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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription
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+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
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+ gesperrt: ~Tilden~
+ Antiqua: _Unterstriche_
+
+ Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+ und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem
+ Original unverändert.
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+ [Illustration: Die bunte Reihe der Deutschen Buchwerkstätten]
+
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+ [Illustration]
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+ Die Kauzburg
+
+ Roman aus dem Tagebuch eines Freundes von Hans Kaboth
+
+ [Illustration]
+
+ Verlag Deutsche Buchwerkstätten
+ Dresden
+
+
+ ~Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1925 by
+ Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden~
+
+ [Illustration]
+
+ Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co., Altenburg, Thür.
+ ~Buchausstattung von Käte Vesper-Waentig~
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+[Illustration]
+
+Da bin ich nun in meiner neuen Heimat. Was sag’ ich: Heimat? .... In
+meiner neuen Fremde bin ich. Ein kleines Städtchen ist’s, an einem
+Fluß gelegen, hoch wie ein Storchennest.
+
+In meinem Forsthause sitze ich nun und schreibe. Zum erstenmal in
+dieses Tagebuch, seit ich hier bin.
+
+Es gab mit dem Einrichten so viel zu tun, daß ich nicht zum Schreiben
+kam.
+
+Dazu noch der neue Dienst — kurzum, es kam nicht dazu. Noch ist mir
+alles so neu, so seltsam, daß ich mich an der Nasenspitze zupfen und
+fragen möchte: ist’s ein Traum oder ist’s Wirklichkeit?
+
+Ist’s Wirklichkeit, daß mein Forsthaus ein altes ritterliches
+Ordenshaus, eine echte, aus dicken Steinmauern vor einigen hundert
+Jahren erbaute Burg ist, oder träume ich nur?
+
+Der Fluß rauscht tief unter den Mauern meiner ritterlichen Forstburg
+vorbei und läßt die Fische springen, ein Käuzlein ruft sein Huhu und
+streicht unhörbar wie ein Geist — vielleicht der Geist eines einstigen
+Ritters oder Mönchs — ums Mauerwerk meiner Burg. Täuscht mich nicht
+alles, so hör’ ich den Forstlehrling schnarchen in seinem Kämmerlein.
+Der Hahn hat soeben gekräht. Mein Haushahn ist’s, ein echter
+Italiener. Ein Hund hat gebellt. Der Nachtrat tutet die Mitternacht
+ein und schlürft die Straßen des Städtleins hinab. Ein Duften, ganz
+weich und linde, zieht in mein offenes Fenster; »’s ist Frühling«,
+ruft es mir zu, die roten Mauerrosen ranken am steinernen Tor, an
+der steinernen Mauer, die meinen Garten umschließt. O Waldkauz, ich
+fühle dir nach, warum du des Nachts die Mäuslein fängst und den Tag
+verschläfst! Es steckt Poesie in einer solchen Vollmondnacht! Poesie
+steckt auch in meiner Forstburg, und das versöhnt mich mit dem alten
+Gemäuer.
+
+Mit Waldkauzgefühlen, Waldkauzaugen betrachte ich den alten Kasten,
+betrachte ich die Mäuse, die ungeniert um meinen Schreibtisch tanzen.
+
+Es ist Vollmondnacht, und unten, tief unten rauscht der Fluß vorbei.
+Wenn seine Flut an die hohen Steinpfeiler der großen Brücke drängt,
+dann rauscht diese Flut zürnend auf, dann wirft sie silbernen Brodel
+und silbernes Geschäum, wie ein Roß, das in den Zügeln schäumt. Ich
+kann’s von hier oben sehn. Ich kann den Spiegel des Flusses sehn, kann
+sehn, wie er glänzt und gleißt unter den hellen, sanften Strahlen
+des Vollmonds, der dort hoch oben im Nachthimmel hängt und langsam
+weiterschwebt. Mit einem milden Lächeln. Er ist erhaben über das
+kleine Weh der kleinen Mutter Erde. Er weint nicht mit, wenn Mutter
+Erde weint, nicht mit, wenn ihre Kleinen weinen. Er lächelt ewig, ewig
+sein gleiches Lächeln. Manchmal mit vollem Gesicht, manchmal nur mit
+der linken oder rechten Backe. Auch das ist schon genug, um sich an
+ihm zu erfreuen. Um ihm heraufzurufen: sei gegrüßt, Freund Mond, du
+einsamer Kauz dort oben! Lächle herab auf dieses kleine Städtlein,
+lächle herab auf meine Forstburg hier. Du gehörst zu solcher alten
+Burg, zu solchem Garten mit tausendjährigen Bäumen, mit aufgetürmtem
+und verwestem Laube, zu solcher Steinmauer und solchem Steintor, in
+dessen Wölbung es hohl klingt, schreitet man hindurch.
+
+Wie ward mir zumute, als ich das erstemal durch diese Steinwölbung
+schritt.
+
+Kalt wehte es mich an aus all dem Steinwerk längst vergangener Zeit.
+
+Als sich der schwere eiserne Torflügel krachend hinter mir schloß, da
+schien’s mir, als brächen sich tausend dumpfe Stimmen im dröhnenden,
+dumpfen Widerhall. »Eingesargt, lebend begraben«, höhnten die Stimmen,
+»laß alles hinter dir, was du liebst und haßt«, tönte es aus der
+großen Halle des Hauses, »ich halte dich fest und gebe dich nicht mehr
+heraus«, hauchte mich kalt der Atem des toten Ritters an, der zwischen
+zwei Mauern dieses Hauses seit dreihundert Jahren stehen soll, selbst
+zu Stein geworden. »Huhu, huhu«, schrien die beiden Käuzlein, die ich
+aus ihrem Schlafe aufscheuchte — »verdammtes Gezücht!«, schimpfte ich
+und schwang meinen Jägerhut von der feuchten Stirn, »Otterngezücht und
+Raubgesindel, laßt mich zufrieden! Ein Jäger bin ich, ein Grünrock,
+leben will ich noch hundert Jahre. Der Wald wird mich schützen, mein
+grüner Rock wird meine Schutzhülle sein, auch hier in diesem alten
+Steingemäuer, das nun mein Forsthaus werden soll!« Aber mein Herz
+sprach anders als mein Mund. Auf mein Waldherz legten sich all die
+schweren, großen Steine und Steinplatten dieses alten Ritterbaues.
+»Mein Gott, das soll ein Forsthaus sein?« sprach des Jägers Herz und
+zog sich zusammen, »rings um den Garten eine hohe Mauer aus Steinen,
+die Titanen zusammengefügt zu haben scheinen?« Vor mir die Steinburg
+selber, aus deren Halle mir’s wie dumpfe Grabluft entgegenwehte,
+links neben der Burg ein Steinbau, hoch genug, daß man nicht darüber
+äugen konnte, — er wölbte sich — wie die Städter behaupten — über dem
+unterirdischen Gange, der von hier aus unter der Stadt hindurch, den
+Abhang hinab bis ans Flußbett der Eder sich ziehen sollte, im Garten
+der zugeschüttete, kreisrunde Brunnen, von dem der Steinring noch
+stand. Hinter der Wohnburg der wildromantische Hauptgarten mit seinem
+schier undurchdringlichen Gestrüpp und tausendjährigem Baumwuchs, und
+hinter dem Garten, als Abschluß von aller Außenwelt, die unheimlich
+hohe und wie ein Pfeil nach oben zugespitzte Seitenmauer des einstigen
+Ritterschlosses. »Ein Mönch müßte ich sein, kein Grünrock, dann paßte
+ich hierher«, seufzte ich auf und trat durchs hohe Hausportal in den
+großen Flur.
+
+Eine steinerne Treppe führte nach oben.
+
+Ich stieg hinauf und stand nun oben in den leeren hohen Stuben.
+Winzige Türen führten von einem Raume in den andern. Um so winziger
+sahen die Türen aus, da sie fast sechs Meter hohe Stuben miteinander
+verbanden.
+
+Das erste lebende Wesen, das mir hier oben entgegensprang, war eine
+Maus. Eine dicke, fette Maus. Neugierig sah sie mich mit ihren blanken
+Augen an. Furchtlos blieb sie mitten in der Stube vor mir sitzen. Ich
+war der Eindringling, sie die Bewohnerin. Meinen grünen Jagdhut zog
+ich vom Kopf, wie sich’s gehört vor solcher Ordensmaus: »Verzeih’
+die Störung, ahnenreiche, vornehm geborene Maus, ich bin der neue
+Oberförster, der sein Forsthaus besichtigt, und morgen kommen die
+Möbel«, sagte ich frischweg, um ihr gleich klarzumachen, worum es sich
+handelt. Sie schwieg und sah mich neugierig mit blanken Mausaugen an.
+
+»Du bist erstaunt, teure Maus«, fuhr ich fort, »ich sehe es deinen
+Augen an, die mich neugierig mustern, wie man einen Weinreisenden
+mustert, der zum ersten Male unser Haus betritt. So wisse denn, daß
+ich nicht weniger erstaunt bin, dich hier zu sehen. Leer glaubte ich
+dies Haus zu finden, nun finde ich’s bewohnt von unten bis oben. Unten
+in der Halle glühten mich die Augen einiger Waldkäuze, die ich aus
+ihrem Schlafe weckte, nicht gerade freundlich an, hier oben finde ich
+dich mit deiner anscheinend recht zahlreichen Familie vor, denn wie
+ich sehe, äugt aus jedem Mauerloch ein zierliches Mausköpflein nach
+mir hin, und oben im Dachgeschoß sitzt ein Volk von Tauben, ich hörte
+sie beim Hinaufsteigen gurren und locken und sah sie flattern und
+fliegen.« — — —
+
+»Teure Maus,« fuhr ich nach einigem Zögern fort, da sie noch immer
+schwieg, »nimm von mir die Versicherung entgegen, daß ich die alten
+Rechte der bisherigen Bewohner, soweit es geht, respektieren
+werde. Euch, werte Mäuse: die Löcher, mir: der übrige Raum des
+Hauses! So begrüße ich dich denn als die Vertreterin des mir teuren
+Mausgeschlechtes, mit dem ich mich schon von meinen früheren
+forstlichen Wanderungen her in alten Forstwirtshäusern, Förstereien
+und Waldwärtereien, Jagdhütten und Jagdverstecken freundschaftliche
+Beziehungen verknüpfen. Freundschaft wollen wir halten, solange ich
+hier hausen werde, und daß von eurer Seite diese Freundschaft, die ich
+euch entgegenbringe, nicht zu sehr ausgenutzt wird, dafür, teure Maus,
+wird der Waldkauz sorgen, der mich besuchen kommt.« Das schien ihr
+unangenehm zu sein; die Diele knarrte unter meinem Fuß: husch, husch,
+waren alle Mäuse verschwunden.
+
+[Illustration]
+
+So nehme ich denn Besitz von diesem Hause. Ich, der Grünrock, von der
+einstigen Ordensburg. »Kauzburg« will ich sie nennen. Bleibt ruhig
+wohnen hier, ihr Käuze, Mäuse und Tauben. Schränkt euch ein wenig ein
+in eurer Freiheit, so wird es gehn. Eine Katze will ich mir halten und
+einen Hund. Seht zu, daß ihr ihnen entwischt. —
+
+Seitdem sind Wochen vergangen. Kahl lag die Gartenmauer da, als ich
+einzog; jetzt ranken die blühenden Kletterrosen in allen Ritzen.
+Goldregengesträuch mit den gelben giftigen Blütentrauben steht in den
+Ecken des Hofes vor dem Hause, der Flieder blüht weiß und rot und lila
+und vergeudet üppig schwülen Duft, ein alter Rotdorn streckt seine
+rote Blütenpracht bis ins Fenster zu mir hinein, die Haselsträucher
+setzen Nüsse an, der alte Nußbaum wird wieder jung im jungen Frühling,
+die Meisen zirpen, der Pirol lockt, die Finken schlagen, und der
+Kuckuck ruft. Selbst Spechte, die scheuen Waldvögel, hab’ ich in
+meinem Garten.
+
+Und siehe da, die Steinmauern bekamen Leben. Überall grünte es aus
+den Ritzen hervor. Selbst zwischen den altersgrauen Steinen, mit
+denen der Burghof gepflastert ist, sproßt das Gras. Ist das das alte
+Steingeröll, in dem ich hause? Vor dem mir grauste, als ich’s sah?
+Dornröschens Märchenschloß bewohn’ ich jetzt. Nur das Dornröslein
+fehlt mir noch. Oder wie? Bin ich nicht undankbar und ungerecht?
+Schlürft nicht tagaus tagein meine Wirtin durch die hohen Räume des
+Dornröschenschlosses? Sieht sie nicht schlafestrunken, verschlafen und
+wie ein Dornröschen aus nach tausendjährigem Schlaf? Ach, allzuviel
+von dem Dörnlein, und allzuwenig von dem Röslein hat meine Wirtin.
+
+Laß gut sein, tapferes Junggesellen-Jägerherz, du bist ja nicht
+verheiratet mit diesem Dornröschen. Leicht kannst du dies Röslein
+gegen ein neues vertauschen. Es blühen so viele Röslein draußen, die
+gerne in solche Forstburg ziehn.
+
+Frühlingsmondnacht glänzt wie ein Schleiergewand aus gleißendem
+Silberschein um meine Kauzburg. Ans stille Fenster bin ich getreten
+und habe hinausgeblickt in diese stille Nacht. Nachtstimmen raunten an
+mir vorüber. Die Blumen sprechen, und der Frühling singt ein Lied. Wie
+ein Kosen lacht es verstohlen aus dem Mondglanz zu mir herein. Wie ein
+Kosen huscht es von Blüte zu Blüte, wie ein Kosen tönt des Flüßchens
+Rauschen zu mir hinauf.
+
+Der fernen schlesischen Heimat muß ich gedenken. Hoch oben am
+nächtlichen Himmel ziehn große Vögel hin. Aha, Wildgänse sind’s, ich
+hör’ sie rufen. Wie wunderbar klingt doch ihr heiseres Krächzen in
+dieser stillen Nacht. Wie wunderlich harmonisch klingt es in diesen
+stillen Frühlingszauber hinein. Verspätete Wildgänse. War eines von
+euch flügellahm geworden unterwegs? Und habt ihr getreulich ausgeharrt
+bei eurem kranken Weggenossen? Dort, wo ihr herkommt, liegt ja
+Schlesien! So bringt ihr Grüße der Heimat! Ihr schnellen Segler der
+Nacht! Wie kleine Punkte seh’ ich euch nur noch schweben. Nachthimmel
+nimmt euch auf. Der unendliche Raum, in dem ihr meinen spähenden Augen
+entschwindet.
+
+Gute Nacht, gute Nacht!
+
+[Illustration]
+
+Immer siegreicher kämpft der Frühling um meine Kauzburg. Wie ein König
+ist er eingezogen in meinen großen ummauerten Burggarten.
+
+Aus dem hoch angewehten, verwesenden Laube, das in dem Buschwerk
+liegt, sproßt es in allen Farben. Maiglöckchenduft hängt am Gebüsch,
+noch hab’ ich die Spender nicht entdeckt in diesem Chaos von wildem
+Gerank, auch die Nachtigallen kann ich nicht erspähn in diesem
+verschlungnen Gesträuch. Nur singen und pfeifen höre ich sie, nur
+den Duft der Maiglöckchen spür’ ich. Wozu denn auch sehn, wer so
+viel Schönes verschenkt? Freu’ dich der Schönheit, daß sie sich dir
+schenkt, und spüre ihr nicht nach. Deine Feder, kleine schlesische
+Nachtigall, habe ich heute hervorgekramt; mit deiner Feder will
+ich heute schreiben. Während die Nachtigallen der Fremde, in der
+mein Heim, das ich bewohne, liegt, um mich den Reigen ihrer holden
+liebedurchglühten Sangeslust schlingen, während aus ihren Kehlen die
+klangtiefen Töne schmelzend wie flüssiges Gold, das in dem heimlichen,
+verborgenen Schachte tropft, mich umschmeicheln, will ich mit deiner
+Feder schreiben. Oder tönt der liebliche Sang, den ich zu hören meine,
+aus deinem Kiel zu meinem lauschenden Ohr? Bist du es, Sängerin der
+fernen Heimat, die mir die schönen Lieder in der Fremde singt? Hätte
+ich wirklich nicht nur aus deinem kleinen Vogelleibe diese Feder
+gerupft? Hätt’ ich die liebe kleine Sängerseele am Ende selber mit
+mir fortgenommen? Wie? Träume ich denn? Oder bist du es selbst, mein
+graues Vöglein, aus Schlesiens dunklem Walde, das aus dem holden Kiele
+schlüpfte und nun dicht vor mir sitzt auf meiner Schreibtischplatte?
+So singe, so singe! Die Hände falte ich und höre dir zu. — — —
+
+Ich höre dich singen, Marianne, ja, ich höre dich singen. Seit der
+Stunde, da du in dieses Forsthaus, in meine Kauzburg, gekommen bist,
+von dem Augenblicke an, wo deine leichten Füße über die breiten,
+schweren Steinstufen gazellenleicht hinaufgeeilt sind, fast von dem
+Augenblicke an hat dein fröhlicher Sang die hohen Räume dieses Hauses
+belebt.
+
+Wenn ich dich, kleine Marianne, mit meiner Wirtin zusammensehe, wenn
+ich sehe, wie du ihr hilfst und das Feuerlein frühzeitig anbläst
+mit deinen kirschroten Lippen, dann kommt es mir vor, als hätt’ ich
+zu einem Uhu eine Nachtigall eingesperrt. Ich brauche gar keine
+Nachtigall mehr, seitdem du in der Kauzburg bist.
+
+Man sagte mir, du seiest ein Kind der Straße, als ich dich mietete.
+Nun gut: dann hatte die Straße das schönste Kind, das je gezeugt war
+auf dieser Erde.
+
+Seit drei Wochen habe ich dieses Kind der Straße in meiner Forstburg.
+Meine Wirtin klagte über zu viel Arbeit. Drum hielt ich Ausschau nach
+einem Mädchen zur Aushilfe. So kam Marianne ins Haus. Ich erschrak,
+als ich sie sah. So viel Schönheit von der Straße aufgelesen! Staub
+hatte ich auf der Straße hier schon genug gesehn, daß solche Schönheit
+im Straßenstaube blühn konnte, hätte ich nimmer gedacht. Rose bleibt
+Rose im düsteren Straßenwinkel, hinter dem blindesten Kellerfenster.
+
+Ich erschrak, als es an der Tür klopfte, auf mein »Herein« die
+Tür sich auftat und nun das Mädchen, dieses Mädchen in die Stube
+hereintrat. Ein dunkles Augenpaar, groß und tief und glänzend, sah
+mich an, halb furchtsam und scheu, halb trotzig und bittend, halb
+lachend und halb voll unbestimmter sehnsuchtsvoller Schwermut. Darüber
+die weiße niedrige Stirn und über der das rote Haargewoge. War’s die
+Sonne, die rote Flecke in ihr Haar warf? Aber das Rote blieb auch
+im Schatten der Wand. Ein wunderbares Rot. Kein flammendes, grelles
+Rot, nein, wie ein roter Goldhauch lag’s in dem Haar, in jeder
+seidenweichen Strähne. »Wie heißen Sie?« fragte ich kurz. »Marianne«,
+antwortete sie und schwieg. »Was sind Ihre Eltern?« — »Ich habe keine
+Eltern.« »Wer waren Ihre Eltern?« — »Ich weiß nicht.«
+
+Und nun ist Marianne, das Kind der Straße, schon drei Wochen in meiner
+Burg.
+
+Meine Wirtin mag sie nicht leiden, ich weiß es. Sie hat wiederholt
+bei mir Versuche gemacht, das Mädchen los zu werden. Sie schimpft und
+sucht sie schlecht zu machen bei mir.
+
+Marianne ist ein wunderliches Menschlein. Sie ist nicht zuverlässig in
+ihrer Arbeit und treibt sich lieber draußen im Frühling und lockenden
+Sonnenschein herum.
+
+Sie singt und stört die Ruhe der Kauzburg, ich weiß es. Himmel noch
+eins! Ich weiß es! Ich weiß es!
+
+Sie stört die Ruhe der Kauzburg, meine Ruhe stört sie mit ihrem Singen.
+
+Mit ihrem roten Haar stört sie mich, ihre dunklen, tiefen Augen stören
+mich.
+
+Mädchen, Kind der Straße, du mußt fort, bald fort aus der Kauzburg,
+fort aus meiner Nähe mußt du. Froh bin ich, wenn ich dein Singen höre,
+seh’ ich dein rotes Haar, blicke ich in deine dunklen Augen. Wo darfst
+du denn fort, du armes Kind der Straße, wo werde ich dich denn wie ein
+wildes Tier auf die Straße werfen, nein, nein, in der Kauzburg bei
+mir mußt du bleiben!
+
+So hab’ ich also eine Nachtigall in meinem Hause.
+
+Aber es ist kein graues unscheinbares Vöglein, nein, ein Paradiesvogel
+an Schönheit ist diese Nachtigall.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Krähen sitzen auf sonnenhellen Feldern. Krähen sitzen dort und
+krächzen, fliegen mit schweren, schwarzen Flügeln auf die nächsten
+Pappeln, wenn mein Wagen ihnen zu dicht auf den schwarzen Krähenleib
+rückt, und fliegen — kaum bin ich vorbei — ebenso schwarz, ebenso
+schwer, ebenso krächzend, ins Saatfeld hinab. Ich bin auf der Fahrt
+in meinen Wald. Es war Spätnachmittag, als ich nach Hause fuhr. Einen
+kleinen Umweg machte ich, um an meiner Forellenfischerei, die ich
+gepachtet habe, entlang zu fahren.
+
+Das ist ein schmales Gebirgswasser, das zwischen den Bergen zu Tale
+fließt. Gern fahr oder gehe ich diesen Weg. Ich selbst hatte noch
+nicht die Angel nach den rotpunktigen Fischlein im klaren Wasser
+ausgeworfen. Nur mein Forstlehrling war einige Male draußen gewesen
+und hatte ein paar Forellen gefangen. Heute wollte aber auch ich mein
+Glück als Fischer versuchen. Das Angelzeug lag im Wagen. Als das
+Flüßchen in Sicht kam, ließ ich halten und stieg aus.
+
+»So, nun können Sie nach Hause fahren«, befahl ich dem Kutscher,
+nachdem ich das Angelzeug herausgenommen hatte. Immer schwächer und
+ferner ist das Rollen der Wagenräder zu hören. Nun ist’s verklungen,
+und nur der kleine, zwischen den Erlen und Weiden eingebettete Fluß
+rauscht zu mir herauf. Es will Abend werden. Mit rotgoldenen Streifen
+flammt die Sonne in den Buchenwald, der auf den Höhen steht, hinein.
+
+Die Fische werden springen, denk’ ich.
+
+Mit dem Strome des Wassers gehe ich und werfe die Angel aus. Nicht
+lange, so schnelle ich die erste Forelle heraus. Weiß Gott, es macht
+Spaß. Ich hätte es nie gedacht. Um das große Erlengebüsch biege
+ich, die Wiese schiebt sich bis an den kleinen Fluß heran, auf dem
+grünen Wiesengras ziehen die rotgoldenen Streifen der Abendsonne,
+Schmetterlinge gaukeln im warmen Frühlingsabend, Rehe treten aus dem
+waldigen Hang und äugen scheu nach dem Wässerlein hinab — was sehe
+ich! — dort vor mir am Ufer sitzt Marianne!
+
+Ja, es ist Marianne. Das Kind der Straße ist es, das in mein Haus
+gekommen ist, zum Leid, zur Freude der Bewohner. Wie Feuer sprühte
+und gleißte ihr Haar in den goldenen Abendstrahlen einer versinkenden
+Sonne. Hatte sie mich bemerkt? Ein wenig wandte sie ihren Kopf nach
+mir hin, gleich aber wieder fort. Sie hielt die Angel in das Wasser.
+»Was tun Sie denn hier, Marianne?« rief ich sie an. Wozu meine
+törichte Frage? Ich wußte doch, was sie tat; ich sah es doch, ich
+hatte es ihr doch erlaubt, angeln zu gehn, wenn die Arbeit im Hause
+getan war. Warum klopfte mir denn das Herz so ungestüm? Bin ich ein
+Räuber, der unschuldige Mädchen überfällt? Kann ich rotes Haar nicht
+sehn? Frage ich so laut und töricht, weil mir das Blut in den Adern
+schlägt? Bin ich zu rasch gegangen? Hat mich das Angeln so aufgeregt?
+Ist es mir unangenehm, das Mädchen hier zu treffen? Ich bin der Herr,
+sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort fordern auf meine
+Frage: was tun Sie denn hier, Marianne? »Muß ich antworten?« sagte
+sie, stand auf und kam an mich heran. Eigentümlich berührten mich
+ihre Worte. Nein, ganz offen, ich schämte mich. Hätte sie in mich
+hineingesehen, mich durch und durch gesehn mit ihren wunderbaren
+Hexenaugen, so hätte sie mich mit diesen drei Worten nicht stärker
+treffen können. — Pfui, Pfui, wie hatte ich häßlich und roh gedacht:
+ich bin der Herr, sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort
+fordern auf meine Frage. Das ist das Rechte! Das ist mein Mitleid mit
+den Dienenden! Das mein Mitleid mit dem Kinde der Straße!
+
+»Muß ich antworten?«
+
+»Nein,« sagte ich, »nein, Marianne, Sie brauchen mir nicht zu
+antworten. Ich sehe ja, Sie angeln, ich sehe sogar, daß Sie ... ei,
+ei, eins, zwei, vier ... sechs Forellen gefangen haben und was für
+schöne.«
+
+»Ich habe hier gesessen, die Angel geworfen und gesungen, so hab’ ich
+die Fische herbeigelockt, nun sind sie tot«, sagte sie und blickte auf
+die im Wiesengras liegenden, vor kurzem noch in ihrem Wässerlein so
+frohen Fische.
+
+Ihre Augen blickten grausam.
+
+Ach, es ist ja ein Unsinn! Wie können denn ihre Augen grausam blicken?
+Töricht bin ich, ganz töricht.
+
+»Ach, ihr armen Fische! Eben noch so gewandt und flink im kühlen,
+sprudelnden Wasser, und nun so starr und unbeweglich«, meinte ich.
+
+Marianne sah mich an.
+
+»Was machen Sie denn für Augen, Marianne!« stieß ich heraus. Schon
+blickte sie fort. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
+
+Worüber war ich erschrocken? Ein Tiger kann grausame, blutdürstende
+Augen machen, aber doch nicht dieses Mädchen! Ja, hab’ ich denn
+Fieber? Ist es das glühende Abendlicht der Sonne am Berghang oben,
+wo sie versinken und uns den Abschied von ihrem rotsprühenden Feuer
+schwer machen will, — ist es dieses dämonisch schöne Leuchten, das mir
+aus Mariannens Augen entgegenglühte?
+
+Ich warf noch ein paarmal meine Angel aus. Aber nichts fing ich. Stumm
+folgte mir Marianne. Ich plauderte mit ihr. Aber schließlich merkte
+ich, daß ja ~ich~ nur sprach. Hastig sprach. Und daß sie schwieg. Nur
+einige Male lachte sie halblaut auf, wenn ich ihr etwas Scherzhaftes
+erzählte. Ihr Lachen klingt so silbern und heimlich, wie das Lachen
+des Flüßchens, das über die Steine springt, silbern und heimlich
+klingt.
+
+»Wo haben Sie nur Ihr prachtvolles rotes Haar her, Marianne?« scherzte
+ich, als ich die Angelschnur aufrollte, und sie mir dabei half.
+
+Sie sagte kein Wort, warf nur mit einer unnachahmlich anmutigen
+Bewegung das ganze wogende Haar nach vorn, daß es mich streifte,
+umfaßte, und mein Gesicht in dieses glühende, kosende, duftende
+Seidengewebe einhüllte. Nur einige Sekunden lang, schon war ich frei.
+Vor meinen Augen nur wogte es noch rotgolden, leise knisternd, ein
+goldenes Funkenmeer. Ein paar Herzschläge lang stockte mein Atem. War
+ich berauscht? War’s wilde Lust, wildes sehnendes Jauchzen, das den
+Mann in des Weibes Arme treibt?
+
+»Marianne«, stieß ich hervor. Hat meine Stimme gezittert? Dicht neben
+mir stand dieses Kind der Straße, das ich zu Leid und Freud’ in meine
+Kauzburg genommen habe, das ich bewahren will vor dem Verkommen im
+Straßenstaube.
+
+Eine Sekunde lang sah sie starr in meine Augen. Dann packte sie
+gleichgültig das Angelzeug zusammen, bog ihre schlanke Gertengestalt,
+hob den Rucksack mit den Forellen aus dem Wiesengras, warf ihn über
+ihren Rücken und schnallte ihn fest.
+
+»Der ist zu schwer für Sie, Marianne«, sagte ich und wollte ihn
+ihr abnehmen. Sie wehrte sich dagegen. Meine Hände berührten ihre
+Schultern, ihre atmende Brust, wie ein Feuerstrom schlug’s in mein
+Gesicht. Ich trat zurück. »Nun, wenn Sie ihn durchaus behalten wollen,
+so behalten Sie ihn. Wird’s Ihnen unterwegs zu schwer, so geben Sie
+ihn mir.« Wie ein Knabe sieht sie aus! Wie ein schlanker Knabe! Sie
+hat ihr Kleid gerafft, der Rucksack schnürt ein wenig ihre Schultern
+zusammen, den Angelstock benutzt sie als Stock. Einen grünen Hut hat
+sie auf ihr rotes Haar gestülpt, und es ist zu einem wildwirren Knoten
+aufgestellt, so schreitet sie tapfer und biegsam vor mir her. Ich ließ
+sie vorneweg gehen. Sie sollte den Schritt angeben. Ich wär’ am Ende
+zu rasch gegangen, hinter mir her wär’ sie gekeucht und hätte nichts
+gesagt. »Denn ich bin ja der Herr des Hauses und sie nur ein Kind der
+Straße!«
+
+Es dunkelte. Ein weicher Frühlingsabend hing in den duftenden
+Blütenbüschen, hing in der Nachtluft über und um uns, wogte Feld
+auf Feld ab, küßte das tauige Wiesengras, sprang auf den Wellen des
+Flüßchens und kicherte unter den Erlen, schwebte hinauf, immer höher
+hinauf und holte den Mond über den Saum des Berges hinüber. Kein
+Staub der Straße drang bis hierher zu unserem Wiesenstege, rein war
+die Luft wie Gold, nichts Unreines kennt die Natur.
+
+Unreines entsteht erst dort, wo man die Natur zwingen will, nicht mehr
+Natur zu sein.
+
+Wir jetzigen Menschen kennen ja gar nicht die Natur. Von Kindheit
+auf entfernt man uns von ihr. An solchen Abenden wie heute überfällt
+mich die Sehnsucht, Natur zu sein in der Natur. Abzuwerfen, was Zwang
+und Sitte fordern, eine Hütte zu haben im Walde weit draußen und
+fern von Zwang und Sitte, zu leben dort wie das Getier des Waldes,
+wie der Hirsch, der durch die Wälder zieht, wie das Reh, das auf
+die Frühlingssaaten tritt, wie das Bienlein, das an jeder Blüte
+nascht, wie der lustig singende Vogel hoch im Gezweig der Bäume, wie
+der Waldkauz, der den Mond zum Gevatter bittet bei seiner stillen
+Mäusejagd. Halt da! Ich ~habe~ ja mein Kauzgehäuse, ich ~bin~ ja schon
+ein Kauz! Willst du die Käuzin sein, schlanker Bursch vor mir mit
+deinem grünen Jägerhut im sprühenden Rothaar, was?
+
+Ganz übermütig ward mir zumute!
+
+Übermütig sprudelt das Flüßchen neben unserem versteckten Erlenweg,
+übermütig scherzen die Rehe auf der Bergsaat links drüben unter dem
+Buchenhang, übermütig bescheint der helle Vollmond mich und das
+schlanke Bürschchen vor mir, übermütig quillt all das funkensprühende
+Rothaar aus seinem wirren Knoten und schaukelt und weht wie ein
+Stückchen goldnen Vließes, voll Übermut quiekt das Froschzeug im
+feuchten Wiesenloch, voll Glück und Übermut singt in dem einen
+einzigen Fliederstrauch, der an dem Mühltor blüht, die eine einzige
+Nachtigall hier draußen am Flüßchen und Walde, voll Glück und Übermut,
+und dabei klingt es sanft und flötend wie ein Lied der Trauer.
