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diff --git a/76240-0.txt b/76240-0.txt new file mode 100644 index 0000000..5f695cc --- /dev/null +++ b/76240-0.txt @@ -0,0 +1,5850 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 *** + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + gesperrt: ~Tilden~ + Antiqua: _Unterstriche_ + + Typographische Fehler sind stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche + und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem + Original unverändert. + + + + + [Illustration: Die bunte Reihe der Deutschen Buchwerkstätten] + + + [Illustration] + + + Die Kauzburg + + Roman aus dem Tagebuch eines Freundes von Hans Kaboth + + [Illustration] + + Verlag Deutsche Buchwerkstätten + Dresden + + + ~Alle Rechte vorbehalten / Copyright 1925 by + Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden~ + + [Illustration] + + Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co., Altenburg, Thür. + ~Buchausstattung von Käte Vesper-Waentig~ + + + + +[Illustration] + +Da bin ich nun in meiner neuen Heimat. Was sag’ ich: Heimat? .... In +meiner neuen Fremde bin ich. Ein kleines Städtchen ist’s, an einem +Fluß gelegen, hoch wie ein Storchennest. + +In meinem Forsthause sitze ich nun und schreibe. Zum erstenmal in +dieses Tagebuch, seit ich hier bin. + +Es gab mit dem Einrichten so viel zu tun, daß ich nicht zum Schreiben +kam. + +Dazu noch der neue Dienst — kurzum, es kam nicht dazu. Noch ist mir +alles so neu, so seltsam, daß ich mich an der Nasenspitze zupfen und +fragen möchte: ist’s ein Traum oder ist’s Wirklichkeit? + +Ist’s Wirklichkeit, daß mein Forsthaus ein altes ritterliches +Ordenshaus, eine echte, aus dicken Steinmauern vor einigen hundert +Jahren erbaute Burg ist, oder träume ich nur? + +Der Fluß rauscht tief unter den Mauern meiner ritterlichen Forstburg +vorbei und läßt die Fische springen, ein Käuzlein ruft sein Huhu und +streicht unhörbar wie ein Geist — vielleicht der Geist eines einstigen +Ritters oder Mönchs — ums Mauerwerk meiner Burg. Täuscht mich nicht +alles, so hör’ ich den Forstlehrling schnarchen in seinem Kämmerlein. +Der Hahn hat soeben gekräht. Mein Haushahn ist’s, ein echter +Italiener. Ein Hund hat gebellt. Der Nachtrat tutet die Mitternacht +ein und schlürft die Straßen des Städtleins hinab. Ein Duften, ganz +weich und linde, zieht in mein offenes Fenster; »’s ist Frühling«, +ruft es mir zu, die roten Mauerrosen ranken am steinernen Tor, an +der steinernen Mauer, die meinen Garten umschließt. O Waldkauz, ich +fühle dir nach, warum du des Nachts die Mäuslein fängst und den Tag +verschläfst! Es steckt Poesie in einer solchen Vollmondnacht! Poesie +steckt auch in meiner Forstburg, und das versöhnt mich mit dem alten +Gemäuer. + +Mit Waldkauzgefühlen, Waldkauzaugen betrachte ich den alten Kasten, +betrachte ich die Mäuse, die ungeniert um meinen Schreibtisch tanzen. + +Es ist Vollmondnacht, und unten, tief unten rauscht der Fluß vorbei. +Wenn seine Flut an die hohen Steinpfeiler der großen Brücke drängt, +dann rauscht diese Flut zürnend auf, dann wirft sie silbernen Brodel +und silbernes Geschäum, wie ein Roß, das in den Zügeln schäumt. Ich +kann’s von hier oben sehn. Ich kann den Spiegel des Flusses sehn, kann +sehn, wie er glänzt und gleißt unter den hellen, sanften Strahlen +des Vollmonds, der dort hoch oben im Nachthimmel hängt und langsam +weiterschwebt. Mit einem milden Lächeln. Er ist erhaben über das +kleine Weh der kleinen Mutter Erde. Er weint nicht mit, wenn Mutter +Erde weint, nicht mit, wenn ihre Kleinen weinen. Er lächelt ewig, ewig +sein gleiches Lächeln. Manchmal mit vollem Gesicht, manchmal nur mit +der linken oder rechten Backe. Auch das ist schon genug, um sich an +ihm zu erfreuen. Um ihm heraufzurufen: sei gegrüßt, Freund Mond, du +einsamer Kauz dort oben! Lächle herab auf dieses kleine Städtlein, +lächle herab auf meine Forstburg hier. Du gehörst zu solcher alten +Burg, zu solchem Garten mit tausendjährigen Bäumen, mit aufgetürmtem +und verwestem Laube, zu solcher Steinmauer und solchem Steintor, in +dessen Wölbung es hohl klingt, schreitet man hindurch. + +Wie ward mir zumute, als ich das erstemal durch diese Steinwölbung +schritt. + +Kalt wehte es mich an aus all dem Steinwerk längst vergangener Zeit. + +Als sich der schwere eiserne Torflügel krachend hinter mir schloß, da +schien’s mir, als brächen sich tausend dumpfe Stimmen im dröhnenden, +dumpfen Widerhall. »Eingesargt, lebend begraben«, höhnten die Stimmen, +»laß alles hinter dir, was du liebst und haßt«, tönte es aus der +großen Halle des Hauses, »ich halte dich fest und gebe dich nicht mehr +heraus«, hauchte mich kalt der Atem des toten Ritters an, der zwischen +zwei Mauern dieses Hauses seit dreihundert Jahren stehen soll, selbst +zu Stein geworden. »Huhu, huhu«, schrien die beiden Käuzlein, die ich +aus ihrem Schlafe aufscheuchte — »verdammtes Gezücht!«, schimpfte ich +und schwang meinen Jägerhut von der feuchten Stirn, »Otterngezücht und +Raubgesindel, laßt mich zufrieden! Ein Jäger bin ich, ein Grünrock, +leben will ich noch hundert Jahre. Der Wald wird mich schützen, mein +grüner Rock wird meine Schutzhülle sein, auch hier in diesem alten +Steingemäuer, das nun mein Forsthaus werden soll!« Aber mein Herz +sprach anders als mein Mund. Auf mein Waldherz legten sich all die +schweren, großen Steine und Steinplatten dieses alten Ritterbaues. +»Mein Gott, das soll ein Forsthaus sein?« sprach des Jägers Herz und +zog sich zusammen, »rings um den Garten eine hohe Mauer aus Steinen, +die Titanen zusammengefügt zu haben scheinen?« Vor mir die Steinburg +selber, aus deren Halle mir’s wie dumpfe Grabluft entgegenwehte, +links neben der Burg ein Steinbau, hoch genug, daß man nicht darüber +äugen konnte, — er wölbte sich — wie die Städter behaupten — über dem +unterirdischen Gange, der von hier aus unter der Stadt hindurch, den +Abhang hinab bis ans Flußbett der Eder sich ziehen sollte, im Garten +der zugeschüttete, kreisrunde Brunnen, von dem der Steinring noch +stand. Hinter der Wohnburg der wildromantische Hauptgarten mit seinem +schier undurchdringlichen Gestrüpp und tausendjährigem Baumwuchs, und +hinter dem Garten, als Abschluß von aller Außenwelt, die unheimlich +hohe und wie ein Pfeil nach oben zugespitzte Seitenmauer des einstigen +Ritterschlosses. »Ein Mönch müßte ich sein, kein Grünrock, dann paßte +ich hierher«, seufzte ich auf und trat durchs hohe Hausportal in den +großen Flur. + +Eine steinerne Treppe führte nach oben. + +Ich stieg hinauf und stand nun oben in den leeren hohen Stuben. +Winzige Türen führten von einem Raume in den andern. Um so winziger +sahen die Türen aus, da sie fast sechs Meter hohe Stuben miteinander +verbanden. + +Das erste lebende Wesen, das mir hier oben entgegensprang, war eine +Maus. Eine dicke, fette Maus. Neugierig sah sie mich mit ihren blanken +Augen an. Furchtlos blieb sie mitten in der Stube vor mir sitzen. Ich +war der Eindringling, sie die Bewohnerin. Meinen grünen Jagdhut zog +ich vom Kopf, wie sich’s gehört vor solcher Ordensmaus: »Verzeih’ +die Störung, ahnenreiche, vornehm geborene Maus, ich bin der neue +Oberförster, der sein Forsthaus besichtigt, und morgen kommen die +Möbel«, sagte ich frischweg, um ihr gleich klarzumachen, worum es sich +handelt. Sie schwieg und sah mich neugierig mit blanken Mausaugen an. + +»Du bist erstaunt, teure Maus«, fuhr ich fort, »ich sehe es deinen +Augen an, die mich neugierig mustern, wie man einen Weinreisenden +mustert, der zum ersten Male unser Haus betritt. So wisse denn, daß +ich nicht weniger erstaunt bin, dich hier zu sehen. Leer glaubte ich +dies Haus zu finden, nun finde ich’s bewohnt von unten bis oben. Unten +in der Halle glühten mich die Augen einiger Waldkäuze, die ich aus +ihrem Schlafe weckte, nicht gerade freundlich an, hier oben finde ich +dich mit deiner anscheinend recht zahlreichen Familie vor, denn wie +ich sehe, äugt aus jedem Mauerloch ein zierliches Mausköpflein nach +mir hin, und oben im Dachgeschoß sitzt ein Volk von Tauben, ich hörte +sie beim Hinaufsteigen gurren und locken und sah sie flattern und +fliegen.« — — — + +»Teure Maus,« fuhr ich nach einigem Zögern fort, da sie noch immer +schwieg, »nimm von mir die Versicherung entgegen, daß ich die alten +Rechte der bisherigen Bewohner, soweit es geht, respektieren +werde. Euch, werte Mäuse: die Löcher, mir: der übrige Raum des +Hauses! So begrüße ich dich denn als die Vertreterin des mir teuren +Mausgeschlechtes, mit dem ich mich schon von meinen früheren +forstlichen Wanderungen her in alten Forstwirtshäusern, Förstereien +und Waldwärtereien, Jagdhütten und Jagdverstecken freundschaftliche +Beziehungen verknüpfen. Freundschaft wollen wir halten, solange ich +hier hausen werde, und daß von eurer Seite diese Freundschaft, die ich +euch entgegenbringe, nicht zu sehr ausgenutzt wird, dafür, teure Maus, +wird der Waldkauz sorgen, der mich besuchen kommt.« Das schien ihr +unangenehm zu sein; die Diele knarrte unter meinem Fuß: husch, husch, +waren alle Mäuse verschwunden. + +[Illustration] + +So nehme ich denn Besitz von diesem Hause. Ich, der Grünrock, von der +einstigen Ordensburg. »Kauzburg« will ich sie nennen. Bleibt ruhig +wohnen hier, ihr Käuze, Mäuse und Tauben. Schränkt euch ein wenig ein +in eurer Freiheit, so wird es gehn. Eine Katze will ich mir halten und +einen Hund. Seht zu, daß ihr ihnen entwischt. — + +Seitdem sind Wochen vergangen. Kahl lag die Gartenmauer da, als ich +einzog; jetzt ranken die blühenden Kletterrosen in allen Ritzen. +Goldregengesträuch mit den gelben giftigen Blütentrauben steht in den +Ecken des Hofes vor dem Hause, der Flieder blüht weiß und rot und lila +und vergeudet üppig schwülen Duft, ein alter Rotdorn streckt seine +rote Blütenpracht bis ins Fenster zu mir hinein, die Haselsträucher +setzen Nüsse an, der alte Nußbaum wird wieder jung im jungen Frühling, +die Meisen zirpen, der Pirol lockt, die Finken schlagen, und der +Kuckuck ruft. Selbst Spechte, die scheuen Waldvögel, hab’ ich in +meinem Garten. + +Und siehe da, die Steinmauern bekamen Leben. Überall grünte es aus +den Ritzen hervor. Selbst zwischen den altersgrauen Steinen, mit +denen der Burghof gepflastert ist, sproßt das Gras. Ist das das alte +Steingeröll, in dem ich hause? Vor dem mir grauste, als ich’s sah? +Dornröschens Märchenschloß bewohn’ ich jetzt. Nur das Dornröslein +fehlt mir noch. Oder wie? Bin ich nicht undankbar und ungerecht? +Schlürft nicht tagaus tagein meine Wirtin durch die hohen Räume des +Dornröschenschlosses? Sieht sie nicht schlafestrunken, verschlafen und +wie ein Dornröschen aus nach tausendjährigem Schlaf? Ach, allzuviel +von dem Dörnlein, und allzuwenig von dem Röslein hat meine Wirtin. + +Laß gut sein, tapferes Junggesellen-Jägerherz, du bist ja nicht +verheiratet mit diesem Dornröschen. Leicht kannst du dies Röslein +gegen ein neues vertauschen. Es blühen so viele Röslein draußen, die +gerne in solche Forstburg ziehn. + +Frühlingsmondnacht glänzt wie ein Schleiergewand aus gleißendem +Silberschein um meine Kauzburg. Ans stille Fenster bin ich getreten +und habe hinausgeblickt in diese stille Nacht. Nachtstimmen raunten an +mir vorüber. Die Blumen sprechen, und der Frühling singt ein Lied. Wie +ein Kosen lacht es verstohlen aus dem Mondglanz zu mir herein. Wie ein +Kosen huscht es von Blüte zu Blüte, wie ein Kosen tönt des Flüßchens +Rauschen zu mir hinauf. + +Der fernen schlesischen Heimat muß ich gedenken. Hoch oben am +nächtlichen Himmel ziehn große Vögel hin. Aha, Wildgänse sind’s, ich +hör’ sie rufen. Wie wunderbar klingt doch ihr heiseres Krächzen in +dieser stillen Nacht. Wie wunderlich harmonisch klingt es in diesen +stillen Frühlingszauber hinein. Verspätete Wildgänse. War eines von +euch flügellahm geworden unterwegs? Und habt ihr getreulich ausgeharrt +bei eurem kranken Weggenossen? Dort, wo ihr herkommt, liegt ja +Schlesien! So bringt ihr Grüße der Heimat! Ihr schnellen Segler der +Nacht! Wie kleine Punkte seh’ ich euch nur noch schweben. Nachthimmel +nimmt euch auf. Der unendliche Raum, in dem ihr meinen spähenden Augen +entschwindet. + +Gute Nacht, gute Nacht! + +[Illustration] + +Immer siegreicher kämpft der Frühling um meine Kauzburg. Wie ein König +ist er eingezogen in meinen großen ummauerten Burggarten. + +Aus dem hoch angewehten, verwesenden Laube, das in dem Buschwerk +liegt, sproßt es in allen Farben. Maiglöckchenduft hängt am Gebüsch, +noch hab’ ich die Spender nicht entdeckt in diesem Chaos von wildem +Gerank, auch die Nachtigallen kann ich nicht erspähn in diesem +verschlungnen Gesträuch. Nur singen und pfeifen höre ich sie, nur +den Duft der Maiglöckchen spür’ ich. Wozu denn auch sehn, wer so +viel Schönes verschenkt? Freu’ dich der Schönheit, daß sie sich dir +schenkt, und spüre ihr nicht nach. Deine Feder, kleine schlesische +Nachtigall, habe ich heute hervorgekramt; mit deiner Feder will +ich heute schreiben. Während die Nachtigallen der Fremde, in der +mein Heim, das ich bewohne, liegt, um mich den Reigen ihrer holden +liebedurchglühten Sangeslust schlingen, während aus ihren Kehlen die +klangtiefen Töne schmelzend wie flüssiges Gold, das in dem heimlichen, +verborgenen Schachte tropft, mich umschmeicheln, will ich mit deiner +Feder schreiben. Oder tönt der liebliche Sang, den ich zu hören meine, +aus deinem Kiel zu meinem lauschenden Ohr? Bist du es, Sängerin der +fernen Heimat, die mir die schönen Lieder in der Fremde singt? Hätte +ich wirklich nicht nur aus deinem kleinen Vogelleibe diese Feder +gerupft? Hätt’ ich die liebe kleine Sängerseele am Ende selber mit +mir fortgenommen? Wie? Träume ich denn? Oder bist du es selbst, mein +graues Vöglein, aus Schlesiens dunklem Walde, das aus dem holden Kiele +schlüpfte und nun dicht vor mir sitzt auf meiner Schreibtischplatte? +So singe, so singe! Die Hände falte ich und höre dir zu. — — — + +Ich höre dich singen, Marianne, ja, ich höre dich singen. Seit der +Stunde, da du in dieses Forsthaus, in meine Kauzburg, gekommen bist, +von dem Augenblicke an, wo deine leichten Füße über die breiten, +schweren Steinstufen gazellenleicht hinaufgeeilt sind, fast von dem +Augenblicke an hat dein fröhlicher Sang die hohen Räume dieses Hauses +belebt. + +Wenn ich dich, kleine Marianne, mit meiner Wirtin zusammensehe, wenn +ich sehe, wie du ihr hilfst und das Feuerlein frühzeitig anbläst +mit deinen kirschroten Lippen, dann kommt es mir vor, als hätt’ ich +zu einem Uhu eine Nachtigall eingesperrt. Ich brauche gar keine +Nachtigall mehr, seitdem du in der Kauzburg bist. + +Man sagte mir, du seiest ein Kind der Straße, als ich dich mietete. +Nun gut: dann hatte die Straße das schönste Kind, das je gezeugt war +auf dieser Erde. + +Seit drei Wochen habe ich dieses Kind der Straße in meiner Forstburg. +Meine Wirtin klagte über zu viel Arbeit. Drum hielt ich Ausschau nach +einem Mädchen zur Aushilfe. So kam Marianne ins Haus. Ich erschrak, +als ich sie sah. So viel Schönheit von der Straße aufgelesen! Staub +hatte ich auf der Straße hier schon genug gesehn, daß solche Schönheit +im Straßenstaube blühn konnte, hätte ich nimmer gedacht. Rose bleibt +Rose im düsteren Straßenwinkel, hinter dem blindesten Kellerfenster. + +Ich erschrak, als es an der Tür klopfte, auf mein »Herein« die +Tür sich auftat und nun das Mädchen, dieses Mädchen in die Stube +hereintrat. Ein dunkles Augenpaar, groß und tief und glänzend, sah +mich an, halb furchtsam und scheu, halb trotzig und bittend, halb +lachend und halb voll unbestimmter sehnsuchtsvoller Schwermut. Darüber +die weiße niedrige Stirn und über der das rote Haargewoge. War’s die +Sonne, die rote Flecke in ihr Haar warf? Aber das Rote blieb auch +im Schatten der Wand. Ein wunderbares Rot. Kein flammendes, grelles +Rot, nein, wie ein roter Goldhauch lag’s in dem Haar, in jeder +seidenweichen Strähne. »Wie heißen Sie?« fragte ich kurz. »Marianne«, +antwortete sie und schwieg. »Was sind Ihre Eltern?« — »Ich habe keine +Eltern.« »Wer waren Ihre Eltern?« — »Ich weiß nicht.« + +Und nun ist Marianne, das Kind der Straße, schon drei Wochen in meiner +Burg. + +Meine Wirtin mag sie nicht leiden, ich weiß es. Sie hat wiederholt +bei mir Versuche gemacht, das Mädchen los zu werden. Sie schimpft und +sucht sie schlecht zu machen bei mir. + +Marianne ist ein wunderliches Menschlein. Sie ist nicht zuverlässig in +ihrer Arbeit und treibt sich lieber draußen im Frühling und lockenden +Sonnenschein herum. + +Sie singt und stört die Ruhe der Kauzburg, ich weiß es. Himmel noch +eins! Ich weiß es! Ich weiß es! + +Sie stört die Ruhe der Kauzburg, meine Ruhe stört sie mit ihrem Singen. + +Mit ihrem roten Haar stört sie mich, ihre dunklen, tiefen Augen stören +mich. + +Mädchen, Kind der Straße, du mußt fort, bald fort aus der Kauzburg, +fort aus meiner Nähe mußt du. Froh bin ich, wenn ich dein Singen höre, +seh’ ich dein rotes Haar, blicke ich in deine dunklen Augen. Wo darfst +du denn fort, du armes Kind der Straße, wo werde ich dich denn wie ein +wildes Tier auf die Straße werfen, nein, nein, in der Kauzburg bei +mir mußt du bleiben! + +So hab’ ich also eine Nachtigall in meinem Hause. + +Aber es ist kein graues unscheinbares Vöglein, nein, ein Paradiesvogel +an Schönheit ist diese Nachtigall. + +[Illustration] + + + + +Krähen sitzen auf sonnenhellen Feldern. Krähen sitzen dort und +krächzen, fliegen mit schweren, schwarzen Flügeln auf die nächsten +Pappeln, wenn mein Wagen ihnen zu dicht auf den schwarzen Krähenleib +rückt, und fliegen — kaum bin ich vorbei — ebenso schwarz, ebenso +schwer, ebenso krächzend, ins Saatfeld hinab. Ich bin auf der Fahrt +in meinen Wald. Es war Spätnachmittag, als ich nach Hause fuhr. Einen +kleinen Umweg machte ich, um an meiner Forellenfischerei, die ich +gepachtet habe, entlang zu fahren. + +Das ist ein schmales Gebirgswasser, das zwischen den Bergen zu Tale +fließt. Gern fahr oder gehe ich diesen Weg. Ich selbst hatte noch +nicht die Angel nach den rotpunktigen Fischlein im klaren Wasser +ausgeworfen. Nur mein Forstlehrling war einige Male draußen gewesen +und hatte ein paar Forellen gefangen. Heute wollte aber auch ich mein +Glück als Fischer versuchen. Das Angelzeug lag im Wagen. Als das +Flüßchen in Sicht kam, ließ ich halten und stieg aus. + +»So, nun können Sie nach Hause fahren«, befahl ich dem Kutscher, +nachdem ich das Angelzeug herausgenommen hatte. Immer schwächer und +ferner ist das Rollen der Wagenräder zu hören. Nun ist’s verklungen, +und nur der kleine, zwischen den Erlen und Weiden eingebettete Fluß +rauscht zu mir herauf. Es will Abend werden. Mit rotgoldenen Streifen +flammt die Sonne in den Buchenwald, der auf den Höhen steht, hinein. + +Die Fische werden springen, denk’ ich. + +Mit dem Strome des Wassers gehe ich und werfe die Angel aus. Nicht +lange, so schnelle ich die erste Forelle heraus. Weiß Gott, es macht +Spaß. Ich hätte es nie gedacht. Um das große Erlengebüsch biege +ich, die Wiese schiebt sich bis an den kleinen Fluß heran, auf dem +grünen Wiesengras ziehen die rotgoldenen Streifen der Abendsonne, +Schmetterlinge gaukeln im warmen Frühlingsabend, Rehe treten aus dem +waldigen Hang und äugen scheu nach dem Wässerlein hinab — was sehe +ich! — dort vor mir am Ufer sitzt Marianne! + +Ja, es ist Marianne. Das Kind der Straße ist es, das in mein Haus +gekommen ist, zum Leid, zur Freude der Bewohner. Wie Feuer sprühte +und gleißte ihr Haar in den goldenen Abendstrahlen einer versinkenden +Sonne. Hatte sie mich bemerkt? Ein wenig wandte sie ihren Kopf nach +mir hin, gleich aber wieder fort. Sie hielt die Angel in das Wasser. +»Was tun Sie denn hier, Marianne?« rief ich sie an. Wozu meine +törichte Frage? Ich wußte doch, was sie tat; ich sah es doch, ich +hatte es ihr doch erlaubt, angeln zu gehn, wenn die Arbeit im Hause +getan war. Warum klopfte mir denn das Herz so ungestüm? Bin ich ein +Räuber, der unschuldige Mädchen überfällt? Kann ich rotes Haar nicht +sehn? Frage ich so laut und töricht, weil mir das Blut in den Adern +schlägt? Bin ich zu rasch gegangen? Hat mich das Angeln so aufgeregt? +Ist es mir unangenehm, das Mädchen hier zu treffen? Ich bin der Herr, +sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort fordern auf meine +Frage: was tun Sie denn hier, Marianne? »Muß ich antworten?« sagte +sie, stand auf und kam an mich heran. Eigentümlich berührten mich +ihre Worte. Nein, ganz offen, ich schämte mich. Hätte sie in mich +hineingesehen, mich durch und durch gesehn mit ihren wunderbaren +Hexenaugen, so hätte sie mich mit diesen drei Worten nicht stärker +treffen können. — Pfui, Pfui, wie hatte ich häßlich und roh gedacht: +ich bin der Herr, sie dient in meinem Hause, also kann ich Antwort +fordern auf meine Frage. Das ist das Rechte! Das ist mein Mitleid mit +den Dienenden! Das mein Mitleid mit dem Kinde der Straße! + +»Muß ich antworten?« + +»Nein,« sagte ich, »nein, Marianne, Sie brauchen mir nicht zu +antworten. Ich sehe ja, Sie angeln, ich sehe sogar, daß Sie ... ei, +ei, eins, zwei, vier ... sechs Forellen gefangen haben und was für +schöne.« + +»Ich habe hier gesessen, die Angel geworfen und gesungen, so hab’ ich +die Fische herbeigelockt, nun sind sie tot«, sagte sie und blickte auf +die im Wiesengras liegenden, vor kurzem noch in ihrem Wässerlein so +frohen Fische. + +Ihre Augen blickten grausam. + +Ach, es ist ja ein Unsinn! Wie können denn ihre Augen grausam blicken? +Töricht bin ich, ganz töricht. + +»Ach, ihr armen Fische! Eben noch so gewandt und flink im kühlen, +sprudelnden Wasser, und nun so starr und unbeweglich«, meinte ich. + +Marianne sah mich an. + +»Was machen Sie denn für Augen, Marianne!« stieß ich heraus. Schon +blickte sie fort. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. + +Worüber war ich erschrocken? Ein Tiger kann grausame, blutdürstende +Augen machen, aber doch nicht dieses Mädchen! Ja, hab’ ich denn +Fieber? Ist es das glühende Abendlicht der Sonne am Berghang oben, +wo sie versinken und uns den Abschied von ihrem rotsprühenden Feuer +schwer machen will, — ist es dieses dämonisch schöne Leuchten, das mir +aus Mariannens Augen entgegenglühte? + +Ich warf noch ein paarmal meine Angel aus. Aber nichts fing ich. Stumm +folgte mir Marianne. Ich plauderte mit ihr. Aber schließlich merkte +ich, daß ja ~ich~ nur sprach. Hastig sprach. Und daß sie schwieg. Nur +einige Male lachte sie halblaut auf, wenn ich ihr etwas Scherzhaftes +erzählte. Ihr Lachen klingt so silbern und heimlich, wie das Lachen +des Flüßchens, das über die Steine springt, silbern und heimlich +klingt. + +»Wo haben Sie nur Ihr prachtvolles rotes Haar her, Marianne?« scherzte +ich, als ich die Angelschnur aufrollte, und sie mir dabei half. + +Sie sagte kein Wort, warf nur mit einer unnachahmlich anmutigen +Bewegung das ganze wogende Haar nach vorn, daß es mich streifte, +umfaßte, und mein Gesicht in dieses glühende, kosende, duftende +Seidengewebe einhüllte. Nur einige Sekunden lang, schon war ich frei. +Vor meinen Augen nur wogte es noch rotgolden, leise knisternd, ein +goldenes Funkenmeer. Ein paar Herzschläge lang stockte mein Atem. War +ich berauscht? War’s wilde Lust, wildes sehnendes Jauchzen, das den +Mann in des Weibes Arme treibt? + +»Marianne«, stieß ich hervor. Hat meine Stimme gezittert? Dicht neben +mir stand dieses Kind der Straße, das ich zu Leid und Freud’ in meine +Kauzburg genommen habe, das ich bewahren will vor dem Verkommen im +Straßenstaube. + +Eine Sekunde lang sah sie starr in meine Augen. Dann packte sie +gleichgültig das Angelzeug zusammen, bog ihre schlanke Gertengestalt, +hob den Rucksack mit den Forellen aus dem Wiesengras, warf ihn über +ihren Rücken und schnallte ihn fest. + +»Der ist zu schwer für Sie, Marianne«, sagte ich und wollte ihn +ihr abnehmen. Sie wehrte sich dagegen. Meine Hände berührten ihre +Schultern, ihre atmende Brust, wie ein Feuerstrom schlug’s in mein +Gesicht. Ich trat zurück. »Nun, wenn Sie ihn durchaus behalten wollen, +so behalten Sie ihn. Wird’s Ihnen unterwegs zu schwer, so geben Sie +ihn mir.« Wie ein Knabe sieht sie aus! Wie ein schlanker Knabe! Sie +hat ihr Kleid gerafft, der Rucksack schnürt ein wenig ihre Schultern +zusammen, den Angelstock benutzt sie als Stock. Einen grünen Hut hat +sie auf ihr rotes Haar gestülpt, und es ist zu einem wildwirren Knoten +aufgestellt, so schreitet sie tapfer und biegsam vor mir her. Ich ließ +sie vorneweg gehen. Sie sollte den Schritt angeben. Ich wär’ am Ende +zu rasch gegangen, hinter mir her wär’ sie gekeucht und hätte nichts +gesagt. »Denn ich bin ja der Herr des Hauses und sie nur ein Kind der +Straße!« + +Es dunkelte. Ein weicher Frühlingsabend hing in den duftenden +Blütenbüschen, hing in der Nachtluft über und um uns, wogte Feld +auf Feld ab, küßte das tauige Wiesengras, sprang auf den Wellen des +Flüßchens und kicherte unter den Erlen, schwebte hinauf, immer höher +hinauf und holte den Mond über den Saum des Berges hinüber. Kein +Staub der Straße drang bis hierher zu unserem Wiesenstege, rein war +die Luft wie Gold, nichts Unreines kennt die Natur. + +Unreines entsteht erst dort, wo man die Natur zwingen will, nicht mehr +Natur zu sein. + +Wir jetzigen Menschen kennen ja gar nicht die Natur. Von Kindheit +auf entfernt man uns von ihr. An solchen Abenden wie heute überfällt +mich die Sehnsucht, Natur zu sein in der Natur. Abzuwerfen, was Zwang +und Sitte fordern, eine Hütte zu haben im Walde weit draußen und +fern von Zwang und Sitte, zu leben dort wie das Getier des Waldes, +wie der Hirsch, der durch die Wälder zieht, wie das Reh, das auf +die Frühlingssaaten tritt, wie das Bienlein, das an jeder Blüte +nascht, wie der lustig singende Vogel hoch im Gezweig der Bäume, wie +der Waldkauz, der den Mond zum Gevatter bittet bei seiner stillen +Mäusejagd. Halt da! Ich ~habe~ ja mein Kauzgehäuse, ich ~bin~ ja schon +ein Kauz! Willst du die Käuzin sein, schlanker Bursch vor mir mit +deinem grünen Jägerhut im sprühenden Rothaar, was? + +Ganz übermütig ward mir zumute! + +Übermütig sprudelt das Flüßchen neben unserem versteckten Erlenweg, +übermütig scherzen die Rehe auf der Bergsaat links drüben unter dem +Buchenhang, übermütig bescheint der helle Vollmond mich und das +schlanke Bürschchen vor mir, übermütig quillt all das funkensprühende +Rothaar aus seinem wirren Knoten und schaukelt und weht wie ein +Stückchen goldnen Vließes, voll Übermut quiekt das Froschzeug im +feuchten Wiesenloch, voll Glück und Übermut singt in dem einen +einzigen Fliederstrauch, der an dem Mühltor blüht, die eine einzige +Nachtigall hier draußen am Flüßchen und Walde, voll Glück und Übermut, +und dabei klingt es sanft und flötend wie ein Lied der Trauer. + +Ei, du mein Jägerbürschlein vor mir im hellen Mondschein, wie +schreitest du schlank und leicht dahin! Dein schlanker Mädchenleib +biegt sich wie eines Fischleins glattes Körperlein, bist etwa du +~selbst~ solch Fischlein und bist in Menschengestalt nur an Land +gestiegen aus kühler, heimlicher Wasserflut? Bist etwa du ~selbst~ +solch Forellchen, das zwischen den Steinen des Flüßchens neugierig auf +Beute lauert? So schön, so schlank, so anmutig mit seinem rotpunktigen +Fischleib, und hinter all der Schönheit, Schlankheit und Anmut +verbirgt sich die schreckliche Raubgier? + +Sag’ ~an~, Marianne, du Weggenosse im blassen Mondglanz des Frühlings, +was birgt sich hinter der weißen, von rotem Feuerhaar umsponnenen +Stirn bei dir? Verwandle dich, Bürschlein, verwandle dich flugs +zurück in den glänzenden Fischleib, aus dem du entsprangst, dann zieh +mich hinein zu dir in die Flut, in das singende Wasser. Dann presse +mich fest und ewig in deine weißen, wonnigen Arme, dann laß mich nie +los mehr und sauge mein Leben, mein Atmen, mein Ich tief, tief in dich +hinein! + +[Illustration] + +Die Welt ist weit und groß. Aber für jeden Menschen liegt in dieser +weiten und großen Welt eine enge Heimat. Die Enge der Heimat empfindet +man nicht. Licht und groß und weit erscheint die Heimat. Hörst du es, +meine Heimat? Du bist mir weit und groß und licht. Das Sehnen ins +Weite hört auf, wenn mich dein Arm umschlingt. O, lege deine ~beiden +Arme~ um mich, du Heimat meiner Kinderjahre, nimm mich hin, halte mich +fest, und laß mich nimmer los. + +Ich hör’ die Glocken läuten in meinem Heimatdorfe, die Oder hör’ ich +rauschen, ich sehe den Eichwald, in dem ich als Knabe pürschte, am +Saum des Waldes den Bach, der sich ins Feld verliert, und dort im +Sonnenschein das Dörflein selbst. Grüß dich Gott, du liebes Dorf! + +Und das alles hat ein Brief bewirkt! Meiner Mutter Brief. Ein paar +Kornblumen hat sie auf heimatlichem Feld gepflückt und in den Brief an +den fernen Sohn hineingelegt. + +Ihr holden Blumen des Feldes, wie duftet ihr süß und frisch zu mir +herauf. Wie habt ihr den Duft mir bis in die Fremde zugetragen! Habt +Dank dafür. + +Ein Friedensodem weht mich an und macht mich still und froh zugleich. +Und kindlich fromm. Und ruhig. Bin ich denn anders geworden? + +»Mein lieber, guter Sohn.« + +Vier Worte einer Mutter. Ja, Mutter, in deinem Herzen bleib ich gut +und lieb. Und will’s bleiben für dich. Du hast dich geängstigt, weil +ich so lange nicht schrieb? Hab’ ich denn lange nicht geschrieben? + +O, ängstige dich nicht, meine Mutter. Ich käme mir ruchlos vor, +wolltest du dich um mich und meine Schuld ängstigen. Eine Schuld ist’s +für den Sohn, Ursache der Angst seiner Mutter zu sein. + +Ja, ja, ich habe lange nicht geschrieben. Wirklich lange, lange nicht. +Seh’ ich’s doch draußen an der Natur. Der Frühling ist hin, längst ist +er hin. Kaum war er da, als ich zum letzten Male nach Hause schrieb. +— Nun wiegt sich das Korn in den Ähren. Ein grüngelbes wogendes Meer. +Das breitet sich jenseits des Flusses unter meinem Fenster bis an die +Waldhänge drüben aus. + +Sommerwind geht und weht. In gleichmäßigen Wogen taucht auf, taucht +nieder das Korn in den Feldern. Auf und nieder — auf und nieder. Es +liegt Ruhe in diesem Auf und Nieder. + +Als ich ein Knabe — der Dorfknabe — war, empfand ich nur helle Lust an +dem hohen schwankenden Kornfeld. Vor allem die Kornblumen taten’s mir +an. Die blauen Kornblumen waren mir lieber als der rote, wilde Mohn. +Weil die großen, roten Mohnblüten zu leicht zerfielen. Kaum riß man +sie ab, so löste sich ein rotes Blatt nach dem andern, und zuletzt +hatte man nur noch den leeren Strunk. Aber die Kornblume, das war eine +himmelsblaue Pracht! + +So stell’ ich euch hier in das feingeschliffene Gläschen, ihr blauen +Kinder des sommerlichen Feldes daheim. Ein wenig seid ihr zerdrückt, +ein wenig welk auch. Die Reise war lang ... blüht auf! blüht wieder +auf, ihr weitgereisten Heimatgrüße! + +Mit euch zugleich blüht irgend etwas Schönes in mir auf. Vergangene +Jahre sind’s. + +Kinderjahre, Knabenjahre, Jünglingsjahre. — + +Heisa, was seid ihr fortgesprungen wie wilde, russische Steppenpferde, +ihr jungen, mutigen Jahre! + +Mutig mit euch, durch euch bin ich gewesen. Wild bin ich mit euch +gesprungen wie russische Pferdleins in weiter, wildfroher Steppe! + +Die weite, wildfrohe Steppe, das war das Leben, die Zukunft. Was sag’ +ich: ~Die Gegenwart~ ist’s gewesen, der Tag, die Stunde war’s, nichts +andres! Was Zukunft!? .... Unsinn! Die Jugend ~lebt~, nichts weiter! — + +Ein Griesgram bin ich geworden, ein Waldkauz, ein Kauz. Der Jugend +gedenke ich heute, und ~euch~, ihr Kornblumen aus heimatlicher Erde, +verdanke ich dieses Gedenken. Nein ~dir~, du treueste aller Mütter! + +So runzlich ist dein Gesicht, so grau dein Haar, und dennoch, dennoch: +schaust du mich ~an~, gleich bin ich der frohe Knabe von einst! + +Weshalb nur, weshalb? + +Still, still, ich weiß es: es sind dieselben Augen, die einst das +Kind, den Knaben betrauten, — dieselben Augen betrauen noch heute den +Mann. Sie möchten noch heute so gern in des Mannes Herz blicken, wie +sie ehmals in des Knaben Herz hineinschaun konnten. + +Für die Mutter bleibt man der Knabe. + +Schon gut, Mutter, schon gut. Komm’ ich zurück in die Heimat und zum +Besuch in dein trautes Heim: der ~Knabe~ will ich sein, solange ich +bei dir bin. Bist du nun zufrieden? Du fragst mich gar viel in deinem +Briefe. Und manches muß ich verschweigen. + +Von allem und allem schreibe ich dir, Mutter, und ~hab’~ dir soeben +geschrieben, nur eins behalte ich zurück — wozu davon schreiben? +Ich mag nicht davon schreiben .... weshalb sollte ich von Marianne +schreiben? Ich wüßte nicht, warum. + +[Illustration] + +»Es geht um in der Nacht«, behauptet meine Wirtin. »Was Tausend, es +geht ~um~? In meiner Kauzburg sollten Geister hausen? Im nächtlichen +Reigentanz ihr Klappergebein und Totengerippe schwingen?« + +Ganz ärgerlich wurde ich gegen sie. »Schlafen Sie lieber und horchen +Sie nicht auf Geisterstimmen und Geistergeräusche, mein Fräulein. In +meiner Kauzburg geht’s nicht um!« + +Ich war aber doch betroffen. + +Leise, schleichende Schritte wollte sie gehört haben, ein Klirren +des Fensters, ein unheimliches Lachen, .... darüber war sie wieder +eingeschlafen. + +»Du Tor!