diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-11 16:21:06 -0700 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-11 16:21:06 -0700 |
| commit | bf5e48682435decfdfc7d11ad42f05a361f12642 (patch) | |
| tree | a7b7ed919a250913a081bae32b2fe30dfba33921 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | 75592-0.txt | 1247 | ||||
| -rw-r--r-- | 75592-h/75592-h.htm | 1428 | ||||
| -rw-r--r-- | 75592-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 585101 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
6 files changed, 2692 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/75592-0.txt b/75592-0.txt new file mode 100644 index 0000000..3f26ebb --- /dev/null +++ b/75592-0.txt @@ -0,0 +1,1247 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75592 *** + + + +======================================================================= + + Anmerkungen zur Transkription. + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben. + +Worte in Antiqua sind +so gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~; + =fettgedruckte= so. + +======================================================================= + + + + + Auf alten Wegen + + + Novellen + + von + + Otto Buchmann + + + 4.-10. Tausend. + + + Tischbeins Verlag, Hannover + + 1920 + + + + + Inhalt: + + Auf alten Wegen Seite 5 + + Die stille Geschichte " 23 + + Operation " 45 + + Siegmund Federleins Liebe + und seliges Sterben " 63 + + + + + Auf alten Wegen + + +Ein Wort, das im Herzen des Volkes haftet und leicht von seinen +Lippen geht, zu dessem Kern kein philosophischer Schnörkelweg führt, +heißt: Die Erinnerung ist das Schönste, sie ist schöner als das +Erleben selber. Die Erinnerung malt das Glänzende noch glänzender, das +Helle noch leuchtender, dem Trüben gibt sie den verklärten Glanz der +Versöhnung und das Harte und Häßliche überfährt sie weich und nimmt ihm +die herben Linien. + +Und wenn ein Mensch, hart geworden in der Not des Lebens, es +verschmäht, Saiten der Erinnerung in seiner Seele zu rühren, wenn er, +der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, nur den Weg voraus sieht +und ihn geht mit schmalen Lippen und herber Seele -- einmal, und wenn +auch nur ein einziges Mal in seinem Leben, quillt auch in solchem +Hartgewordenen das leise, süße Spiel der Erinnerung auf, wenn er an +seine Kindheit denkt. Mag sie hart, kalt und seelenlos gewesen sein, +irgend eine Winzigkeit birgt auch sie, irgend ein stilles Glück, das in +der Erinnerung noch ein letztes Leuchten auf den Weg des Einsamen wirft +und ein leises Glänzen in seine Seele, und einen Hauch des Lächelns auf +seine Lippen stiehlt. Und wenn du fragst, zu welcher Zeit am klarsten +die Quellen der Erinnerung zu rinnen pflegen, so wird es die Zeit des +Frühlings sein, wenn die Oede ringsum und das kühle Sterben leise +schwellendem, neuem Leben weichen, wenn sich in die graue, seelenlose +Landschaft Formen, Farben und Licht langsam einschmiegen und ein +zärtlich-herber Glanz vom Himmel weht. + +Da waren jüngst solche Tage herber Vorfrühlingsschönheit. Und an einem +von ihnen überfiel mich in der großen Stadt, inmitten der steinernen +Wände ringsum, die den Blick fingen, eine leise quälende Sehnsucht, +irgend ein zärtliches, unbestimmtes, formenloses Sehnen. + +In jedem Frühling trat diese leise Traurigkeit an mich heran, und +während rings um mich herum aus den Gärten und Anlagen das neue +Leben des Jahres erste zarte Atemzüge tat und die Wolken weiß über +die hellblaue Himmelsfläche glitten, verfing sich meine Seele in den +Maschen einer unbekannten dunkeln Stimmung. Es wird in solchen ersten +Sonnentagen des Jahres, wenn die Leere vergangener Monde hinter uns +versinkt, vielen Menschen so gehen, und es gibt ein Mittel, diesen +rätselhaften Mächten zu begegnen. Man soll sein Ränzel schnüren und +wandern, dort hinaus, wo sich das neue Werden fast hörbar gestaltet, wo +die Wälder in zärtlich hellem Grün aus der Landschaft aufsteigen, wo +die Bäche fessellos dahineilen und der Glanz des Himmels und der Wolken +in sanften Spiegelbildern auf ihren Fluten ruht. + +So kam es, daß ich aus der großen Stadt wanderte, erst ziellos, in die +Weiten hinein, in einen köstlichen, herben Frühlingsmorgen hinein, und +wie sich dann im Schreiten, erst nebelhaft und unbewußt, als schwach +umrissene Erinnerung, dann schärfer und schließlich im lichten Umriß +vor mir stehend, ein Erlebnis aus der Jugend vor meine Seele schob. +Meine Seele ging auf alten, vielleicht töricht gewesenen Kinderwegen, +die damals so köstlich waren, so roter Rosen blühend voll, so selig +schwer von Sonnenglanz. + +Und da sprang es mich an, an diesem Frühlingsmorgen, die Stätte von +damals wieder zu suchen, einen stillen Blick zu werfen auf jene alten +Wege, mit jenen Menschen von früher, wenn sie noch lebten, einen +Händedruck zu wechseln und ein stilles Wort, und dann auf der Heimkehr +in den rot verglastenden Abend den Tag mit seinen Erlebnissen noch +einmal vor die Seele zu nehmen und ihn still dahin zu tun, wo so +vieles ruht, Lautes und Leises, Schmerzliches und Schönes, Zärtliches +und Dunkles -- Erinnerung geworden. + +Und während ich rüstig vorwärts schritt, nach dorthinaus, wo in der +Ferne blauende Berge, in einen zärtlich lichten Horizont gebettet, +herübergrüßten, spielte ein Bild von damals, das ich längst verblaßt +und wesenlos in mir ruhen wähnte, in hellen, lebenden Farben vor +meiner Seele. Meine erste Knabenliebe trat still vor mich hin und ich +fühlte wieder wie damals in jenen kinderhaften, törichten und seligen +Stunden ihre Süße und Keuschheit mich umwehen und grüßen. Aus jenen +versunkenen Zeiten wuchs dieses Erlebnis blühend in mir auf, drängte +sich an mich und reichte mir die Hände. Ich sah mich als Jüngling, rank +und schlank, von knappen siebzehn Jahren, neben der Frau gehen, die ich +heimlich verehrte, der ich als knabenhafte Opfergabe meine ersten Verse +darbrachte, deren Wesen und Gestalt in meine Träume drangen und deren +Duft um mich war, wenn ich in törichter Seelenpein schlaflos lag oder +unbändig durch die Wälder der Umgebung in weißen Mondnächten streifte, +kühle Flüsse in stürmender Jugendkraft durchschwamm oder hohe Bäume +erkletterte, von dem Wunsche getrieben, die geliebte Frau sähe meine +Kräfte, die ich für sie so wahllos verschwendete. + +Und dann dachte ich an den Ausgang dieser Liebe, wie sie nicht still +verronnen war, sondern jählings verlodert, und wie ihre Flammen mich +fast verbrannt hatten, daß ich glaubte, nimmer wieder froh werden zu +können und tagelang in fieberheißen Gedanken den Entschluß in mir trug, +des Lebens Last, seinen Ekel und seine Fadheit von mir tun zu müssen. +Ein anderer kam, ein ganzer Mann, und begehrte die geliebte Frau zu +seinem Weibe. Und sie gab sich ihm, dem Fremden, wußte wohl kaum von +meiner wilden Knabenliebe zu ihr und von meinen seligen, unseligen +Stunden. Da lief ich tagelang durch die Wälder, aß nichts und trank +nichts. Meine Augen waren heiß und rot, aber keine Träne kam. Alles war +dürr in mir, leer, ausgebrannt. + +Und dann kam wieder der Tag mit seinen Anforderungen an ein junges +Leben, und die Tage wurden zu Monaten und die Monate zu Jahren; und die +Jahre nahmen mich auf ihren Rücken und trugen mich durch aller Herren +und Fürsten Länder. Ich sah das Leben leuchten und trug seine Freuden +heim und füllte meine Seele mit ihnen, und ich lernte den Schmerz +des Lebens kennen, als er mich in so vielerlei Gestalt antrat und +über alledem versank in mir wesenlos die stille Geschichte aus meiner +Knabenzeit und die Landschaft von damals, in die ich meine wilden +Fahrten unternommen hatte. + +Und nun, an diesem Frühlingsmorgen, trat das alles aus der Nacht hervor +und leuchtete mich verjüngt an und grüßte und lockte mich. + +Immer näher kam ich den Bergwäldern, hinter denen das Damals lag. +Die Höhen, vom ersten Grün überflogen, bekamen Linien und drängten +sich heran. Es dauerte nicht lange, da begann die Steigung, und nach +stundenlanger Wanderung stand ich oben und sah rückwärts die große +Stadt schemenhaft mit wenigen Türmen aus dem Glast herübergrüßen, und +sah auf der anderen Seite tief unten das Dörfchen meines Ziels mit +roten Dächern liegen. Und mein Blick suchte und fand die Wälder von +ehedem. Die Fohlenkoppel und die Bluthöhe; alle Stätten von damals +taten sich vor meinen Blicken auf. + +Lange saß ich auf einem sonnenüberglänzten Felsstück, ließ den Blick in +die Tiefe schweifen und dachte an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. +Dachte an das, was zwischen dem Ehedem und dem Heute lag, und ob ich +wohl Freude haben dürfte an dem, was ich getan, ob ich nicht in die +alten Gassen zu meinen Füßen niedersteigen müßte mit Scham im Herzen +und mit leerer Seele. Alle Wege meines Lebens durchschritt ich nochmals +in dieser festlichen, glänzenden Stunde, und stand dann hochatmend +auf und schlenderte den Weg hinunter und sah alle Stätten wartend +dastehen; ganz wie früher war alles. Und dann -- -- dann durchfuhr es +mich auf einmal wie ein herbes Weh; ich sah einen der Menschen von +früher, erkannte ihn sofort, trotz des weißen Bartes und der gramvollen +Züge. Und ich dachte daran, was für ein lustiger Kauz das gewesen +war, wie er mich in die Kneipe mitgenommen hatte und mich gelehrt, +einen Humpen auf einen Zug zu leeren, und wie er mir wilde Bierlieder +beigebracht hatte. Ich ging an ihn heran und grüßte ihn. Er sah mich +mit wesenlosen, fernen Blicken an und erkannte mich nicht. Da sagte +ich meinen Namen, aber es rann kein freudiger Blick des Erkennens über +seine Züge; leer blieben sie und fast verdrossen sprachen seine Lippen +einige gleichgültige Fragen. Wo ich herkäme, wie es mir die ganze +Zeit gegangen wäre, ob ich hierbliebe? Ich stand ihm kurz Antwort und +schritt dann beklommen weiter, und dachte daran, wie alles auf Erden +nur eine kurze Spanne sei, nur eine kurze Rast auf dem Wege in die +Ewigkeit, und wie nichts Dauer hat und alles fließt. + +Weiter schritt ich durch die Gassen: Kinder glotzten mich an, den +Finger im Munde, und ich kannte niemand von ihnen. Dann sah ich wieder +Bekannte von früher, aber keiner erkannte mich, fremd schritten wir +aneinander vorüber, und es stand mir nicht mehr der Sinn danach, sie +anzusprechen. Alles trieb mich dort hin, wo die geliebte Frau wohnte. +~Sie~ durfte nicht älter geworden sein, in ihren lieben Zügen +sollte mich unentstellt meine Jugend noch einmal grüßen, noch einmal +voll und tief verklärt in reiner Schöne die Augen zu mir aufschlagen, +und dann wollte ich weiter wandern, wieder ins Leben hinein, und der +Tag von heute sollte trotz aller Enttäuschung leise und schön in mir +nachklingen, wie ein Geigenlied in Sommernächten. + + * * * * * + +Ich kam vor ihr Haus und wanderte unentschlossen davor her, auf eine +Gelegenheit wartend, daß jemand aus der Tür träte, den ich mit einer +Frage angehen könnte. Bald traten nacheinander zwei Frauen heraus. Die +eine ging an mir vorüber, sah mich an und ich sah sie auch an. Und +ich mußte in tiefster Seele lächeln. Nein, das konnte sie nicht sein, +das war eine alte Frau, verhärmt und mit Falten im Gesicht. Da fragte +ich das Mädchen, das unschlüssig am Tore stand und etwas zu überlegen +schien. Ja, das wäre die Frau des Hauses, sie wäre nur nach drüben +gegangen und kehrte gleich zurück. Was ich für ein Verlangen hätte? + +Ich steckte dem Mädchen ein Geldstück zu und erfuhr in wenigen Minuten +alles. In großen Linien malte die Magd mir ein Lebensschicksal dahin, +und ich hörte zu; wie aus der Ferne drangen die Worte auf mich ein. +Dann ging ich mit einigen nichtssagenden Worten und grüßte die geliebte +Frau, als sie mir bei meiner Heimkehr über den Weg lief. Sie lächelte +befremdet, und ich sah ihre Züge, alt und herb, und sah die künstliche +Röte auf ihren Wangen, die Jugend vortäuschen sollte, wo doch längst +das Alter sein Herrscherrecht angetreten hatte. + + * * * * * + +Ich ging still an ihr vorüber, und ging still aus dem Dorfe hinaus. +Keinen Menschen mochte ich mehr sehen. Eine wilde Lust faßte mich an +nach der Arbeit meines Tages, und ich sehnte den morgigen Tag herbei, +wo ich alles Heutige abtun wollte in rastloser Arbeit. + +Bis der Abend kam, wanderte ich zurück, aß irgendwo in einer +Dorfschenke mein Abendbrot und saß dort noch lange, bis zur Abfahrt des +Zuges. Und zwischen dem Geschwätz der Bauern, dumpfem Gläserklang und +dicken Qualmwogen kamen mir Verse in den Sinn. Die schrieb ich auf und +hörte sie nachher immerfort singen aus dem Schüttern des Zuges. Kurz +vor meinem Orte stieg in mein Abteil eine alte Frau ein, die hatte zum +Verkauf einen Korb erster Frühlingsveilchen. Da kaufte ich ihr einen +großen Strauß ab, wickelte die Blüten in das Papier mit den Versen und +warf alles aus dem Fenster in die helle Frühlingsnacht. Die alte Frau +sah mich erstaunt an; ich aber lächelte und sagte ihr, was ich dort +hinausgeworfen hätte, wäre ein kostbarer Lebensschatz, und ich wäre +eigentlich ein Verschwender. Da rückte das Weiblein von mir scheu ab +und atmete auf, als ich beim nächsten Zugaufenthalt ausstieg. + +Die ganze Nacht aber waren die Verse um mich, in denen meine Jugend +noch einmal rot und leuchtend aufglomm, in denen alle die alten Wege +wieder in Blüte standen und alles so hell war, so morgensonnenschön und +an mir vorüberglitt wie ein Lied, kaum erfaßt und nur wesenlos gefühlt. +Und ich wußte plötzlich mit Gewißheit, daß ich das alles unverlierbar +in mir trug, und daß es nur wartete, still emporgenommen zu werden, +daß es aber nie und nimmer ein Tag wie heute, die Stunde der Gegenwart +aufnehmen konnte, weil es längst in mir war, in meiner Seele, nicht +mehr außerhalb, sondern unverlierbar in mir ruhte, ganz mein Eigentum, +ganz Erinnerung. + + + + + Die stille Geschichte + + +Ich entsinne mich jeder Einzelheit, als hätte es sich gestern +zugetragen In Riva am Gardasee war es, an einem Oktobertage. Das Wetter +war unsäglich köstlich, über der dunkelblauen Flut des Sees wölbte +sich ebenso blau der hohe Himmel und an den Ufern strebten mit steilen +sonnengleißenden Hängen die Felsberge in die Höhe, granitene Wächter +der Schönheit des Wassers und des Landes. Ich war langsam den Weg vom +Fischerdörfchen Torbole hergeschlendert, hatte unterwegs, auf einem +Felsstück ausruhend, mit einem Weinbauern kurze Plauderrast gehalten +und trug mich nun mit der Absicht, auf der Terrasse meines Gasthofes, +die weit in den See hineinsprang, den Anbruch des Abends zu erwarten. + +Auf die leere Terrasse, deren Windlichter sich kaum bewegten, so ruhig +war der Abend, traten lärmend und lachend fremde Gäste, Deutsche. +Sie ließen sich an einem Nebentische nieder, bestellten Wein, und ihr +Lachen und ihre Witze verscheuchten schnell und unwiederbringlich die +stille Feierabendstunde meiner Seele. + +Einer von den jungen Menschenkindern, ein Student schien es zu sein, +denn sein bartloses Gesicht war von Narben zerschlissen, sah mich in +meiner Einsamkeit. Und als sich unsere Blicke begegneten, hob er sein +Glas und trank mir zu: »Salute Signore!« + +Auch ich hob mein Glas und trank dem Jungen zu: »Glück und Gesundheit!« +Da sprang er auf und sagte: »Sie sind ein Deutscher, ein Landsmann, ah +so, ich glaubte, Sie wären Ausländer. Dann möchte ich bitten, mit Ihnen +anstoßen zu dürfen.« + +Wir stießen an und er lud mich ein, seinen Freunden und ihm +Gesellschaft zu leisten. Während ich Platz nahm, trat noch ein Gast +auf die Terrasse, diesmal unverkennbar ein Deutscher. Ein schöner +hochgewachsener, blondbärtiger Mann, der leise und ernst lächelnd auf +die fröhliche Gesellschaft blickte. Dann trat er an unsern Tisch heran +und sagte: »Gestatten Sie mir, meine Herren, diesen einsamen schönen +Abend in der Gesellschaft von Landsleuten zu verbringen. Wir sind ja +hier nicht mehr auf ausländischem Boden, aber ich glaube, wir haben +alle noch italienische Sonne in unsern Adern, denn auch Sie kommen doch +sicher vom Süden.« + +Er stellte sich vor, Schriftsteller Wellenthien oder so ähnlich, den +Namen habe ich vergessen, wohl auch kaum richtig verstanden. + +Jedenfalls kam bald, angeregt von dem roten köstlichen Wein, eine +fröhliche Stimmung auf, die Wellen des Gelächters schlugen auf die +stille, dunkle Seefläche hinaus und übertönten den Wassergesang der +sich am Ufer brechenden Flut. + +Und wie das so kommt, wenn Jugend beisammen sitzt, kam bald das Thema +»Weib« aufs Tapet. Pennälergeschichten, Erlebnisse mit Backfischen aus +der Studentenzeit, der Schwarm für die +filia hospitalis+, aber +auch Geschichten von böserer Art erschienen und die Meinungen platzten +jäh aufeinander. Embryonale und ausgewachsene Anhänger der Ansichten +Tolstojs, Nietzsches, Goethes, Schopenhauers über die Frau fochten +miteinander mit mehr oder weniger dialektisch gut geführten geistigem +Florett; dazwischen trank man laut lachend mit erhitzten Köpfen, einer +der Jungen stieg auf den Stuhl und deklamierte in das Stimmengewirr aus +dem ›Faust‹ die Stelle: »Nenn' es dann, wie du willst ...