+
+Ei, du mein Jägerbürschlein vor mir im hellen Mondschein, wie
+schreitest du schlank und leicht dahin! Dein schlanker Mädchenleib
+biegt sich wie eines Fischleins glattes Körperlein, bist etwa du
+~selbst~ solch Fischlein und bist in Menschengestalt nur an Land
+gestiegen aus kühler, heimlicher Wasserflut? Bist etwa du ~selbst~
+solch Forellchen, das zwischen den Steinen des Flüßchens neugierig auf
+Beute lauert? So schön, so schlank, so anmutig mit seinem rotpunktigen
+Fischleib, und hinter all der Schönheit, Schlankheit und Anmut
+verbirgt sich die schreckliche Raubgier?
+
+Sag’ ~an~, Marianne, du Weggenosse im blassen Mondglanz des Frühlings,
+was birgt sich hinter der weißen, von rotem Feuerhaar umsponnenen
+Stirn bei dir? Verwandle dich, Bürschlein, verwandle dich flugs
+zurück in den glänzenden Fischleib, aus dem du entsprangst, dann zieh
+mich hinein zu dir in die Flut, in das singende Wasser. Dann presse
+mich fest und ewig in deine weißen, wonnigen Arme, dann laß mich nie
+los mehr und sauge mein Leben, mein Atmen, mein Ich tief, tief in dich
+hinein!
+
+[Illustration]
+
+Die Welt ist weit und groß. Aber für jeden Menschen liegt in dieser
+weiten und großen Welt eine enge Heimat. Die Enge der Heimat empfindet
+man nicht. Licht und groß und weit erscheint die Heimat. Hörst du es,
+meine Heimat? Du bist mir weit und groß und licht. Das Sehnen ins
+Weite hört auf, wenn mich dein Arm umschlingt. O, lege deine ~beiden
+Arme~ um mich, du Heimat meiner Kinderjahre, nimm mich hin, halte mich
+fest, und laß mich nimmer los.
+
+Ich hör’ die Glocken läuten in meinem Heimatdorfe, die Oder hör’ ich
+rauschen, ich sehe den Eichwald, in dem ich als Knabe pürschte, am
+Saum des Waldes den Bach, der sich ins Feld verliert, und dort im
+Sonnenschein das Dörflein selbst. Grüß dich Gott, du liebes Dorf!
+
+Und das alles hat ein Brief bewirkt! Meiner Mutter Brief. Ein paar
+Kornblumen hat sie auf heimatlichem Feld gepflückt und in den Brief an
+den fernen Sohn hineingelegt.
+
+Ihr holden Blumen des Feldes, wie duftet ihr süß und frisch zu mir
+herauf. Wie habt ihr den Duft mir bis in die Fremde zugetragen! Habt
+Dank dafür.
+
+Ein Friedensodem weht mich an und macht mich still und froh zugleich.
+Und kindlich fromm. Und ruhig. Bin ich denn anders geworden?
+
+»Mein lieber, guter Sohn.«
+
+Vier Worte einer Mutter. Ja, Mutter, in deinem Herzen bleib ich gut
+und lieb. Und will’s bleiben für dich. Du hast dich geängstigt, weil
+ich so lange nicht schrieb? Hab’ ich denn lange nicht geschrieben?
+
+O, ängstige dich nicht, meine Mutter. Ich käme mir ruchlos vor,
+wolltest du dich um mich und meine Schuld ängstigen. Eine Schuld ist’s
+für den Sohn, Ursache der Angst seiner Mutter zu sein.
+
+Ja, ja, ich habe lange nicht geschrieben. Wirklich lange, lange nicht.
+Seh’ ich’s doch draußen an der Natur. Der Frühling ist hin, längst ist
+er hin. Kaum war er da, als ich zum letzten Male nach Hause schrieb.
+— Nun wiegt sich das Korn in den Ähren. Ein grüngelbes wogendes Meer.
+Das breitet sich jenseits des Flusses unter meinem Fenster bis an die
+Waldhänge drüben aus.
+
+Sommerwind geht und weht. In gleichmäßigen Wogen taucht auf, taucht
+nieder das Korn in den Feldern. Auf und nieder — auf und nieder. Es
+liegt Ruhe in diesem Auf und Nieder.
+
+Als ich ein Knabe — der Dorfknabe — war, empfand ich nur helle Lust an
+dem hohen schwankenden Kornfeld. Vor allem die Kornblumen taten’s mir
+an. Die blauen Kornblumen waren mir lieber als der rote, wilde Mohn.
+Weil die großen, roten Mohnblüten zu leicht zerfielen. Kaum riß man
+sie ab, so löste sich ein rotes Blatt nach dem andern, und zuletzt
+hatte man nur noch den leeren Strunk. Aber die Kornblume, das war eine
+himmelsblaue Pracht!
+
+So stell’ ich euch hier in das feingeschliffene Gläschen, ihr blauen
+Kinder des sommerlichen Feldes daheim. Ein wenig seid ihr zerdrückt,
+ein wenig welk auch. Die Reise war lang ... blüht auf! blüht wieder
+auf, ihr weitgereisten Heimatgrüße!
+
+Mit euch zugleich blüht irgend etwas Schönes in mir auf. Vergangene
+Jahre sind’s.
+
+Kinderjahre, Knabenjahre, Jünglingsjahre. —
+
+Heisa, was seid ihr fortgesprungen wie wilde, russische Steppenpferde,
+ihr jungen, mutigen Jahre!
+
+Mutig mit euch, durch euch bin ich gewesen. Wild bin ich mit euch
+gesprungen wie russische Pferdleins in weiter, wildfroher Steppe!
+
+Die weite, wildfrohe Steppe, das war das Leben, die Zukunft. Was sag’
+ich: ~Die Gegenwart~ ist’s gewesen, der Tag, die Stunde war’s, nichts
+andres! Was Zukunft!? .... Unsinn! Die Jugend ~lebt~, nichts weiter! —
+
+Ein Griesgram bin ich geworden, ein Waldkauz, ein Kauz. Der Jugend
+gedenke ich heute, und ~euch~, ihr Kornblumen aus heimatlicher Erde,
+verdanke ich dieses Gedenken. Nein ~dir~, du treueste aller Mütter!
+
+So runzlich ist dein Gesicht, so grau dein Haar, und dennoch, dennoch:
+schaust du mich ~an~, gleich bin ich der frohe Knabe von einst!
+
+Weshalb nur, weshalb?
+
+Still, still, ich weiß es: es sind dieselben Augen, die einst das
+Kind, den Knaben betrauten, — dieselben Augen betrauen noch heute den
+Mann. Sie möchten noch heute so gern in des Mannes Herz blicken, wie
+sie ehmals in des Knaben Herz hineinschaun konnten.
+
+Für die Mutter bleibt man der Knabe.
+
+Schon gut, Mutter, schon gut. Komm’ ich zurück in die Heimat und zum
+Besuch in dein trautes Heim: der ~Knabe~ will ich sein, solange ich
+bei dir bin. Bist du nun zufrieden? Du fragst mich gar viel in deinem
+Briefe. Und manches muß ich verschweigen.
+
+Von allem und allem schreibe ich dir, Mutter, und ~hab’~ dir soeben
+geschrieben, nur eins behalte ich zurück — wozu davon schreiben?
+Ich mag nicht davon schreiben .... weshalb sollte ich von Marianne
+schreiben? Ich wüßte nicht, warum.
+
+[Illustration]
+
+»Es geht um in der Nacht«, behauptet meine Wirtin. »Was Tausend, es
+geht ~um~? In meiner Kauzburg sollten Geister hausen? Im nächtlichen
+Reigentanz ihr Klappergebein und Totengerippe schwingen?«
+
+Ganz ärgerlich wurde ich gegen sie. »Schlafen Sie lieber und horchen
+Sie nicht auf Geisterstimmen und Geistergeräusche, mein Fräulein. In
+meiner Kauzburg geht’s nicht um!«
+
+Ich war aber doch betroffen.
+
+Leise, schleichende Schritte wollte sie gehört haben, ein Klirren
+des Fensters, ein unheimliches Lachen, .... darüber war sie wieder
+eingeschlafen.
+
+»Du Tor!« sagte ich zu mir. Weil Fräulein Bartel das gehört haben
+will, fällt dir auf einmal ein, daß auch ~du~ es in einer Mondnacht
+gehört haben willst? Schon lange war’s her. Da wachte ich in der Nacht
+auf, halb noch im Schlaf: Es kam geschlichen, leise, ganz leise, es
+klinkte die Tür auf, es klirrte schwach, ganz schwach, ein Lachen,
+hatte ich wirklich ein Lachen gehört? Am nächsten Morgen erschien mir
+alles als Traum. Vergessen hätte ich’s, nie wieder daran gedacht — bis
+heute. Ich verbot Fräulein Bartel aufs strengste, zu den andern im
+Hause von dem, was sie gehört haben wollte, zu sprechen. Wozu Marianne
+ängstigen? Wozu erst solch Gerede aufkommen lassen? Übrigens hörte ich
+ein paar Tage später ganz zufällig, daß die Kauzburg schon von jeher
+in dem Rufe stand, »es gehe in ihr um«. Nun gut, mag es umgehn in
+ihr! Ich fürchte mich nicht. Freuen würde ich mich, mit den Geistern
+der früheren Bewohner in Verkehr zu kommen. Geister von Rittern und
+Mönchen sind es — würde es nicht interessant sein, mit Rittern und
+Mönchen früherer Jahrhunderte sich zu unterhalten?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Noch einen neuen Bewohner soll meine Kauzburg bekommen.
+
+Es war mit erst gar nicht recht.
+
+Was soll man aber tun!
+
+Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so wenig standhaft bin.
+
+Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht.
+
+Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die Kauzburg ist groß; mich
+wird der neue Bewohner nicht stören.
+
+Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater verreist ins Ausland,
+die Mutter starb im vorigen Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte
+sich der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei ihm und seiner
+Frau in Stellung gewesen war. »Nehmen Sie sich meiner Tochter an,
+solange ich reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben Jahre bin
+ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt, bitte, bitte, nehmen Sie
+sich meiner Tochter so lange an.«
+
+Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte sagen »händeringenden«
+Brief des Gutsbesitzers. Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine
+interessante Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der
+Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig, weil sein Heidebesitz
+die größte Ausdehnung hat. Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und
+bieder ist. Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter — kommt in
+meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese Heidkönigtochter. »Ein Kind
+der Heide« — — — ein Kind der ~Straße~ habe ich schon!
+
+»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie das Mädchen unter Ihre
+Fittiche«, sagte ich schließlich, um sie los zu werden. Fräulein
+Bartels Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert.
+
+Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen.
+
+Was sagt Marianne dazu?
+
+Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen Weise trat sie in
+meine Stube.
+
+»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder Winter einen neuen Gast
+bekommen?« fragte ich.
+
+»Ich weiß es«, antwortete sie.
+
+»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun in die einsame
+Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ... nicht?« Sie gab keine Antwort,
+hob nur langsam den Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen
+waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr blasses Gesicht ab,
+in dem die blauen Adern wie kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben
+hatten und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die Augenlider mit
+den langen seidigen Wimpern noch über ihren Augen. Aber nun warf sie
+mit plötzlicher, zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken, daß die
+rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein Feuer, in welches ein Windstoß
+fährt, aufwirbelte, und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd
+hervor und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene Kante meines
+Schreibtisches.
+
+Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung kam, hatte
+sie lautlos das Zimmer verlassen!
+
+Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl und bedeckte
+meine heißen Augen, meine heiße Stirn mit meinen zwei heißen Händen.
+»Wie soll das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort.
+
+Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht? Sah sie dich
+wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden, liebeverlangenden Augen
+an? Hast du in diesem seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen
+anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß? Gegen das Mädchen, das
+noch gar nicht hier ist? Das erst kommen soll?
+
+Was ~sagten~ denn diese Augen? Warum bist du erschrocken vor ihnen?
+
+Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich.
+
+Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in dessen Augen ich soeben
+geschaut hatte.
+
+»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine innere Stimme,
+»Greif ~zu~, greif ~zu~«, stachelte mich die andere auf. —
+
+Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir meine Arbeit vor.
+Erst tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Dann wurde ich wieder
+Herr über mich. Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen
+Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden. Ich besprach
+Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich für morgen zur Reviertour bei
+ihnen an, die Kulturen sollten besichtigt werden, Pflanzen waren
+infolge der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel mußten bedacht,
+Ersatz mußte geschafft werden, ja du, mein Wald, du mein Bergwald
+wirst mich heilen, wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren
+will!
+
+Geht’s denn ~wirklich~ um in der Kauzburg? Wollen mich die
+abgeschiedenen Geister dieser hohen, geheimnisvoll dunklen und kühlen
+Räume in ihren unheimlichen Bann nehmen?
+
+Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken.
+
+Ja, ich werde sie fortschicken! ...
+
+Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße habe ich sie aufgelesen,
+nun muß ich sorgen, daß sie nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte
+nicht der Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen, ich täte ein
+gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen behielte?
+
+Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will bald mit ihm sprechen.
+Wer waren ihre Eltern? Wo war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die
+Kauzburg? Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses hat man
+dich gefunden, armes Kind? Aber du bist doch nun ein großes Mädchen,
+schon längst mußt du das schützende Dach des Waisenhauses verlassen
+gehabt haben, bevor du zu mir kamst ... wo hast du gesteckt in der
+Zwischenzeit? Ich will alles, alles von dir und über dich wissen,
+Marianne, du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes Kind des
+Lebens.
+
+Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß schon beim Eintritt
+ins Leben? Daß es dich auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort
+lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und klagtest Gott im
+Himmel an mit deinen großen, dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast
+du ein Dach über deinem rotgoldenen Haar!
+
+Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg, aber es ist doch ein
+Dach.
+
+Das schützt vor Staub und Regen.
+
+Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten Stelle
+links, wo das Türmlein einst ragte, es ist die ~Sonne~ aber! Die
+lachende, heitere, helle Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der
+leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle Kauzgeschoß des
+Kauzburgdaches, drum laß ich nichts dichten, nichts flicken. Ich habe
+Angst, daß die Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so wild,
+meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß man sie füttern, sonst sausen
+sie fort in alle Winde und kommen erst heim, wenn alles still ist und
+abendlich. Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie sitzen, flattern
+ihr nach und entgegen.
+
+Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen. Dort hat sie nach
+Körnern gepickt. Hat sie geglaubt, dort goldene Weizenkörner zu
+finden? —
+
+Der Schalk von einem Mädchen!
+
+Sie lachte, als ich sie fragte.
+
+Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar gestreut. Die pickte
+der Täuber auf. —
+
+[Illustration]
+
+Nun ist es da, das Gewitter!
+
+War ~das~ ein Rumoren und Rollen den ganzen Nachmittag über am Himmel!
+
+Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen auf, dann ballte sich’s
+drohend im Osten. Dann flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb
+das Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die Luft und
+totenstill zuletzt!
+
+Kein Blatt am Baum bewegte sich.
+
+Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann kam es näher und näher.
+
+Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte sich alles
+verkrochen. —
+
+Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser empor. Ins Dunkle
+hinauf, das über ihr so drohend murrt und zuckt.
+
+Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen. Nacht sei es, mag er
+denken. So dunkel dräut das Gewitter.
+
+Waldkauz, was schreist du so?
+
+Huhu, nun ist es da, das Gewitter!
+
+Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie es flammt und züngelt,
+zischt und leuchtet, grollt und rollt, schmettert und kracht, und
+droht und beißt wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du
+wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit deinem Gebiß? Wen willst
+du treffen, zerschmettern mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem
+Zischen, unter drohendem Toben der blitzzersprengten Wolken?
+
+Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am Fenster der Kauzburg,
+und ~die~ ist fest. Die hat schon manchem Gewitter getrotzt, schon
+manchem Sturme standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs
+Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal schon hat das
+Feuer geprasselt in ihren mächtigen Balken. Gegen die Steinmauern
+war es machtlos und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße nur,
+Wolfshund! Ich ~lache~ deiner! Am Fenster stand ich und schaute hinaus
+in die wilde hochbrandende Natur.
+
+Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender Blitz. So blendend,
+daß ich die Augen schloß. Gleich darauf ein knatternder Donnerschlag.
+— Dann Stille, — dann wieder neues Toben.
+
+Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du beißen mit deinem
+Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund im stürmenden Wetter?
+
+Du ~hast~ gebissen! — Pfui, schäm’ dich!
+
+Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du zerbissen. — Pfui,
+~schäm’~ dich!
+
+Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da fliegen angstvoll die Vögel
+auf, die in den Ästen saßen. — Pfui, ~schäm’~ dich, ich sag’s dir das
+drittemal!
+
+Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg mit ihren Insassen
+ungeschoren, du wüster, böser Gesell! —
+
+Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit Marianne war. »Die werden
+erschrocken sein«, dacht’ ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller
+Angst. Das Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen, und auf
+dem Tische vor ihr stand ein hübsches, buntes Muttergottesbild.
+
+»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns eingeschlagen«, sagte
+sie ängstlich.
+
+»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein Bartel«, beruhigte ich sie.
+»Draußen im Garten hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ......
+Aber wo ist denn Marianne?« — — —
+
+Ich sah mich um, sie war nicht da.
+
+Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um.
+
+»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr wieder ein knatternder
+Blitzstrahl unweit der Kauzburg ins Erdreich.
+
+»Sie war vorhin noch hier.«
+
+Ich hatte schon die Türklinke in der Hand.
+
+Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den Hut über, warf mir den
+Lodenmantel um und eilte auch schon die Treppe hinab.
+
+Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne gut gebrauchen
+konnte.
+
+Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten meine Tritte laut von
+den Mauern wieder. »Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich
+denn durch den langen, gewölbten Flur nach der kleinen, ehemaligen
+Mönchspforte, die am Ende dieses von der Halle nach dem Eingang zum
+Keller führenden Ganges lag.
+
+Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein paar Schritte über den
+Burghof hatte ich zu gehn, um an den Kellereingang zu gelangen.
+
+Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft mußte ich anwenden,
+so drückte der Gewittersturm von außen entgegen.
+
+Nun schlug sie schallend zurück.
+
+Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht.
+
+Die große Linde im Burghof rauschte ächzend und bog sich fast zur Erde
+mit ihrem hohen Wipfel. Über abgerissene Zweige stolperte ich.
+
+Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb und violett,
+dauernd wurde das Stockdunkel durch Blitz und Wetterleuchten in
+unheimlichem, jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder
+vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft den Augen.
+Dumpfdrohend, gellkrachend, prasselnd, knatternd die Donner
+dazwischen. Wütend kochte der Regen herab. Wie ein schäumender
+Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu einem See verwandelt.
+
+»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben hinein. Antwort gab
+mir allein die Linde. Sie fing ganz laut zu stöhnen an, in ihrem
+Stamme begann ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten und
+zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir war’s in dem blendenden
+Wetterleuchten, als ob ich den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte
+schwanken sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun seit
+Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten wäre, mit wuchtigem,
+schwerem, hallendem Schritt. Wie ein Riese tauchte er noch einmal
+vor mir auf aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser
+Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem jäh aufzüngelnden
+Blitz, der die Abgrundtiefe dieses Gewitterhimmels zerschnitt, dann
+begann das Sterben dieses Riesen.
+
+Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die Stimme des Wetters
+überklang. ~Auf~ rauschten wild die Blätter, Zweige schlugen mich ins
+Gesicht, wie ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, — die
+Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der Baum zur Erde.
+
+Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn hin.
+
+»Marianne!« keuchte ich angstvoll.
+
+Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden Unwetter?
+
+Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des Kellers. Das Tor stand
+auf. Schwarze Finsternis gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die
+Laterne, bückte mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter
+die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da unten wieder.
+
+Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich, drang mir entgegen.
+
+Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins Schloß.
+
+Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum konnte ich etwas sehn in
+dem winzigen Blinken meiner Laterne.
+
+Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der Lichtschein! Die Angst trieb
+mich dorthin; die Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über den
+Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in diesen dunklen Keller. Die
+Angst? Um wen? Ja, um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte sie
+sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß sie lebte ....
+
+Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr stand ich. An diesem
+seltsam schauerlichen Ort bei diesem seltsam schauerlichen Unwetter.
+
+Bis hier hinein war das Toben und Tosen da draußen zu hören. Dumpf
+drang es bis hier hinunter.
+
+»Marianne!« rief ich sie leise an.
+
+Sah sie mich denn? Hört sie mich?
+
+Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem Ausdruck in ihren
+Augen stand sie im verschwimmenden Schein eines Lichtstumpfes, der
+auf einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf aufgeklebt war, und
+starrte auf die schwarzgrüne Steinmauer hin.
+
+Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein war dort aus der
+Mauer gebrochen, herausgeschleudert worden wohl durch einen
+herniedersausenden Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir. Hinüber
+klettern mußte ich, um an Mariannens Seite treten zu können: Jetzt
+stand ich dicht neben ihr.
+
+»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?« sagte ich voll Mitleid.
+
+Sie wandte sich mir zu.
+
+Ihre Augen brannten in einem triumphierenden Glanze, mit den Händen
+zeigte sie nach einer gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte
+dieser Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem Gefühl des
+Grauens, in einen unterirdischen Gang hinein, in den der Lichtschimmer
+unserer Kerzen zitternde Strahlen warf.
+
+»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich erregt! »So ist’s kein
+Märchen, was die Leute sagen? Ein Gang führt von diesem Keller ans
+Ufer des Flusses unter der Stadt hindurch!«
+
+Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit ihrer rechten und bog
+sie herab, so daß meine Finger über die glatte Fläche der neben uns
+liegenden, von der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte
+fuhren, die diese Öffnung bisher vor den Augen der Burginsassen
+verborgen hatte. Ich fühlte, daß in der Steinplatte etwas eingraviert
+war.
+
+Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was sah ich! Ganz deutlich
+war die Figur einer Eule, eines Kauzes in den Stein geschnitten!
+
+Marianne lachte vor sich hin.
+
+»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich ein Kauz, ein Waldkauz
+in diesen tausendjährigen Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg,
+dich, mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen in diesem Stein,
+der älter ist, als Burg und Mönche und Ritter!
+
+Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du steinernes Käuzchen längst
+verstorbener Zeit?
+
+Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender Stellung, mit
+aufgehobenen Armen, betend zu dir, mein steinernes Käuzlein, anbetend
+dich als Gottheit! Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal, ein
+heidnischer Gott in meiner Kauzburg!
+
+Was hab’ ich gesehn!
+
+Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft! Dem Heidengott hab’ ich mein
+Forsthaus wieder ausgeliefert mit meiner Taufe!
+
+Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um, christliche Ordensritter und
+mönchisches Kuttenvolk!
+
+Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des Waldes, der Nachtvogel
+mit seinen großen, glühenden Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor
+tausend Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten Ruinen
+dieses Tempels haben ahnungslose Ritter diese Mauer errichtet.«
+
+Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem ich mit Marianne stand.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte ich, »morgen, wenn
+das böse Unwetter vorüber ist, morgen am Tage wollen wir den
+unterirdischen Gang und die Steine hier untersuchen.«
+
+»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich hineinziehn in den
+schräg abwärts in die Tiefe führenden Gang.
+
+»Torheit!« rief ich scharf.
+
+»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein törichtes Kind, Marianne!«
+
+Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren Armen. Ich fühlte
+ihre keuchende Brust an der meinen, ihr wogendes Haar spielte und
+streichelte mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den
+meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am Halse — schon ließ sie
+mich los, schon griff ich ins Leere, als ich sie von mir fortstoßen,
+nein, als ich sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere,
+sargtiefe Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne war
+verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm ich, die Kellertür
+flog auf, der Donner rollte, und die Blitze flammten, dann war’s um
+mich wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte ich den Donner
+über mir. Ich stand wie betäubt. Aber dann überfiel mich ein Grauen
+vor diesem Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein hinüber,
+an der kalten Mauer entlang, bis an die Tür. Als ich sie geöffnet
+hatte und die frische Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief
+auf. Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es wetterleuchtete und
+flammte noch in den zerfetzten Wolken, aber durch ihre Lücken schien
+mild und freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt, der Regen
+aufgehört, nur von den Zweigen der Bäume fielen noch einzelne, schwere
+Tropfen herab.
+
+Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme geworfen, ich hatte es
+nicht geträumt.
+
+In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und sickerten an der feuchten
+Borke des Stammes, allmählich zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd,
+bis ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag.
+
+Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen war. Und daß der Blitz
+dem Nußbaum im Garten seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses
+Unwetter hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt.
+
+»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine Ruhe geraubt«, dachte
+ich, als ich neben der gestürzten Linde stand. Ich wußte: es war nun
+nicht mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht länger widerstehn
+können. Sie zog mich hinein in ihre goldenen Fesseln, die sie um meine
+Schultern, über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest im
+Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden Augen.
+
+Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg aufgenommen?
+Zu meinem Leid? Zu meiner Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich
+empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie in mir entfacht
+hatte?
+
+Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter die Wolken. Als ob
+von einem zerrissenen Mantel die letzten Stücke über den Himmel gejagt
+würden.
+
+Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um ihn und seine Stücke
+gewürfelt?
+
+Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond! Scheinheilig und freundlich,
+tückisch die Sünde erlaubend unter deinem unsicheren, sanft
+einhüllenden Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest dich, du
+lachst, wenn unter dir gesündigt wird.
+
+Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten. Vor kurzem war alles
+noch so wildbewegt, jetzt schien die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als
+ich die breiten Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte
+mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur war nach dem Unwetter
+Ruhe geworden, der Sturm hatte sich austoben können, hatte sich
+ausgerast.
+
+Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm. So will’s das große
+Naturgefüge, das durch den Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt.
+
+In mir war ein Sturm angefacht worden, ein wilder Sturm. Der wollte
+ausbrechen, sich austoben. Drum konnte noch keine Ruhe sein.
+
+Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der Wohnstube, wo Fräulein
+Bartel und Marianne sich für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich
+finden? Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da? Hatte sie sich
+verraten? Mich verraten?
+
+Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein der Tischlampe den
+Raum mit gemütlicher Ruhe. Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte,
+an der anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf Fräulein Bartels
+Gesicht lag wie eine Erlösung die stille Mondnacht von draußen.
+
+Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe, hübsche
+Muttergottesbildnis.
+
+Über Mariannens Augen lagen die zartweißen Lider mit ihrem seidigen,
+rotgoldenen Wimpernbehang. Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten über
+ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte Feuerzauber. »Ach,
+Marianne ist schon lange hier, Herr Oberförster,« sagte Fräulein
+Bartel, »sie war nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das
+Wetterleuchten besser sehen zu können.«
+
+Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches Lächeln huschte über
+Mariannens Gesicht.
+
+»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses weiße Mädchengesicht,
+diese fein durchaderte, weiße, über das Buch gebeugte Stirn.
+
+Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme Heilige saß
+und las?
+
+»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!« schrie Fräulein Bartel
+plötzlich und sprang auf.
+
+»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich nach meinem Halse.
+
+Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz gefühlt? Vorhin, als
+mich Marianne so heiß umschlungen hatte? Schon hatte Fräulein Bartel
+einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir das Blut von der
+wunden Halsstelle ab.
+
+»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine Bißwunde, man sieht ja
+ganz deutlich die Zahnabdrücke, eins ... zwei ... drei ... vier ...,
+mein Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen? Ein Marder?
+Eine Katze?« Ich sah forschend nach Marianne hin, während das kleine,
+alte Fräulein an mir herumwusch und -tupfte.
+
+Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches, wunderliches
+Lächeln verzog Mariannens Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer
+ruhigen Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht, ernst
+blickt sie in das Buch!
+
+»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein Vampyr«, scherzte ich
+und sah Marianne scharf dabei an.
+
+»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,« sagte ich schnell,
+als sie mit einem unbeschreiblich entsetzten und kindlich-hilflosen
+Angstblick zu mir aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen
+von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang, weiter nichts.«
+
+»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte sie ängstlich, »ein
+Katzenbiß kann gefährlich werden. Marianne, geben Sie mir doch rasch
+das Fläschchen, auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist
+das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins Wasser! ... aber
+Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster ... und nun das englische
+Pflaster darüber ... nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben
+kann in solcher alten, häßlichen Burg.«
+
+»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau, mein liebes
+Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter und Mönche!«
+
+»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend, »fromme, gut
+katholische Herren haben hier gelebt ...«
+
+»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte ich, »wenn du dabei
+gewesen wärest, als ich das heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als
+mich da unten die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist es
+denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen Stube dieselbe
+Marianne?
+
+Hat diese hier mich wirklich in solch rasender Gier umschlungen
+gehalten? Hat diese Marianne, die ruhig und still Fräulein Bartel
+hilft, als sei nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen
+Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die Tiefe gähnenden
+Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben, ... hat diese Marianne wie
+eine Wildkatze mich in den Hals gebissen?
+
+Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen? Ist’s nicht ein
+Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der Heiligen? Rätselvoll sind diese
+dunklen, fast nachtschwarzen Augen. Genau so rätselhaft wie der See
+meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die Menschen, die sich in
+seine schöne Flut zum Baden stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht
+mehr von sich lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen Wasser
+baden, man sagt, daß schon vier Menschen ihr Leben in seiner Flut
+haben lassen müssen ...
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Katholiken des Städtchens veranstalteten am heutigen Sonntag eine
+Prozession.
+
+Eine Bittprozession, daß nie wieder ein so furchtbares Unwetter wie
+gestern das kleine Städtchen heimsuchen möge. Fräulein Bartel und
+Marianne haben mich gebeten, daran teilnehmen zu dürfen.
+
+Natürlich dürfen sie!
+
+Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen wird, so mögen sie
+immerhin gehen.
+
+Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle hinauf soll
+prozessioniert werden. Ganz friedlich, fromm und kirchlich. Mit
+Fahnen, Thronhimmel und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und
+Jungfrauen vornweg.
+
+Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes Schauspiel. Ich
+kenne diese Prozessionen aus Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir
+gewaltig imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung zu. —
+
+Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich eine das Weltall
+leitende Gottheit durch ein solches Häuflein singender und betender
+Menschen, durch ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte Fahnen,
+durch Thronhimmel und gestickte Gewänder, Weihrauch und Weihwasser
+bestimmen lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung der
+Naturereignisse auszuscheiden.
+
+Ich will hoffen: kindlicher Glaube. —
+
+Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem wirklich gläubigen Herzen
+kommt, ist er erträglich. Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll
+nicht glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll nur dann
+glauben, wenn man wirklich glaubt. So will ich mich denn auf die Mauer
+stellen, dort, wo die Stufen in ihr Gestein gehauen sind.
+
+Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten Flieders,
+Goldregens und Ginsters. Von dort aus kann ich die Prozession von
+weitem schon sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an der
+Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu werden. Über mir schlagen
+die laubgefüllten Zweige eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und
+bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche Sonne, den
+allzu sommerlich heißen Tag.
+
+Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich Euren Gesang, schon die
+sechs städtischen Musikanten mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln!
+— — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession! ... Im dicksten
+Straßenstaube!
+
+Das muß doch ein göttliches Herz erweichen.
+
+Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube der Gesang, wie in
+Wolken gehüllt wird er höher und höher getragen. Halt da! ... schon
+biegen sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten Jungfern,
+mit blühenden Kränzen im freigelösten braunen und blonden Haar,
+sie streuen Blumen, ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf
+singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden Kerzen in
+den reingewaschenen, sonst so schmutzigen Jungenhänden, ... nun der
+goldbestickte, blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen von
+vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer Handlung durchdrungenen
+Männern, in langen, schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der
+Domherr mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen, goldstrahlenden
+Monstranz. Sie ist schwer, die Monstranz, drum werden seine Arme von
+zwei jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten, gestützt.
+
+Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn heute zum erstenmal.
+Doch der Thronhimmel und die Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich
+sehe aber, daß ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter
+seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar, ist es die
+Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern macht, just wie dieselbe
+Sonne das Haar Mariannens so rötlich leuchten läßt?
+
+Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und demselben Städtchen?
+Ei, Marianne, ich habe gedacht, daß deine Haarfarbe nicht zum
+zweitenmal zu finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat prangenden
+Erde.
+
+Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er fürstlich fast unter
+dem Himmel dahin. Wie schlank sieht er aus, wie vornehm in seiner
+priesterlich-bischöflichen Pracht. Ja, ja, ~die~ Herren verstehn es
+gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz zu wirken.
+
+Langsam schwankte die heilige Monstranz unter dem Thronhimmel an mir
+vorüber.
+
+Noch freute sich mein Auge an den in den blauen Samt gestickten
+Goldsternen des Thronhimmels, dieses hübschen Himmelchens unter dem
+großen Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer goldflutenden,
+ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings zusammen.
+
+— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel — ging Marianne. — — — Ein
+weißes Kleid hatten sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende,
+in langen Wellen über die Schultern wallende, seidige, köstliche
+Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz gelegt, in
+ihren Armen hielt sie, wie die Madonna, das Christuskind, ein aus
+Wachs geformtes Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich,
+freundlich lächelnden Augen zu seiner Madonna, die es so sorgsam trug,
+herauflächelte.
+
+Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem bunten,
+goldumstickten, hoch über allem schwankenden Thronhimmel, der das
+Allerheiligste beschirmte, langsam, wie in holdem Traume träumend,
+dahin.
