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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***
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+ Der deutsche Spielmann
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+ +Eine Auswahl+ aus dem +Schatze deutscher Dichtung+
+ für Jugend und Volk
+ Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
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+ [Illustration]
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+ Hellas
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+ Griechisches Leben und altklassischer
+ Geist in deutscher Wiedergeburt
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+ Zweite, veränderte Auflage
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+ [Illustration]
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+ +München 1925+
+ Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns
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+ Druck von Kastner & Callwey in München
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+Inhalt
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+ Seite
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+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
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+ Hyperions Schicksalslied (Hölderlin) 4
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+ Iphigeniens Parzenlied (Goethe) 5
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+ Prometheus (Goethe) 6
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+ Aus der Iliade:
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+ Hektor und Andromache (Grimm) 8
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+ Hektors Abschied (Schiller) 14
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+ Hektors Tod (Voß) 16
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+ Aus der „Penthesilea“:
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+ Achills Tod (Kleist) 25
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+ Aus der Odyssee:
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+ Odysseus und Polyphem (Richter) 34
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+ Nächtliche Fahrt (Meyer) 42
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+ Die sterbende Meduse (Meyer) 45
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+ Griechische Spiele (Pfizer) 46
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+ Die Mutter des Siegers (Heyse) 48
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+ Die Kraniche des Ibykus (Schiller) 52
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+ Der Sieger (Salus) 59
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+ Tod des Perikles (Greif) 60
+
+ Der Bote von Marathon (Gaudy) 62
+
+ Der junge Themistokles (Alsen) 66
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+ Salamis (Lingg) 67
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+ Themistokles in Olympia (Greif) 68
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+ Ein Dichter in der Schlacht von Salamis (Fischer) 68
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+ Grab des Themistokles (Geibel) 70
+
+ Historischer Adelsklub (Spitteler) 71
+
+ Die gefesselten Musen (Meyer) 71
+
+ Der trunkene Gott (Meyer) 72
+
+ Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? (Hebbel) 75
+
+ Der Ring des Polykrates (Schiller) 77
+
+ Der befreite Prometheus (Dehmel) 80
+
+ Alexander Ypsilanti auf Munkacs (Müller) 86
+
+ Aus dem „Abschied von Griechenland“ (Vierordt) 87
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+[Illustration]
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+ Hellas! -- Aus abgrundtiefem Meer
+ Hebt sich ein sonnbeglänzter Strand.
+ Blauseiden spannt sich’s drüber her --
+ So schaut ich dich, mein Griechenland.
+ Und hohe Tempel sah ich stehn
+ Auf schlanken Säulen, weit und licht,
+ Und Götter, stolz und marmorschön,
+ Mit reinem Menschenangesicht.
+
+ Du Volk der Schönheit, sei gegrüßt,
+ Gegrüßt mir auf Olympias Flur!
+ Aus deines Lebens Quelle fließt
+ Auch Deutschlands edelste Kultur.
+ Was deine Heldenschar erstritt,
+ Was deiner Künstler schönster Traum,
+ Die deutsche Jugend lebt es mit
+ Noch heut, vergessend Zeit und Raum.
+
+ Und deutsche Dichter schufen neu
+ Die alte Griechenherrlichkeit
+ Und gaben ihre Melodei
+ Dem längstverrauschten Völkerstreit,
+ Und zeigten, wie im heitern Spiel
+ Des Griechen dunkler Ernst gebot,
+ Wie ihn ein stolzes Hochgefühl
+ Ließ lachend schreiten in den Tod.
+
+ Nicht was aus fremdem Idiom
+ Die scharfgeschliffne Brille liest,
+ Nur was als frischer Lebensstrom
+ Durch deutsche Dichteradern fließt,
+ Was wieder Blut von unserm Blut
+ Und Geist von unserm Geiste ward:
+ Das weckt aufs neu den Tatenmut
+ Und lockt die stammverwandte Art.
+
+ Wer finden will hellenisch Land
+ Und griechisch Leben möcht verstehn,
+ Dem reicht der Spielmann heut die Hand
+ Und lehrt mit Dichteraugen sehn,
+ Mit Dichteraugen groß und weit,
+ Durchdringend der Geschichte Dunst --
+ Denn lebenswarme Wirklichkeit
+ Wird Hellas nur im Reich der Kunst.
+
+ Der deutsche Spielmann
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+
+
+
+Hyperions Schicksalslied
+
+ Ihr wandelt droben im Licht
+ Auf weichem Boden, selige Genien!
+ Glänzende Götterlüfte
+ Rühren euch leicht,
+ Wie die Finger der Künstlerin
+ Heilige Saiten.
+
+ Schicksallos, wie der schlafende
+ Säugling, atmen die Himmlischen;
+ Keusch bewahrt
+ In bescheidener Knospe,
+ Blühet ewig
+ Ihnen der Geist,
+ Und die seligen Augen
+ Blicken in stiller
+ Ewiger Klarheit.
+
+ Doch uns ist gegeben,
+ Auf keiner Stätte zu ruhn,
+ Es schwinden, es fallen
+ Die leidenden Menschen
+ Blindlings von einer
+ Stunde zur andern,
+ Wie Wasser von Klippe
+ Zu Klippe geworfen,
+ Jahrlang ins Ungewisse hinab.
+
+ Christ. Friedr. Hölderlin
+
+
+
+
+Iphigeniens Parzenlied
+
+ „Es fürchte die Götter
+ Das Menschengeschlecht!
+ Sie halten die Herrschaft
+ In ewigen Händen
+ Und können sie brauchen,
+ Wie’s ihnen gefällt.
+
+ Der fürchte sie doppelt,
+ Den je sie erheben!
+ Auf Klippen und Wolken
+ Sind Stühle bereitet
+ Und goldene Tische.
+
+ Erhebet ein Zwist sich,
+ So stürzen die Gäste,
+ Geschmäht und geschändet,
+ In nächtliche Tiefen,
+ Und harren vergebens,
+ Im Finstern gebunden,
+ Gerechten Gerichtes.
+
+ Sie aber, sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ Sie schreiten vom Berge
+ Zu Bergen hinüber;
+ Aus Schlünden der Tiefe
+ Dampft ihnen der Atem
+ Erstickter Titanen,
+ Gleich Opfergerüchen,
+ Ein leichtes Gewölke.
+
+ Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern,
+ Und meiden, im Enkel
+ Die ehemals geliebten
+ Still redenden Züge
+ Des Ahnherrn zu sehn.“
+
+ So sangen die Parzen;
+ Es horcht der Verbannte
+ In nächtlichen Höhlen,
+ Der Alte, die Lieder.
+ Denkt Kinder und Enkel,
+ Und schüttelt das Haupt.
+
+ Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+Prometheus
+
+
+ Bedecke deinen Himmel, Zeus,
+ Mit Wolkendunst
+ Und übe, dem Knaben gleich,
+ Der Disteln köpft,
+ An Eichen dich und Bergeshöhn!
+ Mußt mir meine Erde
+ Doch lassen stehn,
+ Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
+ Und meinen Herd,
+ Um dessen Glut
+ Du mich beneidest.
+
+ Ich kenne nichts Ärmeres
+ Unter der Sonne, als euch, Götter!
+ Ihr nähret kümmerlich
+ Von Opfersteuern
+ Und Gebetshauch
+ Eure Majestät,
+ Und darbtet, wären
+ Nicht Kinder und Bettler
+ Hoffnungsvolle Toren.
+
+ Da ich ein Kind war,
+ Nicht wußte, wo aus noch ein,
+ Kehrt ich mein verirrtes Auge
+ Zur Sonne, als wenn drüber wär
+ Ein Ohr, zu hören meine Klage,
+ Ein Herz, wie meins,
+ Sich des Bedrängten zu erbarmen.
+ Wer half mir
+ Wider der Titanen Übermut?
+ Wer rettete vom Tode mich,
+ Von Sklaverei?
+ Hast du nicht alles selbst vollendet,
+ Heilig glühend Herz,
+ Und glühtest jung und gut,
+ Betrogen, Rettungsdank
+ Dem Schlafenden da droben?
+
+ Ich dich ehren, wofür?
+ Hast du die Schmerzen gelindert
+ Je des Beladenen?
+ Hast du die Tränen gestillet
+ Je des Geängstigten?
+ Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
+ Die allmächtige Zeit
+ Und das ewige Schicksal,
+ Meine Herrn und deine?
+ Wähntest du etwa,
+ Ich sollte das Leben hassen,
+ In Wüsten fliehen,
+ Weil nicht alle
+ Blütenträume reiften?
+ Hier sitz ich, forme Menschen
+ Nach meinem Bilde,
+ Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
+ Zu leiden, zu weinen,
+ Zu genießen und zu freuen sich,
+ Und dein nicht zu achten,
+ Wie ich.
+
+ Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+Aus der Iliade
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+
+Hektor und Andromache
+
+ Aber Hektor fand in den Gemächern
+ Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde
+ Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte,
+ Und als er nirgends im Hause seine Frau
+ Antraf, trat er unter die Türe des Hauses:
+ „Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin
+ Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa
+ Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen?
+ Oder betet sie mit den andern Fraun,
+ Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt,
+ Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“
+
+ Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf:
+ „Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn:
+ Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen,
+ Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen,
+ Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr,
+ Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie,
+ Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“
+
+[Illustration]
+
+ Aber Hektor eilte denselben Weg
+ Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter,
+ Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt.