« sagte ich zu mir. Weil Fräulein Bartel das gehört haben +will, fällt dir auf einmal ein, daß auch ~du~ es in einer Mondnacht +gehört haben willst? Schon lange war’s her. Da wachte ich in der Nacht +auf, halb noch im Schlaf: Es kam geschlichen, leise, ganz leise, es +klinkte die Tür auf, es klirrte schwach, ganz schwach, ein Lachen, +hatte ich wirklich ein Lachen gehört? Am nächsten Morgen erschien mir +alles als Traum. Vergessen hätte ich’s, nie wieder daran gedacht — bis +heute. Ich verbot Fräulein Bartel aufs strengste, zu den andern im +Hause von dem, was sie gehört haben wollte, zu sprechen. Wozu Marianne +ängstigen? Wozu erst solch Gerede aufkommen lassen? Übrigens hörte ich +ein paar Tage später ganz zufällig, daß die Kauzburg schon von jeher +in dem Rufe stand, »es gehe in ihr um«. Nun gut, mag es umgehn in +ihr! Ich fürchte mich nicht. Freuen würde ich mich, mit den Geistern +der früheren Bewohner in Verkehr zu kommen. Geister von Rittern und +Mönchen sind es — würde es nicht interessant sein, mit Rittern und +Mönchen früherer Jahrhunderte sich zu unterhalten? + +[Illustration] + + + + +Noch einen neuen Bewohner soll meine Kauzburg bekommen. + +Es war mit erst gar nicht recht. + +Was soll man aber tun! + +Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so wenig standhaft bin. + +Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht. + +Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die Kauzburg ist groß; mich +wird der neue Bewohner nicht stören. + +Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater verreist ins Ausland, +die Mutter starb im vorigen Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte +sich der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei ihm und seiner +Frau in Stellung gewesen war. »Nehmen Sie sich meiner Tochter an, +solange ich reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben Jahre bin +ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt, bitte, bitte, nehmen Sie +sich meiner Tochter so lange an.« + +Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte sagen »händeringenden« +Brief des Gutsbesitzers. Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine +interessante Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der +Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig, weil sein Heidebesitz +die größte Ausdehnung hat. Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und +bieder ist. Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter — kommt in +meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese Heidkönigtochter. »Ein Kind +der Heide« — — — ein Kind der ~Straße~ habe ich schon! + +»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie das Mädchen unter Ihre +Fittiche«, sagte ich schließlich, um sie los zu werden. Fräulein +Bartels Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert. + +Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen. + +Was sagt Marianne dazu? + +Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen Weise trat sie in +meine Stube. + +»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder Winter einen neuen Gast +bekommen?« fragte ich. + +»Ich weiß es«, antwortete sie. + +»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun in die einsame +Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ... nicht?« Sie gab keine Antwort, +hob nur langsam den Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen +waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr blasses Gesicht ab, +in dem die blauen Adern wie kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben +hatten und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die Augenlider mit +den langen seidigen Wimpern noch über ihren Augen. Aber nun warf sie +mit plötzlicher, zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken, daß die +rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein Feuer, in welches ein Windstoß +fährt, aufwirbelte, und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd +hervor und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene Kante meines +Schreibtisches. + +Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung kam, hatte +sie lautlos das Zimmer verlassen! + +Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl und bedeckte +meine heißen Augen, meine heiße Stirn mit meinen zwei heißen Händen. +»Wie soll das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort. + +Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht? Sah sie dich +wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden, liebeverlangenden Augen +an? Hast du in diesem seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen +anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß? Gegen das Mädchen, das +noch gar nicht hier ist? Das erst kommen soll? + +Was ~sagten~ denn diese Augen? Warum bist du erschrocken vor ihnen? + +Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich. + +Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in dessen Augen ich soeben +geschaut hatte. + +»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine innere Stimme, +»Greif ~zu~, greif ~zu~«, stachelte mich die andere auf. — + +Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir meine Arbeit vor. +Erst tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Dann wurde ich wieder +Herr über mich. Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen +Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden. Ich besprach +Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich für morgen zur Reviertour bei +ihnen an, die Kulturen sollten besichtigt werden, Pflanzen waren +infolge der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel mußten bedacht, +Ersatz mußte geschafft werden, ja du, mein Wald, du mein Bergwald +wirst mich heilen, wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren +will! + +Geht’s denn ~wirklich~ um in der Kauzburg? Wollen mich die +abgeschiedenen Geister dieser hohen, geheimnisvoll dunklen und kühlen +Räume in ihren unheimlichen Bann nehmen? + +Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken. + +Ja, ich werde sie fortschicken! ... + +Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße habe ich sie aufgelesen, +nun muß ich sorgen, daß sie nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte +nicht der Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen, ich täte ein +gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen behielte? + +Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will bald mit ihm sprechen. +Wer waren ihre Eltern? Wo war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die +Kauzburg? Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses hat man +dich gefunden, armes Kind? Aber du bist doch nun ein großes Mädchen, +schon längst mußt du das schützende Dach des Waisenhauses verlassen +gehabt haben, bevor du zu mir kamst ... wo hast du gesteckt in der +Zwischenzeit? Ich will alles, alles von dir und über dich wissen, +Marianne, du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes Kind des +Lebens. + +Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß schon beim Eintritt +ins Leben? Daß es dich auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort +lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und klagtest Gott im +Himmel an mit deinen großen, dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast +du ein Dach über deinem rotgoldenen Haar! + +Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg, aber es ist doch ein +Dach. + +Das schützt vor Staub und Regen. + +Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten Stelle +links, wo das Türmlein einst ragte, es ist die ~Sonne~ aber! Die +lachende, heitere, helle Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der +leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle Kauzgeschoß des +Kauzburgdaches, drum laß ich nichts dichten, nichts flicken. Ich habe +Angst, daß die Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so wild, +meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß man sie füttern, sonst sausen +sie fort in alle Winde und kommen erst heim, wenn alles still ist und +abendlich. Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie sitzen, flattern +ihr nach und entgegen. + +Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen. Dort hat sie nach +Körnern gepickt. Hat sie geglaubt, dort goldene Weizenkörner zu +finden? — + +Der Schalk von einem Mädchen! + +Sie lachte, als ich sie fragte. + +Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar gestreut. Die pickte +der Täuber auf. — + +[Illustration] + +Nun ist es da, das Gewitter! + +War ~das~ ein Rumoren und Rollen den ganzen Nachmittag über am Himmel! + +Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen auf, dann ballte sich’s +drohend im Osten. Dann flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb +das Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die Luft und +totenstill zuletzt! + +Kein Blatt am Baum bewegte sich. + +Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann kam es näher und näher. + +Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte sich alles +verkrochen. — + +Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser empor. Ins Dunkle +hinauf, das über ihr so drohend murrt und zuckt. + +Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen. Nacht sei es, mag er +denken. So dunkel dräut das Gewitter. + +Waldkauz, was schreist du so? + +Huhu, nun ist es da, das Gewitter! + +Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie es flammt und züngelt, +zischt und leuchtet, grollt und rollt, schmettert und kracht, und +droht und beißt wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du +wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit deinem Gebiß? Wen willst +du treffen, zerschmettern mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem +Zischen, unter drohendem Toben der blitzzersprengten Wolken? + +Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am Fenster der Kauzburg, +und ~die~ ist fest. Die hat schon manchem Gewitter getrotzt, schon +manchem Sturme standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs +Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal schon hat das +Feuer geprasselt in ihren mächtigen Balken. Gegen die Steinmauern +war es machtlos und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße nur, +Wolfshund! Ich ~lache~ deiner! Am Fenster stand ich und schaute hinaus +in die wilde hochbrandende Natur. + +Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender Blitz. So blendend, +daß ich die Augen schloß. Gleich darauf ein knatternder Donnerschlag. +— Dann Stille, — dann wieder neues Toben. + +Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du beißen mit deinem +Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund im stürmenden Wetter? + +Du ~hast~ gebissen! — Pfui, schäm’ dich! + +Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du zerbissen. — Pfui, +~schäm’~ dich! + +Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da fliegen angstvoll die Vögel +auf, die in den Ästen saßen. — Pfui, ~schäm’~ dich, ich sag’s dir das +drittemal! + +Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg mit ihren Insassen +ungeschoren, du wüster, böser Gesell! — + +Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit Marianne war. »Die werden +erschrocken sein«, dacht’ ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller +Angst. Das Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen, und auf +dem Tische vor ihr stand ein hübsches, buntes Muttergottesbild. + +»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns eingeschlagen«, sagte +sie ängstlich. + +»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein Bartel«, beruhigte ich sie. +»Draußen im Garten hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ...... +Aber wo ist denn Marianne?« — — — + +Ich sah mich um, sie war nicht da. + +Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um. + +»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr wieder ein knatternder +Blitzstrahl unweit der Kauzburg ins Erdreich. + +»Sie war vorhin noch hier.« + +Ich hatte schon die Türklinke in der Hand. + +Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den Hut über, warf mir den +Lodenmantel um und eilte auch schon die Treppe hinab. + +Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne gut gebrauchen +konnte. + +Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten meine Tritte laut von +den Mauern wieder. »Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich +denn durch den langen, gewölbten Flur nach der kleinen, ehemaligen +Mönchspforte, die am Ende dieses von der Halle nach dem Eingang zum +Keller führenden Ganges lag. + +Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein paar Schritte über den +Burghof hatte ich zu gehn, um an den Kellereingang zu gelangen. + +Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft mußte ich anwenden, +so drückte der Gewittersturm von außen entgegen. + +Nun schlug sie schallend zurück. + +Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht. + +Die große Linde im Burghof rauschte ächzend und bog sich fast zur Erde +mit ihrem hohen Wipfel. Über abgerissene Zweige stolperte ich. + +Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb und violett, +dauernd wurde das Stockdunkel durch Blitz und Wetterleuchten in +unheimlichem, jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder +vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft den Augen. +Dumpfdrohend, gellkrachend, prasselnd, knatternd die Donner +dazwischen. Wütend kochte der Regen herab. Wie ein schäumender +Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu einem See verwandelt. + +»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben hinein. Antwort gab +mir allein die Linde. Sie fing ganz laut zu stöhnen an, in ihrem +Stamme begann ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten und +zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir war’s in dem blendenden +Wetterleuchten, als ob ich den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte +schwanken sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun seit +Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten wäre, mit wuchtigem, +schwerem, hallendem Schritt. Wie ein Riese tauchte er noch einmal +vor mir auf aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser +Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem jäh aufzüngelnden +Blitz, der die Abgrundtiefe dieses Gewitterhimmels zerschnitt, dann +begann das Sterben dieses Riesen. + +Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die Stimme des Wetters +überklang. ~Auf~ rauschten wild die Blätter, Zweige schlugen mich ins +Gesicht, wie ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, — die +Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der Baum zur Erde. + +Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn hin. + +»Marianne!« keuchte ich angstvoll. + +Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden Unwetter? + +Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des Kellers. Das Tor stand +auf. Schwarze Finsternis gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die +Laterne, bückte mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter +die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da unten wieder. + +Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich, drang mir entgegen. + +Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins Schloß. + +Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum konnte ich etwas sehn in +dem winzigen Blinken meiner Laterne. + +Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der Lichtschein! Die Angst trieb +mich dorthin; die Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über den +Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in diesen dunklen Keller. Die +Angst? Um wen? Ja, um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte sie +sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß sie lebte .... + +Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr stand ich. An diesem +seltsam schauerlichen Ort bei diesem seltsam schauerlichen Unwetter. + +Bis hier hinein war das Toben und Tosen da draußen zu hören. Dumpf +drang es bis hier hinunter. + +»Marianne!« rief ich sie leise an. + +Sah sie mich denn? Hört sie mich? + +Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem Ausdruck in ihren +Augen stand sie im verschwimmenden Schein eines Lichtstumpfes, der +auf einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf aufgeklebt war, und +starrte auf die schwarzgrüne Steinmauer hin. + +Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein war dort aus der +Mauer gebrochen, herausgeschleudert worden wohl durch einen +herniedersausenden Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir. Hinüber +klettern mußte ich, um an Mariannens Seite treten zu können: Jetzt +stand ich dicht neben ihr. + +»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?« sagte ich voll Mitleid. + +Sie wandte sich mir zu. + +Ihre Augen brannten in einem triumphierenden Glanze, mit den Händen +zeigte sie nach einer gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte +dieser Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem Gefühl des +Grauens, in einen unterirdischen Gang hinein, in den der Lichtschimmer +unserer Kerzen zitternde Strahlen warf. + +»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich erregt! »So ist’s kein +Märchen, was die Leute sagen? Ein Gang führt von diesem Keller ans +Ufer des Flusses unter der Stadt hindurch!« + +Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit ihrer rechten und bog +sie herab, so daß meine Finger über die glatte Fläche der neben uns +liegenden, von der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte +fuhren, die diese Öffnung bisher vor den Augen der Burginsassen +verborgen hatte. Ich fühlte, daß in der Steinplatte etwas eingraviert +war. + +Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was sah ich! Ganz deutlich +war die Figur einer Eule, eines Kauzes in den Stein geschnitten! + +Marianne lachte vor sich hin. + +»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich ein Kauz, ein Waldkauz +in diesen tausendjährigen Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg, +dich, mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen in diesem Stein, +der älter ist, als Burg und Mönche und Ritter! + +Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du steinernes Käuzchen längst +verstorbener Zeit? + +Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender Stellung, mit +aufgehobenen Armen, betend zu dir, mein steinernes Käuzlein, anbetend +dich als Gottheit! Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal, ein +heidnischer Gott in meiner Kauzburg! + +Was hab’ ich gesehn! + +Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft! Dem Heidengott hab’ ich mein +Forsthaus wieder ausgeliefert mit meiner Taufe! + +Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um, christliche Ordensritter und +mönchisches Kuttenvolk! + +Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des Waldes, der Nachtvogel +mit seinen großen, glühenden Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor +tausend Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten Ruinen +dieses Tempels haben ahnungslose Ritter diese Mauer errichtet.« + +Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem ich mit Marianne stand. + +»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte ich, »morgen, wenn +das böse Unwetter vorüber ist, morgen am Tage wollen wir den +unterirdischen Gang und die Steine hier untersuchen.« + +»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich hineinziehn in den +schräg abwärts in die Tiefe führenden Gang. + +»Torheit!« rief ich scharf. + +»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein törichtes Kind, Marianne!« + +Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren Armen. Ich fühlte +ihre keuchende Brust an der meinen, ihr wogendes Haar spielte und +streichelte mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den +meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am Halse — schon ließ sie +mich los, schon griff ich ins Leere, als ich sie von mir fortstoßen, +nein, als ich sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere, +sargtiefe Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne war +verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm ich, die Kellertür +flog auf, der Donner rollte, und die Blitze flammten, dann war’s um +mich wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte ich den Donner +über mir. Ich stand wie betäubt. Aber dann überfiel mich ein Grauen +vor diesem Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein hinüber, +an der kalten Mauer entlang, bis an die Tür. Als ich sie geöffnet +hatte und die frische Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief +auf. Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es wetterleuchtete und +flammte noch in den zerfetzten Wolken, aber durch ihre Lücken schien +mild und freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt, der Regen +aufgehört, nur von den Zweigen der Bäume fielen noch einzelne, schwere +Tropfen herab. + +Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme geworfen, ich hatte es +nicht geträumt. + +In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und sickerten an der feuchten +Borke des Stammes, allmählich zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd, +bis ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag. + +Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen war. Und daß der Blitz +dem Nußbaum im Garten seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses +Unwetter hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt. + +»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine Ruhe geraubt«, dachte +ich, als ich neben der gestürzten Linde stand. Ich wußte: es war nun +nicht mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht länger widerstehn +können. Sie zog mich hinein in ihre goldenen Fesseln, die sie um meine +Schultern, über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest im +Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden Augen. + +Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg aufgenommen? +Zu meinem Leid? Zu meiner Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich +empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie in mir entfacht +hatte? + +Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter die Wolken. Als ob +von einem zerrissenen Mantel die letzten Stücke über den Himmel gejagt +würden. + +Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um ihn und seine Stücke +gewürfelt? + +Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond! Scheinheilig und freundlich, +tückisch die Sünde erlaubend unter deinem unsicheren, sanft +einhüllenden Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest dich, du +lachst, wenn unter dir gesündigt wird. + +Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten. Vor kurzem war alles +noch so wildbewegt, jetzt schien die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als +ich die breiten Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte +mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur war nach dem Unwetter +Ruhe geworden, der Sturm hatte sich austoben können, hatte sich +ausgerast. + +Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm. So will’s das große +Naturgefüge, das durch den Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt. + +In mir war ein Sturm angefacht worden, ein wilder Sturm. Der wollte +ausbrechen, sich austoben. Drum konnte noch keine Ruhe sein. + +Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der Wohnstube, wo Fräulein +Bartel und Marianne sich für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich +finden? Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da? Hatte sie sich +verraten? Mich verraten? + +Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein der Tischlampe den +Raum mit gemütlicher Ruhe. Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte, +an der anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf Fräulein Bartels +Gesicht lag wie eine Erlösung die stille Mondnacht von draußen. + +Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe, hübsche +Muttergottesbildnis. + +Über Mariannens Augen lagen die zartweißen Lider mit ihrem seidigen, +rotgoldenen Wimpernbehang. Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten über +ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte Feuerzauber. »Ach, +Marianne ist schon lange hier, Herr Oberförster,« sagte Fräulein +Bartel, »sie war nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das +Wetterleuchten besser sehen zu können.« + +Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches Lächeln huschte über +Mariannens Gesicht. + +»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses weiße Mädchengesicht, +diese fein durchaderte, weiße, über das Buch gebeugte Stirn. + +Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme Heilige saß +und las? + +»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!« schrie Fräulein Bartel +plötzlich und sprang auf. + +»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich nach meinem Halse. + +Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz gefühlt? Vorhin, als +mich Marianne so heiß umschlungen hatte? Schon hatte Fräulein Bartel +einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir das Blut von der +wunden Halsstelle ab. + +»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine Bißwunde, man sieht ja +ganz deutlich die Zahnabdrücke, eins ... zwei ... drei ... vier ..., +mein Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen? Ein Marder? +Eine Katze?« Ich sah forschend nach Marianne hin, während das kleine, +alte Fräulein an mir herumwusch und -tupfte. + +Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches, wunderliches +Lächeln verzog Mariannens Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer +ruhigen Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht, ernst +blickt sie in das Buch! + +»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein Vampyr«, scherzte ich +und sah Marianne scharf dabei an. + +»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,« sagte ich schnell, +als sie mit einem unbeschreiblich entsetzten und kindlich-hilflosen +Angstblick zu mir aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen +von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang, weiter nichts.« + +»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte sie ängstlich, »ein +Katzenbiß kann gefährlich werden. Marianne, geben Sie mir doch rasch +das Fläschchen, auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist +das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins Wasser! ... aber +Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster ... und nun das englische +Pflaster darüber ... nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben +kann in solcher alten, häßlichen Burg.« + +»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau, mein liebes +Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter und Mönche!« + +»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend, »fromme, gut +katholische Herren haben hier gelebt ...« + +»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte ich, »wenn du dabei +gewesen wärest, als ich das heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als +mich da unten die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist es +denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen Stube dieselbe +Marianne? + +Hat diese hier mich wirklich in solch rasender Gier umschlungen +gehalten? Hat diese Marianne, die ruhig und still Fräulein Bartel +hilft, als sei nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen +Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die Tiefe gähnenden +Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben, ... hat diese Marianne wie +eine Wildkatze mich in den Hals gebissen? + +Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen? Ist’s nicht ein +Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der Heiligen? Rätselvoll sind diese +dunklen, fast nachtschwarzen Augen. Genau so rätselhaft wie der See +meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die Menschen, die sich in +seine schöne Flut zum Baden stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht +mehr von sich lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen Wasser +baden, man sagt, daß schon vier Menschen ihr Leben in seiner Flut +haben lassen müssen ... + +[Illustration] + + + + +Die Katholiken des Städtchens veranstalteten am heutigen Sonntag eine +Prozession. + +Eine Bittprozession, daß nie wieder ein so furchtbares Unwetter wie +gestern das kleine Städtchen heimsuchen möge. Fräulein Bartel und +Marianne haben mich gebeten, daran teilnehmen zu dürfen. + +Natürlich dürfen sie! + +Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen wird, so mögen sie +immerhin gehen. + +Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle hinauf soll +prozessioniert werden. Ganz friedlich, fromm und kirchlich. Mit +Fahnen, Thronhimmel und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und +Jungfrauen vornweg. + +Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes Schauspiel. Ich +kenne diese Prozessionen aus Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir +gewaltig imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung zu. — + +Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich eine das Weltall +leitende Gottheit durch ein solches Häuflein singender und betender +Menschen, durch ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte Fahnen, +durch Thronhimmel und gestickte Gewänder, Weihrauch und Weihwasser +bestimmen lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung der +Naturereignisse auszuscheiden. + +Ich will hoffen: kindlicher Glaube. — + +Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem wirklich gläubigen Herzen +kommt, ist er erträglich. Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll +nicht glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll nur dann +glauben, wenn man wirklich glaubt. So will ich mich denn auf die Mauer +stellen, dort, wo die Stufen in ihr Gestein gehauen sind. + +Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten Flieders, +Goldregens und Ginsters. Von dort aus kann ich die Prozession von +weitem schon sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an der +Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu werden. Über mir schlagen +die laubgefüllten Zweige eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und +bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche Sonne, den +allzu sommerlich heißen Tag. + +Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich Euren Gesang, schon die +sechs städtischen Musikanten mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln! +— — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession! ... Im dicksten +Straßenstaube! + +Das muß doch ein göttliches Herz erweichen. + +Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube der Gesang, wie in +Wolken gehüllt wird er höher und höher getragen. Halt da! ... schon +biegen sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten Jungfern, +mit blühenden Kränzen im freigelösten braunen und blonden Haar, +sie streuen Blumen, ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf +singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden Kerzen in +den reingewaschenen, sonst so schmutzigen Jungenhänden, ... nun der +goldbestickte, blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen von +vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer Handlung durchdrungenen +Männern, in langen, schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der +Domherr mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen, goldstrahlenden +Monstranz. Sie ist schwer, die Monstranz, drum werden seine Arme von +zwei jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten, gestützt. + +Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn heute zum erstenmal. +Doch der Thronhimmel und die Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich +sehe aber, daß ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter +seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar, ist es die +Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern macht, just wie dieselbe +Sonne das Haar Mariannens so rötlich leuchten läßt? + +Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und demselben Städtchen? +Ei, Marianne, ich habe gedacht, daß deine Haarfarbe nicht zum +zweitenmal zu finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat prangenden +Erde. + +Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er fürstlich fast unter +dem Himmel dahin. Wie schlank sieht er aus, wie vornehm in seiner +priesterlich-bischöflichen Pracht. Ja, ja, ~die~ Herren verstehn es +gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz zu wirken. + +Langsam schwankte die heilige Monstranz unter dem Thronhimmel an mir +vorüber. + +Noch freute sich mein Auge an den in den blauen Samt gestickten +Goldsternen des Thronhimmels, dieses hübschen Himmelchens unter dem +großen Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer goldflutenden, +ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings zusammen. + +— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel — ging Marianne. — — — Ein +weißes Kleid hatten sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende, +in langen Wellen über die Schultern wallende, seidige, köstliche +Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz gelegt, in +ihren Armen hielt sie, wie die Madonna, das Christuskind, ein aus +Wachs geformtes Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich, +freundlich lächelnden Augen zu seiner Madonna, die es so sorgsam trug, +herauflächelte. + +Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem bunten, +goldumstickten, hoch über allem schwankenden Thronhimmel, der das +Allerheiligste beschirmte, langsam, wie in holdem Traume träumend, +dahin. + +Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es sah so natürlich, +so selbstverständlich aus; die Mutter sah auf das lächelnde Kind in +ihrem Arme herab. + +[Illustration] + +Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in meinem Hause, auf +heidnischer Stätte der grauen Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel +mir ansehn, nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim Zusehn +dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden, singenden Menschen, ganz +fromm ward mir ums Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte +mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen Rothaar, +in dem wie kleine Himmelssterne die tausend Vergißmeinnichtblüten +verstreut lagen. + +Man greife ans ~Gemüt~ des Menschen, so wird er gläubig! Als Marianne +gerade unter meinem verborgnen Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg +vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu irren, trafen +mich wie zwei Pfeile die Strahlen ihrer Augen. Sie ~konnte~ mich +doch nicht sehn, aber sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah. +Daß sie direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen mich zwingen, +mich rufen zu wollen: »Komm von deiner Mauer herab, komm neben mich +und schließe dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von mir ab, +Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie ich ihr in ihre +Nachtaugen zurück. ~Wollte~ ich ihr hinabschreien, mitten hinein in +diese fromme Menschenmenge! + +Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in meiner in das Astzeug der +Büsche verkrampften Hand hätte sagen können von dem, was mein Herz +schrie, was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit meinen Blicken. +Ich sah ihr langwehendes Haar in den Strahlen der Sonne glühn und +gleißen, — ja, sahen denn die anderen nicht, daß in den roten Haaren +dieser demütig-frommen Heiligen, der man als Sinnbild das Engelskind +in den Arm gelegt hatte, — ja, ~sahen~ denn die andern nicht, daß +kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen und teuflische +Grimassen schnitten? — Viel Volk folgte noch nach. Ein schier endloser +Menschenzug. Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen, um +sich diesem Bittgang anzuschließen. + +Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch immer hier. — Nun +werdet ihr bald auf der Berghöh’ drüben sein, ihr frommen Sänger und +Bittgänger! + +Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten breitkronigen +Buchen und Eichen steht, werdet ihr singend auf die Knie fallen, +die geistlichen Herren werden vor den Altar treten und ihre +Beschwörungsformeln sagen, und lachen vom Himmel dazu wird die Sonne. + +Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck, Goldblitze +tupft sie bald hier auf dieses dunkle Blatt, bald dort auf jene rote +Rosenblüte, bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen Füßen +ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl getroffen, bald zieht sich +zitternd und flimmernd ein langer Goldstreif über den Gartenweg. +Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet. Ich möchte keinen +Zwischenhimmel haben. Durch nichts behindert, nichts entstellt, so +will ich ~meinen~ Himmel haben. + +Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen nach dem Himmel. + +Menschen und Völker sind darüber zu Erde geworden, und andere haben +auf ihnen neue Tempel gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist ~mein~ +Tempel, ist ~mein~ Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.« + +Und all diese Himmel hat die Erde überdauert! Die Erde, aus der wir +kommen, in die wir gehn. Die schöne, frische, die lebenzeugende und +ewig junge Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn und +auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des Lebens, nach Jahren +der Arbeit, nach Jahren der Freude und Trauer, nach Sonnentagen und +Regentagen, nach Sommertagen und Wintertagen, wenn grau das Haar +geworden ist und alt der Mensch. Wir suchen den Schlaf und freuen uns +seiner. Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir, Erde? Hatten +wir Furcht vor dem Schlafe, als wir noch schlummerten im Mutterschoß? +Hat uns das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben? Wir kleinen, +winzigen Menschlein, wir? Wir würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges +Weiterbauen und ewiges Neuerzeugen. — — — — + +[Illustration] + +Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger Mensch. Fräulein +Bartel und Marianne sind drüben auf jener schönen, waldverschlungenen +Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem Beten, benutzen will +ich das Alleinsein, hinuntersteigen will ich zu meinem steinernen +Heidenkäuzlein, eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen +Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der Sonntag soll mich +schützen bei meiner heidnischen Fahrt in die Tiefe hinab! — — + +Im spärlich lichtspendenden Schein meiner Laterne stand ich nun wieder +vor dem heidnischen Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne +von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich jetzt die Steinplatte +ab. Wirklich: unzweifelhaft blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm +der betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst hineingeritzt in den +Stein. Aber deutlich erkennbar. Hier des Käuzleins große Rundaugen, +darüber mit zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des fauchenden +Vogels, an den Seiten die Federbüschel der Ohren, sodann die Flügel, +unten die Krallen der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der betende +Mensch! Die aufgehobenen Arme sind deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis +mit den beiden Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen +ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der Kopf. Die langen +Striche mit den fünf kurzen Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein +Zweifel: ein betender Mensch! + +Hoch hob ich die Laterne und spähte in die Dunkelheit des Ganges +hinein. Er war so hoch gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte. +In schräger Steilheit führte er in die Erde hinein. + +Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht! + +Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der steinerne Boden. +Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden, feuchtkalt und glitschrig +fühlte sich die Steindecke über mir an. + +Holst du mich, Tiefe der Erde? + +Willst du mir ein wenig lüften von deinem tiefen Geheimnis? + +Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger großer Mutterschoß! + +Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht deiner Schale +durchfurchten wir mit unserer schwachen Kraft. Doch deine Tiefen +öffnest du nicht vor unserem Blick. + +Flammendes Feuer, brandendes Brodeln, zischendes Kochen birgt tief +dein tiefstes Inneres. Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen +Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen kann. + +Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich hinein. Wie tief mag +ich sein? Kein Laut von außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe +um mich herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht. Vorwärts, +Jäger! Ein Jäger kennt keine Furcht! — — + +Es benahm mir den Atem. + +Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den Gang durchstrich. Also +mußte am unteren Ende eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken +müssen auf dieser unterirdischen Forschungsreise. + +Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten Steine meinen Weg. Ich +räumte sie beiseite, kroch über sie hinweg und strebte vorwärts, nur +immer vorwärts. — + +Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen? Ist’s unter mir, ist’s über +mir? + +Sag’ dein Geheimnis, Erde! + +Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne malt sich ein schwacher +Lichtschein im finsteren Gange ab! + +Das muß des Ganges Ende, das muß die Öffnung nach oben, zum Licht +der Erde sein! Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher +gegangen. + +Zum Licht empor, zum Leben jetzt! + +Immer deutlicher wurde der erst so schwache Lichtschein. Wie ein +Schimmern drang es mir entgegen. Hoch über mir sah ich Felsenwände +aufwärts streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den Steingeröllen +winken, — sei mir gegrüßt du schönes Sonnenlicht! + +Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und Steintrümmer hinweg +klomm ich aus der Erdtiefe empor. + +Die Öffnung am Ende des unterirdischen Ganges, durch den ich wie +ein menschlicher Maulwurf gekrochen, war fast völlig mit Brombeer- +und wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer, schwarzer und roter +Fruchtfülle hingen die Zweige. + +So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es half aber nichts: mein +Weidmesser mußte mir freie Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich +durch die schmale Öffnung ans Tageslicht hervor. + +Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön war, was ich sah. + +Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe; sie waren mit üppig in +hundert bunten Farben blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen. +Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von allen Seiten +abgeschlossen und geschützt vor spähenden Augen lag dieses kleine +Tal. Ein in den Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares +Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande tauchten, lag verträumt und +still inmitten des Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden +diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte hier und dort +und bildete lauschige Inseln im hellen Grün der Wiese. Weißstämmige +Birken mit ihrem lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder +drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen, und streckten ihre +jungfräulichen Wipfel ins dunkle Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein. + +Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün der Wiesengräser mit +lebhaften Farben, Schmetterlinge umgaukelten die Blumen, Bienen +summten, Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken +im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften fauchend in den +Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges Finkenhähnchen schlug froh +und kecklich seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern huschten +im Grase, und Lerchen standen wirbelnd, und sich ins ferne Blau des +Himmels, der wie ein Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah, +höher schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft. + +Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen vor der Außenwelt. +Man fühlte es: nie war die Außenwelt bis hier hinein gedrungen. + +Große, behauene Steine fielen mir auf, die am westlichen Uferrande +des stillen Teiches lagen. Über die grüne, blumenbesäte Wiese ging +ich zu den Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß auch in +~sie~ wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt waren. Auch war +deutlich eine kreisrunde Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen. +Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer Vorzeit heidnischen +Opferstätte, an der zu den längst als unecht von uns neuen Menschen +abgesetzten Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch an einer +Stätte einstiger Menschenopferung. + +So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten geheimnisvollen +Ort ehemaligen Heidentums entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von diesem +allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal, das nun zu einem so +wunderschönen Fleckchen unberührter, köstlicher Natur geworden war. +Kein Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen. + +Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte ich nicht den +sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer menschlichen Stimme gehört? + +Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes Ohr vernahm nur +den leichten Sommerhauch, der warm und wohlig durch die lichtgrünen +Birkenwipfel strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf, nur +das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen der nach +den tanzenden Mücken schnappenden Fische. Doch nein! Dort klang +es deutlich zum zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters +grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet! Geister der alten +Heidenzeit, seid ~ihr’s~, die ihr so sehnsüchtig, so liebeatmend +seufzt? + +Seelen geopferter Menschen, seid ~ihr’s~, die ihr an diesem +sonnendurchstrahlten Sommersonntag ins Licht des Tages schwebt und nun +den Reigen Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen Stätte +tanzt? + +Mensch, der du durch finsteren Erdgang in dieses zauberhaft +liebliche, von Sonnenlicht und Sommerwinden erwärmte Tal den Weg +gefunden hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein +~eigenes~ Atmen, das du nur im Echo hörst? Nein, nein, mein eigenes +Atmen ist es ~nicht~! Ich muß ergründen, was an jener laubverhangenen +Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles Leben. — + +Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch. Schmetterlinge jagte ich auf, +die mit geschlossenen Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen +gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet, eingeduselt waren, grüne +Heupferdchen hoppten, gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen +Wiesengras mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß die Grasrispen +erzittern ließ, Vögel flüchteten aus dem Haselnußgebüsch, an das +ich streifte, ein Eichhörnchen fauchte mich mürrisch an, wickelte +seinen Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht, was es aus mir +Eindringling in diesem Versteck zwischen den Waldbergen machen sollte; +eine unschuldige Natter wand sich in das Wurzelwerk der Buche hinein, +hinter deren Stamm ich haltmachte, lauschte und spähte, — nichts +hörte ich mehr. Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen +vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk? Ein holder, teuflischer, +schöner, schrecklicher Spuk? Ein Spuk der Heidenwelt, in deren +erstorbene, längst vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war? War +etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal? Der stille, spiegelnde, hier +so dunkeltiefe Waldteich? Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge +mit ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte, duftete und Früchte +niederhangen ließ? O holder Spuk, o schreckensschöner Spuk! + +Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und kann nicht fort! + +Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig aus, du holdes +Traumgebild! + +O Marianne, du hast mich ja bezaubert! Was hast du nur aus mir +gemacht! Ich seh’ dich ~vor~ mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis +hier in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. — Ja, Marianne! — + +Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang ausgestreckt auf dem +Wiesengras. + +Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein sprang durch das +leichtbewegte Blattgerank der Erlen wie goldenes Blitzen über ihren +herrlichen, weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht erschien in +all der Fülle rotgoldenen Haares, das ihn umflutete und seine Blöße +verhüllte. Leicht über sie bis an den Busen hochgebreitet lag das +weiße Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang angetan hatte. +Blumen lagen darüber gestreut in allen Farben des glühenden, blühenden +Sommers. Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen, +glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen wie schwere, schöne +Himmelstränen. + +Noch rieselten hier und da von ihrem weißen, sanft geschwellten Busen +kleine, glitzernde Wasserperlen ins Gras zu den Seiten herab, noch +lag’s wie ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte soeben +erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen sein. + +Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir, woher kennst du dieses +stille, heimliche Tal? — + +O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch war es Zeit, noch Zeit +zur Flucht, zur Rettung! + +Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden Arme, die weißen Hände, +da schob sie die wogende Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz +langsam ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln die roten +Lippen, da trafen — zwei sengende Strahlen — ihre Augen mitten hinein +in die meinen. + +»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise, ganz leise, noch einmal: +»Marianne!« + +Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin, ob ich langsam, ganz +langsam über das Stückchen grüner Wiese, das mich von ihr trennte, +geschlichen bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen +wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert hatte. Ich weiß das +alles nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich vor ihr niederkniete, daß +ich ihre nackten Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit +seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das rote Haargewoge +verschlungen hatten, an mich riß, daß sie sich selbst wie eine +aufbäumende Schlange gegen mich warf. O Marianne. — — — — — — + +[Illustration] + + + + +Sonne, schöne Sommersonne, du versinkst hinter den hohen Domtürmen der +kleinen Stadt. + +Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen wie pures Gold. + +Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt, von Sünde löst und +freispricht? + +So sprich mich ~frei~ von meiner Sünde, Gott! — — — + +Stilles, heimlich verborgenes Tal, dein Boden ist getränkt vom Blut +der Menschenopfer alter heidnischer Zeit. + +Forderst du ein ~neues~ Opfer? — — — + +In der Dämmerung schlich ich mich am Fluß entlang in das Städtchen +zurück. + +Hatte ich nur geträumt? War’s Fieberwahnsinn, Fieberglut gewesen? + +Hatte sich wirklich soeben erst lachend und keuchend mit flammenden +Augen und glühender Stirn ein zauberschönes Mädchen meinen Armen +entwunden? War fortgesprungen wie eine weißschimmernde Elfe mit +rotwallendem Mantel über das sanfte Grün der stillen Wiese im +Tal? Hatte grausam ihr Lachen geklungen? Und hart und spröde +und siegestrunken? Und sanft und girrend, lockend und drängend, +verführend, bezaubernd wie das Lachen der Zauberin Circe? + +Neben mir klingt und singt der Fluß. Am Ufer drüben ragen im +Abendschein die Häuser, die Türme und Mauern der kleinen Stadt. + +Ragt die Kauzburg hoch über die anderen Häuser hinweg. »Huhu, huhu« +schrien ein paar Käuzchen und flogen lautlos um die schlanken Pappeln, +die hier am Ufer stehen. Ganz still und unbewegt. So wie ich selbst +hier stehenblieb und stand, ganz still und unbewegt. Und in das +fließende, rinnende, immerfort fließende, immerfort rinnende Wasser +des Flusses starrte. Bis immer mehr der Abend niedersank und nur ein +letztes rotes Leuchten Kunde gab von einer Sonne, die verschwunden +war, um einer anderen Welt ihr Licht zu spenden. + +Ein Glöcklein klang vom Dom. Das Abendglöcklein war’s. Dann fiel ein +zweites tieferes Glöcklein der evangelischen Kirche ein. Sie klangen +schön miteinander. Wie Schwester und Bruder. Aber die Menschen, die +ihnen zuhörten, waren nicht wie Schwestern und Brüder miteinander. +Sie befeindeten sich und bekriegten sich. — Schwestern und Brüder. +— Gestern war Marianne eine Schwester von mir gewesen und ich ihr +Bruder. Denn der christliche Glaube lehrt, daß wir Menschen alle +Schwestern und Brüder sind. — + +Heute? Jetzt? + +Wie kann man Bruder sein zu diesem Mädchen! Ich wußte es doch seit +Wochen, daß ich ihr nicht Bruder bleiben konnte. Warum hab’ ich sie +nicht von der Schwelle der Kauzburg verjagt? So hätte ich meine Ruhe +heute. So brauchte ich nicht so scheu wie ein Dieb in meine Kauzburg +zu schleichen. Ich fühle mich schuldig. Ich verfluchte das stille Tal, +den Waldsee, die sonnenfreudige grüne Wiese. + +Und doch! .... Wenn ich zurückdachte ...... Marianne, ich bin ~dein~! +— — — — — — — — + +Es war mir lieb, daß ich niemandem begegnete. Daß ich ungesehen in +meine Stube kam. — + +Morgen werde ich ruhiger denken. — — — — + +Um Mitternacht ging ich zu Bett. + +Still lag die Landschaft im milden Mondschein um meine Kauzburg. + +Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht. Drüben in den Feldern zirpten +die Grillen. In weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen und +schwebte als weißseidenes Feintuch über den Fluß. Mir ward ruhig +zumute; wunderlich ruhig. Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer +zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten in wildem Gischt an +den Strand? O Menschenherz, wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du +der Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden Sturm. — + +Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein? Der Mond ist euer +Helfer und Freund bei eurer lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches +Käuzlein mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald auf seine Mäuslein +jagen. Und meine Mutter mag gerade die Hände falten und leise beten: +bleib brav und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! — + +[Illustration] + +Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen könnte ich sie! +Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr goldenes Rothaar schlingt sie +um meine Schultern, sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll +trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein Blut, und ihre +nachtschwarzen Augen sengen bis tief in mein Herz; ich reiße sie an +mich, ich zähle die Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal, +am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo Schmetterlinge gaukeln, +wo das Finkenhähnchen seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still +ist wie im Paradies. + +Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich sie lassen; ~mein~ +muß sie sein, ~mein~ muß sie bleiben. — + +Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein anderer geworden bin? + +Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin ich ein Doppelmensch? +Vor den andern der eine, vor mir der andere? — Aber die Sünde wird +zuletzt zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es wecken! — + +So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der Sünde und Pflicht. Die +Pflicht hält jener das Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und +wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich wohltuend ab. + +Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig über mich ausschüttet. Daß +ich sein Jünger bin, sein Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung. + +O Wald, wie liebe ich dich! + +Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist? Daß ich mich an dich +anklammere, wie rankender Efeu am starken Eichenstamm es tut? + +Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und gesund. Gesund an +Seele und an Leib. Ja, bin ich denn krank? + +Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich möchte mich hinknien +auf hoher Berghöh’, wo ~du~ nur um mich bist mit deinem Rauschen, das +so kräftig klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’ +ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid. Sieh’, keiner weiß +es, und keiner ahnt es. Wie mich umschlingt diese Zauberkraft, dieses +feuerglühende Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten +reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer grausigen Augen. Wie, +grausig sag’ ich und lache mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen +nicht wie dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees, der den +Tag verträumt in stiller, kosender Ruhe? So sanft und weich, wie das +Wasser des Waldsees ist? + +Kann denn ein Waldsee zum Tode locken? + +Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem Arm, mit verlöschender +Kraft, mit letztem Kampfe ums Leben? + +Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die niemand kennt. Ich weiß von +einem, der lockt so weich, so kosend, doch was er an sich lockt, nie +wieder kehrt es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — — + +O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein Atmen, dein Leben! + +An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt. Und +schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen. Lau spielt der Sommerwind in +den Blättern der Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im blauen +Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen, sie sprechen schön wie +Vogelsang und Vogelsingen. Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt +ihr trauliches Rauschen und Klingen. + +Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja, Frohsinn in Ruhe! + +Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie wieder. Weshalb denn +traurig sein? + +Hab’ ich nicht ~dich~, mein Wald? + +Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner kräftigen Waldluft! +Füll’ mir mein Herz damit, so widersteht es der Lockung, füll’ mir die +Brust, so werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’ mir +die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel gleich auf den wiegenden +Ästen der Buchen, füll’ meine Augen damit, so werden sie trunken ewig +schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und Bergnatur, in der ich +Sünder stehe, erfülle mein ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin +ich sündlos zur Stunde. + +Und ~ist’s~ denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde, wenn sich zwei Menschen +schrankenlos einander geben? Wozu denn Schranken? ~Frei~ will ich +sein von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten gelegt, in +Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der durch die Waldgründe zieht, +gebunden? Muß denn das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt? +Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei, Frei! — — — Du bist +ein ~Mensch~, kein Falk, kein Hirsch! Bedenke es, du bist ein ~Mensch~. + +O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein. Denn Zucht und Sitte +binden. Und ~müssen~ binden, soll nicht die Allgemeinheit leiden. + +Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen! O singt, ihr seid ja +luftbeschwingte, freie Sänger! + +Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen, atmenden Gründe, +du hochgeweihter Hirsch, du bist ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des +herrlichen Waldes! + +Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus ins Feld, durch das +wogende Meer der Halme, und greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist +ja ein Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu fragen: »Sag’, +~darf~ ich?« + +Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der Luft, stoß herab, stoß +herab! An den Grabenrain hat sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es +sich ab im braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine pfeilscharfen +Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu! Wer sollte dich hindern? ... + +Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’ mich an Menschengebot +zu halten. Und soll ihn gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und ~wollt’~ +ihn gehn und ~will~ ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige Hexe, +dazwischen getreten in meine Pflicht und in den Tageslauf eines +Menschenseins? + +Warum nur, warum? + +Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich dich in mein Haus. + +~Bist~ du ein Kind der Straße? + +Man hat dich auf der steinernen Schwelle des Klosters gefunden, in das +man barmherzig das elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand +weiß, woher du kamst. + +Stammst du von Wesen ab aus einer anderen Welt, die wir nur ahnen, +niemals aber sehn? + +Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden Abgrund zur Tiefe, +neben dem Stein mit dem heidnischen Zeichen stehn, ~mein~ bist du +geworden im kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen +Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die Tropfen wie klare Tränen +von dem herrlichen Weiß deines Körpers, da riß ich dich, nein, ~du~ +rissest mich in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes Haar — — +— wer bist du, wunderbares Zauberweib? Hast du die Macht, der Menschen +Seelen in dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich wieder frei von +ihr! Hilf deinem Grünrock, du schöner, grüner Wald! — — — + +Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete Berge, durch +ein mondbelichtetes Tal. + +An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des Mondes Glanz, in seinem +Silberglanz gebadet schien das Tal. + +So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes Hufe tönten vom +Wurzelwerke, mit dem der Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein +unvergeßlich schöner Ritt. + +Froh fühlte ich mich und frei. + +Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden Naturmenschen, war ich +zusammen gewesen, hatte die herbstlichen Schlagflächen mit ihnen +besucht, über die Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über den +Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen, und fast unbewußt +hatte ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. + +Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem Forsthause kam, desto mehr +wich die Ruhe von mir. Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt, +den Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen, für +unsere Stimmungen haben. Aufgeregt tanzte er unter meinen Schenkeln. +Und plötzlich stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still. +»Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm den Hals. Der +Mondschein lag hell über der Straße. Vor mir bauten sich klar und +scharf die Häuser des Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die +Kauzburg, jeden Schornstein konnte ich erkennen. + +»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm etwas die Sporen. Da +schnaubte er und gehorchte. Aber als ich auf das mondhelle Feld +blickte, das unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer +meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich im Sattel zusammen. +Eine weibliche, weiße Gestalt bewegte sich quer über das Feld auf mich +zu. Nicht schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft. Ich +erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener, wie Feuerschein +lohender Mantel floß über das weiße Kleid das lange, gleitende Haar +und ließ sich bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes. + +Es war Marianne. + +Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat, Marianne, meine Sünde. + +Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust. + +So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete ihr rotes Gluthaar +im Silberstrahl des Mondes. Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf? + +Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der Mondsucht, mondsüchtig +ist sie und heute ist Vollmond. + +»Marianne!« rief ich. + +Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah starr auf mich und mein +Pferd, und sprang wie ein schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem +Halse, ich wußte nicht, wie. + +Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte mich, und Pascha, +mein Gaul, ging ruhigen, stolzen Schrittes den schmalen Pfad, der zur +Kauzburg führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem Lächeln auf +uns herab, und eine Wolke kam und hüllte des Mondes blasses Licht in +Dämmerung, und der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich, +ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen hatte, draußen im +frischen Wald, ich hatte dieses Mädchens Leib in meinem Arm, und so, +auf meinem Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit ihr +heimlich wie ein Dieb in meine Stube ... Marianne, Marianne. + +[Illustration] + + + + +Der Domherr ist heute bei mir gewesen, und machte mir seinen Besuch. +Lange war er verreist. In jedem Jahre macht er große Reisen. + +Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor treten. Was tausend, +wie kann sich der Mann benehmen. + +Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um. »Niemand da, mich +zu empfangen?« Jede Bewegung, sein ganzes Wesen sprach das aus. + +Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau, dummdreist wie immer. Je näher +er dem Domherrn kam, desto unterwürfiger wurde der Junge. Ich glaube +gar, er küßt ihm noch die Hand. Das fehlte gerade, er, der Sohn +evangelischer Eltern, der Lehrling eines evangelischen Oberförsters! +Ich hörte des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr Oberförster +zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling bejahte und vor dem geistlichen +Herrn die Tür der Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen +Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür und sah, wie +Fräulein Bartel ihrem Seelsorger die Hand küßte, sah seine segnende +Handbewegung, sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm beugte, +sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände legte und leise einen +Segen auf dies rote Haar — ach, dieses Haar, das mich verführte — +sprach, da richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen die +meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich denn schon in allen +anderen Augen die Augen Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar die +Haarpracht Mariannens? — — — + +Der Mann vor mir ~hatte~ ihre Augen und ihr rotes Haar! — + +Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber. Sein kühnes, kluges +Gesicht hatte ich dicht vor mir. Er spricht gewandt, benimmt sich +wie ein Fürst, versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig +hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert Menschen +wirken werden — und doch — er ist mir unangenehm. + +Warum? + +Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank sein, ja, ich ~bin~ +krank. Marianne macht mich fieberkrank! + +Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen an Mariannens Augen +denke? Daß ich fortwährend die Farbe seines, um die Tonsur sich +wellenden, mit wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens rotem Haar +vergleiche? + +»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine Empfehlung in Ihr Haus +kam, zufrieden, Herr Oberförster?