+
+Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es sah so natürlich,
+so selbstverständlich aus; die Mutter sah auf das lächelnde Kind in
+ihrem Arme herab.
+
+[Illustration]
+
+Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in meinem Hause, auf
+heidnischer Stätte der grauen Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel
+mir ansehn, nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim Zusehn
+dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden, singenden Menschen, ganz
+fromm ward mir ums Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte
+mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen Rothaar,
+in dem wie kleine Himmelssterne die tausend Vergißmeinnichtblüten
+verstreut lagen.
+
+Man greife ans ~Gemüt~ des Menschen, so wird er gläubig! Als Marianne
+gerade unter meinem verborgnen Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg
+vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu irren, trafen
+mich wie zwei Pfeile die Strahlen ihrer Augen. Sie ~konnte~ mich
+doch nicht sehn, aber sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah.
+Daß sie direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen mich zwingen,
+mich rufen zu wollen: »Komm von deiner Mauer herab, komm neben mich
+und schließe dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von mir ab,
+Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie ich ihr in ihre
+Nachtaugen zurück. ~Wollte~ ich ihr hinabschreien, mitten hinein in
+diese fromme Menschenmenge!
+
+Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in meiner in das Astzeug der
+Büsche verkrampften Hand hätte sagen können von dem, was mein Herz
+schrie, was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit meinen Blicken.
+Ich sah ihr langwehendes Haar in den Strahlen der Sonne glühn und
+gleißen, — ja, sahen denn die anderen nicht, daß in den roten Haaren
+dieser demütig-frommen Heiligen, der man als Sinnbild das Engelskind
+in den Arm gelegt hatte, — ja, ~sahen~ denn die andern nicht, daß
+kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen und teuflische
+Grimassen schnitten? — Viel Volk folgte noch nach. Ein schier endloser
+Menschenzug. Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen, um
+sich diesem Bittgang anzuschließen.
+
+Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch immer hier. — Nun
+werdet ihr bald auf der Berghöh’ drüben sein, ihr frommen Sänger und
+Bittgänger!
+
+Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten breitkronigen
+Buchen und Eichen steht, werdet ihr singend auf die Knie fallen,
+die geistlichen Herren werden vor den Altar treten und ihre
+Beschwörungsformeln sagen, und lachen vom Himmel dazu wird die Sonne.
+
+Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck, Goldblitze
+tupft sie bald hier auf dieses dunkle Blatt, bald dort auf jene rote
+Rosenblüte, bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen Füßen
+ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl getroffen, bald zieht sich
+zitternd und flimmernd ein langer Goldstreif über den Gartenweg.
+Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet. Ich möchte keinen
+Zwischenhimmel haben. Durch nichts behindert, nichts entstellt, so
+will ich ~meinen~ Himmel haben.
+
+Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen nach dem Himmel.
+
+Menschen und Völker sind darüber zu Erde geworden, und andere haben
+auf ihnen neue Tempel gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist ~mein~
+Tempel, ist ~mein~ Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.«
+
+Und all diese Himmel hat die Erde überdauert! Die Erde, aus der wir
+kommen, in die wir gehn. Die schöne, frische, die lebenzeugende und
+ewig junge Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn und
+auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des Lebens, nach Jahren
+der Arbeit, nach Jahren der Freude und Trauer, nach Sonnentagen und
+Regentagen, nach Sommertagen und Wintertagen, wenn grau das Haar
+geworden ist und alt der Mensch. Wir suchen den Schlaf und freuen uns
+seiner. Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir, Erde? Hatten
+wir Furcht vor dem Schlafe, als wir noch schlummerten im Mutterschoß?
+Hat uns das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben? Wir kleinen,
+winzigen Menschlein, wir? Wir würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges
+Weiterbauen und ewiges Neuerzeugen. — — — —
+
+[Illustration]
+
+Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger Mensch. Fräulein
+Bartel und Marianne sind drüben auf jener schönen, waldverschlungenen
+Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem Beten, benutzen will
+ich das Alleinsein, hinuntersteigen will ich zu meinem steinernen
+Heidenkäuzlein, eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen
+Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der Sonntag soll mich
+schützen bei meiner heidnischen Fahrt in die Tiefe hinab! — —
+
+Im spärlich lichtspendenden Schein meiner Laterne stand ich nun wieder
+vor dem heidnischen Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne
+von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich jetzt die Steinplatte
+ab. Wirklich: unzweifelhaft blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm
+der betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst hineingeritzt in den
+Stein. Aber deutlich erkennbar. Hier des Käuzleins große Rundaugen,
+darüber mit zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des fauchenden
+Vogels, an den Seiten die Federbüschel der Ohren, sodann die Flügel,
+unten die Krallen der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der betende
+Mensch! Die aufgehobenen Arme sind deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis
+mit den beiden Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen
+ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der Kopf. Die langen
+Striche mit den fünf kurzen Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein
+Zweifel: ein betender Mensch!
+
+Hoch hob ich die Laterne und spähte in die Dunkelheit des Ganges
+hinein. Er war so hoch gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte.
+In schräger Steilheit führte er in die Erde hinein.
+
+Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht!
+
+Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der steinerne Boden.
+Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden, feuchtkalt und glitschrig
+fühlte sich die Steindecke über mir an.
+
+Holst du mich, Tiefe der Erde?
+
+Willst du mir ein wenig lüften von deinem tiefen Geheimnis?
+
+Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger großer Mutterschoß!
+
+Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht deiner Schale
+durchfurchten wir mit unserer schwachen Kraft. Doch deine Tiefen
+öffnest du nicht vor unserem Blick.
+
+Flammendes Feuer, brandendes Brodeln, zischendes Kochen birgt tief
+dein tiefstes Inneres. Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen
+Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen kann.
+
+Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich hinein. Wie tief mag
+ich sein? Kein Laut von außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe
+um mich herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht. Vorwärts,
+Jäger! Ein Jäger kennt keine Furcht! — —
+
+Es benahm mir den Atem.
+
+Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den Gang durchstrich. Also
+mußte am unteren Ende eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken
+müssen auf dieser unterirdischen Forschungsreise.
+
+Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten Steine meinen Weg. Ich
+räumte sie beiseite, kroch über sie hinweg und strebte vorwärts, nur
+immer vorwärts. —
+
+Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen? Ist’s unter mir, ist’s über
+mir?
+
+Sag’ dein Geheimnis, Erde!
+
+Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne malt sich ein schwacher
+Lichtschein im finsteren Gange ab!
+
+Das muß des Ganges Ende, das muß die Öffnung nach oben, zum Licht
+der Erde sein! Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher
+gegangen.
+
+Zum Licht empor, zum Leben jetzt!
+
+Immer deutlicher wurde der erst so schwache Lichtschein. Wie ein
+Schimmern drang es mir entgegen. Hoch über mir sah ich Felsenwände
+aufwärts streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den Steingeröllen
+winken, — sei mir gegrüßt du schönes Sonnenlicht!
+
+Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und Steintrümmer hinweg
+klomm ich aus der Erdtiefe empor.
+
+Die Öffnung am Ende des unterirdischen Ganges, durch den ich wie
+ein menschlicher Maulwurf gekrochen, war fast völlig mit Brombeer-
+und wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer, schwarzer und roter
+Fruchtfülle hingen die Zweige.
+
+So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es half aber nichts: mein
+Weidmesser mußte mir freie Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich
+durch die schmale Öffnung ans Tageslicht hervor.
+
+Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön war, was ich sah.
+
+Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe; sie waren mit üppig in
+hundert bunten Farben blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen.
+Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von allen Seiten
+abgeschlossen und geschützt vor spähenden Augen lag dieses kleine
+Tal. Ein in den Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares
+Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande tauchten, lag verträumt und
+still inmitten des Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden
+diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte hier und dort
+und bildete lauschige Inseln im hellen Grün der Wiese. Weißstämmige
+Birken mit ihrem lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder
+drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen, und streckten ihre
+jungfräulichen Wipfel ins dunkle Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein.
+
+Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün der Wiesengräser mit
+lebhaften Farben, Schmetterlinge umgaukelten die Blumen, Bienen
+summten, Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken
+im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften fauchend in den
+Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges Finkenhähnchen schlug froh
+und kecklich seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern huschten
+im Grase, und Lerchen standen wirbelnd, und sich ins ferne Blau des
+Himmels, der wie ein Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah,
+höher schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft.
+
+Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen vor der Außenwelt.
+Man fühlte es: nie war die Außenwelt bis hier hinein gedrungen.
+
+Große, behauene Steine fielen mir auf, die am westlichen Uferrande
+des stillen Teiches lagen. Über die grüne, blumenbesäte Wiese ging
+ich zu den Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß auch in
+~sie~ wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt waren. Auch war
+deutlich eine kreisrunde Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen.
+Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer Vorzeit heidnischen
+Opferstätte, an der zu den längst als unecht von uns neuen Menschen
+abgesetzten Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch an einer
+Stätte einstiger Menschenopferung.
+
+So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten geheimnisvollen
+Ort ehemaligen Heidentums entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von diesem
+allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal, das nun zu einem so
+wunderschönen Fleckchen unberührter, köstlicher Natur geworden war.
+Kein Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen.
+
+Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte ich nicht den
+sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer menschlichen Stimme gehört?
+
+Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes Ohr vernahm nur
+den leichten Sommerhauch, der warm und wohlig durch die lichtgrünen
+Birkenwipfel strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf, nur
+das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen der nach
+den tanzenden Mücken schnappenden Fische. Doch nein! Dort klang
+es deutlich zum zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters
+grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet! Geister der alten
+Heidenzeit, seid ~ihr’s~, die ihr so sehnsüchtig, so liebeatmend
+seufzt?
+
+Seelen geopferter Menschen, seid ~ihr’s~, die ihr an diesem
+sonnendurchstrahlten Sommersonntag ins Licht des Tages schwebt und nun
+den Reigen Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen Stätte
+tanzt?
+
+Mensch, der du durch finsteren Erdgang in dieses zauberhaft
+liebliche, von Sonnenlicht und Sommerwinden erwärmte Tal den Weg
+gefunden hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein
+~eigenes~ Atmen, das du nur im Echo hörst? Nein, nein, mein eigenes
+Atmen ist es ~nicht~! Ich muß ergründen, was an jener laubverhangenen
+Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles Leben. —
+
+Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch. Schmetterlinge jagte ich auf,
+die mit geschlossenen Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen
+gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet, eingeduselt waren, grüne
+Heupferdchen hoppten, gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen
+Wiesengras mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß die Grasrispen
+erzittern ließ, Vögel flüchteten aus dem Haselnußgebüsch, an das
+ich streifte, ein Eichhörnchen fauchte mich mürrisch an, wickelte
+seinen Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht, was es aus mir
+Eindringling in diesem Versteck zwischen den Waldbergen machen sollte;
+eine unschuldige Natter wand sich in das Wurzelwerk der Buche hinein,
+hinter deren Stamm ich haltmachte, lauschte und spähte, — nichts
+hörte ich mehr. Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen
+vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk? Ein holder, teuflischer,
+schöner, schrecklicher Spuk? Ein Spuk der Heidenwelt, in deren
+erstorbene, längst vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war? War
+etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal? Der stille, spiegelnde, hier
+so dunkeltiefe Waldteich? Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge
+mit ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte, duftete und Früchte
+niederhangen ließ? O holder Spuk, o schreckensschöner Spuk!
+
+Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und kann nicht fort!
+
+Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig aus, du holdes
+Traumgebild!
+
+O Marianne, du hast mich ja bezaubert! Was hast du nur aus mir
+gemacht! Ich seh’ dich ~vor~ mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis
+hier in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. — Ja, Marianne! —
+
+Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang ausgestreckt auf dem
+Wiesengras.
+
+Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein sprang durch das
+leichtbewegte Blattgerank der Erlen wie goldenes Blitzen über ihren
+herrlichen, weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht erschien in
+all der Fülle rotgoldenen Haares, das ihn umflutete und seine Blöße
+verhüllte. Leicht über sie bis an den Busen hochgebreitet lag das
+weiße Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang angetan hatte.
+Blumen lagen darüber gestreut in allen Farben des glühenden, blühenden
+Sommers. Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen,
+glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen wie schwere, schöne
+Himmelstränen.
+
+Noch rieselten hier und da von ihrem weißen, sanft geschwellten Busen
+kleine, glitzernde Wasserperlen ins Gras zu den Seiten herab, noch
+lag’s wie ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte soeben
+erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen sein.
+
+Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir, woher kennst du dieses
+stille, heimliche Tal? —
+
+O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch war es Zeit, noch Zeit
+zur Flucht, zur Rettung!
+
+Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden Arme, die weißen Hände,
+da schob sie die wogende Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz
+langsam ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln die roten
+Lippen, da trafen — zwei sengende Strahlen — ihre Augen mitten hinein
+in die meinen.
+
+»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise, ganz leise, noch einmal:
+»Marianne!«
+
+Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin, ob ich langsam, ganz
+langsam über das Stückchen grüner Wiese, das mich von ihr trennte,
+geschlichen bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen
+wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert hatte. Ich weiß das
+alles nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich vor ihr niederkniete, daß
+ich ihre nackten Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit
+seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das rote Haargewoge
+verschlungen hatten, an mich riß, daß sie sich selbst wie eine
+aufbäumende Schlange gegen mich warf. O Marianne. — — — — — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Sonne, schöne Sommersonne, du versinkst hinter den hohen Domtürmen der
+kleinen Stadt.
+
+Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen wie pures Gold.
+
+Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt, von Sünde löst und
+freispricht?
+
+So sprich mich ~frei~ von meiner Sünde, Gott! — — —
+
+Stilles, heimlich verborgenes Tal, dein Boden ist getränkt vom Blut
+der Menschenopfer alter heidnischer Zeit.
+
+Forderst du ein ~neues~ Opfer? — — —
+
+In der Dämmerung schlich ich mich am Fluß entlang in das Städtchen
+zurück.
+
+Hatte ich nur geträumt? War’s Fieberwahnsinn, Fieberglut gewesen?
+
+Hatte sich wirklich soeben erst lachend und keuchend mit flammenden
+Augen und glühender Stirn ein zauberschönes Mädchen meinen Armen
+entwunden? War fortgesprungen wie eine weißschimmernde Elfe mit
+rotwallendem Mantel über das sanfte Grün der stillen Wiese im
+Tal? Hatte grausam ihr Lachen geklungen? Und hart und spröde
+und siegestrunken? Und sanft und girrend, lockend und drängend,
+verführend, bezaubernd wie das Lachen der Zauberin Circe?
+
+Neben mir klingt und singt der Fluß. Am Ufer drüben ragen im
+Abendschein die Häuser, die Türme und Mauern der kleinen Stadt.
+
+Ragt die Kauzburg hoch über die anderen Häuser hinweg. »Huhu, huhu«
+schrien ein paar Käuzchen und flogen lautlos um die schlanken Pappeln,
+die hier am Ufer stehen. Ganz still und unbewegt. So wie ich selbst
+hier stehenblieb und stand, ganz still und unbewegt. Und in das
+fließende, rinnende, immerfort fließende, immerfort rinnende Wasser
+des Flusses starrte. Bis immer mehr der Abend niedersank und nur ein
+letztes rotes Leuchten Kunde gab von einer Sonne, die verschwunden
+war, um einer anderen Welt ihr Licht zu spenden.
+
+Ein Glöcklein klang vom Dom. Das Abendglöcklein war’s. Dann fiel ein
+zweites tieferes Glöcklein der evangelischen Kirche ein. Sie klangen
+schön miteinander. Wie Schwester und Bruder. Aber die Menschen, die
+ihnen zuhörten, waren nicht wie Schwestern und Brüder miteinander.
+Sie befeindeten sich und bekriegten sich. — Schwestern und Brüder.
+— Gestern war Marianne eine Schwester von mir gewesen und ich ihr
+Bruder. Denn der christliche Glaube lehrt, daß wir Menschen alle
+Schwestern und Brüder sind. —
+
+Heute? Jetzt?
+
+Wie kann man Bruder sein zu diesem Mädchen! Ich wußte es doch seit
+Wochen, daß ich ihr nicht Bruder bleiben konnte. Warum hab’ ich sie
+nicht von der Schwelle der Kauzburg verjagt? So hätte ich meine Ruhe
+heute. So brauchte ich nicht so scheu wie ein Dieb in meine Kauzburg
+zu schleichen. Ich fühle mich schuldig. Ich verfluchte das stille Tal,
+den Waldsee, die sonnenfreudige grüne Wiese.
+
+Und doch! .... Wenn ich zurückdachte ...... Marianne, ich bin ~dein~!
+— — — — — — — —
+
+Es war mir lieb, daß ich niemandem begegnete. Daß ich ungesehen in
+meine Stube kam. —
+
+Morgen werde ich ruhiger denken. — — — —
+
+Um Mitternacht ging ich zu Bett.
+
+Still lag die Landschaft im milden Mondschein um meine Kauzburg.
+
+Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht. Drüben in den Feldern zirpten
+die Grillen. In weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen und
+schwebte als weißseidenes Feintuch über den Fluß. Mir ward ruhig
+zumute; wunderlich ruhig. Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer
+zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten in wildem Gischt an
+den Strand? O Menschenherz, wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du
+der Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden Sturm. —
+
+Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein? Der Mond ist euer
+Helfer und Freund bei eurer lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches
+Käuzlein mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald auf seine Mäuslein
+jagen. Und meine Mutter mag gerade die Hände falten und leise beten:
+bleib brav und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! —
+
+[Illustration]
+
+Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen könnte ich sie!
+Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr goldenes Rothaar schlingt sie
+um meine Schultern, sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll
+trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein Blut, und ihre
+nachtschwarzen Augen sengen bis tief in mein Herz; ich reiße sie an
+mich, ich zähle die Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal,
+am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo Schmetterlinge gaukeln,
+wo das Finkenhähnchen seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still
+ist wie im Paradies.
+
+Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich sie lassen; ~mein~
+muß sie sein, ~mein~ muß sie bleiben. —
+
+Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein anderer geworden bin?
+
+Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin ich ein Doppelmensch?
+Vor den andern der eine, vor mir der andere? — Aber die Sünde wird
+zuletzt zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es wecken! —
+
+So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der Sünde und Pflicht. Die
+Pflicht hält jener das Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und
+wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich wohltuend ab.
+
+Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig über mich ausschüttet. Daß
+ich sein Jünger bin, sein Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung.
+
+O Wald, wie liebe ich dich!
+
+Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist? Daß ich mich an dich
+anklammere, wie rankender Efeu am starken Eichenstamm es tut?
+
+Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und gesund. Gesund an
+Seele und an Leib. Ja, bin ich denn krank?
+
+Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich möchte mich hinknien
+auf hoher Berghöh’, wo ~du~ nur um mich bist mit deinem Rauschen, das
+so kräftig klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’
+ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid. Sieh’, keiner weiß
+es, und keiner ahnt es. Wie mich umschlingt diese Zauberkraft, dieses
+feuerglühende Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten
+reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer grausigen Augen. Wie,
+grausig sag’ ich und lache mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen
+nicht wie dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees, der den
+Tag verträumt in stiller, kosender Ruhe? So sanft und weich, wie das
+Wasser des Waldsees ist?
+
+Kann denn ein Waldsee zum Tode locken?
+
+Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem Arm, mit verlöschender
+Kraft, mit letztem Kampfe ums Leben?
+
+Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die niemand kennt. Ich weiß von
+einem, der lockt so weich, so kosend, doch was er an sich lockt, nie
+wieder kehrt es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — —
+
+O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein Atmen, dein Leben!
+
+An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt. Und
+schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen. Lau spielt der Sommerwind in
+den Blättern der Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im blauen
+Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen, sie sprechen schön wie
+Vogelsang und Vogelsingen. Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt
+ihr trauliches Rauschen und Klingen.
+
+Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja, Frohsinn in Ruhe!
+
+Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie wieder. Weshalb denn
+traurig sein?
+
+Hab’ ich nicht ~dich~, mein Wald?
+
+Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner kräftigen Waldluft!
+Füll’ mir mein Herz damit, so widersteht es der Lockung, füll’ mir die
+Brust, so werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’ mir
+die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel gleich auf den wiegenden
+Ästen der Buchen, füll’ meine Augen damit, so werden sie trunken ewig
+schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und Bergnatur, in der ich
+Sünder stehe, erfülle mein ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin
+ich sündlos zur Stunde.
+
+Und ~ist’s~ denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde, wenn sich zwei Menschen
+schrankenlos einander geben? Wozu denn Schranken? ~Frei~ will ich
+sein von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten gelegt, in
+Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der durch die Waldgründe zieht,
+gebunden? Muß denn das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt?
+Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei, Frei! — — — Du bist
+ein ~Mensch~, kein Falk, kein Hirsch! Bedenke es, du bist ein ~Mensch~.
+
+O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein. Denn Zucht und Sitte
+binden. Und ~müssen~ binden, soll nicht die Allgemeinheit leiden.
+
+Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen! O singt, ihr seid ja
+luftbeschwingte, freie Sänger!
+
+Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen, atmenden Gründe,
+du hochgeweihter Hirsch, du bist ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des
+herrlichen Waldes!
+
+Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus ins Feld, durch das
+wogende Meer der Halme, und greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist
+ja ein Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu fragen: »Sag’,
+~darf~ ich?«
+
+Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der Luft, stoß herab, stoß
+herab! An den Grabenrain hat sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es
+sich ab im braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine pfeilscharfen
+Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu! Wer sollte dich hindern? ...
+
+Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’ mich an Menschengebot
+zu halten. Und soll ihn gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und ~wollt’~
+ihn gehn und ~will~ ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige Hexe,
+dazwischen getreten in meine Pflicht und in den Tageslauf eines
+Menschenseins?
+
+Warum nur, warum?
+
+Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich dich in mein Haus.
+
+~Bist~ du ein Kind der Straße?
+
+Man hat dich auf der steinernen Schwelle des Klosters gefunden, in das
+man barmherzig das elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand
+weiß, woher du kamst.
+
+Stammst du von Wesen ab aus einer anderen Welt, die wir nur ahnen,
+niemals aber sehn?
+
+Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden Abgrund zur Tiefe,
+neben dem Stein mit dem heidnischen Zeichen stehn, ~mein~ bist du
+geworden im kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen
+Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die Tropfen wie klare Tränen
+von dem herrlichen Weiß deines Körpers, da riß ich dich, nein, ~du~
+rissest mich in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes Haar — —
+— wer bist du, wunderbares Zauberweib? Hast du die Macht, der Menschen
+Seelen in dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich wieder frei von
+ihr! Hilf deinem Grünrock, du schöner, grüner Wald! — — —
+
+Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete Berge, durch
+ein mondbelichtetes Tal.
+
+An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des Mondes Glanz, in seinem
+Silberglanz gebadet schien das Tal.
+
+So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes Hufe tönten vom
+Wurzelwerke, mit dem der Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein
+unvergeßlich schöner Ritt.
+
+Froh fühlte ich mich und frei.
+
+Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden Naturmenschen, war ich
+zusammen gewesen, hatte die herbstlichen Schlagflächen mit ihnen
+besucht, über die Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über den
+Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen, und fast unbewußt
+hatte ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden.
+
+Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem Forsthause kam, desto mehr
+wich die Ruhe von mir. Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt,
+den Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen, für
+unsere Stimmungen haben. Aufgeregt tanzte er unter meinen Schenkeln.
+Und plötzlich stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still.
+»Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm den Hals. Der
+Mondschein lag hell über der Straße. Vor mir bauten sich klar und
+scharf die Häuser des Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die
+Kauzburg, jeden Schornstein konnte ich erkennen.
+
+»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm etwas die Sporen. Da
+schnaubte er und gehorchte. Aber als ich auf das mondhelle Feld
+blickte, das unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer
+meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich im Sattel zusammen.
+Eine weibliche, weiße Gestalt bewegte sich quer über das Feld auf mich
+zu. Nicht schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft. Ich
+erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener, wie Feuerschein
+lohender Mantel floß über das weiße Kleid das lange, gleitende Haar
+und ließ sich bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes.
+
+Es war Marianne.
+
+Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat, Marianne, meine Sünde.
+
+Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust.
+
+So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete ihr rotes Gluthaar
+im Silberstrahl des Mondes. Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf?
+
+Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der Mondsucht, mondsüchtig
+ist sie und heute ist Vollmond.
+
+»Marianne!« rief ich.
+
+Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah starr auf mich und mein
+Pferd, und sprang wie ein schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem
+Halse, ich wußte nicht, wie.
+
+Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte mich, und Pascha,
+mein Gaul, ging ruhigen, stolzen Schrittes den schmalen Pfad, der zur
+Kauzburg führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem Lächeln auf
+uns herab, und eine Wolke kam und hüllte des Mondes blasses Licht in
+Dämmerung, und der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich,
+ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen hatte, draußen im
+frischen Wald, ich hatte dieses Mädchens Leib in meinem Arm, und so,
+auf meinem Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit ihr
+heimlich wie ein Dieb in meine Stube ... Marianne, Marianne.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Domherr ist heute bei mir gewesen, und machte mir seinen Besuch.
+Lange war er verreist. In jedem Jahre macht er große Reisen.
+
+Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor treten. Was tausend,
+wie kann sich der Mann benehmen.
+
+Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um. »Niemand da, mich
+zu empfangen?« Jede Bewegung, sein ganzes Wesen sprach das aus.
+
+Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau, dummdreist wie immer. Je näher
+er dem Domherrn kam, desto unterwürfiger wurde der Junge. Ich glaube
+gar, er küßt ihm noch die Hand. Das fehlte gerade, er, der Sohn
+evangelischer Eltern, der Lehrling eines evangelischen Oberförsters!
+Ich hörte des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr Oberförster
+zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling bejahte und vor dem geistlichen
+Herrn die Tür der Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen
+Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür und sah, wie
+Fräulein Bartel ihrem Seelsorger die Hand küßte, sah seine segnende
+Handbewegung, sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm beugte,
+sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände legte und leise einen
+Segen auf dies rote Haar — ach, dieses Haar, das mich verführte —
+sprach, da richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen die
+meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich denn schon in allen
+anderen Augen die Augen Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar die
+Haarpracht Mariannens? — — —
+
+Der Mann vor mir ~hatte~ ihre Augen und ihr rotes Haar! —
+
+Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber. Sein kühnes, kluges
+Gesicht hatte ich dicht vor mir. Er spricht gewandt, benimmt sich
+wie ein Fürst, versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig
+hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert Menschen
+wirken werden — und doch — er ist mir unangenehm.
+
+Warum?
+
+Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank sein, ja, ich ~bin~
+krank. Marianne macht mich fieberkrank!
+
+Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen an Mariannens Augen
+denke? Daß ich fortwährend die Farbe seines, um die Tonsur sich
+wellenden, mit wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens rotem Haar
+vergleiche?
+
+»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine Empfehlung in Ihr Haus
+kam, zufrieden, Herr Oberförster?« fragte er mich.
+
+Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein höhnisches Lächeln auf
+seinem Munde? Hat er irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel,
+weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als schicklich geschwiegen
+haben auf seine Frage, denn er fragte noch einmal und sah mich
+verwundert an. Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn wo kann
+er denn etwas wissen!
+
+Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft ausfragen! Und nun fragt
+er ~mich~ nach ihr!
+
+»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und fuhr mir über die Stirn
+— sei klug und sei wahr und verrate dich nicht, liebe Seele, redete
+ich mir zu, »aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr, mir doch
+etwas Näheres über des Mädchens Herkunft mitzuteilen, es interessiert
+mich, da sie in meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte, wen
+ich im Hause habe, darum ...«
+
+»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«, unterbrach er mich ruhig,
+und nur sekundenlang fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide
+den Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses Mädchen wurde an der
+Klosterschwelle als soeben geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in
+unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln fand sich ein Zettel mit
+folgenden Worten: Nehmt dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der
+heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und der Heiligen Segen
+auf euch ruhen.«
+
+»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich, um etwas zu sagen, da er
+schwieg und wie traumverloren zur Erde starrte.
+
+Er fuhr auf.
+
+»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er.
+
+Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche Aufgeregtheit.
+
+»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich.
+
+»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die Schriftzüge?«
+wiederholte er meine Frage und fuhr sich mit seiner schmalen Hand —
+wo habe ich denn bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich —
+über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines Weibes Handschrift war’s,
+... wohl von der unbekannten Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange
+her ... man vergißt es ..., aber auch ~Sie~, mein Herr Oberförster,
+tun ein gutes Werk, wenn Sie das elternlose Geschöpf in Ihrem Hause
+behalten und ...«
+
+»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte förmlich Angst, er
+könnte sagen: »und es vor allem bewahren«.
+
+Aber ~sie~ war es doch gewesen, ~sie~ hat jede Schranke durchbrochen,
+~sie~ hat mich dazu gebracht! ~Ich~ habe mich gewehrt wie ein
+Verzweifelter, immer, immer — gegen mich und mein eigenes Fleisch und
+Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich, wie ein Ertrinkender sich
+gegen die Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein, trinkt,
+trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und Wonne, aus dem Becher
+dieses süßen, süßen Giftes!
+
+»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie Marianne in das Haus eines
+evangelischen Hausherrn ziehen ließen«, sagte ich.
+
+»Aber warum denn ~nicht~, Herr Oberförster, warum ~nicht~?« meinte
+er lächelnd. »Ich wußte doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel,
+katholisch ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster,
+Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft sind, also
+gehören Sie doch ~auch~ etwas ~uns~ an, sind ...«
+
+»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach ich ihn kurz und
+scharf.
+
+»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«, sagte er mit derselben
+Freundlichkeit. Bloß seine Augen sah ich einen Augenblick schillern.
+
+Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel des Handkusses und der
+Segenspendung. Marianne kniete vor ihm nieder.
+
+»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«, sagte er, während er das
+Zeichen des Kreuzes über sie machte.
+
+Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte es gesehen. Seine
+tiefen, forschenden, dunklen Augen flammten auf.
+
+»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind, nicht wahr?« Es klang sehr
+ruhig, sehr gütig, aber es klang wie ein Befehl.
+
+»Ja«, sagte Marianne gehorsam.
+
+[Illustration]
+
+»Dieser Mann hat große Gewalt über die Herzen der Menschen«, dachte
+ich, als ich allein war. Wenn Marianne zur Beichte geht und ~alles~
+beichtet, was wird sein?
+
+Und dann rief ich mir die soeben mit ihm geführten Gespräche ins
+Gedächtnis zurück.
+
+Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er weiß natürlich ganz
+genau, daß ich kein Kirchgänger bin. Daß ich im Walde immer am
+besten die allwaltende Gottheit finde. Und nun sollte ich gar ein
+ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und bestickten Fürsprechern
+zwischen der Gottheit und mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein,
+das wäre nun schon ~gar nichts~ für mich einfachen Sohn des Waldes!
+
+Lieber sollt ~ihr~, meine lieben Bäume, Fürsprecher für mich sein!
+Rauscht meine Gebete mit eurer grünen Blätterpracht dem lieben
+Herrgott zu, erzählt ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm
+sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt ~trotz~
+aller Sünde, rauscht bittend dem lieben Gott ins Ohr: »Herr, geh’
+nicht ins Gericht mit ihm, er ist ein ganz passabler Kerl und uns
+viel lieber als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn
+dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’ auch mal ~unter~
+dieses grüne Röcklein, wo sein Herz sitzt, gönn’ ihm ein stilles
+Plätzchen später mal zur ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er
+schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.« — Bin sonst nicht
+neidisch: aber den Dachs beneide ich um seinen festen Winterschlaf.
+
+Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’ mir deinen Schlaf mit.
+Ich hab’ den ruhigen Schlaf verloren. Aber auch ~du~ würdest ihn
+verlieren, sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh, mein Dächslein,
+mein liebes Dächslein, zu deinem Besten rate ich dir: bleib draußen im
+Walde in deinem Bau! — — — —
+
+Marianne kommt in die Stube und wischt Staub.
+
+»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran, »wirst du beichten
+gehn? Wirst du ~alles~ beichten? Du ~kannst~ doch nicht alles
+beichten, Marianne.«
+
+»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre Zähne blitzen. Und
+umschlingt mich mit ihrem linken Arm und fährt mit dem rechten über
+die Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun blitzt und wie
+sauber«, meinte sie, und drückte sich an mich wie eine Katze mit
+weichem Katzenfell.
+
+»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor. »Aber bleib ~mein~!« — — —
+— — — —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Jetzt kenne ich den nächtlichen Spuk in meiner Kauzburg!
+
+Daß ich nicht eher auf den so naheliegenden Gedanken kam! Seit
+jenem Abend auf dem vollmondhellen Felde hinter dem Kirchhof an
+der Gartenmauer meiner Kauzburg hätte ich wissen müssen, was zur
+Vollmondzeit so ruhelos durch all die hohen Ordensräume dieses Hauses
+schleicht. Armes Kind der Straße! Arme Marianne!
