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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-06-08 04:21:05 -0700
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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 ***
+
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: ~Tilden~
+ Antiqua: _Unterstriche_
+
+ Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+ und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem
+ Original unverändert.
+
+
+
+
+ [Illustration: Die bunte Reihe der Deutschen Buchwerkstätten]
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Die Kauzburg
+
+ Roman aus dem Tagebuch eines Freundes von Hans Kaboth
+
+ [Illustration]
+
+ Verlag Deutsche Buchwerkstätten
+ Dresden
+
+
+ ~Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1925 by
+ Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden~
+
+ [Illustration]
+
+ Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co., Altenburg, Thür.
+ ~Buchausstattung von Käte Vesper-Waentig~
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Da bin ich nun in meiner neuen Heimat. Was sag’ ich: Heimat? .... In
+meiner neuen Fremde bin ich. Ein kleines Städtchen ist’s, an einem
+Fluß gelegen, hoch wie ein Storchennest.
+
+In meinem Forsthause sitze ich nun und schreibe. Zum erstenmal in
+dieses Tagebuch, seit ich hier bin.
+
+Es gab mit dem Einrichten so viel zu tun, daß ich nicht zum Schreiben
+kam.
+
+Dazu noch der neue Dienst — kurzum, es kam nicht dazu. Noch ist mir
+alles so neu, so seltsam, daß ich mich an der Nasenspitze zupfen und
+fragen möchte: ist’s ein Traum oder ist’s Wirklichkeit?
+
+Ist’s Wirklichkeit, daß mein Forsthaus ein altes ritterliches
+Ordenshaus, eine echte, aus dicken Steinmauern vor einigen hundert
+Jahren erbaute Burg ist, oder träume ich nur?
+
+Der Fluß rauscht tief unter den Mauern meiner ritterlichen Forstburg
+vorbei und läßt die Fische springen, ein Käuzlein ruft sein Huhu und
+streicht unhörbar wie ein Geist — vielleicht der Geist eines einstigen
+Ritters oder Mönchs — ums Mauerwerk meiner Burg. Täuscht mich nicht
+alles, so hör’ ich den Forstlehrling schnarchen in seinem Kämmerlein.
+Der Hahn hat soeben gekräht. Mein Haushahn ist’s, ein echter
+Italiener. Ein Hund hat gebellt. Der Nachtrat tutet die Mitternacht
+ein und schlürft die Straßen des Städtleins hinab. Ein Duften, ganz
+weich und linde, zieht in mein offenes Fenster; »’s ist Frühling«,
+ruft es mir zu, die roten Mauerrosen ranken am steinernen Tor, an
+der steinernen Mauer, die meinen Garten umschließt. O Waldkauz, ich
+fühle dir nach, warum du des Nachts die Mäuslein fängst und den Tag
+verschläfst! Es steckt Poesie in einer solchen Vollmondnacht! Poesie
+steckt auch in meiner Forstburg, und das versöhnt mich mit dem alten
+Gemäuer.
+
+Mit Waldkauzgefühlen, Waldkauzaugen betrachte ich den alten Kasten,
+betrachte ich die Mäuse, die ungeniert um meinen Schreibtisch tanzen.
+
+Es ist Vollmondnacht, und unten, tief unten rauscht der Fluß vorbei.
+Wenn seine Flut an die hohen Steinpfeiler der großen Brücke drängt,
+dann rauscht diese Flut zürnend auf, dann wirft sie silbernen Brodel
+und silbernes Geschäum, wie ein Roß, das in den Zügeln schäumt. Ich
+kann’s von hier oben sehn. Ich kann den Spiegel des Flusses sehn, kann
+sehn, wie er glänzt und gleißt unter den hellen, sanften Strahlen
+des Vollmonds, der dort hoch oben im Nachthimmel hängt und langsam
+weiterschwebt. Mit einem milden Lächeln. Er ist erhaben über das
+kleine Weh der kleinen Mutter Erde. Er weint nicht mit, wenn Mutter
+Erde weint, nicht mit, wenn ihre Kleinen weinen. Er lächelt ewig, ewig
+sein gleiches Lächeln. Manchmal mit vollem Gesicht, manchmal nur mit
+der linken oder rechten Backe. Auch das ist schon genug, um sich an
+ihm zu erfreuen. Um ihm heraufzurufen: sei gegrüßt, Freund Mond, du
+einsamer Kauz dort oben! Lächle herab auf dieses kleine Städtlein,
+lächle herab auf meine Forstburg hier. Du gehörst zu solcher alten
+Burg, zu solchem Garten mit tausendjährigen Bäumen, mit aufgetürmtem
+und verwestem Laube, zu solcher Steinmauer und solchem Steintor, in
+dessen Wölbung es hohl klingt, schreitet man hindurch.
+
+Wie ward mir zumute, als ich das erstemal durch diese Steinwölbung
+schritt.
+
+Kalt wehte es mich an aus all dem Steinwerk längst vergangener Zeit.
+
+Als sich der schwere eiserne Torflügel krachend hinter mir schloß, da
+schien’s mir, als brächen sich tausend dumpfe Stimmen im dröhnenden,
+dumpfen Widerhall. »Eingesargt, lebend begraben«, höhnten die Stimmen,
+»laß alles hinter dir, was du liebst und haßt«, tönte es aus der
+großen Halle des Hauses, »ich halte dich fest und gebe dich nicht mehr
+heraus«, hauchte mich kalt der Atem des toten Ritters an, der zwischen
+zwei Mauern dieses Hauses seit dreihundert Jahren stehen soll, selbst
+zu Stein geworden. »Huhu, huhu«, schrien die beiden Käuzlein, die ich
+aus ihrem Schlafe aufscheuchte — »verdammtes Gezücht!«, schimpfte ich
+und schwang meinen Jägerhut von der feuchten Stirn, »Otterngezücht und
+Raubgesindel, laßt mich zufrieden! Ein Jäger bin ich, ein Grünrock,
+leben will ich noch hundert Jahre. Der Wald wird mich schützen, mein
+grüner Rock wird meine Schutzhülle sein, auch hier in diesem alten
+Steingemäuer, das nun mein Forsthaus werden soll!« Aber mein Herz
+sprach anders als mein Mund. Auf mein Waldherz legten sich all die
+schweren, großen Steine und Steinplatten dieses alten Ritterbaues.
+»Mein Gott, das soll ein Forsthaus sein?« sprach des Jägers Herz und
+zog sich zusammen, »rings um den Garten eine hohe Mauer aus Steinen,
+die Titanen zusammengefügt zu haben scheinen?« Vor mir die Steinburg
+selber, aus deren Halle mir’s wie dumpfe Grabluft entgegenwehte,
+links neben der Burg ein Steinbau, hoch genug, daß man nicht darüber
+äugen konnte, — er wölbte sich — wie die Städter behaupten — über dem
+unterirdischen Gange, der von hier aus unter der Stadt hindurch, den
+Abhang hinab bis ans Flußbett der Eder sich ziehen sollte, im Garten
+der zugeschüttete, kreisrunde Brunnen, von dem der Steinring noch
+stand. Hinter der Wohnburg der wildromantische Hauptgarten mit seinem
+schier undurchdringlichen Gestrüpp und tausendjährigem Baumwuchs, und
+hinter dem Garten, als Abschluß von aller Außenwelt, die unheimlich
+hohe und wie ein Pfeil nach oben zugespitzte Seitenmauer des einstigen
+Ritterschlosses. »Ein Mönch müßte ich sein, kein Grünrock, dann paßte
+ich hierher«, seufzte ich auf und trat durchs hohe Hausportal in den
+großen Flur.
+
+Eine steinerne Treppe führte nach oben.
+
+Ich stieg hinauf und stand nun oben in den leeren hohen Stuben.
+Winzige Türen führten von einem Raume in den andern. Um so winziger
+sahen die Türen aus, da sie fast sechs Meter hohe Stuben miteinander
+verbanden.
+
+Das erste lebende Wesen, das mir hier oben entgegensprang, war eine
+Maus. Eine dicke, fette Maus. Neugierig sah sie mich mit ihren blanken
+Augen an. Furchtlos blieb sie mitten in der Stube vor mir sitzen. Ich
+war der Eindringling, sie die Bewohnerin. Meinen grünen Jagdhut zog
+ich vom Kopf, wie sich’s gehört vor solcher Ordensmaus: »Verzeih’
+die Störung, ahnenreiche, vornehm geborene Maus, ich bin der neue
+Oberförster, der sein Forsthaus besichtigt, und morgen kommen die
+Möbel«, sagte ich frischweg, um ihr gleich klarzumachen, worum es sich
+handelt. Sie schwieg und sah mich neugierig mit blanken Mausaugen an.
+
+»Du bist erstaunt, teure Maus«, fuhr ich fort, »ich sehe es deinen
+Augen an, die mich neugierig mustern, wie man einen Weinreisenden
+mustert, der zum ersten Male unser Haus betritt. So wisse denn, daß
+ich nicht weniger erstaunt bin, dich hier zu sehen. Leer glaubte ich
+dies Haus zu finden, nun finde ich’s bewohnt von unten bis oben. Unten
+in der Halle glühten mich die Augen einiger Waldkäuze, die ich aus
+ihrem Schlafe weckte, nicht gerade freundlich an, hier oben finde ich
+dich mit deiner anscheinend recht zahlreichen Familie vor, denn wie
+ich sehe, äugt aus jedem Mauerloch ein zierliches Mausköpflein nach
+mir hin, und oben im Dachgeschoß sitzt ein Volk von Tauben, ich hörte
+sie beim Hinaufsteigen gurren und locken und sah sie flattern und
+fliegen.« — — —
+
+»Teure Maus,« fuhr ich nach einigem Zögern fort, da sie noch immer
+schwieg, »nimm von mir die Versicherung entgegen, daß ich die alten
+Rechte der bisherigen Bewohner, soweit es geht, respektieren
+werde. Euch, werte Mäuse: die Löcher, mir: der übrige Raum des
+Hauses! So begrüße ich dich denn als die Vertreterin des mir teuren
+Mausgeschlechtes, mit dem ich mich schon von meinen früheren
+forstlichen Wanderungen her in alten Forstwirtshäusern, Förstereien
+und Waldwärtereien, Jagdhütten und Jagdverstecken freundschaftliche
+Beziehungen verknüpfen. Freundschaft wollen wir halten, solange ich
+hier hausen werde, und daß von eurer Seite diese Freundschaft, die ich
+euch entgegenbringe, nicht zu sehr ausgenutzt wird, dafür, teure Maus,
+wird der Waldkauz sorgen, der mich besuchen kommt.« Das schien ihr
+unangenehm zu sein; die Diele knarrte unter meinem Fuß: husch, husch,
+waren alle Mäuse verschwunden.
+
+[Illustration]
+
+So nehme ich denn Besitz von diesem Hause. Ich, der Grünrock, von der
+einstigen Ordensburg. »Kauzburg« will ich sie nennen. Bleibt ruhig
+wohnen hier, ihr Käuze, Mäuse und Tauben. Schränkt euch ein wenig ein
+in eurer Freiheit, so wird es gehn. Eine Katze will ich mir halten und
+einen Hund. Seht zu, daß ihr ihnen entwischt. —
+
+Seitdem sind Wochen vergangen. Kahl lag die Gartenmauer da, als ich
+einzog; jetzt ranken die blühenden Kletterrosen in allen Ritzen.
+Goldregengesträuch mit den gelben giftigen Blütentrauben steht in den
+Ecken des Hofes vor dem Hause, der Flieder blüht weiß und rot und lila
+und vergeudet üppig schwülen Duft, ein alter Rotdorn streckt seine
+rote Blütenpracht bis ins Fenster zu mir hinein, die Haselsträucher
+setzen Nüsse an, der alte Nußbaum wird wieder jung im jungen Frühling,
+die Meisen zirpen, der Pirol lockt, die Finken schlagen, und der
+Kuckuck ruft. Selbst Spechte, die scheuen Waldvögel, hab’ ich in
+meinem Garten.
+
+Und siehe da, die Steinmauern bekamen Leben. Überall grünte es aus
+den Ritzen hervor. Selbst zwischen den altersgrauen Steinen, mit
+denen der Burghof gepflastert ist, sproßt das Gras. Ist das das alte
+Steingeröll, in dem ich hause? Vor dem mir grauste, als ich’s sah?
+Dornröschens Märchenschloß bewohn’ ich jetzt. Nur das Dornröslein
+fehlt mir noch. Oder wie? Bin ich nicht undankbar und ungerecht?
+Schlürft nicht tagaus tagein meine Wirtin durch die hohen Räume des
+Dornröschenschlosses? Sieht sie nicht schlafestrunken, verschlafen und
+wie ein Dornröschen aus nach tausendjährigem Schlaf? Ach, allzuviel
+von dem Dörnlein, und allzuwenig von dem Röslein hat meine Wirtin.
+
+Laß gut sein, tapferes Junggesellen-Jägerherz, du bist ja nicht
+verheiratet mit diesem Dornröschen. Leicht kannst du dies Röslein
+gegen ein neues vertauschen. Es blühen so viele Röslein draußen, die
+gerne in solche Forstburg ziehn.
+
+Frühlingsmondnacht glänzt wie ein Schleiergewand aus gleißendem
+Silberschein um meine Kauzburg. Ans stille Fenster bin ich getreten
+und habe hinausgeblickt in diese stille Nacht. Nachtstimmen raunten an
+mir vorüber. Die Blumen sprechen, und der Frühling singt ein Lied. Wie
+ein Kosen lacht es verstohlen aus dem Mondglanz zu mir herein. Wie ein
+Kosen huscht es von Blüte zu Blüte, wie ein Kosen tönt des Flüßchens
+Rauschen zu mir hinauf.
+
+Der fernen schlesischen Heimat muß ich gedenken. Hoch oben am
+nächtlichen Himmel ziehn große Vögel hin. Aha, Wildgänse sind’s, ich
+hör’ sie rufen. Wie wunderbar klingt doch ihr heiseres Krächzen in
+dieser stillen Nacht. Wie wunderlich harmonisch klingt es in diesen
+stillen Frühlingszauber hinein. Verspätete Wildgänse. War eines von
+euch flügellahm geworden unterwegs? Und habt ihr getreulich ausgeharrt
+bei eurem kranken Weggenossen? Dort, wo ihr herkommt, liegt ja
+Schlesien! So bringt ihr Grüße der Heimat! Ihr schnellen Segler der
+Nacht! Wie kleine Punkte seh’ ich euch nur noch schweben. Nachthimmel
+nimmt euch auf. Der unendliche Raum, in dem ihr meinen spähenden Augen
+entschwindet.
+
+Gute Nacht, gute Nacht!
+
+[Illustration]
+
+Immer siegreicher kämpft der Frühling um meine Kauzburg. Wie ein König
+ist er eingezogen in meinen großen ummauerten Burggarten.
+
+Aus dem hoch angewehten, verwesenden Laube, das in dem Buschwerk
+liegt, sproßt es in allen Farben. Maiglöckchenduft hängt am Gebüsch,
+noch hab’ ich die Spender nicht entdeckt in diesem Chaos von wildem
+Gerank, auch die Nachtigallen kann ich nicht erspähn in diesem
+verschlungnen Gesträuch. Nur singen und pfeifen höre ich sie, nur
+den Duft der Maiglöckchen spür’ ich. Wozu denn auch sehn, wer so
+viel Schönes verschenkt? Freu’ dich der Schönheit, daß sie sich dir
+schenkt, und spüre ihr nicht nach. Deine Feder, kleine schlesische
+Nachtigall, habe ich heute hervorgekramt; mit deiner Feder will
+ich heute schreiben. Während die Nachtigallen der Fremde, in der
+mein Heim, das ich bewohne, liegt, um mich den Reigen ihrer holden
+liebedurchglühten Sangeslust schlingen, während aus ihren Kehlen die
+klangtiefen Töne schmelzend wie flüssiges Gold, das in dem heimlichen,
+verborgenen Schachte tropft, mich umschmeicheln, will ich mit deiner
+Feder schreiben. Oder tönt der liebliche Sang, den ich zu hören meine,
+aus deinem Kiel zu meinem lauschenden Ohr? Bist du es, Sängerin der
+fernen Heimat, die mir die schönen Lieder in der Fremde singt? Hätte
+ich wirklich nicht nur aus deinem kleinen Vogelleibe diese Feder
+gerupft? Hätt’ ich die liebe kleine Sängerseele am Ende selber mit
+mir fortgenommen? Wie? Träume ich denn? Oder bist du es selbst, mein
+graues Vöglein, aus Schlesiens dunklem Walde, das aus dem holden Kiele
+schlüpfte und nun dicht vor mir sitzt auf meiner Schreibtischplatte?
+So singe, so singe! Die Hände falte ich und höre dir zu. — — —
+
+Ich höre dich singen, Marianne, ja, ich höre dich singen. Seit der
+Stunde, da du in dieses Forsthaus, in meine Kauzburg, gekommen bist,
+von dem Augenblicke an, wo deine leichten Füße über die breiten,
+schweren Steinstufen gazellenleicht hinaufgeeilt sind, fast von dem
+Augenblicke an hat dein fröhlicher Sang die hohen Räume dieses Hauses
+belebt.
+
+Wenn ich dich, kleine Marianne, mit meiner Wirtin zusammensehe, wenn
+ich sehe, wie du ihr hilfst und das Feuerlein frühzeitig anbläst
+mit deinen kirschroten Lippen, dann kommt es mir vor, als hätt’ ich
+zu einem Uhu eine Nachtigall eingesperrt. Ich brauche gar keine
+Nachtigall mehr, seitdem du in der Kauzburg bist.
+
+Man sagte mir, du seiest ein Kind der Straße, als ich dich mietete.
+Nun gut: dann hatte die Straße das schönste Kind, das je gezeugt war
+auf dieser Erde.
+
+Seit drei Wochen habe ich dieses Kind der Straße in meiner Forstburg.
+Meine Wirtin klagte über zu viel Arbeit. Drum hielt ich Ausschau nach
+einem Mädchen zur Aushilfe. So kam Marianne ins Haus. Ich erschrak,
+als ich sie sah. So viel Schönheit von der Straße aufgelesen! Staub
+hatte ich auf der Straße hier schon genug gesehn, daß solche Schönheit
+im Straßenstaube blühn konnte, hätte ich nimmer gedacht. Rose bleibt
+Rose im düsteren Straßenwinkel, hinter dem blindesten Kellerfenster.
+
+Ich erschrak, als es an der Tür klopfte, auf mein »Herein« die
+Tür sich auftat und nun das Mädchen, dieses Mädchen in die Stube
+hereintrat. Ein dunkles Augenpaar, groß und tief und glänzend, sah
+mich an, halb furchtsam und scheu, halb trotzig und bittend, halb
+lachend und halb voll unbestimmter sehnsuchtsvoller Schwermut. Darüber
+die weiße niedrige Stirn und über der das rote Haargewoge. War’s die
+Sonne, die rote Flecke in ihr Haar warf? Aber das Rote blieb auch
+im Schatten der Wand. Ein wunderbares Rot. Kein flammendes, grelles
+Rot, nein, wie ein roter Goldhauch lag’s in dem Haar, in jeder
+seidenweichen Strähne. »Wie heißen Sie?« fragte ich kurz. »Marianne«,
+antwortete sie und schwieg. »Was sind Ihre Eltern?« — »Ich habe keine
+Eltern.« »Wer waren Ihre Eltern?« — »Ich weiß nicht.«
+
+Und nun ist Marianne, das Kind der Straße, schon drei Wochen in meiner
+Burg.
+
+Meine Wirtin mag sie nicht leiden, ich weiß es. Sie hat wiederholt
+bei mir Versuche gemacht, das Mädchen los zu werden. Sie schimpft und
+sucht sie schlecht zu machen bei mir.
+
+Marianne ist ein wunderliches Menschlein. Sie ist nicht zuverlässig in
+ihrer Arbeit und treibt sich lieber draußen im Frühling und lockenden
+Sonnenschein herum.
+
+Sie singt und stört die Ruhe der Kauzburg, ich weiß es. Himmel noch
+eins! Ich weiß es! Ich weiß es!
+
+Sie stört die Ruhe der Kauzburg, meine Ruhe stört sie mit ihrem Singen.
+
+Mit ihrem roten Haar stört sie mich, ihre dunklen, tiefen Augen stören
+mich.
+
+Mädchen, Kind der Straße, du mußt fort, bald fort aus der Kauzburg,
+fort aus meiner Nähe mußt du. Froh bin ich, wenn ich dein Singen höre,
+seh’ ich dein rotes Haar, blicke ich in deine dunklen Augen. Wo darfst
+du denn fort, du armes Kind der Straße, wo werde ich dich denn wie ein
+wildes Tier auf die Straße werfen, nein, nein, in der Kauzburg bei
+mir mußt du bleiben!
+
+So hab’ ich also eine Nachtigall in meinem Hause.
+
+Aber es ist kein graues unscheinbares Vöglein, nein, ein Paradiesvogel
+an Schönheit ist diese Nachtigall.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Krähen sitzen auf sonnenhellen Feldern. Krähen sitzen dort und
+krächzen, fliegen mit schweren, schwarzen Flügeln auf die nächsten
+Pappeln, wenn mein Wagen ihnen zu dicht auf den schwarzen Krähenleib
+rückt, und fliegen — kaum bin ich vorbei — ebenso schwarz, ebenso
+schwer, ebenso krächzend, ins Saatfeld hinab. Ich bin auf der Fahrt
+in meinen Wald. Es war Spätnachmittag, als ich nach Hause fuhr. Einen
+kleinen Umweg machte ich, um an meiner Forellenfischerei, die ich
+gepachtet habe, entlang zu fahren.
+
+Das ist ein schmales Gebirgswasser, das zwischen den Bergen zu Tale
+fließt. Gern fahr oder gehe ich diesen Weg. Ich selbst hatte noch
+nicht die Angel nach den rotpunktigen Fischlein im klaren Wasser
+ausgeworfen. Nur mein Forstlehrling war einige Male draußen gewesen
+und hatte ein paar Forellen gefangen. Heute wollte aber auch ich mein
+Glück als Fischer versuchen. Das Angelzeug lag im Wagen. Als das
+Flüßchen in Sicht kam, ließ ich halten und stieg aus.
+
+»So, nun können Sie nach Hause fahren«, befahl ich dem Kutscher,
+nachdem ich das Angelzeug herausgenommen hatte. Immer schwächer und
+ferner ist das Rollen der Wagenräder zu hören. Nun ist’s verklungen,
+und nur der kleine, zwischen den Erlen und Weiden eingebettete Fluß
+rauscht zu mir herauf. Es will Abend werden. Mit rotgoldenen Streifen
+flammt die Sonne in den Buchenwald, der auf den Höhen steht, hinein.
+
+Die Fische werden springen, denk’ ich.
+
+Mit dem Strome des Wassers gehe ich und werfe die Angel aus. Nicht
+lange, so schnelle ich die erste Forelle heraus. Weiß Gott, es macht
+Spaß. Ich hätte es nie gedacht. Um das große Erlengebüsch biege
+ich, die Wiese schiebt sich bis an den kleinen Fluß heran, auf dem
+grünen Wiesengras ziehen die rotgoldenen Streifen der Abendsonne,
+Schmetterlinge gaukeln im warmen Frühlingsabend, Rehe treten aus dem
+waldigen Hang und äugen scheu nach dem Wässerlein hinab — was sehe
+ich! — dort vor mir am Ufer sitzt Marianne!
+
+Ja, es ist Marianne. Das Kind der Straße ist es, das in mein Haus
+gekommen ist, zum Leid, zur Freude der Bewohner. Wie Feuer sprühte
+und gleißte ihr Haar in den goldenen Abendstrahlen einer versinkenden
+Sonne. Hatte sie mich bemerkt? Ein wenig wandte sie ihren Kopf nach
+mir hin, gleich aber wieder fort. Sie hielt die Angel in das Wasser.
+»Was tun Sie denn hier, Marianne?« rief ich sie an. Wozu meine
+törichte Frage? Ich wußte doch, was sie tat; ich sah es doch, ich
+hatte es ihr doch erlaubt, angeln zu gehn, wenn die Arbeit im Hause
+getan war. Warum klopfte mir denn das Herz so ungestüm? Bin ich ein
+Räuber, der unschuldige Mädchen überfällt? Kann ich rotes Haar nicht
+sehn? Frage ich so laut und töricht, weil mir das Blut in den Adern
+schlägt? Bin ich zu rasch gegangen? Hat mich das Angeln so aufgeregt?
+Ist es mir unangenehm, das Mädchen hier zu treffen? Ich bin der Herr,
+sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort fordern auf meine
+Frage: was tun Sie denn hier, Marianne? »Muß ich antworten?« sagte
+sie, stand auf und kam an mich heran. Eigentümlich berührten mich
+ihre Worte. Nein, ganz offen, ich schämte mich. Hätte sie in mich
+hineingesehen, mich durch und durch gesehn mit ihren wunderbaren
+Hexenaugen, so hätte sie mich mit diesen drei Worten nicht stärker
+treffen können. — Pfui, Pfui, wie hatte ich häßlich und roh gedacht:
+ich bin der Herr, sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort
+fordern auf meine Frage. Das ist das Rechte! Das ist mein Mitleid mit
+den Dienenden! Das mein Mitleid mit dem Kinde der Straße!
+
+»Muß ich antworten?«
+
+»Nein,« sagte ich, »nein, Marianne, Sie brauchen mir nicht zu
+antworten. Ich sehe ja, Sie angeln, ich sehe sogar, daß Sie ... ei,
+ei, eins, zwei, vier ... sechs Forellen gefangen haben und was für
+schöne.«
+
+»Ich habe hier gesessen, die Angel geworfen und gesungen, so hab’ ich
+die Fische herbeigelockt, nun sind sie tot«, sagte sie und blickte auf
+die im Wiesengras liegenden, vor kurzem noch in ihrem Wässerlein so
+frohen Fische.
+
+Ihre Augen blickten grausam.
+
+Ach, es ist ja ein Unsinn! Wie können denn ihre Augen grausam blicken?
+Töricht bin ich, ganz töricht.
+
+»Ach, ihr armen Fische! Eben noch so gewandt und flink im kühlen,
+sprudelnden Wasser, und nun so starr und unbeweglich«, meinte ich.
+
+Marianne sah mich an.
+
+»Was machen Sie denn für Augen, Marianne!« stieß ich heraus. Schon
+blickte sie fort. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
+
+Worüber war ich erschrocken? Ein Tiger kann grausame, blutdürstende
+Augen machen, aber doch nicht dieses Mädchen! Ja, hab’ ich denn
+Fieber? Ist es das glühende Abendlicht der Sonne am Berghang oben,
+wo sie versinken und uns den Abschied von ihrem rotsprühenden Feuer
+schwer machen will, — ist es dieses dämonisch schöne Leuchten, das mir
+aus Mariannens Augen entgegenglühte?
+
+Ich warf noch ein paarmal meine Angel aus. Aber nichts fing ich. Stumm
+folgte mir Marianne. Ich plauderte mit ihr. Aber schließlich merkte
+ich, daß ja ~ich~ nur sprach. Hastig sprach. Und daß sie schwieg. Nur
+einige Male lachte sie halblaut auf, wenn ich ihr etwas Scherzhaftes
+erzählte. Ihr Lachen klingt so silbern und heimlich, wie das Lachen
+des Flüßchens, das über die Steine springt, silbern und heimlich
+klingt.
+
+»Wo haben Sie nur Ihr prachtvolles rotes Haar her, Marianne?« scherzte
+ich, als ich die Angelschnur aufrollte, und sie mir dabei half.
+
+Sie sagte kein Wort, warf nur mit einer unnachahmlich anmutigen
+Bewegung das ganze wogende Haar nach vorn, daß es mich streifte,
+umfaßte, und mein Gesicht in dieses glühende, kosende, duftende
+Seidengewebe einhüllte. Nur einige Sekunden lang, schon war ich frei.
+Vor meinen Augen nur wogte es noch rotgolden, leise knisternd, ein
+goldenes Funkenmeer. Ein paar Herzschläge lang stockte mein Atem. War
+ich berauscht? War’s wilde Lust, wildes sehnendes Jauchzen, das den
+Mann in des Weibes Arme treibt?
+
+»Marianne«, stieß ich hervor. Hat meine Stimme gezittert? Dicht neben
+mir stand dieses Kind der Straße, das ich zu Leid und Freud’ in meine
+Kauzburg genommen habe, das ich bewahren will vor dem Verkommen im
+Straßenstaube.
+
+Eine Sekunde lang sah sie starr in meine Augen. Dann packte sie
+gleichgültig das Angelzeug zusammen, bog ihre schlanke Gertengestalt,
+hob den Rucksack mit den Forellen aus dem Wiesengras, warf ihn über
+ihren Rücken und schnallte ihn fest.
+
+»Der ist zu schwer für Sie, Marianne«, sagte ich und wollte ihn
+ihr abnehmen. Sie wehrte sich dagegen. Meine Hände berührten ihre
+Schultern, ihre atmende Brust, wie ein Feuerstrom schlug’s in mein
+Gesicht. Ich trat zurück. »Nun, wenn Sie ihn durchaus behalten wollen,
+so behalten Sie ihn. Wird’s Ihnen unterwegs zu schwer, so geben Sie
+ihn mir.« Wie ein Knabe sieht sie aus! Wie ein schlanker Knabe! Sie
+hat ihr Kleid gerafft, der Rucksack schnürt ein wenig ihre Schultern
+zusammen, den Angelstock benutzt sie als Stock. Einen grünen Hut hat
+sie auf ihr rotes Haar gestülpt, und es ist zu einem wildwirren Knoten
+aufgestellt, so schreitet sie tapfer und biegsam vor mir her. Ich ließ
+sie vorneweg gehen. Sie sollte den Schritt angeben. Ich wär’ am Ende
+zu rasch gegangen, hinter mir her wär’ sie gekeucht und hätte nichts
+gesagt. »Denn ich bin ja der Herr des Hauses und sie nur ein Kind der
+Straße!«
+
+Es dunkelte. Ein weicher Frühlingsabend hing in den duftenden
+Blütenbüschen, hing in der Nachtluft über und um uns, wogte Feld
+auf Feld ab, küßte das tauige Wiesengras, sprang auf den Wellen des
+Flüßchens und kicherte unter den Erlen, schwebte hinauf, immer höher
+hinauf und holte den Mond über den Saum des Berges hinüber. Kein
+Staub der Straße drang bis hierher zu unserem Wiesenstege, rein war
+die Luft wie Gold, nichts Unreines kennt die Natur.
+
+Unreines entsteht erst dort, wo man die Natur zwingen will, nicht mehr
+Natur zu sein.
+
+Wir jetzigen Menschen kennen ja gar nicht die Natur. Von Kindheit
+auf entfernt man uns von ihr. An solchen Abenden wie heute überfällt
+mich die Sehnsucht, Natur zu sein in der Natur. Abzuwerfen, was Zwang
+und Sitte fordern, eine Hütte zu haben im Walde weit draußen und
+fern von Zwang und Sitte, zu leben dort wie das Getier des Waldes,
+wie der Hirsch, der durch die Wälder zieht, wie das Reh, das auf
+die Frühlingssaaten tritt, wie das Bienlein, das an jeder Blüte
+nascht, wie der lustig singende Vogel hoch im Gezweig der Bäume, wie
+der Waldkauz, der den Mond zum Gevatter bittet bei seiner stillen
+Mäusejagd. Halt da! Ich ~habe~ ja mein Kauzgehäuse, ich ~bin~ ja schon
+ein Kauz! Willst du die Käuzin sein, schlanker Bursch vor mir mit
+deinem grünen Jägerhut im sprühenden Rothaar, was?
+
+Ganz übermütig ward mir zumute!
+
+Übermütig sprudelt das Flüßchen neben unserem versteckten Erlenweg,
+übermütig scherzen die Rehe auf der Bergsaat links drüben unter dem
+Buchenhang, übermütig bescheint der helle Vollmond mich und das
+schlanke Bürschchen vor mir, übermütig quillt all das funkensprühende
+Rothaar aus seinem wirren Knoten und schaukelt und weht wie ein
+Stückchen goldnen Vließes, voll Übermut quiekt das Froschzeug im
+feuchten Wiesenloch, voll Glück und Übermut singt in dem einen
+einzigen Fliederstrauch, der an dem Mühltor blüht, die eine einzige
+Nachtigall hier draußen am Flüßchen und Walde, voll Glück und Übermut,
+und dabei klingt es sanft und flötend wie ein Lied der Trauer.
+
+Ei, du mein Jägerbürschlein vor mir im hellen Mondschein, wie
+schreitest du schlank und leicht dahin! Dein schlanker Mädchenleib
+biegt sich wie eines Fischleins glattes Körperlein, bist etwa du
+~selbst~ solch Fischlein und bist in Menschengestalt nur an Land
+gestiegen aus kühler, heimlicher Wasserflut? Bist etwa du ~selbst~
+solch Forellchen, das zwischen den Steinen des Flüßchens neugierig auf
+Beute lauert? So schön, so schlank, so anmutig mit seinem rotpunktigen
+Fischleib, und hinter all der Schönheit, Schlankheit und Anmut
+verbirgt sich die schreckliche Raubgier?
+
+Sag’ ~an~, Marianne, du Weggenosse im blassen Mondglanz des Frühlings,
+was birgt sich hinter der weißen, von rotem Feuerhaar umsponnenen
+Stirn bei dir? Verwandle dich, Bürschlein, verwandle dich flugs
+zurück in den glänzenden Fischleib, aus dem du entsprangst, dann zieh
+mich hinein zu dir in die Flut, in das singende Wasser. Dann presse
+mich fest und ewig in deine weißen, wonnigen Arme, dann laß mich nie
+los mehr und sauge mein Leben, mein Atmen, mein Ich tief, tief in dich
+hinein!
+
+[Illustration]
+
+Die Welt ist weit und groß. Aber für jeden Menschen liegt in dieser
+weiten und großen Welt eine enge Heimat. Die Enge der Heimat empfindet
+man nicht. Licht und groß und weit erscheint die Heimat. Hörst du es,
+meine Heimat? Du bist mir weit und groß und licht. Das Sehnen ins
+Weite hört auf, wenn mich dein Arm umschlingt. O, lege deine ~beiden
+Arme~ um mich, du Heimat meiner Kinderjahre, nimm mich hin, halte mich
+fest, und laß mich nimmer los.
+
+Ich hör’ die Glocken läuten in meinem Heimatdorfe, die Oder hör’ ich
+rauschen, ich sehe den Eichwald, in dem ich als Knabe pürschte, am
+Saum des Waldes den Bach, der sich ins Feld verliert, und dort im
+Sonnenschein das Dörflein selbst. Grüß dich Gott, du liebes Dorf!
+
+Und das alles hat ein Brief bewirkt! Meiner Mutter Brief. Ein paar
+Kornblumen hat sie auf heimatlichem Feld gepflückt und in den Brief an
+den fernen Sohn hineingelegt.
+
+Ihr holden Blumen des Feldes, wie duftet ihr süß und frisch zu mir
+herauf. Wie habt ihr den Duft mir bis in die Fremde zugetragen! Habt
+Dank dafür.
+
+Ein Friedensodem weht mich an und macht mich still und froh zugleich.
+Und kindlich fromm. Und ruhig. Bin ich denn anders geworden?
+
+»Mein lieber, guter Sohn.«
+
+Vier Worte einer Mutter. Ja, Mutter, in deinem Herzen bleib ich gut
+und lieb. Und will’s bleiben für dich. Du hast dich geängstigt, weil
+ich so lange nicht schrieb? Hab’ ich denn lange nicht geschrieben?
+
+O, ängstige dich nicht, meine Mutter. Ich käme mir ruchlos vor,
+wolltest du dich um mich und meine Schuld ängstigen. Eine Schuld ist’s
+für den Sohn, Ursache der Angst seiner Mutter zu sein.
+
+Ja, ja, ich habe lange nicht geschrieben. Wirklich lange, lange nicht.
+Seh’ ich’s doch draußen an der Natur. Der Frühling ist hin, längst ist
+er hin. Kaum war er da, als ich zum letzten Male nach Hause schrieb.
+— Nun wiegt sich das Korn in den Ähren. Ein grüngelbes wogendes Meer.
+Das breitet sich jenseits des Flusses unter meinem Fenster bis an die
+Waldhänge drüben aus.
+
+Sommerwind geht und weht. In gleichmäßigen Wogen taucht auf, taucht
+nieder das Korn in den Feldern. Auf und nieder — auf und nieder. Es
+liegt Ruhe in diesem Auf und Nieder.
+
+Als ich ein Knabe — der Dorfknabe — war, empfand ich nur helle Lust an
+dem hohen schwankenden Kornfeld. Vor allem die Kornblumen taten’s mir
+an. Die blauen Kornblumen waren mir lieber als der rote, wilde Mohn.
+Weil die großen, roten Mohnblüten zu leicht zerfielen. Kaum riß man
+sie ab, so löste sich ein rotes Blatt nach dem andern, und zuletzt
+hatte man nur noch den leeren Strunk. Aber die Kornblume, das war eine
+himmelsblaue Pracht!
+
+So stell’ ich euch hier in das feingeschliffene Gläschen, ihr blauen
+Kinder des sommerlichen Feldes daheim. Ein wenig seid ihr zerdrückt,
+ein wenig welk auch. Die Reise war lang ... blüht auf! blüht wieder
+auf, ihr weitgereisten Heimatgrüße!
+
+Mit euch zugleich blüht irgend etwas Schönes in mir auf. Vergangene
+Jahre sind’s.
+
+Kinderjahre, Knabenjahre, Jünglingsjahre. —
+
+Heisa, was seid ihr fortgesprungen wie wilde, russische Steppenpferde,
+ihr jungen, mutigen Jahre!
+
+Mutig mit euch, durch euch bin ich gewesen. Wild bin ich mit euch
+gesprungen wie russische Pferdleins in weiter, wildfroher Steppe!
+
+Die weite, wildfrohe Steppe, das war das Leben, die Zukunft. Was sag’
+ich: ~Die Gegenwart~ ist’s gewesen, der Tag, die Stunde war’s, nichts
+andres! Was Zukunft!? .... Unsinn! Die Jugend ~lebt~, nichts weiter! —
+
+Ein Griesgram bin ich geworden, ein Waldkauz, ein Kauz. Der Jugend
+gedenke ich heute, und ~euch~, ihr Kornblumen aus heimatlicher Erde,
+verdanke ich dieses Gedenken. Nein ~dir~, du treueste aller Mütter!
+
+So runzlich ist dein Gesicht, so grau dein Haar, und dennoch, dennoch:
+schaust du mich ~an~, gleich bin ich der frohe Knabe von einst!
+
+Weshalb nur, weshalb?
+
+Still, still, ich weiß es: es sind dieselben Augen, die einst das
+Kind, den Knaben betrauten, — dieselben Augen betrauen noch heute den
+Mann. Sie möchten noch heute so gern in des Mannes Herz blicken, wie
+sie ehmals in des Knaben Herz hineinschaun konnten.
+
+Für die Mutter bleibt man der Knabe.
+
+Schon gut, Mutter, schon gut. Komm’ ich zurück in die Heimat und zum
+Besuch in dein trautes Heim: der ~Knabe~ will ich sein, solange ich
+bei dir bin. Bist du nun zufrieden? Du fragst mich gar viel in deinem
+Briefe. Und manches muß ich verschweigen.
+
+Von allem und allem schreibe ich dir, Mutter, und ~hab’~ dir soeben
+geschrieben, nur eins behalte ich zurück — wozu davon schreiben?
+Ich mag nicht davon schreiben .... weshalb sollte ich von Marianne
+schreiben? Ich wüßte nicht, warum.
+
+[Illustration]
+
+»Es geht um in der Nacht«, behauptet meine Wirtin. »Was Tausend, es
+geht ~um~? In meiner Kauzburg sollten Geister hausen? Im nächtlichen
+Reigentanz ihr Klappergebein und Totengerippe schwingen?«
+
+Ganz ärgerlich wurde ich gegen sie. »Schlafen Sie lieber und horchen
+Sie nicht auf Geisterstimmen und Geistergeräusche, mein Fräulein. In
+meiner Kauzburg geht’s nicht um!«
+
+Ich war aber doch betroffen.
+
+Leise, schleichende Schritte wollte sie gehört haben, ein Klirren
+des Fensters, ein unheimliches Lachen, .... darüber war sie wieder
+eingeschlafen.
+
+»Du Tor!« sagte ich zu mir. Weil Fräulein Bartel das gehört haben
+will, fällt dir auf einmal ein, daß auch ~du~ es in einer Mondnacht
+gehört haben willst? Schon lange war’s her. Da wachte ich in der Nacht
+auf, halb noch im Schlaf: Es kam geschlichen, leise, ganz leise, es
+klinkte die Tür auf, es klirrte schwach, ganz schwach, ein Lachen,
+hatte ich wirklich ein Lachen gehört? Am nächsten Morgen erschien mir
+alles als Traum. Vergessen hätte ich’s, nie wieder daran gedacht — bis
+heute. Ich verbot Fräulein Bartel aufs strengste, zu den andern im
+Hause von dem, was sie gehört haben wollte, zu sprechen. Wozu Marianne
+ängstigen? Wozu erst solch Gerede aufkommen lassen? Übrigens hörte ich
+ein paar Tage später ganz zufällig, daß die Kauzburg schon von jeher
+in dem Rufe stand, »es gehe in ihr um«. Nun gut, mag es umgehn in
+ihr! Ich fürchte mich nicht. Freuen würde ich mich, mit den Geistern
+der früheren Bewohner in Verkehr zu kommen. Geister von Rittern und
+Mönchen sind es — würde es nicht interessant sein, mit Rittern und
+Mönchen früherer Jahrhunderte sich zu unterhalten?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Noch einen neuen Bewohner soll meine Kauzburg bekommen.
+
+Es war mit erst gar nicht recht.
+
+Was soll man aber tun!
+
+Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so wenig standhaft bin.
+
+Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht.
+
+Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die Kauzburg ist groß; mich
+wird der neue Bewohner nicht stören.
+
+Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater verreist ins Ausland,
+die Mutter starb im vorigen Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte
+sich der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei ihm und seiner
+Frau in Stellung gewesen war. »Nehmen Sie sich meiner Tochter an,
+solange ich reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben Jahre bin
+ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt, bitte, bitte, nehmen Sie
+sich meiner Tochter so lange an.«
+
+Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte sagen »händeringenden«
+Brief des Gutsbesitzers. Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine
+interessante Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der
+Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig, weil sein Heidebesitz
+die größte Ausdehnung hat. Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und
+bieder ist. Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter — kommt in
+meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese Heidkönigtochter. »Ein Kind
+der Heide« — — — ein Kind der ~Straße~ habe ich schon!
+
+»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie das Mädchen unter Ihre
+Fittiche«, sagte ich schließlich, um sie los zu werden. Fräulein
+Bartels Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert.
+
+Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen.
+
+Was sagt Marianne dazu?
+
+Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen Weise trat sie in
+meine Stube.
+
+»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder Winter einen neuen Gast
+bekommen?« fragte ich.
+
+»Ich weiß es«, antwortete sie.
+
+»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun in die einsame
+Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ... nicht?« Sie gab keine Antwort,
+hob nur langsam den Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen
+waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr blasses Gesicht ab,
+in dem die blauen Adern wie kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben
+hatten und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die Augenlider mit
+den langen seidigen Wimpern noch über ihren Augen. Aber nun warf sie
+mit plötzlicher, zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken, daß die
+rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein Feuer, in welches ein Windstoß
+fährt, aufwirbelte, und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd
+hervor und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene Kante meines
+Schreibtisches.
+
+Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung kam, hatte
+sie lautlos das Zimmer verlassen!
+
+Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl und bedeckte
+meine heißen Augen, meine heiße Stirn mit meinen zwei heißen Händen.
+»Wie soll das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort.
+
+Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht? Sah sie dich
+wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden, liebeverlangenden Augen
+an? Hast du in diesem seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen
+anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß? Gegen das Mädchen, das
+noch gar nicht hier ist? Das erst kommen soll?
+
+Was ~sagten~ denn diese Augen? Warum bist du erschrocken vor ihnen?
+
+Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich.
+
+Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in dessen Augen ich soeben
+geschaut hatte.
+
+»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine innere Stimme,
+»Greif ~zu~, greif ~zu~«, stachelte mich die andere auf. —
+
+Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir meine Arbeit vor.
+Erst tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Dann wurde ich wieder
+Herr über mich. Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen
+Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden. Ich besprach
+Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich für morgen zur Reviertour bei
+ihnen an, die Kulturen sollten besichtigt werden, Pflanzen waren
+infolge der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel mußten bedacht,
+Ersatz mußte geschafft werden, ja du, mein Wald, du mein Bergwald
+wirst mich heilen, wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren
+will!
+
+Geht’s denn ~wirklich~ um in der Kauzburg? Wollen mich die
+abgeschiedenen Geister dieser hohen, geheimnisvoll dunklen und kühlen
+Räume in ihren unheimlichen Bann nehmen?
+
+Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken.
+
+Ja, ich werde sie fortschicken! ...
+
+Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße habe ich sie aufgelesen,
+nun muß ich sorgen, daß sie nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte
+nicht der Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen, ich täte ein
+gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen behielte?
+
+Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will bald mit ihm sprechen.
+Wer waren ihre Eltern? Wo war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die
+Kauzburg? Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses hat man
+dich gefunden, armes Kind? Aber du bist doch nun ein großes Mädchen,
+schon längst mußt du das schützende Dach des Waisenhauses verlassen
+gehabt haben, bevor du zu mir kamst ... wo hast du gesteckt in der
+Zwischenzeit? Ich will alles, alles von dir und über dich wissen,
+Marianne, du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes Kind des
+Lebens.
+
+Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß schon beim Eintritt
+ins Leben? Daß es dich auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort
+lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und klagtest Gott im
+Himmel an mit deinen großen, dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast
+du ein Dach über deinem rotgoldenen Haar!
+
+Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg, aber es ist doch ein
+Dach.
+
+Das schützt vor Staub und Regen.
+
+Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten Stelle
+links, wo das Türmlein einst ragte, es ist die ~Sonne~ aber! Die
+lachende, heitere, helle Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der
+leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle Kauzgeschoß des
+Kauzburgdaches, drum laß ich nichts dichten, nichts flicken. Ich habe
+Angst, daß die Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so wild,
+meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß man sie füttern, sonst sausen
+sie fort in alle Winde und kommen erst heim, wenn alles still ist und
+abendlich. Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie sitzen, flattern
+ihr nach und entgegen.
+
+Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen. Dort hat sie nach
+Körnern gepickt. Hat sie geglaubt, dort goldene Weizenkörner zu
+finden? —
+
+Der Schalk von einem Mädchen!
+
+Sie lachte, als ich sie fragte.
+
+Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar gestreut. Die pickte
+der Täuber auf. —
+
+[Illustration]
+
+Nun ist es da, das Gewitter!
+
+War ~das~ ein Rumoren und Rollen den ganzen Nachmittag über am Himmel!
+
+Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen auf, dann ballte sich’s
+drohend im Osten. Dann flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb
+das Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die Luft und
+totenstill zuletzt!
+
+Kein Blatt am Baum bewegte sich.
+
+Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann kam es näher und näher.
+
+Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte sich alles
+verkrochen. —
+
+Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser empor. Ins Dunkle
+hinauf, das über ihr so drohend murrt und zuckt.
+
+Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen. Nacht sei es, mag er
+denken. So dunkel dräut das Gewitter.
+
+Waldkauz, was schreist du so?
+
+Huhu, nun ist es da, das Gewitter!
+
+Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie es flammt und züngelt,
+zischt und leuchtet, grollt und rollt, schmettert und kracht, und
+droht und beißt wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du
+wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit deinem Gebiß? Wen willst
+du treffen, zerschmettern mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem
+Zischen, unter drohendem Toben der blitzzersprengten Wolken?
+
+Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am Fenster der Kauzburg,
+und ~die~ ist fest. Die hat schon manchem Gewitter getrotzt, schon
+manchem Sturme standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs
+Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal schon hat das
+Feuer geprasselt in ihren mächtigen Balken. Gegen die Steinmauern
+war es machtlos und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße nur,
+Wolfshund! Ich ~lache~ deiner! Am Fenster stand ich und schaute hinaus
+in die wilde hochbrandende Natur.
+
+Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender Blitz. So blendend,
+daß ich die Augen schloß. Gleich darauf ein knatternder Donnerschlag.
+— Dann Stille, — dann wieder neues Toben.
+
+Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du beißen mit deinem
+Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund im stürmenden Wetter?
+
+Du ~hast~ gebissen! — Pfui, schäm’ dich!
+
+Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du zerbissen. — Pfui,
+~schäm’~ dich!
+
+Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da fliegen angstvoll die Vögel
+auf, die in den Ästen saßen. — Pfui, ~schäm’~ dich, ich sag’s dir das
+drittemal!
+
+Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg mit ihren Insassen
+ungeschoren, du wüster, böser Gesell! —
+
+Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit Marianne war. »Die werden
+erschrocken sein«, dacht’ ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller
+Angst. Das Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen, und auf
+dem Tische vor ihr stand ein hübsches, buntes Muttergottesbild.
+
+»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns eingeschlagen«, sagte
+sie ängstlich.
+
+»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein Bartel«, beruhigte ich sie.
+»Draußen im Garten hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ......
+Aber wo ist denn Marianne?« — — —
+
+Ich sah mich um, sie war nicht da.
+
+Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um.
+
+»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr wieder ein knatternder
+Blitzstrahl unweit der Kauzburg ins Erdreich.
+
+»Sie war vorhin noch hier.«
+
+Ich hatte schon die Türklinke in der Hand.
+
+Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den Hut über, warf mir den
+Lodenmantel um und eilte auch schon die Treppe hinab.
+
+Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne gut gebrauchen
+konnte.
+
+Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten meine Tritte laut von
+den Mauern wieder. »Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich
+denn durch den langen, gewölbten Flur nach der kleinen, ehemaligen
+Mönchspforte, die am Ende dieses von der Halle nach dem Eingang zum
+Keller führenden Ganges lag.
+
+Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein paar Schritte über den
+Burghof hatte ich zu gehn, um an den Kellereingang zu gelangen.
+
+Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft mußte ich anwenden,
+so drückte der Gewittersturm von außen entgegen.
+
+Nun schlug sie schallend zurück.
+
+Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht.
+
+Die große Linde im Burghof rauschte ächzend und bog sich fast zur Erde
+mit ihrem hohen Wipfel. Über abgerissene Zweige stolperte ich.
+
+Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb und violett,
+dauernd wurde das Stockdunkel durch Blitz und Wetterleuchten in
+unheimlichem, jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder
+vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft den Augen.
+Dumpfdrohend, gellkrachend, prasselnd, knatternd die Donner
+dazwischen. Wütend kochte der Regen herab. Wie ein schäumender
+Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu einem See verwandelt.
+
+»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben hinein. Antwort gab
+mir allein die Linde. Sie fing ganz laut zu stöhnen an, in ihrem
+Stamme begann ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten und
+zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir war’s in dem blendenden
+Wetterleuchten, als ob ich den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte
+schwanken sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun seit
+Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten wäre, mit wuchtigem,
+schwerem, hallendem Schritt. Wie ein Riese tauchte er noch einmal
+vor mir auf aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser
+Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem jäh aufzüngelnden
+Blitz, der die Abgrundtiefe dieses Gewitterhimmels zerschnitt, dann
+begann das Sterben dieses Riesen.
+
+Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die Stimme des Wetters
+überklang. ~Auf~ rauschten wild die Blätter, Zweige schlugen mich ins
+Gesicht, wie ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, — die
+Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der Baum zur Erde.
+
+Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn hin.
+
+»Marianne!« keuchte ich angstvoll.
+
+Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden Unwetter?
+
+Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des Kellers. Das Tor stand
+auf. Schwarze Finsternis gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die
+Laterne, bückte mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter
+die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da unten wieder.
+
+Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich, drang mir entgegen.
+
+Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins Schloß.
+
+Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum konnte ich etwas sehn in
+dem winzigen Blinken meiner Laterne.
+
+Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der Lichtschein! Die Angst trieb
+mich dorthin; die Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über den
+Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in diesen dunklen Keller. Die
+Angst? Um wen? Ja, um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte sie
+sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß sie lebte ....
+
+Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr stand ich. An diesem
+seltsam schauerlichen Ort bei diesem seltsam schauerlichen Unwetter.
+
+Bis hier hinein war das Toben und Tosen da draußen zu hören. Dumpf
+drang es bis hier hinunter.
+
+»Marianne!« rief ich sie leise an.
+
+Sah sie mich denn? Hört sie mich?
+
+Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem Ausdruck in ihren
+Augen stand sie im verschwimmenden Schein eines Lichtstumpfes, der
+auf einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf aufgeklebt war, und
+starrte auf die schwarzgrüne Steinmauer hin.
+
+Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein war dort aus der
+Mauer gebrochen, herausgeschleudert worden wohl durch einen
+herniedersausenden Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir. Hinüber
+klettern mußte ich, um an Mariannens Seite treten zu können: Jetzt
+stand ich dicht neben ihr.
+
+»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?« sagte ich voll Mitleid.
+
+Sie wandte sich mir zu.
+
+Ihre Augen brannten in einem triumphierenden Glanze, mit den Händen
+zeigte sie nach einer gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte
+dieser Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem Gefühl des
+Grauens, in einen unterirdischen Gang hinein, in den der Lichtschimmer
+unserer Kerzen zitternde Strahlen warf.
+
+»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich erregt! »So ist’s kein
+Märchen, was die Leute sagen? Ein Gang führt von diesem Keller ans
+Ufer des Flusses unter der Stadt hindurch!«
+
+Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit ihrer rechten und bog
+sie herab, so daß meine Finger über die glatte Fläche der neben uns
+liegenden, von der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte
+fuhren, die diese Öffnung bisher vor den Augen der Burginsassen
+verborgen hatte. Ich fühlte, daß in der Steinplatte etwas eingraviert
+war.
+
+Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was sah ich! Ganz deutlich
+war die Figur einer Eule, eines Kauzes in den Stein geschnitten!
+
+Marianne lachte vor sich hin.
+
+»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich ein Kauz, ein Waldkauz
+in diesen tausendjährigen Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg,
+dich, mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen in diesem Stein,
+der älter ist, als Burg und Mönche und Ritter!
+
+Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du steinernes Käuzchen längst
+verstorbener Zeit?
+
+Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender Stellung, mit
+aufgehobenen Armen, betend zu dir, mein steinernes Käuzlein, anbetend
+dich als Gottheit! Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal, ein
+heidnischer Gott in meiner Kauzburg!
+
+Was hab’ ich gesehn!
+
+Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft! Dem Heidengott hab’ ich mein
+Forsthaus wieder ausgeliefert mit meiner Taufe!
+
+Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um, christliche Ordensritter und
+mönchisches Kuttenvolk!
+
+Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des Waldes, der Nachtvogel
+mit seinen großen, glühenden Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor
+tausend Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten Ruinen
+dieses Tempels haben ahnungslose Ritter diese Mauer errichtet.«
+
+Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem ich mit Marianne stand.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte ich, »morgen, wenn
+das böse Unwetter vorüber ist, morgen am Tage wollen wir den
+unterirdischen Gang und die Steine hier untersuchen.«
+
+»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich hineinziehn in den
+schräg abwärts in die Tiefe führenden Gang.
+
+»Torheit!« rief ich scharf.
+
+»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein törichtes Kind, Marianne!«
+
+Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren Armen. Ich fühlte
+ihre keuchende Brust an der meinen, ihr wogendes Haar spielte und
+streichelte mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den
+meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am Halse — schon ließ sie
+mich los, schon griff ich ins Leere, als ich sie von mir fortstoßen,
+nein, als ich sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere,
+sargtiefe Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne war
+verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm ich, die Kellertür
+flog auf, der Donner rollte, und die Blitze flammten, dann war’s um
+mich wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte ich den Donner
+über mir. Ich stand wie betäubt. Aber dann überfiel mich ein Grauen
+vor diesem Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein hinüber,
+an der kalten Mauer entlang, bis an die Tür. Als ich sie geöffnet
+hatte und die frische Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief
+auf. Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es wetterleuchtete und
+flammte noch in den zerfetzten Wolken, aber durch ihre Lücken schien
+mild und freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt, der Regen
+aufgehört, nur von den Zweigen der Bäume fielen noch einzelne, schwere
+Tropfen herab.
+
+Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme geworfen, ich hatte es
+nicht geträumt.
+
+In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und sickerten an der feuchten
+Borke des Stammes, allmählich zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd,
+bis ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag.
+
+Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen war. Und daß der Blitz
+dem Nußbaum im Garten seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses
+Unwetter hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt.
+
+»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine Ruhe geraubt«, dachte
+ich, als ich neben der gestürzten Linde stand. Ich wußte: es war nun
+nicht mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht länger widerstehn
+können. Sie zog mich hinein in ihre goldenen Fesseln, die sie um meine
+Schultern, über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest im
+Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden Augen.
+
+Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg aufgenommen?
+Zu meinem Leid? Zu meiner Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich
+empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie in mir entfacht
+hatte?
+
+Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter die Wolken. Als ob
+von einem zerrissenen Mantel die letzten Stücke über den Himmel gejagt
+würden.
+
+Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um ihn und seine Stücke
+gewürfelt?
+
+Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond! Scheinheilig und freundlich,
+tückisch die Sünde erlaubend unter deinem unsicheren, sanft
+einhüllenden Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest dich, du
+lachst, wenn unter dir gesündigt wird.
+
+Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten. Vor kurzem war alles
+noch so wildbewegt, jetzt schien die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als
+ich die breiten Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte
+mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur war nach dem Unwetter
+Ruhe geworden, der Sturm hatte sich austoben können, hatte sich
+ausgerast.
+
+Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm. So will’s das große
+Naturgefüge, das durch den Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt.
+
+In mir war ein Sturm angefacht worden, ein wilder Sturm. Der wollte
+ausbrechen, sich austoben. Drum konnte noch keine Ruhe sein.
+
+Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der Wohnstube, wo Fräulein
+Bartel und Marianne sich für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich
+finden? Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da? Hatte sie sich
+verraten? Mich verraten?
+
+Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein der Tischlampe den
+Raum mit gemütlicher Ruhe. Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte,
+an der anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf Fräulein Bartels
+Gesicht lag wie eine Erlösung die stille Mondnacht von draußen.
+
+Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe, hübsche
+Muttergottesbildnis.
+
+Über Mariannens Augen lagen die zartweißen Lider mit ihrem seidigen,
+rotgoldenen Wimpernbehang. Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten über
+ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte Feuerzauber. »Ach,
+Marianne ist schon lange hier, Herr Oberförster,« sagte Fräulein
+Bartel, »sie war nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das
+Wetterleuchten besser sehen zu können.«
+
+Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches Lächeln huschte über
+Mariannens Gesicht.
+
+»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses weiße Mädchengesicht,
+diese fein durchaderte, weiße, über das Buch gebeugte Stirn.
+
+Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme Heilige saß
+und las?
+
+»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!« schrie Fräulein Bartel
+plötzlich und sprang auf.
+
+»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich nach meinem Halse.
+
+Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz gefühlt? Vorhin, als
+mich Marianne so heiß umschlungen hatte? Schon hatte Fräulein Bartel
+einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir das Blut von der
+wunden Halsstelle ab.
+
+»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine Bißwunde, man sieht ja
+ganz deutlich die Zahnabdrücke, eins ... zwei ... drei ... vier ...,
+mein Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen? Ein Marder?
+Eine Katze?« Ich sah forschend nach Marianne hin, während das kleine,
+alte Fräulein an mir herumwusch und -tupfte.
+
+Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches, wunderliches
+Lächeln verzog Mariannens Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer
+ruhigen Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht, ernst
+blickt sie in das Buch!
+
+»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein Vampyr«, scherzte ich
+und sah Marianne scharf dabei an.
+
+»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,« sagte ich schnell,
+als sie mit einem unbeschreiblich entsetzten und kindlich-hilflosen
+Angstblick zu mir aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen
+von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang, weiter nichts.«
+
+»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte sie ängstlich, »ein
+Katzenbiß kann gefährlich werden. Marianne, geben Sie mir doch rasch
+das Fläschchen, auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist
+das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins Wasser! ... aber
+Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster ... und nun das englische
+Pflaster darüber ... nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben
+kann in solcher alten, häßlichen Burg.«
+
+»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau, mein liebes
+Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter und Mönche!«
+
+»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend, »fromme, gut
+katholische Herren haben hier gelebt ...«
+
+»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte ich, »wenn du dabei
+gewesen wärest, als ich das heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als
+mich da unten die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist es
+denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen Stube dieselbe
+Marianne?
+
+Hat diese hier mich wirklich in solch rasender Gier umschlungen
+gehalten? Hat diese Marianne, die ruhig und still Fräulein Bartel
+hilft, als sei nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen
+Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die Tiefe gähnenden
+Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben, ... hat diese Marianne wie
+eine Wildkatze mich in den Hals gebissen?
+
+Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen? Ist’s nicht ein
+Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der Heiligen? Rätselvoll sind diese
+dunklen, fast nachtschwarzen Augen. Genau so rätselhaft wie der See
+meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die Menschen, die sich in
+seine schöne Flut zum Baden stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht
+mehr von sich lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen Wasser
+baden, man sagt, daß schon vier Menschen ihr Leben in seiner Flut
+haben lassen müssen ...
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Katholiken des Städtchens veranstalteten am heutigen Sonntag eine
+Prozession.
+
+Eine Bittprozession, daß nie wieder ein so furchtbares Unwetter wie
+gestern das kleine Städtchen heimsuchen möge. Fräulein Bartel und
+Marianne haben mich gebeten, daran teilnehmen zu dürfen.
+
+Natürlich dürfen sie!
+
+Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen wird, so mögen sie
+immerhin gehen.
+
+Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle hinauf soll
+prozessioniert werden. Ganz friedlich, fromm und kirchlich. Mit
+Fahnen, Thronhimmel und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und
+Jungfrauen vornweg.
+
+Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes Schauspiel. Ich
+kenne diese Prozessionen aus Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir
+gewaltig imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung zu. —
+
+Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich eine das Weltall
+leitende Gottheit durch ein solches Häuflein singender und betender
+Menschen, durch ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte Fahnen,
+durch Thronhimmel und gestickte Gewänder, Weihrauch und Weihwasser
+bestimmen lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung der
+Naturereignisse auszuscheiden.
+
+Ich will hoffen: kindlicher Glaube. —
+
+Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem wirklich gläubigen Herzen
+kommt, ist er erträglich. Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll
+nicht glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll nur dann
+glauben, wenn man wirklich glaubt. So will ich mich denn auf die Mauer
+stellen, dort, wo die Stufen in ihr Gestein gehauen sind.
+
+Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten Flieders,
+Goldregens und Ginsters. Von dort aus kann ich die Prozession von
+weitem schon sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an der
+Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu werden. Über mir schlagen
+die laubgefüllten Zweige eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und
+bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche Sonne, den
+allzu sommerlich heißen Tag.
+
+Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich Euren Gesang, schon die
+sechs städtischen Musikanten mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln!
+— — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession! ... Im dicksten
+Straßenstaube!
+
+Das muß doch ein göttliches Herz erweichen.
+
+Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube der Gesang, wie in
+Wolken gehüllt wird er höher und höher getragen. Halt da! ... schon
+biegen sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten Jungfern,
+mit blühenden Kränzen im freigelösten braunen und blonden Haar,
+sie streuen Blumen, ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf
+singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden Kerzen in
+den reingewaschenen, sonst so schmutzigen Jungenhänden, ... nun der
+goldbestickte, blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen von
+vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer Handlung durchdrungenen
+Männern, in langen, schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der
+Domherr mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen, goldstrahlenden
+Monstranz. Sie ist schwer, die Monstranz, drum werden seine Arme von
+zwei jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten, gestützt.
+
+Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn heute zum erstenmal.
+Doch der Thronhimmel und die Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich
+sehe aber, daß ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter
+seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar, ist es die
+Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern macht, just wie dieselbe
+Sonne das Haar Mariannens so rötlich leuchten läßt?
+
+Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und demselben Städtchen?
+Ei, Marianne, ich habe gedacht, daß deine Haarfarbe nicht zum
+zweitenmal zu finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat prangenden
+Erde.
+
+Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er fürstlich fast unter
+dem Himmel dahin. Wie schlank sieht er aus, wie vornehm in seiner
+priesterlich-bischöflichen Pracht. Ja, ja, ~die~ Herren verstehn es
+gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz zu wirken.
+
+Langsam schwankte die heilige Monstranz unter dem Thronhimmel an mir
+vorüber.
+
+Noch freute sich mein Auge an den in den blauen Samt gestickten
+Goldsternen des Thronhimmels, dieses hübschen Himmelchens unter dem
+großen Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer goldflutenden,
+ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings zusammen.
+
+— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel — ging Marianne. — — — Ein
+weißes Kleid hatten sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende,
+in langen Wellen über die Schultern wallende, seidige, köstliche
+Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz gelegt, in
+ihren Armen hielt sie, wie die Madonna, das Christuskind, ein aus
+Wachs geformtes Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich,
+freundlich lächelnden Augen zu seiner Madonna, die es so sorgsam trug,
+herauflächelte.
+
+Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem bunten,
+goldumstickten, hoch über allem schwankenden Thronhimmel, der das
+Allerheiligste beschirmte, langsam, wie in holdem Traume träumend,
+dahin.
+
+Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es sah so natürlich,
+so selbstverständlich aus; die Mutter sah auf das lächelnde Kind in
+ihrem Arme herab.
+
+[Illustration]
+
+Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in meinem Hause, auf
+heidnischer Stätte der grauen Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel
+mir ansehn, nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim Zusehn
+dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden, singenden Menschen, ganz
+fromm ward mir ums Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte
+mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen Rothaar,
+in dem wie kleine Himmelssterne die tausend Vergißmeinnichtblüten
+verstreut lagen.
+
+Man greife ans ~Gemüt~ des Menschen, so wird er gläubig! Als Marianne
+gerade unter meinem verborgnen Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg
+vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu irren, trafen
+mich wie zwei Pfeile die Strahlen ihrer Augen. Sie ~konnte~ mich
+doch nicht sehn, aber sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah.
+Daß sie direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen mich zwingen,
+mich rufen zu wollen: »Komm von deiner Mauer herab, komm neben mich
+und schließe dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von mir ab,
+Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie ich ihr in ihre
+Nachtaugen zurück. ~Wollte~ ich ihr hinabschreien, mitten hinein in
+diese fromme Menschenmenge!
+
+Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in meiner in das Astzeug der
+Büsche verkrampften Hand hätte sagen können von dem, was mein Herz
+schrie, was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit meinen Blicken.
+Ich sah ihr langwehendes Haar in den Strahlen der Sonne glühn und
+gleißen, — ja, sahen denn die anderen nicht, daß in den roten Haaren
+dieser demütig-frommen Heiligen, der man als Sinnbild das Engelskind
+in den Arm gelegt hatte, — ja, ~sahen~ denn die andern nicht, daß
+kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen und teuflische
+Grimassen schnitten? — Viel Volk folgte noch nach. Ein schier endloser
+Menschenzug. Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen, um
+sich diesem Bittgang anzuschließen.
+
+Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch immer hier. — Nun
+werdet ihr bald auf der Berghöh’ drüben sein, ihr frommen Sänger und
+Bittgänger!
+
+Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten breitkronigen
+Buchen und Eichen steht, werdet ihr singend auf die Knie fallen,
+die geistlichen Herren werden vor den Altar treten und ihre
+Beschwörungsformeln sagen, und lachen vom Himmel dazu wird die Sonne.
+
+Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck, Goldblitze
+tupft sie bald hier auf dieses dunkle Blatt, bald dort auf jene rote
+Rosenblüte, bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen Füßen
+ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl getroffen, bald zieht sich
+zitternd und flimmernd ein langer Goldstreif über den Gartenweg.
+Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet. Ich möchte keinen
+Zwischenhimmel haben. Durch nichts behindert, nichts entstellt, so
+will ich ~meinen~ Himmel haben.
+
+Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen nach dem Himmel.
+
+Menschen und Völker sind darüber zu Erde geworden, und andere haben
+auf ihnen neue Tempel gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist ~mein~
+Tempel, ist ~mein~ Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.«
+
+Und all diese Himmel hat die Erde überdauert! Die Erde, aus der wir
+kommen, in die wir gehn. Die schöne, frische, die lebenzeugende und
+ewig junge Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn und
+auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des Lebens, nach Jahren
+der Arbeit, nach Jahren der Freude und Trauer, nach Sonnentagen und
+Regentagen, nach Sommertagen und Wintertagen, wenn grau das Haar
+geworden ist und alt der Mensch. Wir suchen den Schlaf und freuen uns
+seiner. Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir, Erde? Hatten
+wir Furcht vor dem Schlafe, als wir noch schlummerten im Mutterschoß?
+Hat uns das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben? Wir kleinen,
+winzigen Menschlein, wir? Wir würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges
+Weiterbauen und ewiges Neuerzeugen. — — — —
+
+[Illustration]
+
+Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger Mensch. Fräulein
+Bartel und Marianne sind drüben auf jener schönen, waldverschlungenen
+Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem Beten, benutzen will
+ich das Alleinsein, hinuntersteigen will ich zu meinem steinernen
+Heidenkäuzlein, eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen
+Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der Sonntag soll mich
+schützen bei meiner heidnischen Fahrt in die Tiefe hinab! — —
+
+Im spärlich lichtspendenden Schein meiner Laterne stand ich nun wieder
+vor dem heidnischen Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne
+von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich jetzt die Steinplatte
+ab. Wirklich: unzweifelhaft blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm
+der betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst hineingeritzt in den
+Stein. Aber deutlich erkennbar. Hier des Käuzleins große Rundaugen,
+darüber mit zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des fauchenden
+Vogels, an den Seiten die Federbüschel der Ohren, sodann die Flügel,
+unten die Krallen der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der betende
+Mensch! Die aufgehobenen Arme sind deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis
+mit den beiden Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen
+ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der Kopf. Die langen
+Striche mit den fünf kurzen Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein
+Zweifel: ein betender Mensch!
+
+Hoch hob ich die Laterne und spähte in die Dunkelheit des Ganges
+hinein. Er war so hoch gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte.
+In schräger Steilheit führte er in die Erde hinein.
+
+Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht!
+
+Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der steinerne Boden.
+Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden, feuchtkalt und glitschrig
+fühlte sich die Steindecke über mir an.
+
+Holst du mich, Tiefe der Erde?
+
+Willst du mir ein wenig lüften von deinem tiefen Geheimnis?
+
+Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger großer Mutterschoß!
+
+Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht deiner Schale
+durchfurchten wir mit unserer schwachen Kraft. Doch deine Tiefen
+öffnest du nicht vor unserem Blick.
+
+Flammendes Feuer, brandendes Brodeln, zischendes Kochen birgt tief
+dein tiefstes Inneres. Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen
+Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen kann.
+
+Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich hinein. Wie tief mag
+ich sein? Kein Laut von außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe
+um mich herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht. Vorwärts,
+Jäger! Ein Jäger kennt keine Furcht! — —
+
+Es benahm mir den Atem.