« fragte er mich. + +Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein höhnisches Lächeln auf +seinem Munde? Hat er irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel, +weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als schicklich geschwiegen +haben auf seine Frage, denn er fragte noch einmal und sah mich +verwundert an. Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn wo kann +er denn etwas wissen! + +Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft ausfragen! Und nun fragt +er ~mich~ nach ihr! + +»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und fuhr mir über die Stirn +— sei klug und sei wahr und verrate dich nicht, liebe Seele, redete +ich mir zu, »aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr, mir doch +etwas Näheres über des Mädchens Herkunft mitzuteilen, es interessiert +mich, da sie in meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte, wen +ich im Hause habe, darum ...« + +»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«, unterbrach er mich ruhig, +und nur sekundenlang fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide +den Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses Mädchen wurde an der +Klosterschwelle als soeben geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in +unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln fand sich ein Zettel mit +folgenden Worten: Nehmt dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der +heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und der Heiligen Segen +auf euch ruhen.« + +»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich, um etwas zu sagen, da er +schwieg und wie traumverloren zur Erde starrte. + +Er fuhr auf. + +»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er. + +Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche Aufgeregtheit. + +»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich. + +»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die Schriftzüge?« +wiederholte er meine Frage und fuhr sich mit seiner schmalen Hand — +wo habe ich denn bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich — +über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines Weibes Handschrift war’s, +... wohl von der unbekannten Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange +her ... man vergißt es ..., aber auch ~Sie~, mein Herr Oberförster, +tun ein gutes Werk, wenn Sie das elternlose Geschöpf in Ihrem Hause +behalten und ...« + +»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte förmlich Angst, er +könnte sagen: »und es vor allem bewahren«. + +Aber ~sie~ war es doch gewesen, ~sie~ hat jede Schranke durchbrochen, +~sie~ hat mich dazu gebracht! ~Ich~ habe mich gewehrt wie ein +Verzweifelter, immer, immer — gegen mich und mein eigenes Fleisch und +Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich, wie ein Ertrinkender sich +gegen die Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein, trinkt, +trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und Wonne, aus dem Becher +dieses süßen, süßen Giftes! + +»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie Marianne in das Haus eines +evangelischen Hausherrn ziehen ließen«, sagte ich. + +»Aber warum denn ~nicht~, Herr Oberförster, warum ~nicht~?« meinte +er lächelnd. »Ich wußte doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel, +katholisch ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster, +Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft sind, also +gehören Sie doch ~auch~ etwas ~uns~ an, sind ...« + +»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach ich ihn kurz und +scharf. + +»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«, sagte er mit derselben +Freundlichkeit. Bloß seine Augen sah ich einen Augenblick schillern. + +Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel des Handkusses und der +Segenspendung. Marianne kniete vor ihm nieder. + +»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«, sagte er, während er das +Zeichen des Kreuzes über sie machte. + +Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte es gesehen. Seine +tiefen, forschenden, dunklen Augen flammten auf. + +»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind, nicht wahr?« Es klang sehr +ruhig, sehr gütig, aber es klang wie ein Befehl. + +»Ja«, sagte Marianne gehorsam. + +[Illustration] + +»Dieser Mann hat große Gewalt über die Herzen der Menschen«, dachte +ich, als ich allein war. Wenn Marianne zur Beichte geht und ~alles~ +beichtet, was wird sein? + +Und dann rief ich mir die soeben mit ihm geführten Gespräche ins +Gedächtnis zurück. + +Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er weiß natürlich ganz +genau, daß ich kein Kirchgänger bin. Daß ich im Walde immer am +besten die allwaltende Gottheit finde. Und nun sollte ich gar ein +ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und bestickten Fürsprechern +zwischen der Gottheit und mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein, +das wäre nun schon ~gar nichts~ für mich einfachen Sohn des Waldes! + +Lieber sollt ~ihr~, meine lieben Bäume, Fürsprecher für mich sein! +Rauscht meine Gebete mit eurer grünen Blätterpracht dem lieben +Herrgott zu, erzählt ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm +sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt ~trotz~ +aller Sünde, rauscht bittend dem lieben Gott ins Ohr: »Herr, geh’ +nicht ins Gericht mit ihm, er ist ein ganz passabler Kerl und uns +viel lieber als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn +dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’ auch mal ~unter~ +dieses grüne Röcklein, wo sein Herz sitzt, gönn’ ihm ein stilles +Plätzchen später mal zur ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er +schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.« — Bin sonst nicht +neidisch: aber den Dachs beneide ich um seinen festen Winterschlaf. + +Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’ mir deinen Schlaf mit. +Ich hab’ den ruhigen Schlaf verloren. Aber auch ~du~ würdest ihn +verlieren, sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh, mein Dächslein, +mein liebes Dächslein, zu deinem Besten rate ich dir: bleib draußen im +Walde in deinem Bau! — — — — + +Marianne kommt in die Stube und wischt Staub. + +»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran, »wirst du beichten +gehn? Wirst du ~alles~ beichten? Du ~kannst~ doch nicht alles +beichten, Marianne.« + +»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre Zähne blitzen. Und +umschlingt mich mit ihrem linken Arm und fährt mit dem rechten über +die Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun blitzt und wie +sauber«, meinte sie, und drückte sich an mich wie eine Katze mit +weichem Katzenfell. + +»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor. »Aber bleib ~mein~!« — — — +— — — — + +[Illustration] + + + + +Jetzt kenne ich den nächtlichen Spuk in meiner Kauzburg! + +Daß ich nicht eher auf den so naheliegenden Gedanken kam! Seit +jenem Abend auf dem vollmondhellen Felde hinter dem Kirchhof an +der Gartenmauer meiner Kauzburg hätte ich wissen müssen, was zur +Vollmondzeit so ruhelos durch all die hohen Ordensräume dieses Hauses +schleicht. Armes Kind der Straße! Arme Marianne! + +Ja, sie ist’s. Sie ist der ruhelose Geist der Kauzburg. Sie wird +von dem schlimmen Gesellen dort oben am nächtlichen Himmel mit +magnetischer Gewalt heraufgezogen, als wollte er damit sagen: »Seht, +sie ist nicht von eurem Fleisch und Bein, ihr Menschen habt sie +grausam ausgesetzt als kaum geborenes Wesen, nun will sie fort von +euch, nun sehnt sie traumverloren sich nach einer anderen Welt, nun +sucht sie ruhelos die andere Welt und kann sie nicht finden, und ich, +ich habe nicht so große Macht, um sie ganz an mich zu ziehen und aus +dem schweren Bannkreis eurer Erde sanft emporzuheben.« + +Marianne, welch unendliches Mitleid krampfte mein Herz zusammen, als +ich dich langsam dahinschwebend am hohen Gesims der Kauzburg erblickte! + +Ich hatte wach gelegen in dieser köstlich klaren, silberflüssigen +Vollmondnacht. + +Zum Fenster schaute ich heraus und sah, wie’s silbern floß und strömte +um Baum und Strauch, um Feld und Wald, um Wiese und Rain. + +Da kam es leise, ganz leise an der Tür vorbei, unhörbar fast, ich +ahnte es mehr, als daß ich etwas hörte. Wie ein seidenes, weiches, +ganz weiches Streifen und Rieseln, wie ein Seufzen, wie ein feines, +ganz feines und weiches Lachen. Es griff mir ans Herz, ich wußte nicht +warum, ich fühlte, wie meine Pulse klopften, wie sich’s schmerzhaft +zusammenzog in mir. + +Von draußen zogen die Silberwellen des Vollmondlichtes durchs +offenstehende Fenster zu mir herein, auch fein und weich und leise. +Ein Fenster hörte ich klirren. + +Da raffte ich mich auf und öffnete sachte die Tür nach der Halle. + +Niemand zu sehn. Ich schlich den weiten, hohen Hallengang hinab, da +stand das Bogenfenster auf. + +Ich beugte mich hinaus und schrak jäh und furchtbar zusammen. + +»Marianne!« wollte ich schreien, aber gottlob erstickte ich noch den +Schrei. + +Nur wie ein Ächzen kam’s über meine Lippen: »Marianne« ... Ja, da +schwebte ihre gertenhaft schlanke Pagengestalt hoch auf dem Rande +des Dachgesimses hin. Tief unter ihr, ganz tief und drohend ging’s +hinunter auf den felsgezackten Mauerrand. Ein einziger, kleiner +Fehltritt in ihrer grausigen Höh’, ein Stocken des Fußes, ein Zögern, +ein Nachlassen ihres Schlafzustandes, ein Aufwachen, ein Erwachen — +und zerschmettert lag sie da unten! Zerschmettert dieser herrliche +Mädchenleib, der für mich, ganz allein für mich in all seiner +berauschenden Schönheit blühte. + +So ging sie sicher wie auf der breiten Straße unten im Tal auf ihrem +schwindelnden, schmalen Wege, ihr weißes Nachtgewand leuchtete wie ein +milchfarbenes Strahlenkleid, ihre Haarpracht schien Funken nach dem +silberglänzenden Licht, das sie in diese einsame Höhe emporgezogen +hatte, zu senden, und ich hier am Fenster, ich zitterte davor, daß sie +jemand anrufen und aus dem tiefen Geisterschlaf plötzlich aufwecken +könnte. + +Wie kommt es, daß man in solchen Augenblicken zum alten Gott +zurückkehrt? + +Daß man bei ihm und keinem anderen um Bewahrung, Schutz und Schirm +bittet? + +Da schwöre ich nun auf mein Erdgeborensein, auf mein Erdenleben und +mein Erdensterben, da juble ich nun in den Wald hinaus: »Ich bin von +Erde und will wieder zu Erde werden, ich habe meinen Himmel auf der +Erde und sonst nirgendswo.« + +Und heute, jetzt in dieser Nachtstunde, wo ich um jenes Leben +zittere, das wie gelöst von jedem irdischen Leben, umspült, +umschmeichelt von dem bleichen Mond, den Weg des Todes geht, heute +halte ich die Hände, wie’s der einstige Forstbub tat, und bete: +»Herrgott, der du über uns in Herrlichkeit und Macht und Güte thronst +.. Herrgott, himmlischer Vater, laß sie zurückkehren in meinen Arm von +ihrer furchtbaren Wanderung.« + +Hatte mich Gott erhört? Gibt’s wirklich einen persönlichen Gott, der +auf Worte eines einzigen Wesens unter Millionen anderer Wesen hört? +Der milde und freundlich lächelnd wie ein guter Vater sich neigt und +spricht: »Dein Glaube hat dir geholfen?« + +Denn siehe: Sie wandte sich um, sie drehte sich auf dem äußersten, +letzten Stein der Dachrinne, die über die Tiefe schwebte, um, sie hob +die Hände und schlang sie hinter dem feuersprühenden Haar zusammen +und schritt, das bleiche Gesicht wie in Sehnsucht gegen den Glanz des +Mondes erhoben, denselben Todesweg, den sie gegangen war, zurück. + +Immer näher kam sie, immer näher. Oh, nur noch ein paar Schritte, nur +noch einen Schritt ... schon beugt sie sich in das Fenster hinein, +von dessen Öffnung ich zurückgetreten war, schon will sie durch die +Öffnung zurückschlüpfen in die sichere Halle, ... da wird drüben ein +Fenster aufgerissen, eine gellende Stimme ruft: »Marianne! Um Gottes +willen, Marianne ...!« + +Sie zuckt zusammen, ihre Augen öffnen sich, ihr straff aufgerichteter, +schlanker Körper knickt ein, als ob die Macht, die ihn hielt, von ihr +genommen sei, aber schon bin ich vorgesprungen, schon hab’ ich sie +erfaßt, umschlungen, reiße sie in die Fensteröffnung hinein, reiße sie +~an~ mich, werfe mich zurück vor dem Sturz hinab auf die Steinmauer +tief unten, ... gerettet ... Gott, ich danke dir, gerettet! + +Marianne lag ohnmächtig an meiner Brust. Fräulein Bartel kam den Gang +heraufgestürzt mit fliegenden Gewändern und wie wahnsinnig schreiend: +»Marianne, Marianne, Marianne!« »Ja, Marianne,« fuhr ich sie an, +»danken Sie Ihrem Herrgott, daß Sie nicht ihre Mörderin geworden sind, +Fräulein Bartel!« + +»Ich? ... ihre Mörderin?« ... stotterte sie entsetzt. + +»Ja, wissen Sie denn nicht, daß man Mondsüchtige nicht wecken, nicht +erschrecken darf?« + +»Marianne? ... Mondsüchtig?« + +Ganz fassungslos vor Schreck war sie. Und das versöhnte mich mit ihrer +Dummheit. — + +Wir trugen Marianne auf ihr Zimmer und legten sie auf ihr Bett. +Sie erholte sich bald von ihrer Ohnmacht. Wußte sich auf nichts zu +besinnen. + +Wir sagten ihr nichts. + +In Vollmondnächten wird aber seitdem — ohne daß sie es weiß — ihre +Stubentür verschlossen. Vor ihrem Fenster ist ein Gitter. + +Auch vor einigen der anderen Fenster. Dafür ist’s doch auch eine alte +Ordensburg. + +[Illustration] + +Tiefer Schnee deckt den Boden. + +Dem Landmann ist’s lieb, daß die Schneedecke seine Saaten schützt, +und daß die Erde genügend Feuchtigkeit fürs Frühjahr durch die +Schneeschmelze erhält. + +Noch ist das Frühjahr fern. + +Noch denkt der Schnee nicht ans Schmelzen. + +Noch sitzt er wie ein guter, mottenfreier Pelz auf der Erde. Auf +den Zweigen der Bäume liegt er wie eine hohe Schicht Streusel auf +schlesischem Streuselkuchen. Im Schlitten — ohne Schellengeläut — +fahre ich durch den Wald. Durch meinen Bergwald, den ich so liebe. +Über die Gebirgsbrücke hinüber. Aber der sonst so munter sprudelnde +kleine Fluß liegt im Dornröschenschlaf. Unterm Eise, vom Froste +eingeschläfert. Auf den holden Knaben, den Frühling, wartet das +Flüßchen. Der wird es mit rotknospendem Zweig berühren, mit Jauchzen +stromauf springen und überall sein holdes Antlitz zeigen, dann wird +mit Geknatter und Gekrach das Eis bersten, das Flüßchen wird anfangen +zu fließen, erst ganz verschämt und zagend, aber nicht lange wird’s +dauern, da haben wir das ganze muntere Plaudern und Plätschern wieder. + +So schlafe denn wohl, du lieber Talfluß du! + +Der Knabe Frühling wird dich wecken. + +Am tiefsten still ist der Winterwald. Der hohe Schneeanhang am grünen +Nadelzweig, am trocknen vom Herbst her an den Ästen verbliebenen Laub, +— das hohe Schneepolster, das selbst auf kahlen Laubbaumzweigen liegt, +die weiche Schneedecke, die Waldwege, Waldstege wie eine Daunendecke +verhüllt, das alles macht stiller noch den sonst schon stillen Wald. + +Auch die Singvögel singen nicht. + +Sie weilen in wärmeren Landen und — blieben sie hier — so piepen sie +höchstens, wenn sie hungern, doch sie singen nicht. + +Ich liebe den Winterwald. Fast mehr als den sommergrünen. Der +Winterwald spricht so deutlich von Ruhe. Von Ruhe und Schweigen. Und +Schlaf im Walde für ewig. + +So rein sieht alles aus, so weiß, so grün darunter, wie frische Jugend +im Hermelinpelz. Hier scharrte ein Füchslein im Schnee, ich sehe seine +Spur. Dort ist ein Reh getrollt, hier hoppelte ein Hase, halt da ... +und ~hier~? Ein Wildschwein war’s, das ritterlichste Wild des Waldes. +Der Fährtenfinder Schnee verrät das alles. Er ist des Waldes Papier, +auf dessen Weiße alles schreibt, was durch den Wald schnürt, hoppelt +oder trollt. + +Spät am Abend erst kam ich in die Kauzburg zurück. Es war so spät +geworden, daß ich mich wunderte, Fräulein Bartel noch aufzufinden. Ich +hatte ein für allemal angeordnet, daß sie mir mein Abendbrot in meine +Wohnstube hinstellen und zu Bett gehn sollte, wenn ich erst nach zehn +Uhr aus dem Walde heimkehrte. + +Ich liebe es dann, den Abend allein für mich zu verbringen. Denn der +Waldfrieden, die Waldluft, des Waldes stille Schönheit hängen mir +an solchen Abenden noch in den Gliedern, es stört mich, wenn mir +dann irgendein Alltagsmensch Tagesklatsch und kleine Tagessorgen +vorplappert. Aber an solchen Abenden hatte Marianne immer am ehesten +Gewalt über mich. Sie, mit ihrer Waldnixenschönheit, mit ihrem weißen +Gesicht, aus denen wie zwei dürstende rote Brombeeren die Lippen +leuchten, mit ihren Rätselaugen, die geheimnisvoll sind wie das +nächtliche Walddunkel, mit ihrer roten, goldigen, sprühenden Haarflut, +ja, sie paßt zu dieser Stimmung, die ich an solchen Abenden mit heim +bringe. Oder sie löst vielmehr diese Stimmung in glühende Akkorde +auf. Was ich im tagtäglichen Leben nicht finde, glaube ich im Walde +und in der trunkenmachenden, liebeglühenden Schönheit Mariannens zu +finden. Eine Krankheit ist’s. Eine Krankheit der Seele. Ich glaubte +sie zu heilen, indem ich wie ein Kranker nach Betäubungsmitteln griff. + +Es war mir daher direkt unangenehm, als mir heute am späten Abend +Fräulein Bartel oben in der Flurhalle entgegenkam. Verlegen, wie ich +sofort merkte. »Ach, gewiß irgendeine in ihren Augen große, in meinen +Augen kleine wirtschaftliche Sorge!« seufzte ich. + +»Nun, Fräulein Bartel, noch auf?« fragte ich ziemlich unwirsch. + +»Ach, Herr Oberförster, sie ist heute gekommen«, sagte sie und sah +mich ängstlich an. + +»~Wer~ ist gekommen?« fragte ich. + +»Nun, die Erika aus der Heide, Herr Oberförster.« Ich fing an, an +Fräulein Bartels Verstand zu zweifeln. »Erika aus der Heide, Fräulein +Bartel?« wiederholte ich maßlos verblüfft. »Ja, ich habe Herrn +Oberförster doch aber gesagt, und Herr Oberförster hatten doch nichts +dagegen«, meinte sie, ein wenig empfindlich. + +»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen, mein liebes Fräulein +Bartel, und sagen Sie mir endlich klar und deutlich, wer gekommen +ist, was der Wer hier will, und zu welchem Wer ich meine Erlaubnis +gegeben habe.« + +»Des Heidkönigs Tochter ist gekommen«, sagte sie. + +»Ah!« ... nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen! Das hatte ich +längst, längst vergessen! + +Ja, richtig, Fräulein Bartel hatte mich einmal gefragt, ob des +Heidkönigs — eines Lüneburgers Großgrundbesitzers — Tochter für einige +Zeit, solange der Vater im Auslande weilte, unter ihre Fittiche +kriechen dürfe. + +Und nun war die Heidkönigstochter da. Wirklich da! ... Nun hatte +ich’s! Nun mußte ich mich drein finden. Drein finden, daß ein fremder +Mensch mir meine Hausruhe stören würde. Meine Hausruhe? ... Lieber +Gott im Himmel, Hausruhe hatte ich nicht mehr. Damals, ja damals, als +mich Fräulein Bartel fragte, hatte ich noch Hausruhe gehabt. Jetzt war +Leidenschaft und heimliche Sünde im Hause. Mein Herz war durchwühlt, +ein anderer war ich geworden. + +Am liebsten würd’ ich die Heidkönigstochter gleich morgen wieder +einpacken und in ihre Heide zurückschicken ... Einen Beobachter im +Hause? Bis jetzt war nur Fräulein Bartel hier oben in meinen Räumen. +Die merkte und sah nichts von dem, was im geheimen hier geschah. + +Merkte und sah es nicht, daß Marianne und mich die Sünde +zusammenhielt, daß Marianne wie ein schöner Dämon diese Räume und den +Herrn dieser Räume beherrschte. + +Aber von jetzt ab dieses fremde Menschenkind. + +»Wie ist sie denn?« fragte ich mechanisch, denn ich merkte, daß +Fräulein Bartel noch vor mir stand und mich ganz verwundert, +ordentlich erschrocken ansah. + +»O, ein liebes, stilles Mädel ist’s, Herr Oberförster.« + +»Ein liebes, stilles Mädel«, wiederholte ich ihre Worte. Weshalb +bewegten mich diese Worte so? War das nicht ein Traum, den ich immer +geträumt hatte? Ein liebes, stilles Mädel! ... Fort, fort ihr dummen +Forstbubengedanken! Vorbei, für alle Zeit vorbei ... »Ist gut, +Fräulein Bartel, gute Nacht«, sagte ich und fühlte mich auf einmal so +müde, ach, so müde. + +»Wo ist denn Marianne? Was sagt ~sie~ denn dazu, ich meine, zu dem +neuen Bewohner, hm?« fragte ich noch nebenbei, und es war mir doch die +wichtigste Frage, die ich tat. + +»Ach, Marianne, Herr Oberförster, aus ~der~ kann man nicht klug +werden. Sie war ja ganz freundlich zuerst, aber dann verschwand sie +gleich in ihrer Stube, ohne gut’ Nacht und so wie ein Geist.« + +Lange blieb ich heute abend noch auf. + +Also in meiner Kauzburg ist eine Königstochter. + +Eine Heidkönigstochter. Gekommen aus einsamer, weiter Heide, wo die +Menschen weit voneinander entfernt wohnen in ihren in der weiten Heide +verstreut liegenden Gehöften. + +Nun, es ist anzunehmen, daß dieses Heidkind wenig zu merken sein wird +und selbst ebensowenig wie Fräulein Bartel irgend etwas von dem merken +wird, was hier in meiner Kauzburg das Licht der Sonne scheuen muß. Die +Königstochter ist gekommen, ist da und wird wieder verschwinden. Ich +werde gar nicht wissen, daß sie wieder von der Bildfläche verschwunden +ist. + +Aus ~meiner~ Bildfläche. + +Was kümmern mich Königstöchter! Mögen sie Töchter wirklicher Könige +oder nur Töchter von Heidkönigen sein! Aber es ~gibt~ gar keine +Heidkönige, sondern nur diesen einen einzigen Heidkönig auf der ganzen +Erde. In seiner Art ist also der Mann ~mehr~ König als all die anderen +Könige. + +Am nächsten Morgen begegnete ich der Heidkönigstochter in der +Flurhalle. Ich begrüßte sie freundlich und war gleich von ihrem +einfachen, schlichten Wesen sehr eingenommen. + +Sie ist ein hübsches Mädchen, hat braunes Haar und braune Augen. Eine +Welt von Güte und Treue strahlt aus diesen Augen. + +Sie würde zwischen anderen Mädchen sicher nicht auffallen. Aber allein +besticht sie durch eine eigenartige Lieblichkeit. + +Sie ist wirklich eine Erika. Eine schlichte Heideblüte. Die erblüht +ist im einsamen Heidhof auf einsamer, weiter Heide. Nun, mein liebes +Heidekind, möchtest du, wenn du von hier wieder fortgehst, eine +freundliche Erinnerung an die Kauzburg mit hinausnehmen in deine +braune Heide! + +[Illustration] + + + + +Du würdest Augen machen, glühende Kauzaugen, mein schlesisches +Waldkäuzlein, wenn du die beiden Mädchen in meiner Kauzburg sehn +würdest. + +Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende, +leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen Rätselaugen, mit +seinem feuerflammenden Gluthaar, und neben ihr Erika, die keusche, +treue, liebliche, schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht +dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander stehen. + +Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun, ~dann~ müßten die zwei +sich anziehen wie zwei Magnete, die im Weltall kreisen. + +Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub im schlesischen +Wald. Und doch ist die schöne Forstbubenzeit im heimatlichen Wald +so lange schon vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir +gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide. Wie sie als +Kind sich dort verlaufen hat und Blumen pflückte, die gepflückten +fortwarf und wieder pflückte und gar nicht merkte, wie der Abend kam. +So recht nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber hinlief +als in den Heidwald. Und wieder und wieder sich dort verlief, bis +die Hirten sie fanden. Die wurden aufmerksam durch das Geblök der +Heidschnucken, die sie durch den Waldbusch nach Hause trieben. Die +meldeten das Kind und blieben stehn, blökten und rupften die Blumen +aus ihren kleinen Händen. + +Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert. Der Heidwald schützt +die kleine, aufblühende Heidblume. Die nun in stiller Anmut erblüht +ist und unterm Dache meiner Kauzburg ist. + +Zwei Blumen blühen in meiner Burg. + +Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem Duft, mit Dornen +auch, die keiner Rose fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche, +stille Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der einsamen Heide +bleibt und treu ausharrend ist in ihrem stillen Blühen. Nun ist sie +schon ein paar Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht. + +Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die Kauzburg. Draußen liegt +tiefer Schnee, es ist Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön. + +Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen. Viel ~mehr~ noch +als früher. + +Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun lebe, mit ihrer +Leidenschaft ein! + +Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und schlag’ mir den Frieden +um die Ohren. + +Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh und Übelkeit. Ein +schrecklicher Gedanke kam mir. Um Gott, bloß ~das~ nicht. Das würde +mich unrettbar an sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie +lachte mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie meine +Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei Dank, es ist nichts! +— Zum erstenmal saß ich des Abends mit Erika allein an dem großen +Tisch in meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen Schein auf +die Tischplatte und ihr dämmeriges, dunkleres Licht ringsum auf +die gewaltigen Hirschgeweihe, die gut geperlten Rehkronen, den +Elchkopf mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden Wildschweinkämpfe +urgewaltiger Rassen, und das Heidekind, das seine Heide und sein +heimatliches, einsames Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von +seiner Heimat, der Heide. + +Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie gerade die einfachsten +Landschaftsmotive Bilder von unvergleichlicher Kraft und Schönheit +geben können. Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner +geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach, aus denen man +wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht nach der Heide herausfühlte, +erstand vor mir die Heide, die weite blühende Heide. + +Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun und Lila der holden +Waldblume Erika, ich sah auf dieser einsam weiten braunvioletten +Heide die weiße Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn, +jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das dunkle Moor +mit seinem grauschwellenden Polster, mit seinen silbern schimmernden +Wollgrasbüscheln, die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die +Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten Sonnenglühen dort +sammeln, ich sah dies schöne, ernste, wunderbare Sonnenglühen über die +Heide seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die Wasserflächen +einsamer Teiche unter dem goldigen, wärmenden Glanz der Morgensonne +aus ihrer Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume +wie hohe Lorbeerbäume von frohem Morgenglanz durchleuchtet, am +Horizont den dunklen Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah +die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus dem Horizont sich heben, +immer weiter und weiter ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die +Sonne stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern und Glänzen und +Zittern begann, das Nähe und Ferne in seine Märchenstimmung zieht und +allen Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht, und nun sah ich +den einsamen Hof, das einsame Heidehaus, das seine Heidblume Erika an +uns hier abgegeben hatte. + +Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und schirmend den einsamen Heidhof. + +Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit seinem tiefhangenden +Strohdach, zwei Pferdeköpfe auf den Giebelseiten scheinen den +Fremdling begrüßen zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern, über dem +Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer Spruch, er soll die bösen +Geister bannen und ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus +die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen, der Speicher, +das Backhaus, unweit davon die Katen der Arbeiter, und als des +Hofes Wichtigstes der Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen +Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So ruht der Heidhof im +Flimmern stiller, träumender Mittagsonne; die Heidschnucken sind um +den Steinbrunnen gelagert, umschlossen das ganze Idyll von einem Wall +von Findlingssteinen im Osten und sonst von kunstvoll geflochtenem +Palisadenzaun. + +»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg. + +»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch und mit einem +ungemein glücklichen, kindlichen Ausdruck in ihrem Gesicht. + +»Mein Vater meinte, daß man fern von der Welt, auf dem einsamen +Heidhofe am glücklichsten lebe!« + +»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er ~doch~ in die Welt hinaus, sogar +in die weite Welt übers weite Meer!« + +»Weil er ~mußte~«, sagte sie ernst, »es ist ihm bitter schwer +geworden, seinen Heidhof zu verlassen.« + +»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume Erika«, sagte ich lächelnd. + +»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei, während ein freundliches +Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte. + +»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin, unter den +Schutz meines Daches gegeben«, scherzte ich. + +»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit dem ihr eigentümlichen, so +wundervoll melodisch klingenden Lachen. + +»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den Heidkönig und mich die +Heidkönigstochter; wohl weil von alters her unsere Eltern und Ureltern +auf diesem Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz in der +Heide haben.« + +»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens ein Grafentum, ja, ja!« +rief ich. + +»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert Morgen unter dem Pfluge,« +sagte sie lachend, »alles übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland. +Hei und Holt sin dem Buren sin Stolt!« + +»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern Stolz, Fräulein Erika. +Auch wir Grünröcke sind stolz auf unser Holz!« + +»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie. + +»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein Erika. Ich muß hinaus +in einige Holzschläge, und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den +es gibt, in weißem Schneeglanz sehn.« + +»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf. Werd’ ich auch Heide, +weite, weite Heide sehn?« + +»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide, wie Ihre Heimatheide +ist, holde Heidkönigstochter. Die gibt es hier nicht; ich wünschte, +ich könnte sie Ihnen herzaubern.« + +Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn zusammen und sie blickte +auf das vor ihr liegende Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab. +Gleich darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich und +schelmisch in die Augen. + +»So werde ich denken, daß hinter dem schönen Bergwald, in dem wir im +Schlitten fahren werden, die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß +des Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie. + +»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin. Sie werden ja +wieder zurückkehren in Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier +bleiben, wo ich bin.« + +Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich das sagte, etwas +Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie sah mich einige Sekunden ernst und +prüfend an. + +»Hier ist es doch ~auch~ schön und einsam. Wenigstens können Sie doch +so viel Einsamkeit haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann. + +»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«, stieß ich unwillkürlich +hervor. + +Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen unschuldigen Augen, die +schelmisch und träumerisch, lieb und gut blickten, ahnte ja nicht, +was in mir vorging! — Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch dieses +Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem Zauberbann, unter dem ich +mich krümmte und wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die +mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten. + +»Erzählen Sie mir doch noch von Ihrer Heide, bitte, bitte, liebe +Heidkönigstochter, ich werde so ruhig und still dabei, wie der +Forstbub es wurde, wenn ihm die Mutter Märchen erzählte.« + +Wieder traf mich ihr ruhig-ernster und prüfender Blick. + +»Was sind denn zum Beispiel die Lieblingsgerichte der Heideleute, +hm?« fragte ich scherzend. Nun machte die Heidkönigstochter zwei +Schelmenaugen. + +»To hungern brukt hi keen, so heißt es bei uns in der Heide!« sagte +sie fröhlich. + +»Unsere Lieblingsgerichte wollen Sie wissen? Ei, so muß ich mit dem +Buchweizenpfannkuchen beginnen. Den ißt der Heidjer am liebsten. Auch +ich als Heidjerin. Aber auch Buchweizengrütze und Buchweizenklöße, +dann Erbsen und Kohl wie der Hase draußen, der sich sein Teil davon +zu holen weiß, Bratbirnen und Speck und Quetschkartoffeln mit +Buttermilch, ja, ja, to hungern brukt hi keen!« + +»Weiß Gott!« rief ich laut lachend, so laut und froh wie seit langem +nicht, »to hungern brukt dort keen!« ... »Eins haben Sie noch +vergessen, Heidetochter, ... den Heidschnuckenbraten!« + +»Schnuckenbraten gibt es nur am Sonntag«, meinte sie, »und wenn eine +Hochzeit gefeiert wird.« + +»Haben Sie besondere Hochzeitsbräuche in der Heide«, fragte ich. + +»O ja, noch den Brauch des Brautheischers«, erwiderte sie. + +»Wie ist denn das, Fräulein Erika?« + +»Nun, der Brautheischer tritt in die Diele des Brauthauses, schlägt +mit einem langen, mit Heideblüten bekränzten Stabe an den Dössel +des Tores und heischt feierlich dreimal die Braut, und ist sie ihm +überliefert, so zerbricht er den Stab und wirft die Stücke in das +flammende Feuer des Fletts.« + +»Des Fletts?« fragte ich. + +Sie sagte: »Das ist der ebenerdige Raum, in dessen Mitte die +Feuerstelle mit Feldsteinen ummauert sich befindet. Ein wichtiger +Platz, denn an ihm werden Knecht und Magd gedungen und gekündigt, von +ihm aus tritt die Heidetochter den Weg an in das Haus des auserwählten +Ehemannes.