p>Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein +junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen +andern kenne und nicht die Wahl habe.</p> + +<p>Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.</p> + +<p>Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie +wir es wären, sagte ich zum Schlusse.</p> + +<p>Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.</p> + +<p>Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice +wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von +meiner unheimlichen Einsicht bekommen!</p> + +<p>Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des +Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred +entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu +Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher +ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher +wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör +bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie +uneigennützige Seele ich sei.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> + +<p>Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie +zuerst zum Reden veranlassen.</p> + +<p>»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.</p> + +<p>»Was habe ich getan?«</p> + +<p>»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«</p> + +<p>Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich +Schlechtes über Fred gesagt hätte.</p> + +<p>»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred +sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.</p> + +<p>»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne +dich, Nut!«</p> + +<p>Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position +gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da +entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und +Alicens Benehmen sei der Grund dafür.</p> + + +<h3 class="no-break" id="IX_1"><em class="antiqua">IX</em></h3> + +<p>Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über +Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice +kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf +herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und + <span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> +ihren Atem +etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne +Zusammenhang.</p> + +<p>»Über Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was +Sie verlangen.«</p> + +<p>Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im +Stall und hörte uns zu.</p> + +<p>»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich +bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«</p> + +<p>»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals +gesagt.«</p> + +<p>»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß, +daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«</p> + +<p>»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn +Freddie ist der, den ich liebe.«</p> + +<p>»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«</p> + +<p>»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«</p> + +<p>»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug +gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen +vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte +eines Menschen übersteigen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span></p> + +<p>»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.</p> + +<p>»Mehr aber nicht?«</p> + +<p>»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du +schreibst wie der Blitz.«</p> + +<p>Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred +und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.</p> + +<p>»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.</p> + +<p>»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«</p> + +<p>Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:</p> + +<p>»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld +verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred +machen?«</p> + +<p>Alice schwieg.</p> + +<p>»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und +gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.</p> + +<p>»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor. +Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß +du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich +schlag dich tot wie nen Hund.«</p> + +<p>Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur + <span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> +Abwehr hoch. »Beruhige dich, +Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.</p> + +<p>»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und +stach mit der Heugabel nach mir.</p> + +<p>Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,« +war alles, was sie sagte.</p> + +<p>»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die +Heugabel beiseite, Mörder du.«</p> + +<p>Aber Fred wollte mich nicht schonen.</p> + +<p>»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich +nieder,« sagte er.</p> + +<p>Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt +war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der +Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals +vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.</p> + +<p>»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.</p> + +<p>»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich +will dir keinen Gefallen tun.«</p> + +<p>Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen +Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich + <span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> +wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der +Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand +Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und +holte ihren Vater heraus.</p> + +<p>»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«</p> + +<p>»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«</p> + +<p>»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.</p> + +<p>Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl +auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging +ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu +verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was +sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er +pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er +nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte +und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres, +als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als +ich lag und schlief.</p> + +<p>Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit, +wo der Frost begann, + <span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span> +in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte +Mr. Rodgers:</p> + +<p>»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«</p> + +<p>Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und +zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab +ihnen zu fressen.</p> + +<p>»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,« +sagte Mr. Rodgers.</p> + +<p>Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld +aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam, +der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem +neuen Hut aus der Stadt.</p> + +<p>Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke +zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann +hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke +um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas +unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.