+
+Ja, sie ist’s. Sie ist der ruhelose Geist der Kauzburg. Sie wird
+von dem schlimmen Gesellen dort oben am nächtlichen Himmel mit
+magnetischer Gewalt heraufgezogen, als wollte er damit sagen: »Seht,
+sie ist nicht von eurem Fleisch und Bein, ihr Menschen habt sie
+grausam ausgesetzt als kaum geborenes Wesen, nun will sie fort von
+euch, nun sehnt sie traumverloren sich nach einer anderen Welt, nun
+sucht sie ruhelos die andere Welt und kann sie nicht finden, und ich,
+ich habe nicht so große Macht, um sie ganz an mich zu ziehen und aus
+dem schweren Bannkreis eurer Erde sanft emporzuheben.«
+
+Marianne, welch unendliches Mitleid krampfte mein Herz zusammen, als
+ich dich langsam dahinschwebend am hohen Gesims der Kauzburg erblickte!
+
+Ich hatte wach gelegen in dieser köstlich klaren, silberflüssigen
+Vollmondnacht.
+
+Zum Fenster schaute ich heraus und sah, wie’s silbern floß und strömte
+um Baum und Strauch, um Feld und Wald, um Wiese und Rain.
+
+Da kam es leise, ganz leise an der Tür vorbei, unhörbar fast, ich
+ahnte es mehr, als daß ich etwas hörte. Wie ein seidenes, weiches,
+ganz weiches Streifen und Rieseln, wie ein Seufzen, wie ein feines,
+ganz feines und weiches Lachen. Es griff mir ans Herz, ich wußte nicht
+warum, ich fühlte, wie meine Pulse klopften, wie sich’s schmerzhaft
+zusammenzog in mir.
+
+Von draußen zogen die Silberwellen des Vollmondlichtes durchs
+offenstehende Fenster zu mir herein, auch fein und weich und leise.
+Ein Fenster hörte ich klirren.
+
+Da raffte ich mich auf und öffnete sachte die Tür nach der Halle.
+
+Niemand zu sehn. Ich schlich den weiten, hohen Hallengang hinab, da
+stand das Bogenfenster auf.
+
+Ich beugte mich hinaus und schrak jäh und furchtbar zusammen.
+
+»Marianne!« wollte ich schreien, aber gottlob erstickte ich noch den
+Schrei.
+
+Nur wie ein Ächzen kam’s über meine Lippen: »Marianne« ... Ja, da
+schwebte ihre gertenhaft schlanke Pagengestalt hoch auf dem Rande
+des Dachgesimses hin. Tief unter ihr, ganz tief und drohend ging’s
+hinunter auf den felsgezackten Mauerrand. Ein einziger, kleiner
+Fehltritt in ihrer grausigen Höh’, ein Stocken des Fußes, ein Zögern,
+ein Nachlassen ihres Schlafzustandes, ein Aufwachen, ein Erwachen —
+und zerschmettert lag sie da unten! Zerschmettert dieser herrliche
+Mädchenleib, der für mich, ganz allein für mich in all seiner
+berauschenden Schönheit blühte.
+
+So ging sie sicher wie auf der breiten Straße unten im Tal auf ihrem
+schwindelnden, schmalen Wege, ihr weißes Nachtgewand leuchtete wie ein
+milchfarbenes Strahlenkleid, ihre Haarpracht schien Funken nach dem
+silberglänzenden Licht, das sie in diese einsame Höhe emporgezogen
+hatte, zu senden, und ich hier am Fenster, ich zitterte davor, daß sie
+jemand anrufen und aus dem tiefen Geisterschlaf plötzlich aufwecken
+könnte.
+
+Wie kommt es, daß man in solchen Augenblicken zum alten Gott
+zurückkehrt?
+
+Daß man bei ihm und keinem anderen um Bewahrung, Schutz und Schirm
+bittet?
+
+Da schwöre ich nun auf mein Erdgeborensein, auf mein Erdenleben und
+mein Erdensterben, da juble ich nun in den Wald hinaus: »Ich bin von
+Erde und will wieder zu Erde werden, ich habe meinen Himmel auf der
+Erde und sonst nirgendswo.«
+
+Und heute, jetzt in dieser Nachtstunde, wo ich um jenes Leben
+zittere, das wie gelöst von jedem irdischen Leben, umspült,
+umschmeichelt von dem bleichen Mond, den Weg des Todes geht, heute
+halte ich die Hände, wie’s der einstige Forstbub tat, und bete:
+»Herrgott, der du über uns in Herrlichkeit und Macht und Güte thronst
+.. Herrgott, himmlischer Vater, laß sie zurückkehren in meinen Arm von
+ihrer furchtbaren Wanderung.«
+
+Hatte mich Gott erhört? Gibt’s wirklich einen persönlichen Gott, der
+auf Worte eines einzigen Wesens unter Millionen anderer Wesen hört?
+Der milde und freundlich lächelnd wie ein guter Vater sich neigt und
+spricht: »Dein Glaube hat dir geholfen?«
+
+Denn siehe: Sie wandte sich um, sie drehte sich auf dem äußersten,
+letzten Stein der Dachrinne, die über die Tiefe schwebte, um, sie hob
+die Hände und schlang sie hinter dem feuersprühenden Haar zusammen
+und schritt, das bleiche Gesicht wie in Sehnsucht gegen den Glanz des
+Mondes erhoben, denselben Todesweg, den sie gegangen war, zurück.
+
+Immer näher kam sie, immer näher. Oh, nur noch ein paar Schritte, nur
+noch einen Schritt ... schon beugt sie sich in das Fenster hinein,
+von dessen Öffnung ich zurückgetreten war, schon will sie durch die
+Öffnung zurückschlüpfen in die sichere Halle, ... da wird drüben ein
+Fenster aufgerissen, eine gellende Stimme ruft: »Marianne! Um Gottes
+willen, Marianne ...!«
+
+Sie zuckt zusammen, ihre Augen öffnen sich, ihr straff aufgerichteter,
+schlanker Körper knickt ein, als ob die Macht, die ihn hielt, von ihr
+genommen sei, aber schon bin ich vorgesprungen, schon hab’ ich sie
+erfaßt, umschlungen, reiße sie in die Fensteröffnung hinein, reiße sie
+~an~ mich, werfe mich zurück vor dem Sturz hinab auf die Steinmauer
+tief unten, ... gerettet ... Gott, ich danke dir, gerettet!
+
+Marianne lag ohnmächtig an meiner Brust. Fräulein Bartel kam den Gang
+heraufgestürzt mit fliegenden Gewändern und wie wahnsinnig schreiend:
+»Marianne, Marianne, Marianne!« »Ja, Marianne,« fuhr ich sie an,
+»danken Sie Ihrem Herrgott, daß Sie nicht ihre Mörderin geworden sind,
+Fräulein Bartel!«
+
+»Ich? ... ihre Mörderin?« ... stotterte sie entsetzt.
+
+»Ja, wissen Sie denn nicht, daß man Mondsüchtige nicht wecken, nicht
+erschrecken darf?«
+
+»Marianne? ... Mondsüchtig?«
+
+Ganz fassungslos vor Schreck war sie. Und das versöhnte mich mit ihrer
+Dummheit. —
+
+Wir trugen Marianne auf ihr Zimmer und legten sie auf ihr Bett.
+Sie erholte sich bald von ihrer Ohnmacht. Wußte sich auf nichts zu
+besinnen.
+
+Wir sagten ihr nichts.
+
+In Vollmondnächten wird aber seitdem — ohne daß sie es weiß — ihre
+Stubentür verschlossen. Vor ihrem Fenster ist ein Gitter.
+
+Auch vor einigen der anderen Fenster. Dafür ist’s doch auch eine alte
+Ordensburg.
+
+[Illustration]
+
+Tiefer Schnee deckt den Boden.
+
+Dem Landmann ist’s lieb, daß die Schneedecke seine Saaten schützt,
+und daß die Erde genügend Feuchtigkeit fürs Frühjahr durch die
+Schneeschmelze erhält.
+
+Noch ist das Frühjahr fern.
+
+Noch denkt der Schnee nicht ans Schmelzen.
+
+Noch sitzt er wie ein guter, mottenfreier Pelz auf der Erde. Auf
+den Zweigen der Bäume liegt er wie eine hohe Schicht Streusel auf
+schlesischem Streuselkuchen. Im Schlitten — ohne Schellengeläut —
+fahre ich durch den Wald. Durch meinen Bergwald, den ich so liebe.
+Über die Gebirgsbrücke hinüber. Aber der sonst so munter sprudelnde
+kleine Fluß liegt im Dornröschenschlaf. Unterm Eise, vom Froste
+eingeschläfert. Auf den holden Knaben, den Frühling, wartet das
+Flüßchen. Der wird es mit rotknospendem Zweig berühren, mit Jauchzen
+stromauf springen und überall sein holdes Antlitz zeigen, dann wird
+mit Geknatter und Gekrach das Eis bersten, das Flüßchen wird anfangen
+zu fließen, erst ganz verschämt und zagend, aber nicht lange wird’s
+dauern, da haben wir das ganze muntere Plaudern und Plätschern wieder.
+
+So schlafe denn wohl, du lieber Talfluß du!
+
+Der Knabe Frühling wird dich wecken.
+
+Am tiefsten still ist der Winterwald. Der hohe Schneeanhang am grünen
+Nadelzweig, am trocknen vom Herbst her an den Ästen verbliebenen Laub,
+— das hohe Schneepolster, das selbst auf kahlen Laubbaumzweigen liegt,
+die weiche Schneedecke, die Waldwege, Waldstege wie eine Daunendecke
+verhüllt, das alles macht stiller noch den sonst schon stillen Wald.
+
+Auch die Singvögel singen nicht.
+
+Sie weilen in wärmeren Landen und — blieben sie hier — so piepen sie
+höchstens, wenn sie hungern, doch sie singen nicht.
+
+Ich liebe den Winterwald. Fast mehr als den sommergrünen. Der
+Winterwald spricht so deutlich von Ruhe. Von Ruhe und Schweigen. Und
+Schlaf im Walde für ewig.
+
+So rein sieht alles aus, so weiß, so grün darunter, wie frische Jugend
+im Hermelinpelz. Hier scharrte ein Füchslein im Schnee, ich sehe seine
+Spur. Dort ist ein Reh getrollt, hier hoppelte ein Hase, halt da ...
+und ~hier~? Ein Wildschwein war’s, das ritterlichste Wild des Waldes.
+Der Fährtenfinder Schnee verrät das alles. Er ist des Waldes Papier,
+auf dessen Weiße alles schreibt, was durch den Wald schnürt, hoppelt
+oder trollt.
+
+Spät am Abend erst kam ich in die Kauzburg zurück. Es war so spät
+geworden, daß ich mich wunderte, Fräulein Bartel noch aufzufinden. Ich
+hatte ein für allemal angeordnet, daß sie mir mein Abendbrot in meine
+Wohnstube hinstellen und zu Bett gehn sollte, wenn ich erst nach zehn
+Uhr aus dem Walde heimkehrte.
+
+Ich liebe es dann, den Abend allein für mich zu verbringen. Denn der
+Waldfrieden, die Waldluft, des Waldes stille Schönheit hängen mir
+an solchen Abenden noch in den Gliedern, es stört mich, wenn mir
+dann irgendein Alltagsmensch Tagesklatsch und kleine Tagessorgen
+vorplappert. Aber an solchen Abenden hatte Marianne immer am ehesten
+Gewalt über mich. Sie, mit ihrer Waldnixenschönheit, mit ihrem weißen
+Gesicht, aus denen wie zwei dürstende rote Brombeeren die Lippen
+leuchten, mit ihren Rätselaugen, die geheimnisvoll sind wie das
+nächtliche Walddunkel, mit ihrer roten, goldigen, sprühenden Haarflut,
+ja, sie paßt zu dieser Stimmung, die ich an solchen Abenden mit heim
+bringe. Oder sie löst vielmehr diese Stimmung in glühende Akkorde
+auf. Was ich im tagtäglichen Leben nicht finde, glaube ich im Walde
+und in der trunkenmachenden, liebeglühenden Schönheit Mariannens zu
+finden. Eine Krankheit ist’s. Eine Krankheit der Seele. Ich glaubte
+sie zu heilen, indem ich wie ein Kranker nach Betäubungsmitteln griff.
+
+Es war mir daher direkt unangenehm, als mir heute am späten Abend
+Fräulein Bartel oben in der Flurhalle entgegenkam. Verlegen, wie ich
+sofort merkte. »Ach, gewiß irgendeine in ihren Augen große, in meinen
+Augen kleine wirtschaftliche Sorge!« seufzte ich.
+
+»Nun, Fräulein Bartel, noch auf?« fragte ich ziemlich unwirsch.
+
+»Ach, Herr Oberförster, sie ist heute gekommen«, sagte sie und sah
+mich ängstlich an.
+
+»~Wer~ ist gekommen?« fragte ich.
+
+»Nun, die Erika aus der Heide, Herr Oberförster.« Ich fing an, an
+Fräulein Bartels Verstand zu zweifeln. »Erika aus der Heide, Fräulein
+Bartel?« wiederholte ich maßlos verblüfft. »Ja, ich habe Herrn
+Oberförster doch aber gesagt, und Herr Oberförster hatten doch nichts
+dagegen«, meinte sie, ein wenig empfindlich.
+
+»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen, mein liebes Fräulein
+Bartel, und sagen Sie mir endlich klar und deutlich, wer gekommen
+ist, was der Wer hier will, und zu welchem Wer ich meine Erlaubnis
+gegeben habe.«
+
+»Des Heidkönigs Tochter ist gekommen«, sagte sie.
+
+»Ah!« ... nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen! Das hatte ich
+längst, längst vergessen!
+
+Ja, richtig, Fräulein Bartel hatte mich einmal gefragt, ob des
+Heidkönigs — eines Lüneburgers Großgrundbesitzers — Tochter für einige
+Zeit, solange der Vater im Auslande weilte, unter ihre Fittiche
+kriechen dürfe.
+
+Und nun war die Heidkönigstochter da. Wirklich da! ... Nun hatte
+ich’s! Nun mußte ich mich drein finden. Drein finden, daß ein fremder
+Mensch mir meine Hausruhe stören würde. Meine Hausruhe? ... Lieber
+Gott im Himmel, Hausruhe hatte ich nicht mehr. Damals, ja damals, als
+mich Fräulein Bartel fragte, hatte ich noch Hausruhe gehabt. Jetzt war
+Leidenschaft und heimliche Sünde im Hause. Mein Herz war durchwühlt,
+ein anderer war ich geworden.
+
+Am liebsten würd’ ich die Heidkönigstochter gleich morgen wieder
+einpacken und in ihre Heide zurückschicken ... Einen Beobachter im
+Hause? Bis jetzt war nur Fräulein Bartel hier oben in meinen Räumen.
+Die merkte und sah nichts von dem, was im geheimen hier geschah.
+
+Merkte und sah es nicht, daß Marianne und mich die Sünde
+zusammenhielt, daß Marianne wie ein schöner Dämon diese Räume und den
+Herrn dieser Räume beherrschte.
+
+Aber von jetzt ab dieses fremde Menschenkind.
+
+»Wie ist sie denn?« fragte ich mechanisch, denn ich merkte, daß
+Fräulein Bartel noch vor mir stand und mich ganz verwundert,
+ordentlich erschrocken ansah.
+
+»O, ein liebes, stilles Mädel ist’s, Herr Oberförster.«
+
+»Ein liebes, stilles Mädel«, wiederholte ich ihre Worte. Weshalb
+bewegten mich diese Worte so? War das nicht ein Traum, den ich immer
+geträumt hatte? Ein liebes, stilles Mädel! ... Fort, fort ihr dummen
+Forstbubengedanken! Vorbei, für alle Zeit vorbei ... »Ist gut,
+Fräulein Bartel, gute Nacht«, sagte ich und fühlte mich auf einmal so
+müde, ach, so müde.
+
+»Wo ist denn Marianne? Was sagt ~sie~ denn dazu, ich meine, zu dem
+neuen Bewohner, hm?« fragte ich noch nebenbei, und es war mir doch die
+wichtigste Frage, die ich tat.
+
+»Ach, Marianne, Herr Oberförster, aus ~der~ kann man nicht klug
+werden. Sie war ja ganz freundlich zuerst, aber dann verschwand sie
+gleich in ihrer Stube, ohne gut’ Nacht und so wie ein Geist.«
+
+Lange blieb ich heute abend noch auf.
+
+Also in meiner Kauzburg ist eine Königstochter.
+
+Eine Heidkönigstochter. Gekommen aus einsamer, weiter Heide, wo die
+Menschen weit voneinander entfernt wohnen in ihren in der weiten Heide
+verstreut liegenden Gehöften.
+
+Nun, es ist anzunehmen, daß dieses Heidkind wenig zu merken sein wird
+und selbst ebensowenig wie Fräulein Bartel irgend etwas von dem merken
+wird, was hier in meiner Kauzburg das Licht der Sonne scheuen muß. Die
+Königstochter ist gekommen, ist da und wird wieder verschwinden. Ich
+werde gar nicht wissen, daß sie wieder von der Bildfläche verschwunden
+ist.
+
+Aus ~meiner~ Bildfläche.
+
+Was kümmern mich Königstöchter! Mögen sie Töchter wirklicher Könige
+oder nur Töchter von Heidkönigen sein! Aber es ~gibt~ gar keine
+Heidkönige, sondern nur diesen einen einzigen Heidkönig auf der ganzen
+Erde. In seiner Art ist also der Mann ~mehr~ König als all die anderen
+Könige.
+
+Am nächsten Morgen begegnete ich der Heidkönigstochter in der
+Flurhalle. Ich begrüßte sie freundlich und war gleich von ihrem
+einfachen, schlichten Wesen sehr eingenommen.
+
+Sie ist ein hübsches Mädchen, hat braunes Haar und braune Augen. Eine
+Welt von Güte und Treue strahlt aus diesen Augen.
+
+Sie würde zwischen anderen Mädchen sicher nicht auffallen. Aber allein
+besticht sie durch eine eigenartige Lieblichkeit.
+
+Sie ist wirklich eine Erika. Eine schlichte Heideblüte. Die erblüht
+ist im einsamen Heidhof auf einsamer, weiter Heide. Nun, mein liebes
+Heidekind, möchtest du, wenn du von hier wieder fortgehst, eine
+freundliche Erinnerung an die Kauzburg mit hinausnehmen in deine
+braune Heide!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Du würdest Augen machen, glühende Kauzaugen, mein schlesisches
+Waldkäuzlein, wenn du die beiden Mädchen in meiner Kauzburg sehn
+würdest.
+
+Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende,
+leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen Rätselaugen, mit
+seinem feuerflammenden Gluthaar, und neben ihr Erika, die keusche,
+treue, liebliche, schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht
+dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander stehen.
+
+Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun, ~dann~ müßten die zwei
+sich anziehen wie zwei Magnete, die im Weltall kreisen.
+
+Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub im schlesischen
+Wald. Und doch ist die schöne Forstbubenzeit im heimatlichen Wald
+so lange schon vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir
+gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide. Wie sie als
+Kind sich dort verlaufen hat und Blumen pflückte, die gepflückten
+fortwarf und wieder pflückte und gar nicht merkte, wie der Abend kam.
+So recht nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber hinlief
+als in den Heidwald. Und wieder und wieder sich dort verlief, bis
+die Hirten sie fanden. Die wurden aufmerksam durch das Geblök der
+Heidschnucken, die sie durch den Waldbusch nach Hause trieben. Die
+meldeten das Kind und blieben stehn, blökten und rupften die Blumen
+aus ihren kleinen Händen.
+
+Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert. Der Heidwald schützt
+die kleine, aufblühende Heidblume. Die nun in stiller Anmut erblüht
+ist und unterm Dache meiner Kauzburg ist.
+
+Zwei Blumen blühen in meiner Burg.
+
+Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem Duft, mit Dornen
+auch, die keiner Rose fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche,
+stille Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der einsamen Heide
+bleibt und treu ausharrend ist in ihrem stillen Blühen. Nun ist sie
+schon ein paar Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht.
+
+Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die Kauzburg. Draußen liegt
+tiefer Schnee, es ist Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön.
+
+Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen. Viel ~mehr~ noch
+als früher.
+
+Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun lebe, mit ihrer
+Leidenschaft ein!
+
+Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und schlag’ mir den Frieden
+um die Ohren.
+
+Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh und Übelkeit. Ein
+schrecklicher Gedanke kam mir. Um Gott, bloß ~das~ nicht. Das würde
+mich unrettbar an sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie
+lachte mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie meine
+Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei Dank, es ist nichts!
+— Zum erstenmal saß ich des Abends mit Erika allein an dem großen
+Tisch in meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen Schein auf
+die Tischplatte und ihr dämmeriges, dunkleres Licht ringsum auf
+die gewaltigen Hirschgeweihe, die gut geperlten Rehkronen, den
+Elchkopf mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden Wildschweinkämpfe
+urgewaltiger Rassen, und das Heidekind, das seine Heide und sein
+heimatliches, einsames Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von
+seiner Heimat, der Heide.
+
+Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie gerade die einfachsten
+Landschaftsmotive Bilder von unvergleichlicher Kraft und Schönheit
+geben können. Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner
+geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach, aus denen man
+wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht nach der Heide herausfühlte,
+erstand vor mir die Heide, die weite blühende Heide.
+
+Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun und Lila der holden
+Waldblume Erika, ich sah auf dieser einsam weiten braunvioletten
+Heide die weiße Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn,
+jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das dunkle Moor
+mit seinem grauschwellenden Polster, mit seinen silbern schimmernden
+Wollgrasbüscheln, die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die
+Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten Sonnenglühen dort
+sammeln, ich sah dies schöne, ernste, wunderbare Sonnenglühen über die
+Heide seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die Wasserflächen
+einsamer Teiche unter dem goldigen, wärmenden Glanz der Morgensonne
+aus ihrer Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume
+wie hohe Lorbeerbäume von frohem Morgenglanz durchleuchtet, am
+Horizont den dunklen Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah
+die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus dem Horizont sich heben,
+immer weiter und weiter ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die
+Sonne stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern und Glänzen und
+Zittern begann, das Nähe und Ferne in seine Märchenstimmung zieht und
+allen Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht, und nun sah ich
+den einsamen Hof, das einsame Heidehaus, das seine Heidblume Erika an
+uns hier abgegeben hatte.
+
+Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und schirmend den einsamen Heidhof.
+
+Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit seinem tiefhangenden
+Strohdach, zwei Pferdeköpfe auf den Giebelseiten scheinen den
+Fremdling begrüßen zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern, über dem
+Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer Spruch, er soll die bösen
+Geister bannen und ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus
+die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen, der Speicher,
+das Backhaus, unweit davon die Katen der Arbeiter, und als des
+Hofes Wichtigstes der Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen
+Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So ruht der Heidhof im
+Flimmern stiller, träumender Mittagsonne; die Heidschnucken sind um
+den Steinbrunnen gelagert, umschlossen das ganze Idyll von einem Wall
+von Findlingssteinen im Osten und sonst von kunstvoll geflochtenem
+Palisadenzaun.
+
+»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg.
+
+»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch und mit einem
+ungemein glücklichen, kindlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.
+
+»Mein Vater meinte, daß man fern von der Welt, auf dem einsamen
+Heidhofe am glücklichsten lebe!«
+
+»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er ~doch~ in die Welt hinaus, sogar
+in die weite Welt übers weite Meer!«
+
+»Weil er ~mußte~«, sagte sie ernst, »es ist ihm bitter schwer
+geworden, seinen Heidhof zu verlassen.«
+
+»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume Erika«, sagte ich lächelnd.
+
+»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei, während ein freundliches
+Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte.
+
+»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin, unter den
+Schutz meines Daches gegeben«, scherzte ich.
+
+»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit dem ihr eigentümlichen, so
+wundervoll melodisch klingenden Lachen.
+
+»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den Heidkönig und mich die
+Heidkönigstochter; wohl weil von alters her unsere Eltern und Ureltern
+auf diesem Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz in der
+Heide haben.«
+
+»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens ein Grafentum, ja, ja!«
+rief ich.
+
+»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert Morgen unter dem Pfluge,«
+sagte sie lachend, »alles übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland.
+Hei und Holt sin dem Buren sin Stolt!«
+
+»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern Stolz, Fräulein Erika.
+Auch wir Grünröcke sind stolz auf unser Holz!«
+
+»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie.
+
+»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein Erika. Ich muß hinaus
+in einige Holzschläge, und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den
+es gibt, in weißem Schneeglanz sehn.«
+
+»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf. Werd’ ich auch Heide,
+weite, weite Heide sehn?«
+
+»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide, wie Ihre Heimatheide
+ist, holde Heidkönigstochter. Die gibt es hier nicht; ich wünschte,
+ich könnte sie Ihnen herzaubern.«
+
+Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn zusammen und sie blickte
+auf das vor ihr liegende Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab.
+Gleich darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich und
+schelmisch in die Augen.
+
+»So werde ich denken, daß hinter dem schönen Bergwald, in dem wir im
+Schlitten fahren werden, die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß
+des Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie.
+
+»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin. Sie werden ja
+wieder zurückkehren in Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier
+bleiben, wo ich bin.«
+
+Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich das sagte, etwas
+Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie sah mich einige Sekunden ernst und
+prüfend an.
+
+»Hier ist es doch ~auch~ schön und einsam. Wenigstens können Sie doch
+so viel Einsamkeit haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann.
+
+»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«, stieß ich unwillkürlich
+hervor.
+
+Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen unschuldigen Augen, die
+schelmisch und träumerisch, lieb und gut blickten, ahnte ja nicht,
+was in mir vorging! — Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch dieses
+Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem Zauberbann, unter dem ich
+mich krümmte und wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die
+mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten.
+
+»Erzählen Sie mir doch noch von Ihrer Heide, bitte, bitte, liebe
+Heidkönigstochter, ich werde so ruhig und still dabei, wie der
+Forstbub es wurde, wenn ihm die Mutter Märchen erzählte.«
+
+Wieder traf mich ihr ruhig-ernster und prüfender Blick.
+
+»Was sind denn zum Beispiel die Lieblingsgerichte der Heideleute,
+hm?« fragte ich scherzend. Nun machte die Heidkönigstochter zwei
+Schelmenaugen.
+
+»To hungern brukt hi keen, so heißt es bei uns in der Heide!« sagte
+sie fröhlich.
+
+»Unsere Lieblingsgerichte wollen Sie wissen? Ei, so muß ich mit dem
+Buchweizenpfannkuchen beginnen. Den ißt der Heidjer am liebsten. Auch
+ich als Heidjerin. Aber auch Buchweizengrütze und Buchweizenklöße,
+dann Erbsen und Kohl wie der Hase draußen, der sich sein Teil davon
+zu holen weiß, Bratbirnen und Speck und Quetschkartoffeln mit
+Buttermilch, ja, ja, to hungern brukt hi keen!«
+
+»Weiß Gott!« rief ich laut lachend, so laut und froh wie seit langem
+nicht, »to hungern brukt dort keen!« ... »Eins haben Sie noch
+vergessen, Heidetochter, ... den Heidschnuckenbraten!«
+
+»Schnuckenbraten gibt es nur am Sonntag«, meinte sie, »und wenn eine
+Hochzeit gefeiert wird.«
+
+»Haben Sie besondere Hochzeitsbräuche in der Heide«, fragte ich.
+
+»O ja, noch den Brauch des Brautheischers«, erwiderte sie.
+
+»Wie ist denn das, Fräulein Erika?«
+
+»Nun, der Brautheischer tritt in die Diele des Brauthauses, schlägt
+mit einem langen, mit Heideblüten bekränzten Stabe an den Dössel
+des Tores und heischt feierlich dreimal die Braut, und ist sie ihm
+überliefert, so zerbricht er den Stab und wirft die Stücke in das
+flammende Feuer des Fletts.«
+
+»Des Fletts?« fragte ich.
+
+Sie sagte: »Das ist der ebenerdige Raum, in dessen Mitte die
+Feuerstelle mit Feldsteinen ummauert sich befindet. Ein wichtiger
+Platz, denn an ihm werden Knecht und Magd gedungen und gekündigt, von
+ihm aus tritt die Heidetochter den Weg an in das Haus des auserwählten
+Ehemannes.«
+
+»Wie feierlich und ernst löst sich das Kind der Heide doch vom
+Herdsitz seiner Väter!« sagte ich lächelnd.
+
+Sie sah mich verwundert an.
+
+»Es ~ist~ doch auch feierlich und ernst, wenn die Tochter den Hof der
+Eltern verläßt, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen und seine Hausfrau
+zu werden.«
+
+»Und wenn die Eltern dagegen sind? Nicht wollen, daß ihre Tochter
+seine Hausfrau wird? Fliegt dann nicht das Töchterlein manchmal dem
+Vöglein gleich heimlich ins Freie? Hinaus aus dem Herdsitz der Väter?
+Hinüber zum Heidhof des Geliebten?« scherzte ich.
+
+Ich vergaß, daß ein reines Heidekind mir gegenübersaß; vergaß, daß nie
+der Saum ihres Kleides etwas Sündhaftes berührt hatte, vergaß, ach ich
+vergaß, daß ich, ich nicht mehr den Saum ihres Kleides berühren durfte.
+
+Sie gab keine Antwort. Nur wie in schmerzlicher Trauer und Scham
+senkte sie den Kopf und blickte von mir fort, zum Fenster, durch das
+der weiße Schnee unterm Mondglanz hineinblickte.
+
+»Sei’n Sie mir nicht böse, ich ~bitte~ Sie, sei’n Sie mir nicht böse!«
+sagte ich rasch und dringend. »Sie ~dürfen~ mir nicht böse sein,
+Erika, Sie sind doch ein Schutz für mich, Sie sind doch der Frieden,
+die Ruhe für mein Herz!« Ich wußte kaum, was ich sprach. Plötzlich
+überfiel mich mit schrecklicher Wucht dieses unglückselige Verhältnis
+zu Marianne! Diesem reinen Heidekind gegenüber kam es wie eine
+förmliche Verzweiflung über mich. Immerfort schrie es in mir: »Könnte
+ich ~dir~ doch ~so~ in deine Augen schauen, wie ~du mir~ mit deinen
+reinen Heideaugen in meine Augen blickst! O könnte ich das, ach könnte
+ich das!«
+
+Da wandte sie ihren Kopf wieder zu mir hin. »Ich bin Ihnen nicht
+böse«, sagte sie so warm und herzlich, wie eine Mutter zu ihrem Kinde
+spricht. »Weshalb sind Sie denn so sehr, so furchtbar unglücklich?«
+Und ihre Augen blickten mich hell und klar wie zwei Sonnen
+durchdringend an.
+
+»Ich unglücklich? Ach, Unsinn ... ich bin ja ganz vergnügt und
+glücklich!« rief ich hastig. Sie schwieg eine Weile und schaute mich
+ruhig dabei an.
+
+»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf, »Sie sind unglücklich
+über etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber sagen Sie’s mir doch, ich
+möchte Ihnen so gerne helfen.«
+
+Vielleicht wäre ich vor sie hingekniet nach diesen Worten, vielleicht
+hätte ich meinen Kopf in ihren keuschen, unberührten Schoß gelegt,
+vielleicht hätte ich dann den Mut gefunden, ihr alles zu sagen,
+sie um Erlösung und Rettung gebeten, vielleicht hätte sie mit ihren
+Händen dann leise und lind über meine brennende Stirn gestrichen, ach
+vielleicht, vielleicht.
+
+Da ging die Tür auf. Nicht heftig und laut. Leise und wie von selbst.
+Und im Rahmen der Tür stand Marianne im langen, weißen Nachtgewand. So
+leise war sie gekommen, daß Erika einen halblauten Schrei ausstieß und
+erschrocken vom Stuhl aufsprang.
+
+Aber ich erschrak nicht. Ich kannte ja Mariannens Wesen. Ich blieb
+ruhig, ganz ruhig. Und hätte sie erwürgen können, daß sie gekommen
+war. Daß sie diese eine friedvolle Stunde für mich abkürzte.
+
+Aber als ich sie so stehn sah, als ich ihr lilienweißes Gesicht mit
+den dunklen, nachtschwarzen, gierigen Augen, mit den blutroten,
+vollen Lippen, als ich die Funken, die der Mondstrahl über ihr rotes
+Haargewoge verstreute, schaute, da war ich wieder in ihrem Banne. Da
+kam wieder diese Gier nach ihr langsam wie eine Schlange über mich
+gekrochen. Sie stand noch immer schweigend in der Tür und sah mit
+einem lauernden, gespannten Blick auf Erika.
+
+Ohne ein Wort der Erwiderung drehte sie sich um und war ebenso leise
+und lautlos, wie sie gekommen war, verschwunden.