« + +»Wie feierlich und ernst löst sich das Kind der Heide doch vom +Herdsitz seiner Väter!« sagte ich lächelnd. + +Sie sah mich verwundert an. + +»Es ~ist~ doch auch feierlich und ernst, wenn die Tochter den Hof der +Eltern verläßt, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen und seine Hausfrau +zu werden.« + +»Und wenn die Eltern dagegen sind? Nicht wollen, daß ihre Tochter +seine Hausfrau wird? Fliegt dann nicht das Töchterlein manchmal dem +Vöglein gleich heimlich ins Freie? Hinaus aus dem Herdsitz der Väter? +Hinüber zum Heidhof des Geliebten?« scherzte ich. + +Ich vergaß, daß ein reines Heidekind mir gegenübersaß; vergaß, daß nie +der Saum ihres Kleides etwas Sündhaftes berührt hatte, vergaß, ach ich +vergaß, daß ich, ich nicht mehr den Saum ihres Kleides berühren durfte. + +Sie gab keine Antwort. Nur wie in schmerzlicher Trauer und Scham +senkte sie den Kopf und blickte von mir fort, zum Fenster, durch das +der weiße Schnee unterm Mondglanz hineinblickte. + +»Sei’n Sie mir nicht böse, ich ~bitte~ Sie, sei’n Sie mir nicht böse!« +sagte ich rasch und dringend. »Sie ~dürfen~ mir nicht böse sein, +Erika, Sie sind doch ein Schutz für mich, Sie sind doch der Frieden, +die Ruhe für mein Herz!« Ich wußte kaum, was ich sprach. Plötzlich +überfiel mich mit schrecklicher Wucht dieses unglückselige Verhältnis +zu Marianne! Diesem reinen Heidekind gegenüber kam es wie eine +förmliche Verzweiflung über mich. Immerfort schrie es in mir: »Könnte +ich ~dir~ doch ~so~ in deine Augen schauen, wie ~du mir~ mit deinen +reinen Heideaugen in meine Augen blickst! O könnte ich das, ach könnte +ich das!« + +Da wandte sie ihren Kopf wieder zu mir hin. »Ich bin Ihnen nicht +böse«, sagte sie so warm und herzlich, wie eine Mutter zu ihrem Kinde +spricht. »Weshalb sind Sie denn so sehr, so furchtbar unglücklich?« +Und ihre Augen blickten mich hell und klar wie zwei Sonnen +durchdringend an. + +»Ich unglücklich? Ach, Unsinn ... ich bin ja ganz vergnügt und +glücklich!« rief ich hastig. Sie schwieg eine Weile und schaute mich +ruhig dabei an. + +»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf, »Sie sind unglücklich +über etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber sagen Sie’s mir doch, ich +möchte Ihnen so gerne helfen.« + +Vielleicht wäre ich vor sie hingekniet nach diesen Worten, vielleicht +hätte ich meinen Kopf in ihren keuschen, unberührten Schoß gelegt, +vielleicht hätte ich dann den Mut gefunden, ihr alles zu sagen, +sie um Erlösung und Rettung gebeten, vielleicht hätte sie mit ihren +Händen dann leise und lind über meine brennende Stirn gestrichen, ach +vielleicht, vielleicht. + +Da ging die Tür auf. Nicht heftig und laut. Leise und wie von selbst. +Und im Rahmen der Tür stand Marianne im langen, weißen Nachtgewand. So +leise war sie gekommen, daß Erika einen halblauten Schrei ausstieß und +erschrocken vom Stuhl aufsprang. + +Aber ich erschrak nicht. Ich kannte ja Mariannens Wesen. Ich blieb +ruhig, ganz ruhig. Und hätte sie erwürgen können, daß sie gekommen +war. Daß sie diese eine friedvolle Stunde für mich abkürzte. + +Aber als ich sie so stehn sah, als ich ihr lilienweißes Gesicht mit +den dunklen, nachtschwarzen, gierigen Augen, mit den blutroten, +vollen Lippen, als ich die Funken, die der Mondstrahl über ihr rotes +Haargewoge verstreute, schaute, da war ich wieder in ihrem Banne. Da +kam wieder diese Gier nach ihr langsam wie eine Schlange über mich +gekrochen. Sie stand noch immer schweigend in der Tür und sah mit +einem lauernden, gespannten Blick auf Erika. + +Ohne ein Wort der Erwiderung drehte sie sich um und war ebenso leise +und lautlos, wie sie gekommen war, verschwunden. + +Ich beruhigte zunächst das Heidekind und suchte ihr auszureden, daß +in Mariannens Wesen irgend etwas Besonderes gelegen hätte. + +Erika ließ mich ruhig sprechen und sah still vor sich hin. Ob sie +gemerkt hat, daß ich mit Marianne anders stehe, als ich sollte? + +Ich nahm mir vor, mit Marianne ernstlich zu sprechen. Erika ~darf~ +nichts ahnen, nichts merken. Dieses unschuldige, treue, stille und +fröhliche Heidekind. + +»Du willst sie mitnehmen in den Wald?« sagte Marianne, als sie am +nächsten Morgen zu mir in die Stube kam. + +»Ja, ich will sie mitnehmen. Warum auch ~nicht~, Marianne? Diese +Heidkönigstochter bringt mir den freien Atem der Heide ins Haus, sie +bringt mir Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens, denn ihr ganzes +Wesen ist Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens.« + +Spöttisch kräuselten sich ihre roten Lippen. + +»Du willst frei sein? Wohl von ~mir~?« fragte sie langsam, während in +ihren dunklen Augen jenes rätselhafte, dämonische Funkeln trat, das +ich ... ja, das ich ... fürchtete. + +»Frei sein? Von dir, Marianne?« wiederholte ich mechanisch. + +Ich lachte bitter auf. + +»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie. + +»Ja, ja, ja, Marianne, ich liebe dich noch immer!« rief ich, »aber +deine Liebe ist das Gift meines Lebens.« + +Ein merkwürdiger Ausdruck trat in ihre Augen. »Gift«, wiederholte sie +leise, kaum hörbar. + +»Gift tötet, nicht wahr?« + +»Was fragst du sonderbar, Mädchen! Ja, Gift tötet!« + +»So werde ich dich also töten, langsam töten, und du wirst niemals +jener anderen gehören, die in dein Haus gekommen ist, und die dich ...« + +»Nun, Marianne, die mich ...?« fragte ich, als sie schwieg. + +»Ach nichts!« fuhr sie auf. »Nimm sie nicht mit in den Wald, ich +duld’s nicht!« + +»Und doch werde ich sie mitnehmen!« schrie ich sie an, »soll ich wie +ein Knecht dir gehorchen?« + +»Es ist gut, nimm sie mit«, erwiderte sie ruhig. »Nein, nein!« +jammerte sie dann plötzlich auf, »mein sollst du bleiben, mein!« + +Und sie warf sich an mich, umschlang mich fest, daß mir fast der Atem +verging, und brach in ein ungestümes Weinen aus. + +»So beruhige dich doch, Marianne, denke doch, wenn jemand kommt.« Im +selben Augenblick war mir’s, als ob ich im Spiegel die Tür sich öffnen +und Erika in ihrem Rahmen stehn sähe. + +Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Sekundenschnell war diese +Täuschung gewesen. Mein Himmel, bin ich denn schon so weit, daß ich +Halluzinationen habe? + +Marianne beruhigte sich schließlich. + +Man merkte ihr nichts an, als Erika hereinkam, freundlich und gütig +und sanft wie immer. + +Mir kam’s aber vor, als läge ein eigentümlich trauriger Ausdruck in +den lieben, stillen Zügen des Heidekindes. + +»Adieu, Marianne«, sagte sie und reichte ihr die Hand. »Ich freue +mich, daß ich einmal in den Wald komme, ich bin doch ein Waldkind. Nur +dieses eine Mal möchte ich mitfahren, darf ich?« + +Ganz leise sagte sie die beiden letzten Worte, aber ich hatte sie doch +verstanden. + +Marianne stand und blickte sie an. Und als sich ihr Erika entgegenbog, +hielten sich die beiden Mädchen plötzlich umschlungen. Ich tat, als +hätte ich nichts gesehn. Was mögen sich diese vier Mädchenaugen dort +gesagt haben? + +Marianne, Marianne, ich traue dir nicht. Meinst du’s ehrlich mit +der lieben Heidkönigstochter? In ihrer Seele liegen keine Abgründe, +keine Tiefen wie in deiner Seele. Das Kind der Heide ist treu und +gut und hat den Glauben an die Menschen. Soll ich sie warnen vor den +Menschen? In der einsamen Heide lernt man die Menschen nicht kennen. +Die Heidemenschen sind nicht gleich uns. Anders geartet sind sie. Sie +wohnen weit voneinander auf großer Fläche. Einer nimmt dem andern +nicht sein Brot, nichts nimmt er ihm von Luft und Sonnenschein. + +Nichts von Liebe. Denn wenn das Heidekind liebt, dann liebt es +in Zucht und Ehren. Es liebt treu und innig, fest und still. Das +Heidekind weiß nichts von unzüchtiger Liebe und Leidenschaft, will +nichts davon wissen. Nichts ahnt es von dem Bösen, das in Menschen der +Leidenschaft und der unzüchtigen Liebe steckt. + +Heidkönigstochter, ob ich dich warne vor der anderen? Du bist in +deiner Heide aufgewachsen wie Erika, die Heideblume selbst. In +Frieden und in Zucht des väterlichen Heidhofes, die Linden am Tore +haben dich als Kind beschirmt und dir die hold duftenden Lindenblüten +auf den Schoß geschüttet, aus der Heide kam zu dir der Duft der +Heideblumen, der Duft der gelben Lupine, in der die summenden Bienen +schwelgen, und wenn du vors Tor liefst auf die Heide hinaus, dann +sahen deine Kinderaugen nichts als Blumen, violette und gelbe, auch +rote dazwischen und weiße, sahen über dem Feld all der Blumen den +Himmel mit seinem flimmernden Glanz, die Sonne mit ihren goldigen +Strahlen, sonst einsam, einsam, einsam ringsum. Kein Laut sonst als +das Bienensummen, als der Wachtelschlag, Lerchengetriller und Zirpen +der Grillen. + +Ja, liebes Heidekind, jetzt bist du unter die Menschen gekommen. Kaum +kamst du unter sie, so kroch die Sünde an den Saum deines Kleides, +deine reinen Heideaugen haben vielleicht heute, vorhin zum erstenmal +etwas von der Sünde gesehn. + +Armes Kind der Heide. + +Ich sagte früher »armes Kind der Straße«. + +Mein Heidekind, ich glaube, das Straßenkind ist ärmer als du. — + +Mein Heidekind, ich fühle mich schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch. +Und wir Menschen sind schwach. Wirst du mir einst, wenn klar vor dir +die Sünde dieses Hauses stehn wird, verzeihn? Oder wirst du den Saum +deines Kleides an dich raffen und dich fortwenden von mir und von ihr? + +Es ward heute eine stille Waldfahrt. + +Im tiefen Schnee lag noch der Wald. Und doch ging es wie ein fernes +Frühlingsahnen durch die verschneiten Zweige. Eine wärmere Luft schien +schüchtern anzufragen: »Wann darf ich kommen, du kalter Schneemann, +sag’ ~an~?« + +Diese Frage der wie ein Hauch uns umschmeichelnden Frühlingsluft +machte Erika und mich still. Fast den ganzen herrlich-schönen Weg +im Schlitten durch den im Schnee ruhenden, prächtigen Wald, den +neckend die leise fragende Frühlingsluft umspülte, saßen wir still +nebeneinander. Ich fühlte aber oft zwei heimlich und traurig mich +anblickende Augen. Erikas, des Heidekinds Augen. + +Tat ich ihr leid? Ahnte sie vielleicht ein Stückchen von der ganzen +schweren Wahrheit? Hatte sich ein Zipfel des drückenden, wie schwerer +Nebel auf mir lastenden Tuches vor ihr gelüftet? — Unsinn! — Fräulein +Bartel ist von Anfang an, von dem Tage an, an dem mir das Schicksal, +dieses unergründliche, blindwaltend grausame Schicksal, Marianne ins +Haus brachte, in meiner Kauzburg gewesen und merkt noch heute nichts. +Niemand hat es gemerkt. + +Und dieses harmlose Heidekind sollte nach kurzer Zeit etwas ahnen? +Unmöglich! Auch wenn sie wirklich Marianne vorhin weinend und neben +mir stehend gesehn hätte. Nur die Liebe macht scharfsehend und +vorausahnend. Ich fuhr zusammen. + +»Tor!« lachte ich bitter in mich hinein, während ich das reine, +kindliche Profil der neben mir Sitzenden musterte. »Mich Erika +lieben!« Scheiden tut sich Rein und Unrein wie auf Messers Schneide. + +Einen Mann könnte sie lieben, der gleich ihr in einsamer Heide vom +Kind zum Knaben, vom Knaben zum Manne erwuchs. Gleich ihr, unberührt +und keusch wie die Heide, fern von der argen Welt. Solchen Mann der +jungfräulichen Heide darf das jungfräuliche Weib der Heide fordern. Zu +solchem Manne fühlt sich solches Weib hingezogen. Ich krampfte meine +Hände in das harte, kalte Leder der Leinen, mit denen ich den Gaul +lenkte, zusammen. + +War’s nicht lächerlich, war’s nicht wie ein Wahnwitz, daß ich mir +trotz allem oft so unschuldig vorkam wie solcher Knabe der Heide? +Als ob alles gar nicht wahr, gar nicht Wirklichkeit sei? Bloß wenn +die Leidenschaft kam in Gestalt jenes zauberschönen, glühenden, +rothaarigen Mädchens, brach alles zusammen, mein ganzer Traum von +einem unschuldigen Mann der Heide, der seine Hände ausstrecken darf +nach dem unschuldigen Mädchen der Heide. + +»Weiche von mir! Weiche von mir! ... Nein, bleib, bleib, bleibe! Deine +Haare sprühen wie rote Feuersglut, dein weißer Leib macht trunken. +Der Seele Seligkeit geht verlustig, wer diesen Leib mit seinen Armen +umschlingt. Weiche von mir, weiche von mir! Nein: bleib, bleib, bleib.« + +[Illustration] + +Nun taute es wirklich und wollte Frühling werden. + +In meiner Kauzburg ist’s wie Frühling. Ich habe ja den holdesten +Frühling im Hause. Ist nicht des Heidkönigs Tochter unter meinem +Dache? Ist des Heidkönigs Tochter nicht wie die Frühlingsbraut? +Strahlt aus ihren Augen nicht das freundliche Winken des Frühlings. +Dieses freundliche und doch so rührend keusche, fast schüchtern +fragende Winken? + +Dieses freundliche, schüchterne und mit ein wenig versonnener, ernster +Schwermut fragende Winken? Die Versonnenheit der weiten Heide ist’s, +die innen wohnende, mit dem inneren Frohsinn gepaarte Schwermut all +der Kinder einer weiten, weiten, einsamen Heide. + +Ja, Erika, ich kann es niederschreiben. Aus meinem Herzen heraus +könnte ich es dir sagen: du hast der Kauzburg den Sonnenschein +zurückgegeben. + +Wenigstens dem Kauz in der Kauzburg. Und ich bin doch der Kauzherr der +Kauzburg. + +Dein reines, keusches Wesen hat diesen Räumen ihre Reinheit und +Keuschheit eingehaucht. Ich bin durch dich gefeit gegen die wie +Sturmtoben über mich hereinbrechende Leidenschaft zu den roten, +wogenden wie Feuerschlangen mich umstrickenden Haaren der Hexe. + +Nein, nein, nicht die Hexe. Sie bleibt für mich das arme Kind der +Straße. Ich will für sie sorgen und über sie wachen mein Leben lang. +Nur »lieben«, nur »sie verlangen« ... vorbei, vorbei! — + +Ich bin ~frei~! Frei von den Banden, die mich umschlossen! Ich +widerstehe Mariannen! Ich ~kann~ ihr widerstehn! Mir ist, als sei ich +neu geboren. Sie ~war~ mein; jetzt soll sie mir fürderhin nur noch das +arme Kind der Straße sein und bleiben, für das ich immer sorgen werde. +Ich will sie schützen und will ihr treu sorgend zur Seite stehn. Wie +ein Bruder seiner Schwester. + +Als ich ihr’s kürzlich sagte, sah sie mich lange durchdringend und +spöttisch an. + +»Du liebst mich nicht mehr, ich weiß es«, sagte sie dann. +»Meinetwegen, du liebst das fremde Mädchen aus der Heide. Aber du bist +unfreier denn je.« + +»Marianne!« rief ich. + +»Still, lüge nicht, kein Wort sprich!« zischte sie mich an. Und ehe +ich etwas erwidern konnte, war sie zur Tür hinaus. + +[Illustration] + +Nun ist es schon seit Wochen so still. Fast ohne ein Wort zu sprechen, +schleicht Marianne im Hause umher. »Sie fühlt sich krank«, sagte +Fräulein Bartel zu mir, »am besten ist es, man läßt sie gewähren, so +findet sie sich am ehesten wieder zu sich selbst zurück.« + +Sie ist allein in ihrer Stube, und wenn sie sich zeigt, ist sie stets +in ihren großen, weiten Mantel gehüllt; sie friert, und der Frühling +naht. — + +Mit Erika spricht sie kein Wort. Und doch trägt ihr Erika das Essen +aufs Zimmer, wenn Marianne nicht aufstehn will, und doch ist sie stets +und immer so rührend freundlich zu ihr. + +Das Kind der Heide ist zu jedermann gleichmäßig freundlich und gütig. +Auch zu mir. Aber ich merke es, ach ich fühle es, sie ist anders +zu mir, als sie früher war. Scheu hat sie vor mir. Gewiß, es ist +nicht anders: sie weiß um unser sündiges Verhältnis, das wir gehabt +haben, oder sie ahnt es. Sie hat Erbarmen mit Marianne, — ich fühl’s: +Erbarmen auch mit mir! Ich bin viel weniger an dieser Sünde schuld als +Marianne. Was nutzt das alles? Ich bin der Mann, und dem Manne rechnet +man’s stets viel mehr als Vergehen an. Er ist der stärkere Teil. Den +schwächeren Teil soll der Stärkere schonen. + +Schonen! Schonen! Wenn das Weib lockt mit all seiner Zaubermacht, wenn +es sündigen ~will~ mit dem, der schonen soll! Ja, ja, der Frühling ist +da! Was war ich vor kurzem noch frühlingsfroh und frühlingsfreudig! + +Fort, fort damit! Was soll mir der Frühling. Freut sich der Falke des +Frühlings, wenn er an seinen Fängen gefesselt ist? + +[Illustration] + +Ich sitze in meiner Stube und schreibe. Draußen ist wunderschöner +milder Frühlingsabend und Vollmondschein. Alle Zugvögel sind wieder +bei uns. Manche, zum Beispiel die Schnepfe, sind schon weiter nach +Norden gezogen. Es grünt und blüht schon mächtig um die Kauzburg. +Sie fängt an, das verzauberte Dornröschenschloß zu werden, wie im +vorigen Jahr. Und die Nachtigall singt. Weich, feucht, dunstig und +voller Duft ist die Luft. Ein schweres, weiches Atmen der neues +Leben hervorbringenden Natur. Die feuchte, weiche, schwere, duftende +Frühlingsluft zieht ins Fenster hinein. Zu mir in die Stube, an meinen +Schreibtisch, vor dem ich sitze. Sie legt sich feucht und weich und +schwer auf meine Brust, über meine Stirn und macht mich müde und +traurig. + +Vollmond ist heute. Ich muß an Marianne denken. Welchen Einfluß hat +doch stets der Mond auf sie! Dadurch, daß wir heimlich ihre Tür +verschließen, haben wir ihr den Weg für die nächtlichen Wanderungen im +Schein des Vollmondes verlegt. Ist sie vielleicht deshalb krank? Wie +hell erstrahlt heute doch der Vollmond zur Erde herab! Mondwechsel! +Das letzte Strahlen ist stets das schönste und hellste. + +Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen haben, Mariannens Tür +zu verschließen? Ich hör’ doch ein Schleichen, ein leises, gieriges +Lachen? Ein tiefes, tiefes Aufseufzen? + +Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür! Da ist sie ja, ... es +ist Marianne .... Zu mir herein tritt sie ... gespenstisch, und weiß +leuchtet ihre Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes Tuch +geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr schönes goldrotes +Haar. Sie spricht vor sich hin ... leise, ganz leise, und singend: + +... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den +gleißenden Mondschein, dort tanzen wir, dort sind wir allein« ... + +Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr armer Geist gelitten, +was singt sie denn für ein tolles, irres Zeug? + +»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht zu erschrecken. + +Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr. Schlingt beide Arme um +die im Schlaf Wandelnde und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen +Stimme: »Marianne!« + +Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht sie, wo sie ist. +Einen schrillen Schrei tut sie und stiert mich an. Stiert Erika an; +stößt sie von sich und lehnt sich dann aufstöhnend an den Türpfosten +an. + +Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor. + +Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und nun steht sie neben +ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte sie etwas Schreckliches, +Unglaubliches gefühlt, im Arme gehabt. + +Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie zurückführen in ihr +Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen und sagt zu mir: »Bleiben Sie, +rühren Sie sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne, +ich soll dir helfen, ich allein?« + +Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum läßt sie sich von +Erika fortführen, schwer stützt sie sich auf die zarte Gestalt des +Heidekindes. — + +[Illustration] + + + + +Habe ich das alles gestern abend geträumt? Heute, wo die helle +Morgensonne freundlich über der Kauzburg liegt, glaube ich, daß ich +wirklich gestern um Mitternacht das alles geträumt habe. Geträumt, +daß Marianne plötzlich so geisterhaft vor mir im Vollmondschein +stand, daß Erika, das schlichte Heidekind, ebenso plötzlich neben +der Schlafwandlerin auftauchte, geträumt von dem irren Sprechen, dem +merkwürdigen Singen Mariannens, — was sprach sie doch so singend vor +sich hin? »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf +in den gleißenden Mondschein dort tanzen wir, dort sind wir allein?« +... Geträumt von dem schrillen Schrei, von Erikas Entsetzen, ach, nur +geträumt von allem ...! + +Aber noch sehe ich, jetzt im hellen Morgenlicht sehe ich es noch so +deutlich vor mir, wie sich Marianne so schwer, so schwer, als trüge +sie schwere, bitterschwere Last, auf Erika, das Heidekind stützte ...! + +Ich danke dem Geschick, das mir dieses Heidekind ins Haus führte. + +Ihre bloße Gegenwart, der Gedanke schon, daß sie unter einem Dache +mit mir ist, beruhigt mich. Unruhe, viel Unruhe berge ich in +meinem Innern. Die Reue ist’s, ja, es ist die quälende Reue, daß +ich Mariannens Lockungen nicht widerstanden habe. Oh, könnte ich +ungeschehen machen, was geschehen ist. All diese nächtlichen Stunden +wahnsinniger Leidenschaft. Nie wäre es geschehn, was geschah, wäre +diese liebe Heidblume schon gleich in mein Haus gekommen. + +Und doch! ... Nein, nein ... ich will nicht feige sein! Ich will mich +nicht hinter Ausflüchten verstecken. Auch ~ich~ hatte Schuld. Ich +mußte widerstehn, ~mußte~ stark sein, stark bleiben. Und nun danke +ich dir, Gott, den ich überall in der Natur um mich sehe, ich danke +dir, daß aus der Sünde kein neues Leben entkeimte. Daß ich mich lösen +konnte von Marianne und sie nun Schwester nennen werde. Wie für eine +Schwester werde ich für sie sorgen fortan. + +Es klopft? ... Wer wird es sein so früh? ... »Herein! ... Ach, Erika, +... wie geht es Mariannen?« + +»Sie ist nicht hier?« sagte Erika und blickte sich suchend um. + +»Nein, hier ist sie nicht. War’s denn gestern wirklich kein Traum, +Erika? Marianne gestern zur Nachtstunde dort, wo Sie stehn?« + +»Lassen Sie, lassen Sie« ... unterbrach sie mich. + +»Ich muß Mariannen suchen ... Gott im Himmel, sie schlief so fest, +drum ließ ich sie allein ... und nun suche ich sie schon überall und +finde sie nicht ... und ... und ... sie darf nicht fort ... sie ist +... ja, sie ist krank ...« + +»Ich suche mit Ihnen, Erika!« Und schon war ich neben ihr im Flur +draußen. + +»So beruhigen Sie sich doch, Erika,« rede ich auf sie ein, »wo soll +sie denn sein? Bei Fräulein Bartel vielleicht, oder unten im Garten +oder schon wieder in ihrer Stube ...« + +»Nein, nein, nein!« jammert Erika auf und schlägt ihre Hände vors +Gesicht. + +»O, warum ließ ich sie allein, warum ließ ich sie allein.« + +[Illustration] + +Es ist Abend. Wir haben sie nicht gefunden. Schwerer, ganz +dichter, schwerer Frühlingsregen fällt, und immer stärker wird der +Frühlingswind. Überall haben wir sie gesucht. + +Im unterirdischen Gang bin ich mit Erika bis zu dem stillen, +heimlichen Tal gekrochen. Dort, auch dort war sie nicht. Als ich den +tiefen Waldteich sah, auf dessen stille Fläche der Frühlingsregen in +schweren Tropfen aufschlug, faßte ich Erika krampfhaft bei der Hand. +Sie las das Entsetzen, das in meinen Augen stand. Da sagte das liebe +Heidekind: »Nein, ~das~ hat sie nicht getan, ich weiß, daß sie das +nicht tut, ich weiß, ~warum~ sie das nicht tun wird ..., sie hat sich +~nicht~ das Leben genommen, glauben Sie’s mir und ... und ... fassen +Sie Mut ... Nicht dieses Entsetzen in den Augen.« + +»Warum, Erika, sagen Sie, ~warum~ glauben Sie, daß sich Marianne nicht +das Leben genommen hat?« + +»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, flüsterte sie und sah zur Erde. + +»Aber wir müssen sie finden, sie kann in ihrem Zustande ja nicht fort, +sie muß in Pflege kommen, bald, bald in treue Hut und Pflege ...« + +»Ja, bald, bald, denn sie ist krank,« rief ich; »ach Marianne, hätten +wir dich erst wieder!« + +[Illustration] + +Der Frühlingssturm braust stärker und stärker. + +Wie sich die Bäume biegen! Wie sie geschüttelt und gerüttelt werden! +Aber das junge Frühlingslaub hält fest. Es ist kein Laub des Herbstes. +Nein, nein, heut hast du keine Macht! + +Das junge Leben kann dir widerstehn! Das junge Leben! Überall junges, +werdendes Leben in der Natur. Was weiß solches junges Leben von den +Stürmen des Herbstes! Was weiß junges Leben überhaupt vom Leben! Wie +schwer das Leben ist. + +Es ist gut, daß junges Leben nichts weiß von der Schwernis des Lebens. + +Des Lebens Schwernis kommt von selbst. Man braucht sie nicht zu rufen. + +Herein tritt sie wie jemand, der ein Recht hat, einzutreten. Sie läßt +sich bei uns nieder und bleibt an unserem Tische. Sie schleicht sich +bis aufs Ruhelager und schläft mit uns und wacht mit uns wieder auf. + +Ach, bei manchem jungen Leben steht diese Lebensschwernis schon am +Bett, kaum daß dies junge, neue Leben den ersten Lichtstrahl dieser +Erde in sich aufnahm. + +Draußen treibt der Frühlingssturm, der Regen gießt wie in Schleusen +herab, — wo bist du, Marianne, um des Himmels willen, wo ~bist~ du!? + +Ich sprang auf. Ich darf nicht hier sitzen und dem Sturmwind lauschen, +suchen muß ich sie wieder, suchen, bis ich sie gefunden habe! + +Da stand plötzlich Erika vor mir. Sie war in einen Umhang gehüllt. Von +ihr tropfte des Regens Nässe. Ganz bleich stand sie vor mir. »Erika!« +rief ich und sprang auf. + +»Kommen Sie, kommen Sie!« keuchte sie atemlos. »Sie müssen gleich, +gleich, gleich mit mir kommen ... zu Marianne!« + +»Zu ~Marianne~? Sie haben sie gefunden? Sie wissen, wo sie ist?« + +»Kommen Sie!« stieß sie hervor. + +»Marianne will Sie sehn, Sie müssen Marianne sehn, ehe ... ehe ...« + +Ein Schluchzen erschütterte sie. + +»Marianne stirbt, nicht wahr, sie stirbt?« rief ich und taumelte nach +der Tür. — + +Sie nickte bloß und schrie laut auf vor Schmerz. Schon stand ich +unten mit ihr in dem tobenden Frühlingssturm. Ach, der Regen strömte +in Güssen herab, aber alles ringsum atmete den Frühling aus. Die vom +Sturm bewegte Luft war weich und frühlingswarm. + +»Kommen Sie!« sagte Erika und faßte mich an der Hand. + +»Ich führe Sie, Sie gehn ja wie ein Trunkener, Sie armer Mensch.« + +Ich stolperte hinter ihr her. Kein Mensch war auf den engen Gassen des +Städtchens. Der strömende Regen hatte die ganze kleine Krämerwelt in +die Stuben gebannt. + +Wohin führte mich Erika? Endlich standen wir vor einer Pforte still. +Einer Pforte in einer hohen Mauer. Ich strich mir den Regen aus dem +Gesicht und blickte mich um. + +»Das ist ja das katholische Kloster«, sagte ich wie im Traum. + +Erika pochte dreimal an die Pforte. Ein Schlüssel knarrte, und die +Pforte wurde geöffnet. Eine Schwester stand vor uns. »Lebt sie?« stieß +Erika hervor. »Ja, sie lebt, kommen Sie, ich führe Sie hinauf.« + +Wir gingen über den Klosterhof, bis zu dem hinein dieser heftige +Frühlingssturm nicht drang. Der Regen schlug klatschend auf den +steingepflasterten Hof; süße Düfte drangen vom Klostergarten hierher, +ganz fern hörte ich eine Nachtigall pfeifen. Sie wollte singen trotz +des Sturmes, weil’s doch Frühling war. + +Ich hätte weinen können, so war mir zumute. Viele Treppen stiegen +wir hinan, durch die stillen, schmalen Klostergänge folgten wir +der Schwester. Ein paar Schwestern in ihrer schwarzen Nonnentracht +begegneten wir. Sie huschten an uns vorbei und sagten leise: »Gelobt +sei Jesus Christus!« + +»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte auch ich, ich, der ich im grünen +Walde draußen meinem Gott am nächsten stehe! Aber dieser tiefe Frieden +in diesen Klostermauern erschütterte mein Herz. Vor einer Tür blieben +wir stehn. + +»Hier liegt sie, aber bitte, seien Sie ruhig, leise und gefaßt«, sagte +die Schwester bittend und drückte auf die Türklinke. + +Ja, da lag sie in blütenweißen Linnen des Bettes. Über die Weiße des +Bettzeuges fluteten ihre rotgoldenen Haare, die mein Entzücken und +meine Pein gewesen waren. + +Tief und groß und strahlend sahen mich ihre Augen an, sofort, als ich +ins Zimmer trat, nein, als ich noch in der Tür stand. + +Wie? Das sollte eine Sterbende sein? Waren in ihrem lilienweißen +Gesicht die Wangen nicht von sanfter Rötung? Die Lippen, die sich +so oft in glühender, verzehrender Leidenschaft an die meinen +gepreßt hatten, nicht rot wie die Kirschen? Die Arme, die sie mir +entgegenstreckte, nicht von derselben köstlichen Rundung, wie einst, +da sie noch mein gewesen war? + +»Du kommst, Du bist gekommen und hast mir verziehn«, sagte sie leise +zu mir, so leise, daß es kaum bis zu mir hindrang. Ja, an dieser +Stimme erkannte ich, daß sie krank, sterbenskrank war. + +»Marianne«, sprach ich, trat neben das Bett und wollte mich auf die +Knie niederlassen zu ihr. Da erklang plötzlich in dem kleinen, matt +erhellten Raum ein Wimmern, ein Weinen. Ich fuhr zusammen und horchte. +Wie ein Entsetzen durchfuhr’s mich. »Was, was ist das?« fragte ich +fassungslos. »Ein Kind, ein eben geborenes Kind hier bei der Kranken?« + +Erikas Hand legte sich ruhig, aber mit festem Druck auf meinen Arm. + +»Fassung und Ruhe,« raunte sie mir zu, »vergessen Sie nicht, daß Sie +eine Sterbende vor sich haben.« + +»Mein Kind,« flüsterte Marianne, während ein unendlich glücklicher und +trauriger Ausdruck ihre Züge überhauchte, »mein und dein Kind«, setzte +sie verzagt hinzu und sah mich ängstlich an. + +»Marianne!« schrie ich, nein, wollte ich aufschreien, hätte ich +geschrien, wenn sich nicht rasch Erikas Hand auf meinen Mund gelegt +hätte. + +»Fassung und Ruhe«, sagte sie ernst zu mir. Ich stürzte vor dem Bette +auf die Knie, Mariannens eine Hand streckte sich mir entgegen, die +andere Hand legte sie mir auf mein Haar, und ich, ich verbarg mein +Gesicht in ihrer Hand und stöhnte tief, tief auf. + +Also ~das~ war’s! Das war ihre Flucht, ~das~ war ihr Verborgensein, +das war’s, was ihr das Leben nun nahm. + +»Marianne, Marianne«, ich konnte nichts anderes, als immer nur ihren +Namen sagen. Und das Kindchen, ~mein~ Kind und ~ihr~ Kind, weinte +kläglich, wie ein Häslein, das der Fuchs gepackt hat. Erika beugte +sich zu der Wiege und nahm das Bündchen neues Leben in ihre Arme: Da +beruhigte sich das Geschöpflein und schlief ein. + +»Die dort soll seine Mutter sein, sie hat es mir bei Gott geschworen, +sie wird ihr Wort doch halten?« sagte Marianne, auf Erika zeigend, zu +mir, und blickte mich forschend an. + +»Ich schwöre es hier vor dir und vor dem Vater dieses Kindes noch +einmal, bei Gott im Himmel, der in das Herz von uns sieht: Ich will +diesem Kinde eine Mutter sein, eine treue Beschützerin, darüber +kannst du ruhig sein und ruhig schlafen, Marianne«, sagte Erika mit +erstickter und doch mit einer so treuen, klaren Stimme, daß ein +Schimmer des Glücks über Mariannens Gesicht glitt. + +Und jetzt wandte die Sterbende den Kopf mir zu. Sie sagte nichts, aber +ihre tiefen, schönen Augen, in die der kommende Tröster Tod schon den +schönen Glanz ewiger Ruhe gedrückt hatte, taten stumm und doch so +sprechend eine Frage an mich. + +Ich war so erschüttert, daß ich erst gar nicht sprechen konnte. +Erika legte mein Kind in meinen Arm. Ich küßte das liebe, schlafende +Gesichtlein und sagte, während die Tränen mir aus den Augen stürzten, +zu der mich forschend und mit dem Ernst des Todes anblickenden +Marianne: »Ich erkläre dieses Kind für mein Kind; und damit es in den +Augen der Menschen als ein ehrliches Kind gilt, und nie die Schmach +und den Fluch fühlt, die man außerehelich geborenen Kindern zur +Schande der ganzen Menschheit entgegenbringt, werde ich dieses Kind +adoptieren und ihm meinen Namen geben. Ich leiste darauf vor der +Mutter dieses Kindes, vor dir, Marianne, und vor Erika den Eid der +über uns waltenden unsichtbaren Gottheit.« + +Tief atmete Marianne auf. Sie lehnte sich in die Kissen zurück, und +ein unendlich glücklicher Ausdruck verklärte ihr Gesicht. »Sie will +schlafen«, sagte ich leise. Die Schwester war hereingekommen, beugte +sich über das Bett und betete halblaut. Und während sie mit ihrer +linken Hand der Schlafenden die Kissen ordnete, tauchte sie die Finger +der rechten Hand in das an der Wand hängende, mit Weihwasser gefüllte +kleine Becken, über dem der gekreuzigte Christus hing, und bespritzte +das Gesicht der Schlafenden mit dem geweihten Wasser. + +»Daß sie sich nicht erschrickt und aufwacht«, bat ich leise. + +Da richtete sich die Schwester auf, wandte sich mir zu und antwortete +mit ihrer sanften Stimme: »Sie schläft und wird erst aufwachen im +Himmel oben.« + +Und nun sah ich Mariannens Gesicht. Ich sah, daß sie tot war. Sie +lächelte noch immer unendlich glücklich, aber das Lächeln war wie in +weißen Marmor gegraben. + +Marianne, Marianne! + +Man ließ mich neben ihr niederknien. Kein Wort wurde gesprochen. +Lange, lange sah ich mir ihr holdes Gesicht an. Wie sanft, wie +friedlich, wie von innerem Glück verklärt sah es aus. Nichts mehr von +der dämonischen Leidenschaft war in diesen engelsreinen, schönen Zügen. + +O, Raffael Sanzio von Urbino, du gottbegnadeter Maler der holden +Madonna della Sedia und der von St. Sixto, lebtest du noch, +herbeirufen würde ich dich in diese Klosterkammer, und du fändest die +schönste Madonna, die du malen könntest zur ewigen Unsterblichkeit +auf Erden. Und du, edler Tiziano Vecellio aus dem kleinen verborgenen +Pieve di Cadore, der du in unerreichter Schöne das goldenbraun +gefärbte Haar der alten Römerinnen auf die Leinwand zaubern konntest, +hier würdest du goldleuchtendes, niemals von Farbe berührtes Haar +zu sehn bekommen, das dich, den Maler schönen Weiberhaares, in +begeisterndes Entzücken versetzte. »Wir wollen sie nun schlafen lassen +und sie nicht stören in ihrem ewigen Schlaf«, sagte die Nonne leise +und legte über das Gesicht der Toten ein weißes Tuch. + +Schwer erhob ich mich. Verstört blickte ich mich um. + +»Und das Kind?« brachte ich endlich heraus. + +»Für das sorgen wir«, sagte die Schwester. + +Ich trat zu der Wiege hin. »Es ist ein Mädchen?« fragte ich. Erika +nickte. + +»Ach, du liebes Geschöpfchen, du wirst nie deine Mutter sehn. Um dir +das Leben zu geben, hat sie ihr Leben hingegeben. War’s nicht besser, +sie nahm dich mit in diese schöne, lächelnde Ruhe? Dich und auch mich +zugleich? Nun muß ich es tragen, daß mein Kind der Mutter meines +Kindes das Leben nahm. Und ich, ich bin an all dem schuld.