</p> + +<p>In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche +aufstand und die Jacke anzog.</p> + +<p>»Wo willst du hin?« fragte ich.</p> + +<p>Er gab mir keine Antwort.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span></p> + +<p>Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und +schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war +es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter +zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch +geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war +durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am +Morgen erwachte ich wieder.</p> + +<p>Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht +zurückgekommen.</p> + +<p>»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.</p> + +<p>»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.</p> + +<p>Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte +sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens +Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder +und sagte:</p> + +<p>»Wo mag nur Alice sein?«</p> + +<p>Ihr Gesicht war aschgrau.</p> + +<p>Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden +sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar +wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.</p> + +<p>»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span></p> + +<p>Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies +und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst +ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut +gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach +Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als +die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen +Enkelkinder.</p> + +<p>Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses.</p> + +<p>»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit +geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«</p> + +<p>»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.</p> + +<p>»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in +der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«</p> + +<p>Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.</p> + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span></p> + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Zachaus">Zachäus</h2> +</div> + + +<h3 class="no-break" id="I_2"><em class="antiqua">I</em></h3> + +<p>Tiefster Friede ruht über der Prärie.</p> + +<p>In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur +Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter +Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und +Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren Maschinen +sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige Laut, den man +hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind herübersteht, +schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, — das +klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten am Horizont. Zuweilen hört +man diesen Laut ganz merkwürdig nahe.</p> + +<p>Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen, +ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind +mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. Die Häuser der +Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem +unübersehbaren Weizenmeer aufragen.</p> + +<p>Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum späten +Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen beschäftigt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p> + +<p>Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden +Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden; +aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der +Billybory-Farm.</p> + +<p>Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in +dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt die Luft +ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.</p> + +<p>Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, spangedeckten +Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt wird, hört man die +Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in +größter Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen Herde mit Gras, +und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und +Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen +hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, +und die drei Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.</p> + +<p>Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von +militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und +sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von aller Welt Polly +genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span></p> + +<p>Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er +ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein +Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte Nummer von +einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt er keinem der +Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche liegen, um sie in seinen +freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit großem +Fleiß.</p> + +<p>Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine +Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu +lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch anzubieten, +die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen; +dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung des Kochs in der +Hand zu halten und bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen. +Aber der Koch vermißte augenblicklich seinen Schatz, suchte Zachäus in +seinem Bett auf und riß die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein +heftiger und lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.</p> + +<p>Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er +schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er +jemals einen Soldaten gesehen habe und + <span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> +ob er die Einrichtung eines +Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur +lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das +Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa Häuser in +Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe?</p> + +<p>Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch, +daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte. +»Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei +ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung wieder hingelegt haben, +nachdem er sie studiert hätte. »Steh' nicht da und spuck' auf den +Fußboden, du schmieriger Hund!«</p> + +<p>Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem +wütenden Gesicht.</p> + +<p>Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden +Landsleuten. —</p> + +<p>Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und speisen +jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken +herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen sich unter die +Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten während der Mahlzeit zu +ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt +wieder im Sattel + <span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> +und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und +die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zurück.