« hinein. Es +war ~sein~ Beitrag zu dem angeschnittenen Thema. + +Da -- und nun beginnt das, was ich in der Ueberschrift »Die stille +Geschichte« nannte, -- stand der Zuletztgekommene, der Blondbärtige, +auf, hob sein Glas und sagte: »Trinken Sie mit mir, meine Herren, auf +die Frau, auf die deutsche Frau. Ich will Ihnen auch eine Geschichte +erzählen.« + +Wir tranken aus; der Schriftsteller setzte sich wieder und wir +gruppierten uns mit unsern Stühlen um ihn herum. + +Noch ganz deutlich steht das Bild von damals vor meinen geistigen +Augen. An einer Tuffsteingrotte lehnte der Kellner, ein schwarzbärtiger +Bauer. Auch er hörte zu. Der Schriftsteller begann: + +»Ich habe die Geschichte noch niemandem erzählt, sie schien mir zu +keusch zum Erzählen. Lachen Sie nicht, meine Herren, wenn ich Ihnen +sage, daß sich diese stille Geschichte eigentlich kaum erzählen läßt, +es sei denn, eine Geige erzählte sie mit zärtlich scheuem Strich in +eine weiche Nacht wie diese hinein. Und wenn ich sie Ihnen erzähle, mit +knappen Worten, dann weiß ich, daß Sie sie nie vergessen werden, in +einst, vielleicht schlimmen Stunden, wird sie urplötzlich wieder vor +Ihnen stehen. Deshalb erzähle ich sie Ihnen, meine Herren. Und auch zum +kleinen Teile darum, um meinerseits nicht müßig zu sein bei dem Thema, +das Sie sich hier stellten. + +Zwei Jahre sind es her. Ich hatte mich überarbeitet, war nervös, +die bekannten neurasthenischen Herzbeschwerden plagten mich, kurz, +ich beschloß, in ein Bad zu gehen und mich der Behandlung eines +Spezialisten zu unterwerfen. In den ersten Tagen fehlte mir die Lust, +mich sofort in die ärztliche Fron zu begeben. Ich lag vielmehr den +ganzen Tag im Langstuhl im Garten des Kurheims und bemühte mich, an +nichts zu denken. Da kam eines Tages durch den Garten ein neuer Gast, +geleitet von der Besitzerin des Hauses. Ein junges Mädchen war es, +weiß gekleidet, vielleicht achtzehn Jahre alt. Ihr Blick flog über +mich hin, und als ich nickte, lächelte sie leise und dankte zurück. +Mein Pseudoname als Schriftsteller hatte damals schon einen guten +Klang, und, ich weiß nicht mehr, weshalb ich es tat, ich schrieb mich +damals mit diesem Pseudonym ins Fremdenbuch ein und als unverheiratet, +obgleich ich Frau und einen zweijährigen Buben hatte. Es geschah +jedenfalls, daß ich diese Eintragung vornahm, gänzlich unbewußt, ohne +jede Absicht, vielleicht auch infolge der damaligen starken nervösen +Depression, die auf mir lastete. So kam es, daß ich als Junggeselle +galt und von den Damen der Pension ob meines literarischen Namens +mehr oder minder offensichtlich verehrt wurde. Und darin machte der +letztgekommene Gast, das junge Mädchen, keine Ausnahme. Sie saß +oft neben mir im Garten, brachte mir Blumen, eine Zeitung, eine +Erfrischung, war liebreich um mich bemüht und küßte mir die Hand, als +ich ihr meinen letzten Roman mit Autogramm überreichte. Ihre liebe, +leise Art tat meinen kranken Nerven unsäglich wohl, und nach acht +Tagen fühlte ich mich stark genug, mich einer energischen ärztlichen +Behandlung zu unterwerfen. Als ich am andern Morgen in das Sprechzimmer +des Herzspezialisten kam, fand ich niemand weiter vor. Nach kurzer +Zeit schon ging die grüne Friestür, die in das Sprechzimmer führte, +geräuschlos auf, und meine Bekannte aus der Pension, trat, vom Arzte +mit einigen verbindlichen Worten entlassen, heraus. Wir begrüßten uns +mit einem Händedruck und nach einer Minute sah ich dem Arzte in die +funkelnden Brillengläser hinein und erzählte ihm von der Art und den +Aeußerungen meines Leidens. Der Spezialist klopfte mich ab, horchte +mit dem Stethoskop und konnte versichern, daß nichts Ernstliches +vorlag. Es war lediglich eine kleine Herzaffektion infolge geistiger +Ueberanstrengung. Trotzdem, mehr zu meiner Beruhigung, wollte er doch +eine elektrokardiographische Aufnahme meines Herzschlages machen. +Ich weiß nicht, meine Herren, ob Ihnen ein Elektrokardiograph bekannt +ist. Es ist eine geniale Konstruktion, mit der man die Kurve des +Herzschlages photographisch herstellen kann. Ich setzte mich in einen +Sessel, der Arzt legte mir, durch nasse Umschläge isoliert, um die +Pulse die Drähte, die den galvanischen Strom von mir in den Apparat +hineinleiteten. Ein kurzer Druck, der Apparat fing an zu arbeiten und +nach einem Augenblick schon hielt der Spezialist den Film in der Hand, +der, noch unentwickelt, die Kurve meines Herzschlages enthielt. In +einem kleinen Nebengemach, das er sich als Dunkelkammer eingerichtet +hatte, nahm er die Entwicklung des Films selber vor und brachte mir +nach fünf Minuten den langen photographischen Streifen, der noch von +Nässe triefte, und zeigte mir mit Erklärungen die Regelmäßigkeit +der Kurve, deren Zacken einen gleichmäßigen Ausschlag aufwiesen. Er +trocknete die Photographie, während wir plauderten, zwischen zwei +weißen Löschblättern ab und gab sie mir, als Andenken, wie er sagte. + +Wir hatten uns wieder gesetzt und während er Eintragungen in sein +Krankenbuch machte, sah ich plötzlich auf dem Schreibtische eine noch +nasse Kurve liegen, ausgebreitet, etwas abseits, über Büchern und +Zeitschriften, gleichsam, als wollte der Arzt das Elektrokardiogramm, +wie der technische Ausdruck heißt, ständig vor Augen haben. Mein Blick +glitt über die lange Kurve und haftete an einem Zackenausschlage. Ganz +jäh stieg in der gleichmäßigen Zackenreihe eine Zacke auf und sank dann +tief herunter. Als der Doktor aufsah, bemerkte er meinen Blick und +instinktiv hob er ein Blatt und warf es über das Photogramm. + +Dann lächelte er und sagte: »Nein«, dabei das Blatt wieder +zurücknehmend, »Sie sind ja Schriftsteller, Seelenkenner, +Menschenkenner. Weshalb sollte ich Ihnen etwas verhehlen. Wissen Sie, +was das dort ist? Meine Schweigepflicht als Arzt verletze ich ja nicht, +wenn ich es Ihnen sage.« + +»Baldiger Tod!« sagte ich instinktiv, seine Frage beantwortend. + +Er nickte, tiefernst: »Jawohl, Sie haben recht, baldiger Tod, und sogar +recht baldiger Tod.« Dann versank er in Sinnen. + +»Und ein junger Tod,« erwiderte er, fast unbewußt, schüttelte sich dann +und lachte: »Ach was, ein alter Mann ist es!« + +Ich sah ihn ernst und durchdringend an. Da fuhr er nervös über die +Stirn, stand auf und sagte: »Also, liebster Freund, Ruhe, Schonung, +Diät brauchen Sie. Und wenn der Schreibtisch ruft, noch mindestens vier +Wochen Dispens. In drei Tagen möchte ich Sie nochmals sehen.« + +Ich ging. Ging in rätselhafter dunkler Stimmung durch den hellen +Frühlingstag und wußte das eine, das wir im Laufe heller Tage so oft +und so schnell vergessen: Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. + +Die Allee, durch die ich schritt, stand in Blattfülle, die Wege des +Kurparkes waren von Blütenreihen, blau und weiß und rot, flankiert. Ein +Duften war überall, eine Farbenüberfülle, ein Lichtrausch, und -- so +mußte ich denken -- mitten durch diesen Glast, dieses selige Glänzen, +diese Schönheit der Welt, ging ein Wesen, jung wie alles umher, +sehnsuchtdurchseligt, blutdurchpulst und wußte nicht darum, daß, wenn +die Blütenblätter schwer und blaß hier zur Erde brachen, auch seine +Seele dahinging, auch sein Leben verhauchte wie eine sterbende Rose. + +Das griff mir so an die Seele, daß ich weinte, mich der Tränen nicht +schämte. Es war eine Stunde, die ich durchlebte, wo mir alles Leid und +alles Glück der Welt nah gegenüberstand, wo ich das rätselhafte Sein +alles Irdischen, schattenhaft erkennend, erschauernd meinen Körper +streifen fühlte. + +Im Garten der Kurpension kam mir Marlene entgegen, ein wenig blaß, mit +blutleeren, hellroten Lippen. Sie scherzte über unsere Begegnung beim +Arzte. Er hätte ihr beste Hoffnung gemacht, alles würde gut werden. Es +durchlief mich eisig. Ich dachte an fallende Blütenblätter. + +Am Abend saßen wir zusammen, die Gäste der Pension, Besuch von +auswärts. Bunte Papierlaternen durchbrachen mit schwachem Schimmer die +Sommernacht; eine junge Dame spielte Geige. Zum Schluß ein Chopinsches +Nocturne. Ich hörte die Geige aus dem Dunkel singen, tief, zitternd, +in großen klagenden Strichen schwamm die dunkle, schwermütige Weise in +die Nachbargärten. Es war mir unsäglich trüb zumute. Die hellen Stimmen +taten mir weh. Marlene saß in einem Korbstuhl, aus dem Dunkel schien +ihr weißes Gesicht in unbestimmtem Oval. Ihre Augen sahen seitwärts. +Ihre schmalen Hände lagen auf den Lehnen des Stuhles. Unsäglich müde +Hände waren es, kranke Kinderhände. Auf diesen Händen stand die nahe +Ewigkeit zu lesen. + +Am andern Tage gingen wir durch den Kurpark. Fütterten die Goldfische +und Schwäne auf einem Weiher. Marlene fühlte sich matt, begehrte zu +sitzen. Auf einer Bank, überrieselt von gelben Blütendolden, küßte ich +Marlene. Ich weiß nicht, weshalb. Ob aus Mitleid, ob aus Sehnsucht? +Fragen, auf die ich heute die Antwort noch nicht finde. Sie küßte mich +wieder. Ihre Lippen waren kalt. Am andern Tage reiste ich ab, ich +mußte reisen, keine Gewalt der Erde hätte mich an diesem Erdenwinkel +zurückhalten können. Ich sehnte mich nach dem Meere, nach herber Luft, +nach Sturm und Wogenschrei. Nun reisten mir ihre Briefe nach. Marlenens +Briefe, schmale Blätter mit krausen, zierlichen Zeilen. Als ich nach +Hause kam, erzählte ich meiner Frau alles, zeigte ihr die Briefe. Sie +las sie, saß dann ganz still. Dann stand sie auf und küßte mich. Ich +gab ihr die Hand. Fast täglich kamen die Briefe. »Liebster!« stand +darinnen, »denkst Du daran, wie wir uns küßten?« Meine Frau las alle +Briefe, las auch die, die ich Marlene zurückschrieb. »Liebste!« stand +darinnen, »ich denke daran, wie wir uns küßten im Frühling«. + +Und dann kam der letzte Brief. Aller reife Duft des Sommers, aller +Glanz der Sonnentage war in ihm und, das Wort: »In Kürze komme ich zu +Dir.« Meine Frau war blaß, als sie den Brief las, aber sie lächelte. +Sie lächelte tapfer. Und ich küßte sie, und küßte meinen Buben. Ich +schrieb zurück: »Ich erwarte Dich.« Und dann -- dann kam nach wenigen +Tagen ein Brief mit unbekannter Schrift. Marlene war plötzlich +gestorben, mitten im Sonnenglanz, ein Lächeln und meinen Namen auf den +Lippen. Meine Frau und ich fuhren zum Begräbnis. Unser Bübchen nahmen +wir mit; weiße Blüten streute er mit seinen Patschhändchen in die +dunkle Gruft. + +Als wir heimwärts fuhren, war ein Regen über dem Lande. Alles war +dunkel, glanzlos, regenschwer. Die Natur weinte über den Heimgang +ihres schönen Kindes. -- Sehen Sie, meine Herren, das ist ~meine +Geschichte~ von einer Frau. Von zwei Frauen. Meine Frau ist +gestorben, das zweite Seelchen, dem sie Leben geben wollte, riß sie mit +sich hinab in das dunkle Reich, das wir nur ahnen, nicht kennen. + +Ich bin einsam geworden, ein Weltflüchtling. Aber vielleicht reif und +tief in meiner Kunst, wie ich es nie geworden wäre. Und wenn ich nach +Deutschland von meinen Wanderfahrten zurückkehre, und meinen Jungen +im Arm halte, dann weiß ich, daß ein Segen auf meinem Leben ruht, +daß ich gewappnet bin gegen alles Lauernde und Böse. Dann duftet die +Vergangenheit wieder um mich in tausend Lenzblüten und ich, der langsam +Alternde, bin jung, jung und wieder ein Kind mit meinem Kinde.« + +Er stand auf, grüßte, und ging langsam davon. Die Gesellschaft +war stumm geworden. Kaum ein Wort fiel. Schweigend gingen wir +auseinander. Der See lag dunkel und farblos und ein kühler Nachtwind +wehte von seiner Fläche her. Die Wellen aber schlugen wieder an die +Mauerbrüstung, klingend und klagend. + + + + + Operation + + +Wie seltsam dieses matte, fahlgelbe Licht ist, das durch die +halbgeschlossenen Vorhänge dringt. Wie Rauch ist dieses Licht. So +schwer, so atembeklemmend wird die Luft davon. + +Es muß noch früh sein. + +Von der Straße dringt kein Laut herauf in mein Krankenzimmer. Nur ab +und zu kommt aus der Ferne kurzes Hundegebell. + +Irgendwo, weitab, kräht ein Hahn. + +So liege ich fünf -- zehn Minuten. Zwischen Wachen und Schlaf. Alle +Sinne sind fein gespannt und schlürfen jeden Eindruck. Nur der Körper +ist noch so unsäglich schwer, noch so schlafmatt. + +Eine nahe Kirchturmuhr holt zum Schlage aus. Vier Mal. Die Töne gehen +langsam, wie mit schweren Schritten durch den fahlen Morgenschimmer und +verhauchen mit weichem Seufzer in der Ferne. + +Vier Uhr morgens! + +Ich liege mit geschlossenen Augen. So weich und wohlig ist mein Lager. +Und Schmerzen habe ich gar nicht. Ich fühle, wie mein Geist langsam in +der Spannung nachläßt. Der Schlaf besänftigt ihn mit weicher Hand. + +Traumbilder kommen. + +Da klirrt irgendwo etwas. Hell und hart. Vielleicht der kurze Anschlag +einer Weckuhr. + +Wie kaltes Wasser übergießt mich dieser Ton. Alle Müdigkeit fällt +plötzlich ab von mir wie ein Gewand. Hellhörig ist mein Geist; ganz +frisch mein Körper. + +Ich rucke im Bett auf und sitze aufrecht. + +Durch den Vorhangspalt flutet das Morgenlicht. Ganz fahl ist es nun und +überzieht alles im Zimmer mit einer Leichenfarbe. + +Wenn ich mich vorbeuge, kann ich den Himmel sehen. Schwere, bleifarbene +Wolken treiben darüber hin. Wie ein gieriger Hund muß der Sturm +sie hetzen. Ich glaube sie stöhnen zu hören in ihrer Höhe wie sie +dahinrasen, mit zerfetzten Rändern. + +Von irgendwoher fängt mein Geist ein Wort auf. + +Vielleicht aus dem entfernten Rollen eines Wagens. + +Ich lege mich in die Kissen zurück und sage es unaufhörlich vor mich +hin: »Operation ... Operation ...« Der Wagen rollt jetzt in der Ferne. +Wie das Geräusch kleiner, rollender Kugeln trifft es mein Ohr, hart und +häßlich. Und dieses Geräusch formt ersterbend das Wort: Operation ... + +Irgendwo im Hause schlägt eine Tür. Ein jäher Knall. Ganz deutlich, +scharf umrissen, steht das Bild vor meinem Geiste: Eine Dienstmagd oder +eine Krankenschwester. Die Türklinke ist ihr aus der Hand geglitten +und der Wind trieb die Türe zu. Nun steht das Mädchen da. Still ... +erschrocken. Nicht zu atmen wagt sie. Hineinhorchend in die Totenstille +der Klinik. Wohl zwanzig Kranke schlafen oder stöhnen da in ihren +Betten. + +Bläulichblaß wird das durchs Fenster sickernde Morgenlicht. Der +Himmel ist jetzt von einer gleichmäßig grauen Dunstschicht verhängt +und Regenspritzer schießen gegen die Scheiben, unregelmäßig, scharf +klirrend. + +Von der Straße kommen allerhand Geräusche. + +Jemand pfeift. + +Ich sehe in Gedanken den Bäckerjungen durch den Regenmorgen schlendern, +pfeifend, die brennende Laterne vor der Brust, die helle Kiepe auf dem +Rücken. Und beide Hände tief in den Hosentaschen. + +Der Bengel hat famoses musikalisches Gehör. Schwierige Passagen aus +einer modernen Operette pfeift er mit Virtuosität. Nun erklingt eine +Mundharmonika. Wahrhaftig: der -- der Faustwalzer. Tanzstunden- und +Ballbilder flattern in meinem Gedächtnis auf wie jäh erschreckte Vögel. +Es muß derselbe Bäckerjunge sein. Alle Bäckerjungen sind musikalisch. +So gräßlich musikalisch. + +Ich habe mich eigentlich nie um eine Bäckerjungenexistenz gekümmert. +Nun dünkt es mich so angenehm, mit frischen, starken Gliedern durch den +Morgen zu wandern, die sterbenden Schatten der Nacht unter den Füßen, +und immer dem Scheine der an der Brust baumelnden Laterne nach. Und den +Brotgeruch zu atmen, diesen köstlichen Duft frischen Brotes. + +Und gesund zu sein. Viel essen zu können, gehen zu können. Wenn es +einem gelüstet, gar laufen zu können. Und sich an der Sonne freuen zu +dürfen, an den Bäumen, an Wolken, Kindern, Tieren. + +Fast zwei Monate liege ich schon. Mein ganzes ferneres Leben lang +wollte ich ein Bäckerjunge sein und mit der vor der Brust baumelnden +Laterne durch die fahlen Morgen wandern, wenn jetzt plötzlich jemand +ins Zimmer träte und sagte: »Du bist gesund! Erhebe Dich!