« + +»Kommen Sie«, bat Erika, die inzwischen alles leise mit den Schwestern +besprochen hatte. + +Ich folgte ihr wieder durch die vielen Gänge des Klosters nach, bis +wir an die Pforte kamen. Lautlos trat eine Schwester vor und schloß +die Pforte auf, sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, und draußen auf +der Straße stand ich mit Erika in der Frühlingsnacht. + +Der vordem so starke Sturm hatte sich zu einem fast schwach zu +nennenden Winde gemildert. + +Der Himmel hatte sich aufgeklärt, man sah die Sterne flimmern. Aus +jedem Garten, an dem wir vorüberkamen, klang der weiche, schöne Gesang +einer Nachtigall, drang der aromatische Duft von Flieder und Jasmin. + +Fast betäubend in meinem Burggarten. + +Wir hatten unterwegs kein Wort zusammen gesprochen. Hier in dem +Burggarten, wo ich schon so oft mit so viel Freude, mit so viel Leid +gewesen war, blieb ich stehn. + +Der ganze Schmerz um Marianne faßte mich hart an. Die ganze +Verantwortung um das Kind stand mir vor Augen. Aber hätte jetzt +jemand zu mir gesagt: »Ich will dir dein Kind abnehmen, ich gebe dir +dein Kind nicht«, — wie ein Wolf hätte ich ihn angefallen und um das +Kind mit ihm gekämpft. So groß war meine Liebe für das liebe, arme +Geschöpflein, das ich kaum ein paar Minuten in meinen Armen gehalten +hatte. Aber es war ~mein~ Kind; es war ~Mariannens~ Kind. Wie nennen +doch die Menschen solche Kinder? Kinder der Sünde! O, ihr ruchlosen +Menschen, wie könnt ihr solche Geschöpflein Kinder der Sünde nennen! +Eure Zunge müßte im Gaumen verdorren, wenn ihr das aussprecht! +Schlimmer seid ihr, die ihr verächtlich auf solche Kinder herabseht, +schlimmer als die wildesten Bestien seid ihr! Die wildeste Bestie +kennt kein Kind der Sünde. Die wildeste Bestie kennt nur ihr Kind. +Nein, frei will ich mich zu dem Kinde bekennen. ~Mein~ Kind ist es! +Jeder soll es hören, der es hören will! + +O, schon jetzt sah ich die Kleinkrämer des Städtchens höhnisch +lächelnd ihre Kleinkrämernasen rümpfen! Rümpft sie nur, ihr +Kleinkrämerpack! Über ~mich~ könnt ihr eure Nasen rümpfen, wehe +aber, wenn ihr Mariannen, die Mutter dieses Kindes, oder mein Kind +verunglimpft! »Erika,« wandte ich mich an das stumm neben mir +stehende Heidkönigstöchterlein, »Sie haben es Mariannen versprochen, +ihrem Kinde eine treue Mutter zu sein?« + +»Ich habe es ihr versprochen und will mein Versprechen halten. Fragen +Sie nichts mehr«, bat sie plötzlich und hob ihre Hände bittend gegen +mich. Sie weinte. Weinte ganz still und leise, und ich sah, wie ihr +die Tränen aus den Augen strömten. + +»Gut, Erika, Sie sollen keine weitere Frage von mir hören. Aber +dankbar werde ich Ihnen sein, wenn Sie sich meines Kindes annehmen +wollen.« + +Oben stürzte uns Fräulein Bartel entgegen. + +»Haben Sie Marianne gefunden?« rief sie. Sie war ~doch~ ein guter +Mensch, denn man hörte die Angst aus ihrer Stimme deutlich heraus. + +»Ja, wir haben sie gefunden«, sagte ich. »Weiß sie das andere, ich +meine das mit dem Kinde, schon?« wandte ich mich an Erika. Die +schüttelte schluchzend ihren Kopf. + +»Marianne ist tot, Fräulein Bartel ...«, sagte ich. + +»Gott im Himmel!« schrie sie laut auf. + +»Ja, Marianne ist tot, sie ist an der Geburt eines Kindes, eines +Mädchens, gestorben.« + +Mit großen, geradezu entsetzten Augen sah sie mich an. Ich winkte ihr, +still zu sein. Allein wollte ich sein. + +»Gute Nacht, Fräulein Bartel, und gute Nacht, liebe, liebe Erika. +Nicht wahr, Sie sehn morgen früh gleich nach dem Kinde?« Sie nickte +stumm. Sing’ dein Trauerlied zur stillen Frühlingsnacht, liebholde +Nachtigall! + +Marianne ist tot. + +Du kanntest sie ja. Oft ist sie, wenn du sangest, an deinem +Fliederstrauche stehn geblieben, die Blumen dufteten, es duftete ihr +goldrotes Haar, in dessen seidenen Wellen das weiße Mondlicht spielte. + +Ja, singe ein Trauerlied. Ich stehe hier am Fenster und höre dir +zu und lasse die Vergangenheit an meinen Augen vorübergehn. Von +dem goldenen Haare aber behalte ich mir eine Strähne. Die wird +dann leuchten wie eitel Feuergold, wenn ich sie herauslege zur +Vollmondstunde im Mondessilberglanz. + +Marianne: Leid und Lust bist du mir gewesen. Soll ich richten jetzt, +ob größer das Leid, ob größer die Lust? + +Mit Wonne ist Leid verknüpft, nie ist es anders. Die Wonne allein ist +Menschen nicht beschieden. + +Das Leid ist unser Gefährte. Nur wie ein toller Bub kommt gesprungen +und ist fort wie ein Bub des Augenblicks die Wonne. So also sieht die +Freiheit von den goldenen Fesseln aus? Lange wird es dauern, ehe ich +mich der Freiheit erfreuen werde. + +Das rote Gold der Flechten war zu schön. + +Zu schön der weiße Leib, den man so bald nun in die tiefe Erde senken +wird. + +Aber wir sollen doch Erde werden. Wir ~sind~ doch von Erde und sollen +doch Erde bleiben. + +O liebe Erde, den schönsten Menschenleib sollst du so bald erhalten. + +Sei ihm ein treuer Mutterschoß und laß Veilchen nur aus jener Stätte +sprießen. + +[Illustration] + +Soeben kommt Erika aus dem Kloster zurück. Sie sagt mir, daß für das +Kind gesorgt sei. + +»Ich will’s aber doch so bald als möglich in die Oberförsterei nehmen, +Erika.« Sie sieht zur Erde und sagt kein Wort. Dann spricht sie: »Auch +ich halte es für das beste.« + +»Ach, Erika, was müssen auch ~Sie~ unter dem allen leiden. Sie, ein +unschuldiges Kind der Heide! Kaum setzen Sie den Fuß in die Welt +hinaus, so tritt der Welt Sünde an Sie heran«, sagte ich herzlich zu +ihr und faßte ihre Hände warm und fest mit den meinen. + +»Der Welt Sünde, aber noch mehr der Welt Unglück, und im Unglück +müssen die Menschen doch einander beistehn so gut, als sie können. +Auch bindet mich das Versprechen, das ich der Toten gab.« + +»Werden Sie bei mir bleiben?« fragte ich zaghaft. + +»Ich weiß nicht, was ich tun darf; mein Vater wird bestimmen«, +erwiderte sie leise. + +»Sie wollen alles Ihrem Vater sagen, Erika?« + +»Ja, alles«, sagte sie ruhig. »Er kommt in den nächsten Tagen und will +mich abholen, in die Heide zurück.« + +»Und ~wird~ Sie in seine keusche Heide mit sich nehmen, ich weiß es, +Erika. Ja, ich weiß es. Ihr Vater kann nicht anders handeln, und +töricht war meine Frage, ob Sie hier bei dem Kinde Mariannens bleiben +wollen. Ich muß ~allein~ sehn, wie ich es in Zukunft machen, wie ich +mein Kind mir erhalten soll. Allein, allein!« + +»Ich will das Kind mit mir in die Heide nehmen, wenn Sie’s mir +anvertrauen«, sagte sie sanft. »Solange will ich’s behalten, bis Sie +es bei sich haben können.« + +»Erika! ~Das~ wollen Sie tun! Wie soll, wie kann ich’s Ihnen danken!« + +Wie ein Jubelschrei brach’s von meinen Lippen. Ja, in die Heide soll +mein Kind, in die Heide zur Heidkönigstochter! Die schwere Sorge +der nächsten Zeit um das mutterlose Geschöpf will mir Erika, das +Heidekind, abnehmen. + +Ich hätte ihr die Hände küssen können. + +Aber mein innerer Jubel galt nicht dem Kinde allein. Wenn mein Kind +bei ihr im Heidhofe ist, würde ich, mußte ich ja Erika wiedersehen. +Blieb mit ihr in steter Verbindung — ein Herz würde weiter für mich +schlagen, das zu verlieren die schreckliche Angst der letzten Stunden +für mich gewesen war. + +[Illustration] + +Die Stunde ist da, in der man Marianne ins Grab legt. + +Ich ging mit Erika und Fräulein Bartel am frühen Morgen ins Kloster. + +Weil ich noch einmal, zum letztenmal das Gesicht der Toten sehn wollte. + +Die mir im Leben so nahe stand. Von deren Leibe und Seele ein Kind +mein eigen ist. + +Nach der Beerdigung will ich das Kind gleich mitnehmen zu mir, um mich +als Vater zu ihm zu bekennen, eintragen zu lassen als Vater und die +Kleine zu adoptieren. + +Ich sehe es an den Leuten, die uns begegnen, daß man schon etwas weiß +in der Stadt. + +Man sieht mir nach, man kriecht in die Haustür zurück, man grüßt mich +ersichtlich verlegen und erstaunt. Aber mancher auch herzlich und +warm. + +Im Kloster schleichen die Schwestern scheu an mir vorbei. + +Verlegen, kaum hörbar klingt ihr Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus.« + +Was sind mir die Grüße der Menschen! + +Für anderes habe ich zu sorgen und zu denken. Früh sind wir gekommen, +gottlob, so haben wir die Tote noch für uns allein. + +Mein Kind habe ich vorher gesehn. Es schrie so kläglich, als wüßte es, +daß seine Mutter jetzt tief in die Erde kommt. + +Der Domherr wird, wie ich höre, die liebe Tote beerdigen. Das ist brav +von ihm. Ich hätte es nicht gedacht. Er selbst beerdigen und dieses +arme Straßenkind, diese uneheliche Mutter! + +Und so stehe ich denn vor dir, Marianne, zum allerletztenmal. + +Zum allerletzten Male sehe ich dein Gesicht. + +Es ist noch unverändert, nur der kleine, bräunliche Fleck an der +Stirn, die im Leben weiß von Farbe wie die Gartenlilien gewesen, sagt +mir, daß die Erde anfängt, ihr Erdenkind wieder zurückzunehmen in sich +hinein. + +Weshalb gab sie es her? + +Ein so holdes Erdengeschöpf hat sie hilflos auf die Schwellen dieses +Hauses einst gelegt. + +Hat doch ein jedes, selbst das kleinste der kleinen Vögel sein Nest +und seine Eltern, die den kleinen hilflos-nackten Vogel füttern. Doch +dir, du armes Straßenkind, haben Nest und Eltern gefehlt. + +Aber ~deinem~ Kinde werden Nest und Eltern ~nicht~ fehlen. Das ist +das einzige, was den Schatten meiner Seele lichtet, was meine Reue in +stillen Schmerz verwandelt. Lebe wohl, Marianne. — — + +Die Schwestern kamen. Der Sarg wurde geschlossen. + +Zwei Chorknaben mit brennenden, efeuumrankten Kerzen stellten sich +neben den Sarg, ans Sargende zwei andere mit dem an silbernen Ketten +schwingenden Weihrauchgefäß mit Weihrauchschälchen und silberner +Schippe zum Nachfüllen des Gefäßes. Der Weihrauch erfüllte den kleinen +Raum mit betäubendem Duft, nun tönte ein fernes Glöckchen, dessen Töne +immer näher kamen, und der Domherr in seinem reichgestickten Gewand +trat ein. Ich fuhr zusammen. Wieder sah ich diese tiefen, dunklen +Augen eine Sekunde lang auf mir ruhen — dasselbe Flimmern, derselbe +Ausdruck, den Mariannens Augen in Leidenschaft und Zorn hatten, +dieselbe Farbe ihrer Haare hatte dieser Mann dort. Der wie ein Fürst +so stolz und hoch zu Häupten des Sarges stand und sofort nach seinem +Eintritt mit den Gebeten begann. + +Ob ihm die Tote wohl ihr Geheimnis gelüftet hatte? Ob er jetzt in +diesem Augenblick schon den Vater ihres Kindes kannte? + +Die Gebete waren beendet. + +Noch einige Worte sprach er zum Nachruf der Toten. + +O, dieser Mann! Wie ich ihn hasse! + +Er sprach von dem kurzen, armselig kurzen und dunklen Leben der +Verstorbenen, er schilderte, wie sie, von der Schwelle dieses Klosters +aufgelesen, im Kloster eine Heimat fand, wie er selbst sich stets um +ihr Wohl gekümmert und über ihr gewacht habe, und wie es ihn schmerze, +daß sie nun doch das Opfer der Sünde, der Verführung geworden sei. +Lautlos still war alles an dem Sarg. Nur von draußen drang das +Zwitschern der Vögel bis hierher. + +Starr sah ich dem Mann, der da sprach, ins Gesicht. Er blickte mich +an, aber sofort senkten sich seine Augen wieder auf das Gebetbuch +herab. + +Ja, nun wußte ich: Er kannte den Vater des Kindes. Weshalb aber hielt +er meinen Blick nicht aus? Er, der Sündlose, den Blick eines Sünders +nicht? + +Die Klosterschwestern trugen den Sarg auf den Klosterkirchhof. Der Weg +war kurz, der Sarg war leicht. + +Über dem Grabe blüht der Flieder. Alte, uralte Fliedersträucher. Fast +Fliederbäume zu nennen. Drin nisten Nachtigallen immer wieder im +Frühling; ein schöner Platz. Es ist doch gleichgültig, wo man wieder +zu Erde wird. Aber die noch Lebenden finden eine Befriedigung darin, +daß der Platz ihres Toten schön ist. Sonderbar: auch ~ich~ möchte +lieber an solchem Platze wieder Erde werden, als in dem Staube der +Wüste zerstäuben. Ich stand mit Erika noch lange bei dem Grabe allein. + +Nun aber hole ich mir mein Kind. — — — — + +Ich wollte Erika fortschicken. Aber sie wollte bleiben. + +»Sie werden mich brauchen«, sagte sie eigentümlich ernst. + +»Mein Heidkind, gehn Sie, gehn Sie. Setzen Sie sich nicht den Reden, +den Augen der Menschen dieser Stadt aus, wenn ich mit meinem Kinde +durch die Straßen gehe und es in meine Kauzburg bringe.« + +»Ich bleibe«, erwiderte sie. + +»So kommen Sie, Erika.« + +Wir gingen über den stillen Kirchhof nach dem Kloster hinüber. + +Die Tür war verschlossen. Ich klingelte. Das Glöckchen tönte. Eine +Schwester öffnete einen Spalt breit die Tür. + +»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte sie und sah mich fragend an. + +»Ich will zu dem Kind der soeben zur Ruhe Gebetteten«, sagte ich. + +»Zu dem Kinde Mariannens?« fragte sie. + +»Ja, zu dem.« + +»Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie herführt?« fragte sie. + +»Ich sagte schon: Zu dem Kinde will ich. Ich will es zu mir nehmen.« + +Ein Lächeln, — kein schönes Lächeln — huschte über das fromme +Schwesterngesicht. + +»Ohne des hochwürdigen Domherrn Genehmigung darf ich niemand zu dem +Kinde lassen, es gehört von jetzt ab dem Kloster und wird im Kloster +bleiben«, sagte sie und sah mich lauernd an. + +Ich stand noch vor der kaum ein Viertel offenen Tür mit Erika. + +Nun stieß ich ruhig die Tür ganz auf und trat in den schmalen +Klostergang. Erika stand dicht bei mir. + +»So sagen Sie dem hochwürdigen Herrn, daß ich ihn sprechen will.« + +»Ich werde Ihre Bitte Seiner Hochwürden unterbreiten.« + +»Sagen Sie ihm, ich ~wünsche~ ihn zu sprechen, und ich ~muß~ ihn +sprechen wegen dieses Kindes.« + +Wieder huschte dieses höhnische Lächeln über das stille, heilige +Nonnengesicht der vor mir Stehenden. + +Sie nickte stumm, schloß die Tür und ging lautlos davon. + +Ich stand mit Erika im Flur. + +Ich fühlte, wie der Zorn über den Domherrn in mir wuchs. Schon seine +Worte am Grabe! Und nun diese Art des Empfanges! + +»Ich bitte Sie, seien Sie ruhig, bleiben Sie ruhig«, flüsterte Erika +mir zu. + +»Ich will’s versuchen, solange es mir möglich sein wird, Erika.« + +»Seine Hochwürden lassen bitten«, sagte die lautlos zurückkehrende +Schwester. Jetzt widerte mich dieses lautlose Schleichen an. Wozu? +Hier lagen keine Kranken. Drüben im untern Flügel. + +~Das~ hier war domherrliche Privatwohnung. Fest und hart klangen meine +Schritte auf dem Steinpflaster des Klosterganges wider. Soll ich +~kriechen~ vor dieser Domherrlichkeit? Niemals! + +Endlich waren wir vor der rechten Tür. + +»Ich werde Seiner Hochwürden melden, daß Sie, Sie allein ihn sprechen +wollen.« + +»Nicht nötig, liebe Schwester,« sagte ich kurz, »ich melde mich +selbst, und diese Dame wird bei der Unterredung zugegen sein.« + +Laut klopfte ich an die geschnitzte Eichentür. Ja, hier oben sah es +anders aus als unten in den schlichten, einfachen Klosterräumen. Als +ich öffnete und in das, man kann ruhig sagen, prachtvoll ausgestattete +domherrliche Gemach eintrat, stand die hohe Gestalt des Domherrn +am Fenster. Auf den Kirchhof hatte man den Blick von hier oben. +Gerade auf Mariannens Grab sah man hinab. Erst zuckte es drohend über +sein Gesicht, es war nur ein Zucken, dieses Zucken in dem unleugbar +schönen, schmalen Gesicht, dieses Aufblitzen in den dunklen Augen, als +er mich mit Erika eintreten sah, dieses Aufblitzen, das mich stets und +stets sekundenlang an ein anderes Gesicht erinnerte, das nun nie mehr +zucken kann, nein, wie in marmorner Ruhe bleiben würde, bis die Erde +sagen wird: Werde wieder zu Erde. Eine einladende Handbewegung machte +er, indem er auf einige Sessel wies, die auf dem Teppich standen. + +»Ich danke; aber ich komme nicht als Gast zu Ihnen«, sagte ich kalt +und abweisend. »Ich komme nur, um Sie zu fragen, ob ich die Schwester +unten recht verstanden habe?« + +»Recht verstanden, womit?« fragte er mit gutgespieltem Erstaunen. + +»Keine Worte weiter,« unterbrach ich ihn, denn ich fühlte, wie +verhaßt mir dieser Mann seit jenen Worten am Grabe war, »ich kam, um +Mariannens Kind in mein Haus zu holen, man wollte es nicht zugeben +ohne Ihre Einwilligung, ja, man sagte mir, das Kind sei Eigentum des +Klosters und würde es bleiben.« + +Er spielte einige Augenblicke an dem goldenen Kreuz, das um seinen +Hals an goldener Kette hing. + +»Die Schwester hat Sie recht berichtet,« sagte er; »bitte, bitte, mich +ausreden lassen,« fuhr er auf, als ich ihn unterbrechen wollte, ... +»es ist so. Wir kennen nur die ~Mutter~ des Kindes; diese Mutter, — +Marianne, — haben wir im Kloster erzogen, sie hat das Kind im Kloster +geboren, ist zu uns geflüchtet vor ihrer schweren Stunde, hat uns das +Kind noch ~vor~ der Geburt anvertraut, also ...« + +»Sie kennen also ~wirklich~ den Vater des Kindes nicht?« schnitt ich +ihm das Wort ab. Seine Augen glühten. + +»Ich ~will~ ihn gar nicht kennen«, sagte er rasch. + +»Sie ~sollen~ ihn kennen! Er steht hier vor Ihnen!« rief ich. »Ich bin +der Vater des Kindes, und ich fordere mein Kind!« + +Er sah aus, als wollte er sich auf mich stürzen. Wenigstens sagten +es mir seine Augen. Und seine Hände, die sich an die Stuhllehne +verkrampften. + +»Was Sie mir hier sagen, betrachte ich als Beichtgeheimnis; niemand +wird es erfahren, sofern nicht ~Sie~, mein Fräulein, ...« wandte er +sich zu Erika. »Ich bedaure es übrigens schmerzlich, daß man Sie +gezwungen hat, dieser Verhandlung beizuwohnen, unschöne, sündige Dinge +kommen dabei zur Sprache ...« + +»Ich wohne dieser Verhandlung nicht gezwungen bei, es war mein +Wunsch, ihr beizuwohnen«, unterbrach ihn Erika ruhig. + +»So? Warum?« fragte er und sah sie forschend an. + +Sie schwieg. + +»Wir sind wohl fertig miteinander, Hochwürden,« sagte ich nun; »ich +werde also mein Kind jetzt mit mir nehmen.« + +»Gemach, gemach,« stieß er hervor, »dieses Kind bleibt hier im Kloster +... für ~immer~!« + +»Herr Domherr!!!« stieß ich heraus. + +»Ich wiederhole,« fuhr er fort, »was Sie mir sagten, bleibt +Beichtgeheimnis ...« + +»Ich weiß von keinem Beichtgeheimnis, ich bin Protestant«, unterbrach +ich ihn barsch. + +Er drückte seine Augen zusammen. Dann trat er dicht an mich heran und +legte sanft seine bischofsringgeschmückte Hand auf meinen Arm. + +»Ihre Mutter ist katholisch,« sprach er halblaut und beschwörend, +»Marianne war katholisch, ist im katholischen Glauben erzogen, als +fromme Katholikin gestorben, ihr Kind habe ich gestern getauft ...« + +»Wie?« unterbrach ich ihn heftig, »getauft? Ohne mich zu +benachrichtigen?« + +»... Aber ich bitte Sie,« sagte er beschwichtigend, »bleiben Sie ruhig +... wie sollte ich begründen, daß ich Sie benachrichtige davon? ... +Nein, nein, ich meine es gut mit Ihnen, herzlich gut mit Ihnen, mit +der lieben Toten und Ihrer beider Kind. Sie sollen das Kind haben ... +nur eins ... Sie selbst sind katholisch getauft ... kehren Sie zurück +in den Schoß unserer, Ihrer Kirche, werden Sie ...« + +»Halt! Kein Wort mehr!« rief ich und streifte seine Hand fort von +meinem Arm. »Was fällt Euer Hochwürden ein? Wen glauben Sie vor sich +zu haben? Wie?« + +Er wich zurück und wurde wachsbleich. + +»Gut, so sind wir fertig miteinander«, sagte er. + +»Und mein Kind nehme ich ~mit~«, rief ich, kaum noch meinen Zorn +bemeisternd. + +»Nein, es bleibt ~hier~,« zischte er; »wer weiß etwas, wer glaubt +etwas von dem, was Sie mir hier sagten? Es bleibt ein Beichtgeheimnis +für mich.« + +»Aber nicht für ~mich~, hochwürdiger Herr!« + +»Wie?« sagte er maßlos erstaunt, »Sie wollten davon anderen erzählen? +Sie wollten den Leuten sagen, daß Sie, ... Sie ... dieses Mädchen ...« + +»Ja, ja und ja!« schrie ich ihn an. + +»Ich gehe von dieser Stube aus mit dem Kinde zum Standesamt, dort sage +ich vor Zeugen, daß ich sein Vater bin, daß ich dieses Kind als das +meine anerkenne, daß ich es adoptiere, ihm meinen Namen gebe ... nun, +Euer Hochwürden, ~jetzt~ werden Sie wohl davon überzeugt sein, daß +dieses Kind nicht im Kloster bleibt?« + +Wie von einem Krampfe geschüttelt stand er ans Fenster gelehnt und +blickte hinab auf das noch offene Grab derjenigen, um deren Kind ein +Kampf gekämpft wurde. + +»Nein,« sagte er nach einigen Minuten tiefer Stille, »nein, ich bin +~nicht~ davon überzeugt. Dieses uns von der Mutter übergebene Kind +verbleibt dem Kloster, ich gebe es ~nicht~ heraus, eher ...« + +»Eher drehn Sie ihm den Hals um!« höhnte ich außer mir. + +»Nun ist’s genug!« sagte er, und richtete sich hoch auf. + +»Genug, übergenug!« Und seine Hand wollte auf den elektrischen Knopf +der Klingel drücken. »Ich wollte sagen, eher ...« Da wurde er wiederum +unterbrochen — durch Erika! Durch Erika, deren Gegenwart wir beide +ganz vergessen hatten in unserem heftigen Streiten. + +»Ich weiß es, was Sie sagen wollen, Euer Hochwürden!« sprach die +sanfte, liebe Stimme der Heidkönigstochter, »ich weiß es, weil mir’s +Marianne gesagt hat.« + +Der Domherr fuhr herum. Als ob ihn ein Pfeil träfe, so trafen ihn +diese sanft und schlicht gesprochenen Worte. Er starrte Erika an. + +»Sie wollen sagen, eher verschwindet das Kind in einem anderen Kloster +... in Österreich drüben ... in dem Kloster, das hoch auf einem Felsen +steht, wo Marianne das Licht der Welt erblickt hat, ... ich sehe, Euer +Hochwürden wissen, welches Kloster ich meine ...« + +In einen Sessel war der Kirchenfürst gesunken. Wie irre schauten seine +lodernden Augen auf das schlichte Heidekind. »Und ~weil~ ich das weiß, +und weil wir schon morgen das Kind vergeblich hier suchen würden, +darum müssen Sie Ihr Kind noch in dieser Stunde mitnehmen«, sagte das +liebe Mädchen zu mir gewandt. + +Er bohrte drohend seine dunklen Augen in die Augen Erikas. + +»Ich ~weiß~ nicht, welches Kloster Sie meinen, mein Fräulein,« stieß +er hervor. »Das Kind verbleibt dem Kloster! Mariannens Kind gebe ich +~niemals~ heraus. Eine Braut des Klosters soll ihr Kind werden, so ist +alles gesühnt.« + +»Nein, gesühnt wird alles, wenn sich zu diesem Kinde der Vater bekennt +...!« rief ich in wilder Entgegnung und Angst. + +»Still, still,« sagte da Erika, »diese Sühne meint Seine Hochwürden +~nicht~. Hier, nehmen Sie das und halten Sie es fest wie Ihr Leben«, — +und sie drückte mir ein zusammengeschnürtes und versiegeltes Päckchen +loser Briefblätter, das sie verborgen bei sich getragen hatte, in die +Hand. Nur ein Blättchen behielt sie und hielt es dem Domherrn hin. +»Nicht wahr, Euer Hochwürden, Sie meinen, dann ist ~dieses~ gesühnt? +~Dieses~, das hier auf diesen Blättern steht. Nein, nein, Hochwürden, +Marianne ist nicht das Opfer ~dieses~ Mannes hier« — und sie zeigte +auf mich — »wie Sie es heute am Grabe sagten! — — — Soll ich sagen, +~wessen~ Opfer Marianne ist?« + +»Sag’ es erst, wenn sie ihm das Kind entreißen wollen,« hat mich +Marianne angefleht und mir diese Papiere gegeben; »aber zerreiße +ungelesen diese Blätter, ~wenn~ er mein Kind erst sicher hat«, +beschwor sie mich weiter. »Euer Hochwürden, hier, sofort müssen Sie +sich entscheiden: wollen Sie uns mit dem Kinde ruhig unserer Wege +gehen lassen, oder sollen diese Blätter gelesen werden? Nimmer Herr +Domherr, wird über meine Lippen kommen, was Marianne mir aus Angst um +ihr Kind anvertraut hat; ungelesen verbrannt werden diese Papiere, +sobald dieser um sein Kind besorgte Vater von seiner Sorge befreit +ist.« + +»Erika«, stieß ich hervor. + +Sie hob abwehrend ihre Hände. + +Was für ein furchtbares Geheimnis mußten diese Blätter bergen! War +diese gebrochene Gestalt noch dieselbe stolze Gestalt des hohen +Kirchenherrschers? + +Er hielt sich, ja, man sah es, er hielt sich am Fensterkreuz fest, +sonst wäre er zusammengebrochen. + +»Diese Papiere«, keuchte er, »woher hat sie sie ... woher ... woher +...?« + +Er schien ganz vergessen zu haben, daß wir noch im Zimmer waren. + +»Ich ersuche Euer Hochwürden, den Befehl zu geben, daß wir das Kind +mit uns nehmen können, ... sofort ...« sagte Erika. + +Ich staunte die Tochter der Heide an. Wie ernst, wie fest in sich +gehalten stand sie hier und forderte ruhig und unentwegt. »Werden ... +werden ... diese Papiere ...«, stammelte der Domherr. + +»Euer Hochwürden, ich gab mein Wort. Ich gab ~Ihnen~ mein Wort, ich +gab der ~Toten~ mein Wort, daß diese Papiere verbrannt werden, sobald +der Vater sein Kind hat«, sagte Erika einfach. + +Ja, als sie das sagte, mußte man ihr glauben. Jeder hätte ihr +geglaubt. Mehr geglaubt als tausend Eiden anderer. + +»Und niemand, auch dieser nicht ...« und der Domherr zeigte auf mich +»... wird jemals erfahren ...« + +»Niemand, Herr Domherr, ich verspreche es Ihnen bei Gott im Himmel«, +sagte Erika. + +Der Domherr rüttelte sich auf und drückte auf den Klingelknopf. Eine +Schwester trat lautlos ein. + +»Ich gebe das Kind seinem Vater heraus«, sprach er zu ihr. »Nichts +soll ihm in den Weg gelegt werden.« Dann sank er in dem Sessel +zusammen wie leblos. — + +Wir folgten der Schwester. + +Ich nahm mein Kind in meine Arme; Erika ging stumm neben mir her. + +So gingen wir unerkannt durch die stillen Straßen des Städtchens. + +Ach, unerkannt! Und wenn die Menschen an den Wegseiten wie Mauern +gestanden hätten, es hätte mich nicht gekümmert. Ich hatte mein Kind, +dieses kleine, arme Geschöpflein, ja in meinem Arm, dicht neben mir +ging die liebe, treue Heidkönigstochter, über uns blinkten die Sterne, +und ein holdes Duften strömte aus den Gärten zu uns. + +Marianne, bist du zufrieden? + +[Illustration] + + + + +Nun weiß es jeder in der Stadt, daß ich Vater eines unehelichen Kindes +bin. Daß ich dieses Kind adoptieren will. + +Ein paar von den Herren, mit denen ich hier verkehrt habe, sind des +Abends zu mir gekommen und haben mir abgeredet. + +»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr ganzes Leben aufladen; es +ist eine Last, bedenken Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie +sich versetzen, geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege, kein Hahn +kräht dann danach«, sagte der eine. + +Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie, nun so’n Kind. Wenn +Sie wirklich die Vaterschaft nicht leugnen wollen — es wäre übrigens +gar nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und niemand sonst nach ihr +fragt —, dann tun Sie’s wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu +wissen davon.« + +Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie das Ding fort, eine +Frau kriegen Sie deshalb immer noch.« + +Ich hörte alle drei an. + +Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich: »Meine Herren, ich weiß, +Sie haben sich’s nicht überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn ~wenn~ +Sie sich’s überlegt ~hätten~, müßten Sie mich für einen Schweinehund +halten, und der bin ich nicht, rate auch keinem, mich dafür zu +halten. Prosit, meine Herren!« — + +Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst mit mir an und +plauderten harmlos von anderen Dingen. + +Als ich dann dem einen von den dreien im anderen Zimmer ein paar +Rehkronen zeigte, gab er mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn +ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung vor Ihnen, weiß +Gott.« + +»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf +die Schulter. + +Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten. Mir war’s lieb. Denn +alle drei hatte ich gern, und es waren im Grunde brave Menschen. + +[Illustration] + +Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend kommt. + +Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen. + +Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen. + +Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen, von mir und dem Kind. + +Also Sonnabend! + +Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz zum Zerspringen. + +Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren? Soll mein Kind diese +treue Mutter verlieren? ~Zeige~ nun, Gott, daß du wirklich Gott bist! +Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir. Laß den guten Geist des +Hauses in meinem Hause! Aber unmöglich ist’s, ich ~weiß~ doch, daß es +unmöglich ist! + +Am Sonnabend also kommt der Heidkönig! + +[Illustration] + +Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief eingepflanzt von Natur: die +Mutterliebe. + +Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika mit der kleinen +Marianne sieht. + +»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte ich sie heute. Da nahm +sie das hilflose Geschöpf und drückte es wortlos an sich. + +»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater, Erika, was wird ~dann~?« + +Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte an das +kleine Menschenkind in ihrem Arm. + +[Illustration] + +Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen Brücke, die +Wasserflut drängt an die Pfeiler. + +Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den Bergen kommende Strom +an. + +Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich vom Himmel. + +In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus. Ich will den Wald um mich +haben. + +Meine Waldbäume will ich sehn. + +Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme! Ich bin gefeit gegen dich. +Erika liebt mein Kind; sie läßt es nimmer. + +Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie den Vater des Kindes +mit in den Kauf nehmen. Es geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du +nachgeben! + +Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen. Frisch glänzen die Wiesen +vom letzten Regen. Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder des +Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen herumstrolcht. — — — + +Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater entgegen. Noch mehr +wird sie von dem Kinde vermißt. Das schreit ganz kläglich. + +»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne, eia popeia, +eiapopeia.« — + +Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den Burghof. Also so +sieht er aus, der Heidkönig? + +Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst ist sein vom braunen +Vollbart umrahmtes Gesicht, klar und treu und mit dem den Heidmenschen +eigentümlichen Ausdruck des Verträumtseins und eines tiefen +Innenlebens sind seine Augen. Auf dem Burghofe blieb er stehen und sah +sich um. Dann sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte. Gewiß +hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier zwischen den grünumrankten +Mauern, zwischen den Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden +Goldregen, hübsch hier in dem Burghofe, über den der Rotdorn seine +Äste ausbreitet.« + +Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg sehen lassen. Ich +höre, wie der Heidkönig von Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich +wortreich, mehr als wortreich. Und nun klopft es an meiner Tür. + +»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein, sie hat das Kind draußen +schon jammern hören. »Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und +wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel liegt und schreit +und ruhig wird und lacht, als sie es aufnimmt und hin und her wiegt. +Und vor mir steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich klar +und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns die Hände. Ein kurzer +Händedruck. Warum werde ich denn verlegen und komme mir klein vor +diesem Manne gegenüber? Der hat ~nie~ gesündigt, der kann auf sein +ganzes Leben zurücksehn wie auf einen sauberen Tisch — das sind meine +Gedanken. Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein vor ihm. + +Ein großer, von Vater und Vaters Vater her ererbter Landsitz macht die +Menschen merkwürdig sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht +nicht umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne hier machte sich ein +Selbstgefühl nicht unschön breit. + +Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen großen, einsamen +Heidbesitz, auf seinen Namen und vor allem auf sein und seiner Väter +unberührtes Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese +Menschen durften ihn haben. Mit viel ~mehr~ Recht als mancher andere. + +Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig — so milderte und ihn +schön machte, das war die schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die +selbstverständliche Pflichterfüllung, die reinste Offenheit ohne jedes +Körnchen Lug und Trug, Verstellung und Heucheln. + +»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte der Heidkönig, sobald +man ihn sah, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte. + +Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge. Ich fragte ihn nach +dem Erfolge seiner Reise, nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er +antwortete wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach dem Wild im +Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen und ausgestopften Wildköpfe, +dann aber sagte er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens: »Ich +bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld für Erikas Aufenthalt +an Sie zu zahlen habe, da ich sie morgen wieder mit mir nehme.« + +Die Worte trafen mich wie ein Schuß. + +Und doch war nichts natürlicher, als daß er das sagte. »Da ich sie +morgen wieder mit mir nehme«, ... immerfort hörte ich das in meinen +Ohren klingen. + +Er sah mich freundlich und doch auch ernst an. Zuletzt wiederholte er +seine Frage, da ich immer noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine +Rede sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im Hause geholfen +...« + +»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht +gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht +erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk +annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie +es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.« + +Dann schwieg er wieder. + +Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit +erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei +sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein, +Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es +schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.« + +»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus ~mir~ werden und aus +dem Kinde?