</p> + +<p class="pmb3">Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und Kummen nach +der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen im +Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Gesänge +und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im Süden +mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat.</p> + + +<h3 class="no-break" id="II_2"><em class="antiqua">II</em></h3> + +<p>Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit +der Arbeiterschar langsam aus der Prärie heim. Die meisten waschen +ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige +kämmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen +vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, Einwanderer aus Europa +und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger +Vagabunden und verunglückte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande +tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird +gewöhnlich in großer Hast eingenommen, ohne daß irgend jemand was sagt. +Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher, + <span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> +der selber an der +Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit +beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. — — —</p> + +<p>Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von Schweiß +geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen Rücken +brannte.</p> + +<p>Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem großen +Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in die Nacht +hinaus.</p> + +<p>Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit Wasser +standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig während der +Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu +kalkhaltig, um darin zu waschen.</p> + +<p>Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd ab und +fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn +gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er pfiff sogar leise +vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.</p> + +<p>Da öffnete plötzlich der Koch die Küchentür. Er hielt eine Lampe in der +Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.</p> + +<p>»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> + +<p>Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus zu und +fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«</p> + +<p>»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.</p> + +<p>»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es +genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«</p> + +<p>Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an, +seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.</p> + +<p>Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem +Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und +lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.</p> + +<p>Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem kleinen +Ferkel? Mein eigenes Wasser!«</p> + +<p>»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. »Ich +habe es benutzt!«</p> + +<p>Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Zachäus.</p> + +<p>»Ich will sie dich kosten lassen!«</p> + +<p>»Wenn du es wagst!«</p> + +<p>Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und im +selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen ein +Geheul über + <span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> +das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und +Wohlbehagens.</p> + +<p>Zachäus aber hielt nicht lange stand.</p> + +<p>Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, seine +Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu können. +Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt über den Platz +und fiel dann um.</p> + +<p>Der Koch wandte sich an die Menge:</p> + +<p>»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gefällt!«</p> + +<p>»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.</p> + +<p>Der Koch zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein +großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den +Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen, +er wird literarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »Laßt +ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und +will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich für Generale gekocht +habe! Ist er Oberst der Prärie, frage ich?«</p> + +<p>Und alle bewunderten Pollys Rede.</p> + +<p>Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so verbissen, +genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span></p> + +<p>Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur +mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser +Lampe prügeln!«</p> + +<p>Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.</p> + +<p>Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in +ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang es +sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den +andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.</p> + + +<h3 class="no-break" id="III_2"><em class="antiqua">III</em></h3> + +<p>Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras auf den +Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist heute ebenso +scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengläsern voll +Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor +irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen. +Zachäus stößt einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute +später fängt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen +und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen.</p> + +<p>Ein Mann, der in einiger Entfernung die + <span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> +Heuharke fährt, hält sein +Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?«</p> + +<p>Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«</p> + +<p>Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: »Mir +ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche +mir den Finger, ich sehe so schlecht!«</p> + +<p>Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei +Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine +kleine Leiche.</p> + +<p>Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und +bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!« +Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen davon ab; +mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den +abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem +Kameraden für die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. — Er +hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall +hörte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zurück.</p> + +<p>Das erste, was Zachäus tat, war, den abgeschnittenen Finger +aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl in +eine Flasche, steckte den Finger hinein und + <span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span> +verkorkte den Hals fest. +Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche.</p> + +<p>Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der +Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf +den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag da und litt und +grämte sich über alle Maßen. Eine Untätigkeit wie diese hatte er noch +nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine +explodierte und seine Augen beschädigte.</p> + +<p>Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch Polly +selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den +Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht +in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, daß Zachäus sich nach +der Wand umdrehen und die Zähne schweigend zusammenbeißen mußte, weil +er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig war.