+
+Ich beruhigte zunächst das Heidekind und suchte ihr auszureden, daß
+in Mariannens Wesen irgend etwas Besonderes gelegen hätte.
+
+Erika ließ mich ruhig sprechen und sah still vor sich hin. Ob sie
+gemerkt hat, daß ich mit Marianne anders stehe, als ich sollte?
+
+Ich nahm mir vor, mit Marianne ernstlich zu sprechen. Erika ~darf~
+nichts ahnen, nichts merken. Dieses unschuldige, treue, stille und
+fröhliche Heidekind.
+
+»Du willst sie mitnehmen in den Wald?« sagte Marianne, als sie am
+nächsten Morgen zu mir in die Stube kam.
+
+»Ja, ich will sie mitnehmen. Warum auch ~nicht~, Marianne? Diese
+Heidkönigstochter bringt mir den freien Atem der Heide ins Haus, sie
+bringt mir Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens, denn ihr ganzes
+Wesen ist Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens.«
+
+Spöttisch kräuselten sich ihre roten Lippen.
+
+»Du willst frei sein? Wohl von ~mir~?« fragte sie langsam, während in
+ihren dunklen Augen jenes rätselhafte, dämonische Funkeln trat, das
+ich ... ja, das ich ... fürchtete.
+
+»Frei sein? Von dir, Marianne?« wiederholte ich mechanisch.
+
+Ich lachte bitter auf.
+
+»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie.
+
+»Ja, ja, ja, Marianne, ich liebe dich noch immer!« rief ich, »aber
+deine Liebe ist das Gift meines Lebens.«
+
+Ein merkwürdiger Ausdruck trat in ihre Augen. »Gift«, wiederholte sie
+leise, kaum hörbar.
+
+»Gift tötet, nicht wahr?«
+
+»Was fragst du sonderbar, Mädchen! Ja, Gift tötet!«
+
+»So werde ich dich also töten, langsam töten, und du wirst niemals
+jener anderen gehören, die in dein Haus gekommen ist, und die dich ...«
+
+»Nun, Marianne, die mich ...?« fragte ich, als sie schwieg.
+
+»Ach nichts!« fuhr sie auf. »Nimm sie nicht mit in den Wald, ich
+duld’s nicht!«
+
+»Und doch werde ich sie mitnehmen!« schrie ich sie an, »soll ich wie
+ein Knecht dir gehorchen?«
+
+»Es ist gut, nimm sie mit«, erwiderte sie ruhig. »Nein, nein!«
+jammerte sie dann plötzlich auf, »mein sollst du bleiben, mein!«
+
+Und sie warf sich an mich, umschlang mich fest, daß mir fast der Atem
+verging, und brach in ein ungestümes Weinen aus.
+
+»So beruhige dich doch, Marianne, denke doch, wenn jemand kommt.« Im
+selben Augenblick war mir’s, als ob ich im Spiegel die Tür sich öffnen
+und Erika in ihrem Rahmen stehn sähe.
+
+Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Sekundenschnell war diese
+Täuschung gewesen. Mein Himmel, bin ich denn schon so weit, daß ich
+Halluzinationen habe?
+
+Marianne beruhigte sich schließlich.
+
+Man merkte ihr nichts an, als Erika hereinkam, freundlich und gütig
+und sanft wie immer.
+
+Mir kam’s aber vor, als läge ein eigentümlich trauriger Ausdruck in
+den lieben, stillen Zügen des Heidekindes.
+
+»Adieu, Marianne«, sagte sie und reichte ihr die Hand. »Ich freue
+mich, daß ich einmal in den Wald komme, ich bin doch ein Waldkind. Nur
+dieses eine Mal möchte ich mitfahren, darf ich?«
+
+Ganz leise sagte sie die beiden letzten Worte, aber ich hatte sie doch
+verstanden.
+
+Marianne stand und blickte sie an. Und als sich ihr Erika entgegenbog,
+hielten sich die beiden Mädchen plötzlich umschlungen. Ich tat, als
+hätte ich nichts gesehn. Was mögen sich diese vier Mädchenaugen dort
+gesagt haben?
+
+Marianne, Marianne, ich traue dir nicht. Meinst du’s ehrlich mit
+der lieben Heidkönigstochter? In ihrer Seele liegen keine Abgründe,
+keine Tiefen wie in deiner Seele. Das Kind der Heide ist treu und
+gut und hat den Glauben an die Menschen. Soll ich sie warnen vor den
+Menschen? In der einsamen Heide lernt man die Menschen nicht kennen.
+Die Heidemenschen sind nicht gleich uns. Anders geartet sind sie. Sie
+wohnen weit voneinander auf großer Fläche. Einer nimmt dem andern
+nicht sein Brot, nichts nimmt er ihm von Luft und Sonnenschein.
+
+Nichts von Liebe. Denn wenn das Heidekind liebt, dann liebt es
+in Zucht und Ehren. Es liebt treu und innig, fest und still. Das
+Heidekind weiß nichts von unzüchtiger Liebe und Leidenschaft, will
+nichts davon wissen. Nichts ahnt es von dem Bösen, das in Menschen der
+Leidenschaft und der unzüchtigen Liebe steckt.
+
+Heidkönigstochter, ob ich dich warne vor der anderen? Du bist in
+deiner Heide aufgewachsen wie Erika, die Heideblume selbst. In
+Frieden und in Zucht des väterlichen Heidhofes, die Linden am Tore
+haben dich als Kind beschirmt und dir die hold duftenden Lindenblüten
+auf den Schoß geschüttet, aus der Heide kam zu dir der Duft der
+Heideblumen, der Duft der gelben Lupine, in der die summenden Bienen
+schwelgen, und wenn du vors Tor liefst auf die Heide hinaus, dann
+sahen deine Kinderaugen nichts als Blumen, violette und gelbe, auch
+rote dazwischen und weiße, sahen über dem Feld all der Blumen den
+Himmel mit seinem flimmernden Glanz, die Sonne mit ihren goldigen
+Strahlen, sonst einsam, einsam, einsam ringsum. Kein Laut sonst als
+das Bienensummen, als der Wachtelschlag, Lerchengetriller und Zirpen
+der Grillen.
+
+Ja, liebes Heidekind, jetzt bist du unter die Menschen gekommen. Kaum
+kamst du unter sie, so kroch die Sünde an den Saum deines Kleides,
+deine reinen Heideaugen haben vielleicht heute, vorhin zum erstenmal
+etwas von der Sünde gesehn.
+
+Armes Kind der Heide.
+
+Ich sagte früher »armes Kind der Straße«.
+
+Mein Heidekind, ich glaube, das Straßenkind ist ärmer als du. —
+
+Mein Heidekind, ich fühle mich schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch.
+Und wir Menschen sind schwach. Wirst du mir einst, wenn klar vor dir
+die Sünde dieses Hauses stehn wird, verzeihn? Oder wirst du den Saum
+deines Kleides an dich raffen und dich fortwenden von mir und von ihr?
+
+Es ward heute eine stille Waldfahrt.
+
+Im tiefen Schnee lag noch der Wald. Und doch ging es wie ein fernes
+Frühlingsahnen durch die verschneiten Zweige. Eine wärmere Luft schien
+schüchtern anzufragen: »Wann darf ich kommen, du kalter Schneemann,
+sag’ ~an~?«
+
+Diese Frage der wie ein Hauch uns umschmeichelnden Frühlingsluft
+machte Erika und mich still. Fast den ganzen herrlich-schönen Weg
+im Schlitten durch den im Schnee ruhenden, prächtigen Wald, den
+neckend die leise fragende Frühlingsluft umspülte, saßen wir still
+nebeneinander. Ich fühlte aber oft zwei heimlich und traurig mich
+anblickende Augen. Erikas, des Heidekinds Augen.
+
+Tat ich ihr leid? Ahnte sie vielleicht ein Stückchen von der ganzen
+schweren Wahrheit? Hatte sich ein Zipfel des drückenden, wie schwerer
+Nebel auf mir lastenden Tuches vor ihr gelüftet? — Unsinn! — Fräulein
+Bartel ist von Anfang an, von dem Tage an, an dem mir das Schicksal,
+dieses unergründliche, blindwaltend grausame Schicksal, Marianne ins
+Haus brachte, in meiner Kauzburg gewesen und merkt noch heute nichts.
+Niemand hat es gemerkt.
+
+Und dieses harmlose Heidekind sollte nach kurzer Zeit etwas ahnen?
+Unmöglich! Auch wenn sie wirklich Marianne vorhin weinend und neben
+mir stehend gesehn hätte. Nur die Liebe macht scharfsehend und
+vorausahnend. Ich fuhr zusammen.
+
+»Tor!« lachte ich bitter in mich hinein, während ich das reine,
+kindliche Profil der neben mir Sitzenden musterte. »Mich Erika
+lieben!« Scheiden tut sich Rein und Unrein wie auf Messers Schneide.
+
+Einen Mann könnte sie lieben, der gleich ihr in einsamer Heide vom
+Kind zum Knaben, vom Knaben zum Manne erwuchs. Gleich ihr, unberührt
+und keusch wie die Heide, fern von der argen Welt. Solchen Mann der
+jungfräulichen Heide darf das jungfräuliche Weib der Heide fordern. Zu
+solchem Manne fühlt sich solches Weib hingezogen. Ich krampfte meine
+Hände in das harte, kalte Leder der Leinen, mit denen ich den Gaul
+lenkte, zusammen.
+
+War’s nicht lächerlich, war’s nicht wie ein Wahnwitz, daß ich mir
+trotz allem oft so unschuldig vorkam wie solcher Knabe der Heide?
+Als ob alles gar nicht wahr, gar nicht Wirklichkeit sei? Bloß wenn
+die Leidenschaft kam in Gestalt jenes zauberschönen, glühenden,
+rothaarigen Mädchens, brach alles zusammen, mein ganzer Traum von
+einem unschuldigen Mann der Heide, der seine Hände ausstrecken darf
+nach dem unschuldigen Mädchen der Heide.
+
+»Weiche von mir! Weiche von mir! ... Nein, bleib, bleib, bleibe! Deine
+Haare sprühen wie rote Feuersglut, dein weißer Leib macht trunken.
+Der Seele Seligkeit geht verlustig, wer diesen Leib mit seinen Armen
+umschlingt. Weiche von mir, weiche von mir! Nein: bleib, bleib, bleib.«
+
+[Illustration]
+
+Nun taute es wirklich und wollte Frühling werden.
+
+In meiner Kauzburg ist’s wie Frühling. Ich habe ja den holdesten
+Frühling im Hause. Ist nicht des Heidkönigs Tochter unter meinem
+Dache? Ist des Heidkönigs Tochter nicht wie die Frühlingsbraut?
+Strahlt aus ihren Augen nicht das freundliche Winken des Frühlings.
+Dieses freundliche und doch so rührend keusche, fast schüchtern
+fragende Winken?
+
+Dieses freundliche, schüchterne und mit ein wenig versonnener, ernster
+Schwermut fragende Winken? Die Versonnenheit der weiten Heide ist’s,
+die innen wohnende, mit dem inneren Frohsinn gepaarte Schwermut all
+der Kinder einer weiten, weiten, einsamen Heide.
+
+Ja, Erika, ich kann es niederschreiben. Aus meinem Herzen heraus
+könnte ich es dir sagen: du hast der Kauzburg den Sonnenschein
+zurückgegeben.
+
+Wenigstens dem Kauz in der Kauzburg. Und ich bin doch der Kauzherr der
+Kauzburg.
+
+Dein reines, keusches Wesen hat diesen Räumen ihre Reinheit und
+Keuschheit eingehaucht. Ich bin durch dich gefeit gegen die wie
+Sturmtoben über mich hereinbrechende Leidenschaft zu den roten,
+wogenden wie Feuerschlangen mich umstrickenden Haaren der Hexe.
+
+Nein, nein, nicht die Hexe. Sie bleibt für mich das arme Kind der
+Straße. Ich will für sie sorgen und über sie wachen mein Leben lang.
+Nur »lieben«, nur »sie verlangen« ... vorbei, vorbei! —
+
+Ich bin ~frei~! Frei von den Banden, die mich umschlossen! Ich
+widerstehe Mariannen! Ich ~kann~ ihr widerstehn! Mir ist, als sei ich
+neu geboren. Sie ~war~ mein; jetzt soll sie mir fürderhin nur noch das
+arme Kind der Straße sein und bleiben, für das ich immer sorgen werde.
+Ich will sie schützen und will ihr treu sorgend zur Seite stehn. Wie
+ein Bruder seiner Schwester.
+
+Als ich ihr’s kürzlich sagte, sah sie mich lange durchdringend und
+spöttisch an.
+
+»Du liebst mich nicht mehr, ich weiß es«, sagte sie dann.
+»Meinetwegen, du liebst das fremde Mädchen aus der Heide. Aber du bist
+unfreier denn je.«
+
+»Marianne!« rief ich.
+
+»Still, lüge nicht, kein Wort sprich!« zischte sie mich an. Und ehe
+ich etwas erwidern konnte, war sie zur Tür hinaus.
+
+[Illustration]
+
+Nun ist es schon seit Wochen so still. Fast ohne ein Wort zu sprechen,
+schleicht Marianne im Hause umher. »Sie fühlt sich krank«, sagte
+Fräulein Bartel zu mir, »am besten ist es, man läßt sie gewähren, so
+findet sie sich am ehesten wieder zu sich selbst zurück.«
+
+Sie ist allein in ihrer Stube, und wenn sie sich zeigt, ist sie stets
+in ihren großen, weiten Mantel gehüllt; sie friert, und der Frühling
+naht. —
+
+Mit Erika spricht sie kein Wort. Und doch trägt ihr Erika das Essen
+aufs Zimmer, wenn Marianne nicht aufstehn will, und doch ist sie stets
+und immer so rührend freundlich zu ihr.
+
+Das Kind der Heide ist zu jedermann gleichmäßig freundlich und gütig.
+Auch zu mir. Aber ich merke es, ach ich fühle es, sie ist anders
+zu mir, als sie früher war. Scheu hat sie vor mir. Gewiß, es ist
+nicht anders: sie weiß um unser sündiges Verhältnis, das wir gehabt
+haben, oder sie ahnt es. Sie hat Erbarmen mit Marianne, — ich fühl’s:
+Erbarmen auch mit mir! Ich bin viel weniger an dieser Sünde schuld als
+Marianne. Was nutzt das alles? Ich bin der Mann, und dem Manne rechnet
+man’s stets viel mehr als Vergehen an. Er ist der stärkere Teil. Den
+schwächeren Teil soll der Stärkere schonen.
+
+Schonen! Schonen! Wenn das Weib lockt mit all seiner Zaubermacht, wenn
+es sündigen ~will~ mit dem, der schonen soll! Ja, ja, der Frühling ist
+da! Was war ich vor kurzem noch frühlingsfroh und frühlingsfreudig!
+
+Fort, fort damit! Was soll mir der Frühling. Freut sich der Falke des
+Frühlings, wenn er an seinen Fängen gefesselt ist?
+
+[Illustration]
+
+Ich sitze in meiner Stube und schreibe. Draußen ist wunderschöner
+milder Frühlingsabend und Vollmondschein. Alle Zugvögel sind wieder
+bei uns. Manche, zum Beispiel die Schnepfe, sind schon weiter nach
+Norden gezogen. Es grünt und blüht schon mächtig um die Kauzburg.
+Sie fängt an, das verzauberte Dornröschenschloß zu werden, wie im
+vorigen Jahr. Und die Nachtigall singt. Weich, feucht, dunstig und
+voller Duft ist die Luft. Ein schweres, weiches Atmen der neues
+Leben hervorbringenden Natur. Die feuchte, weiche, schwere, duftende
+Frühlingsluft zieht ins Fenster hinein. Zu mir in die Stube, an meinen
+Schreibtisch, vor dem ich sitze. Sie legt sich feucht und weich und
+schwer auf meine Brust, über meine Stirn und macht mich müde und
+traurig.
+
+Vollmond ist heute. Ich muß an Marianne denken. Welchen Einfluß hat
+doch stets der Mond auf sie! Dadurch, daß wir heimlich ihre Tür
+verschließen, haben wir ihr den Weg für die nächtlichen Wanderungen im
+Schein des Vollmondes verlegt. Ist sie vielleicht deshalb krank? Wie
+hell erstrahlt heute doch der Vollmond zur Erde herab! Mondwechsel!
+Das letzte Strahlen ist stets das schönste und hellste.
+
+Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen haben, Mariannens Tür
+zu verschließen? Ich hör’ doch ein Schleichen, ein leises, gieriges
+Lachen? Ein tiefes, tiefes Aufseufzen?
+
+Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür! Da ist sie ja, ... es
+ist Marianne .... Zu mir herein tritt sie ... gespenstisch, und weiß
+leuchtet ihre Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes Tuch
+geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr schönes goldrotes
+Haar. Sie spricht vor sich hin ... leise, ganz leise, und singend:
+
+... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den
+gleißenden Mondschein, dort tanzen wir, dort sind wir allein« ...
+
+Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr armer Geist gelitten,
+was singt sie denn für ein tolles, irres Zeug?
+
+»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht zu erschrecken.
+
+Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr. Schlingt beide Arme um
+die im Schlaf Wandelnde und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen
+Stimme: »Marianne!«
+
+Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht sie, wo sie ist.
+Einen schrillen Schrei tut sie und stiert mich an. Stiert Erika an;
+stößt sie von sich und lehnt sich dann aufstöhnend an den Türpfosten
+an.
+
+Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor.
+
+Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und nun steht sie neben
+ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte sie etwas Schreckliches,
+Unglaubliches gefühlt, im Arme gehabt.
+
+Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie zurückführen in ihr
+Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen und sagt zu mir: »Bleiben Sie,
+rühren Sie sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne,
+ich soll dir helfen, ich allein?«
+
+Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum läßt sie sich von
+Erika fortführen, schwer stützt sie sich auf die zarte Gestalt des
+Heidekindes. —
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Habe ich das alles gestern abend geträumt? Heute, wo die helle
+Morgensonne freundlich über der Kauzburg liegt, glaube ich, daß ich
+wirklich gestern um Mitternacht das alles geträumt habe. Geträumt,
+daß Marianne plötzlich so geisterhaft vor mir im Vollmondschein
+stand, daß Erika, das schlichte Heidekind, ebenso plötzlich neben
+der Schlafwandlerin auftauchte, geträumt von dem irren Sprechen, dem
+merkwürdigen Singen Mariannens, — was sprach sie doch so singend vor
+sich hin? »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf
+in den gleißenden Mondschein dort tanzen wir, dort sind wir allein?«
+... Geträumt von dem schrillen Schrei, von Erikas Entsetzen, ach, nur
+geträumt von allem ...!
+
+Aber noch sehe ich, jetzt im hellen Morgenlicht sehe ich es noch so
+deutlich vor mir, wie sich Marianne so schwer, so schwer, als trüge
+sie schwere, bitterschwere Last, auf Erika, das Heidekind stützte ...!
+
+Ich danke dem Geschick, das mir dieses Heidekind ins Haus führte.
+
+Ihre bloße Gegenwart, der Gedanke schon, daß sie unter einem Dache
+mit mir ist, beruhigt mich. Unruhe, viel Unruhe berge ich in
+meinem Innern. Die Reue ist’s, ja, es ist die quälende Reue, daß
+ich Mariannens Lockungen nicht widerstanden habe. Oh, könnte ich
+ungeschehen machen, was geschehen ist. All diese nächtlichen Stunden
+wahnsinniger Leidenschaft. Nie wäre es geschehn, was geschah, wäre
+diese liebe Heidblume schon gleich in mein Haus gekommen.
+
+Und doch! ... Nein, nein ... ich will nicht feige sein! Ich will mich
+nicht hinter Ausflüchten verstecken. Auch ~ich~ hatte Schuld. Ich
+mußte widerstehn, ~mußte~ stark sein, stark bleiben. Und nun danke
+ich dir, Gott, den ich überall in der Natur um mich sehe, ich danke
+dir, daß aus der Sünde kein neues Leben entkeimte. Daß ich mich lösen
+konnte von Marianne und sie nun Schwester nennen werde. Wie für eine
+Schwester werde ich für sie sorgen fortan.
+
+Es klopft? ... Wer wird es sein so früh? ... »Herein! ... Ach, Erika,
+... wie geht es Mariannen?«
+
+»Sie ist nicht hier?« sagte Erika und blickte sich suchend um.
+
+»Nein, hier ist sie nicht. War’s denn gestern wirklich kein Traum,
+Erika? Marianne gestern zur Nachtstunde dort, wo Sie stehn?«
+
+»Lassen Sie, lassen Sie« ... unterbrach sie mich.
+
+»Ich muß Mariannen suchen ... Gott im Himmel, sie schlief so fest,
+drum ließ ich sie allein ... und nun suche ich sie schon überall und
+finde sie nicht ... und ... und ... sie darf nicht fort ... sie ist
+... ja, sie ist krank ...«
+
+»Ich suche mit Ihnen, Erika!« Und schon war ich neben ihr im Flur
+draußen.
+
+»So beruhigen Sie sich doch, Erika,« rede ich auf sie ein, »wo soll
+sie denn sein? Bei Fräulein Bartel vielleicht, oder unten im Garten
+oder schon wieder in ihrer Stube ...«
+
+»Nein, nein, nein!« jammert Erika auf und schlägt ihre Hände vors
+Gesicht.
+
+»O, warum ließ ich sie allein, warum ließ ich sie allein.«
+
+[Illustration]
+
+Es ist Abend. Wir haben sie nicht gefunden. Schwerer, ganz
+dichter, schwerer Frühlingsregen fällt, und immer stärker wird der
+Frühlingswind. Überall haben wir sie gesucht.
+
+Im unterirdischen Gang bin ich mit Erika bis zu dem stillen,
+heimlichen Tal gekrochen. Dort, auch dort war sie nicht. Als ich den
+tiefen Waldteich sah, auf dessen stille Fläche der Frühlingsregen in
+schweren Tropfen aufschlug, faßte ich Erika krampfhaft bei der Hand.
+Sie las das Entsetzen, das in meinen Augen stand. Da sagte das liebe
+Heidekind: »Nein, ~das~ hat sie nicht getan, ich weiß, daß sie das
+nicht tut, ich weiß, ~warum~ sie das nicht tun wird ..., sie hat sich
+~nicht~ das Leben genommen, glauben Sie’s mir und ... und ... fassen
+Sie Mut ... Nicht dieses Entsetzen in den Augen.«
+
+»Warum, Erika, sagen Sie, ~warum~ glauben Sie, daß sich Marianne nicht
+das Leben genommen hat?«
+
+»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, flüsterte sie und sah zur Erde.
+
+»Aber wir müssen sie finden, sie kann in ihrem Zustande ja nicht fort,
+sie muß in Pflege kommen, bald, bald in treue Hut und Pflege ...«
+
+»Ja, bald, bald, denn sie ist krank,« rief ich; »ach Marianne, hätten
+wir dich erst wieder!«
+
+[Illustration]
+
+Der Frühlingssturm braust stärker und stärker.
+
+Wie sich die Bäume biegen! Wie sie geschüttelt und gerüttelt werden!
+Aber das junge Frühlingslaub hält fest. Es ist kein Laub des Herbstes.
+Nein, nein, heut hast du keine Macht!
+
+Das junge Leben kann dir widerstehn! Das junge Leben! Überall junges,
+werdendes Leben in der Natur. Was weiß solches junges Leben von den
+Stürmen des Herbstes! Was weiß junges Leben überhaupt vom Leben! Wie
+schwer das Leben ist.
+
+Es ist gut, daß junges Leben nichts weiß von der Schwernis des Lebens.
+
+Des Lebens Schwernis kommt von selbst. Man braucht sie nicht zu rufen.
+
+Herein tritt sie wie jemand, der ein Recht hat, einzutreten. Sie läßt
+sich bei uns nieder und bleibt an unserem Tische. Sie schleicht sich
+bis aufs Ruhelager und schläft mit uns und wacht mit uns wieder auf.
+
+Ach, bei manchem jungen Leben steht diese Lebensschwernis schon am
+Bett, kaum daß dies junge, neue Leben den ersten Lichtstrahl dieser
+Erde in sich aufnahm.
+
+Draußen treibt der Frühlingssturm, der Regen gießt wie in Schleusen
+herab, — wo bist du, Marianne, um des Himmels willen, wo ~bist~ du!?
+
+Ich sprang auf. Ich darf nicht hier sitzen und dem Sturmwind lauschen,
+suchen muß ich sie wieder, suchen, bis ich sie gefunden habe!
+
+Da stand plötzlich Erika vor mir. Sie war in einen Umhang gehüllt. Von
+ihr tropfte des Regens Nässe. Ganz bleich stand sie vor mir. »Erika!«
+rief ich und sprang auf.
+
+»Kommen Sie, kommen Sie!« keuchte sie atemlos. »Sie müssen gleich,
+gleich, gleich mit mir kommen ... zu Marianne!«
+
+»Zu ~Marianne~? Sie haben sie gefunden? Sie wissen, wo sie ist?«
+
+»Kommen Sie!« stieß sie hervor.
+
+»Marianne will Sie sehn, Sie müssen Marianne sehn, ehe ... ehe ...«
+
+Ein Schluchzen erschütterte sie.
+
+»Marianne stirbt, nicht wahr, sie stirbt?« rief ich und taumelte nach
+der Tür. —
+
+Sie nickte bloß und schrie laut auf vor Schmerz. Schon stand ich
+unten mit ihr in dem tobenden Frühlingssturm. Ach, der Regen strömte
+in Güssen herab, aber alles ringsum atmete den Frühling aus. Die vom
+Sturm bewegte Luft war weich und frühlingswarm.
+
+»Kommen Sie!« sagte Erika und faßte mich an der Hand.
+
+»Ich führe Sie, Sie gehn ja wie ein Trunkener, Sie armer Mensch.«
+
+Ich stolperte hinter ihr her. Kein Mensch war auf den engen Gassen des
+Städtchens. Der strömende Regen hatte die ganze kleine Krämerwelt in
+die Stuben gebannt.
+
+Wohin führte mich Erika? Endlich standen wir vor einer Pforte still.
+Einer Pforte in einer hohen Mauer. Ich strich mir den Regen aus dem
+Gesicht und blickte mich um.
+
+»Das ist ja das katholische Kloster«, sagte ich wie im Traum.
+
+Erika pochte dreimal an die Pforte. Ein Schlüssel knarrte, und die
+Pforte wurde geöffnet. Eine Schwester stand vor uns. »Lebt sie?« stieß
+Erika hervor. »Ja, sie lebt, kommen Sie, ich führe Sie hinauf.«
+
+Wir gingen über den Klosterhof, bis zu dem hinein dieser heftige
+Frühlingssturm nicht drang. Der Regen schlug klatschend auf den
+steingepflasterten Hof; süße Düfte drangen vom Klostergarten hierher,
+ganz fern hörte ich eine Nachtigall pfeifen. Sie wollte singen trotz
+des Sturmes, weil’s doch Frühling war.
+
+Ich hätte weinen können, so war mir zumute. Viele Treppen stiegen
+wir hinan, durch die stillen, schmalen Klostergänge folgten wir
+der Schwester. Ein paar Schwestern in ihrer schwarzen Nonnentracht
+begegneten wir. Sie huschten an uns vorbei und sagten leise: »Gelobt
+sei Jesus Christus!«
+
+»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte auch ich, ich, der ich im grünen
+Walde draußen meinem Gott am nächsten stehe! Aber dieser tiefe Frieden
+in diesen Klostermauern erschütterte mein Herz. Vor einer Tür blieben
+wir stehn.
+
+»Hier liegt sie, aber bitte, seien Sie ruhig, leise und gefaßt«, sagte
+die Schwester bittend und drückte auf die Türklinke.
+
+Ja, da lag sie in blütenweißen Linnen des Bettes. Über die Weiße des
+Bettzeuges fluteten ihre rotgoldenen Haare, die mein Entzücken und
+meine Pein gewesen waren.
+
+Tief und groß und strahlend sahen mich ihre Augen an, sofort, als ich
+ins Zimmer trat, nein, als ich noch in der Tür stand.
+
+Wie? Das sollte eine Sterbende sein? Waren in ihrem lilienweißen
+Gesicht die Wangen nicht von sanfter Rötung? Die Lippen, die sich
+so oft in glühender, verzehrender Leidenschaft an die meinen
+gepreßt hatten, nicht rot wie die Kirschen? Die Arme, die sie mir
+entgegenstreckte, nicht von derselben köstlichen Rundung, wie einst,
+da sie noch mein gewesen war?
+
+»Du kommst, Du bist gekommen und hast mir verziehn«, sagte sie leise
+zu mir, so leise, daß es kaum bis zu mir hindrang. Ja, an dieser
+Stimme erkannte ich, daß sie krank, sterbenskrank war.
+
+»Marianne«, sprach ich, trat neben das Bett und wollte mich auf die
+Knie niederlassen zu ihr. Da erklang plötzlich in dem kleinen, matt
+erhellten Raum ein Wimmern, ein Weinen. Ich fuhr zusammen und horchte.
+Wie ein Entsetzen durchfuhr’s mich. »Was, was ist das?« fragte ich
+fassungslos. »Ein Kind, ein eben geborenes Kind hier bei der Kranken?«
+
+Erikas Hand legte sich ruhig, aber mit festem Druck auf meinen Arm.
+
+»Fassung und Ruhe,« raunte sie mir zu, »vergessen Sie nicht, daß Sie
+eine Sterbende vor sich haben.«
+
+»Mein Kind,« flüsterte Marianne, während ein unendlich glücklicher und
+trauriger Ausdruck ihre Züge überhauchte, »mein und dein Kind«, setzte
+sie verzagt hinzu und sah mich ängstlich an.
+
+»Marianne!« schrie ich, nein, wollte ich aufschreien, hätte ich
+geschrien, wenn sich nicht rasch Erikas Hand auf meinen Mund gelegt
+hätte.
+
+»Fassung und Ruhe«, sagte sie ernst zu mir. Ich stürzte vor dem Bette
+auf die Knie, Mariannens eine Hand streckte sich mir entgegen, die
+andere Hand legte sie mir auf mein Haar, und ich, ich verbarg mein
+Gesicht in ihrer Hand und stöhnte tief, tief auf.
+
+Also ~das~ war’s! Das war ihre Flucht, ~das~ war ihr Verborgensein,
+das war’s, was ihr das Leben nun nahm.
+
+»Marianne, Marianne«, ich konnte nichts anderes, als immer nur ihren
+Namen sagen. Und das Kindchen, ~mein~ Kind und ~ihr~ Kind, weinte
+kläglich, wie ein Häslein, das der Fuchs gepackt hat. Erika beugte
+sich zu der Wiege und nahm das Bündchen neues Leben in ihre Arme: Da
+beruhigte sich das Geschöpflein und schlief ein.
+
+»Die dort soll seine Mutter sein, sie hat es mir bei Gott geschworen,
+sie wird ihr Wort doch halten?« sagte Marianne, auf Erika zeigend, zu
+mir, und blickte mich forschend an.
+
+»Ich schwöre es hier vor dir und vor dem Vater dieses Kindes noch
+einmal, bei Gott im Himmel, der in das Herz von uns sieht: Ich will
+diesem Kinde eine Mutter sein, eine treue Beschützerin, darüber
+kannst du ruhig sein und ruhig schlafen, Marianne«, sagte Erika mit
+erstickter und doch mit einer so treuen, klaren Stimme, daß ein
+Schimmer des Glücks über Mariannens Gesicht glitt.
+
+Und jetzt wandte die Sterbende den Kopf mir zu. Sie sagte nichts, aber
+ihre tiefen, schönen Augen, in die der kommende Tröster Tod schon den
+schönen Glanz ewiger Ruhe gedrückt hatte, taten stumm und doch so
+sprechend eine Frage an mich.
+
+Ich war so erschüttert, daß ich erst gar nicht sprechen konnte.
+Erika legte mein Kind in meinen Arm. Ich küßte das liebe, schlafende
+Gesichtlein und sagte, während die Tränen mir aus den Augen stürzten,
+zu der mich forschend und mit dem Ernst des Todes anblickenden
+Marianne: »Ich erkläre dieses Kind für mein Kind; und damit es in den
+Augen der Menschen als ein ehrliches Kind gilt, und nie die Schmach
+und den Fluch fühlt, die man außerehelich geborenen Kindern zur
+Schande der ganzen Menschheit entgegenbringt, werde ich dieses Kind
+adoptieren und ihm meinen Namen geben. Ich leiste darauf vor der
+Mutter dieses Kindes, vor dir, Marianne, und vor Erika den Eid der
+über uns waltenden unsichtbaren Gottheit.«
+
+Tief atmete Marianne auf. Sie lehnte sich in die Kissen zurück, und
+ein unendlich glücklicher Ausdruck verklärte ihr Gesicht. »Sie will
+schlafen«, sagte ich leise. Die Schwester war hereingekommen, beugte
+sich über das Bett und betete halblaut. Und während sie mit ihrer
+linken Hand der Schlafenden die Kissen ordnete, tauchte sie die Finger
+der rechten Hand in das an der Wand hängende, mit Weihwasser gefüllte
+kleine Becken, über dem der gekreuzigte Christus hing, und bespritzte
+das Gesicht der Schlafenden mit dem geweihten Wasser.