« rief ich aufspringend. + +Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich +ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld. + +Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr +mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie +gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich +gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz, +also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht +der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte, +etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr +schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne, +das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße, +~sein~ Kind war. Was war ~meine~ Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur +gegen einen Berg! + +Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn +ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne +und so falsch oft glaubt. + +»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen +und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er +langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?« + +»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes +versprochen hat?« rief ich. + +»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ... +Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ... +was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?« + +»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter. + +Er sah sie fragend an. Dann mich. + +»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine +Tochter nichts gesagt hat?« + +»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin. + +»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«, +wies er sie freundlich, aber entschieden ab. + +»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen, +ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine +Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens. + +»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen +sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein +Wort. + +Es war lautlos still in der Stube. + +Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer +wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück. + +»So?« ... sagte er noch einmal. + +»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast, +Erika«, wandte er sich dann an sie. + +Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er +soeben gehört hatte, hineinzufinden. + +»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter +Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine +treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit +tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm +dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht. + +»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit +seiner rechten Hand über die Stirn. + +Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach. + +»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er. + +— Was wird sie antworten? + +»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie. + +Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das +Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen +hinab. + +»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er +zu dem Kinde. + +Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte, +denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen +Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf, +rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an. + +Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig +um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen +aus; tief gefurcht seine Stirn. + +»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind +hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten, +was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich +an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege ~nicht~ diese +bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und +nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des +Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du +darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er +sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« — +wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.« + +Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und +nachdenklich: + +»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in +einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und +ihrem Tun und Treiben kennengelernt. ~Hätte~ ich’s, vielleicht dächte +ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit. +Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage +ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu +erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der +Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage ~Ihnen~ das und sage es +~dir~, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen, +wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und +ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß +mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich +hier sage, ~muß~ gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und +klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie +liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches, +braves unverdorbenes Heidekind ist?« + +»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist +dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was +aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.« + +»Sie sind ein ~Mann~«, sagte der Heidkönig, »~seien~ Sie ein Mann! +Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher +gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor +mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden +und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und +ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?« + +Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er +wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit +mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte! + +Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre +Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses +Hauses, ach, bleibe!?« + +Da tönte wieder seine Stimme. + +»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war, +als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne +angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst +bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte. +Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng. +Nicht wahr, Erika?« + +Ich hielt den Atem an. + +Sie schwieg. + +Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika, +du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen +lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?« + +»Ich denke ~so~, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter +und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer +Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend +an. + +»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig. + +»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr. +Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater +ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und +bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.« + +»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich. + +»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl +in mein Herz. + +»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst +werden jetzt mit mir und dem Kinde?« + +»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor +Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes +setzen.« + +Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie +erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir +ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen +stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und +hoffe!« + +»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?« +fragte ich. + +Er dachte lange nach. + +»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann; +»darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?« + +»Ja, Vater«, erwiderte sie. + +»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander, +was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu +mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven +Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter +erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab. +Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie +sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan, +so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie +damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen +also.« + +[Illustration] + +Bis morgen also! + +Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und +wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also! + +O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich +sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch +hier. + +Sie und mein Kind. + +»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so +ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser +Mann! + +Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf +meine Rechnung über. + +Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat +doch ~auch~ schuld. Sie hatte doch ~mehr~ schuld als ich!« — Du bist +tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen! + +Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es +wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so +mache ~deinen~ Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und +flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine +Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben. +Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird. + +So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner +Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch +~beide~ Sünder! + +Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde! + +Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein, +nicht unheilvoll! + +Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den +Mann an ein geliebtes Weib binden? + +Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten +~selbst~. + +Fessel! Gefesselt! — — — + +Fessellos! Frei! — — — + +Freie Liebe! Freie Leidenschaft! + +Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes Häschen, du! Du Kind der +freien, fessellosen Leidenschaft! + +Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht zu dir bekannt hätte +als dein Vater. + +Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht. Nie wären die Freuden, +die unschuldvolle Lust des Kindes an dich herangetreten. + +Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet, die andere getan +haben. Beten und büßen hättest du gemußt für die Sünden deiner +Mutter und deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe +kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du bist ein Kind der Sünde, du +kannst nur durch Gebet in den Himmel kommen. + +O, du mein armes Häschen du! — + +Freie Liebe! Freie Leidenschaft! + +Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in +freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch +wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir +~haben~ doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! ~Warum~ haben wir +sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben +kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in +stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche +Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht +gepriesen und besungen. + +Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern +im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein +Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem +verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich +befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm +büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln ~heute~ — und ~morgen~ +verlassen die beiden mein Haus! + +Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann +man sich dir nicht entziehn. + +Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die +glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung +schaue, bist ~du~ es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in +mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt. + +Morgen abend um diese Zeit! + +Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein +Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie +von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine +Kauzburg hinein. Dann muß ich dich ~wieder~ bitten, dich, den kalten +Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, — +ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen, +so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt, +wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes. + +Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen. + +Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder +bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid +mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind. +So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es +unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins +kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den +Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine +Heidkönigstochter! + +Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein +Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes, +volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage +hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem +einsamen Menschen als Tage. + +Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden +Menschenseele. + +Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes +Königstöchterlein! + +Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du. + +In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang +versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du +vor mir. + +Und zwischen uns das Kind. + +Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und +treu im Wachen! — + +Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling +empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend +Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide. + +Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen +verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend +fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten. + +Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden +Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes +Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide +bist. + +[Illustration] + +Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn +brachte. + +So blieb ich denn in der Kauzburg zurück. + +Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und +kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf +ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu. + +Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine +Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin. + +Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da +riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang +mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die +Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und +Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul +zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen. + +Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun, +heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein +schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die +ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus. + +Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder +auf ihm geblasen. + +Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren +Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich +an wie nie zuvor. + +»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an +mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen +konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten. + +Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden. + +Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der +Wald trug lang und bang das Echo zurück. + +Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich, +und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter +aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf +Wiedersehen!« + +[Illustration] + +Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von +Erika, das schickt sie Ihnen.« + +[Illustration] + + + + +Liebe Erika! + +Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel +eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem +Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte, +durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine +rotstreifige Mütze sich zeigte. + +Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der +Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist +eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief. + +Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden +in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen +rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ~ich~ +bin geborgen. + +Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir +den Krug zum Trinken reichten. + +Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein +reiner Bergquell ist sein Inhalt. + +Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen +Einsamkeit und Reinheit. + +Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen +Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins +Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder. + +Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein, +wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr +Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das +sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte +schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das +Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch +sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben +mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs +Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche +Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen, +den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide? +Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter +der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus +ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über +meine Stirn? + +Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam. + +Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem +sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume +erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam. + +Ich will keines Menschen Mitleid. + +Ich verachte das Mitleid der Menschen. + +Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen +so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in +stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz +davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie +ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag +den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale +umzuwandeln. + +Wird für mich das stille Tal ergrünen? + +Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen +Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der +zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für +alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander, +aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag +es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die +Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel. +Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das +wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide +schreitet. + + Ihr + + einsamer Freund. + +_N. B._ Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir +doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat +wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt. + +Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich +rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich +hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O, +Sie böses, süßes Heidekind, Sie! + +[Illustration] + +Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter! + +Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen +Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben +Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht +so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe +Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner +Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den +verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir +in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern +warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur +darum mir verloren, Du lieber Sohn.« + +Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der +biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles +weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in +Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines +Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen +gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen? + +Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können. + +Bereite noch ~keine~ Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter! + +Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene +Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort +die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte. + +[Illustration] + +Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne +daß man es merkt. + +Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch +erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten +Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich +bis jetzt nicht gesehn hatte. + +Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten +Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die +Kauzburg selbst! + +Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich +fühlte! + +Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier? +Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes +Nachtlied im Garten singen wird? — + +Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von +vielem. + +Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster +stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an +dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen, +machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers +zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte +er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir: +»Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht +schön gepflegt? Daneben ... daneben ...« + +Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof. + +Ich grüßte hinauf, als ich ging. + +Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir +schloß. + +Also ~doch~ ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid. + +»Daneben ... daneben ...« + +Ich wußte, was er meinte. + +Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch ~er~ +tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem +Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die +Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde +~mehr~, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die +für uns alle der gleiche Schoß ist? + +[Illustration] + +Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach +Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse +Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus +getragen mit ihm. + +Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des +unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das +stille Tal verschließen wie früher. — + +[Illustration] + +Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot +über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken! +An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir ~jene~ gebracht, was wird +mir ~diese~ bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen +entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’ +ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In +Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen +Dingen nicht. + +[Illustration] + +So bin ich denn in meinem Schlesien wieder! + +Daheim! In der alten Heimat! + +Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet ~mir~ den +Traum der Jugend in mein Herz. ~Dich~, du mein grüner, heimatlicher +Wald! + +Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es +bleiben allezeit. + +O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den +Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien, +wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der +Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die +Krähennester ausnahm, da will ich heute knien. + +Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat. + +Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort! + +Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern +gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden +Händedruck. + +Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die +Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt +auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die +ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut! + +Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus +dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild, +das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im +Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf +mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf. + +Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte +sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil +hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht! + +Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend, +mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich +ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar +Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen +guter Wein. — + +Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische +Oberförsterei. + +Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen. + +Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren +pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich +brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab. + +In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen +Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit +Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne +am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus. + +Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum, +der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe. + +Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer +Heimat. + +Nun ist die Heimat wieder mein. + +Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir, +Heidkönigstochter. + + Liebe Erika! + +Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur +Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist +der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald +wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich +doch ~selbst~ in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann +~schreibe~?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen +sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für +mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet +dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger +Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten +auf und nieder. + +Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine +Mutter die Schar der Kinder. + +Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe +lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz +umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen +Heide das Heidkind bringen sollten. + +Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen, +wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde +ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben. + +Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein strahlendes, holdes Antlitz +uns anlächeln wird, dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide. +~Aus~ der Heimat werde ich ~in~ die Heimat fahren. So lockt mich die +Heide. Ich kam so froh hierher und bin so ernst und still, seitdem ich +hier bin. + +Warum wohl, Heidekind, warum? + +Ach, weil mir immer mehr und mehr die Heidkönigtochter fehlt! Weil +immer mehr mein Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was man so +ganz im Herzen hat, das duldet keine Worte. Das liegt verschlossen wie +in einer Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein. + +Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika. Mein Kindchen, bist Du Dir +denn auch bewußt, daß Du mein Fürbitter sein sollst? + +[Illustration] + +Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die Ecke bog, das +liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Ich sah, wie es sich an die +Scheiben preßte und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen. +Die so treu wie es nur Mutteraugen können, auf das Kind herabsehn. +Und heute, als ich aus der Fremde wiederkam, zurückkehrte in die +alte Heimat, sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht am +Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über dieses liebe, alte +Gesicht, als ich um die Ecke bog. Und doch stand eine Wolke über der +Sonne oben am Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir. Über dem +heimkehrenden Sohne. + +Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist für dich der +heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der er war, als er in die Fremde +ging. Wie ein verlorener Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir doch +wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein Junge, jetzt, wo Deine +Oberförsterei so nah von hier liegt«, meinte sie lächelnd, als sie +mich immer und immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte. +Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon so viel erzählt +von meiner jetzigen Oberförsterei und der früheren. Kein Wort bis +jetzt von dem Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von +Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika. + +»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei mir bist, etwas, mein +Junge. Darf es deine alte Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie +in ihrer mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie scharf sieht +doch eine Mutter ins Herz des Kindes! + +»Ich verschweige dir etwas, Mutter?« + +»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich bedrückt etwas, sage es mir +doch, vielleicht kann ich dir helfen.« + +Da zog ich behutsam das Bild des kleinen Mariannchens, meines +Töchterleins, aus meiner Brusttasche. + +Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen. »Was hast du denn da, lieber +Sohn?« fragte sie mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was ich +hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir verschwiegen habe.« + +»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt es, wenn das +Kind, und wenn das Kind auch so ein großer Sohn ist, Kummer hat.« + +»~Kummer~, Mutter?« + +»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie. + +»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.« + +»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«, bat ich. + +»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es! Wer ist denn das +Geschöpfchen? Und wie es lacht und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie +allerliebst, gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber Sohn!« +rief sie und sah voll Freude auf das Bild. + +»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich. Sie sah auf. + +»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge. Was machst du denn für ein +Gesicht? Ist wohl tot, gestorben, das herzige Kind?« + +»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«, sagte ich leise. + +Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht. »Es lebt, das +Kindchen«, sprach sie mir langsam nach und sah von dem Bilde wieder +auf mich. + +»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem das Kind gehört?« + +Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen. Wie eine große, ratlose +Angst. + +»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«, sprach sie, und ihre +Stimme zitterte. + +»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun mir, deinem Sohn +gehörte?« + +»Fritz!« rief sie und starrte mich an. + +»Mutter, es ist ~mein~ Kind. Ich bin der Vater des kleinen, +herzigen Mariannchens, dessen Bild du in der Hand hältst«, sagte ich +ruhig. »Muß ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar vor +meiner ~Mutter~ entschuldigen?« dachte ich bitter, als ich sah, wie +fassungslos, wie entgeistert die alte Frau dasaß. + +Unwillig wandte ich mich fort. + +Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch hineinschluchzte. + +»Mutter!« + +Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände, die mich vor vielen +Jahren getragen hatten, von ihren weinenden Augen und streichelte +immer und immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du armer Sohn«, +sagte sie, nichts anderes. Da erhellte ein Licht meine Seele: »Diese +alte Frau fühlt in diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich +vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst durchgekämpft habe, +bevor ich zu dieser Ruhe gekommen bin.« Und während ich vor ihr kniete +und sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne blickte und mir +das Haar aus der Stirn strich, erzählte ich ihr. + +Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von ihrem goldenen, +schimmernden, schönen Haar, ihrem lilienweißen, feinen Gesicht und +ihrem sanften Sterben an diesem Kinde. + +»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war rührend für mich, wie +schamhaft die alte Frau das fragte. + +Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun liebte. Anders +liebte, als ich die erste geliebt hatte. Und ~diese~ Liebe verstand +meine alte Mutter. Ich fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr +von ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn. Den verlorenen +Sohn. + +Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein, von der Heide +und dem einsamen Heidhofe in der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich +nebenbei einiges dazwischen. + +Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen! + +»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir nicht geben, wegen +diesem hier«, sagte sie betrübt und zeigte auf das Bild der kleinen +Marianne. + +»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm sein für dich, mein +armer Sohn.