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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-11 16:21:06 -0700
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-11 16:21:06 -0700
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--- /dev/null
+++ b/75592-0.txt
@@ -0,0 +1,1247 @@
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75592 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription.
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+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
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+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.
+
+Worte in Antiqua sind +so gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~;
+ =fettgedruckte= so.
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+ Auf alten Wegen
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+ Novellen
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+ von
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+ Otto Buchmann
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+ 4.-10. Tausend.
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+ Tischbeins Verlag, Hannover
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+ 1920
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+ Inhalt:
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+ Auf alten Wegen Seite 5
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+ Die stille Geschichte " 23
+
+ Operation " 45
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+ Siegmund Federleins Liebe
+ und seliges Sterben " 63
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+ Auf alten Wegen
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+Ein Wort, das im Herzen des Volkes haftet und leicht von seinen
+Lippen geht, zu dessem Kern kein philosophischer Schnörkelweg führt,
+heißt: Die Erinnerung ist das Schönste, sie ist schöner als das
+Erleben selber. Die Erinnerung malt das Glänzende noch glänzender, das
+Helle noch leuchtender, dem Trüben gibt sie den verklärten Glanz der
+Versöhnung und das Harte und Häßliche überfährt sie weich und nimmt ihm
+die herben Linien.
+
+Und wenn ein Mensch, hart geworden in der Not des Lebens, es
+verschmäht, Saiten der Erinnerung in seiner Seele zu rühren, wenn er,
+der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, nur den Weg voraus sieht
+und ihn geht mit schmalen Lippen und herber Seele -- einmal, und wenn
+auch nur ein einziges Mal in seinem Leben, quillt auch in solchem
+Hartgewordenen das leise, süße Spiel der Erinnerung auf, wenn er an
+seine Kindheit denkt. Mag sie hart, kalt und seelenlos gewesen sein,
+irgend eine Winzigkeit birgt auch sie, irgend ein stilles Glück, das in
+der Erinnerung noch ein letztes Leuchten auf den Weg des Einsamen wirft
+und ein leises Glänzen in seine Seele, und einen Hauch des Lächelns auf
+seine Lippen stiehlt. Und wenn du fragst, zu welcher Zeit am klarsten
+die Quellen der Erinnerung zu rinnen pflegen, so wird es die Zeit des
+Frühlings sein, wenn die Oede ringsum und das kühle Sterben leise
+schwellendem, neuem Leben weichen, wenn sich in die graue, seelenlose
+Landschaft Formen, Farben und Licht langsam einschmiegen und ein
+zärtlich-herber Glanz vom Himmel weht.
+
+Da waren jüngst solche Tage herber Vorfrühlingsschönheit. Und an einem
+von ihnen überfiel mich in der großen Stadt, inmitten der steinernen
+Wände ringsum, die den Blick fingen, eine leise quälende Sehnsucht,
+irgend ein zärtliches, unbestimmtes, formenloses Sehnen.
+
+In jedem Frühling trat diese leise Traurigkeit an mich heran, und
+während rings um mich herum aus den Gärten und Anlagen das neue
+Leben des Jahres erste zarte Atemzüge tat und die Wolken weiß über
+die hellblaue Himmelsfläche glitten, verfing sich meine Seele in den
+Maschen einer unbekannten dunkeln Stimmung. Es wird in solchen ersten
+Sonnentagen des Jahres, wenn die Leere vergangener Monde hinter uns
+versinkt, vielen Menschen so gehen, und es gibt ein Mittel, diesen
+rätselhaften Mächten zu begegnen. Man soll sein Ränzel schnüren und
+wandern, dort hinaus, wo sich das neue Werden fast hörbar gestaltet, wo
+die Wälder in zärtlich hellem Grün aus der Landschaft aufsteigen, wo
+die Bäche fessellos dahineilen und der Glanz des Himmels und der Wolken
+in sanften Spiegelbildern auf ihren Fluten ruht.
+
+So kam es, daß ich aus der großen Stadt wanderte, erst ziellos, in die
+Weiten hinein, in einen köstlichen, herben Frühlingsmorgen hinein, und
+wie sich dann im Schreiten, erst nebelhaft und unbewußt, als schwach
+umrissene Erinnerung, dann schärfer und schließlich im lichten Umriß
+vor mir stehend, ein Erlebnis aus der Jugend vor meine Seele schob.
+Meine Seele ging auf alten, vielleicht töricht gewesenen Kinderwegen,
+die damals so köstlich waren, so roter Rosen blühend voll, so selig
+schwer von Sonnenglanz.
+
+Und da sprang es mich an, an diesem Frühlingsmorgen, die Stätte von
+damals wieder zu suchen, einen stillen Blick zu werfen auf jene alten
+Wege, mit jenen Menschen von früher, wenn sie noch lebten, einen
+Händedruck zu wechseln und ein stilles Wort, und dann auf der Heimkehr
+in den rot verglastenden Abend den Tag mit seinen Erlebnissen noch
+einmal vor die Seele zu nehmen und ihn still dahin zu tun, wo so
+vieles ruht, Lautes und Leises, Schmerzliches und Schönes, Zärtliches
+und Dunkles -- Erinnerung geworden.
+
+Und während ich rüstig vorwärts schritt, nach dorthinaus, wo in der
+Ferne blauende Berge, in einen zärtlich lichten Horizont gebettet,
+herübergrüßten, spielte ein Bild von damals, das ich längst verblaßt
+und wesenlos in mir ruhen wähnte, in hellen, lebenden Farben vor
+meiner Seele. Meine erste Knabenliebe trat still vor mich hin und ich
+fühlte wieder wie damals in jenen kinderhaften, törichten und seligen
+Stunden ihre Süße und Keuschheit mich umwehen und grüßen. Aus jenen
+versunkenen Zeiten wuchs dieses Erlebnis blühend in mir auf, drängte
+sich an mich und reichte mir die Hände. Ich sah mich als Jüngling, rank
+und schlank, von knappen siebzehn Jahren, neben der Frau gehen, die ich
+heimlich verehrte, der ich als knabenhafte Opfergabe meine ersten Verse
+darbrachte, deren Wesen und Gestalt in meine Träume drangen und deren
+Duft um mich war, wenn ich in törichter Seelenpein schlaflos lag oder
+unbändig durch die Wälder der Umgebung in weißen Mondnächten streifte,
+kühle Flüsse in stürmender Jugendkraft durchschwamm oder hohe Bäume
+erkletterte, von dem Wunsche getrieben, die geliebte Frau sähe meine
+Kräfte, die ich für sie so wahllos verschwendete.
+
+Und dann dachte ich an den Ausgang dieser Liebe, wie sie nicht still
+verronnen war, sondern jählings verlodert, und wie ihre Flammen mich
+fast verbrannt hatten, daß ich glaubte, nimmer wieder froh werden zu
+können und tagelang in fieberheißen Gedanken den Entschluß in mir trug,
+des Lebens Last, seinen Ekel und seine Fadheit von mir tun zu müssen.
+Ein anderer kam, ein ganzer Mann, und begehrte die geliebte Frau zu
+seinem Weibe. Und sie gab sich ihm, dem Fremden, wußte wohl kaum von
+meiner wilden Knabenliebe zu ihr und von meinen seligen, unseligen
+Stunden. Da lief ich tagelang durch die Wälder, aß nichts und trank
+nichts. Meine Augen waren heiß und rot, aber keine Träne kam. Alles war
+dürr in mir, leer, ausgebrannt.
+
+Und dann kam wieder der Tag mit seinen Anforderungen an ein junges
+Leben, und die Tage wurden zu Monaten und die Monate zu Jahren; und die
+Jahre nahmen mich auf ihren Rücken und trugen mich durch aller Herren
+und Fürsten Länder. Ich sah das Leben leuchten und trug seine Freuden
+heim und füllte meine Seele mit ihnen, und ich lernte den Schmerz
+des Lebens kennen, als er mich in so vielerlei Gestalt antrat und
+über alledem versank in mir wesenlos die stille Geschichte aus meiner
+Knabenzeit und die Landschaft von damals, in die ich meine wilden
+Fahrten unternommen hatte.
+
+Und nun, an diesem Frühlingsmorgen, trat das alles aus der Nacht hervor
+und leuchtete mich verjüngt an und grüßte und lockte mich.
+
+Immer näher kam ich den Bergwäldern, hinter denen das Damals lag.
+Die Höhen, vom ersten Grün überflogen, bekamen Linien und drängten
+sich heran. Es dauerte nicht lange, da begann die Steigung, und nach
+stundenlanger Wanderung stand ich oben und sah rückwärts die große
+Stadt schemenhaft mit wenigen Türmen aus dem Glast herübergrüßen, und
+sah auf der anderen Seite tief unten das Dörfchen meines Ziels mit
+roten Dächern liegen. Und mein Blick suchte und fand die Wälder von
+ehedem. Die Fohlenkoppel und die Bluthöhe; alle Stätten von damals
+taten sich vor meinen Blicken auf.