</p> + +<p>Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen und +gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich war, fing +Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des +Tags, während der Hitze hielt er die Tür nach der Prärie und nach dem +Himmel offen. Oft saß er mit offenem Munde da und lauschte dem + <span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> +Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit +seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe.</p> + +<p>Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht +in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Tür vor der Nase zu, unter dem +Vorwand, daß es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er +sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer sich vor Wut aus der +Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel +nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum +Krüppel zu machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht, +um zu zielen und er traf niemals.</p> + +<p>Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu Mittag +essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch +ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute sein Essen +auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz verlassen da und +krümmte sich vor Langweile. Jetzt wußte er, daß die Küche leer war, +der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen draußen in der +Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen ausziehen, um sich über den +Eingesperrten lustig zu machen.</p> + +<p>Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und + <span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> +schwankt hinüber nach +der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an +ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zurück in +den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und fängt an, die +amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.</p> + +<p>Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, — die Stunden vergingen +jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der Proviantwagen +zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie +gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen zu waschen.</p> + +<p>Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies war +gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab. +Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den +Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung +wieder heraus und bringt sie auf seinem bloßen Leibe unter. Nie im +Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern!</p> + +<p>Es vergeht eine Minute.</p> + +<p>Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus liegt da +und starrt zum Dach empor.</p> + +<p>Polly tritt ein.</p> + +<p>»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in +dem Raum stehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> + +<p>»Nein!« antwortet Zachäus.</p> + +<p>»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.</p> + +<p>Zachäus richtet sich auf.</p> + +<p>»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird +ganz wütend.</p> + +<p>Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an, +die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die +armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.</p> + +<p>»Du mußt sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte und +schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um +und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!«</p> + +<p>Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte: +»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du +schmutziges Ferkel!«</p> + +<p>Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein +unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich +nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«</p> + + +<h3 class="no-break" id="IV_2"><em class="antiqua">IV</em></h3> + +<p>Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der +Regen vom Himmel + <span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> +hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die +Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher +Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten +Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder +Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.</p> + +<p>Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, wo +er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes +draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte. +Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen +zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch +antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe, +so bekäme er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zachäus' +Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«</p> + +<p>Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein Schicksal. +Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man ihm gab.</p> + +<p>»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte +er nur und machte sich über die Schüssel her.</p> + +<p>»Küken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß aus +seinen Augen, als er sich umwandte und ging.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> + +<p>»Küken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen mit +seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Küken, du Lügner.« Aber +es war Fleisch und Sauce.</p> + +<p>Und er aß von dem Fleisch.</p> + +<p>Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug werden +konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit zähem +Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das +Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen +selber behalten!« murmelte er und geht an die Türöffnung, um es +genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Plötzlich +eilt er nach der Pritsche zurück und sieht nach der Flasche mit dem +abgeschnittenen Finger, — die Flasche war verschwunden.</p> + +<p>Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit +verzerrtem Gesicht bleibt er in der Tür stehen und sagt, so daß alle es +hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?«</p> + +<p>Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.</p> + +<p>Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische zu kichern an.</p> + +<p>Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und, +Polly, ist dies nicht mein + <span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> +Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' ich +den nicht wiedererkennen?«</p> + +<p>Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen +Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.</p> + +<p>»Was hast du eigentlich?« fragte einer.</p> + +<p>»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,« +erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen +gebracht. Hier ist auch der Nagel.«</p> + +<p>Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, und +die Leute schrieen durcheinander:</p> + +<p>»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du +hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite +abgenagt!«</p> + +<p>»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, — — ich +dachte nicht — —«</p> + +<p>Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Tür hinaus.