+ Dort kam laufend Andromache ihm entgegen,
+ Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter,
+ Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos,
+ Über Kilikiens Männer herrschte: dessen
+ Tochter gewann einst Hektor, und die traf er
+ Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin,
+ Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde.
+ Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst
+ Gern Skamandrios nannte: aber die andern
+ Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch
+ Troja hielt und beschützte.
+
+ Und er lächelte schweigend über dem Kinde,
+ Und Andromache stand an seiner Seite,
+ Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte:
+ „Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert
+ Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau,
+ Die bald nun deine arme Witwe sein wird?
+ Denn dich töten bald nun die Achäer,
+ Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre
+ Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja
+ Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst.
+ Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater
+ Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte
+ Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht:
+ Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung,
+ Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf,
+ Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen,
+ Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich:
+ Alle opfert’ Achill an jenem Tage
+ Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter
+ Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei,
+ Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana
+ Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet.
+ Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder!
+ Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir!
+ Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib
+ Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum
+ Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt
+ Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht.
+ Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf,
+ Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet,
+ Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“
+
+ „Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du.
+ Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas
+ Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen.
+ Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen.
+ Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres
+ Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben.
+ Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s:
+ Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja
+ Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk!
+ Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend
+ Und der Sturz des Königs und meiner Mutter
+ Und der Brüder und all der Tapfern, die
+ Unter den Feinden dann im Staube liegen,
+ So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht,
+ Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern
+ Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage,
+ Die du in Argos dann am fremden Webstuhl
+ Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend
+ Wasser holst an der Quelle Messeis oder
+ Hyperia! Und einer, der dich da
+ Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht:
+ »Das ist Hektors Weib, der so tapfer war,
+ Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.«
+ Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem
+ Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege
+ Längst im Dunkel der Erde und höre
+ Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“
+
+ Und so sprechend griff nach seinem Kinde
+ Hektor; aber das warf sich schreiend herum
+ Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters
+ Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es.
+ Und sein lieber Vater und seine Mutter
+ Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab,
+ Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind,
+ Tänzelte es mit beiden Händen und rief,
+ Auf zu Zeus und den andern Göttern betend:
+
+[Illustration]
+
+ „Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind
+ Gleich mir unter den Troern einst voranstehn!
+ Tapfer sein und über Ilion herrschen,
+ Daß die Sage einmal im Volke gehe:
+ Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe
+ Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten
+ Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt,
+ Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend,
+ Legt er das Kind in seiner Mutter Arme,
+ Und sie nahm es an ihre atmende Brust,
+ Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend,
+ Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß
+ Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten.
+ Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner,
+ Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab,
+ Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden.
+ Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm,
+ Denn es waltet von Anfang an. Deshalb
+ Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft,
+ Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an,
+ Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber
+ Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist,
+ Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte
+ Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau
+ Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie
+ Still und sah sich um nach ihm und weinte.
+ Und zu Hause, als die Mägde sie sahen,
+ Weinten und jammerten sie, und Hektor war
+ Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine,
+ Daß er jemals wieder nach Hause käme.
+
+ Hermann Grimm
+
+
+Hektors Abschied
+
+Andromache:
+
+ Will sich Hektor ewig von mir wenden,
+ Wo Achill mit den unnahbarn Händen
+ Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
+ Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
+ Speere werfen und die Götter ehren,
+ Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?
+
+Hektor:
+
+ Teures Weib, gebiete deinen Tränen!
+ Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,
+ Diese Arme schützen Pergamus,
+ Kämpfend für den heilgen Herd der Götter
+ Fall ich und, des Vaterlands Retter,
+ Steig ich nieder zu dem styg’schen Fluß.
+
+Andromache:
+
+ Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
+ Müßig liegt dein Eisen in der Halle,
+ Priams großer Heldenstamm verdirbt.
+ Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,
+ Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
+ Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
+
+Hektor:
+
+ All mein Sehnen will ich, all mein Denken
+ In des Lethe stillen Strom versenken,
+ Aber meine Liebe nicht.
+ Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern,
+ Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern!
+ Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.
+
+ Friedr. v. Schiller
+
+[Illustration]
+
+
+Hektors Tod
+
+ Also weineten beide, den trautesten Sohn anflehend,
+ Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;
+ Nein, er erharrt Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.
+ So wie ein Drach im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,
+ Statt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;
+ Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft;
+ So unbändigen Mutes verweilt auch Hektor und wich nicht,
+ Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;
+ Unmutvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:
+ „Wehe mir! Wollt ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn,
+ Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,
+ Welcher mir riet, in die Veste das Heer der Troer zu führen;
+ Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.
+ Aber ich hörete nicht; wie heilsam hätt ich gehöret!
+ Jetzo, nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,
+ Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,
+ Daß nicht einst mir sage der Schlechtern einer umher wo:
+ »Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!«
+ Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:
+ Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,
+ Oder auch selbst ihm zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.
+ Aber legt ich zur Erde den Schild von geründeter Wölbung,
+ Samt dem gewichtigen Helm, und, den Speer an die Mauer gelehnet,
+ Eilt ich entgegenzugehn dem tadellosen Achilleus,
+ Und verhieß ihm Helena selbst und ihre Besitzung,
+ Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen
+ Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,
+ Daß er zu Atreus Söhnen es führt; auch dem Volke von Argos
+ Anderes auszuteilen, wieviel auch heget die Stadt hier;
+ Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,
+ Nichts imgeheim zu entziehn, nein, zwiefach alles zu teilen,
+ Was auch die liebliche Stadt an Gut in den Wohnungen einschließt: --
+ Aber warum doch bewegte das Herz mir solche Gedanken?
+ Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein, sonder Erbarmung
+ Würd er, ohn einige Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,
+ Grad hinweg wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.
+ Jetzo fürwahr nicht gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen
+ Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,
+ Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.
+ Besser zu feindlichem Kampf an rennen wir! Daß wir in Eile
+ Sehn, wem etwa von uns der Olympier gönne den Siegesruhm!“
+
+ Also erwog er, und blieb. Doch nah ihm wandelt Achilleus,
+ Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,
+ Welchem Pelions Esch auf der rechten Schulter entsetzlich
+ Bebete; aber das Erz umleuchtet’ ihn, ähnlich dem Schimmer
+ Lodernder Feuersbrunst, und der hell aufgehenden Sonne.
+ Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte: nicht auch vermocht’ er
+ Dort zu bestehn, und er wandte vom Tore sich, ängstlich entfliehend.
+ Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.
+ So wie ein Falk des Gebirgs, der behendeste aller Gevögel,
+ Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;
+ Seitwärts schlüpft sie oft: doch nah mit hellem Getön ihr
+ Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:
+ So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor
+ Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.
+ Beid an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenhügel,
+ Immer hinweg von der Mauer entflogen sie über den Fahrweg.
+ Und sie erreichten die zwei schönsprudelnden Quellen, woher sich
+ Beide Bäch ergießen des wirbelvollen Skamandros.
+ Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr
+ Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;
+ Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel.
+ Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.
+ Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,
+ Schön, aus Steinen gehauen, wo die stattlichen Feiergewande
+ Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,
+ Als noch blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam.
+ Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.
+ Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte,
+ Stürmenden Laufs: denn nicht um ein Weihvieh oder ein Stierfell
+ Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;
+ Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektor.
+ So wie zum Siege gewöhnt, um das Ziel starkhufige Rosse
+ Hurtiger drehen den Lauf; denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,
+ Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:
+ Also kreiseten sie dreimal um Priamos Veste
+ Rasch mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.
+
+[Illustration]
+
+ Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater:
+ „Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja,
+ Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich,
+ Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar
+ Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,
+ Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,
+ Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.
+ Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß,
+ Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo
+ Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“
+ Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
+ „Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!
+ Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis,
+ Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?
+ Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“
+
+ Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
+ „Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
+ Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.
+ Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“
+
+ Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin;
+ Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
+
+ Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus,
+ Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,
+ Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche;
+ Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig,
+ Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden:
+ So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus.
+ Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore
+ Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr,
+ Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten;
+ Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts
+ Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.
+ Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen;
+ Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen.
+ So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener.
+ Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes,
+ Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon
+ Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel?
+
+ Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus,
+ Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;
+ Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme.
+ Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet,
+ Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater,
+ Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes,
+ Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor.
+ Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal
+ Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon.
+ Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene;
+ Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
+
+ „Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus,
+ Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen,
+ Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers.
+ Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,
+ Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon,
+ Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters.
+ Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber
+ Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“
+
+ Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens,
+ Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.
+ Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor,
+ Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;
+ Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
+
+ „Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,
+ Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!
+ Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“
+
+ Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
+ „Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder,
+ Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter;
+ Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren,
+ Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm,
+ Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“
+
+ Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
+ „Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,
+ Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch,
+ Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung.
+ Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer.
+ Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht
+ Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus
+ Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt
+ Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“
+
+ Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.
+ Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
+ Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor:
+
+ „Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo!
+ Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend,
+ Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,
+ Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle!
+ Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten
+ Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.
+ Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir
+ Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben:
+ Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus,
+ Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“
+
+ Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
+ „Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert!
+ Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet,
+ Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen,
+ Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:
+ So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,
+ Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz
+ Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
+ Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir,
+ Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger!
+ Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene,
+ Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal,
+ Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“
+
+[Illustration]
+
+ Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze.
+ Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;
+ Denn er sank in die Knie; und es flog der eherne Wurfspieß
+ über ihn weg in die Erd; ihn begriff und reichte die Göttin
+ Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.
+ Hektor aber begann zu dem tadellosen Achilleus:
+ „Weit gefehlt! Nein, schwerlich, o göttergleicher Achilleus,
+ Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;
+ Sondern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,
+ Daß ich, vor dir hinbebend, des Muts und der Stärke vergäße.
+ Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;
+ Sondern vorn, dem gerad Anstürmenden, stoß in die Brust ihn,
+ Wenn dir ein Gott es verlieh! Nun aber vermeid auch die Schärfe
+ Meines Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!
+ Weit ja erträglicher würde der Kampf für die Männer von Troja,
+ Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!“
+ Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,
+ Traf, und verfehlete nicht, gerad auf den Schild des Peleiden;
+ Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,
+ Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
+ Stand und schaute bestürzt; denn es war kein anderer Wurfspieß.