+
+Lange saß ich auf einem sonnenüberglänzten Felsstück, ließ den Blick in
+die Tiefe schweifen und dachte an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
+Dachte an das, was zwischen dem Ehedem und dem Heute lag, und ob ich
+wohl Freude haben dürfte an dem, was ich getan, ob ich nicht in die
+alten Gassen zu meinen Füßen niedersteigen müßte mit Scham im Herzen
+und mit leerer Seele. Alle Wege meines Lebens durchschritt ich nochmals
+in dieser festlichen, glänzenden Stunde, und stand dann hochatmend
+auf und schlenderte den Weg hinunter und sah alle Stätten wartend
+dastehen; ganz wie früher war alles. Und dann -- -- dann durchfuhr es
+mich auf einmal wie ein herbes Weh; ich sah einen der Menschen von
+früher, erkannte ihn sofort, trotz des weißen Bartes und der gramvollen
+Züge. Und ich dachte daran, was für ein lustiger Kauz das gewesen
+war, wie er mich in die Kneipe mitgenommen hatte und mich gelehrt,
+einen Humpen auf einen Zug zu leeren, und wie er mir wilde Bierlieder
+beigebracht hatte. Ich ging an ihn heran und grüßte ihn. Er sah mich
+mit wesenlosen, fernen Blicken an und erkannte mich nicht. Da sagte
+ich meinen Namen, aber es rann kein freudiger Blick des Erkennens über
+seine Züge; leer blieben sie und fast verdrossen sprachen seine Lippen
+einige gleichgültige Fragen. Wo ich herkäme, wie es mir die ganze
+Zeit gegangen wäre, ob ich hierbliebe? Ich stand ihm kurz Antwort und
+schritt dann beklommen weiter, und dachte daran, wie alles auf Erden
+nur eine kurze Spanne sei, nur eine kurze Rast auf dem Wege in die
+Ewigkeit, und wie nichts Dauer hat und alles fließt.
+
+Weiter schritt ich durch die Gassen: Kinder glotzten mich an, den
+Finger im Munde, und ich kannte niemand von ihnen. Dann sah ich wieder
+Bekannte von früher, aber keiner erkannte mich, fremd schritten wir
+aneinander vorüber, und es stand mir nicht mehr der Sinn danach, sie
+anzusprechen. Alles trieb mich dort hin, wo die geliebte Frau wohnte.
+~Sie~ durfte nicht älter geworden sein, in ihren lieben Zügen
+sollte mich unentstellt meine Jugend noch einmal grüßen, noch einmal
+voll und tief verklärt in reiner Schöne die Augen zu mir aufschlagen,
+und dann wollte ich weiter wandern, wieder ins Leben hinein, und der
+Tag von heute sollte trotz aller Enttäuschung leise und schön in mir
+nachklingen, wie ein Geigenlied in Sommernächten.
+
+ * * * * *
+
+Ich kam vor ihr Haus und wanderte unentschlossen davor her, auf eine
+Gelegenheit wartend, daß jemand aus der Tür träte, den ich mit einer
+Frage angehen könnte. Bald traten nacheinander zwei Frauen heraus. Die
+eine ging an mir vorüber, sah mich an und ich sah sie auch an. Und
+ich mußte in tiefster Seele lächeln. Nein, das konnte sie nicht sein,
+das war eine alte Frau, verhärmt und mit Falten im Gesicht. Da fragte
+ich das Mädchen, das unschlüssig am Tore stand und etwas zu überlegen
+schien. Ja, das wäre die Frau des Hauses, sie wäre nur nach drüben
+gegangen und kehrte gleich zurück. Was ich für ein Verlangen hätte?
+
+Ich steckte dem Mädchen ein Geldstück zu und erfuhr in wenigen Minuten
+alles. In großen Linien malte die Magd mir ein Lebensschicksal dahin,
+und ich hörte zu; wie aus der Ferne drangen die Worte auf mich ein.
+Dann ging ich mit einigen nichtssagenden Worten und grüßte die geliebte
+Frau, als sie mir bei meiner Heimkehr über den Weg lief. Sie lächelte
+befremdet, und ich sah ihre Züge, alt und herb, und sah die künstliche
+Röte auf ihren Wangen, die Jugend vortäuschen sollte, wo doch längst
+das Alter sein Herrscherrecht angetreten hatte.
+
+ * * * * *
+
+Ich ging still an ihr vorüber, und ging still aus dem Dorfe hinaus.
+Keinen Menschen mochte ich mehr sehen. Eine wilde Lust faßte mich an
+nach der Arbeit meines Tages, und ich sehnte den morgigen Tag herbei,
+wo ich alles Heutige abtun wollte in rastloser Arbeit.
+
+Bis der Abend kam, wanderte ich zurück, aß irgendwo in einer
+Dorfschenke mein Abendbrot und saß dort noch lange, bis zur Abfahrt des
+Zuges. Und zwischen dem Geschwätz der Bauern, dumpfem Gläserklang und
+dicken Qualmwogen kamen mir Verse in den Sinn. Die schrieb ich auf und
+hörte sie nachher immerfort singen aus dem Schüttern des Zuges. Kurz
+vor meinem Orte stieg in mein Abteil eine alte Frau ein, die hatte zum
+Verkauf einen Korb erster Frühlingsveilchen. Da kaufte ich ihr einen
+großen Strauß ab, wickelte die Blüten in das Papier mit den Versen und
+warf alles aus dem Fenster in die helle Frühlingsnacht. Die alte Frau
+sah mich erstaunt an; ich aber lächelte und sagte ihr, was ich dort
+hinausgeworfen hätte, wäre ein kostbarer Lebensschatz, und ich wäre
+eigentlich ein Verschwender. Da rückte das Weiblein von mir scheu ab
+und atmete auf, als ich beim nächsten Zugaufenthalt ausstieg.
+
+Die ganze Nacht aber waren die Verse um mich, in denen meine Jugend
+noch einmal rot und leuchtend aufglomm, in denen alle die alten Wege
+wieder in Blüte standen und alles so hell war, so morgensonnenschön und
+an mir vorüberglitt wie ein Lied, kaum erfaßt und nur wesenlos gefühlt.
+Und ich wußte plötzlich mit Gewißheit, daß ich das alles unverlierbar
+in mir trug, und daß es nur wartete, still emporgenommen zu werden,
+daß es aber nie und nimmer ein Tag wie heute, die Stunde der Gegenwart
+aufnehmen konnte, weil es längst in mir war, in meiner Seele, nicht
+mehr außerhalb, sondern unverlierbar in mir ruhte, ganz mein Eigentum,
+ganz Erinnerung.
+
+
+
+
+ Die stille Geschichte
+
+
+Ich entsinne mich jeder Einzelheit, als hätte es sich gestern
+zugetragen In Riva am Gardasee war es, an einem Oktobertage. Das Wetter
+war unsäglich köstlich, über der dunkelblauen Flut des Sees wölbte
+sich ebenso blau der hohe Himmel und an den Ufern strebten mit steilen
+sonnengleißenden Hängen die Felsberge in die Höhe, granitene Wächter
+der Schönheit des Wassers und des Landes. Ich war langsam den Weg vom
+Fischerdörfchen Torbole hergeschlendert, hatte unterwegs, auf einem
+Felsstück ausruhend, mit einem Weinbauern kurze Plauderrast gehalten
+und trug mich nun mit der Absicht, auf der Terrasse meines Gasthofes,
+die weit in den See hineinsprang, den Anbruch des Abends zu erwarten.
+
+Auf die leere Terrasse, deren Windlichter sich kaum bewegten, so ruhig
+war der Abend, traten lärmend und lachend fremde Gäste, Deutsche.
+Sie ließen sich an einem Nebentische nieder, bestellten Wein, und ihr
+Lachen und ihre Witze verscheuchten schnell und unwiederbringlich die
+stille Feierabendstunde meiner Seele.
+
+Einer von den jungen Menschenkindern, ein Student schien es zu sein,
+denn sein bartloses Gesicht war von Narben zerschlissen, sah mich in
+meiner Einsamkeit. Und als sich unsere Blicke begegneten, hob er sein
+Glas und trank mir zu: »Salute Signore!«
+
+Auch ich hob mein Glas und trank dem Jungen zu: »Glück und Gesundheit!«
+Da sprang er auf und sagte: »Sie sind ein Deutscher, ein Landsmann, ah
+so, ich glaubte, Sie wären Ausländer. Dann möchte ich bitten, mit Ihnen
+anstoßen zu dürfen.«
+
+Wir stießen an und er lud mich ein, seinen Freunden und ihm
+Gesellschaft zu leisten. Während ich Platz nahm, trat noch ein Gast
+auf die Terrasse, diesmal unverkennbar ein Deutscher. Ein schöner
+hochgewachsener, blondbärtiger Mann, der leise und ernst lächelnd auf
+die fröhliche Gesellschaft blickte. Dann trat er an unsern Tisch heran
+und sagte: »Gestatten Sie mir, meine Herren, diesen einsamen schönen
+Abend in der Gesellschaft von Landsleuten zu verbringen. Wir sind ja
+hier nicht mehr auf ausländischem Boden, aber ich glaube, wir haben
+alle noch italienische Sonne in unsern Adern, denn auch Sie kommen doch
+sicher vom Süden.«
+
+Er stellte sich vor, Schriftsteller Wellenthien oder so ähnlich, den
+Namen habe ich vergessen, wohl auch kaum richtig verstanden.
+
+Jedenfalls kam bald, angeregt von dem roten köstlichen Wein, eine
+fröhliche Stimmung auf, die Wellen des Gelächters schlugen auf die
+stille, dunkle Seefläche hinaus und übertönten den Wassergesang der
+sich am Ufer brechenden Flut.
+
+Und wie das so kommt, wenn Jugend beisammen sitzt, kam bald das Thema
+»Weib« aufs Tapet. Pennälergeschichten, Erlebnisse mit Backfischen aus
+der Studentenzeit, der Schwarm für die +filia hospitalis+, aber
+auch Geschichten von böserer Art erschienen und die Meinungen platzten
+jäh aufeinander. Embryonale und ausgewachsene Anhänger der Ansichten
+Tolstojs, Nietzsches, Goethes, Schopenhauers über die Frau fochten
+miteinander mit mehr oder weniger dialektisch gut geführten geistigem
+Florett; dazwischen trank man laut lachend mit erhitzten Köpfen, einer
+der Jungen stieg auf den Stuhl und deklamierte in das Stimmengewirr aus
+dem ›Faust‹ die Stelle: »Nenn' es dann, wie du willst ...« hinein. Es
+war ~sein~ Beitrag zu dem angeschnittenen Thema.