+
+Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den Gang durchstrich. Also
+mußte am unteren Ende eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken
+müssen auf dieser unterirdischen Forschungsreise.
+
+Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten Steine meinen Weg. Ich
+räumte sie beiseite, kroch über sie hinweg und strebte vorwärts, nur
+immer vorwärts. —
+
+Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen? Ist’s unter mir, ist’s über
+mir?
+
+Sag’ dein Geheimnis, Erde!
+
+Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne malt sich ein schwacher
+Lichtschein im finsteren Gange ab!
+
+Das muß des Ganges Ende, das muß die Öffnung nach oben, zum Licht
+der Erde sein! Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher
+gegangen.
+
+Zum Licht empor, zum Leben jetzt!
+
+Immer deutlicher wurde der erst so schwache Lichtschein. Wie ein
+Schimmern drang es mir entgegen. Hoch über mir sah ich Felsenwände
+aufwärts streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den Steingeröllen
+winken, — sei mir gegrüßt du schönes Sonnenlicht!
+
+Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und Steintrümmer hinweg
+klomm ich aus der Erdtiefe empor.
+
+Die Öffnung am Ende des unterirdischen Ganges, durch den ich wie
+ein menschlicher Maulwurf gekrochen, war fast völlig mit Brombeer-
+und wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer, schwarzer und roter
+Fruchtfülle hingen die Zweige.
+
+So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es half aber nichts: mein
+Weidmesser mußte mir freie Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich
+durch die schmale Öffnung ans Tageslicht hervor.
+
+Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön war, was ich sah.
+
+Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe; sie waren mit üppig in
+hundert bunten Farben blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen.
+Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von allen Seiten
+abgeschlossen und geschützt vor spähenden Augen lag dieses kleine
+Tal. Ein in den Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares
+Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande tauchten, lag verträumt und
+still inmitten des Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden
+diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte hier und dort
+und bildete lauschige Inseln im hellen Grün der Wiese. Weißstämmige
+Birken mit ihrem lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder
+drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen, und streckten ihre
+jungfräulichen Wipfel ins dunkle Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein.
+
+Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün der Wiesengräser mit
+lebhaften Farben, Schmetterlinge umgaukelten die Blumen, Bienen
+summten, Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken
+im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften fauchend in den
+Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges Finkenhähnchen schlug froh
+und kecklich seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern huschten
+im Grase, und Lerchen standen wirbelnd, und sich ins ferne Blau des
+Himmels, der wie ein Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah,
+höher schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft.
+
+Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen vor der Außenwelt.
+Man fühlte es: nie war die Außenwelt bis hier hinein gedrungen.
+
+Große, behauene Steine fielen mir auf, die am westlichen Uferrande
+des stillen Teiches lagen. Über die grüne, blumenbesäte Wiese ging
+ich zu den Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß auch in
+~sie~ wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt waren. Auch war
+deutlich eine kreisrunde Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen.
+Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer Vorzeit heidnischen
+Opferstätte, an der zu den längst als unecht von uns neuen Menschen
+abgesetzten Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch an einer
+Stätte einstiger Menschenopferung.
+
+So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten geheimnisvollen
+Ort ehemaligen Heidentums entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von diesem
+allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal, das nun zu einem so
+wunderschönen Fleckchen unberührter, köstlicher Natur geworden war.
+Kein Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen.
+
+Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte ich nicht den
+sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer menschlichen Stimme gehört?
+
+Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes Ohr vernahm nur
+den leichten Sommerhauch, der warm und wohlig durch die lichtgrünen
+Birkenwipfel strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf, nur
+das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen der nach
+den tanzenden Mücken schnappenden Fische. Doch nein! Dort klang
+es deutlich zum zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters
+grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet! Geister der alten
+Heidenzeit, seid ~ihr’s~, die ihr so sehnsüchtig, so liebeatmend
+seufzt?
+
+Seelen geopferter Menschen, seid ~ihr’s~, die ihr an diesem
+sonnendurchstrahlten Sommersonntag ins Licht des Tages schwebt und nun
+den Reigen Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen Stätte
+tanzt?
+
+Mensch, der du durch finsteren Erdgang in dieses zauberhaft
+liebliche, von Sonnenlicht und Sommerwinden erwärmte Tal den Weg
+gefunden hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein
+~eigenes~ Atmen, das du nur im Echo hörst? Nein, nein, mein eigenes
+Atmen ist es ~nicht~! Ich muß ergründen, was an jener laubverhangenen
+Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles Leben. —
+
+Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch. Schmetterlinge jagte ich auf,
+die mit geschlossenen Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen
+gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet, eingeduselt waren, grüne
+Heupferdchen hoppten, gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen
+Wiesengras mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß die Grasrispen
+erzittern ließ, Vögel flüchteten aus dem Haselnußgebüsch, an das
+ich streifte, ein Eichhörnchen fauchte mich mürrisch an, wickelte
+seinen Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht, was es aus mir
+Eindringling in diesem Versteck zwischen den Waldbergen machen sollte;
+eine unschuldige Natter wand sich in das Wurzelwerk der Buche hinein,
+hinter deren Stamm ich haltmachte, lauschte und spähte, — nichts
+hörte ich mehr. Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen
+vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk? Ein holder, teuflischer,
+schöner, schrecklicher Spuk? Ein Spuk der Heidenwelt, in deren
+erstorbene, längst vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war? War
+etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal? Der stille, spiegelnde, hier
+so dunkeltiefe Waldteich? Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge
+mit ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte, duftete und Früchte
+niederhangen ließ? O holder Spuk, o schreckensschöner Spuk!
+
+Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und kann nicht fort!
+
+Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig aus, du holdes
+Traumgebild!
+
+O Marianne, du hast mich ja bezaubert! Was hast du nur aus mir
+gemacht! Ich seh’ dich ~vor~ mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis
+hier in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. — Ja, Marianne! —
+
+Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang ausgestreckt auf dem
+Wiesengras.
+
+Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein sprang durch das
+leichtbewegte Blattgerank der Erlen wie goldenes Blitzen über ihren
+herrlichen, weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht erschien in
+all der Fülle rotgoldenen Haares, das ihn umflutete und seine Blöße
+verhüllte. Leicht über sie bis an den Busen hochgebreitet lag das
+weiße Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang angetan hatte.
+Blumen lagen darüber gestreut in allen Farben des glühenden, blühenden
+Sommers. Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen,
+glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen wie schwere, schöne
+Himmelstränen.
+
+Noch rieselten hier und da von ihrem weißen, sanft geschwellten Busen
+kleine, glitzernde Wasserperlen ins Gras zu den Seiten herab, noch
+lag’s wie ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte soeben
+erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen sein.
+
+Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir, woher kennst du dieses
+stille, heimliche Tal? —
+
+O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch war es Zeit, noch Zeit
+zur Flucht, zur Rettung!
+
+Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden Arme, die weißen Hände,
+da schob sie die wogende Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz
+langsam ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln die roten
+Lippen, da trafen — zwei sengende Strahlen — ihre Augen mitten hinein
+in die meinen.
+
+»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise, ganz leise, noch einmal:
+»Marianne!«
+
+Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin, ob ich langsam, ganz
+langsam über das Stückchen grüner Wiese, das mich von ihr trennte,
+geschlichen bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen
+wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert hatte. Ich weiß das
+alles nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich vor ihr niederkniete, daß
+ich ihre nackten Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit
+seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das rote Haargewoge
+verschlungen hatten, an mich riß, daß sie sich selbst wie eine
+aufbäumende Schlange gegen mich warf. O Marianne. — — — — — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Sonne, schöne Sommersonne, du versinkst hinter den hohen Domtürmen der
+kleinen Stadt.
+
+Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen wie pures Gold.
+
+Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt, von Sünde löst und
+freispricht?
+
+So sprich mich ~frei~ von meiner Sünde, Gott! — — —
+
+Stilles, heimlich verborgenes Tal, dein Boden ist getränkt vom Blut
+der Menschenopfer alter heidnischer Zeit.
+
+Forderst du ein ~neues~ Opfer? — — —
+
+In der Dämmerung schlich ich mich am Fluß entlang in das Städtchen
+zurück.
+
+Hatte ich nur geträumt? War’s Fieberwahnsinn, Fieberglut gewesen?
+
+Hatte sich wirklich soeben erst lachend und keuchend mit flammenden
+Augen und glühender Stirn ein zauberschönes Mädchen meinen Armen
+entwunden? War fortgesprungen wie eine weißschimmernde Elfe mit
+rotwallendem Mantel über das sanfte Grün der stillen Wiese im
+Tal? Hatte grausam ihr Lachen geklungen? Und hart und spröde
+und siegestrunken? Und sanft und girrend, lockend und drängend,
+verführend, bezaubernd wie das Lachen der Zauberin Circe?
+
+Neben mir klingt und singt der Fluß. Am Ufer drüben ragen im
+Abendschein die Häuser, die Türme und Mauern der kleinen Stadt.
+
+Ragt die Kauzburg hoch über die anderen Häuser hinweg. »Huhu, huhu«
+schrien ein paar Käuzchen und flogen lautlos um die schlanken Pappeln,
+die hier am Ufer stehen. Ganz still und unbewegt. So wie ich selbst
+hier stehenblieb und stand, ganz still und unbewegt. Und in das
+fließende, rinnende, immerfort fließende, immerfort rinnende Wasser
+des Flusses starrte. Bis immer mehr der Abend niedersank und nur ein
+letztes rotes Leuchten Kunde gab von einer Sonne, die verschwunden
+war, um einer anderen Welt ihr Licht zu spenden.
+
+Ein Glöcklein klang vom Dom. Das Abendglöcklein war’s. Dann fiel ein
+zweites tieferes Glöcklein der evangelischen Kirche ein. Sie klangen
+schön miteinander. Wie Schwester und Bruder. Aber die Menschen, die
+ihnen zuhörten, waren nicht wie Schwestern und Brüder miteinander.
+Sie befeindeten sich und bekriegten sich. — Schwestern und Brüder.
+— Gestern war Marianne eine Schwester von mir gewesen und ich ihr
+Bruder. Denn der christliche Glaube lehrt, daß wir Menschen alle
+Schwestern und Brüder sind. —
+
+Heute? Jetzt?
+
+Wie kann man Bruder sein zu diesem Mädchen! Ich wußte es doch seit
+Wochen, daß ich ihr nicht Bruder bleiben konnte. Warum hab’ ich sie
+nicht von der Schwelle der Kauzburg verjagt? So hätte ich meine Ruhe
+heute. So brauchte ich nicht so scheu wie ein Dieb in meine Kauzburg
+zu schleichen. Ich fühle mich schuldig. Ich verfluchte das stille Tal,
+den Waldsee, die sonnenfreudige grüne Wiese.
+
+Und doch! .... Wenn ich zurückdachte ...... Marianne, ich bin ~dein~!
+— — — — — — — —
+
+Es war mir lieb, daß ich niemandem begegnete. Daß ich ungesehen in
+meine Stube kam. —
+
+Morgen werde ich ruhiger denken. — — — —
+
+Um Mitternacht ging ich zu Bett.
+
+Still lag die Landschaft im milden Mondschein um meine Kauzburg.
+
+Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht. Drüben in den Feldern zirpten
+die Grillen. In weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen und
+schwebte als weißseidenes Feintuch über den Fluß. Mir ward ruhig
+zumute; wunderlich ruhig. Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer
+zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten in wildem Gischt an
+den Strand? O Menschenherz, wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du
+der Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden Sturm. —
+
+Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein? Der Mond ist euer
+Helfer und Freund bei eurer lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches
+Käuzlein mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald auf seine Mäuslein
+jagen. Und meine Mutter mag gerade die Hände falten und leise beten:
+bleib brav und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! —
+
+[Illustration]
+
+Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen könnte ich sie!
+Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr goldenes Rothaar schlingt sie
+um meine Schultern, sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll
+trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein Blut, und ihre
+nachtschwarzen Augen sengen bis tief in mein Herz; ich reiße sie an
+mich, ich zähle die Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal,
+am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo Schmetterlinge gaukeln,
+wo das Finkenhähnchen seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still
+ist wie im Paradies.
+
+Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich sie lassen; ~mein~
+muß sie sein, ~mein~ muß sie bleiben. —
+
+Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein anderer geworden bin?
+
+Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin ich ein Doppelmensch?
+Vor den andern der eine, vor mir der andere? — Aber die Sünde wird
+zuletzt zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es wecken! —
+
+So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der Sünde und Pflicht. Die
+Pflicht hält jener das Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und
+wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich wohltuend ab.
+
+Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig über mich ausschüttet. Daß
+ich sein Jünger bin, sein Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung.
+
+O Wald, wie liebe ich dich!
+
+Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist? Daß ich mich an dich
+anklammere, wie rankender Efeu am starken Eichenstamm es tut?
+
+Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und gesund. Gesund an
+Seele und an Leib. Ja, bin ich denn krank?
+
+Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich möchte mich hinknien
+auf hoher Berghöh’, wo ~du~ nur um mich bist mit deinem Rauschen, das
+so kräftig klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’
+ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid. Sieh’, keiner weiß
+es, und keiner ahnt es. Wie mich umschlingt diese Zauberkraft, dieses
+feuerglühende Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten
+reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer grausigen Augen. Wie,
+grausig sag’ ich und lache mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen
+nicht wie dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees, der den
+Tag verträumt in stiller, kosender Ruhe? So sanft und weich, wie das
+Wasser des Waldsees ist?
+
+Kann denn ein Waldsee zum Tode locken?
+
+Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem Arm, mit verlöschender
+Kraft, mit letztem Kampfe ums Leben?
+
+Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die niemand kennt. Ich weiß von
+einem, der lockt so weich, so kosend, doch was er an sich lockt, nie
+wieder kehrt es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — —
+
+O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein Atmen, dein Leben!
+
+An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt. Und
+schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen. Lau spielt der Sommerwind in
+den Blättern der Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im blauen
+Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen, sie sprechen schön wie
+Vogelsang und Vogelsingen. Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt
+ihr trauliches Rauschen und Klingen.
+
+Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja, Frohsinn in Ruhe!
+
+Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie wieder. Weshalb denn
+traurig sein?
+
+Hab’ ich nicht ~dich~, mein Wald?
+
+Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner kräftigen Waldluft!
+Füll’ mir mein Herz damit, so widersteht es der Lockung, füll’ mir die
+Brust, so werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’ mir
+die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel gleich auf den wiegenden
+Ästen der Buchen, füll’ meine Augen damit, so werden sie trunken ewig
+schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und Bergnatur, in der ich
+Sünder stehe, erfülle mein ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin
+ich sündlos zur Stunde.
+
+Und ~ist’s~ denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde, wenn sich zwei Menschen
+schrankenlos einander geben? Wozu denn Schranken? ~Frei~ will ich
+sein von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten gelegt, in
+Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der durch die Waldgründe zieht,
+gebunden? Muß denn das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt?
+Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei, Frei! — — — Du bist
+ein ~Mensch~, kein Falk, kein Hirsch! Bedenke es, du bist ein ~Mensch~.
+
+O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein. Denn Zucht und Sitte
+binden. Und ~müssen~ binden, soll nicht die Allgemeinheit leiden.
+
+Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen! O singt, ihr seid ja
+luftbeschwingte, freie Sänger!
+
+Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen, atmenden Gründe,
+du hochgeweihter Hirsch, du bist ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des
+herrlichen Waldes!
+
+Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus ins Feld, durch das
+wogende Meer der Halme, und greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist
+ja ein Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu fragen: »Sag’,
+~darf~ ich?«
+
+Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der Luft, stoß herab, stoß
+herab! An den Grabenrain hat sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es
+sich ab im braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine pfeilscharfen
+Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu! Wer sollte dich hindern? ...
+
+Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’ mich an Menschengebot
+zu halten. Und soll ihn gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und ~wollt’~
+ihn gehn und ~will~ ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige Hexe,
+dazwischen getreten in meine Pflicht und in den Tageslauf eines
+Menschenseins?
+
+Warum nur, warum?
+
+Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich dich in mein Haus.
+
+~Bist~ du ein Kind der Straße?
+
+Man hat dich auf der steinernen Schwelle des Klosters gefunden, in das
+man barmherzig das elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand
+weiß, woher du kamst.
+
+Stammst du von Wesen ab aus einer anderen Welt, die wir nur ahnen,
+niemals aber sehn?
+
+Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden Abgrund zur Tiefe,
+neben dem Stein mit dem heidnischen Zeichen stehn, ~mein~ bist du
+geworden im kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen
+Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die Tropfen wie klare Tränen
+von dem herrlichen Weiß deines Körpers, da riß ich dich, nein, ~du~
+rissest mich in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes Haar — —
+— wer bist du, wunderbares Zauberweib? Hast du die Macht, der Menschen
+Seelen in dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich wieder frei von
+ihr! Hilf deinem Grünrock, du schöner, grüner Wald! — — —
+
+Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete Berge, durch
+ein mondbelichtetes Tal.
+
+An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des Mondes Glanz, in seinem
+Silberglanz gebadet schien das Tal.
+
+So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes Hufe tönten vom
+Wurzelwerke, mit dem der Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein
+unvergeßlich schöner Ritt.
+
+Froh fühlte ich mich und frei.
+
+Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden Naturmenschen, war ich
+zusammen gewesen, hatte die herbstlichen Schlagflächen mit ihnen
+besucht, über die Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über den
+Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen, und fast unbewußt
+hatte ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden.
+
+Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem Forsthause kam, desto mehr
+wich die Ruhe von mir. Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt,
+den Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen, für
+unsere Stimmungen haben. Aufgeregt tanzte er unter meinen Schenkeln.
+Und plötzlich stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still.
+»Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm den Hals. Der
+Mondschein lag hell über der Straße. Vor mir bauten sich klar und
+scharf die Häuser des Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die
+Kauzburg, jeden Schornstein konnte ich erkennen.
+
+»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm etwas die Sporen. Da
+schnaubte er und gehorchte. Aber als ich auf das mondhelle Feld
+blickte, das unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer
+meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich im Sattel zusammen.
+Eine weibliche, weiße Gestalt bewegte sich quer über das Feld auf mich
+zu. Nicht schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft. Ich
+erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener, wie Feuerschein
+lohender Mantel floß über das weiße Kleid das lange, gleitende Haar
+und ließ sich bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes.
+
+Es war Marianne.
+
+Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat, Marianne, meine Sünde.
+
+Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust.
+
+So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete ihr rotes Gluthaar
+im Silberstrahl des Mondes. Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf?
+
+Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der Mondsucht, mondsüchtig
+ist sie und heute ist Vollmond.
+
+»Marianne!« rief ich.
+
+Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah starr auf mich und mein
+Pferd, und sprang wie ein schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem
+Halse, ich wußte nicht, wie.
+
+Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte mich, und Pascha,
+mein Gaul, ging ruhigen, stolzen Schrittes den schmalen Pfad, der zur
+Kauzburg führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem Lächeln auf
+uns herab, und eine Wolke kam und hüllte des Mondes blasses Licht in
+Dämmerung, und der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich,
+ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen hatte, draußen im
+frischen Wald, ich hatte dieses Mädchens Leib in meinem Arm, und so,
+auf meinem Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit ihr
+heimlich wie ein Dieb in meine Stube ... Marianne, Marianne.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Domherr ist heute bei mir gewesen, und machte mir seinen Besuch.
+Lange war er verreist. In jedem Jahre macht er große Reisen.
+
+Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor treten. Was tausend,
+wie kann sich der Mann benehmen.
+
+Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um. »Niemand da, mich
+zu empfangen?« Jede Bewegung, sein ganzes Wesen sprach das aus.
+
+Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau, dummdreist wie immer. Je näher
+er dem Domherrn kam, desto unterwürfiger wurde der Junge. Ich glaube
+gar, er küßt ihm noch die Hand. Das fehlte gerade, er, der Sohn
+evangelischer Eltern, der Lehrling eines evangelischen Oberförsters!
+Ich hörte des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr Oberförster
+zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling bejahte und vor dem geistlichen
+Herrn die Tür der Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen
+Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür und sah, wie
+Fräulein Bartel ihrem Seelsorger die Hand küßte, sah seine segnende
+Handbewegung, sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm beugte,
+sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände legte und leise einen
+Segen auf dies rote Haar — ach, dieses Haar, das mich verführte —
+sprach, da richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen die
+meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich denn schon in allen
+anderen Augen die Augen Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar die
+Haarpracht Mariannens? — — —
+
+Der Mann vor mir ~hatte~ ihre Augen und ihr rotes Haar! —
+
+Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber. Sein kühnes, kluges
+Gesicht hatte ich dicht vor mir. Er spricht gewandt, benimmt sich
+wie ein Fürst, versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig
+hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert Menschen
+wirken werden — und doch — er ist mir unangenehm.
+
+Warum?
+
+Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank sein, ja, ich ~bin~
+krank. Marianne macht mich fieberkrank!
+
+Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen an Mariannens Augen
+denke? Daß ich fortwährend die Farbe seines, um die Tonsur sich
+wellenden, mit wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens rotem Haar
+vergleiche?
+
+»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine Empfehlung in Ihr Haus
+kam, zufrieden, Herr Oberförster?« fragte er mich.
+
+Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein höhnisches Lächeln auf
+seinem Munde? Hat er irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel,
+weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als schicklich geschwiegen
+haben auf seine Frage, denn er fragte noch einmal und sah mich
+verwundert an. Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn wo kann
+er denn etwas wissen!
+
+Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft ausfragen! Und nun fragt
+er ~mich~ nach ihr!
+
+»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und fuhr mir über die Stirn
+— sei klug und sei wahr und verrate dich nicht, liebe Seele, redete
+ich mir zu, »aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr, mir doch
+etwas Näheres über des Mädchens Herkunft mitzuteilen, es interessiert
+mich, da sie in meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte, wen
+ich im Hause habe, darum ...«
+
+»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«, unterbrach er mich ruhig,
+und nur sekundenlang fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide
+den Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses Mädchen wurde an der
+Klosterschwelle als soeben geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in
+unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln fand sich ein Zettel mit
+folgenden Worten: Nehmt dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der
+heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und der Heiligen Segen
+auf euch ruhen.«
+
+»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich, um etwas zu sagen, da er
+schwieg und wie traumverloren zur Erde starrte.
+
+Er fuhr auf.
+
+»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er.
+
+Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche Aufgeregtheit.
+
+»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich.
+
+»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die Schriftzüge?«
+wiederholte er meine Frage und fuhr sich mit seiner schmalen Hand —
+wo habe ich denn bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich —
+über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines Weibes Handschrift war’s,
+... wohl von der unbekannten Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange
+her ... man vergißt es ..., aber auch ~Sie~, mein Herr Oberförster,
+tun ein gutes Werk, wenn Sie das elternlose Geschöpf in Ihrem Hause
+behalten und ...«
+
+»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte förmlich Angst, er
+könnte sagen: »und es vor allem bewahren«.
+
+Aber ~sie~ war es doch gewesen, ~sie~ hat jede Schranke durchbrochen,
+~sie~ hat mich dazu gebracht! ~Ich~ habe mich gewehrt wie ein
+Verzweifelter, immer, immer — gegen mich und mein eigenes Fleisch und
+Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich, wie ein Ertrinkender sich
+gegen die Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein, trinkt,
+trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und Wonne, aus dem Becher
+dieses süßen, süßen Giftes!
+
+»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie Marianne in das Haus eines
+evangelischen Hausherrn ziehen ließen«, sagte ich.
+
+»Aber warum denn ~nicht~, Herr Oberförster, warum ~nicht~?« meinte
+er lächelnd. »Ich wußte doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel,
+katholisch ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster,
+Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft sind, also
+gehören Sie doch ~auch~ etwas ~uns~ an, sind ...«
+
+»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach ich ihn kurz und
+scharf.
+
+»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«, sagte er mit derselben
+Freundlichkeit. Bloß seine Augen sah ich einen Augenblick schillern.
+
+Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel des Handkusses und der
+Segenspendung. Marianne kniete vor ihm nieder.
+
+»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«, sagte er, während er das
+Zeichen des Kreuzes über sie machte.
+
+Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte es gesehen. Seine
+tiefen, forschenden, dunklen Augen flammten auf.
+
+»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind, nicht wahr?« Es klang sehr
+ruhig, sehr gütig, aber es klang wie ein Befehl.
+
+»Ja«, sagte Marianne gehorsam.
+
+[Illustration]
+
+»Dieser Mann hat große Gewalt über die Herzen der Menschen«, dachte
+ich, als ich allein war. Wenn Marianne zur Beichte geht und ~alles~
+beichtet, was wird sein?
+
+Und dann rief ich mir die soeben mit ihm geführten Gespräche ins
+Gedächtnis zurück.
+
+Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er weiß natürlich ganz
+genau, daß ich kein Kirchgänger bin. Daß ich im Walde immer am
+besten die allwaltende Gottheit finde. Und nun sollte ich gar ein
+ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und bestickten Fürsprechern
+zwischen der Gottheit und mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein,
+das wäre nun schon ~gar nichts~ für mich einfachen Sohn des Waldes!
+
+Lieber sollt ~ihr~, meine lieben Bäume, Fürsprecher für mich sein!
+Rauscht meine Gebete mit eurer grünen Blätterpracht dem lieben
+Herrgott zu, erzählt ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm
+sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt ~trotz~
+aller Sünde, rauscht bittend dem lieben Gott ins Ohr: »Herr, geh’
+nicht ins Gericht mit ihm, er ist ein ganz passabler Kerl und uns
+viel lieber als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn
+dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’ auch mal ~unter~
+dieses grüne Röcklein, wo sein Herz sitzt, gönn’ ihm ein stilles
+Plätzchen später mal zur ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er
+schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.« — Bin sonst nicht
+neidisch: aber den Dachs beneide ich um seinen festen Winterschlaf.
+
+Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’ mir deinen Schlaf mit.
+Ich hab’ den ruhigen Schlaf verloren. Aber auch ~du~ würdest ihn
+verlieren, sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh, mein Dächslein,
+mein liebes Dächslein, zu deinem Besten rate ich dir: bleib draußen im
+Walde in deinem Bau! — — — —
+
+Marianne kommt in die Stube und wischt Staub.
+
+»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran, »wirst du beichten
+gehn? Wirst du ~alles~ beichten? Du ~kannst~ doch nicht alles
+beichten, Marianne.«
+
+»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre Zähne blitzen. Und
+umschlingt mich mit ihrem linken Arm und fährt mit dem rechten über
+die Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun blitzt und wie
+sauber«, meinte sie, und drückte sich an mich wie eine Katze mit
+weichem Katzenfell.
+
+»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor. »Aber bleib ~mein~!« — — —
+— — — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Jetzt kenne ich den nächtlichen Spuk in meiner Kauzburg!
+
+Daß ich nicht eher auf den so naheliegenden Gedanken kam! Seit
+jenem Abend auf dem vollmondhellen Felde hinter dem Kirchhof an
+der Gartenmauer meiner Kauzburg hätte ich wissen müssen, was zur
+Vollmondzeit so ruhelos durch all die hohen Ordensräume dieses Hauses
+schleicht. Armes Kind der Straße! Arme Marianne!
+
+Ja, sie ist’s. Sie ist der ruhelose Geist der Kauzburg. Sie wird
+von dem schlimmen Gesellen dort oben am nächtlichen Himmel mit
+magnetischer Gewalt heraufgezogen, als wollte er damit sagen: »Seht,
+sie ist nicht von eurem Fleisch und Bein, ihr Menschen habt sie
+grausam ausgesetzt als kaum geborenes Wesen, nun will sie fort von
+euch, nun sehnt sie traumverloren sich nach einer anderen Welt, nun
+sucht sie ruhelos die andere Welt und kann sie nicht finden, und ich,
+ich habe nicht so große Macht, um sie ganz an mich zu ziehen und aus
+dem schweren Bannkreis eurer Erde sanft emporzuheben.«
+
+Marianne, welch unendliches Mitleid krampfte mein Herz zusammen, als
+ich dich langsam dahinschwebend am hohen Gesims der Kauzburg erblickte!
+
+Ich hatte wach gelegen in dieser köstlich klaren, silberflüssigen
+Vollmondnacht.
+
+Zum Fenster schaute ich heraus und sah, wie’s silbern floß und strömte
+um Baum und Strauch, um Feld und Wald, um Wiese und Rain.
+
+Da kam es leise, ganz leise an der Tür vorbei, unhörbar fast, ich
+ahnte es mehr, als daß ich etwas hörte. Wie ein seidenes, weiches,
+ganz weiches Streifen und Rieseln, wie ein Seufzen, wie ein feines,
+ganz feines und weiches Lachen. Es griff mir ans Herz, ich wußte nicht
+warum, ich fühlte, wie meine Pulse klopften, wie sich’s schmerzhaft
+zusammenzog in mir.
+
+Von draußen zogen die Silberwellen des Vollmondlichtes durchs
+offenstehende Fenster zu mir herein, auch fein und weich und leise.
+Ein Fenster hörte ich klirren.
+
+Da raffte ich mich auf und öffnete sachte die Tür nach der Halle.
+
+Niemand zu sehn. Ich schlich den weiten, hohen Hallengang hinab, da
+stand das Bogenfenster auf.
+
+Ich beugte mich hinaus und schrak jäh und furchtbar zusammen.
+
+»Marianne!« wollte ich schreien, aber gottlob erstickte ich noch den
+Schrei.
+
+Nur wie ein Ächzen kam’s über meine Lippen: »Marianne« ... Ja, da
+schwebte ihre gertenhaft schlanke Pagengestalt hoch auf dem Rande
+des Dachgesimses hin. Tief unter ihr, ganz tief und drohend ging’s
+hinunter auf den felsgezackten Mauerrand. Ein einziger, kleiner
+Fehltritt in ihrer grausigen Höh’, ein Stocken des Fußes, ein Zögern,
+ein Nachlassen ihres Schlafzustandes, ein Aufwachen, ein Erwachen —
+und zerschmettert lag sie da unten! Zerschmettert dieser herrliche
+Mädchenleib, der für mich, ganz allein für mich in all seiner
+berauschenden Schönheit blühte.
+
+So ging sie sicher wie auf der breiten Straße unten im Tal auf ihrem
+schwindelnden, schmalen Wege, ihr weißes Nachtgewand leuchtete wie ein
+milchfarbenes Strahlenkleid, ihre Haarpracht schien Funken nach dem
+silberglänzenden Licht, das sie in diese einsame Höhe emporgezogen
+hatte, zu senden, und ich hier am Fenster, ich zitterte davor, daß sie
+jemand anrufen und aus dem tiefen Geisterschlaf plötzlich aufwecken
+könnte.
+
+Wie kommt es, daß man in solchen Augenblicken zum alten Gott
+zurückkehrt?
+
+Daß man bei ihm und keinem anderen um Bewahrung, Schutz und Schirm
+bittet?
+
+Da schwöre ich nun auf mein Erdgeborensein, auf mein Erdenleben und
+mein Erdensterben, da juble ich nun in den Wald hinaus: »Ich bin von
+Erde und will wieder zu Erde werden, ich habe meinen Himmel auf der
+Erde und sonst nirgendswo.«
+
+Und heute, jetzt in dieser Nachtstunde, wo ich um jenes Leben
+zittere, das wie gelöst von jedem irdischen Leben, umspült,
+umschmeichelt von dem bleichen Mond, den Weg des Todes geht, heute
+halte ich die Hände, wie’s der einstige Forstbub tat, und bete:
+»Herrgott, der du über uns in Herrlichkeit und Macht und Güte thronst
+.. Herrgott, himmlischer Vater, laß sie zurückkehren in meinen Arm von
+ihrer furchtbaren Wanderung.«
+
+Hatte mich Gott erhört? Gibt’s wirklich einen persönlichen Gott, der
+auf Worte eines einzigen Wesens unter Millionen anderer Wesen hört?
+Der milde und freundlich lächelnd wie ein guter Vater sich neigt und
+spricht: »Dein Glaube hat dir geholfen?«
+
+Denn siehe: Sie wandte sich um, sie drehte sich auf dem äußersten,
+letzten Stein der Dachrinne, die über die Tiefe schwebte, um, sie hob
+die Hände und schlang sie hinter dem feuersprühenden Haar zusammen
+und schritt, das bleiche Gesicht wie in Sehnsucht gegen den Glanz des
+Mondes erhoben, denselben Todesweg, den sie gegangen war, zurück.
+
+Immer näher kam sie, immer näher. Oh, nur noch ein paar Schritte, nur
+noch einen Schritt ... schon beugt sie sich in das Fenster hinein,
+von dessen Öffnung ich zurückgetreten war, schon will sie durch die
+Öffnung zurückschlüpfen in die sichere Halle, ... da wird drüben ein
+Fenster aufgerissen, eine gellende Stimme ruft: »Marianne! Um Gottes
+willen, Marianne ...!«
+
+Sie zuckt zusammen, ihre Augen öffnen sich, ihr straff aufgerichteter,
+schlanker Körper knickt ein, als ob die Macht, die ihn hielt, von ihr
+genommen sei, aber schon bin ich vorgesprungen, schon hab’ ich sie
+erfaßt, umschlungen, reiße sie in die Fensteröffnung hinein, reiße sie
+~an~ mich, werfe mich zurück vor dem Sturz hinab auf die Steinmauer
+tief unten, ... gerettet ... Gott, ich danke dir, gerettet!
+
+Marianne lag ohnmächtig an meiner Brust. Fräulein Bartel kam den Gang
+heraufgestürzt mit fliegenden Gewändern und wie wahnsinnig schreiend:
+»Marianne, Marianne, Marianne!« »Ja, Marianne,« fuhr ich sie an,
+»danken Sie Ihrem Herrgott, daß Sie nicht ihre Mörderin geworden sind,
+Fräulein Bartel!«
+
+»Ich? ... ihre Mörderin?« ... stotterte sie entsetzt.
+
+»Ja, wissen Sie denn nicht, daß man Mondsüchtige nicht wecken, nicht
+erschrecken darf?«
+
+»Marianne? ... Mondsüchtig?«
+
+Ganz fassungslos vor Schreck war sie. Und das versöhnte mich mit ihrer
+Dummheit. —
+
+Wir trugen Marianne auf ihr Zimmer und legten sie auf ihr Bett.
+Sie erholte sich bald von ihrer Ohnmacht. Wußte sich auf nichts zu
+besinnen.
+
+Wir sagten ihr nichts.
+
+In Vollmondnächten wird aber seitdem — ohne daß sie es weiß — ihre
+Stubentür verschlossen. Vor ihrem Fenster ist ein Gitter.
+
+Auch vor einigen der anderen Fenster. Dafür ist’s doch auch eine alte
+Ordensburg.
+
+[Illustration]
+
+Tiefer Schnee deckt den Boden.
+
+Dem Landmann ist’s lieb, daß die Schneedecke seine Saaten schützt,
+und daß die Erde genügend Feuchtigkeit fürs Frühjahr durch die
+Schneeschmelze erhält.
+
+Noch ist das Frühjahr fern.
+
+Noch denkt der Schnee nicht ans Schmelzen.
+
+Noch sitzt er wie ein guter, mottenfreier Pelz auf der Erde. Auf
+den Zweigen der Bäume liegt er wie eine hohe Schicht Streusel auf
+schlesischem Streuselkuchen. Im Schlitten — ohne Schellengeläut —
+fahre ich durch den Wald. Durch meinen Bergwald, den ich so liebe.
+Über die Gebirgsbrücke hinüber. Aber der sonst so munter sprudelnde
+kleine Fluß liegt im Dornröschenschlaf. Unterm Eise, vom Froste
+eingeschläfert. Auf den holden Knaben, den Frühling, wartet das
+Flüßchen. Der wird es mit rotknospendem Zweig berühren, mit Jauchzen
+stromauf springen und überall sein holdes Antlitz zeigen, dann wird
+mit Geknatter und Gekrach das Eis bersten, das Flüßchen wird anfangen
+zu fließen, erst ganz verschämt und zagend, aber nicht lange wird’s
+dauern, da haben wir das ganze muntere Plaudern und Plätschern wieder.
+
+So schlafe denn wohl, du lieber Talfluß du!
+
+Der Knabe Frühling wird dich wecken.
+
+Am tiefsten still ist der Winterwald. Der hohe Schneeanhang am grünen
+Nadelzweig, am trocknen vom Herbst her an den Ästen verbliebenen Laub,
+— das hohe Schneepolster, das selbst auf kahlen Laubbaumzweigen liegt,
+die weiche Schneedecke, die Waldwege, Waldstege wie eine Daunendecke
+verhüllt, das alles macht stiller noch den sonst schon stillen Wald.
+
+Auch die Singvögel singen nicht.
+
+Sie weilen in wärmeren Landen und — blieben sie hier — so piepen sie
+höchstens, wenn sie hungern, doch sie singen nicht.
+
+Ich liebe den Winterwald. Fast mehr als den sommergrünen. Der
+Winterwald spricht so deutlich von Ruhe. Von Ruhe und Schweigen. Und
+Schlaf im Walde für ewig.
+
+So rein sieht alles aus, so weiß, so grün darunter, wie frische Jugend
+im Hermelinpelz. Hier scharrte ein Füchslein im Schnee, ich sehe seine
+Spur. Dort ist ein Reh getrollt, hier hoppelte ein Hase, halt da ...
+und ~hier~? Ein Wildschwein war’s, das ritterlichste Wild des Waldes.
+Der Fährtenfinder Schnee verrät das alles. Er ist des Waldes Papier,
+auf dessen Weiße alles schreibt, was durch den Wald schnürt, hoppelt
+oder trollt.
+
+Spät am Abend erst kam ich in die Kauzburg zurück. Es war so spät
+geworden, daß ich mich wunderte, Fräulein Bartel noch aufzufinden. Ich
+hatte ein für allemal angeordnet, daß sie mir mein Abendbrot in meine
+Wohnstube hinstellen und zu Bett gehn sollte, wenn ich erst nach zehn
+Uhr aus dem Walde heimkehrte.
+
+Ich liebe es dann, den Abend allein für mich zu verbringen. Denn der
+Waldfrieden, die Waldluft, des Waldes stille Schönheit hängen mir
+an solchen Abenden noch in den Gliedern, es stört mich, wenn mir
+dann irgendein Alltagsmensch Tagesklatsch und kleine Tagessorgen
+vorplappert. Aber an solchen Abenden hatte Marianne immer am ehesten
+Gewalt über mich. Sie, mit ihrer Waldnixenschönheit, mit ihrem weißen
+Gesicht, aus denen wie zwei dürstende rote Brombeeren die Lippen
+leuchten, mit ihren Rätselaugen, die geheimnisvoll sind wie das
+nächtliche Walddunkel, mit ihrer roten, goldigen, sprühenden Haarflut,
+ja, sie paßt zu dieser Stimmung, die ich an solchen Abenden mit heim
+bringe. Oder sie löst vielmehr diese Stimmung in glühende Akkorde
+auf. Was ich im tagtäglichen Leben nicht finde, glaube ich im Walde
+und in der trunkenmachenden, liebeglühenden Schönheit Mariannens zu
+finden. Eine Krankheit ist’s. Eine Krankheit der Seele. Ich glaubte
+sie zu heilen, indem ich wie ein Kranker nach Betäubungsmitteln griff.
+
+Es war mir daher direkt unangenehm, als mir heute am späten Abend
+Fräulein Bartel oben in der Flurhalle entgegenkam. Verlegen, wie ich
+sofort merkte. »Ach, gewiß irgendeine in ihren Augen große, in meinen
+Augen kleine wirtschaftliche Sorge!« seufzte ich.
+
+»Nun, Fräulein Bartel, noch auf?« fragte ich ziemlich unwirsch.
+
+»Ach, Herr Oberförster, sie ist heute gekommen«, sagte sie und sah
+mich ängstlich an.
+
+»~Wer~ ist gekommen?« fragte ich.
+
+»Nun, die Erika aus der Heide, Herr Oberförster.« Ich fing an, an
+Fräulein Bartels Verstand zu zweifeln. »Erika aus der Heide, Fräulein
+Bartel?« wiederholte ich maßlos verblüfft. »Ja, ich habe Herrn
+Oberförster doch aber gesagt, und Herr Oberförster hatten doch nichts
+dagegen«, meinte sie, ein wenig empfindlich.
+
+»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen, mein liebes Fräulein
+Bartel, und sagen Sie mir endlich klar und deutlich, wer gekommen
+ist, was der Wer hier will, und zu welchem Wer ich meine Erlaubnis
+gegeben habe.«
+
+»Des Heidkönigs Tochter ist gekommen«, sagte sie.
+
+»Ah!« ... nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen! Das hatte ich
+längst, längst vergessen!
+
+Ja, richtig, Fräulein Bartel hatte mich einmal gefragt, ob des
+Heidkönigs — eines Lüneburgers Großgrundbesitzers — Tochter für einige
+Zeit, solange der Vater im Auslande weilte, unter ihre Fittiche
+kriechen dürfe.
+
+Und nun war die Heidkönigstochter da. Wirklich da! ... Nun hatte
+ich’s! Nun mußte ich mich drein finden. Drein finden, daß ein fremder
+Mensch mir meine Hausruhe stören würde. Meine Hausruhe? ... Lieber
+Gott im Himmel, Hausruhe hatte ich nicht mehr. Damals, ja damals, als
+mich Fräulein Bartel fragte, hatte ich noch Hausruhe gehabt. Jetzt war
+Leidenschaft und heimliche Sünde im Hause. Mein Herz war durchwühlt,
+ein anderer war ich geworden.
+
+Am liebsten würd’ ich die Heidkönigstochter gleich morgen wieder
+einpacken und in ihre Heide zurückschicken ... Einen Beobachter im
+Hause? Bis jetzt war nur Fräulein Bartel hier oben in meinen Räumen.
+Die merkte und sah nichts von dem, was im geheimen hier geschah.
+
+Merkte und sah es nicht, daß Marianne und mich die Sünde
+zusammenhielt, daß Marianne wie ein schöner Dämon diese Räume und den
+Herrn dieser Räume beherrschte.
+
+Aber von jetzt ab dieses fremde Menschenkind.
+
+»Wie ist sie denn?« fragte ich mechanisch, denn ich merkte, daß
+Fräulein Bartel noch vor mir stand und mich ganz verwundert,
+ordentlich erschrocken ansah.
+
+»O, ein liebes, stilles Mädel ist’s, Herr Oberförster.«
+
+»Ein liebes, stilles Mädel«, wiederholte ich ihre Worte. Weshalb
+bewegten mich diese Worte so? War das nicht ein Traum, den ich immer
+geträumt hatte? Ein liebes, stilles Mädel! ... Fort, fort ihr dummen
+Forstbubengedanken! Vorbei, für alle Zeit vorbei ... »Ist gut,
+Fräulein Bartel, gute Nacht«, sagte ich und fühlte mich auf einmal so
+müde, ach, so müde.
+
+»Wo ist denn Marianne? Was sagt ~sie~ denn dazu, ich meine, zu dem
+neuen Bewohner, hm?« fragte ich noch nebenbei, und es war mir doch die
+wichtigste Frage, die ich tat.
+
+»Ach, Marianne, Herr Oberförster, aus ~der~ kann man nicht klug
+werden. Sie war ja ganz freundlich zuerst, aber dann verschwand sie
+gleich in ihrer Stube, ohne gut’ Nacht und so wie ein Geist.«
+
+Lange blieb ich heute abend noch auf.
+
+Also in meiner Kauzburg ist eine Königstochter.
+
+Eine Heidkönigstochter. Gekommen aus einsamer, weiter Heide, wo die
+Menschen weit voneinander entfernt wohnen in ihren in der weiten Heide
+verstreut liegenden Gehöften.
+
+Nun, es ist anzunehmen, daß dieses Heidkind wenig zu merken sein wird
+und selbst ebensowenig wie Fräulein Bartel irgend etwas von dem merken
+wird, was hier in meiner Kauzburg das Licht der Sonne scheuen muß. Die
+Königstochter ist gekommen, ist da und wird wieder verschwinden. Ich
+werde gar nicht wissen, daß sie wieder von der Bildfläche verschwunden
+ist.
+
+Aus ~meiner~ Bildfläche.
+
+Was kümmern mich Königstöchter! Mögen sie Töchter wirklicher Könige
+oder nur Töchter von Heidkönigen sein! Aber es ~gibt~ gar keine
+Heidkönige, sondern nur diesen einen einzigen Heidkönig auf der ganzen
+Erde. In seiner Art ist also der Mann ~mehr~ König als all die anderen
+Könige.
+
+Am nächsten Morgen begegnete ich der Heidkönigstochter in der
+Flurhalle. Ich begrüßte sie freundlich und war gleich von ihrem
+einfachen, schlichten Wesen sehr eingenommen.
+
+Sie ist ein hübsches Mädchen, hat braunes Haar und braune Augen. Eine
+Welt von Güte und Treue strahlt aus diesen Augen.
+
+Sie würde zwischen anderen Mädchen sicher nicht auffallen. Aber allein
+besticht sie durch eine eigenartige Lieblichkeit.
+
+Sie ist wirklich eine Erika. Eine schlichte Heideblüte. Die erblüht
+ist im einsamen Heidhof auf einsamer, weiter Heide. Nun, mein liebes
+Heidekind, möchtest du, wenn du von hier wieder fortgehst, eine
+freundliche Erinnerung an die Kauzburg mit hinausnehmen in deine
+braune Heide!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Du würdest Augen machen, glühende Kauzaugen, mein schlesisches
+Waldkäuzlein, wenn du die beiden Mädchen in meiner Kauzburg sehn
+würdest.
+
+Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende,
+leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen Rätselaugen, mit
+seinem feuerflammenden Gluthaar, und neben ihr Erika, die keusche,
+treue, liebliche, schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht
+dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander stehen.
+
+Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun, ~dann~ müßten die zwei
+sich anziehen wie zwei Magnete, die im Weltall kreisen.
+
+Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub im schlesischen
+Wald. Und doch ist die schöne Forstbubenzeit im heimatlichen Wald
+so lange schon vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir
+gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide. Wie sie als
+Kind sich dort verlaufen hat und Blumen pflückte, die gepflückten
+fortwarf und wieder pflückte und gar nicht merkte, wie der Abend kam.
+So recht nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber hinlief
+als in den Heidwald. Und wieder und wieder sich dort verlief, bis
+die Hirten sie fanden. Die wurden aufmerksam durch das Geblök der
+Heidschnucken, die sie durch den Waldbusch nach Hause trieben. Die
+meldeten das Kind und blieben stehn, blökten und rupften die Blumen
+aus ihren kleinen Händen.
+
+Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert. Der Heidwald schützt
+die kleine, aufblühende Heidblume. Die nun in stiller Anmut erblüht
+ist und unterm Dache meiner Kauzburg ist.
+
+Zwei Blumen blühen in meiner Burg.
+
+Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem Duft, mit Dornen
+auch, die keiner Rose fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche,
+stille Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der einsamen Heide
+bleibt und treu ausharrend ist in ihrem stillen Blühen. Nun ist sie
+schon ein paar Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht.
+
+Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die Kauzburg. Draußen liegt
+tiefer Schnee, es ist Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön.
+
+Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen. Viel ~mehr~ noch
+als früher.
+
+Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun lebe, mit ihrer
+Leidenschaft ein!
+
+Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und schlag’ mir den Frieden
+um die Ohren.
+
+Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh und Übelkeit. Ein
+schrecklicher Gedanke kam mir. Um Gott, bloß ~das~ nicht. Das würde
+mich unrettbar an sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie
+lachte mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie meine
+Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei Dank, es ist nichts!
+— Zum erstenmal saß ich des Abends mit Erika allein an dem großen
+Tisch in meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen Schein auf
+die Tischplatte und ihr dämmeriges, dunkleres Licht ringsum auf
+die gewaltigen Hirschgeweihe, die gut geperlten Rehkronen, den
+Elchkopf mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden Wildschweinkämpfe
+urgewaltiger Rassen, und das Heidekind, das seine Heide und sein
+heimatliches, einsames Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von
+seiner Heimat, der Heide.
+
+Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie gerade die einfachsten
+Landschaftsmotive Bilder von unvergleichlicher Kraft und Schönheit
+geben können. Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner
+geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach, aus denen man
+wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht nach der Heide herausfühlte,
+erstand vor mir die Heide, die weite blühende Heide.
+
+Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun und Lila der holden
+Waldblume Erika, ich sah auf dieser einsam weiten braunvioletten
+Heide die weiße Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn,
+jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das dunkle Moor
+mit seinem grauschwellenden Polster, mit seinen silbern schimmernden
+Wollgrasbüscheln, die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die
+Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten Sonnenglühen dort
+sammeln, ich sah dies schöne, ernste, wunderbare Sonnenglühen über die
+Heide seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die Wasserflächen
+einsamer Teiche unter dem goldigen, wärmenden Glanz der Morgensonne
+aus ihrer Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume
+wie hohe Lorbeerbäume von frohem Morgenglanz durchleuchtet, am
+Horizont den dunklen Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah
+die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus dem Horizont sich heben,
+immer weiter und weiter ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die
+Sonne stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern und Glänzen und
+Zittern begann, das Nähe und Ferne in seine Märchenstimmung zieht und
+allen Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht, und nun sah ich
+den einsamen Hof, das einsame Heidehaus, das seine Heidblume Erika an
+uns hier abgegeben hatte.
+
+Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und schirmend den einsamen Heidhof.
+
+Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit seinem tiefhangenden
+Strohdach, zwei Pferdeköpfe auf den Giebelseiten scheinen den
+Fremdling begrüßen zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern, über dem
+Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer Spruch, er soll die bösen
+Geister bannen und ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus
+die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen, der Speicher,
+das Backhaus, unweit davon die Katen der Arbeiter, und als des
+Hofes Wichtigstes der Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen
+Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So ruht der Heidhof im
+Flimmern stiller, träumender Mittagsonne; die Heidschnucken sind um
+den Steinbrunnen gelagert, umschlossen das ganze Idyll von einem Wall
+von Findlingssteinen im Osten und sonst von kunstvoll geflochtenem
+Palisadenzaun.
+
+»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg.
+
+»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch und mit einem
+ungemein glücklichen, kindlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.
+
+»Mein Vater meinte, daß man fern von der Welt, auf dem einsamen
+Heidhofe am glücklichsten lebe!«
+
+»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er ~doch~ in die Welt hinaus, sogar
+in die weite Welt übers weite Meer!«
+
+»Weil er ~mußte~«, sagte sie ernst, »es ist ihm bitter schwer
+geworden, seinen Heidhof zu verlassen.«
+
+»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume Erika«, sagte ich lächelnd.
+
+»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei, während ein freundliches
+Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte.
+
+»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin, unter den
+Schutz meines Daches gegeben«, scherzte ich.
+
+»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit dem ihr eigentümlichen, so
+wundervoll melodisch klingenden Lachen.
+
+»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den Heidkönig und mich die
+Heidkönigstochter; wohl weil von alters her unsere Eltern und Ureltern
+auf diesem Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz in der
+Heide haben.«
+
+»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens ein Grafentum, ja, ja!«
+rief ich.
+
+»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert Morgen unter dem Pfluge,«
+sagte sie lachend, »alles übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland.
+Hei und Holt sin dem Buren sin Stolt!«
+
+»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern Stolz, Fräulein Erika.
+Auch wir Grünröcke sind stolz auf unser Holz!«
+
+»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie.
+
+»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein Erika. Ich muß hinaus
+in einige Holzschläge, und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den
+es gibt, in weißem Schneeglanz sehn.«
+
+»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf. Werd’ ich auch Heide,
+weite, weite Heide sehn?«
+
+»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide, wie Ihre Heimatheide
+ist, holde Heidkönigstochter. Die gibt es hier nicht; ich wünschte,
+ich könnte sie Ihnen herzaubern.«
+
+Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn zusammen und sie blickte
+auf das vor ihr liegende Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab.
+Gleich darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich und
+schelmisch in die Augen.
+
+»So werde ich denken, daß hinter dem schönen Bergwald, in dem wir im
+Schlitten fahren werden, die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß
+des Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie.
+
+»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin. Sie werden ja
+wieder zurückkehren in Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier
+bleiben, wo ich bin.«
+
+Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich das sagte, etwas
+Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie sah mich einige Sekunden ernst und
+prüfend an.
+
+»Hier ist es doch ~auch~ schön und einsam. Wenigstens können Sie doch
+so viel Einsamkeit haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann.
+
+»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«, stieß ich unwillkürlich
+hervor.
+
+Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen unschuldigen Augen, die
+schelmisch und träumerisch, lieb und gut blickten, ahnte ja nicht,
+was in mir vorging! — Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch dieses
+Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem Zauberbann, unter dem ich
+mich krümmte und wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die
+mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten.
+
+»Erzählen Sie mir doch noch von Ihrer Heide, bitte, bitte, liebe
+Heidkönigstochter, ich werde so ruhig und still dabei, wie der
+Forstbub es wurde, wenn ihm die Mutter Märchen erzählte.«
+
+Wieder traf mich ihr ruhig-ernster und prüfender Blick.
+
+»Was sind denn zum Beispiel die Lieblingsgerichte der Heideleute,
+hm?« fragte ich scherzend. Nun machte die Heidkönigstochter zwei
+Schelmenaugen.
+
+»To hungern brukt hi keen, so heißt es bei uns in der Heide!« sagte
+sie fröhlich.
+
+»Unsere Lieblingsgerichte wollen Sie wissen? Ei, so muß ich mit dem
+Buchweizenpfannkuchen beginnen. Den ißt der Heidjer am liebsten. Auch
+ich als Heidjerin. Aber auch Buchweizengrütze und Buchweizenklöße,
+dann Erbsen und Kohl wie der Hase draußen, der sich sein Teil davon
+zu holen weiß, Bratbirnen und Speck und Quetschkartoffeln mit
+Buttermilch, ja, ja, to hungern brukt hi keen!«
+
+»Weiß Gott!« rief ich laut lachend, so laut und froh wie seit langem
+nicht, »to hungern brukt dort keen!« ... »Eins haben Sie noch
+vergessen, Heidetochter, ... den Heidschnuckenbraten!«
+
+»Schnuckenbraten gibt es nur am Sonntag«, meinte sie, »und wenn eine
+Hochzeit gefeiert wird.«
+
+»Haben Sie besondere Hochzeitsbräuche in der Heide«, fragte ich.
+
+»O ja, noch den Brauch des Brautheischers«, erwiderte sie.
+
+»Wie ist denn das, Fräulein Erika?«
+
+»Nun, der Brautheischer tritt in die Diele des Brauthauses, schlägt
+mit einem langen, mit Heideblüten bekränzten Stabe an den Dössel
+des Tores und heischt feierlich dreimal die Braut, und ist sie ihm
+überliefert, so zerbricht er den Stab und wirft die Stücke in das
+flammende Feuer des Fletts.«
+
+»Des Fletts?« fragte ich.
+
+Sie sagte: »Das ist der ebenerdige Raum, in dessen Mitte die
+Feuerstelle mit Feldsteinen ummauert sich befindet. Ein wichtiger
+Platz, denn an ihm werden Knecht und Magd gedungen und gekündigt, von
+ihm aus tritt die Heidetochter den Weg an in das Haus des auserwählten
+Ehemannes.«
+
+»Wie feierlich und ernst löst sich das Kind der Heide doch vom
+Herdsitz seiner Väter!« sagte ich lächelnd.
+
+Sie sah mich verwundert an.
+
+»Es ~ist~ doch auch feierlich und ernst, wenn die Tochter den Hof der
+Eltern verläßt, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen und seine Hausfrau
+zu werden.«
+
+»Und wenn die Eltern dagegen sind? Nicht wollen, daß ihre Tochter
+seine Hausfrau wird? Fliegt dann nicht das Töchterlein manchmal dem
+Vöglein gleich heimlich ins Freie? Hinaus aus dem Herdsitz der Väter?
+Hinüber zum Heidhof des Geliebten?« scherzte ich.
+
+Ich vergaß, daß ein reines Heidekind mir gegenübersaß; vergaß, daß nie
+der Saum ihres Kleides etwas Sündhaftes berührt hatte, vergaß, ach ich
+vergaß, daß ich, ich nicht mehr den Saum ihres Kleides berühren durfte.
+
+Sie gab keine Antwort. Nur wie in schmerzlicher Trauer und Scham
+senkte sie den Kopf und blickte von mir fort, zum Fenster, durch das
+der weiße Schnee unterm Mondglanz hineinblickte.
+
+»Sei’n Sie mir nicht böse, ich ~bitte~ Sie, sei’n Sie mir nicht böse!«
+sagte ich rasch und dringend. »Sie ~dürfen~ mir nicht böse sein,
+Erika, Sie sind doch ein Schutz für mich, Sie sind doch der Frieden,
+die Ruhe für mein Herz!« Ich wußte kaum, was ich sprach. Plötzlich
+überfiel mich mit schrecklicher Wucht dieses unglückselige Verhältnis
+zu Marianne! Diesem reinen Heidekind gegenüber kam es wie eine
+förmliche Verzweiflung über mich. Immerfort schrie es in mir: »Könnte
+ich ~dir~ doch ~so~ in deine Augen schauen, wie ~du mir~ mit deinen
+reinen Heideaugen in meine Augen blickst! O könnte ich das, ach könnte
+ich das!«
+
+Da wandte sie ihren Kopf wieder zu mir hin. »Ich bin Ihnen nicht
+böse«, sagte sie so warm und herzlich, wie eine Mutter zu ihrem Kinde
+spricht. »Weshalb sind Sie denn so sehr, so furchtbar unglücklich?«
+Und ihre Augen blickten mich hell und klar wie zwei Sonnen
+durchdringend an.
+
+»Ich unglücklich? Ach, Unsinn ... ich bin ja ganz vergnügt und
+glücklich!« rief ich hastig. Sie schwieg eine Weile und schaute mich
+ruhig dabei an.
+
+»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf, »Sie sind unglücklich
+über etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber sagen Sie’s mir doch, ich
+möchte Ihnen so gerne helfen.«
+
+Vielleicht wäre ich vor sie hingekniet nach diesen Worten, vielleicht
+hätte ich meinen Kopf in ihren keuschen, unberührten Schoß gelegt,
+vielleicht hätte ich dann den Mut gefunden, ihr alles zu sagen,
+sie um Erlösung und Rettung gebeten, vielleicht hätte sie mit ihren
+Händen dann leise und lind über meine brennende Stirn gestrichen, ach
+vielleicht, vielleicht.
+
+Da ging die Tür auf. Nicht heftig und laut. Leise und wie von selbst.
+Und im Rahmen der Tür stand Marianne im langen, weißen Nachtgewand. So
+leise war sie gekommen, daß Erika einen halblauten Schrei ausstieß und
+erschrocken vom Stuhl aufsprang.
+
+Aber ich erschrak nicht. Ich kannte ja Mariannens Wesen. Ich blieb
+ruhig, ganz ruhig. Und hätte sie erwürgen können, daß sie gekommen
+war. Daß sie diese eine friedvolle Stunde für mich abkürzte.
+
+Aber als ich sie so stehn sah, als ich ihr lilienweißes Gesicht mit
+den dunklen, nachtschwarzen, gierigen Augen, mit den blutroten,
+vollen Lippen, als ich die Funken, die der Mondstrahl über ihr rotes
+Haargewoge verstreute, schaute, da war ich wieder in ihrem Banne. Da
+kam wieder diese Gier nach ihr langsam wie eine Schlange über mich
+gekrochen. Sie stand noch immer schweigend in der Tür und sah mit
+einem lauernden, gespannten Blick auf Erika.
+
+Ohne ein Wort der Erwiderung drehte sie sich um und war ebenso leise
+und lautlos, wie sie gekommen war, verschwunden.
+
+Ich beruhigte zunächst das Heidekind und suchte ihr auszureden, daß
+in Mariannens Wesen irgend etwas Besonderes gelegen hätte.
+
+Erika ließ mich ruhig sprechen und sah still vor sich hin. Ob sie
+gemerkt hat, daß ich mit Marianne anders stehe, als ich sollte?
+
+Ich nahm mir vor, mit Marianne ernstlich zu sprechen. Erika ~darf~
+nichts ahnen, nichts merken. Dieses unschuldige, treue, stille und
+fröhliche Heidekind.
+
+»Du willst sie mitnehmen in den Wald?« sagte Marianne, als sie am
+nächsten Morgen zu mir in die Stube kam.
+
+»Ja, ich will sie mitnehmen. Warum auch ~nicht~, Marianne? Diese
+Heidkönigstochter bringt mir den freien Atem der Heide ins Haus, sie
+bringt mir Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens, denn ihr ganzes
+Wesen ist Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens.«
+
+Spöttisch kräuselten sich ihre roten Lippen.
+
+»Du willst frei sein? Wohl von ~mir~?« fragte sie langsam, während in
+ihren dunklen Augen jenes rätselhafte, dämonische Funkeln trat, das
+ich ... ja, das ich ... fürchtete.
+
+»Frei sein? Von dir, Marianne?« wiederholte ich mechanisch.
+
+Ich lachte bitter auf.
+
+»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie.
+
+»Ja, ja, ja, Marianne, ich liebe dich noch immer!« rief ich, »aber
+deine Liebe ist das Gift meines Lebens.«
+
+Ein merkwürdiger Ausdruck trat in ihre Augen. »Gift«, wiederholte sie
+leise, kaum hörbar.
+
+»Gift tötet, nicht wahr?«
+
+»Was fragst du sonderbar, Mädchen! Ja, Gift tötet!«
+
+»So werde ich dich also töten, langsam töten, und du wirst niemals
+jener anderen gehören, die in dein Haus gekommen ist, und die dich ...«
+
+»Nun, Marianne, die mich ...?« fragte ich, als sie schwieg.
+
+»Ach nichts!« fuhr sie auf. »Nimm sie nicht mit in den Wald, ich
+duld’s nicht!«
+
+»Und doch werde ich sie mitnehmen!« schrie ich sie an, »soll ich wie
+ein Knecht dir gehorchen?«
+
+»Es ist gut, nimm sie mit«, erwiderte sie ruhig. »Nein, nein!«
+jammerte sie dann plötzlich auf, »mein sollst du bleiben, mein!«
+
+Und sie warf sich an mich, umschlang mich fest, daß mir fast der Atem
+verging, und brach in ein ungestümes Weinen aus.
+
+»So beruhige dich doch, Marianne, denke doch, wenn jemand kommt.« Im
+selben Augenblick war mir’s, als ob ich im Spiegel die Tür sich öffnen
+und Erika in ihrem Rahmen stehn sähe.
+
+Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Sekundenschnell war diese
+Täuschung gewesen. Mein Himmel, bin ich denn schon so weit, daß ich
+Halluzinationen habe?
+
+Marianne beruhigte sich schließlich.
+
+Man merkte ihr nichts an, als Erika hereinkam, freundlich und gütig
+und sanft wie immer.
+
+Mir kam’s aber vor, als läge ein eigentümlich trauriger Ausdruck in
+den lieben, stillen Zügen des Heidekindes.
+
+»Adieu, Marianne«, sagte sie und reichte ihr die Hand. »Ich freue
+mich, daß ich einmal in den Wald komme, ich bin doch ein Waldkind. Nur
+dieses eine Mal möchte ich mitfahren, darf ich?«
+
+Ganz leise sagte sie die beiden letzten Worte, aber ich hatte sie doch
+verstanden.
+
+Marianne stand und blickte sie an. Und als sich ihr Erika entgegenbog,
+hielten sich die beiden Mädchen plötzlich umschlungen. Ich tat, als
+hätte ich nichts gesehn. Was mögen sich diese vier Mädchenaugen dort
+gesagt haben?
+
+Marianne, Marianne, ich traue dir nicht. Meinst du’s ehrlich mit
+der lieben Heidkönigstochter? In ihrer Seele liegen keine Abgründe,
+keine Tiefen wie in deiner Seele. Das Kind der Heide ist treu und
+gut und hat den Glauben an die Menschen. Soll ich sie warnen vor den
+Menschen? In der einsamen Heide lernt man die Menschen nicht kennen.
+Die Heidemenschen sind nicht gleich uns. Anders geartet sind sie. Sie
+wohnen weit voneinander auf großer Fläche. Einer nimmt dem andern
+nicht sein Brot, nichts nimmt er ihm von Luft und Sonnenschein.
+
+Nichts von Liebe. Denn wenn das Heidekind liebt, dann liebt es
+in Zucht und Ehren. Es liebt treu und innig, fest und still. Das
+Heidekind weiß nichts von unzüchtiger Liebe und Leidenschaft, will
+nichts davon wissen. Nichts ahnt es von dem Bösen, das in Menschen der
+Leidenschaft und der unzüchtigen Liebe steckt.
+
+Heidkönigstochter, ob ich dich warne vor der anderen? Du bist in
+deiner Heide aufgewachsen wie Erika, die Heideblume selbst. In
+Frieden und in Zucht des väterlichen Heidhofes, die Linden am Tore
+haben dich als Kind beschirmt und dir die hold duftenden Lindenblüten
+auf den Schoß geschüttet, aus der Heide kam zu dir der Duft der
+Heideblumen, der Duft der gelben Lupine, in der die summenden Bienen
+schwelgen, und wenn du vors Tor liefst auf die Heide hinaus, dann
+sahen deine Kinderaugen nichts als Blumen, violette und gelbe, auch
+rote dazwischen und weiße, sahen über dem Feld all der Blumen den
+Himmel mit seinem flimmernden Glanz, die Sonne mit ihren goldigen
+Strahlen, sonst einsam, einsam, einsam ringsum. Kein Laut sonst als
+das Bienensummen, als der Wachtelschlag, Lerchengetriller und Zirpen
+der Grillen.
+
+Ja, liebes Heidekind, jetzt bist du unter die Menschen gekommen. Kaum
+kamst du unter sie, so kroch die Sünde an den Saum deines Kleides,
+deine reinen Heideaugen haben vielleicht heute, vorhin zum erstenmal
+etwas von der Sünde gesehn.
+
+Armes Kind der Heide.
+
+Ich sagte früher »armes Kind der Straße«.
+
+Mein Heidekind, ich glaube, das Straßenkind ist ärmer als du. —
+
+Mein Heidekind, ich fühle mich schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch.
+Und wir Menschen sind schwach. Wirst du mir einst, wenn klar vor dir
+die Sünde dieses Hauses stehn wird, verzeihn? Oder wirst du den Saum
+deines Kleides an dich raffen und dich fortwenden von mir und von ihr?
+
+Es ward heute eine stille Waldfahrt.
+
+Im tiefen Schnee lag noch der Wald. Und doch ging es wie ein fernes
+Frühlingsahnen durch die verschneiten Zweige. Eine wärmere Luft schien
+schüchtern anzufragen: »Wann darf ich kommen, du kalter Schneemann,
+sag’ ~an~?«
+
+Diese Frage der wie ein Hauch uns umschmeichelnden Frühlingsluft
+machte Erika und mich still. Fast den ganzen herrlich-schönen Weg
+im Schlitten durch den im Schnee ruhenden, prächtigen Wald, den
+neckend die leise fragende Frühlingsluft umspülte, saßen wir still
+nebeneinander. Ich fühlte aber oft zwei heimlich und traurig mich
+anblickende Augen. Erikas, des Heidekinds Augen.
+
+Tat ich ihr leid? Ahnte sie vielleicht ein Stückchen von der ganzen
+schweren Wahrheit? Hatte sich ein Zipfel des drückenden, wie schwerer
+Nebel auf mir lastenden Tuches vor ihr gelüftet? — Unsinn! — Fräulein
+Bartel ist von Anfang an, von dem Tage an, an dem mir das Schicksal,
+dieses unergründliche, blindwaltend grausame Schicksal, Marianne ins
+Haus brachte, in meiner Kauzburg gewesen und merkt noch heute nichts.
+Niemand hat es gemerkt.
+
+Und dieses harmlose Heidekind sollte nach kurzer Zeit etwas ahnen?
+Unmöglich! Auch wenn sie wirklich Marianne vorhin weinend und neben
+mir stehend gesehn hätte. Nur die Liebe macht scharfsehend und
+vorausahnend. Ich fuhr zusammen.
+
+»Tor!« lachte ich bitter in mich hinein, während ich das reine,
+kindliche Profil der neben mir Sitzenden musterte. »Mich Erika
+lieben!« Scheiden tut sich Rein und Unrein wie auf Messers Schneide.
+
+Einen Mann könnte sie lieben, der gleich ihr in einsamer Heide vom
+Kind zum Knaben, vom Knaben zum Manne erwuchs. Gleich ihr, unberührt
+und keusch wie die Heide, fern von der argen Welt. Solchen Mann der
+jungfräulichen Heide darf das jungfräuliche Weib der Heide fordern. Zu
+solchem Manne fühlt sich solches Weib hingezogen. Ich krampfte meine
+Hände in das harte, kalte Leder der Leinen, mit denen ich den Gaul
+lenkte, zusammen.
+
+War’s nicht lächerlich, war’s nicht wie ein Wahnwitz, daß ich mir
+trotz allem oft so unschuldig vorkam wie solcher Knabe der Heide?
+Als ob alles gar nicht wahr, gar nicht Wirklichkeit sei? Bloß wenn
+die Leidenschaft kam in Gestalt jenes zauberschönen, glühenden,
+rothaarigen Mädchens, brach alles zusammen, mein ganzer Traum von
+einem unschuldigen Mann der Heide, der seine Hände ausstrecken darf
+nach dem unschuldigen Mädchen der Heide.
+
+»Weiche von mir! Weiche von mir! ... Nein, bleib, bleib, bleibe! Deine
+Haare sprühen wie rote Feuersglut, dein weißer Leib macht trunken.
+Der Seele Seligkeit geht verlustig, wer diesen Leib mit seinen Armen
+umschlingt. Weiche von mir, weiche von mir! Nein: bleib, bleib, bleib.«
+
+[Illustration]
+
+Nun taute es wirklich und wollte Frühling werden.
+
+In meiner Kauzburg ist’s wie Frühling. Ich habe ja den holdesten
+Frühling im Hause. Ist nicht des Heidkönigs Tochter unter meinem
+Dache? Ist des Heidkönigs Tochter nicht wie die Frühlingsbraut?
+Strahlt aus ihren Augen nicht das freundliche Winken des Frühlings.
+Dieses freundliche und doch so rührend keusche, fast schüchtern
+fragende Winken?
+
+Dieses freundliche, schüchterne und mit ein wenig versonnener, ernster
+Schwermut fragende Winken? Die Versonnenheit der weiten Heide ist’s,
+die innen wohnende, mit dem inneren Frohsinn gepaarte Schwermut all
+der Kinder einer weiten, weiten, einsamen Heide.
+
+Ja, Erika, ich kann es niederschreiben. Aus meinem Herzen heraus
+könnte ich es dir sagen: du hast der Kauzburg den Sonnenschein
+zurückgegeben.
+
+Wenigstens dem Kauz in der Kauzburg. Und ich bin doch der Kauzherr der
+Kauzburg.
+
+Dein reines, keusches Wesen hat diesen Räumen ihre Reinheit und
+Keuschheit eingehaucht. Ich bin durch dich gefeit gegen die wie
+Sturmtoben über mich hereinbrechende Leidenschaft zu den roten,
+wogenden wie Feuerschlangen mich umstrickenden Haaren der Hexe.