+ Laut zu Deiphobos drauf, dem weißgeschilderten, ruft er.
+ Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.
+ Hektor erkannt es anjetzt in seinem Geist, und begann so:
+
+ „Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!
+ Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn;
+ Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.
+ Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch;
+ Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches
+ Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich
+ Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal!
+ Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,
+ Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“
+
+ Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus,
+ Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;
+ An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,
+ Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken
+ Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein:
+ Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.
+ Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm
+ Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor,
+ Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend,
+ Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes
+ Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
+ Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,
+ Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:
+ Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus
+ Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor,
+ Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte.
+ Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung,
+ Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;
+ Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet,
+ Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens:
+ Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,
+ Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.
+ Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel,
+ Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche;
+ Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus;
+ „Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos,
+ Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten.
+ Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer
+ Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben,
+ Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel
+ Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“
+
+ Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor:
+ „Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern,
+ Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen;
+ Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes
+ Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter,
+ Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat
+ Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“
+
+ Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
+ „Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern!
+ Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen
+ Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!
+ Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!
+ Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung,
+ Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!
+ Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte
+ Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter
+ Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren;
+ Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“
+
+ Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor:
+ „Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen
+ Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen.
+ Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,
+ Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon
+ Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“
+
+ Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn;
+ Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
+ Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
+
+ Johann Heinrich Voß
+
+
+
+
+Aus der „Penthesilea“
+
+
+Achills Tod
+
++Odysseus+:
+
+ Wir zogen aus, auf des Atriden Rat,
+ Mit der gesamten Schar der Myrmidonen,
+ Achill und ich: Penthesilea, hieß es,
+ Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden,
+ Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten,
+ Von Amazonen, heißer Kampflust voll,
+ Durch der Gebirge Windungen heran,
+ Den Priamus in Troja zu entsetzen.
+ Am Ufer des Skamandros, hören wir,
+ Deiphobus auch, der Priamide, sei
+ Aus Ilium mit einer Schar gezogen,
+ Die Königin, die ihm mit Hilfe naht,
+ Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen
+ Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner
+ Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen;
+ Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug.
+ Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte,
+ Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch,
+ Da wir in einem weiten Tal vor uns
+ Mit des Deiphobus Iliern im Kampf
+ Die Amazonen sehn! Penthesilea,
+ Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk,
+ Weht der Trojaner Reihen vor sich her,
+ Als gält es übern Hellespont hinaus,
+ Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen.
+ Wir sammeln uns,
+ Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein
+ Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn,
+ Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße.
+ Auf diesen Anblick stutzt der Priamide;
+ Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich
+ Die Amazonenfürstin zu begrüßen:
+ Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt.
+ War je ein Rat einfältiger und besser?
+ Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt,
+ Ins Ohr verständiger mir flüstern können?
+ Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch,
+ Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet,
+ In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen,
+ Sie muß zu einer der Partein sich schlagen;
+ Und uns die Freundin müssen wir sie glauben,
+ Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt.
+ Nun gut.
+ Wir finden sie, die Heldin Scythiens,
+ Achill und ich -- in kriegerischer Feier
+ An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt,
+ Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel,
+ Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend,
+ Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund.
+ Gedankenvoll, auf einen Augenblick,
+ Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer,
+ Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden;
+ Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich,
+ Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:
+ Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:
+ Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,
+ Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie
+ Die Welt in helle Flammenlohe auf.
+ Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung,
+ -- Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn --
+ Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt,
+ Die Zügel einer Dienrin überliefernd,
+ Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe.
+ Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut,
+ Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen;
+ Was für ein Haß den Priamiden längst
+ Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich,
+ So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein;
+ Und was der Augenblick noch sonst mir beut:
+ Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede,
+ Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet
+ Mit einem Ausdruck der Verwunderung,
+ Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich,
+ Das von olympischen Spielen wiederkehrt,
+ Zu einer Freundin ihr zur Seite sich,
+ Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist
+ Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“
+ Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt,
+ Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an,
+ Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder
+ Auf des Aeginers schimmernder Gestalt:
+ Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert,
+ Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei.
+ Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham,
+ Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend,
+ Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei
+ Penthesilea, kehrt sie sich zu mir,
+ Der Amazonen Königin, und werde
+ Aus Köchern mir die Antwort übersenden!
+ Hierauf unwissend jetzt,
+ Was wir von diesem Auftritt denken sollen,
+ In grimmiger Beschämung gehn wir heim,
+ Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach
+ Von fern her, die hohnlächelnden, erraten,
+ Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen
+ Im Wahn, sie seien die Begünstigten,
+ Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse,
+ Sei an dem Zorn der Amazone schuld,
+ Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand,
+ Die sie verschmäht, von neuem anzutragen.
+ Doch eh der Bote, den sie senden wollen,
+ Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt,
+ Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel,
+ Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein.
+ Mit eines Waldstroms wütendem Erguß
+ Die einen, wie die andern, niederbrausend.
+ Jetzt hebt
+ Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten,
+ Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken.
+ So viel ich weiß, gibt es in der Natur
+ Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.
+ Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend
+ Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier
+ Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich,
+ Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß,
+ Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser,
+ Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken.
+ Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen,
+ Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche
+ Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte,
+ Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast,
+ Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen,
+ Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.
+
++Diomedes+:
+
+ Seit jenem Tage
+ Grollt über dieser Ebne unverrückt
+ Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein
+ Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln
+ Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern
+ Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken,
+ Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,
+ Als wollte sie den ganzen Griechenstamm
+ Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten.
+ Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston,
+ Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt,
+ Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer
+ Mit ihren jungen, schönen Leibern groß
+ Für diese kühne Tochter Ares’ düngend.
+ Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon,
+ Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme,
+ Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ.
+ -- Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen,
+ Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn
+ Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß
+ Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte.
+ So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht
+ Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,
+ Die sich ihr Auge grimmig auserkor,
+ Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.
+ Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon
+ Sein Leben war in ihre Macht gegeben,
+ Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder:
+ Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt.
+ Denn als sie um die Abenddämmrung gestern
+ Im Kampf, Penthesilea und Achill,
+ Einander trafen, stürmt Deiphobus her,
+ Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,
+ Der Teukrische, trifft er dem Peleiden
+ Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,
+ Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten,
+ Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten
+ Die Arme sinken: und die Locken dann
+ Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,
+ Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf,
+ Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,
+ Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,
+ Daß er zu Füßen hin, der Unberufne,
+ Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.
+ Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,
+ Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals
+ Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,
+ Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft,
+ Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,
+ Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.
+
++Hauptmann+:
+
+ Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl,
+ Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter,
+ Rings der Ätolier wackre Reihen hin,
+ Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie,
+ Die unbesiegten Myrmidonier, gießend.
+ Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog
+ Entgegen uns: in wilder Überschwemmung
+ Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort:
+ Und eher nicht vermögen wir den Fuß,
+ Als fern von den Peliden festzusetzen.
+ Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen,
+ Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt
+ Von eines Hügels Spitze scheu herab,
+ Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden
+ Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu;
+ Doch es erstirbt der Laut im Busen uns,
+ Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück
+ Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken
+ In grause Tiefe bäumend niederschaut.
+ Vergebens jetzt, in der er Meister ist,
+ Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst:
+ Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne,
+ Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe,
+ Und im verworrenen Geschirre fallend,
+ Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt,
+ Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk,
+ Wie in der Schlinge eingefangen da.
+ Es stürzt
+ Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,
+ In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:
+ Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.
+ Doch eh er noch aus allen Knoten rings
+ Die Schenkel, die verwickelten, gelöst,
+ Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm
+ Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,
+ Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.
+ Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie,
+ Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel
+ Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt,
+ Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand:
+ Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte,
+ Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder.
+ Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg,
+ Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig
+ Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt,
+ In ihre beiden kleinen Hände drücken.
+ Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick,
+ Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß
+ Eindringlicher Gebärde sie beschwörend;
+ Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint,
+ Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre,
+ Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift:
+ Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren,
+ Doch sie -- Ihr hört’s.
+ Umsonst sind die Versuche, sie zu halten,
+ Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten
+ Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe
+ An dem Geklüfte auf und nieder streifend,
+ Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete
+ Für einen Wunsch, der keine Flügel hat;
+ Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man
+ Empor sie an des Felsens Wände klimmen,
+ Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort,
+ Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege
+ Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen.
+ Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht,
+ Den sich im Fels der Regen ausgewaschen;
+ Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich;
+ Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um,
+ Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an.
+ Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich
+ Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut,
+ Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher
+ Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem
+ Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum
+ Als eine Gemse sich zu halten braucht;
+ Von ragendem Geklüfte rings geschreckt,
+ Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt;
+ Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft:
+ Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin,
+ Von los sich lösendem Gestein umprasselt,
+ Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd
+ Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück,
+ Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:
+ Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf.
+ Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet --
+ -- Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu
+ Den ganzen erznen Wagen schmieden können --
+ Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel:
+ Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust.
+ Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet,
+ Erspähn die Amazonen einen Pfad,
+ Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen,
+ Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend,
+ Die Königin dahin, die sinnberaubte,
+ Die immer noch des Felsens Sturz versucht.
+ Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend,
+ Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan;
+ Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie
+ Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide,
+ Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend;
+ Doch in den Gründen bald verschwand er mir,
+ Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.
+
+[Illustration]
+
+Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen
+Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen.
+Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht,
+für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins
+Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu
+ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner
+Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden
+ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die
+Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf,
+um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser
+Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit
+Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.
+
++Meroe+:
+
+ Ihr wißt,
+ Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,
+ Sie, die fortan kein Name nennt --
+ In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,
+ Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,
+ Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.
+ Von Hunden rings umheult und Elefanten,
+ Kam sie daher, den Bogen in der Hand:
+ Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er,
+ Die blutumtriefte Graungestalt, einher
+ Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,
+ Die Fackel über blühnde Städte schwingend,
+ Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.
+ Achilleus, der, wie man im Heer versichert,
+ Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig
+ Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen:
+ Denn auch er -- o wie mächtig sind die Götter! --
+ Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,
+ Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen;
+ Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen,
+ Und läßt die Freunde hinter sich zurück.
+ Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen
+ Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein
+ Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:
+ Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht,
+ Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:
+ Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft
+ Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt.
+ Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme,
+ Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“
+ Und will zurück noch zu den Freunden fliehn:
+ Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten,
+ Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt
+ In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge,
+ Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. --
+ Inzwischen schritt die Königin heran,
+ Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald
+ Hochher, gleich einem Jäger, überschauend;
+ Und da er eben, die Gezweige öffnend,
+ Zu ihren Füßen niedersinken will:
+ „Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie
+ Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich
+ Den Bogen an, daß sich die Enden küssen,
+ Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt,
+ Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt!
+ Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.
+ Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen,
+ Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,
+ Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,
+ Und hebt sich wiederum und will entfliehn;
+ Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne!
+ Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“
+ Und stürzt -- stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!
+ Sich über ihn, und reißt -- reißt ihn beim Helmbusch,
+ Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt;
+ Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,
+ Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder!
+ Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,
+ Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
+ „Penthesilea! meine Braut! was tust du?
+ Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“
+ Doch sie -- die Löwin hätte ihn gehört,
+ Die hungrige, die wild nach Raub umher,
+ Auf öden Schneegefilden heulend treibt --
+ Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
+ Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
+ Sie und die Hunde, die wetteifernden,
+ Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,
+ In seine linke sie; als ich erschien,
+ Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.
+
+ Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,
+ Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute,
+ Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt,
+ Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,
+ In das Unendliche hinaus, und schweigt.
+ Wir fragen mit gesträubten Haaren sie:
+ Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?
+ Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,
+ Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.
+
+ Heinrich von Kleist
+
+
+
+
+Aus der Odyssee
+
+
+Odysseus und Polyphem
+
+Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so
+widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte,
+wie dem klugen Helden Odysseus.
+
+[Illustration]
+
+Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja
+absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der
+Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward
+unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald
+weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den
+sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt
+die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark
+waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum
+Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe
+sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen,
+trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen.
+
+Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer,
+und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am
+zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von
+der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren
+und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder
+gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung
+eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die
+Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen
+von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte
+nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die
+ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie
+mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend
+weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der
+Heimat vergäßen.
+
+Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das
+waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das
+Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und
+säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen
+ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach
+Willkür über Mann und Kinder.
+
+Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem
+Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen
+umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser
+Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als
+derselbe heraufstieg, wunderten sie sich des fruchtbaren und doch
+menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur
+Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt,
+und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an
+einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es
+nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen
+erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug.
+
+Von der Insel aus sahen die Griechen auch das Land, der Cyklopen, von
+dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief
+Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil
+derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande
+zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten
+unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben.
+
+Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die
+Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte
+Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes
+Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr
+wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb
+und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich
+nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter
+waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen
+namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich
+blickend, mitten auf der Stirn stand.
+
+Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur
+zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe
+zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht
+wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit,
+auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros
+von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß
+man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser
+vermischen mußte.
+
+In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber
+hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit
+auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da.
+Odysseus’ Gefährten wollten etliche Körbe mit Käsen, auch etliche
+Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen.
+Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da
+zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen
+dann selbst.
+
+[Illustration]
+
+Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er
+krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und
+Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem
+gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte
+man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig
+gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde
+gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene
+in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die
+Griechen, welche sich in den äußersten Winkel der Höhle versteckt
+hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und
+woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres
+getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr
+Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“
+
+Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt,
+Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von
+Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von
+schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande.
+Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst,
+damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und
+Beschützer ist.“
+
+Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an
+Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die
+übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn
+du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner
+Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr
+gekommen.“
+
+Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge
+Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin
+allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“
+
+Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der
+Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das
+Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied
+fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen
+Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die
+Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber
+streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle
+und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden
+Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit
+besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem
+sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande
+gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der
+Höhle gehoben hatte.
+
+Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an,
+molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals
+zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann
+trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem
+er den Felsen vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in
+die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun
+die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich
+reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.
+
+In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war
+sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten
+können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen
+Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg
+er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier
+seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er
+ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.
+
+Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten
+wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat
+Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken
+Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm,
+Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese
+trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher
+noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein,
+aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte
+Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach
+dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er,
+den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm
+den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich
+alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten
+Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber
+Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder,
+und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf
+gefallen war.
+
+Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus
+entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend,
+und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des
+Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte
+er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut
+die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend
+spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende
+Axt hineinhält.
+
+Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den
+entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem
+Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des
+Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten
+hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage,
+wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete
+er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig
+angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas
+zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen
+haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute
+sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.
+
+Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber
+mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er
+sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte
+Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei
+Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner
+Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn
+nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres
+hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.
+
+Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere
+festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder
+der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle
+desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der
+Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der
+Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät,
+da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht
+dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling
+geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich
+versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann
+ließ er den Widder gehen.
+
+Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine
+Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere
+zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben
+waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie
+Polyphem sechs ihrer Gefährten gemordet und verschlungen habe, dann
+stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in
+einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen
+die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen
+fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“
+Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn
+grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte
+das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel,
+und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das
+Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die
+Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als
+am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen
+will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war
+es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem,
+wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch
+Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in
+Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein
+großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun
+hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem
+er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte
+Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit
+entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da
+betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war,
+daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen
+Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.
+
+Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder
+auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus
+opferte.
+
+ Albert Richter
+
+
+[Illustration]
+
+
+Nächtliche Fahrt
+
+ Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll
+ Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand.
+ Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll,
+ Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.
+
+ Der glückbedürft’ge hieß Telemachos
+ Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug,
+ Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß,
+ Athene war’s, die Mentors Züge trug.
+
+ Unendlich brach hervor der Sterne Heer,
+ Die lichten Waller wußten ihre Bahn ...
+ Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer:
+ „Zusammen rufen wir die Götter an!“
+
+ Die Hände, wie der Staubgeborne fleht,
+ Erhob sie ausgebreitet in die Nacht --
+ Und sie erhörte selber das Gebet,
+ Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+
+
+Die sterbende Meduse
+
+
+ Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten,
+ Belauert Perseus bang in seinem Schild
+ Der schlummernden Meduse Spiegelbild,
+ Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.
+ Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde
+ Des jungen Wuchses atmende Gebärde --
+
+ „Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,
+ Verderblich der Verderberin genaht?
+ Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!
+ Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.
+ Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List
+ Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!
+ Durch weiße Lider schimmert blaues Licht
+ Und -- zischte dort der Kopf der Natter nicht?“
+
+ Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde,
+ Der Menschen schöner Liebling, der sie war,
+ Bevor die Stirn der Göttin Angebinde
+ Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.
+ Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern
+ Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,
+ In blühendem Reigen regt sie mit den andern
+ Die freudehellen, die beschwingten Füße,
+ Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte,
+ Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge
+ Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,
+ Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.
+ Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,
+ In unverlorner erster Lieblichkeit.
+ Der Mörder tritt an ihre Seite dicht,
+ Und dunkler träumt Medusens Angesicht.
+ Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,
+ Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,
+ Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,
+ Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten --
+ Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,
+ Daß sie dem eignen Leben feind geworden,
+ Und andres Leben sich ergötzt zu morden --
+ Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt,
+ Die grause Larve, die sie lang geschreckt,
+ Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.
+ Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,
+ Begonnen hat der Seele Feierzeit.
+ Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.
+ Als eine der Erlösten fühlt sie sich.
+ Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,
+ Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,
+ Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!
+ Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,
+ Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen
+ Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+
+
+Griechische Spiele
+
+
+ Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen,
+ Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit.
+ Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall
+ Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz,
+ Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge -- sie wußten,
+ Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug.
+ Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers,
+ Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz.
+ Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat,
+ Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds.
+ Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern,
+ Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel.
+
+ Gustav Pfizer
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Mutter des Siegers
+
+
+ Im weiten Rund des Stadion zu Olympia
+ Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier
+ Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan
+ Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge,
+ Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt.
+ Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings,
+ Nur der Demeter greise Priesterin
+ Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken,
+ Denn uralt heiliges Gesetz gebeut:
+ Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib
+ Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch
+ Herabgestürzt von jenen Felsenzacken,
+ Die in Olympias Ebne niederschaun,
+ Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.
+
+ Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab
+ Sein feurig Viergespann lenkt Helios,
+ Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe
+ Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun,
+ Da wird es still im ungeheuren Ring.
+ Die Volkesbrandung hält den Atem an,
+ Und einen schlanken Jüngling an der Hand
+ Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz
+ Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern
+ Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt,
+ Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen
+ Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt.
+ Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen,
+ Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten,
+ Eratmend süß im linden Abendhauch,
+ Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch
+ Die Kraft der jungen Schenkel eben erst
+ Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin,
+ Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt,
+ Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks.
+ Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung,
+ Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann,
+ Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt,
+ Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht,
+ Steht er den tausend Gaffenden zur Schau,
+ Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name:
+ „Koröbos, Sohn des Pelias.“
+ Und jetzt
+ Herab vom Hochsitz naht der älteste
+ Der Kampfesrichter, milden Angesichts.
+ Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein,
+ Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen,
+ Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd,
+ Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig
+ Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt,
+ Indes der Herold laut den Namen ausruft:
+ „Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis,
+ Sieger im Fünfkampf.“
+ Brausend in der Runde,
+ Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf,
+ Und schon erhebt der Palme zarten Zweig,
+ Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand,
+ Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt
+ Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben
+ Empörter Stimmen. Innehält der Greis
+ Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder
+ Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf,
+ Nachschleppend eine dürftige Gestalt,
+ Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, --
+ Ein Weib! -- Verwünschungen, geballte Fäuste,
+ Und jetzt -- horch! -- aus des Jünglings Mund ein Schrei:
+ „Mutter! O Mutter!“ -- und er stürzt zu ihr,
+ Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne
+ Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt.
+ Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer
+ Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter,
+ Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße.
+ Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein,
+ In sich gebückt, sah sie den Spielen zu,
+ Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde,
+ So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien.
+ Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt
+ Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören
+ Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens;
+ Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust,
+ Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz.
+ Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich,
+ Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit
+ Befallen, will den Kopf ihm heben. Da
+ Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar
+ Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche,
+ Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb.
+ Nun bringen wir zu euch die Frevlerin,
+ Daß ihr sie richten mögt.“
+ Alsbald erhob sich
+ Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend,
+ In Demut vor die Richter trat sie hin:
+ „Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt:
+ Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten
+ Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag,
+ Der mich erhöht vor allen Weibern sah!
+ Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm
+ Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng
+ Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann
+ Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck;
+ Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren
+ Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit.
+ Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn,
+ Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt,
+ Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften,
+ Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach!
+ Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah
+ Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam,
+ Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick
+ Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir,
+ Nur mein Koröbos. Als er von mir ging,
+ Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder,
+ Da litt es mich im öden Hause nicht.
+ Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte
+ Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm
+ Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, --
+ Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben --
+ Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß
+ Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das
+ Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht,
+ Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht,
+ Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus.
+ Und so, getrost, beging ich, was verpönt,
+ Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort
+ Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch
+ Den Göttern dank ich, die mich so begnadet,
+ Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je
+ Vergessen trinken dieses Freudentags,
+ Der mir der letzte war.“
+ Sie schwieg, den Blick
+ Auf ihren Liebling haftend, tränenlos,
+ Verklärt. Und eine Stille ward ringsum,
+ Und in der Brust der strengen Richter schwankte
+ Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich
+ Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr
+ Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme,
+ Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib,
+ Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab
+ Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod
+ Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir
+ Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel.
+ Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer --
+ Die Göttin, der ich diene, spricht sie los,
+ Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“
+ So sprechend nahte sie der Staunenden,
+ Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie
+ Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß.
+ Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm,
+ Schlang um der Mutter Leib den starken Arm
+ Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter
+ Trug im Triumph er strahlend sie dahin,
+ Die weite Bahn umschreitend, allem Volk
+ Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum
+ Begrüßten winkend ausgestreckte Hände
+ Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar:
+ „Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau,
+ Der Glücklichen, die ihn gebar.“
+ Sie aber,
+ Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still,
+ Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt,
+ Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd,
+ Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer
+ Die leichte Last, und tief und tiefer sank
+ Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken,
+ Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt
+ Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen.
+ „Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten
+ Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend,
+ Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin
+ Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt
+ Ihn auf die Brust der selig Ruhenden.
+ Und eine Stille ward im weiten Rund,
+ Als hörten sie die weichen Flügel rauschen
+ Des Götterboten, der zur Schattenwelt
+ Die Seele forttrug dieser Siegerin.
+
+ Paul Heyse
+
+
+
+
+Die Kraniche des Ibykus
+
+
+ Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
+ Der auf Korinthus’ Landesenge
+ Der Griechen Stämme froh vereint,
+ Zog Ibykus, der Götterfreund.
+ Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
+ Der Lieder süßen Mund Apoll;
+ So wandert er, an leichtem Stabe,
+ Aus Rhegium, des Gottes voll.
+
+ Schon winkt auf hohem Bergesrücken
+ Akrokorinth des Wandrers Blicken,
+ Und in Poseidons Fichtenhain
+ Tritt er mit frommem Schauder ein,
+ Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
+ Von Kranichen begleiten ihn,
+ Die fernhin nach des Südens Wärme
+ In graulichtem Geschwader ziehn.
+
+[Illustration]
+
+ „Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
+ Die mir zur See Begleiter waren,
+ Zum guten Zeichen nehm ich euch,
+ Mein Los, es ist dem euren gleich.
+ Von fernher kommen wir gezogen
+ Und flehen um ein wirtlich Dach --
+ Sei uns der Gastliche gewogen,
+ Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“
+
+ Und munter fördert er die Schritte
+ Und sieht sich in des Waldes Mitte;
+ Da sperren auf gedrangem Steg
+ Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
+ Zum Kampfe muß er sich bereiten,
+ Doch bald ermattet sinkt die Hand,
+ Sie hat der Leier zarte Saiten,
+ Doch nie des Bogens Kraft gespannt.
+
+ Er ruft die Menschen an, die Götter,
+ Sein Flehen dringt zu keinem Retter;
+ Wie weit er auch die Stimme schickt,
+ Nichts Lebendes wird hier erblickt;
+ „So muß ich hier verlassen sterben,
+ Auf fremdem Boden, unbeweint,
+ Durch böser Buben Hand verderben,
+ Wo auch kein Rächer mir erscheint!“
+
+ Und schwer getroffen sinkt er nieder,
+ Da rauscht der Kraniche Gefieder;
+ Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
+ Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
+ „Von euch, ihr Kraniche, dort oben,
+ Wenn keine andere Stimme spricht,
+ Sei meines Mordes Klag erhoben!“
+ Er ruft es, und sein Auge bricht.
+
+ Der nackte Leichnam wird gefunden,
+ Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
+ Erkennt der Gastfreund in Korinth
+ Die Züge, die ihm teuer sind.
+ „Und muß ich so dich wiederfinden,
+ Und hoffte mit der Fichte Kranz
+ Des Sängers Schläfe zu umwinden,
+ Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“
+
+ Und jammernd hören’s alle Gäste,
+ Versammelt bei Poseidons Feste,
+ Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
+ Verloren hat ihn jedes Herz.
+ Und stürmend drängt sich zum Prytanen
+ Das Volk, es fordert seine Wut,
+ Zu rächen des Erschlagnen Manen,
+ Zu sühnen mit des Mörders Blut.
+
+ Doch, wo die Spur, die aus der Menge
+ Der Völker flutendem Gedränge,
+ Gelocket von der Spiele Pracht,
+ Den schwarzen Täter kenntlich macht?
+ Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?
+ Tat’s neidisch ein verborgner Feind?
+ Nur Helios vermag’s zu sagen,
+ Der alles Irdische bescheint.
+
+ Er geht vielleicht mit frechem Schritte
+ Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
+ Und während ihn die Rache sucht,
+ Genießt er seines Frevels Frucht,
+ Auf ihres eigenen Tempels Schwelle
+ Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
+ Sich dreist in jene Menschenwelle,
+ Die dort sich zum Theater drängt.
+
+ Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
+ Es brechen fast der Bühne Stützen,
+ Herbeigeströmt von fern und nah,
+ Der Griechen Völker wartend da.
+ Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen,
+ Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
+ In weiter stets geschweiftem Bogen
+ Hinauf bis in des Himmels Blau.
+
+ Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
+ Die gastlich hier zusammenkamen?
+ Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,
+ Von Phokis, vom Spartanerland,
+ Von Asiens entlegner Küste,
+ Von allen Inseln kamen sie
+ Und horchen von dem Schaugerüste
+ Des Chores grauser Melodie,
+
+ Der, streng und ernst, nach alter Sitte,
+ Mit langsam abgemessnem Schritte
+ Hervortritt aus dem Hintergrund,
+ Umwandelnd des Theaters Rund.
+ So schreiten keine irdschen Weiber,
+ Die zeugete kein sterblich Haus!
+ Es steigt das Riesenmaß der Leiber
+ Hoch über menschliches hinaus.
+
+ Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
+ Sie schwingen in entfleischten Händen
+ Der Fackel düsterrote Glut,
+ In ihren Wangen fließt kein Blut;
+ Und wo die Haare lieblich flattern,
+ Um Menschenstirnen freundlich wehn,
+ Da sieht man Schlangen hier und Nattern
+ Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.
+
+ Und schauerlich, gedreht im Kreise,
+ Beginnen sie des Hymnus Weise,
+ Der durch das Herz zerreißend dringt,
+ Die Bande um den Frevler schlingt.
+ Besinnungraubend, herzbetörend
+ Schallt der Erinnyen Gesang,
+ Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
+ Und duldet nicht der Leier Klang:
+
+ „Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
+ Bewahrt die kindlich reine Seele!
+ Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
+ Er wandelt frei des Lebens Bahn.
+ Doch wehe, wehe, wer verstohlen
+ Des Mordes schwere Tat vollbracht!
+ Wir heften uns an seine Sohlen,
+ Das furchtbare Geschlecht der Nacht.
+
+ Und glaubt er fliehend zu entspringen,
+ Geflügelt sind wir da, die Schlingen
+ Ihm werfend um den flücht’gen Fuß,
+ Daß er zu Boden fallen muß.
+ So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
+ Versöhnen kann uns keine Reu,
+ Ihn fort und fort bis zu den Schatten
+ Und geben ihn auch dort nicht frei.“
+
+ So singend, tanzen sie den Reigen,
+ Und Stille, wie des Todes Schweigen,
+ Liegt überm ganzen Hause schwer,
+ Als ob die Gottheit nahe wär,
+ Und feierlich, nach alter Sitte,
+ Umwandelnd des Theaters Rund,
+ Mit langsam abgemessnem Schritte,
+ Verschwinden sie im Hintergrund.
+
+ Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
+ Noch zweifelnd jede Brust und bebet
+ Und huldiget der furchtbarn Macht,
+ Die richtend im Verborgnen wacht,
+ Die unerforschlich, unergründet
+ Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
+ Dem tiefen Herzen sich verkündet
+ Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.
+
+ Da hört man auf den höchsten Stufen
+ Auf einmal eine Stimme rufen:
+ „Sieh da, sieh da, Timotheus,
+ Die Kraniche des Ibykus!“ --
+ Und finster plötzlich wird der Himmel,
+ Und über dem Theater hin
+ Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
+ Ein Kranichheer vorüberziehn.
+
+ „Des Ibykus“ -- Der teure Name
+ Rührt jede Brust mit neuem Grame
+ Und wie im Meere Well auf Well,
+ So läuft’s von Mund zu Munde schnell:
+ „Des Ibykus? Den wir beweinen,
+ Den eine Mörderhand erschlug!
+ Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? --
+ Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ --
+
+ Und lauter immer wird die Frage,
+ Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage
+ Durch alle Herzen: „Gebet acht,
+ Das ist der Eumeniden Macht!
+ Der fromme Dichter wird gerochen,
+ Der Mörder bietet selbst sich dar --
+ Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
+ Und ihn, an den’s gerichtet war!“
+
+ Doch dem war kaum das Wort entfahren,
+ Möcht er’s im Busen gern bewahren:
+ Umsonst! Der schreckenbleiche Mund
+ Macht schnell die Schuldbewußten kund,
+ Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
+ Die Szene wird zum Tribunal,
+ Und es gestehn die Bösewichter,
+ Getroffen von der Rache Strahl.
+
+ Friedrich von Schiller
+
+
+
+
+Der Sieger
+
+
+ Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust!
+ Bin ich derselbe, der ich gestern war?
+ Der Vollkraft ungeheure Daseinslust
+ Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar.
+ Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang
+ -- Mir selbst ein Wunder -- strömt sich hell und voll
+ In Harmonien aus von Erzes Klang,
+ Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!
+
+ Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan,
+ Rast wilder Beifall die Arena hin,
+ Und tausend Kränze regnen in die Bahn,
+ Und meine Harfe ist die Siegerin.
+ Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held,
+ Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz
+ Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt,
+ Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.
+
+ Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus.
+ Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt
+ Und ziehe eher nicht die Toga aus,
+ Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt.
+ Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt
+ Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor.
+ Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt;
+ Und dies ist meines Vaterhauses Tor.
+ Aufsteht der Vater von der Ofenbank.
+ Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz;
+ Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang,
+ Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz.
+ Ich streife langsam von dem Haupt die Zier
+ Und von den Gliedern ab das Festgewand.
+ Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier.
+ Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“
+
+ Hugo Salus
+
+
+
+
+Tod des Perikles
+
+
+ Auf seinem Sterbebett lag Perikles,
+ Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn.
+ Die Freunde, die ihm übrig waren noch,
+ Umstanden ihn und sprachen unter sich,
+ Die Größe rühmend seiner Tugenden
+ Und seiner einst fast unbeschränkten Macht.
+ Bewegt auch zählten sie die Taten auf,
+ Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal,
+ Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf.
+ Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl,
+ Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort:
+ „Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt,
+ Was nur das wandelbare Glück verleiht
+ Und was mit manchem andern ich geteilt,
+ Dagegen ihr verschwiegen unbedacht,
+ Was mich bedünkt allein des Neides wert:
+ Daß meinetwegen nie ein Bürger je,
+ Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“
+
+ Martin Greif
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Bote von Marathon
+
+
+ Jüngling, schwing dich auf den wilden
+ Renner, auf dein bäumend Roß,
+ Nach den himmlischen Gefilden
+ Fliege, wie ein Pfeilgeschoß,
+ Laut zu künden, froh zu melden
+ Göttergleichen Sieg der Helden:
+ „Marathon, der Perser Schmach,
+ Wo Athen sich Lorbeer brach!“
+
+ Schnell im Staubgewölk verloren,
+ Stürmt er hin im Mittagsschein,
+ Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen
+ Kräftig in die Weichen ein.
+ Vorgeneigt, mit losem Zügel,
+ Jagt er auf des Windes Flügel.
+ Herrlich schwellt die junge Brust
+ Siegesfreude, Botenlust.
+
+ Und er träumt sich schon empfangen
+ Von Athens besorgter Schar.
+ Hoch erglühn der Mutter Wangen,
+ Da sie kränzt sein feuchtes Haar:
+ „O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“
+ Greise singen Siegeslieder,
+ Donnernd jauchzt von Land zu See
+ Tausendstimmig Evoe -- -- --
+
+ Seine dunkeln Augen flammen,
+ Freudig preist er sein Geschick ...
+ Plötzlich bricht das Roß zusammen,
+ Röchelnd, mit erloschnem Blick.
+ Ungesäumt, auf eignen Füßen,
+ Eilt er, seine Stadt zu grüßen,
+ Die sich fern am Himmelsrand
+ Blendend hebt im Sonnenbrand.
+
+[Illustration]
+
+
+ Mut! Nur Mut! -- er will ermatten.
+ Seine Sehnen schwellen an.
+ Nirgends Kühlung, nirgends Schatten
+ Auf der staubverwehten Bahn.
+ „Schütze, Göttin, deinen Boten,
+ Ruf ihn nicht ins Reich der Toten,
+ Eh Athen die Kunde weiß:
+ Unser ist der Siegespreis!“
+
+[Illustration]
+
+ Von der stolzgetürmten Mauer
+ Hat ihn schon das Volk gesehn.
+ Hohe, heil’ge Wonneschauer
+ Fühlt er durch die Seele wehn.
+ Auf das Herz gepreßt die Linke,
+ Mit dem Lorbeer freud’ge Winke:
+ „Sieg!“ Ein heller Jubelschrei.
+ „Sieg!“ -- Er stürzt. -- Es ist vorbei.
+
+ Alice von Gaudy
+
+
+
+
+Der junge Themistokles
+
+
+ In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl --
+ Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.
+
+ Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut --
+ So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.
+
+ Ob man hier von Rosen-Jungfraun -- dort vom Vaterlande sprach
+ Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:
+
+ So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg,
+ Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.
+
+ Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht --
+ Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.
+
+ Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm --
+ Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?
+
+ Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand --
+ Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand --
+
+ Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton,
+ Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.
+
+ Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt
+ Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.
+
+ Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn,
+ Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.
+
+ Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt,
+ Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.
+
+ Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis
+ Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“
+
+ Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie --
+ Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat -- ich leiste sie!“
+
+ Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch
+ Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.
+
+ Und wer waren jene Sänger? -- Ihre Namen hört ich nicht;
+ Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.
+
+ Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß?
+ Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!
+
+ Karl von Alsen
+
+
+
+
+Salamis
+
+
+ Schmücket die Schiffe mit Persertrophän,
+ Lasset die purpurnen Segel sich blähn!
+ Efeu umflattert die Masten und fliegt,
+ Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!
+
+ Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band,
+ Das der persische Fürst um den Nacken dir wand,
+ Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr
+ Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer
+ Dein wogender Bug,
+ Dein brückengefesselter Zorn ertrug.
+
+ Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg
+ Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg.
+ Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront,
+ Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt;
+ Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut,
+ Mit unendlichem Mut
+ Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.
+
+ Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt
+ Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt
+ In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn
+ Nach den herrlichen Mühn
+ Dithyrambische Tage der Freiheit.
+
+ Hermann Lingg
+
+
+
+
+Themistokles in Olympia
+
+
+ Themistokles, der Held von Salamis,
+ Als er vom Perserjoch sein Volk befreit,
+ Und an Olympias geweihtem Sitz
+ Zum ersten Male nach vertobtem Krieg
+ Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut,
+ Die stolzer Griechenland noch nie beging:
+ Erkannt von allen Gästen saß er da,
+ Und kein hellenisch Auge wandte sich
+ Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg
+ Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu,
+ So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt.
+ Nur ihn als Sieger staunten rings sie an,
+ Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor.
+ Er aber nahm ihn wohlgefällig auf
+ Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort:
+ „Die Götter schenkten heut als Ernte mir
+ Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Ein Dichter in der Schlacht von Salamis
+
+
+ Die Drachen, die so arg gedräuet,
+ Die Perserschiffe sind zerstreuet,
+ Versenkt, vernichtet -- Hellas frei
+ Vom Joche fremder Tyrannei,
+ Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen
+ Den Göttern dar ein festlich Spiel
+ Und heil’ge Opfer; Lieder klingen
+ Und Wagen donnern an das Ziel.
+
+ Wer ragt hervor dort aus der Menge,
+ Die Züge schön, doch ernst und strenge?
+ Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr,
+ Die frische Wunde schmückt ihn mehr;
+ Ein Dichter ist es, doch die Waffen
+ Ergriff er auf des Landes Ruf;
+ Ein Held kann Heldenbilder schaffen
+ Wie +Äschylus+, der Bücher schuf
+
+[Illustration]
+
+ Sein Auge folgt mit Wohlgefallen
+ Dem schönsten von den Knaben allen,
+ Die zierlich, mit gelenken Knien,
+ Im Chore den Altar umziehn.
+ Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne
+ -- Von Neid sind solche Seelen frei --
+ Daß, der da schwebt, die neue Sonne,
+ Daß +Sophokles+ der Knabe sei!
+
+ Zur selben Stunde, wie wir lesen,
+ War eines Sohns ein Weib genesen;
+ Der Vater hebt ihn auf und spricht:
+ „Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht.
+ Mut, teures Weib! Wir alle haben
+ Nun hinter uns die Zeit des Wehs.
+ Die Götter segnen meinen Knaben!“
+ -- Das Kindlein war +Euripides+.
+
+ Ja, wenn die Götter einmal segnen,
+ Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen
+ Im Wetter, überschwenglich auch;
+ Nichts halb zu tun ist Götterbrauch.
+ Sieg, Freiheit, Ruhm -- für künft’ge Tage
+ Voll Glanz ein dreifach Unterpfand.
+ Das war -- wer hält ihm denn die Wage? --
+ Der schönste Tag von Griechenland.
+
+ Wilhelm Fischer
+
+
+
+
+Grab des Themistokles
+
+
+ Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,
+ Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib
+ In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke
+ Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins.
+ Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend,
+ Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien.
+ Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot
+ Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.
