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Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns + + + + + Druck von Kastner & Callwey in München + + + + +Inhalt + + + Seite + + Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3 + + Hyperions Schicksalslied (Hölderlin) 4 + + Iphigeniens Parzenlied (Goethe) 5 + + Prometheus (Goethe) 6 + + Aus der Iliade: + + Hektor und Andromache (Grimm) 8 + + Hektors Abschied (Schiller) 14 + + Hektors Tod (Voß) 16 + + Aus der „Penthesilea“: + + Achills Tod (Kleist) 25 + + Aus der Odyssee: + + Odysseus und Polyphem (Richter) 34 + + Nächtliche Fahrt (Meyer) 42 + + Die sterbende Meduse (Meyer) 45 + + Griechische Spiele (Pfizer) 46 + + Die Mutter des Siegers (Heyse) 48 + + Die Kraniche des Ibykus (Schiller) 52 + + Der Sieger (Salus) 59 + + Tod des Perikles (Greif) 60 + + Der Bote von Marathon (Gaudy) 62 + + Der junge Themistokles (Alsen) 66 + + Salamis (Lingg) 67 + + Themistokles in Olympia (Greif) 68 + + Ein Dichter in der Schlacht von Salamis (Fischer) 68 + + Grab des Themistokles (Geibel) 70 + + Historischer Adelsklub (Spitteler) 71 + + Die gefesselten Musen (Meyer) 71 + + Der trunkene Gott (Meyer) 72 + + Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? (Hebbel) 75 + + Der Ring des Polykrates (Schiller) 77 + + Der befreite Prometheus (Dehmel) 80 + + Alexander Ypsilanti auf Munkacs (Müller) 86 + + Aus dem „Abschied von Griechenland“ (Vierordt) 87 + + + + +[Illustration] + + + Hellas! -- Aus abgrundtiefem Meer + Hebt sich ein sonnbeglänzter Strand. + Blauseiden spannt sich’s drüber her -- + So schaut ich dich, mein Griechenland. + Und hohe Tempel sah ich stehn + Auf schlanken Säulen, weit und licht, + Und Götter, stolz und marmorschön, + Mit reinem Menschenangesicht. + + Du Volk der Schönheit, sei gegrüßt, + Gegrüßt mir auf Olympias Flur! + Aus deines Lebens Quelle fließt + Auch Deutschlands edelste Kultur. + Was deine Heldenschar erstritt, + Was deiner Künstler schönster Traum, + Die deutsche Jugend lebt es mit + Noch heut, vergessend Zeit und Raum. + + Und deutsche Dichter schufen neu + Die alte Griechenherrlichkeit + Und gaben ihre Melodei + Dem längstverrauschten Völkerstreit, + Und zeigten, wie im heitern Spiel + Des Griechen dunkler Ernst gebot, + Wie ihn ein stolzes Hochgefühl + Ließ lachend schreiten in den Tod. + + Nicht was aus fremdem Idiom + Die scharfgeschliffne Brille liest, + Nur was als frischer Lebensstrom + Durch deutsche Dichteradern fließt, + Was wieder Blut von unserm Blut + Und Geist von unserm Geiste ward: + Das weckt aufs neu den Tatenmut + Und lockt die stammverwandte Art. + + Wer finden will hellenisch Land + Und griechisch Leben möcht verstehn, + Dem reicht der Spielmann heut die Hand + Und lehrt mit Dichteraugen sehn, + Mit Dichteraugen groß und weit, + Durchdringend der Geschichte Dunst -- + Denn lebenswarme Wirklichkeit + Wird Hellas nur im Reich der Kunst. + + Der deutsche Spielmann + + + + +Hyperions Schicksalslied + + Ihr wandelt droben im Licht + Auf weichem Boden, selige Genien! + Glänzende Götterlüfte + Rühren euch leicht, + Wie die Finger der Künstlerin + Heilige Saiten. + + Schicksallos, wie der schlafende + Säugling, atmen die Himmlischen; + Keusch bewahrt + In bescheidener Knospe, + Blühet ewig + Ihnen der Geist, + Und die seligen Augen + Blicken in stiller + Ewiger Klarheit. + + Doch uns ist gegeben, + Auf keiner Stätte zu ruhn, + Es schwinden, es fallen + Die leidenden Menschen + Blindlings von einer + Stunde zur andern, + Wie Wasser von Klippe + Zu Klippe geworfen, + Jahrlang ins Ungewisse hinab. + + Christ. Friedr. Hölderlin + + + + +Iphigeniens Parzenlied + + „Es fürchte die Götter + Das Menschengeschlecht! + Sie halten die Herrschaft + In ewigen Händen + Und können sie brauchen, + Wie’s ihnen gefällt. + + Der fürchte sie doppelt, + Den je sie erheben! + Auf Klippen und Wolken + Sind Stühle bereitet + Und goldene Tische. + + Erhebet ein Zwist sich, + So stürzen die Gäste, + Geschmäht und geschändet, + In nächtliche Tiefen, + Und harren vergebens, + Im Finstern gebunden, + Gerechten Gerichtes. + + Sie aber, sie bleiben + In ewigen Festen + An goldenen Tischen. + Sie schreiten vom Berge + Zu Bergen hinüber; + Aus Schlünden der Tiefe + Dampft ihnen der Atem + Erstickter Titanen, + Gleich Opfergerüchen, + Ein leichtes Gewölke. + + Es wenden die Herrscher + Ihr segnendes Auge + Von ganzen Geschlechtern, + Und meiden, im Enkel + Die ehemals geliebten + Still redenden Züge + Des Ahnherrn zu sehn.“ + + So sangen die Parzen; + Es horcht der Verbannte + In nächtlichen Höhlen, + Der Alte, die Lieder. + Denkt Kinder und Enkel, + Und schüttelt das Haupt. + + Wolfgang von Goethe + + + + +Prometheus + + + Bedecke deinen Himmel, Zeus, + Mit Wolkendunst + Und übe, dem Knaben gleich, + Der Disteln köpft, + An Eichen dich und Bergeshöhn! + Mußt mir meine Erde + Doch lassen stehn, + Und meine Hütte, die du nicht gebaut, + Und meinen Herd, + Um dessen Glut + Du mich beneidest. + + Ich kenne nichts Ärmeres + Unter der Sonne, als euch, Götter! + Ihr nähret kümmerlich + Von Opfersteuern + Und Gebetshauch + Eure Majestät, + Und darbtet, wären + Nicht Kinder und Bettler + Hoffnungsvolle Toren. + + Da ich ein Kind war, + Nicht wußte, wo aus noch ein, + Kehrt ich mein verirrtes Auge + Zur Sonne, als wenn drüber wär + Ein Ohr, zu hören meine Klage, + Ein Herz, wie meins, + Sich des Bedrängten zu erbarmen. + Wer half mir + Wider der Titanen Übermut? + Wer rettete vom Tode mich, + Von Sklaverei? + Hast du nicht alles selbst vollendet, + Heilig glühend Herz, + Und glühtest jung und gut, + Betrogen, Rettungsdank + Dem Schlafenden da droben? + + Ich dich ehren, wofür? + Hast du die Schmerzen gelindert + Je des Beladenen? + Hast du die Tränen gestillet + Je des Geängstigten? + Hat nicht mich zum Manne geschmiedet + Die allmächtige Zeit + Und das ewige Schicksal, + Meine Herrn und deine? + Wähntest du etwa, + Ich sollte das Leben hassen, + In Wüsten fliehen, + Weil nicht alle + Blütenträume reiften? + Hier sitz ich, forme Menschen + Nach meinem Bilde, + Ein Geschlecht, das mir gleich sei, + Zu leiden, zu weinen, + Zu genießen und zu freuen sich, + Und dein nicht zu achten, + Wie ich. + + Wolfgang von Goethe + + + + +Aus der Iliade + + +Hektor und Andromache + + Aber Hektor fand in den Gemächern + Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde + Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte, + Und als er nirgends im Hause seine Frau + Antraf, trat er unter die Türe des Hauses: + „Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin + Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa + Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen? + Oder betet sie mit den andern Fraun, + Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt, + Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“ + + Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf: + „Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn: + Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen, + Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen, + Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr, + Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie, + Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“ + +[Illustration] + + Aber Hektor eilte denselben Weg + Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter, + Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt. + Dort kam laufend Andromache ihm entgegen, + Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter, + Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos, + Über Kilikiens Männer herrschte: dessen + Tochter gewann einst Hektor, und die traf er + Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin, + Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde. + Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst + Gern Skamandrios nannte: aber die andern + Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch + Troja hielt und beschützte. + + Und er lächelte schweigend über dem Kinde, + Und Andromache stand an seiner Seite, + Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte: + „Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert + Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau, + Die bald nun deine arme Witwe sein wird? + Denn dich töten bald nun die Achäer, + Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre + Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja + Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst. + Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater + Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte + Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht: + Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung, + Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf, + Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen, + Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich: + Alle opfert’ Achill an jenem Tage + Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter + Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei, + Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana + Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet. + Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder! + Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir! + Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib + Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum + Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt + Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht. + Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf, + Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet, + Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“ + + „Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du. + Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas + Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen. + Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen. + Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres + Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben. + Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s: + Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja + Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk! + Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend + Und der Sturz des Königs und meiner Mutter + Und der Brüder und all der Tapfern, die + Unter den Feinden dann im Staube liegen, + So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht, + Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern + Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage, + Die du in Argos dann am fremden Webstuhl + Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend + Wasser holst an der Quelle Messeis oder + Hyperia! Und einer, der dich da + Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht: + »Das ist Hektors Weib, der so tapfer war, + Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.« + Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem + Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege + Längst im Dunkel der Erde und höre + Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“ + + Und so sprechend griff nach seinem Kinde + Hektor; aber das warf sich schreiend herum + Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters + Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es. + Und sein lieber Vater und seine Mutter + Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab, + Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind, + Tänzelte es mit beiden Händen und rief, + Auf zu Zeus und den andern Göttern betend: + +[Illustration] + + „Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind + Gleich mir unter den Troern einst voranstehn! + Tapfer sein und über Ilion herrschen, + Daß die Sage einmal im Volke gehe: + Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe + Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten + Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt, + Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend, + Legt er das Kind in seiner Mutter Arme, + Und sie nahm es an ihre atmende Brust, + Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend, + Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß + Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten. + Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner, + Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab, + Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden. + Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm, + Denn es waltet von Anfang an. Deshalb + Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft, + Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an, + Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber + Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist, + Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte + Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau + Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie + Still und sah sich um nach ihm und weinte. + Und zu Hause, als die Mägde sie sahen, + Weinten und jammerten sie, und Hektor war + Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine, + Daß er jemals wieder nach Hause käme. + + Hermann Grimm + + +Hektors Abschied + +Andromache: + + Will sich Hektor ewig von mir wenden, + Wo Achill mit den unnahbarn Händen + Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt? + Wer wird künftig deinen Kleinen lehren + Speere werfen und die Götter ehren, + Wenn der finstre Orkus dich verschlingt? + +Hektor: + + Teures Weib, gebiete deinen Tränen! + Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen, + Diese Arme schützen Pergamus, + Kämpfend für den heilgen Herd der Götter + Fall ich und, des Vaterlands Retter, + Steig ich nieder zu dem styg’schen Fluß. + +Andromache: + + Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle, + Müßig liegt dein Eisen in der Halle, + Priams großer Heldenstamm verdirbt. + Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet, + Der Cocytus durch die Wüsten weinet, + Deine Liebe in dem Lethe stirbt. + +Hektor: + + All mein Sehnen will ich, all mein Denken + In des Lethe stillen Strom versenken, + Aber meine Liebe nicht. + Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern, + Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern! + Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht. + + Friedr. v. Schiller + +[Illustration] + + +Hektors Tod + + Also weineten beide, den trautesten Sohn anflehend, + Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen; + Nein, er erharrt Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn. + So wie ein Drach im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft, + Statt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne; + Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft; + So unbändigen Mutes verweilt auch Hektor und wich nicht, + Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer; + Unmutvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele: + „Wehe mir! Wollt ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn, + Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten, + Welcher mir riet, in die Veste das Heer der Troer zu führen; + Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus. + Aber ich hörete nicht; wie heilsam hätt ich gehöret! + Jetzo, nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung, + Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber, + Daß nicht einst mir sage der Schlechtern einer umher wo: + »Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!« + Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es: + Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren, + Oder auch selbst ihm zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer. + Aber legt ich zur Erde den Schild von geründeter Wölbung, + Samt dem gewichtigen Helm, und, den Speer an die Mauer gelehnet, + Eilt ich entgegenzugehn dem tadellosen Achilleus, + Und verhieß ihm Helena selbst und ihre Besitzung, + Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen + Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war, + Daß er zu Atreus Söhnen es führt; auch dem Volke von Argos + Anderes auszuteilen, wieviel auch heget die Stadt hier; + Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur, + Nichts imgeheim zu entziehn, nein, zwiefach alles zu teilen, + Was auch die liebliche Stadt an Gut in den Wohnungen einschließt: -- + Aber warum doch bewegte das Herz mir solche Gedanken? + Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein, sonder Erbarmung + Würd er, ohn einige Scheu, mich niederhaun, den Entblößten, + Grad hinweg wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet. + Jetzo fürwahr nicht gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen + Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling, + Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen. + Besser zu feindlichem Kampf an rennen wir! Daß wir in Eile + Sehn, wem etwa von uns der Olympier gönne den Siegesruhm!“ + + Also erwog er, und blieb. Doch nah ihm wandelt Achilleus, + Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter, + Welchem Pelions Esch auf der rechten Schulter entsetzlich + Bebete; aber das Erz umleuchtet’ ihn, ähnlich dem Schimmer + Lodernder Feuersbrunst, und der hell aufgehenden Sonne. + Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte: nicht auch vermocht’ er + Dort zu bestehn, und er wandte vom Tore sich, ängstlich entfliehend. + Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend. + So wie ein Falk des Gebirgs, der behendeste aller Gevögel, + Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube; + Seitwärts schlüpft sie oft: doch nah mit hellem Getön ihr + Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen: + So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor + Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend. + Beid an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenhügel, + Immer hinweg von der Mauer entflogen sie über den Fahrweg. + Und sie erreichten die zwei schönsprudelnden Quellen, woher sich + Beide Bäch ergießen des wirbelvollen Skamandros. + Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr + Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers; + Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel. + Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises. + Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche, + Schön, aus Steinen gehauen, wo die stattlichen Feiergewande + Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen, + Als noch blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam. + Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger. + Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte, + Stürmenden Laufs: denn nicht um ein Weihvieh oder ein Stierfell + Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer; + Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektor. + So wie zum Siege gewöhnt, um das Ziel starkhufige Rosse + Hurtiger drehen den Lauf; denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß, + Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers: + Also kreiseten sie dreimal um Priamos Veste + Rasch mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle. + +[Illustration] + + Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater: + „Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja, + Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich, + Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar + Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida, + Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus, + Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend. + Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß, + Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo + Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“ + Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene: + „Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede! + Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis, + Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen? + Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“ + + Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus: + „Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens + Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein. + Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“ + + Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin; + Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos. + + Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus, + Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget, + Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche; + Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig, + Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden: + So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus. + Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore + Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr, + Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten; + Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts + Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend. + Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen; + Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen. + So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener. + Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes, + Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon + Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel? + + Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus, + Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse; + Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme. + Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet, + Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater, + Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes, + Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor. + Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal + Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon. + Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene; + Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte: + + „Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus, + Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen, + Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers. + Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen, + Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon, + Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters. + Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber + Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“ + + Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens, + Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche. + Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor, + Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme; + Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte: + + „Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus, + Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend! + Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“ + + Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor: + „Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder, + Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter; + Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren, + Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm, + Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“ + + Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene: + „Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter, + Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch, + Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung. + Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer. + Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht + Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus + Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt + Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“ + + Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin. + Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander; + Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor: + + „Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo! + Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend, + Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an, + Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle! + Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten + Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer. + Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir + Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben: + Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus, + Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“ + + Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus: + „Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert! + Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet, + Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen, + Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander: + So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis, + Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz + Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger! + Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir, + Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger! + Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene, + Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal, + Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“ + +[Illustration] + + Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze. + Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor; + Denn er sank in die Knie; und es flog der eherne Wurfspieß + über ihn weg in die Erd; ihn begriff und reichte die Göttin + Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor. + Hektor aber begann zu dem tadellosen Achilleus: + „Weit gefehlt! Nein, schwerlich, o göttergleicher Achilleus, + Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet; + Sondern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer, + Daß ich, vor dir hinbebend, des Muts und der Stärke vergäße. + Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren; + Sondern vorn, dem gerad Anstürmenden, stoß in die Brust ihn, + Wenn dir ein Gott es verlieh! Nun aber vermeid auch die Schärfe + Meines Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen! + Weit ja erträglicher würde der Kampf für die Männer von Troja, + Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!“ + Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze, + Traf, und verfehlete nicht, gerad auf den Schild des Peleiden; + Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor, + Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war; + Stand und schaute bestürzt; denn es war kein anderer Wurfspieß. + Laut zu Deiphobos drauf, dem weißgeschilderten, ruft er. + Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener. + Hektor erkannt es anjetzt in seinem Geist, und begann so: + + „Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter! + Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn; + Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene. + Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch; + Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches + Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich + Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal! + Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos, + Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“ + + Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus, + Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig; + An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler, + Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken + Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein: + Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten. + Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm + Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor, + Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend, + Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes + Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet. + Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens, + Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels: + Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus + Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor, + Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte. + Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung, + Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend; + Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet, + Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens: + Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus, + Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang. + Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel, + Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche; + Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus; + „Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos, + Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten. + Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer + Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben, + Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel + Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“ + + Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor: + „Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern, + Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen; + Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes + Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter, + Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat + Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“ + + Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus: + „Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern! + Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen + Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest! + Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche! + Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung, + Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen! + Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte + Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter + Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren; + Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“ + + Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor: + „Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen + Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen. + Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke, + Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon + Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“ + + Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn; + Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs, + Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft. + + Johann Heinrich Voß + + + + +Aus der „Penthesilea“ + + +Achills Tod + ++Odysseus+: + + Wir zogen aus, auf des Atriden Rat, + Mit der gesamten Schar der Myrmidonen, + Achill und ich: Penthesilea, hieß es, + Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden, + Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten, + Von Amazonen, heißer Kampflust voll, + Durch der Gebirge Windungen heran, + Den Priamus in Troja zu entsetzen. + Am Ufer des Skamandros, hören wir, + Deiphobus auch, der Priamide, sei + Aus Ilium mit einer Schar gezogen, + Die Königin, die ihm mit Hilfe naht, + Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen + Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner + Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen; + Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug. + Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte, + Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch, + Da