+
+Nein, nein, nicht die Hexe. Sie bleibt für mich das arme Kind der
+Straße. Ich will für sie sorgen und über sie wachen mein Leben lang.
+Nur »lieben«, nur »sie verlangen« ... vorbei, vorbei! —
+
+Ich bin ~frei~! Frei von den Banden, die mich umschlossen! Ich
+widerstehe Mariannen! Ich ~kann~ ihr widerstehn! Mir ist, als sei ich
+neu geboren. Sie ~war~ mein; jetzt soll sie mir fürderhin nur noch das
+arme Kind der Straße sein und bleiben, für das ich immer sorgen werde.
+Ich will sie schützen und will ihr treu sorgend zur Seite stehn. Wie
+ein Bruder seiner Schwester.
+
+Als ich ihr’s kürzlich sagte, sah sie mich lange durchdringend und
+spöttisch an.
+
+»Du liebst mich nicht mehr, ich weiß es«, sagte sie dann.
+»Meinetwegen, du liebst das fremde Mädchen aus der Heide. Aber du bist
+unfreier denn je.«
+
+»Marianne!« rief ich.
+
+»Still, lüge nicht, kein Wort sprich!« zischte sie mich an. Und ehe
+ich etwas erwidern konnte, war sie zur Tür hinaus.
+
+[Illustration]
+
+Nun ist es schon seit Wochen so still. Fast ohne ein Wort zu sprechen,
+schleicht Marianne im Hause umher. »Sie fühlt sich krank«, sagte
+Fräulein Bartel zu mir, »am besten ist es, man läßt sie gewähren, so
+findet sie sich am ehesten wieder zu sich selbst zurück.«
+
+Sie ist allein in ihrer Stube, und wenn sie sich zeigt, ist sie stets
+in ihren großen, weiten Mantel gehüllt; sie friert, und der Frühling
+naht. —
+
+Mit Erika spricht sie kein Wort. Und doch trägt ihr Erika das Essen
+aufs Zimmer, wenn Marianne nicht aufstehn will, und doch ist sie stets
+und immer so rührend freundlich zu ihr.
+
+Das Kind der Heide ist zu jedermann gleichmäßig freundlich und gütig.
+Auch zu mir. Aber ich merke es, ach ich fühle es, sie ist anders
+zu mir, als sie früher war. Scheu hat sie vor mir. Gewiß, es ist
+nicht anders: sie weiß um unser sündiges Verhältnis, das wir gehabt
+haben, oder sie ahnt es. Sie hat Erbarmen mit Marianne, — ich fühl’s:
+Erbarmen auch mit mir! Ich bin viel weniger an dieser Sünde schuld als
+Marianne. Was nutzt das alles? Ich bin der Mann, und dem Manne rechnet
+man’s stets viel mehr als Vergehen an. Er ist der stärkere Teil. Den
+schwächeren Teil soll der Stärkere schonen.
+
+Schonen! Schonen! Wenn das Weib lockt mit all seiner Zaubermacht, wenn
+es sündigen ~will~ mit dem, der schonen soll! Ja, ja, der Frühling ist
+da! Was war ich vor kurzem noch frühlingsfroh und frühlingsfreudig!
+
+Fort, fort damit! Was soll mir der Frühling. Freut sich der Falke des
+Frühlings, wenn er an seinen Fängen gefesselt ist?
+
+[Illustration]
+
+Ich sitze in meiner Stube und schreibe. Draußen ist wunderschöner
+milder Frühlingsabend und Vollmondschein. Alle Zugvögel sind wieder
+bei uns. Manche, zum Beispiel die Schnepfe, sind schon weiter nach
+Norden gezogen. Es grünt und blüht schon mächtig um die Kauzburg.
+Sie fängt an, das verzauberte Dornröschenschloß zu werden, wie im
+vorigen Jahr. Und die Nachtigall singt. Weich, feucht, dunstig und
+voller Duft ist die Luft. Ein schweres, weiches Atmen der neues
+Leben hervorbringenden Natur. Die feuchte, weiche, schwere, duftende
+Frühlingsluft zieht ins Fenster hinein. Zu mir in die Stube, an meinen
+Schreibtisch, vor dem ich sitze. Sie legt sich feucht und weich und
+schwer auf meine Brust, über meine Stirn und macht mich müde und
+traurig.
+
+Vollmond ist heute. Ich muß an Marianne denken. Welchen Einfluß hat
+doch stets der Mond auf sie! Dadurch, daß wir heimlich ihre Tür
+verschließen, haben wir ihr den Weg für die nächtlichen Wanderungen im
+Schein des Vollmondes verlegt. Ist sie vielleicht deshalb krank? Wie
+hell erstrahlt heute doch der Vollmond zur Erde herab! Mondwechsel!
+Das letzte Strahlen ist stets das schönste und hellste.
+
+Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen haben, Mariannens Tür
+zu verschließen? Ich hör’ doch ein Schleichen, ein leises, gieriges
+Lachen? Ein tiefes, tiefes Aufseufzen?
+
+Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür! Da ist sie ja, ... es
+ist Marianne .... Zu mir herein tritt sie ... gespenstisch, und weiß
+leuchtet ihre Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes Tuch
+geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr schönes goldrotes
+Haar. Sie spricht vor sich hin ... leise, ganz leise, und singend:
+
+... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den
+gleißenden Mondschein, dort tanzen wir, dort sind wir allein« ...
+
+Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr armer Geist gelitten,
+was singt sie denn für ein tolles, irres Zeug?
+
+»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht zu erschrecken.
+
+Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr. Schlingt beide Arme um
+die im Schlaf Wandelnde und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen
+Stimme: »Marianne!«
+
+Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht sie, wo sie ist.
+Einen schrillen Schrei tut sie und stiert mich an. Stiert Erika an;
+stößt sie von sich und lehnt sich dann aufstöhnend an den Türpfosten
+an.
+
+Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor.
+
+Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und nun steht sie neben
+ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte sie etwas Schreckliches,
+Unglaubliches gefühlt, im Arme gehabt.
+
+Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie zurückführen in ihr
+Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen und sagt zu mir: »Bleiben Sie,
+rühren Sie sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne,
+ich soll dir helfen, ich allein?«
+
+Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum läßt sie sich von
+Erika fortführen, schwer stützt sie sich auf die zarte Gestalt des
+Heidekindes. —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Habe ich das alles gestern abend geträumt? Heute, wo die helle
+Morgensonne freundlich über der Kauzburg liegt, glaube ich, daß ich
+wirklich gestern um Mitternacht das alles geträumt habe. Geträumt,
+daß Marianne plötzlich so geisterhaft vor mir im Vollmondschein
+stand, daß Erika, das schlichte Heidekind, ebenso plötzlich neben
+der Schlafwandlerin auftauchte, geträumt von dem irren Sprechen, dem
+merkwürdigen Singen Mariannens, — was sprach sie doch so singend vor
+sich hin? »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf
+in den gleißenden Mondschein dort tanzen wir, dort sind wir allein?«
+... Geträumt von dem schrillen Schrei, von Erikas Entsetzen, ach, nur
+geträumt von allem ...!
+
+Aber noch sehe ich, jetzt im hellen Morgenlicht sehe ich es noch so
+deutlich vor mir, wie sich Marianne so schwer, so schwer, als trüge
+sie schwere, bitterschwere Last, auf Erika, das Heidekind stützte ...!
+
+Ich danke dem Geschick, das mir dieses Heidekind ins Haus führte.
+
+Ihre bloße Gegenwart, der Gedanke schon, daß sie unter einem Dache
+mit mir ist, beruhigt mich. Unruhe, viel Unruhe berge ich in
+meinem Innern. Die Reue ist’s, ja, es ist die quälende Reue, daß
+ich Mariannens Lockungen nicht widerstanden habe. Oh, könnte ich
+ungeschehen machen, was geschehen ist. All diese nächtlichen Stunden
+wahnsinniger Leidenschaft. Nie wäre es geschehn, was geschah, wäre
+diese liebe Heidblume schon gleich in mein Haus gekommen.
+
+Und doch! ... Nein, nein ... ich will nicht feige sein! Ich will mich
+nicht hinter Ausflüchten verstecken. Auch ~ich~ hatte Schuld. Ich
+mußte widerstehn, ~mußte~ stark sein, stark bleiben. Und nun danke
+ich dir, Gott, den ich überall in der Natur um mich sehe, ich danke
+dir, daß aus der Sünde kein neues Leben entkeimte. Daß ich mich lösen
+konnte von Marianne und sie nun Schwester nennen werde. Wie für eine
+Schwester werde ich für sie sorgen fortan.
+
+Es klopft? ... Wer wird es sein so früh? ... »Herein! ... Ach, Erika,
+... wie geht es Mariannen?«
+
+»Sie ist nicht hier?« sagte Erika und blickte sich suchend um.
+
+»Nein, hier ist sie nicht. War’s denn gestern wirklich kein Traum,
+Erika? Marianne gestern zur Nachtstunde dort, wo Sie stehn?«
+
+»Lassen Sie, lassen Sie« ... unterbrach sie mich.
+
+»Ich muß Mariannen suchen ... Gott im Himmel, sie schlief so fest,
+drum ließ ich sie allein ... und nun suche ich sie schon überall und
+finde sie nicht ... und ... und ... sie darf nicht fort ... sie ist
+... ja, sie ist krank ...«
+
+»Ich suche mit Ihnen, Erika!« Und schon war ich neben ihr im Flur
+draußen.
+
+»So beruhigen Sie sich doch, Erika,« rede ich auf sie ein, »wo soll
+sie denn sein? Bei Fräulein Bartel vielleicht, oder unten im Garten
+oder schon wieder in ihrer Stube ...«
+
+»Nein, nein, nein!« jammert Erika auf und schlägt ihre Hände vors
+Gesicht.
+
+»O, warum ließ ich sie allein, warum ließ ich sie allein.«
+
+[Illustration]
+
+Es ist Abend. Wir haben sie nicht gefunden. Schwerer, ganz
+dichter, schwerer Frühlingsregen fällt, und immer stärker wird der
+Frühlingswind. Überall haben wir sie gesucht.
+
+Im unterirdischen Gang bin ich mit Erika bis zu dem stillen,
+heimlichen Tal gekrochen. Dort, auch dort war sie nicht. Als ich den
+tiefen Waldteich sah, auf dessen stille Fläche der Frühlingsregen in
+schweren Tropfen aufschlug, faßte ich Erika krampfhaft bei der Hand.
+Sie las das Entsetzen, das in meinen Augen stand. Da sagte das liebe
+Heidekind: »Nein, ~das~ hat sie nicht getan, ich weiß, daß sie das
+nicht tut, ich weiß, ~warum~ sie das nicht tun wird ..., sie hat sich
+~nicht~ das Leben genommen, glauben Sie’s mir und ... und ... fassen
+Sie Mut ... Nicht dieses Entsetzen in den Augen.«
+
+»Warum, Erika, sagen Sie, ~warum~ glauben Sie, daß sich Marianne nicht
+das Leben genommen hat?«
+
+»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, flüsterte sie und sah zur Erde.
+
+»Aber wir müssen sie finden, sie kann in ihrem Zustande ja nicht fort,
+sie muß in Pflege kommen, bald, bald in treue Hut und Pflege ...«
+
+»Ja, bald, bald, denn sie ist krank,« rief ich; »ach Marianne, hätten
+wir dich erst wieder!«
+
+[Illustration]
+
+Der Frühlingssturm braust stärker und stärker.
+
+Wie sich die Bäume biegen! Wie sie geschüttelt und gerüttelt werden!
+Aber das junge Frühlingslaub hält fest. Es ist kein Laub des Herbstes.
+Nein, nein, heut hast du keine Macht!
+
+Das junge Leben kann dir widerstehn! Das junge Leben! Überall junges,
+werdendes Leben in der Natur. Was weiß solches junges Leben von den
+Stürmen des Herbstes! Was weiß junges Leben überhaupt vom Leben! Wie
+schwer das Leben ist.
+
+Es ist gut, daß junges Leben nichts weiß von der Schwernis des Lebens.
+
+Des Lebens Schwernis kommt von selbst. Man braucht sie nicht zu rufen.
+
+Herein tritt sie wie jemand, der ein Recht hat, einzutreten. Sie läßt
+sich bei uns nieder und bleibt an unserem Tische. Sie schleicht sich
+bis aufs Ruhelager und schläft mit uns und wacht mit uns wieder auf.
+
+Ach, bei manchem jungen Leben steht diese Lebensschwernis schon am
+Bett, kaum daß dies junge, neue Leben den ersten Lichtstrahl dieser
+Erde in sich aufnahm.
+
+Draußen treibt der Frühlingssturm, der Regen gießt wie in Schleusen
+herab, — wo bist du, Marianne, um des Himmels willen, wo ~bist~ du!?
+
+Ich sprang auf. Ich darf nicht hier sitzen und dem Sturmwind lauschen,
+suchen muß ich sie wieder, suchen, bis ich sie gefunden habe!
+
+Da stand plötzlich Erika vor mir. Sie war in einen Umhang gehüllt. Von
+ihr tropfte des Regens Nässe. Ganz bleich stand sie vor mir. »Erika!«
+rief ich und sprang auf.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie!« keuchte sie atemlos. »Sie müssen gleich,
+gleich, gleich mit mir kommen ... zu Marianne!«
+
+»Zu ~Marianne~? Sie haben sie gefunden? Sie wissen, wo sie ist?«
+
+»Kommen Sie!« stieß sie hervor.
+
+»Marianne will Sie sehn, Sie müssen Marianne sehn, ehe ... ehe ...«
+
+Ein Schluchzen erschütterte sie.
+
+»Marianne stirbt, nicht wahr, sie stirbt?« rief ich und taumelte nach
+der Tür. —
+
+Sie nickte bloß und schrie laut auf vor Schmerz. Schon stand ich
+unten mit ihr in dem tobenden Frühlingssturm. Ach, der Regen strömte
+in Güssen herab, aber alles ringsum atmete den Frühling aus. Die vom
+Sturm bewegte Luft war weich und frühlingswarm.
+
+»Kommen Sie!« sagte Erika und faßte mich an der Hand.
+
+»Ich führe Sie, Sie gehn ja wie ein Trunkener, Sie armer Mensch.«
+
+Ich stolperte hinter ihr her. Kein Mensch war auf den engen Gassen des
+Städtchens. Der strömende Regen hatte die ganze kleine Krämerwelt in
+die Stuben gebannt.
+
+Wohin führte mich Erika? Endlich standen wir vor einer Pforte still.
+Einer Pforte in einer hohen Mauer. Ich strich mir den Regen aus dem
+Gesicht und blickte mich um.
+
+»Das ist ja das katholische Kloster«, sagte ich wie im Traum.
+
+Erika pochte dreimal an die Pforte. Ein Schlüssel knarrte, und die
+Pforte wurde geöffnet. Eine Schwester stand vor uns. »Lebt sie?« stieß
+Erika hervor. »Ja, sie lebt, kommen Sie, ich führe Sie hinauf.«
+
+Wir gingen über den Klosterhof, bis zu dem hinein dieser heftige
+Frühlingssturm nicht drang. Der Regen schlug klatschend auf den
+steingepflasterten Hof; süße Düfte drangen vom Klostergarten hierher,
+ganz fern hörte ich eine Nachtigall pfeifen. Sie wollte singen trotz
+des Sturmes, weil’s doch Frühling war.
+
+Ich hätte weinen können, so war mir zumute. Viele Treppen stiegen
+wir hinan, durch die stillen, schmalen Klostergänge folgten wir
+der Schwester. Ein paar Schwestern in ihrer schwarzen Nonnentracht
+begegneten wir. Sie huschten an uns vorbei und sagten leise: »Gelobt
+sei Jesus Christus!«
+
+»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte auch ich, ich, der ich im grünen
+Walde draußen meinem Gott am nächsten stehe! Aber dieser tiefe Frieden
+in diesen Klostermauern erschütterte mein Herz. Vor einer Tür blieben
+wir stehn.
+
+»Hier liegt sie, aber bitte, seien Sie ruhig, leise und gefaßt«, sagte
+die Schwester bittend und drückte auf die Türklinke.
+
+Ja, da lag sie in blütenweißen Linnen des Bettes. Über die Weiße des
+Bettzeuges fluteten ihre rotgoldenen Haare, die mein Entzücken und
+meine Pein gewesen waren.
+
+Tief und groß und strahlend sahen mich ihre Augen an, sofort, als ich
+ins Zimmer trat, nein, als ich noch in der Tür stand.
+
+Wie? Das sollte eine Sterbende sein? Waren in ihrem lilienweißen
+Gesicht die Wangen nicht von sanfter Rötung? Die Lippen, die sich
+so oft in glühender, verzehrender Leidenschaft an die meinen
+gepreßt hatten, nicht rot wie die Kirschen? Die Arme, die sie mir
+entgegenstreckte, nicht von derselben köstlichen Rundung, wie einst,
+da sie noch mein gewesen war?
+
+»Du kommst, Du bist gekommen und hast mir verziehn«, sagte sie leise
+zu mir, so leise, daß es kaum bis zu mir hindrang. Ja, an dieser
+Stimme erkannte ich, daß sie krank, sterbenskrank war.
+
+»Marianne«, sprach ich, trat neben das Bett und wollte mich auf die
+Knie niederlassen zu ihr. Da erklang plötzlich in dem kleinen, matt
+erhellten Raum ein Wimmern, ein Weinen. Ich fuhr zusammen und horchte.
+Wie ein Entsetzen durchfuhr’s mich. »Was, was ist das?« fragte ich
+fassungslos. »Ein Kind, ein eben geborenes Kind hier bei der Kranken?«
+
+Erikas Hand legte sich ruhig, aber mit festem Druck auf meinen Arm.
+
+»Fassung und Ruhe,« raunte sie mir zu, »vergessen Sie nicht, daß Sie
+eine Sterbende vor sich haben.«
+
+»Mein Kind,« flüsterte Marianne, während ein unendlich glücklicher und
+trauriger Ausdruck ihre Züge überhauchte, »mein und dein Kind«, setzte
+sie verzagt hinzu und sah mich ängstlich an.
+
+»Marianne!« schrie ich, nein, wollte ich aufschreien, hätte ich
+geschrien, wenn sich nicht rasch Erikas Hand auf meinen Mund gelegt
+hätte.
+
+»Fassung und Ruhe«, sagte sie ernst zu mir. Ich stürzte vor dem Bette
+auf die Knie, Mariannens eine Hand streckte sich mir entgegen, die
+andere Hand legte sie mir auf mein Haar, und ich, ich verbarg mein
+Gesicht in ihrer Hand und stöhnte tief, tief auf.
+
+Also ~das~ war’s! Das war ihre Flucht, ~das~ war ihr Verborgensein,
+das war’s, was ihr das Leben nun nahm.
+
+»Marianne, Marianne«, ich konnte nichts anderes, als immer nur ihren
+Namen sagen. Und das Kindchen, ~mein~ Kind und ~ihr~ Kind, weinte
+kläglich, wie ein Häslein, das der Fuchs gepackt hat. Erika beugte
+sich zu der Wiege und nahm das Bündchen neues Leben in ihre Arme: Da
+beruhigte sich das Geschöpflein und schlief ein.
+
+»Die dort soll seine Mutter sein, sie hat es mir bei Gott geschworen,
+sie wird ihr Wort doch halten?« sagte Marianne, auf Erika zeigend, zu
+mir, und blickte mich forschend an.
+
+»Ich schwöre es hier vor dir und vor dem Vater dieses Kindes noch
+einmal, bei Gott im Himmel, der in das Herz von uns sieht: Ich will
+diesem Kinde eine Mutter sein, eine treue Beschützerin, darüber
+kannst du ruhig sein und ruhig schlafen, Marianne«, sagte Erika mit
+erstickter und doch mit einer so treuen, klaren Stimme, daß ein
+Schimmer des Glücks über Mariannens Gesicht glitt.
+
+Und jetzt wandte die Sterbende den Kopf mir zu. Sie sagte nichts, aber
+ihre tiefen, schönen Augen, in die der kommende Tröster Tod schon den
+schönen Glanz ewiger Ruhe gedrückt hatte, taten stumm und doch so
+sprechend eine Frage an mich.
+
+Ich war so erschüttert, daß ich erst gar nicht sprechen konnte.
+Erika legte mein Kind in meinen Arm. Ich küßte das liebe, schlafende
+Gesichtlein und sagte, während die Tränen mir aus den Augen stürzten,
+zu der mich forschend und mit dem Ernst des Todes anblickenden
+Marianne: »Ich erkläre dieses Kind für mein Kind; und damit es in den
+Augen der Menschen als ein ehrliches Kind gilt, und nie die Schmach
+und den Fluch fühlt, die man außerehelich geborenen Kindern zur
+Schande der ganzen Menschheit entgegenbringt, werde ich dieses Kind
+adoptieren und ihm meinen Namen geben. Ich leiste darauf vor der
+Mutter dieses Kindes, vor dir, Marianne, und vor Erika den Eid der
+über uns waltenden unsichtbaren Gottheit.«
+
+Tief atmete Marianne auf. Sie lehnte sich in die Kissen zurück, und
+ein unendlich glücklicher Ausdruck verklärte ihr Gesicht. »Sie will
+schlafen«, sagte ich leise. Die Schwester war hereingekommen, beugte
+sich über das Bett und betete halblaut. Und während sie mit ihrer
+linken Hand der Schlafenden die Kissen ordnete, tauchte sie die Finger
+der rechten Hand in das an der Wand hängende, mit Weihwasser gefüllte
+kleine Becken, über dem der gekreuzigte Christus hing, und bespritzte
+das Gesicht der Schlafenden mit dem geweihten Wasser.
+
+»Daß sie sich nicht erschrickt und aufwacht«, bat ich leise.
+
+Da richtete sich die Schwester auf, wandte sich mir zu und antwortete
+mit ihrer sanften Stimme: »Sie schläft und wird erst aufwachen im
+Himmel oben.«
+
+Und nun sah ich Mariannens Gesicht. Ich sah, daß sie tot war. Sie
+lächelte noch immer unendlich glücklich, aber das Lächeln war wie in
+weißen Marmor gegraben.
+
+Marianne, Marianne!
+
+Man ließ mich neben ihr niederknien. Kein Wort wurde gesprochen.
+Lange, lange sah ich mir ihr holdes Gesicht an. Wie sanft, wie
+friedlich, wie von innerem Glück verklärt sah es aus. Nichts mehr von
+der dämonischen Leidenschaft war in diesen engelsreinen, schönen Zügen.
+
+O, Raffael Sanzio von Urbino, du gottbegnadeter Maler der holden
+Madonna della Sedia und der von St. Sixto, lebtest du noch,
+herbeirufen würde ich dich in diese Klosterkammer, und du fändest die
+schönste Madonna, die du malen könntest zur ewigen Unsterblichkeit
+auf Erden. Und du, edler Tiziano Vecellio aus dem kleinen verborgenen
+Pieve di Cadore, der du in unerreichter Schöne das goldenbraun
+gefärbte Haar der alten Römerinnen auf die Leinwand zaubern konntest,
+hier würdest du goldleuchtendes, niemals von Farbe berührtes Haar
+zu sehn bekommen, das dich, den Maler schönen Weiberhaares, in
+begeisterndes Entzücken versetzte. »Wir wollen sie nun schlafen lassen
+und sie nicht stören in ihrem ewigen Schlaf«, sagte die Nonne leise
+und legte über das Gesicht der Toten ein weißes Tuch.
+
+Schwer erhob ich mich. Verstört blickte ich mich um.
+
+»Und das Kind?« brachte ich endlich heraus.
+
+»Für das sorgen wir«, sagte die Schwester.
+
+Ich trat zu der Wiege hin. »Es ist ein Mädchen?« fragte ich. Erika
+nickte.
+
+»Ach, du liebes Geschöpfchen, du wirst nie deine Mutter sehn. Um dir
+das Leben zu geben, hat sie ihr Leben hingegeben. War’s nicht besser,
+sie nahm dich mit in diese schöne, lächelnde Ruhe? Dich und auch mich
+zugleich? Nun muß ich es tragen, daß mein Kind der Mutter meines
+Kindes das Leben nahm. Und ich, ich bin an all dem schuld.«
+
+»Kommen Sie«, bat Erika, die inzwischen alles leise mit den Schwestern
+besprochen hatte.
+
+Ich folgte ihr wieder durch die vielen Gänge des Klosters nach, bis
+wir an die Pforte kamen. Lautlos trat eine Schwester vor und schloß
+die Pforte auf, sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, und draußen auf
+der Straße stand ich mit Erika in der Frühlingsnacht.
+
+Der vordem so starke Sturm hatte sich zu einem fast schwach zu
+nennenden Winde gemildert.
+
+Der Himmel hatte sich aufgeklärt, man sah die Sterne flimmern. Aus
+jedem Garten, an dem wir vorüberkamen, klang der weiche, schöne Gesang
+einer Nachtigall, drang der aromatische Duft von Flieder und Jasmin.
+
+Fast betäubend in meinem Burggarten.
+
+Wir hatten unterwegs kein Wort zusammen gesprochen. Hier in dem
+Burggarten, wo ich schon so oft mit so viel Freude, mit so viel Leid
+gewesen war, blieb ich stehn.
+
+Der ganze Schmerz um Marianne faßte mich hart an. Die ganze
+Verantwortung um das Kind stand mir vor Augen. Aber hätte jetzt
+jemand zu mir gesagt: »Ich will dir dein Kind abnehmen, ich gebe dir
+dein Kind nicht«, — wie ein Wolf hätte ich ihn angefallen und um das
+Kind mit ihm gekämpft. So groß war meine Liebe für das liebe, arme
+Geschöpflein, das ich kaum ein paar Minuten in meinen Armen gehalten
+hatte. Aber es war ~mein~ Kind; es war ~Mariannens~ Kind. Wie nennen
+doch die Menschen solche Kinder? Kinder der Sünde! O, ihr ruchlosen
+Menschen, wie könnt ihr solche Geschöpflein Kinder der Sünde nennen!
+Eure Zunge müßte im Gaumen verdorren, wenn ihr das aussprecht!
+Schlimmer seid ihr, die ihr verächtlich auf solche Kinder herabseht,
+schlimmer als die wildesten Bestien seid ihr! Die wildeste Bestie
+kennt kein Kind der Sünde. Die wildeste Bestie kennt nur ihr Kind.
+Nein, frei will ich mich zu dem Kinde bekennen. ~Mein~ Kind ist es!
+Jeder soll es hören, der es hören will!
+
+O, schon jetzt sah ich die Kleinkrämer des Städtchens höhnisch
+lächelnd ihre Kleinkrämernasen rümpfen! Rümpft sie nur, ihr
+Kleinkrämerpack! Über ~mich~ könnt ihr eure Nasen rümpfen, wehe
+aber, wenn ihr Mariannen, die Mutter dieses Kindes, oder mein Kind
+verunglimpft! »Erika,« wandte ich mich an das stumm neben mir
+stehende Heidkönigstöchterlein, »Sie haben es Mariannen versprochen,
+ihrem Kinde eine treue Mutter zu sein?«
+
+»Ich habe es ihr versprochen und will mein Versprechen halten. Fragen
+Sie nichts mehr«, bat sie plötzlich und hob ihre Hände bittend gegen
+mich. Sie weinte. Weinte ganz still und leise, und ich sah, wie ihr
+die Tränen aus den Augen strömten.
+
+»Gut, Erika, Sie sollen keine weitere Frage von mir hören. Aber
+dankbar werde ich Ihnen sein, wenn Sie sich meines Kindes annehmen
+wollen.«
+
+Oben stürzte uns Fräulein Bartel entgegen.
+
+»Haben Sie Marianne gefunden?« rief sie. Sie war ~doch~ ein guter
+Mensch, denn man hörte die Angst aus ihrer Stimme deutlich heraus.
+
+»Ja, wir haben sie gefunden«, sagte ich. »Weiß sie das andere, ich
+meine das mit dem Kinde, schon?« wandte ich mich an Erika. Die
+schüttelte schluchzend ihren Kopf.
+
+»Marianne ist tot, Fräulein Bartel ...«, sagte ich.
+
+»Gott im Himmel!« schrie sie laut auf.
+
+»Ja, Marianne ist tot, sie ist an der Geburt eines Kindes, eines
+Mädchens, gestorben.«
+
+Mit großen, geradezu entsetzten Augen sah sie mich an. Ich winkte ihr,
+still zu sein. Allein wollte ich sein.
+
+»Gute Nacht, Fräulein Bartel, und gute Nacht, liebe, liebe Erika.
+Nicht wahr, Sie sehn morgen früh gleich nach dem Kinde?« Sie nickte
+stumm. Sing’ dein Trauerlied zur stillen Frühlingsnacht, liebholde
+Nachtigall!
+
+Marianne ist tot.
+
+Du kanntest sie ja. Oft ist sie, wenn du sangest, an deinem
+Fliederstrauche stehn geblieben, die Blumen dufteten, es duftete ihr
+goldrotes Haar, in dessen seidenen Wellen das weiße Mondlicht spielte.
+
+Ja, singe ein Trauerlied. Ich stehe hier am Fenster und höre dir
+zu und lasse die Vergangenheit an meinen Augen vorübergehn. Von
+dem goldenen Haare aber behalte ich mir eine Strähne. Die wird
+dann leuchten wie eitel Feuergold, wenn ich sie herauslege zur
+Vollmondstunde im Mondessilberglanz.
+
+Marianne: Leid und Lust bist du mir gewesen. Soll ich richten jetzt,
+ob größer das Leid, ob größer die Lust?
+
+Mit Wonne ist Leid verknüpft, nie ist es anders. Die Wonne allein ist
+Menschen nicht beschieden.
+
+Das Leid ist unser Gefährte. Nur wie ein toller Bub kommt gesprungen
+und ist fort wie ein Bub des Augenblicks die Wonne. So also sieht die
+Freiheit von den goldenen Fesseln aus? Lange wird es dauern, ehe ich
+mich der Freiheit erfreuen werde.
+
+Das rote Gold der Flechten war zu schön.
+
+Zu schön der weiße Leib, den man so bald nun in die tiefe Erde senken
+wird.
+
+Aber wir sollen doch Erde werden. Wir ~sind~ doch von Erde und sollen
+doch Erde bleiben.
+
+O liebe Erde, den schönsten Menschenleib sollst du so bald erhalten.
+
+Sei ihm ein treuer Mutterschoß und laß Veilchen nur aus jener Stätte
+sprießen.
+
+[Illustration]
+
+Soeben kommt Erika aus dem Kloster zurück. Sie sagt mir, daß für das
+Kind gesorgt sei.
+
+»Ich will’s aber doch so bald als möglich in die Oberförsterei nehmen,
+Erika.« Sie sieht zur Erde und sagt kein Wort. Dann spricht sie: »Auch
+ich halte es für das beste.«
+
+»Ach, Erika, was müssen auch ~Sie~ unter dem allen leiden. Sie, ein
+unschuldiges Kind der Heide! Kaum setzen Sie den Fuß in die Welt
+hinaus, so tritt der Welt Sünde an Sie heran«, sagte ich herzlich zu
+ihr und faßte ihre Hände warm und fest mit den meinen.
+
+»Der Welt Sünde, aber noch mehr der Welt Unglück, und im Unglück
+müssen die Menschen doch einander beistehn so gut, als sie können.
+Auch bindet mich das Versprechen, das ich der Toten gab.«
+
+»Werden Sie bei mir bleiben?« fragte ich zaghaft.
+
+»Ich weiß nicht, was ich tun darf; mein Vater wird bestimmen«,
+erwiderte sie leise.
+
+»Sie wollen alles Ihrem Vater sagen, Erika?«
+
+»Ja, alles«, sagte sie ruhig. »Er kommt in den nächsten Tagen und will
+mich abholen, in die Heide zurück.«
+
+»Und ~wird~ Sie in seine keusche Heide mit sich nehmen, ich weiß es,
+Erika. Ja, ich weiß es. Ihr Vater kann nicht anders handeln, und
+töricht war meine Frage, ob Sie hier bei dem Kinde Mariannens bleiben
+wollen. Ich muß ~allein~ sehn, wie ich es in Zukunft machen, wie ich
+mein Kind mir erhalten soll. Allein, allein!«
+
+»Ich will das Kind mit mir in die Heide nehmen, wenn Sie’s mir
+anvertrauen«, sagte sie sanft. »Solange will ich’s behalten, bis Sie
+es bei sich haben können.«
+
+»Erika! ~Das~ wollen Sie tun! Wie soll, wie kann ich’s Ihnen danken!«
+
+Wie ein Jubelschrei brach’s von meinen Lippen. Ja, in die Heide soll
+mein Kind, in die Heide zur Heidkönigstochter! Die schwere Sorge
+der nächsten Zeit um das mutterlose Geschöpf will mir Erika, das
+Heidekind, abnehmen.
+
+Ich hätte ihr die Hände küssen können.
+
+Aber mein innerer Jubel galt nicht dem Kinde allein. Wenn mein Kind
+bei ihr im Heidhofe ist, würde ich, mußte ich ja Erika wiedersehen.
+Blieb mit ihr in steter Verbindung — ein Herz würde weiter für mich
+schlagen, das zu verlieren die schreckliche Angst der letzten Stunden
+für mich gewesen war.
+
+[Illustration]
+
+Die Stunde ist da, in der man Marianne ins Grab legt.
+
+Ich ging mit Erika und Fräulein Bartel am frühen Morgen ins Kloster.
+
+Weil ich noch einmal, zum letztenmal das Gesicht der Toten sehn wollte.
+
+Die mir im Leben so nahe stand. Von deren Leibe und Seele ein Kind
+mein eigen ist.
+
+Nach der Beerdigung will ich das Kind gleich mitnehmen zu mir, um mich
+als Vater zu ihm zu bekennen, eintragen zu lassen als Vater und die
+Kleine zu adoptieren.
+
+Ich sehe es an den Leuten, die uns begegnen, daß man schon etwas weiß
+in der Stadt.
+
+Man sieht mir nach, man kriecht in die Haustür zurück, man grüßt mich
+ersichtlich verlegen und erstaunt. Aber mancher auch herzlich und
+warm.
+
+Im Kloster schleichen die Schwestern scheu an mir vorbei.
+
+Verlegen, kaum hörbar klingt ihr Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus.«
+
+Was sind mir die Grüße der Menschen!
+
+Für anderes habe ich zu sorgen und zu denken. Früh sind wir gekommen,
+gottlob, so haben wir die Tote noch für uns allein.
+
+Mein Kind habe ich vorher gesehn. Es schrie so kläglich, als wüßte es,
+daß seine Mutter jetzt tief in die Erde kommt.
+
+Der Domherr wird, wie ich höre, die liebe Tote beerdigen. Das ist brav
+von ihm. Ich hätte es nicht gedacht. Er selbst beerdigen und dieses
+arme Straßenkind, diese uneheliche Mutter!
+
+Und so stehe ich denn vor dir, Marianne, zum allerletztenmal.
+
+Zum allerletzten Male sehe ich dein Gesicht.
+
+Es ist noch unverändert, nur der kleine, bräunliche Fleck an der
+Stirn, die im Leben weiß von Farbe wie die Gartenlilien gewesen, sagt
+mir, daß die Erde anfängt, ihr Erdenkind wieder zurückzunehmen in sich
+hinein.
+
+Weshalb gab sie es her?
+
+Ein so holdes Erdengeschöpf hat sie hilflos auf die Schwellen dieses
+Hauses einst gelegt.
+
+Hat doch ein jedes, selbst das kleinste der kleinen Vögel sein Nest
+und seine Eltern, die den kleinen hilflos-nackten Vogel füttern. Doch
+dir, du armes Straßenkind, haben Nest und Eltern gefehlt.
+
+Aber ~deinem~ Kinde werden Nest und Eltern ~nicht~ fehlen. Das ist
+das einzige, was den Schatten meiner Seele lichtet, was meine Reue in
+stillen Schmerz verwandelt. Lebe wohl, Marianne. — —
+
+Die Schwestern kamen. Der Sarg wurde geschlossen.
+
+Zwei Chorknaben mit brennenden, efeuumrankten Kerzen stellten sich
+neben den Sarg, ans Sargende zwei andere mit dem an silbernen Ketten
+schwingenden Weihrauchgefäß mit Weihrauchschälchen und silberner
+Schippe zum Nachfüllen des Gefäßes. Der Weihrauch erfüllte den kleinen
+Raum mit betäubendem Duft, nun tönte ein fernes Glöckchen, dessen Töne
+immer näher kamen, und der Domherr in seinem reichgestickten Gewand
+trat ein. Ich fuhr zusammen. Wieder sah ich diese tiefen, dunklen
+Augen eine Sekunde lang auf mir ruhen — dasselbe Flimmern, derselbe
+Ausdruck, den Mariannens Augen in Leidenschaft und Zorn hatten,
+dieselbe Farbe ihrer Haare hatte dieser Mann dort. Der wie ein Fürst
+so stolz und hoch zu Häupten des Sarges stand und sofort nach seinem
+Eintritt mit den Gebeten begann.
+
+Ob ihm die Tote wohl ihr Geheimnis gelüftet hatte? Ob er jetzt in
+diesem Augenblick schon den Vater ihres Kindes kannte?
+
+Die Gebete waren beendet.
+
+Noch einige Worte sprach er zum Nachruf der Toten.
+
+O, dieser Mann! Wie ich ihn hasse!
+
+Er sprach von dem kurzen, armselig kurzen und dunklen Leben der
+Verstorbenen, er schilderte, wie sie, von der Schwelle dieses Klosters
+aufgelesen, im Kloster eine Heimat fand, wie er selbst sich stets um
+ihr Wohl gekümmert und über ihr gewacht habe, und wie es ihn schmerze,
+daß sie nun doch das Opfer der Sünde, der Verführung geworden sei.
+Lautlos still war alles an dem Sarg. Nur von draußen drang das
+Zwitschern der Vögel bis hierher.
+
+Starr sah ich dem Mann, der da sprach, ins Gesicht. Er blickte mich
+an, aber sofort senkten sich seine Augen wieder auf das Gebetbuch
+herab.
+
+Ja, nun wußte ich: Er kannte den Vater des Kindes. Weshalb aber hielt
+er meinen Blick nicht aus? Er, der Sündlose, den Blick eines Sünders
+nicht?
+
+Die Klosterschwestern trugen den Sarg auf den Klosterkirchhof. Der Weg
+war kurz, der Sarg war leicht.
+
+Über dem Grabe blüht der Flieder. Alte, uralte Fliedersträucher. Fast
+Fliederbäume zu nennen. Drin nisten Nachtigallen immer wieder im
+Frühling; ein schöner Platz. Es ist doch gleichgültig, wo man wieder
+zu Erde wird. Aber die noch Lebenden finden eine Befriedigung darin,
+daß der Platz ihres Toten schön ist. Sonderbar: auch ~ich~ möchte
+lieber an solchem Platze wieder Erde werden, als in dem Staube der
+Wüste zerstäuben. Ich stand mit Erika noch lange bei dem Grabe allein.
+
+Nun aber hole ich mir mein Kind. — — — —
+
+Ich wollte Erika fortschicken. Aber sie wollte bleiben.
+
+»Sie werden mich brauchen«, sagte sie eigentümlich ernst.
+
+»Mein Heidkind, gehn Sie, gehn Sie. Setzen Sie sich nicht den Reden,
+den Augen der Menschen dieser Stadt aus, wenn ich mit meinem Kinde
+durch die Straßen gehe und es in meine Kauzburg bringe.«
+
+»Ich bleibe«, erwiderte sie.
+
+»So kommen Sie, Erika.«
+
+Wir gingen über den stillen Kirchhof nach dem Kloster hinüber.
+
+Die Tür war verschlossen. Ich klingelte. Das Glöckchen tönte. Eine
+Schwester öffnete einen Spalt breit die Tür.
+
+»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte sie und sah mich fragend an.
+
+»Ich will zu dem Kind der soeben zur Ruhe Gebetteten«, sagte ich.
+
+»Zu dem Kinde Mariannens?« fragte sie.
+
+»Ja, zu dem.«
+
+»Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie herführt?« fragte sie.
+
+»Ich sagte schon: Zu dem Kinde will ich. Ich will es zu mir nehmen.«
+
+Ein Lächeln, — kein schönes Lächeln — huschte über das fromme
+Schwesterngesicht.
+
+»Ohne des hochwürdigen Domherrn Genehmigung darf ich niemand zu dem
+Kinde lassen, es gehört von jetzt ab dem Kloster und wird im Kloster
+bleiben«, sagte sie und sah mich lauernd an.
+
+Ich stand noch vor der kaum ein Viertel offenen Tür mit Erika.
+
+Nun stieß ich ruhig die Tür ganz auf und trat in den schmalen
+Klostergang. Erika stand dicht bei mir.
+
+»So sagen Sie dem hochwürdigen Herrn, daß ich ihn sprechen will.«
+
+»Ich werde Ihre Bitte Seiner Hochwürden unterbreiten.«
+
+»Sagen Sie ihm, ich ~wünsche~ ihn zu sprechen, und ich ~muß~ ihn
+sprechen wegen dieses Kindes.«
+
+Wieder huschte dieses höhnische Lächeln über das stille, heilige
+Nonnengesicht der vor mir Stehenden.
+
+Sie nickte stumm, schloß die Tür und ging lautlos davon.
+
+Ich stand mit Erika im Flur.
+
+Ich fühlte, wie der Zorn über den Domherrn in mir wuchs. Schon seine
+Worte am Grabe! Und nun diese Art des Empfanges!
+
+»Ich bitte Sie, seien Sie ruhig, bleiben Sie ruhig«, flüsterte Erika
+mir zu.
+
+»Ich will’s versuchen, solange es mir möglich sein wird, Erika.«
+
+»Seine Hochwürden lassen bitten«, sagte die lautlos zurückkehrende
+Schwester. Jetzt widerte mich dieses lautlose Schleichen an. Wozu?
+Hier lagen keine Kranken. Drüben im untern Flügel.
+
+~Das~ hier war domherrliche Privatwohnung. Fest und hart klangen meine
+Schritte auf dem Steinpflaster des Klosterganges wider. Soll ich
+~kriechen~ vor dieser Domherrlichkeit? Niemals!
+
+Endlich waren wir vor der rechten Tür.
+
+»Ich werde Seiner Hochwürden melden, daß Sie, Sie allein ihn sprechen
+wollen.«
+
+»Nicht nötig, liebe Schwester,« sagte ich kurz, »ich melde mich
+selbst, und diese Dame wird bei der Unterredung zugegen sein.«
+
+Laut klopfte ich an die geschnitzte Eichentür. Ja, hier oben sah es
+anders aus als unten in den schlichten, einfachen Klosterräumen. Als
+ich öffnete und in das, man kann ruhig sagen, prachtvoll ausgestattete
+domherrliche Gemach eintrat, stand die hohe Gestalt des Domherrn
+am Fenster. Auf den Kirchhof hatte man den Blick von hier oben.
+Gerade auf Mariannens Grab sah man hinab. Erst zuckte es drohend über
+sein Gesicht, es war nur ein Zucken, dieses Zucken in dem unleugbar
+schönen, schmalen Gesicht, dieses Aufblitzen in den dunklen Augen, als
+er mich mit Erika eintreten sah, dieses Aufblitzen, das mich stets und
+stets sekundenlang an ein anderes Gesicht erinnerte, das nun nie mehr
+zucken kann, nein, wie in marmorner Ruhe bleiben würde, bis die Erde
+sagen wird: Werde wieder zu Erde. Eine einladende Handbewegung machte
+er, indem er auf einige Sessel wies, die auf dem Teppich standen.
+
+»Ich danke; aber ich komme nicht als Gast zu Ihnen«, sagte ich kalt
+und abweisend. »Ich komme nur, um Sie zu fragen, ob ich die Schwester
+unten recht verstanden habe?«
+
+»Recht verstanden, womit?« fragte er mit gutgespieltem Erstaunen.
+
+»Keine Worte weiter,« unterbrach ich ihn, denn ich fühlte, wie
+verhaßt mir dieser Mann seit jenen Worten am Grabe war, »ich kam, um
+Mariannens Kind in mein Haus zu holen, man wollte es nicht zugeben
+ohne Ihre Einwilligung, ja, man sagte mir, das Kind sei Eigentum des
+Klosters und würde es bleiben.«
+
+Er spielte einige Augenblicke an dem goldenen Kreuz, das um seinen
+Hals an goldener Kette hing.
+
+»Die Schwester hat Sie recht berichtet,« sagte er; »bitte, bitte, mich
+ausreden lassen,« fuhr er auf, als ich ihn unterbrechen wollte, ...
+»es ist so. Wir kennen nur die ~Mutter~ des Kindes; diese Mutter, —
+Marianne, — haben wir im Kloster erzogen, sie hat das Kind im Kloster
+geboren, ist zu uns geflüchtet vor ihrer schweren Stunde, hat uns das
+Kind noch ~vor~ der Geburt anvertraut, also ...«
+
+»Sie kennen also ~wirklich~ den Vater des Kindes nicht?« schnitt ich
+ihm das Wort ab. Seine Augen glühten.
+
+»Ich ~will~ ihn gar nicht kennen«, sagte er rasch.
+
+»Sie ~sollen~ ihn kennen! Er steht hier vor Ihnen!« rief ich. »Ich bin
+der Vater des Kindes, und ich fordere mein Kind!«
+
+Er sah aus, als wollte er sich auf mich stürzen. Wenigstens sagten
+es mir seine Augen. Und seine Hände, die sich an die Stuhllehne
+verkrampften.
+
+»Was Sie mir hier sagen, betrachte ich als Beichtgeheimnis; niemand
+wird es erfahren, sofern nicht ~Sie~, mein Fräulein, ...« wandte er
+sich zu Erika. »Ich bedaure es übrigens schmerzlich, daß man Sie
+gezwungen hat, dieser Verhandlung beizuwohnen, unschöne, sündige Dinge
+kommen dabei zur Sprache ...«
+
+»Ich wohne dieser Verhandlung nicht gezwungen bei, es war mein
+Wunsch, ihr beizuwohnen«, unterbrach ihn Erika ruhig.
+
+»So? Warum?« fragte er und sah sie forschend an.
+
+Sie schwieg.
+
+»Wir sind wohl fertig miteinander, Hochwürden,« sagte ich nun; »ich
+werde also mein Kind jetzt mit mir nehmen.«
+
+»Gemach, gemach,« stieß er hervor, »dieses Kind bleibt hier im Kloster
+... für ~immer~!«
+
+»Herr Domherr!!!« stieß ich heraus.
+
+»Ich wiederhole,« fuhr er fort, »was Sie mir sagten, bleibt
+Beichtgeheimnis ...«
+
+»Ich weiß von keinem Beichtgeheimnis, ich bin Protestant«, unterbrach
+ich ihn barsch.
+
+Er drückte seine Augen zusammen. Dann trat er dicht an mich heran und
+legte sanft seine bischofsringgeschmückte Hand auf meinen Arm.
+
+»Ihre Mutter ist katholisch,« sprach er halblaut und beschwörend,
+»Marianne war katholisch, ist im katholischen Glauben erzogen, als
+fromme Katholikin gestorben, ihr Kind habe ich gestern getauft ...«
+
+»Wie?« unterbrach ich ihn heftig, »getauft? Ohne mich zu
+benachrichtigen?«
+
+»... Aber ich bitte Sie,« sagte er beschwichtigend, »bleiben Sie ruhig
+... wie sollte ich begründen, daß ich Sie benachrichtige davon? ...
+Nein, nein, ich meine es gut mit Ihnen, herzlich gut mit Ihnen, mit
+der lieben Toten und Ihrer beider Kind. Sie sollen das Kind haben ...
+nur eins ... Sie selbst sind katholisch getauft ... kehren Sie zurück
+in den Schoß unserer, Ihrer Kirche, werden Sie ...«
+
+»Halt! Kein Wort mehr!« rief ich und streifte seine Hand fort von
+meinem Arm. »Was fällt Euer Hochwürden ein? Wen glauben Sie vor sich
+zu haben? Wie?«
+
+Er wich zurück und wurde wachsbleich.
+
+»Gut, so sind wir fertig miteinander«, sagte er.
+
+»Und mein Kind nehme ich ~mit~«, rief ich, kaum noch meinen Zorn
+bemeisternd.
+
+»Nein, es bleibt ~hier~,« zischte er; »wer weiß etwas, wer glaubt
+etwas von dem, was Sie mir hier sagten? Es bleibt ein Beichtgeheimnis
+für mich.«
+
+»Aber nicht für ~mich~, hochwürdiger Herr!«
+
+»Wie?« sagte er maßlos erstaunt, »Sie wollten davon anderen erzählen?
+Sie wollten den Leuten sagen, daß Sie, ... Sie ... dieses Mädchen ...«
+
+»Ja, ja und ja!« schrie ich ihn an.
+
+»Ich gehe von dieser Stube aus mit dem Kinde zum Standesamt, dort sage
+ich vor Zeugen, daß ich sein Vater bin, daß ich dieses Kind als das
+meine anerkenne, daß ich es adoptiere, ihm meinen Namen gebe ... nun,
+Euer Hochwürden, ~jetzt~ werden Sie wohl davon überzeugt sein, daß
+dieses Kind nicht im Kloster bleibt?«
+
+Wie von einem Krampfe geschüttelt stand er ans Fenster gelehnt und
+blickte hinab auf das noch offene Grab derjenigen, um deren Kind ein
+Kampf gekämpft wurde.
+
+»Nein,« sagte er nach einigen Minuten tiefer Stille, »nein, ich bin
+~nicht~ davon überzeugt. Dieses uns von der Mutter übergebene Kind
+verbleibt dem Kloster, ich gebe es ~nicht~ heraus, eher ...«
+
+»Eher drehn Sie ihm den Hals um!« höhnte ich außer mir.
+
+»Nun ist’s genug!« sagte er, und richtete sich hoch auf.
+
+»Genug, übergenug!« Und seine Hand wollte auf den elektrischen Knopf
+der Klingel drücken. »Ich wollte sagen, eher ...« Da wurde er wiederum
+unterbrochen — durch Erika! Durch Erika, deren Gegenwart wir beide
+ganz vergessen hatten in unserem heftigen Streiten.
+
+»Ich weiß es, was Sie sagen wollen, Euer Hochwürden!« sprach die
+sanfte, liebe Stimme der Heidkönigstochter, »ich weiß es, weil mir’s
+Marianne gesagt hat.«
+
+Der Domherr fuhr herum. Als ob ihn ein Pfeil träfe, so trafen ihn
+diese sanft und schlicht gesprochenen Worte. Er starrte Erika an.
+
+»Sie wollen sagen, eher verschwindet das Kind in einem anderen Kloster
+... in Österreich drüben ... in dem Kloster, das hoch auf einem Felsen
+steht, wo Marianne das Licht der Welt erblickt hat, ... ich sehe, Euer
+Hochwürden wissen, welches Kloster ich meine ...«
+
+In einen Sessel war der Kirchenfürst gesunken. Wie irre schauten seine
+lodernden Augen auf das schlichte Heidekind. »Und ~weil~ ich das weiß,
+und weil wir schon morgen das Kind vergeblich hier suchen würden,
+darum müssen Sie Ihr Kind noch in dieser Stunde mitnehmen«, sagte das
+liebe Mädchen zu mir gewandt.
+
+Er bohrte drohend seine dunklen Augen in die Augen Erikas.
+
+»Ich ~weiß~ nicht, welches Kloster Sie meinen, mein Fräulein,« stieß
+er hervor. »Das Kind verbleibt dem Kloster! Mariannens Kind gebe ich
+~niemals~ heraus. Eine Braut des Klosters soll ihr Kind werden, so ist
+alles gesühnt.«
+
+»Nein, gesühnt wird alles, wenn sich zu diesem Kinde der Vater bekennt
+...!« rief ich in wilder Entgegnung und Angst.
+
+»Still, still,« sagte da Erika, »diese Sühne meint Seine Hochwürden
+~nicht~. Hier, nehmen Sie das und halten Sie es fest wie Ihr Leben«, —
+und sie drückte mir ein zusammengeschnürtes und versiegeltes Päckchen
+loser Briefblätter, das sie verborgen bei sich getragen hatte, in die
+Hand. Nur ein Blättchen behielt sie und hielt es dem Domherrn hin.
+»Nicht wahr, Euer Hochwürden, Sie meinen, dann ist ~dieses~ gesühnt?
+~Dieses~, das hier auf diesen Blättern steht. Nein, nein, Hochwürden,
+Marianne ist nicht das Opfer ~dieses~ Mannes hier« — und sie zeigte
+auf mich — »wie Sie es heute am Grabe sagten! — — — Soll ich sagen,
+~wessen~ Opfer Marianne ist?«
+
+»Sag’ es erst, wenn sie ihm das Kind entreißen wollen,« hat mich
+Marianne angefleht und mir diese Papiere gegeben; »aber zerreiße
+ungelesen diese Blätter, ~wenn~ er mein Kind erst sicher hat«,
+beschwor sie mich weiter. »Euer Hochwürden, hier, sofort müssen Sie
+sich entscheiden: wollen Sie uns mit dem Kinde ruhig unserer Wege
+gehen lassen, oder sollen diese Blätter gelesen werden? Nimmer Herr
+Domherr, wird über meine Lippen kommen, was Marianne mir aus Angst um
+ihr Kind anvertraut hat; ungelesen verbrannt werden diese Papiere,
+sobald dieser um sein Kind besorgte Vater von seiner Sorge befreit
+ist.«
+
+»Erika«, stieß ich hervor.
+
+Sie hob abwehrend ihre Hände.
+
+Was für ein furchtbares Geheimnis mußten diese Blätter bergen! War
+diese gebrochene Gestalt noch dieselbe stolze Gestalt des hohen
+Kirchenherrschers?
+
+Er hielt sich, ja, man sah es, er hielt sich am Fensterkreuz fest,
+sonst wäre er zusammengebrochen.
+
+»Diese Papiere«, keuchte er, »woher hat sie sie ... woher ... woher
+...?«
+
+Er schien ganz vergessen zu haben, daß wir noch im Zimmer waren.
+
+»Ich ersuche Euer Hochwürden, den Befehl zu geben, daß wir das Kind
+mit uns nehmen können, ... sofort ...« sagte Erika.
+
+Ich staunte die Tochter der Heide an. Wie ernst, wie fest in sich
+gehalten stand sie hier und forderte ruhig und unentwegt. »Werden ...
+werden ... diese Papiere ...«, stammelte der Domherr.
+
+»Euer Hochwürden, ich gab mein Wort. Ich gab ~Ihnen~ mein Wort, ich
+gab der ~Toten~ mein Wort, daß diese Papiere verbrannt werden, sobald
+der Vater sein Kind hat«, sagte Erika einfach.
+
+Ja, als sie das sagte, mußte man ihr glauben. Jeder hätte ihr
+geglaubt. Mehr geglaubt als tausend Eiden anderer.
+
+»Und niemand, auch dieser nicht ...« und der Domherr zeigte auf mich
+»... wird jemals erfahren ...«
+
+»Niemand, Herr Domherr, ich verspreche es Ihnen bei Gott im Himmel«,
+sagte Erika.
+
+Der Domherr rüttelte sich auf und drückte auf den Klingelknopf. Eine
+Schwester trat lautlos ein.
+
+»Ich gebe das Kind seinem Vater heraus«, sprach er zu ihr. »Nichts
+soll ihm in den Weg gelegt werden.« Dann sank er in dem Sessel
+zusammen wie leblos. —
+
+Wir folgten der Schwester.
+
+Ich nahm mein Kind in meine Arme; Erika ging stumm neben mir her.
+
+So gingen wir unerkannt durch die stillen Straßen des Städtchens.
+
+Ach, unerkannt! Und wenn die Menschen an den Wegseiten wie Mauern
+gestanden hätten, es hätte mich nicht gekümmert. Ich hatte mein Kind,
+dieses kleine, arme Geschöpflein, ja in meinem Arm, dicht neben mir
+ging die liebe, treue Heidkönigstochter, über uns blinkten die Sterne,
+und ein holdes Duften strömte aus den Gärten zu uns.
+
+Marianne, bist du zufrieden?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Nun weiß es jeder in der Stadt, daß ich Vater eines unehelichen Kindes
+bin. Daß ich dieses Kind adoptieren will.
+
+Ein paar von den Herren, mit denen ich hier verkehrt habe, sind des
+Abends zu mir gekommen und haben mir abgeredet.
+
+»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr ganzes Leben aufladen; es
+ist eine Last, bedenken Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie
+sich versetzen, geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege, kein Hahn
+kräht dann danach«, sagte der eine.
+
+Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie, nun so’n Kind. Wenn
+Sie wirklich die Vaterschaft nicht leugnen wollen — es wäre übrigens
+gar nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und niemand sonst nach ihr
+fragt —, dann tun Sie’s wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu
+wissen davon.«
+
+Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie das Ding fort, eine
+Frau kriegen Sie deshalb immer noch.«
+
+Ich hörte alle drei an.
+
+Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich: »Meine Herren, ich weiß,
+Sie haben sich’s nicht überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn ~wenn~
+Sie sich’s überlegt ~hätten~, müßten Sie mich für einen Schweinehund
+halten, und der bin ich nicht, rate auch keinem, mich dafür zu
+halten. Prosit, meine Herren!« —
+
+Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst mit mir an und
+plauderten harmlos von anderen Dingen.
+
+Als ich dann dem einen von den dreien im anderen Zimmer ein paar
+Rehkronen zeigte, gab er mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn
+ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung vor Ihnen, weiß
+Gott.«
+
+»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf
+die Schulter.
+
+Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten. Mir war’s lieb. Denn
+alle drei hatte ich gern, und es waren im Grunde brave Menschen.
+
+[Illustration]
+
+Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend kommt.
+
+Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen.
+
+Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen.
+
+Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen, von mir und dem Kind.
+
+Also Sonnabend!
+
+Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz zum Zerspringen.
+
+Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren? Soll mein Kind diese
+treue Mutter verlieren? ~Zeige~ nun, Gott, daß du wirklich Gott bist!
+Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir. Laß den guten Geist des
+Hauses in meinem Hause! Aber unmöglich ist’s, ich ~weiß~ doch, daß es
+unmöglich ist!
+
+Am Sonnabend also kommt der Heidkönig!
+
+[Illustration]
+
+Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief eingepflanzt von Natur: die
+Mutterliebe.
+
+Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika mit der kleinen
+Marianne sieht.
+
+»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte ich sie heute. Da nahm
+sie das hilflose Geschöpf und drückte es wortlos an sich.
+
+»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater, Erika, was wird ~dann~?«
+
+Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte an das
+kleine Menschenkind in ihrem Arm.
+
+[Illustration]
+
+Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen Brücke, die
+Wasserflut drängt an die Pfeiler.
+
+Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den Bergen kommende Strom
+an.
+
+Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich vom Himmel.
+
+In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus. Ich will den Wald um mich
+haben.
+
+Meine Waldbäume will ich sehn.
+
+Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme! Ich bin gefeit gegen dich.
+Erika liebt mein Kind; sie läßt es nimmer.
+
+Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie den Vater des Kindes
+mit in den Kauf nehmen. Es geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du
+nachgeben!
+
+Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen. Frisch glänzen die Wiesen
+vom letzten Regen. Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder des
+Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen herumstrolcht. — — —
+
+Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater entgegen. Noch mehr
+wird sie von dem Kinde vermißt. Das schreit ganz kläglich.
+
+»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne, eia popeia,
+eiapopeia.« —
+
+Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den Burghof. Also so
+sieht er aus, der Heidkönig?
+
+Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst ist sein vom braunen
+Vollbart umrahmtes Gesicht, klar und treu und mit dem den Heidmenschen
+eigentümlichen Ausdruck des Verträumtseins und eines tiefen
+Innenlebens sind seine Augen. Auf dem Burghofe blieb er stehen und sah
+sich um. Dann sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte. Gewiß
+hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier zwischen den grünumrankten
+Mauern, zwischen den Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden
+Goldregen, hübsch hier in dem Burghofe, über den der Rotdorn seine
+Äste ausbreitet.«
+
+Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg sehen lassen. Ich
+höre, wie der Heidkönig von Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich
+wortreich, mehr als wortreich. Und nun klopft es an meiner Tür.
+
+»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein, sie hat das Kind draußen
+schon jammern hören. »Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und
+wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel liegt und schreit
+und ruhig wird und lacht, als sie es aufnimmt und hin und her wiegt.
+Und vor mir steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich klar
+und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns die Hände. Ein kurzer
+Händedruck. Warum werde ich denn verlegen und komme mir klein vor
+diesem Manne gegenüber? Der hat ~nie~ gesündigt, der kann auf sein
+ganzes Leben zurücksehn wie auf einen sauberen Tisch — das sind meine
+Gedanken. Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein vor ihm.
+
+Ein großer, von Vater und Vaters Vater her ererbter Landsitz macht die
+Menschen merkwürdig sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht
+nicht umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne hier machte sich ein
+Selbstgefühl nicht unschön breit.
+
+Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen großen, einsamen
+Heidbesitz, auf seinen Namen und vor allem auf sein und seiner Väter
+unberührtes Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese
+Menschen durften ihn haben. Mit viel ~mehr~ Recht als mancher andere.
+
+Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig — so milderte und ihn
+schön machte, das war die schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die
+selbstverständliche Pflichterfüllung, die reinste Offenheit ohne jedes
+Körnchen Lug und Trug, Verstellung und Heucheln.
+
+»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte der Heidkönig, sobald
+man ihn sah, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte.
+
+Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge. Ich fragte ihn nach
+dem Erfolge seiner Reise, nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er
+antwortete wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach dem Wild im
+Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen und ausgestopften Wildköpfe,
+dann aber sagte er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens: »Ich
+bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld für Erikas Aufenthalt
+an Sie zu zahlen habe, da ich sie morgen wieder mit mir nehme.«
+
+Die Worte trafen mich wie ein Schuß.
+
+Und doch war nichts natürlicher, als daß er das sagte. »Da ich sie
+morgen wieder mit mir nehme«, ... immerfort hörte ich das in meinen
+Ohren klingen.
+
+Er sah mich freundlich und doch auch ernst an. Zuletzt wiederholte er
+seine Frage, da ich immer noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine
+Rede sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im Hause geholfen
+...«
+
+»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht
+gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht
+erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk
+annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie
+es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.«
+
+Dann schwieg er wieder.
+
+Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit
+erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei
+sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein,
+Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es
+schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.«
+
+»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus ~mir~ werden und aus
+dem Kinde?« rief ich aufspringend.
+
+Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich
+ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld.
+
+Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr
+mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie
+gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich
+gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz,
+also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht
+der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte,
+etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr
+schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne,
+das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße,
+~sein~ Kind war. Was war ~meine~ Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur
+gegen einen Berg!
+
+Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn
+ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne
+und so falsch oft glaubt.
+
+»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen
+und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er
+langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?«
+
+»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes
+versprochen hat?« rief ich.
+
+»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ...
+Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ...
+was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?«
+
+»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.
+
+Er sah sie fragend an. Dann mich.
+
+»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine
+Tochter nichts gesagt hat?«
+
+»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.
+
+»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«,
+wies er sie freundlich, aber entschieden ab.
+
+»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen,
+ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine
+Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.
+
+»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen
+sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein
+Wort.
+
+Es war lautlos still in der Stube.
+
+Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer
+wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück.
+
+»So?« ... sagte er noch einmal.
+
+»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast,
+Erika«, wandte er sich dann an sie.
+
+Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er
+soeben gehört hatte, hineinzufinden.
+
+»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter
+Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine
+treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit
+tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm
+dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht.
+
+»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit
+seiner rechten Hand über die Stirn.
+
+Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.
+
+»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er.
+
+— Was wird sie antworten?
+
+»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie.
+
+Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das
+Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen
+hinab.
+
+»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er
+zu dem Kinde.
+
+Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte,
+denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen
+Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf,
+rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an.
+
+Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig
+um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen
+aus; tief gefurcht seine Stirn.
+
+»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind
+hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten,
+was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich
+an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege ~nicht~ diese
+bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und
+nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des
+Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du
+darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er
+sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« —
+wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«
+
+Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und
+nachdenklich:
+
+»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in
+einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und
+ihrem Tun und Treiben kennengelernt. ~Hätte~ ich’s, vielleicht dächte
+ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit.
+Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage
+ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu
+erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der
+Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage ~Ihnen~ das und sage es
+~dir~, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen,
+wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und
+ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß
+mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich
+hier sage, ~muß~ gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und
+klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie
+liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches,
+braves unverdorbenes Heidekind ist?«
+
+»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist
+dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was
+aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.«
+
+»Sie sind ein ~Mann~«, sagte der Heidkönig, »~seien~ Sie ein Mann!
+Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher
+gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor
+mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden
+und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und
+ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«
+
+Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er
+wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit
+mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte!
+
+Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre
+Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses
+Hauses, ach, bleibe!?«
+
+Da tönte wieder seine Stimme.
+
+»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war,
+als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne
+angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst
+bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte.
+Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng.
+Nicht wahr, Erika?«
+
+Ich hielt den Atem an.
+
+Sie schwieg.
+
+Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika,
+du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen
+lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?«
+
+»Ich denke ~so~, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter
+und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer
+Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend
+an.
+
+»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig.
+
+»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr.
+Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater
+ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und
+bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.«
+
+»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich.
+
+»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl
+in mein Herz.
+
+»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst
+werden jetzt mit mir und dem Kinde?«
+
+»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor
+Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes
+setzen.«
+
+Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie
+erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir
+ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen
+stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und
+hoffe!«
+
+»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?«
+fragte ich.
+
+Er dachte lange nach.
+
+»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann;
+»darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?«
+
+»Ja, Vater«, erwiderte sie.
+
+»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander,
+was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu
+mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven
+Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter
+erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab.
+Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie
+sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan,
+so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie
+damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen
+also.«
+
+[Illustration]
+
+Bis morgen also!
+
+Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und
+wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also!
+
+O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich
+sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch
+hier.
+
+Sie und mein Kind.
+
+»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so
+ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser
+Mann!
+
+Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf
+meine Rechnung über.
+
+Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat
+doch ~auch~ schuld. Sie hatte doch ~mehr~ schuld als ich!« — Du bist
+tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!
+
+Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es
+wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so
+mache ~deinen~ Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und
+flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine
+Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben.
+Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird.
+
+So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner
+Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch
+~beide~ Sünder!
+
+Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!
+
+Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein,
+nicht unheilvoll!
+
+Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den
+Mann an ein geliebtes Weib binden?
+
+Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten
+~selbst~.
+
+Fessel! Gefesselt! — — —
+
+Fessellos! Frei! — — —
+
+Freie Liebe! Freie Leidenschaft!
+
+Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes Häschen, du! Du Kind der
+freien, fessellosen Leidenschaft!
+
+Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht zu dir bekannt hätte
+als dein Vater.
+
+Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht. Nie wären die Freuden,
+die unschuldvolle Lust des Kindes an dich herangetreten.
+
+Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet, die andere getan
+haben. Beten und büßen hättest du gemußt für die Sünden deiner
+Mutter und deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe
+kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du bist ein Kind der Sünde, du
+kannst nur durch Gebet in den Himmel kommen.
+
+O, du mein armes Häschen du! —
+
+Freie Liebe! Freie Leidenschaft!
+
+Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in
+freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch
+wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir
+~haben~ doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! ~Warum~ haben wir
+sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben
+kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in
+stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche
+Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht
+gepriesen und besungen.
+
+Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern
+im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein
+Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem
+verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich
+befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm
+büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln ~heute~ — und ~morgen~
+verlassen die beiden mein Haus!
+
+Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann
+man sich dir nicht entziehn.
+
+Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die
+glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung
+schaue, bist ~du~ es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in
+mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.
+
+Morgen abend um diese Zeit!
+
+Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein
+Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie
+von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine
+Kauzburg hinein. Dann muß ich dich ~wieder~ bitten, dich, den kalten
+Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, —
+ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen,
+so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt,
+wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes.
+
+Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.
+
+Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder
+bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid
+mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind.
+So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es
+unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins
+kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den
+Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine
+Heidkönigstochter!
+
+Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein
+Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes,
+volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage
+hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem
+einsamen Menschen als Tage.
+
+Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden
+Menschenseele.
+
+Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes
+Königstöchterlein!
+
+Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du.
+
+In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang
+versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du
+vor mir.
+
+Und zwischen uns das Kind.
+
+Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und
+treu im Wachen! —
+
+Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling
+empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend
+Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.
+
+Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen
+verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend
+fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.
+
+Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden
+Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes
+Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide
+bist.
+
+[Illustration]
+
+Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn
+brachte.
+
+So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.
+
+Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und
+kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf
+ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.
+
+Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine
+Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin.
+
+Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da
+riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang
+mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die
+Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und
+Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul
+zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen.
+
+Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun,
+heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein
+schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die
+ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus.
+
+Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder
+auf ihm geblasen.
+
+Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren
+Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich
+an wie nie zuvor.
+
+»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an
+mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen
+konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten.
+
+Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.
+
+Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der
+Wald trug lang und bang das Echo zurück.
+
+Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich,
+und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter
+aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf
+Wiedersehen!«
+
+[Illustration]
+
+Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von
+Erika, das schickt sie Ihnen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Liebe Erika!
+
+Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel
+eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem
+Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte,
+durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine
+rotstreifige Mütze sich zeigte.
+
+Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der
+Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist
+eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief.
+
+Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden
+in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen
+rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ~ich~
+bin geborgen.
+
+Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir
+den Krug zum Trinken reichten.
+
+Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein
+reiner Bergquell ist sein Inhalt.
+
+Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen
+Einsamkeit und Reinheit.
+
+Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen
+Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins
+Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder.
+
+Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein,
+wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr
+Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das
+sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte
+schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das
+Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch
+sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben
+mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs
+Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche
+Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen,
+den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide?
+Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter
+der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus
+ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über
+meine Stirn?
+
+Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.
+
+Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem
+sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume
+erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam.
+
+Ich will keines Menschen Mitleid.
+
+Ich verachte das Mitleid der Menschen.
+
+Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen
+so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in
+stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz
+davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie
+ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag
+den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale
+umzuwandeln.
+
+Wird für mich das stille Tal ergrünen?
+
+Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen
+Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der
+zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für
+alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander,
+aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag
+es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die
+Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel.
+Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das
+wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide
+schreitet.
+
+ Ihr
+
+ einsamer Freund.
+
+_N. B._ Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir
+doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat
+wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt.
+
+Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich
+rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich
+hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O,
+Sie böses, süßes Heidekind, Sie!
+
+[Illustration]
+
+Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!
+
+Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen
+Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben
+Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht
+so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe
+Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner
+Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den
+verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir
+in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern
+warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur
+darum mir verloren, Du lieber Sohn.«
+
+Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der
+biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles
+weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in
+Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines
+Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen
+gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen?
+
+Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können.
+
+Bereite noch ~keine~ Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter!
+
+Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene
+Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort
+die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte.
+
+[Illustration]
+
+Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne
+daß man es merkt.
+
+Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch
+erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten
+Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich
+bis jetzt nicht gesehn hatte.
+
+Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten
+Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die
+Kauzburg selbst!
+
+Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich
+fühlte!
+
+Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier?
+Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes
+Nachtlied im Garten singen wird? —
+
+Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von
+vielem.