+
+Da -- und nun beginnt das, was ich in der Ueberschrift »Die stille
+Geschichte« nannte, -- stand der Zuletztgekommene, der Blondbärtige,
+auf, hob sein Glas und sagte: »Trinken Sie mit mir, meine Herren, auf
+die Frau, auf die deutsche Frau. Ich will Ihnen auch eine Geschichte
+erzählen.«
+
+Wir tranken aus; der Schriftsteller setzte sich wieder und wir
+gruppierten uns mit unsern Stühlen um ihn herum.
+
+Noch ganz deutlich steht das Bild von damals vor meinen geistigen
+Augen. An einer Tuffsteingrotte lehnte der Kellner, ein schwarzbärtiger
+Bauer. Auch er hörte zu. Der Schriftsteller begann:
+
+»Ich habe die Geschichte noch niemandem erzählt, sie schien mir zu
+keusch zum Erzählen. Lachen Sie nicht, meine Herren, wenn ich Ihnen
+sage, daß sich diese stille Geschichte eigentlich kaum erzählen läßt,
+es sei denn, eine Geige erzählte sie mit zärtlich scheuem Strich in
+eine weiche Nacht wie diese hinein. Und wenn ich sie Ihnen erzähle, mit
+knappen Worten, dann weiß ich, daß Sie sie nie vergessen werden, in
+einst, vielleicht schlimmen Stunden, wird sie urplötzlich wieder vor
+Ihnen stehen. Deshalb erzähle ich sie Ihnen, meine Herren. Und auch zum
+kleinen Teile darum, um meinerseits nicht müßig zu sein bei dem Thema,
+das Sie sich hier stellten.
+
+Zwei Jahre sind es her. Ich hatte mich überarbeitet, war nervös,
+die bekannten neurasthenischen Herzbeschwerden plagten mich, kurz,
+ich beschloß, in ein Bad zu gehen und mich der Behandlung eines
+Spezialisten zu unterwerfen. In den ersten Tagen fehlte mir die Lust,
+mich sofort in die ärztliche Fron zu begeben. Ich lag vielmehr den
+ganzen Tag im Langstuhl im Garten des Kurheims und bemühte mich, an
+nichts zu denken. Da kam eines Tages durch den Garten ein neuer Gast,
+geleitet von der Besitzerin des Hauses. Ein junges Mädchen war es,
+weiß gekleidet, vielleicht achtzehn Jahre alt. Ihr Blick flog über
+mich hin, und als ich nickte, lächelte sie leise und dankte zurück.
+Mein Pseudoname als Schriftsteller hatte damals schon einen guten
+Klang, und, ich weiß nicht mehr, weshalb ich es tat, ich schrieb mich
+damals mit diesem Pseudonym ins Fremdenbuch ein und als unverheiratet,
+obgleich ich Frau und einen zweijährigen Buben hatte. Es geschah
+jedenfalls, daß ich diese Eintragung vornahm, gänzlich unbewußt, ohne
+jede Absicht, vielleicht auch infolge der damaligen starken nervösen
+Depression, die auf mir lastete. So kam es, daß ich als Junggeselle
+galt und von den Damen der Pension ob meines literarischen Namens
+mehr oder minder offensichtlich verehrt wurde. Und darin machte der
+letztgekommene Gast, das junge Mädchen, keine Ausnahme. Sie saß
+oft neben mir im Garten, brachte mir Blumen, eine Zeitung, eine
+Erfrischung, war liebreich um mich bemüht und küßte mir die Hand, als
+ich ihr meinen letzten Roman mit Autogramm überreichte. Ihre liebe,
+leise Art tat meinen kranken Nerven unsäglich wohl, und nach acht
+Tagen fühlte ich mich stark genug, mich einer energischen ärztlichen
+Behandlung zu unterwerfen. Als ich am andern Morgen in das Sprechzimmer
+des Herzspezialisten kam, fand ich niemand weiter vor. Nach kurzer
+Zeit schon ging die grüne Friestür, die in das Sprechzimmer führte,
+geräuschlos auf, und meine Bekannte aus der Pension, trat, vom Arzte
+mit einigen verbindlichen Worten entlassen, heraus. Wir begrüßten uns
+mit einem Händedruck und nach einer Minute sah ich dem Arzte in die
+funkelnden Brillengläser hinein und erzählte ihm von der Art und den
+Aeußerungen meines Leidens. Der Spezialist klopfte mich ab, horchte
+mit dem Stethoskop und konnte versichern, daß nichts Ernstliches
+vorlag. Es war lediglich eine kleine Herzaffektion infolge geistiger
+Ueberanstrengung. Trotzdem, mehr zu meiner Beruhigung, wollte er doch
+eine elektrokardiographische Aufnahme meines Herzschlages machen.
+Ich weiß nicht, meine Herren, ob Ihnen ein Elektrokardiograph bekannt
+ist. Es ist eine geniale Konstruktion, mit der man die Kurve des
+Herzschlages photographisch herstellen kann. Ich setzte mich in einen
+Sessel, der Arzt legte mir, durch nasse Umschläge isoliert, um die
+Pulse die Drähte, die den galvanischen Strom von mir in den Apparat
+hineinleiteten. Ein kurzer Druck, der Apparat fing an zu arbeiten und
+nach einem Augenblick schon hielt der Spezialist den Film in der Hand,
+der, noch unentwickelt, die Kurve meines Herzschlages enthielt. In
+einem kleinen Nebengemach, das er sich als Dunkelkammer eingerichtet
+hatte, nahm er die Entwicklung des Films selber vor und brachte mir
+nach fünf Minuten den langen photographischen Streifen, der noch von
+Nässe triefte, und zeigte mir mit Erklärungen die Regelmäßigkeit
+der Kurve, deren Zacken einen gleichmäßigen Ausschlag aufwiesen. Er
+trocknete die Photographie, während wir plauderten, zwischen zwei
+weißen Löschblättern ab und gab sie mir, als Andenken, wie er sagte.
+
+Wir hatten uns wieder gesetzt und während er Eintragungen in sein
+Krankenbuch machte, sah ich plötzlich auf dem Schreibtische eine noch
+nasse Kurve liegen, ausgebreitet, etwas abseits, über Büchern und
+Zeitschriften, gleichsam, als wollte der Arzt das Elektrokardiogramm,
+wie der technische Ausdruck heißt, ständig vor Augen haben. Mein Blick
+glitt über die lange Kurve und haftete an einem Zackenausschlage. Ganz
+jäh stieg in der gleichmäßigen Zackenreihe eine Zacke auf und sank dann
+tief herunter. Als der Doktor aufsah, bemerkte er meinen Blick und
+instinktiv hob er ein Blatt und warf es über das Photogramm.
+
+Dann lächelte er und sagte: »Nein«, dabei das Blatt wieder
+zurücknehmend, »Sie sind ja Schriftsteller, Seelenkenner,
+Menschenkenner. Weshalb sollte ich Ihnen etwas verhehlen. Wissen Sie,
+was das dort ist? Meine Schweigepflicht als Arzt verletze ich ja nicht,
+wenn ich es Ihnen sage.«
+
+»Baldiger Tod!« sagte ich instinktiv, seine Frage beantwortend.
+
+Er nickte, tiefernst: »Jawohl, Sie haben recht, baldiger Tod, und sogar
+recht baldiger Tod.« Dann versank er in Sinnen.
+
+»Und ein junger Tod,« erwiderte er, fast unbewußt, schüttelte sich dann
+und lachte: »Ach was, ein alter Mann ist es!«
+
+Ich sah ihn ernst und durchdringend an. Da fuhr er nervös über die
+Stirn, stand auf und sagte: »Also, liebster Freund, Ruhe, Schonung,
+Diät brauchen Sie. Und wenn der Schreibtisch ruft, noch mindestens vier
+Wochen Dispens. In drei Tagen möchte ich Sie nochmals sehen.«
+
+Ich ging. Ging in rätselhafter dunkler Stimmung durch den hellen
+Frühlingstag und wußte das eine, das wir im Laufe heller Tage so oft
+und so schnell vergessen: Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.
+
+Die Allee, durch die ich schritt, stand in Blattfülle, die Wege des
+Kurparkes waren von Blütenreihen, blau und weiß und rot, flankiert. Ein
+Duften war überall, eine Farbenüberfülle, ein Lichtrausch, und -- so
+mußte ich denken -- mitten durch diesen Glast, dieses selige Glänzen,
+diese Schönheit der Welt, ging ein Wesen, jung wie alles umher,
+sehnsuchtdurchseligt, blutdurchpulst und wußte nicht darum, daß, wenn
+die Blütenblätter schwer und blaß hier zur Erde brachen, auch seine
+Seele dahinging, auch sein Leben verhauchte wie eine sterbende Rose.
+
+Das griff mir so an die Seele, daß ich weinte, mich der Tränen nicht
+schämte. Es war eine Stunde, die ich durchlebte, wo mir alles Leid und
+alles Glück der Welt nah gegenüberstand, wo ich das rätselhafte Sein
+alles Irdischen, schattenhaft erkennend, erschauernd meinen Körper
+streifen fühlte.