« + +Mit weicher Hand netzt der Schlaf wieder meinen Geist ... leise, +unendlich leise ... + +Von der Harmonika kommen nur noch verwehte Töne. Es spritzt heftiger +gegen das Fenster. Ein unmelodisches Geräusch. + +Ich liege mit dem Kopf tief in den Kissen Plötzlich ~fühle~ ich, +wie jemand ins Zimmer tritt, und richte mich auf. + +Ich hörte die Tür nicht gehen, hörte keinen Schritt. Die +Krankenschwester steht an meinem Bette. + +Ein absurder Gedanke durchzuckt mein Hirn: Aufzuspringen, das junge +Weib davor mir zu umschlingen, ihre schmalen, blaßroten Lippen wund zu +küssen und von diesen Lippen das Leben zu trinken, das junge, blühende, +lachende Leben. + +Schon der Kraftanstrengung des bloßen Gedankens folgt eine Reaktion. + +Ich fühle mit trauriger Beschämung die Welkheit meiner Muskeln. Schlaff +und müde liegen meine Hände auf der Bettdecke. + +»Guten Morgen«, sagt Schwester Ines und greift nach meiner rechten +Hand. + +»Sie sollten doch schlafen, ungeduldiger Patient.« + +In meinem Gehirn springt ein angstvoller Gedanke auf und quillt jäh +über meine Lippen: »Wann ist die Operation, Schwester Ines?« + +»Aber denken Sie doch gar nicht daran. Schlafen Sie nur. Ich gebe Ihnen +jetzt eine Morphiumspritze und einen Schlummertrunk. Und dann schlafen +Sie. Sie müssen schön schlafen. Wenn Sie dann aufmachen, ist alles +vorüber.« + +Wie gütig die Schwester spricht. Ihre Sprache ist so klingend. ›Wie +wenn eine Quelle plätschert‹, muß ich denken. + +Es ist heller geworden. Die bläuliche Dunstschicht ist aus dem Zimmer +gewichen und ein grautrüber, regenschwerer Tag hat seine Herrschaft +angetreten. + +Schwester Ines entnimmt einem mitgebrachten Kästchen eine kleine +Spritze und stellt sie in ein Glas auf die marmorne Platte des +Nachttischchens. + +Dann entblößt sie meinen rechten Oberarm und reibt eine Stelle mit +einem spiritusgetränkten Wattebäuschchen. Ganz heiß und rot wird dort +die Haut. + +Mit einem Scherchen schneidet die Krankenschwester die Spitze von dem +bräunlichen gläsernen Morphiumkapselchen und saugt das Gift mit der +Spritze auf. + +»Es tut nicht weh. Halten Sie ganz ruhig.« + +Als sich die lange Nadel in die Haut bohrt, fühle ich einen kleinen, +ruckartigen Schmerz. + +Die Stelle schwillt weißlich an. + +»Nun noch den Trunk«, sagt Schwester Ines und geht aus dem Zimmer. + +Ich sehe ihr nach, wie sie durch den Raum geht, mit so hohen, schönen +Bewegungen. Die Schwester hat das Zimmer verlassen und ich sehe sie +noch vor mir. Ganz deutlich sehe ich ihre adeligen, zierlichen Hände +mit dem feinverlaufenden bläulichhellen Geäder. + +Wie sonderbar wohlig mir wird. So wohlig schwer. Ich möchte schlafen +... immerfort schlafen ... einen Tag und eine Nacht lang. + +Und dann Bäckerjunge werden. Durch hohe, fahle Morgen wandern, immer +dem Schein des Laternchens nach. Und den Duft des Brotes atmen, diesen +köstlichen Duft. Und ab und zu auf der einsamen Wanderung solches +Brötchen essen. Solches gestohlene Brötchen, das noch ganz warm ist. + +»Hier, trinken Sie bitte.« + +Schwester Ines ist wieder geräuschlos ins Zimmer getreten. Mit einem +Zuge leere ich das dargereichte Glas. Die Schwester ordnet mein +Kopfkissen, meine Bettdecke. Dicht vor meinen Augen sind ihre Hände, +diese adeligen, schmalen Hände. Wie Wesen mit eigenem Leben erscheinen +sie mir. Trotz der Schwere aller Gefühle spüre ich den sinnlichen Reiz, +der von diesen Händen ausgeht. Es kommt wie ein Duft von diesen Händen. +Ein leiser Duft seltener Orchideen. + +»Nun müssen Sie schlafen.« + +Es ist wieder, als plätscherte die leise Quelle im Zimmer. Irgendwo von +der Decke senkt es sich schwer auf mich herab. + +Ich fühle, wie mich Träume umspinnen ... Auf einer Wiese bin ich. Im +Walde. Schon lange bin ich im Walde. Da klingelt etwas melodisch. Ich +sehe einen Schnitter seine Sense wetzen. Er steht bis an die Knie im +hohen Gras und dengelt. + +Aus weiter Ferne tönen Stimmen und ich höre sie doch ganz nah. + +Plötzlich erwache ich jäh. + +Wo bin ich? + +Ich liege auf dem Operationstische. Aerzte und Schwestern in weißen +Gewändern sind um mich her. Der eine Arzt hat die Aermel bis zum +Ellenbogen aufgekrempelt. + +Da ist wieder das Klirren. + +Eine Schwester legt Instrumente auf eine gläserne Tischplatte +Ueberhaupt diese entsetzlichen Instrumentenschränke rings herum. Durch +ein breites Fenster vor mir sehe ich den Himmel. Er ist noch so schwer, +so bleigrau. Vor dem Fenster strecken zwei verkümmerte Bäume nackte +kahle Arme wie Bettler. Als ob sie um Sonne flehten, sieht es aus. + +Eine Schwester schnürt meine Beine am Operationstische fest. Mit +breiten Riemen. + +»Sie sollen doch schlafen«, sagt der Doktor zu mir. + +Der zweite Arzt legt mir eine weiße Maske aufs Gesicht. + +»Atmen Sie tief ein«, sagt er. + +Klopf .... klopf .... fallen die Aethertropfen. Ich atme gehorsam, tief +... Widerlich bitter schmeckt es ... + +Ich beuge den Kopf etwas zur Seite und sehe, wie der Arzt aus zwei +kleinen Fläschchen abwechselnd auf die Maske tröpfelt. + +»Atmen Sie nur ganz tief.« + +Mir wird langsam so wohlig schwer. Als wäre ich zehn Stunden gegangen. +Durch lauter Waldgestrüpp gegangen. Und jetzt will ich schlafen. + +Das Tropfen hört auf. + +Ich bin plötzlich wieder ganz munter. + +»Ich bin noch ganz wach«, sage ich und meine Stimme klingt so seltsam +laut. Und die andern Stimmen sind so fern. Und mein Herz schlägt wie +rasend. Und so laut schlägt mein Herz. + +Ein Lied kommt mir ins Gedächtnis. Ich sage es auf. Es sind +meisterliche Verse eines längst Verstorbenen. + +Wieder bin ich im Walde. Unter der köstlich schattigen Buche dort will +ich ruhen. Ich lege mich auf den samtenen Moosteppich. + +Lauter kleine rosafarbene Wolken gehen dicht an meinen Augen vorüber. +Und ich schlafe ... schlafe ... + + + + + Siegmund Federleins Liebe und seliges Sterben + + +Die Sensation, die das Erscheinen Siegmund Federleins auf den Straßen +der mittleren Residenzstadt erregte, war mit den Jahren abgeflaut und +dann versiegt. Siegmund Federlein war in den festbegründeten Stand +eines Stadtoriginals eingetreten. Die Einheimischen drehten sich kaum +noch um, wenn der kleine Mann mit der unheimlichen Eile, die so seltsam +und lächerlich mit der Kürze seiner Beine im Widerspruch stand, um die +Ecken und die Straßen entlang schoß, dabei ein mächtiges Pack Bücher +(vielleicht irgendwo aus einem Familiennachlaß oder aus der von einem +Intellektuellen durchgesiebten Bibliothek erstanden) unter den Armen +tragend. + +Siegmund Federlein war Bücherantiquarius. Wer geschäftlich mit ihm +zu tun hatte, dem wich das überlegene Spottlächeln, mit dem er der +kleinen unscheinbaren Gestalt gegenübertreten zu können vermeinte, +bald von den Lippen, denn Siegmund Federlein hatte nicht nur eine gut +fundierte, autodidaktisch erworbene Allgemeinbildung, sondern auch eine +hervorragende Begabung für sein Fach, war ein feinsinniger Bibliomane +und ein sicherer Begutachter von Stichen. Siegmund Federlein vereinigte +in seinem Wesen die drei Eigenschaften, die ein Antiquarius, der es zu +etwas bringen will, haben muß: er war ein Drittel Idealist, ein Drittel +Kenner, ein Drittel Hallunke. + +Auf allen Auktionen und Nachlaßversteigerungen war der kleine +verwachsene Mann zu finden. Leute, deren Wünsche bei Auktionen auf +Bücher zielten, pflegten oft von Federlein gebotene Werke bis ins +Unerschwingliche im Preise emporzutreiben, während sie matt und +unschlüssig bei den von dem kleinen Antiquarius ignorierten Büchern +blieben. + +Die Pelikangasse, in der Siegmund Federleins Ladengeschäft lag, war ein +schmales Sträßlein, so eng, daß ein Mensch, wenn er die Arme zu den +Seiten ausspannte, die Häuser berührte. Das Alter der meisten Häuser +war wohl auf einige hundert Jahre zu schätzen. Es hatte den Gebäuden +die ehemals straffe Front genommen; sie hingen mit den Dachtraufen, +wie in einer erstarrten Verneigung, nach vorn herüber. Daß sich die +Pelikangasse in dieser mittelalterlichen Ursprünglichkeit erhalten +hatte, war dem Pietätgefühle der Stadtväter zu verdanken. + +Vor einem dieser altersverbogenen Häuslein hing das Firmenschild +Siegmund Federleins. »Buchhandlung und Antiquariat von Siegmund +Federlein« stand darauf. Nur wer gute Augen hatte, konnte es lesen, +denn die Zeit und der Regen hatten die Buchstaben arg verwaschen. +Einige Stufen führten in den Kellerladen hinunter, in dem von morgens +bis abends eine Gasflamme, in dem Dämmerdunkel notwendigste Beleuchtung +spendend, brannte. + +In Siegmund Federleins Laden fand sich ein bunt durcheinandergemengtes +Publikum ein. Jeder neue zufällige Kunde kam wieder und scheute aus dem +Lichtgepränge der modernen Straßen nicht den Weg in das dunkle Gäßchen, +weil der kleine Antiquar seinen Wünschen famos gerecht geworden war +und mit der seltenen Reichhaltigkeit seines Lagers jedes Begehren +zu befriedigen verstand. -- Da kam eine behäbige Köchin mit einem +Embonpoint, das der Fleischnot der Zeit hohnlachte und die mittels +eines »Briefstellers für Liebende« den flügellahm gewordenen Gefühlen +ihres Musketiers ein wenig auf die Beine helfen wollte, -- oder ein +Tertianer kam, dessen Gehirn die Sensationen des Aufsatzthemas: +»Vergleich zwischen Schiller und Shakespeare« nur mittels einer +sogenannten Schwarte oder Eselsbrücke (eine Spezialität Siegmunds +Federleins) bewältigen konnte. Viele Intellektuelle gehörten zum +Kundenkreise des kleinen Antiquars, Professoren der Hochschule und der +Gymnasien, Oberlehrer und Kandidaten. + +So wirkte Siegmund Federlein wohltätig auf den Intellekt seiner +Mitbürger und okulierte, wie in dem Falle der Köchin, auf +wildgewachsene Naturtriebe den zarten Schößling einer Veredelung auf +das Aesthetische hin. Siegmund Federlein war ein Mensch, der belächelt +wurde als verschrobene Laune der Natur von denen, die ihn nicht +kannten; der geschätzt wurde von denen, die mit ihm in Berührung kamen, +trotz der Trivialität seines Aeußern, die noch vergröbert wurde durch +seinen grotesken Anzug. Siegmund Federleins Gehrock, den er tagaus und +tagein trug, glänzte gelb und grün und speckig, schlotterte in Falten +um seinen Träger herum und schien nur darauf bedacht zu sein, die +Lächerlichkeit seines Herrn zu vergrößern. + +Siegmund Federlein mochte das vierzigste Jahr überschritten haben, +da kam eine Zeit, wo das stille Gleichmaß seiner Tage in die Brüche +zu gehen drohte. Das Bächlein seines Lebens, sonst unbekümmert +dahinplätschernd, ward zum Strome, der über die Ufer griff und die +friedesamen Gärten des kleinen Antiquars gehörig unter Wasser setzte. + +Es war an einem Abend im Februar. Eine harte Kälte herrschte. Der +Schnee auf den Dächern war gefroren und hing, in schwebender Lage +festgekittet, weit über die Dachtraufen hinaus. Wer die Pelikangasse +durchschritt, glaubte sich in einem überwölbten Gange zu befinden. + +Ein Februarabend war wie alle Februarabende. Absolut nichts +Ungewöhnliches hatte sich ereignet oder wollte sich an diesem Abend +ereignen. Die Menschen, die Beruf und Pflicht durch die Pelikangasse +führte, hatten es eilig. Mit hochgeschlossenen Rockkragen und +blauangelaufenen Nasenspitzen legten sie ihren Weg zurück. Gaffer und +Neugierige, wie sie in den modernen hellen Straßen zu hunderten die +Schaufenster belagerten, gab es in der Pelikangasse nicht. Da sich auch +die Fremden aus ihren Quartieren wegen der Kälte nicht heraustrauten +-- sonst waren täglich einige zu finden, die mit hochgereckten +Hälsen die altertümlichen Fassaden der Häuser, die mittelalterlichen +Schnitzereien der Eingangstüren und die buntausgemalten +Verschnörkelungen betrachteten -- war die Pelikangasse an diesem Abend +recht einsam. + +Und doch ereignete sich an diesem Februarabend, der für andere Menschen +absolut nichts Ungewöhnliches brachte, für den Antiquarius Siegmund +Federlein etwas, das, plastisch ausgedrückt, vielleicht dasselbe war, +als wenn der kleine Antiquar, nachdem er bisher still seinen Lebensweg +geradeaus gegangen war, von einer starken Hand ein paarmal um seine +Achse gewirbelt und dann in einer der ersten gänzlich verschiedenen +Richtung abgeschoben würde. + +An diesem Februarabend war Siegmund Federlein allein in seinem Laden. +Er hantierte mit einem Staubbesen an einem Regale herum, als die Tür +ging und die Glocke kreischend einen Kunden ankündigte. + +Der Kunde, ein Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, trat aus dem +Dunkel des Eingangs in den Lichtschein, der nur um ein Geringes über +den Tresen hinwegreichte. Nun konnte Siegmund Federlein deutlich den +späten Besucher sehen. Die große schlanke Gestalt des Kindes zeigte +noch die Unreife jugendlicher Formen, ein wenig gemildert durch die +kurze Pelzjacke. + +»Brrrrr«, machte die Kundin und rieb sich die in roten Handschuhen +steckenden Hände, »welche schreckliche Kälte ist das.« + +»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte der kleine Antiquar und sah ganz +starr, als sähe er etwas unerhört Neues, in die schwarzen Augen des +Kindes. + +»Ich möchte eine gute Ausgabe vom Werther,« sagte das Mädchen, »wir +wollen in der Klasse morgen damit beginnen.« + +Der kleine Antiquar schien nicht gehört zu haben, er starrte das Kind +immerfort an, als sähe er etwas Seltsames, Staunenerregendes. Endlich +gab er sich einen Ruck, mit der possierlichen Behendigkeit eines Affen +schoß er eine Trittleiter empor und kam mit einem Pack Bücher zurück. + +»Lauter Werther«, sagte er. Das Mädchen nahm einige Bände in die Hand +und zog vorher den rechten Handschuh aus. Nun sah der kleine Antiquar +immerfort auf diese Hand, die ihm unerhört schmal und von feinen Linien +dünkte. Aus dem Ärmel des Pelzjacketts kam die Hand hervor. Wo sie sich +mit dem Arme vereinigte, umschloß sie, von einigen Beryllen gehalten, +ein goldenes Kettenband. Lilienhaft weiß war die Hand des Mädchens, +eine wundervoll adlige Ruhe ging davon aus, wenn sie mit spitzen +Fingern, von den Fingernägeln in zartem Oval gingen dabei kleine +Glanzlichter aus, die Seiten umwandte. + +Unverwandt starrte Siegmund Federlein auf diese Kinderhand, in der so +viel frauenhafte Reife lag und die einen seltsamen Gegensatz bildete zu +der jugendlichen Schmächtigkeit ihrer Besitzerin. + +Nach einer Weile, während das junge Mädchen in den Büchern blätterte, +sagte der Antiquar, einen Band ergreifend: »Wenn es Ihnen auf den Preis +nicht ankommt, empfehle ich Ihnen diese Ausgabe.« Er durchblätterte den +Band und sagte: »Es sind wundervolle Kupfer darin, hier sehen Sie.« Und +er zeigte ihr eine Illustration, wo Werther, die tödtliche Kugel in der +Brust, in den Augen schon überirdische Seligkeit, die Schatten der +Todesnacht erwartet. + +»Dann bitte ich um die Ausgabe,« sagte das Mädchen und nestelte aus +ihrer Pelzjacke ein, silbernes Geldtäschchen los. + +»Sechs Mark«, sagte Siegmund Federlein und nahm das gereichte Goldstück +und legte es auf die Tischplatte. + +Als die Kundin gegangen war, schlug es von der Kirche Unserer lieben +Frauen gerade acht Uhr. Schwerfällig, als erstarrten sie in der Kälte +des Winterabends, kamen die Töne durch die Dunkelheit. + +Da schloß Siegmund Federlein seinen Laden ab, nahm das Zehnmarkstück +und trat damit unter die Gasflamme. Er besah sich das Wappen, las die +Inschrift: »Deutsches Reich 1879 Zehn Mark«. Dann drehte er die Münze +um, besah sich den Kopf des alten Kaisers und las: »Wilhelm Deutscher +Kaiser und König von Preußen«. + +Und dann tat der Antiquarius Siegmund Federlein etwas sehr +Merkwürdiges. Er drückte die Lippen auf das Goldstück und legte es +in den Geldschrank in das Kästchen, wo er den Siegelring seines +verstorbenen Vaters und den Trauring seiner ebenfalls in Gott ruhenden +Mutter aufbewahrte. + +Als Siegmund Federlein in dem kleinen, dem Laden anhängenden Kabinett +sein frugales Abendbrot verzehrt hatte, legte er sich in das im selben +Raume befindliche Bett, nachdem er sich bedächtig entkleidet hatte. +Wohl bis um Mitternacht las Siegmund Federlein im Werther. Dabei +stand, wenn er von Lotte las, vor seiner Seele immer das Bild von dem +schwarzäugigen Mädchen. + +Vom nächsten Tage ab geschah es, daß die Augen Siegmund Federleins +hastig jedem in den Laden Eintretenden entgegenflogen in der Erwartung, +es möchte das unbekannte Mädchen sein. Alle Gedanken des kleinen +Antiquars hatten nur das eine Ziel. Wie Fänge hatte sich das in seine +Seele gegraben. + +Und das Mädchen kam wieder. An einem Spätnachmittage im Mai, als der +letzte Schein einer schwachwärmenden Sonne einen schmalen Streifen in +die Pelikangasse legte, trat es in den Laden. + +Siegmund Federlein fühlte, wie er ganz rot wurde, aber in seiner Seele +war ein feiertagsfrohes Gefühl. Er nickte tüchtig, fertigte hastig +zwei Kunden ab und streckte ihr, als diese gegangen waren, die Hand +entgegen, als begrüße er irgend einen alten Bekannten: »Wie geht es +Ihnen?