+
+Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster
+stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an
+dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen,
+machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers
+zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte
+er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir:
+»Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht
+schön gepflegt? Daneben ... daneben ...«
+
+Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof.
+
+Ich grüßte hinauf, als ich ging.
+
+Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir
+schloß.
+
+Also ~doch~ ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.
+
+»Daneben ... daneben ...«
+
+Ich wußte, was er meinte.
+
+Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch ~er~
+tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem
+Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die
+Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde
+~mehr~, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die
+für uns alle der gleiche Schoß ist?
+
+[Illustration]
+
+Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach
+Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse
+Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus
+getragen mit ihm.
+
+Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des
+unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das
+stille Tal verschließen wie früher. —
+
+[Illustration]
+
+Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot
+über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken!
+An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir ~jene~ gebracht, was wird
+mir ~diese~ bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen
+entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’
+ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In
+Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen
+Dingen nicht.
+
+[Illustration]
+
+So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!
+
+Daheim! In der alten Heimat!
+
+Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet ~mir~ den
+Traum der Jugend in mein Herz. ~Dich~, du mein grüner, heimatlicher
+Wald!
+
+Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es
+bleiben allezeit.
+
+O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den
+Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien,
+wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der
+Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die
+Krähennester ausnahm, da will ich heute knien.
+
+Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat.
+
+Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort!
+
+Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern
+gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden
+Händedruck.
+
+Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die
+Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt
+auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die
+ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut!
+
+Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus
+dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild,
+das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im
+Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf
+mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf.
+
+Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte
+sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil
+hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!
+
+Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend,
+mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich
+ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar
+Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen
+guter Wein. —
+
+Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische
+Oberförsterei.
+
+Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen.
+
+Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren
+pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich
+brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab.
+
+In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen
+Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit
+Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne
+am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus.
+
+Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum,
+der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe.
+
+Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer
+Heimat.
+
+Nun ist die Heimat wieder mein.
+
+Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir,
+Heidkönigstochter.
+
+ Liebe Erika!
+
+Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur
+Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist
+der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald
+wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich
+doch ~selbst~ in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann
+~schreibe~?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen
+sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für
+mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet
+dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger
+Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten
+auf und nieder.
+
+Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine
+Mutter die Schar der Kinder.
+
+Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe
+lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz
+umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen
+Heide das Heidkind bringen sollten.
+
+Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen,
+wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde
+ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben.
+
+Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein strahlendes, holdes Antlitz
+uns anlächeln wird, dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide.
+~Aus~ der Heimat werde ich ~in~ die Heimat fahren. So lockt mich die
+Heide. Ich kam so froh hierher und bin so ernst und still, seitdem ich
+hier bin.
+
+Warum wohl, Heidekind, warum?
+
+Ach, weil mir immer mehr und mehr die Heidkönigtochter fehlt! Weil
+immer mehr mein Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was man so
+ganz im Herzen hat, das duldet keine Worte. Das liegt verschlossen wie
+in einer Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein.
+
+Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika. Mein Kindchen, bist Du Dir
+denn auch bewußt, daß Du mein Fürbitter sein sollst?
+
+[Illustration]
+
+Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die Ecke bog, das
+liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Ich sah, wie es sich an die
+Scheiben preßte und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen.
+Die so treu wie es nur Mutteraugen können, auf das Kind herabsehn.
+Und heute, als ich aus der Fremde wiederkam, zurückkehrte in die
+alte Heimat, sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht am
+Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über dieses liebe, alte
+Gesicht, als ich um die Ecke bog. Und doch stand eine Wolke über der
+Sonne oben am Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir. Über dem
+heimkehrenden Sohne.
+
+Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist für dich der
+heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der er war, als er in die Fremde
+ging. Wie ein verlorener Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir doch
+wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein Junge, jetzt, wo Deine
+Oberförsterei so nah von hier liegt«, meinte sie lächelnd, als sie
+mich immer und immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte.
+Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon so viel erzählt
+von meiner jetzigen Oberförsterei und der früheren. Kein Wort bis
+jetzt von dem Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von
+Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika.
+
+»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei mir bist, etwas, mein
+Junge. Darf es deine alte Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie
+in ihrer mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie scharf sieht
+doch eine Mutter ins Herz des Kindes!
+
+»Ich verschweige dir etwas, Mutter?«
+
+»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich bedrückt etwas, sage es mir
+doch, vielleicht kann ich dir helfen.«
+
+Da zog ich behutsam das Bild des kleinen Mariannchens, meines
+Töchterleins, aus meiner Brusttasche.
+
+Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen. »Was hast du denn da, lieber
+Sohn?« fragte sie mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was ich
+hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir verschwiegen habe.«
+
+»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt es, wenn das
+Kind, und wenn das Kind auch so ein großer Sohn ist, Kummer hat.«
+
+»~Kummer~, Mutter?«
+
+»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie.
+
+»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.«
+
+»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«, bat ich.
+
+»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es! Wer ist denn das
+Geschöpfchen? Und wie es lacht und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie
+allerliebst, gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber Sohn!«
+rief sie und sah voll Freude auf das Bild.
+
+»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich. Sie sah auf.
+
+»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge. Was machst du denn für ein
+Gesicht? Ist wohl tot, gestorben, das herzige Kind?«
+
+»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«, sagte ich leise.
+
+Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht. »Es lebt, das
+Kindchen«, sprach sie mir langsam nach und sah von dem Bilde wieder
+auf mich.
+
+»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem das Kind gehört?«
+
+Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen. Wie eine große, ratlose
+Angst.
+
+»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«, sprach sie, und ihre
+Stimme zitterte.
+
+»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun mir, deinem Sohn
+gehörte?«
+
+»Fritz!« rief sie und starrte mich an.
+
+»Mutter, es ist ~mein~ Kind. Ich bin der Vater des kleinen,
+herzigen Mariannchens, dessen Bild du in der Hand hältst«, sagte ich
+ruhig. »Muß ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar vor
+meiner ~Mutter~ entschuldigen?« dachte ich bitter, als ich sah, wie
+fassungslos, wie entgeistert die alte Frau dasaß.
+
+Unwillig wandte ich mich fort.
+
+Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch hineinschluchzte.
+
+»Mutter!«
+
+Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände, die mich vor vielen
+Jahren getragen hatten, von ihren weinenden Augen und streichelte
+immer und immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du armer Sohn«,
+sagte sie, nichts anderes. Da erhellte ein Licht meine Seele: »Diese
+alte Frau fühlt in diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich
+vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst durchgekämpft habe,
+bevor ich zu dieser Ruhe gekommen bin.« Und während ich vor ihr kniete
+und sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne blickte und mir
+das Haar aus der Stirn strich, erzählte ich ihr.
+
+Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von ihrem goldenen,
+schimmernden, schönen Haar, ihrem lilienweißen, feinen Gesicht und
+ihrem sanften Sterben an diesem Kinde.
+
+»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war rührend für mich, wie
+schamhaft die alte Frau das fragte.
+
+Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun liebte. Anders
+liebte, als ich die erste geliebt hatte. Und ~diese~ Liebe verstand
+meine alte Mutter. Ich fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr
+von ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn. Den verlorenen
+Sohn.
+
+Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein, von der Heide
+und dem einsamen Heidhofe in der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich
+nebenbei einiges dazwischen.
+
+Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen!
+
+»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir nicht geben, wegen
+diesem hier«, sagte sie betrübt und zeigte auf das Bild der kleinen
+Marianne.
+
+»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm sein für dich, mein
+armer Sohn.«
+
+»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«, meinte ich und legte in
+meine Worte viel Zuversicht.
+
+»Nein, er gibt ~nicht~ nach«, sprach sie still vor sich hin. »Nach
+allem, was du mir erzählt hast, gibt er seine Tochter nicht. Und ...
+du darfst ihm deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft
+hinzu.
+
+»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große Sünde. Aber habe keine
+Angst, ich werde dich losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten
+Mutter zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.«
+
+Ich lächelte vor mich hin.
+
+»Lache ~nicht~ darüber, mein Junge. Ich weiß ja, Ihr jungen Männer von
+heute seid nicht mehr so gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß
+halt die Mutter für den Sohn ~mit~beten.«
+
+»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und gab ihr einen Kuß auf
+die Stirn. »Es kann mir nur nützen, wenn du es tust.«
+
+Und schon, als ich am selben Nachmittage von einigen Gängen in der
+Stadt nach Hause kam, fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche
+betend am Fenster sitzen.
+
+Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht,
+daß ihr Sohn der Vater der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus
+dem Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte.
+
+»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika und dem Kindchen?«
+fragte sie.
+
+»Hinfahren werde ich und mir beide holen«, sagte ich.
+
+Sie seufzte.
+
+»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«, warnte sie ängstlich.
+
+»Mutter, ~laß~ mir diese Hoffnungen! Die muß ich behalten, weil sie
+mich aufrecht halten. Ich klammere mich an die Hoffnung, daß Erika
+meine Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die letzte Planke.«
+
+»Und wenn sie ~nicht~ deine Frau wird und der Vater sie dir
+verweigert? Würdest du’s verwinden?«
+
+Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst voll ausdenken mußte ich
+diesen Gedanken. »Verwinden nicht, aber ich habe ein Kind, und die
+Sorge um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf, weiter zu leben
+und weiter zu arbeiten, Mutter.«
+
+Da stand die alte Frau auf, langte nach dem Bildchen meiner kleinen
+Marianne und sagte leise:
+
+»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind, du.«
+
+»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es wieder habe, Mutter?«
+
+»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.«
+
+— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine Großmutter! Eine
+Großmutter hast du, mein kleines Mariannchen, und deine Großmutter
+wird Strümpfe stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen und
+Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+So fahre ich also in die Heide. Am Heidbahnhof erwartete mich ein
+hochbeiniger, einfacher Heidewagen.
+
+Zwei wohlgenährte Schimmel davor. Es dauerte gar nicht lange, so war
+ich mitten drin in der weiten Heide.
+
+Ringsum ein Blühen und Duften im Flimmerglanz der Abendsonne.
+
+An stillen Teichen kam ich vorüber. An weißen Birken, deren zarte
+Zweige mit ihrem hellgrünen Blattschmuck leise schaukelten.
+
+An dunklen Wacholderstauden, die ernst wie Schildwachen standen. Und
+weit in der Ferne sah ich den Schäfer auf der Heide und vor ihm die
+Heidschnucken grasen.
+
+Scharf hob sich seine Gestalt in dem langen, dunklen Rock vom Glanz
+des Abendhimmels ab.
+
+Süß duftete das Lupinenfeld, an dem mich der kleine Wagen im mahlenden
+Sande langsam vorüber brachte, vorbei an der alten, zerzausten Kiefer
+mit dem aufwuchernden Baumgezweig um ihren Stamm; so kam ich näher und
+näher dem Heidhofe, wo meine Heideblume blüht. Immer purpurner wurde
+das Abendrot, immer schöner der Blütenreichtum. Und hier, ganz dicht
+am Wagen das Edelweiß der Heide, die liebliche Immortelle!
+
+Also, das ist deine Heimat, Heidkönigstochter! Hier bist du als Kind
+durch die Blüten gesprungen, hier hast du geträumt und gesonnen, hier
+bist du zur Jungfrau geworden. Um dich allein die Keuschheit dieser
+unendlichen Heide. Unberührt von dem Branden der Welt. Deine Welt, du
+stille Tochter der Heide, ist das Haus, in dem du mit fleißigen Händen
+waltest. Mit treuem Herzen, mit ewig gleichem Pflichtgefühl still und
+fromm und mit der Fröhlichkeit im Busen, die sich nie laut verkündet,
+die aber wärmt und reinen Glanz um sich verbreitet.
+
+Wie diese Heide hier.
+
+Von weitem sah ich inmitten der braunen Heide eine weiße Gestalt stehn.
+
+Klar hob sie sich ab in dem vergoldenden Glanz der Abendsonne.
+
+Wie Purpurglut lag es um sie und um das Kind auf ihrem Arm.
+
+»Ich will aussteigen, halt, steht, ihr Rößlein des Heidkönigs!« — — — —
+
+»So, nun fahrt zu, ich gehe zu Fuß bis zum Heidhof, dort den Fußweg
+quer durch die Heide.« Und so ging ich ihr entgegen, nach der ich
+mich heiß gesehnt hatte Tag und Nacht und wieder Nacht und Tag. Und
+die Tage und Nächte dieses langen Jahres sind langsam geschlichen,
+so unendlich langsam —. Sie kommt mir entgegen, bringt mein Kind
+mir zu! Klopf’ nicht so heftig, mein Herz! — Wer weiß, ob sie dir
+entgegengehen wollte. Ob es nicht ein bloßer Zufall ist, daß sie
+diesen Fußsteg geht.
+
+Ein Zufall? Ein bloßer Zufall? Törichter, furchtsamer Gesell, du weißt
+es, und dein Herz weiß es, daß es kein Zufall ist!
+
+Jetzt konnte ich fast ihr Gesicht erkennen. Ach, wie blüht die Heide
+so seltsam schön, wie duften die vielen tausend Heideblüten so seltsam
+süß an diesem Abend. Wie seltsam schön flimmert und glänzt es um mich
+herum. Kein Wunder, wenn die Heidkönigstochter durch ihre Heide geht.
+
+Immer näher kamen wir uns.
+
+Kein Berg, kein Tal lag zwischen uns, nur die weitsichtbare, stille,
+summende Heide.
+
+Die Luft war so klar, und dicht über der Ebene lag es so voller
+Flimmerglanz, daß wir uns schon ganz deutlich sahen, obwohl wir noch
+weit voneinander gingen. Wir dachten, ganz nahe schon beieinander zu
+sein, und waren noch weit entfernt.
+
+»Erika!« sagte ich gar nicht laut, und hätte es auch gar nicht laut
+rufen können in diesem Augenblick. Sie schritt unentwegt weiter, sie
+hatte es nicht gehört und konnte es wegen der Entfernung, die uns
+trennte, auch nicht hören.
+
+Ich sah, wie sie das Kind hoch auf ihrem Arm mir entgegenschwenkte,
+sah, wie das Kind jubelte und die kleinen Hände aneinanderpatschte,
+hörte aber keinen Laut. Mir war, als hätte eine Traumwelt mich
+eingesponnen. Wie ein Schlafwandler kam ich mir in dieser weiten Heide
+vor.
+
+»Erika!« rief ich nun, so laut ich konnte, und siehe es war
+Wirklichkeit, was mir entgegenkam, kein Traum.
+
+Deutlich hörte ich das Jubeln des Kindes. Da hätte ich hinknien können
+in die blühende, seltsame Heide und ihr danken, daß sie wirklich
+um mich herum blühte, daß ihre Blüten so schön waren, und daß die
+Heidkönigstochter wirklich mir, mir ganz allein entgegenkam.
+
+Und nun stand sie vor mir, und ich stand vor ihr. Keins sprach ein
+Wort. Aber das Kind lachte und angelte nach mir. Nach seinem Vater,
+den es doch gar nicht mehr kannte nach diesem langen Jahr.
+
+Sie reichte mir das Kind, und als es an meinem Halse hing, umfaßte ich
+auch sie und sagte leise: »Erika, nun bin ich bei dir in der Heide.«
+
+Da schlang sie ihre Arme um mich, und ich bog mich herab und küßte
+erst sie auf den noch unberührten Mädchenmund, und dann das Kind auf
+sein rosiges, halboffenes Mündchen. So standen wir beide mit dem Kinde
+auf unseren Armen im versinkenden Goldglanz der Sonne.
+
+Und um uns blühte die Heide.
+
+Weit, unendlich weit lag die Welt von uns ab. Wir brauchten keine
+Welt. Wir selbst waren uns unsere Welt.
+
+Meine ganze Welt waren nur diese beiden Menschen hier in der einsamen
+Heide.
+
+»Erika,« sagte ich zu ihr, die treu und still und voll Liebe zu mir
+aufsah, »Erika, bist du nun mein?«
+
+Da ging ein Zucken durch ihren Körper.
+
+Sanft löste sie sich aus meinen Armen, trat etwas auf die Seite und
+sah mich prüfend an.
+
+»Ich kann deinen Blick aushalten, Erika,« sprach ich, »immer werde ich
+deinem Blick standhalten können bis zum Tode, glaube es mir.«
+
+»Ich sehe es, und ich weiß es und wußte es, ehe du kamst, Lieber,«
+erwiderte sie; »aber du weißt, wie mein Vater darüber denkt.«
+
+»Dein Vater? Der Heidkönig?« fragte ich erschrocken; »wird er denn
+auch jetzt noch nicht seine Einwilligung geben zu unserer Vereinigung?«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Das hatte ich nicht gedacht und nicht erwartet«, sagte ich betrübt.
+
+»Du kennst uns Heidleute nicht,« sprach sie ernst; »sieh, auch ich
+hätte noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten, daß ich einst
+einwilligen würde, wirklich deine Frau zu werden. Aber dies eine Jahr
+der Trennung hat viel umgewandelt in mir. Das Jahr der Trennung und
+das Kind hier. Immer mehr fühlte ich von Tag zu Tag, wie meine Liebe
+zu dir wuchs, immer mehr fühlte ich, das ich nun gerade zu dir, dem
+Einsamen, Unglücklichen — denn du bist nicht glücklich, Lieber, auch
+wenn du’s dir nicht merken läßt — gehöre, immer kleiner erschien
+mir deine Schuld, immer mehr sah ich nun, wie brav und ehrlich du
+die Folgen deiner Verfehlung auf dich nahmst, und wie du dich über
+alles Reden hinweg zu deinem Kinde bekanntest, und immer mehr wuchs
+auch meine Liebe zu deinem mutterlosen, verlassenen Kinde. Und wenn
+ich mit dem kleinen Mariannchen über die Heide ging und um mich der
+Frieden und die Ruhe der Heide lagen, um mich die Bienen summten und
+die Schmetterlinge flogen, nach denen dein Kind vergnügt mit den
+Händchen haschte und glücklich dabei auf meinen Armen krähte, um mich
+der Sonnenglanz strahlte, unter dem diese einsame Gotteswelt träumte,
+da hielt ich Einkehr in mich, und diese Einkehr hier draußen in der
+stillen Heide hat mir viel, recht viel gesagt. Sie sagte mir, daß
+niemand, auch der beste Mensch nicht, vor einem Fehler sicher ist, ja,
+sie sagte mir, daß gerade oft die besten Menschen einen Fehler tun und
+ihn bereuen müssen. Denn bist du nicht der beste Mensch? Und hast du
+nicht deinen Fehler bereut und nach bester Kraft gutgemacht?«
+
+»Erika«, sagte ich erschüttert.
+
+»Laß mich noch reden, Lieber, es ist nötig, daß ich alles sage, was
+ich dir sagen wollte. Ich bin entschlossen, deine Frau zu werden. Gott
+wird verhüten, daß ich ohne den Segen meines Vaters aus dem Heidhof
+in das Haus des Mannes ziehen sollte, dem ich mich verpflichtet habe,
+in Treuen sein Weib zu werden. Ich weiß, ich würde das nie verwinden
+können, und in der Heide würde ich meine frohen Mädchenträume
+zurücklassen. In dein Haus brächte ich eine tiefe Trauer des Herzens.
+Darum, Lieber, bitte ich dich, überlege es dir ernst und prüfe alles,
+bevor du ein Weib nimmst, dem des Vaters Segen fehlt. Ich ~muß~, wenn
+du mir winkst, mit dir gehn. Meine Liebe zu dir, dem Manne, dem das
+Weib folgen und alles andere verlassen soll, treibt mich dazu und mein
+Wort, das ich Mariannen gab. Wie sollte ich denn anders diesem Kinde
+eine treue Mutter sein? Und nun komm. Der Heidhof erwartet dich.«
+
+»Wenn doch ein Wunder geschähe, daß deinem Vater seinen Sinn
+wandelte«, sagte ich traurig und schritt mit schwerem Schritt neben
+ihr.
+
+»Eine tiefe Trauer des Herzens,« hatte sie gesagt; ja, durfte ich sie
+denn gegen ihres Vaters Willen, ohne seinen Segen, gewaltsam lösen aus
+dem Heidhofe? —
+
+So standen wir bald vor der Tür des Heidhofes. Der Abendsonne letztes,
+versprühendes Leuchten zitterte über dem Gehöft, ach, alles Schöne
+vergeht und läßt uns nur ein letztes Leuchten zurück. Da tat sich die
+Tür auf, und der Heidkönig stand auf der Schwelle.
+
+Ich trat auf ihn zu und reichte ihm meine Hand. Ich konnte ihm noch
+keinen Gruß sagen, so bewegt hatten mich Erikas Worte.
+
+»Seien Sie willkommen!« sprach er nicht unfreundlich, und seine Augen,
+diese treuen und doch so klugen, forschenden Augen bohrten sich auf
+mein Gesicht.
+
+~Der~ Mann sah in die Herzen!
+
+Aber daß ich nicht bloß kam, um mein Kind mir nach Ablauf des Jahres
+aus dem Heidhofe zu holen, sagte er sich wohl selbst.
+
+Also galt sein forschender Blick ~mir~. Er wollte prüfen, was dieses
+Jahr aus mir gemacht hatte. Nun, diese Prüfung mußte ihn zufrieden
+stellen. Aber daß er diese Prüfung vornahm, legte ich mir günstig aus.
+Wozu denn erst solche Prüfung, wenn er doch fest entschlossen war, mir
+Erika nicht zu geben?!
+
+Zum erstenmal trat ich über die Schwelle des Heidhofes. Des Hauses,
+in dem Erika geboren und zur Jungfrau herangeblüht war. Ja, dieser
+Heidhof! In solchem Hause, solchen Räumen, solcher Umgebung mußte ja
+ganz von selbst ein Heidkönigstöchterlein heranblühen. An diesem Abend
+sprachen wir nur Alltägliches und für mich doch auch wieder ~nicht~
+Alltägliches zusammen.
+
+Wie in stillschweigender Verabredung sprachen wir noch nichts von dem
+Zweck meines Kommens.
+
+Freundlich, doch mit Zurückhaltung behandelte mich der Heidkönig als
+seinen Gast.
+
+Er zeigte mir den ganzen Heidhof.
+
+Diesen kleinen, in der Heide großen Fürstensitz, auf dem seit
+fünfhundert Jahren dasselbe Geschlecht saß.
+
+Zum alten Schäfer, der seine Heidschnucken schon hereingetrieben hatte
+aus der Heide, führte er mich zuerst. Die Heidschnuckenherde stand
+Tier an Tier, Wolle an Wolle um den uralten Steinbrunnen, der rechts
+im Hofe neben der ebenso uralten Eiche tief in die Erde gebohrt war.
+
+Ich fand alles so, wie’s mir Erika an dem einen Abend geschildert
+hatte. Den mächtigen Brunnenschwengel hoch an dem Eichenast verhakt;
+durch die Eichenblätter spülte von der Heide ein warmer Wind, der
+süßen Duft führte; der Schäfer stand an den rissigen, mächtigen Stamm
+gelehnt und strickte.
+
+Ab und zu blökte eines der Schafe, oder ein anderes brachte eine
+kleine Unruhe in die gesättigte Herde, indem es sich unartig zwischen
+den anderen durchdrängeln wollte.
+
+»Na, Peter?« sagte der Heidkönig.
+
+»All gut«, erwiderte der Alte und strickte kopfnickend weiter. Mich
+sah er kurz und scharf an. Ich merkte aber, nicht unfreundlich.
+Vielleicht weil ich ihm gleich meine Hand hingestreckt hatte, die er,
+einen Augenblick das Stricken unterbrechend, fest und derb mit der
+seinen ergriff.
+
+Dann flogen etwas schelmisch seine alten und doch scharfen Augen von
+mir auf Erika, die uns nachgekommen war. Er nickte ihr zu. Das schien
+sie zu freuen. Dann nickte sie ihm rasch wieder zu und zeigte mit
+einem verschämten Lächeln auf mich, während uns gerade der Heidkönig
+den Rücken zukehrte.
+
+Befriedigt nickte er, der Erika auf den Armen getragen hatte und ihren
+Vater hatte groß werden sehn.
+
+Gott sei Dank! Der Alte war mir gewogen. Ich hatte nur zu gut bemerkt,
+wie die Augen des Heidkönigs das Gesicht seines alten Schäfers
+musterten.
+
+Dem Alten gefiel nicht jeder. Erika hatte mir erzählt, daß er sein
+Mißfallen an jemanden recht drastisch zum Ausdruck zu bringen pflegte.
+Er ging dann mit bedächtigem Schritt auf die andere Seite der Eiche
+und ließ den Fremden stehn. Aber heute blieb er und nickte befriedigt
+vor sich hin. Ich hätte ihm um den Hals fallen können.
+
+Von dem Brunnen aus gingen wir nach der langen, riesigen, ganz aus
+Eichenbohlen erbauten Scheune mit der Wagenscheuer und von dort nach
+dem Schafstalle.
+
+Mittlerweile war es dunkel geworden.
+
+Nur fern am Saume der Heide, die sich hinter dem Garten weit, weit
+ausdehnte, glühte es noch rot. Ich trat an den Zaun heran. Erika
+stellte sich neben mich und lehnte sich gleich mir an den Zaun.
+
+Der Heidkönig hatte uns verlassen. Er wollte, wie er sagte, noch in
+den Pferdestall gehn und dort zum Rechten sehen.
+
+Erika lachte halblaut vor sich hin.
+
+Ich sah sie fragend an.
+
+»Das ist das einzige Mal, daß Vater lügt«, sagte sie lachend, und ein
+fröhliches Lachen war’s, mit dem sie das sagte.
+
+»Wieso?« fragte ich.
+
+Da lehnte sie sich an mich, hob sich ein wenig und flüsterte mir ins
+Ohr: »Zu deinem Kinde geht er, Lieber. Ja, wirklich, — freilich erst
+geht er in den Pferdestall, aber nur einen Augenblick bleibt er darin,
+dann geht der Heidkönig, verstohlen sich umschauend, Abend für Abend
+hinauf in meine Stube, wo dein Kind, das Mariannchen schläft, und dort
+sitzt er beim Schein der Lampe und guckt Abend für Abend sich das
+Kindchen an. Einmal hab’ ich ihn dabei erwischt, er wurde verlegen,
+und das hab’ ich ihm seitdem erspart und tue, als merkte ich’s nicht.
+Ach, Lieber, wie wird der stolze, schweigsame Heidkönig die Trennung
+von dem Kind überstehn! Ja, dieses Kind, dieses arme, liebe Kind wird
+uns das Glück bringen.« —
+
+Am nächsten Morgen saßen wir uns in der großen Wohnstube, die so
+heimisch und traut aussah, gegenüber. Der Heidkönig und ich.
+
+Er fing von selbst an.
+
+»Sie wollen heute wieder fort?« fragte er.
+
+»Ja«, sagte ich.
+
+Er schwieg.
+
+»Das Mariannchen ist tüchtig gewachsen und ein fröhliches Kind«,
+meinte er dann.
+
+»Ja, ich habe das Kind entbehrt, und nun will ich mir’s heim holen in
+mein verwaistes Forsthaus.«
+
+Wieder schwieg er.
+
+»Aber nicht wegen des Kindes allein bin ich hergekommen. Ich bitte
+Sie, daß Sie mir Erika zur Frau geben. Wir sind uns gut, Sie wissen
+es.«
+
+»Ich weiß es,« sagte er langsam, »und ich dachte mir, daß Sie diese
+Bitte heute aussprechen würden. Aber ich kann Ihnen Erika nicht zur
+Frau geben. Auch ~das~ habe ich Ihnen schon vor Jahresfrist gesagt.«
+
+»Ja, Sie hatten es mir gesagt, offen und ehrlich,« rief ich und
+stand auf; »aber man soll einem Menschen eines Fehlers wegen nicht
+unversöhnlich bleiben, sondern zur Versöhnung geneigt sein ...«
+
+»Ich stehe Ihnen nicht unversöhnlich gegenüber, nur meine Tochter kann
+ich einem nicht zur Frau geben, der ... der ...«
+
+»Der ein solches Kind sein eigen nennt«, sprach ich den Satz zu Ende,
+als er zögerte, und schob ihm die kleine Marianne hin. Er beugte sich
+herab, und das Kind legte seine Ärmchen um seinen Hals.
+
+»Ich kann es nicht, nein, ich tue es trotzdem nicht, sie kann seine
+Frau nicht werden«, sagte er zu dem Kinde und drückte es an sich. Und
+dann legte er seine rechte Hand schwer und wuchtig zur Faust geballt
+auf die Tischplatte. Das Mariannchen mochte glauben, daß er mit ihr
+wie sonst spielen wollte. Denn es tatschte mit seinen Fingerchen
+vergnügt auf dieser Faust herum und krähte laut und froh dabei.
+
+»Ich kann es nicht«, wiederholte er noch einmal und hielt das Kind
+fest an sich gepreßt.
+
+Da trat Erika zu ihrem Vater hinter dem großen Tisch und legte ihre
+linke Hand auf die silberbeschlagene Bibel, die auf dem Betstuhl am
+Tische lag. Die rechte Hand legte sie ihrem Vater auf die noch immer
+zusammengeballte Faust, die er eben schwer und wuchtig hatte auf die
+Tischplatte fallen lassen, und sagte zu ihm: »Vater, sag’, liebst du
+die Bibel und hältst du dich an alles, was in ihr geschrieben steht?«
+
+»Törichtes Kind,« erwiderte er, »was soll die Frage? Hast du jemals
+gesehn oder gehört, daß dein Vater auch nur ein einziges Bibelwort für
+unwahr hält?«
+
+Als er das gesagt hatte, schlug sie die Bibel auf und blätterte in
+ihr. So eifrig, daß sich ihre Wangen röteten. Nun hatte sie wohl
+gefunden, was sie suchte, denn sie nahm das schwere Buch und schob es
+ihm unter die Augen. »Hier, lies Vater«, bat sie und hielt auf eine
+Stelle des Blattes ihren Finger.
+
+Er beugte sich herab. »Lies es laut«, sagte sie sanft.
+
+Er las: »Und so wird es sein, daß das Weib ihren Vater und ihre
+Mutter verlassen wird und tut dem folgen, den sie sich hat gewählt zu
+ihrem Ehemanne, und tut wohl daran, daß sie ihm folgt, denn es steht
+geschrieben: Dein Wille sei mein Wille, und dein Haus sei fürder mein
+Haus.«
+
+Laut auf stöhnte der Heidkönig, als er das gelesen hatte.
+
+Er sank auf den Stuhl und schlug sich beide arbeitsfleißigen und
+arbeitsrissigen Hände vors Gesicht. Das Mariannchen fing leise zu
+weinen an. Er hielt das weinende Kind fest an seiner Brust.
+
+So saß er lange Zeit. Dann nahm er die Hände vom Gesicht und richtete
+sich auf. Aber zwei schwere Tränen rollten aus seinen Augen über die
+Backen herab.
+
+So hab’ ich einmal, ein einziges Mal den Heidkönig weinen gesehn.
+
+»Ziehe mit ihm und werde sein, meine Tochter«, sprach er ernst. »Aber
+nach Jahresfrist erst darfst du mit ihm ziehn und sein Weib werden.
+Nach Jahresfrist erst darf er wieder in den Heidhof kommen, keinen
+Tag eher. Das leg’ ich ihm auf; prüfen will ich und muß ich ihn, dem
+ich mein unberührtes Heidkind geben soll. Still, still, Kind«, sagte
+er, als Erika ihn am Arme faßte und zu ihm aufsehend bat: »Vater« —
+»still, meine Tochter, anders geb’ ich mein Kind nicht. Also hören
+Sie, Herr,« wandte er sich an mich, »Sie sollen heute über ein Jahr
+wieder hierher kommen und meine Tochter zur Hausfrau haben. Ein Jahr
+ist lang, und bis dahin ohne Sünde und brav und keusch leben, ist
+schon etwas. Geben Sie mir die Hand, daß Sie brav und keusch leben
+werden.«
+
+Ich gab ihm die Hand und sah ihn gerade und ohne mit der Wimper zu
+zucken an.
+
+Ich wußte ja, daß es kein Weib außer Erika mehr für mich gab.
+
+»Ist mir lieb, dieser Handdruck und dieser Blick«, sagte er
+freundlicher.
+
+»Noch eins,« unterbrach ich ihn, »es muß gesagt sein, was wird ...
+was soll aus meinem Kinde werden bis dahin?« Ich hatte es ganz leise
+gefragt. Ach, wer weiß, ob er nicht sagen würde; das müssen Sie
+fortgeben, das darf nicht dort sein, wo meine Tochter als Hausfrau
+schalten und walten wird? »Nie, nie,« schrie es in mir auf, »lasse ich
+mein Kind! Ich habe es ins Leben gesetzt, so muß ich es auch bewahren
+im Leben, solange es nötig ist.«
+
+Wie wenig kannte ich doch noch immer diese Menschen der Heide!
+
+»Ihr Kind?« sagte er, »nun das ist eine sonderbare Frage. Das Kind
+bleibt hier, bis Sie Erika sich holen. Dann bringt sie das Kind mit.
+Von dem Tage ab ist es ~ihr~ Kind, sie ist seine Mutter, und ich bin
+sein Großvater.«
+
+»Herr«, sagte ich tief ergriffen und drückte ihm seine harten, lieben
+Hände fest, ganz fest.
+
+»Aber was werden die Leute sagen, wenn das Kind hier bleibt, und wenn
+es dann mit Erika kommt?« sagte ich zaghaft.
+
+Da richtete er sich hoch auf.
+
+Er sah ordentlich vornehm aus, dieser einfache Mann des Heidhofes.
+
+»~Den~ möcht’ ich sehn, der es wagen würde, an des Heidkönigs Tochter
+auch nur in Gedanken sich zu versündigen. Nein, nein, ich sehe,
+wir Heidleute verstehn uns nicht mit euch Menschen, die ihr in den
+Städten wohnt und die Welt anders kennt, als wir sie kennen. — Erika,
+bedenke es wohl, ehe du dein väterliches Heidhaus mit dem Hause dessen
+vertauschst, den du dir zum Ehegatten erwählen willst.«
+
+»Ich ~habe~ es mir bedacht, Vater, ich habe ihm versprochen, seine
+Hausfrau in Treuen zu werden und diesem Kinde hier eine treue Mutter,
+auch der toten Mutter dieses Kindes habe ich’s versprochen, und du
+weißt, mein Vater, daß ein Heidkind die Treue, die es versprochen hat,
+hält«, antwortete sie, hob das Kind — mein Kind — aus der Wiege und
+drückte das schlafende, kleine Geschöpf an ihre Brust.
+
+Der Heidkönig sah prüfenden Auges auf dieses schöne Bild hin.
+
+»Ja, ein Heidkind hält die Treue, möchte meinem Heidkinde auch allzeit
+die Treue gehalten werden. Ich denke, er wird die Treue halten, seine
+Hand drückte die meine fest und warm«, sagte er wie zu sich selbst
+und nickte ernst mit dem Kopfe. »Nun hört Ihr beiden, die Ihr in
+Jahresfrist, von heut ab gerechnet, Mann und Weib sein werdet und
+untrennbar bis zur Todesstunde, hört jetzt meine ~zweite~ Bedingung.«
+
+Erika sah fragend mit erschrockenen Augen zu ihm auf.
+
+»Noch eine Bedingung nach dieser ersten, schweren?« fragte ich.
+
+»Ja,« gab der Heidkönig ruhig zur Antwort, »noch eine.«
+
+Er setzte sich in den hochlehnigen Stuhl.
+
+»Setzt euch,« gebot er uns, »ich muß weit ausholen, damit es euch klar
+wird, daß ich bei der Bedingung bleibe. Damit es Ihnen klar wird,«
+wandte er sich an mich, »da Sie uns Heidleute noch nicht kennen, um
+zu wissen, daß ein Heidbauer, und nichts anderes bin ich und will ich
+sein, seinen vom Vater und Vaters Vater her und Urahn her ererbten
+Heidhof so hoch hält wie sein eigen Kind. Der Heidhof ist ihm heilig
+und nichts schmerzt den Heidhofbauern mehr, als wenn er stirbt
+und er weiß, daß sein Heidhof dereinst in fremde Hände kommt. Wir
+Heidhofleute sitzen hier auf diesem Hofe seit fünfhundert Jahren. Eine
+hübsche Zeit, was?«
+
+Ich nickte.
+
+»Ja, seit fünfhundert Jahren. Und jeder, der den Heidhof übernahm,
+ist hier groß geworden. Hat hier als Kind gespielt im Schatten der
+Linden und Eichen, hat vom Vater gelernt, den Heidhof zu verstehn,
+denn der Heidhof will verstanden werden. Drum hat es sich auch
+fortgeerbt vom Urahn auf Ahn, vom Ahn auf Großvater, vom Großvater auf
+Vater, vom Vater auf Sohn, daß der jeweilige Erbe des Heidhofs hier
+erzogen wird.
+
+Der Erbe des Heidhofes ist dein erster, dein ältester Sohn, Erika, den
+du haben wirst. Darum verlange ich dein und deines Mannes Versprechen
+jetzt, in dieser Stunde, daß ihr mir euren erstgeborenen Sohn
+überbringt. Ich will ihn zum Heidhoferben erziehn, er soll, mach’ ich
+die alten Augen zu, Heidkönig werden.«
+
+Ich blickte heimlich zu Erika hinüber.
+
+Wie? Vor ihm, dem Mädchen, verhandelte der Alte das? Was wird Erika
+tun? In meiner Gegenwart vor ihren keuschen Ohren das? Ich erwartete,
+daß sie blutrot werden und keine Antwort geben würde. Aber siehe:
+ruhig nahm sie das Wort. Es war ja in »Zucht und Ehren«, was hier
+besprochen wurde. Ja, ja, ihr Heidemädchen, auch ~euch~ muß man erst
+ganz verstehn!
+
+»Ich sehe ein, Vater, daß du recht hast, der Bube muß hier sein, um
+den Heidhof liebzugewinnen, es geht nicht anders«, sagte sie.
+
+Klar und ruhig fielen ihre Worte.
+
+»Freut mich, daß du es einsiehst, Kind,« brummte er, »hab’s nicht
+anders erwartet. Bis jetzt war der erste stets ein Bub, und es wird
+wieder so sein, darauf hat der Hof des Heidkönigs ein Recht.«
+
+Jetzt sah mich der Alte an. »Nun?« fragte er.
+
+Ich zögerte mit der Antwort.
+
+»Überlegen Sie sich’s in Ruhe, nachher sagen Sie mir Bescheid«, sagte
+er freundlich und stand auf.
+
+»Hier, meine Hand, mein erster Bub dem Heidkönig!« rief ich fröhlich
+lachend. Wirklich, ich lachte ganz herzlich und vergnügt. Sollte ich
+meinen ersten Buben um den schönen Heidhof bringen?
+
+»Ich glaube, daß ich in einem Jahre beinahe ohne Sorge meine Erika
+Ihnen geben werde«, sagte er.
+
+»Also, unser erster Bub wird Heidkönig?« sagte ich dann scherzend zu
+Erika. Da sah sie mich tief errötend und ängstlich an und wandte sich
+ohne ein Wort der Erwiderung fort. Ich Tölpel! Werde ich denn nie
+diese Heidleute kennenlernen?
+
+»In Zucht und Ehren darf so etwas besprochen werden; das finden diese
+Heidmenschen des vorherigen Besprechens wert und notwendig. Es wird
+aber unnatürlich und frivol, sobald man darüber außerhalb des Rahmens
+der notwendigen Besprechung und Vereinbarung scherzt.
+
+Bei den Menschen der Heide herrscht noch unverfälschte, keusche Natur
+und Herzenseinfalt. Und darum Hoheit und Treue und Ernst, sobald
+Ernstes besprochen werden muß. So fest und stark wie ein starker,
+fester Eichenstamm. Meine Hand würde ich jederzeit für die Treue
+meiner Hausfrau Erika vom Wegbergshofe ins Feuer legen.
+
+Ja, solche Frau macht die Ehe zu einem Heiligtum. Solche Frau atmet
+den Räumen des Hauses, in dem sie waltet, die Reinheit und Treue ein,
+die ihr ganzes Wesen erfüllt. Solche Frau ist ein sicherer Hafen nach
+den Stürmen, die der Lebenskampf dem Manne bringt. Ist ein Hafen der
+Ruhe für des Mannes eigenes, wildbewegtes Herz.
+
+O, Erika, bist du erst meine Hausfrau, dann wird der goldene Frieden
+in meinem Hause sein. Wenn ich dich sehen werde, werde ich die
+einsame, unberührte Heide sehn, wenn meine Arme dich umfangen werden,
+werde ich wie ein froher Forstbub an dem treuen Busen wie in der in
+scheuer Schöne und holder Keuschheit blühenden Heide ruhn.
+
+Du hast nicht Mariannens verzehrende Glut, die mich widerstandslos
+gegen ihre flammende Schönheit machte, aber du hast dafür eine Welt
+von einfacher Güte und hingebender Treue. Solche Güte, solche Treue
+erhalten dem Manne die Kraft, im Leben felsenfest zu stehn und bis
+zum Ende auszuharren in dem Kampfe, den Welt und Leben von selbst mit
+sich bringen. Wie werde ich zu dir flüchten, bin ich zerzaust worden
+draußen! Wie wird mich deine Ruhe, dein Frieden, dein ganzes liebes
+Wesen aufrichten und wieder festigen. Wie eine Mutter wirst du mir
+sein, in deren Schoß der Forstbub seinen Kopf legen darf zu jeder
+Stunde.
+
+Du wirst meiner alten Mutter eine Tochter nach ihrem Herzen sein. Weil
+du so vieles mit der alten, treuen Frau, die ich Mutter nennen darf,
+gemeinsam hast. Nie hätte sie Marianne verstanden. Aber nun werde ich
+nur heimlich noch an Marianne denken dürfen. Ich ~will~ an sie denken,
+trotzdem ich Erika gefunden habe. Denn Marianne ist doch die Mutter
+meines kleinen, lieben, herzigen Mariandels! Aber Erika soll es nicht
+merken, daß ich in stiller Stunde auch an Marianne denken will. Jedes
+Jahr will ich heimlich einen Kranz auf ihr Grab legen. Es wird sich
+schon machen lassen, daß Erika nichts davon merkt. Es müßte sie doch
+verletzen.«
+
+Unter der Linde vor dem Heidhof saß ich, als ich das mit mir besprach.
+Da trat Erika mit meinem Mariandel auf dem Arm aus der Tür des
+Heidhauses und kam zu mir hin.
+
+Das kleine Mariandel krähte so lustig wie ein junges Hähnchen auf
+den Armen seiner ... Mutter. »Armes Hähnchen, deine Mutter ist tot«,
+dachte ich und sah sinnend zu meinem Kinde auf.
+
+»Ich wollte dir noch etwas sagen, und ich soll es dir sagen, hat mein
+Vater mir befohlen, bevor du fährst«, begann Erika, setzte sich neben
+mich und gab mir das Mariandel auf die Knie.
+
+»Wegen dieses Kindes muß ich noch mit dir sprechen, so will es mein
+Vater, und so will ich’s.«
+
+»Was denn, Erika?« fragte ich beklommen.
+
+»Sieh Lieber,« sagte sie ruhig und freundlich »ich will diesem Kinde
+eine treue Mutter sein, und ich habe es so lieb schon wie ein eigenes
+Kind. Wir wollen es großziehn und zu einem guten Menschen machen. Aber
+eines müssen wir noch miteinander besprechen. Ich glaube, es wäre
+nicht gut, dem Mariandel, solange es ein unverständiges Kind ist, zu
+sagen, daß ich nicht seine Mutter bin. Ist es groß und verständig,
+dann halte ich’s für recht, daß wir’s ihm sagen. Daß wir ihm sagen:
+›Hör’, deine rechte Mutter, die dich geboren hat, ist tot.‹ Und damit
+es dann nicht davor erschrickt, so bitte ich dich heute, daß du mit
+mir und dem Mariandel jedes Jahr an Mariannens Todestag zu ihrem Grabe
+fährst. Dort wollen wir zusammen ihr Grab recht schön schmücken und
+dem Kinde von ihr Liebes und Gutes erzählen; wir wollen ihrer immer
+in Liebe, nur in Liebe gedenken. Denn ich weiß, sie hatte dich lieb,
+und es war doch ~auch~ ein armes, verlassenes Kind der Straße. Du
+darfst sie auch nie vergessen um dieses Kindes willen hier. Und das
+läßt dir der Heidkönig durch mich sagen.«
+
+»Erika!« schrie ich auf, kniete mich vor sie hin und umschlang sie und
+das Kind mit meinen Armen.
+
+»Erika!« sagte ich noch einmal leise und verbarg mein Gesicht in ihrem
+Gewand.
+
+»Was hast du denn, Lieber?« fragte sie in ihrer so unbeschreiblich
+gütigen Art und fuhr mir sanft mit ihren Fingern übers Haar. Und
+das Kind krähte vergnügt und zog mich so derb am Haar, daß ich
+unwillkürlich »au« schreien mußte.
+
+Da lachte sie und meinte: »Zupf’ ihn tüchtig, Mariandel, hörst du,
+zupf’ ihn tüchtig, denn gleich muß er fort von uns, und dann können
+wir ihn nicht mehr zupfen.«
+
+»Erika, ihr Heidleute seid schwer zu verstehn, o du mein liebes,
+treues Weib, wenn ich erst an deinem treuen Herzen werde ruhn können.«
+
+Sie verbarg unter einem Lachen ihre Abschiedsstimmung.
+
+»Laß gut sein, Lieber, dann halten wir beiden dich fest, nicht wahr,
+Mariandel?«
+
+Und während das Kind vor Lust und Freude krähte und Erika es mir zum
+Kuß reichte, und ich sie und das Kind küßte, fuhr der bockbeinige,
+steife Heidhofwagen, der einen durcheinanderschüttelt wie einen Sack
+voll trockener Pflaumen, vor die Tür unter den alten Lindenbaum,
+der Heidkönig trat zu uns und sagte: »Nun, es wird Zeit, und der
+Zug wartet nicht«; ich gab dem alten, schlichten Manne die Hand,
+stieg unter Lebensgefahr auf die hohe, federlose Kalesche, sagte:
+»Adieu also, Herr Heidkönig und auf Wiedersehn übers Jahr!« Der alte,
+verwitterte Knecht vorn auf dem Kutschbock ließ die Peitsche knallen
+und rief: »Hüdjüß!«, die beiden wohlgenährten Heidkönigschimmel zogen
+an, ich sah zurück, da stand Erika und hielt mein Kind an ihrem
+Herzen, da stand sie und weinte still in des Kindchens Kleid hinein,
+und mein und Mariannens Kind schlenkerte vergnügt mit den Ärmchen in
+die Luft, als ob’s fliegen, mir nachfliegen wollte in mein fernes
+Heimatland Schlesien hinein.
+
+Wartet nur, ihr beiden, übers Jahr hol’ ich euch, und dann werden zwei
+liebe Menschenkinder ~mehr~ im lieben Schlesien sein. —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+ Die Märcheninsel
+
+ Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen
+
+ von Capri
+
+ *
+
+ Nach mündlichen Mitteilungen
+
+ von
+
+ Heinrich Zschalig
+
+ *
+
+Es ist ein köstliches Buch, das hier dem deutschen Volke gegeben
+wird. Der ganze Zauber des märchenhaften kleinen Mittelmeereilandes
+entfaltet sich in dieser Sammlung, wie eine wundersame, duftgesättigte
+Blüte. Der Volkscharakter der tanz- und sangesfrohen Capresen spiegelt
+sich in diesen Märchen, Legenden und Liedern und macht das Werk zu
+einer Quelle des Genusses, nicht nur für die Kenner der sagenumwobenen
+Insel und den Wissenschaftler, sondern auch für alle Leser, die ihre
+Freude an der üppigen Phantasie des Volkes haben.
+
+Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 ***
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+ Die Kauzburg | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 ***</div>
+
+<!-- Transcribers note -->
+
+<div class="transnote">
+
+<p class="transhead">Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p>Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert.
+Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen
+bleiben gegenüber dem Original unverändert.</p>
+</div>
+
+<!-- Front matter -->
+
+<!-- Cover picture -->
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+<div class="break-before">
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+<!-- Front page picture -->
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+<hr class="chap mt30 x-ebookmaker-drop">
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+
+<!-- Main header -->
+
+<div class="chapter">
+<h1>Die Kauzburg<br>
+<br>
+<span class="h1-small">
+Roman aus<br>dem Tagebuch<br>eines Freundes<br>von<br>Hans Kaboth
+</span>
+</h1>
+
+<p class="center font12 mt20 no-indent">Verlag Deutsche Buchwerkstätten<br>
+Dresden</p>
+
+<hr class="chap mt20 mb10 x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<div class="break-before">
+<p class="gesperrt center no-indent">Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1925 by<br>
+Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden</p>
+
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+
+<p class="center no-indent">
+Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp; Co., Altenburg, Thür.<br>
+<em class="gesperrt">Buchausstattung von Käte Vesper-Waentig</em><br>
+</p>
+</div>
+
+<hr class="mt10 chap x-ebookmaker-drop">
+
+
+<!-- Chapter 1 with no heading -->
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 title="1">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+
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+
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/d.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">D</span>a bin ich nun in meiner neuen Heimat.
+Was sag’ ich: Heimat? .... In meiner
+neuen Fremde bin ich. Ein kleines Städtchen
+ist’s, an einem Fluß gelegen, hoch wie ein
+Storchennest.</p>
+
+<p>In meinem Forsthause sitze ich nun und schreibe.
+Zum erstenmal in dieses Tagebuch, seit ich hier bin.</p>
+
+<p>Es gab mit dem Einrichten so viel zu tun, daß
+ich nicht zum Schreiben kam.</p>
+
+<p>Dazu noch der neue Dienst — kurzum, es kam
+nicht dazu. Noch ist mir alles so neu, so seltsam,
+daß ich mich an der Nasenspitze zupfen und fragen
+möchte: ist’s ein Traum oder ist’s Wirklichkeit?</p>
+
+<p>Ist’s Wirklichkeit, daß mein Forsthaus ein altes
+ritterliches Ordenshaus, eine echte, aus dicken Steinmauern
+vor einigen hundert Jahren erbaute Burg
+ist, oder träume ich nur?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p>
+
+<p>Der Fluß rauscht tief unter den Mauern meiner
+ritterlichen Forstburg vorbei und läßt die Fische
+springen, ein Käuzlein ruft sein Huhu und streicht
+unhörbar wie ein Geist — vielleicht der Geist eines
+einstigen Ritters oder Mönchs — ums Mauerwerk
+meiner Burg. Täuscht mich nicht alles, so hör’ ich
+den Forstlehrling schnarchen in seinem Kämmerlein.
+Der Hahn hat soeben gekräht. Mein Haushahn ist’s,
+ein echter Italiener. Ein Hund hat gebellt. Der Nachtrat
+tutet die Mitternacht ein und schlürft die Straßen
+des Städtleins hinab. Ein Duften, ganz weich und
+linde, zieht in mein offenes Fenster; »’s ist Frühling«,
+ruft es mir zu, die roten Mauerrosen ranken am
+steinernen Tor, an der steinernen Mauer, die meinen
+Garten umschließt. O Waldkauz, ich fühle dir nach,
+warum du des Nachts die Mäuslein fängst und den
+Tag verschläfst! Es steckt Poesie in einer solchen
+Vollmondnacht! Poesie steckt auch in meiner Forstburg,
+und das versöhnt mich mit dem alten Gemäuer.</p>
+
+<p>Mit Waldkauzgefühlen, Waldkauzaugen betrachte
+ich den alten Kasten, betrachte ich die Mäuse,
+die ungeniert um meinen Schreibtisch tanzen.</p>
+
+<p>Es ist Vollmondnacht, und unten, tief unten
+rauscht der Fluß vorbei. Wenn seine Flut an die
+hohen Steinpfeiler der großen Brücke drängt, dann
+rauscht diese Flut zürnend auf, dann wirft sie
+silbernen Brodel und silbernes Geschäum, wie ein
+<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+Roß, das in den Zügeln schäumt. Ich kann’s von
+hier oben sehn. Ich kann den Spiegel des Flusses
+sehn, kann sehn, wie er glänzt und gleißt unter den
+hellen, sanften Strahlen des Vollmonds, der dort
+hoch oben im Nachthimmel hängt und langsam
+weiterschwebt. Mit einem milden Lächeln. Er ist erhaben
+über das kleine Weh der kleinen Mutter
+Erde. Er weint nicht mit, wenn Mutter Erde weint,
+nicht mit, wenn ihre Kleinen weinen. Er lächelt ewig,
+ewig sein gleiches Lächeln. Manchmal mit vollem
+Gesicht, manchmal nur mit der linken oder rechten
+Backe. Auch das ist schon genug, um sich an ihm zu
+erfreuen. Um ihm heraufzurufen: sei gegrüßt,
+Freund Mond, du einsamer Kauz dort oben! Lächle
+herab auf dieses kleine Städtlein, lächle herab auf
+meine Forstburg hier. Du gehörst zu solcher alten
+Burg, zu solchem Garten mit tausendjährigen
+Bäumen, mit aufgetürmtem und verwestem Laube,
+zu solcher Steinmauer und solchem Steintor, in
+dessen Wölbung es hohl klingt, schreitet man hindurch.</p>
+
+<p>Wie ward mir zumute, als ich das erstemal durch
+diese Steinwölbung schritt.</p>
+
+<p>Kalt wehte es mich an aus all dem Steinwerk
+längst vergangener Zeit.</p>
+
+<p>Als sich der schwere eiserne Torflügel krachend
+hinter mir schloß, da schien’s mir, als brächen sich<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+tausend dumpfe Stimmen im dröhnenden, dumpfen
+Widerhall. »Eingesargt, lebend begraben«, höhnten
+die Stimmen, »laß alles hinter dir, was du liebst
+und haßt«, tönte es aus der großen Halle des
+Hauses, »ich halte dich fest und gebe dich nicht mehr
+heraus«, hauchte mich kalt der Atem des toten
+Ritters an, der zwischen zwei Mauern dieses Hauses
+seit dreihundert Jahren stehen soll, selbst zu Stein
+geworden. »Huhu, huhu«, schrien die beiden Käuzlein,
+die ich aus ihrem Schlafe aufscheuchte — »verdammtes
+Gezücht!«, schimpfte ich und schwang
+meinen Jägerhut von der feuchten Stirn, »Otterngezücht
+und Raubgesindel, laßt mich zufrieden! Ein
+Jäger bin ich, ein Grünrock, leben will ich noch
+hundert Jahre. Der Wald wird mich schützen, mein
+grüner Rock wird meine Schutzhülle sein, auch hier
+in diesem alten Steingemäuer, das nun mein Forsthaus
+werden soll!« Aber mein Herz sprach anders
+als mein Mund. Auf mein Waldherz legten sich all
+die schweren, großen Steine und Steinplatten
+dieses alten Ritterbaues. »Mein Gott, das soll ein
+Forsthaus sein?« sprach des Jägers Herz und zog
+sich zusammen, »rings um den Garten eine hohe
+Mauer aus Steinen, die Titanen zusammengefügt
+zu haben scheinen?« Vor mir die Steinburg selber,
+aus deren Halle mir’s wie dumpfe Grabluft entgegenwehte,
+links neben der Burg ein Steinbau,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>
+hoch genug, daß man nicht darüber äugen konnte, —
+er wölbte sich — wie die Städter behaupten — über
+dem unterirdischen Gange, der von hier aus unter
+der Stadt hindurch, den Abhang hinab bis ans
+Flußbett der Eder sich ziehen sollte, im Garten der
+zugeschüttete, kreisrunde Brunnen, von dem der
+Steinring noch stand. Hinter der Wohnburg der wildromantische
+Hauptgarten mit seinem schier undurchdringlichen
+Gestrüpp und tausendjährigem Baumwuchs,
+und hinter dem Garten, als Abschluß von
+aller Außenwelt, die unheimlich hohe und wie ein
+Pfeil nach oben zugespitzte Seitenmauer des einstigen
+Ritterschlosses. »Ein Mönch müßte ich sein,
+kein Grünrock, dann paßte ich hierher«, seufzte ich
+auf und trat durchs hohe Hausportal in den großen
+Flur.</p>
+
+<p>Eine steinerne Treppe führte nach oben.</p>
+
+<p>Ich stieg hinauf und stand nun oben in den leeren
+hohen Stuben. Winzige Türen führten von einem
+Raume in den andern. Um so winziger sahen die
+Türen aus, da sie fast sechs Meter hohe Stuben miteinander
+verbanden.</p>
+
+<p>Das erste lebende Wesen, das mir hier oben entgegensprang,
+war eine Maus. Eine dicke, fette
+Maus. Neugierig sah sie mich mit ihren blanken
+Augen an. Furchtlos blieb sie mitten in der Stube
+vor mir sitzen. Ich war der Eindringling, sie die Bewohnerin.<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>
+Meinen grünen Jagdhut zog ich vom
+Kopf, wie sich’s gehört vor solcher Ordensmaus:
+»Verzeih’ die Störung, ahnenreiche, vornehm geborene
+Maus, ich bin der neue Oberförster, der sein
+Forsthaus besichtigt, und morgen kommen die
+Möbel«, sagte ich frischweg, um ihr gleich klarzumachen,
+worum es sich handelt. Sie schwieg und
+sah mich neugierig mit blanken Mausaugen an.</p>
+
+<p>»Du bist erstaunt, teure Maus«, fuhr ich fort,
+»ich sehe es deinen Augen an, die mich neugierig
+mustern, wie man einen Weinreisenden mustert, der
+zum ersten Male unser Haus betritt. So wisse denn,
+daß ich nicht weniger erstaunt bin, dich hier zu sehen.
+Leer glaubte ich dies Haus zu finden, nun finde ich’s
+bewohnt von unten bis oben. Unten in der Halle
+glühten mich die Augen einiger Waldkäuze, die ich
+aus ihrem Schlafe weckte, nicht gerade freundlich an,
+hier oben finde ich dich mit deiner anscheinend recht
+zahlreichen Familie vor, denn wie ich sehe, äugt aus
+jedem Mauerloch ein zierliches Mausköpflein nach
+mir hin, und oben im Dachgeschoß sitzt ein Volk von
+Tauben, ich hörte sie beim Hinaufsteigen gurren und
+locken und sah sie flattern und fliegen.« — — —</p>
+
+<p>»Teure Maus,« fuhr ich nach einigem Zögern
+fort, da sie noch immer schwieg, »nimm von mir die
+Versicherung entgegen, daß ich die alten Rechte der
+bisherigen Bewohner, soweit es geht, respektieren
+<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+werde. Euch, werte Mäuse: die Löcher, mir: der
+übrige Raum des Hauses! So begrüße ich dich denn
+als die Vertreterin des mir teuren Mausgeschlechtes,
+mit dem ich mich schon von meinen früheren forstlichen
+Wanderungen her in alten Forstwirtshäusern,
+Förstereien und Waldwärtereien, Jagdhütten und
+Jagdverstecken freundschaftliche Beziehungen verknüpfen.
+Freundschaft wollen wir halten, solange ich
+hier hausen werde, und daß von eurer Seite diese
+Freundschaft, die ich euch entgegenbringe, nicht zu
+sehr ausgenutzt wird, dafür, teure Maus, wird der
+Waldkauz sorgen, der mich besuchen kommt.« Das
+schien ihr unangenehm zu sein; die Diele knarrte
+unter meinem Fuß: husch, husch, waren alle Mäuse
+verschwunden.</p>
+
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-011">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-011.jpg">
+</figure>
+
+
+<p>So nehme ich denn Besitz von diesem Hause.
+Ich, der Grünrock, von der einstigen Ordensburg.
+»Kauzburg« will ich sie nennen. Bleibt ruhig wohnen
+hier, ihr Käuze, Mäuse und Tauben. Schränkt euch
+ein wenig ein in eurer Freiheit, so wird es gehn.
+Eine Katze will ich mir halten und einen Hund.
+Seht zu, daß ihr ihnen entwischt. —</p>
+
+<p>Seitdem sind Wochen vergangen. Kahl lag die<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>
+Gartenmauer da, als ich einzog; jetzt ranken die
+blühenden Kletterrosen in allen Ritzen. Goldregengesträuch
+mit den gelben giftigen Blütentrauben steht
+in den Ecken des Hofes vor dem Hause, der Flieder
+blüht weiß und rot und lila und vergeudet üppig
+schwülen Duft, ein alter Rotdorn streckt seine rote
+Blütenpracht bis ins Fenster zu mir hinein, die
+Haselsträucher setzen Nüsse an, der alte Nußbaum
+wird wieder jung im jungen Frühling, die Meisen
+zirpen, der Pirol lockt, die Finken schlagen, und der
+Kuckuck ruft. Selbst Spechte, die scheuen Waldvögel,
+hab’ ich in meinem Garten.</p>
+
+<p>Und siehe da, die Steinmauern bekamen Leben.
+Überall grünte es aus den Ritzen hervor. Selbst
+zwischen den altersgrauen Steinen, mit denen der
+Burghof gepflastert ist, sproßt das Gras. Ist das
+das alte Steingeröll, in dem ich hause? Vor dem
+mir grauste, als ich’s sah? Dornröschens Märchenschloß
+bewohn’ ich jetzt. Nur das Dornröslein fehlt
+mir noch. Oder wie? Bin ich nicht undankbar
+und ungerecht? Schlürft nicht tagaus tagein meine
+Wirtin durch die hohen Räume des Dornröschenschlosses?
+Sieht sie nicht schlafestrunken, verschlafen
+und wie ein Dornröschen aus nach tausendjährigem
+Schlaf? Ach, allzuviel von dem Dörnlein,
+und allzuwenig von dem Röslein hat meine
+Wirtin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
+
+<p>Laß gut sein, tapferes Junggesellen-Jägerherz,
+du bist ja nicht verheiratet mit diesem Dornröschen.
+Leicht kannst du dies Röslein gegen ein neues vertauschen.
+Es blühen so viele Röslein draußen, die
+gerne in solche Forstburg ziehn.</p>
+
+<p>Frühlingsmondnacht glänzt wie ein Schleiergewand
+aus gleißendem Silberschein um meine
+Kauzburg. Ans stille Fenster bin ich getreten und
+habe hinausgeblickt in diese stille Nacht. Nachtstimmen
+raunten an mir vorüber. Die Blumen
+sprechen, und der Frühling singt ein Lied. Wie ein
+Kosen lacht es verstohlen aus dem Mondglanz zu
+mir herein. Wie ein Kosen huscht es von Blüte zu
+Blüte, wie ein Kosen tönt des Flüßchens Rauschen
+zu mir hinauf.</p>
+
+<p>Der fernen schlesischen Heimat muß ich gedenken.
+Hoch oben am nächtlichen Himmel ziehn große Vögel
+hin. Aha, Wildgänse sind’s, ich hör’ sie rufen. Wie
+wunderbar klingt doch ihr heiseres Krächzen in dieser
+stillen Nacht. Wie wunderlich harmonisch klingt es
+in diesen stillen Frühlingszauber hinein. Verspätete
+Wildgänse. War eines von euch flügellahm geworden
+unterwegs? Und habt ihr getreulich ausgeharrt
+bei eurem kranken Weggenossen? Dort,
+wo ihr herkommt, liegt ja Schlesien! So bringt ihr
+Grüße der Heimat! Ihr schnellen Segler der Nacht!
+Wie kleine Punkte seh’ ich euch nur noch schweben.<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>
+Nachthimmel nimmt euch auf. Der unendliche Raum,
+in dem ihr meinen spähenden Augen entschwindet.</p>
+
+<p>Gute Nacht, gute Nacht!</p>
+
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-014">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-014.jpg">
+</figure>
+
+
+<p>Immer siegreicher kämpft der Frühling um meine
+Kauzburg. Wie ein König ist er eingezogen in meinen
+großen ummauerten Burggarten.</p>
+
+<p>Aus dem hoch angewehten, verwesenden Laube,
+das in dem Buschwerk liegt, sproßt es in allen
+Farben. Maiglöckchenduft hängt am Gebüsch, noch
+hab’ ich die Spender nicht entdeckt in diesem Chaos
+von wildem Gerank, auch die Nachtigallen kann ich
+nicht erspähn in diesem verschlungnen Gesträuch.
+Nur singen und pfeifen höre ich sie, nur den Duft
+der Maiglöckchen spür’ ich. Wozu denn auch sehn,
+wer so viel Schönes verschenkt? Freu’ dich der
+Schönheit, daß sie sich dir schenkt, und spüre ihr nicht
+nach. Deine Feder, kleine schlesische Nachtigall, habe
+ich heute hervorgekramt; mit deiner Feder will
+ich heute schreiben. Während die Nachtigallen der
+Fremde, in der mein Heim, das ich bewohne, liegt,
+um mich den Reigen ihrer holden liebedurchglühten
+Sangeslust schlingen, während aus ihren Kehlen die
+klangtiefen Töne schmelzend wie flüssiges Gold, das
+in dem heimlichen, verborgenen Schachte tropft, mich<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+umschmeicheln, will ich mit deiner Feder schreiben.
+Oder tönt der liebliche Sang, den ich zu hören meine,
+aus deinem Kiel zu meinem lauschenden Ohr? Bist
+du es, Sängerin der fernen Heimat, die mir die
+schönen Lieder in der Fremde singt? Hätte ich wirklich
+nicht nur aus deinem kleinen Vogelleibe diese
+Feder gerupft? Hätt’ ich die liebe kleine Sängerseele
+am Ende selber mit mir fortgenommen? Wie?
+Träume ich denn? Oder bist du es selbst, mein graues
+Vöglein, aus Schlesiens dunklem Walde, das aus
+dem holden Kiele schlüpfte und nun dicht vor mir
+sitzt auf meiner Schreibtischplatte? So singe, so singe!
+Die Hände falte ich und höre dir zu. — — —</p>
+
+<p>Ich höre dich singen, Marianne, ja, ich höre dich
+singen. Seit der Stunde, da du in dieses Forsthaus,
+in meine Kauzburg, gekommen bist, von dem Augenblicke
+an, wo deine leichten Füße über die breiten,
+schweren Steinstufen gazellenleicht hinaufgeeilt sind,
+fast von dem Augenblicke an hat dein fröhlicher Sang
+die hohen Räume dieses Hauses belebt.</p>
+
+<p>Wenn ich dich, kleine Marianne, mit meiner
+Wirtin zusammensehe, wenn ich sehe, wie du ihr
+hilfst und das Feuerlein frühzeitig anbläst mit deinen
+kirschroten Lippen, dann kommt es mir vor, als hätt’
+ich zu einem Uhu eine Nachtigall eingesperrt. Ich
+brauche gar keine Nachtigall mehr, seitdem du in der
+Kauzburg bist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>Man sagte mir, du seiest ein Kind der Straße,
+als ich dich mietete. Nun gut: dann hatte die
+Straße das schönste Kind, das je gezeugt war auf
+dieser Erde.</p>
+
+<p>Seit drei Wochen habe ich dieses Kind der Straße
+in meiner Forstburg. Meine Wirtin klagte über zu
+viel Arbeit. Drum hielt ich Ausschau nach einem
+Mädchen zur Aushilfe. So kam Marianne ins Haus.
+Ich erschrak, als ich sie sah. So viel Schönheit von
+der Straße aufgelesen! Staub hatte ich auf der
+Straße hier schon genug gesehn, daß solche Schönheit
+im Straßenstaube blühn konnte, hätte ich nimmer
+gedacht. Rose bleibt Rose im düsteren Straßenwinkel,
+hinter dem blindesten Kellerfenster.</p>
+
+<p>Ich erschrak, als es an der Tür klopfte, auf mein
+»Herein« die Tür sich auftat und nun das Mädchen,
+dieses Mädchen in die Stube hereintrat. Ein dunkles
+Augenpaar, groß und tief und glänzend, sah mich an,
+halb furchtsam und scheu, halb trotzig und bittend,
+halb lachend und halb voll unbestimmter sehnsuchtsvoller
+Schwermut. Darüber die weiße niedrige Stirn
+und über der das rote Haargewoge. War’s die Sonne,
+die rote Flecke in ihr Haar warf? Aber das Rote
+blieb auch im Schatten der Wand. Ein wunderbares
+Rot. Kein flammendes, grelles Rot, nein, wie ein
+roter Goldhauch lag’s in dem Haar, in jeder seidenweichen
+Strähne. »Wie heißen Sie?« fragte ich kurz.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>
+»Marianne«, antwortete sie und schwieg. »Was sind
+Ihre Eltern?« — »Ich habe keine Eltern.« »Wer
+waren Ihre Eltern?« — »Ich weiß nicht.«</p>
+
+<p>Und nun ist Marianne, das Kind der Straße,
+schon drei Wochen in meiner Burg.</p>
+
+<p>Meine Wirtin mag sie nicht leiden, ich weiß es.
+Sie hat wiederholt bei mir Versuche gemacht, das
+Mädchen los zu werden. Sie schimpft und sucht sie
+schlecht zu machen bei mir.</p>
+
+<p>Marianne ist ein wunderliches Menschlein. Sie
+ist nicht zuverlässig in ihrer Arbeit und treibt sich
+lieber draußen im Frühling und lockenden Sonnenschein
+herum.</p>
+
+<p>Sie singt und stört die Ruhe der Kauzburg, ich
+weiß es. Himmel noch eins! Ich weiß es! Ich
+weiß es!</p>
+
+<p>Sie stört die Ruhe der Kauzburg, meine Ruhe
+stört sie mit ihrem Singen.</p>
+
+<p>Mit ihrem roten Haar stört sie mich, ihre dunklen,
+tiefen Augen stören mich.</p>
+
+<p>Mädchen, Kind der Straße, du mußt fort, bald
+fort aus der Kauzburg, fort aus meiner Nähe mußt
+du. Froh bin ich, wenn ich dein Singen höre, seh’
+ich dein rotes Haar, blicke ich in deine dunklen Augen.
+Wo darfst du denn fort, du armes Kind der Straße,
+wo werde ich dich denn wie ein wildes Tier auf die
+<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span>
+Straße werfen, nein, nein, in der Kauzburg bei mir
+mußt du bleiben!</p>
+
+<p>So hab’ ich also eine Nachtigall in meinem Hause.</p>
+
+<p>Aber es ist kein graues unscheinbares Vöglein,
+nein, ein Paradiesvogel an Schönheit ist diese
+Nachtigall.</p>
+
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-018">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-018.jpg">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+
+<!-- Chapter 2 with no heading -->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 title="2">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+
+</div>
+
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/k.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">K</span>rähen sitzen auf sonnenhellen Feldern.
+Krähen sitzen dort und krächzen,
+fliegen mit schweren, schwarzen Flügeln
+auf die nächsten Pappeln, wenn mein
+Wagen ihnen zu dicht auf den schwarzen Krähenleib
+rückt, und fliegen — kaum bin ich vorbei — ebenso
+schwarz, ebenso schwer, ebenso krächzend, ins Saatfeld
+hinab. Ich bin auf der Fahrt in meinen Wald.
+Es war Spätnachmittag, als ich nach Hause fuhr.