</p> + +<p>Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte +sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch +zusammen gekocht, Polly?«</p> + +<p>»Nein,« erwiderte Polly?. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür +haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen +Kessel.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span></p> + +<p>Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen +Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, sie +stritten und lachten darüber wie die Verrückten, und der Koch feierte +einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.</p> + +<p>Zachäus aber war verschwunden.</p> + +<p>Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer +nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus aber wanderte +weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug seine kranke Hand +in der Binde und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im +übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.</p> + +<p>Er setzte seine Wanderung fort.</p> + +<p>Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein +eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück, +den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen Schritten geht er +durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet. +Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an.</p> + +<p>Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum beim +Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er +den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune +ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> + +<p>Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz +stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen, +alles ist still, nur der Regen fällt noch immer, und von Zeit zu Zeit +schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und +schlägt weit hinten in der Prärie nieder.</p> + +<p>Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den +Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht naß +zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig, +dann begibt er sich nach der Küche.</p> + +<p>Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt +ruhig ein.</p> + +<p>»Guten Abend!« sagt er.</p> + +<p>Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:</p> + +<p>»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«</p> + +<p>Zachäus entgegnet:</p> + +<p>»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern +abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder waschen.«</p> + +<p>»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.</p> + +<p>»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«</p> + +<p>»Ich rate dir davon ab.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p> + +<p>»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.</p> + +<p>»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«</p> + +<p>Und Zachäus geht hinaus.</p> + +<p>Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht +mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser +herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.</p> + +<p>Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs +mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.</p> + +<p>»Was machst du hier?« fragt er.</p> + +<p>Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«</p> + +<p>»In meinem Wasser?«</p> + +<p>»Natürlich!«</p> + +<p>Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon +zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem +Hemd.</p> + +<p>Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand +heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.</p> + +<p>Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p> + + +<h3 class="no-break" id="V_2"><em class="antiqua">V</em></h3> + +<p>Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um +zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten, +was er so lange draußen gemacht habe.</p> + +<p>Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«</p> + +<p>Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören.</p> + +<p>»Du hast ihn erschossen?«</p> + +<p>»Ja!«</p> + +<p>»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«</p> + +<p>»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«</p> + +<p>»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«</p> + +<p>»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«</p> + +<p>»Das hast du getan?«</p> + +<p>Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.</p> + +<p>Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das +Gehirn.«</p> + +<p>»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der + <span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> +Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist das der Tod.«</p> + +<p>Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen — — —.</p> + +<p>Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit +dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war +herzlich glücklich über den Mord.</p> + +<p>Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht +weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag +irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei +war nichts mehr zu machen.</p> + +<p>Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten +Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu +trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor, +und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.</p> + +<p>»Wohin gehst du, Zachäus?«</p> + +<p>»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach +Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«</p> + +<p>»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche +Reise!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p> + +<p>Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große +Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.</p> + +<p class="pmb3">Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die +Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen +gleichen.</p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p> + + + +<div class="chapter"> + +<h2 class="no-break" id="Auf_den_Banken_bei_New-Foundland">Auf den Bänken bei New-Foundland</h2> +</div> + + +<p>Monat für Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabeljau. Der +Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an +derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa +und Amerika. Vier- bis fünfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon +hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann +segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben +Grunde und fischten Kabeljau — und steuerten wieder nach Miquelon +hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land. +Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen +an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und +Schiffshändler bewohnten.</p> + +<p>Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen »Kongo«, ein wirklicher +Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte +Stückpforten hatte von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an +Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest +waren Neger.</p> + +<p>Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus +und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im + <span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> Winter beim +Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf +derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem +»Kongo«.