+
+Im Garten der Kurpension kam mir Marlene entgegen, ein wenig blaß, mit
+blutleeren, hellroten Lippen. Sie scherzte über unsere Begegnung beim
+Arzte. Er hätte ihr beste Hoffnung gemacht, alles würde gut werden. Es
+durchlief mich eisig. Ich dachte an fallende Blütenblätter.
+
+Am Abend saßen wir zusammen, die Gäste der Pension, Besuch von
+auswärts. Bunte Papierlaternen durchbrachen mit schwachem Schimmer die
+Sommernacht; eine junge Dame spielte Geige. Zum Schluß ein Chopinsches
+Nocturne. Ich hörte die Geige aus dem Dunkel singen, tief, zitternd,
+in großen klagenden Strichen schwamm die dunkle, schwermütige Weise in
+die Nachbargärten. Es war mir unsäglich trüb zumute. Die hellen Stimmen
+taten mir weh. Marlene saß in einem Korbstuhl, aus dem Dunkel schien
+ihr weißes Gesicht in unbestimmtem Oval. Ihre Augen sahen seitwärts.
+Ihre schmalen Hände lagen auf den Lehnen des Stuhles. Unsäglich müde
+Hände waren es, kranke Kinderhände. Auf diesen Händen stand die nahe
+Ewigkeit zu lesen.
+
+Am andern Tage gingen wir durch den Kurpark. Fütterten die Goldfische
+und Schwäne auf einem Weiher. Marlene fühlte sich matt, begehrte zu
+sitzen. Auf einer Bank, überrieselt von gelben Blütendolden, küßte ich
+Marlene. Ich weiß nicht, weshalb. Ob aus Mitleid, ob aus Sehnsucht?
+Fragen, auf die ich heute die Antwort noch nicht finde. Sie küßte mich
+wieder. Ihre Lippen waren kalt. Am andern Tage reiste ich ab, ich
+mußte reisen, keine Gewalt der Erde hätte mich an diesem Erdenwinkel
+zurückhalten können. Ich sehnte mich nach dem Meere, nach herber Luft,
+nach Sturm und Wogenschrei. Nun reisten mir ihre Briefe nach. Marlenens
+Briefe, schmale Blätter mit krausen, zierlichen Zeilen. Als ich nach
+Hause kam, erzählte ich meiner Frau alles, zeigte ihr die Briefe. Sie
+las sie, saß dann ganz still. Dann stand sie auf und küßte mich. Ich
+gab ihr die Hand. Fast täglich kamen die Briefe. »Liebster!« stand
+darinnen, »denkst Du daran, wie wir uns küßten?« Meine Frau las alle
+Briefe, las auch die, die ich Marlene zurückschrieb. »Liebste!« stand
+darinnen, »ich denke daran, wie wir uns küßten im Frühling«.
+
+Und dann kam der letzte Brief. Aller reife Duft des Sommers, aller
+Glanz der Sonnentage war in ihm und, das Wort: »In Kürze komme ich zu
+Dir.« Meine Frau war blaß, als sie den Brief las, aber sie lächelte.
+Sie lächelte tapfer. Und ich küßte sie, und küßte meinen Buben. Ich
+schrieb zurück: »Ich erwarte Dich.« Und dann -- dann kam nach wenigen
+Tagen ein Brief mit unbekannter Schrift. Marlene war plötzlich
+gestorben, mitten im Sonnenglanz, ein Lächeln und meinen Namen auf den
+Lippen. Meine Frau und ich fuhren zum Begräbnis. Unser Bübchen nahmen
+wir mit; weiße Blüten streute er mit seinen Patschhändchen in die
+dunkle Gruft.
+
+Als wir heimwärts fuhren, war ein Regen über dem Lande. Alles war
+dunkel, glanzlos, regenschwer. Die Natur weinte über den Heimgang
+ihres schönen Kindes. -- Sehen Sie, meine Herren, das ist ~meine
+Geschichte~ von einer Frau. Von zwei Frauen. Meine Frau ist
+gestorben, das zweite Seelchen, dem sie Leben geben wollte, riß sie mit
+sich hinab in das dunkle Reich, das wir nur ahnen, nicht kennen.
+
+Ich bin einsam geworden, ein Weltflüchtling. Aber vielleicht reif und
+tief in meiner Kunst, wie ich es nie geworden wäre. Und wenn ich nach
+Deutschland von meinen Wanderfahrten zurückkehre, und meinen Jungen
+im Arm halte, dann weiß ich, daß ein Segen auf meinem Leben ruht,
+daß ich gewappnet bin gegen alles Lauernde und Böse. Dann duftet die
+Vergangenheit wieder um mich in tausend Lenzblüten und ich, der langsam
+Alternde, bin jung, jung und wieder ein Kind mit meinem Kinde.«
+
+Er stand auf, grüßte, und ging langsam davon. Die Gesellschaft
+war stumm geworden. Kaum ein Wort fiel. Schweigend gingen wir
+auseinander. Der See lag dunkel und farblos und ein kühler Nachtwind
+wehte von seiner Fläche her. Die Wellen aber schlugen wieder an die
+Mauerbrüstung, klingend und klagend.
+
+
+
+
+ Operation
+
+
+Wie seltsam dieses matte, fahlgelbe Licht ist, das durch die
+halbgeschlossenen Vorhänge dringt. Wie Rauch ist dieses Licht. So
+schwer, so atembeklemmend wird die Luft davon.
+
+Es muß noch früh sein.
+
+Von der Straße dringt kein Laut herauf in mein Krankenzimmer. Nur ab
+und zu kommt aus der Ferne kurzes Hundegebell.
+
+Irgendwo, weitab, kräht ein Hahn.
+
+So liege ich fünf -- zehn Minuten. Zwischen Wachen und Schlaf. Alle
+Sinne sind fein gespannt und schlürfen jeden Eindruck. Nur der Körper
+ist noch so unsäglich schwer, noch so schlafmatt.
+
+Eine nahe Kirchturmuhr holt zum Schlage aus. Vier Mal. Die Töne gehen
+langsam, wie mit schweren Schritten durch den fahlen Morgenschimmer und
+verhauchen mit weichem Seufzer in der Ferne.
+
+Vier Uhr morgens!
+
+Ich liege mit geschlossenen Augen. So weich und wohlig ist mein Lager.
+Und Schmerzen habe ich gar nicht. Ich fühle, wie mein Geist langsam in
+der Spannung nachläßt. Der Schlaf besänftigt ihn mit weicher Hand.
+
+Traumbilder kommen.
+
+Da klirrt irgendwo etwas. Hell und hart. Vielleicht der kurze Anschlag
+einer Weckuhr.
+
+Wie kaltes Wasser übergießt mich dieser Ton. Alle Müdigkeit fällt
+plötzlich ab von mir wie ein Gewand. Hellhörig ist mein Geist; ganz
+frisch mein Körper.
+
+Ich rucke im Bett auf und sitze aufrecht.
+
+Durch den Vorhangspalt flutet das Morgenlicht. Ganz fahl ist es nun und
+überzieht alles im Zimmer mit einer Leichenfarbe.
+
+Wenn ich mich vorbeuge, kann ich den Himmel sehen. Schwere, bleifarbene
+Wolken treiben darüber hin. Wie ein gieriger Hund muß der Sturm
+sie hetzen. Ich glaube sie stöhnen zu hören in ihrer Höhe wie sie
+dahinrasen, mit zerfetzten Rändern.
+
+Von irgendwoher fängt mein Geist ein Wort auf.
+
+Vielleicht aus dem entfernten Rollen eines Wagens.
+
+Ich lege mich in die Kissen zurück und sage es unaufhörlich vor mich
+hin: »Operation ... Operation ...« Der Wagen rollt jetzt in der Ferne.
+Wie das Geräusch kleiner, rollender Kugeln trifft es mein Ohr, hart und
+häßlich. Und dieses Geräusch formt ersterbend das Wort: Operation ...
+
+Irgendwo im Hause schlägt eine Tür. Ein jäher Knall. Ganz deutlich,
+scharf umrissen, steht das Bild vor meinem Geiste: Eine Dienstmagd oder
+eine Krankenschwester. Die Türklinke ist ihr aus der Hand geglitten
+und der Wind trieb die Türe zu. Nun steht das Mädchen da. Still ...
+erschrocken. Nicht zu atmen wagt sie. Hineinhorchend in die Totenstille
+der Klinik. Wohl zwanzig Kranke schlafen oder stöhnen da in ihren
+Betten.
+
+Bläulichblaß wird das durchs Fenster sickernde Morgenlicht. Der
+Himmel ist jetzt von einer gleichmäßig grauen Dunstschicht verhängt
+und Regenspritzer schießen gegen die Scheiben, unregelmäßig, scharf
+klirrend.
+
+Von der Straße kommen allerhand Geräusche.
+
+Jemand pfeift.
+
+Ich sehe in Gedanken den Bäckerjungen durch den Regenmorgen schlendern,
+pfeifend, die brennende Laterne vor der Brust, die helle Kiepe auf dem
+Rücken. Und beide Hände tief in den Hosentaschen.
+
+Der Bengel hat famoses musikalisches Gehör. Schwierige Passagen aus
+einer modernen Operette pfeift er mit Virtuosität. Nun erklingt eine
+Mundharmonika. Wahrhaftig: der -- der Faustwalzer. Tanzstunden- und
+Ballbilder flattern in meinem Gedächtnis auf wie jäh erschreckte Vögel.
+Es muß derselbe Bäckerjunge sein. Alle Bäckerjungen sind musikalisch.
+So gräßlich musikalisch.