+Einen kleinen Umweg machte ich, um an meiner Forellenfischerei,
+die ich gepachtet habe, entlang zu
+fahren.</p>
+
+<p>Das ist ein schmales Gebirgswasser, das zwischen
+den Bergen zu Tale fließt. Gern fahr oder gehe
+ich diesen Weg. Ich selbst hatte noch nicht die Angel
+nach den rotpunktigen Fischlein im klaren Wasser
+ausgeworfen. Nur mein Forstlehrling war einige
+Male draußen gewesen und hatte ein paar Forellen
+gefangen. Heute wollte aber auch ich mein Glück
+als Fischer versuchen. Das Angelzeug lag im Wagen.
+Als das Flüßchen in Sicht kam, ließ ich halten und
+stieg aus.</p>
+
+<p>»So, nun können Sie nach Hause fahren«, befahl
+ich dem Kutscher, nachdem ich das Angelzeug herausgenommen
+hatte. Immer schwächer und ferner ist das
+Rollen der Wagenräder zu hören. Nun ist’s verklungen,
+und nur der kleine, zwischen den Erlen und<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>
+Weiden eingebettete Fluß rauscht zu mir herauf.
+Es will Abend werden. Mit rotgoldenen Streifen
+flammt die Sonne in den Buchenwald, der auf den
+Höhen steht, hinein.</p>
+
+<p>Die Fische werden springen, denk’ ich.</p>
+
+<p>Mit dem Strome des Wassers gehe ich und werfe
+die Angel aus. Nicht lange, so schnelle ich die erste
+Forelle heraus. Weiß Gott, es macht Spaß. Ich
+hätte es nie gedacht. Um das große Erlengebüsch
+biege ich, die Wiese schiebt sich bis an den kleinen
+Fluß heran, auf dem grünen Wiesengras ziehen die
+rotgoldenen Streifen der Abendsonne, Schmetterlinge
+gaukeln im warmen Frühlingsabend, Rehe treten
+aus dem waldigen Hang und äugen scheu nach dem
+Wässerlein hinab — was sehe ich! — dort vor mir
+am Ufer sitzt Marianne!</p>
+
+<p>Ja, es ist Marianne. Das Kind der Straße ist es,
+das in mein Haus gekommen ist, zum Leid, zur Freude
+der Bewohner. Wie Feuer sprühte und gleißte ihr
+Haar in den goldenen Abendstrahlen einer versinkenden
+Sonne. Hatte sie mich bemerkt? Ein wenig
+wandte sie ihren Kopf nach mir hin, gleich aber
+wieder fort. Sie hielt die Angel in das Wasser.
+»Was tun Sie denn hier, Marianne?« rief ich sie an.
+Wozu meine törichte Frage? Ich wußte doch, was
+sie tat; ich sah es doch, ich hatte es ihr doch erlaubt,
+angeln zu gehn, wenn die Arbeit im Hause getan<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+war. Warum klopfte mir denn das Herz so ungestüm?
+Bin ich ein Räuber, der unschuldige
+Mädchen überfällt? Kann ich rotes Haar nicht sehn?
+Frage ich so laut und töricht, weil mir das Blut
+in den Adern schlägt? Bin ich zu rasch gegangen?
+Hat mich das Angeln so aufgeregt? Ist es mir unangenehm,
+das Mädchen hier zu treffen? Ich bin
+der Herr, sie dient in meinem Hause, also kann ich
+Antwort fordern auf meine Frage: was tun Sie
+denn hier, Marianne? »Muß ich antworten?« sagte
+sie, stand auf und kam an mich heran. Eigentümlich
+berührten mich ihre Worte. Nein, ganz offen, ich
+schämte mich. Hätte sie in mich hineingesehen, mich
+durch und durch gesehn mit ihren wunderbaren
+Hexenaugen, so hätte sie mich mit diesen drei Worten
+nicht stärker treffen können. — Pfui, Pfui, wie hatte
+ich häßlich und roh gedacht: ich bin der Herr, sie dient
+in meinem Hause, also kann ich Antwort fordern auf
+meine Frage. Das ist das Rechte! Das ist mein Mitleid
+mit den Dienenden! Das mein Mitleid mit dem
+Kinde der Straße!</p>
+
+<p>»Muß ich antworten?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte ich, »nein, Marianne, Sie brauchen
+mir nicht zu antworten. Ich sehe ja, Sie angeln, ich
+sehe sogar, daß Sie ... ei, ei, eins, zwei, vier ... sechs
+Forellen gefangen haben und was für schöne.«</p>
+
+<p>»Ich habe hier gesessen, die Angel geworfen und<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>
+gesungen, so hab’ ich die Fische herbeigelockt, nun
+sind sie tot«, sagte sie und blickte auf die im Wiesengras
+liegenden, vor kurzem noch in ihrem Wässerlein
+so frohen Fische.</p>
+
+<p>Ihre Augen blickten grausam.</p>
+
+<p>Ach, es ist ja ein Unsinn! Wie können denn ihre
+Augen grausam blicken? Töricht bin ich, ganz töricht.</p>
+
+<p>»Ach, ihr armen Fische! Eben noch so gewandt
+und flink im kühlen, sprudelnden Wasser, und nun
+so starr und unbeweglich«, meinte ich.</p>
+
+<p>Marianne sah mich an.</p>
+
+<p>»Was machen Sie denn für Augen, Marianne!«
+stieß ich heraus. Schon blickte sie fort. Ein Lächeln
+huschte über ihr Gesicht.</p>
+
+<p>Worüber war ich erschrocken? Ein Tiger kann
+grausame, blutdürstende Augen machen, aber doch
+nicht dieses Mädchen! Ja, hab’ ich denn Fieber?
+Ist es das glühende Abendlicht der Sonne am Berghang
+oben, wo sie versinken und uns den Abschied
+von ihrem rotsprühenden Feuer schwer machen will,
+— ist es dieses dämonisch schöne Leuchten, das mir
+aus Mariannens Augen entgegenglühte?</p>
+
+<p>Ich warf noch ein paarmal meine Angel aus.
+Aber nichts fing ich. Stumm folgte mir Marianne.
+Ich plauderte mit ihr. Aber schließlich merkte ich,
+daß ja <em class="gesperrt">ich</em> nur sprach. Hastig sprach. Und daß sie<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>
+schwieg. Nur einige Male lachte sie halblaut auf,
+wenn ich ihr etwas Scherzhaftes erzählte. Ihr Lachen
+klingt so silbern und heimlich, wie das Lachen des
+Flüßchens, das über die Steine springt, silbern und
+heimlich klingt.</p>
+
+<p>»Wo haben Sie nur Ihr prachtvolles rotes Haar
+her, Marianne?« scherzte ich, als ich die Angelschnur
+aufrollte, und sie mir dabei half.</p>
+
+<p>Sie sagte kein Wort, warf nur mit einer unnachahmlich
+anmutigen Bewegung das ganze wogende
+Haar nach vorn, daß es mich streifte, umfaßte, und
+mein Gesicht in dieses glühende, kosende, duftende
+Seidengewebe einhüllte. Nur einige Sekunden lang,
+schon war ich frei. Vor meinen Augen nur wogte es
+noch rotgolden, leise knisternd, ein goldenes Funkenmeer.
+Ein paar Herzschläge lang stockte mein Atem.
+War ich berauscht? War’s wilde Lust, wildes
+sehnendes Jauchzen, das den Mann in des Weibes
+Arme treibt?</p>
+
+<p>»Marianne«, stieß ich hervor. Hat meine Stimme
+gezittert? Dicht neben mir stand dieses Kind der
+Straße, das ich zu Leid und Freud’ in meine Kauzburg
+genommen habe, das ich bewahren will vor dem
+Verkommen im Straßenstaube.</p>
+
+<p>Eine Sekunde lang sah sie starr in meine Augen.
+Dann packte sie gleichgültig das Angelzeug zusammen,
+bog ihre schlanke Gertengestalt, hob den<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+Rucksack mit den Forellen aus dem Wiesengras,
+warf ihn über ihren Rücken und schnallte ihn fest.</p>
+
+<p>»Der ist zu schwer für Sie, Marianne«, sagte ich
+und wollte ihn ihr abnehmen. Sie wehrte sich dagegen.
+Meine Hände berührten ihre Schultern, ihre
+atmende Brust, wie ein Feuerstrom schlug’s in mein
+Gesicht. Ich trat zurück. »Nun, wenn Sie ihn durchaus
+behalten wollen, so behalten Sie ihn. Wird’s
+Ihnen unterwegs zu schwer, so geben Sie ihn mir.«
+Wie ein Knabe sieht sie aus! Wie ein schlanker
+Knabe! Sie hat ihr Kleid gerafft, der Rucksack schnürt
+ein wenig ihre Schultern zusammen, den Angelstock
+benutzt sie als Stock. Einen grünen Hut hat sie auf
+ihr rotes Haar gestülpt, und es ist zu einem wildwirren
+Knoten aufgestellt, so schreitet sie tapfer und
+biegsam vor mir her. Ich ließ sie vorneweg gehen.
+Sie sollte den Schritt angeben. Ich wär’ am Ende
+zu rasch gegangen, hinter mir her wär’ sie gekeucht
+und hätte nichts gesagt. »Denn ich bin ja
+der Herr des Hauses und sie nur ein Kind der
+Straße!«</p>
+
+<p>Es dunkelte. Ein weicher Frühlingsabend hing
+in den duftenden Blütenbüschen, hing in der Nachtluft
+über und um uns, wogte Feld auf Feld ab,
+küßte das tauige Wiesengras, sprang auf den Wellen
+des Flüßchens und kicherte unter den Erlen, schwebte
+hinauf, immer höher hinauf und holte den Mond<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+über den Saum des Berges hinüber. Kein Staub
+der Straße drang bis hierher zu unserem Wiesenstege,
+rein war die Luft wie Gold, nichts Unreines
+kennt die Natur.</p>
+
+<p>Unreines entsteht erst dort, wo man die Natur
+zwingen will, nicht mehr Natur zu sein.</p>
+
+<p>Wir jetzigen Menschen kennen ja gar nicht die
+Natur. Von Kindheit auf entfernt man uns von ihr.
+An solchen Abenden wie heute überfällt mich die
+Sehnsucht, Natur zu sein in der Natur. Abzuwerfen,
+was Zwang und Sitte fordern, eine Hütte zu haben
+im Walde weit draußen und fern von Zwang und
+Sitte, zu leben dort wie das Getier des Waldes,
+wie der Hirsch, der durch die Wälder zieht, wie
+das Reh, das auf die Frühlingssaaten tritt, wie das
+Bienlein, das an jeder Blüte nascht, wie der lustig
+singende Vogel hoch im Gezweig der Bäume, wie
+der Waldkauz, der den Mond zum Gevatter bittet
+bei seiner stillen Mäusejagd. Halt da! Ich <em class="gesperrt">habe</em> ja
+mein Kauzgehäuse, ich <em class="gesperrt">bin</em> ja schon ein Kauz!
+Willst du die Käuzin sein, schlanker Bursch vor mir
+mit deinem grünen Jägerhut im sprühenden Rothaar,
+was?</p>
+
+<p>Ganz übermütig ward mir zumute!</p>
+
+<p>Übermütig sprudelt das Flüßchen neben unserem
+versteckten Erlenweg, übermütig scherzen die Rehe
+auf der Bergsaat links drüben unter dem Buchenhang,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+übermütig bescheint der helle Vollmond mich
+und das schlanke Bürschchen vor mir, übermütig
+quillt all das funkensprühende Rothaar aus seinem
+wirren Knoten und schaukelt und weht wie ein
+Stückchen goldnen Vließes, voll Übermut quiekt das
+Froschzeug im feuchten Wiesenloch, voll Glück und
+Übermut singt in dem einen einzigen Fliederstrauch,
+der an dem Mühltor blüht, die eine einzige Nachtigall
+hier draußen am Flüßchen und Walde, voll
+Glück und Übermut, und dabei klingt es sanft und
+flötend wie ein Lied der Trauer.</p>
+
+<p>Ei, du mein Jägerbürschlein vor mir im hellen
+Mondschein, wie schreitest du schlank und leicht
+dahin! Dein schlanker Mädchenleib biegt sich wie
+eines Fischleins glattes Körperlein, bist etwa du
+<em class="gesperrt">selbst</em> solch Fischlein und bist in Menschengestalt
+nur an Land gestiegen aus kühler, heimlicher Wasserflut?
+Bist etwa du <em class="gesperrt">selbst</em> solch Forellchen, das
+zwischen den Steinen des Flüßchens neugierig auf
+Beute lauert? So schön, so schlank, so anmutig mit
+seinem rotpunktigen Fischleib, und hinter all der
+Schönheit, Schlankheit und Anmut verbirgt sich die
+schreckliche Raubgier?</p>
+
+<p>Sag’ <em class="gesperrt">an</em>, Marianne, du Weggenosse im blassen
+Mondglanz des Frühlings, was birgt sich hinter
+der weißen, von rotem Feuerhaar umsponnenen
+Stirn bei dir? Verwandle dich, Bürschlein, verwandle
+<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+dich flugs zurück in den glänzenden Fischleib,
+aus dem du entsprangst, dann zieh mich hinein
+zu dir in die Flut, in das singende Wasser. Dann
+presse mich fest und ewig in deine weißen, wonnigen
+Arme, dann laß mich nie los mehr und sauge mein
+Leben, mein Atmen, mein Ich tief, tief in dich
+hinein!</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-027">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-027.jpg">
+</figure>
+
+
+<p>Die Welt ist weit und groß. Aber für jeden
+Menschen liegt in dieser weiten und großen Welt
+eine enge Heimat. Die Enge der Heimat empfindet
+man nicht. Licht und groß und weit erscheint die
+Heimat. Hörst du es, meine Heimat? Du bist mir
+weit und groß und licht. Das Sehnen ins Weite
+hört auf, wenn mich dein Arm umschlingt. O, lege
+deine <em class="gesperrt">beiden Arme</em> um mich, du Heimat meiner
+Kinderjahre, nimm mich hin, halte mich fest, und
+laß mich nimmer los.</p>
+
+<p>Ich hör’ die Glocken läuten in meinem Heimatdorfe,
+die Oder hör’ ich rauschen, ich sehe den
+Eichwald, in dem ich als Knabe pürschte, am
+Saum des Waldes den Bach, der sich ins Feld verliert,
+und dort im Sonnenschein das Dörflein selbst.
+Grüß dich Gott, du liebes Dorf!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>Und das alles hat ein Brief bewirkt! Meiner
+Mutter Brief. Ein paar Kornblumen hat sie auf
+heimatlichem Feld gepflückt und in den Brief an den
+fernen Sohn hineingelegt.</p>
+
+<p>Ihr holden Blumen des Feldes, wie duftet ihr
+süß und frisch zu mir herauf. Wie habt ihr den Duft
+mir bis in die Fremde zugetragen! Habt Dank dafür.</p>
+
+<p>Ein Friedensodem weht mich an und macht
+mich still und froh zugleich. Und kindlich fromm.
+Und ruhig. Bin ich denn anders geworden?</p>
+
+<p>»Mein lieber, guter Sohn.«</p>
+
+<p>Vier Worte einer Mutter. Ja, Mutter, in deinem
+Herzen bleib ich gut und lieb. Und will’s bleiben
+für dich. Du hast dich geängstigt, weil ich so lange
+nicht schrieb? Hab’ ich denn lange nicht geschrieben?</p>
+
+<p>O, ängstige dich nicht, meine Mutter. Ich käme
+mir ruchlos vor, wolltest du dich um mich und meine
+Schuld ängstigen. Eine Schuld ist’s für den Sohn,
+Ursache der Angst seiner Mutter zu sein.</p>
+
+<p>Ja, ja, ich habe lange nicht geschrieben. Wirklich
+lange, lange nicht. Seh’ ich’s doch draußen an der
+Natur. Der Frühling ist hin, längst ist er hin.
+Kaum war er da, als ich zum letzten Male nach
+Hause schrieb. — Nun wiegt sich das Korn in den
+Ähren. Ein grüngelbes wogendes Meer. Das breitet
+sich jenseits des Flusses unter meinem Fenster bis
+an die Waldhänge drüben aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>Sommerwind geht und weht. In gleichmäßigen
+Wogen taucht auf, taucht nieder das Korn in den
+Feldern. Auf und nieder — auf und nieder. Es liegt
+Ruhe in diesem Auf und Nieder.</p>
+
+<p>Als ich ein Knabe — der Dorfknabe — war,
+empfand ich nur helle Lust an dem hohen schwankenden
+Kornfeld. Vor allem die Kornblumen taten’s
+mir an. Die blauen Kornblumen waren mir lieber
+als der rote, wilde Mohn. Weil die großen, roten
+Mohnblüten zu leicht zerfielen. Kaum riß man sie
+ab, so löste sich ein rotes Blatt nach dem andern,
+und zuletzt hatte man nur noch den leeren Strunk.
+Aber die Kornblume, das war eine himmelsblaue
+Pracht!</p>
+
+<p>So stell’ ich euch hier in das feingeschliffene
+Gläschen, ihr blauen Kinder des sommerlichen
+Feldes daheim. Ein wenig seid ihr zerdrückt, ein
+wenig welk auch. Die Reise war lang ... blüht auf!
+blüht wieder auf, ihr weitgereisten Heimatgrüße!</p>
+
+<p>Mit euch zugleich blüht irgend etwas Schönes
+in mir auf. Vergangene Jahre sind’s.</p>
+
+<p>Kinderjahre, Knabenjahre, Jünglingsjahre. —</p>
+
+<p>Heisa, was seid ihr fortgesprungen wie wilde,
+russische Steppenpferde, ihr jungen, mutigen Jahre!</p>
+
+<p>Mutig mit euch, durch euch bin ich gewesen.
+Wild bin ich mit euch gesprungen wie russische
+Pferdleins in weiter, wildfroher Steppe!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>Die weite, wildfrohe Steppe, das war das Leben,
+die Zukunft. Was sag’ ich: <em class="gesperrt">Die Gegenwart</em> ist’s
+gewesen, der Tag, die Stunde war’s, nichts andres!
+Was Zukunft!? .... Unsinn! Die Jugend <em class="gesperrt">lebt</em>,
+nichts weiter! —</p>
+
+<p>Ein Griesgram bin ich geworden, ein Waldkauz,
+ein Kauz. Der Jugend gedenke ich heute, und <em class="gesperrt">euch</em>,
+ihr Kornblumen aus heimatlicher Erde, verdanke
+ich dieses Gedenken. Nein <em class="gesperrt">dir</em>, du treueste aller
+Mütter!</p>
+
+<p>So runzlich ist dein Gesicht, so grau dein Haar,
+und dennoch, dennoch: schaust du mich <em class="gesperrt">an</em>, gleich
+bin ich der frohe Knabe von einst!</p>
+
+<p>Weshalb nur, weshalb?</p>
+
+<p>Still, still, ich weiß es: es sind dieselben Augen,
+die einst das Kind, den Knaben betrauten, — dieselben
+Augen betrauen noch heute den Mann. Sie
+möchten noch heute so gern in des Mannes Herz
+blicken, wie sie ehmals in des Knaben Herz hineinschaun
+konnten.</p>
+
+<p>Für die Mutter bleibt man der Knabe.</p>
+
+<p>Schon gut, Mutter, schon gut. Komm’ ich zurück
+in die Heimat und zum Besuch in dein trautes Heim:
+der <em class="gesperrt">Knabe</em> will ich sein, solange ich bei dir bin.
+Bist du nun zufrieden? Du fragst mich gar viel in
+deinem Briefe. Und manches muß ich verschweigen.</p>
+
+<p>Von allem und allem schreibe ich dir, Mutter,
+<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+und <em class="gesperrt">hab’</em> dir soeben geschrieben, nur eins behalte
+ich zurück — wozu davon schreiben? Ich mag nicht
+davon schreiben .... weshalb sollte ich von Marianne
+schreiben? Ich wüßte nicht, warum.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-031">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-031.jpg">
+</figure>
+
+<p>»Es geht um in der Nacht«, behauptet meine
+Wirtin. »Was Tausend, es geht <em class="gesperrt">um</em>? In meiner
+Kauzburg sollten Geister hausen? Im nächtlichen
+Reigentanz ihr Klappergebein und Totengerippe
+schwingen?«</p>
+
+<p>Ganz ärgerlich wurde ich gegen sie. »Schlafen Sie
+lieber und horchen Sie nicht auf Geisterstimmen und
+Geistergeräusche, mein Fräulein. In meiner Kauzburg
+geht’s nicht um!«</p>
+
+<p>Ich war aber doch betroffen.</p>
+
+<p>Leise, schleichende Schritte wollte sie gehört
+haben, ein Klirren des Fensters, ein unheimliches
+Lachen, .... darüber war sie wieder eingeschlafen.</p>
+
+<p>»Du Tor!« sagte ich zu mir. Weil Fräulein Bartel
+das gehört haben will, fällt dir auf einmal ein, daß
+auch <em class="gesperrt">du</em> es in einer Mondnacht gehört haben willst?
+Schon lange war’s her. Da wachte ich in der Nacht
+auf, halb noch im Schlaf: Es kam geschlichen, leise,
+ganz leise, es klinkte die Tür auf, es klirrte schwach,
+ganz schwach, ein Lachen, hatte ich wirklich ein Lachen
+<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+gehört? Am nächsten Morgen erschien mir alles
+als Traum. Vergessen hätte ich’s, nie wieder daran
+gedacht — bis heute. Ich verbot Fräulein Bartel
+aufs strengste, zu den andern im Hause von dem,
+was sie gehört haben wollte, zu sprechen. Wozu
+Marianne ängstigen? Wozu erst solch Gerede aufkommen
+lassen? Übrigens hörte ich ein paar Tage
+später ganz zufällig, daß die Kauzburg schon von
+jeher in dem Rufe stand, »es gehe in ihr um«.
+Nun gut, mag es umgehn in ihr! Ich fürchte mich
+nicht. Freuen würde ich mich, mit den Geistern der
+früheren Bewohner in Verkehr zu kommen. Geister
+von Rittern und Mönchen sind es — würde es nicht
+interessant sein, mit Rittern und Mönchen früherer
+Jahrhunderte sich zu unterhalten?</p>
+
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-032">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-032.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 3 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="3">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/n.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">N</span>och einen neuen Bewohner soll meine
+Kauzburg bekommen.</p>
+
+<p>Es war mit erst gar nicht recht.</p>
+
+<p>Was soll man aber tun!</p>
+
+<p>Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so
+wenig standhaft bin.</p>
+
+<p>Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht.</p>
+
+<p>Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die
+Kauzburg ist groß; mich wird der neue Bewohner
+nicht stören.</p>
+
+<p>Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater
+verreist ins Ausland, die Mutter starb im vorigen
+Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte sich
+der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei
+ihm und seiner Frau in Stellung gewesen war.
+»Nehmen Sie sich meiner Tochter an, solange ich
+reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben
+Jahre bin ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt,
+bitte, bitte, nehmen Sie sich meiner Tochter so
+lange an.«</p>
+
+<p>Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte
+sagen »händeringenden« Brief des Gutsbesitzers.
+Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine interessante
+Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der
+Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig,
+weil sein Heidebesitz die größte Ausdehnung hat.
+Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und bieder ist.<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter —
+kommt in meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese
+Heidkönigtochter. »Ein Kind der Heide« — — —
+ein Kind der <em class="gesperrt">Straße</em> habe ich schon!</p>
+
+<p>»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie
+das Mädchen unter Ihre Fittiche«, sagte ich schließlich,
+um sie los zu werden. Fräulein Bartels
+Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert.</p>
+
+<p>Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen.</p>
+
+<p>Was sagt Marianne dazu?</p>
+
+<p>Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen
+Weise trat sie in meine Stube.</p>
+
+<p>»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder
+Winter einen neuen Gast bekommen?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Ich weiß es«, antwortete sie.</p>
+
+<p>»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun
+in die einsame Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ...
+nicht?« Sie gab keine Antwort, hob nur langsam den
+Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen
+waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr
+blasses Gesicht ab, in dem die blauen Adern wie
+kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben hatten
+und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die
+Augenlider mit den langen seidigen Wimpern
+noch über ihren Augen. Aber nun warf sie mit plötzlicher,
+zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken,<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>
+daß die rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein
+Feuer, in welches ein Windstoß fährt, aufwirbelte,
+und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd hervor
+und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene
+Kante meines Schreibtisches.</p>
+
+<p>Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung
+kam, hatte sie lautlos das Zimmer verlassen!</p>
+
+<p>Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten
+Stuhl und bedeckte meine heißen Augen, meine heiße
+Stirn mit meinen zwei heißen Händen. »Wie soll
+das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort.</p>
+
+<p>Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht?
+Sah sie dich wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden,
+liebeverlangenden Augen an? Hast du in diesem
+seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen
+anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß?
+Gegen das Mädchen, das noch gar nicht hier ist?
+Das erst kommen soll?</p>
+
+<p>Was <em class="gesperrt">sagten</em> denn diese Augen? Warum bist du
+erschrocken vor ihnen?</p>
+
+<p>Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich.</p>
+
+<p>Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in
+dessen Augen ich soeben geschaut hatte.</p>
+
+<p>»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine
+innere Stimme, »Greif <em class="gesperrt">zu</em>, greif <em class="gesperrt">zu</em>«, stachelte mich
+die andere auf. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p>
+
+<p>Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir
+meine Arbeit vor. Erst tanzten die Buchstaben vor
+meinen Augen. Dann wurde ich wieder Herr über mich.
+Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen
+Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden.
+Ich besprach Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich
+für morgen zur Reviertour bei ihnen an, die Kulturen
+sollten besichtigt werden, Pflanzen waren infolge
+der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel
+mußten bedacht, Ersatz mußte geschafft werden, ja du,
+mein Wald, du mein Bergwald wirst mich heilen,
+wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren
+will!</p>
+
+<p>Geht’s denn <em class="gesperrt">wirklich</em> um in der Kauzburg?
+Wollen mich die abgeschiedenen Geister dieser hohen,
+geheimnisvoll dunklen und kühlen Räume in ihren
+unheimlichen Bann nehmen?</p>
+
+<p>Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken.</p>
+
+<p>Ja, ich werde sie fortschicken! ...</p>
+
+<p>Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße
+habe ich sie aufgelesen, nun muß ich sorgen, daß sie
+nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte nicht der
+Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen,
+ich täte ein gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen
+behielte?</p>
+
+<p>Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+bald mit ihm sprechen. Wer waren ihre Eltern? Wo
+war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die Kauzburg?
+Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses
+hat man dich gefunden, armes Kind? Aber
+du bist doch nun ein großes Mädchen, schon längst
+mußt du das schützende Dach des Waisenhauses
+verlassen gehabt haben, bevor du zu mir kamst ...
+wo hast du gesteckt in der Zwischenzeit? Ich will
+alles, alles von dir und über dich wissen, Marianne,
+du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes
+Kind des Lebens.</p>
+
+<p>Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß
+schon beim Eintritt ins Leben? Daß es dich
+auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort
+lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und
+klagtest Gott im Himmel an mit deinen großen,
+dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast du ein
+Dach über deinem rotgoldenen Haar!</p>
+
+<p>Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg,
+aber es ist doch ein Dach.</p>
+
+<p>Das schützt vor Staub und Regen.</p>
+
+<p>Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten
+Stelle links, wo das Türmlein einst ragte,
+es ist die <em class="gesperrt">Sonne</em> aber! Die lachende, heitere, helle
+Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der
+leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle
+Kauzgeschoß des Kauzburgdaches, drum laß ich
+
+<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
+nichts dichten, nichts flicken. Ich habe Angst, daß die
+Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so
+wild, meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß
+man sie füttern, sonst sausen sie fort in alle Winde
+und kommen erst heim, wenn alles still ist und abendlich.
+Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie
+sitzen, flattern ihr nach und entgegen.</p>
+
+<p>Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen.
+Dort hat sie nach Körnern gepickt. Hat sie geglaubt,
+dort goldene Weizenkörner zu finden? —</p>
+
+<p>Der Schalk von einem Mädchen!</p>
+
+<p>Sie lachte, als ich sie fragte.</p>
+
+<p>Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar
+gestreut. Die pickte der Täuber auf. —</p>
+
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-038">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-038.jpg">
+</figure>
+
+<p>Nun ist es da, das Gewitter!</p>
+
+<p>War <em class="gesperrt">das</em> ein Rumoren und Rollen den ganzen
+Nachmittag über am Himmel!</p>
+
+<p>Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen
+auf, dann ballte sich’s drohend im Osten. Dann
+flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb das
+Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die
+Luft und totenstill zuletzt!</p>
+
+<p>Kein Blatt am Baum bewegte sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<p>Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann
+kam es näher und näher.</p>
+
+<p>Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte
+sich alles verkrochen. —</p>
+
+<p>Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser
+empor. Ins Dunkle hinauf, das über ihr so drohend
+murrt und zuckt.</p>
+
+<p>Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen.
+Nacht sei es, mag er denken. So dunkel dräut das
+Gewitter.</p>
+
+<p>Waldkauz, was schreist du so?</p>
+
+<p>Huhu, nun ist es da, das Gewitter!</p>
+
+<p>Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie
+es flammt und züngelt, zischt und leuchtet, grollt
+und rollt, schmettert und kracht, und droht und beißt
+wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du
+wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit
+deinem Gebiß? Wen willst du treffen, zerschmettern
+mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem Zischen,
+unter drohendem Toben der blitzzersprengten
+Wolken?</p>
+
+<p>Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am
+Fenster der Kauzburg, und <em class="gesperrt">die</em> ist fest. Die hat schon
+manchem Gewitter getrotzt, schon manchem Sturme
+standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs
+Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal
+schon hat das Feuer geprasselt in ihren mächtigen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>
+Balken. Gegen die Steinmauern war es machtlos
+und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße
+nur, Wolfshund! Ich <em class="gesperrt">lache</em> deiner! Am Fenster
+stand ich und schaute hinaus in die wilde hochbrandende
+Natur.</p>
+
+<p>Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender
+Blitz. So blendend, daß ich die Augen schloß. Gleich
+darauf ein knatternder Donnerschlag. — Dann
+Stille, — dann wieder neues Toben.</p>
+
+<p>Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du
+beißen mit deinem Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund
+im stürmenden Wetter?</p>
+
+<p>Du <em class="gesperrt">hast</em> gebissen! — Pfui, schäm’ dich!</p>
+
+<p>Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du
+zerbissen. — Pfui, <em class="gesperrt">schäm’</em> dich!</p>
+
+<p>Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da
+fliegen angstvoll die Vögel auf, die in den Ästen
+saßen. — Pfui, <em class="gesperrt">schäm’</em> dich, ich sag’s dir das drittemal!</p>
+
+<p>Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg
+mit ihren Insassen ungeschoren, du wüster, böser
+Gesell! —</p>
+
+<p>Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit
+Marianne war. »Die werden erschrocken sein«, dacht’
+ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller Angst. Das
+Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>
+und auf dem Tische vor ihr stand ein hübsches,
+buntes Muttergottesbild.</p>
+
+<p>»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns
+eingeschlagen«, sagte sie ängstlich.</p>
+
+<p>»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein
+Bartel«, beruhigte ich sie. »Draußen im Garten
+hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ......
+Aber wo ist denn Marianne?« — — —</p>
+
+<p>Ich sah mich um, sie war nicht da.</p>
+
+<p>Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr
+wieder ein knatternder Blitzstrahl unweit der Kauzburg
+ins Erdreich.</p>
+
+<p>»Sie war vorhin noch hier.«</p>
+
+<p>Ich hatte schon die Türklinke in der Hand.</p>
+
+<p>Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den
+Hut über, warf mir den Lodenmantel um und eilte
+auch schon die Treppe hinab.</p>
+
+<p>Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne
+gut gebrauchen konnte.</p>
+
+<p>Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten
+meine Tritte laut von den Mauern wieder.
+»Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich
+denn durch den langen, gewölbten Flur nach der
+kleinen, ehemaligen Mönchspforte, die am Ende
+dieses von der Halle nach dem Eingang zum Keller
+führenden Ganges lag.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+
+<p>Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein
+paar Schritte über den Burghof hatte ich zu gehn,
+um an den Kellereingang zu gelangen.</p>
+
+<p>Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft
+mußte ich anwenden, so drückte der Gewittersturm
+von außen entgegen.</p>
+
+<p>Nun schlug sie schallend zurück.</p>
+
+<p>Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht.</p>
+
+<p>Die große Linde im Burghof rauschte ächzend
+und bog sich fast zur Erde mit ihrem hohen Wipfel.
+Über abgerissene Zweige stolperte ich.</p>
+
+<p>Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb
+und violett, dauernd wurde das Stockdunkel
+durch Blitz und Wetterleuchten in unheimlichem,
+jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder
+vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft
+den Augen. Dumpfdrohend, gellkrachend,
+prasselnd, knatternd die Donner dazwischen. Wütend
+kochte der Regen herab. Wie ein schäumender
+Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu
+einem See verwandelt.</p>
+
+<p>»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben
+hinein. Antwort gab mir allein die Linde. Sie fing
+ganz laut zu stöhnen an, in ihrem Stamme begann
+ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten
+und zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir
+war’s in dem blendenden Wetterleuchten, als ob ich<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>
+den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte schwanken
+sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun
+seit Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten
+wäre, mit wuchtigem, schwerem, hallendem Schritt.
+Wie ein Riese tauchte er noch einmal vor mir auf
+aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser
+Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem
+jäh aufzüngelnden Blitz, der die Abgrundtiefe dieses
+Gewitterhimmels zerschnitt, dann begann das
+Sterben dieses Riesen.</p>
+
+<p>Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die
+Stimme des Wetters überklang. <em class="gesperrt">Auf</em> rauschten wild
+die Blätter, Zweige schlugen mich ins Gesicht, wie
+ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, —
+die Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der
+Baum zur Erde.</p>
+
+<p>Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn
+hin.</p>
+
+<p>»Marianne!« keuchte ich angstvoll.</p>
+
+<p>Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden
+Unwetter?</p>
+
+<p>Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des
+Kellers. Das Tor stand auf. Schwarze Finsternis
+gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die Laterne, bückte
+mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter
+die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da
+unten wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
+
+<p>Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich,
+drang mir entgegen.</p>
+
+<p>Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins
+Schloß.</p>
+
+<p>Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum
+konnte ich etwas sehn in dem winzigen Blinken
+meiner Laterne.</p>
+
+<p>Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der
+Lichtschein! Die Angst trieb mich dorthin; die
+Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über
+den Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in
+diesen dunklen Keller. Die Angst? Um wen? Ja,
+um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte
+sie sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß
+sie lebte ....</p>
+
+<p>Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr
+stand ich. An diesem seltsam schauerlichen Ort bei
+diesem seltsam schauerlichen Unwetter.</p>
+
+<p>Bis hier hinein war das Toben und Tosen da
+draußen zu hören. Dumpf drang es bis hier hinunter.</p>
+
+<p>»Marianne!« rief ich sie leise an.</p>
+
+<p>Sah sie mich denn? Hört sie mich?</p>
+
+<p>Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem
+Ausdruck in ihren Augen stand sie im verschwimmenden
+Schein eines Lichtstumpfes, der auf
+einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>
+aufgeklebt war, und starrte auf die schwarzgrüne
+Steinmauer hin.</p>
+
+<p>Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein
+war dort aus der Mauer gebrochen, herausgeschleudert
+worden wohl durch einen herniedersausenden
+Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir.
+Hinüber klettern mußte ich, um an Mariannens
+Seite treten zu können: Jetzt stand ich dicht neben ihr.</p>
+
+<p>»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?«
+sagte ich voll Mitleid.</p>
+
+<p>Sie wandte sich mir zu.</p>
+
+<p>Ihre Augen brannten in einem triumphierenden
+Glanze, mit den Händen zeigte sie nach einer
+gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte dieser
+Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem
+Gefühl des Grauens, in einen unterirdischen Gang
+hinein, in den der Lichtschimmer unserer Kerzen
+zitternde Strahlen warf.</p>
+
+<p>»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich
+erregt! »So ist’s kein Märchen, was die Leute sagen?
+Ein Gang führt von diesem Keller ans Ufer des
+Flusses unter der Stadt hindurch!«</p>
+
+<p>Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit
+ihrer rechten und bog sie herab, so daß meine Finger
+über die glatte Fläche der neben uns liegenden, von
+der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte
+fuhren, die diese Öffnung bisher vor den<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+Augen der Burginsassen verborgen hatte. Ich fühlte,
+daß in der Steinplatte etwas eingraviert war.</p>
+
+<p>Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was
+sah ich! Ganz deutlich war die Figur einer Eule,
+eines Kauzes in den Stein geschnitten!</p>
+
+<p>Marianne lachte vor sich hin.</p>
+
+<p>»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich
+ein Kauz, ein Waldkauz in diesen tausendjährigen
+Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg, dich,
+mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen
+in diesem Stein, der älter ist, als Burg und Mönche
+und Ritter!</p>
+
+<p>Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du
+steinernes Käuzchen längst verstorbener Zeit?</p>
+
+<p>Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender
+Stellung, mit aufgehobenen Armen, betend zu dir,
+mein steinernes Käuzlein, anbetend dich als Gottheit!
+Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal,
+ein heidnischer Gott in meiner Kauzburg!</p>
+
+<p>Was hab’ ich gesehn!</p>
+
+<p>Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft!
+Dem Heidengott hab’ ich mein Forsthaus wieder
+ausgeliefert mit meiner Taufe!</p>
+
+<p>Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um,
+christliche Ordensritter und mönchisches Kuttenvolk!</p>
+
+<p>Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des
+Waldes, der Nachtvogel mit seinen großen, glühenden<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor tausend
+Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten
+Ruinen dieses Tempels haben ahnungslose
+Ritter diese Mauer errichtet.«</p>
+
+<p>Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem
+ich mit Marianne stand.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte
+ich, »morgen, wenn das böse Unwetter vorüber ist,
+morgen am Tage wollen wir den unterirdischen
+Gang und die Steine hier untersuchen.«</p>
+
+<p>»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich
+hineinziehn in den schräg abwärts in die Tiefe
+führenden Gang.</p>
+
+<p>»Torheit!« rief ich scharf.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein
+törichtes Kind, Marianne!«</p>
+
+<p>Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren
+Armen. Ich fühlte ihre keuchende Brust an der
+meinen, ihr wogendes Haar spielte und streichelte
+mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den
+meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am
+Halse — schon ließ sie mich los, schon griff ich ins
+Leere, als ich sie von mir fortstoßen, nein, als ich
+sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere, sargtiefe
+Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne
+war verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm
+ich, die Kellertür flog auf, der Donner rollte,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>
+und die Blitze flammten, dann war’s um mich
+wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte
+ich den Donner über mir. Ich stand wie betäubt.
+Aber dann überfiel mich ein Grauen vor diesem
+Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein
+hinüber, an der kalten Mauer entlang, bis an
+die Tür. Als ich sie geöffnet hatte und die frische
+Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief auf.
+Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es
+wetterleuchtete und flammte noch in den zerfetzten
+Wolken, aber durch ihre Lücken schien mild und
+freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt,
+der Regen aufgehört, nur von den Zweigen der
+Bäume fielen noch einzelne, schwere Tropfen
+herab.</p>
+
+<p>Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme
+geworfen, ich hatte es nicht geträumt.</p>
+
+<p>In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und
+sickerten an der feuchten Borke des Stammes, allmählich
+zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd, bis
+ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag.</p>
+
+<p>Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen
+war. Und daß der Blitz dem Nußbaum im Garten
+seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses Unwetter
+hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt.</p>
+
+<p>»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine
+Ruhe geraubt«, dachte ich, als ich neben der gestürzten<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+Linde stand. Ich wußte: es war nun nicht
+mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht
+länger widerstehn können. Sie zog mich hinein in
+ihre goldenen Fesseln, die sie um meine Schultern,
+über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest
+im Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden
+Augen.</p>
+
+<p>Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg
+aufgenommen? Zu meinem Leid? Zu meiner
+Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich
+empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie
+in mir entfacht hatte?</p>
+
+<p>Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter
+die Wolken. Als ob von einem zerrissenen Mantel
+die letzten Stücke über den Himmel gejagt würden.</p>
+
+<p>Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um
+ihn und seine Stücke gewürfelt?</p>
+
+<p>Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond!
+Scheinheilig und freundlich, tückisch die Sünde
+erlaubend unter deinem unsicheren, sanft einhüllenden
+Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest
+dich, du lachst, wenn unter dir gesündigt wird.</p>
+
+<p>Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten.
+Vor kurzem war alles noch so wildbewegt, jetzt schien
+die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als ich die breiten
+Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte
+mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span>
+war nach dem Unwetter Ruhe geworden, der Sturm
+hatte sich austoben können, hatte sich ausgerast.</p>
+
+<p>Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm.
+So will’s das große Naturgefüge, das durch den
+Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt.</p>
+
+<p>In mir war ein Sturm angefacht worden, ein
+wilder Sturm. Der wollte ausbrechen, sich austoben.
+Drum konnte noch keine Ruhe sein.</p>
+
+<p>Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der
+Wohnstube, wo Fräulein Bartel und Marianne sich
+für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich finden?
+Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da?
+Hatte sie sich verraten? Mich verraten?</p>
+
+<p>Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein
+der Tischlampe den Raum mit gemütlicher Ruhe.
+Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte, an der
+anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf
+Fräulein Bartels Gesicht lag wie eine Erlösung
+die stille Mondnacht von draußen.</p>
+
+<p>Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe,
+hübsche Muttergottesbildnis.</p>
+
+<p>Über Mariannens Augen lagen die zartweißen
+Lider mit ihrem seidigen, rotgoldenen Wimpernbehang.
+Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten
+über ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte
+Feuerzauber. »Ach, Marianne ist schon lange hier,
+Herr Oberförster,« sagte Fräulein Bartel, »sie war<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das
+Wetterleuchten besser sehen zu können.«</p>
+
+<p>Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches
+Lächeln huschte über Mariannens Gesicht.</p>
+
+<p>»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses
+weiße Mädchengesicht, diese fein durchaderte, weiße,
+über das Buch gebeugte Stirn.</p>
+
+<p>Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme
+Heilige saß und las?</p>
+
+<p>»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!«
+schrie Fräulein Bartel plötzlich und sprang auf.</p>
+
+<p>»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich
+nach meinem Halse.</p>
+
+<p>Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz
+gefühlt? Vorhin, als mich Marianne so heiß umschlungen
+hatte? Schon hatte Fräulein Bartel
+einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir
+das Blut von der wunden Halsstelle ab.</p>
+
+<p>»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine
+Bißwunde, man sieht ja ganz deutlich die Zahnabdrücke,
+eins ... zwei ... drei ... vier ..., mein
+Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen?
+Ein Marder? Eine Katze?« Ich sah forschend nach
+Marianne hin, während das kleine, alte Fräulein
+an mir herumwusch und -tupfte.</p>
+
+<p>Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches,
+wunderliches Lächeln verzog Mariannens<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer ruhigen
+Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht,
+ernst blickt sie in das Buch!</p>
+
+<p>»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein
+Vampyr«, scherzte ich und sah Marianne scharf
+dabei an.</p>
+
+<p>»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,«
+sagte ich schnell, als sie mit einem unbeschreiblich
+entsetzten und kindlich-hilflosen Angstblick zu mir
+aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen
+von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang,
+weiter nichts.«</p>
+
+<p>»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte
+sie ängstlich, »ein Katzenbiß kann gefährlich werden.
+Marianne, geben Sie mir doch rasch das Fläschchen,
+auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist
+das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins
+Wasser! ... aber Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster
+... und nun das englische Pflaster darüber ...
+nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben kann
+in solcher alten, häßlichen Burg.«</p>
+
+<p>»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau,
+mein liebes Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter
+und Mönche!«</p>
+
+<p>»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend,
+»fromme, gut katholische Herren haben hier gelebt
+...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
+
+<p>»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte
+ich, »wenn du dabei gewesen wärest, als ich das
+heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als mich da unten
+die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist
+es denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen
+Stube dieselbe Marianne?</p>
+
+<p>Hat diese hier mich wirklich in solch rasender
+Gier umschlungen gehalten? Hat diese Marianne,
+die ruhig und still Fräulein Bartel hilft, als sei
+nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen
+Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die
+Tiefe gähnenden Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben,
+... hat diese Marianne wie eine Wildkatze
+mich in den Hals gebissen?</p>
+
+<p>Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen?
+Ist’s nicht ein Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der
+Heiligen? Rätselvoll sind diese dunklen, fast nachtschwarzen
+Augen. Genau so rätselhaft wie der See
+meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die
+Menschen, die sich in seine schöne Flut zum Baden
+stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht mehr von sich
+lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen
+Wasser baden, man sagt, daß schon vier Menschen
+ihr Leben in seiner Flut haben lassen müssen ...</p>
+
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-053">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-053.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 4 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="4">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/d.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">D</span>ie Katholiken des Städtchens veranstalteten
+am heutigen Sonntag eine Prozession.
+</p>
+
+<p>Eine Bittprozession, daß nie wieder ein
+so furchtbares Unwetter wie gestern das kleine Städtchen
+heimsuchen möge. Fräulein Bartel und Marianne
+haben mich gebeten, daran teilnehmen zu
+dürfen.</p>
+
+<p>Natürlich dürfen sie!</p>
+
+<p>Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen
+wird, so mögen sie immerhin gehen.</p>
+
+<p>Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle
+hinauf soll prozessioniert werden. Ganz friedlich,
+fromm und kirchlich. Mit Fahnen, Thronhimmel
+und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und
+Jungfrauen vornweg.</p>
+
+<p>Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes
+Schauspiel. Ich kenne diese Prozessionen aus
+Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir gewaltig
+imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung
+zu. —</p>
+
+<p>Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich
+eine das Weltall leitende Gottheit durch ein solches
+Häuflein singender und betender Menschen, durch
+ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte
+Fahnen, durch Thronhimmel und gestickte Gewänder,
+Weihrauch und Weihwasser bestimmen<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung
+der Naturereignisse auszuscheiden.</p>
+
+<p>Ich will hoffen: kindlicher Glaube. —</p>
+
+<p>Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem
+wirklich gläubigen Herzen kommt, ist er erträglich.
+Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll nicht
+glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll
+nur dann glauben, wenn man wirklich glaubt. So
+will ich mich denn auf die Mauer stellen, dort, wo
+die Stufen in ihr Gestein gehauen sind.</p>
+
+<p>Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten
+Flieders, Goldregens und Ginsters. Von
+dort aus kann ich die Prozession von weitem schon
+sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an
+der Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu
+werden. Über mir schlagen die laubgefüllten Zweige
+eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und
+bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche
+Sonne, den allzu sommerlich heißen Tag.</p>
+
+<p>Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich
+Euren Gesang, schon die sechs städtischen Musikanten
+mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln!
+— — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession!
+... Im dicksten Straßenstaube!</p>
+
+<p>Das muß doch ein göttliches Herz erweichen.</p>
+
+<p>Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube
+der Gesang, wie in Wolken gehüllt wird er<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+höher und höher getragen. Halt da! ... schon biegen
+sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten
+Jungfern, mit blühenden Kränzen im freigelösten
+braunen und blonden Haar, sie streuen Blumen,
+ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf
+singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden
+Kerzen in den reingewaschenen, sonst so
+schmutzigen Jungenhänden, ... nun der goldbestickte,
+blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen
+von vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer
+Handlung durchdrungenen Männern, in langen,
+schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der Domherr
+mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen,
+goldstrahlenden Monstranz. Sie ist schwer, die
+Monstranz, drum werden seine Arme von zwei
+jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten,
+gestützt.</p>
+
+<p>Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn
+heute zum erstenmal. Doch der Thronhimmel und die
+Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich sehe aber, daß
+ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter
+seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar,
+ist es die Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern
+macht, just wie dieselbe Sonne das Haar
+Mariannens so rötlich leuchten läßt?</p>
+
+<p>Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und
+demselben Städtchen? Ei, Marianne, ich habe gedacht,<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+daß deine Haarfarbe nicht zum zweitenmal zu
+finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat
+prangenden Erde.</p>
+
+<p>Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er
+fürstlich fast unter dem Himmel dahin. Wie schlank
+sieht er aus, wie vornehm in seiner priesterlich-bischöflichen
+Pracht. Ja, ja, <em class="gesperrt">die</em> Herren verstehn es
+gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz
+zu wirken.</p>
+
+<p>Langsam schwankte die heilige Monstranz unter
+dem Thronhimmel an mir vorüber.</p>
+
+<p>Noch freute sich mein Auge an den in den blauen
+Samt gestickten Goldsternen des Thronhimmels,
+dieses hübschen Himmelchens unter dem großen
+Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer
+goldflutenden, ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings
+zusammen.</p>
+
+<p>— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel
+— ging Marianne. — — — Ein weißes Kleid hatten
+sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende, in
+langen Wellen über die Schultern wallende, seidige,
+köstliche Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz
+gelegt, in ihren Armen hielt sie, wie
+die Madonna, das Christuskind, ein aus Wachs geformtes
+Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich,
+freundlich lächelnden Augen zu seiner
+Madonna, die es so sorgsam trug, herauflächelte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem
+bunten, goldumstickten, hoch über allem schwankenden
+Thronhimmel, der das Allerheiligste beschirmte,
+langsam, wie in holdem Traume träumend, dahin.</p>
+
+<p>Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es
+sah so natürlich, so selbstverständlich aus; die Mutter
+sah auf das lächelnde Kind in ihrem Arme
+herab.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-058">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-058.jpg">
+</figure>
+
+<p>Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in
+meinem Hause, auf heidnischer Stätte der grauen
+Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel mir ansehn,
+nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim
+Zusehn dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden,
+singenden Menschen, ganz fromm ward mir ums
+Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte
+mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen
+Rothaar, in dem wie kleine Himmelssterne
+die tausend Vergißmeinnichtblüten verstreut lagen.</p>
+
+<p>Man greife ans <em class="gesperrt">Gemüt</em> des Menschen, so wird
+er gläubig! Als Marianne gerade unter meinem verborgnen
+Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg
+vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu
+irren, trafen mich wie zwei Pfeile die Strahlen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+ihrer Augen. Sie <em class="gesperrt">konnte</em> mich doch nicht sehn, aber
+sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah. Daß sie
+direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen
+mich zwingen, mich rufen zu wollen: »Komm von
+deiner Mauer herab, komm neben mich und schließe
+dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von
+mir ab, Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie
+ich ihr in ihre Nachtaugen zurück. <em class="gesperrt">Wollte</em> ich ihr
+hinabschreien, mitten hinein in diese fromme
+Menschenmenge!</p>
+
+<p>Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in
+meiner in das Astzeug der Büsche verkrampften Hand
+hätte sagen können von dem, was mein Herz schrie,
+was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit
+meinen Blicken. Ich sah ihr langwehendes Haar in
+den Strahlen der Sonne glühn und gleißen, — ja,
+sahen denn die anderen nicht, daß in den roten
+Haaren dieser demütig-frommen Heiligen, der man
+als Sinnbild das Engelskind in den Arm gelegt
+hatte, — ja, <em class="gesperrt">sahen</em> denn die andern nicht, daß
+kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen
+und teuflische Grimassen schnitten? — Viel Volk
+folgte noch nach. Ein schier endloser Menschenzug.
+Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen,
+um sich diesem Bittgang anzuschließen.</p>
+
+<p>Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch
+immer hier. — Nun werdet ihr bald auf der Berghöh’<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+drüben sein, ihr frommen Sänger und Bittgänger!</p>
+
+<p>Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten
+breitkronigen Buchen und Eichen steht, werdet ihr
+singend auf die Knie fallen, die geistlichen Herren
+werden vor den Altar treten und ihre Beschwörungsformeln
+sagen, und lachen vom Himmel dazu wird
+die Sonne.</p>
+
+<p>Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck,
+Goldblitze tupft sie bald hier auf dieses
+dunkle Blatt, bald dort auf jene rote Rosenblüte,
+bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen
+Füßen ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl
+getroffen, bald zieht sich zitternd und flimmernd
+ein langer Goldstreif über den Gartenweg.
+Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet.
+Ich möchte keinen Zwischenhimmel haben. Durch
+nichts behindert, nichts entstellt, so will ich <em class="gesperrt">meinen</em>
+Himmel haben.</p>
+
+<p>Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen
+nach dem Himmel.</p>
+
+<p>Menschen und Völker sind darüber zu Erde
+geworden, und andere haben auf ihnen neue Tempel
+gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist <em class="gesperrt">mein</em> Tempel,
+ist <em class="gesperrt">mein</em> Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.«</p>
+
+<p>Und all diese Himmel hat die Erde überdauert!
+Die Erde, aus der wir kommen, in die wir gehn.
+<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+Die schöne, frische, die lebenzeugende und ewig junge
+Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn
+und auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des
+Lebens, nach Jahren der Arbeit, nach Jahren der
+Freude und Trauer, nach Sonnentagen und Regentagen,
+nach Sommertagen und Wintertagen, wenn
+grau das Haar geworden ist und alt der Mensch.
+Wir suchen den Schlaf und freuen uns seiner.
+Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir,
+Erde? Hatten wir Furcht vor dem Schlafe, als
+wir noch schlummerten im Mutterschoß? Hat uns
+das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben?
+Wir kleinen, winzigen Menschlein, wir? Wir
+würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges Weiterbauen
+und ewiges Neuerzeugen. — — — —</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-061">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-061.jpg">
+</figure>
+
+<p>Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger
+Mensch. Fräulein Bartel und Marianne sind
+drüben auf jener schönen, waldverschlungenen
+Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem
+Beten, benutzen will ich das Alleinsein, hinuntersteigen
+will ich zu meinem steinernen Heidenkäuzlein,
+eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen
+Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der
+<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+Sonntag soll mich schützen bei meiner heidnischen
+Fahrt in die Tiefe hinab! — —</p>
+
+<p>Im spärlich lichtspendenden Schein meiner
+Laterne stand ich nun wieder vor dem heidnischen
+Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne
+von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich
+jetzt die Steinplatte ab. Wirklich: unzweifelhaft
+blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm der
+betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst
+hineingeritzt in den Stein. Aber deutlich erkennbar.
+Hier des Käuzleins große Rundaugen, darüber mit
+zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des
+fauchenden Vogels, an den Seiten die Federbüschel
+der Ohren, sodann die Flügel, unten die Krallen
+der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der
+betende Mensch! Die aufgehobenen Arme sind
+deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis mit den beiden
+Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen
+ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der
+Kopf. Die langen Striche mit den fünf kurzen
+Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein Zweifel:
+ein betender Mensch!</p>
+
+<p>Hoch hob ich die Laterne und spähte in die
+Dunkelheit des Ganges hinein. Er war so hoch
+gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte. In
+schräger Steilheit führte er in die Erde hinein.</p>
+
+<p>Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der
+steinerne Boden. Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden,
+feuchtkalt und glitschrig fühlte sich die
+Steindecke über mir an.</p>
+
+<p>Holst du mich, Tiefe der Erde?</p>
+
+<p>Willst du mir ein wenig lüften von deinem
+tiefen Geheimnis?</p>
+
+<p>Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger
+großer Mutterschoß!</p>
+
+<p>Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht
+deiner Schale durchfurchten wir mit unserer schwachen
+Kraft. Doch deine Tiefen öffnest du nicht vor
+unserem Blick.</p>
+
+<p>Flammendes Feuer, brandendes Brodeln,
+zischendes Kochen birgt tief dein tiefstes Inneres.
+Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen
+Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen
+kann.</p>
+
+<p>Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich
+hinein. Wie tief mag ich sein? Kein Laut von
+außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe um mich
+herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht.
+Vorwärts, Jäger! Ein Jäger kennt keine
+Furcht! — —</p>
+
+<p>Es benahm mir den Atem.</p>
+
+<p>Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den
+Gang durchstrich. Also mußte am unteren Ende<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
+eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken müssen
+auf dieser unterirdischen Forschungsreise.</p>
+
+<p>Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten
+Steine meinen Weg. Ich räumte sie beiseite, kroch
+über sie hinweg und strebte vorwärts, nur immer
+vorwärts. —</p>
+
+<p>Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen?
+Ist’s unter mir, ist’s über mir?</p>
+
+<p>Sag’ dein Geheimnis, Erde!</p>
+
+<p>Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne
+malt sich ein schwacher Lichtschein im finsteren
+Gange ab!</p>
+
+<p>Das muß des Ganges Ende, das muß die
+Öffnung nach oben, zum Licht der Erde sein!
+Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher
+gegangen.</p>
+
+<p>Zum Licht empor, zum Leben jetzt!</p>
+
+<p>Immer deutlicher wurde der erst so schwache
+Lichtschein. Wie ein Schimmern drang es mir entgegen.
+Hoch über mir sah ich Felsenwände aufwärts
+streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den
+Steingeröllen winken, — sei mir gegrüßt du schönes
+Sonnenlicht!</p>
+
+<p>Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und
+Steintrümmer hinweg klomm ich aus der Erdtiefe
+empor.</p>
+
+<p>Die Öffnung am Ende des unterirdischen<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+Ganges, durch den ich wie ein menschlicher Maulwurf
+gekrochen, war fast völlig mit Brombeer- und
+wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer,
+schwarzer und roter Fruchtfülle hingen die Zweige.</p>
+
+<p>So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es
+half aber nichts: mein Weidmesser mußte mir freie
+Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich durch die
+schmale Öffnung ans Tageslicht hervor.</p>
+
+<p>Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön
+war, was ich sah.</p>
+
+<p>Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe;
+sie waren mit üppig in hundert bunten Farben
+blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen.
+Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von
+allen Seiten abgeschlossen und geschützt vor spähenden
+Augen lag dieses kleine Tal. Ein in den
+Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares
+Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande
+tauchten, lag verträumt und still inmitten des
+Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden
+diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte
+hier und dort und bildete lauschige Inseln im hellen
+Grün der Wiese. Weißstämmige Birken mit ihrem
+lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder
+drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen,
+und streckten ihre jungfräulichen Wipfel ins dunkle
+Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
+
+<p>Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün
+der Wiesengräser mit lebhaften Farben, Schmetterlinge
+umgaukelten die Blumen, Bienen summten,
+Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken
+im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften
+fauchend in den Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges
+Finkenhähnchen schlug froh und kecklich
+seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern
+huschten im Grase, und Lerchen standen wirbelnd,
+und sich ins ferne Blau des Himmels, der wie ein
+Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah, höher
+schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft.</p>
+
+<p>Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen
+vor der Außenwelt. Man fühlte es: nie war die
+Außenwelt bis hier hinein gedrungen.</p>
+
+<p>Große, behauene Steine fielen mir auf, die am
+westlichen Uferrande des stillen Teiches lagen. Über
+die grüne, blumenbesäte Wiese ging ich zu den
+Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß
+auch in <em class="gesperrt">sie</em> wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt
+waren. Auch war deutlich eine kreisrunde
+Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen.
+Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer
+Vorzeit heidnischen Opferstätte, an der zu den längst
+als unecht von uns neuen Menschen abgesetzten
+Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch
+an einer Stätte einstiger Menschenopferung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten
+geheimnisvollen Ort ehemaligen Heidentums
+entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von
+diesem allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal,
+das nun zu einem so wunderschönen Fleckchen
+unberührter, köstlicher Natur geworden war. Kein
+Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen.</p>
+
+<p>Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte
+ich nicht den sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer
+menschlichen Stimme gehört?</p>
+
+<p>Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes
+Ohr vernahm nur den leichten Sommerhauch, der
+warm und wohlig durch die lichtgrünen Birkenwipfel
+strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf,
+nur das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen
+der nach den tanzenden Mücken schnappenden
+Fische. Doch nein! Dort klang es deutlich zum
+zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters
+grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet!
+Geister der alten Heidenzeit, seid <em class="gesperrt">ihr’s</em>, die ihr
+so sehnsüchtig, so liebeatmend seufzt?</p>
+
+<p>Seelen geopferter Menschen, seid <em class="gesperrt">ihr’s</em>, die
+ihr an diesem sonnendurchstrahlten Sommersonntag
+ins Licht des Tages schwebt und nun den Reigen
+Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen
+Stätte tanzt?</p>
+
+<p>Mensch, der du durch finsteren Erdgang in<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+dieses zauberhaft liebliche, von Sonnenlicht und
+Sommerwinden erwärmte Tal den Weg gefunden
+hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein
+<em class="gesperrt">eigenes</em> Atmen, das du nur im Echo hörst?
+Nein, nein, mein eigenes Atmen ist es <em class="gesperrt">nicht</em>! Ich
+muß ergründen, was an jener laubverhangenen
+Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles
+Leben. —</p>
+
+<p>Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch.
+Schmetterlinge jagte ich auf, die mit geschlossenen
+Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen
+gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet,
+eingeduselt waren, grüne Heupferdchen hoppten,
+gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen Wiesengras
+mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß
+die Grasrispen erzittern ließ, Vögel flüchteten aus
+dem Haselnußgebüsch, an das ich streifte, ein Eichhörnchen
+fauchte mich mürrisch an, wickelte seinen
+Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht,
+was es aus mir Eindringling in diesem Versteck
+zwischen den Waldbergen machen sollte; eine unschuldige
+Natter wand sich in das Wurzelwerk der
+Buche hinein, hinter deren Stamm ich haltmachte,
+lauschte und spähte, — nichts hörte ich mehr.
+Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen
+vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk?
+Ein holder, teuflischer, schöner, schrecklicher Spuk?<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
+Ein Spuk der Heidenwelt, in deren erstorbene, längst
+vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war?
+War etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal?
+Der stille, spiegelnde, hier so dunkeltiefe Waldteich?
+Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge mit
+ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte,
+duftete und Früchte niederhangen ließ? O holder
+Spuk, o schreckensschöner Spuk!</p>
+
+<p>Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und
+kann nicht fort!</p>
+
+<p>Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig
+aus, du holdes Traumgebild!</p>
+
+<p>O Marianne, du hast mich ja bezaubert!
+Was hast du nur aus mir gemacht! Ich seh’ dich
+<em class="gesperrt">vor</em> mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis hier
+in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. —
+Ja, Marianne! —</p>
+
+<p>Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang
+ausgestreckt auf dem Wiesengras.</p>
+
+<p>Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein
+sprang durch das leichtbewegte Blattgerank der
+Erlen wie goldenes Blitzen über ihren herrlichen,
+weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht
+erschien in all der Fülle rotgoldenen Haares, das
+ihn umflutete und seine Blöße verhüllte. Leicht über
+sie bis an den Busen hochgebreitet lag das weiße
+Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>
+angetan hatte. Blumen lagen darüber gestreut in
+allen Farben des glühenden, blühenden Sommers.
+Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen,
+glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen
+wie schwere, schöne Himmelstränen.</p>
+
+<p>Noch rieselten hier und da von ihrem weißen,
+sanft geschwellten Busen kleine, glitzernde Wasserperlen
+ins Gras zu den Seiten herab, noch lag’s wie
+ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte
+soeben erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen
+sein.</p>
+
+<p>Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir,
+woher kennst du dieses stille, heimliche Tal? —</p>
+
+<p>O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch
+war es Zeit, noch Zeit zur Flucht, zur Rettung!</p>
+
+<p>Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden
+Arme, die weißen Hände, da schob sie die wogende
+Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz langsam
+ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln
+die roten Lippen, da trafen — zwei sengende
+Strahlen — ihre Augen mitten hinein in die
+meinen.</p>
+
+<p>»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise,
+ganz leise, noch einmal: »Marianne!«</p>
+
+<p>Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin,
+ob ich langsam, ganz langsam über das Stückchen
+grüner Wiese, das mich von ihr trennte, geschlichen
+<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>
+bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen
+wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert
+hatte. Ich weiß das alles nicht mehr. Ich weiß nur,
+daß ich vor ihr niederkniete, daß ich ihre nackten
+Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit
+seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das
+rote Haargewoge verschlungen hatten, an mich riß,
+daß sie sich selbst wie eine aufbäumende Schlange
+gegen mich warf. O Marianne. — — — — — —</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-071">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-071.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 5 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="5">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/s.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">S</span>onne, schöne Sommersonne, du versinkst
+hinter den hohen Domtürmen der
+kleinen Stadt.</p>
+
+<p>Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen
+wie pures Gold.</p>
+
+<p>Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt,
+von Sünde löst und freispricht?</p>
+
+<p>So sprich mich <em class="gesperrt">frei</em> von meiner Sünde,
+Gott! — — —</p>
+
+<p>Stilles, heimlich verborgenes Tal, dein Boden
+ist getränkt vom Blut der Menschenopfer alter
+heidnischer Zeit.</p>
+
+<p>Forderst du ein <em class="gesperrt">neues</em> Opfer? — — —</p>
+
+<p>In der Dämmerung schlich ich mich am Fluß
+entlang in das Städtchen zurück.</p>
+
+<p>Hatte ich nur geträumt? War’s Fieberwahnsinn,
+Fieberglut gewesen?</p>
+
+<p>Hatte sich wirklich soeben erst lachend und
+keuchend mit flammenden Augen und glühender
+Stirn ein zauberschönes Mädchen meinen Armen
+entwunden? War fortgesprungen wie eine weißschimmernde
+Elfe mit rotwallendem Mantel über
+das sanfte Grün der stillen Wiese im Tal? Hatte
+grausam ihr Lachen geklungen? Und hart und
+spröde und siegestrunken? Und sanft und girrend,
+lockend und drängend, verführend, bezaubernd wie
+das Lachen der Zauberin Circe?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<p>Neben mir klingt und singt der Fluß. Am Ufer
+drüben ragen im Abendschein die Häuser, die Türme
+und Mauern der kleinen Stadt.</p>
+
+<p>Ragt die Kauzburg hoch über die anderen Häuser
+hinweg. »Huhu, huhu« schrien ein paar Käuzchen
+und flogen lautlos um die schlanken Pappeln, die
+hier am Ufer stehen. Ganz still und unbewegt.
+So wie ich selbst hier stehenblieb und stand, ganz
+still und unbewegt. Und in das fließende, rinnende,
+immerfort fließende, immerfort rinnende Wasser
+des Flusses starrte. Bis immer mehr der Abend
+niedersank und nur ein letztes rotes Leuchten Kunde
+gab von einer Sonne, die verschwunden war, um
+einer anderen Welt ihr Licht zu spenden.</p>
+
+<p>Ein Glöcklein klang vom Dom. Das Abendglöcklein
+war’s. Dann fiel ein zweites tieferes
+Glöcklein der evangelischen Kirche ein. Sie klangen
+schön miteinander. Wie Schwester und Bruder.
+Aber die Menschen, die ihnen zuhörten, waren nicht
+wie Schwestern und Brüder miteinander. Sie befeindeten
+sich und bekriegten sich. — Schwestern und
+Brüder. — Gestern war Marianne eine Schwester
+von mir gewesen und ich ihr Bruder. Denn der
+christliche Glaube lehrt, daß wir Menschen alle
+Schwestern und Brüder sind. —</p>
+
+<p>Heute? Jetzt?</p>
+
+<p>Wie kann man Bruder sein zu diesem Mädchen!<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+Ich wußte es doch seit Wochen, daß ich ihr nicht
+Bruder bleiben konnte. Warum hab’ ich sie nicht
+von der Schwelle der Kauzburg verjagt? So hätte
+ich meine Ruhe heute. So brauchte ich nicht so scheu
+wie ein Dieb in meine Kauzburg zu schleichen. Ich
+fühle mich schuldig. Ich verfluchte das stille Tal,
+den Waldsee, die sonnenfreudige grüne Wiese.</p>
+
+<p>Und doch! .... Wenn ich zurückdachte ......
+Marianne, ich bin <em class="gesperrt">dein</em>! — — — — — — — —</p>
+
+<p>Es war mir lieb, daß ich niemandem begegnete.
+Daß ich ungesehen in meine Stube kam. —</p>
+
+<p>Morgen werde ich ruhiger denken. — — — —</p>
+
+<p>Um Mitternacht ging ich zu Bett.</p>
+
+<p>Still lag die Landschaft im milden Mondschein
+um meine Kauzburg.</p>
+
+<p>Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht.
+Drüben in den Feldern zirpten die Grillen. In
+weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen
+und schwebte als weißseidenes Feintuch über den
+Fluß. Mir ward ruhig zumute; wunderlich ruhig.
+Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer
+zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten
+in wildem Gischt an den Strand? O Menschenherz,
+wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du der
+Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden
+Sturm. —</p>
+
+<p>Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein?<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+Der Mond ist euer Helfer und Freund bei eurer
+lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches Käuzlein
+mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald
+auf seine Mäuslein jagen. Und meine Mutter mag
+gerade die Hände falten und leise beten: bleib brav
+und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! —</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-075">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-075.jpg">
+</figure>
+
+<p>Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen
+könnte ich sie! Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr
+goldenes Rothaar schlingt sie um meine Schultern,
+sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll
+trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein
+Blut, und ihre nachtschwarzen Augen sengen bis tief
+in mein Herz; ich reiße sie an mich, ich zähle die
+Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal,
+am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo
+Schmetterlinge gaukeln, wo das Finkenhähnchen
+seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still ist wie
+im Paradies.</p>
+
+<p>Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich
+sie lassen; <em class="gesperrt">mein</em> muß sie sein, <em class="gesperrt">mein</em> muß sie
+bleiben. —</p>
+
+<p>Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein
+anderer geworden bin?</p>
+
+<p>Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+ich ein Doppelmensch? Vor den andern der eine, vor
+mir der andere? — Aber die Sünde wird zuletzt
+zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es
+wecken! —</p>
+
+<p>So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der
+Sünde und Pflicht. Die Pflicht hält jener das
+Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und
+wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich
+wohltuend ab.</p>
+
+<p>Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig
+über mich ausschüttet. Daß ich sein Jünger bin, sein
+Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung.</p>
+
+<p>O Wald, wie liebe ich dich!</p>
+
+<p>Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist?
+Daß ich mich an dich anklammere, wie rankender
+Efeu am starken Eichenstamm es tut?</p>
+
+<p>Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und
+gesund. Gesund an Seele und an Leib. Ja, bin ich
+denn krank?</p>
+
+<p>Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich
+möchte mich hinknien auf hoher Berghöh’, wo <em class="gesperrt">du</em>
+nur um mich bist mit deinem Rauschen, das so kräftig
+klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’
+ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid.
+Sieh’, keiner weiß es, und keiner ahnt es. Wie mich
+umschlingt diese Zauberkraft, dieses feuerglühende
+Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>
+reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer
+grausigen Augen. Wie, grausig sag’ ich und lache
+mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen nicht wie
+dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees,
+der den Tag verträumt in stiller, kosender
+Ruhe? So sanft und weich, wie das Wasser des
+Waldsees ist?</p>
+
+<p>Kann denn ein Waldsee zum Tode locken?</p>
+
+<p>Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem
+Arm, mit verlöschender Kraft, mit letztem Kampfe
+ums Leben?</p>
+
+<p>Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die
+niemand kennt. Ich weiß von einem, der lockt so weich,
+so kosend, doch was er an sich lockt, nie wieder kehrt
+es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — —</p>
+
+<p>O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein
+Atmen, dein Leben!</p>
+
+<p>An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt.
+Und schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen.
+Lau spielt der Sommerwind in den Blättern der
+Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im
+blauen Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen,
+sie sprechen schön wie Vogelsang und Vogelsingen.
+Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt ihr
+trauliches Rauschen und Klingen.</p>
+
+<p>Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja,
+Frohsinn in Ruhe!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie
+wieder. Weshalb denn traurig sein?</p>
+
+<p>Hab’ ich nicht <em class="gesperrt">dich</em>, mein Wald?</p>
+
+<p>Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner
+kräftigen Waldluft! Füll’ mir mein Herz damit,
+so widersteht es der Lockung, füll’ mir die Brust, so
+werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’
+mir die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel
+gleich auf den wiegenden Ästen der Buchen, füll’
+meine Augen damit, so werden sie trunken ewig
+schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und
+Bergnatur, in der ich Sünder stehe, erfülle mein
+ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin ich sündlos
+zur Stunde.</p>
+
+<p>Und <em class="gesperrt">ist’s</em> denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde,
+wenn sich zwei Menschen schrankenlos einander
+geben? Wozu denn Schranken? <em class="gesperrt">Frei</em> will ich sein
+von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten
+gelegt, in Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der
+durch die Waldgründe zieht, gebunden? Muß denn
+das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt?
+Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei,
+Frei! — — — Du bist ein <em class="gesperrt">Mensch</em>, kein Falk, kein
+Hirsch! Bedenke es, du bist ein <em class="gesperrt">Mensch</em>.</p>
+
+<p>O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein.
+Denn Zucht und Sitte binden. Und <em class="gesperrt">müssen</em> binden,
+soll nicht die Allgemeinheit leiden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen!
+O singt, ihr seid ja luftbeschwingte, freie Sänger!</p>
+
+<p>Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen,
+atmenden Gründe, du hochgeweihter Hirsch, du bist
+ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des herrlichen
+Waldes!</p>
+
+<p>Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus
+ins Feld, durch das wogende Meer der Halme, und
+greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist ja ein
+Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu
+fragen: »Sag’, <em class="gesperrt">darf</em> ich?«</p>
+
+<p>Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der
+Luft, stoß herab, stoß herab! An den Grabenrain hat
+sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es sich ab im
+braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine
+pfeilscharfen Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu!
+Wer sollte dich hindern? ...</p>
+
+<p>Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’
+mich an Menschengebot zu halten. Und soll ihn
+gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und <em class="gesperrt">wollt’</em> ihn
+gehn und <em class="gesperrt">will</em> ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige
+Hexe, dazwischen getreten in meine Pflicht und in
+den Tageslauf eines Menschenseins?</p>
+
+<p>Warum nur, warum?</p>
+
+<p>Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich
+dich in mein Haus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Bist</em> du ein Kind der Straße?</p>
+
+<p>Man hat dich auf der steinernen Schwelle des
+Klosters gefunden, in das man barmherzig das
+elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand
+weiß, woher du kamst.</p>
+
+<p>Stammst du von Wesen ab aus einer anderen
+Welt, die wir nur ahnen, niemals aber sehn?</p>
+
+<p>Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden
+Abgrund zur Tiefe, neben dem Stein mit dem heidnischen
+Zeichen stehn, <em class="gesperrt">mein</em> bist du geworden im
+kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen
+Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die
+Tropfen wie klare Tränen von dem herrlichen Weiß
+deines Körpers, da riß ich dich, nein, <em class="gesperrt">du</em> rissest mich
+in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes
+Haar — — — wer bist du, wunderbares Zauberweib?
+Hast du die Macht, der Menschen Seelen in
+dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich
+wieder frei von ihr! Hilf deinem Grünrock, du
+schöner, grüner Wald! — — —</p>
+
+<p>Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete
+Berge, durch ein mondbelichtetes Tal.</p>
+
+<p>An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des
+Mondes Glanz, in seinem Silberglanz gebadet schien
+das Tal.</p>
+
+<p>So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes
+Hufe tönten vom Wurzelwerke, mit dem der<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span>
+Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein unvergeßlich
+schöner Ritt.</p>
+
+<p>Froh fühlte ich mich und frei.</p>
+
+<p>Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden
+Naturmenschen, war ich zusammen gewesen, hatte die
+herbstlichen Schlagflächen mit ihnen besucht, über die
+Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über
+den Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen,
+und fast unbewußt hatte ich mein seelisches
+Gleichgewicht wiedergefunden.</p>
+
+<p>Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem
+Forsthause kam, desto mehr wich die Ruhe von mir.
+Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt, den
+Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen,
+für unsere Stimmungen haben. Aufgeregt
+tanzte er unter meinen Schenkeln. Und plötzlich
+stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still.
+»Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm
+den Hals. Der Mondschein lag hell über der Straße.
+Vor mir bauten sich klar und scharf die Häuser des
+Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die Kauzburg,
+jeden Schornstein konnte ich erkennen.</p>
+
+<p>»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm
+etwas die Sporen. Da schnaubte er und gehorchte.
+Aber als ich auf das mondhelle Feld blickte, das
+unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer
+meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+im Sattel zusammen. Eine weibliche, weiße Gestalt
+bewegte sich quer über das Feld auf mich zu. Nicht
+schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft.
+Ich erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener,
+wie Feuerschein lohender Mantel floß über das
+weiße Kleid das lange, gleitende Haar und ließ sich
+bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes.</p>
+
+<p>Es war Marianne.</p>
+
+<p>Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat,
+Marianne, meine Sünde.</p>
+
+<p>Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust.</p>
+
+<p>So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete
+ihr rotes Gluthaar im Silberstrahl des Mondes.
+Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf?</p>
+
+<p>Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der
+Mondsucht, mondsüchtig ist sie und heute ist Vollmond.</p>
+
+<p>»Marianne!« rief ich.</p>
+
+<p>Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah
+starr auf mich und mein Pferd, und sprang wie ein
+schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem Halse,
+ich wußte nicht, wie.</p>
+
+<p>Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte
+mich, und Pascha, mein Gaul, ging ruhigen, stolzen
+Schrittes den schmalen Pfad, der zur Kauzburg
+führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>
+Lächeln auf uns herab, und eine Wolke kam und
+hüllte des Mondes blasses Licht in Dämmerung, und
+der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich,
+ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen
+hatte, draußen im frischen Wald, ich hatte dieses
+Mädchens Leib in meinem Arm, und so, auf meinem
+Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit
+ihr heimlich wie ein Dieb in meine Stube ...
+Marianne, Marianne.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-083">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-083.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 6 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="6">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/d.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">D</span>er Domherr ist heute bei mir gewesen,
+und machte mir seinen Besuch. Lange
+war er verreist. In jedem Jahre macht
+er große Reisen.
+</p>
+
+<p>Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor
+treten. Was tausend, wie kann sich der Mann
+benehmen.</p>
+
+<p>Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um.
+»Niemand da, mich zu empfangen?« Jede Bewegung,
+sein ganzes Wesen sprach das aus.</p>
+
+<p>Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau,
+dummdreist wie immer. Je näher er dem Domherrn
+kam, desto unterwürfiger wurde der Junge.
+Ich glaube gar, er küßt ihm noch die Hand. Das
+fehlte gerade, er, der Sohn evangelischer Eltern, der
+Lehrling eines evangelischen Oberförsters! Ich hörte
+des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr
+Oberförster zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling
+bejahte und vor dem geistlichen Herrn die Tür der
+Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen
+Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür
+und sah, wie Fräulein Bartel ihrem Seelsorger
+die Hand küßte, sah seine segnende Handbewegung,
+sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm
+beugte, sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände
+legte und leise einen Segen auf dies rote Haar —
+ach, dieses Haar, das mich verführte — sprach, da<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen
+die meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich
+denn schon in allen anderen Augen die Augen
+Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar
+die Haarpracht Mariannens? — — —</p>
+
+<p>Der Mann vor mir <em class="gesperrt">hatte</em> ihre Augen und ihr
+rotes Haar! —</p>
+
+<p>Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber.
+Sein kühnes, kluges Gesicht hatte ich dicht vor mir.
+Er spricht gewandt, benimmt sich wie ein Fürst,
+versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig
+hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert
+Menschen wirken werden — und doch — er ist mir
+unangenehm.</p>
+
+<p>Warum?</p>
+
+<p>Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank
+sein, ja, ich <em class="gesperrt">bin</em> krank. Marianne macht mich
+fieberkrank!</p>
+
+<p>Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen
+an Mariannens Augen denke? Daß ich fortwährend
+die Farbe seines, um die Tonsur sich wellenden, mit
+wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens
+rotem Haar vergleiche?</p>
+
+<p>»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine
+Empfehlung in Ihr Haus kam, zufrieden, Herr
+Oberförster?« fragte er mich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<p>Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein
+höhnisches Lächeln auf seinem Munde? Hat er
+irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel,
+weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als
+schicklich geschwiegen haben auf seine Frage, denn
+er fragte noch einmal und sah mich verwundert an.
+Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn
+wo kann er denn etwas wissen!</p>
+
+<p>Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft
+ausfragen! Und nun fragt er <em class="gesperrt">mich</em> nach ihr!</p>
+
+<p>»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und
+fuhr mir über die Stirn — sei klug und sei wahr
+und verrate dich nicht, liebe Seele, redete ich mir zu,
+»aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr,
+mir doch etwas Näheres über des Mädchens Herkunft
+mitzuteilen, es interessiert mich, da sie in
+meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte,
+wen ich im Hause habe, darum ...«</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«,
+unterbrach er mich ruhig, und nur sekundenlang
+fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide den
+Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses
+Mädchen wurde an der Klosterschwelle als soeben
+geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in
+unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln
+fand sich ein Zettel mit folgenden Worten: Nehmt
+dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span>
+heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und
+der Heiligen Segen auf euch ruhen.«</p>
+
+<p>»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich,
+um etwas zu sagen, da er schwieg und wie traumverloren
+zur Erde starrte.</p>
+
+<p>Er fuhr auf.</p>
+
+<p>»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er.</p>
+
+<p>Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche
+Aufgeregtheit.</p>
+
+<p>»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die
+Schriftzüge?« wiederholte er meine Frage und fuhr
+sich mit seiner schmalen Hand — wo habe ich denn
+bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich
+— über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines
+Weibes Handschrift war’s, ... wohl von der unbekannten
+Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange
+her ... man vergißt es ..., aber auch <em class="gesperrt">Sie</em>, mein Herr
+Oberförster, tun ein gutes Werk, wenn Sie das
+elternlose Geschöpf in Ihrem Hause behalten und ...«</p>
+
+<p>»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte
+förmlich Angst, er könnte sagen: »und es vor allem
+bewahren«.</p>
+
+<p>Aber <em class="gesperrt">sie</em> war es doch gewesen, <em class="gesperrt">sie</em> hat jede
+Schranke durchbrochen, <em class="gesperrt">sie</em> hat mich dazu gebracht!
+<em class="gesperrt">Ich</em> habe mich gewehrt wie ein Verzweifelter,
+immer, immer — gegen mich und mein eigenes<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>
+Fleisch und Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich,
+wie ein Ertrinkender sich gegen die
+Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein,
+trinkt, trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und
+Wonne, aus dem Becher dieses süßen, süßen Giftes!</p>
+
+<p>»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie
+Marianne in das Haus eines evangelischen Hausherrn
+ziehen ließen«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Aber warum denn <em class="gesperrt">nicht</em>, Herr Oberförster,
+warum <em class="gesperrt">nicht</em>?« meinte er lächelnd. »Ich wußte
+doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel, katholisch
+ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster,
+Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft
+sind, also gehören Sie doch <em class="gesperrt">auch</em> etwas <em class="gesperrt">uns</em> an,
+sind ...«</p>
+
+<p>»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach
+ich ihn kurz und scharf.</p>
+
+<p>»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«,
+sagte er mit derselben Freundlichkeit. Bloß seine
+Augen sah ich einen Augenblick schillern.</p>
+
+<p>Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel
+des Handkusses und der Segenspendung. Marianne
+kniete vor ihm nieder.</p>
+
+<p>»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«,
+sagte er, während er das Zeichen des Kreuzes über
+sie machte.</p>
+
+<p>Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>
+es gesehen. Seine tiefen, forschenden, dunklen Augen
+flammten auf.</p>
+
+<p>»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind,
+nicht wahr?« Es klang sehr ruhig, sehr gütig,
+aber es klang wie ein Befehl.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte Marianne gehorsam.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-089">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-089.jpg">
+</figure>
+
+<p>»Dieser Mann hat große Gewalt über die
+Herzen der Menschen«, dachte ich, als ich allein war.
+Wenn Marianne zur Beichte geht und <em class="gesperrt">alles</em> beichtet,
+was wird sein?</p>
+
+<p>Und dann rief ich mir die soeben mit ihm
+geführten Gespräche ins Gedächtnis zurück.</p>
+
+<p>Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er
+weiß natürlich ganz genau, daß ich kein Kirchgänger
+bin. Daß ich im Walde immer am besten die allwaltende
+Gottheit finde. Und nun sollte ich gar
+ein ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und
+bestickten Fürsprechern zwischen der Gottheit und
+mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein, das
+wäre nun schon <em class="gesperrt">gar nichts</em> für mich einfachen Sohn
+des Waldes!</p>
+
+<p>Lieber sollt <em class="gesperrt">ihr</em>, meine lieben Bäume, Fürsprecher
+für mich sein! Rauscht meine Gebete mit eurer
+grünen Blätterpracht dem lieben Herrgott zu, erzählt<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm
+sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt
+<em class="gesperrt">trotz</em> aller Sünde, rauscht bittend dem lieben
+Gott ins Ohr: »Herr, geh’ nicht ins Gericht mit ihm,
+er ist ein ganz passabler Kerl und uns viel lieber
+als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn
+dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’
+auch mal <em class="gesperrt">unter</em> dieses grüne Röcklein, wo sein Herz
+sitzt, gönn’ ihm ein stilles Plätzchen später mal zur
+ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er
+schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.«
+— Bin sonst nicht neidisch: aber den Dachs beneide
+ich um seinen festen Winterschlaf.</p>
+
+<p>Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’
+mir deinen Schlaf mit. Ich hab’ den ruhigen
+Schlaf verloren. Aber auch <em class="gesperrt">du</em> würdest ihn verlieren,
+sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh,
+mein Dächslein, mein liebes Dächslein, zu deinem
+Besten rate ich dir: bleib draußen im Walde in
+deinem Bau! — — — —</p>
+
+<p>Marianne kommt in die Stube und wischt
+Staub.</p>
+
+<p>»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran,
+»wirst du beichten gehn? Wirst du <em class="gesperrt">alles</em> beichten?
+Du <em class="gesperrt">kannst</em> doch nicht alles beichten, Marianne.«</p>
+
+<p>»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre
+Zähne blitzen. Und umschlingt mich mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span>
+linken Arm und fährt mit dem rechten über die
+Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun
+blitzt und wie sauber«, meinte sie, und drückte sich
+an mich wie eine Katze mit weichem Katzenfell.</p>
+
+<p>»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor.
+»Aber bleib <em class="gesperrt">mein</em>!« — — — — — — —</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-091">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-091.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 7 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="7">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/j.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">J</span>etzt kenne ich den nächtlichen Spuk in
+meiner Kauzburg!
+</p>
+
+<p>Daß ich nicht eher auf den so naheliegenden
+Gedanken kam! Seit jenem Abend auf dem
+vollmondhellen Felde hinter dem Kirchhof an der
+Gartenmauer meiner Kauzburg hätte ich wissen
+müssen, was zur Vollmondzeit so ruhelos durch all
+die hohen Ordensräume dieses Hauses schleicht.
+Armes Kind der Straße! Arme Marianne!</p>
+
+<p>Ja, sie ist’s. Sie ist der ruhelose Geist der
+Kauzburg. Sie wird von dem schlimmen Gesellen
+dort oben am nächtlichen Himmel mit magnetischer
+Gewalt heraufgezogen, als wollte er damit sagen:
+»Seht, sie ist nicht von eurem Fleisch und Bein, ihr
+Menschen habt sie grausam ausgesetzt als kaum geborenes
+Wesen, nun will sie fort von euch, nun sehnt
+sie traumverloren sich nach einer anderen Welt, nun
+sucht sie ruhelos die andere Welt und kann sie nicht
+finden, und ich, ich habe nicht so große Macht, um
+sie ganz an mich zu ziehen und aus dem schweren
+Bannkreis eurer Erde sanft emporzuheben.«</p>
+
+<p>Marianne, welch unendliches Mitleid krampfte
+mein Herz zusammen, als ich dich langsam dahinschwebend
+am hohen Gesims der Kauzburg erblickte!</p>
+
+<p>Ich hatte wach gelegen in dieser köstlich klaren,
+silberflüssigen Vollmondnacht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Zum Fenster schaute ich heraus und sah, wie’s
+silbern floß und strömte um Baum und Strauch,
+um Feld und Wald, um Wiese und Rain.</p>
+
+<p>Da kam es leise, ganz leise an der Tür vorbei,
+unhörbar fast, ich ahnte es mehr, als daß ich etwas
+hörte. Wie ein seidenes, weiches, ganz weiches
+Streifen und Rieseln, wie ein Seufzen, wie ein
+feines, ganz feines und weiches Lachen. Es griff
+mir ans Herz, ich wußte nicht warum, ich fühlte,
+wie meine Pulse klopften, wie sich’s schmerzhaft
+zusammenzog in mir.</p>
+
+<p>Von draußen zogen die Silberwellen des Vollmondlichtes
+durchs offenstehende Fenster zu mir
+herein, auch fein und weich und leise. Ein Fenster
+hörte ich klirren.</p>
+
+<p>Da raffte ich mich auf und öffnete sachte die
+Tür nach der Halle.</p>
+
+<p>Niemand zu sehn. Ich schlich den weiten, hohen
+Hallengang hinab, da stand das Bogenfenster auf.</p>
+
+<p>Ich beugte mich hinaus und schrak jäh und
+furchtbar zusammen.</p>
+
+<p>»Marianne!« wollte ich schreien, aber gottlob
+erstickte ich noch den Schrei.</p>
+
+<p>Nur wie ein Ächzen kam’s über meine Lippen:
+»Marianne« ... Ja, da schwebte ihre gertenhaft
+schlanke Pagengestalt hoch auf dem Rande des Dachgesimses
+hin. Tief unter ihr, ganz tief und drohend<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+ging’s hinunter auf den felsgezackten Mauerrand.
+Ein einziger, kleiner Fehltritt in ihrer grausigen Höh’,
+ein Stocken des Fußes, ein Zögern, ein Nachlassen
+ihres Schlafzustandes, ein Aufwachen, ein Erwachen
+— und zerschmettert lag sie da unten! Zerschmettert
+dieser herrliche Mädchenleib, der für mich, ganz allein
+für mich in all seiner berauschenden Schönheit blühte.</p>
+
+<p>So ging sie sicher wie auf der breiten Straße
+unten im Tal auf ihrem schwindelnden, schmalen
+Wege, ihr weißes Nachtgewand leuchtete wie ein
+milchfarbenes Strahlenkleid, ihre Haarpracht schien
+Funken nach dem silberglänzenden Licht, das sie in
+diese einsame Höhe emporgezogen hatte, zu senden,
+und ich hier am Fenster, ich zitterte davor, daß sie
+jemand anrufen und aus dem tiefen Geisterschlaf
+plötzlich aufwecken könnte.</p>
+
+<p>Wie kommt es, daß man in solchen Augenblicken
+zum alten Gott zurückkehrt?</p>
+
+<p>Daß man bei ihm und keinem anderen um
+Bewahrung, Schutz und Schirm bittet?</p>
+
+<p>Da schwöre ich nun auf mein Erdgeborensein,
+auf mein Erdenleben und mein Erdensterben, da
+juble ich nun in den Wald hinaus: »Ich bin von
+Erde und will wieder zu Erde werden, ich habe
+meinen Himmel auf der Erde und sonst
+nirgendswo.«</p>
+
+<p>Und heute, jetzt in dieser Nachtstunde, wo ich um<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span>
+jenes Leben zittere, das wie gelöst von jedem
+irdischen Leben, umspült, umschmeichelt von dem
+bleichen Mond, den Weg des Todes geht, heute halte
+ich die Hände, wie’s der einstige Forstbub tat, und
+bete: »Herrgott, der du über uns in Herrlichkeit und
+Macht und Güte thronst .. Herrgott, himmlischer
+Vater, laß sie zurückkehren in meinen Arm von
+ihrer furchtbaren Wanderung.«</p>
+
+<p>Hatte mich Gott erhört? Gibt’s wirklich einen
+persönlichen Gott, der auf Worte eines einzigen
+Wesens unter Millionen anderer Wesen hört? Der
+milde und freundlich lächelnd wie ein guter Vater
+sich neigt und spricht: »Dein Glaube hat dir geholfen?«</p>
+
+<p>Denn siehe: Sie wandte sich um, sie drehte sich
+auf dem äußersten, letzten Stein der Dachrinne, die
+über die Tiefe schwebte, um, sie hob die Hände und
+schlang sie hinter dem feuersprühenden Haar zusammen
+und schritt, das bleiche Gesicht wie in
+Sehnsucht gegen den Glanz des Mondes erhoben,
+denselben Todesweg, den sie gegangen war, zurück.</p>
+
+<p>Immer näher kam sie, immer näher. Oh, nur
+noch ein paar Schritte, nur noch einen Schritt ...
+schon beugt sie sich in das Fenster hinein, von dessen
+Öffnung ich zurückgetreten war, schon will sie durch
+die Öffnung zurückschlüpfen in die sichere Halle, ...
+da wird drüben ein Fenster aufgerissen, eine gellende<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span>
+Stimme ruft: »Marianne! Um Gottes willen,
+Marianne ...!«</p>
+
+<p>Sie zuckt zusammen, ihre Augen öffnen sich, ihr
+straff aufgerichteter, schlanker Körper knickt ein, als
+ob die Macht, die ihn hielt, von ihr genommen sei,
+aber schon bin ich vorgesprungen, schon hab’ ich sie
+erfaßt, umschlungen, reiße sie in die Fensteröffnung
+hinein, reiße sie <em class="gesperrt">an</em> mich, werfe mich zurück vor dem
+Sturz hinab auf die Steinmauer tief unten, ...
+gerettet ... Gott, ich danke dir, gerettet!</p>
+
+<p>Marianne lag ohnmächtig an meiner Brust.
+Fräulein Bartel kam den Gang heraufgestürzt
+mit fliegenden Gewändern und wie wahnsinnig
+schreiend: »Marianne, Marianne, Marianne!«
+»Ja, Marianne,« fuhr ich sie an, »danken Sie
+Ihrem Herrgott, daß Sie nicht ihre Mörderin
+geworden sind, Fräulein Bartel!«</p>
+
+<p>»Ich? ... ihre Mörderin?« ... stotterte sie entsetzt.</p>
+
+<p>»Ja, wissen Sie denn nicht, daß man Mondsüchtige
+nicht wecken, nicht erschrecken darf?«</p>
+
+<p>»Marianne? ... Mondsüchtig?«</p>
+
+<p>Ganz fassungslos vor Schreck war sie. Und das
+versöhnte mich mit ihrer Dummheit. —</p>
+
+<p>Wir trugen Marianne auf ihr Zimmer und legten
+sie auf ihr Bett. Sie erholte sich bald von ihrer
+Ohnmacht. Wußte sich auf nichts zu besinnen.</p>
+
+<p>Wir sagten ihr nichts.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>In Vollmondnächten wird aber seitdem — ohne
+daß sie es weiß — ihre Stubentür verschlossen. Vor
+ihrem Fenster ist ein Gitter.</p>
+
+<p>Auch vor einigen der anderen Fenster. Dafür ist’s
+doch auch eine alte Ordensburg.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-097">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-097.jpg">
+</figure>
+
+<p>Tiefer Schnee deckt den Boden.</p>
+
+<p>Dem Landmann ist’s lieb, daß die Schneedecke
+seine Saaten schützt, und daß die Erde genügend
+Feuchtigkeit fürs Frühjahr durch die Schneeschmelze
+erhält.</p>
+
+<p>Noch ist das Frühjahr fern.</p>
+
+<p>Noch denkt der Schnee nicht ans Schmelzen.</p>
+
+<p>Noch sitzt er wie ein guter, mottenfreier Pelz auf
+der Erde. Auf den Zweigen der Bäume liegt er
+wie eine hohe Schicht Streusel auf schlesischem
+Streuselkuchen. Im Schlitten — ohne Schellengeläut
+— fahre ich durch den Wald. Durch meinen
+Bergwald, den ich so liebe. Über die Gebirgsbrücke
+hinüber. Aber der sonst so munter sprudelnde
+kleine Fluß liegt im Dornröschenschlaf. Unterm
+Eise, vom Froste eingeschläfert. Auf den holden
+Knaben, den Frühling, wartet das Flüßchen. Der
+wird es mit rotknospendem Zweig berühren, mit<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span>
+Jauchzen stromauf springen und überall sein holdes
+Antlitz zeigen, dann wird mit Geknatter und Gekrach
+das Eis bersten, das Flüßchen wird anfangen
+zu fließen, erst ganz verschämt und zagend, aber
+nicht lange wird’s dauern, da haben wir das ganze
+muntere Plaudern und Plätschern wieder.</p>
+
+<p>So schlafe denn wohl, du lieber Talfluß du!</p>
+
+<p>Der Knabe Frühling wird dich wecken.</p>
+
+<p>Am tiefsten still ist der Winterwald. Der hohe
+Schneeanhang am grünen Nadelzweig, am trocknen
+vom Herbst her an den Ästen verbliebenen Laub, —
+das hohe Schneepolster, das selbst auf kahlen Laubbaumzweigen
+liegt, die weiche Schneedecke, die
+Waldwege, Waldstege wie eine Daunendecke verhüllt,
+das alles macht stiller noch den sonst schon
+stillen Wald.</p>
+
+<p>Auch die Singvögel singen nicht.</p>
+
+<p>Sie weilen in wärmeren Landen und — blieben
+sie hier — so piepen sie höchstens, wenn sie hungern,
+doch sie singen nicht.</p>
+
+<p>Ich liebe den Winterwald. Fast mehr als den
+sommergrünen. Der Winterwald spricht so deutlich
+von Ruhe. Von Ruhe und Schweigen. Und Schlaf
+im Walde für ewig.</p>
+
+<p>So rein sieht alles aus, so weiß, so grün darunter,
+wie frische Jugend im Hermelinpelz. Hier
+scharrte ein Füchslein im Schnee, ich sehe seine Spur.<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>
+Dort ist ein Reh getrollt, hier hoppelte ein Hase,
+halt da ... und <em class="gesperrt">hier</em>? Ein Wildschwein war’s,
+das ritterlichste Wild des Waldes. Der Fährtenfinder
+Schnee verrät das alles. Er ist des Waldes
+Papier, auf dessen Weiße alles schreibt, was durch
+den Wald schnürt, hoppelt oder trollt.</p>
+
+<p>Spät am Abend erst kam ich in die Kauzburg
+zurück. Es war so spät geworden, daß ich mich
+wunderte, Fräulein Bartel noch aufzufinden. Ich
+hatte ein für allemal angeordnet, daß sie mir mein
+Abendbrot in meine Wohnstube hinstellen und zu
+Bett gehn sollte, wenn ich erst nach zehn Uhr aus
+dem Walde heimkehrte.</p>
+
+<p>Ich liebe es dann, den Abend allein für mich zu
+verbringen. Denn der Waldfrieden, die Waldluft,
+des Waldes stille Schönheit hängen mir an solchen
+Abenden noch in den Gliedern, es stört mich, wenn
+mir dann irgendein Alltagsmensch Tagesklatsch
+und kleine Tagessorgen vorplappert. Aber an
+solchen Abenden hatte Marianne immer am ehesten
+Gewalt über mich. Sie, mit ihrer Waldnixenschönheit,
+mit ihrem weißen Gesicht, aus denen wie zwei
+dürstende rote Brombeeren die Lippen leuchten, mit
+ihren Rätselaugen, die geheimnisvoll sind wie das
+nächtliche Walddunkel, mit ihrer roten, goldigen,
+sprühenden Haarflut, ja, sie paßt zu dieser Stimmung,
+die ich an solchen Abenden mit heim bringe.<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span>
+Oder sie löst vielmehr diese Stimmung in glühende
+Akkorde auf. Was ich im tagtäglichen Leben nicht
+finde, glaube ich im Walde und in der trunkenmachenden,
+liebeglühenden Schönheit Mariannens
+zu finden. Eine Krankheit ist’s. Eine Krankheit der
+Seele. Ich glaubte sie zu heilen, indem ich wie ein
+Kranker nach Betäubungsmitteln griff.</p>
+
+<p>Es war mir daher direkt unangenehm, als mir
+heute am späten Abend Fräulein Bartel oben in
+der Flurhalle entgegenkam. Verlegen, wie ich sofort
+merkte. »Ach, gewiß irgendeine in ihren Augen
+große, in meinen Augen kleine wirtschaftliche
+Sorge!« seufzte ich.</p>
+
+<p>»Nun, Fräulein Bartel, noch auf?« fragte ich
+ziemlich unwirsch.</p>
+
+<p>»Ach, Herr Oberförster, sie ist heute gekommen«,
+sagte sie und sah mich ängstlich an.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Wer</em> ist gekommen?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Nun, die Erika aus der Heide, Herr Oberförster.«
+Ich fing an, an Fräulein Bartels Verstand zu
+zweifeln. »Erika aus der Heide, Fräulein Bartel?«
+wiederholte ich maßlos verblüfft. »Ja, ich habe Herrn
+Oberförster doch aber gesagt, und Herr Oberförster
+hatten doch nichts dagegen«, meinte sie, ein wenig
+empfindlich.</p>
+
+<p>»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen,
+mein liebes Fräulein Bartel, und sagen Sie mir endlich<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span>
+klar und deutlich, wer gekommen ist, was der Wer
+hier will, und zu welchem Wer ich meine Erlaubnis
+gegeben habe.«</p>
+
+<p>»Des Heidkönigs Tochter ist gekommen«, sagte sie.</p>
+
+<p>»Ah!« ... nun fiel mir’s wie Schuppen von den
+Augen! Das hatte ich längst, längst vergessen!</p>
+
+<p>Ja, richtig, Fräulein Bartel hatte mich einmal gefragt,
+ob des Heidkönigs — eines Lüneburgers Großgrundbesitzers
+— Tochter für einige Zeit, solange der
+Vater im Auslande weilte, unter ihre Fittiche
+kriechen dürfe.</p>
+
+<p>Und nun war die Heidkönigstochter da. Wirklich
+da! ... Nun hatte ich’s! Nun mußte ich mich drein
+finden. Drein finden, daß ein fremder Mensch mir
+meine Hausruhe stören würde. Meine Hausruhe?
+... Lieber Gott im Himmel, Hausruhe hatte
+ich nicht mehr. Damals, ja damals, als mich Fräulein
+Bartel fragte, hatte ich noch Hausruhe gehabt. Jetzt
+war Leidenschaft und heimliche Sünde im Hause.
+Mein Herz war durchwühlt, ein anderer war ich
+geworden.</p>
+
+<p>Am liebsten würd’ ich die Heidkönigstochter gleich
+morgen wieder einpacken und in ihre Heide zurückschicken
+... Einen Beobachter im Hause? Bis jetzt
+war nur Fräulein Bartel hier oben in meinen
+Räumen. Die merkte und sah nichts von dem, was
+im geheimen hier geschah.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p>
+
+<p>Merkte und sah es nicht, daß Marianne und mich
+die Sünde zusammenhielt, daß Marianne wie ein
+schöner Dämon diese Räume und den Herrn dieser
+Räume beherrschte.</p>
+
+<p>Aber von jetzt ab dieses fremde Menschenkind.</p>
+
+<p>»Wie ist sie denn?« fragte ich mechanisch, denn ich
+merkte, daß Fräulein Bartel noch vor mir stand und
+mich ganz verwundert, ordentlich erschrocken ansah.</p>
+
+<p>»O, ein liebes, stilles Mädel ist’s, Herr Oberförster.«</p>
+
+<p>»Ein liebes, stilles Mädel«, wiederholte ich ihre
+Worte. Weshalb bewegten mich diese Worte so?
+War das nicht ein Traum, den ich immer geträumt
+hatte? Ein liebes, stilles Mädel! ... Fort, fort ihr
+dummen Forstbubengedanken! Vorbei, für alle Zeit
+vorbei ... »Ist gut, Fräulein Bartel, gute Nacht«,
+sagte ich und fühlte mich auf einmal so müde, ach, so
+müde.</p>
+
+<p>»Wo ist denn Marianne? Was sagt <em class="gesperrt">sie</em> denn
+dazu, ich meine, zu dem neuen Bewohner, hm?«
+fragte ich noch nebenbei, und es war mir doch die
+wichtigste Frage, die ich tat.</p>
+
+<p>»Ach, Marianne, Herr Oberförster, aus <em class="gesperrt">der</em> kann
+man nicht klug werden. Sie war ja ganz freundlich
+zuerst, aber dann verschwand sie gleich in ihrer
+Stube, ohne gut’ Nacht und so wie ein Geist.«</p>
+
+<p>Lange blieb ich heute abend noch auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<p>Also in meiner Kauzburg ist eine Königstochter.</p>
+
+<p>Eine Heidkönigstochter. Gekommen aus einsamer,
+weiter Heide, wo die Menschen weit voneinander entfernt
+wohnen in ihren in der weiten Heide verstreut
+liegenden Gehöften.</p>
+
+<p>Nun, es ist anzunehmen, daß dieses Heidkind
+wenig zu merken sein wird und selbst ebensowenig
+wie Fräulein Bartel irgend etwas von dem merken
+wird, was hier in meiner Kauzburg das Licht der
+Sonne scheuen muß. Die Königstochter ist gekommen,
+ist da und wird wieder verschwinden. Ich werde gar
+nicht wissen, daß sie wieder von der Bildfläche verschwunden
+ist.</p>
+
+<p>Aus <em class="gesperrt">meiner</em> Bildfläche.</p>
+
+<p>Was kümmern mich Königstöchter! Mögen sie
+Töchter wirklicher Könige oder nur Töchter von Heidkönigen
+sein! Aber es <em class="gesperrt">gibt</em> gar keine Heidkönige,
+sondern nur diesen einen einzigen Heidkönig auf der
+ganzen Erde. In seiner Art ist also der Mann <em class="gesperrt">mehr</em>
+König als all die anderen Könige.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen begegnete ich der Heidkönigstochter
+in der Flurhalle. Ich begrüßte sie freundlich
+und war gleich von ihrem einfachen, schlichten Wesen
+sehr eingenommen.</p>
+
+<p>Sie ist ein hübsches Mädchen, hat braunes Haar
+und braune Augen. Eine Welt von Güte und Treue
+strahlt aus diesen Augen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Sie würde zwischen anderen Mädchen sicher nicht
+auffallen. Aber allein besticht sie durch eine eigenartige
+Lieblichkeit.</p>
+
+<p>Sie ist wirklich eine Erika. Eine schlichte Heideblüte.
+Die erblüht ist im einsamen Heidhof auf einsamer,
+weiter Heide. Nun, mein liebes Heidekind,
+möchtest du, wenn du von hier wieder fortgehst, eine
+freundliche Erinnerung an die Kauzburg mit hinausnehmen
+in deine braune Heide!</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-104">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-104.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 8 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="8">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/d.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">D</span>u würdest Augen machen, glühende Kauzaugen,
+mein schlesisches Waldkäuzlein,
+wenn du die beiden Mädchen in meiner
+Kauzburg sehn würdest.
+</p>
+
+<p>Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende,
+leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen
+Rätselaugen, mit seinem feuerflammenden Gluthaar,
+und neben ihr Erika, die keusche, treue, liebliche,
+schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht
+dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander
+stehen.</p>
+
+<p>Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun,
+<em class="gesperrt">dann</em> müßten die zwei sich anziehen wie zwei
+Magnete, die im Weltall kreisen.</p>
+
+<p>Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub
+im schlesischen Wald. Und doch ist die schöne
+Forstbubenzeit im heimatlichen Wald so lange schon
+vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir
+gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide.
+Wie sie als Kind sich dort verlaufen hat und Blumen
+pflückte, die gepflückten fortwarf und wieder pflückte
+und gar nicht merkte, wie der Abend kam. So recht
+nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber
+hinlief als in den Heidwald. Und wieder und wieder
+sich dort verlief, bis die Hirten sie fanden. Die
+wurden aufmerksam durch das Geblök der Heidschnucken,
+die sie durch den Waldbusch nach Hause<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span>
+trieben. Die meldeten das Kind und blieben stehn,
+blökten und rupften die Blumen aus ihren kleinen
+Händen.</p>
+
+<p>Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert.
+Der Heidwald schützt die kleine, aufblühende Heidblume.
+Die nun in stiller Anmut erblüht ist und
+unterm Dache meiner Kauzburg ist.</p>
+
+<p>Zwei Blumen blühen in meiner Burg.</p>
+
+<p>Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem
+Duft, mit Dornen auch, die keiner Rose
+fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche, stille
+Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der
+einsamen Heide bleibt und treu ausharrend ist in
+ihrem stillen Blühen. Nun ist sie schon ein paar
+Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht.</p>
+
+<p>Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die
+Kauzburg. Draußen liegt tiefer Schnee, es ist
+Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön.</p>
+
+<p>Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen.
+Viel <em class="gesperrt">mehr</em> noch als früher.</p>
+
+<p>Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun
+lebe, mit ihrer Leidenschaft ein!</p>
+
+<p>Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und
+schlag’ mir den Frieden um die Ohren.</p>
+
+<p>Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh
+und Übelkeit. Ein schrecklicher Gedanke kam mir. Um
+Gott, bloß <em class="gesperrt">das</em> nicht. Das würde mich unrettbar an<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span>
+sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie lachte
+mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie
+meine Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei
+Dank, es ist nichts! — Zum erstenmal saß ich des
+Abends mit Erika allein an dem großen Tisch in
+meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen
+Schein auf die Tischplatte und ihr dämmeriges,
+dunkleres Licht ringsum auf die gewaltigen Hirschgeweihe,
+die gut geperlten Rehkronen, den Elchkopf
+mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden
+Wildschweinkämpfe urgewaltiger Rassen, und das
+Heidekind, das seine Heide und sein heimatliches, einsames
+Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von
+seiner Heimat, der Heide.</p>
+
+<p>Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie
+gerade die einfachsten Landschaftsmotive Bilder von
+unvergleichlicher Kraft und Schönheit geben können.
+Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner
+geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach,
+aus denen man wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht
+nach der Heide herausfühlte, erstand vor
+mir die Heide, die weite blühende Heide.</p>
+
+<p>Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun
+und Lila der holden Waldblume Erika, ich sah auf
+dieser einsam weiten braunvioletten Heide die weiße
+Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn,
+jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span>
+dunkle Moor mit seinem grauschwellenden Polster,
+mit seinen silbern schimmernden Wollgrasbüscheln,
+die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die
+Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten
+Sonnenglühen dort sammeln, ich sah dies schöne,
+ernste, wunderbare Sonnenglühen über die Heide
+seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die
+Wasserflächen einsamer Teiche unter dem goldigen,
+wärmenden Glanz der Morgensonne aus ihrer
+Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume
+wie hohe Lorbeerbäume von frohem
+Morgenglanz durchleuchtet, am Horizont den dunklen
+Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah
+die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus
+dem Horizont sich heben, immer weiter und weiter
+ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die Sonne
+stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern
+und Glänzen und Zittern begann, das Nähe und
+Ferne in seine Märchenstimmung zieht und allen
+Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht,
+und nun sah ich den einsamen Hof, das einsame
+Heidehaus, das seine Heidblume Erika an uns hier
+abgegeben hatte.</p>
+
+<p>Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und
+schirmend den einsamen Heidhof.</p>
+
+<p>Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit
+seinem tiefhangenden Strohdach, zwei Pferdeköpfe<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span>
+auf den Giebelseiten scheinen den Fremdling begrüßen
+zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern,
+über dem Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer
+Spruch, er soll die bösen Geister bannen und
+ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus
+die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen,
+der Speicher, das Backhaus, unweit davon die Katen
+der Arbeiter, und als des Hofes Wichtigstes der
+Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen
+Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So
+ruht der Heidhof im Flimmern stiller, träumender
+Mittagsonne; die Heidschnucken sind um den Steinbrunnen
+gelagert, umschlossen das ganze Idyll von
+einem Wall von Findlingssteinen im Osten und sonst
+von kunstvoll geflochtenem Palisadenzaun.</p>
+
+<p>»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg.</p>
+
+<p>»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch
+und mit einem ungemein glücklichen, kindlichen
+Ausdruck in ihrem Gesicht.</p>
+
+<p>»Mein Vater meinte, daß man fern von der
+Welt, auf dem einsamen Heidhofe am glücklichsten
+lebe!«</p>
+
+<p>»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er <em class="gesperrt">doch</em> in
+die Welt hinaus, sogar in die weite Welt übers weite
+Meer!«</p>
+
+<p>»Weil er <em class="gesperrt">mußte</em>«, sagte sie ernst, »es ist ihm
+bitter schwer geworden, seinen Heidhof zu verlassen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume
+Erika«, sagte ich lächelnd.</p>
+
+<p>»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei,
+während ein freundliches Lächeln ihr ernstes Gesicht
+erhellte.</p>
+
+<p>»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin,
+unter den Schutz meines Daches gegeben«,
+scherzte ich.</p>
+
+<p>»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit
+dem ihr eigentümlichen, so wundervoll melodisch
+klingenden Lachen.</p>
+
+<p>»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den
+Heidkönig und mich die Heidkönigstochter; wohl weil
+von alters her unsere Eltern und Ureltern auf diesem
+Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz
+in der Heide haben.«</p>
+
+<p>»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens
+ein Grafentum, ja, ja!« rief ich.</p>
+
+<p>»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert
+Morgen unter dem Pfluge,« sagte sie lachend, »alles
+übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland. Hei
+und Holt sin dem Buren sin Stolt!«</p>
+
+<p>»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern
+Stolz, Fräulein Erika. Auch wir Grünröcke sind
+stolz auf unser Holz!«</p>
+
+<p>»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
+
+<p>»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein
+Erika. Ich muß hinaus in einige Holzschläge,
+und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den es
+gibt, in weißem Schneeglanz sehn.«</p>
+
+<p>»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf.
+Werd’ ich auch Heide, weite, weite Heide sehn?«</p>
+
+<p>»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide,
+wie Ihre Heimatheide ist, holde Heidkönigstochter.
+Die gibt es hier nicht; ich wünschte, ich könnte sie
+Ihnen herzaubern.«</p>
+
+<p>Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn
+zusammen und sie blickte auf das vor ihr liegende
+Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab. Gleich
+darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich
+und schelmisch in die Augen.</p>
+
+<p>»So werde ich denken, daß hinter dem schönen
+Bergwald, in dem wir im Schlitten fahren werden,
+die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß des
+Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie.</p>
+
+<p>»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin.
+Sie werden ja wieder zurückkehren in
+Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier
+bleiben, wo ich bin.«</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich
+das sagte, etwas Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie
+sah mich einige Sekunden ernst und prüfend an.</p>
+
+<p>»Hier ist es doch <em class="gesperrt">auch</em> schön und einsam.<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span>
+Wenigstens können Sie doch so viel Einsamkeit
+haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann.</p>
+
+<p>»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«,
+stieß ich unwillkürlich hervor.</p>
+
+<p>Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen
+unschuldigen Augen, die schelmisch und träumerisch,
+lieb und gut blickten, ahnte ja nicht, was in mir vorging!
+— Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch
+dieses Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem
+Zauberbann, unter dem ich mich krümmte und
+wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die
+mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten.</p>
+
+<p>»Erzählen Sie mir doch noch von Ihrer Heide,
+bitte, bitte, liebe Heidkönigstochter, ich werde so ruhig
+und still dabei, wie der Forstbub es wurde,
+wenn ihm die Mutter Märchen erzählte.«</p>
+
+<p>Wieder traf mich ihr ruhig-ernster und prüfender
+Blick.</p>
+
+<p>»Was sind denn zum Beispiel die Lieblingsgerichte
+der Heideleute, hm?« fragte ich scherzend.
+Nun machte die Heidkönigstochter zwei Schelmenaugen.</p>
+
+<p>»To hungern brukt hi keen, so heißt es bei uns in
+der Heide!« sagte sie fröhlich.</p>
+
+<p>»Unsere Lieblingsgerichte wollen Sie wissen?
+Ei, so muß ich mit dem Buchweizenpfannkuchen
+beginnen. Den ißt der Heidjer am liebsten. Auch<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span>
+ich als Heidjerin. Aber auch Buchweizengrütze und
+Buchweizenklöße, dann Erbsen und Kohl wie der
+Hase draußen, der sich sein Teil davon zu holen weiß,
+Bratbirnen und Speck und Quetschkartoffeln mit
+Buttermilch, ja, ja, to hungern brukt hi keen!«</p>
+
+<p>»Weiß Gott!« rief ich laut lachend, so laut und
+froh wie seit langem nicht, »to hungern brukt dort
+keen!« ... »Eins haben Sie noch vergessen, Heidetochter,
+... den Heidschnuckenbraten!«</p>
+
+<p>»Schnuckenbraten gibt es nur am Sonntag«,
+meinte sie, »und wenn eine Hochzeit gefeiert wird.«</p>
+
+<p>»Haben Sie besondere Hochzeitsbräuche in der
+Heide«, fragte ich.</p>
+
+<p>»O ja, noch den Brauch des Brautheischers«,
+erwiderte sie.</p>
+
+<p>»Wie ist denn das, Fräulein Erika?«</p>
+
+<p>»Nun, der Brautheischer tritt in die Diele des
+Brauthauses, schlägt mit einem langen, mit Heideblüten
+bekränzten Stabe an den Dössel des Tores
+und heischt feierlich dreimal die Braut, und ist sie
+ihm überliefert, so zerbricht er den Stab und wirft
+die Stücke in das flammende Feuer des Fletts.«</p>
+
+<p>»Des Fletts?« fragte ich.</p>
+
+<p>Sie sagte: »Das ist der ebenerdige Raum, in
+dessen Mitte die Feuerstelle mit Feldsteinen ummauert
+sich befindet. Ein wichtiger Platz, denn an<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span>
+ihm werden Knecht und Magd gedungen und gekündigt,
+von ihm aus tritt die Heidetochter den Weg
+an in das Haus des auserwählten Ehemannes.«</p>
+
+<p>»Wie feierlich und ernst löst sich das Kind der
+Heide doch vom Herdsitz seiner Väter!« sagte ich
+lächelnd.</p>
+
+<p>Sie sah mich verwundert an.</p>
+
+<p>»Es <em class="gesperrt">ist</em> doch auch feierlich und ernst, wenn die
+Tochter den Hof der Eltern verläßt, um dem Manne
+ihrer Wahl zu folgen und seine Hausfrau zu werden.«</p>
+
+<p>»Und wenn die Eltern dagegen sind? Nicht
+wollen, daß ihre Tochter seine Hausfrau wird?
+Fliegt dann nicht das Töchterlein manchmal dem
+Vöglein gleich heimlich ins Freie? Hinaus aus
+dem Herdsitz der Väter? Hinüber zum Heidhof des
+Geliebten?« scherzte ich.</p>
+
+<p>Ich vergaß, daß ein reines Heidekind mir gegenübersaß;
+vergaß, daß nie der Saum ihres Kleides
+etwas Sündhaftes berührt hatte, vergaß, ach ich
+vergaß, daß ich, ich nicht mehr den Saum ihres
+Kleides berühren durfte.</p>
+
+<p>Sie gab keine Antwort. Nur wie in schmerzlicher
+Trauer und Scham senkte sie den Kopf und
+blickte von mir fort, zum Fenster, durch das der
+weiße Schnee unterm Mondglanz hineinblickte.</p>
+
+<p>»Sei’n Sie mir nicht böse, ich <em class="gesperrt">bitte</em> Sie, sei’n
+Sie mir nicht böse!« sagte ich rasch und dringend.<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span>
+»Sie <em class="gesperrt">dürfen</em> mir nicht böse sein, Erika, Sie sind
+doch ein Schutz für mich, Sie sind doch der Frieden,
+die Ruhe für mein Herz!« Ich wußte kaum, was
+ich sprach. Plötzlich überfiel mich mit schrecklicher
+Wucht dieses unglückselige Verhältnis zu Marianne!
+Diesem reinen Heidekind gegenüber kam es wie eine
+förmliche Verzweiflung über mich. Immerfort schrie
+es in mir: »Könnte ich <em class="gesperrt">dir</em> doch <em class="gesperrt">so</em> in deine
+Augen schauen, wie <em class="gesperrt">du mir</em> mit deinen reinen Heideaugen
+in meine Augen blickst! O könnte ich das, ach
+könnte ich das!«</p>
+
+<p>Da wandte sie ihren Kopf wieder zu mir hin.
+»Ich bin Ihnen nicht böse«, sagte sie so warm und
+herzlich, wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht.
+»Weshalb sind Sie denn so sehr, so furchtbar
+unglücklich?« Und ihre Augen blickten mich hell und
+klar wie zwei Sonnen durchdringend an.</p>
+
+<p>»Ich unglücklich? Ach, Unsinn ... ich bin ja ganz
+vergnügt und glücklich!« rief ich hastig. Sie schwieg
+eine Weile und schaute mich ruhig dabei an.</p>
+
+<p>»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf,
+»Sie sind unglücklich über etwas. Ich weiß nicht, was
+es ist, aber sagen Sie’s mir doch, ich möchte Ihnen
+so gerne helfen.«</p>
+
+<p>Vielleicht wäre ich vor sie hingekniet nach diesen
+Worten, vielleicht hätte ich meinen Kopf in ihren
+keuschen, unberührten Schoß gelegt, vielleicht hätte<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span>
+ich dann den Mut gefunden, ihr alles zu sagen, sie
+um Erlösung und Rettung gebeten, vielleicht hätte
+sie mit ihren Händen dann leise und lind über meine
+brennende Stirn gestrichen, ach vielleicht, vielleicht.</p>
+
+<p>Da ging die Tür auf. Nicht heftig und laut.
+Leise und wie von selbst. Und im Rahmen der Tür
+stand Marianne im langen, weißen Nachtgewand.
+So leise war sie gekommen, daß Erika einen halblauten
+Schrei ausstieß und erschrocken vom Stuhl
+aufsprang.</p>
+
+<p>Aber ich erschrak nicht. Ich kannte ja Mariannens
+Wesen. Ich blieb ruhig, ganz ruhig. Und hätte sie
+erwürgen können, daß sie gekommen war. Daß sie
+diese eine friedvolle Stunde für mich abkürzte.</p>
+
+<p>Aber als ich sie so stehn sah, als ich ihr lilienweißes
+Gesicht mit den dunklen, nachtschwarzen,
+gierigen Augen, mit den blutroten, vollen Lippen,
+als ich die Funken, die der Mondstrahl über ihr rotes
+Haargewoge verstreute, schaute, da war ich wieder
+in ihrem Banne. Da kam wieder diese Gier nach
+ihr langsam wie eine Schlange über mich gekrochen.
+Sie stand noch immer schweigend in der Tür und sah
+mit einem lauernden, gespannten Blick auf Erika.</p>
+
+<p>Ohne ein Wort der Erwiderung drehte sie sich um
+und war ebenso leise und lautlos, wie sie gekommen
+war, verschwunden.</p>
+
+<p>Ich beruhigte zunächst das Heidekind und suchte<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+ihr auszureden, daß in Mariannens Wesen irgend
+etwas Besonderes gelegen hätte.</p>
+
+<p>Erika ließ mich ruhig sprechen und sah still vor
+sich hin. Ob sie gemerkt hat, daß ich mit Marianne
+anders stehe, als ich sollte?</p>
+
+<p>Ich nahm mir vor, mit Marianne ernstlich zu
+sprechen. Erika <em class="gesperrt">darf</em> nichts ahnen, nichts merken.
+Dieses unschuldige, treue, stille und fröhliche
+Heidekind.</p>
+
+<p>»Du willst sie mitnehmen in den Wald?« sagte
+Marianne, als sie am nächsten Morgen zu mir
+in die Stube kam.</p>
+
+<p>»Ja, ich will sie mitnehmen. Warum auch <em class="gesperrt">nicht</em>,
+Marianne? Diese Heidkönigstochter bringt mir den
+freien Atem der Heide ins Haus, sie bringt mir Ruhe,
+Frieden und Fröhlichkeit des Herzens, denn ihr
+ganzes Wesen ist Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit
+des Herzens.«</p>
+
+<p>Spöttisch kräuselten sich ihre roten Lippen.</p>
+
+<p>»Du willst frei sein? Wohl von <em class="gesperrt">mir</em>?« fragte sie
+langsam, während in ihren dunklen Augen jenes
+rätselhafte, dämonische Funkeln trat, das ich ...
+ja, das ich ... fürchtete.</p>
+
+<p>»Frei sein? Von dir, Marianne?« wiederholte
+ich mechanisch.</p>
+
+<p>Ich lachte bitter auf.</p>
+
+<p>»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p>»Ja, ja, ja, Marianne, ich liebe dich noch immer!«
+rief ich, »aber deine Liebe ist das Gift meines
+Lebens.«</p>
+
+<p>Ein merkwürdiger Ausdruck trat in ihre Augen.
+»Gift«, wiederholte sie leise, kaum hörbar.</p>
+
+<p>»Gift tötet, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Was fragst du sonderbar, Mädchen! Ja,
+Gift tötet!«</p>
+
+<p>»So werde ich dich also töten, langsam töten,
+und du wirst niemals jener anderen gehören, die
+in dein Haus gekommen ist, und die dich ...«</p>
+
+<p>»Nun, Marianne, die mich ...?« fragte ich,
+als sie schwieg.</p>
+
+<p>»Ach nichts!« fuhr sie auf. »Nimm sie nicht mit
+in den Wald, ich duld’s nicht!«</p>
+
+<p>»Und doch werde ich sie mitnehmen!« schrie ich
+sie an, »soll ich wie ein Knecht dir gehorchen?«</p>
+
+<p>»Es ist gut, nimm sie mit«, erwiderte sie ruhig.
+»Nein, nein!« jammerte sie dann plötzlich auf,
+»mein sollst du bleiben, mein!«</p>
+
+<p>Und sie warf sich an mich, umschlang mich fest,
+daß mir fast der Atem verging, und brach in ein
+ungestümes Weinen aus.</p>
+
+<p>»So beruhige dich doch, Marianne, denke doch,
+wenn jemand kommt.« Im selben Augenblick war
+mir’s, als ob ich im Spiegel die Tür sich öffnen
+und Erika in ihrem Rahmen stehn sähe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Sekundenschnell
+war diese Täuschung gewesen. Mein Himmel,
+bin ich denn schon so weit, daß ich Halluzinationen
+habe?</p>
+
+<p>Marianne beruhigte sich schließlich.</p>
+
+<p>Man merkte ihr nichts an, als Erika hereinkam,
+freundlich und gütig und sanft wie immer.</p>
+
+<p>Mir kam’s aber vor, als läge ein eigentümlich
+trauriger Ausdruck in den lieben, stillen Zügen des
+Heidekindes.</p>
+
+<p>»Adieu, Marianne«, sagte sie und reichte ihr die
+Hand. »Ich freue mich, daß ich einmal in den Wald
+komme, ich bin doch ein Waldkind. Nur dieses eine
+Mal möchte ich mitfahren, darf ich?«</p>
+
+<p>Ganz leise sagte sie die beiden letzten Worte, aber
+ich hatte sie doch verstanden.</p>
+
+<p>Marianne stand und blickte sie an. Und als sich
+ihr Erika entgegenbog, hielten sich die beiden
+Mädchen plötzlich umschlungen. Ich tat, als hätte
+ich nichts gesehn. Was mögen sich diese vier
+Mädchenaugen dort gesagt haben?</p>
+
+<p>Marianne, Marianne, ich traue dir nicht.
+Meinst du’s ehrlich mit der lieben Heidkönigstochter?
+In ihrer Seele liegen keine Abgründe,
+keine Tiefen wie in deiner Seele. Das Kind der Heide
+ist treu und gut und hat den Glauben an die
+Menschen. Soll ich sie warnen vor den Menschen?<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span>
+In der einsamen Heide lernt man die Menschen
+nicht kennen. Die Heidemenschen sind nicht gleich
+uns. Anders geartet sind sie. Sie wohnen weit voneinander
+auf großer Fläche. Einer nimmt dem andern
+nicht sein Brot, nichts nimmt er ihm von Luft und
+Sonnenschein.</p>
+
+<p>Nichts von Liebe. Denn wenn das Heidekind liebt,
+dann liebt es in Zucht und Ehren. Es liebt treu und
+innig, fest und still. Das Heidekind weiß nichts von
+unzüchtiger Liebe und Leidenschaft, will nichts davon
+wissen. Nichts ahnt es von dem Bösen, das in
+Menschen der Leidenschaft und der unzüchtigen
+Liebe steckt.</p>
+
+<p>Heidkönigstochter, ob ich dich warne vor der
+anderen? Du bist in deiner Heide aufgewachsen
+wie Erika, die Heideblume selbst. In Frieden und
+in Zucht des väterlichen Heidhofes, die Linden am
+Tore haben dich als Kind beschirmt und dir die
+hold duftenden Lindenblüten auf den Schoß geschüttet,
+aus der Heide kam zu dir der Duft der
+Heideblumen, der Duft der gelben Lupine, in
+der die summenden Bienen schwelgen, und wenn
+du vors Tor liefst auf die Heide hinaus, dann sahen
+deine Kinderaugen nichts als Blumen, violette und
+gelbe, auch rote dazwischen und weiße, sahen über
+dem Feld all der Blumen den Himmel mit seinem
+flimmernden Glanz, die Sonne mit ihren goldigen<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span>
+Strahlen, sonst einsam, einsam, einsam ringsum.
+Kein Laut sonst als das Bienensummen, als der
+Wachtelschlag, Lerchengetriller und Zirpen der
+Grillen.</p>
+
+<p>Ja, liebes Heidekind, jetzt bist du unter die
+Menschen gekommen. Kaum kamst du unter sie, so
+kroch die Sünde an den Saum deines Kleides, deine
+reinen Heideaugen haben vielleicht heute, vorhin
+zum erstenmal etwas von der Sünde gesehn.</p>
+
+<p>Armes Kind der Heide.</p>
+
+<p>Ich sagte früher »armes Kind der Straße«.</p>
+
+<p>Mein Heidekind, ich glaube, das Straßenkind
+ist ärmer als du. —</p>
+
+<p>Mein Heidekind, ich fühle mich schuldig. Aber
+ich bin nur ein Mensch. Und wir Menschen sind
+schwach. Wirst du mir einst, wenn klar vor dir
+die Sünde dieses Hauses stehn wird, verzeihn?
+Oder wirst du den Saum deines Kleides an dich
+raffen und dich fortwenden von mir und von ihr?</p>
+
+<p>Es ward heute eine stille Waldfahrt.</p>
+
+<p>Im tiefen Schnee lag noch der Wald. Und doch
+ging es wie ein fernes Frühlingsahnen durch die
+verschneiten Zweige. Eine wärmere Luft schien
+schüchtern anzufragen: »Wann darf ich kommen, du
+kalter Schneemann, sag’ <em class="gesperrt">an</em>?«</p>
+
+<p>Diese Frage der wie ein Hauch uns umschmeichelnden
+Frühlingsluft machte Erika und<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span>
+mich still. Fast den ganzen herrlich-schönen Weg im
+Schlitten durch den im Schnee ruhenden, prächtigen
+Wald, den neckend die leise fragende Frühlingsluft
+umspülte, saßen wir still nebeneinander. Ich fühlte
+aber oft zwei heimlich und traurig mich anblickende
+Augen. Erikas, des Heidekinds Augen.</p>
+
+<p>Tat ich ihr leid? Ahnte sie vielleicht ein Stückchen
+von der ganzen schweren Wahrheit? Hatte sich ein
+Zipfel des drückenden, wie schwerer Nebel auf mir
+lastenden Tuches vor ihr gelüftet? — Unsinn! —
+Fräulein Bartel ist von Anfang an, von dem Tage
+an, an dem mir das Schicksal, dieses unergründliche,
+blindwaltend grausame Schicksal, Marianne
+ins Haus brachte, in meiner Kauzburg gewesen und
+merkt noch heute nichts. Niemand hat es gemerkt.</p>
+
+<p>Und dieses harmlose Heidekind sollte nach kurzer
+Zeit etwas ahnen? Unmöglich! Auch wenn sie wirklich
+Marianne vorhin weinend und neben mir stehend
+gesehn hätte. Nur die Liebe macht scharfsehend und
+vorausahnend. Ich fuhr zusammen.</p>
+
+<p>»Tor!« lachte ich bitter in mich hinein, während ich
+das reine, kindliche Profil der neben mir Sitzenden
+musterte. »Mich Erika lieben!« Scheiden tut sich
+Rein und Unrein wie auf Messers Schneide.</p>
+
+<p>Einen Mann könnte sie lieben, der gleich ihr in
+einsamer Heide vom Kind zum Knaben, vom Knaben
+zum Manne erwuchs. Gleich ihr, unberührt und<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span>
+keusch wie die Heide, fern von der argen Welt.
+Solchen Mann der jungfräulichen Heide darf das
+jungfräuliche Weib der Heide fordern. Zu solchem
+Manne fühlt sich solches Weib hingezogen. Ich
+krampfte meine Hände in das harte, kalte Leder der
+Leinen, mit denen ich den Gaul lenkte, zusammen.</p>
+
+<p>War’s nicht lächerlich, war’s nicht wie ein Wahnwitz,
+daß ich mir trotz allem oft so unschuldig vorkam
+wie solcher Knabe der Heide? Als ob alles gar nicht
+wahr, gar nicht Wirklichkeit sei? Bloß wenn die
+Leidenschaft kam in Gestalt jenes zauberschönen,
+glühenden, rothaarigen Mädchens, brach alles zusammen,
+mein ganzer Traum von einem unschuldigen
+Mann der Heide, der seine Hände ausstrecken
+darf nach dem unschuldigen Mädchen der Heide.</p>
+
+<p>»Weiche von mir! Weiche von mir! ... Nein,
+bleib, bleib, bleibe! Deine Haare sprühen wie rote
+Feuersglut, dein weißer Leib macht trunken. Der
+Seele Seligkeit geht verlustig, wer diesen Leib mit
+seinen Armen umschlingt. Weiche von mir, weiche
+von mir! Nein: bleib, bleib, bleib.«</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-123">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-123.jpg">
+</figure>
+
+<p>Nun taute es wirklich und wollte Frühling
+werden.</p>
+
+<p>In meiner Kauzburg ist’s wie Frühling. Ich habe
+<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span>
+ja den holdesten Frühling im Hause. Ist nicht des
+Heidkönigs Tochter unter meinem Dache? Ist des
+Heidkönigs Tochter nicht wie die Frühlingsbraut?
+Strahlt aus ihren Augen nicht das freundliche
+Winken des Frühlings. Dieses freundliche und doch
+so rührend keusche, fast schüchtern fragende Winken?</p>
+
+<p>Dieses freundliche, schüchterne und mit ein wenig
+versonnener, ernster Schwermut fragende Winken?
+Die Versonnenheit der weiten Heide ist’s, die innen
+wohnende, mit dem inneren Frohsinn gepaarte
+Schwermut all der Kinder einer weiten, weiten, einsamen
+Heide.</p>
+
+<p>Ja, Erika, ich kann es niederschreiben. Aus
+meinem Herzen heraus könnte ich es dir sagen: du
+hast der Kauzburg den Sonnenschein zurückgegeben.</p>
+
+<p>Wenigstens dem Kauz in der Kauzburg. Und ich
+bin doch der Kauzherr der Kauzburg.</p>
+
+<p>Dein reines, keusches Wesen hat diesen Räumen
+ihre Reinheit und Keuschheit eingehaucht. Ich bin
+durch dich gefeit gegen die wie Sturmtoben über mich
+hereinbrechende Leidenschaft zu den roten, wogenden
+wie Feuerschlangen mich umstrickenden Haaren der
+Hexe.</p>
+
+<p>Nein, nein, nicht die Hexe. Sie bleibt für mich das
+arme Kind der Straße. Ich will für sie sorgen und
+über sie wachen mein Leben lang. Nur »lieben«, nur
+»sie verlangen« ... vorbei, vorbei! —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<p>Ich bin <em class="gesperrt">frei</em>! Frei von den Banden, die mich umschlossen!
+Ich widerstehe Mariannen! Ich <em class="gesperrt">kann</em> ihr
+widerstehn! Mir ist, als sei ich neu geboren. Sie <em class="gesperrt">war</em>
+mein; jetzt soll sie mir fürderhin nur noch das arme
+Kind der Straße sein und bleiben, für das ich immer
+sorgen werde. Ich will sie schützen und will ihr treu
+sorgend zur Seite stehn. Wie ein Bruder seiner
+Schwester.</p>
+
+<p>Als ich ihr’s kürzlich sagte, sah sie mich lange
+durchdringend und spöttisch an.</p>
+
+<p>»Du liebst mich nicht mehr, ich weiß es«, sagte sie
+dann. »Meinetwegen, du liebst das fremde Mädchen
+aus der Heide. Aber du bist unfreier denn je.«</p>
+
+<p>»Marianne!« rief ich.</p>
+
+<p>»Still, lüge nicht, kein Wort sprich!« zischte sie
+mich an. Und ehe ich etwas erwidern konnte, war sie
+zur Tür hinaus.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-125">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-125.jpg">
+</figure>
+
+<p>Nun ist es schon seit Wochen so still. Fast ohne ein
+Wort zu sprechen, schleicht Marianne im Hause umher.
+»Sie fühlt sich krank«, sagte Fräulein Bartel zu
+mir, »am besten ist es, man läßt sie gewähren, so
+findet sie sich am ehesten wieder zu sich selbst zurück.«</p>
+
+<p>Sie ist allein in ihrer Stube, und wenn sie sich
+zeigt, ist sie stets in ihren großen, weiten Mantel
+gehüllt; sie friert, und der Frühling naht. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>Mit Erika spricht sie kein Wort. Und doch trägt
+ihr Erika das Essen aufs Zimmer, wenn Marianne
+nicht aufstehn will, und doch ist sie stets und immer
+so rührend freundlich zu ihr.</p>
+
+<p>Das Kind der Heide ist zu jedermann gleichmäßig
+freundlich und gütig. Auch zu mir. Aber ich merke
+es, ach ich fühle es, sie ist anders zu mir, als sie
+früher war. Scheu hat sie vor mir. Gewiß, es ist nicht
+anders: sie weiß um unser sündiges Verhältnis, das
+wir gehabt haben, oder sie ahnt es. Sie hat Erbarmen
+mit Marianne, — ich fühl’s: Erbarmen auch
+mit mir! Ich bin viel weniger an dieser Sünde schuld
+als Marianne. Was nutzt das alles? Ich bin der
+Mann, und dem Manne rechnet man’s stets viel
+mehr als Vergehen an. Er ist der stärkere Teil. Den
+schwächeren Teil soll der Stärkere schonen.</p>
+
+<p>Schonen! Schonen! Wenn das Weib lockt mit all
+seiner Zaubermacht, wenn es sündigen <em class="gesperrt">will</em> mit dem,
+der schonen soll! Ja, ja, der Frühling ist da! Was
+war ich vor kurzem noch frühlingsfroh und frühlingsfreudig!</p>
+
+<p>Fort, fort damit! Was soll mir der Frühling.
+Freut sich der Falke des Frühlings, wenn er an
+seinen Fängen gefesselt ist?</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-126">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-126.jpg">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>Ich sitze in meiner Stube und schreibe. Draußen
+ist wunderschöner milder Frühlingsabend und Vollmondschein.
+Alle Zugvögel sind wieder bei uns.
+Manche, zum Beispiel die Schnepfe, sind schon weiter
+nach Norden gezogen. Es grünt und blüht schon
+mächtig um die Kauzburg. Sie fängt an, das verzauberte
+Dornröschenschloß zu werden, wie im vorigen
+Jahr. Und die Nachtigall singt. Weich, feucht, dunstig
+und voller Duft ist die Luft. Ein schweres, weiches
+Atmen der neues Leben hervorbringenden Natur. Die
+feuchte, weiche, schwere, duftende Frühlingsluft zieht
+ins Fenster hinein. Zu mir in die Stube, an meinen
+Schreibtisch, vor dem ich sitze. Sie legt sich feucht
+und weich und schwer auf meine Brust, über meine
+Stirn und macht mich müde und traurig.</p>
+
+<p>Vollmond ist heute. Ich muß an Marianne denken.
+Welchen Einfluß hat doch stets der Mond auf sie!
+Dadurch, daß wir heimlich ihre Tür verschließen,
+haben wir ihr den Weg für die nächtlichen Wanderungen
+im Schein des Vollmondes verlegt. Ist sie
+vielleicht deshalb krank? Wie hell erstrahlt heute
+doch der Vollmond zur Erde herab! Mondwechsel!
+Das letzte Strahlen ist stets das schönste und hellste.</p>
+
+<p>Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen
+haben, Mariannens Tür zu verschließen? Ich hör’
+doch ein Schleichen, ein leises, gieriges Lachen? Ein
+tiefes, tiefes Aufseufzen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
+
+<p>Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür!
+Da ist sie ja, ... es ist Marianne .... Zu mir herein
+tritt sie ... gespenstisch, und weiß leuchtet ihre
+Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes
+Tuch geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr
+schönes goldrotes Haar. Sie spricht vor sich hin ...
+leise, ganz leise, und singend:</p>
+
+<p>... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit
+deiner Mutter hinauf in den gleißenden Mondschein,
+dort tanzen wir, dort sind wir allein« ...</p>
+
+<p>Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr
+armer Geist gelitten, was singt sie denn für ein tolles,
+irres Zeug?</p>
+
+<p>»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht
+zu erschrecken.</p>
+
+<p>Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr.
+Schlingt beide Arme um die im Schlaf Wandelnde
+und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen
+Stimme: »Marianne!«</p>
+
+<p>Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht
+sie, wo sie ist. Einen schrillen Schrei tut sie und stiert
+mich an. Stiert Erika an; stößt sie von sich und lehnt
+sich dann aufstöhnend an den Türpfosten an.</p>
+
+<p>Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor.</p>
+
+<p>Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und
+nun steht sie neben ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>
+sie etwas Schreckliches, Unglaubliches gefühlt, im
+Arme gehabt.</p>
+
+<p>Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie
+zurückführen in ihr Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen
+und sagt zu mir: »Bleiben Sie, rühren Sie
+sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne,
+ich soll dir helfen, ich allein?«</p>
+
+<p>Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum
+läßt sie sich von Erika fortführen, schwer stützt sie sich
+auf die zarte Gestalt des Heidekindes. —</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-129">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-129.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 9 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="9">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/h.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">H</span>abe ich das alles gestern abend geträumt?
+Heute, wo die helle Morgensonne freundlich
+über der Kauzburg liegt, glaube ich,
+daß ich wirklich gestern um Mitternacht das alles
+geträumt habe. Geträumt, daß Marianne plötzlich so
+geisterhaft vor mir im Vollmondschein stand, daß
+Erika, das schlichte Heidekind, ebenso plötzlich neben
+der Schlafwandlerin auftauchte, geträumt von dem
+irren Sprechen, dem merkwürdigen Singen Mariannens,
+— was sprach sie doch so singend vor sich
+hin? »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit
+deiner Mutter hinauf in den gleißenden Mondschein
+dort tanzen wir, dort sind wir allein?« ... Geträumt
+von dem schrillen Schrei, von Erikas Entsetzen, ach,
+nur geträumt von allem ...!