+
+»Daß sie sich nicht erschrickt und aufwacht«, bat ich leise.
+
+Da richtete sich die Schwester auf, wandte sich mir zu und antwortete
+mit ihrer sanften Stimme: »Sie schläft und wird erst aufwachen im
+Himmel oben.«
+
+Und nun sah ich Mariannens Gesicht. Ich sah, daß sie tot war. Sie
+lächelte noch immer unendlich glücklich, aber das Lächeln war wie in
+weißen Marmor gegraben.
+
+Marianne, Marianne!
+
+Man ließ mich neben ihr niederknien. Kein Wort wurde gesprochen.
+Lange, lange sah ich mir ihr holdes Gesicht an. Wie sanft, wie
+friedlich, wie von innerem Glück verklärt sah es aus. Nichts mehr von
+der dämonischen Leidenschaft war in diesen engelsreinen, schönen Zügen.
+
+O, Raffael Sanzio von Urbino, du gottbegnadeter Maler der holden
+Madonna della Sedia und der von St. Sixto, lebtest du noch,
+herbeirufen würde ich dich in diese Klosterkammer, und du fändest die
+schönste Madonna, die du malen könntest zur ewigen Unsterblichkeit
+auf Erden. Und du, edler Tiziano Vecellio aus dem kleinen verborgenen
+Pieve di Cadore, der du in unerreichter Schöne das goldenbraun
+gefärbte Haar der alten Römerinnen auf die Leinwand zaubern konntest,
+hier würdest du goldleuchtendes, niemals von Farbe berührtes Haar
+zu sehn bekommen, das dich, den Maler schönen Weiberhaares, in
+begeisterndes Entzücken versetzte. »Wir wollen sie nun schlafen lassen
+und sie nicht stören in ihrem ewigen Schlaf«, sagte die Nonne leise
+und legte über das Gesicht der Toten ein weißes Tuch.
+
+Schwer erhob ich mich. Verstört blickte ich mich um.
+
+»Und das Kind?« brachte ich endlich heraus.
+
+»Für das sorgen wir«, sagte die Schwester.
+
+Ich trat zu der Wiege hin. »Es ist ein Mädchen?« fragte ich. Erika
+nickte.
+
+»Ach, du liebes Geschöpfchen, du wirst nie deine Mutter sehn. Um dir
+das Leben zu geben, hat sie ihr Leben hingegeben. War’s nicht besser,
+sie nahm dich mit in diese schöne, lächelnde Ruhe? Dich und auch mich
+zugleich? Nun muß ich es tragen, daß mein Kind der Mutter meines
+Kindes das Leben nahm. Und ich, ich bin an all dem schuld.«
+
+»Kommen Sie«, bat Erika, die inzwischen alles leise mit den Schwestern
+besprochen hatte.
+
+Ich folgte ihr wieder durch die vielen Gänge des Klosters nach, bis
+wir an die Pforte kamen. Lautlos trat eine Schwester vor und schloß
+die Pforte auf, sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, und draußen auf
+der Straße stand ich mit Erika in der Frühlingsnacht.
+
+Der vordem so starke Sturm hatte sich zu einem fast schwach zu
+nennenden Winde gemildert.
+
+Der Himmel hatte sich aufgeklärt, man sah die Sterne flimmern. Aus
+jedem Garten, an dem wir vorüberkamen, klang der weiche, schöne Gesang
+einer Nachtigall, drang der aromatische Duft von Flieder und Jasmin.
+
+Fast betäubend in meinem Burggarten.
+
+Wir hatten unterwegs kein Wort zusammen gesprochen. Hier in dem
+Burggarten, wo ich schon so oft mit so viel Freude, mit so viel Leid
+gewesen war, blieb ich stehn.
+
+Der ganze Schmerz um Marianne faßte mich hart an. Die ganze
+Verantwortung um das Kind stand mir vor Augen. Aber hätte jetzt
+jemand zu mir gesagt: »Ich will dir dein Kind abnehmen, ich gebe dir
+dein Kind nicht«, — wie ein Wolf hätte ich ihn angefallen und um das
+Kind mit ihm gekämpft. So groß war meine Liebe für das liebe, arme
+Geschöpflein, das ich kaum ein paar Minuten in meinen Armen gehalten
+hatte. Aber es war ~mein~ Kind; es war ~Mariannens~ Kind. Wie nennen
+doch die Menschen solche Kinder? Kinder der Sünde! O, ihr ruchlosen
+Menschen, wie könnt ihr solche Geschöpflein Kinder der Sünde nennen!
+Eure Zunge müßte im Gaumen verdorren, wenn ihr das aussprecht!
+Schlimmer seid ihr, die ihr verächtlich auf solche Kinder herabseht,
+schlimmer als die wildesten Bestien seid ihr! Die wildeste Bestie
+kennt kein Kind der Sünde. Die wildeste Bestie kennt nur ihr Kind.
+Nein, frei will ich mich zu dem Kinde bekennen. ~Mein~ Kind ist es!
+Jeder soll es hören, der es hören will!
+
+O, schon jetzt sah ich die Kleinkrämer des Städtchens höhnisch
+lächelnd ihre Kleinkrämernasen rümpfen! Rümpft sie nur, ihr
+Kleinkrämerpack! Über ~mich~ könnt ihr eure Nasen rümpfen, wehe
+aber, wenn ihr Mariannen, die Mutter dieses Kindes, oder mein Kind
+verunglimpft! »Erika,« wandte ich mich an das stumm neben mir
+stehende Heidkönigstöchterlein, »Sie haben es Mariannen versprochen,
+ihrem Kinde eine treue Mutter zu sein?«
+
+»Ich habe es ihr versprochen und will mein Versprechen halten. Fragen
+Sie nichts mehr«, bat sie plötzlich und hob ihre Hände bittend gegen
+mich. Sie weinte. Weinte ganz still und leise, und ich sah, wie ihr
+die Tränen aus den Augen strömten.
+
+»Gut, Erika, Sie sollen keine weitere Frage von mir hören. Aber
+dankbar werde ich Ihnen sein, wenn Sie sich meines Kindes annehmen
+wollen.«
+
+Oben stürzte uns Fräulein Bartel entgegen.
+
+»Haben Sie Marianne gefunden?« rief sie. Sie war ~doch~ ein guter
+Mensch, denn man hörte die Angst aus ihrer Stimme deutlich heraus.
+
+»Ja, wir haben sie gefunden«, sagte ich. »Weiß sie das andere, ich
+meine das mit dem Kinde, schon?« wandte ich mich an Erika. Die
+schüttelte schluchzend ihren Kopf.
+
+»Marianne ist tot, Fräulein Bartel ...«, sagte ich.
+
+»Gott im Himmel!« schrie sie laut auf.
+
+»Ja, Marianne ist tot, sie ist an der Geburt eines Kindes, eines
+Mädchens, gestorben.«
+
+Mit großen, geradezu entsetzten Augen sah sie mich an. Ich winkte ihr,
+still zu sein. Allein wollte ich sein.
+
+»Gute Nacht, Fräulein Bartel, und gute Nacht, liebe, liebe Erika.
+Nicht wahr, Sie sehn morgen früh gleich nach dem Kinde?« Sie nickte
+stumm. Sing’ dein Trauerlied zur stillen Frühlingsnacht, liebholde
+Nachtigall!
+
+Marianne ist tot.
+
+Du kanntest sie ja. Oft ist sie, wenn du sangest, an deinem
+Fliederstrauche stehn geblieben, die Blumen dufteten, es duftete ihr
+goldrotes Haar, in dessen seidenen Wellen das weiße Mondlicht spielte.
+
+Ja, singe ein Trauerlied. Ich stehe hier am Fenster und höre dir
+zu und lasse die Vergangenheit an meinen Augen vorübergehn. Von
+dem goldenen Haare aber behalte ich mir eine Strähne. Die wird
+dann leuchten wie eitel Feuergold, wenn ich sie herauslege zur
+Vollmondstunde im Mondessilberglanz.
+
+Marianne: Leid und Lust bist du mir gewesen. Soll ich richten jetzt,
+ob größer das Leid, ob größer die Lust?
+
+Mit Wonne ist Leid verknüpft, nie ist es anders. Die Wonne allein ist
+Menschen nicht beschieden.
+
+Das Leid ist unser Gefährte. Nur wie ein toller Bub kommt gesprungen
+und ist fort wie ein Bub des Augenblicks die Wonne. So also sieht die
+Freiheit von den goldenen Fesseln aus? Lange wird es dauern, ehe ich
+mich der Freiheit erfreuen werde.
+
+Das rote Gold der Flechten war zu schön.
+
+Zu schön der weiße Leib, den man so bald nun in die tiefe Erde senken
+wird.
+
+Aber wir sollen doch Erde werden. Wir ~sind~ doch von Erde und sollen
+doch Erde bleiben.
+
+O liebe Erde, den schönsten Menschenleib sollst du so bald erhalten.
+
+Sei ihm ein treuer Mutterschoß und laß Veilchen nur aus jener Stätte
+sprießen.
+
+[Illustration]
+
+Soeben kommt Erika aus dem Kloster zurück. Sie sagt mir, daß für das
+Kind gesorgt sei.
+
+»Ich will’s aber doch so bald als möglich in die Oberförsterei nehmen,
+Erika.« Sie sieht zur Erde und sagt kein Wort. Dann spricht sie: »Auch
+ich halte es für das beste.«
+
+»Ach, Erika, was müssen auch ~Sie~ unter dem allen leiden. Sie, ein
+unschuldiges Kind der Heide! Kaum setzen Sie den Fuß in die Welt
+hinaus, so tritt der Welt Sünde an Sie heran«, sagte ich herzlich zu
+ihr und faßte ihre Hände warm und fest mit den meinen.
+
+»Der Welt Sünde, aber noch mehr der Welt Unglück, und im Unglück
+müssen die Menschen doch einander beistehn so gut, als sie können.
+Auch bindet mich das Versprechen, das ich der Toten gab.«
+
+»Werden Sie bei mir bleiben?« fragte ich zaghaft.
+
+»Ich weiß nicht, was ich tun darf; mein Vater wird bestimmen«,
+erwiderte sie leise.
+
+»Sie wollen alles Ihrem Vater sagen, Erika?«
+
+»Ja, alles«, sagte sie ruhig. »Er kommt in den nächsten Tagen und will
+mich abholen, in die Heide zurück.«
+
+»Und ~wird~ Sie in seine keusche Heide mit sich nehmen, ich weiß es,
+Erika. Ja, ich weiß es. Ihr Vater kann nicht anders handeln, und
+töricht war meine Frage, ob Sie hier bei dem Kinde Mariannens bleiben
+wollen. Ich muß ~allein~ sehn, wie ich es in Zukunft machen, wie ich
+mein Kind mir erhalten soll. Allein, allein!«
+
+»Ich will das Kind mit mir in die Heide nehmen, wenn Sie’s mir
+anvertrauen«, sagte sie sanft. »Solange will ich’s behalten, bis Sie
+es bei sich haben können.«
+
+»Erika! ~Das~ wollen Sie tun! Wie soll, wie kann ich’s Ihnen danken!«
+
+Wie ein Jubelschrei brach’s von meinen Lippen. Ja, in die Heide soll
+mein Kind, in die Heide zur Heidkönigstochter! Die schwere Sorge
+der nächsten Zeit um das mutterlose Geschöpf will mir Erika, das
+Heidekind, abnehmen.
+
+Ich hätte ihr die Hände küssen können.
+
+Aber mein innerer Jubel galt nicht dem Kinde allein. Wenn mein Kind
+bei ihr im Heidhofe ist, würde ich, mußte ich ja Erika wiedersehen.
+Blieb mit ihr in steter Verbindung — ein Herz würde weiter für mich
+schlagen, das zu verlieren die schreckliche Angst der letzten Stunden
+für mich gewesen war.
+
+[Illustration]
+
+Die Stunde ist da, in der man Marianne ins Grab legt.
+
+Ich ging mit Erika und Fräulein Bartel am frühen Morgen ins Kloster.
+
+Weil ich noch einmal, zum letztenmal das Gesicht der Toten sehn wollte.
+
+Die mir im Leben so nahe stand. Von deren Leibe und Seele ein Kind
+mein eigen ist.
+
+Nach der Beerdigung will ich das Kind gleich mitnehmen zu mir, um mich
+als Vater zu ihm zu bekennen, eintragen zu lassen als Vater und die
+Kleine zu adoptieren.
+
+Ich sehe es an den Leuten, die uns begegnen, daß man schon etwas weiß
+in der Stadt.
+
+Man sieht mir nach, man kriecht in die Haustür zurück, man grüßt mich
+ersichtlich verlegen und erstaunt. Aber mancher auch herzlich und
+warm.
+
+Im Kloster schleichen die Schwestern scheu an mir vorbei.
+
+Verlegen, kaum hörbar klingt ihr Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus.«
+
+Was sind mir die Grüße der Menschen!
+
+Für anderes habe ich zu sorgen und zu denken. Früh sind wir gekommen,
+gottlob, so haben wir die Tote noch für uns allein.
+
+Mein Kind habe ich vorher gesehn. Es schrie so kläglich, als wüßte es,
+daß seine Mutter jetzt tief in die Erde kommt.
+
+Der Domherr wird, wie ich höre, die liebe Tote beerdigen. Das ist brav
+von ihm. Ich hätte es nicht gedacht. Er selbst beerdigen und dieses
+arme Straßenkind, diese uneheliche Mutter!
+
+Und so stehe ich denn vor dir, Marianne, zum allerletztenmal.
+
+Zum allerletzten Male sehe ich dein Gesicht.
+
+Es ist noch unverändert, nur der kleine, bräunliche Fleck an der
+Stirn, die im Leben weiß von Farbe wie die Gartenlilien gewesen, sagt
+mir, daß die Erde anfängt, ihr Erdenkind wieder zurückzunehmen in sich
+hinein.
+
+Weshalb gab sie es her?
+
+Ein so holdes Erdengeschöpf hat sie hilflos auf die Schwellen dieses
+Hauses einst gelegt.
+
+Hat doch ein jedes, selbst das kleinste der kleinen Vögel sein Nest
+und seine Eltern, die den kleinen hilflos-nackten Vogel füttern. Doch
+dir, du armes Straßenkind, haben Nest und Eltern gefehlt.
+
+Aber ~deinem~ Kinde werden Nest und Eltern ~nicht~ fehlen. Das ist
+das einzige, was den Schatten meiner Seele lichtet, was meine Reue in
+stillen Schmerz verwandelt. Lebe wohl, Marianne. — —
+
+Die Schwestern kamen. Der Sarg wurde geschlossen.
+
+Zwei Chorknaben mit brennenden, efeuumrankten Kerzen stellten sich
+neben den Sarg, ans Sargende zwei andere mit dem an silbernen Ketten
+schwingenden Weihrauchgefäß mit Weihrauchschälchen und silberner
+Schippe zum Nachfüllen des Gefäßes. Der Weihrauch erfüllte den kleinen
+Raum mit betäubendem Duft, nun tönte ein fernes Glöckchen, dessen Töne
+immer näher kamen, und der Domherr in seinem reichgestickten Gewand
+trat ein. Ich fuhr zusammen. Wieder sah ich diese tiefen, dunklen
+Augen eine Sekunde lang auf mir ruhen — dasselbe Flimmern, derselbe
+Ausdruck, den Mariannens Augen in Leidenschaft und Zorn hatten,
+dieselbe Farbe ihrer Haare hatte dieser Mann dort. Der wie ein Fürst
+so stolz und hoch zu Häupten des Sarges stand und sofort nach seinem
+Eintritt mit den Gebeten begann.
+
+Ob ihm die Tote wohl ihr Geheimnis gelüftet hatte? Ob er jetzt in
+diesem Augenblick schon den Vater ihres Kindes kannte?
+
+Die Gebete waren beendet.
+
+Noch einige Worte sprach er zum Nachruf der Toten.
+
+O, dieser Mann! Wie ich ihn hasse!
+
+Er sprach von dem kurzen, armselig kurzen und dunklen Leben der
+Verstorbenen, er schilderte, wie sie, von der Schwelle dieses Klosters
+aufgelesen, im Kloster eine Heimat fand, wie er selbst sich stets um
+ihr Wohl gekümmert und über ihr gewacht habe, und wie es ihn schmerze,
+daß sie nun doch das Opfer der Sünde, der Verführung geworden sei.
+Lautlos still war alles an dem Sarg. Nur von draußen drang das
+Zwitschern der Vögel bis hierher.
+
+Starr sah ich dem Mann, der da sprach, ins Gesicht. Er blickte mich
+an, aber sofort senkten sich seine Augen wieder auf das Gebetbuch
+herab.
+
+Ja, nun wußte ich: Er kannte den Vater des Kindes. Weshalb aber hielt
+er meinen Blick nicht aus? Er, der Sündlose, den Blick eines Sünders
+nicht?
+
+Die Klosterschwestern trugen den Sarg auf den Klosterkirchhof. Der Weg
+war kurz, der Sarg war leicht.
+
+Über dem Grabe blüht der Flieder. Alte, uralte Fliedersträucher. Fast
+Fliederbäume zu nennen. Drin nisten Nachtigallen immer wieder im
+Frühling; ein schöner Platz. Es ist doch gleichgültig, wo man wieder
+zu Erde wird. Aber die noch Lebenden finden eine Befriedigung darin,
+daß der Platz ihres Toten schön ist. Sonderbar: auch ~ich~ möchte
+lieber an solchem Platze wieder Erde werden, als in dem Staube der
+Wüste zerstäuben. Ich stand mit Erika noch lange bei dem Grabe allein.
+
+Nun aber hole ich mir mein Kind. — — — —
+
+Ich wollte Erika fortschicken. Aber sie wollte bleiben.
+
+»Sie werden mich brauchen«, sagte sie eigentümlich ernst.
+
+»Mein Heidkind, gehn Sie, gehn Sie. Setzen Sie sich nicht den Reden,
+den Augen der Menschen dieser Stadt aus, wenn ich mit meinem Kinde
+durch die Straßen gehe und es in meine Kauzburg bringe.«
+
+»Ich bleibe«, erwiderte sie.
+
+»So kommen Sie, Erika.«
+
+Wir gingen über den stillen Kirchhof nach dem Kloster hinüber.
+
+Die Tür war verschlossen. Ich klingelte. Das Glöckchen tönte. Eine
+Schwester öffnete einen Spalt breit die Tür.
+
+»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte sie und sah mich fragend an.
+
+»Ich will zu dem Kind der soeben zur Ruhe Gebetteten«, sagte ich.
+
+»Zu dem Kinde Mariannens?« fragte sie.
+
+»Ja, zu dem.«
+
+»Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie herführt?« fragte sie.
+
+»Ich sagte schon: Zu dem Kinde will ich. Ich will es zu mir nehmen.«
+
+Ein Lächeln, — kein schönes Lächeln — huschte über das fromme
+Schwesterngesicht.
+
+»Ohne des hochwürdigen Domherrn Genehmigung darf ich niemand zu dem
+Kinde lassen, es gehört von jetzt ab dem Kloster und wird im Kloster
+bleiben«, sagte sie und sah mich lauernd an.
+
+Ich stand noch vor der kaum ein Viertel offenen Tür mit Erika.
+
+Nun stieß ich ruhig die Tür ganz auf und trat in den schmalen
+Klostergang. Erika stand dicht bei mir.
+
+»So sagen Sie dem hochwürdigen Herrn, daß ich ihn sprechen will.«
+
+»Ich werde Ihre Bitte Seiner Hochwürden unterbreiten.«
+
+»Sagen Sie ihm, ich ~wünsche~ ihn zu sprechen, und ich ~muß~ ihn
+sprechen wegen dieses Kindes.«
+
+Wieder huschte dieses höhnische Lächeln über das stille, heilige
+Nonnengesicht der vor mir Stehenden.
+
+Sie nickte stumm, schloß die Tür und ging lautlos davon.
+
+Ich stand mit Erika im Flur.
+
+Ich fühlte, wie der Zorn über den Domherrn in mir wuchs. Schon seine
+Worte am Grabe! Und nun diese Art des Empfanges!
+
+»Ich bitte Sie, seien Sie ruhig, bleiben Sie ruhig«, flüsterte Erika
+mir zu.
+
+»Ich will’s versuchen, solange es mir möglich sein wird, Erika.«
+
+»Seine Hochwürden lassen bitten«, sagte die lautlos zurückkehrende
+Schwester. Jetzt widerte mich dieses lautlose Schleichen an. Wozu?
+Hier lagen keine Kranken. Drüben im untern Flügel.
+
+~Das~ hier war domherrliche Privatwohnung. Fest und hart klangen meine
+Schritte auf dem Steinpflaster des Klosterganges wider. Soll ich
+~kriechen~ vor dieser Domherrlichkeit? Niemals!
+
+Endlich waren wir vor der rechten Tür.
+
+»Ich werde Seiner Hochwürden melden, daß Sie, Sie allein ihn sprechen
+wollen.«
+
+»Nicht nötig, liebe Schwester,« sagte ich kurz, »ich melde mich
+selbst, und diese Dame wird bei der Unterredung zugegen sein.«
+
+Laut klopfte ich an die geschnitzte Eichentür. Ja, hier oben sah es
+anders aus als unten in den schlichten, einfachen Klosterräumen. Als
+ich öffnete und in das, man kann ruhig sagen, prachtvoll ausgestattete
+domherrliche Gemach eintrat, stand die hohe Gestalt des Domherrn
+am Fenster. Auf den Kirchhof hatte man den Blick von hier oben.
+Gerade auf Mariannens Grab sah man hinab. Erst zuckte es drohend über
+sein Gesicht, es war nur ein Zucken, dieses Zucken in dem unleugbar
+schönen, schmalen Gesicht, dieses Aufblitzen in den dunklen Augen, als
+er mich mit Erika eintreten sah, dieses Aufblitzen, das mich stets und
+stets sekundenlang an ein anderes Gesicht erinnerte, das nun nie mehr
+zucken kann, nein, wie in marmorner Ruhe bleiben würde, bis die Erde
+sagen wird: Werde wieder zu Erde. Eine einladende Handbewegung machte
+er, indem er auf einige Sessel wies, die auf dem Teppich standen.
+
+»Ich danke; aber ich komme nicht als Gast zu Ihnen«, sagte ich kalt
+und abweisend. »Ich komme nur, um Sie zu fragen, ob ich die Schwester
+unten recht verstanden habe?«
+
+»Recht verstanden, womit?« fragte er mit gutgespieltem Erstaunen.
+
+»Keine Worte weiter,« unterbrach ich ihn, denn ich fühlte, wie
+verhaßt mir dieser Mann seit jenen Worten am Grabe war, »ich kam, um
+Mariannens Kind in mein Haus zu holen, man wollte es nicht zugeben
+ohne Ihre Einwilligung, ja, man sagte mir, das Kind sei Eigentum des
+Klosters und würde es bleiben.«
+
+Er spielte einige Augenblicke an dem goldenen Kreuz, das um seinen
+Hals an goldener Kette hing.
+
+»Die Schwester hat Sie recht berichtet,« sagte er; »bitte, bitte, mich
+ausreden lassen,« fuhr er auf, als ich ihn unterbrechen wollte, ...
+»es ist so. Wir kennen nur die ~Mutter~ des Kindes; diese Mutter, —
+Marianne, — haben wir im Kloster erzogen, sie hat das Kind im Kloster
+geboren, ist zu uns geflüchtet vor ihrer schweren Stunde, hat uns das
+Kind noch ~vor~ der Geburt anvertraut, also ...«
+
+»Sie kennen also ~wirklich~ den Vater des Kindes nicht?« schnitt ich
+ihm das Wort ab. Seine Augen glühten.
+
+»Ich ~will~ ihn gar nicht kennen«, sagte er rasch.
+
+»Sie ~sollen~ ihn kennen! Er steht hier vor Ihnen!« rief ich. »Ich bin
+der Vater des Kindes, und ich fordere mein Kind!«
+
+Er sah aus, als wollte er sich auf mich stürzen. Wenigstens sagten
+es mir seine Augen. Und seine Hände, die sich an die Stuhllehne
+verkrampften.
+
+»Was Sie mir hier sagen, betrachte ich als Beichtgeheimnis; niemand
+wird es erfahren, sofern nicht ~Sie~, mein Fräulein, ...« wandte er
+sich zu Erika. »Ich bedaure es übrigens schmerzlich, daß man Sie
+gezwungen hat, dieser Verhandlung beizuwohnen, unschöne, sündige Dinge
+kommen dabei zur Sprache ...«
+
+»Ich wohne dieser Verhandlung nicht gezwungen bei, es war mein
+Wunsch, ihr beizuwohnen«, unterbrach ihn Erika ruhig.
+
+»So? Warum?« fragte er und sah sie forschend an.
+
+Sie schwieg.
+
+»Wir sind wohl fertig miteinander, Hochwürden,« sagte ich nun; »ich
+werde also mein Kind jetzt mit mir nehmen.«
+
+»Gemach, gemach,« stieß er hervor, »dieses Kind bleibt hier im Kloster
+... für ~immer~!«
+
+»Herr Domherr!!!« stieß ich heraus.
+
+»Ich wiederhole,« fuhr er fort, »was Sie mir sagten, bleibt
+Beichtgeheimnis ...«
+
+»Ich weiß von keinem Beichtgeheimnis, ich bin Protestant«, unterbrach
+ich ihn barsch.
+
+Er drückte seine Augen zusammen. Dann trat er dicht an mich heran und
+legte sanft seine bischofsringgeschmückte Hand auf meinen Arm.
+
+»Ihre Mutter ist katholisch,« sprach er halblaut und beschwörend,
+»Marianne war katholisch, ist im katholischen Glauben erzogen, als
+fromme Katholikin gestorben, ihr Kind habe ich gestern getauft ...«
+
+»Wie?« unterbrach ich ihn heftig, »getauft? Ohne mich zu
+benachrichtigen?«
+
+»... Aber ich bitte Sie,« sagte er beschwichtigend, »bleiben Sie ruhig
+... wie sollte ich begründen, daß ich Sie benachrichtige davon? ...
+Nein, nein, ich meine es gut mit Ihnen, herzlich gut mit Ihnen, mit
+der lieben Toten und Ihrer beider Kind. Sie sollen das Kind haben ...
+nur eins ... Sie selbst sind katholisch getauft ... kehren Sie zurück
+in den Schoß unserer, Ihrer Kirche, werden Sie ...«
+
+»Halt! Kein Wort mehr!« rief ich und streifte seine Hand fort von
+meinem Arm. »Was fällt Euer Hochwürden ein? Wen glauben Sie vor sich
+zu haben? Wie?«
+
+Er wich zurück und wurde wachsbleich.
+
+»Gut, so sind wir fertig miteinander«, sagte er.
+
+»Und mein Kind nehme ich ~mit~«, rief ich, kaum noch meinen Zorn
+bemeisternd.
+
+»Nein, es bleibt ~hier~,« zischte er; »wer weiß etwas, wer glaubt
+etwas von dem, was Sie mir hier sagten? Es bleibt ein Beichtgeheimnis
+für mich.«
+
+»Aber nicht für ~mich~, hochwürdiger Herr!«
+
+»Wie?« sagte er maßlos erstaunt, »Sie wollten davon anderen erzählen?
+Sie wollten den Leuten sagen, daß Sie, ... Sie ... dieses Mädchen ...«
+
+»Ja, ja und ja!« schrie ich ihn an.
+
+»Ich gehe von dieser Stube aus mit dem Kinde zum Standesamt, dort sage
+ich vor Zeugen, daß ich sein Vater bin, daß ich dieses Kind als das
+meine anerkenne, daß ich es adoptiere, ihm meinen Namen gebe ... nun,
+Euer Hochwürden, ~jetzt~ werden Sie wohl davon überzeugt sein, daß
+dieses Kind nicht im Kloster bleibt?«
+
+Wie von einem Krampfe geschüttelt stand er ans Fenster gelehnt und
+blickte hinab auf das noch offene Grab derjenigen, um deren Kind ein
+Kampf gekämpft wurde.
+
+»Nein,« sagte er nach einigen Minuten tiefer Stille, »nein, ich bin
+~nicht~ davon überzeugt. Dieses uns von der Mutter übergebene Kind
+verbleibt dem Kloster, ich gebe es ~nicht~ heraus, eher ...«
+
+»Eher drehn Sie ihm den Hals um!« höhnte ich außer mir.
+
+»Nun ist’s genug!« sagte er, und richtete sich hoch auf.
+
+»Genug, übergenug!« Und seine Hand wollte auf den elektrischen Knopf
+der Klingel drücken. »Ich wollte sagen, eher ...« Da wurde er wiederum
+unterbrochen — durch Erika! Durch Erika, deren Gegenwart wir beide
+ganz vergessen hatten in unserem heftigen Streiten.
+
+»Ich weiß es, was Sie sagen wollen, Euer Hochwürden!« sprach die
+sanfte, liebe Stimme der Heidkönigstochter, »ich weiß es, weil mir’s
+Marianne gesagt hat.«
+
+Der Domherr fuhr herum. Als ob ihn ein Pfeil träfe, so trafen ihn
+diese sanft und schlicht gesprochenen Worte. Er starrte Erika an.
+
+»Sie wollen sagen, eher verschwindet das Kind in einem anderen Kloster
+... in Österreich drüben ... in dem Kloster, das hoch auf einem Felsen
+steht, wo Marianne das Licht der Welt erblickt hat, ... ich sehe, Euer
+Hochwürden wissen, welches Kloster ich meine ...«
+
+In einen Sessel war der Kirchenfürst gesunken. Wie irre schauten seine
+lodernden Augen auf das schlichte Heidekind. »Und ~weil~ ich das weiß,
+und weil wir schon morgen das Kind vergeblich hier suchen würden,
+darum müssen Sie Ihr Kind noch in dieser Stunde mitnehmen«, sagte das
+liebe Mädchen zu mir gewandt.
+
+Er bohrte drohend seine dunklen Augen in die Augen Erikas.
+
+»Ich ~weiß~ nicht, welches Kloster Sie meinen, mein Fräulein,« stieß
+er hervor. »Das Kind verbleibt dem Kloster! Mariannens Kind gebe ich
+~niemals~ heraus. Eine Braut des Klosters soll ihr Kind werden, so ist
+alles gesühnt.«
+
+»Nein, gesühnt wird alles, wenn sich zu diesem Kinde der Vater bekennt
+...!« rief ich in wilder Entgegnung und Angst.
+
+»Still, still,« sagte da Erika, »diese Sühne meint Seine Hochwürden
+~nicht~. Hier, nehmen Sie das und halten Sie es fest wie Ihr Leben«, —
+und sie drückte mir ein zusammengeschnürtes und versiegeltes Päckchen
+loser Briefblätter, das sie verborgen bei sich getragen hatte, in die
+Hand. Nur ein Blättchen behielt sie und hielt es dem Domherrn hin.
+»Nicht wahr, Euer Hochwürden, Sie meinen, dann ist ~dieses~ gesühnt?
+~Dieses~, das hier auf diesen Blättern steht. Nein, nein, Hochwürden,
+Marianne ist nicht das Opfer ~dieses~ Mannes hier« — und sie zeigte
+auf mich — »wie Sie es heute am Grabe sagten! — — — Soll ich sagen,
+~wessen~ Opfer Marianne ist?«
+
+»Sag’ es erst, wenn sie ihm das Kind entreißen wollen,« hat mich
+Marianne angefleht und mir diese Papiere gegeben; »aber zerreiße
+ungelesen diese Blätter, ~wenn~ er mein Kind erst sicher hat«,
+beschwor sie mich weiter. »Euer Hochwürden, hier, sofort müssen Sie
+sich entscheiden: wollen Sie uns mit dem Kinde ruhig unserer Wege
+gehen lassen, oder sollen diese Blätter gelesen werden? Nimmer Herr
+Domherr, wird über meine Lippen kommen, was Marianne mir aus Angst um
+ihr Kind anvertraut hat; ungelesen verbrannt werden diese Papiere,
+sobald dieser um sein Kind besorgte Vater von seiner Sorge befreit
+ist.«
+
+»Erika«, stieß ich hervor.
+
+Sie hob abwehrend ihre Hände.
+
+Was für ein furchtbares Geheimnis mußten diese Blätter bergen! War
+diese gebrochene Gestalt noch dieselbe stolze Gestalt des hohen
+Kirchenherrschers?