</p> + +<p>Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot +keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder +Montag wäre. Das einzige, was unsere Verhältnisse von denen der andern +New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungewöhnliche, daß unser +Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber +sehr widerliches Geschöpf mit ganzen Trauben von Warzen an den Händen +und entsetzlich mager und sehr klein.</p> + +<p>Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie +war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich +angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und — +nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen. Aber obwohl sie so unsauber +war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern, +wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns +hätte sie entbehren mögen. So genügsam waren wir geworden.</p> + +<p>Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer +weiter, gelangt irgendwohin + <span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> +und beendet schließlich seine Fahrt, wie +lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still, +mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser +Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen +konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr +verändert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich +ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und +hörten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir +interessierten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken +mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung +mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen, +fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine +eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten.</p> + +<p>Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier +draußen im Meer nicht hinausgelangen, und außerdem hatte der scharfe +Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen +Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze +Lebensfreude ertötet.</p> + +<p>Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht +ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben teilnahm, + <span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span> +war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im +ernstesten Tone:</p> + +<p>»Meinst du, daß man jetzt daheim Krieg führt?«</p> + +<p>So gleichgültig waren wir für alles geworden, daß wir fast nicht mehr +miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede +Frage lauten würde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe +hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich, +daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die +Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie +zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten, +gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in +jeder Beziehung hilflos und verlassen.</p> + +<p>Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog +draußen ein Auswandererschiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter +Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und in demselben Augenblick +im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen +Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten +einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und +die Lichter vom Schiff uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs +des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft + <span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> +einen plötzlichen +Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der +Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere +Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer +in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog.</p> + +<p>Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van +Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein +Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah, +daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen +eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer +und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau.</p> + +<p>Merkwürdige Gemütsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen, +wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht +heraufbekommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von +verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot auf die +Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Zähnen und ganz +toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir taten, wir +wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Mächten +der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefaßt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span></p> + +<p>Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemütsstimmung bekam, sagte +man auf den Bänken, er sänge »um klares Wetter«, weil wir meinten, +der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir +saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus +dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit +großen, zottigen Köpfen, und wieder verschwanden. Und zerfließende, +koboldhafte Gestalten schwebten in dem weißen Dunst umher, groß wie +Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind +blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten +sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen +Mänteln, die ihnen nachflatterten.</p> + +<p>Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über +die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere +Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und +ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein +Sturmwind, wir hörten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an +uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie; +dann verschwand er ...</p> + +<p>Aber wenn wir am Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit +unsern vollbeladenen + <span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> +Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter +Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag getan +zu haben, uns oft in einer andern Weise töricht und erregt. So geschah +es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die +Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln. +Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten +die großen Fische beim Kopf, drückten die Finger in ihre weichen Augen +hinein und hielten sie so in die Höhe, indem sie ganz eigenartig +lachten und sie ansahen.</p> + +<p>Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen +Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei +Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schloß.</p> + +<p>Diese fetten Fischleichen wirkten überhaupt sehr auf uns alle; wir +konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber öffneten; wir +schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, wühlten unnötig viel mit +den Händen in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem +Blut, als nötig war.</p> + +<p>Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gelüsten; aber +dafür war er von einer ganz verrückten Neigung zu der Schifferfrau + <span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> +entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns +allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie +liebe!« sagte er mehrmals am Tage.