+</p>
+
+<p>Aber noch sehe ich, jetzt im hellen Morgenlicht
+sehe ich es noch so deutlich vor mir, wie sich
+Marianne so schwer, so schwer, als trüge sie schwere,
+bitterschwere Last, auf Erika, das Heidekind stützte ...!</p>
+
+<p>Ich danke dem Geschick, das mir dieses Heidekind
+ins Haus führte.</p>
+
+<p>Ihre bloße Gegenwart, der Gedanke schon, daß sie
+unter einem Dache mit mir ist, beruhigt mich. Unruhe,
+viel Unruhe berge ich in meinem Innern. Die
+Reue ist’s, ja, es ist die quälende Reue, daß ich
+Mariannens Lockungen nicht widerstanden habe. Oh,
+könnte ich ungeschehen machen, was geschehen ist.<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span>
+All diese nächtlichen Stunden wahnsinniger Leidenschaft.
+Nie wäre es geschehn, was geschah, wäre
+diese liebe Heidblume schon gleich in mein Haus
+gekommen.</p>
+
+<p>Und doch! ... Nein, nein ... ich will nicht feige sein!
+Ich will mich nicht hinter Ausflüchten verstecken.
+Auch <em class="gesperrt">ich</em> hatte Schuld. Ich mußte widerstehn, <em class="gesperrt">mußte</em>
+stark sein, stark bleiben. Und nun danke ich dir, Gott,
+den ich überall in der Natur um mich sehe, ich danke
+dir, daß aus der Sünde kein neues Leben entkeimte.
+Daß ich mich lösen konnte von Marianne und sie nun
+Schwester nennen werde. Wie für eine Schwester
+werde ich für sie sorgen fortan.</p>
+
+<p>Es klopft? ... Wer wird es sein so früh? ...
+»Herein! ... Ach, Erika, ... wie geht es Mariannen?«</p>
+
+<p>»Sie ist nicht hier?« sagte Erika und blickte sich
+suchend um.</p>
+
+<p>»Nein, hier ist sie nicht. War’s denn gestern
+wirklich kein Traum, Erika? Marianne gestern zur
+Nachtstunde dort, wo Sie stehn?«</p>
+
+<p>»Lassen Sie, lassen Sie« ... unterbrach sie mich.</p>
+
+<p>»Ich muß Mariannen suchen ... Gott im Himmel,
+sie schlief so fest, drum ließ ich sie allein ... und
+nun suche ich sie schon überall und finde sie nicht ...
+und ... und ... sie darf nicht fort ... sie ist ... ja,
+sie ist krank ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p>
+
+<p>»Ich suche mit Ihnen, Erika!« Und schon war ich
+neben ihr im Flur draußen.</p>
+
+<p>»So beruhigen Sie sich doch, Erika,« rede ich auf
+sie ein, »wo soll sie denn sein? Bei Fräulein Bartel
+vielleicht, oder unten im Garten oder schon wieder
+in ihrer Stube ...«</p>
+
+<p>»Nein, nein, nein!« jammert Erika auf und
+schlägt ihre Hände vors Gesicht.</p>
+
+<p>»O, warum ließ ich sie allein, warum ließ ich sie
+allein.«</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-132">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-132.jpg">
+</figure>
+
+<p>Es ist Abend. Wir haben sie nicht gefunden.
+Schwerer, ganz dichter, schwerer Frühlingsregen
+fällt, und immer stärker wird der Frühlingswind.
+Überall haben wir sie gesucht.</p>
+
+<p>Im unterirdischen Gang bin ich mit Erika bis
+zu dem stillen, heimlichen Tal gekrochen. Dort,
+auch dort war sie nicht. Als ich den tiefen Waldteich
+sah, auf dessen stille Fläche der Frühlingsregen
+in schweren Tropfen aufschlug, faßte ich Erika
+krampfhaft bei der Hand. Sie las das Entsetzen,
+das in meinen Augen stand. Da sagte das liebe
+Heidekind: »Nein, <em class="gesperrt">das</em> hat sie nicht getan, ich weiß,
+daß sie das nicht tut, ich weiß, <em class="gesperrt">warum</em> sie das
+nicht tun wird ..., sie hat sich <em class="gesperrt">nicht</em> das Leben<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
+genommen, glauben Sie’s mir und ... und ... fassen
+Sie Mut ... Nicht dieses Entsetzen in den Augen.«</p>
+
+<p>»Warum, Erika, sagen Sie, <em class="gesperrt">warum</em> glauben Sie,
+daß sich Marianne nicht das Leben genommen hat?«</p>
+
+<p>»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, flüsterte sie
+und sah zur Erde.</p>
+
+<p>»Aber wir müssen sie finden, sie kann in ihrem
+Zustande ja nicht fort, sie muß in Pflege kommen,
+bald, bald in treue Hut und Pflege ...«</p>
+
+<p>»Ja, bald, bald, denn sie ist krank,« rief ich;
+»ach Marianne, hätten wir dich erst wieder!«</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-133">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-133.jpg">
+</figure>
+
+<p>Der Frühlingssturm braust stärker und stärker.</p>
+
+<p>Wie sich die Bäume biegen! Wie sie geschüttelt
+und gerüttelt werden! Aber das junge Frühlingslaub
+hält fest. Es ist kein Laub des Herbstes.
+Nein, nein, heut hast du keine Macht!</p>
+
+<p>Das junge Leben kann dir widerstehn! Das
+junge Leben! Überall junges, werdendes Leben in
+der Natur. Was weiß solches junges Leben von
+den Stürmen des Herbstes! Was weiß junges
+Leben überhaupt vom Leben! Wie schwer das
+Leben ist.</p>
+
+<p>Es ist gut, daß junges Leben nichts weiß von
+der Schwernis des Lebens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>Des Lebens Schwernis kommt von selbst. Man
+braucht sie nicht zu rufen.</p>
+
+<p>Herein tritt sie wie jemand, der ein Recht hat,
+einzutreten. Sie läßt sich bei uns nieder und bleibt
+an unserem Tische. Sie schleicht sich bis aufs Ruhelager
+und schläft mit uns und wacht mit uns
+wieder auf.</p>
+
+<p>Ach, bei manchem jungen Leben steht diese
+Lebensschwernis schon am Bett, kaum daß dies
+junge, neue Leben den ersten Lichtstrahl dieser Erde
+in sich aufnahm.</p>
+
+<p>Draußen treibt der Frühlingssturm, der Regen
+gießt wie in Schleusen herab, — wo bist du,
+Marianne, um des Himmels willen, wo <em class="gesperrt">bist</em> du!?</p>
+
+<p>Ich sprang auf. Ich darf nicht hier sitzen und dem
+Sturmwind lauschen, suchen muß ich sie wieder,
+suchen, bis ich sie gefunden habe!</p>
+
+<p>Da stand plötzlich Erika vor mir. Sie war in
+einen Umhang gehüllt. Von ihr tropfte des Regens
+Nässe. Ganz bleich stand sie vor mir. »Erika!«
+rief ich und sprang auf.</p>
+
+<p>»Kommen Sie, kommen Sie!« keuchte sie atemlos.
+»Sie müssen gleich, gleich, gleich mit mir
+kommen ... zu Marianne!«</p>
+
+<p>»Zu <em class="gesperrt">Marianne</em>? Sie haben sie gefunden?
+Sie wissen, wo sie ist?«</p>
+
+<p>»Kommen Sie!« stieß sie hervor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>»Marianne will Sie sehn, Sie müssen Marianne
+sehn, ehe ... ehe ...«</p>
+
+<p>Ein Schluchzen erschütterte sie.</p>
+
+<p>»Marianne stirbt, nicht wahr, sie stirbt?« rief ich
+und taumelte nach der Tür. —</p>
+
+<p>Sie nickte bloß und schrie laut auf vor Schmerz.
+Schon stand ich unten mit ihr in dem tobenden
+Frühlingssturm. Ach, der Regen strömte in Güssen
+herab, aber alles ringsum atmete den Frühling aus.
+Die vom Sturm bewegte Luft war weich und
+frühlingswarm.</p>
+
+<p>»Kommen Sie!« sagte Erika und faßte mich an
+der Hand.</p>
+
+<p>»Ich führe Sie, Sie gehn ja wie ein Trunkener,
+Sie armer Mensch.«</p>
+
+<p>Ich stolperte hinter ihr her. Kein Mensch war
+auf den engen Gassen des Städtchens. Der
+strömende Regen hatte die ganze kleine Krämerwelt
+in die Stuben gebannt.</p>
+
+<p>Wohin führte mich Erika? Endlich standen wir
+vor einer Pforte still. Einer Pforte in einer hohen
+Mauer. Ich strich mir den Regen aus dem Gesicht
+und blickte mich um.</p>
+
+<p>»Das ist ja das katholische Kloster«, sagte ich
+wie im Traum.</p>
+
+<p>Erika pochte dreimal an die Pforte. Ein<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span>
+Schlüssel knarrte, und die Pforte wurde geöffnet.
+Eine Schwester stand vor uns. »Lebt sie?« stieß
+Erika hervor. »Ja, sie lebt, kommen Sie, ich führe
+Sie hinauf.«</p>
+
+<p>Wir gingen über den Klosterhof, bis zu dem
+hinein dieser heftige Frühlingssturm nicht drang.
+Der Regen schlug klatschend auf den steingepflasterten
+Hof; süße Düfte drangen vom Klostergarten
+hierher, ganz fern hörte ich eine Nachtigall
+pfeifen. Sie wollte singen trotz des Sturmes, weil’s
+doch Frühling war.</p>
+
+<p>Ich hätte weinen können, so war mir zumute.
+Viele Treppen stiegen wir hinan, durch die stillen,
+schmalen Klostergänge folgten wir der Schwester.
+Ein paar Schwestern in ihrer schwarzen Nonnentracht
+begegneten wir. Sie huschten an uns vorbei
+und sagten leise: »Gelobt sei Jesus Christus!«</p>
+
+<p>»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte auch ich, ich,
+der ich im grünen Walde draußen meinem Gott am
+nächsten stehe! Aber dieser tiefe Frieden in diesen
+Klostermauern erschütterte mein Herz. Vor einer
+Tür blieben wir stehn.</p>
+
+<p>»Hier liegt sie, aber bitte, seien Sie ruhig, leise
+und gefaßt«, sagte die Schwester bittend und drückte
+auf die Türklinke.</p>
+
+<p>Ja, da lag sie in blütenweißen Linnen des Bettes.
+Über die Weiße des Bettzeuges fluteten ihre rotgoldenen<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span>
+Haare, die mein Entzücken und meine Pein
+gewesen waren.</p>
+
+<p>Tief und groß und strahlend sahen mich ihre
+Augen an, sofort, als ich ins Zimmer trat, nein,
+als ich noch in der Tür stand.</p>
+
+<p>Wie? Das sollte eine Sterbende sein? Waren
+in ihrem lilienweißen Gesicht die Wangen nicht
+von sanfter Rötung? Die Lippen, die sich so oft
+in glühender, verzehrender Leidenschaft an die
+meinen gepreßt hatten, nicht rot wie die Kirschen?
+Die Arme, die sie mir entgegenstreckte, nicht von
+derselben köstlichen Rundung, wie einst, da sie noch
+mein gewesen war?</p>
+
+<p>»Du kommst, Du bist gekommen und hast mir
+verziehn«, sagte sie leise zu mir, so leise, daß es
+kaum bis zu mir hindrang. Ja, an dieser Stimme
+erkannte ich, daß sie krank, sterbenskrank war.</p>
+
+<p>»Marianne«, sprach ich, trat neben das Bett
+und wollte mich auf die Knie niederlassen zu ihr.
+Da erklang plötzlich in dem kleinen, matt erhellten
+Raum ein Wimmern, ein Weinen. Ich fuhr zusammen
+und horchte. Wie ein Entsetzen durchfuhr’s
+mich. »Was, was ist das?« fragte ich
+fassungslos. »Ein Kind, ein eben geborenes Kind
+hier bei der Kranken?«</p>
+
+<p>Erikas Hand legte sich ruhig, aber mit festem Druck
+auf meinen Arm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>»Fassung und Ruhe,« raunte sie mir zu, »vergessen
+Sie nicht, daß Sie eine Sterbende vor sich
+haben.«</p>
+
+<p>»Mein Kind,« flüsterte Marianne, während ein
+unendlich glücklicher und trauriger Ausdruck ihre
+Züge überhauchte, »mein und dein Kind«, setzte
+sie verzagt hinzu und sah mich ängstlich an.</p>
+
+<p>»Marianne!« schrie ich, nein, wollte ich aufschreien,
+hätte ich geschrien, wenn sich nicht rasch Erikas
+Hand auf meinen Mund gelegt hätte.</p>
+
+<p>»Fassung und Ruhe«, sagte sie ernst zu mir. Ich
+stürzte vor dem Bette auf die Knie, Mariannens
+eine Hand streckte sich mir entgegen, die andere Hand
+legte sie mir auf mein Haar, und ich, ich verbarg
+mein Gesicht in ihrer Hand und stöhnte tief, tief auf.</p>
+
+<p>Also <em class="gesperrt">das</em> war’s! Das war ihre Flucht, <em class="gesperrt">das</em> war
+ihr Verborgensein, das war’s, was ihr das Leben
+nun nahm.</p>
+
+<p>»Marianne, Marianne«, ich konnte nichts anderes,
+als immer nur ihren Namen sagen. Und das
+Kindchen, <em class="gesperrt">mein</em> Kind und <em class="gesperrt">ihr</em> Kind, weinte kläglich,
+wie ein Häslein, das der Fuchs gepackt hat.
+Erika beugte sich zu der Wiege und nahm das
+Bündchen neues Leben in ihre Arme: Da beruhigte
+sich das Geschöpflein und schlief ein.</p>
+
+<p>»Die dort soll seine Mutter sein, sie hat es mir
+bei Gott geschworen, sie wird ihr Wort doch halten?«<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span>
+sagte Marianne, auf Erika zeigend, zu mir, und
+blickte mich forschend an.</p>
+
+<p>»Ich schwöre es hier vor dir und vor dem Vater
+dieses Kindes noch einmal, bei Gott im Himmel,
+der in das Herz von uns sieht: Ich will diesem Kinde
+eine Mutter sein, eine treue Beschützerin, darüber
+kannst du ruhig sein und ruhig schlafen, Marianne«,
+sagte Erika mit erstickter und doch mit einer so treuen,
+klaren Stimme, daß ein Schimmer des Glücks über
+Mariannens Gesicht glitt.</p>
+
+<p>Und jetzt wandte die Sterbende den Kopf mir zu.
+Sie sagte nichts, aber ihre tiefen, schönen Augen,
+in die der kommende Tröster Tod schon den schönen
+Glanz ewiger Ruhe gedrückt hatte, taten stumm und
+doch so sprechend eine Frage an mich.</p>
+
+<p>Ich war so erschüttert, daß ich erst gar nicht
+sprechen konnte. Erika legte mein Kind in meinen
+Arm. Ich küßte das liebe, schlafende Gesichtlein
+und sagte, während die Tränen mir aus den Augen
+stürzten, zu der mich forschend und mit dem Ernst
+des Todes anblickenden Marianne: »Ich erkläre
+dieses Kind für mein Kind; und damit es in den
+Augen der Menschen als ein ehrliches Kind gilt, und
+nie die Schmach und den Fluch fühlt, die man
+außerehelich geborenen Kindern zur Schande der
+ganzen Menschheit entgegenbringt, werde ich dieses
+Kind adoptieren und ihm meinen Namen geben.<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span>
+Ich leiste darauf vor der Mutter dieses Kindes,
+vor dir, Marianne, und vor Erika den Eid der über
+uns waltenden unsichtbaren Gottheit.«</p>
+
+<p>Tief atmete Marianne auf. Sie lehnte sich in
+die Kissen zurück, und ein unendlich glücklicher Ausdruck
+verklärte ihr Gesicht. »Sie will schlafen«,
+sagte ich leise. Die Schwester war hereingekommen,
+beugte sich über das Bett und betete halblaut. Und
+während sie mit ihrer linken Hand der Schlafenden
+die Kissen ordnete, tauchte sie die Finger der rechten
+Hand in das an der Wand hängende, mit Weihwasser
+gefüllte kleine Becken, über dem der gekreuzigte
+Christus hing, und bespritzte das Gesicht
+der Schlafenden mit dem geweihten Wasser.</p>
+
+<p>»Daß sie sich nicht erschrickt und aufwacht«,
+bat ich leise.</p>
+
+<p>Da richtete sich die Schwester auf, wandte sich mir
+zu und antwortete mit ihrer sanften Stimme: »Sie
+schläft und wird erst aufwachen im Himmel oben.«</p>
+
+<p>Und nun sah ich Mariannens Gesicht. Ich sah,
+daß sie tot war. Sie lächelte noch immer unendlich
+glücklich, aber das Lächeln war wie in weißen
+Marmor gegraben.</p>
+
+<p>Marianne, Marianne!</p>
+
+<p>Man ließ mich neben ihr niederknien. Kein Wort
+wurde gesprochen. Lange, lange sah ich mir
+ihr holdes Gesicht an. Wie sanft, wie friedlich, wie<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+von innerem Glück verklärt sah es aus. Nichts
+mehr von der dämonischen Leidenschaft war in diesen
+engelsreinen, schönen Zügen.</p>
+
+<p>O, Raffael Sanzio von Urbino, du gottbegnadeter
+Maler der holden Madonna della Sedia und der
+von St. Sixto, lebtest du noch, herbeirufen würde ich
+dich in diese Klosterkammer, und du fändest die
+schönste Madonna, die du malen könntest zur ewigen
+Unsterblichkeit auf Erden. Und du, edler Tiziano
+Vecellio aus dem kleinen verborgenen Pieve
+di Cadore, der du in unerreichter Schöne das goldenbraun
+gefärbte Haar der alten Römerinnen auf die
+Leinwand zaubern konntest, hier würdest du goldleuchtendes,
+niemals von Farbe berührtes Haar
+zu sehn bekommen, das dich, den Maler schönen
+Weiberhaares, in begeisterndes Entzücken versetzte.
+»Wir wollen sie nun schlafen lassen und sie nicht
+stören in ihrem ewigen Schlaf«, sagte die Nonne
+leise und legte über das Gesicht der Toten ein
+weißes Tuch.</p>
+
+<p>Schwer erhob ich mich. Verstört blickte ich
+mich um.</p>
+
+<p>»Und das Kind?« brachte ich endlich heraus.</p>
+
+<p>»Für das sorgen wir«, sagte die Schwester.</p>
+
+<p>Ich trat zu der Wiege hin. »Es ist ein Mädchen?«
+fragte ich. Erika nickte.</p>
+
+<p>»Ach, du liebes Geschöpfchen, du wirst nie deine<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span>
+Mutter sehn. Um dir das Leben zu geben, hat sie
+ihr Leben hingegeben. War’s nicht besser, sie nahm
+dich mit in diese schöne, lächelnde Ruhe? Dich und
+auch mich zugleich? Nun muß ich es tragen, daß
+mein Kind der Mutter meines Kindes das Leben
+nahm. Und ich, ich bin an all dem schuld.«</p>
+
+<p>»Kommen Sie«, bat Erika, die inzwischen alles
+leise mit den Schwestern besprochen hatte.</p>
+
+<p>Ich folgte ihr wieder durch die vielen Gänge
+des Klosters nach, bis wir an die Pforte kamen.
+Lautlos trat eine Schwester vor und schloß die
+Pforte auf, sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, und
+draußen auf der Straße stand ich mit Erika in der
+Frühlingsnacht.</p>
+
+<p>Der vordem so starke Sturm hatte sich zu einem
+fast schwach zu nennenden Winde gemildert.</p>
+
+<p>Der Himmel hatte sich aufgeklärt, man sah die
+Sterne flimmern. Aus jedem Garten, an dem wir
+vorüberkamen, klang der weiche, schöne Gesang
+einer Nachtigall, drang der aromatische Duft von
+Flieder und Jasmin.</p>
+
+<p>Fast betäubend in meinem Burggarten.</p>
+
+<p>Wir hatten unterwegs kein Wort zusammen
+gesprochen. Hier in dem Burggarten, wo ich schon
+so oft mit so viel Freude, mit so viel Leid gewesen war,
+blieb ich stehn.</p>
+
+<p>Der ganze Schmerz um Marianne faßte mich<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+hart an. Die ganze Verantwortung um das Kind
+stand mir vor Augen. Aber hätte jetzt jemand zu mir
+gesagt: »Ich will dir dein Kind abnehmen, ich gebe
+dir dein Kind nicht«, — wie ein Wolf hätte ich
+ihn angefallen und um das Kind mit ihm gekämpft.
+So groß war meine Liebe für das liebe, arme
+Geschöpflein, das ich kaum ein paar Minuten
+in meinen Armen gehalten hatte. Aber es war
+<em class="gesperrt">mein</em> Kind; es war <em class="gesperrt">Mariannens</em> Kind. Wie
+nennen doch die Menschen solche Kinder? Kinder
+der Sünde! O, ihr ruchlosen Menschen, wie könnt
+ihr solche Geschöpflein Kinder der Sünde nennen!
+Eure Zunge müßte im Gaumen verdorren, wenn
+ihr das aussprecht! Schlimmer seid ihr, die ihr
+verächtlich auf solche Kinder herabseht, schlimmer
+als die wildesten Bestien seid ihr! Die wildeste
+Bestie kennt kein Kind der Sünde. Die wildeste
+Bestie kennt nur ihr Kind. Nein, frei will ich mich
+zu dem Kinde bekennen. <em class="gesperrt">Mein</em> Kind ist es! Jeder
+soll es hören, der es hören will!</p>
+
+<p>O, schon jetzt sah ich die Kleinkrämer des
+Städtchens höhnisch lächelnd ihre Kleinkrämernasen
+rümpfen! Rümpft sie nur, ihr Kleinkrämerpack!
+Über <em class="gesperrt">mich</em> könnt ihr eure Nasen rümpfen, wehe
+aber, wenn ihr Mariannen, die Mutter dieses
+Kindes, oder mein Kind verunglimpft! »Erika,«
+wandte ich mich an das stumm neben mir stehende<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span>
+Heidkönigstöchterlein, »Sie haben es Mariannen
+versprochen, ihrem Kinde eine treue Mutter zu
+sein?«</p>
+
+<p>»Ich habe es ihr versprochen und will mein
+Versprechen halten. Fragen Sie nichts mehr«, bat
+sie plötzlich und hob ihre Hände bittend gegen mich.
+Sie weinte. Weinte ganz still und leise, und ich sah,
+wie ihr die Tränen aus den Augen strömten.</p>
+
+<p>»Gut, Erika, Sie sollen keine weitere Frage von
+mir hören. Aber dankbar werde ich Ihnen sein,
+wenn Sie sich meines Kindes annehmen wollen.«</p>
+
+<p>Oben stürzte uns Fräulein Bartel entgegen.</p>
+
+<p>»Haben Sie Marianne gefunden?« rief sie. Sie
+war <em class="gesperrt">doch</em> ein guter Mensch, denn man hörte die
+Angst aus ihrer Stimme deutlich heraus.</p>
+
+<p>»Ja, wir haben sie gefunden«, sagte ich. »Weiß
+sie das andere, ich meine das mit dem Kinde, schon?«
+wandte ich mich an Erika. Die schüttelte schluchzend
+ihren Kopf.</p>
+
+<p>»Marianne ist tot, Fräulein Bartel ...«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Gott im Himmel!« schrie sie laut auf.</p>
+
+<p>»Ja, Marianne ist tot, sie ist an der Geburt eines
+Kindes, eines Mädchens, gestorben.«</p>
+
+<p>Mit großen, geradezu entsetzten Augen sah sie
+mich an. Ich winkte ihr, still zu sein. Allein wollte
+ich sein.</p>
+
+<p>»Gute Nacht, Fräulein Bartel, und gute Nacht,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span>
+liebe, liebe Erika. Nicht wahr, Sie sehn morgen
+früh gleich nach dem Kinde?« Sie nickte stumm.
+Sing’ dein Trauerlied zur stillen Frühlingsnacht,
+liebholde Nachtigall!</p>
+
+<p>Marianne ist tot.</p>
+
+<p>Du kanntest sie ja. Oft ist sie, wenn du sangest,
+an deinem Fliederstrauche stehn geblieben, die
+Blumen dufteten, es duftete ihr goldrotes Haar, in
+dessen seidenen Wellen das weiße Mondlicht spielte.</p>
+
+<p>Ja, singe ein Trauerlied. Ich stehe hier am
+Fenster und höre dir zu und lasse die Vergangenheit
+an meinen Augen vorübergehn. Von dem goldenen
+Haare aber behalte ich mir eine Strähne. Die wird
+dann leuchten wie eitel Feuergold, wenn ich sie
+herauslege zur Vollmondstunde im Mondessilberglanz.</p>
+
+<p>Marianne: Leid und Lust bist du mir gewesen.
+Soll ich richten jetzt, ob größer das Leid, ob größer
+die Lust?</p>
+
+<p>Mit Wonne ist Leid verknüpft, nie ist es anders.
+Die Wonne allein ist Menschen nicht beschieden.</p>
+
+<p>Das Leid ist unser Gefährte. Nur wie ein toller
+Bub kommt gesprungen und ist fort wie ein Bub
+des Augenblicks die Wonne. So also sieht die
+Freiheit von den goldenen Fesseln aus? Lange wird
+es dauern, ehe ich mich der Freiheit erfreuen werde.</p>
+
+<p>Das rote Gold der Flechten war zu schön.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<p>Zu schön der weiße Leib, den man so bald nun
+in die tiefe Erde senken wird.</p>
+
+<p>Aber wir sollen doch Erde werden. Wir <em class="gesperrt">sind</em> doch
+von Erde und sollen doch Erde bleiben.</p>
+
+<p>O liebe Erde, den schönsten Menschenleib sollst du
+so bald erhalten.</p>
+
+<p>Sei ihm ein treuer Mutterschoß und laß Veilchen
+nur aus jener Stätte sprießen.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-146">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-146.jpg">
+</figure>
+
+<p>Soeben kommt Erika aus dem Kloster zurück.
+Sie sagt mir, daß für das Kind gesorgt sei.</p>
+
+<p>»Ich will’s aber doch so bald als möglich in die
+Oberförsterei nehmen, Erika.« Sie sieht zur Erde
+und sagt kein Wort. Dann spricht sie: »Auch ich halte
+es für das beste.«</p>
+
+<p>»Ach, Erika, was müssen auch <em class="gesperrt">Sie</em> unter dem
+allen leiden. Sie, ein unschuldiges Kind der Heide!
+Kaum setzen Sie den Fuß in die Welt hinaus,
+so tritt der Welt Sünde an Sie heran«, sagte ich
+herzlich zu ihr und faßte ihre Hände warm und fest
+mit den meinen.</p>
+
+<p>»Der Welt Sünde, aber noch mehr der Welt
+Unglück, und im Unglück müssen die Menschen doch<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span>
+einander beistehn so gut, als sie können. Auch bindet
+mich das Versprechen, das ich der Toten gab.«</p>
+
+<p>»Werden Sie bei mir bleiben?« fragte ich zaghaft.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, was ich tun darf; mein Vater wird
+bestimmen«, erwiderte sie leise.</p>
+
+<p>»Sie wollen alles Ihrem Vater sagen, Erika?«</p>
+
+<p>»Ja, alles«, sagte sie ruhig. »Er kommt in den
+nächsten Tagen und will mich abholen, in die Heide
+zurück.«</p>
+
+<p>»Und <em class="gesperrt">wird</em> Sie in seine keusche Heide mit sich
+nehmen, ich weiß es, Erika. Ja, ich weiß es. Ihr
+Vater kann nicht anders handeln, und töricht war
+meine Frage, ob Sie hier bei dem Kinde
+Mariannens bleiben wollen. Ich muß <em class="gesperrt">allein</em> sehn,
+wie ich es in Zukunft machen, wie ich mein Kind mir
+erhalten soll. Allein, allein!«</p>
+
+<p>»Ich will das Kind mit mir in die Heide nehmen,
+wenn Sie’s mir anvertrauen«, sagte sie sanft. »Solange
+will ich’s behalten, bis Sie es bei sich haben
+können.«</p>
+
+<p>»Erika! <em class="gesperrt">Das</em> wollen Sie tun! Wie soll, wie kann
+ich’s Ihnen danken!«</p>
+
+<p>Wie ein Jubelschrei brach’s von meinen Lippen.
+Ja, in die Heide soll mein Kind, in die Heide zur
+Heidkönigstochter! Die schwere Sorge der nächsten
+Zeit um das mutterlose Geschöpf will mir Erika, das
+Heidekind, abnehmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>Ich hätte ihr die Hände küssen können.</p>
+
+<p>Aber mein innerer Jubel galt nicht dem Kinde
+allein. Wenn mein Kind bei ihr im Heidhofe ist,
+würde ich, mußte ich ja Erika wiedersehen. Blieb mit
+ihr in steter Verbindung — ein Herz würde weiter
+für mich schlagen, das zu verlieren die schreckliche
+Angst der letzten Stunden für mich gewesen war.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-148">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-148.jpg">
+</figure>
+
+<p>Die Stunde ist da, in der man Marianne ins
+Grab legt.</p>
+
+<p>Ich ging mit Erika und Fräulein Bartel am frühen
+Morgen ins Kloster.</p>
+
+<p>Weil ich noch einmal, zum letztenmal das Gesicht
+der Toten sehn wollte.</p>
+
+<p>Die mir im Leben so nahe stand. Von deren Leibe
+und Seele ein Kind mein eigen ist.</p>
+
+<p>Nach der Beerdigung will ich das Kind gleich mitnehmen
+zu mir, um mich als Vater zu ihm zu bekennen,
+eintragen zu lassen als Vater und die Kleine
+zu adoptieren.</p>
+
+<p>Ich sehe es an den Leuten, die uns begegnen, daß
+man schon etwas weiß in der Stadt.</p>
+
+<p>Man sieht mir nach, man kriecht in die Haustür
+zurück, man grüßt mich ersichtlich verlegen und erstaunt.
+Aber mancher auch herzlich und warm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<p>Im Kloster schleichen die Schwestern scheu an mir
+vorbei.</p>
+
+<p>Verlegen, kaum hörbar klingt ihr Gruß: »Gelobt
+sei Jesus Christus.«</p>
+
+<p>Was sind mir die Grüße der Menschen!</p>
+
+<p>Für anderes habe ich zu sorgen und zu denken.
+Früh sind wir gekommen, gottlob, so haben wir die
+Tote noch für uns allein.</p>
+
+<p>Mein Kind habe ich vorher gesehn. Es schrie so
+kläglich, als wüßte es, daß seine Mutter jetzt tief in
+die Erde kommt.</p>
+
+<p>Der Domherr wird, wie ich höre, die liebe Tote beerdigen.
+Das ist brav von ihm. Ich hätte es nicht
+gedacht. Er selbst beerdigen und dieses arme
+Straßenkind, diese uneheliche Mutter!</p>
+
+<p>Und so stehe ich denn vor dir, Marianne, zum
+allerletztenmal.</p>
+
+<p>Zum allerletzten Male sehe ich dein Gesicht.</p>
+
+<p>Es ist noch unverändert, nur der kleine, bräunliche
+Fleck an der Stirn, die im Leben weiß von
+Farbe wie die Gartenlilien gewesen, sagt mir, daß
+die Erde anfängt, ihr Erdenkind wieder zurückzunehmen
+in sich hinein.</p>
+
+<p>Weshalb gab sie es her?</p>
+
+<p>Ein so holdes Erdengeschöpf hat sie hilflos auf
+die Schwellen dieses Hauses einst gelegt.</p>
+
+<p>Hat doch ein jedes, selbst das kleinste der kleinen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span>
+Vögel sein Nest und seine Eltern, die den kleinen
+hilflos-nackten Vogel füttern. Doch dir, du armes
+Straßenkind, haben Nest und Eltern gefehlt.</p>
+
+<p>Aber <em class="gesperrt">deinem</em> Kinde werden Nest und Eltern
+<em class="gesperrt">nicht</em> fehlen. Das ist das einzige, was den Schatten
+meiner Seele lichtet, was meine Reue in stillen
+Schmerz verwandelt. Lebe wohl, Marianne. — —</p>
+
+<p>Die Schwestern kamen. Der Sarg wurde geschlossen.</p>
+
+<p>Zwei Chorknaben mit brennenden, efeuumrankten
+Kerzen stellten sich neben den Sarg, ans Sargende
+zwei andere mit dem an silbernen Ketten schwingenden
+Weihrauchgefäß mit Weihrauchschälchen und
+silberner Schippe zum Nachfüllen des Gefäßes.
+Der Weihrauch erfüllte den kleinen Raum mit betäubendem
+Duft, nun tönte ein fernes Glöckchen,
+dessen Töne immer näher kamen, und der Domherr
+in seinem reichgestickten Gewand trat ein. Ich fuhr
+zusammen. Wieder sah ich diese tiefen, dunklen
+Augen eine Sekunde lang auf mir ruhen — dasselbe
+Flimmern, derselbe Ausdruck, den Mariannens
+Augen in Leidenschaft und Zorn hatten, dieselbe
+Farbe ihrer Haare hatte dieser Mann dort. Der wie
+ein Fürst so stolz und hoch zu Häupten des Sarges
+stand und sofort nach seinem Eintritt mit den
+Gebeten begann.</p>
+
+<p>Ob ihm die Tote wohl ihr Geheimnis gelüftet<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span>
+hatte? Ob er jetzt in diesem Augenblick schon den
+Vater ihres Kindes kannte?</p>
+
+<p>Die Gebete waren beendet.</p>
+
+<p>Noch einige Worte sprach er zum Nachruf der Toten.</p>
+
+<p>O, dieser Mann! Wie ich ihn hasse!</p>
+
+<p>Er sprach von dem kurzen, armselig kurzen und
+dunklen Leben der Verstorbenen, er schilderte, wie
+sie, von der Schwelle dieses Klosters aufgelesen, im
+Kloster eine Heimat fand, wie er selbst sich stets um
+ihr Wohl gekümmert und über ihr gewacht habe, und
+wie es ihn schmerze, daß sie nun doch das Opfer der
+Sünde, der Verführung geworden sei. Lautlos still
+war alles an dem Sarg. Nur von draußen drang
+das Zwitschern der Vögel bis hierher.</p>
+
+<p>Starr sah ich dem Mann, der da sprach, ins
+Gesicht. Er blickte mich an, aber sofort senkten sich
+seine Augen wieder auf das Gebetbuch herab.</p>
+
+<p>Ja, nun wußte ich: Er kannte den Vater des
+Kindes. Weshalb aber hielt er meinen Blick nicht
+aus? Er, der Sündlose, den Blick eines Sünders
+nicht?</p>
+
+<p>Die Klosterschwestern trugen den Sarg auf den
+Klosterkirchhof. Der Weg war kurz, der Sarg war
+leicht.</p>
+
+<p>Über dem Grabe blüht der Flieder. Alte, uralte
+Fliedersträucher. Fast Fliederbäume zu nennen.
+Drin nisten Nachtigallen immer wieder im Frühling;<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span>
+ein schöner Platz. Es ist doch gleichgültig, wo man
+wieder zu Erde wird. Aber die noch Lebenden finden
+eine Befriedigung darin, daß der Platz ihres Toten
+schön ist. Sonderbar: auch <em class="gesperrt">ich</em> möchte lieber an
+solchem Platze wieder Erde werden, als in dem
+Staube der Wüste zerstäuben. Ich stand mit Erika
+noch lange bei dem Grabe allein.</p>
+
+<p>Nun aber hole ich mir mein Kind. — — — —</p>
+
+<p>Ich wollte Erika fortschicken. Aber sie wollte
+bleiben.</p>
+
+<p>»Sie werden mich brauchen«, sagte sie eigentümlich
+ernst.</p>
+
+<p>»Mein Heidkind, gehn Sie, gehn Sie. Setzen Sie
+sich nicht den Reden, den Augen der Menschen dieser
+Stadt aus, wenn ich mit meinem Kinde durch die
+Straßen gehe und es in meine Kauzburg bringe.«</p>
+
+<p>»Ich bleibe«, erwiderte sie.</p>
+
+<p>»So kommen Sie, Erika.«</p>
+
+<p>Wir gingen über den stillen Kirchhof nach dem
+Kloster hinüber.</p>
+
+<p>Die Tür war verschlossen. Ich klingelte. Das
+Glöckchen tönte. Eine Schwester öffnete einen Spalt
+breit die Tür.</p>
+
+<p>»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte sie und sah
+mich fragend an.</p>
+
+<p>»Ich will zu dem Kind der soeben zur Ruhe Gebetteten«,
+sagte ich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>»Zu dem Kinde Mariannens?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Ja, zu dem.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie herführt?«
+fragte sie.</p>
+
+<p>»Ich sagte schon: Zu dem Kinde will ich. Ich will
+es zu mir nehmen.«</p>
+
+<p>Ein Lächeln, — kein schönes Lächeln — huschte
+über das fromme Schwesterngesicht.</p>
+
+<p>»Ohne des hochwürdigen Domherrn Genehmigung
+darf ich niemand zu dem Kinde lassen, es gehört von
+jetzt ab dem Kloster und wird im Kloster bleiben«,
+sagte sie und sah mich lauernd an.</p>
+
+<p>Ich stand noch vor der kaum ein Viertel offenen
+Tür mit Erika.</p>
+
+<p>Nun stieß ich ruhig die Tür ganz auf und trat in
+den schmalen Klostergang. Erika stand dicht bei mir.</p>
+
+<p>»So sagen Sie dem hochwürdigen Herrn, daß ich
+ihn sprechen will.«</p>
+
+<p>»Ich werde Ihre Bitte Seiner Hochwürden unterbreiten.«</p>
+
+<p>»Sagen Sie ihm, ich <em class="gesperrt">wünsche</em> ihn zu sprechen,
+und ich <em class="gesperrt">muß</em> ihn sprechen wegen dieses Kindes.«</p>
+
+<p>Wieder huschte dieses höhnische Lächeln über das
+stille, heilige Nonnengesicht der vor mir Stehenden.</p>
+
+<p>Sie nickte stumm, schloß die Tür und ging lautlos
+davon.</p>
+
+<p>Ich stand mit Erika im Flur.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>Ich fühlte, wie der Zorn über den Domherrn in
+mir wuchs. Schon seine Worte am Grabe! Und nun
+diese Art des Empfanges!</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie, seien Sie ruhig, bleiben Sie
+ruhig«, flüsterte Erika mir zu.</p>
+
+<p>»Ich will’s versuchen, solange es mir möglich sein
+wird, Erika.«</p>
+
+<p>»Seine Hochwürden lassen bitten«, sagte die lautlos
+zurückkehrende Schwester. Jetzt widerte mich
+dieses lautlose Schleichen an. Wozu? Hier lagen
+keine Kranken. Drüben im untern Flügel.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Das</em> hier war domherrliche Privatwohnung. Fest
+und hart klangen meine Schritte auf dem Steinpflaster
+des Klosterganges wider. Soll ich <em class="gesperrt">kriechen</em>
+vor dieser Domherrlichkeit? Niemals!</p>
+
+<p>Endlich waren wir vor der rechten Tür.</p>
+
+<p>»Ich werde Seiner Hochwürden melden, daß Sie,
+Sie allein ihn sprechen wollen.«</p>
+
+<p>»Nicht nötig, liebe Schwester,« sagte ich kurz, »ich
+melde mich selbst, und diese Dame wird bei der
+Unterredung zugegen sein.«</p>
+
+<p>Laut klopfte ich an die geschnitzte Eichentür. Ja,
+hier oben sah es anders aus als unten in den
+schlichten, einfachen Klosterräumen. Als ich öffnete
+und in das, man kann ruhig sagen, prachtvoll ausgestattete
+domherrliche Gemach eintrat, stand die
+hohe Gestalt des Domherrn am Fenster. Auf den<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span>
+Kirchhof hatte man den Blick von hier oben. Gerade
+auf Mariannens Grab sah man hinab. Erst zuckte
+es drohend über sein Gesicht, es war nur ein Zucken,
+dieses Zucken in dem unleugbar schönen, schmalen
+Gesicht, dieses Aufblitzen in den dunklen Augen, als
+er mich mit Erika eintreten sah, dieses Aufblitzen, das
+mich stets und stets sekundenlang an ein anderes
+Gesicht erinnerte, das nun nie mehr zucken kann,
+nein, wie in marmorner Ruhe bleiben würde, bis die
+Erde sagen wird: Werde wieder zu Erde. Eine einladende
+Handbewegung machte er, indem er auf
+einige Sessel wies, die auf dem Teppich standen.</p>
+
+<p>»Ich danke; aber ich komme nicht als Gast zu
+Ihnen«, sagte ich kalt und abweisend. »Ich komme
+nur, um Sie zu fragen, ob ich die Schwester unten
+recht verstanden habe?«</p>
+
+<p>»Recht verstanden, womit?« fragte er mit gutgespieltem
+Erstaunen.</p>
+
+<p>»Keine Worte weiter,« unterbrach ich ihn, denn
+ich fühlte, wie verhaßt mir dieser Mann seit jenen
+Worten am Grabe war, »ich kam, um Mariannens
+Kind in mein Haus zu holen, man wollte es nicht
+zugeben ohne Ihre Einwilligung, ja, man sagte mir,
+das Kind sei Eigentum des Klosters und würde es
+bleiben.«</p>
+
+<p>Er spielte einige Augenblicke an dem goldenen
+Kreuz, das um seinen Hals an goldener Kette hing.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>»Die Schwester hat Sie recht berichtet,« sagte er;
+»bitte, bitte, mich ausreden lassen,« fuhr er auf,
+als ich ihn unterbrechen wollte, ... »es ist so.
+Wir kennen nur die <em class="gesperrt">Mutter</em> des Kindes; diese
+Mutter, — Marianne, — haben wir im Kloster erzogen,
+sie hat das Kind im Kloster geboren, ist zu
+uns geflüchtet vor ihrer schweren Stunde, hat uns
+das Kind noch <em class="gesperrt">vor</em> der Geburt anvertraut, also ...«</p>
+
+<p>»Sie kennen also <em class="gesperrt">wirklich</em> den Vater des Kindes
+nicht?« schnitt ich ihm das Wort ab. Seine Augen
+glühten.</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">will</em> ihn gar nicht kennen«, sagte er rasch.</p>
+
+<p>»Sie <em class="gesperrt">sollen</em> ihn kennen! Er steht hier vor Ihnen!«
+rief ich. »Ich bin der Vater des Kindes, und ich
+fordere mein Kind!«</p>
+
+<p>Er sah aus, als wollte er sich auf mich stürzen.
+Wenigstens sagten es mir seine Augen. Und seine
+Hände, die sich an die Stuhllehne verkrampften.</p>
+
+<p>»Was Sie mir hier sagen, betrachte ich als Beichtgeheimnis;
+niemand wird es erfahren, sofern nicht
+<em class="gesperrt">Sie</em>, mein Fräulein, ...« wandte er sich zu Erika.
+»Ich bedaure es übrigens schmerzlich, daß man
+Sie gezwungen hat, dieser Verhandlung beizuwohnen,
+unschöne, sündige Dinge kommen dabei zur
+Sprache ...«</p>
+
+<p>»Ich wohne dieser Verhandlung nicht gezwungen<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
+bei, es war mein Wunsch, ihr beizuwohnen«, unterbrach
+ihn Erika ruhig.</p>
+
+<p>»So? Warum?« fragte er und sah sie forschend an.</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>»Wir sind wohl fertig miteinander, Hochwürden,«
+sagte ich nun; »ich werde also mein Kind jetzt mit
+mir nehmen.«</p>
+
+<p>»Gemach, gemach,« stieß er hervor, »dieses Kind
+bleibt hier im Kloster ... für <em class="gesperrt">immer</em>!«</p>
+
+<p>»Herr Domherr!!!« stieß ich heraus.</p>
+
+<p>»Ich wiederhole,« fuhr er fort, »was Sie mir
+sagten, bleibt Beichtgeheimnis ...«</p>
+
+<p>»Ich weiß von keinem Beichtgeheimnis, ich bin
+Protestant«, unterbrach ich ihn barsch.</p>
+
+<p>Er drückte seine Augen zusammen. Dann trat er
+dicht an mich heran und legte sanft seine bischofsringgeschmückte
+Hand auf meinen Arm.</p>
+
+<p>»Ihre Mutter ist katholisch,« sprach er halblaut
+und beschwörend, »Marianne war katholisch,
+ist im katholischen Glauben erzogen, als fromme
+Katholikin gestorben, ihr Kind habe ich gestern
+getauft ...«</p>
+
+<p>»Wie?« unterbrach ich ihn heftig, »getauft? Ohne
+mich zu benachrichtigen?«</p>
+
+<p>»... Aber ich bitte Sie,« sagte er beschwichtigend,
+»bleiben Sie ruhig ... wie sollte ich begründen,
+daß ich Sie benachrichtige davon? ... Nein, nein,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+ich meine es gut mit Ihnen, herzlich gut mit Ihnen,
+mit der lieben Toten und Ihrer beider Kind. Sie
+sollen das Kind haben ... nur eins ... Sie selbst sind
+katholisch getauft ... kehren Sie zurück in den Schoß
+unserer, Ihrer Kirche, werden Sie ...«</p>
+
+<p>»Halt! Kein Wort mehr!« rief ich und streifte
+seine Hand fort von meinem Arm. »Was fällt
+Euer Hochwürden ein? Wen glauben Sie vor sich
+zu haben? Wie?«</p>
+
+<p>Er wich zurück und wurde wachsbleich.</p>
+
+<p>»Gut, so sind wir fertig miteinander«, sagte er.</p>
+
+<p>»Und mein Kind nehme ich <em class="gesperrt">mit</em>«, rief ich,
+kaum noch meinen Zorn bemeisternd.</p>
+
+<p>»Nein, es bleibt <em class="gesperrt">hier</em>,« zischte er; »wer weiß
+etwas, wer glaubt etwas von dem, was Sie mir
+hier sagten? Es bleibt ein Beichtgeheimnis für
+mich.«</p>
+
+<p>»Aber nicht für <em class="gesperrt">mich</em>, hochwürdiger Herr!«</p>
+
+<p>»Wie?« sagte er maßlos erstaunt, »Sie wollten
+davon anderen erzählen? Sie wollten den Leuten
+sagen, daß Sie, ... Sie ... dieses Mädchen ...«</p>
+
+<p>»Ja, ja und ja!« schrie ich ihn an.</p>
+
+<p>»Ich gehe von dieser Stube aus mit dem Kinde
+zum Standesamt, dort sage ich vor Zeugen, daß ich
+sein Vater bin, daß ich dieses Kind als das meine
+anerkenne, daß ich es adoptiere, ihm meinen Namen
+gebe ... nun, Euer Hochwürden, <em class="gesperrt">jetzt</em> werden Sie<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span>
+wohl davon überzeugt sein, daß dieses Kind nicht
+im Kloster bleibt?«</p>
+
+<p>Wie von einem Krampfe geschüttelt stand er
+ans Fenster gelehnt und blickte hinab auf das noch
+offene Grab derjenigen, um deren Kind ein Kampf
+gekämpft wurde.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte er nach einigen Minuten tiefer
+Stille, »nein, ich bin <em class="gesperrt">nicht</em> davon überzeugt. Dieses
+uns von der Mutter übergebene Kind verbleibt dem
+Kloster, ich gebe es <em class="gesperrt">nicht</em> heraus, eher ...«</p>
+
+<p>»Eher drehn Sie ihm den Hals um!« höhnte ich
+außer mir.</p>
+
+<p>»Nun ist’s genug!« sagte er, und richtete sich
+hoch auf.</p>
+
+<p>»Genug, übergenug!« Und seine Hand wollte
+auf den elektrischen Knopf der Klingel drücken.
+»Ich wollte sagen, eher ...« Da wurde er wiederum
+unterbrochen — durch Erika! Durch Erika, deren
+Gegenwart wir beide ganz vergessen hatten in
+unserem heftigen Streiten.</p>
+
+<p>»Ich weiß es, was Sie sagen wollen, Euer
+Hochwürden!« sprach die sanfte, liebe Stimme der
+Heidkönigstochter, »ich weiß es, weil mir’s Marianne
+gesagt hat.«</p>
+
+<p>Der Domherr fuhr herum. Als ob ihn ein Pfeil
+träfe, so trafen ihn diese sanft und schlicht
+gesprochenen Worte. Er starrte Erika an.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
+
+<p>»Sie wollen sagen, eher verschwindet das Kind
+in einem anderen Kloster ... in Österreich drüben ...
+in dem Kloster, das hoch auf einem Felsen steht,
+wo Marianne das Licht der Welt erblickt hat, ...
+ich sehe, Euer Hochwürden wissen, welches Kloster
+ich meine ...«</p>
+
+<p>In einen Sessel war der Kirchenfürst gesunken.
+Wie irre schauten seine lodernden Augen auf das
+schlichte Heidekind. »Und <em class="gesperrt">weil</em> ich das weiß, und
+weil wir schon morgen das Kind vergeblich hier
+suchen würden, darum müssen Sie Ihr Kind noch in
+dieser Stunde mitnehmen«, sagte das liebe Mädchen
+zu mir gewandt.</p>
+
+<p>Er bohrte drohend seine dunklen Augen in die
+Augen Erikas.</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">weiß</em> nicht, welches Kloster Sie meinen,
+mein Fräulein,« stieß er hervor. »Das Kind verbleibt
+dem Kloster! Mariannens Kind gebe ich
+<em class="gesperrt">niemals</em> heraus. Eine Braut des Klosters soll ihr
+Kind werden, so ist alles gesühnt.«</p>
+
+<p>»Nein, gesühnt wird alles, wenn sich zu diesem
+Kinde der Vater bekennt ...!« rief ich in wilder
+Entgegnung und Angst.</p>
+
+<p>»Still, still,« sagte da Erika, »diese Sühne meint
+Seine Hochwürden <em class="gesperrt">nicht</em>. Hier, nehmen Sie das
+und halten Sie es fest wie Ihr Leben«, — und sie
+drückte mir ein zusammengeschnürtes und versiegeltes<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span>
+Päckchen loser Briefblätter, das sie verborgen
+bei sich getragen hatte, in die Hand. Nur
+ein Blättchen behielt sie und hielt es dem Domherrn
+hin. »Nicht wahr, Euer Hochwürden, Sie meinen,
+dann ist <em class="gesperrt">dieses</em> gesühnt? <em class="gesperrt">Dieses</em>, das hier
+auf diesen Blättern steht. Nein, nein, Hochwürden,
+Marianne ist nicht das Opfer <em class="gesperrt">dieses</em> Mannes
+hier« — und sie zeigte auf mich — »wie Sie es
+heute am Grabe sagten! — — — Soll ich sagen,
+<em class="gesperrt">wessen</em> Opfer Marianne ist?«</p>
+
+<p>»Sag’ es erst, wenn sie ihm das Kind entreißen
+wollen,« hat mich Marianne angefleht und mir
+diese Papiere gegeben; »aber zerreiße ungelesen diese
+Blätter, <em class="gesperrt">wenn</em> er mein Kind erst sicher hat«, beschwor
+sie mich weiter. »Euer Hochwürden, hier,
+sofort müssen Sie sich entscheiden: wollen Sie uns
+mit dem Kinde ruhig unserer Wege gehen lassen,
+oder sollen diese Blätter gelesen werden? Nimmer
+Herr Domherr, wird über meine Lippen kommen,
+was Marianne mir aus Angst um ihr Kind anvertraut
+hat; ungelesen verbrannt werden diese Papiere,
+sobald dieser um sein Kind besorgte Vater von
+seiner Sorge befreit ist.«</p>
+
+<p>»Erika«, stieß ich hervor.</p>
+
+<p>Sie hob abwehrend ihre Hände.</p>
+
+<p>Was für ein furchtbares Geheimnis mußten
+diese Blätter bergen! War diese gebrochene Gestalt<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span>
+noch dieselbe stolze Gestalt des hohen Kirchenherrschers?</p>
+
+<p>Er hielt sich, ja, man sah es, er hielt sich am
+Fensterkreuz fest, sonst wäre er zusammengebrochen.</p>
+
+<p>»Diese Papiere«, keuchte er, »woher hat sie sie ...
+woher ... woher ...?«</p>
+
+<p>Er schien ganz vergessen zu haben, daß wir noch
+im Zimmer waren.</p>
+
+<p>»Ich ersuche Euer Hochwürden, den Befehl zu
+geben, daß wir das Kind mit uns nehmen können,
+... sofort ...« sagte Erika.</p>
+
+<p>Ich staunte die Tochter der Heide an. Wie ernst,
+wie fest in sich gehalten stand sie hier und forderte
+ruhig und unentwegt. »Werden ... werden ... diese
+Papiere ...«, stammelte der Domherr.</p>
+
+<p>»Euer Hochwürden, ich gab mein Wort. Ich gab
+<em class="gesperrt">Ihnen</em> mein Wort, ich gab der <em class="gesperrt">Toten</em> mein Wort,
+daß diese Papiere verbrannt werden, sobald der
+Vater sein Kind hat«, sagte Erika einfach.</p>
+
+<p>Ja, als sie das sagte, mußte man ihr glauben.
+Jeder hätte ihr geglaubt. Mehr geglaubt als tausend
+Eiden anderer.</p>
+
+<p>»Und niemand, auch dieser nicht ...« und der
+Domherr zeigte auf mich »... wird jemals erfahren
+...«</p>
+
+<p>»Niemand, Herr Domherr, ich verspreche es Ihnen
+bei Gott im Himmel«, sagte Erika.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<p>Der Domherr rüttelte sich auf und drückte auf
+den Klingelknopf. Eine Schwester trat lautlos ein.</p>
+
+<p>»Ich gebe das Kind seinem Vater heraus«,
+sprach er zu ihr. »Nichts soll ihm in den Weg
+gelegt werden.« Dann sank er in dem Sessel zusammen
+wie leblos. —</p>
+
+<p>Wir folgten der Schwester.</p>
+
+<p>Ich nahm mein Kind in meine Arme; Erika ging
+stumm neben mir her.</p>
+
+<p>So gingen wir unerkannt durch die stillen Straßen
+des Städtchens.</p>
+
+<p>Ach, unerkannt! Und wenn die Menschen an den
+Wegseiten wie Mauern gestanden hätten, es hätte
+mich nicht gekümmert. Ich hatte mein Kind,
+dieses kleine, arme Geschöpflein, ja in meinem Arm,
+dicht neben mir ging die liebe, treue Heidkönigstochter,
+über uns blinkten die Sterne, und ein holdes
+Duften strömte aus den Gärten zu uns.</p>
+
+<p>Marianne, bist du zufrieden?</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-163">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-163.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 10 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="10">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/n.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">N</span>un weiß es jeder in der Stadt, daß ich
+Vater eines unehelichen Kindes bin.
+Daß ich dieses Kind adoptieren will.
+</p>
+
+<p>Ein paar von den Herren, mit denen
+ich hier verkehrt habe, sind des Abends zu mir gekommen
+und haben mir abgeredet.</p>
+
+<p>»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr
+ganzes Leben aufladen; es ist eine Last, bedenken
+Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie sich versetzen,
+geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege,
+kein Hahn kräht dann danach«, sagte der eine.</p>
+
+<p>Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie,
+nun so’n Kind. Wenn Sie wirklich die Vaterschaft
+nicht leugnen wollen — es wäre übrigens gar
+nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und
+niemand sonst nach ihr fragt —, dann tun Sie’s
+wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu wissen
+davon.«</p>
+
+<p>Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie
+das Ding fort, eine Frau kriegen Sie deshalb immer
+noch.«</p>
+
+<p>Ich hörte alle drei an.</p>
+
+<p>Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich:
+»Meine Herren, ich weiß, Sie haben sich’s nicht
+überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn <em class="gesperrt">wenn</em>
+Sie sich’s überlegt <em class="gesperrt">hätten</em>, müßten Sie mich für
+einen Schweinehund halten, und der bin ich nicht,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+rate auch keinem, mich dafür zu halten. Prosit,
+meine Herren!« —</p>
+
+<p>Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst
+mit mir an und plauderten harmlos von anderen
+Dingen.</p>
+
+<p>Als ich dann dem einen von den dreien im
+anderen Zimmer ein paar Rehkronen zeigte, gab er
+mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn
+ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung
+vor Ihnen, weiß Gott.«</p>
+
+<p>»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm
+freundschaftlich auf die Schulter.</p>
+
+<p>Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten.
+Mir war’s lieb. Denn alle drei hatte ich gern, und
+es waren im Grunde brave Menschen.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-165">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-165.jpg">
+</figure>
+
+<p>Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend
+kommt.</p>
+
+<p>Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen.</p>
+
+<p>Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen.</p>
+
+<p>Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen,
+von mir und dem Kind.</p>
+
+<p>Also Sonnabend!</p>
+
+<p>Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz
+zum Zerspringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren?
+Soll mein Kind diese treue Mutter verlieren?
+<em class="gesperrt">Zeige</em> nun, Gott, daß du wirklich Gott bist!
+Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir.
+Laß den guten Geist des Hauses in meinem Hause!
+Aber unmöglich ist’s, ich <em class="gesperrt">weiß</em> doch, daß es unmöglich
+ist!</p>
+
+<p>Am Sonnabend also kommt der Heidkönig!</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-166a">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-166a.jpg">
+</figure>
+
+<p>Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief
+eingepflanzt von Natur: die Mutterliebe.</p>
+
+<p>Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika
+mit der kleinen Marianne sieht.</p>
+
+<p>»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte
+ich sie heute. Da nahm sie das hilflose Geschöpf
+und drückte es wortlos an sich.</p>
+
+<p>»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater,
+Erika, was wird <em class="gesperrt">dann</em>?«</p>
+
+<p>Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte
+an das kleine Menschenkind in ihrem
+Arm.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-166b">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-166b.jpg">
+</figure>
+
+<p>Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen
+Brücke, die Wasserflut drängt an die
+Pfeiler.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
+
+<p>Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den
+Bergen kommende Strom an.</p>
+
+<p>Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich
+vom Himmel.</p>
+
+<p>In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus.
+Ich will den Wald um mich haben.</p>
+
+<p>Meine Waldbäume will ich sehn.</p>
+
+<p>Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme!
+Ich bin gefeit gegen dich. Erika liebt mein Kind;
+sie läßt es nimmer.</p>
+
+<p>Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie
+den Vater des Kindes mit in den Kauf nehmen. Es
+geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du nachgeben!</p>
+
+<p>Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen.
+Frisch glänzen die Wiesen vom letzten Regen.
+Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder
+des Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen
+herumstrolcht. — — —</p>
+
+<p>Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater
+entgegen. Noch mehr wird sie von dem Kinde vermißt.
+Das schreit ganz kläglich.</p>
+
+<p>»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne,
+eia popeia, eiapopeia.« —</p>
+
+<p>Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den
+Burghof. Also so sieht er aus, der Heidkönig?</p>
+
+<p>Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span>
+ist sein vom braunen Vollbart umrahmtes Gesicht,
+klar und treu und mit dem den Heidmenschen eigentümlichen
+Ausdruck des Verträumtseins und eines
+tiefen Innenlebens sind seine Augen. Auf dem
+Burghofe blieb er stehen und sah sich um. Dann
+sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte.
+Gewiß hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier
+zwischen den grünumrankten Mauern, zwischen den
+Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden Goldregen,
+hübsch hier in dem Burghofe, über den der
+Rotdorn seine Äste ausbreitet.«</p>
+
+<p>Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg
+sehen lassen. Ich höre, wie der Heidkönig von
+Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich wortreich,
+mehr als wortreich. Und nun klopft es an
+meiner Tür.</p>
+
+<p>»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein,
+sie hat das Kind draußen schon jammern hören.
+»Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und
+wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel
+liegt und schreit und ruhig wird und lacht, als sie
+es aufnimmt und hin und her wiegt. Und vor mir
+steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich
+klar und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns
+die Hände. Ein kurzer Händedruck. Warum werde
+ich denn verlegen und komme mir klein vor diesem
+Manne gegenüber? Der hat <em class="gesperrt">nie</em> gesündigt, der<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span>
+kann auf sein ganzes Leben zurücksehn wie auf
+einen sauberen Tisch — das sind meine Gedanken.
+Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein
+vor ihm.</p>
+
+<p>Ein großer, von Vater und Vaters Vater her
+ererbter Landsitz macht die Menschen merkwürdig
+sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht nicht
+umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne
+hier machte sich ein Selbstgefühl nicht unschön breit.</p>
+
+<p>Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen
+großen, einsamen Heidbesitz, auf seinen Namen und
+vor allem auf sein und seiner Väter unberührtes
+Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese
+Menschen durften ihn haben. Mit viel <em class="gesperrt">mehr</em> Recht
+als mancher andere.</p>
+
+<p>Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig —
+so milderte und ihn schön machte, das war die
+schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die selbstverständliche
+Pflichterfüllung, die reinste Offenheit
+ohne jedes Körnchen Lug und Trug, Verstellung
+und Heucheln.</p>
+
+<p>»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte
+der Heidkönig, sobald man ihn sah, ohne daß er ein
+Wort zu sagen brauchte.</p>
+
+<p>Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge.
+Ich fragte ihn nach dem Erfolge seiner Reise,
+nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er antwortete<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span>
+wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach
+dem Wild im Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen
+und ausgestopften Wildköpfe, dann aber sagte
+er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens:
+»Ich bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld
+für Erikas Aufenthalt an Sie zu zahlen habe,
+da ich sie morgen wieder mit mir nehme.«</p>
+
+<p>Die Worte trafen mich wie ein Schuß.</p>
+
+<p>Und doch war nichts natürlicher, als daß er das
+sagte. »Da ich sie morgen wieder mit mir nehme«,
+... immerfort hörte ich das in meinen Ohren klingen.</p>
+
+<p>Er sah mich freundlich und doch auch ernst an.
+Zuletzt wiederholte er seine Frage, da ich immer
+noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine Rede
+sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im
+Hause geholfen ...«</p>
+
+<p>»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein
+hätte sie nicht gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so
+habe ich sie mir auch nicht erzogen. Aber daß ich
+den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk
+annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also
+bitte überlegen Sie es sich, und sagen Sie mir
+morgen Bescheid.«</p>
+
+<p>Dann schwieg er wieder.</p>
+
+<p>Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen,
+daß Sie sich bereit erklärten, meine Tochter so lange
+unter Fräulein Bartels Schutz bei sich aufzunehmen.<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span>
+Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein, Erika
+hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen,
+also mag es schon so bleiben, und so sage ich Ihnen
+nur meinen besten Dank.«</p>
+
+<p>»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll
+aus <em class="gesperrt">mir</em> werden und aus dem Kinde?« rief ich
+aufspringend.</p>
+
+<p>Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der
+Mann hier war freilich ein anderes Gegenüber als
+der Domherr mit seiner bösen Schuld.</p>
+
+<p>Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort
+nach unserer Heimkehr mit dem Kinde in die
+Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie gebeten,
+nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich
+natürlich gebeten! Das Kind war ja mein
+geworden, in meinem sicheren Besitz, also — mußten
+die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine
+Macht der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie
+Mariannen gegeben hatte, etwas ändern können.
+Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr
+schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war
+überzeugt, daß Marianne, das arme, auf des
+Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße, <em class="gesperrt">sein</em>
+Kind war. Was war <em class="gesperrt">meine</em> Schuld dagegen?
+Ein Stäubchen nur gegen einen Berg!</p>
+
+<p>Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher
+König vor mir, wenn ein reines und vornehmes<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+Innenleben den König macht, wie man so gerne und
+so falsch oft glaubt.</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie
+nicht? Was aus Ihnen und dem Kinde werden soll,
+wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er langsam.
+»Was hat meine Tochter damit zu tun?«</p>
+
+<p>»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter
+des Kindes versprochen hat?« rief ich.</p>
+
+<p>»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des
+Kindes versprochen? ... Ach, ... da kommt sie ja
+selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ... was
+hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum
+es sich handelt?«</p>
+
+<p>»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.</p>
+
+<p>Er sah sie fragend an. Dann mich.</p>
+
+<p>»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen
+nennen, von dem meine Tochter nichts gesagt hat?«</p>
+
+<p>»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.</p>
+
+<p>»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater
+nicht geantwortet hast«, wies er sie freundlich, aber
+entschieden ab.</p>
+
+<p>»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand
+hinein versprochen, ihrem armen Kinde eine treue
+Mutter zu sein«, sagte ich, und meine Stimme bebte.
+Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.</p>
+
+<p>»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+zusammen. Seine Augen sahen auf die Tischplatte,
+und so stand er lange Zeit und sprach kein Wort.</p>
+
+<p>Es war lautlos still in der Stube.</p>
+
+<p>Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe,
+weinte sich aber immer wieder schnell in sein ruhiges
+Schlummern zurück.</p>
+
+<p>»So?« ... sagte er noch einmal.</p>
+
+<p>»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand
+hinein versprochen hast, Erika«, wandte er sich dann
+an sie.</p>
+
+<p>Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um
+sich in das, was er soeben gehört hatte, hineinzufinden.</p>
+
+<p>»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende
+Hand hinein unter Anrufung Gottes versprochen,
+diesem Kinde hier für alle Zeit eine treue Mutter
+zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken,
+mit tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen,
+mit denen sie ihren stumm dastehenden Vater ansah,
+schimmerten feucht.</p>
+
+<p>»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male
+und fuhr sich mit seiner rechten Hand über die Stirn.</p>
+
+<p>Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.</p>
+
+<p>»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?«
+fragte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>— Was wird sie antworten?</p>
+
+<p>»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den
+Heidhof, Vater«, sagte sie.</p>
+
+<p>Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf
+den Wagen zu, in dem das Kind schlief, und blickte
+auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen hinab.</p>
+
+<p>»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine
+Mutter ...« murmelte er zu dem Kinde.</p>
+
+<p>Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein
+und Nichtsein handelte, denn ein Nichtsein würde es
+wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen Erika
+nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen
+wachte auf, rieb sich mit den Fäustchen die
+Augen und fing zu schreien an.</p>
+
+<p>Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da
+drehte sich der Heidkönig um. Eine tiefe Röte lag
+auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen aus;
+tief gefurcht seine Stirn.</p>
+
+<p>»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an,
+während Erika das Kind hochnahm und beruhigte,
+»es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten, was
+er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so
+würde ich mich an ihrem Sterbebett niederknien und
+sie bitten: lege <em class="gesperrt">nicht</em> diese bittere Schwernis auf
+die jungfräulichen Schultern meines Kindes und
+nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es
+bestehn wie des Petrus Fels. Erika, ich erlaube<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span>
+dir, dein Versprechen einzulösen. Du darfst morgen
+dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,«
+wehrte er sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar
+muß alles werden. Auch« — wandte er sich an mich
+— »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«</p>
+
+<p>Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter,
+ruhig, ernst und nachdenklich:</p>
+
+<p>»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe
+mein ganzes Leben in einsamer Heide zugebracht,
+und so habe ich nichts von der Welt und ihrem Tun
+und Treiben kennengelernt. <em class="gesperrt">Hätte</em> ich’s, vielleicht
+dächte ich so, wie viele denken mögen über die
+Unzucht und Unkeuschheit. Ich kann aber nur so
+darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage
+ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen
+väterlichen Segen dazu erlangen, daß sie einen
+Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der
+Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage <em class="gesperrt">Ihnen</em>
+das und sage es <em class="gesperrt">dir</em>, Erika. Meine Augen sehen
+scharf wie des Wanderfalken Augen, wenn es sich
+um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt.
+Und ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist
+und Sie der Erika. Laß mich reden, Kind,« wehrte
+er seine Tochter wiederum ab, »was ich hier sage,
+<em class="gesperrt">muß</em> gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp
+und klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir
+gewandt, »daß Sie sie liebgewonnen haben, nachdem<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span>
+Sie erkannt haben, daß es ein keusches, braves
+unverdorbenes Heidekind ist?«</p>
+
+<p>»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist
+der gute Geist dieses Hauses, sie ist mein guter Geist
+geworden, ich weiß nicht, was aus mir werden soll,
+wenn ich sie für immer verliere.«</p>
+
+<p>»Sie sind ein <em class="gesperrt">Mann</em>«, sagte der Heidkönig,
+»<em class="gesperrt">seien</em> Sie ein Mann! Ein Mann muß stets wissen,
+was werden soll, und hätten Sie das früher gewußt
+und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen
+Ehren vor mir, und ich würde Ihnen meine Tochter
+nicht weigern. Aber Sie werden und müssen einsehn,
+daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und ich
+denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«</p>
+
+<p>Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner
+Stimme? O, er wußte, daß ich in Erikas Liebe
+zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit mir,
+dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen
+hatte!</p>
+
+<p>Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen
+vor ihr, ihre Knie umfassen und immer
+wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses Hauses,
+ach, bleibe!?«</p>
+
+<p>Da tönte wieder seine Stimme.</p>
+
+<p>»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,«
+sagte er, und mir war, als habe er in meiner Seele
+gelesen, »Erika wird nie einem Manne angehören<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span>
+wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich
+erst bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein
+Kind werden konnte. Unsere Frauen und Mädchen
+in der einsamen Heide denken darüber streng. Nicht
+wahr, Erika?«</p>
+
+<p>Ich hielt den Atem an.</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten.
+»Wie, Erika, du schweigst? Hab’ ich dich deshalb
+aus dem Heidhofe hierher gehen lassen, damit der
+Schmutz deine reine Seele vergiftet?«</p>
+
+<p>»Ich denke <em class="gesperrt">so</em>, wie du denkst, Vater«, sagte die
+Heidkönigstochter und sah in Scham auf das Kind
+in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer
+Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...«
+Sie sah ihn nun bittend an.</p>
+
+<p>»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach
+sie der Heidkönig.</p>
+
+<p>»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen,
+und zwar für ein Jahr. Dann ist es aus dem gröbsten
+heraus, und wir können es seinem Vater ohne Sorge
+wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen
+gelöst und bleibst trotz allem mein reines Kind der
+Heide.«</p>
+
+<p>»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich
+an mich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<p>»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog
+wie ein Lichtstrahl in mein Herz.</p>
+
+<p>»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das
+erlauben! Was sollte sonst werden jetzt mit mir
+und dem Kinde?«</p>
+
+<p>»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur
+Bedingung, daß Sie vor Ablauf dieses Jahres
+Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes
+setzen.«</p>
+
+<p>Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde
+stand. Ich sah, wie sie erblaßte, wie ihre Augen
+angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir ruhten,
+ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen
+Augen stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung
+ein, harre aus und hoffe!«</p>
+
+<p>»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre
+Tochter schreiben?« fragte ich.</p>
+
+<p>Er dachte lange nach.</p>
+
+<p>»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,«
+sagte er dann; »darf er an dich schreiben,
+Erika, und willst du ihm antworten?«</p>
+
+<p>»Ja, Vater«, erwiderte sie.</p>
+
+<p>»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun
+wissen wir voneinander, was wir wissen mußten,
+bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu mir.