+
+Er hielt sich, ja, man sah es, er hielt sich am Fensterkreuz fest,
+sonst wäre er zusammengebrochen.
+
+»Diese Papiere«, keuchte er, »woher hat sie sie ... woher ... woher
+...?«
+
+Er schien ganz vergessen zu haben, daß wir noch im Zimmer waren.
+
+»Ich ersuche Euer Hochwürden, den Befehl zu geben, daß wir das Kind
+mit uns nehmen können, ... sofort ...« sagte Erika.
+
+Ich staunte die Tochter der Heide an. Wie ernst, wie fest in sich
+gehalten stand sie hier und forderte ruhig und unentwegt. »Werden ...
+werden ... diese Papiere ...«, stammelte der Domherr.
+
+»Euer Hochwürden, ich gab mein Wort. Ich gab ~Ihnen~ mein Wort, ich
+gab der ~Toten~ mein Wort, daß diese Papiere verbrannt werden, sobald
+der Vater sein Kind hat«, sagte Erika einfach.
+
+Ja, als sie das sagte, mußte man ihr glauben. Jeder hätte ihr
+geglaubt. Mehr geglaubt als tausend Eiden anderer.
+
+»Und niemand, auch dieser nicht ...« und der Domherr zeigte auf mich
+»... wird jemals erfahren ...«
+
+»Niemand, Herr Domherr, ich verspreche es Ihnen bei Gott im Himmel«,
+sagte Erika.
+
+Der Domherr rüttelte sich auf und drückte auf den Klingelknopf. Eine
+Schwester trat lautlos ein.
+
+»Ich gebe das Kind seinem Vater heraus«, sprach er zu ihr. »Nichts
+soll ihm in den Weg gelegt werden.« Dann sank er in dem Sessel
+zusammen wie leblos. —
+
+Wir folgten der Schwester.
+
+Ich nahm mein Kind in meine Arme; Erika ging stumm neben mir her.
+
+So gingen wir unerkannt durch die stillen Straßen des Städtchens.
+
+Ach, unerkannt! Und wenn die Menschen an den Wegseiten wie Mauern
+gestanden hätten, es hätte mich nicht gekümmert. Ich hatte mein Kind,
+dieses kleine, arme Geschöpflein, ja in meinem Arm, dicht neben mir
+ging die liebe, treue Heidkönigstochter, über uns blinkten die Sterne,
+und ein holdes Duften strömte aus den Gärten zu uns.
+
+Marianne, bist du zufrieden?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Nun weiß es jeder in der Stadt, daß ich Vater eines unehelichen Kindes
+bin. Daß ich dieses Kind adoptieren will.
+
+Ein paar von den Herren, mit denen ich hier verkehrt habe, sind des
+Abends zu mir gekommen und haben mir abgeredet.
+
+»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr ganzes Leben aufladen; es
+ist eine Last, bedenken Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie
+sich versetzen, geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege, kein Hahn
+kräht dann danach«, sagte der eine.
+
+Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie, nun so’n Kind. Wenn
+Sie wirklich die Vaterschaft nicht leugnen wollen — es wäre übrigens
+gar nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und niemand sonst nach ihr
+fragt —, dann tun Sie’s wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu
+wissen davon.«
+
+Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie das Ding fort, eine
+Frau kriegen Sie deshalb immer noch.«
+
+Ich hörte alle drei an.
+
+Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich: »Meine Herren, ich weiß,
+Sie haben sich’s nicht überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn ~wenn~
+Sie sich’s überlegt ~hätten~, müßten Sie mich für einen Schweinehund
+halten, und der bin ich nicht, rate auch keinem, mich dafür zu
+halten. Prosit, meine Herren!« —
+
+Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst mit mir an und
+plauderten harmlos von anderen Dingen.
+
+Als ich dann dem einen von den dreien im anderen Zimmer ein paar
+Rehkronen zeigte, gab er mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn
+ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung vor Ihnen, weiß
+Gott.«
+
+»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf
+die Schulter.
+
+Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten. Mir war’s lieb. Denn
+alle drei hatte ich gern, und es waren im Grunde brave Menschen.
+
+[Illustration]
+
+Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend kommt.
+
+Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen.
+
+Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen.
+
+Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen, von mir und dem Kind.
+
+Also Sonnabend!
+
+Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz zum Zerspringen.
+
+Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren? Soll mein Kind diese
+treue Mutter verlieren? ~Zeige~ nun, Gott, daß du wirklich Gott bist!
+Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir. Laß den guten Geist des
+Hauses in meinem Hause! Aber unmöglich ist’s, ich ~weiß~ doch, daß es
+unmöglich ist!
+
+Am Sonnabend also kommt der Heidkönig!
+
+[Illustration]
+
+Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief eingepflanzt von Natur: die
+Mutterliebe.
+
+Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika mit der kleinen
+Marianne sieht.
+
+»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte ich sie heute. Da nahm
+sie das hilflose Geschöpf und drückte es wortlos an sich.
+
+»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater, Erika, was wird ~dann~?«
+
+Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte an das
+kleine Menschenkind in ihrem Arm.
+
+[Illustration]
+
+Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen Brücke, die
+Wasserflut drängt an die Pfeiler.
+
+Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den Bergen kommende Strom
+an.
+
+Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich vom Himmel.
+
+In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus. Ich will den Wald um mich
+haben.
+
+Meine Waldbäume will ich sehn.
+
+Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme! Ich bin gefeit gegen dich.
+Erika liebt mein Kind; sie läßt es nimmer.
+
+Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie den Vater des Kindes
+mit in den Kauf nehmen. Es geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du
+nachgeben!
+
+Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen. Frisch glänzen die Wiesen
+vom letzten Regen. Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder des
+Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen herumstrolcht. — — —
+
+Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater entgegen. Noch mehr
+wird sie von dem Kinde vermißt. Das schreit ganz kläglich.
+
+»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne, eia popeia,
+eiapopeia.« —
+
+Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den Burghof. Also so
+sieht er aus, der Heidkönig?
+
+Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst ist sein vom braunen
+Vollbart umrahmtes Gesicht, klar und treu und mit dem den Heidmenschen
+eigentümlichen Ausdruck des Verträumtseins und eines tiefen
+Innenlebens sind seine Augen. Auf dem Burghofe blieb er stehen und sah
+sich um. Dann sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte. Gewiß
+hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier zwischen den grünumrankten
+Mauern, zwischen den Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden
+Goldregen, hübsch hier in dem Burghofe, über den der Rotdorn seine
+Äste ausbreitet.«
+
+Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg sehen lassen. Ich
+höre, wie der Heidkönig von Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich
+wortreich, mehr als wortreich. Und nun klopft es an meiner Tür.
+
+»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein, sie hat das Kind draußen
+schon jammern hören. »Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und
+wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel liegt und schreit
+und ruhig wird und lacht, als sie es aufnimmt und hin und her wiegt.
+Und vor mir steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich klar
+und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns die Hände. Ein kurzer
+Händedruck. Warum werde ich denn verlegen und komme mir klein vor
+diesem Manne gegenüber? Der hat ~nie~ gesündigt, der kann auf sein
+ganzes Leben zurücksehn wie auf einen sauberen Tisch — das sind meine
+Gedanken. Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein vor ihm.
+
+Ein großer, von Vater und Vaters Vater her ererbter Landsitz macht die
+Menschen merkwürdig sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht
+nicht umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne hier machte sich ein
+Selbstgefühl nicht unschön breit.
+
+Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen großen, einsamen
+Heidbesitz, auf seinen Namen und vor allem auf sein und seiner Väter
+unberührtes Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese
+Menschen durften ihn haben. Mit viel ~mehr~ Recht als mancher andere.
+
+Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig — so milderte und ihn
+schön machte, das war die schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die
+selbstverständliche Pflichterfüllung, die reinste Offenheit ohne jedes
+Körnchen Lug und Trug, Verstellung und Heucheln.
+
+»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte der Heidkönig, sobald
+man ihn sah, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte.
+
+Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge. Ich fragte ihn nach
+dem Erfolge seiner Reise, nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er
+antwortete wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach dem Wild im
+Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen und ausgestopften Wildköpfe,
+dann aber sagte er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens: »Ich
+bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld für Erikas Aufenthalt
+an Sie zu zahlen habe, da ich sie morgen wieder mit mir nehme.«
+
+Die Worte trafen mich wie ein Schuß.
+
+Und doch war nichts natürlicher, als daß er das sagte. »Da ich sie
+morgen wieder mit mir nehme«, ... immerfort hörte ich das in meinen
+Ohren klingen.
+
+Er sah mich freundlich und doch auch ernst an. Zuletzt wiederholte er
+seine Frage, da ich immer noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine
+Rede sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im Hause geholfen
+...«
+
+»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht
+gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht
+erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk
+annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie
+es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.«
+
+Dann schwieg er wieder.
+
+Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit
+erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei
+sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein,
+Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es
+schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.«
+
+»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus ~mir~ werden und aus
+dem Kinde?« rief ich aufspringend.
+
+Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich
+ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld.
+
+Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr
+mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie
+gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich
+gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz,
+also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht
+der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte,
+etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr
+schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne,
+das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße,
+~sein~ Kind war. Was war ~meine~ Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur
+gegen einen Berg!
+
+Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn
+ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne
+und so falsch oft glaubt.
+
+»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen
+und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er
+langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?«
+
+»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes
+versprochen hat?« rief ich.
+
+»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ...
+Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ...
+was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?«
+
+»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.
+
+Er sah sie fragend an. Dann mich.
+
+»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine
+Tochter nichts gesagt hat?«
+
+»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.
+
+»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«,
+wies er sie freundlich, aber entschieden ab.
+
+»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen,
+ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine
+Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.
+
+»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen
+sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein
+Wort.
+
+Es war lautlos still in der Stube.
+
+Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer
+wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück.
+
+»So?« ... sagte er noch einmal.
+
+»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast,
+Erika«, wandte er sich dann an sie.
+
+Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er
+soeben gehört hatte, hineinzufinden.
+
+»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter
+Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine
+treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit
+tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm
+dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht.
+
+»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit
+seiner rechten Hand über die Stirn.
+
+Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.
+
+»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er.
+
+— Was wird sie antworten?
+
+»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie.
+
+Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das
+Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen
+hinab.
+
+»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er
+zu dem Kinde.
+
+Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte,
+denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen
+Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf,
+rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an.
+
+Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig
+um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen
+aus; tief gefurcht seine Stirn.
+
+»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind
+hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten,
+was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich
+an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege ~nicht~ diese
+bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und
+nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des
+Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du
+darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er
+sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« —
+wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«
+
+Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und
+nachdenklich:
+
+»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in
+einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und
+ihrem Tun und Treiben kennengelernt. ~Hätte~ ich’s, vielleicht dächte
+ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit.
+Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage
+ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu
+erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der
+Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage ~Ihnen~ das und sage es
+~dir~, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen,
+wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und
+ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß
+mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich
+hier sage, ~muß~ gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und
+klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie
+liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches,
+braves unverdorbenes Heidekind ist?«
+
+»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist
+dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was
+aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.«
+
+»Sie sind ein ~Mann~«, sagte der Heidkönig, »~seien~ Sie ein Mann!
+Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher
+gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor
+mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden
+und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und
+ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«
+
+Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er
+wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit
+mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte!
+
+Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre
+Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses
+Hauses, ach, bleibe!?«
+
+Da tönte wieder seine Stimme.
+
+»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war,
+als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne
+angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst
+bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte.
+Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng.
+Nicht wahr, Erika?«
+
+Ich hielt den Atem an.
+
+Sie schwieg.
+
+Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika,
+du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen
+lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?«
+
+»Ich denke ~so~, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter
+und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer
+Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend
+an.
+
+»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig.
+
+»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr.
+Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater
+ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und
+bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.«
+
+»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich.
+
+»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl
+in mein Herz.
+
+»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst
+werden jetzt mit mir und dem Kinde?«
+
+»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor
+Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes
+setzen.«
+
+Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie
+erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir
+ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen
+stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und
+hoffe!«
+
+»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?«
+fragte ich.
+
+Er dachte lange nach.
+
+»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann;
+»darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?«
+
+»Ja, Vater«, erwiderte sie.
+
+»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander,
+was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu
+mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven
+Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter
+erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab.
+Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie
+sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan,
+so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie
+damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen
+also.«
+
+[Illustration]
+
+Bis morgen also!
+
+Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und
+wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also!
+
+O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich
+sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch
+hier.
+
+Sie und mein Kind.
+
+»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so
+ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser
+Mann!
+
+Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf
+meine Rechnung über.
+
+Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat
+doch ~auch~ schuld. Sie hatte doch ~mehr~ schuld als ich!« — Du bist
+tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!
+
+Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es
+wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so
+mache ~deinen~ Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und
+flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine
+Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben.
+Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird.
+
+So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner
+Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch
+~beide~ Sünder!
+
+Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!
+
+Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein,
+nicht unheilvoll!
+
+Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den
+Mann an ein geliebtes Weib binden?
+
+Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten
+~selbst~.
+
+Fessel! Gefesselt! — — —
+
+Fessellos! Frei! — — —
+
+Freie Liebe! Freie Leidenschaft!
+
+Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes Häschen, du! Du Kind der
+freien, fessellosen Leidenschaft!
+
+Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht zu dir bekannt hätte
+als dein Vater.
+
+Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht. Nie wären die Freuden,
+die unschuldvolle Lust des Kindes an dich herangetreten.
+
+Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet, die andere getan
+haben. Beten und büßen hättest du gemußt für die Sünden deiner
+Mutter und deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe
+kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du bist ein Kind der Sünde, du
+kannst nur durch Gebet in den Himmel kommen.
+
+O, du mein armes Häschen du! —
+
+Freie Liebe! Freie Leidenschaft!
+
+Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in
+freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch
+wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir
+~haben~ doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! ~Warum~ haben wir
+sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben
+kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in
+stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche
+Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht
+gepriesen und besungen.
+
+Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern
+im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein
+Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem
+verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich
+befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm
+büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln ~heute~ — und ~morgen~
+verlassen die beiden mein Haus!
+
+Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann
+man sich dir nicht entziehn.
+
+Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die
+glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung
+schaue, bist ~du~ es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in
+mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.
+
+Morgen abend um diese Zeit!
+
+Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein
+Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie
+von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine
+Kauzburg hinein. Dann muß ich dich ~wieder~ bitten, dich, den kalten
+Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, —
+ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen,
+so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt,
+wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes.
+
+Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.
+
+Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder
+bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid
+mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind.
+So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es
+unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins
+kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den
+Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine
+Heidkönigstochter!
+
+Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein
+Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes,
+volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage
+hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem
+einsamen Menschen als Tage.
+
+Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden
+Menschenseele.
+
+Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes
+Königstöchterlein!
+
+Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du.
+
+In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang
+versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du
+vor mir.
+
+Und zwischen uns das Kind.
+
+Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und
+treu im Wachen! —
+
+Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling
+empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend
+Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.
+
+Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen
+verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend
+fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.
+
+Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden
+Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes
+Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide
+bist.
+
+[Illustration]
+
+Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn
+brachte.
+
+So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.
+
+Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und
+kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf
+ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.
+
+Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine
+Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin.
+
+Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da
+riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang
+mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die
+Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und
+Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul
+zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen.
+
+Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun,
+heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein
+schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die
+ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus.
+
+Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder
+auf ihm geblasen.
+
+Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren
+Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich
+an wie nie zuvor.
+
+»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an
+mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen
+konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten.
+
+Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.
+
+Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der
+Wald trug lang und bang das Echo zurück.
+
+Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich,
+und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter
+aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf
+Wiedersehen!«
+
+[Illustration]
+
+Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von
+Erika, das schickt sie Ihnen.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Liebe Erika!
+
+Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel
+eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem
+Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte,
+durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine
+rotstreifige Mütze sich zeigte.
+
+Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der
+Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist
+eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief.
+
+Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden
+in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen
+rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ~ich~
+bin geborgen.
+
+Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir
+den Krug zum Trinken reichten.
+
+Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein
+reiner Bergquell ist sein Inhalt.
+
+Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen
+Einsamkeit und Reinheit.
+
+Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen
+Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins
+Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder.
+
+Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein,
+wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr
+Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das
+sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte
+schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das
+Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch
+sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben
+mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs
+Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche
+Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen,
+den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide?
+Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter
+der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus
+ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über
+meine Stirn?
+
+Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.
+
+Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem
+sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume
+erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam.
+
+Ich will keines Menschen Mitleid.
+
+Ich verachte das Mitleid der Menschen.
+
+Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen
+so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in
+stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz
+davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie
+ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag
+den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale
+umzuwandeln.
+
+Wird für mich das stille Tal ergrünen?
+
+Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen
+Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der
+zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für
+alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander,
+aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag
+es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die
+Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel.
+Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das
+wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide
+schreitet.
+
+ Ihr
+
+ einsamer Freund.
+
+_N. B._ Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir
+doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat
+wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt.
+
+Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich
+rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich
+hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O,
+Sie böses, süßes Heidekind, Sie!
+
+[Illustration]
+
+Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!
+
+Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen
+Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben
+Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht
+so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe
+Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner
+Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den
+verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir
+in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern
+warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur
+darum mir verloren, Du lieber Sohn.«
+
+Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der
+biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles
+weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in
+Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines
+Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen
+gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen?
+
+Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können.
+
+Bereite noch ~keine~ Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter!
+
+Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene
+Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort
+die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte.
+
+[Illustration]
+
+Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne
+daß man es merkt.
+
+Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch
+erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten
+Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich
+bis jetzt nicht gesehn hatte.
+
+Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten
+Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die
+Kauzburg selbst!
+
+Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich
+fühlte!
+
+Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier?
+Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes
+Nachtlied im Garten singen wird? —
+
+Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von
+vielem.
+
+Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster
+stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an
+dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen,
+machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers
+zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte
+er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir:
+»Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht
+schön gepflegt? Daneben ... daneben ...«
+
+Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof.
+
+Ich grüßte hinauf, als ich ging.
+
+Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir
+schloß.
+
+Also ~doch~ ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.
+
+»Daneben ... daneben ...«
+
+Ich wußte, was er meinte.
+
+Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch ~er~
+tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem
+Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die
+Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde
+~mehr~, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die
+für uns alle der gleiche Schoß ist?
+
+[Illustration]
+
+Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach
+Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse
+Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus
+getragen mit ihm.
+
+Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des
+unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das
+stille Tal verschließen wie früher. —
+
+[Illustration]
+
+Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot
+über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken!
+An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir ~jene~ gebracht, was wird
+mir ~diese~ bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen
+entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’
+ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In
+Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen
+Dingen nicht.
+
+[Illustration]
+
+So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!
+
+Daheim! In der alten Heimat!
+
+Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet ~mir~ den
+Traum der Jugend in mein Herz. ~Dich~, du mein grüner, heimatlicher
+Wald!
+
+Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es
+bleiben allezeit.
+
+O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den
+Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien,
+wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der
+Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die
+Krähennester ausnahm, da will ich heute knien.
+
+Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat.
+
+Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort!
+
+Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern
+gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden
+Händedruck.
+
+Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die
+Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt
+auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die
+ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut!
+
+Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus
+dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild,
+das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im
+Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf
+mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf.
+
+Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte
+sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil
+hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!
+
+Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend,
+mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich
+ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar
+Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen
+guter Wein. —
+
+Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische
+Oberförsterei.
+
+Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen.
+
+Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren
+pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich
+brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab.
+
+In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen
+Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit
+Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne
+am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus.
+
+Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum,
+der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe.
+
+Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer
+Heimat.
+
+Nun ist die Heimat wieder mein.
+
+Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir,
+Heidkönigstochter.
+
+ Liebe Erika!
+
+Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur
+Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist
+der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald
+wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich
+doch ~selbst~ in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann
+~schreibe~?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen
+sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für
+mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet
+dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger
+Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten
+auf und nieder.
+
+Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine
+Mutter die Schar der Kinder.
+
+Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe
+lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz
+umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen
+Heide das Heidkind bringen sollten.
+
+Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen,
+wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde
+ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben.
+
+Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein strahlendes, holdes Antlitz
+uns anlächeln wird, dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide.
+~Aus~ der Heimat werde ich ~in~ die Heimat fahren. So lockt mich die
+Heide. Ich kam so froh hierher und bin so ernst und still, seitdem ich
+hier bin.
+
+Warum wohl, Heidekind, warum?
+
+Ach, weil mir immer mehr und mehr die Heidkönigtochter fehlt! Weil
+immer mehr mein Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was man so
+ganz im Herzen hat, das duldet keine Worte. Das liegt verschlossen wie
+in einer Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein.
+
+Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika. Mein Kindchen, bist Du Dir
+denn auch bewußt, daß Du mein Fürbitter sein sollst?
+
+[Illustration]
+
+Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die Ecke bog, das
+liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Ich sah, wie es sich an die
+Scheiben preßte und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen.
+Die so treu wie es nur Mutteraugen können, auf das Kind herabsehn.
+Und heute, als ich aus der Fremde wiederkam, zurückkehrte in die
+alte Heimat, sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht am
+Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über dieses liebe, alte
+Gesicht, als ich um die Ecke bog. Und doch stand eine Wolke über der
+Sonne oben am Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir. Über dem
+heimkehrenden Sohne.
+
+Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist für dich der
+heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der er war, als er in die Fremde
+ging. Wie ein verlorener Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir doch
+wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein Junge, jetzt, wo Deine
+Oberförsterei so nah von hier liegt«, meinte sie lächelnd, als sie
+mich immer und immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte.
+Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon so viel erzählt
+von meiner jetzigen Oberförsterei und der früheren. Kein Wort bis
+jetzt von dem Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von
+Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika.
+
+»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei mir bist, etwas, mein
+Junge. Darf es deine alte Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie
+in ihrer mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie scharf sieht
+doch eine Mutter ins Herz des Kindes!
+
+»Ich verschweige dir etwas, Mutter?«
+
+»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich bedrückt etwas, sage es mir
+doch, vielleicht kann ich dir helfen.«
+
+Da zog ich behutsam das Bild des kleinen Mariannchens, meines
+Töchterleins, aus meiner Brusttasche.
+
+Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen. »Was hast du denn da, lieber
+Sohn?« fragte sie mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was ich
+hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir verschwiegen habe.«
+
+»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt es, wenn das
+Kind, und wenn das Kind auch so ein großer Sohn ist, Kummer hat.«
+
+»~Kummer~, Mutter?«
+
+»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie.
+
+»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.«
+
+»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«, bat ich.
+
+»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es! Wer ist denn das
+Geschöpfchen? Und wie es lacht und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie
+allerliebst, gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber Sohn!«
+rief sie und sah voll Freude auf das Bild.
+
+»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich. Sie sah auf.
+
+»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge. Was machst du denn für ein
+Gesicht? Ist wohl tot, gestorben, das herzige Kind?«
+
+»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«, sagte ich leise.
+
+Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht. »Es lebt, das
+Kindchen«, sprach sie mir langsam nach und sah von dem Bilde wieder
+auf mich.
+
+»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem das Kind gehört?«
+
+Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen. Wie eine große, ratlose
+Angst.
+
+»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«, sprach sie, und ihre
+Stimme zitterte.
+
+»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun mir, deinem Sohn
+gehörte?«
+
+»Fritz!« rief sie und starrte mich an.
+
+»Mutter, es ist ~mein~ Kind. Ich bin der Vater des kleinen,
+herzigen Mariannchens, dessen Bild du in der Hand hältst«, sagte ich
+ruhig. »Muß ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar vor
+meiner ~Mutter~ entschuldigen?« dachte ich bitter, als ich sah, wie
+fassungslos, wie entgeistert die alte Frau dasaß.
+
+Unwillig wandte ich mich fort.
+
+Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch hineinschluchzte.
+
+»Mutter!«
+
+Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände, die mich vor vielen
+Jahren getragen hatten, von ihren weinenden Augen und streichelte
+immer und immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du armer Sohn«,
+sagte sie, nichts anderes. Da erhellte ein Licht meine Seele: »Diese
+alte Frau fühlt in diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich
+vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst durchgekämpft habe,
+bevor ich zu dieser Ruhe gekommen bin.« Und während ich vor ihr kniete
+und sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne blickte und mir
+das Haar aus der Stirn strich, erzählte ich ihr.
+
+Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von ihrem goldenen,
+schimmernden, schönen Haar, ihrem lilienweißen, feinen Gesicht und
+ihrem sanften Sterben an diesem Kinde.
+
+»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war rührend für mich, wie
+schamhaft die alte Frau das fragte.
+
+Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun liebte. Anders
+liebte, als ich die erste geliebt hatte. Und ~diese~ Liebe verstand
+meine alte Mutter. Ich fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr
+von ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn. Den verlorenen
+Sohn.
+
+Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein, von der Heide
+und dem einsamen Heidhofe in der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich
+nebenbei einiges dazwischen.
+
+Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen!
+
+»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir nicht geben, wegen
+diesem hier«, sagte sie betrübt und zeigte auf das Bild der kleinen
+Marianne.
+
+»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm sein für dich, mein
+armer Sohn.«
+
+»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«, meinte ich und legte in
+meine Worte viel Zuversicht.
+
+»Nein, er gibt ~nicht~ nach«, sprach sie still vor sich hin. »Nach
+allem, was du mir erzählt hast, gibt er seine Tochter nicht. Und ...
+du darfst ihm deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft
+hinzu.
+
+»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große Sünde. Aber habe keine
+Angst, ich werde dich losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten
+Mutter zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.«
+
+Ich lächelte vor mich hin.
+
+»Lache ~nicht~ darüber, mein Junge. Ich weiß ja, Ihr jungen Männer von
+heute seid nicht mehr so gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß
+halt die Mutter für den Sohn ~mit~beten.«
+
+»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und gab ihr einen Kuß auf
+die Stirn. »Es kann mir nur nützen, wenn du es tust.«
+
+Und schon, als ich am selben Nachmittage von einigen Gängen in der
+Stadt nach Hause kam, fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche
+betend am Fenster sitzen.
+
+Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht,
+daß ihr Sohn der Vater der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus
+dem Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte.
+
+»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika und dem Kindchen?«
+fragte sie.
+
+»Hinfahren werde ich und mir beide holen«, sagte ich.
+
+Sie seufzte.
+
+»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«, warnte sie ängstlich.
+
+»Mutter, ~laß~ mir diese Hoffnungen! Die muß ich behalten, weil sie
+mich aufrecht halten. Ich klammere mich an die Hoffnung, daß Erika
+meine Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die letzte Planke.«
+
+»Und wenn sie ~nicht~ deine Frau wird und der Vater sie dir
+verweigert? Würdest du’s verwinden?«
+
+Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst voll ausdenken mußte ich
+diesen Gedanken. »Verwinden nicht, aber ich habe ein Kind, und die
+Sorge um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf, weiter zu leben
+und weiter zu arbeiten, Mutter.«
+
+Da stand die alte Frau auf, langte nach dem Bildchen meiner kleinen
+Marianne und sagte leise:
+
+»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind, du.«
+
+»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es wieder habe, Mutter?«
+
+»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.«
+
+— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine Großmutter! Eine
+Großmutter hast du, mein kleines Mariannchen, und deine Großmutter
+wird Strümpfe stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen und
+Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+So fahre ich also in die Heide. Am Heidbahnhof erwartete mich ein
+hochbeiniger, einfacher Heidewagen.
+
+Zwei wohlgenährte Schimmel davor. Es dauerte gar nicht lange, so war
+ich mitten drin in der weiten Heide.
+
+Ringsum ein Blühen und Duften im Flimmerglanz der Abendsonne.
+
+An stillen Teichen kam ich vorüber. An weißen Birken, deren zarte
+Zweige mit ihrem hellgrünen Blattschmuck leise schaukelten.
+
+An dunklen Wacholderstauden, die ernst wie Schildwachen standen. Und
+weit in der Ferne sah ich den Schäfer auf der Heide und vor ihm die
+Heidschnucken grasen.
+
+Scharf hob sich seine Gestalt in dem langen, dunklen Rock vom Glanz
+des Abendhimmels ab.
+
+Süß duftete das Lupinenfeld, an dem mich der kleine Wagen im mahlenden
+Sande langsam vorüber brachte, vorbei an der alten, zerzausten Kiefer
+mit dem aufwuchernden Baumgezweig um ihren Stamm; so kam ich näher und
+näher dem Heidhofe, wo meine Heideblume blüht. Immer purpurner wurde
+das Abendrot, immer schöner der Blütenreichtum. Und hier, ganz dicht
+am Wagen das Edelweiß der Heide, die liebliche Immortelle!
+
+Also, das ist deine Heimat, Heidkönigstochter! Hier bist du als Kind
+durch die Blüten gesprungen, hier hast du geträumt und gesonnen, hier
+bist du zur Jungfrau geworden. Um dich allein die Keuschheit dieser
+unendlichen Heide. Unberührt von dem Branden der Welt. Deine Welt, du
+stille Tochter der Heide, ist das Haus, in dem du mit fleißigen Händen
+waltest. Mit treuem Herzen, mit ewig gleichem Pflichtgefühl still und
+fromm und mit der Fröhlichkeit im Busen, die sich nie laut verkündet,
+die aber wärmt und reinen Glanz um sich verbreitet.
+
+Wie diese Heide hier.
+
+Von weitem sah ich inmitten der braunen Heide eine weiße Gestalt stehn.
+
+Klar hob sie sich ab in dem vergoldenden Glanz der Abendsonne.
+
+Wie Purpurglut lag es um sie und um das Kind auf ihrem Arm.
+
+»Ich will aussteigen, halt, steht, ihr Rößlein des Heidkönigs!« — — — —
+
+»So, nun fahrt zu, ich gehe zu Fuß bis zum Heidhof, dort den Fußweg
+quer durch die Heide.« Und so ging ich ihr entgegen, nach der ich
+mich heiß gesehnt hatte Tag und Nacht und wieder Nacht und Tag. Und
+die Tage und Nächte dieses langen Jahres sind langsam geschlichen,
+so unendlich langsam —. Sie kommt mir entgegen, bringt mein Kind
+mir zu! Klopf’ nicht so heftig, mein Herz! — Wer weiß, ob sie dir
+entgegengehen wollte. Ob es nicht ein bloßer Zufall ist, daß sie
+diesen Fußsteg geht.
+
+Ein Zufall? Ein bloßer Zufall? Törichter, furchtsamer Gesell, du weißt
+es, und dein Herz weiß es, daß es kein Zufall ist!
+
+Jetzt konnte ich fast ihr Gesicht erkennen. Ach, wie blüht die Heide
+so seltsam schön, wie duften die vielen tausend Heideblüten so seltsam
+süß an diesem Abend. Wie seltsam schön flimmert und glänzt es um mich
+herum. Kein Wunder, wenn die Heidkönigstochter durch ihre Heide geht.
+
+Immer näher kamen wir uns.
+
+Kein Berg, kein Tal lag zwischen uns, nur die weitsichtbare, stille,
+summende Heide.
+
+Die Luft war so klar, und dicht über der Ebene lag es so voller
+Flimmerglanz, daß wir uns schon ganz deutlich sahen, obwohl wir noch
+weit voneinander gingen. Wir dachten, ganz nahe schon beieinander zu
+sein, und waren noch weit entfernt.
+
+»Erika!« sagte ich gar nicht laut, und hätte es auch gar nicht laut
+rufen können in diesem Augenblick. Sie schritt unentwegt weiter, sie
+hatte es nicht gehört und konnte es wegen der Entfernung, die uns
+trennte, auch nicht hören.
+
+Ich sah, wie sie das Kind hoch auf ihrem Arm mir entgegenschwenkte,
+sah, wie das Kind jubelte und die kleinen Hände aneinanderpatschte,
+hörte aber keinen Laut. Mir war, als hätte eine Traumwelt mich
+eingesponnen. Wie ein Schlafwandler kam ich mir in dieser weiten Heide
+vor.
+
+»Erika!« rief ich nun, so laut ich konnte, und siehe es war
+Wirklichkeit, was mir entgegenkam, kein Traum.
+
+Deutlich hörte ich das Jubeln des Kindes. Da hätte ich hinknien können
+in die blühende, seltsame Heide und ihr danken, daß sie wirklich
+um mich herum blühte, daß ihre Blüten so schön waren, und daß die
+Heidkönigstochter wirklich mir, mir ganz allein entgegenkam.
+
+Und nun stand sie vor mir, und ich stand vor ihr. Keins sprach ein
+Wort. Aber das Kind lachte und angelte nach mir. Nach seinem Vater,
+den es doch gar nicht mehr kannte nach diesem langen Jahr.