wir in einem weiten Tal vor uns + Mit des Deiphobus Iliern im Kampf + Die Amazonen sehn! Penthesilea, + Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk, + Weht der Trojaner Reihen vor sich her, + Als gält es übern Hellespont hinaus, + Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen. + Wir sammeln uns, + Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein + Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn, + Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße. + Auf diesen Anblick stutzt der Priamide; + Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich + Die Amazonenfürstin zu begrüßen: + Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt. + War je ein Rat einfältiger und besser? + Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt, + Ins Ohr verständiger mir flüstern können? + Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch, + Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet, + In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen, + Sie muß zu einer der Partein sich schlagen; + Und uns die Freundin müssen wir sie glauben, + Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt. + Nun gut. + Wir finden sie, die Heldin Scythiens, + Achill und ich -- in kriegerischer Feier + An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt, + Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel, + Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend, + Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund. + Gedankenvoll, auf einen Augenblick, + Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer, + Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden; + Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich, + Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht: + Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft: + Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab, + Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie + Die Welt in helle Flammenlohe auf. + Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung, + -- Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn -- + Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt, + Die Zügel einer Dienrin überliefernd, + Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe. + Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut, + Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen; + Was für ein Haß den Priamiden längst + Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich, + So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein; + Und was der Augenblick noch sonst mir beut: + Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede, + Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet + Mit einem Ausdruck der Verwunderung, + Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich, + Das von olympischen Spielen wiederkehrt, + Zu einer Freundin ihr zur Seite sich, + Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist + Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“ + Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt, + Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an, + Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder + Auf des Aeginers schimmernder Gestalt: + Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert, + Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei. + Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham, + Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend, + Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei + Penthesilea, kehrt sie sich zu mir, + Der Amazonen Königin, und werde + Aus Köchern mir die Antwort übersenden! + Hierauf unwissend jetzt, + Was wir von diesem Auftritt denken sollen, + In grimmiger Beschämung gehn wir heim, + Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach + Von fern her, die hohnlächelnden, erraten, + Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen + Im Wahn, sie seien die Begünstigten, + Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse, + Sei an dem Zorn der Amazone schuld, + Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand, + Die sie verschmäht, von neuem anzutragen. + Doch eh der Bote, den sie senden wollen, + Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt, + Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel, + Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein. + Mit eines Waldstroms wütendem Erguß + Die einen, wie die andern, niederbrausend. + Jetzt hebt + Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten, + Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken. + So viel ich weiß, gibt es in der Natur + Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes. + Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend + Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier + Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich, + Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß, + Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser, + Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken. + Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen, + Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche + Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte, + Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast, + Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen, + Um dem gemeinen Feinde zu begegnen. + ++Diomedes+: + + Seit jenem Tage + Grollt über dieser Ebne unverrückt + Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein + Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln + Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern + Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken, + Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein, + Als wollte sie den ganzen Griechenstamm + Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten. + Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston, + Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt, + Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer + Mit ihren jungen, schönen Leibern groß + Für diese kühne Tochter Ares’ düngend. + Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon, + Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme, + Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ. + -- Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen, + Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn + Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß + Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte. + So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht + Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute, + Die sich ihr Auge grimmig auserkor, + Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill. + Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon + Sein Leben war in ihre Macht gegeben, + Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder: + Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt. + Denn als sie um die Abenddämmrung gestern + Im Kampf, Penthesilea und Achill, + Einander trafen, stürmt Deiphobus her, + Und auf der Jungfrau Seite hingestellt, + Der Teukrische, trifft er dem Peleiden + Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd, + Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten, + Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten + Die Arme sinken: und die Locken dann + Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd, + Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf, + Und senkt, wie aus dem Firmament geholt, + Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals, + Daß er zu Füßen hin, der Unberufne, + Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt. + Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide, + Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals + Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken, + Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft, + Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel, + Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort. + ++Hauptmann+: + + Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl, + Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter, + Rings der Ätolier wackre Reihen hin, + Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie, + Die unbesiegten Myrmidonier, gießend. + Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog + Entgegen uns: in wilder Überschwemmung + Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort: + Und eher nicht vermögen wir den Fuß, + Als fern von den Peliden festzusetzen. + Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen, + Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt + Von eines Hügels Spitze scheu herab, + Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden + Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu; + Doch es erstirbt der Laut im Busen uns, + Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück + Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken + In grause Tiefe bäumend niederschaut. + Vergebens jetzt, in der er Meister ist, + Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst: + Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne, + Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe, + Und im verworrenen Geschirre fallend, + Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt, + Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk, + Wie in der Schlinge eingefangen da. + Es stürzt + Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker, + In die Verwirrung hurtig sich der Rosse: + Er hilft dem Viergekoppel wieder auf. + Doch eh er noch aus allen Knoten rings + Die Schenkel, die verwickelten, gelöst, + Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm + Siegreicher Amazonen, ins Geklüft, + Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend. + Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie, + Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel + Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt, + Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand: + Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte, + Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder. + Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg, + Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig + Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt, + In ihre beiden kleinen Hände drücken. + Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick, + Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß + Eindringlicher Gebärde sie beschwörend; + Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint, + Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre, + Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift: + Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren, + Doch sie -- Ihr hört’s. + Umsonst sind die Versuche, sie zu halten, + Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten + Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe + An dem Geklüfte auf und nieder streifend, + Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete + Für einen Wunsch, der keine Flügel hat; + Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man + Empor sie an des Felsens Wände klimmen, + Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort, + Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege + Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen. + Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht, + Den sich im Fels der Regen ausgewaschen; + Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich; + Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um, + Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an. + Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich + Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut, + Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher + Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem + Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum + Als eine Gemse sich zu halten braucht; + Von ragendem Geklüfte rings geschreckt, + Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt; + Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft: + Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin, + Von los sich lösendem Gestein umprasselt, + Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd + Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück, + Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts: + Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf. + Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet -- + -- Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu + Den ganzen erznen Wagen schmieden können -- + Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel: + Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust. + Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet, + Erspähn die Amazonen einen Pfad, + Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen, + Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend, + Die Königin dahin, die sinnberaubte, + Die immer noch des Felsens Sturz versucht. + Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend, + Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan; + Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie + Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide, + Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend; + Doch in den Gründen bald verschwand er mir, + Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht. + +[Illustration] + +Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen +Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen. +Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht, +für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins +Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu +ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner +Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden +ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die +Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf, +um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser +Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit +Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen. + ++Meroe+: + + Ihr wißt, + Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen, + Sie, die fortan kein Name nennt -- + In der Verwirrung ihrer jungen Sinne, + Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen, + Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend. + Von Hunden rings umheult und Elefanten, + Kam sie daher, den Bogen in der Hand: + Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er, + Die blutumtriefte Graungestalt, einher + Mit weiten Schritten des Entsetzens geht, + Die Fackel über blühnde Städte schwingend, + Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie. + Achilleus, der, wie man im Heer versichert, + Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig + Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen: + Denn auch er -- o wie mächtig sind die Götter! -- + Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend, + Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen; + Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen, + Und läßt die Freunde hinter sich zurück. + Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen + Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein + Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet: + Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht, + Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder: + Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft + Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt. + Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme, + Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“ + Und will zurück noch zu den Freunden fliehn: + Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten, + Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt + In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge, + Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. -- + Inzwischen schritt die Königin heran, + Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald + Hochher, gleich einem Jäger, überschauend; + Und da er eben, die Gezweige öffnend, + Zu ihren Füßen niedersinken will: + „Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie + Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich + Den Bogen an, daß sich die Enden küssen, + Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt, + Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt! + Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor. + Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen, + Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken, + Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich, + Und hebt sich wiederum und will entfliehn; + Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne! + Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“ + Und stürzt -- stürzt mit der ganzen Meut, o Diana! + Sich über ihn, und reißt -- reißt ihn beim Helmbusch, + Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt; + Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken, + Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder! + Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend, + Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft: + „Penthesilea! meine Braut! was tust du? + Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“ + Doch sie -- die Löwin hätte ihn gehört, + Die hungrige, die wild nach Raub umher, + Auf öden Schneegefilden heulend treibt -- + Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend, + Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust, + Sie und die Hunde, die wetteifernden, + Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte, + In seine linke sie; als ich erschien, + Troff Blut von Mund und Händen ihr herab. + + Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle, + Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute, + Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt, + Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend, + In das Unendliche hinaus, und schweigt. + Wir fragen mit gesträubten Haaren sie: + Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne? + Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt, + Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch. + + Heinrich von Kleist + + + + +Aus der Odyssee + + +Odysseus und Polyphem + +Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so +widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte, +wie dem klugen Helden Odysseus. + +[Illustration] + +Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja +absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der +Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward +unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald +weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den +sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt +die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark +waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum +Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe +sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen, +trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen. + +Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer, +und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am +zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von +der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren +und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder +gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung +eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die +Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen +von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte +nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die +ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie +mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend +weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der +Heimat vergäßen. + +Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das +waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das +Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und +säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen +ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach +Willkür über Mann und Kinder. + +Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem +Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen +umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser +Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als +derselbe heraufstieg, wunderten sie sich des fruchtbaren und doch +menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur +Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt, +und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an +einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es +nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen +erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug. + +Von der Insel aus sahen die Griechen auch das Land, der Cyklopen, von +dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief +Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil +derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande +zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten +unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben. + +Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die +Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte +Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes +Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr +wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb +und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich +nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter +waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen +namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich +blickend, mitten auf der Stirn stand. + +Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur +zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe +zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht +wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit, +auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros +von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß +man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser +vermischen mußte. + +In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber +hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit +auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da. +Odysseus’ Gefährten wollten etliche Körbe mit Käsen, auch etliche +Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen. +Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da +zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen +dann selbst. + +[Illustration] + +Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er +krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und +Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem +gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte +man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig +gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde +gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene +in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die +Griechen, welche sich in den äußersten Winkel der Höhle versteckt +hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und +woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres +getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr +Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“ + +Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt, +Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von +Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von +schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande. +Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst, +damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und +Beschützer ist.