+»Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für
+einen braven Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>
+Ihrem Kinde eine brave Tochter erziehn, so wird
+das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben
+gab. Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat
+mich gefreut, daß Sie sich so offen zu dem Kinde
+bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan, so hätte ich
+nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür,
+daß Sie damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika
+herzunehmen. — Bis morgen also.«</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-179">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-179.jpg">
+</figure>
+
+<p>Bis morgen also!</p>
+
+<p>Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich
+aber bin noch wach und wandere ruhelos in meiner
+Stube auf und ab. Bis morgen also!</p>
+
+<p>O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein
+Morgen! So behielte ich sie in diesem Hause, so hätte
+ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch hier.</p>
+
+<p>Sie und mein Kind.</p>
+
+<p>»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann
+gesagt. Keiner hat mir so ruhig, so schlicht und so
+wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser Mann!</p>
+
+<p>Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch
+deine Schuld auf meine Rechnung über.</p>
+
+<p>Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann
+nicht sagen: »Mann, sie hat doch <em class="gesperrt">auch</em> schuld. Sie
+hatte doch <em class="gesperrt">mehr</em> schuld als ich!« — Du bist tot: Was<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span>
+würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!</p>
+
+<p>Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht
+stören. Aber, so es wirklich ein Jenseits gibt, an das
+du doch auch immer glaubtest, so mache <em class="gesperrt">deinen</em> Teil
+der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron
+und flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht
+nur für dieses eine Jahr dem Kindchen eine treue
+Mutter sei, sondern fürs ganze Leben. Flehe ihn an,
+daß sie mein Weib wird.</p>
+
+<p>So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt
+hast in deiner Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn
+zwei eine Sünde tun, so sind doch <em class="gesperrt">beide</em> Sünder!</p>
+
+<p>Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!</p>
+
+<p>Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle
+Fesseln. Nein, nein, nicht unheilvoll!</p>
+
+<p>Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von
+Staat und Kirche, die den Mann an ein geliebtes
+Weib binden?</p>
+
+<p>Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden
+der Gefesselten <em class="gesperrt">selbst</em>.</p>
+
+<p>Fessel! Gefesselt! — — —</p>
+
+<p>Fessellos! Frei! — — —</p>
+
+<p>Freie Liebe! Freie Leidenschaft!</p>
+
+<p>Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes
+Häschen, du! Du Kind der freien, fessellosen Leidenschaft!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht
+zu dir bekannt hätte als dein Vater.</p>
+
+<p>Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht.
+Nie wären die Freuden, die unschuldvolle Lust des
+Kindes an dich herangetreten.</p>
+
+<p>Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet,
+die andere getan haben. Beten und büßen
+hättest du gemußt für die Sünden deiner Mutter und
+deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe
+kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du
+bist ein Kind der Sünde, du kannst nur durch Gebet
+in den Himmel kommen.</p>
+
+<p>O, du mein armes Häschen du! —</p>
+
+<p>Freie Liebe! Freie Leidenschaft!</p>
+
+<p>Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in
+freier Liebe, in freier Leidenschaft alle Schranken
+durchbrechen! Und doch auch wieder: Wie menschlich,
+wie jammervoll menschlich ist es! Wir <em class="gesperrt">haben</em>
+doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! <em class="gesperrt">Warum</em>
+haben wir sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles,
+was aus ihr zum Leben kommt, das Kind der Sünde
+ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in stiller
+Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und
+immer gleiche Himmelsbahn! Du wirst von so vielen
+als schönes, mild lächelndes Licht gepriesen und besungen.</p>
+
+<p>Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span>
+gefühllos kalter Stern im großen Weltall. Du
+lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein Mord
+geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter
+deinem verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen
+in Leidenschaft sich befinden und diese Leidenschaft
+dann lebenslang ein armes Menschenwurm büßen
+muß, du lächelst dasselbe Lächeln <em class="gesperrt">heute</em> — und
+<em class="gesperrt">morgen</em> verlassen die beiden mein Haus!</p>
+
+<p>Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter
+Stern, und doch kann man sich dir nicht entziehn.</p>
+
+<p>Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne
+und in die glanzumflossene, stille Silbernacht mit
+dem Schmerz der Trennung schaue, bist <em class="gesperrt">du</em> es, kalter
+nichtssagender Gesell dort oben, der in mein Herz
+die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.</p>
+
+<p>Morgen abend um diese Zeit!</p>
+
+<p>Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der
+fernen Heide. Mein Kind aber ist bei ihr. Und daß
+sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie von Spinnenfleiß
+gesponnene Fäden von der Heide bis hier in
+meine Kauzburg hinein. Dann muß ich dich <em class="gesperrt">wieder</em>
+bitten, dich, den kalten Gesellen Mond, der so verträumten
+Glanz auf unsere Erde ausgießt, — ich
+muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese
+Fäden zu erfüllen, so werde ich sie sehen. Was unsichtbar
+von Seele zu Seele sich spinnt, wird sichtbar
+werden im weichen Silberglanz des Mondes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.</p>
+
+<p>Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie
+einsam ich wieder bin und wie verlassen. Immer mehr
+will ich in ihre Seele das Mitleid mit mir pflanzen.
+Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind.
+So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer,
+immer fester. Bis es unzerreißbar sein wird. Dann
+klettere ich daran hoch, hinein bis ins kleine Fensterlein
+ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den
+Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs
+Messer um deine Heidkönigstochter!</p>
+
+<p>Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf.
+Und ein Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber
+ein Jahr, ein ganzes, volles, langes Jahr! Ein Jahr,
+daß dreihundertundfünfundsechzig Tage hat und
+ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen
+lauter zu dem einsamen Menschen als Tage.</p>
+
+<p>Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur
+dürstenden Menschenseele.</p>
+
+<p>Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues,
+liebes Königstöchterlein!</p>
+
+<p>Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses
+Königreich bist du.</p>
+
+<p>In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein
+Jahr lang versetzen und aufwachen erst zur Stunde,
+da ich vor dir stehe und du vor mir.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>Und zwischen uns das Kind.</p>
+
+<p>Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben!
+Wach muß ich bleiben und treu im Wachen! —</p>
+
+<p>Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter.
+Der Frühling empfängt dich, blühn und duften wird
+es aus tausend, vielen tausend Blumen, wenn du, die
+Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.</p>
+
+<p>Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub
+an ihren Beinchen verschleppen, von Blüte zu
+Blüte werden sie naschend und nippend fliegen und
+heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.</p>
+
+<p>Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel
+spannen, im flimmernden Sonnenschein ihr buntes
+Farbenspiel entfalten, und in dein braunes Haar
+werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter
+der Heide bist.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-184">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-184.jpg">
+</figure>
+
+<p>Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine
+Tochter zur Bahn brachte.</p>
+
+<p>So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.</p>
+
+<p>Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch
+auf der Bahn und kommt morgen früh zurück. Sie
+wollte mein kleines Mariannchen auf ihren Arm
+nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.</p>
+
+<p>Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span>
+wird das kleine Geschöpfchen sein. Viel geborgener,
+als ich es bin.</p>
+
+<p>Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter
+ihnen geschlossen, da riß ich meinen Gaul aus dem
+Stall. Gesattelt war er. Ich schwang mich hinauf, und
+fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die
+Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge
+war ich an Ort und Stelle. Draußen, gerade dort,
+wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul zusammen.
+Er stand wie eine Mauer dicht an den
+Bahnschienen.</p>
+
+<p>Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die
+Kleinbahnzüge es tun, heran. Mein Waldhorn hatte
+ich schon am Munde. Klar klang sein schwermütig-fröhlicher
+Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen
+die ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit
+hinaus.</p>
+
+<p>Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich
+des Abends Volkslieder auf ihm geblasen.</p>
+
+<p>Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte
+im Winde. Aus ihren Augen blinkten die Tränen,
+und mit einem Blick der Liebe sah sie mich an wie
+nie zuvor.</p>
+
+<p>»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als
+sie so nahe an mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit
+ihren Fingerspitzen erreichen konnte, die wie ein
+Hauch über mein Gesicht glitten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<p>Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.</p>
+
+<p>Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden
+und Meiden, und der Wald trug lang und bang das
+Echo zurück.</p>
+
+<p>Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins
+Gras warf ich mich, und über mir in den grünen
+Wipfeln der Bäume klangen die Blätter aneinander
+und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf
+Wiedersehen!«</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-186a">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-186a.jpg">
+</figure>
+
+<p>Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein
+Bartel mit: »Von Erika, das schickt sie Ihnen.«</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-186b">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-186b.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 11 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="11">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/l.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">L</span>iebe Erika!</p>
+
+<p>Haben Sie herzlichen Dank für Ihren
+Brief. Sie hätten mir sicher viel eher
+geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag
+für Tag dem Briefträger entgegeneilte, wenn er
+die kleine, steinüberwölbte Pforte, durch die Sie
+so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine
+rotstreifige Mütze sich zeigte.</p>
+
+<p>Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut,
+schon hat abgeblüht der Flieder, das Korn schießt
+schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist
+eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der
+ersehnte Brief.</p>
+
+<p>Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich
+war gleich dem Dürstenden in weiter, öder Wüste.
+Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen
+rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum
+ist Wüste, doch <em class="gesperrt">ich</em> bin geborgen.</p>
+
+<p>Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie
+aus Ihrem Brunnen mir den Krug zum Trinken
+reichten.</p>
+
+<p>Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser
+schöpfen, und wie ein reiner Bergquell ist sein
+Inhalt.</p>
+
+<p>Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch
+in ihr herrschen Einsamkeit und Reinheit.</p>
+
+<p>Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen,<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span>
+dreimal des tiefen Brunnens silberklares Wasser
+ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins Lesen
+komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal
+wieder.</p>
+
+<p>Also dem kleinen Mariannchen geht es gut?
+Wie könnte das anders sein, wo das Kind in
+Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und
+Ihr Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr
+ohne das Kind sein? Das sind zwei schöne Botschaften,
+die mir die Heide sendet. Die dritte
+schöne, schönste Botschaft atme ich aus den
+Blumen ein, die das Heidkönigstöchterlein zwischen
+die Seiten des Briefes legte. Frisch sind die
+Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit
+Wasser, die neben mir steht. Sie duften den
+frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs
+Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von
+draußen flimmert sommerliche Abendsonne durchs
+offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen,
+den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’
+ich in stiller Heide? Kommt dort nicht durch das
+blühende, schöne Heidekraut die Tochter der Heide
+gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu?
+Glänzt nicht aus ihren Augen lautere Treue?
+Streift sie mit sanfter Hand nicht über meine
+Stirn?</p>
+
+<p>Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner
+Kauzburg blüht, seitdem sie mit meinem Kinde,
+das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume
+erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich
+einsam.</p>
+
+<p>Ich will keines Menschen Mitleid.</p>
+
+<p>Ich verachte das Mitleid der Menschen.</p>
+
+<p>Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten,
+will es ausdehnen so weit, daß die ganze
+Heide um den Heidhof davon träumt und in
+stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt,
+bis Ihr Herz ganz davon erfüllt wird. Das
+Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie ein
+Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und
+die Liebe vermag den unübersteigbaren, winterharten
+Berg zum stillen, grünen Tale umzuwandeln.</p>
+
+<p>Wird für mich das stille Tal ergrünen?</p>
+
+<p>Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir
+mein Kind, es soll seine kleinen Arme um Ihren
+Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel
+sein, der zwei Herzen mit seinem silbernen
+Hammer fest zusammenschmiedet für alle Ewigkeit.
+Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander,
+aber ich kann nicht anders: Ich will
+ihm grollen und zürnen und vermag es nicht.
+Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann:<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span>
+Erst die Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet
+uns den Weg zum Himmel. Meine Buße habe
+ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein,
+das wie eine Madonna mit dem Kinde durch die
+Blüten der braunen Heide schreitet.</p>
+
+<p class="center mb-5">Ihr</p>
+
+<p class="right mr20 mb10">einsamer Freund.</p>
+
+<p><span class="antiqua">N. B.</span> Ich habe meine Versetzung nach Schlesien
+erbeten. Wenn es mir doch glückte. Ich bin ein
+solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat
+wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer
+hängt.</p>
+
+<p>Mich stören hier auch die Erinnerungen
+und ... die Menschen. Kürzlich rief ein Kuckuck
+statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika.
+Ich hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen,
+wenn Sie das lesen. O, Sie böses, süßes Heidekind,
+Sie!</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-190">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-190.jpg">
+</figure>
+
+<p>Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!</p>
+
+<p>Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr
+des verlorenen Sohnes? Liebe Mutter, du
+lächelst. Ich sehe in deinem lieben Muttergesicht die
+kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht so
+schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>
+tausend liebe Mutterlächeln strahlen. Du schreibst
+mir: »Ich will Dich bei Deiner Rückkehr ins liebe
+schlesische Heimatland feiern, wie man den verlorenen
+Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du
+mir in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener
+Sohn‹: Nur weil Du fern warst, viel zu fern von
+einer so alten Frau, als ich eine bin, nur darum mir
+verloren, Du lieber Sohn.«</p>
+
+<p>Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe
+daran ich war, der biblische verlorene Sohn zu sein.
+Was wirst du sagen, wenn du alles weißt? Und
+wissen mußt du es! Wie werden deine Augen
+ratlos in Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen
+werde: »Ich bin Vater eines Kindes!« Wirst du
+dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen
+gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten
+Grundsätzen?</p>
+
+<p>Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht
+ersparen zu können.</p>
+
+<p>Bereite noch <em class="gesperrt">keine</em> Feste vor für den »verlorenen
+Sohn«, liebe Mutter!</p>
+
+<p>Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er
+wirklich der verlorene Sohn war, dann, ja dann
+nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort
+die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten
+wollte.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-191">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-191.jpg">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p>
+
+<p>Man verwächst mit einem Ort, an dem man
+längere Zeit geweilt hat, ohne daß man es merkt.</p>
+
+<p>Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt.
+Als ich meinen Wunsch erfüllt sah und nach
+Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten
+Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich
+manches, was ich bis jetzt nicht gesehn hatte.</p>
+
+<p>Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick
+über den alten Kirchhof hinüber weit in das Flußtal
+hinein. Wie eigenartig doch die Kauzburg selbst!</p>
+
+<p>Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich
+mich erst so ungemütlich fühlte!</p>
+
+<p>Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten
+sein werden wie hier? Ob dort wohl auch im Frühling
+die Nachtigall ihr einsam schönes Nachtlied
+im Garten singen wird? —</p>
+
+<p>Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens.
+Auch hier ein Abschied. Von vielem.</p>
+
+<p>Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den
+Domherrn am Fenster stehend. Krank sah er aus,
+schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an dem
+ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf
+ihn fielen, machte er eine Bewegung, als wollte er
+rasch ins Dunkle des Zimmers zurücktreten. Dann
+aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte
+er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter
+Stimme zu mir: »Ich werde über diesem Grabe<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span>
+wachen und es pflegen. Ist es nicht schön gepflegt?
+Daneben ... daneben ...«</p>
+
+<p>Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer
+über den Kirchhof.</p>
+
+<p>Ich grüßte hinauf, als ich ging.</p>
+
+<p>Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die
+Pforte hinter mir schloß.</p>
+
+<p>Also <em class="gesperrt">doch</em> ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.</p>
+
+<p>»Daneben ... daneben ...«</p>
+
+<p>Ich wußte, was er meinte.</p>
+
+<p>Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes
+sein. Dann ist auch <em class="gesperrt">er</em> tot. Mich wird’s nicht stören,
+komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem Grab.
+Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre
+Sünde. Die Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was
+ungleich war. Ein bißchen Erde <em class="gesperrt">mehr</em>, nichts
+anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen,
+die für uns alle der gleiche Schoß ist?</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-193">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-193.jpg">
+</figure>
+
+<p>Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme
+ich nicht mit nach Schlesien. Ich traue diesem
+Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse Geister
+daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins
+Haus getragen mit ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
+
+<p>Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den
+Eingang des unterirdischen Ganges gestellt. Dort
+mag es stehen und den Gang in das stille Tal
+verschließen wie früher. —</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-194a">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-194a.jpg">
+</figure>
+
+<p>Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern
+flammte das Abendrot über dem Himmel, als ich
+das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken!
+An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir <em class="gesperrt">jene</em>
+gebracht, was wird mir <em class="gesperrt">diese</em> bringen? Wie
+mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen
+entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag
+uns bringt. Was sag’ ich, ... Tag! ... Die nächste
+Stunde, der nächste Augenblick. In Kleinigkeiten
+können wir das blinde Schicksal meistern, in großen
+Dingen nicht.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-194b">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-194b.jpg">
+</figure>
+
+<p>So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!</p>
+
+<p>Daheim! In der alten Heimat!</p>
+
+<p>Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt,
+ihr Bäume legtet <em class="gesperrt">mir</em> den Traum der Jugend in<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span>
+mein Herz. <em class="gesperrt">Dich</em>, du mein grüner, heimatlicher
+Wald!</p>
+
+<p>Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist
+es noch und wirst es bleiben allezeit.</p>
+
+<p>O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will
+ich mich an den Waldbach, der aus dem hellen Felde
+zum dunklen Walde fließt, hinknien, wo einst des
+Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der
+Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn
+jagte und die Krähennester ausnahm, da will
+ich heute knien.</p>
+
+<p>Und dankbar sein für meine Rückkehr in die
+Heimat.</p>
+
+<p>Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses
+eine einzige Wort!</p>
+
+<p>Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt.
+Umragt von hohen Mauern gegen alles Fremde,
+gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden Händedruck.</p>
+
+<p>Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt,
+voll Licht, das durch die Adern strömt wie goldner
+Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt auch
+von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr
+lieben Toten, die ihr nicht mehr seid. — — Dort
+diese Kiefer kenne ich so gut!</p>
+
+<p>Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich
+als stärkster aus dem Wipfel in die Breite streckt,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span>
+gesessen und aufgepaßt aufs Wild, das in die Felder
+trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer
+im Versinken, da trat der starke Rehbock aus der
+jungen Dickung und warf mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten
+Kopf hoch auf.</p>
+
+<p>Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen
+Böckchen. Kaum zeigte sich’s, hui, war der Starke
+wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil hinter ihm
+her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!</p>
+
+<p>Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig,
+Männchen machend, mit den Löffeln wackelnd, bald
+hierhin, dorthin schnuppernd, endlich ganz beruhigt
+in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar
+Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie
+uns ein Gläschen guter Wein. —</p>
+
+<p>Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes
+ist meine schlesische Oberförsterei.</p>
+
+<p>Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das
+Wasser des Stromes sehen.</p>
+
+<p>Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im
+Schilfe. Und schwirren pfeifenden Fluges hoch,
+umkreisen mein Forsthaus und lassen sich brausend
+im Schilfe wieder ins Wasser hinab.</p>
+
+<p>In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen
+Räume, in denen Ritter und Mönche hausten.
+Aber auch keinen unterirdischen Gang mit Steinkäuzchen
+und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span>
+wie die Sonne am lichten Sonntag ist alles in
+meinem Haus.</p>
+
+<p>Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt,
+der Wald ringsum, der stille, hohe Wald, —
+ja, von Ruhe.</p>
+
+<p>Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus
+in schlesischer Heimat.</p>
+
+<p>Nun ist die Heimat wieder mein.</p>
+
+<p>Mein erster Brief aus der Heimat soll in den
+Heidhof eilen zu dir, Heidkönigstochter.</p>
+
+<p class="center">
+Liebe Erika!<br>
+</p>
+
+<p>Mein erster Brief aus Schlesien, meiner
+Heimatprovinz, soll zur Heidkönigtochter eilen!
+Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist der
+Sommer hin, bald flattert das Laub von den
+Bäumen, bald, bald wird’s schneien, und dann
+kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich doch
+<em class="gesperrt">selbst</em> in die Heide! Meinst du, mein Brieflein,
+daß ich dann <em class="gesperrt">schreibe</em>?! O nein, dann eile
+ich selbst, so wie du heute eilen sollst! Dann zieh’
+ich dem Frühling entgegen, der in der Heide
+für mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein,
+dein König sendet dir seinen ersten
+Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger
+Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen
+Segelschiffe gleiten auf und nieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an
+ihr Ziel. Wie eine Mutter die Schar der Kinder.</p>
+
+<p>Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom.
+Wenn die Schiffe lautlos herangleiten,
+die weißen Segel vom silbernen Mondglanz umflossen,
+dann ist’s mir, als ob sie mir aus
+der stillen, fernen Heide das Heidkind bringen
+sollten.</p>
+
+<p>Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren!
+Wie werde ich aufpassen, wenn die erste Schwalbe
+am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde ich
+auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am
+Waldrand drüben.</p>
+
+<p>Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein
+strahlendes, holdes Antlitz uns anlächeln wird,
+dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide.
+<em class="gesperrt">Aus</em> der Heimat werde ich <em class="gesperrt">in</em> die Heimat fahren.
+So lockt mich die Heide. Ich kam so froh hierher
+und bin so ernst und still, seitdem ich hier bin.</p>
+
+<p>Warum wohl, Heidekind, warum?</p>
+
+<p>Ach, weil mir immer mehr und mehr die
+Heidkönigtochter fehlt! Weil immer mehr mein
+Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was
+man so ganz im Herzen hat, das duldet keine
+Worte. Das liegt verschlossen wie in einer
+Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein.</p>
+
+<p>Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika.<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span>
+Mein Kindchen, bist Du Dir denn auch bewußt,
+daß Du mein Fürbitter sein sollst?</p>
+
+<figure class="figcenter img-w4" id="illu-199">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-199.jpg">
+</figure>
+
+<p>Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die
+Ecke bog, das liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster.
+Ich sah, wie es sich an die Scheiben preßte
+und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen.
+Die so treu wie es nur Mutteraugen können,
+auf das Kind herabsehn. Und heute, als ich aus der
+Fremde wiederkam, zurückkehrte in die alte Heimat,
+sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht
+am Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über
+dieses liebe, alte Gesicht, als ich um die Ecke bog.
+Und doch stand eine Wolke über der Sonne oben am
+Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir.
+Über dem heimkehrenden Sohne.</p>
+
+<p>Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist
+für dich der heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der
+er war, als er in die Fremde ging. Wie ein verlorener
+Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir
+doch wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein
+Junge, jetzt, wo Deine Oberförsterei so nah von hier
+liegt«, meinte sie lächelnd, als sie mich immer und
+immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte.
+Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span>
+so viel erzählt von meiner jetzigen Oberförsterei und
+der früheren. Kein Wort bis jetzt von dem
+Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von
+Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika.</p>
+
+<p>»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei
+mir bist, etwas, mein Junge. Darf es deine alte
+Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie in ihrer
+mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie
+scharf sieht doch eine Mutter ins Herz des Kindes!</p>
+
+<p>»Ich verschweige dir etwas, Mutter?«</p>
+
+<p>»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich
+bedrückt etwas, sage es mir doch, vielleicht kann ich
+dir helfen.«</p>
+
+<p>Da zog ich behutsam das Bild des kleinen
+Mariannchens, meines Töchterleins, aus meiner
+Brusttasche.</p>
+
+<p>Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen.
+»Was hast du denn da, lieber Sohn?« fragte sie
+mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was
+ich hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir
+verschwiegen habe.«</p>
+
+<p>»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt
+es, wenn das Kind, und wenn das Kind auch so ein
+großer Sohn ist, Kummer hat.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Kummer</em>, Mutter?«</p>
+
+<p>»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie.</p>
+
+<p>»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«,
+bat ich.</p>
+
+<p>»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es!
+Wer ist denn das Geschöpfchen? Und wie es lacht
+und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie allerliebst,
+gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber
+Sohn!« rief sie und sah voll Freude auf das Bild.</p>
+
+<p>»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich.
+Sie sah auf.</p>
+
+<p>»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge.
+Was machst du denn für ein Gesicht? Ist wohl tot,
+gestorben, das herzige Kind?«</p>
+
+<p>»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«,
+sagte ich leise.</p>
+
+<p>Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht.
+»Es lebt, das Kindchen«, sprach sie mir
+langsam nach und sah von dem Bilde wieder auf mich.</p>
+
+<p>»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem
+das Kind gehört?«</p>
+
+<p>Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen.
+Wie eine große, ratlose Angst.</p>
+
+<p>»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«,
+sprach sie, und ihre Stimme zitterte.</p>
+
+<p>»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun
+mir, deinem Sohn gehörte?«</p>
+
+<p>»Fritz!« rief sie und starrte mich an.</p>
+
+<p>»Mutter, es ist <em class="gesperrt">mein</em> Kind. Ich bin der Vater<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span>
+des kleinen, herzigen Mariannchens, dessen Bild
+du in der Hand hältst«, sagte ich ruhig. »Muß
+ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar
+vor meiner <em class="gesperrt">Mutter</em> entschuldigen?« dachte ich
+bitter, als ich sah, wie fassungslos, wie entgeistert
+die alte Frau dasaß.</p>
+
+<p>Unwillig wandte ich mich fort.</p>
+
+<p>Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch
+hineinschluchzte.</p>
+
+<p>»Mutter!«</p>
+
+<p>Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände,
+die mich vor vielen Jahren getragen hatten, von
+ihren weinenden Augen und streichelte immer und
+immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du
+armer Sohn«, sagte sie, nichts anderes. Da erhellte
+ein Licht meine Seele: »Diese alte Frau fühlt in
+diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich
+vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst
+durchgekämpft habe, bevor ich zu dieser Ruhe gekommen
+bin.« Und während ich vor ihr kniete und
+sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne
+blickte und mir das Haar aus der Stirn strich,
+erzählte ich ihr.</p>
+
+<p>Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von
+ihrem goldenen, schimmernden, schönen Haar, ihrem
+lilienweißen, feinen Gesicht und ihrem sanften
+Sterben an diesem Kinde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
+
+<p>»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war
+rührend für mich, wie schamhaft die alte Frau das
+fragte.</p>
+
+<p>Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun
+liebte. Anders liebte, als ich die erste geliebt hatte.
+Und <em class="gesperrt">diese</em> Liebe verstand meine alte Mutter. Ich
+fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr von
+ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn.
+Den verlorenen Sohn.</p>
+
+<p>Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein,
+von der Heide und dem einsamen Heidhofe in
+der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich nebenbei
+einiges dazwischen.</p>
+
+<p>Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen!</p>
+
+<p>»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir
+nicht geben, wegen diesem hier«, sagte sie betrübt
+und zeigte auf das Bild der kleinen Marianne.</p>
+
+<p>»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm
+sein für dich, mein armer Sohn.«</p>
+
+<p>»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«,
+meinte ich und legte in meine Worte viel Zuversicht.</p>
+
+<p>»Nein, er gibt <em class="gesperrt">nicht</em> nach«, sprach sie still
+vor sich hin. »Nach allem, was du mir erzählt hast,
+gibt er seine Tochter nicht. Und ... du darfst ihm
+deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft
+hinzu.</p>
+
+<p>»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span>
+Sünde. Aber habe keine Angst, ich werde dich
+losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten Mutter
+zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.«</p>
+
+<p>Ich lächelte vor mich hin.</p>
+
+<p>»Lache <em class="gesperrt">nicht</em> darüber, mein Junge. Ich weiß ja,
+Ihr jungen Männer von heute seid nicht mehr so
+gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß halt die
+Mutter für den Sohn <em class="gesperrt">mit</em>beten.«</p>
+
+<p>»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und
+gab ihr einen Kuß auf die Stirn. »Es kann mir nur
+nützen, wenn du es tust.«</p>
+
+<p>Und schon, als ich am selben Nachmittage von
+einigen Gängen in der Stadt nach Hause kam,
+fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche betend
+am Fenster sitzen.</p>
+
+<p>Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken
+vertrauter gemacht, daß ihr Sohn der Vater
+der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus dem
+Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte.</p>
+
+<p>»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika
+und dem Kindchen?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Hinfahren werde ich und mir beide holen«,
+sagte ich.</p>
+
+<p>Sie seufzte.</p>
+
+<p>»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«,
+warnte sie ängstlich.</p>
+
+<p>»Mutter, <em class="gesperrt">laß</em> mir diese Hoffnungen! Die muß<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+ich behalten, weil sie mich aufrecht halten. Ich
+klammere mich an die Hoffnung, daß Erika meine
+Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die
+letzte Planke.«</p>
+
+<p>»Und wenn sie <em class="gesperrt">nicht</em> deine Frau wird und der
+Vater sie dir verweigert? Würdest du’s verwinden?«</p>
+
+<p>Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst
+voll ausdenken mußte ich diesen Gedanken. »Verwinden
+nicht, aber ich habe ein Kind, und die Sorge
+um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf,
+weiter zu leben und weiter zu arbeiten, Mutter.«</p>
+
+<p>Da stand die alte Frau auf, langte nach dem
+Bildchen meiner kleinen Marianne und sagte leise:</p>
+
+<p>»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind,
+du.«</p>
+
+<p>»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es
+wieder habe, Mutter?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.«</p>
+
+<p>— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine
+Großmutter! Eine Großmutter hast du, mein kleines
+Mariannchen, und deine Großmutter wird Strümpfe
+stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen
+und Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein.</p>
+
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-205">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-205.jpg">
+</figure>
+
+
+<!-- Chapter 12 with no heading -->
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 title="12">
+<span class="keep-nu-validator-happy">&nbsp;</span></h2>
+</div>
+
+<div>
+ <img class="drop-cap" src="images/s.jpg" alt="">
+</div>
+
+<p><span class="drop-cap">S</span>o fahre ich also in die Heide. Am Heidbahnhof
+erwartete mich ein hochbeiniger,
+einfacher Heidewagen.
+</p>
+
+<p>Zwei wohlgenährte Schimmel davor. Es
+dauerte gar nicht lange, so war ich mitten drin
+in der weiten Heide.</p>
+
+<p>Ringsum ein Blühen und Duften im Flimmerglanz
+der Abendsonne.</p>
+
+<p>An stillen Teichen kam ich vorüber. An weißen
+Birken, deren zarte Zweige mit ihrem hellgrünen
+Blattschmuck leise schaukelten.</p>
+
+<p>An dunklen Wacholderstauden, die ernst wie
+Schildwachen standen. Und weit in der Ferne sah
+ich den Schäfer auf der Heide und vor ihm die Heidschnucken
+grasen.</p>
+
+<p>Scharf hob sich seine Gestalt in dem langen,
+dunklen Rock vom Glanz des Abendhimmels ab.</p>
+
+<p>Süß duftete das Lupinenfeld, an dem mich der
+kleine Wagen im mahlenden Sande langsam vorüber
+brachte, vorbei an der alten, zerzausten Kiefer
+mit dem aufwuchernden Baumgezweig um ihren
+Stamm; so kam ich näher und näher dem Heidhofe,
+wo meine Heideblume blüht. Immer purpurner
+wurde das Abendrot, immer schöner der Blütenreichtum.
+Und hier, ganz dicht am Wagen das
+Edelweiß der Heide, die liebliche Immortelle!</p>
+
+<p>Also, das ist deine Heimat, Heidkönigstochter!<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span>
+Hier bist du als Kind durch die Blüten gesprungen,
+hier hast du geträumt und gesonnen, hier bist du
+zur Jungfrau geworden. Um dich allein die Keuschheit
+dieser unendlichen Heide. Unberührt von dem
+Branden der Welt. Deine Welt, du stille Tochter der
+Heide, ist das Haus, in dem du mit fleißigen Händen
+waltest. Mit treuem Herzen, mit ewig gleichem
+Pflichtgefühl still und fromm und mit der Fröhlichkeit
+im Busen, die sich nie laut verkündet, die aber
+wärmt und reinen Glanz um sich verbreitet.</p>
+
+<p>Wie diese Heide hier.</p>
+
+<p>Von weitem sah ich inmitten der braunen Heide
+eine weiße Gestalt stehn.</p>
+
+<p>Klar hob sie sich ab in dem vergoldenden Glanz
+der Abendsonne.</p>
+
+<p>Wie Purpurglut lag es um sie und um das Kind
+auf ihrem Arm.</p>
+
+<p>»Ich will aussteigen, halt, steht, ihr Rößlein des
+Heidkönigs!« — — — —</p>
+
+<p>»So, nun fahrt zu, ich gehe zu Fuß bis zum Heidhof,
+dort den Fußweg quer durch die Heide.« Und
+so ging ich ihr entgegen, nach der ich mich heiß gesehnt
+hatte Tag und Nacht und wieder Nacht und
+Tag. Und die Tage und Nächte dieses langen Jahres
+sind langsam geschlichen, so unendlich langsam —.
+Sie kommt mir entgegen, bringt mein Kind mir zu!
+Klopf’ nicht so heftig, mein Herz! — Wer weiß,<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span>
+ob sie dir entgegengehen wollte. Ob es nicht ein
+bloßer Zufall ist, daß sie diesen Fußsteg geht.</p>
+
+<p>Ein Zufall? Ein bloßer Zufall? Törichter,
+furchtsamer Gesell, du weißt es, und dein Herz weiß
+es, daß es kein Zufall ist!</p>
+
+<p>Jetzt konnte ich fast ihr Gesicht erkennen. Ach,
+wie blüht die Heide so seltsam schön, wie duften die
+vielen tausend Heideblüten so seltsam süß an diesem
+Abend. Wie seltsam schön flimmert und glänzt es
+um mich herum. Kein Wunder, wenn die Heidkönigstochter
+durch ihre Heide geht.</p>
+
+<p>Immer näher kamen wir uns.</p>
+
+<p>Kein Berg, kein Tal lag zwischen uns, nur die
+weitsichtbare, stille, summende Heide.</p>
+
+<p>Die Luft war so klar, und dicht über der Ebene lag
+es so voller Flimmerglanz, daß wir uns schon ganz
+deutlich sahen, obwohl wir noch weit voneinander
+gingen. Wir dachten, ganz nahe schon beieinander zu
+sein, und waren noch weit entfernt.</p>
+
+<p>»Erika!« sagte ich gar nicht laut, und hätte es auch
+gar nicht laut rufen können in diesem Augenblick.
+Sie schritt unentwegt weiter, sie hatte es nicht gehört
+und konnte es wegen der Entfernung, die uns
+trennte, auch nicht hören.</p>
+
+<p>Ich sah, wie sie das Kind hoch auf ihrem Arm mir
+entgegenschwenkte, sah, wie das Kind jubelte und die
+kleinen Hände aneinanderpatschte, hörte aber keinen<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span>
+Laut. Mir war, als hätte eine Traumwelt mich eingesponnen.
+Wie ein Schlafwandler kam ich mir in
+dieser weiten Heide vor.</p>
+
+<p>»Erika!« rief ich nun, so laut ich konnte, und siehe
+es war Wirklichkeit, was mir entgegenkam, kein
+Traum.</p>
+
+<p>Deutlich hörte ich das Jubeln des Kindes. Da
+hätte ich hinknien können in die blühende, seltsame
+Heide und ihr danken, daß sie wirklich um mich herum
+blühte, daß ihre Blüten so schön waren, und daß
+die Heidkönigstochter wirklich mir, mir ganz allein
+entgegenkam.</p>
+
+<p>Und nun stand sie vor mir, und ich stand vor ihr.
+Keins sprach ein Wort. Aber das Kind lachte und
+angelte nach mir. Nach seinem Vater, den es doch
+gar nicht mehr kannte nach diesem langen Jahr.</p>
+
+<p>Sie reichte mir das Kind, und als es an meinem
+Halse hing, umfaßte ich auch sie und sagte leise:
+»Erika, nun bin ich bei dir in der Heide.«</p>
+
+<p>Da schlang sie ihre Arme um mich, und ich bog
+mich herab und küßte erst sie auf den noch unberührten
+Mädchenmund, und dann das Kind auf
+sein rosiges, halboffenes Mündchen. So standen wir
+beide mit dem Kinde auf unseren Armen im versinkenden
+Goldglanz der Sonne.</p>
+
+<p>Und um uns blühte die Heide.</p>
+
+<p>Weit, unendlich weit lag die Welt von uns ab.<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span>
+Wir brauchten keine Welt. Wir selbst waren uns
+unsere Welt.</p>
+
+<p>Meine ganze Welt waren nur diese beiden
+Menschen hier in der einsamen Heide.</p>
+
+<p>»Erika,« sagte ich zu ihr, die treu und still und
+voll Liebe zu mir aufsah, »Erika, bist du nun
+mein?«</p>
+
+<p>Da ging ein Zucken durch ihren Körper.</p>
+
+<p>Sanft löste sie sich aus meinen Armen, trat etwas
+auf die Seite und sah mich prüfend an.</p>
+
+<p>»Ich kann deinen Blick aushalten, Erika,« sprach
+ich, »immer werde ich deinem Blick standhalten
+können bis zum Tode, glaube es mir.«</p>
+
+<p>»Ich sehe es, und ich weiß es und wußte es, ehe
+du kamst, Lieber,« erwiderte sie; »aber du weißt,
+wie mein Vater darüber denkt.«</p>
+
+<p>»Dein Vater? Der Heidkönig?« fragte ich erschrocken;
+»wird er denn auch jetzt noch nicht seine
+Einwilligung geben zu unserer Vereinigung?«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Das hatte ich nicht gedacht und nicht erwartet«,
+sagte ich betrübt.</p>
+
+<p>»Du kennst uns Heidleute nicht,« sprach sie ernst;
+»sieh, auch ich hätte noch vor Jahresfrist für unmöglich
+gehalten, daß ich einst einwilligen würde,
+wirklich deine Frau zu werden. Aber dies eine Jahr
+der Trennung hat viel umgewandelt in mir. Das<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span>
+Jahr der Trennung und das Kind hier. Immer
+mehr fühlte ich von Tag zu Tag, wie meine Liebe
+zu dir wuchs, immer mehr fühlte ich, das ich nun
+gerade zu dir, dem Einsamen, Unglücklichen —
+denn du bist nicht glücklich, Lieber, auch wenn du’s
+dir nicht merken läßt — gehöre, immer kleiner
+erschien mir deine Schuld, immer mehr sah ich nun,
+wie brav und ehrlich du die Folgen deiner Verfehlung
+auf dich nahmst, und wie du dich über alles
+Reden hinweg zu deinem Kinde bekanntest, und
+immer mehr wuchs auch meine Liebe zu deinem
+mutterlosen, verlassenen Kinde. Und wenn ich mit
+dem kleinen Mariannchen über die Heide ging und
+um mich der Frieden und die Ruhe der Heide lagen,
+um mich die Bienen summten und die Schmetterlinge
+flogen, nach denen dein Kind vergnügt mit den
+Händchen haschte und glücklich dabei auf meinen
+Armen krähte, um mich der Sonnenglanz strahlte,
+unter dem diese einsame Gotteswelt träumte, da
+hielt ich Einkehr in mich, und diese Einkehr hier
+draußen in der stillen Heide hat mir viel, recht viel
+gesagt. Sie sagte mir, daß niemand, auch der beste
+Mensch nicht, vor einem Fehler sicher ist, ja, sie sagte
+mir, daß gerade oft die besten Menschen einen Fehler
+tun und ihn bereuen müssen. Denn bist du nicht der
+beste Mensch? Und hast du nicht deinen Fehler
+bereut und nach bester Kraft gutgemacht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>»Erika«, sagte ich erschüttert.</p>
+
+<p>»Laß mich noch reden, Lieber, es ist nötig, daß
+ich alles sage, was ich dir sagen wollte. Ich bin
+entschlossen, deine Frau zu werden. Gott wird
+verhüten, daß ich ohne den Segen meines Vaters
+aus dem Heidhof in das Haus des Mannes
+ziehen sollte, dem ich mich verpflichtet habe, in
+Treuen sein Weib zu werden. Ich weiß, ich würde
+das nie verwinden können, und in der Heide würde
+ich meine frohen Mädchenträume zurücklassen. In
+dein Haus brächte ich eine tiefe Trauer des Herzens.
+Darum, Lieber, bitte ich dich, überlege es dir ernst
+und prüfe alles, bevor du ein Weib nimmst, dem
+des Vaters Segen fehlt. Ich <em class="gesperrt">muß</em>, wenn du mir
+winkst, mit dir gehn. Meine Liebe zu dir, dem
+Manne, dem das Weib folgen und alles andere verlassen
+soll, treibt mich dazu und mein Wort, das ich
+Mariannen gab. Wie sollte ich denn anders diesem
+Kinde eine treue Mutter sein? Und nun komm.
+Der Heidhof erwartet dich.«</p>
+
+<p>»Wenn doch ein Wunder geschähe, daß deinem
+Vater seinen Sinn wandelte«, sagte ich traurig und
+schritt mit schwerem Schritt neben ihr.</p>
+
+<p>»Eine tiefe Trauer des Herzens,« hatte sie gesagt;
+ja, durfte ich sie denn gegen ihres Vaters
+Willen, ohne seinen Segen, gewaltsam lösen aus
+dem Heidhofe? —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p>
+
+<p>So standen wir bald vor der Tür des Heidhofes.
+Der Abendsonne letztes, versprühendes Leuchten
+zitterte über dem Gehöft, ach, alles Schöne vergeht
+und läßt uns nur ein letztes Leuchten zurück. Da
+tat sich die Tür auf, und der Heidkönig stand auf der
+Schwelle.</p>
+
+<p>Ich trat auf ihn zu und reichte ihm meine Hand.
+Ich konnte ihm noch keinen Gruß sagen, so bewegt
+hatten mich Erikas Worte.</p>
+
+<p>»Seien Sie willkommen!« sprach er nicht unfreundlich,
+und seine Augen, diese treuen und doch
+so klugen, forschenden Augen bohrten sich auf mein
+Gesicht.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Der</em> Mann sah in die Herzen!</p>
+
+<p>Aber daß ich nicht bloß kam, um mein Kind mir
+nach Ablauf des Jahres aus dem Heidhofe zu holen,
+sagte er sich wohl selbst.</p>
+
+<p>Also galt sein forschender Blick <em class="gesperrt">mir</em>. Er wollte
+prüfen, was dieses Jahr aus mir gemacht hatte. Nun,
+diese Prüfung mußte ihn zufrieden stellen. Aber daß
+er diese Prüfung vornahm, legte ich mir günstig aus.
+Wozu denn erst solche Prüfung, wenn er doch fest
+entschlossen war, mir Erika nicht zu geben?!</p>
+
+<p>Zum erstenmal trat ich über die Schwelle des
+Heidhofes. Des Hauses, in dem Erika geboren
+und zur Jungfrau herangeblüht war. Ja, dieser
+Heidhof! In solchem Hause, solchen Räumen, solcher<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span>
+Umgebung mußte ja ganz von selbst ein Heidkönigstöchterlein
+heranblühen. An diesem Abend sprachen
+wir nur Alltägliches und für mich doch auch wieder
+<em class="gesperrt">nicht</em> Alltägliches zusammen.</p>
+
+<p>Wie in stillschweigender Verabredung sprachen
+wir noch nichts von dem Zweck meines Kommens.</p>
+
+<p>Freundlich, doch mit Zurückhaltung behandelte
+mich der Heidkönig als seinen Gast.</p>
+
+<p>Er zeigte mir den ganzen Heidhof.</p>
+
+<p>Diesen kleinen, in der Heide großen Fürstensitz,
+auf dem seit fünfhundert Jahren dasselbe Geschlecht
+saß.</p>
+
+<p>Zum alten Schäfer, der seine Heidschnucken schon
+hereingetrieben hatte aus der Heide, führte er mich
+zuerst. Die Heidschnuckenherde stand Tier an Tier,
+Wolle an Wolle um den uralten Steinbrunnen, der
+rechts im Hofe neben der ebenso uralten Eiche tief in
+die Erde gebohrt war.</p>
+
+<p>Ich fand alles so, wie’s mir Erika an dem einen
+Abend geschildert hatte. Den mächtigen Brunnenschwengel
+hoch an dem Eichenast verhakt; durch die
+Eichenblätter spülte von der Heide ein warmer
+Wind, der süßen Duft führte; der Schäfer stand an
+den rissigen, mächtigen Stamm gelehnt und strickte.</p>
+
+<p>Ab und zu blökte eines der Schafe, oder ein
+anderes brachte eine kleine Unruhe in die gesättigte<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span>
+Herde, indem es sich unartig zwischen den anderen
+durchdrängeln wollte.</p>
+
+<p>»Na, Peter?« sagte der Heidkönig.</p>
+
+<p>»All gut«, erwiderte der Alte und strickte kopfnickend
+weiter. Mich sah er kurz und scharf an.
+Ich merkte aber, nicht unfreundlich. Vielleicht weil
+ich ihm gleich meine Hand hingestreckt hatte, die er,
+einen Augenblick das Stricken unterbrechend, fest
+und derb mit der seinen ergriff.</p>
+
+<p>Dann flogen etwas schelmisch seine alten und
+doch scharfen Augen von mir auf Erika, die uns
+nachgekommen war. Er nickte ihr zu. Das schien
+sie zu freuen. Dann nickte sie ihm rasch wieder zu
+und zeigte mit einem verschämten Lächeln auf mich,
+während uns gerade der Heidkönig den Rücken zukehrte.</p>
+
+<p>Befriedigt nickte er, der Erika auf den Armen
+getragen hatte und ihren Vater hatte groß werden
+sehn.</p>
+
+<p>Gott sei Dank! Der Alte war mir gewogen.
+Ich hatte nur zu gut bemerkt, wie die Augen des
+Heidkönigs das Gesicht seines alten Schäfers
+musterten.</p>
+
+<p>Dem Alten gefiel nicht jeder. Erika hatte mir
+erzählt, daß er sein Mißfallen an jemanden recht
+drastisch zum Ausdruck zu bringen pflegte. Er ging
+dann mit bedächtigem Schritt auf die andere Seite<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>
+der Eiche und ließ den Fremden stehn. Aber heute
+blieb er und nickte befriedigt vor sich hin. Ich hätte
+ihm um den Hals fallen können.</p>
+
+<p>Von dem Brunnen aus gingen wir nach der
+langen, riesigen, ganz aus Eichenbohlen erbauten
+Scheune mit der Wagenscheuer und von dort nach
+dem Schafstalle.</p>
+
+<p>Mittlerweile war es dunkel geworden.</p>
+
+<p>Nur fern am Saume der Heide, die sich hinter
+dem Garten weit, weit ausdehnte, glühte es noch
+rot. Ich trat an den Zaun heran. Erika stellte
+sich neben mich und lehnte sich gleich mir an den
+Zaun.</p>
+
+<p>Der Heidkönig hatte uns verlassen. Er wollte,
+wie er sagte, noch in den Pferdestall gehn und dort
+zum Rechten sehen.</p>
+
+<p>Erika lachte halblaut vor sich hin.</p>
+
+<p>Ich sah sie fragend an.</p>
+
+<p>»Das ist das einzige Mal, daß Vater lügt«, sagte
+sie lachend, und ein fröhliches Lachen war’s, mit
+dem sie das sagte.</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte ich.</p>
+
+<p>Da lehnte sie sich an mich, hob sich ein wenig
+und flüsterte mir ins Ohr: »Zu deinem Kinde
+geht er, Lieber. Ja, wirklich, — freilich erst geht
+er in den Pferdestall, aber nur einen Augenblick
+bleibt er darin, dann geht der Heidkönig, verstohlen<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>
+sich umschauend, Abend für Abend hinauf in meine
+Stube, wo dein Kind, das Mariannchen schläft,
+und dort sitzt er beim Schein der Lampe und guckt
+Abend für Abend sich das Kindchen an. Einmal
+hab’ ich ihn dabei erwischt, er wurde verlegen, und
+das hab’ ich ihm seitdem erspart und tue, als merkte
+ich’s nicht. Ach, Lieber, wie wird der stolze,
+schweigsame Heidkönig die Trennung von dem Kind
+überstehn! Ja, dieses Kind, dieses arme, liebe Kind
+wird uns das Glück bringen.« —</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen saßen wir uns in der
+großen Wohnstube, die so heimisch und traut aussah,
+gegenüber. Der Heidkönig und ich.</p>
+
+<p>Er fing von selbst an.</p>
+
+<p>»Sie wollen heute wieder fort?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja«, sagte ich.</p>
+
+<p>Er schwieg.</p>
+
+<p>»Das Mariannchen ist tüchtig gewachsen und
+ein fröhliches Kind«, meinte er dann.</p>
+
+<p>»Ja, ich habe das Kind entbehrt, und nun will ich
+mir’s heim holen in mein verwaistes Forsthaus.«</p>
+
+<p>Wieder schwieg er.</p>
+
+<p>»Aber nicht wegen des Kindes allein bin ich
+hergekommen. Ich bitte Sie, daß Sie mir Erika zur
+Frau geben. Wir sind uns gut, Sie wissen es.«</p>
+
+<p>»Ich weiß es,« sagte er langsam, »und ich dachte<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span>
+mir, daß Sie diese Bitte heute aussprechen würden.
+Aber ich kann Ihnen Erika nicht zur Frau geben.
+Auch <em class="gesperrt">das</em> habe ich Ihnen schon vor Jahresfrist
+gesagt.«</p>
+
+<p>»Ja, Sie hatten es mir gesagt, offen und ehrlich,«
+rief ich und stand auf; »aber man soll einem
+Menschen eines Fehlers wegen nicht unversöhnlich
+bleiben, sondern zur Versöhnung geneigt sein ...«</p>
+
+<p>»Ich stehe Ihnen nicht unversöhnlich gegenüber,
+nur meine Tochter kann ich einem nicht zur Frau
+geben, der ... der ...«</p>
+
+<p>»Der ein solches Kind sein eigen nennt«, sprach
+ich den Satz zu Ende, als er zögerte, und schob ihm
+die kleine Marianne hin. Er beugte sich herab, und
+das Kind legte seine Ärmchen um seinen Hals.</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht, nein, ich tue es trotzdem
+nicht, sie kann seine Frau nicht werden«, sagte er
+zu dem Kinde und drückte es an sich. Und dann
+legte er seine rechte Hand schwer und wuchtig zur
+Faust geballt auf die Tischplatte. Das Mariannchen
+mochte glauben, daß er mit ihr wie sonst spielen
+wollte. Denn es tatschte mit seinen Fingerchen vergnügt
+auf dieser Faust herum und krähte laut und
+froh dabei.</p>
+
+<p>»Ich kann es nicht«, wiederholte er noch einmal
+und hielt das Kind fest an sich gepreßt.</p>
+
+<p>Da trat Erika zu ihrem Vater hinter dem großen<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span>
+Tisch und legte ihre linke Hand auf die silberbeschlagene
+Bibel, die auf dem Betstuhl am Tische
+lag. Die rechte Hand legte sie ihrem Vater auf die
+noch immer zusammengeballte Faust, die er eben
+schwer und wuchtig hatte auf die Tischplatte fallen
+lassen, und sagte zu ihm: »Vater, sag’, liebst du
+die Bibel und hältst du dich an alles, was in ihr
+geschrieben steht?«</p>
+
+<p>»Törichtes Kind,« erwiderte er, »was soll die
+Frage? Hast du jemals gesehn oder gehört, daß
+dein Vater auch nur ein einziges Bibelwort für
+unwahr hält?«</p>
+
+<p>Als er das gesagt hatte, schlug sie die Bibel auf
+und blätterte in ihr. So eifrig, daß sich ihre
+Wangen röteten. Nun hatte sie wohl gefunden,
+was sie suchte, denn sie nahm das schwere Buch und
+schob es ihm unter die Augen. »Hier, lies Vater«,
+bat sie und hielt auf eine Stelle des Blattes ihren
+Finger.</p>
+
+<p>Er beugte sich herab. »Lies es laut«, sagte sie
+sanft.</p>
+
+<p>Er las: »Und so wird es sein, daß das Weib
+ihren Vater und ihre Mutter verlassen wird und tut
+dem folgen, den sie sich hat gewählt zu ihrem Ehemanne,
+und tut wohl daran, daß sie ihm folgt, denn
+es steht geschrieben: Dein Wille sei mein Wille, und
+dein Haus sei fürder mein Haus.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p>
+
+<p>Laut auf stöhnte der Heidkönig, als er das gelesen
+hatte.</p>
+
+<p>Er sank auf den Stuhl und schlug sich beide
+arbeitsfleißigen und arbeitsrissigen Hände vors
+Gesicht. Das Mariannchen fing leise zu weinen an.
+Er hielt das weinende Kind fest an seiner Brust.</p>
+
+<p>So saß er lange Zeit. Dann nahm er die Hände
+vom Gesicht und richtete sich auf. Aber zwei schwere
+Tränen rollten aus seinen Augen über die Backen
+herab.</p>
+
+<p>So hab’ ich einmal, ein einziges Mal den Heidkönig
+weinen gesehn.</p>
+
+<p>»Ziehe mit ihm und werde sein, meine Tochter«,
+sprach er ernst. »Aber nach Jahresfrist erst darfst
+du mit ihm ziehn und sein Weib werden. Nach
+Jahresfrist erst darf er wieder in den Heidhof
+kommen, keinen Tag eher. Das leg’ ich ihm auf;
+prüfen will ich und muß ich ihn, dem ich mein
+unberührtes Heidkind geben soll. Still, still, Kind«,
+sagte er, als Erika ihn am Arme faßte und zu ihm
+aufsehend bat: »Vater« — »still, meine Tochter,
+anders geb’ ich mein Kind nicht. Also hören Sie,
+Herr,« wandte er sich an mich, »Sie sollen heute über
+ein Jahr wieder hierher kommen und meine Tochter
+zur Hausfrau haben. Ein Jahr ist lang, und bis
+dahin ohne Sünde und brav und keusch leben,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span>
+ist schon etwas. Geben Sie mir die Hand, daß Sie
+brav und keusch leben werden.«</p>
+
+<p>Ich gab ihm die Hand und sah ihn gerade und
+ohne mit der Wimper zu zucken an.</p>
+
+<p>Ich wußte ja, daß es kein Weib außer Erika mehr
+für mich gab.</p>
+
+<p>»Ist mir lieb, dieser Handdruck und dieser Blick«,
+sagte er freundlicher.</p>
+
+<p>»Noch eins,« unterbrach ich ihn, »es muß gesagt
+sein, was wird ... was soll aus meinem Kinde
+werden bis dahin?« Ich hatte es ganz leise gefragt.
+Ach, wer weiß, ob er nicht sagen würde;
+das müssen Sie fortgeben, das darf nicht dort sein,
+wo meine Tochter als Hausfrau schalten und walten
+wird? »Nie, nie,« schrie es in mir auf, »lasse ich
+mein Kind! Ich habe es ins Leben gesetzt, so muß
+ich es auch bewahren im Leben, solange es nötig ist.«</p>
+
+<p>Wie wenig kannte ich doch noch immer diese
+Menschen der Heide!</p>
+
+<p>»Ihr Kind?« sagte er, »nun das ist eine sonderbare
+Frage. Das Kind bleibt hier, bis Sie Erika
+sich holen. Dann bringt sie das Kind mit. Von dem
+Tage ab ist es <em class="gesperrt">ihr</em> Kind, sie ist seine Mutter, und
+ich bin sein Großvater.«</p>
+
+<p>»Herr«, sagte ich tief ergriffen und drückte ihm
+seine harten, lieben Hände fest, ganz fest.</p>
+
+<p>»Aber was werden die Leute sagen, wenn das Kind<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+hier bleibt, und wenn es dann mit Erika kommt?«
+sagte ich zaghaft.</p>
+
+<p>Da richtete er sich hoch auf.</p>
+
+<p>Er sah ordentlich vornehm aus, dieser einfache
+Mann des Heidhofes.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Den</em> möcht’ ich sehn, der es wagen würde, an
+des Heidkönigs Tochter auch nur in Gedanken sich
+zu versündigen. Nein, nein, ich sehe, wir Heidleute
+verstehn uns nicht mit euch Menschen, die ihr in den
+Städten wohnt und die Welt anders kennt, als wir
+sie kennen. — Erika, bedenke es wohl, ehe du dein
+väterliches Heidhaus mit dem Hause dessen vertauschst,
+den du dir zum Ehegatten erwählen willst.«</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">habe</em> es mir bedacht, Vater, ich habe ihm
+versprochen, seine Hausfrau in Treuen zu werden
+und diesem Kinde hier eine treue Mutter, auch der
+toten Mutter dieses Kindes habe ich’s versprochen,
+und du weißt, mein Vater, daß ein Heidkind die
+Treue, die es versprochen hat, hält«, antwortete sie,
+hob das Kind — mein Kind — aus der Wiege und
+drückte das schlafende, kleine Geschöpf an ihre Brust.</p>
+
+<p>Der Heidkönig sah prüfenden Auges auf dieses
+schöne Bild hin.</p>
+
+<p>»Ja, ein Heidkind hält die Treue, möchte meinem
+Heidkinde auch allzeit die Treue gehalten werden.
+Ich denke, er wird die Treue halten, seine Hand
+drückte die meine fest und warm«, sagte er wie zu<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span>
+sich selbst und nickte ernst mit dem Kopfe. »Nun hört
+Ihr beiden, die Ihr in Jahresfrist, von heut ab gerechnet,
+Mann und Weib sein werdet und untrennbar
+bis zur Todesstunde, hört jetzt meine <em class="gesperrt">zweite</em>
+Bedingung.«</p>
+
+<p>Erika sah fragend mit erschrockenen Augen zu
+ihm auf.</p>
+
+<p>»Noch eine Bedingung nach dieser ersten,
+schweren?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Ja,« gab der Heidkönig ruhig zur Antwort,
+»noch eine.«</p>
+
+<p>Er setzte sich in den hochlehnigen Stuhl.</p>
+
+<p>»Setzt euch,« gebot er uns, »ich muß weit ausholen,
+damit es euch klar wird, daß ich bei der
+Bedingung bleibe. Damit es Ihnen klar wird,«
+wandte er sich an mich, »da Sie uns Heidleute noch
+nicht kennen, um zu wissen, daß ein Heidbauer, und
+nichts anderes bin ich und will ich sein, seinen vom
+Vater und Vaters Vater her und Urahn her ererbten
+Heidhof so hoch hält wie sein eigen Kind. Der Heidhof
+ist ihm heilig und nichts schmerzt den Heidhofbauern
+mehr, als wenn er stirbt und er weiß, daß
+sein Heidhof dereinst in fremde Hände kommt.
+Wir Heidhofleute sitzen hier auf diesem Hofe seit
+fünfhundert Jahren. Eine hübsche Zeit, was?«</p>
+
+<p>Ich nickte.</p>
+
+<p>»Ja, seit fünfhundert Jahren. Und jeder, der<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
+den Heidhof übernahm, ist hier groß geworden. Hat
+hier als Kind gespielt im Schatten der Linden und
+Eichen, hat vom Vater gelernt, den Heidhof zu verstehn,
+denn der Heidhof will verstanden werden.
+Drum hat es sich auch fortgeerbt vom Urahn auf
+Ahn, vom Ahn auf Großvater, vom Großvater
+auf Vater, vom Vater auf Sohn, daß der jeweilige
+Erbe des Heidhofs hier erzogen wird.</p>
+
+<p>Der Erbe des Heidhofes ist dein erster, dein
+ältester Sohn, Erika, den du haben wirst. Darum
+verlange ich dein und deines Mannes Versprechen
+jetzt, in dieser Stunde, daß ihr mir euren erstgeborenen
+Sohn überbringt. Ich will ihn zum
+Heidhoferben erziehn, er soll, mach’ ich die alten
+Augen zu, Heidkönig werden.«</p>
+
+<p>Ich blickte heimlich zu Erika hinüber.</p>
+
+<p>Wie? Vor ihm, dem Mädchen, verhandelte der
+Alte das? Was wird Erika tun? In meiner
+Gegenwart vor ihren keuschen Ohren das? Ich
+erwartete, daß sie blutrot werden und keine Antwort
+geben würde. Aber siehe: ruhig nahm sie das Wort.
+Es war ja in »Zucht und Ehren«, was hier besprochen
+wurde. Ja, ja, ihr Heidemädchen, auch
+<em class="gesperrt">euch</em> muß man erst ganz verstehn!</p>
+
+<p>»Ich sehe ein, Vater, daß du recht hast, der Bube
+muß hier sein, um den Heidhof liebzugewinnen,
+es geht nicht anders«, sagte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p>
+
+<p>Klar und ruhig fielen ihre Worte.</p>
+
+<p>»Freut mich, daß du es einsiehst, Kind,«
+brummte er, »hab’s nicht anders erwartet. Bis
+jetzt war der erste stets ein Bub, und es wird wieder
+so sein, darauf hat der Hof des Heidkönigs ein
+Recht.«</p>
+
+<p>Jetzt sah mich der Alte an. »Nun?« fragte er.</p>
+
+<p>Ich zögerte mit der Antwort.</p>
+
+<p>»Überlegen Sie sich’s in Ruhe, nachher sagen Sie
+mir Bescheid«, sagte er freundlich und stand auf.</p>
+
+<p>»Hier, meine Hand, mein erster Bub dem Heidkönig!«
+rief ich fröhlich lachend. Wirklich, ich lachte
+ganz herzlich und vergnügt. Sollte ich meinen
+ersten Buben um den schönen Heidhof bringen?</p>
+
+<p>»Ich glaube, daß ich in einem Jahre beinahe
+ohne Sorge meine Erika Ihnen geben werde«,
+sagte er.</p>
+
+<p>»Also, unser erster Bub wird Heidkönig?« sagte
+ich dann scherzend zu Erika. Da sah sie mich tief
+errötend und ängstlich an und wandte sich ohne ein
+Wort der Erwiderung fort. Ich Tölpel! Werde
+ich denn nie diese Heidleute kennenlernen?</p>
+
+<p>»In Zucht und Ehren darf so etwas besprochen
+werden; das finden diese Heidmenschen des vorherigen
+Besprechens wert und notwendig. Es wird
+aber unnatürlich und frivol, sobald man darüber<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span>
+außerhalb des Rahmens der notwendigen Besprechung
+und Vereinbarung scherzt.</p>
+
+<p>Bei den Menschen der Heide herrscht noch unverfälschte,
+keusche Natur und Herzenseinfalt. Und
+darum Hoheit und Treue und Ernst, sobald Ernstes
+besprochen werden muß. So fest und stark wie ein
+starker, fester Eichenstamm. Meine Hand würde ich
+jederzeit für die Treue meiner Hausfrau Erika vom
+Wegbergshofe ins Feuer legen.</p>
+
+<p>Ja, solche Frau macht die Ehe zu einem Heiligtum.
+Solche Frau atmet den Räumen des Hauses,
+in dem sie waltet, die Reinheit und Treue ein, die ihr
+ganzes Wesen erfüllt. Solche Frau ist ein sicherer
+Hafen nach den Stürmen, die der Lebenskampf dem
+Manne bringt. Ist ein Hafen der Ruhe für des
+Mannes eigenes, wildbewegtes Herz.</p>
+
+<p>O, Erika, bist du erst meine Hausfrau, dann wird
+der goldene Frieden in meinem Hause sein. Wenn ich
+dich sehen werde, werde ich die einsame, unberührte
+Heide sehn, wenn meine Arme dich umfangen
+werden, werde ich wie ein froher Forstbub an dem
+treuen Busen wie in der in scheuer Schöne und
+holder Keuschheit blühenden Heide ruhn.</p>
+
+<p>Du hast nicht Mariannens verzehrende Glut, die
+mich widerstandslos gegen ihre flammende Schönheit
+machte, aber du hast dafür eine Welt von einfacher
+Güte und hingebender Treue. Solche Güte,<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span>
+solche Treue erhalten dem Manne die Kraft, im
+Leben felsenfest zu stehn und bis zum Ende auszuharren
+in dem Kampfe, den Welt und Leben von
+selbst mit sich bringen. Wie werde ich zu dir flüchten,
+bin ich zerzaust worden draußen! Wie wird mich
+deine Ruhe, dein Frieden, dein ganzes liebes Wesen
+aufrichten und wieder festigen. Wie eine Mutter
+wirst du mir sein, in deren Schoß der Forstbub seinen
+Kopf legen darf zu jeder Stunde.</p>
+
+<p>Du wirst meiner alten Mutter eine Tochter nach
+ihrem Herzen sein. Weil du so vieles mit der alten,
+treuen Frau, die ich Mutter nennen darf, gemeinsam
+hast. Nie hätte sie Marianne verstanden. Aber
+nun werde ich nur heimlich noch an Marianne
+denken dürfen. Ich <em class="gesperrt">will</em> an sie denken, trotzdem
+ich Erika gefunden habe. Denn Marianne ist doch
+die Mutter meines kleinen, lieben, herzigen
+Mariandels! Aber Erika soll es nicht merken, daß
+ich in stiller Stunde auch an Marianne denken will.
+Jedes Jahr will ich heimlich einen Kranz auf ihr
+Grab legen. Es wird sich schon machen lassen, daß
+Erika nichts davon merkt. Es müßte sie doch verletzen.«</p>
+
+<p>Unter der Linde vor dem Heidhof saß ich, als ich
+das mit mir besprach. Da trat Erika mit meinem
+Mariandel auf dem Arm aus der Tür des Heidhauses
+und kam zu mir hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p>
+
+<p>Das kleine Mariandel krähte so lustig wie ein
+junges Hähnchen auf den Armen seiner ...
+Mutter. »Armes Hähnchen, deine Mutter ist tot«,
+dachte ich und sah sinnend zu meinem Kinde auf.</p>
+
+<p>»Ich wollte dir noch etwas sagen, und ich soll es
+dir sagen, hat mein Vater mir befohlen, bevor du
+fährst«, begann Erika, setzte sich neben mich und
+gab mir das Mariandel auf die Knie.</p>
+
+<p>»Wegen dieses Kindes muß ich noch mit dir
+sprechen, so will es mein Vater, und so will ich’s.«</p>
+
+<p>»Was denn, Erika?« fragte ich beklommen.</p>
+
+<p>»Sieh Lieber,« sagte sie ruhig und freundlich
+»ich will diesem Kinde eine treue Mutter sein, und
+ich habe es so lieb schon wie ein eigenes Kind. Wir
+wollen es großziehn und zu einem guten Menschen
+machen. Aber eines müssen wir noch miteinander
+besprechen. Ich glaube, es wäre nicht gut, dem
+Mariandel, solange es ein unverständiges Kind ist,
+zu sagen, daß ich nicht seine Mutter bin. Ist es groß
+und verständig, dann halte ich’s für recht, daß
+wir’s ihm sagen. Daß wir ihm sagen: ›Hör’, deine
+rechte Mutter, die dich geboren hat, ist tot.‹ Und
+damit es dann nicht davor erschrickt, so bitte ich dich
+heute, daß du mit mir und dem Mariandel jedes
+Jahr an Mariannens Todestag zu ihrem Grabe
+fährst. Dort wollen wir zusammen ihr Grab recht
+schön schmücken und dem Kinde von ihr Liebes und<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span>
+Gutes erzählen; wir wollen ihrer immer in Liebe,
+nur in Liebe gedenken. Denn ich weiß, sie hatte dich
+lieb, und es war doch <em class="gesperrt">auch</em> ein armes, verlassenes
+Kind der Straße. Du darfst sie auch nie vergessen
+um dieses Kindes willen hier. Und das läßt dir
+der Heidkönig durch mich sagen.«</p>
+
+<p>»Erika!« schrie ich auf, kniete mich vor sie hin und
+umschlang sie und das Kind mit meinen Armen.</p>
+
+<p>»Erika!« sagte ich noch einmal leise und verbarg
+mein Gesicht in ihrem Gewand.</p>
+
+<p>»Was hast du denn, Lieber?« fragte sie in ihrer
+so unbeschreiblich gütigen Art und fuhr mir sanft
+mit ihren Fingern übers Haar. Und das Kind
+krähte vergnügt und zog mich so derb am Haar, daß
+ich unwillkürlich »au« schreien mußte.</p>
+
+<p>Da lachte sie und meinte: »Zupf’ ihn tüchtig,
+Mariandel, hörst du, zupf’ ihn tüchtig, denn gleich
+muß er fort von uns, und dann können wir ihn nicht
+mehr zupfen.«</p>
+
+<p>»Erika, ihr Heidleute seid schwer zu verstehn, o du
+mein liebes, treues Weib, wenn ich erst an deinem
+treuen Herzen werde ruhn können.«</p>
+
+<p>Sie verbarg unter einem Lachen ihre Abschiedsstimmung.</p>
+
+<p>»Laß gut sein, Lieber, dann halten wir beiden dich
+fest, nicht wahr, Mariandel?«</p>
+
+<p>Und während das Kind vor Lust und Freude<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span>
+krähte und Erika es mir zum Kuß reichte, und ich sie
+und das Kind küßte, fuhr der bockbeinige, steife
+Heidhofwagen, der einen durcheinanderschüttelt wie
+einen Sack voll trockener Pflaumen, vor die Tür
+unter den alten Lindenbaum, der Heidkönig trat zu
+uns und sagte: »Nun, es wird Zeit, und der Zug
+wartet nicht«; ich gab dem alten, schlichten Manne
+die Hand, stieg unter Lebensgefahr auf die hohe,
+federlose Kalesche, sagte: »Adieu also, Herr Heidkönig
+und auf Wiedersehn übers Jahr!« Der alte,
+verwitterte Knecht vorn auf dem Kutschbock ließ
+die Peitsche knallen und rief: »Hüdjüß!«, die beiden
+wohlgenährten Heidkönigschimmel zogen an, ich sah
+zurück, da stand Erika und hielt mein Kind an ihrem
+Herzen, da stand sie und weinte still in des Kindchens
+Kleid hinein, und mein und Mariannens Kind
+schlenkerte vergnügt mit den Ärmchen in die Luft,
+als ob’s fliegen, mir nachfliegen wollte in mein
+fernes Heimatland Schlesien hinein.</p>
+
+<p>Wartet nur, ihr beiden, übers Jahr hol’ ich euch,
+und dann werden zwei liebe Menschenkinder <em class="gesperrt">mehr</em>
+im lieben Schlesien sein. —</p>
+
+<div class="chapter">
+<figure class="figcenter img-w200" id="illu-231">
+ <img alt="" data-role="presentation" src="images/illu-231.jpg">
+</figure>
+</div>
+
+<hr class="chap mb20 x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- Advertisement -->
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="font20" title="Anzeige" id="Die_Maercheninsel">Die Märcheninsel
+</h2>
+</div>
+
+<p class="center">Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen</p>
+
+<p class="center bold">von Capri</p>
+
+<p class="center font20 bold">*</p>
+
+<p class="center">Nach mündlichen Mitteilungen</p>
+
+<p class="center">von</p>
+
+<p class="center bold">Heinrich Zschalig</p>
+
+<p class="center font20 bold">*</p>
+
+<p>Es ist ein köstliches Buch, das hier dem deutschen Volke gegeben
+wird. Der ganze Zauber des märchenhaften kleinen Mittelmeereilandes
+entfaltet sich in dieser Sammlung, wie eine wundersame,
+duftgesättigte Blüte. Der Volkscharakter der tanz- und sangesfrohen
+Capresen spiegelt sich in diesen Märchen, Legenden und
+Liedern und macht das Werk zu einer Quelle des Genusses, nicht
+nur für die Kenner der sagenumwobenen Insel und den Wissenschaftler,
+sondern auch für alle Leser, die ihre Freude an der
+üppigen Phantasie des Volkes haben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p class="center bold">Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden
+</p>
+<br>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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+++ b/README.md
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