+
+Ich habe mich eigentlich nie um eine Bäckerjungenexistenz gekümmert.
+Nun dünkt es mich so angenehm, mit frischen, starken Gliedern durch den
+Morgen zu wandern, die sterbenden Schatten der Nacht unter den Füßen,
+und immer dem Scheine der an der Brust baumelnden Laterne nach. Und den
+Brotgeruch zu atmen, diesen köstlichen Duft frischen Brotes.
+
+Und gesund zu sein. Viel essen zu können, gehen zu können. Wenn es
+einem gelüstet, gar laufen zu können. Und sich an der Sonne freuen zu
+dürfen, an den Bäumen, an Wolken, Kindern, Tieren.
+
+Fast zwei Monate liege ich schon. Mein ganzes ferneres Leben lang
+wollte ich ein Bäckerjunge sein und mit der vor der Brust baumelnden
+Laterne durch die fahlen Morgen wandern, wenn jetzt plötzlich jemand
+ins Zimmer träte und sagte: »Du bist gesund! Erhebe Dich!«
+
+Mit weicher Hand netzt der Schlaf wieder meinen Geist ... leise,
+unendlich leise ...
+
+Von der Harmonika kommen nur noch verwehte Töne. Es spritzt heftiger
+gegen das Fenster. Ein unmelodisches Geräusch.
+
+Ich liege mit dem Kopf tief in den Kissen Plötzlich ~fühle~ ich,
+wie jemand ins Zimmer tritt, und richte mich auf.
+
+Ich hörte die Tür nicht gehen, hörte keinen Schritt. Die
+Krankenschwester steht an meinem Bette.
+
+Ein absurder Gedanke durchzuckt mein Hirn: Aufzuspringen, das junge
+Weib davor mir zu umschlingen, ihre schmalen, blaßroten Lippen wund zu
+küssen und von diesen Lippen das Leben zu trinken, das junge, blühende,
+lachende Leben.
+
+Schon der Kraftanstrengung des bloßen Gedankens folgt eine Reaktion.
+
+Ich fühle mit trauriger Beschämung die Welkheit meiner Muskeln. Schlaff
+und müde liegen meine Hände auf der Bettdecke.
+
+»Guten Morgen«, sagt Schwester Ines und greift nach meiner rechten
+Hand.
+
+»Sie sollten doch schlafen, ungeduldiger Patient.«
+
+In meinem Gehirn springt ein angstvoller Gedanke auf und quillt jäh
+über meine Lippen: »Wann ist die Operation, Schwester Ines?«
+
+»Aber denken Sie doch gar nicht daran. Schlafen Sie nur. Ich gebe Ihnen
+jetzt eine Morphiumspritze und einen Schlummertrunk. Und dann schlafen
+Sie. Sie müssen schön schlafen. Wenn Sie dann aufmachen, ist alles
+vorüber.«
+
+Wie gütig die Schwester spricht. Ihre Sprache ist so klingend. ›Wie
+wenn eine Quelle plätschert‹, muß ich denken.
+
+Es ist heller geworden. Die bläuliche Dunstschicht ist aus dem Zimmer
+gewichen und ein grautrüber, regenschwerer Tag hat seine Herrschaft
+angetreten.
+
+Schwester Ines entnimmt einem mitgebrachten Kästchen eine kleine
+Spritze und stellt sie in ein Glas auf die marmorne Platte des
+Nachttischchens.
+
+Dann entblößt sie meinen rechten Oberarm und reibt eine Stelle mit
+einem spiritusgetränkten Wattebäuschchen. Ganz heiß und rot wird dort
+die Haut.
+
+Mit einem Scherchen schneidet die Krankenschwester die Spitze von dem
+bräunlichen gläsernen Morphiumkapselchen und saugt das Gift mit der
+Spritze auf.
+
+»Es tut nicht weh. Halten Sie ganz ruhig.«
+
+Als sich die lange Nadel in die Haut bohrt, fühle ich einen kleinen,
+ruckartigen Schmerz.
+
+Die Stelle schwillt weißlich an.
+
+»Nun noch den Trunk«, sagt Schwester Ines und geht aus dem Zimmer.
+
+Ich sehe ihr nach, wie sie durch den Raum geht, mit so hohen, schönen
+Bewegungen. Die Schwester hat das Zimmer verlassen und ich sehe sie
+noch vor mir. Ganz deutlich sehe ich ihre adeligen, zierlichen Hände
+mit dem feinverlaufenden bläulichhellen Geäder.
+
+Wie sonderbar wohlig mir wird. So wohlig schwer. Ich möchte schlafen
+... immerfort schlafen ... einen Tag und eine Nacht lang.
+
+Und dann Bäckerjunge werden. Durch hohe, fahle Morgen wandern, immer
+dem Schein des Laternchens nach. Und den Duft des Brotes atmen, diesen
+köstlichen Duft. Und ab und zu auf der einsamen Wanderung solches
+Brötchen essen. Solches gestohlene Brötchen, das noch ganz warm ist.
+
+»Hier, trinken Sie bitte.«
+
+Schwester Ines ist wieder geräuschlos ins Zimmer getreten. Mit einem
+Zuge leere ich das dargereichte Glas. Die Schwester ordnet mein
+Kopfkissen, meine Bettdecke. Dicht vor meinen Augen sind ihre Hände,
+diese adeligen, schmalen Hände. Wie Wesen mit eigenem Leben erscheinen
+sie mir. Trotz der Schwere aller Gefühle spüre ich den sinnlichen Reiz,
+der von diesen Händen ausgeht. Es kommt wie ein Duft von diesen Händen.
+Ein leiser Duft seltener Orchideen.
+
+»Nun müssen Sie schlafen.«
+
+Es ist wieder, als plätscherte die leise Quelle im Zimmer. Irgendwo von
+der Decke senkt es sich schwer auf mich herab.
+
+Ich fühle, wie mich Träume umspinnen ... Auf einer Wiese bin ich. Im
+Walde. Schon lange bin ich im Walde. Da klingelt etwas melodisch. Ich
+sehe einen Schnitter seine Sense wetzen. Er steht bis an die Knie im
+hohen Gras und dengelt.
+
+Aus weiter Ferne tönen Stimmen und ich höre sie doch ganz nah.
+
+Plötzlich erwache ich jäh.
+
+Wo bin ich?
+
+Ich liege auf dem Operationstische. Aerzte und Schwestern in weißen
+Gewändern sind um mich her. Der eine Arzt hat die Aermel bis zum
+Ellenbogen aufgekrempelt.
+
+Da ist wieder das Klirren.
+
+Eine Schwester legt Instrumente auf eine gläserne Tischplatte
+Ueberhaupt diese entsetzlichen Instrumentenschränke rings herum. Durch
+ein breites Fenster vor mir sehe ich den Himmel. Er ist noch so schwer,
+so bleigrau. Vor dem Fenster strecken zwei verkümmerte Bäume nackte
+kahle Arme wie Bettler. Als ob sie um Sonne flehten, sieht es aus.
+
+Eine Schwester schnürt meine Beine am Operationstische fest. Mit
+breiten Riemen.
+
+»Sie sollen doch schlafen«, sagt der Doktor zu mir.
+
+Der zweite Arzt legt mir eine weiße Maske aufs Gesicht.
+
+»Atmen Sie tief ein«, sagt er.
+
+Klopf .... klopf .... fallen die Aethertropfen. Ich atme gehorsam, tief
+... Widerlich bitter schmeckt es ...
+
+Ich beuge den Kopf etwas zur Seite und sehe, wie der Arzt aus zwei
+kleinen Fläschchen abwechselnd auf die Maske tröpfelt.
+
+»Atmen Sie nur ganz tief.«
+
+Mir wird langsam so wohlig schwer. Als wäre ich zehn Stunden gegangen.
+Durch lauter Waldgestrüpp gegangen. Und jetzt will ich schlafen.
+
+Das Tropfen hört auf.
+
+Ich bin plötzlich wieder ganz munter.
+
+»Ich bin noch ganz wach«, sage ich und meine Stimme klingt so seltsam
+laut. Und die andern Stimmen sind so fern. Und mein Herz schlägt wie
+rasend. Und so laut schlägt mein Herz.
+
+Ein Lied kommt mir ins Gedächtnis. Ich sage es auf. Es sind
+meisterliche Verse eines längst Verstorbenen.
+
+Wieder bin ich im Walde. Unter der köstlich schattigen Buche dort will
+ich ruhen. Ich lege mich auf den samtenen Moosteppich.
+
+Lauter kleine rosafarbene Wolken gehen dicht an meinen Augen vorüber.
+Und ich schlafe ... schlafe ...
+
+
+
+
+ Siegmund Federleins Liebe und seliges Sterben
+
+
+Die Sensation, die das Erscheinen Siegmund Federleins auf den Straßen
+der mittleren Residenzstadt erregte, war mit den Jahren abgeflaut und
+dann versiegt. Siegmund Federlein war in den festbegründeten Stand
+eines Stadtoriginals eingetreten. Die Einheimischen drehten sich kaum
+noch um, wenn der kleine Mann mit der unheimlichen Eile, die so seltsam
+und lächerlich mit der Kürze seiner Beine im Widerspruch stand, um die
+Ecken und die Straßen entlang schoß, dabei ein mächtiges Pack Bücher
+(vielleicht irgendwo aus einem Familiennachlaß oder aus der von einem
+Intellektuellen durchgesiebten Bibliothek erstanden) unter den Armen
+tragend.