+
+ Emanuel Geibel
+
+
+
+
+Historischer Adelsklub
+
+
+ Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus:
+ „Entbiete mir zu meinem Namensfest
+ Auf den Olymp die großen Toten sämtlich;
+ Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“
+
+ Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft.
+ Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder
+ Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen,
+ Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck,
+ Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz,
+ Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.
+
+ Da tat sich auf die Tür, und feierlich
+ Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga
+ In wichtigen Falten um die Brust geworfen,
+ Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt,
+ Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.
+
+ Befremden lähmte die Versammlung. Hera,
+ Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen.
+ Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend:
+ „Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis --“
+ Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,
+
+ Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen
+ Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große --“
+ Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus:
+ „Ein feierlicher Kerl ist niemals groß.
+ Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“
+
+ Carl Spitteler
+
+
+
+
+Die gefesselten Musen
+
+
+ Es herrscht ein König irgendwo
+ In Dazien oder Thrazien,
+ Den suchten einst die Musen heim,
+ Die Musen mit den Grazien.
+
+ Statt milden Nektars Rebenblut
+ Geruhten sie zu nippen,
+ Die Seele des Barbaren hing
+ An ihren sel’gen Lippen.
+
+ Erst sang ein jedes Himmelskind
+ Im Tone, der ihm eigen,
+ Dann schritt der ganze Chor im Takt
+ Und trat den blühnden Reigen.
+
+ Der König klatschte: „Morgen will
+ Ich wieder euch bestaunen!“
+ Die Musen schüttelten das Haupt:
+ „Das hangt an unsern Launen.“
+
+ „An euern Launen? ...“ Der Despot
+ Begann zu schmähn und lästern.
+ „Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“
+ Und fesselte die Schwestern.
+
+ Der König wacht, um Mitternacht
+ Vernahm er leises Schreiten,
+ Geflüster: „Seid ihr alle da?“
+ Und Schüttern zarter Saiten.
+
+ Er fuhr empor. „Den hellen Chor
+ Ergreift, getreue Wächter!“
+ Die Schergen griffen in die Luft
+ Und silbern klang Gelächter.
+
+ Am Morgen war der Kerker leer,
+ Der Reigen über die Grenze --
+ Drin hingen statt der Ketten schwer
+ Zerrissne Blumenkränze.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+
+
+Der trunkene Gott
+
+
+ Weiße Marmorstufen steigen
+ Durch der Gärten laub’ge Nacht,
+ Schlanke Palmenfächer neigen
+ In des Himmels blaue Pracht.
+ Über Tempeln, Hainen, Grüften
+ Zecht in abendweichen Lüften
+ Alexanders Lieblingsschar;
+ Knieend bietet ihm ein Knabe,
+ Daß der Erde Herr sich labe,
+ Wein in edler Schale dar.
+
+[Illustration]
+
+ Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen,
+ Lagernd in der Götter Rat,
+ Zwischen schwelgenden Entwürfen
+ Und der wundergleichen Tat!
+ Goldne Becher überquellen,
+ Ruhmesgeister mit den hellen
+ Helmen tauchen aus der Flut --
+ Goldne Schalen überschäumen,
+ Geister, die gebunden träumen,
+ Steigen auf in Zornesglut.
+
+ Kleitos neben Philipps Sohne
+ Furcht die Stirne kummervoll,
+ Der benarbte Macedone
+ Schlürft im Weine Gram und Groll:
+ Er gedenkt der Heergenossen,
+ Die die erste Phalanx schlossen
+ In den Bergen kühl und fern.
+ Seinen dunkeln Mut zu kränken,
+ Lüstet es den schönen Schenken,
+ Lagernd an dem Knie des Herrn.
+
+ Die erhabne Stirn und Braue
+ Träumt den Zug ins Inderland,
+ Lauschend liest den Traum das schlaue
+ Kind, den Blick emporgewandt:
+ „Bacchus bist du, der belaubte,
+ Mit dem schwärmerischen Haupte,
+ Der ins Land der Sonne zieht!
+ Ohne Heer kannst du bezwingen,
+ Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
+ Winke nur, und Indien kniet!“
+
+ Finster grollt der alte Streiter:
+ „Durch der Wüste heißen Sand?
+ Immer ferner, immer weiter?
+ Nach des Indus Fabelstrand?
+ Kann ein Wink dir Sieg erwerben,
+ Warum bluten, warum sterben
+ Wir für dich? Zu deinem Spott?
+ Lebende kannst du belohnen,
+ Deine toten Macedonen,
+ Wecke sie, bist du ein Gott!“ --
+
+ „Welchen dampfenden Altares
+ Freust du auf der Erde dich?
+ Bist du die Gewalt des Ares,
+ Helmumflattert, fürchterlich?
+ Herr, bevor den niedern Talen
+ Du dich nahtest ohne Strahlen,
+ Welches war dein himmlisch Amt?
+ Bist du Zeus? Bist du ein andrer?
+ Bist du Helios, der Wandrer
+ Dessen Stirne sonnig flammt?“
+
+ Grimmig neigt der graue Fechter
+ Sich zum Ohr des Gottes hin,
+ Mit unseligem Gelächter
+ Rührt er an der Schulter ihn:
+ „Gast des Himmels, warum sinken
+ Haupt und Schulter dir zur Linken?[*]
+ Lastet dir der Erde Raub?
+ Mit den Göttern willst du zechen?
+ Spotten hör ich dein Gebrechen:
+ Alexander, du bist Staub!“
+
+ Eine zürnende Gebärde!
+ Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!
+ Ein Erdolchter an der Erde
+ Windet sich in seinem Blut ...
+ In den Abendlüften Schauer,
+ Ein verhülltes Haupt in Trauer,
+ Ausgerast und ausgerollt!
+ Marmorgleich versteinte Zecher
+ Und ein herrenloser Becher,
+ Der hinab die Stufen rollt.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+ [*] Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die
+ schwächere linke.
+
+
+
+
+Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
+
+
+ Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
+ Dreißig Jahre eingeschlossen,
+ Sitzt er schon in dunkler Klause.
+ Selbst erforschen will’s der Kaiser,
+ Und vom höchsten Glanz umflossen
+ Naht er sich dem öden Hause.
+
+ Auf der Erde hingekauert
+ Liegt der Blöde und betrachtet
+ Sich den Gast mit stolzen Mienen.
+ Alles fühlt sich fremd durchschauert,
+ Daß ein Bettler den verachtet,
+ Dem der Erde Völker dienen.
+
+ „Sollte mich der Greis nicht kennen?“ --
+ Ruft der Kaiser -- „Doch ich staune,
+ Drüben steht ja meine Büste!
+ Nein, ich brauch mich nicht zu nennen,
+ Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune,
+ Mich zu ehren, wie er müßte.
+
+[Illustration]
+
+ Was ihn treibt, wer könnt es sagen?
+ Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen,
+ Doch es will mir Wahnsinn scheinen.
+ Um die Zukunft wollt ich fragen,
+ Aber statt mit dem zu sprechen,
+ Such ich Weisheit bei den Steinen.“
+
+ Doch, sowie das Wort gefallen,
+ Hat der Blöde sich erhoben
+ Und nach seinem Stab gegriffen.
+ Seine langen Locken wallen,
+ Wie zum Rock um ihn verwoben,
+ Und sein Stab ist scharf geschliffen.
+
+ Vor des Kaisers Büste tretend,
+ Schlägt er ihr vom Haupt die Krone,
+ Und in Stücke fällt sie nieder,
+ Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend,
+ Noch die Augen aus zum Hohne,
+ Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.
+
+ Alles sieht ihm zu mit Grauen,
+ Dennoch zwingt man sich zum Lachen,
+ Und des Kaisers Bruder flüstert:
+ „Ich genieße dein Vertrauen,
+ Laß mein Schwert nur fürder wachen,
+ Und dein Stern wird nie verdüstert.“
+
+ Aber eh der Tag noch endet,
+ Steigt, der schmeichelnd so gesprochen,
+ Selber auf den Thron der Griechen,
+ Und der Kaiser liegt geblendet,
+ Wo die Totenwürmer pochen
+ Und die gift’gen Molche kriechen.
+
+ Friedrich Hebbel
+
+
+
+
+Der Ring des Polykrates
+
+
+ Er stand auf seines Daches Zinnen,
+ Er schaute mit vergnügten Sinnen
+ Auf das beherrschte Samos hin.
+ „Dies alles ist mir untertänig,“
+ Begann er zu Ägyptens König,
+ „Gestehe, daß ich glücklich bin.“ --
+
+ „Du hast der Götter Gunst erfahren!
+ Die vormals deinesgleichen waren,
+ Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
+ Doch einer lebt noch, sie zu rächen;
+ Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
+ Solang des Feindes Auge wacht.“ --
+
+ Und eh der König noch geendet,
+ Da stellt sich, von Milet gesendet,
+ Ein Bote dem Tyrannen dar:
+ „Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,
+ Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
+ Bekränze dir dein festlich Haar!
+
+ Getroffen sank dein Feind vom Speere,
+ Mich sendet mit der frohen Märe
+ Dein treuer Feldherr Polydor --“
+ Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
+ Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
+ Ein wohlbekanntes Haupt hervor.
+
+ Der König tritt zurück mit Grauen.
+ „Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“
+ Versetzt er mit besorgtem Blick.
+ „Bedenk, auf ungetreuen Wellen --
+ Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen --
+ Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“
+
+ Und eh er noch das Wort gesprochen,
+ Hat ihn der Jubel unterbrochen,
+ Der von der Reede jauchzend schallt.