« Und gleich darauf fragte er (er erstaunte nachher selbst über +seine Kühnheit): »Wie heißen Sie eigentlich?« + +Das Mädchen schien etwas erstaunt, reichte dem kleinen Antiquar jedoch +die Hand und sagte: »Felicitas Wiggers. Sie nennen mich jedoch alle +Fee, Vater, Mutter, Geschwister, und die Dienstboten.« + +»Fee, Fee, Fee,« murmelte Siegmund Federlein vor sich hin und es war +ihm, als ob das Mädchen garnicht anders heißen konnte als Fee. + +Felicitas Wiggers kaufte einige Bücher und im Gespräche erfuhr der +kleine Antiquar, daß ihr Vater Landgerichtsrat und erst vor vier +Monaten nach hier versetzt worden war. + +»Vater ist ein großer Bücherliebhaber. Er freute sich sehr über meinen +Werther. Er sagte mir, Sie möchten ihm immer zur Ansicht senden, wenn +Sie interessante schöngeistige und philosophische Sachen hätten.« + +So spann sich ein Faden von dem großen Renaissancebau in der König +Wilhelm Straße zu dem kleinen Buchladen im Keller der Pelikangasse. + +Im Laufe der Zeit sah der Landgerichtsrat Wiggers den Antiquar Siegmund +Federlein häufig in seinem Arbeitszimmer, und stets schieden beide +vergnügt von einander, der eine, weil er seiner Bibliothek einen +neuen Zuwachs einverleiben konnte, der andere, weil er mit Fee, einer +leidenschaftlichen Bibliophilin, ein halbes Stündchen in dem großen +vornehmen Raume verplaudern konnte. + +So mochten wohl zwei Jahre dahingeflossen sein. Wenn im Interesse +Siegmund Federleins bisher sein Geschäft vorgeherrscht hatte, so war +es damit seit der Bekanntschaft mit Felicitas Wiggers anders geworden. +Jetzt stand die schwarzäugige Fee an der Front seines Interesses; der +kleine Antiquar hatte eine stille Zuneigung zu dem schönen vornehmen +Mädchen gefaßt, die brannte in ihm gleich einer ruhigen Flamme. Diese +Zuneigung nahm seinem Leben das frühere Hastige, die Eilfertigkeit +seiner Bewegungen. Es war Siegmund Federlein oft, als fühlte er sich +von einem sanften Strome dahingetragen. Auch seine Sprache, sonst +sprudelnd und übersprudelnd, war leise und langsam geworden, und in +seinen Augen lag immer ein leiser Schimmer, ein verklärender Glanz, wie +er in weinenden Kinderaugen steht. + +Da griff das Schicksal mit roher Hand in das Idyll. + +Als Siegmund Federlein eines Spätnachmittags im Monat Juni in das +Haus des Landgerichtsrats eintrat, hörte er schon von dem öffnenden +Dienstmädchen die Kunde, daß Fee plötzlich sehr krank geworden wäre und +wohl noch am Abend operiert werden müßte. + +Da taumelte der kleine Antiquar wieder auf die Straße hinaus und +fühlte ein Brennen am ganzen Körper, als ob er in Flammen gehüllt +wäre. Er ging mit halber Besinnung durch die Straßen der Stadt vor das +Tor hinaus, und wer den kleinen Mann dahinwanken sah, der dachte mit +lächelnder Miene und verwundert im Stillen: »Siegmund Federlein hat +einen Schwips.« + +Ueber den Feldern lag die Glut des Abends. Noch einmal wollte, ehe +sie Abschied nahm, die Sonne ihren Segen über die Flur gießen. Durch +ein Meer von Licht wankte ziellos, von einer fürchterlichen Angst +getrieben, der kleine Antiquar. Eine Stimme war in ihm, die ließ ihn +nicht los: »Sie stirbt, sie stirbt,« sagte diese Stimme. + +Als große Schatten gleich ungeheuern Tieren über das Feld liefen und +die Dämmerung immer schneller kam, schritt Siegmund Federlein in +die Stadt zurück, schnell und hastig, als säße ihm jemand auf den +Fersen. Eine heiße Angst trieb ihn vorwärts und trieb ihn vor das Haus +des Landgerichtsrats. Er sah zu den Fenstern empor. Alles war hell +erleuchtet, als würde dort oben ein fröhliches Fest gefeiert, als +klängen dort oben feingeschliffene Kelche aneinander und wetteiferten +mit dem Glanze froher Menschenaugen. Einen Augenblick blieb Siegmund +Federlein stehen, dann trat er ein. Die Haustür stand offen; so +schritt er die Treppen hinauf. Kein Mensch war zu sehen. Da trat +plötzlich aus einem Zimmer der Landgerichtsrat. Die sonst aufgereckte +Gestalt schien gebeugt zu sein unter einem ungeheuern Schmerze. Als +der kleine Antiquar den stattlichen Mann weinen sah, schlich er die +Treppen hinunter und trat auf die Straße. Er hörte noch, wie das +Hausmädchen hinter ihm herkam und sagte: »Vor einer halben Stunde ist +sie gestorben.« + +Im Eilschritt hastete er zu seinem Laden in der Pelikangasse und schloß +hinter sich ab. + +In ihm, der nie heftig gewesen war, in dessen Seele immer ein stiller +Pantheismus, eine Religion der Versöhnung, gewohnt hatte, wütete es auf +und sein Gesicht verzerrte sich aus lauter Ekel, aus lauter Zorn zur +Grimasse. Dann brach es aus ihm heraus wie ein Schrei: »Wie kann das +sein! Wie kann das Leben so tölpelhaft sein, so roh! Ich verstehe das +Leben nicht. Wo soll da der tiefere Sinn des Lebens liegen, wenn es +so brutal die Schönheit, die Jugend, die Hoffnung zerschlägt? Ist das +Leben, das Schicksal nicht ein Unsinn, ein wüstes, blindes Walten!« + +Dann kam in weicher Woge wieder der Schmerz über ihn. Er setzte sich +auf sein Bett und schluchzte still in sich hinein. Dann streckte er +mit rührend-kindlicher Bewegung die Arme aus, als wollte er etwas +greifen und an die Brust ziehen. Und seine Lippen flüsterten: »Fee, +liebe, liebe kleine Fee!« Seine Brust war umklammert von einem wilden +Schmerze, ein Würgen war in seiner Kehle, als preßten grobe Hände sie +zusammen. Siegmund Federlein saß zusammengekauert da. Vom Laden her +legte die Gasflamme einen schmalen Lichtstreif ins Zimmerchen. + +Ab und zu kam ein Schritt die Stufen herunter und eine Hand rüttelte an +der Klinke der Ladentür. + +Siegmund Federlein saß ganz still, den Kopf zwischen die Schultern +gezogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Und immerfort drang +aus seinem Munde heiseres Schluchzen. »Sinnlos, sinnlos, sinnlos!« +murmelte er vor sich hin. + +Plötzlich stand er auf und das Planvolle seiner Bewegungen verriet +den festen Entschluß seines Herzens. Er holte die Geschäftsbücher aus +dem Geldschrank, rechnete, schrieb, legte hier ein Zettelchen hinein +und dort. Auch einige Briefe schrieb er und legte sie auf das Pult. +Dann zog er seinen besten Anzug an, ein schwarzer Anzug, aus dem +Hochzeitsfracke seines Vaters gefertigt, holte von einem Regale einen +Wertherband und schrieb daraus mit ruhiger Hand auf ein Stück Papier +folgende Stelle der letzten Seiten: »Alles ist so still um mich her, +und so ruhig meine Seele. Ich danke Dir, Gott, der Du diesen letzten +Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenkest.« + +Das Blatt steckte Siegmund Federlein in die Brusttasche, gerade über +dem Herzen. + +Dann löschte er das Licht, schloß die Ladentür auf und ging in die +warme Nacht hinaus. + +Auf einem weiten Felde, unter dem Glanze der nächtigen Gestirne, schoß +sich der kleine Antiquar Siegmund Federlein eine Kugel in die Brust. +Die Kugel saß mitten im Herzen, und mitten durch das Blatt mit Werthers +letzten Zeilen war sie gegangen. + + + + + Werke + + von + + Otto Buchmann + + + + + aus Tischbeins Verlag / Hannover + + + + + Marias Lied + + Mit einem Geleitwort von Ludwig Finckh + + + _60. Tausend._ Gebunden 5 Mark + + +~Berliner Börsen-Nachrichten~ (Otto von Huth): + +Dieses Buch enthält eine so verschwenderische Fülle an Schönheit, +Liebe und Sehnsucht, daß es ist, als sei der Extrakt aus unserer +gesamten Liebesliteratur in dieses Kunstwerk gegossen, der nun in +goldenen Wellen an dem Herzen des bezauberten Lesers emporbrandet. +Mit andächtigem Schauer liest man die wunderfeinen Gedanken über +die Frauen, die hier geschildert sind als »heimliche Königinnen«, +bezeichnet als »feine Schmerztrösterinnen und zarte Leidheilerinnen, +denen man Lichtfeiern bereitet und helle Tempel baut. -- Aber es ist +doch nicht das Lied von den Frauen, es ist Marias Lied«, sagt der +große Dichter weiter, »Maria, deren Gebärden Schönheit sind, die +unsichtbare Rosen bricht und in deren Händen die Sehnsucht weißer +Nächte schläft«. -- Beim Lesen dieses Buches stockt der Atem. Es ist +als stünde man in einem goldenen Tempel und von den Emporen tönt der +Silberton hauchzarter Engelsstimmen Liebeswunder in das zitternde Herz +hinein. Ein Buch, in dem Wirklichkeit unwirklich wird. Ein Liebesgebet, +in Seelenfeierstunden zu beten, allein, oder falls das Unwirkliche, +unbeschreibliche zur Wirklichkeit geworden ist, mit »der reinsten Frau +auf Erden, mit Maria«. + + +~Königsberger Hartungsche Zeitung~ (Endres Endrulath): + +Wundervolle Klänge in gar verschiedenen Ausdrucksformen sind +es, die dieses Hohelied voll Liebe zu den Frauen bilden. Klänge +voll reiner, gewaltiger Wirkung. Das Buch ist von tiefster +Empfindung durchströmt. Tut sich uns kund, zu Herzen dringend und +klingend, schönheitdurchpulst, anbetungsvoll sehnsüchtig, seelisch +verinnerlicht, erwartungsvoll schwelgend, bald sieghaft jubelnd, bald +schwärmerisch träumend. Immer neue Hymnen auf das Wesen der fraulichen +Menschgestaltung ertönen aus diesem Kunstwerk. So klingt es in süßen +Melodien aus des Dichters schönheitszitternden Wortformen, die sich, +kostbarem Geschmeide gleich, zu einer schimmernden Marien-Krone +unvergänglichen Wertes gestalten. So leuchtet und funkelt es in +goldenen Strahlen aus jedem Bilde, das der Dichter um die wieder +und wieder veränderte Gestalt Marias malt, die er in seinem, der +Frauenseele ganz ergebenem Geiste, so vielfach gewandelt erschaut. +Mit seltener Kunst schöpft Otto Buchmann jeweils nur so aus dem ihm +schier unergründlichen Brunnen seiner Frauenverehrung, was seinem +inneren Empfinden und Miterleben der erdachten fraulichen Eigenschaft +entspricht, und daher wirken die beiden Grundtöne »Liebe und Natur«, +auf denen dieses Hohelied aufgebaut ist, in ihren wechselvollen +Wohllauten wie ein Sphärenklang aus einer anderen besseren Welt. +Gott schenke dem Dichter noch viele solcher Offenbarungen. Es +sind edelschöne Erhebungen, die uns ringende Menschen von dem +Alltagsmißklang der Welt zu befreien vermögen. + + +~Braunschweiger Neueste Nachrichten~ (+Dr.+ Laßbiegler): + +Kann es wundernehmen, wenn heute der Frau ein ekstatischer Dithyrambus +gesungen wird, wenn heute eine der Wirklichkeit müde Seele in die +Weltenferne des Schönheitskultus und der Einstimmung in die Natur +entflieht? In diesem Buche ist aller Eigenwille ausgeschaltet, die +Urkraft aller dramatischer lebensechter und lebensstarker Verknüpfung. +Hier ist alles eingestellt auf den Passivismus erregender Strömungen, +Schwingungen, Stimmungen, auf den sekundären Willen. Ein rein lyrisches +Gemüt lebt sich hier aus in schillerndem und klingendem, sich nicht +ersättigendem Wortgepränge, lebt sich aus in schwelgender Erwartung +und Dankbarkeit, die aus tiefen Erlebnissen des Herzens steigen mögen +und ausklingen in dem Bekenntnis: »Einen Menschen lieb haben und die +Sonne untergehen sehen, das ist schließlich doch aller Erkenntnisse +letzter Schluß und alle Schönheit.« -- Marias Hohelied -- auch der +Natur Hohelied; denn: »niemals habe ich so rein gefühlt als jetzt, daß +die Schönheit der Seele nur auf der Grundlage tiefster Liebe zu der +Natur beruhen kann.« Ein altes, wahres, immer wieder gesuchtes und +immer wieder gefundenes Dogma. Ein rein deutsches, auf das wir immer +wieder verfallen, wenn uns vor der Wirklichkeit graut und wir uns in +uns selbst verlieren. Und wer fände da nicht Verwandtes, ob ers nun +sagen oder bloß fühlen kann, ob ers nun zu stammeln oder in rhythmisch +einherschreitenden Psaltern auszusprechen vermag wie Otto Buchmann? +Weib und Natur -- ein enger Kreis, ein weiter Kreis! Der eine fühlt, +der andere lebt in ihm. Otto Buchmann ist einer von jenen, die danken +und anbeten. Wohl den Frauen, denen ein solches Lied gilt! + + + + + Ich trage meine Minne ... + + Verse + + + _20. Tausend._ Gebunden 5 Mark + + +~Rheinisch-Westfälische Zeitung~: + +Echte goldene Schätze aus tiefinnerstem Gefühl wie aus dem dunklen +Schacht eines Bergwerks emporgehoben, ohne alle Schlacken, und in eine +aufs feinste ziselierte Form gebracht. Gebete einer schönheitstrunkenen +Seele. + + +~Braunschweigische Landeszeitung~: + +Diese Verse sind Kostbarkeiten, geschliffene Edelsteine, deren Glanz +von jeder Seite der gleiche bleibt, deren gedämpftes und doch klares +Feuer ungemein wohltut, besonders weil bei aller Beherrschung der Form +diese Verse schlicht und einfach erscheinen. Literarische Vergleiche +stimmen gewöhnlich noch weniger als andere, aber bei diesen Versen +denkt man an die besten Namen unserer klassischen Lyrik, etwa an +Eichendorff, Mörike, Storm. Der Dichter hat tief in sich hinein +gehorcht, als seine Seele der klingende Brunnen war, in dem diese +Verse schliefen. Wie in »Marias Lied« offenbart er hier ein hohes +Priestertum des Schönen und Guten, dabei hat man das sichere Gefühl, +daß hinter diesen so scheinbar ruhigen Gedichten das volle blutrote +Leben steht, daß sein Gewinn aber nicht die Leidenschaft ist, sondern +nach ihr und durch ihre Erfahrung die Ruhe und Stille, die Rast nach +der Unrast. Daher sind sie keine blutlose Aesthetik, sondern atmen die +Abgeklärtheit, den Geigenklang in Mondscheinnächten nach dem Sturm. Sie +sind tief menschlich, und das ist wohl das Beste, was man darüber sagen +kann. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75592 *** diff --git a/75592-h/75592-h.htm b/75592-h/75592-h.htm new file mode 100644 index 0000000..aba0d79 --- /dev/null +++ b/75592-h/75592-h.htm @@ -0,0 +1,1428 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Auf Alten Wegen | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both;} + +h1 { font-size: 220%} +h2, .s2 { font-size: 175%} +.s3 { font-size: 125%} +.s4 { font-size: 105%} + +p { text-indent:1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +hr.r5 {width: 5%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 3em; + margin-left: 47.5%; + margin-right: 47.5%; + border-top: 2px solid black;} + +hr.r65 {width: 65%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 1em; + margin-left: 17.5%; + margin-right: 17.5%; + border-top: 3px solid black;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + width: 23em; } + +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} +.illowp46 {width: 46%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75592 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und +Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> +<h1 class="p2">Auf alten Wegen</h1> +<p class="s3 p2 center">Novellen</p> +<p class="center">von</p> +<p class="s2 center">Otto Buchmann</p><br> + +<p class="s4 center"><i>4.-10. Tausend.</i></p> +<hr class="r5"> + +<p class="center">Tischbeins Verlag, Hannover</p> +<p class="center">1920</p> + +<hr class="r65"> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2>Inhalt</h2> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Auf alten Wegen</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_5"> 5</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die stille Geschichte</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_23">23</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Operation</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_45">45</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Siegmund Federleins Liebe und seliges Sterben</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_63">63</a></td> +</tr> +</table> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> +<h2 class="nobreak" id="Auf_alten_Wegen">Auf alten Wegen</h2> +</div> + +<p>Ein Wort, das im Herzen des Volkes haftet und leicht von seinen Lippen +geht, zu dessem Kern kein philosophischer Schnörkelweg führt, heißt: +Die Erinnerung ist das Schönste, sie ist schöner als das Erleben selber. +Die Erinnerung malt das Glänzende noch glänzender, das Helle noch +leuchtender, dem Trüben gibt sie den verklärten Glanz der Versöhnung +und das Harte und Häßliche überfährt sie weich und nimmt ihm die herben +Linien.</p> + +<p>Und wenn ein Mensch, hart geworden in der Not des Lebens, es +verschmäht, Saiten der Erinnerung in seiner Seele zu rühren, wenn er, +der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, nur den Weg voraus sieht +und ihn geht mit schmalen Lippen und herber Seele — einmal, und wenn +auch nur ein einziges Mal in seinem Leben, quillt auch in solchem +Hartgewordenen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> das leise, süße Spiel der Erinnerung auf, wenn er an +seine Kindheit denkt. Mag sie hart, kalt und seelenlos gewesen sein, +irgend eine Winzigkeit birgt auch sie, irgend ein stilles Glück, das in +der Erinnerung noch ein letztes Leuchten auf den Weg des Einsamen wirft +und ein leises Glänzen in seine Seele, und einen Hauch des Lächelns auf +seine Lippen stiehlt. Und wenn du fragst, zu welcher Zeit am klarsten +die Quellen der Erinnerung zu rinnen pflegen, so wird es die Zeit des +Frühlings sein, wenn die Oede ringsum und das kühle Sterben leise +schwellendem, neuem Leben weichen, wenn sich in die graue, seelenlose +Landschaft Formen, Farben und Licht langsam einschmiegen und ein +zärtlich-herber Glanz vom Himmel weht.