« + +»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«, meinte ich und legte in +meine Worte viel Zuversicht. + +»Nein, er gibt ~nicht~ nach«, sprach sie still vor sich hin. »Nach +allem, was du mir erzählt hast, gibt er seine Tochter nicht. Und ... +du darfst ihm deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft +hinzu. + +»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große Sünde. Aber habe keine +Angst, ich werde dich losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten +Mutter zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.« + +Ich lächelte vor mich hin. + +»Lache ~nicht~ darüber, mein Junge. Ich weiß ja, Ihr jungen Männer von +heute seid nicht mehr so gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß +halt die Mutter für den Sohn ~mit~beten.« + +»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und gab ihr einen Kuß auf +die Stirn. »Es kann mir nur nützen, wenn du es tust.« + +Und schon, als ich am selben Nachmittage von einigen Gängen in der +Stadt nach Hause kam, fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche +betend am Fenster sitzen. + +Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht, +daß ihr Sohn der Vater der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus +dem Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte. + +»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika und dem Kindchen?« +fragte sie. + +»Hinfahren werde ich und mir beide holen«, sagte ich. + +Sie seufzte. + +»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«, warnte sie ängstlich. + +»Mutter, ~laß~ mir diese Hoffnungen! Die muß ich behalten, weil sie +mich aufrecht halten. Ich klammere mich an die Hoffnung, daß Erika +meine Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die letzte Planke.« + +»Und wenn sie ~nicht~ deine Frau wird und der Vater sie dir +verweigert? Würdest du’s verwinden?« + +Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst voll ausdenken mußte ich +diesen Gedanken. »Verwinden nicht, aber ich habe ein Kind, und die +Sorge um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf, weiter zu leben +und weiter zu arbeiten, Mutter.« + +Da stand die alte Frau auf, langte nach dem Bildchen meiner kleinen +Marianne und sagte leise: + +»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind, du.« + +»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es wieder habe, Mutter?« + +»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.« + +— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine Großmutter! Eine +Großmutter hast du, mein kleines Mariannchen, und deine Großmutter +wird Strümpfe stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen und +Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein. + +[Illustration] + + + + +So fahre ich also in die Heide. Am Heidbahnhof erwartete mich ein +hochbeiniger, einfacher Heidewagen. + +Zwei wohlgenährte Schimmel davor. Es dauerte gar nicht lange, so war +ich mitten drin in der weiten Heide. + +Ringsum ein Blühen und Duften im Flimmerglanz der Abendsonne. + +An stillen Teichen kam ich vorüber. An weißen Birken, deren zarte +Zweige mit ihrem hellgrünen Blattschmuck leise schaukelten. + +An dunklen Wacholderstauden, die ernst wie Schildwachen standen. Und +weit in der Ferne sah ich den Schäfer auf der Heide und vor ihm die +Heidschnucken grasen. + +Scharf hob sich seine Gestalt in dem langen, dunklen Rock vom Glanz +des Abendhimmels ab. + +Süß duftete das Lupinenfeld, an dem mich der kleine Wagen im mahlenden +Sande langsam vorüber brachte, vorbei an der alten, zerzausten Kiefer +mit dem aufwuchernden Baumgezweig um ihren Stamm; so kam ich näher und +näher dem Heidhofe, wo meine Heideblume blüht. Immer purpurner wurde +das Abendrot, immer schöner der Blütenreichtum. Und hier, ganz dicht +am Wagen das Edelweiß der Heide, die liebliche Immortelle! + +Also, das ist deine Heimat, Heidkönigstochter! Hier bist du als Kind +durch die Blüten gesprungen, hier hast du geträumt und gesonnen, hier +bist du zur Jungfrau geworden. Um dich allein die Keuschheit dieser +unendlichen Heide. Unberührt von dem Branden der Welt. Deine Welt, du +stille Tochter der Heide, ist das Haus, in dem du mit fleißigen Händen +waltest. Mit treuem Herzen, mit ewig gleichem Pflichtgefühl still und +fromm und mit der Fröhlichkeit im Busen, die sich nie laut verkündet, +die aber wärmt und reinen Glanz um sich verbreitet. + +Wie diese Heide hier. + +Von weitem sah ich inmitten der braunen Heide eine weiße Gestalt stehn. + +Klar hob sie sich ab in dem vergoldenden Glanz der Abendsonne. + +Wie Purpurglut lag es um sie und um das Kind auf ihrem Arm. + +»Ich will aussteigen, halt, steht, ihr Rößlein des Heidkönigs!« — — — — + +»So, nun fahrt zu, ich gehe zu Fuß bis zum Heidhof, dort den Fußweg +quer durch die Heide.« Und so ging ich ihr entgegen, nach der ich +mich heiß gesehnt hatte Tag und Nacht und wieder Nacht und Tag. Und +die Tage und Nächte dieses langen Jahres sind langsam geschlichen, +so unendlich langsam —. Sie kommt mir entgegen, bringt mein Kind +mir zu! Klopf’ nicht so heftig, mein Herz! — Wer weiß, ob sie dir +entgegengehen wollte. Ob es nicht ein bloßer Zufall ist, daß sie +diesen Fußsteg geht. + +Ein Zufall? Ein bloßer Zufall? Törichter, furchtsamer Gesell, du weißt +es, und dein Herz weiß es, daß es kein Zufall ist! + +Jetzt konnte ich fast ihr Gesicht erkennen. Ach, wie blüht die Heide +so seltsam schön, wie duften die vielen tausend Heideblüten so seltsam +süß an diesem Abend. Wie seltsam schön flimmert und glänzt es um mich +herum. Kein Wunder, wenn die Heidkönigstochter durch ihre Heide geht. + +Immer näher kamen wir uns. + +Kein Berg, kein Tal lag zwischen uns, nur die weitsichtbare, stille, +summende Heide. + +Die Luft war so klar, und dicht über der Ebene lag es so voller +Flimmerglanz, daß wir uns schon ganz deutlich sahen, obwohl wir noch +weit voneinander gingen. Wir dachten, ganz nahe schon beieinander zu +sein, und waren noch weit entfernt. + +»Erika!« sagte ich gar nicht laut, und hätte es auch gar nicht laut +rufen können in diesem Augenblick. Sie schritt unentwegt weiter, sie +hatte es nicht gehört und konnte es wegen der Entfernung, die uns +trennte, auch nicht hören. + +Ich sah, wie sie das Kind hoch auf ihrem Arm mir entgegenschwenkte, +sah, wie das Kind jubelte und die kleinen Hände aneinanderpatschte, +hörte aber keinen Laut. Mir war, als hätte eine Traumwelt mich +eingesponnen. Wie ein Schlafwandler kam ich mir in dieser weiten Heide +vor. + +»Erika!« rief ich nun, so laut ich konnte, und siehe es war +Wirklichkeit, was mir entgegenkam, kein Traum. + +Deutlich hörte ich das Jubeln des Kindes. Da hätte ich hinknien können +in die blühende, seltsame Heide und ihr danken, daß sie wirklich +um mich herum blühte, daß ihre Blüten so schön waren, und daß die +Heidkönigstochter wirklich mir, mir ganz allein entgegenkam. + +Und nun stand sie vor mir, und ich stand vor ihr. Keins sprach ein +Wort. Aber das Kind lachte und angelte nach mir. Nach seinem Vater, +den es doch gar nicht mehr kannte nach diesem langen Jahr. + +Sie reichte mir das Kind, und als es an meinem Halse hing, umfaßte ich +auch sie und sagte leise: »Erika, nun bin ich bei dir in der Heide.« + +Da schlang sie ihre Arme um mich, und ich bog mich herab und küßte +erst sie auf den noch unberührten Mädchenmund, und dann das Kind auf +sein rosiges, halboffenes Mündchen. So standen wir beide mit dem Kinde +auf unseren Armen im versinkenden Goldglanz der Sonne. + +Und um uns blühte die Heide. + +Weit, unendlich weit lag die Welt von uns ab. Wir brauchten keine +Welt. Wir selbst waren uns unsere Welt. + +Meine ganze Welt waren nur diese beiden Menschen hier in der einsamen +Heide. + +»Erika,« sagte ich zu ihr, die treu und still und voll Liebe zu mir +aufsah, »Erika, bist du nun mein?« + +Da ging ein Zucken durch ihren Körper. + +Sanft löste sie sich aus meinen Armen, trat etwas auf die Seite und +sah mich prüfend an. + +»Ich kann deinen Blick aushalten, Erika,« sprach ich, »immer werde ich +deinem Blick standhalten können bis zum Tode, glaube es mir.« + +»Ich sehe es, und ich weiß es und wußte es, ehe du kamst, Lieber,« +erwiderte sie; »aber du weißt, wie mein Vater darüber denkt.« + +»Dein Vater? Der Heidkönig?« fragte ich erschrocken; »wird er denn +auch jetzt noch nicht seine Einwilligung geben zu unserer Vereinigung?« + +Sie schüttelte den Kopf. + +»Das hatte ich nicht gedacht und nicht erwartet«, sagte ich betrübt. + +»Du kennst uns Heidleute nicht,« sprach sie ernst; »sieh, auch ich +hätte noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten, daß ich einst +einwilligen würde, wirklich deine Frau zu werden. Aber dies eine Jahr +der Trennung hat viel umgewandelt in mir. Das Jahr der Trennung und +das Kind hier. Immer mehr fühlte ich von Tag zu Tag, wie meine Liebe +zu dir wuchs, immer mehr fühlte ich, das ich nun gerade zu dir, dem +Einsamen, Unglücklichen — denn du bist nicht glücklich, Lieber, auch +wenn du’s dir nicht merken läßt — gehöre, immer kleiner erschien +mir deine Schuld, immer mehr sah ich nun, wie brav und ehrlich du +die Folgen deiner Verfehlung auf dich nahmst, und wie du dich über +alles Reden hinweg zu deinem Kinde bekanntest, und immer mehr wuchs +auch meine Liebe zu deinem mutterlosen, verlassenen Kinde. Und wenn +ich mit dem kleinen Mariannchen über die Heide ging und um mich der +Frieden und die Ruhe der Heide lagen, um mich die Bienen summten und +die Schmetterlinge flogen, nach denen dein Kind vergnügt mit den +Händchen haschte und glücklich dabei auf meinen Armen krähte, um mich +der Sonnenglanz strahlte, unter dem diese einsame Gotteswelt träumte, +da hielt ich Einkehr in mich, und diese Einkehr hier draußen in der +stillen Heide hat mir viel, recht viel gesagt. Sie sagte mir, daß +niemand, auch der beste Mensch nicht, vor einem Fehler sicher ist, ja, +sie sagte mir, daß gerade oft die besten Menschen einen Fehler tun und +ihn bereuen müssen. Denn bist du nicht der beste Mensch? Und hast du +nicht deinen Fehler bereut und nach bester Kraft gutgemacht?« + +»Erika«, sagte ich erschüttert. + +»Laß mich noch reden, Lieber, es ist nötig, daß ich alles sage, was +ich dir sagen wollte. Ich bin entschlossen, deine Frau zu werden. Gott +wird verhüten, daß ich ohne den Segen meines Vaters aus dem Heidhof +in das Haus des Mannes ziehen sollte, dem ich mich verpflichtet habe, +in Treuen sein Weib zu werden. Ich weiß, ich würde das nie verwinden +können, und in der Heide würde ich meine frohen Mädchenträume +zurücklassen. In dein Haus brächte ich eine tiefe Trauer des Herzens. +Darum, Lieber, bitte ich dich, überlege es dir ernst und prüfe alles, +bevor du ein Weib nimmst, dem des Vaters Segen fehlt. Ich ~muß~, wenn +du mir winkst, mit dir gehn. Meine Liebe zu dir, dem Manne, dem das +Weib folgen und alles andere verlassen soll, treibt mich dazu und mein +Wort, das ich Mariannen gab. Wie sollte ich denn anders diesem Kinde +eine treue Mutter sein? Und nun komm. Der Heidhof erwartet dich.« + +»Wenn doch ein Wunder geschähe, daß deinem Vater seinen Sinn +wandelte«, sagte ich traurig und schritt mit schwerem Schritt neben +ihr. + +»Eine tiefe Trauer des Herzens,« hatte sie gesagt; ja, durfte ich sie +denn gegen ihres Vaters Willen, ohne seinen Segen, gewaltsam lösen aus +dem Heidhofe? — + +So standen wir bald vor der Tür des Heidhofes. Der Abendsonne letztes, +versprühendes Leuchten zitterte über dem Gehöft, ach, alles Schöne +vergeht und läßt uns nur ein letztes Leuchten zurück. Da tat sich die +Tür auf, und der Heidkönig stand auf der Schwelle. + +Ich trat auf ihn zu und reichte ihm meine Hand. Ich konnte ihm noch +keinen Gruß sagen, so bewegt hatten mich Erikas Worte. + +»Seien Sie willkommen!« sprach er nicht unfreundlich, und seine Augen, +diese treuen und doch so klugen, forschenden Augen bohrten sich auf +mein Gesicht. + +~Der~ Mann sah in die Herzen! + +Aber daß ich nicht bloß kam, um mein Kind mir nach Ablauf des Jahres +aus dem Heidhofe zu holen, sagte er sich wohl selbst. + +Also galt sein forschender Blick ~mir~. Er wollte prüfen, was dieses +Jahr aus mir gemacht hatte. Nun, diese Prüfung mußte ihn zufrieden +stellen. Aber daß er diese Prüfung vornahm, legte ich mir günstig aus. +Wozu denn erst solche Prüfung, wenn er doch fest entschlossen war, mir +Erika nicht zu geben?! + +Zum erstenmal trat ich über die Schwelle des Heidhofes. Des Hauses, +in dem Erika geboren und zur Jungfrau herangeblüht war. Ja, dieser +Heidhof! In solchem Hause, solchen Räumen, solcher Umgebung mußte ja +ganz von selbst ein Heidkönigstöchterlein heranblühen. An diesem Abend +sprachen wir nur Alltägliches und für mich doch auch wieder ~nicht~ +Alltägliches zusammen. + +Wie in stillschweigender Verabredung sprachen wir noch nichts von dem +Zweck meines Kommens. + +Freundlich, doch mit Zurückhaltung behandelte mich der Heidkönig als +seinen Gast. + +Er zeigte mir den ganzen Heidhof. + +Diesen kleinen, in der Heide großen Fürstensitz, auf dem seit +fünfhundert Jahren dasselbe Geschlecht saß. + +Zum alten Schäfer, der seine Heidschnucken schon hereingetrieben hatte +aus der Heide, führte er mich zuerst. Die Heidschnuckenherde stand +Tier an Tier, Wolle an Wolle um den uralten Steinbrunnen, der rechts +im Hofe neben der ebenso uralten Eiche tief in die Erde gebohrt war. + +Ich fand alles so, wie’s mir Erika an dem einen Abend geschildert +hatte. Den mächtigen Brunnenschwengel hoch an dem Eichenast verhakt; +durch die Eichenblätter spülte von der Heide ein warmer Wind, der +süßen Duft führte; der Schäfer stand an den rissigen, mächtigen Stamm +gelehnt und strickte. + +Ab und zu blökte eines der Schafe, oder ein anderes brachte eine +kleine Unruhe in die gesättigte Herde, indem es sich unartig zwischen +den anderen durchdrängeln wollte. + +»Na, Peter?« sagte der Heidkönig. + +»All gut«, erwiderte der Alte und strickte kopfnickend weiter. Mich +sah er kurz und scharf an. Ich merkte aber, nicht unfreundlich. +Vielleicht weil ich ihm gleich meine Hand hingestreckt hatte, die er, +einen Augenblick das Stricken unterbrechend, fest und derb mit der +seinen ergriff. + +Dann flogen etwas schelmisch seine alten und doch scharfen Augen von +mir auf Erika, die uns nachgekommen war. Er nickte ihr zu. Das schien +sie zu freuen. Dann nickte sie ihm rasch wieder zu und zeigte mit +einem verschämten Lächeln auf mich, während uns gerade der Heidkönig +den Rücken zukehrte. + +Befriedigt nickte er, der Erika auf den Armen getragen hatte und ihren +Vater hatte groß werden sehn. + +Gott sei Dank! Der Alte war mir gewogen. Ich hatte nur zu gut bemerkt, +wie die Augen des Heidkönigs das Gesicht seines alten Schäfers +musterten. + +Dem Alten gefiel nicht jeder. Erika hatte mir erzählt, daß er sein +Mißfallen an jemanden recht drastisch zum Ausdruck zu bringen pflegte. +Er ging dann mit bedächtigem Schritt auf die andere Seite der Eiche +und ließ den Fremden stehn. Aber heute blieb er und nickte befriedigt +vor sich hin. Ich hätte ihm um den Hals fallen können. + +Von dem Brunnen aus gingen wir nach der langen, riesigen, ganz aus +Eichenbohlen erbauten Scheune mit der Wagenscheuer und von dort nach +dem Schafstalle. + +Mittlerweile war es dunkel geworden. + +Nur fern am Saume der Heide, die sich hinter dem Garten weit, weit +ausdehnte, glühte es noch rot. Ich trat an den Zaun heran. Erika +stellte sich neben mich und lehnte sich gleich mir an den Zaun. + +Der Heidkönig hatte uns verlassen. Er wollte, wie er sagte, noch in +den Pferdestall gehn und dort zum Rechten sehen. + +Erika lachte halblaut vor sich hin. + +Ich sah sie fragend an. + +»Das ist das einzige Mal, daß Vater lügt«, sagte sie lachend, und ein +fröhliches Lachen war’s, mit dem sie das sagte. + +»Wieso?« fragte ich. + +Da lehnte sie sich an mich, hob sich ein wenig und flüsterte mir ins +Ohr: »Zu deinem Kinde geht er, Lieber. Ja, wirklich, — freilich erst +geht er in den Pferdestall, aber nur einen Augenblick bleibt er darin, +dann geht der Heidkönig, verstohlen sich umschauend, Abend für Abend +hinauf in meine Stube, wo dein Kind, das Mariannchen schläft, und dort +sitzt er beim Schein der Lampe und guckt Abend für Abend sich das +Kindchen an. Einmal hab’ ich ihn dabei erwischt, er wurde verlegen, +und das hab’ ich ihm seitdem erspart und tue, als merkte ich’s nicht. +Ach, Lieber, wie wird der stolze, schweigsame Heidkönig die Trennung +von dem Kind überstehn! Ja, dieses Kind, dieses arme, liebe Kind wird +uns das Glück bringen.« — + +Am nächsten Morgen saßen wir uns in der großen Wohnstube, die so +heimisch und traut aussah, gegenüber. Der Heidkönig und ich. + +Er fing von selbst an. + +»Sie wollen heute wieder fort?« fragte er. + +»Ja«, sagte ich. + +Er schwieg. + +»Das Mariannchen ist tüchtig gewachsen und ein fröhliches Kind«, +meinte er dann. + +»Ja, ich habe das Kind entbehrt, und nun will ich mir’s heim holen in +mein verwaistes Forsthaus.« + +Wieder schwieg er. + +»Aber nicht wegen des Kindes allein bin ich hergekommen. Ich bitte +Sie, daß Sie mir Erika zur Frau geben. Wir sind uns gut, Sie wissen +es.« + +»Ich weiß es,« sagte er langsam, »und ich dachte mir, daß Sie diese +Bitte heute aussprechen würden. Aber ich kann Ihnen Erika nicht zur +Frau geben. Auch ~das~ habe ich Ihnen schon vor Jahresfrist gesagt.« + +»Ja, Sie hatten es mir gesagt, offen und ehrlich,« rief ich und +stand auf; »aber man soll einem Menschen eines Fehlers wegen nicht +unversöhnlich bleiben, sondern zur Versöhnung geneigt sein ...« + +»Ich stehe Ihnen nicht unversöhnlich gegenüber, nur meine Tochter kann +ich einem nicht zur Frau geben, der ... der ...« + +»Der ein solches Kind sein eigen nennt«, sprach ich den Satz zu Ende, +als er zögerte, und schob ihm die kleine Marianne hin. Er beugte sich +herab, und das Kind legte seine Ärmchen um seinen Hals. + +»Ich kann es nicht, nein, ich tue es trotzdem nicht, sie kann seine +Frau nicht werden«, sagte er zu dem Kinde und drückte es an sich. Und +dann legte er seine rechte Hand schwer und wuchtig zur Faust geballt +auf die Tischplatte. Das Mariannchen mochte glauben, daß er mit ihr +wie sonst spielen wollte. Denn es tatschte mit seinen Fingerchen +vergnügt auf dieser Faust herum und krähte laut und froh dabei. + +»Ich kann es nicht«, wiederholte er noch einmal und hielt das Kind +fest an sich gepreßt. + +Da trat Erika zu ihrem Vater hinter dem großen Tisch und legte ihre +linke Hand auf die silberbeschlagene Bibel, die auf dem Betstuhl am +Tische lag. Die rechte Hand legte sie ihrem Vater auf die noch immer +zusammengeballte Faust, die er eben schwer und wuchtig hatte auf die +Tischplatte fallen lassen, und sagte zu ihm: »Vater, sag’, liebst du +die Bibel und hältst du dich an alles, was in ihr geschrieben steht?« + +»Törichtes Kind,« erwiderte er, »was soll die Frage? Hast du jemals +gesehn oder gehört, daß dein Vater auch nur ein einziges Bibelwort für +unwahr hält?« + +Als er das gesagt hatte, schlug sie die Bibel auf und blätterte in +ihr. So eifrig, daß sich ihre Wangen röteten. Nun hatte sie wohl +gefunden, was sie suchte, denn sie nahm das schwere Buch und schob es +ihm unter die Augen. »Hier, lies Vater«, bat sie und hielt auf eine +Stelle des Blattes ihren Finger. + +Er beugte sich herab. »Lies es laut«, sagte sie sanft. + +Er las: »Und so wird es sein, daß das Weib ihren Vater und ihre +Mutter verlassen wird und tut dem folgen, den sie sich hat gewählt zu +ihrem Ehemanne, und tut wohl daran, daß sie ihm folgt, denn es steht +geschrieben: Dein Wille sei mein Wille, und dein Haus sei fürder mein +Haus.« + +Laut auf stöhnte der Heidkönig, als er das gelesen hatte. + +Er sank auf den Stuhl und schlug sich beide arbeitsfleißigen und +arbeitsrissigen Hände vors Gesicht. Das Mariannchen fing leise zu +weinen an. Er hielt das weinende Kind fest an seiner Brust. + +So saß er lange Zeit. Dann nahm er die Hände vom Gesicht und richtete +sich auf. Aber zwei schwere Tränen rollten aus seinen Augen über die +Backen herab. + +So hab’ ich einmal, ein einziges Mal den Heidkönig weinen gesehn. + +»Ziehe mit ihm und werde sein, meine Tochter«, sprach er ernst. »Aber +nach Jahresfrist erst darfst du mit ihm ziehn und sein Weib werden. +Nach Jahresfrist erst darf er wieder in den Heidhof kommen, keinen +Tag eher. Das leg’ ich ihm auf; prüfen will ich und muß ich ihn, dem +ich mein unberührtes Heidkind geben soll. Still, still, Kind«, sagte +er, als Erika ihn am Arme faßte und zu ihm aufsehend bat: »Vater« — +»still, meine Tochter, anders geb’ ich mein Kind nicht. Also hören +Sie, Herr,« wandte er sich an mich, »Sie sollen heute über ein Jahr +wieder hierher kommen und meine Tochter zur Hausfrau haben. Ein Jahr +ist lang, und bis dahin ohne Sünde und brav und keusch leben, ist +schon etwas. Geben Sie mir die Hand, daß Sie brav und keusch leben +werden.« + +Ich gab ihm die Hand und sah ihn gerade und ohne mit der Wimper zu +zucken an. + +Ich wußte ja, daß es kein Weib außer Erika mehr für mich gab. + +»Ist mir lieb, dieser Handdruck und dieser Blick«, sagte er +freundlicher. + +»Noch eins,« unterbrach ich ihn, »es muß gesagt sein, was wird ... +was soll aus meinem Kinde werden bis dahin?« Ich hatte es ganz leise +gefragt. Ach, wer weiß, ob er nicht sagen würde; das müssen Sie +fortgeben, das darf nicht dort sein, wo meine Tochter als Hausfrau +schalten und walten wird? »Nie, nie,« schrie es in mir auf, »lasse ich +mein Kind! Ich habe es ins Leben gesetzt, so muß ich es auch bewahren +im Leben, solange es nötig ist.« + +Wie wenig kannte ich doch noch immer diese Menschen der Heide! + +»Ihr Kind?« sagte er, »nun das ist eine sonderbare Frage. Das Kind +bleibt hier, bis Sie Erika sich holen. Dann bringt sie das Kind mit. +Von dem Tage ab ist es ~ihr~ Kind, sie ist seine Mutter, und ich bin +sein Großvater.« + +»Herr«, sagte ich tief ergriffen und drückte ihm seine harten, lieben +Hände fest, ganz fest. + +»Aber was werden die Leute sagen, wenn das Kind hier bleibt, und wenn +es dann mit Erika kommt?« sagte ich zaghaft. + +Da richtete er sich hoch auf. + +Er sah ordentlich vornehm aus, dieser einfache Mann des Heidhofes. + +»~Den~ möcht’ ich sehn, der es wagen würde, an des Heidkönigs Tochter +auch nur in Gedanken sich zu versündigen. Nein, nein, ich sehe, +wir Heidleute verstehn uns nicht mit euch Menschen, die ihr in den +Städten wohnt und die Welt anders kennt, als wir sie kennen. — Erika, +bedenke es wohl, ehe du dein väterliches Heidhaus mit dem Hause dessen +vertauschst, den du dir zum Ehegatten erwählen willst.« + +»Ich ~habe~ es mir bedacht, Vater, ich habe ihm versprochen, seine +Hausfrau in Treuen zu werden und diesem Kinde hier eine treue Mutter, +auch der toten Mutter dieses Kindes habe ich’s versprochen, und du +weißt, mein Vater, daß ein Heidkind die Treue, die es versprochen hat, +hält«, antwortete sie, hob das Kind — mein Kind — aus der Wiege und +drückte das schlafende, kleine Geschöpf an ihre Brust. + +Der Heidkönig sah prüfenden Auges auf dieses schöne Bild hin. + +»Ja, ein Heidkind hält die Treue, möchte meinem Heidkinde auch allzeit +die Treue gehalten werden. Ich denke, er wird die Treue halten, seine +Hand drückte die meine fest und warm«, sagte er wie zu sich selbst +und nickte ernst mit dem Kopfe. »Nun hört Ihr beiden, die Ihr in +Jahresfrist, von heut ab gerechnet, Mann und Weib sein werdet und +untrennbar bis zur Todesstunde, hört jetzt meine ~zweite~ Bedingung.« + +Erika sah fragend mit erschrockenen Augen zu ihm auf. + +»Noch eine Bedingung nach dieser ersten, schweren?« fragte ich. + +»Ja,« gab der Heidkönig ruhig zur Antwort, »noch eine.« + +Er setzte sich in den hochlehnigen Stuhl. + +»Setzt euch,« gebot er uns, »ich muß weit ausholen, damit es euch klar +wird, daß ich bei der Bedingung bleibe. Damit es Ihnen klar wird,« +wandte er sich an mich, »da Sie uns Heidleute noch nicht kennen, um +zu wissen, daß ein Heidbauer, und nichts anderes bin ich und will ich +sein, seinen vom Vater und Vaters Vater her und Urahn her ererbten +Heidhof so hoch hält wie sein eigen Kind. Der Heidhof ist ihm heilig +und nichts schmerzt den Heidhofbauern mehr, als wenn er stirbt +und er weiß, daß sein Heidhof dereinst in fremde Hände kommt. Wir +Heidhofleute sitzen hier auf diesem Hofe seit fünfhundert Jahren. Eine +hübsche Zeit, was?« + +Ich nickte. + +»Ja, seit fünfhundert Jahren. Und jeder, der den Heidhof übernahm, +ist hier groß geworden. Hat hier als Kind gespielt im Schatten der +Linden und Eichen, hat vom Vater gelernt, den Heidhof zu verstehn, +denn der Heidhof will verstanden werden. Drum hat es sich auch +fortgeerbt vom Urahn auf Ahn, vom Ahn auf Großvater, vom Großvater auf +Vater, vom Vater auf Sohn, daß der jeweilige Erbe des Heidhofs hier +erzogen wird. + +Der Erbe des Heidhofes ist dein erster, dein ältester Sohn, Erika, den +du haben wirst. Darum verlange ich dein und deines Mannes Versprechen +jetzt, in dieser Stunde, daß ihr mir euren erstgeborenen Sohn +überbringt. Ich will ihn zum Heidhoferben erziehn, er soll, mach’ ich +die alten Augen zu, Heidkönig werden.« + +Ich blickte heimlich zu Erika hinüber. + +Wie? Vor ihm, dem Mädchen, verhandelte der Alte das? Was wird Erika +tun? In meiner Gegenwart vor ihren keuschen Ohren das? Ich erwartete, +daß sie blutrot werden und keine Antwort geben würde. Aber siehe: +ruhig nahm sie das Wort. Es war ja in »Zucht und Ehren«, was hier +besprochen wurde. Ja, ja, ihr Heidemädchen, auch ~euch~ muß man erst +ganz verstehn! + +»Ich sehe ein, Vater, daß du recht hast, der Bube muß hier sein, um +den Heidhof liebzugewinnen, es geht nicht anders«, sagte sie. + +Klar und ruhig fielen ihre Worte. + +»Freut mich, daß du es einsiehst, Kind,« brummte er, »hab’s nicht +anders erwartet. Bis jetzt war der erste stets ein Bub, und es wird +wieder so sein, darauf hat der Hof des Heidkönigs ein Recht.« + +Jetzt sah mich der Alte an. »Nun?« fragte er. + +Ich zögerte mit der Antwort. + +»Überlegen Sie sich’s in Ruhe, nachher sagen Sie mir Bescheid«, sagte +er freundlich und stand auf. + +»Hier, meine Hand, mein erster Bub dem Heidkönig!« rief ich fröhlich +lachend. Wirklich, ich lachte ganz herzlich und vergnügt. Sollte ich +meinen ersten Buben um den schönen Heidhof bringen? + +»Ich glaube, daß ich in einem Jahre beinahe ohne Sorge meine Erika +Ihnen geben werde«, sagte er. + +»Also, unser erster Bub wird Heidkönig?« sagte ich dann scherzend zu +Erika. Da sah sie mich tief errötend und ängstlich an und wandte sich +ohne ein Wort der Erwiderung fort. Ich Tölpel! Werde ich denn nie +diese Heidleute kennenlernen? + +»In Zucht und Ehren darf so etwas besprochen werden; das finden diese +Heidmenschen des vorherigen Besprechens wert und notwendig. Es wird +aber unnatürlich und frivol, sobald man darüber außerhalb des Rahmens +der notwendigen Besprechung und Vereinbarung scherzt. + +Bei den Menschen der Heide herrscht noch unverfälschte, keusche Natur +und Herzenseinfalt. Und darum Hoheit und Treue und Ernst, sobald +Ernstes besprochen werden muß. So fest und stark wie ein starker, +fester Eichenstamm. Meine Hand würde ich jederzeit für die Treue +meiner Hausfrau Erika vom Wegbergshofe ins Feuer legen. + +Ja, solche Frau macht die Ehe zu einem Heiligtum. Solche Frau atmet +den Räumen des Hauses, in dem sie waltet, die Reinheit und Treue ein, +die ihr ganzes Wesen erfüllt. Solche Frau ist ein sicherer Hafen nach +den Stürmen, die der Lebenskampf dem Manne bringt. Ist ein Hafen der +Ruhe für des Mannes eigenes, wildbewegtes Herz. + +O, Erika, bist du erst meine Hausfrau, dann wird der goldene Frieden +in meinem Hause sein. Wenn ich dich sehen werde, werde ich die +einsame, unberührte Heide sehn, wenn meine Arme dich umfangen werden, +werde ich wie ein froher Forstbub an dem treuen Busen wie in der in +scheuer Schöne und holder Keuschheit blühenden Heide ruhn. + +Du hast nicht Mariannens verzehrende Glut, die mich widerstandslos +gegen ihre flammende Schönheit machte, aber du hast dafür eine Welt +von einfacher Güte und hingebender Treue. Solche Güte, solche Treue +erhalten dem Manne die Kraft, im Leben felsenfest zu stehn und bis +zum Ende auszuharren in dem Kampfe, den Welt und Leben von selbst mit +sich bringen. Wie werde ich zu dir flüchten, bin ich zerzaust worden +draußen! Wie wird mich deine Ruhe, dein Frieden, dein ganzes liebes +Wesen aufrichten und wieder festigen. Wie eine Mutter wirst du mir +sein, in deren Schoß der Forstbub seinen Kopf legen darf zu jeder +Stunde. + +Du wirst meiner alten Mutter eine Tochter nach ihrem Herzen sein. Weil +du so vieles mit der alten, treuen Frau, die ich Mutter nennen darf, +gemeinsam hast. Nie hätte sie Marianne verstanden. Aber nun werde ich +nur heimlich noch an Marianne denken dürfen. Ich ~will~ an sie denken, +trotzdem ich Erika gefunden habe. Denn Marianne ist doch die Mutter +meines kleinen, lieben, herzigen Mariandels! Aber Erika soll es nicht +merken, daß ich in stiller Stunde auch an Marianne denken will. Jedes +Jahr will ich heimlich einen Kranz auf ihr Grab legen. Es wird sich +schon machen lassen, daß Erika nichts davon merkt. Es müßte sie doch +verletzen.« + +Unter der Linde vor dem Heidhof saß ich, als ich das mit mir besprach. +Da trat Erika mit meinem Mariandel auf dem Arm aus der Tür des +Heidhauses und kam zu mir hin. + +Das kleine Mariandel krähte so lustig wie ein junges Hähnchen auf +den Armen seiner ... Mutter. »Armes Hähnchen, deine Mutter ist tot«, +dachte ich und sah sinnend zu meinem Kinde auf. + +»Ich wollte dir noch etwas sagen, und ich soll es dir sagen, hat mein +Vater mir befohlen, bevor du fährst«, begann Erika, setzte sich neben +mich und gab mir das Mariandel auf die Knie. + +»Wegen dieses Kindes muß ich noch mit dir sprechen, so will es mein +Vater, und so will ich’s.« + +»Was denn, Erika?« fragte ich beklommen. + +»Sieh Lieber,« sagte sie ruhig und freundlich »ich will diesem Kinde +eine treue Mutter sein, und ich habe es so lieb schon wie ein eigenes +Kind. Wir wollen es großziehn und zu einem guten Menschen machen. Aber +eines müssen wir noch miteinander besprechen. Ich glaube, es wäre +nicht gut, dem Mariandel, solange es ein unverständiges Kind ist, zu +sagen, daß ich nicht seine Mutter bin. Ist es groß und verständig, +dann halte ich’s für recht, daß wir’s ihm sagen. Daß wir ihm sagen: +›Hör’, deine rechte Mutter, die dich geboren hat, ist tot.‹ Und damit +es dann nicht davor erschrickt, so bitte ich dich heute, daß du mit +mir und dem Mariandel jedes Jahr an Mariannens Todestag zu ihrem Grabe +fährst. Dort wollen wir zusammen ihr Grab recht schön schmücken und +dem Kinde von ihr Liebes und Gutes erzählen; wir wollen ihrer immer +in Liebe, nur in Liebe gedenken. Denn ich weiß, sie hatte dich lieb, +und es war doch ~auch~ ein armes, verlassenes Kind der Straße. Du +darfst sie auch nie vergessen um dieses Kindes willen hier. Und das +läßt dir der Heidkönig durch mich sagen.« + +»Erika!« schrie ich auf, kniete mich vor sie hin und umschlang sie und +das Kind mit meinen Armen. + +»Erika!« sagte ich noch einmal leise und verbarg mein Gesicht in ihrem +Gewand. + +»Was hast du denn, Lieber?« fragte sie in ihrer so unbeschreiblich +gütigen Art und fuhr mir sanft mit ihren Fingern übers Haar. Und +das Kind krähte vergnügt und zog mich so derb am Haar, daß ich +unwillkürlich »au« schreien mußte. + +Da lachte sie und meinte: »Zupf’ ihn tüchtig, Mariandel, hörst du, +zupf’ ihn tüchtig, denn gleich muß er fort von uns, und dann können +wir ihn nicht mehr zupfen.« + +»Erika, ihr Heidleute seid schwer zu verstehn, o du mein liebes, +treues Weib, wenn ich erst an deinem treuen Herzen werde ruhn können.« + +Sie verbarg unter einem Lachen ihre Abschiedsstimmung. + +»Laß gut sein, Lieber, dann halten wir beiden dich fest, nicht wahr, +Mariandel?« + +Und während das Kind vor Lust und Freude krähte und Erika es mir zum +Kuß reichte, und ich sie und das Kind küßte, fuhr der bockbeinige, +steife Heidhofwagen, der einen durcheinanderschüttelt wie einen Sack +voll trockener Pflaumen, vor die Tür unter den alten Lindenbaum, +der Heidkönig trat zu uns und sagte: »Nun, es wird Zeit, und der +Zug wartet nicht«; ich gab dem alten, schlichten Manne die Hand, +stieg unter Lebensgefahr auf die hohe, federlose Kalesche, sagte: +»Adieu also, Herr Heidkönig und auf Wiedersehn übers Jahr!« Der alte, +verwitterte Knecht vorn auf dem Kutschbock ließ die Peitsche knallen +und rief: »Hüdjüß!«, die beiden wohlgenährten Heidkönigschimmel zogen +an, ich sah zurück, da stand Erika und hielt mein Kind an ihrem +Herzen, da stand sie und weinte still in des Kindchens Kleid hinein, +und mein und Mariannens Kind schlenkerte vergnügt mit den Ärmchen in +die Luft, als ob’s fliegen, mir nachfliegen wollte in mein fernes +Heimatland Schlesien hinein. + +Wartet nur, ihr beiden, übers Jahr hol’ ich euch, und dann werden zwei +liebe Menschenkinder ~mehr~ im lieben Schlesien sein. — + +[Illustration] + + + + + Die Märcheninsel + + Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen + + von Capri + + * + + Nach mündlichen Mitteilungen + + von + + Heinrich Zschalig + + * + +Es ist ein köstliches Buch, das hier dem deutschen Volke gegeben +wird. Der ganze Zauber des märchenhaften kleinen Mittelmeereilandes +entfaltet sich in dieser Sammlung, wie eine wundersame, duftgesättigte +Blüte. Der Volkscharakter der tanz- und sangesfrohen Capresen spiegelt +sich in diesen Märchen, Legenden und Liedern und macht das Werk zu +einer Quelle des Genusses, nicht nur für die Kenner der sagenumwobenen +Insel und den Wissenschaftler, sondern auch für alle Leser, die ihre +Freude an der üppigen Phantasie des Volkes haben. + +Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76240 *** |