+
+Siegmund Federlein war Bücherantiquarius. Wer geschäftlich mit ihm
+zu tun hatte, dem wich das überlegene Spottlächeln, mit dem er der
+kleinen unscheinbaren Gestalt gegenübertreten zu können vermeinte,
+bald von den Lippen, denn Siegmund Federlein hatte nicht nur eine gut
+fundierte, autodidaktisch erworbene Allgemeinbildung, sondern auch eine
+hervorragende Begabung für sein Fach, war ein feinsinniger Bibliomane
+und ein sicherer Begutachter von Stichen. Siegmund Federlein vereinigte
+in seinem Wesen die drei Eigenschaften, die ein Antiquarius, der es zu
+etwas bringen will, haben muß: er war ein Drittel Idealist, ein Drittel
+Kenner, ein Drittel Hallunke.
+
+Auf allen Auktionen und Nachlaßversteigerungen war der kleine
+verwachsene Mann zu finden. Leute, deren Wünsche bei Auktionen auf
+Bücher zielten, pflegten oft von Federlein gebotene Werke bis ins
+Unerschwingliche im Preise emporzutreiben, während sie matt und
+unschlüssig bei den von dem kleinen Antiquarius ignorierten Büchern
+blieben.
+
+Die Pelikangasse, in der Siegmund Federleins Ladengeschäft lag, war ein
+schmales Sträßlein, so eng, daß ein Mensch, wenn er die Arme zu den
+Seiten ausspannte, die Häuser berührte. Das Alter der meisten Häuser
+war wohl auf einige hundert Jahre zu schätzen. Es hatte den Gebäuden
+die ehemals straffe Front genommen; sie hingen mit den Dachtraufen,
+wie in einer erstarrten Verneigung, nach vorn herüber. Daß sich die
+Pelikangasse in dieser mittelalterlichen Ursprünglichkeit erhalten
+hatte, war dem Pietätgefühle der Stadtväter zu verdanken.
+
+Vor einem dieser altersverbogenen Häuslein hing das Firmenschild
+Siegmund Federleins. »Buchhandlung und Antiquariat von Siegmund
+Federlein« stand darauf. Nur wer gute Augen hatte, konnte es lesen,
+denn die Zeit und der Regen hatten die Buchstaben arg verwaschen.
+Einige Stufen führten in den Kellerladen hinunter, in dem von morgens
+bis abends eine Gasflamme, in dem Dämmerdunkel notwendigste Beleuchtung
+spendend, brannte.
+
+In Siegmund Federleins Laden fand sich ein bunt durcheinandergemengtes
+Publikum ein. Jeder neue zufällige Kunde kam wieder und scheute aus dem
+Lichtgepränge der modernen Straßen nicht den Weg in das dunkle Gäßchen,
+weil der kleine Antiquar seinen Wünschen famos gerecht geworden war
+und mit der seltenen Reichhaltigkeit seines Lagers jedes Begehren
+zu befriedigen verstand. -- Da kam eine behäbige Köchin mit einem
+Embonpoint, das der Fleischnot der Zeit hohnlachte und die mittels
+eines »Briefstellers für Liebende« den flügellahm gewordenen Gefühlen
+ihres Musketiers ein wenig auf die Beine helfen wollte, -- oder ein
+Tertianer kam, dessen Gehirn die Sensationen des Aufsatzthemas:
+»Vergleich zwischen Schiller und Shakespeare« nur mittels einer
+sogenannten Schwarte oder Eselsbrücke (eine Spezialität Siegmunds
+Federleins) bewältigen konnte. Viele Intellektuelle gehörten zum
+Kundenkreise des kleinen Antiquars, Professoren der Hochschule und der
+Gymnasien, Oberlehrer und Kandidaten.
+
+So wirkte Siegmund Federlein wohltätig auf den Intellekt seiner
+Mitbürger und okulierte, wie in dem Falle der Köchin, auf
+wildgewachsene Naturtriebe den zarten Schößling einer Veredelung auf
+das Aesthetische hin. Siegmund Federlein war ein Mensch, der belächelt
+wurde als verschrobene Laune der Natur von denen, die ihn nicht
+kannten; der geschätzt wurde von denen, die mit ihm in Berührung kamen,
+trotz der Trivialität seines Aeußern, die noch vergröbert wurde durch
+seinen grotesken Anzug. Siegmund Federleins Gehrock, den er tagaus und
+tagein trug, glänzte gelb und grün und speckig, schlotterte in Falten
+um seinen Träger herum und schien nur darauf bedacht zu sein, die
+Lächerlichkeit seines Herrn zu vergrößern.
+
+Siegmund Federlein mochte das vierzigste Jahr überschritten haben,
+da kam eine Zeit, wo das stille Gleichmaß seiner Tage in die Brüche
+zu gehen drohte. Das Bächlein seines Lebens, sonst unbekümmert
+dahinplätschernd, ward zum Strome, der über die Ufer griff und die
+friedesamen Gärten des kleinen Antiquars gehörig unter Wasser setzte.
+
+Es war an einem Abend im Februar. Eine harte Kälte herrschte. Der
+Schnee auf den Dächern war gefroren und hing, in schwebender Lage
+festgekittet, weit über die Dachtraufen hinaus. Wer die Pelikangasse
+durchschritt, glaubte sich in einem überwölbten Gange zu befinden.
+
+Ein Februarabend war wie alle Februarabende. Absolut nichts
+Ungewöhnliches hatte sich ereignet oder wollte sich an diesem Abend
+ereignen. Die Menschen, die Beruf und Pflicht durch die Pelikangasse
+führte, hatten es eilig. Mit hochgeschlossenen Rockkragen und
+blauangelaufenen Nasenspitzen legten sie ihren Weg zurück. Gaffer und
+Neugierige, wie sie in den modernen hellen Straßen zu hunderten die
+Schaufenster belagerten, gab es in der Pelikangasse nicht. Da sich auch
+die Fremden aus ihren Quartieren wegen der Kälte nicht heraustrauten
+-- sonst waren täglich einige zu finden, die mit hochgereckten
+Hälsen die altertümlichen Fassaden der Häuser, die mittelalterlichen
+Schnitzereien der Eingangstüren und die buntausgemalten
+Verschnörkelungen betrachteten -- war die Pelikangasse an diesem Abend
+recht einsam.
+
+Und doch ereignete sich an diesem Februarabend, der für andere Menschen
+absolut nichts Ungewöhnliches brachte, für den Antiquarius Siegmund
+Federlein etwas, das, plastisch ausgedrückt, vielleicht dasselbe war,
+als wenn der kleine Antiquar, nachdem er bisher still seinen Lebensweg
+geradeaus gegangen war, von einer starken Hand ein paarmal um seine
+Achse gewirbelt und dann in einer der ersten gänzlich verschiedenen
+Richtung abgeschoben würde.
+
+An diesem Februarabend war Siegmund Federlein allein in seinem Laden.
+Er hantierte mit einem Staubbesen an einem Regale herum, als die Tür
+ging und die Glocke kreischend einen Kunden ankündigte.
+
+Der Kunde, ein Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, trat aus dem
+Dunkel des Eingangs in den Lichtschein, der nur um ein Geringes über
+den Tresen hinwegreichte. Nun konnte Siegmund Federlein deutlich den
+späten Besucher sehen. Die große schlanke Gestalt des Kindes zeigte
+noch die Unreife jugendlicher Formen, ein wenig gemildert durch die
+kurze Pelzjacke.
+
+»Brrrrr«, machte die Kundin und rieb sich die in roten Handschuhen
+steckenden Hände, »welche schreckliche Kälte ist das.«
+
+»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte der kleine Antiquar und sah ganz
+starr, als sähe er etwas unerhört Neues, in die schwarzen Augen des
+Kindes.
+
+»Ich möchte eine gute Ausgabe vom Werther,« sagte das Mädchen, »wir
+wollen in der Klasse morgen damit beginnen.«
+
+Der kleine Antiquar schien nicht gehört zu haben, er starrte das Kind
+immerfort an, als sähe er etwas Seltsames, Staunenerregendes. Endlich
+gab er sich einen Ruck, mit der possierlichen Behendigkeit eines Affen
+schoß er eine Trittleiter empor und kam mit einem Pack Bücher zurück.
+
+»Lauter Werther«, sagte er. Das Mädchen nahm einige Bände in die Hand
+und zog vorher den rechten Handschuh aus. Nun sah der kleine Antiquar
+immerfort auf diese Hand, die ihm unerhört schmal und von feinen Linien
+dünkte. Aus dem Ärmel des Pelzjacketts kam die Hand hervor. Wo sie sich
+mit dem Arme vereinigte, umschloß sie, von einigen Beryllen gehalten,
+ein goldenes Kettenband. Lilienhaft weiß war die Hand des Mädchens,
+eine wundervoll adlige Ruhe ging davon aus, wenn sie mit spitzen
+Fingern, von den Fingernägeln in zartem Oval gingen dabei kleine
+Glanzlichter aus, die Seiten umwandte.
+
+Unverwandt starrte Siegmund Federlein auf diese Kinderhand, in der so
+viel frauenhafte Reife lag und die einen seltsamen Gegensatz bildete zu
+der jugendlichen Schmächtigkeit ihrer Besitzerin.
+
+Nach einer Weile, während das junge Mädchen in den Büchern blätterte,
+sagte der Antiquar, einen Band ergreifend: »Wenn es Ihnen auf den Preis
+nicht ankommt, empfehle ich Ihnen diese Ausgabe.« Er durchblätterte den
+Band und sagte: »Es sind wundervolle Kupfer darin, hier sehen Sie.« Und
+er zeigte ihr eine Illustration, wo Werther, die tödtliche Kugel in der
+Brust, in den Augen schon überirdische Seligkeit, die Schatten der
+Todesnacht erwartet.