</p> + +<p>Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner +ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt +in sie; ich hätte ihn damals, als er es mir erzählte, auf der Stelle, +nur aus Eifersucht, totschlagen können. Denn auch mir erging es nicht +besser.</p> + +<p>Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig +umher und merkte nichts von dem allen. Uns würdigte sie keines Blickes. +Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem +Feldstuhl saß und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich über eine +Tauhaspel und wäre beinahe gefallen. Das ärgerte mich so, daß ich mich +umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte, +statt weiterzugehen, — ich muß entschieden sehr lächerlich ausgesehen +haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze +Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts +Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht.</p> + +<p>»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verrückten +Sprache; »weiß Gott, sie verfault!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span></p> + +<p>Und doch hätte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein mögen +...</p> + +<p>Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schnüre wieder ausgelegt waren, +war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden +mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen.</p> + +<p>Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu müde waren, ein bißchen +miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen, alles in +einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher +Worte ... Der Franzose wußte ein Stück von einem Mann zu erzählen, +der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses +Stück hatte er mehrmals erzählt, immer mit demselben großen Erfolg. +Die Russen waren ganz entzückt davon und lachten unaufhörlich, wenn es +erzählt wurde. Ihre Freude über die derbe Erzählung war so aufrichtig +wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt +in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit. +»Wie ging es dann weiter?« Und doch wußten sie ebensogut wie wir +andern, wie das Ganze zugegangen war.</p> + +<p>Van Tatzel dagegen war fast niemals so glücklich, wenn er <em class="gesperrt">seine</em> +Geschichte erzählte; wir mochten sie selten anhören. Wir verstanden +ihn + <span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span> +so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und außerdem verdrehte +er noch das Wenige, was er wußte. Wenn er im Begriff war, etwas zu +sagen, und plötzlich fest saß, sah er sich nach uns allen mit seinem +verzweifelten Gesicht um und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er +war wirklich sehr zu bedauern.</p> + +<p>Van Tatzel war der älteste von den Holländern, ein altes Schwein; +ziemlich taub, aber sonst gutmütig und gefällig. Er hatte immer +Wattebüschel in den Ohren, Sommer und Winter, große Wattebüschel, +die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine +ungewöhnlich schwerfällige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen +Kinde gemacht, und er vermochte nicht über seine Nasenspitze hinaus +zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak, +spuckte rücksichtslos in die Kajüte hinab und begann seine Erzählung +immer folgendermaßen:</p> + +<p>»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines +Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein +letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war, +aber es war schon sehr spät,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer +Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst +meine Hosen auf; + <span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> +ich entsinne mich, daß ich an jedem Hosenbein zwei +Krempel machte. Aber übrigens war ich mehr als betrunken und fiel bei +dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade +bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, — etwas, was mich +betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war +dicht hinter mir, mitten in der Straße — ihr mögt es mir glauben oder +nicht, aber es war eine Dame.«</p> + +<p>Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine +feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht +nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle.</p> + +<p>»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Straßen von Amsterdam?« +fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her.</p> + +<p>»Ja, eine Dame!« sagt er entzückt und lacht übers ganze Gesicht. Das +erregt ihn so, daß er es zweimal beschwört, und wir lachen über ihn +alle zusammen. Er versucht, weiter zu erzählen, sitzt aber wieder fest; +es ist ihm nicht möglich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes +Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden, +das uns die Sache klar machen könnte; aber er schweigt mäuschenstill. +Ihm liegt soviel daran, sich gerade über diesen + <span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> +Punkt auszusprechen; +und plötzlich, als er völlig überwältigt ist von der Erinnerung an +diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudrücken +vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein +großer Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von +uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern +Koje liegt und schnarcht.</p> + +<p>Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die +immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male gehört; sie begann +stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine +glaubwürdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran.</p> + +<p>Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das +Meer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die +Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die +Nacht ...</p> + +<p>Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von +dem Geruch von all diesem ausdünstenden Menschenfleisch, das sich in +wilden Träumen wälzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete +auf die plumpen Körper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren +paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre +dicken, nackten Füße glichen Fausthandschuhen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span></p> + +<p>Aus jeder Koje vernahm man Stöhnen und halbe Worte; die Neger lagen und +fletschten ihre weißen Zähne und sprachen laut, nannten einen Namen und +bliesen ihre schwarzen Wangen auf.</p> + +<p>Aus der Koje des jüngsten Holländers vernahm man unter glucksendem +Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes +Wimmern, — den Namen der Schifferfrau. Alle beschäftigten sich mit +ihr, diese lüderlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf +lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf +mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und +lächelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig, +gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier.</p> + +<p>Der scharfe Kajütenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden +Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren, +drückenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie +öffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer große Blume saß +auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre +nassen Blätter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und +still. Und ich wußte nichts mehr von der Welt ...</p> + +<p class="pmb3">Dann kam die Wache und weckte mich auf.