+
+Sie reichte mir das Kind, und als es an meinem Halse hing, umfaßte ich
+auch sie und sagte leise: »Erika, nun bin ich bei dir in der Heide.«
+
+Da schlang sie ihre Arme um mich, und ich bog mich herab und küßte
+erst sie auf den noch unberührten Mädchenmund, und dann das Kind auf
+sein rosiges, halboffenes Mündchen. So standen wir beide mit dem Kinde
+auf unseren Armen im versinkenden Goldglanz der Sonne.
+
+Und um uns blühte die Heide.
+
+Weit, unendlich weit lag die Welt von uns ab. Wir brauchten keine
+Welt. Wir selbst waren uns unsere Welt.
+
+Meine ganze Welt waren nur diese beiden Menschen hier in der einsamen
+Heide.
+
+»Erika,« sagte ich zu ihr, die treu und still und voll Liebe zu mir
+aufsah, »Erika, bist du nun mein?«
+
+Da ging ein Zucken durch ihren Körper.
+
+Sanft löste sie sich aus meinen Armen, trat etwas auf die Seite und
+sah mich prüfend an.
+
+»Ich kann deinen Blick aushalten, Erika,« sprach ich, »immer werde ich
+deinem Blick standhalten können bis zum Tode, glaube es mir.«
+
+»Ich sehe es, und ich weiß es und wußte es, ehe du kamst, Lieber,«
+erwiderte sie; »aber du weißt, wie mein Vater darüber denkt.«
+
+»Dein Vater? Der Heidkönig?« fragte ich erschrocken; »wird er denn
+auch jetzt noch nicht seine Einwilligung geben zu unserer Vereinigung?«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Das hatte ich nicht gedacht und nicht erwartet«, sagte ich betrübt.
+
+»Du kennst uns Heidleute nicht,« sprach sie ernst; »sieh, auch ich
+hätte noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten, daß ich einst
+einwilligen würde, wirklich deine Frau zu werden. Aber dies eine Jahr
+der Trennung hat viel umgewandelt in mir. Das Jahr der Trennung und
+das Kind hier. Immer mehr fühlte ich von Tag zu Tag, wie meine Liebe
+zu dir wuchs, immer mehr fühlte ich, das ich nun gerade zu dir, dem
+Einsamen, Unglücklichen — denn du bist nicht glücklich, Lieber, auch
+wenn du’s dir nicht merken läßt — gehöre, immer kleiner erschien
+mir deine Schuld, immer mehr sah ich nun, wie brav und ehrlich du
+die Folgen deiner Verfehlung auf dich nahmst, und wie du dich über
+alles Reden hinweg zu deinem Kinde bekanntest, und immer mehr wuchs
+auch meine Liebe zu deinem mutterlosen, verlassenen Kinde. Und wenn
+ich mit dem kleinen Mariannchen über die Heide ging und um mich der
+Frieden und die Ruhe der Heide lagen, um mich die Bienen summten und
+die Schmetterlinge flogen, nach denen dein Kind vergnügt mit den
+Händchen haschte und glücklich dabei auf meinen Armen krähte, um mich
+der Sonnenglanz strahlte, unter dem diese einsame Gotteswelt träumte,
+da hielt ich Einkehr in mich, und diese Einkehr hier draußen in der
+stillen Heide hat mir viel, recht viel gesagt. Sie sagte mir, daß
+niemand, auch der beste Mensch nicht, vor einem Fehler sicher ist, ja,
+sie sagte mir, daß gerade oft die besten Menschen einen Fehler tun und
+ihn bereuen müssen. Denn bist du nicht der beste Mensch? Und hast du
+nicht deinen Fehler bereut und nach bester Kraft gutgemacht?«
+
+»Erika«, sagte ich erschüttert.
+
+»Laß mich noch reden, Lieber, es ist nötig, daß ich alles sage, was
+ich dir sagen wollte. Ich bin entschlossen, deine Frau zu werden. Gott
+wird verhüten, daß ich ohne den Segen meines Vaters aus dem Heidhof
+in das Haus des Mannes ziehen sollte, dem ich mich verpflichtet habe,
+in Treuen sein Weib zu werden. Ich weiß, ich würde das nie verwinden
+können, und in der Heide würde ich meine frohen Mädchenträume
+zurücklassen. In dein Haus brächte ich eine tiefe Trauer des Herzens.
+Darum, Lieber, bitte ich dich, überlege es dir ernst und prüfe alles,
+bevor du ein Weib nimmst, dem des Vaters Segen fehlt. Ich ~muß~, wenn
+du mir winkst, mit dir gehn. Meine Liebe zu dir, dem Manne, dem das
+Weib folgen und alles andere verlassen soll, treibt mich dazu und mein
+Wort, das ich Mariannen gab. Wie sollte ich denn anders diesem Kinde
+eine treue Mutter sein? Und nun komm. Der Heidhof erwartet dich.«
+
+»Wenn doch ein Wunder geschähe, daß deinem Vater seinen Sinn
+wandelte«, sagte ich traurig und schritt mit schwerem Schritt neben
+ihr.
+
+»Eine tiefe Trauer des Herzens,« hatte sie gesagt; ja, durfte ich sie
+denn gegen ihres Vaters Willen, ohne seinen Segen, gewaltsam lösen aus
+dem Heidhofe? —
+
+So standen wir bald vor der Tür des Heidhofes. Der Abendsonne letztes,
+versprühendes Leuchten zitterte über dem Gehöft, ach, alles Schöne
+vergeht und läßt uns nur ein letztes Leuchten zurück. Da tat sich die
+Tür auf, und der Heidkönig stand auf der Schwelle.
+
+Ich trat auf ihn zu und reichte ihm meine Hand. Ich konnte ihm noch
+keinen Gruß sagen, so bewegt hatten mich Erikas Worte.
+
+»Seien Sie willkommen!« sprach er nicht unfreundlich, und seine Augen,
+diese treuen und doch so klugen, forschenden Augen bohrten sich auf
+mein Gesicht.
+
+~Der~ Mann sah in die Herzen!
+
+Aber daß ich nicht bloß kam, um mein Kind mir nach Ablauf des Jahres
+aus dem Heidhofe zu holen, sagte er sich wohl selbst.
+
+Also galt sein forschender Blick ~mir~. Er wollte prüfen, was dieses
+Jahr aus mir gemacht hatte. Nun, diese Prüfung mußte ihn zufrieden
+stellen. Aber daß er diese Prüfung vornahm, legte ich mir günstig aus.
+Wozu denn erst solche Prüfung, wenn er doch fest entschlossen war, mir
+Erika nicht zu geben?!
+
+Zum erstenmal trat ich über die Schwelle des Heidhofes. Des Hauses,
+in dem Erika geboren und zur Jungfrau herangeblüht war. Ja, dieser
+Heidhof! In solchem Hause, solchen Räumen, solcher Umgebung mußte ja
+ganz von selbst ein Heidkönigstöchterlein heranblühen. An diesem Abend
+sprachen wir nur Alltägliches und für mich doch auch wieder ~nicht~
+Alltägliches zusammen.
+
+Wie in stillschweigender Verabredung sprachen wir noch nichts von dem
+Zweck meines Kommens.
+
+Freundlich, doch mit Zurückhaltung behandelte mich der Heidkönig als
+seinen Gast.
+
+Er zeigte mir den ganzen Heidhof.
+
+Diesen kleinen, in der Heide großen Fürstensitz, auf dem seit
+fünfhundert Jahren dasselbe Geschlecht saß.
+
+Zum alten Schäfer, der seine Heidschnucken schon hereingetrieben hatte
+aus der Heide, führte er mich zuerst. Die Heidschnuckenherde stand
+Tier an Tier, Wolle an Wolle um den uralten Steinbrunnen, der rechts
+im Hofe neben der ebenso uralten Eiche tief in die Erde gebohrt war.
+
+Ich fand alles so, wie’s mir Erika an dem einen Abend geschildert
+hatte. Den mächtigen Brunnenschwengel hoch an dem Eichenast verhakt;
+durch die Eichenblätter spülte von der Heide ein warmer Wind, der
+süßen Duft führte; der Schäfer stand an den rissigen, mächtigen Stamm
+gelehnt und strickte.
+
+Ab und zu blökte eines der Schafe, oder ein anderes brachte eine
+kleine Unruhe in die gesättigte Herde, indem es sich unartig zwischen
+den anderen durchdrängeln wollte.
+
+»Na, Peter?« sagte der Heidkönig.
+
+»All gut«, erwiderte der Alte und strickte kopfnickend weiter. Mich
+sah er kurz und scharf an. Ich merkte aber, nicht unfreundlich.
+Vielleicht weil ich ihm gleich meine Hand hingestreckt hatte, die er,
+einen Augenblick das Stricken unterbrechend, fest und derb mit der
+seinen ergriff.
+
+Dann flogen etwas schelmisch seine alten und doch scharfen Augen von
+mir auf Erika, die uns nachgekommen war. Er nickte ihr zu. Das schien
+sie zu freuen. Dann nickte sie ihm rasch wieder zu und zeigte mit
+einem verschämten Lächeln auf mich, während uns gerade der Heidkönig
+den Rücken zukehrte.
+
+Befriedigt nickte er, der Erika auf den Armen getragen hatte und ihren
+Vater hatte groß werden sehn.
+
+Gott sei Dank! Der Alte war mir gewogen. Ich hatte nur zu gut bemerkt,
+wie die Augen des Heidkönigs das Gesicht seines alten Schäfers
+musterten.
+
+Dem Alten gefiel nicht jeder. Erika hatte mir erzählt, daß er sein
+Mißfallen an jemanden recht drastisch zum Ausdruck zu bringen pflegte.
+Er ging dann mit bedächtigem Schritt auf die andere Seite der Eiche
+und ließ den Fremden stehn. Aber heute blieb er und nickte befriedigt
+vor sich hin. Ich hätte ihm um den Hals fallen können.
+
+Von dem Brunnen aus gingen wir nach der langen, riesigen, ganz aus
+Eichenbohlen erbauten Scheune mit der Wagenscheuer und von dort nach
+dem Schafstalle.
+
+Mittlerweile war es dunkel geworden.
+
+Nur fern am Saume der Heide, die sich hinter dem Garten weit, weit
+ausdehnte, glühte es noch rot. Ich trat an den Zaun heran. Erika
+stellte sich neben mich und lehnte sich gleich mir an den Zaun.
+
+Der Heidkönig hatte uns verlassen. Er wollte, wie er sagte, noch in
+den Pferdestall gehn und dort zum Rechten sehen.
+
+Erika lachte halblaut vor sich hin.
+
+Ich sah sie fragend an.
+
+»Das ist das einzige Mal, daß Vater lügt«, sagte sie lachend, und ein
+fröhliches Lachen war’s, mit dem sie das sagte.
+
+»Wieso?« fragte ich.
+
+Da lehnte sie sich an mich, hob sich ein wenig und flüsterte mir ins
+Ohr: »Zu deinem Kinde geht er, Lieber. Ja, wirklich, — freilich erst
+geht er in den Pferdestall, aber nur einen Augenblick bleibt er darin,
+dann geht der Heidkönig, verstohlen sich umschauend, Abend für Abend
+hinauf in meine Stube, wo dein Kind, das Mariannchen schläft, und dort
+sitzt er beim Schein der Lampe und guckt Abend für Abend sich das
+Kindchen an. Einmal hab’ ich ihn dabei erwischt, er wurde verlegen,
+und das hab’ ich ihm seitdem erspart und tue, als merkte ich’s nicht.
+Ach, Lieber, wie wird der stolze, schweigsame Heidkönig die Trennung
+von dem Kind überstehn! Ja, dieses Kind, dieses arme, liebe Kind wird
+uns das Glück bringen.« —
+
+Am nächsten Morgen saßen wir uns in der großen Wohnstube, die so
+heimisch und traut aussah, gegenüber. Der Heidkönig und ich.
+
+Er fing von selbst an.
+
+»Sie wollen heute wieder fort?« fragte er.
+
+»Ja«, sagte ich.
+
+Er schwieg.
+
+»Das Mariannchen ist tüchtig gewachsen und ein fröhliches Kind«,
+meinte er dann.
+
+»Ja, ich habe das Kind entbehrt, und nun will ich mir’s heim holen in
+mein verwaistes Forsthaus.«
+
+Wieder schwieg er.
+
+»Aber nicht wegen des Kindes allein bin ich hergekommen. Ich bitte
+Sie, daß Sie mir Erika zur Frau geben. Wir sind uns gut, Sie wissen
+es.«
+
+»Ich weiß es,« sagte er langsam, »und ich dachte mir, daß Sie diese
+Bitte heute aussprechen würden. Aber ich kann Ihnen Erika nicht zur
+Frau geben. Auch ~das~ habe ich Ihnen schon vor Jahresfrist gesagt.«
+
+»Ja, Sie hatten es mir gesagt, offen und ehrlich,« rief ich und
+stand auf; »aber man soll einem Menschen eines Fehlers wegen nicht
+unversöhnlich bleiben, sondern zur Versöhnung geneigt sein ...«
+
+»Ich stehe Ihnen nicht unversöhnlich gegenüber, nur meine Tochter kann
+ich einem nicht zur Frau geben, der ... der ...«
+
+»Der ein solches Kind sein eigen nennt«, sprach ich den Satz zu Ende,
+als er zögerte, und schob ihm die kleine Marianne hin. Er beugte sich
+herab, und das Kind legte seine Ärmchen um seinen Hals.
+
+»Ich kann es nicht, nein, ich tue es trotzdem nicht, sie kann seine
+Frau nicht werden«, sagte er zu dem Kinde und drückte es an sich. Und
+dann legte er seine rechte Hand schwer und wuchtig zur Faust geballt
+auf die Tischplatte. Das Mariannchen mochte glauben, daß er mit ihr
+wie sonst spielen wollte. Denn es tatschte mit seinen Fingerchen
+vergnügt auf dieser Faust herum und krähte laut und froh dabei.
+
+»Ich kann es nicht«, wiederholte er noch einmal und hielt das Kind
+fest an sich gepreßt.
+
+Da trat Erika zu ihrem Vater hinter dem großen Tisch und legte ihre
+linke Hand auf die silberbeschlagene Bibel, die auf dem Betstuhl am
+Tische lag. Die rechte Hand legte sie ihrem Vater auf die noch immer
+zusammengeballte Faust, die er eben schwer und wuchtig hatte auf die
+Tischplatte fallen lassen, und sagte zu ihm: »Vater, sag’, liebst du
+die Bibel und hältst du dich an alles, was in ihr geschrieben steht?«
+
+»Törichtes Kind,« erwiderte er, »was soll die Frage? Hast du jemals
+gesehn oder gehört, daß dein Vater auch nur ein einziges Bibelwort für
+unwahr hält?«
+
+Als er das gesagt hatte, schlug sie die Bibel auf und blätterte in
+ihr. So eifrig, daß sich ihre Wangen röteten. Nun hatte sie wohl
+gefunden, was sie suchte, denn sie nahm das schwere Buch und schob es
+ihm unter die Augen. »Hier, lies Vater«, bat sie und hielt auf eine
+Stelle des Blattes ihren Finger.
+
+Er beugte sich herab. »Lies es laut«, sagte sie sanft.
+
+Er las: »Und so wird es sein, daß das Weib ihren Vater und ihre
+Mutter verlassen wird und tut dem folgen, den sie sich hat gewählt zu
+ihrem Ehemanne, und tut wohl daran, daß sie ihm folgt, denn es steht
+geschrieben: Dein Wille sei mein Wille, und dein Haus sei fürder mein
+Haus.«
+
+Laut auf stöhnte der Heidkönig, als er das gelesen hatte.
+
+Er sank auf den Stuhl und schlug sich beide arbeitsfleißigen und
+arbeitsrissigen Hände vors Gesicht. Das Mariannchen fing leise zu
+weinen an. Er hielt das weinende Kind fest an seiner Brust.
+
+So saß er lange Zeit. Dann nahm er die Hände vom Gesicht und richtete
+sich auf. Aber zwei schwere Tränen rollten aus seinen Augen über die
+Backen herab.
+
+So hab’ ich einmal, ein einziges Mal den Heidkönig weinen gesehn.
+
+»Ziehe mit ihm und werde sein, meine Tochter«, sprach er ernst. »Aber
+nach Jahresfrist erst darfst du mit ihm ziehn und sein Weib werden.
+Nach Jahresfrist erst darf er wieder in den Heidhof kommen, keinen
+Tag eher. Das leg’ ich ihm auf; prüfen will ich und muß ich ihn, dem
+ich mein unberührtes Heidkind geben soll. Still, still, Kind«, sagte
+er, als Erika ihn am Arme faßte und zu ihm aufsehend bat: »Vater« —
+»still, meine Tochter, anders geb’ ich mein Kind nicht. Also hören
+Sie, Herr,« wandte er sich an mich, »Sie sollen heute über ein Jahr
+wieder hierher kommen und meine Tochter zur Hausfrau haben. Ein Jahr
+ist lang, und bis dahin ohne Sünde und brav und keusch leben, ist
+schon etwas. Geben Sie mir die Hand, daß Sie brav und keusch leben
+werden.«
+
+Ich gab ihm die Hand und sah ihn gerade und ohne mit der Wimper zu
+zucken an.
+
+Ich wußte ja, daß es kein Weib außer Erika mehr für mich gab.
+
+»Ist mir lieb, dieser Handdruck und dieser Blick«, sagte er
+freundlicher.
+
+»Noch eins,« unterbrach ich ihn, »es muß gesagt sein, was wird ...
+was soll aus meinem Kinde werden bis dahin?« Ich hatte es ganz leise
+gefragt. Ach, wer weiß, ob er nicht sagen würde; das müssen Sie
+fortgeben, das darf nicht dort sein, wo meine Tochter als Hausfrau
+schalten und walten wird? »Nie, nie,« schrie es in mir auf, »lasse ich
+mein Kind! Ich habe es ins Leben gesetzt, so muß ich es auch bewahren
+im Leben, solange es nötig ist.«
+
+Wie wenig kannte ich doch noch immer diese Menschen der Heide!
+
+»Ihr Kind?« sagte er, »nun das ist eine sonderbare Frage. Das Kind
+bleibt hier, bis Sie Erika sich holen. Dann bringt sie das Kind mit.
+Von dem Tage ab ist es ~ihr~ Kind, sie ist seine Mutter, und ich bin
+sein Großvater.«
+
+»Herr«, sagte ich tief ergriffen und drückte ihm seine harten, lieben
+Hände fest, ganz fest.
+
+»Aber was werden die Leute sagen, wenn das Kind hier bleibt, und wenn
+es dann mit Erika kommt?« sagte ich zaghaft.
+
+Da richtete er sich hoch auf.
+
+Er sah ordentlich vornehm aus, dieser einfache Mann des Heidhofes.
+
+»~Den~ möcht’ ich sehn, der es wagen würde, an des Heidkönigs Tochter
+auch nur in Gedanken sich zu versündigen. Nein, nein, ich sehe,
+wir Heidleute verstehn uns nicht mit euch Menschen, die ihr in den
+Städten wohnt und die Welt anders kennt, als wir sie kennen. — Erika,
+bedenke es wohl, ehe du dein väterliches Heidhaus mit dem Hause dessen
+vertauschst, den du dir zum Ehegatten erwählen willst.«
+
+»Ich ~habe~ es mir bedacht, Vater, ich habe ihm versprochen, seine
+Hausfrau in Treuen zu werden und diesem Kinde hier eine treue Mutter,
+auch der toten Mutter dieses Kindes habe ich’s versprochen, und du
+weißt, mein Vater, daß ein Heidkind die Treue, die es versprochen hat,
+hält«, antwortete sie, hob das Kind — mein Kind — aus der Wiege und
+drückte das schlafende, kleine Geschöpf an ihre Brust.
+
+Der Heidkönig sah prüfenden Auges auf dieses schöne Bild hin.
+
+»Ja, ein Heidkind hält die Treue, möchte meinem Heidkinde auch allzeit
+die Treue gehalten werden. Ich denke, er wird die Treue halten, seine
+Hand drückte die meine fest und warm«, sagte er wie zu sich selbst
+und nickte ernst mit dem Kopfe. »Nun hört Ihr beiden, die Ihr in
+Jahresfrist, von heut ab gerechnet, Mann und Weib sein werdet und
+untrennbar bis zur Todesstunde, hört jetzt meine ~zweite~ Bedingung.«
+
+Erika sah fragend mit erschrockenen Augen zu ihm auf.
+
+»Noch eine Bedingung nach dieser ersten, schweren?« fragte ich.
+
+»Ja,« gab der Heidkönig ruhig zur Antwort, »noch eine.«
+
+Er setzte sich in den hochlehnigen Stuhl.
+
+»Setzt euch,« gebot er uns, »ich muß weit ausholen, damit es euch klar
+wird, daß ich bei der Bedingung bleibe. Damit es Ihnen klar wird,«
+wandte er sich an mich, »da Sie uns Heidleute noch nicht kennen, um
+zu wissen, daß ein Heidbauer, und nichts anderes bin ich und will ich
+sein, seinen vom Vater und Vaters Vater her und Urahn her ererbten
+Heidhof so hoch hält wie sein eigen Kind. Der Heidhof ist ihm heilig
+und nichts schmerzt den Heidhofbauern mehr, als wenn er stirbt
+und er weiß, daß sein Heidhof dereinst in fremde Hände kommt. Wir
+Heidhofleute sitzen hier auf diesem Hofe seit fünfhundert Jahren. Eine
+hübsche Zeit, was?«
+
+Ich nickte.
+
+»Ja, seit fünfhundert Jahren. Und jeder, der den Heidhof übernahm,
+ist hier groß geworden. Hat hier als Kind gespielt im Schatten der
+Linden und Eichen, hat vom Vater gelernt, den Heidhof zu verstehn,
+denn der Heidhof will verstanden werden. Drum hat es sich auch
+fortgeerbt vom Urahn auf Ahn, vom Ahn auf Großvater, vom Großvater auf
+Vater, vom Vater auf Sohn, daß der jeweilige Erbe des Heidhofs hier
+erzogen wird.
+
+Der Erbe des Heidhofes ist dein erster, dein ältester Sohn, Erika, den
+du haben wirst. Darum verlange ich dein und deines Mannes Versprechen
+jetzt, in dieser Stunde, daß ihr mir euren erstgeborenen Sohn
+überbringt. Ich will ihn zum Heidhoferben erziehn, er soll, mach’ ich
+die alten Augen zu, Heidkönig werden.«
+
+Ich blickte heimlich zu Erika hinüber.
+
+Wie? Vor ihm, dem Mädchen, verhandelte der Alte das? Was wird Erika
+tun? In meiner Gegenwart vor ihren keuschen Ohren das? Ich erwartete,
+daß sie blutrot werden und keine Antwort geben würde. Aber siehe:
+ruhig nahm sie das Wort. Es war ja in »Zucht und Ehren«, was hier
+besprochen wurde. Ja, ja, ihr Heidemädchen, auch ~euch~ muß man erst
+ganz verstehn!
+
+»Ich sehe ein, Vater, daß du recht hast, der Bube muß hier sein, um
+den Heidhof liebzugewinnen, es geht nicht anders«, sagte sie.
+
+Klar und ruhig fielen ihre Worte.
+
+»Freut mich, daß du es einsiehst, Kind,« brummte er, »hab’s nicht
+anders erwartet. Bis jetzt war der erste stets ein Bub, und es wird
+wieder so sein, darauf hat der Hof des Heidkönigs ein Recht.«
+
+Jetzt sah mich der Alte an. »Nun?« fragte er.
+
+Ich zögerte mit der Antwort.
+
+»Überlegen Sie sich’s in Ruhe, nachher sagen Sie mir Bescheid«, sagte
+er freundlich und stand auf.
+
+»Hier, meine Hand, mein erster Bub dem Heidkönig!« rief ich fröhlich
+lachend. Wirklich, ich lachte ganz herzlich und vergnügt. Sollte ich
+meinen ersten Buben um den schönen Heidhof bringen?
+
+»Ich glaube, daß ich in einem Jahre beinahe ohne Sorge meine Erika
+Ihnen geben werde«, sagte er.
+
+»Also, unser erster Bub wird Heidkönig?« sagte ich dann scherzend zu
+Erika. Da sah sie mich tief errötend und ängstlich an und wandte sich
+ohne ein Wort der Erwiderung fort. Ich Tölpel! Werde ich denn nie
+diese Heidleute kennenlernen?
+
+»In Zucht und Ehren darf so etwas besprochen werden; das finden diese
+Heidmenschen des vorherigen Besprechens wert und notwendig. Es wird
+aber unnatürlich und frivol, sobald man darüber außerhalb des Rahmens
+der notwendigen Besprechung und Vereinbarung scherzt.
+
+Bei den Menschen der Heide herrscht noch unverfälschte, keusche Natur
+und Herzenseinfalt. Und darum Hoheit und Treue und Ernst, sobald
+Ernstes besprochen werden muß. So fest und stark wie ein starker,
+fester Eichenstamm. Meine Hand würde ich jederzeit für die Treue
+meiner Hausfrau Erika vom Wegbergshofe ins Feuer legen.
+
+Ja, solche Frau macht die Ehe zu einem Heiligtum. Solche Frau atmet
+den Räumen des Hauses, in dem sie waltet, die Reinheit und Treue ein,
+die ihr ganzes Wesen erfüllt. Solche Frau ist ein sicherer Hafen nach
+den Stürmen, die der Lebenskampf dem Manne bringt. Ist ein Hafen der
+Ruhe für des Mannes eigenes, wildbewegtes Herz.
+
+O, Erika, bist du erst meine Hausfrau, dann wird der goldene Frieden
+in meinem Hause sein. Wenn ich dich sehen werde, werde ich die
+einsame, unberührte Heide sehn, wenn meine Arme dich umfangen werden,
+werde ich wie ein froher Forstbub an dem treuen Busen wie in der in
+scheuer Schöne und holder Keuschheit blühenden Heide ruhn.
+
+Du hast nicht Mariannens verzehrende Glut, die mich widerstandslos
+gegen ihre flammende Schönheit machte, aber du hast dafür eine Welt
+von einfacher Güte und hingebender Treue. Solche Güte, solche Treue
+erhalten dem Manne die Kraft, im Leben felsenfest zu stehn und bis
+zum Ende auszuharren in dem Kampfe, den Welt und Leben von selbst mit
+sich bringen. Wie werde ich zu dir flüchten, bin ich zerzaust worden
+draußen! Wie wird mich deine Ruhe, dein Frieden, dein ganzes liebes
+Wesen aufrichten und wieder festigen. Wie eine Mutter wirst du mir
+sein, in deren Schoß der Forstbub seinen Kopf legen darf zu jeder
+Stunde.
+
+Du wirst meiner alten Mutter eine Tochter nach ihrem Herzen sein. Weil
+du so vieles mit der alten, treuen Frau, die ich Mutter nennen darf,
+gemeinsam hast. Nie hätte sie Marianne verstanden. Aber nun werde ich
+nur heimlich noch an Marianne denken dürfen. Ich ~will~ an sie denken,
+trotzdem ich Erika gefunden habe. Denn Marianne ist doch die Mutter
+meines kleinen, lieben, herzigen Mariandels! Aber Erika soll es nicht
+merken, daß ich in stiller Stunde auch an Marianne denken will. Jedes
+Jahr will ich heimlich einen Kranz auf ihr Grab legen. Es wird sich
+schon machen lassen, daß Erika nichts davon merkt. Es müßte sie doch
+verletzen.«
+
+Unter der Linde vor dem Heidhof saß ich, als ich das mit mir besprach.
+Da trat Erika mit meinem Mariandel auf dem Arm aus der Tür des
+Heidhauses und kam zu mir hin.
+
+Das kleine Mariandel krähte so lustig wie ein junges Hähnchen auf
+den Armen seiner ... Mutter. »Armes Hähnchen, deine Mutter ist tot«,
+dachte ich und sah sinnend zu meinem Kinde auf.
+
+»Ich wollte dir noch etwas sagen, und ich soll es dir sagen, hat mein
+Vater mir befohlen, bevor du fährst«, begann Erika, setzte sich neben
+mich und gab mir das Mariandel auf die Knie.
+
+»Wegen dieses Kindes muß ich noch mit dir sprechen, so will es mein
+Vater, und so will ich’s.«
+
+»Was denn, Erika?« fragte ich beklommen.
+
+»Sieh Lieber,« sagte sie ruhig und freundlich »ich will diesem Kinde
+eine treue Mutter sein, und ich habe es so lieb schon wie ein eigenes
+Kind. Wir wollen es großziehn und zu einem guten Menschen machen. Aber
+eines müssen wir noch miteinander besprechen. Ich glaube, es wäre
+nicht gut, dem Mariandel, solange es ein unverständiges Kind ist, zu
+sagen, daß ich nicht seine Mutter bin. Ist es groß und verständig,
+dann halte ich’s für recht, daß wir’s ihm sagen. Daß wir ihm sagen:
+›Hör’, deine rechte Mutter, die dich geboren hat, ist tot.‹ Und damit
+es dann nicht davor erschrickt, so bitte ich dich heute, daß du mit
+mir und dem Mariandel jedes Jahr an Mariannens Todestag zu ihrem Grabe
+fährst. Dort wollen wir zusammen ihr Grab recht schön schmücken und
+dem Kinde von ihr Liebes und Gutes erzählen; wir wollen ihrer immer
+in Liebe, nur in Liebe gedenken. Denn ich weiß, sie hatte dich lieb,
+und es war doch ~auch~ ein armes, verlassenes Kind der Straße. Du
+darfst sie auch nie vergessen um dieses Kindes willen hier. Und das
+läßt dir der Heidkönig durch mich sagen.«
+
+»Erika!« schrie ich auf, kniete mich vor sie hin und umschlang sie und
+das Kind mit meinen Armen.
+
+»Erika!« sagte ich noch einmal leise und verbarg mein Gesicht in ihrem
+Gewand.
+
+»Was hast du denn, Lieber?« fragte sie in ihrer so unbeschreiblich
+gütigen Art und fuhr mir sanft mit ihren Fingern übers Haar. Und
+das Kind krähte vergnügt und zog mich so derb am Haar, daß ich
+unwillkürlich »au« schreien mußte.
+
+Da lachte sie und meinte: »Zupf’ ihn tüchtig, Mariandel, hörst du,
+zupf’ ihn tüchtig, denn gleich muß er fort von uns, und dann können
+wir ihn nicht mehr zupfen.«
+
+»Erika, ihr Heidleute seid schwer zu verstehn, o du mein liebes,
+treues Weib, wenn ich erst an deinem treuen Herzen werde ruhn können.«
+
+Sie verbarg unter einem Lachen ihre Abschiedsstimmung.
+
+»Laß gut sein, Lieber, dann halten wir beiden dich fest, nicht wahr,
+Mariandel?«
+
+Und während das Kind vor Lust und Freude krähte und Erika es mir zum
+Kuß reichte, und ich sie und das Kind küßte, fuhr der bockbeinige,
+steife Heidhofwagen, der einen durcheinanderschüttelt wie einen Sack
+voll trockener Pflaumen, vor die Tür unter den alten Lindenbaum,
+der Heidkönig trat zu uns und sagte: »Nun, es wird Zeit, und der
+Zug wartet nicht«; ich gab dem alten, schlichten Manne die Hand,
+stieg unter Lebensgefahr auf die hohe, federlose Kalesche, sagte:
+»Adieu also, Herr Heidkönig und auf Wiedersehn übers Jahr!« Der alte,
+verwitterte Knecht vorn auf dem Kutschbock ließ die Peitsche knallen
+und rief: »Hüdjüß!«, die beiden wohlgenährten Heidkönigschimmel zogen
+an, ich sah zurück, da stand Erika und hielt mein Kind an ihrem
+Herzen, da stand sie und weinte still in des Kindchens Kleid hinein,
+und mein und Mariannens Kind schlenkerte vergnügt mit den Ärmchen in
+die Luft, als ob’s fliegen, mir nachfliegen wollte in mein fernes
+Heimatland Schlesien hinein.
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+Wartet nur, ihr beiden, übers Jahr hol’ ich euch, und dann werden zwei
+liebe Menschenkinder ~mehr~ im lieben Schlesien sein. —
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+[Illustration]
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+ Die Märcheninsel
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+ Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen
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+ von Capri
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+ Nach mündlichen Mitteilungen
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+ von
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+ Heinrich Zschalig
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+Es ist ein köstliches Buch, das hier dem deutschen Volke gegeben
+wird. Der ganze Zauber des märchenhaften kleinen Mittelmeereilandes
+entfaltet sich in dieser Sammlung, wie eine wundersame, duftgesättigte
+Blüte. Der Volkscharakter der tanz- und sangesfrohen Capresen spiegelt
+sich in diesen Märchen, Legenden und Liedern und macht das Werk zu
+einer Quelle des Genusses, nicht nur für die Kenner der sagenumwobenen
+Insel und den Wissenschaftler, sondern auch für alle Leser, die ihre
+Freude an der üppigen Phantasie des Volkes haben.
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+Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 ***