+ Mit fremden Schätzen reich beladen,
+ Kehrt zu den heimischen Gestaden
+ Der Schiffe mastenreicher Wald.
+
+ Der königliche Gast erstaunet:
+ „Dein Glück ist heute gut gelaunet,
+ Doch fürchte seinen Unbestand.
+ Der Kreter waffenkund’ge Scharen
+ Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
+ Schon nahe sind sie diesem Strand.“
+
+ Und eh ihm noch das Wort entfallen,
+ Da sieht man’s von den Schiffen wallen,
+ Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
+ Von Feindesnot sind wir befreiet,
+ Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
+ Vorbei, geendet ist der Krieg!“
+
+ Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.
+ „Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!
+ Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil.
+ Mir grauet vor der Götter Neide:
+ Des Lebens ungemischte Freude
+ Ward keinem Irdischen zuteil.
+
+ Auch mir ist alles wohl geraten.
+ Bei allen meinen Herrschertaten
+ Begleitet mich des Himmels Huld;
+ Doch hatt’ ich einen teuren Erben,
+ Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
+ Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.
+
+ Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
+ So flehe zu den Unsichtbaren,
+ Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
+ Noch keinen sah ich fröhlich enden,
+ Auf den mit immer vollen Händen
+ Die Götter ihre Gaben streun.
+
+ Und wenn’s die Götter nicht gewähren,
+ So acht auf eines Freundes Lehren
+ Und rufe selbst das Unglück her;
+ Und was von allen deinen Schätzen
+ Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
+ Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“
+
+ Und jener spricht, von Furcht beweget:
+ „Von allem, was die Insel heget,
+ Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
+ Ihn will ich den Erinnyen weihen,
+ Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“
+ Und wirft das Kleinod in die Flut.
+
+ Und bei des nächsten Morgens Lichte,
+ Da tritt mit fröhlichem Gesichte
+ Ein Fischer vor den Fürsten hin:
+ „Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
+ Wie keiner noch ins Netz gegangen,
+ Dir zum Geschenke bring ich ihn.“
+
+ Und als der Koch den Fisch zerteilet,
+ Kommt er bestürzt herbeigeeilet
+ Und ruft mit hocherstauntem Blick:
+ „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen:
+ Ihn fand ich in des Fisches Magen,
+ O, ohne Grenzen ist dein Glück!“
+
+ Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
+ „So kann ich hier nicht ferner hausen,
+ Mein Freund kannst du nicht weiter sein;
+ Die Götter wollen dein Verderben;
+ Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
+ Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.
+
+ Friedrich von Schiller
+
+
+
+
+Der befreite Prometheus
+
+
+ Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
+ Er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
+ Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
+ Herunter, drauf er büßend lag;
+ Er durfte nun hinab auf seine Erde,
+ Hin zu den Menschen, die er so geliebt,
+ Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
+ Das Feuer des Olympos für sie stahl.
+
+ Nicht dauerte den Götterkönig
+ Der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
+ Warum auch lockte die Versuchung ihn,
+ Den Menschen Göttergut hinabzutragen;
+ Er hatte seinen Lohn dahin,
+ Den Heilandslohn,
+ Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
+ Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
+ Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz
+ Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
+ Die lavastarr gehärteten.
+
+[Illustration]
+
+ O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt!
+ Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel:
+ Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
+ Das große Wundmal unterm Herzen schützen,
+ Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
+ Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
+ O Tag voller Wut und Ohnmacht!
+
+ O Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
+ Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
+ Zum ersten Male
+ Erlahmte vor der Übermacht des Neides,
+ Des weltbeschattenden, der Götter all!
+ O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
+
+ Doch nun war alles überwunden.
+ Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
+ Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
+ Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
+ Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt,
+ Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
+ Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
+ Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
+ So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
+
+ Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
+ Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
+ Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
+ Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
+ Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
+ Seit er den unstet Irrenden
+ Den ersten warmen, festen Herd gebaut.
+ Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
+ Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier
+ Einst um das nackte Leben markteten,
+ Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
+
+ Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
+ Ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
+ Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
+ Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
+ Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
+ Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus,
+ War das nicht wert der tausendjährigen Pein?
+ Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“
+ Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
+ Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,
+
+ Und ging und ging, und suchte hin und her,
+ Und fand:
+ Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor.
+ Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
+ Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
+ Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid --
+ Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
+ Den Neid der Menschen um Besitz --
+ Und war genug doch da, genug für alle.
+ In Hütten sah er, in die Burgen sah er,
+ Doch es war alles eines,
+ War alles wie zuvor -- und schlimmer noch.
+
+ Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
+ Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
+ Den er vergebens bei den andern suchte;
+ Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
+ Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
+ Wollt er noch einmal unter Menschen rasten
+ Und dann auf immer in die Einsamkeit.
+ Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er:
+ „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
+
+ Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
+ Dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
+ Und schlich geduckt davon und schloß sich ein,
+ Und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
+ „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
+ Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder.
+ Ja, damals waren bessre Zeiten noch
+ Als heute!“
+ Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
+
+[Illustration]
+
+ Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
+ Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
+ Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend,
+ Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du!
+ So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
+ Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“
+ Und jäh und gellend riß sich
+ Ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
+ Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
+ „Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer!
+ Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ --
+ Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
+
+ Denn wieder sah er im Gelände unten
+ Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
+ Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
+ Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
+ Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
+ Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
+ Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
+ Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
+ In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend,
+ Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
+ Flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
+ „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
+ Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!
+ -- Ha, meine Menschen, hahaha --“
+
+ Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei,
+ Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
+ Er stierte: dunkel rollend ging die See,
+ Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
+ Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn,
+ Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
+ Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
+ Ein andres Boot heran, draus warf sich
+ Ein zweiter Fischer in die Brandung.
+
+ Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
+ Und stierte, stierte und erkannte sie:
+ Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn,
+ Die ersten Menschen waren’s, die er traf:
+ Todfeinde waren’s -- und jetzt kämpfte dort
+ Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
+ Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
+ Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
+ Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
+ Einander in die Arme.
+
+ Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
+ Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
+ Und sah sie lachen -- und nun jauchzen sie.
+ Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
+ Da überfiel ihn nie erlebte Demut,
+ Und in die Knie taumelte Prometheus,
+ Und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
+ „O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott!
+ Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
+ O laß mich leben, laß mich leiden!
+ Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
+
+ Richard Dehmel
+
+
+
+
+Alexander Ypsilanti auf Munkacs
+
+
+ Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm,
+ An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm,
+ Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin --
+ Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“
+ An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt:
+ „Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“
+ Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein;
+ Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein.
+ Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her
+ Aus dem Lande meiner Väter?“ -- und die Wimper ward ihm schwer --
+ War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die
+ Hand.
+ Seht, sein Antlitz wird so helle -- träumt er von dem Vaterland?
+ Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann,
+ Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an:
+ „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!
+ „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!
+ Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt,
+ Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt.
+ Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt.
+ Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“
+ Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“
+ Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß.
+ Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt
+ Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.
+
+ Wilhelm Müller
+
+
+
+
+Aus dem „Abschied von Griechenland“
+
+
+ Ob die schönen Tag’ enteilten,
+ Ob geborsten Ruhm und Glück:
+ Wo die Götter einmal weilten,
+ Bleibt ein ew’ger Glanz zurück.
+ Du, der Schönheit Morgenwiege,
+ Du, der Menschheit Jugendtraum,
+ Land, das für die höchsten Siege
+ Gab den Zweig vom heil’gen Baum;
+ Das, wenn Sorg und Elend nachten,
+ Unsre Seelen aufwärts trägt --
+ Jenes Herz ist arm zu achten,
+ Welches nicht für Hellas schlägt.
+ An den Schiffsbug braust im Dunkeln
+ Wellenberg auf Wellenberg,
+ Und des Himmels Lichter funkeln
+ Durch das schwarze Takelwerk. --
+ Längst am Saum des Flutenschlosses
+ Felsenküst und Wolke schwand:
+ Fahre wohl, du schönes, großes,
+ Sonnenfreud’ges Griechenland!
+
+ Heinrich Vierordt
+
+
+
+
+Der deutsche Spielmann
+
+
+herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem
+Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten
+deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-
+und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,
+von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von
+einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung
+eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche
+Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die
+Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand
+jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer
+vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten
+Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das
+Jahrhundert behalten.
+
+ Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)
+ „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz)
+ „ 3 Wald (W. Weingärtner)
+ „ 4 Hochland (Franz Hoch)
+ „ 5 Meer (J. V. Cissarz)
+ „ 6 Helden (W. Weingärtner)
+ „ 7 Schalk (Julius Diez)
+ „ 8 Legenden (G. A. Stroedel)
+ „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)
+ „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler)
+ „ 11 Sänger (Hans Röhm)
+ „ 12 Frühling (H. v. Volkmann)
+ „ 13 Sommer (Edmund Steppes)
+ „ 14 Herbst (Karl Biese)
+ „ 15 Winter (Karl Biese)
+ „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)
+ „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)
+ „ 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz)
+ „ 19 Bach u. Strom (E. Liebermann)
+ „ 20 Heide (Adalbert Holzer)
+ „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)
+ „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)
+ „ 23 Germanentum (H. Röhm)
+ „ 24 Mittelalter (H. Schroedter)
+ „ 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch)
+ „ 26 Neuzeit (Angelo Jank)
+ „ 27 Gespenster (Julius Diez)
+ „ 28 Tod (Matthäus Schiestl)
+ „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)
+ „ 30 Nordland (Rudolf Roch-Hanau)
+ „ 31 Italien (Hans Volkert)
+ „ 32 Hellas (Karl Bauer)
+ „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert)
+ „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.)
+ „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner)
+ „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)
+ „ 37 Glück und Trost (H. Schwegerle)
+ „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
+ „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)
+ „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
+
+Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in
+Klammern.
+
+Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“,
+„Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches
+Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“,
+„Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***