+
+»Dann bitte ich um die Ausgabe,« sagte das Mädchen und nestelte aus
+ihrer Pelzjacke ein, silbernes Geldtäschchen los.
+
+»Sechs Mark«, sagte Siegmund Federlein und nahm das gereichte Goldstück
+und legte es auf die Tischplatte.
+
+Als die Kundin gegangen war, schlug es von der Kirche Unserer lieben
+Frauen gerade acht Uhr. Schwerfällig, als erstarrten sie in der Kälte
+des Winterabends, kamen die Töne durch die Dunkelheit.
+
+Da schloß Siegmund Federlein seinen Laden ab, nahm das Zehnmarkstück
+und trat damit unter die Gasflamme. Er besah sich das Wappen, las die
+Inschrift: »Deutsches Reich 1879 Zehn Mark«. Dann drehte er die Münze
+um, besah sich den Kopf des alten Kaisers und las: »Wilhelm Deutscher
+Kaiser und König von Preußen«.
+
+Und dann tat der Antiquarius Siegmund Federlein etwas sehr
+Merkwürdiges. Er drückte die Lippen auf das Goldstück und legte es
+in den Geldschrank in das Kästchen, wo er den Siegelring seines
+verstorbenen Vaters und den Trauring seiner ebenfalls in Gott ruhenden
+Mutter aufbewahrte.
+
+Als Siegmund Federlein in dem kleinen, dem Laden anhängenden Kabinett
+sein frugales Abendbrot verzehrt hatte, legte er sich in das im selben
+Raume befindliche Bett, nachdem er sich bedächtig entkleidet hatte.
+Wohl bis um Mitternacht las Siegmund Federlein im Werther. Dabei
+stand, wenn er von Lotte las, vor seiner Seele immer das Bild von dem
+schwarzäugigen Mädchen.
+
+Vom nächsten Tage ab geschah es, daß die Augen Siegmund Federleins
+hastig jedem in den Laden Eintretenden entgegenflogen in der Erwartung,
+es möchte das unbekannte Mädchen sein. Alle Gedanken des kleinen
+Antiquars hatten nur das eine Ziel. Wie Fänge hatte sich das in seine
+Seele gegraben.
+
+Und das Mädchen kam wieder. An einem Spätnachmittage im Mai, als der
+letzte Schein einer schwachwärmenden Sonne einen schmalen Streifen in
+die Pelikangasse legte, trat es in den Laden.
+
+Siegmund Federlein fühlte, wie er ganz rot wurde, aber in seiner Seele
+war ein feiertagsfrohes Gefühl. Er nickte tüchtig, fertigte hastig
+zwei Kunden ab und streckte ihr, als diese gegangen waren, die Hand
+entgegen, als begrüße er irgend einen alten Bekannten: »Wie geht es
+Ihnen?« Und gleich darauf fragte er (er erstaunte nachher selbst über
+seine Kühnheit): »Wie heißen Sie eigentlich?«
+
+Das Mädchen schien etwas erstaunt, reichte dem kleinen Antiquar jedoch
+die Hand und sagte: »Felicitas Wiggers. Sie nennen mich jedoch alle
+Fee, Vater, Mutter, Geschwister, und die Dienstboten.«
+
+»Fee, Fee, Fee,« murmelte Siegmund Federlein vor sich hin und es war
+ihm, als ob das Mädchen garnicht anders heißen konnte als Fee.
+
+Felicitas Wiggers kaufte einige Bücher und im Gespräche erfuhr der
+kleine Antiquar, daß ihr Vater Landgerichtsrat und erst vor vier
+Monaten nach hier versetzt worden war.
+
+»Vater ist ein großer Bücherliebhaber. Er freute sich sehr über meinen
+Werther. Er sagte mir, Sie möchten ihm immer zur Ansicht senden, wenn
+Sie interessante schöngeistige und philosophische Sachen hätten.«
+
+So spann sich ein Faden von dem großen Renaissancebau in der König
+Wilhelm Straße zu dem kleinen Buchladen im Keller der Pelikangasse.
+
+Im Laufe der Zeit sah der Landgerichtsrat Wiggers den Antiquar Siegmund
+Federlein häufig in seinem Arbeitszimmer, und stets schieden beide
+vergnügt von einander, der eine, weil er seiner Bibliothek einen
+neuen Zuwachs einverleiben konnte, der andere, weil er mit Fee, einer
+leidenschaftlichen Bibliophilin, ein halbes Stündchen in dem großen
+vornehmen Raume verplaudern konnte.
+
+So mochten wohl zwei Jahre dahingeflossen sein. Wenn im Interesse
+Siegmund Federleins bisher sein Geschäft vorgeherrscht hatte, so war
+es damit seit der Bekanntschaft mit Felicitas Wiggers anders geworden.
+Jetzt stand die schwarzäugige Fee an der Front seines Interesses; der
+kleine Antiquar hatte eine stille Zuneigung zu dem schönen vornehmen
+Mädchen gefaßt, die brannte in ihm gleich einer ruhigen Flamme. Diese
+Zuneigung nahm seinem Leben das frühere Hastige, die Eilfertigkeit
+seiner Bewegungen. Es war Siegmund Federlein oft, als fühlte er sich
+von einem sanften Strome dahingetragen. Auch seine Sprache, sonst
+sprudelnd und übersprudelnd, war leise und langsam geworden, und in
+seinen Augen lag immer ein leiser Schimmer, ein verklärender Glanz, wie
+er in weinenden Kinderaugen steht.
+
+Da griff das Schicksal mit roher Hand in das Idyll.
+
+Als Siegmund Federlein eines Spätnachmittags im Monat Juni in das
+Haus des Landgerichtsrats eintrat, hörte er schon von dem öffnenden
+Dienstmädchen die Kunde, daß Fee plötzlich sehr krank geworden wäre und
+wohl noch am Abend operiert werden müßte.
+
+Da taumelte der kleine Antiquar wieder auf die Straße hinaus und
+fühlte ein Brennen am ganzen Körper, als ob er in Flammen gehüllt
+wäre. Er ging mit halber Besinnung durch die Straßen der Stadt vor das
+Tor hinaus, und wer den kleinen Mann dahinwanken sah, der dachte mit
+lächelnder Miene und verwundert im Stillen: »Siegmund Federlein hat
+einen Schwips.«
+
+Ueber den Feldern lag die Glut des Abends. Noch einmal wollte, ehe
+sie Abschied nahm, die Sonne ihren Segen über die Flur gießen. Durch
+ein Meer von Licht wankte ziellos, von einer fürchterlichen Angst
+getrieben, der kleine Antiquar. Eine Stimme war in ihm, die ließ ihn
+nicht los: »Sie stirbt, sie stirbt,« sagte diese Stimme.
+
+Als große Schatten gleich ungeheuern Tieren über das Feld liefen und
+die Dämmerung immer schneller kam, schritt Siegmund Federlein in
+die Stadt zurück, schnell und hastig, als säße ihm jemand auf den
+Fersen. Eine heiße Angst trieb ihn vorwärts und trieb ihn vor das Haus
+des Landgerichtsrats. Er sah zu den Fenstern empor. Alles war hell
+erleuchtet, als würde dort oben ein fröhliches Fest gefeiert, als
+klängen dort oben feingeschliffene Kelche aneinander und wetteiferten
+mit dem Glanze froher Menschenaugen. Einen Augenblick blieb Siegmund
+Federlein stehen, dann trat er ein. Die Haustür stand offen; so
+schritt er die Treppen hinauf. Kein Mensch war zu sehen. Da trat
+plötzlich aus einem Zimmer der Landgerichtsrat. Die sonst aufgereckte
+Gestalt schien gebeugt zu sein unter einem ungeheuern Schmerze. Als
+der kleine Antiquar den stattlichen Mann weinen sah, schlich er die
+Treppen hinunter und trat auf die Straße. Er hörte noch, wie das
+Hausmädchen hinter ihm herkam und sagte: »Vor einer halben Stunde ist
+sie gestorben.«
+
+Im Eilschritt hastete er zu seinem Laden in der Pelikangasse und schloß
+hinter sich ab.
+
+In ihm, der nie heftig gewesen war, in dessen Seele immer ein stiller
+Pantheismus, eine Religion der Versöhnung, gewohnt hatte, wütete es auf
+und sein Gesicht verzerrte sich aus lauter Ekel, aus lauter Zorn zur
+Grimasse. Dann brach es aus ihm heraus wie ein Schrei: »Wie kann das
+sein! Wie kann das Leben so tölpelhaft sein, so roh! Ich verstehe das
+Leben nicht. Wo soll da der tiefere Sinn des Lebens liegen, wenn es
+so brutal die Schönheit, die Jugend, die Hoffnung zerschlägt? Ist das
+Leben, das Schicksal nicht ein Unsinn, ein wüstes, blindes Walten!«
+
+Dann kam in weicher Woge wieder der Schmerz über ihn. Er setzte sich
+auf sein Bett und schluchzte still in sich hinein. Dann streckte er
+mit rührend-kindlicher Bewegung die Arme aus, als wollte er etwas
+greifen und an die Brust ziehen. Und seine Lippen flüsterten: »Fee,
+liebe, liebe kleine Fee!« Seine Brust war umklammert von einem wilden
+Schmerze, ein Würgen war in seiner Kehle, als preßten grobe Hände sie
+zusammen. Siegmund Federlein saß zusammengekauert da. Vom Laden her
+legte die Gasflamme einen schmalen Lichtstreif ins Zimmerchen.