</p> + +<p>Da waren jüngst solche Tage herber Vorfrühlingsschönheit. Und an einem +von ihnen überfiel mich in der großen Stadt, inmitten der steinernen +Wände ringsum, die den Blick<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> fingen, eine leise quälende Sehnsucht, +irgend ein zärtliches, unbestimmtes, formenloses Sehnen.</p> + +<p>In jedem Frühling trat diese leise Traurigkeit an mich heran, und +während rings um mich herum aus den Gärten und Anlagen das neue +Leben des Jahres erste zarte Atemzüge tat und die Wolken weiß über +die hellblaue Himmelsfläche glitten, verfing sich meine Seele in den +Maschen einer unbekannten dunkeln Stimmung. Es wird in solchen ersten +Sonnentagen des Jahres, wenn die Leere vergangener Monde hinter uns +versinkt, vielen Menschen so gehen, und es gibt ein Mittel, diesen +rätselhaften Mächten zu begegnen. Man soll sein Ränzel schnüren und +wandern, dort hinaus, wo sich das neue Werden fast hörbar gestaltet, wo +die Wälder in zärtlich hellem Grün aus der Landschaft aufsteigen, wo +die Bäche fessellos dahineilen und der Glanz des Himmels und der Wolken +in sanften Spiegelbildern auf ihren Fluten ruht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p>So kam es, daß ich aus der großen Stadt wanderte, erst ziellos, in die +Weiten hinein, in einen köstlichen, herben Frühlingsmorgen hinein, und +wie sich dann im Schreiten, erst nebelhaft und unbewußt, als schwach +umrissene Erinnerung, dann schärfer und schließlich im lichten Umriß +vor mir stehend, ein Erlebnis aus der Jugend vor meine Seele schob. +Meine Seele ging auf alten, vielleicht töricht gewesenen Kinderwegen, +die damals so köstlich waren, so roter Rosen blühend voll, so selig +schwer von Sonnenglanz.</p> + +<p>Und da sprang es mich an, an diesem Frühlingsmorgen, die Stätte von +damals wieder zu suchen, einen stillen Blick zu werfen auf jene alten +Wege, mit jenen Menschen von früher, wenn sie noch lebten, einen +Händedruck zu wechseln und ein stilles Wort, und dann auf der Heimkehr +in den rot verglastenden Abend den Tag mit seinen Erlebnissen noch +einmal vor die Seele zu nehmen und ihn still<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> dahin zu tun, wo so +vieles ruht, Lautes und Leises, Schmerzliches und Schönes, Zärtliches +und Dunkles — Erinnerung geworden.</p> + +<p>Und während ich rüstig vorwärts schritt, nach dorthinaus, wo in der +Ferne blauende Berge, in einen zärtlich lichten Horizont gebettet, +herübergrüßten, spielte ein Bild von damals, das ich längst verblaßt +und wesenlos in mir ruhen wähnte, in hellen, lebenden Farben vor +meiner Seele. Meine erste Knabenliebe trat still vor mich hin und ich +fühlte wieder wie damals in jenen kinderhaften, törichten und seligen +Stunden ihre Süße und Keuschheit mich umwehen und grüßen. Aus jenen +versunkenen Zeiten wuchs dieses Erlebnis blühend in mir auf, drängte +sich an mich und reichte mir die Hände. Ich sah mich als Jüngling, rank +und schlank, von knappen siebzehn Jahren, neben der Frau gehen, die ich +heimlich verehrte, der ich als knabenhafte Opfergabe meine ersten Verse +darbrachte, deren Wesen und Gestalt<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> in meine Träume drangen und deren +Duft um mich war, wenn ich in törichter Seelenpein schlaflos lag oder +unbändig durch die Wälder der Umgebung in weißen Mondnächten streifte, +kühle Flüsse in stürmender Jugendkraft durchschwamm oder hohe Bäume +erkletterte, von dem Wunsche getrieben, die geliebte Frau sähe meine +Kräfte, die ich für sie so wahllos verschwendete.</p> + +<p>Und dann dachte ich an den Ausgang dieser Liebe, wie sie nicht still +verronnen war, sondern jählings verlodert, und wie ihre Flammen mich +fast verbrannt hatten, daß ich glaubte, nimmer wieder froh werden zu +können und tagelang in fieberheißen Gedanken den Entschluß in mir trug, +des Lebens Last, seinen Ekel und seine Fadheit von mir tun zu müssen. +Ein anderer kam, ein ganzer Mann, und begehrte die geliebte Frau zu +seinem Weibe. Und sie gab sich ihm, dem Fremden, wußte wohl kaum von +meiner wilden Knabenliebe<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> zu ihr und von meinen seligen, unseligen +Stunden. Da lief ich tagelang durch die Wälder, aß nichts und trank +nichts. Meine Augen waren heiß und rot, aber keine Träne kam. Alles war +dürr in mir, leer, ausgebrannt.</p> + +<p>Und dann kam wieder der Tag mit seinen Anforderungen an ein junges +Leben, und die Tage wurden zu Monaten und die Monate zu Jahren; und die +Jahre nahmen mich auf ihren Rücken und trugen mich durch aller Herren +und Fürsten Länder. Ich sah das Leben leuchten und trug seine Freuden +heim und füllte meine Seele mit ihnen, und ich lernte den Schmerz +des Lebens kennen, als er mich in so vielerlei Gestalt antrat und +über alledem versank in mir wesenlos die stille Geschichte aus meiner +Knabenzeit und die Landschaft von damals, in die ich meine wilden +Fahrten unternommen hatte.</p> + +<p>Und nun, an diesem Frühlingsmorgen, trat das alles aus der Nacht hervor +und leuchtete mich verjüngt an und grüßte und lockte mich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Immer näher kam ich den Bergwäldern, hinter denen das Damals lag. +Die Höhen, vom ersten Grün überflogen, bekamen Linien und drängten +sich heran. Es dauerte nicht lange, da begann die Steigung, und nach +stundenlanger Wanderung stand ich oben und sah rückwärts die große +Stadt schemenhaft mit wenigen Türmen aus dem Glast herübergrüßen, und +sah auf der anderen Seite tief unten das Dörfchen meines Ziels mit +roten Dächern liegen. Und mein Blick suchte und fand die Wälder von +ehedem. Die Fohlenkoppel und die Bluthöhe; alle Stätten von damals +taten sich vor meinen Blicken auf.</p> + +<p>Lange saß ich auf einem sonnenüberglänzten Felsstück, ließ den Blick in +die Tiefe schweifen und dachte an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. +Dachte an das, was zwischen dem Ehedem und dem Heute lag, und ob ich +wohl Freude haben dürfte an dem, was ich getan, ob ich nicht in die +alten Gassen zu<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> meinen Füßen niedersteigen müßte mit Scham im Herzen +und mit leerer Seele. Alle Wege meines Lebens durchschritt ich nochmals +in dieser festlichen, glänzenden Stunde, und stand dann hochatmend +auf und schlenderte den Weg hinunter und sah alle Stätten wartend +dastehen; ganz wie früher war alles. Und dann — — dann durchfuhr es +mich auf einmal wie ein herbes Weh; ich sah einen der Menschen von +früher, erkannte ihn sofort, trotz des weißen Bartes und der gramvollen +Züge. Und ich dachte daran, was für ein lustiger Kauz das gewesen +war, wie er mich in die Kneipe mitgenommen hatte und mich gelehrt, +einen Humpen auf einen Zug zu leeren, und wie er mir wilde Bierlieder +beigebracht hatte. Ich ging an ihn heran und grüßte ihn. Er sah mich +mit wesenlosen, fernen Blicken an und erkannte mich nicht. Da sagte +ich meinen Namen, aber es rann kein freudiger Blick des Erkennens über +seine Züge; leer blieben sie und<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> fast verdrossen sprachen seine Lippen +einige gleichgültige Fragen. Wo ich herkäme, wie es mir die ganze +Zeit gegangen wäre, ob ich hierbliebe? Ich stand ihm kurz Antwort und +schritt dann beklommen weiter, und dachte daran, wie alles auf Erden +nur eine kurze Spanne sei, nur eine kurze Rast auf dem Wege in die +Ewigkeit, und wie nichts Dauer hat und alles fließt.</p> + +<p>Weiter schritt ich durch die Gassen: Kinder glotzten mich an, den +Finger im Munde, und ich kannte niemand von ihnen. Dann sah ich wieder +Bekannte von früher, aber keiner erkannte mich, fremd schritten wir +aneinander vorüber, und es stand mir nicht mehr der Sinn danach, sie +anzusprechen. Alles trieb mich dort hin, wo die geliebte Frau wohnte. +<em class="gesperrt">Sie</em> durfte nicht älter geworden sein, in ihren lieben Zügen +sollte mich unentstellt meine Jugend noch einmal grüßen, noch einmal +voll und tief verklärt in reiner Schöne die Augen zu mir aufschlagen,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> +und dann wollte ich weiter wandern, wieder ins Leben hinein, und der +Tag von heute sollte trotz aller Enttäuschung leise und schön in mir +nachklingen, wie ein Geigenlied in Sommernächten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich kam vor ihr Haus und wanderte unentschlossen davor her, auf eine +Gelegenheit wartend, daß jemand aus der Tür träte, den ich mit einer +Frage angehen könnte. Bald traten nacheinander zwei Frauen heraus. Die +eine ging an mir vorüber, sah mich an und ich sah sie auch an. Und +ich mußte in tiefster Seele lächeln. Nein, das konnte sie nicht sein, +das war eine alte Frau, verhärmt und mit Falten im Gesicht. Da fragte +ich das Mädchen, das unschlüssig am Tore stand und etwas zu überlegen +schien. Ja, das wäre die Frau des Hauses, sie wäre nur nach drüben +gegangen und kehrte gleich zurück. Was ich für ein Verlangen hätte?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p>Ich steckte dem Mädchen ein Geldstück zu und erfuhr in wenigen Minuten +alles. In großen Linien malte die Magd mir ein Lebensschicksal dahin, +und ich hörte zu; wie aus der Ferne drangen die Worte auf mich ein. +Dann ging ich mit einigen nichtssagenden Worten und grüßte die geliebte +Frau, als sie mir bei meiner Heimkehr über den Weg lief. Sie lächelte +befremdet, und ich sah ihre Züge, alt und herb, und sah die künstliche +Röte auf ihren Wangen, die Jugend vortäuschen sollte, wo doch längst +das Alter sein Herrscherrecht angetreten hatte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich ging still an ihr vorüber, und ging still aus dem Dorfe hinaus. +Keinen Menschen mochte ich mehr sehen. Eine wilde Lust faßte mich an +nach der Arbeit meines Tages, und ich sehnte den morgigen Tag herbei, +wo ich alles Heutige abtun wollte in rastloser Arbeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<p>Bis der Abend kam, wanderte ich zurück, aß irgendwo in einer +Dorfschenke mein Abendbrot und saß dort noch lange, bis zur Abfahrt des +Zuges. Und zwischen dem Geschwätz der Bauern, dumpfem Gläserklang und +dicken Qualmwogen kamen mir Verse in den Sinn. Die schrieb ich auf und +hörte sie nachher immerfort singen aus dem Schüttern des Zuges. Kurz +vor meinem Orte stieg in mein Abteil eine alte Frau ein, die hatte zum +Verkauf einen Korb erster Frühlingsveilchen. Da kaufte ich ihr einen +großen Strauß ab, wickelte die Blüten in das Papier mit den Versen und +warf alles aus dem Fenster in die helle Frühlingsnacht. Die alte Frau +sah mich erstaunt an; ich aber lächelte und sagte ihr, was ich dort +hinausgeworfen hätte, wäre ein kostbarer Lebensschatz, und ich wäre +eigentlich ein Verschwender. Da rückte das Weiblein von mir scheu ab +und atmete auf, als ich beim nächsten Zugaufenthalt ausstieg.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Die ganze Nacht aber waren die Verse um mich, in denen meine Jugend +noch einmal rot und leuchtend aufglomm, in denen alle die alten Wege +wieder in Blüte standen und alles so hell war, so morgensonnenschön und +an mir vorüberglitt wie ein Lied, kaum erfaßt und nur wesenlos gefühlt. +Und ich wußte plötzlich mit Gewißheit, daß ich das alles unverlierbar +in mir trug, und daß es nur wartete, still emporgenommen zu werden, +daß es aber nie und nimmer ein Tag wie heute, die Stunde der Gegenwart +aufnehmen konnte, weil es längst in mir war, in meiner Seele, nicht +mehr außerhalb, sondern unverlierbar in mir ruhte, ganz mein Eigentum, +ganz Erinnerung.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> +<h2>Die stille Geschichte</h2> +</div> + +<p>Ich entsinne mich jeder Einzelheit, als hätte es sich gestern +zugetragen In Riva am Gardasee war es, an einem Oktobertage. Das Wetter +war unsäglich köstlich, über der dunkelblauen Flut des Sees wölbte +sich ebenso blau der hohe Himmel und an den Ufern strebten mit steilen +sonnengleißenden Hängen die Felsberge in die Höhe, granitene Wächter +der Schönheit des Wassers und des Landes. Ich war langsam den Weg vom +Fischerdörfchen Torbole hergeschlendert, hatte unterwegs, auf einem +Felsstück ausruhend, mit einem Weinbauern kurze Plauderrast gehalten +und trug mich nun mit der Absicht, auf der Terrasse meines Gasthofes, +die weit in den See hineinsprang, den Anbruch des Abends zu erwarten.</p> + +<p>Auf die leere Terrasse, deren Windlichter sich kaum bewegten, so ruhig +war der Abend,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> traten lärmend und lachend fremde Gäste, Deutsche. +Sie ließen sich an einem Nebentische nieder, bestellten Wein, und ihr +Lachen und ihre Witze verscheuchten schnell und unwiederbringlich die +stille Feierabendstunde meiner Seele.</p> + +<p>Einer von den jungen Menschenkindern, ein Student schien es zu sein, +denn sein bartloses Gesicht war von Narben zerschlissen, sah mich in +meiner Einsamkeit. Und als sich unsere Blicke begegneten, hob er sein +Glas und trank mir zu: »Salute Signore!«</p> + +<p>Auch ich hob mein Glas und trank dem Jungen zu: »Glück und Gesundheit!« +Da sprang er auf und sagte: »Sie sind ein Deutscher, ein Landsmann, ah +so, ich glaubte, Sie wären Ausländer. Dann möchte ich bitten, mit Ihnen +anstoßen zu dürfen.«</p> + +<p>Wir stießen an und er lud mich ein, seinen Freunden und ihm +Gesellschaft zu leisten. Während ich Platz nahm, trat noch ein Gast<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> +auf die Terrasse, diesmal unverkennbar ein Deutscher. Ein schöner +hochgewachsener, blondbärtiger Mann, der leise und ernst lächelnd auf +die fröhliche Gesellschaft blickte. Dann trat er an unsern Tisch heran +und sagte: »Gestatten Sie mir, meine Herren, diesen einsamen schönen +Abend in der Gesellschaft von Landsleuten zu verbringen. Wir sind ja +hier nicht mehr auf ausländischem Boden, aber ich glaube, wir haben +alle noch italienische Sonne in unsern Adern, denn auch Sie kommen doch +sicher vom Süden.«</p> + +<p>Er stellte sich vor, Schriftsteller Wellenthien oder so ähnlich, den +Namen habe ich vergessen, wohl auch kaum richtig verstanden.</p> + +<p>Jedenfalls kam bald, angeregt von dem roten köstlichen Wein, eine +fröhliche Stimmung auf, die Wellen des Gelächters schlugen auf die +stille, dunkle Seefläche hinaus und übertönten den Wassergesang der +sich am Ufer brechenden Flut.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<p>Und wie das so kommt, wenn Jugend beisammen sitzt, kam bald das Thema +»Weib« aufs Tapet. Pennälergeschichten, Erlebnisse mit Backfischen aus +der Studentenzeit, der Schwarm für die <span class="antiqua">filia hospitalis</span>, aber +auch Geschichten von böserer Art erschienen und die Meinungen platzten +jäh aufeinander. Embryonale und ausgewachsene Anhänger der Ansichten +Tolstojs, Nietzsches, Goethes, Schopenhauers über die Frau fochten +miteinander mit mehr oder weniger dialektisch gut geführten geistigem +Florett; dazwischen trank man laut lachend mit erhitzten Köpfen, einer +der Jungen stieg auf den Stuhl und deklamierte in das Stimmengewirr aus +dem ›Faust‹ die Stelle: »Nenn' es dann, wie du willst ...« hinein. Es +war <em class="gesperrt">sein</em> Beitrag zu dem angeschnittenen Thema.</p> + +<p>Da — und nun beginnt das, was ich in der Ueberschrift »Die stille +Geschichte« nannte, — stand der Zuletztgekommene, der Blondbärtige,<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> +auf, hob sein Glas und sagte: »Trinken Sie mit mir, meine Herren, auf +die Frau, auf die deutsche Frau. Ich will Ihnen auch eine Geschichte +erzählen.«</p> + +<p>Wir tranken aus; der Schriftsteller setzte sich wieder und wir +gruppierten uns mit unsern Stühlen um ihn herum.