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_107"></a></span></p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_108"></a></span></p> + + + +<p class="p3 center pmb1"><span class="font11">Die in diesem Auswahlbande enthaltenen</span><br /> +<span class="font11">Novellen stammen aus folgenden</span><br /> +<span class="font11">Büchern von <em class="gesperrt">Knut Hamsun</em>:</span></p> + + +<p class="p1 center pmb1"><span class="font14">Sklaven der Liebe</span><br /> +<span class="font11">und andere Novellen</span></p> + + +<p class="p1 center pmb1"><span class="font14">Die Königin von Saba</span><br /> +<span class="font11">und andere Novellen</span></p> + + +<p class="p1 center pmb3"><span class="font14">Kämpfende Kräfte</span><br /> +<span class="font11">Novellen</span></p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span></p> + + +<h2><a id="Werke_von_Knut_Hamsun"></a>Werke von Knut Hamsun</h2> + + +<div class="block3"> + +<p class="p1 pmb3"><span class="font14"><b>Erzählende +Schriften</b></span><br /><br /> + +<span class="font11">Im Mai wird erscheinen:</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Die letzte Freude.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman</span><br /> +<span class="font10">Geh. ca. Mk. 4.—, geb. ca. Mk. 5.—</span><br /><br /> + +<span class="font11">Früher sind erschienen:</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Hunger.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">7. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Mysterien.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">4. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Neue Erde.</em> Roman. 4.</span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">4. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Pan.</em></span><br /> +<span class="font10">(Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren.)</span><br /> +<span class="font10">9. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Redakteur Lynge.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">2. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Victoria.</em></span><br /> +<span class="font10">Die Geschichte einer Liebe.</span><br /> +<span class="font10">7. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Die Königin von Saba.</em></span><br /> +<span class="font10">Novellen.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Sklaven der Liebe.</em></span><br /> +<span class="font10">Novellen.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Im Märchenland.</em></span><br /> +<span class="font10">Erlebtes und Geträumtes</span><br /> +<span class="font10">aus Kaukasien.</span><br /> +<span class="font10">2. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Kämpfende Kräfte.</em></span><br /> +<span class="font10">Novellen.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Schwärmer.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Unter dem Halbmond.</em></span><br /> +<span class="font10">Reisebilder.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Benoni.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—,</span><br /> +<span class="font10">in Halbfr. Mk. 7.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Rosa.</em></span><br /> +<span class="font10">Roman.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 4.—,</span><br /> +<span class="font10">geb. Mk. 5.50, in Halbfr.</span><br /> +<span class="font10">Mk. 7.—</span> +</p> +</div> + +<p class="p1 center pmb3"><span class="font14">Albert Langen, Verlag, München</span></p> + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span></p> + + +<div class="block3"> + +<p class="p2 center font14 pmb1"><b>Werke von Knut Hamsun</b></p> + + +<p class="p1 pmb3"><span class="font12"><em class="gesperrt">Unter Herbststernen.</em></span><br /> +<span class="font10">Erzählung eines Wanderers.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk.</span><br /> +<span class="font10">4.50, in Halbfr. Mk. 6.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Gedämpftes Saitenspiel.</em></span><br /> +<span class="font10">Erzählung eines Wanderers.</span><br /> +<span class="font10">3. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb.</span><br /> +<span class="font10">Mk. 5.—, in Halbfr.</span><br /> +<span class="font10">Mk. 6.50</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Die Stimme des Lebens</em></span><br /> +<span class="font10">Novellen.</span><br /> +<span class="font10">5. Tausend.</span><br /> +<span class="font10">Tausend. Geh. M. 1.—,</span><br /> +<span class="font10">geb. Mk. 1.50</span><br /><br /><br /> + + +<span class="font14"><b>Dramen</b></span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">An des Reiches Pforten.</em></span><br /> +<span class="font10">Schauspiel.</span><br /> +<span class="font10">Geh. M. 3.—, geb. M. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Abendröte.</em></span><br /> +<span class="font10">Schauspiel.</span><br /> +<span class="font10">Geh. M. 2.—, geb. Mk. 3.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Munken Vendt.</em></span><br /> +<span class="font10">Dramatisches</span><br /> +<span class="font10">Gedicht.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Königin Tamara.</em></span><br /> +<span class="font10">Schauspiel.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.—</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Spiel des Lebens.</em></span><br /> +<span class="font10">Schauspiel.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.50</span><br /><br /> + +<span class="font12"><em class="gesperrt">Vom Teufel geholt.</em></span><br /> +<span class="font10">Schauspiel.</span><br /> +<span class="font10">Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 5.—</span></p> +</div> + +<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Hamburgischer Korrespondent:</em> Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist, +der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist +der Sänger einer großen melancholischen Melodie. Er ist ein Meister +schwermütiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein +Verkünder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam +pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht +viele der heutigen Dichter. Und wer verfügte über eine so beredte +Sprache, das Erlauschte zu verkünden, wie er?</p> + +<p class="p1 center pmb3"><span class="font14">Albert Langen, Verlag, München</span></p> + + + +<hr class="chap" /> + +<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span></p> + +<p class="p1 center font11 pmb3">Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br /> +Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik,<br /> +Niefern bei Pforzheim.<br /> +Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p> + + + +<hr class="chap" /> + +<p class="pmb3" /> + +<div class="transnote"> + +<p><b>Notizen des Bearbeiters:</b><br /></p> + +<p>— Inhaltsverzeichnis ergänzt.</p> + +<p>— Altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten.</p> + +</div> + + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78349 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78349-h/images/cover.jpg b/78349-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..257dc18 --- /dev/null +++ b/78349-h/images/cover.jpg diff --git a/78349-h/images/signet_bw1.jpg b/78349-h/images/signet_bw1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6351cd5 --- /dev/null +++ b/78349-h/images/signet_bw1.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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