+
+Ab und zu kam ein Schritt die Stufen herunter und eine Hand rüttelte an
+der Klinke der Ladentür.
+
+Siegmund Federlein saß ganz still, den Kopf zwischen die Schultern
+gezogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Und immerfort drang
+aus seinem Munde heiseres Schluchzen. »Sinnlos, sinnlos, sinnlos!«
+murmelte er vor sich hin.
+
+Plötzlich stand er auf und das Planvolle seiner Bewegungen verriet
+den festen Entschluß seines Herzens. Er holte die Geschäftsbücher aus
+dem Geldschrank, rechnete, schrieb, legte hier ein Zettelchen hinein
+und dort. Auch einige Briefe schrieb er und legte sie auf das Pult.
+Dann zog er seinen besten Anzug an, ein schwarzer Anzug, aus dem
+Hochzeitsfracke seines Vaters gefertigt, holte von einem Regale einen
+Wertherband und schrieb daraus mit ruhiger Hand auf ein Stück Papier
+folgende Stelle der letzten Seiten: »Alles ist so still um mich her,
+und so ruhig meine Seele. Ich danke Dir, Gott, der Du diesen letzten
+Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenkest.«
+
+Das Blatt steckte Siegmund Federlein in die Brusttasche, gerade über
+dem Herzen.
+
+Dann löschte er das Licht, schloß die Ladentür auf und ging in die
+warme Nacht hinaus.
+
+Auf einem weiten Felde, unter dem Glanze der nächtigen Gestirne, schoß
+sich der kleine Antiquar Siegmund Federlein eine Kugel in die Brust.
+Die Kugel saß mitten im Herzen, und mitten durch das Blatt mit Werthers
+letzten Zeilen war sie gegangen.
+
+
+
+
+ Werke
+
+ von
+
+ Otto Buchmann
+
+
+
+
+ aus Tischbeins Verlag / Hannover
+
+
+
+
+ Marias Lied
+
+ Mit einem Geleitwort von Ludwig Finckh
+
+
+ _60. Tausend._ Gebunden 5 Mark
+
+
+~Berliner Börsen-Nachrichten~ (Otto von Huth):
+
+Dieses Buch enthält eine so verschwenderische Fülle an Schönheit,
+Liebe und Sehnsucht, daß es ist, als sei der Extrakt aus unserer
+gesamten Liebesliteratur in dieses Kunstwerk gegossen, der nun in
+goldenen Wellen an dem Herzen des bezauberten Lesers emporbrandet.
+Mit andächtigem Schauer liest man die wunderfeinen Gedanken über
+die Frauen, die hier geschildert sind als »heimliche Königinnen«,
+bezeichnet als »feine Schmerztrösterinnen und zarte Leidheilerinnen,
+denen man Lichtfeiern bereitet und helle Tempel baut. -- Aber es ist
+doch nicht das Lied von den Frauen, es ist Marias Lied«, sagt der
+große Dichter weiter, »Maria, deren Gebärden Schönheit sind, die
+unsichtbare Rosen bricht und in deren Händen die Sehnsucht weißer
+Nächte schläft«. -- Beim Lesen dieses Buches stockt der Atem. Es ist
+als stünde man in einem goldenen Tempel und von den Emporen tönt der
+Silberton hauchzarter Engelsstimmen Liebeswunder in das zitternde Herz
+hinein. Ein Buch, in dem Wirklichkeit unwirklich wird. Ein Liebesgebet,
+in Seelenfeierstunden zu beten, allein, oder falls das Unwirkliche,
+unbeschreibliche zur Wirklichkeit geworden ist, mit »der reinsten Frau
+auf Erden, mit Maria«.
+
+
+~Königsberger Hartungsche Zeitung~ (Endres Endrulath):
+
+Wundervolle Klänge in gar verschiedenen Ausdrucksformen sind
+es, die dieses Hohelied voll Liebe zu den Frauen bilden. Klänge
+voll reiner, gewaltiger Wirkung. Das Buch ist von tiefster
+Empfindung durchströmt. Tut sich uns kund, zu Herzen dringend und
+klingend, schönheitdurchpulst, anbetungsvoll sehnsüchtig, seelisch
+verinnerlicht, erwartungsvoll schwelgend, bald sieghaft jubelnd, bald
+schwärmerisch träumend. Immer neue Hymnen auf das Wesen der fraulichen
+Menschgestaltung ertönen aus diesem Kunstwerk. So klingt es in süßen
+Melodien aus des Dichters schönheitszitternden Wortformen, die sich,
+kostbarem Geschmeide gleich, zu einer schimmernden Marien-Krone
+unvergänglichen Wertes gestalten. So leuchtet und funkelt es in
+goldenen Strahlen aus jedem Bilde, das der Dichter um die wieder
+und wieder veränderte Gestalt Marias malt, die er in seinem, der
+Frauenseele ganz ergebenem Geiste, so vielfach gewandelt erschaut.
+Mit seltener Kunst schöpft Otto Buchmann jeweils nur so aus dem ihm
+schier unergründlichen Brunnen seiner Frauenverehrung, was seinem
+inneren Empfinden und Miterleben der erdachten fraulichen Eigenschaft
+entspricht, und daher wirken die beiden Grundtöne »Liebe und Natur«,
+auf denen dieses Hohelied aufgebaut ist, in ihren wechselvollen
+Wohllauten wie ein Sphärenklang aus einer anderen besseren Welt.
+Gott schenke dem Dichter noch viele solcher Offenbarungen. Es
+sind edelschöne Erhebungen, die uns ringende Menschen von dem
+Alltagsmißklang der Welt zu befreien vermögen.
+
+
+~Braunschweiger Neueste Nachrichten~ (+Dr.+ Laßbiegler):
+
+Kann es wundernehmen, wenn heute der Frau ein ekstatischer Dithyrambus
+gesungen wird, wenn heute eine der Wirklichkeit müde Seele in die
+Weltenferne des Schönheitskultus und der Einstimmung in die Natur
+entflieht? In diesem Buche ist aller Eigenwille ausgeschaltet, die
+Urkraft aller dramatischer lebensechter und lebensstarker Verknüpfung.
+Hier ist alles eingestellt auf den Passivismus erregender Strömungen,
+Schwingungen, Stimmungen, auf den sekundären Willen. Ein rein lyrisches
+Gemüt lebt sich hier aus in schillerndem und klingendem, sich nicht
+ersättigendem Wortgepränge, lebt sich aus in schwelgender Erwartung
+und Dankbarkeit, die aus tiefen Erlebnissen des Herzens steigen mögen
+und ausklingen in dem Bekenntnis: »Einen Menschen lieb haben und die
+Sonne untergehen sehen, das ist schließlich doch aller Erkenntnisse
+letzter Schluß und alle Schönheit.« -- Marias Hohelied -- auch der
+Natur Hohelied; denn: »niemals habe ich so rein gefühlt als jetzt, daß
+die Schönheit der Seele nur auf der Grundlage tiefster Liebe zu der
+Natur beruhen kann.« Ein altes, wahres, immer wieder gesuchtes und
+immer wieder gefundenes Dogma. Ein rein deutsches, auf das wir immer
+wieder verfallen, wenn uns vor der Wirklichkeit graut und wir uns in
+uns selbst verlieren. Und wer fände da nicht Verwandtes, ob ers nun
+sagen oder bloß fühlen kann, ob ers nun zu stammeln oder in rhythmisch
+einherschreitenden Psaltern auszusprechen vermag wie Otto Buchmann?
+Weib und Natur -- ein enger Kreis, ein weiter Kreis! Der eine fühlt,
+der andere lebt in ihm. Otto Buchmann ist einer von jenen, die danken
+und anbeten. Wohl den Frauen, denen ein solches Lied gilt!
+
+
+
+
+ Ich trage meine Minne ...
+
+ Verse
+
+
+ _20. Tausend._ Gebunden 5 Mark
+
+
+~Rheinisch-Westfälische Zeitung~:
+
+Echte goldene Schätze aus tiefinnerstem Gefühl wie aus dem dunklen
+Schacht eines Bergwerks emporgehoben, ohne alle Schlacken, und in eine
+aufs feinste ziselierte Form gebracht. Gebete einer schönheitstrunkenen
+Seele.
+
+
+~Braunschweigische Landeszeitung~:
+
+Diese Verse sind Kostbarkeiten, geschliffene Edelsteine, deren Glanz
+von jeder Seite der gleiche bleibt, deren gedämpftes und doch klares
+Feuer ungemein wohltut, besonders weil bei aller Beherrschung der Form
+diese Verse schlicht und einfach erscheinen. Literarische Vergleiche
+stimmen gewöhnlich noch weniger als andere, aber bei diesen Versen
+denkt man an die besten Namen unserer klassischen Lyrik, etwa an
+Eichendorff, Mörike, Storm. Der Dichter hat tief in sich hinein
+gehorcht, als seine Seele der klingende Brunnen war, in dem diese
+Verse schliefen. Wie in »Marias Lied« offenbart er hier ein hohes
+Priestertum des Schönen und Guten, dabei hat man das sichere Gefühl,
+daß hinter diesen so scheinbar ruhigen Gedichten das volle blutrote
+Leben steht, daß sein Gewinn aber nicht die Leidenschaft ist, sondern
+nach ihr und durch ihre Erfahrung die Ruhe und Stille, die Rast nach
+der Unrast. Daher sind sie keine blutlose Aesthetik, sondern atmen die
+Abgeklärtheit, den Geigenklang in Mondscheinnächten nach dem Sturm. Sie
+sind tief menschlich, und das ist wohl das Beste, was man darüber sagen
+kann.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75592 ***