</p> + +<p>Noch ganz deutlich steht das Bild von damals vor meinen geistigen +Augen. An einer Tuffsteingrotte lehnte der Kellner, ein schwarzbärtiger +Bauer. Auch er hörte zu. Der Schriftsteller begann:</p> + +<p>»Ich habe die Geschichte noch niemandem erzählt, sie schien mir zu +keusch zum Erzählen. Lachen Sie nicht, meine Herren, wenn ich Ihnen +sage, daß sich diese stille Geschichte eigentlich kaum erzählen läßt, +es sei denn, eine Geige erzählte sie mit zärtlich scheuem Strich in +eine weiche Nacht wie diese hinein. Und wenn ich sie Ihnen erzähle, mit +knappen Worten, dann weiß ich, daß Sie sie nie vergessen werden, in<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> +einst, vielleicht schlimmen Stunden, wird sie urplötzlich wieder vor +Ihnen stehen. Deshalb erzähle ich sie Ihnen, meine Herren. Und auch zum +kleinen Teile darum, um meinerseits nicht müßig zu sein bei dem Thema, +das Sie sich hier stellten.</p> + +<p>Zwei Jahre sind es her. Ich hatte mich überarbeitet, war nervös, +die bekannten neurasthenischen Herzbeschwerden plagten mich, kurz, +ich beschloß, in ein Bad zu gehen und mich der Behandlung eines +Spezialisten zu unterwerfen. In den ersten Tagen fehlte mir die Lust, +mich sofort in die ärztliche Fron zu begeben. Ich lag vielmehr den +ganzen Tag im Langstuhl im Garten des Kurheims und bemühte mich, an +nichts zu denken. Da kam eines Tages durch den Garten ein neuer Gast, +geleitet von der Besitzerin des Hauses. Ein junges Mädchen war es, +weiß gekleidet, vielleicht achtzehn Jahre alt. Ihr Blick flog über +mich hin, und als ich nickte, lächelte sie leise<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> und dankte zurück. +Mein Pseudoname als Schriftsteller hatte damals schon einen guten +Klang, und, ich weiß nicht mehr, weshalb ich es tat, ich schrieb mich +damals mit diesem Pseudonym ins Fremdenbuch ein und als unverheiratet, +obgleich ich Frau und einen zweijährigen Buben hatte. Es geschah +jedenfalls, daß ich diese Eintragung vornahm, gänzlich unbewußt, ohne +jede Absicht, vielleicht auch infolge der damaligen starken nervösen +Depression, die auf mir lastete. So kam es, daß ich als Junggeselle +galt und von den Damen der Pension ob meines literarischen Namens +mehr oder minder offensichtlich verehrt wurde. Und darin machte der +letztgekommene Gast, das junge Mädchen, keine Ausnahme. Sie saß +oft neben mir im Garten, brachte mir Blumen, eine Zeitung, eine +Erfrischung, war liebreich um mich bemüht und küßte mir die Hand, als +ich ihr meinen letzten Roman mit Autogramm überreichte. Ihre liebe, +leise Art tat<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> meinen kranken Nerven unsäglich wohl, und nach acht +Tagen fühlte ich mich stark genug, mich einer energischen ärztlichen +Behandlung zu unterwerfen. Als ich am andern Morgen in das Sprechzimmer +des Herzspezialisten kam, fand ich niemand weiter vor. Nach kurzer +Zeit schon ging die grüne Friestür, die in das Sprechzimmer führte, +geräuschlos auf, und meine Bekannte aus der Pension, trat, vom Arzte +mit einigen verbindlichen Worten entlassen, heraus. Wir begrüßten uns +mit einem Händedruck und nach einer Minute sah ich dem Arzte in die +funkelnden Brillengläser hinein und erzählte ihm von der Art und den +Aeußerungen meines Leidens. Der Spezialist klopfte mich ab, horchte +mit dem Stethoskop und konnte versichern, daß nichts Ernstliches +vorlag. Es war lediglich eine kleine Herzaffektion infolge geistiger +Ueberanstrengung. Trotzdem, mehr zu meiner Beruhigung, wollte er doch +eine elektrokardiographische Aufnahme<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> meines Herzschlages machen. +Ich weiß nicht, meine Herren, ob Ihnen ein Elektrokardiograph bekannt +ist. Es ist eine geniale Konstruktion, mit der man die Kurve des +Herzschlages photographisch herstellen kann. Ich setzte mich in einen +Sessel, der Arzt legte mir, durch nasse Umschläge isoliert, um die +Pulse die Drähte, die den galvanischen Strom von mir in den Apparat +hineinleiteten. Ein kurzer Druck, der Apparat fing an zu arbeiten und +nach einem Augenblick schon hielt der Spezialist den Film in der Hand, +der, noch unentwickelt, die Kurve meines Herzschlages enthielt. In +einem kleinen Nebengemach, das er sich als Dunkelkammer eingerichtet +hatte, nahm er die Entwicklung des Films selber vor und brachte mir +nach fünf Minuten den langen photographischen Streifen, der noch von +Nässe triefte, und zeigte mir mit Erklärungen die Regelmäßigkeit +der Kurve, deren Zacken einen gleichmäßigen Ausschlag aufwiesen. Er +trocknete die Photographie,<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> während wir plauderten, zwischen zwei +weißen Löschblättern ab und gab sie mir, als Andenken, wie er sagte.</p> + +<p>Wir hatten uns wieder gesetzt und während er Eintragungen in sein +Krankenbuch machte, sah ich plötzlich auf dem Schreibtische eine noch +nasse Kurve liegen, ausgebreitet, etwas abseits, über Büchern und +Zeitschriften, gleichsam, als wollte der Arzt das Elektrokardiogramm, +wie der technische Ausdruck heißt, ständig vor Augen haben. Mein Blick +glitt über die lange Kurve und haftete an einem Zackenausschlage. Ganz +jäh stieg in der gleichmäßigen Zackenreihe eine Zacke auf und sank dann +tief herunter. Als der Doktor aufsah, bemerkte er meinen Blick und +instinktiv hob er ein Blatt und warf es über das Photogramm.</p> + +<p>Dann lächelte er und sagte: »Nein«, dabei das Blatt wieder +zurücknehmend, »Sie sind ja Schriftsteller, Seelenkenner, +Menschenkenner.<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Weshalb sollte ich Ihnen etwas verhehlen. Wissen Sie, +was das dort ist? Meine Schweigepflicht als Arzt verletze ich ja nicht, +wenn ich es Ihnen sage.«</p> + +<p>»Baldiger Tod!« sagte ich instinktiv, seine Frage beantwortend.</p> + +<p>Er nickte, tiefernst: »Jawohl, Sie haben recht, baldiger Tod, und sogar +recht baldiger Tod.« Dann versank er in Sinnen.</p> + +<p>»Und ein junger Tod,« erwiderte er, fast unbewußt, schüttelte sich dann +und lachte: »Ach was, ein alter Mann ist es!«</p> + +<p>Ich sah ihn ernst und durchdringend an. Da fuhr er nervös über die +Stirn, stand auf und sagte: »Also, liebster Freund, Ruhe, Schonung, +Diät brauchen Sie. Und wenn der Schreibtisch ruft, noch mindestens vier +Wochen Dispens. In drei Tagen möchte ich Sie nochmals sehen.«</p> + +<p>Ich ging. Ging in rätselhafter dunkler Stimmung durch den hellen +Frühlingstag<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> und wußte das eine, das wir im Laufe heller Tage so oft +und so schnell vergessen: Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.</p> + +<p>Die Allee, durch die ich schritt, stand in Blattfülle, die Wege des +Kurparkes waren von Blütenreihen, blau und weiß und rot, flankiert. Ein +Duften war überall, eine Farbenüberfülle, ein Lichtrausch, und —- so +mußte ich denken -- mitten durch diesen Glast, dieses selige Glänzen, +diese Schönheit der Welt, ging ein Wesen, jung wie alles umher, +sehnsuchtdurchseligt, blutdurchpulst und wußte nicht darum, daß, wenn +die Blütenblätter schwer und blaß hier zur Erde brachen, auch seine +Seele dahinging, auch sein Leben verhauchte wie eine sterbende Rose.</p> + +<p>Das griff mir so an die Seele, daß ich weinte, mich der Tränen nicht +schämte. Es war eine Stunde, die ich durchlebte, wo mir alles Leid und +alles Glück der Welt nah gegenüberstand, wo ich das rätselhafte Sein +alles<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Irdischen, schattenhaft erkennend, erschauernd meinen Körper +streifen fühlte.</p> + +<p>Im Garten der Kurpension kam mir Marlene entgegen, ein wenig blaß, mit +blutleeren, hellroten Lippen. Sie scherzte über unsere Begegnung beim +Arzte. Er hätte ihr beste Hoffnung gemacht, alles würde gut werden. Es +durchlief mich eisig. Ich dachte an fallende Blütenblätter.</p> + +<p>Am Abend saßen wir zusammen, die Gäste der Pension, Besuch von +auswärts. Bunte Papierlaternen durchbrachen mit schwachem Schimmer die +Sommernacht; eine junge Dame spielte Geige. Zum Schluß ein Chopinsches +Nocturne. Ich hörte die Geige aus dem Dunkel singen, tief, zitternd, +in großen klagenden Strichen schwamm die dunkle, schwermütige Weise in +die Nachbargärten. Es war mir unsäglich trüb zumute. Die hellen Stimmen +taten mir weh. Marlene saß in einem Korbstuhl, aus dem Dunkel schien +ihr<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> weißes Gesicht in unbestimmtem Oval. Ihre Augen sahen seitwärts. +Ihre schmalen Hände lagen auf den Lehnen des Stuhles. Unsäglich müde +Hände waren es, kranke Kinderhände. Auf diesen Händen stand die nahe +Ewigkeit zu lesen.</p> + +<p>Am andern Tage gingen wir durch den Kurpark. Fütterten die Goldfische +und Schwäne auf einem Weiher. Marlene fühlte sich matt, begehrte zu +sitzen. Auf einer Bank, überrieselt von gelben Blütendolden, küßte ich +Marlene. Ich weiß nicht, weshalb. Ob aus Mitleid, ob aus Sehnsucht? +Fragen, auf die ich heute die Antwort noch nicht finde. Sie küßte mich +wieder. Ihre Lippen waren kalt. Am andern Tage reiste ich ab, ich +mußte reisen, keine Gewalt der Erde hätte mich an diesem Erdenwinkel +zurückhalten können. Ich sehnte mich nach dem Meere, nach herber Luft, +nach Sturm und Wogenschrei. Nun reisten mir ihre Briefe nach. Marlenens +Briefe, schmale Blätter<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> mit krausen, zierlichen Zeilen. Als ich nach +Hause kam, erzählte ich meiner Frau alles, zeigte ihr die Briefe. Sie +las sie, saß dann ganz still. Dann stand sie auf und küßte mich. Ich +gab ihr die Hand. Fast täglich kamen die Briefe. »Liebster!« stand +darinnen, »denkst Du daran, wie wir uns küßten?« Meine Frau las alle +Briefe, las auch die, die ich Marlene zurückschrieb. »Liebste!« stand +darinnen, »ich denke daran, wie wir uns küßten im Frühling«.</p> + +<p>Und dann kam der letzte Brief. Aller reife Duft des Sommers, aller +Glanz der Sonnentage war in ihm und, das Wort: »In Kürze komme ich zu +Dir.« Meine Frau war blaß, als sie den Brief las, aber sie lächelte. +Sie lächelte tapfer. Und ich küßte sie, und küßte meinen Buben. Ich +schrieb zurück: »Ich erwarte Dich.« Und dann — dann kam nach wenigen +Tagen ein Brief mit unbekannter Schrift. Marlene war plötzlich +gestorben, mitten im Sonnenglanz, ein Lächeln und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> meinen Namen auf den +Lippen. Meine Frau und ich fuhren zum Begräbnis. Unser Bübchen nahmen +wir mit; weiße Blüten streute er mit seinen Patschhändchen in die +dunkle Gruft.</p> + +<p>Als wir heimwärts fuhren, war ein Regen über dem Lande. Alles war +dunkel, glanzlos, regenschwer. Die Natur weinte über den Heimgang +ihres schönen Kindes. — Sehen Sie, meine Herren, das ist <em class="gesperrt">meine +Geschichte</em> von einer Frau. Von zwei Frauen. Meine Frau ist +gestorben, das zweite Seelchen, dem sie Leben geben wollte, riß sie mit +sich hinab in das dunkle Reich, das wir nur ahnen, nicht kennen.</p> + +<p>Ich bin einsam geworden, ein Weltflüchtling. Aber vielleicht reif und +tief in meiner Kunst, wie ich es nie geworden wäre. Und wenn ich nach +Deutschland von meinen Wanderfahrten zurückkehre, und meinen Jungen +im Arm halte, dann weiß ich, daß ein Segen<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> auf meinem Leben ruht, +daß ich gewappnet bin gegen alles Lauernde und Böse. Dann duftet die +Vergangenheit wieder um mich in tausend Lenzblüten und ich, der langsam +Alternde, bin jung, jung und wieder ein Kind mit meinem Kinde.«</p> + +<p>Er stand auf, grüßte, und ging langsam davon. Die Gesellschaft +war stumm geworden. Kaum ein Wort fiel. Schweigend gingen wir +auseinander. Der See lag dunkel und farblos und ein kühler Nachtwind +wehte von seiner Fläche her. Die Wellen aber schlugen wieder an die +Mauerbrüstung, klingend und klagend.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> +<h2>Operation</h2> +</div> + + +<p>Wie seltsam dieses matte, fahlgelbe Licht ist, das durch die +halbgeschlossenen Vorhänge dringt. Wie Rauch ist dieses Licht. So +schwer, so atembeklemmend wird die Luft davon.</p> + +<p>Es muß noch früh sein.</p> + +<p>Von der Straße dringt kein Laut herauf in mein Krankenzimmer. Nur ab +und zu kommt aus der Ferne kurzes Hundegebell.</p> + +<p>Irgendwo, weitab, kräht ein Hahn.</p> + +<p>So liege ich fünf — zehn Minuten. Zwischen Wachen und Schlaf. Alle +Sinne sind fein gespannt und schlürfen jeden Eindruck. Nur der Körper +ist noch so unsäglich schwer, noch so schlafmatt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + +<p>Eine nahe Kirchturmuhr holt zum Schlage aus. Vier Mal. Die Töne gehen +langsam, wie mit schweren Schritten durch den fahlen Morgenschimmer und +verhauchen mit weichem Seufzer in der Ferne.</p> + +<p>Vier Uhr morgens!</p> + +<p>Ich liege mit geschlossenen Augen. So weich und wohlig ist mein Lager. +Und Schmerzen habe ich gar nicht. Ich fühle, wie mein Geist langsam in +der Spannung nachläßt. Der Schlaf besänftigt ihn mit weicher Hand.</p> + +<p>Traumbilder kommen.</p> + +<p>Da klirrt irgendwo etwas. Hell und hart. Vielleicht der kurze Anschlag +einer Weckuhr.</p> + +<p>Wie kaltes Wasser übergießt mich dieser Ton. Alle Müdigkeit fällt +plötzlich ab von mir wie ein Gewand. Hellhörig ist mein Geist; ganz +frisch mein Körper.</p> + +<p>Ich rucke im Bett auf und sitze aufrecht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p> + +<p>Durch den Vorhangspalt flutet das Morgenlicht. Ganz fahl ist es nun und +überzieht alles im Zimmer mit einer Leichenfarbe.</p> + +<p>Wenn ich mich vorbeuge, kann ich den Himmel sehen. Schwere, bleifarbene +Wolken treiben darüber hin. Wie ein gieriger Hund muß der Sturm +sie hetzen. Ich glaube sie stöhnen zu hören in ihrer Höhe wie sie +dahinrasen, mit zerfetzten Rändern.</p> + +<p>Von irgendwoher fängt mein Geist ein Wort auf.</p> + +<p>Vielleicht aus dem entfernten Rollen eines Wagens.</p> + +<p>Ich lege mich in die Kissen zurück und sage es unaufhörlich vor mich +hin: »Operation ... Operation ...« Der Wagen rollt jetzt in der Ferne. +Wie das Geräusch kleiner, rollender Kugeln trifft es mein Ohr, hart und +häßlich.<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> Und dieses Geräusch formt ersterbend das Wort: Operation ...</p> + +<p>Irgendwo im Hause schlägt eine Tür. Ein jäher Knall. Ganz deutlich, +scharf umrissen, steht das Bild vor meinem Geiste: Eine Dienstmagd oder +eine Krankenschwester. Die Türklinke ist ihr aus der Hand geglitten +und der Wind trieb die Türe zu. Nun steht das Mädchen da. Still ... +erschrocken. Nicht zu atmen wagt sie. Hineinhorchend in die Totenstille +der Klinik. Wohl zwanzig Kranke schlafen oder stöhnen da in ihren +Betten.</p> + +<p>Bläulichblaß wird das durchs Fenster sickernde Morgenlicht. Der +Himmel ist jetzt von einer gleichmäßig grauen Dunstschicht verhängt +und Regenspritzer schießen gegen die Scheiben, unregelmäßig, scharf +klirrend.</p> + +<p>Von der Straße kommen allerhand Geräusche.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>Jemand pfeift.</p> + +<p>Ich sehe in Gedanken den Bäckerjungen durch den Regenmorgen schlendern, +pfeifend, die brennende Laterne vor der Brust, die helle Kiepe auf dem +Rücken. Und beide Hände tief in den Hosentaschen.</p> + +<p>Der Bengel hat famoses musikalisches Gehör. Schwierige Passagen aus +einer modernen Operette pfeift er mit Virtuosität. Nun erklingt eine +Mundharmonika. Wahrhaftig: der — der Faustwalzer. Tanzstunden- und +Ballbilder flattern in meinem Gedächtnis auf wie jäh erschreckte Vögel. +Es muß derselbe Bäckerjunge sein. Alle Bäckerjungen sind musikalisch. +So gräßlich musikalisch.</p> + +<p>Ich habe mich eigentlich nie um eine Bäckerjungenexistenz gekümmert. +Nun dünkt es mich so angenehm, mit frischen, starken Gliedern durch den +Morgen zu wandern, die sterbenden<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Schatten der Nacht unter den Füßen, +und immer dem Scheine der an der Brust baumelnden Laterne nach. Und den +Brotgeruch zu atmen, diesen köstlichen Duft frischen Brotes.</p> + +<p>Und gesund zu sein. Viel essen zu können, gehen zu können. Wenn es +einem gelüstet, gar laufen zu können. Und sich an der Sonne freuen zu +dürfen, an den Bäumen, an Wolken, Kindern, Tieren.</p> + +<p>Fast zwei Monate liege ich schon. Mein ganzes ferneres Leben lang +wollte ich ein Bäckerjunge sein und mit der vor der Brust baumelnden +Laterne durch die fahlen Morgen wandern, wenn jetzt plötzlich jemand +ins Zimmer träte und sagte: »Du bist gesund! Erhebe Dich!«</p> + +<p>Mit weicher Hand netzt der Schlaf wieder meinen Geist ... leise, +unendlich leise ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<p>Von der Harmonika kommen nur noch verwehte Töne. Es spritzt heftiger +gegen das Fenster. Ein unmelodisches Geräusch.</p> + +<p>Ich liege mit dem Kopf tief in den Kissen Plötzlich <em class="gesperrt">fühle</em> ich, +wie jemand ins Zimmer tritt, und richte mich auf.</p> + +<p>Ich hörte die Tür nicht gehen, hörte keinen Schritt. Die +Krankenschwester steht an meinem Bette.</p> + +<p>Ein absurder Gedanke durchzuckt mein Hirn: Aufzuspringen, das junge +Weib davor mir zu umschlingen, ihre schmalen, blaßroten Lippen wund zu +küssen und von diesen Lippen das Leben zu trinken, das junge, blühende, +lachende Leben.</p> + +<p>Schon der Kraftanstrengung des bloßen Gedankens folgt eine Reaktion.</p> + +<p>Ich fühle mit trauriger Beschämung die Welkheit meiner Muskeln. Schlaff +und müde liegen meine Hände auf der Bettdecke.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<p>»Guten Morgen«, sagt Schwester Ines und greift nach meiner rechten Hand.</p> + +<p>»Sie sollten doch schlafen, ungeduldiger Patient.«</p> + +<p>In meinem Gehirn springt ein angstvoller Gedanke auf und quillt jäh +über meine Lippen: »Wann ist die Operation, Schwester Ines?«</p> + +<p>»Aber denken Sie doch gar nicht daran. Schlafen Sie nur. Ich gebe Ihnen +jetzt eine Morphiumspritze und einen Schlummertrunk. Und dann schlafen +Sie. Sie müssen schön schlafen. Wenn Sie dann aufmachen, ist alles +vorüber.«</p> + +<p>Wie gütig die Schwester spricht. Ihre Sprache ist so klingend. ›Wie +wenn eine Quelle plätschert‹, muß ich denken.</p> + +<p>Es ist heller geworden. Die bläuliche Dunstschicht ist aus dem Zimmer +gewichen<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> und ein grautrüber, regenschwerer Tag hat seine Herrschaft +angetreten.</p> + +<p>Schwester Ines entnimmt einem mitgebrachten Kästchen eine kleine +Spritze und stellt sie in ein Glas auf die marmorne Platte des +Nachttischchens.</p> + +<p>Dann entblößt sie meinen rechten Oberarm und reibt eine Stelle mit +einem spiritusgetränkten Wattebäuschchen. Ganz heiß und rot wird dort +die Haut.</p> + +<p>Mit einem Scherchen schneidet die Krankenschwester die Spitze von dem +bräunlichen gläsernen Morphiumkapselchen und saugt das Gift mit der +Spritze auf.</p> + +<p>»Es tut nicht weh. Halten Sie ganz ruhig.«</p> + +<p>Als sich die lange Nadel in die Haut bohrt, fühle ich einen kleinen, +ruckartigen Schmerz.</p> + +<p>Die Stelle schwillt weißlich an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<p>»Nun noch den Trunk«, sagt Schwester Ines und geht aus dem Zimmer.</p> + +<p>Ich sehe ihr nach, wie sie durch den Raum geht, mit so hohen, schönen +Bewegungen. Die Schwester hat das Zimmer verlassen und ich sehe sie +noch vor mir. Ganz deutlich sehe ich ihre adeligen, zierlichen Hände +mit dem feinverlaufenden bläulichhellen Geäder.</p> + +<p>Wie sonderbar wohlig mir wird. So wohlig schwer. Ich möchte schlafen +... immerfort schlafen ... einen Tag und eine Nacht lang.</p> + +<p>Und dann Bäckerjunge werden. Durch hohe, fahle Morgen wandern, immer +dem Schein des Laternchens nach. Und den Duft des Brotes atmen, diesen +köstlichen Duft. Und ab und zu auf der einsamen Wanderung solches +Brötchen essen. Solches gestohlene Brötchen, das noch ganz warm ist.</p> + +<p>»Hier, trinken Sie bitte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>Schwester Ines ist wieder geräuschlos ins Zimmer getreten. Mit einem +Zuge leere ich das dargereichte Glas. Die Schwester ordnet mein +Kopfkissen, meine Bettdecke. Dicht vor meinen Augen sind ihre Hände, +diese adeligen, schmalen Hände. Wie Wesen mit eigenem Leben erscheinen +sie mir. Trotz der Schwere aller Gefühle spüre ich den sinnlichen Reiz, +der von diesen Händen ausgeht. Es kommt wie ein Duft von diesen Händen. +Ein leiser Duft seltener Orchideen.</p> + +<p>»Nun müssen Sie schlafen.«</p> + +<p>Es ist wieder, als plätscherte die leise Quelle im Zimmer. Irgendwo von +der Decke senkt es sich schwer auf mich herab.</p> + +<p>Ich fühle, wie mich Träume umspinnen ... Auf einer Wiese bin ich. Im +Walde. Schon lange bin ich im Walde. Da klingelt etwas melodisch. Ich +sehe einen Schnitter seine<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Sense wetzen. Er steht bis an die Knie im +hohen Gras und dengelt.</p> + +<p>Aus weiter Ferne tönen Stimmen und ich höre sie doch ganz nah.</p> + +<p>Plötzlich erwache ich jäh.</p> + +<p>Wo bin ich?</p> + +<p>Ich liege auf dem Operationstische. Aerzte und Schwestern in weißen +Gewändern sind um mich her. Der eine Arzt hat die Aermel bis zum +Ellenbogen aufgekrempelt.</p> + +<p>Da ist wieder das Klirren.</p> + +<p>Eine Schwester legt Instrumente auf eine gläserne Tischplatte +Ueberhaupt diese entsetzlichen Instrumentenschränke rings herum. Durch +ein breites Fenster vor mir sehe ich den Himmel. Er ist noch so schwer, +so bleigrau. Vor dem Fenster strecken zwei verkümmerte Bäume nackte +kahle Arme wie Bettler.<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Als ob sie um Sonne flehten, sieht es aus.</p> + +<p>Eine Schwester schnürt meine Beine am Operationstische fest. Mit +breiten Riemen.</p> + +<p>»Sie sollen doch schlafen«, sagt der Doktor zu mir.</p> + +<p>Der zweite Arzt legt mir eine weiße Maske aufs Gesicht.</p> + +<p>»Atmen Sie tief ein«, sagt er.</p> + +<p>Klopf .... klopf .... fallen die Aethertropfen. Ich atme gehorsam, tief +... Widerlich bitter schmeckt es ...</p> + +<p>Ich beuge den Kopf etwas zur Seite und sehe, wie der Arzt aus zwei +kleinen Fläschchen abwechselnd auf die Maske tröpfelt.</p> + +<p>»Atmen Sie nur ganz tief.«</p> + +<p>Mir wird langsam so wohlig schwer. Als wäre ich zehn Stunden gegangen. +Durch lauter Waldgestrüpp gegangen. Und jetzt will ich schlafen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Das Tropfen hört auf.</p> + +<p>Ich bin plötzlich wieder ganz munter.</p> + +<p>»Ich bin noch ganz wach«, sage ich und meine Stimme klingt so seltsam +laut. Und die andern Stimmen sind so fern. Und mein Herz schlägt wie +rasend. Und so laut schlägt mein Herz.</p> + +<p>Ein Lied kommt mir ins Gedächtnis. Ich sage es auf. Es sind +meisterliche Verse eines längst Verstorbenen.</p> + +<p>Wieder bin ich im Walde. Unter der köstlich schattigen Buche dort will +ich ruhen. Ich lege mich auf den samtenen Moosteppich.</p> + +<p>Lauter kleine rosafarbene Wolken gehen dicht an meinen Augen vorüber. +Und ich schlafe ... schlafe ...</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> +<h2>Siegmund Federleins Liebe und seliges Sterben</h2> +</div> + + +<p>Die Sensation, die das Erscheinen Siegmund Federleins auf den Straßen +der mittleren Residenzstadt erregte, war mit den Jahren abgeflaut und +dann versiegt. Siegmund Federlein war in den festbegründeten Stand +eines Stadtoriginals eingetreten. Die Einheimischen drehten sich kaum +noch um, wenn der kleine Mann mit der unheimlichen Eile, die so seltsam +und lächerlich mit der Kürze seiner Beine im Widerspruch stand, um die +Ecken und die Straßen entlang schoß, dabei ein mächtiges Pack Bücher +(vielleicht irgendwo aus einem Familiennachlaß oder aus der von einem +Intellektuellen<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> durchgesiebten Bibliothek erstanden) unter den Armen +tragend.</p> + +<p>Siegmund Federlein war Bücherantiquarius. Wer geschäftlich mit ihm +zu tun hatte, dem wich das überlegene Spottlächeln, mit dem er der +kleinen unscheinbaren Gestalt gegenübertreten zu können vermeinte, +bald von den Lippen, denn Siegmund Federlein hatte nicht nur eine gut +fundierte, autodidaktisch erworbene Allgemeinbildung, sondern auch eine +hervorragende Begabung für sein Fach, war ein feinsinniger Bibliomane +und ein sicherer Begutachter von Stichen. Siegmund Federlein vereinigte +in seinem Wesen die drei Eigenschaften, die ein Antiquarius, der es zu +etwas bringen will, haben muß: er war ein Drittel Idealist, ein Drittel +Kenner, ein Drittel Hallunke.</p> + +<p>Auf allen Auktionen und Nachlaßversteigerungen war der kleine +verwachsene Mann zu<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> finden. Leute, deren Wünsche bei Auktionen auf +Bücher zielten, pflegten oft von Federlein gebotene Werke bis ins +Unerschwingliche im Preise emporzutreiben, während sie matt und +unschlüssig bei den von dem kleinen Antiquarius ignorierten Büchern +blieben.</p> + +<p>Die Pelikangasse, in der Siegmund Federleins Ladengeschäft lag, war ein +schmales Sträßlein, so eng, daß ein Mensch, wenn er die Arme zu den +Seiten ausspannte, die Häuser berührte. Das Alter der meisten Häuser +war wohl auf einige hundert Jahre zu schätzen. Es hatte den Gebäuden +die ehemals straffe Front genommen; sie hingen mit den Dachtraufen, +wie in einer erstarrten Verneigung, nach vorn herüber. Daß sich die +Pelikangasse in dieser mittelalterlichen Ursprünglichkeit erhalten +hatte, war dem Pietätgefühle der Stadtväter zu verdanken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> + +<p>Vor einem dieser altersverbogenen Häuslein hing das Firmenschild +Siegmund Federleins. »Buchhandlung und Antiquariat von Siegmund +Federlein« stand darauf. Nur wer gute Augen hatte, konnte es lesen, +denn die Zeit und der Regen hatten die Buchstaben arg verwaschen. +Einige Stufen führten in den Kellerladen hinunter, in dem von morgens +bis abends eine Gasflamme, in dem Dämmerdunkel notwendigste Beleuchtung +spendend, brannte.</p> + +<p>In Siegmund Federleins Laden fand sich ein bunt durcheinandergemengtes +Publikum ein. Jeder neue zufällige Kunde kam wieder und scheute aus dem +Lichtgepränge der modernen Straßen nicht den Weg in das dunkle Gäßchen, +weil der kleine Antiquar seinen Wünschen famos gerecht geworden war +und mit der seltenen Reichhaltigkeit seines Lagers jedes Begehren +zu befriedigen verstand. — Da kam<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> eine behäbige Köchin mit einem +Embonpoint, das der Fleischnot der Zeit hohnlachte und die mittels +eines »Briefstellers für Liebende« den flügellahm gewordenen Gefühlen +ihres Musketiers ein wenig auf die Beine helfen wollte, — oder ein +Tertianer kam, dessen Gehirn die Sensationen des Aufsatzthemas: +»Vergleich zwischen Schiller und Shakespeare« nur mittels einer +sogenannten Schwarte oder Eselsbrücke (eine Spezialität Siegmunds +Federleins) bewältigen konnte. Viele Intellektuelle gehörten zum +Kundenkreise des kleinen Antiquars, Professoren der Hochschule und der +Gymnasien, Oberlehrer und Kandidaten.</p> + +<p>So wirkte Siegmund Federlein wohltätig auf den Intellekt seiner +Mitbürger und okulierte, wie in dem Falle der Köchin, auf +wildgewachsene Naturtriebe den zarten Schößling einer Veredelung auf +das Aesthetische hin.<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Siegmund Federlein war ein Mensch, der belächelt +wurde als verschrobene Laune der Natur von denen, die ihn nicht +kannten; der geschätzt wurde von denen, die mit ihm in Berührung kamen, +trotz der Trivialität seines Aeußern, die noch vergröbert wurde durch +seinen grotesken Anzug. Siegmund Federleins Gehrock, den er tagaus und +tagein trug, glänzte gelb und grün und speckig, schlotterte in Falten +um seinen Träger herum und schien nur darauf bedacht zu sein, die +Lächerlichkeit seines Herrn zu vergrößern.</p> + +<p>Siegmund Federlein mochte das vierzigste Jahr überschritten haben, +da kam eine Zeit, wo das stille Gleichmaß seiner Tage in die Brüche +zu gehen drohte. Das Bächlein seines Lebens, sonst unbekümmert +dahinplätschernd, ward zum Strome, der über die Ufer griff und die +friedesamen Gärten des kleinen Antiquars gehörig unter Wasser setzte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>Es war an einem Abend im Februar. Eine harte Kälte herrschte. Der +Schnee auf den Dächern war gefroren und hing, in schwebender Lage +festgekittet, weit über die Dachtraufen hinaus. Wer die Pelikangasse +durchschritt, glaubte sich in einem überwölbten Gange zu befinden.</p> + +<p>Ein Februarabend war wie alle Februarabende. Absolut nichts +Ungewöhnliches hatte sich ereignet oder wollte sich an diesem Abend +ereignen. Die Menschen, die Beruf und Pflicht durch die Pelikangasse +führte, hatten es eilig. Mit hochgeschlossenen Rockkragen und +blauangelaufenen Nasenspitzen legten sie ihren Weg zurück. Gaffer und +Neugierige, wie sie in den modernen hellen Straßen zu hunderten die +Schaufenster belagerten, gab es in der Pelikangasse nicht. Da sich auch +die Fremden aus ihren Quartieren wegen der Kälte nicht heraustrauten<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> +— sonst waren täglich einige zu finden, die mit hochgereckten +Hälsen die altertümlichen Fassaden der Häuser, die mittelalterlichen +Schnitzereien der Eingangstüren und die buntausgemalten +Verschnörkelungen betrachteten — war die Pelikangasse an diesem Abend +recht einsam.</p> + +<p>Und doch ereignete sich an diesem Februarabend, der für andere Menschen +absolut nichts Ungewöhnliches brachte, für den Antiquarius Siegmund +Federlein etwas, das, plastisch ausgedrückt, vielleicht dasselbe war, +als wenn der kleine Antiquar, nachdem er bisher still seinen Lebensweg +geradeaus gegangen war, von einer starken Hand ein paarmal um seine +Achse gewirbelt und dann in einer der ersten gänzlich verschiedenen +Richtung abgeschoben würde.</p> + +<p>An diesem Februarabend war Siegmund Federlein allein in seinem Laden. +Er hantierte<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> mit einem Staubbesen an einem Regale herum, als die Tür +ging und die Glocke kreischend einen Kunden ankündigte.</p> + +<p>Der Kunde, ein Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, trat aus dem +Dunkel des Eingangs in den Lichtschein, der nur um ein Geringes über +den Tresen hinwegreichte. Nun konnte Siegmund Federlein deutlich den +späten Besucher sehen. Die große schlanke Gestalt des Kindes zeigte +noch die Unreife jugendlicher Formen, ein wenig gemildert durch die +kurze Pelzjacke.</p> + +<p>»Brrrrr«, machte die Kundin und rieb sich die in roten Handschuhen +steckenden Hände, »welche schreckliche Kälte ist das.«</p> + +<p>»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte der kleine Antiquar und sah ganz +starr, als sähe er etwas unerhört Neues, in die schwarzen Augen des +Kindes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> + +<p>»Ich möchte eine gute Ausgabe vom Werther,« sagte das Mädchen, »wir +wollen in der Klasse morgen damit beginnen.«</p> + +<p>Der kleine Antiquar schien nicht gehört zu haben, er starrte das Kind +immerfort an, als sähe er etwas Seltsames, Staunenerregendes. Endlich +gab er sich einen Ruck, mit der possierlichen Behendigkeit eines Affen +schoß er eine Trittleiter empor und kam mit einem Pack Bücher zurück.</p> + +<p>»Lauter Werther«, sagte er. Das Mädchen nahm einige Bände in die Hand +und zog vorher den rechten Handschuh aus. Nun sah der kleine Antiquar +immerfort auf diese Hand, die ihm unerhört schmal und von feinen Linien +dünkte. Aus dem Ärmel des Pelzjacketts kam die Hand hervor. Wo sie sich +mit dem Arme vereinigte, umschloß sie, von einigen Beryllen gehalten, +ein goldenes Kettenband. Lilienhaft<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> weiß war die Hand des Mädchens, +eine wundervoll adlige Ruhe ging davon aus, wenn sie mit spitzen +Fingern, von den Fingernägeln in zartem Oval gingen dabei kleine +Glanzlichter aus, die Seiten umwandte.</p> + +<p>Unverwandt starrte Siegmund Federlein auf diese Kinderhand, in der so +viel frauenhafte Reife lag und die einen seltsamen Gegensatz bildete zu +der jugendlichen Schmächtigkeit ihrer Besitzerin.</p> + +<p>Nach einer Weile, während das junge Mädchen in den Büchern blätterte, +sagte der Antiquar, einen Band ergreifend: »Wenn es Ihnen auf den Preis +nicht ankommt, empfehle ich Ihnen diese Ausgabe.« Er durchblätterte den +Band und sagte: »Es sind wundervolle Kupfer darin, hier sehen Sie.« Und +er zeigte ihr eine Illustration, wo Werther, die tödtliche Kugel in der +Brust, in den Augen schon überirdische<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Seligkeit, die Schatten der +Todesnacht erwartet.</p> + +<p>»Dann bitte ich um die Ausgabe,« sagte das Mädchen und nestelte aus +ihrer Pelzjacke ein, silbernes Geldtäschchen los.</p> + +<p>»Sechs Mark«, sagte Siegmund Federlein und nahm das gereichte Goldstück +und legte es auf die Tischplatte.</p> + +<p>Als die Kundin gegangen war, schlug es von der Kirche Unserer lieben +Frauen gerade acht Uhr. Schwerfällig, als erstarrten sie in der Kälte +des Winterabends, kamen die Töne durch die Dunkelheit.</p> + +<p>Da schloß Siegmund Federlein seinen Laden ab, nahm das Zehnmarkstück +und trat damit unter die Gasflamme. Er besah sich das Wappen, las die +Inschrift: »Deutsches Reich 1879 Zehn Mark«. Dann drehte er die Münze +um, besah sich den Kopf des alten Kaisers und<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> las: »Wilhelm Deutscher +Kaiser und König von Preußen«.</p> + +<p>Und dann tat der Antiquarius Siegmund Federlein etwas sehr +Merkwürdiges. Er drückte die Lippen auf das Goldstück und legte es +in den Geldschrank in das Kästchen, wo er den Siegelring seines +verstorbenen Vaters und den Trauring seiner ebenfalls in Gott ruhenden +Mutter aufbewahrte.</p> + +<p>Als Siegmund Federlein in dem kleinen, dem Laden anhängenden Kabinett +sein frugales Abendbrot verzehrt hatte, legte er sich in das im selben +Raume befindliche Bett, nachdem er sich bedächtig entkleidet hatte. +Wohl bis um Mitternacht las Siegmund Federlein im Werther. Dabei +stand, wenn er von Lotte las, vor seiner Seele immer das Bild von dem +schwarzäugigen Mädchen.</p> + +<p>Vom nächsten Tage ab geschah es, daß die<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Augen Siegmund Federleins +hastig jedem in den Laden Eintretenden entgegenflogen in der Erwartung, +es möchte das unbekannte Mädchen sein. Alle Gedanken des kleinen +Antiquars hatten nur das eine Ziel. Wie Fänge hatte sich das in seine +Seele gegraben.</p> + +<p>Und das Mädchen kam wieder. An einem Spätnachmittage im Mai, als der +letzte Schein einer schwachwärmenden Sonne einen schmalen Streifen in +die Pelikangasse legte, trat es in den Laden.</p> + +<p>Siegmund Federlein fühlte, wie er ganz rot wurde, aber in seiner Seele +war ein feiertagsfrohes Gefühl. Er nickte tüchtig, fertigte hastig +zwei Kunden ab und streckte ihr, als diese gegangen waren, die Hand +entgegen, als begrüße er irgend einen alten Bekannten: »Wie geht es +Ihnen?« Und gleich darauf fragte er (er erstaunte nachher selbst über +seine<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Kühnheit): »Wie heißen Sie eigentlich?«</p> + +<p>Das Mädchen schien etwas erstaunt, reichte dem kleinen Antiquar jedoch +die Hand und sagte: »Felicitas Wiggers. Sie nennen mich jedoch alle +Fee, Vater, Mutter, Geschwister, und die Dienstboten.«</p> + +<p>»Fee, Fee, Fee,« murmelte Siegmund Federlein vor sich hin und es war +ihm, als ob das Mädchen garnicht anders heißen konnte als Fee.</p> + +<p>Felicitas Wiggers kaufte einige Bücher und im Gespräche erfuhr der +kleine Antiquar, daß ihr Vater Landgerichtsrat und erst vor vier +Monaten nach hier versetzt worden war.</p> + +<p>»Vater ist ein großer Bücherliebhaber. Er freute sich sehr über meinen +Werther. Er sagte mir, Sie möchten ihm immer zur Ansicht senden, wenn +Sie interessante schöngeistige und philosophische Sachen hätten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>So spann sich ein Faden von dem großen Renaissancebau in der König +Wilhelm Straße zu dem kleinen Buchladen im Keller der Pelikangasse.</p> + +<p>Im Laufe der Zeit sah der Landgerichtsrat Wiggers den Antiquar Siegmund +Federlein häufig in seinem Arbeitszimmer, und stets schieden beide +vergnügt von einander, der eine, weil er seiner Bibliothek einen +neuen Zuwachs einverleiben konnte, der andere, weil er mit Fee, einer +leidenschaftlichen Bibliophilin, ein halbes Stündchen in dem großen +vornehmen Raume verplaudern konnte.</p> + +<p>So mochten wohl zwei Jahre dahingeflossen sein. Wenn im Interesse +Siegmund Federleins bisher sein Geschäft vorgeherrscht hatte, so war +es damit seit der Bekanntschaft mit Felicitas Wiggers anders geworden. +Jetzt stand die schwarzäugige Fee an der Front seines Interesses;<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> der +kleine Antiquar hatte eine stille Zuneigung zu dem schönen vornehmen +Mädchen gefaßt, die brannte in ihm gleich einer ruhigen Flamme. Diese +Zuneigung nahm seinem Leben das frühere Hastige, die Eilfertigkeit +seiner Bewegungen. Es war Siegmund Federlein oft, als fühlte er sich +von einem sanften Strome dahingetragen. Auch seine Sprache, sonst +sprudelnd und übersprudelnd, war leise und langsam geworden, und in +seinen Augen lag immer ein leiser Schimmer, ein verklärender Glanz, wie +er in weinenden Kinderaugen steht.</p> + +<p>Da griff das Schicksal mit roher Hand in das Idyll.</p> + +<p>Als Siegmund Federlein eines Spätnachmittags im Monat Juni in das +Haus des Landgerichtsrats eintrat, hörte er schon von dem öffnenden +Dienstmädchen die Kunde, daß Fee plötzlich sehr krank geworden wäre und +wohl<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> noch am Abend operiert werden müßte.</p> + +<p>Da taumelte der kleine Antiquar wieder auf die Straße hinaus und +fühlte ein Brennen am ganzen Körper, als ob er in Flammen gehüllt +wäre. Er ging mit halber Besinnung durch die Straßen der Stadt vor das +Tor hinaus, und wer den kleinen Mann dahinwanken sah, der dachte mit +lächelnder Miene und verwundert im Stillen: »Siegmund Federlein hat +einen Schwips.«</p> + +<p>Ueber den Feldern lag die Glut des Abends. Noch einmal wollte, ehe +sie Abschied nahm, die Sonne ihren Segen über die Flur gießen. Durch +ein Meer von Licht wankte ziellos, von einer fürchterlichen Angst +getrieben, der kleine Antiquar. Eine Stimme war in ihm, die ließ ihn +nicht los: »Sie stirbt, sie stirbt,« sagte diese Stimme.</p> + +<p>Als große Schatten gleich ungeheuern Tieren über das Feld liefen und +die Dämmerung<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> immer schneller kam, schritt Siegmund Federlein in +die Stadt zurück, schnell und hastig, als säße ihm jemand auf den +Fersen. Eine heiße Angst trieb ihn vorwärts und trieb ihn vor das Haus +des Landgerichtsrats. Er sah zu den Fenstern empor. Alles war hell +erleuchtet, als würde dort oben ein fröhliches Fest gefeiert, als +klängen dort oben feingeschliffene Kelche aneinander und wetteiferten +mit dem Glanze froher Menschenaugen. Einen Augenblick blieb Siegmund +Federlein stehen, dann trat er ein. Die Haustür stand offen; so +schritt er die Treppen hinauf. Kein Mensch war zu sehen. Da trat +plötzlich aus einem Zimmer der Landgerichtsrat. Die sonst aufgereckte +Gestalt schien gebeugt zu sein unter einem ungeheuern Schmerze. Als +der kleine Antiquar den stattlichen Mann weinen sah, schlich er die +Treppen hinunter und trat auf die Straße.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Er hörte noch, wie das +Hausmädchen hinter ihm herkam und sagte: »Vor einer halben Stunde ist +sie gestorben.«</p> + +<p>Im Eilschritt hastete er zu seinem Laden in der Pelikangasse und schloß +hinter sich ab.</p> + +<p>In ihm, der nie heftig gewesen war, in dessen Seele immer ein stiller +Pantheismus, eine Religion der Versöhnung, gewohnt hatte, wütete es auf +und sein Gesicht verzerrte sich aus lauter Ekel, aus lauter Zorn zur +Grimasse. Dann brach es aus ihm heraus wie ein Schrei: »Wie kann das +sein! Wie kann das Leben so tölpelhaft sein, so roh! Ich verstehe das +Leben nicht. Wo soll da der tiefere Sinn des Lebens liegen, wenn es +so brutal die Schönheit, die Jugend, die Hoffnung zerschlägt? Ist das +Leben, das Schicksal nicht ein Unsinn, ein wüstes, blindes Walten!«</p> + +<p>Dann kam in weicher Woge wieder der<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Schmerz über ihn. Er setzte sich +auf sein Bett und schluchzte still in sich hinein. Dann streckte er +mit rührend-kindlicher Bewegung die Arme aus, als wollte er etwas +greifen und an die Brust ziehen. Und seine Lippen flüsterten: »Fee, +liebe, liebe kleine Fee!« Seine Brust war umklammert von einem wilden +Schmerze, ein Würgen war in seiner Kehle, als preßten grobe Hände sie +zusammen. Siegmund Federlein saß zusammengekauert da. Vom Laden her +legte die Gasflamme einen schmalen Lichtstreif ins Zimmerchen.</p> + +<p>Ab und zu kam ein Schritt die Stufen herunter und eine Hand rüttelte an +der Klinke der Ladentür.</p> + +<p>Siegmund Federlein saß ganz still, den Kopf zwischen die Schultern +gezogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Und immerfort drang +aus seinem Munde heiseres Schluchzen.<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> »Sinnlos, sinnlos, sinnlos!« +murmelte er vor sich hin.</p> + +<p>Plötzlich stand er auf und das Planvolle seiner Bewegungen verriet +den festen Entschluß seines Herzens. Er holte die Geschäftsbücher aus +dem Geldschrank, rechnete, schrieb, legte hier ein Zettelchen hinein +und dort. Auch einige Briefe schrieb er und legte sie auf das Pult. +Dann zog er seinen besten Anzug an, ein schwarzer Anzug, aus dem +Hochzeitsfracke seines Vaters gefertigt, holte von einem Regale einen +Wertherband und schrieb daraus mit ruhiger Hand auf ein Stück Papier +folgende Stelle der letzten Seiten: »Alles ist so still um mich her, +und so ruhig meine Seele. Ich danke Dir, Gott, der Du diesen letzten +Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenkest.«</p> + +<p>Das Blatt steckte Siegmund Federlein in die Brusttasche, gerade über +dem Herzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Dann löschte er das Licht, schloß die Ladentür auf und ging in die +warme Nacht hinaus.</p> + +<p>Auf einem weiten Felde, unter dem Glanze der nächtigen Gestirne, schoß +sich der kleine Antiquar Siegmund Federlein eine Kugel in die Brust. +Die Kugel saß mitten im Herzen, und mitten durch das Blatt mit Werthers +letzten Zeilen war sie gegangen.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s3 center"><b>Werke</b></p> +<p class="center">von</p> +<p class="s3 center"><b>Otto Buchmann</b></p> +<p class="s4 center">aus Tischbeins Verlag / Hannover</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<p class="s2 center">Marias Lied</p> +<p class="s3 center">Mit einem Geleitwort von Ludwig Finckh</p> +<p class="s4 center"><i>60. Tausend.</i> Gebunden 5 Mark</p><br> +</div> + +<p><em class="gesperrt">Berliner Börsen-Nachrichten</em> (Otto von Huth):</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>Dieses Buch enthält eine so verschwenderische Fülle an Schönheit, +Liebe und Sehnsucht, daß es ist, als sei der Extrakt aus unserer +gesamten Liebesliteratur in dieses Kunstwerk gegossen, der nun in +goldenen Wellen an dem Herzen des bezauberten Lesers emporbrandet. +Mit andächtigem Schauer liest man die wunderfeinen Gedanken über +die Frauen, die hier geschildert sind als »heimliche Königinnen«, +bezeichnet als »feine Schmerztrösterinnen und zarte Leidheilerinnen, +denen man Lichtfeiern bereitet und helle Tempel baut. — Aber es ist +doch nicht das Lied von den Frauen, es ist Marias Lied«, sagt der +große Dichter weiter, »Maria, deren Gebärden Schönheit sind, die +unsichtbare Rosen bricht und in deren Händen die Sehnsucht weißer +Nächte schläft«. — Beim Lesen dieses Buches stockt der Atem. Es ist +als stünde man in einem goldenen Tempel und von den Emporen tönt der +Silberton hauchzarter Engelsstimmen Liebeswunder in das zitternde Herz +hinein. Ein Buch, in dem Wirklichkeit unwirklich wird. Ein Liebesgebet, +in Seelenfeierstunden zu beten, allein, oder falls das Unwirkliche, +unbeschreibliche zur Wirklichkeit geworden ist, mit »der reinsten Frau +auf Erden, mit Maria«.</p><br> +</div> + +<p><em class="gesperrt">Königsberger Hartungsche Zeitung</em> (Endres Endrulath):</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Wundervolle Klänge in gar verschiedenen Ausdrucksformen sind +es, die dieses Hohelied voll Liebe zu den Frauen bilden. Klänge +voll reiner, gewaltiger Wirkung. Das Buch ist von tiefster +Empfindung durchströmt. Tut sich uns kund, zu Herzen dringend und +klingend, schönheitdurchpulst, anbetungsvoll sehnsüchtig, seelisch +verinnerlicht, erwartungsvoll schwelgend, bald sieghaft jubelnd, bald +schwärmerisch träumend. Immer neue Hymnen auf das Wesen der fraulichen +Menschgestaltung ertönen aus diesem Kunstwerk. So klingt es in süßen +Melodien aus des Dichters schönheitszitternden Wortformen, die sich, +kostbarem Geschmeide gleich, zu einer schimmernden Marien-Krone +unvergänglichen Wertes gestalten. So leuchtet und funkelt es in +goldenen Strahlen aus jedem Bilde, das der Dichter um die wieder +und wieder veränderte Gestalt Marias malt, die er in seinem, der +Frauenseele ganz ergebenem Geiste, so vielfach gewandelt erschaut. +Mit seltener Kunst schöpft Otto Buchmann jeweils nur so aus dem ihm +schier unergründlichen Brunnen seiner Frauenverehrung, was seinem +inneren Empfinden und Miterleben der erdachten fraulichen Eigenschaft +entspricht, und daher wirken die beiden Grundtöne »Liebe und Natur«, +auf denen dieses Hohelied aufgebaut ist, in ihren wechselvollen +Wohllauten wie ein Sphärenklang aus einer anderen besseren Welt. +Gott schenke dem Dichter noch viele solcher Offenbarungen. Es +sind edelschöne Erhebungen, die uns ringende Menschen von dem +Alltagsmißklang der Welt zu befreien vermögen.</p><br> +</div> + +<p><em class="gesperrt">Braunschweiger Neueste Nachrichten</em> (<span class="antiqua">Dr.</span> Laßbiegler):</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Kann es wundernehmen, wenn heute der Frau ein ekstatischer Dithyrambus +gesungen wird, wenn heute eine der Wirklichkeit müde Seele in die +Weltenferne des Schönheitskultus und der Einstimmung in die Natur +entflieht? In diesem Buche ist aller Eigenwille ausgeschaltet, die +Urkraft aller dramatischer lebensechter und lebensstarker Verknüpfung. +Hier ist alles eingestellt auf den Passivismus erregender Strömungen, +Schwingungen, Stimmungen, auf den sekundären Willen. Ein rein lyrisches +Gemüt lebt sich hier aus in schillerndem und klingendem, sich nicht +ersättigendem Wortgepränge, lebt sich aus in schwelgender Erwartung +und Dankbarkeit, die aus tiefen Erlebnissen des Herzens steigen mögen +und ausklingen in dem Bekenntnis: »Einen Menschen lieb haben und die +Sonne untergehen sehen, das ist schließlich doch aller Erkenntnisse +letzter Schluß und alle Schönheit.« — Marias Hohelied — auch der +Natur Hohelied; denn: »niemals habe ich so rein gefühlt als jetzt, daß +die Schönheit der Seele nur auf der Grundlage tiefster Liebe zu der +Natur beruhen kann.« Ein altes, wahres, immer wieder gesuchtes und +immer wieder gefundenes Dogma. Ein rein deutsches, auf das wir immer +wieder verfallen, wenn uns vor der Wirklichkeit graut und wir uns in +uns selbst verlieren. Und wer fände da nicht Verwandtes, ob ers nun +sagen oder bloß fühlen kann, ob ers nun zu stammeln oder in rhythmisch +einherschreitenden Psaltern auszusprechen vermag wie Otto Buchmann? +Weib und Natur — ein enger Kreis, ein weiter Kreis! Der eine fühlt, +der andere lebt in ihm. Otto Buchmann ist einer von jenen, die danken +und anbeten. Wohl den Frauen, denen ein solches Lied gilt!</p><br> +</div> + +<p class="s2 center">Ich trage meine Minne ...</p> + +<p class="s3 center">Verse</p> + +<p class="center"><i>20. Tausend.</i> Gebunden 5 Mark</p> + + +<p>Rheinisch-Westfälische Zeitung:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Echte goldene Schätze aus tiefinnerstem Gefühl wie aus dem dunklen +Schacht eines Bergwerks emporgehoben, ohne alle Schlacken, und in eine +aufs feinste ziselierte Form gebracht. Gebete einer schönheitstrunkenen +Seele.</p><br> +</div> + +<p>Braunschweigische Landeszeitung:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Diese Verse sind Kostbarkeiten, geschliffene Edelsteine, deren Glanz +von jeder Seite der gleiche bleibt, deren gedämpftes und doch klares +Feuer ungemein wohltut, besonders weil bei aller Beherrschung der Form +diese Verse schlicht und einfach erscheinen. Literarische Vergleiche +stimmen gewöhnlich noch weniger als andere, aber bei diesen Versen +denkt man an die besten Namen unserer klassischen Lyrik, etwa an +Eichendorff, Mörike, Storm. Der Dichter hat tief in sich hinein +gehorcht, als seine Seele der klingende Brunnen war, in dem diese +Verse schliefen. Wie in »Marias Lied« offenbart er hier ein hohes +Priestertum des Schönen und Guten, dabei hat man das sichere Gefühl, +daß hinter diesen so scheinbar ruhigen Gedichten das volle blutrote +Leben steht, daß sein Gewinn aber nicht die Leidenschaft ist, sondern +nach ihr und durch ihre Erfahrung die Ruhe und Stille, die Rast nach +der Unrast. Daher sind sie keine blutlose Aesthetik, sondern atmen die +Abgeklärtheit, den Geigenklang in Mondscheinnächten nach dem Sturm. Sie +sind tief menschlich, und das ist wohl das Beste, was man darüber sagen +kann. +</p> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75592 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75592-h/images/cover.jpg b/75592-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e5d2f46 --- /dev/null +++ b/75592-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..1a8f596 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #75592 (https://www.gutenberg.org/ebooks/75592) |