“ + +Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an +Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die +übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn +du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner +Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr +gekommen.“ + +Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge +Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin +allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“ + +Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der +Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das +Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied +fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen +Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die +Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber +streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle +und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden +Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit +besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem +sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande +gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der +Höhle gehoben hatte. + +Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an, +molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals +zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann +trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem +er den Felsen vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in +die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun +die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich +reifte in Odysseus’ Seele ein Plan. + +In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war +sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten +können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen +Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg +er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier +seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er +ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde. + +Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten +wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat +Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken +Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm, +Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese +trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher +noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein, +aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte +Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach +dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er, +den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm +den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich +alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten +Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber +Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder, +und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf +gefallen war. + +Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus +entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend, +und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des +Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte +er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut +die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend +spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende +Axt hineinhält. + +Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den +entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem +Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des +Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten +hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage, +wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete +er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig +angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas +zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen +haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute +sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen. + +Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber +mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er +sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte +Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei +Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner +Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn +nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres +hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete. + +Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere +festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder +der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle +desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der +Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der +Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät, +da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht +dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling +geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich +versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann +ließ er den Widder gehen. + +Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine +Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere +zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben +waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie +Polyphem sechs ihrer Gefährten gemordet und verschlungen habe, dann +stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in +einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen +die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen +fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“ +Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn +grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte +das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel, +und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das +Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die +Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als +am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen +will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war +es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem, +wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch +Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in +Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein +großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun +hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem +er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte +Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit +entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da +betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war, +daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen +Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen. + +Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder +auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus +opferte. + + Albert Richter + + +[Illustration] + + +Nächtliche Fahrt + + Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll + Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand. + Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll, + Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand. + + Der glückbedürft’ge hieß Telemachos + Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug, + Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß, + Athene war’s, die Mentors Züge trug. + + Unendlich brach hervor der Sterne Heer, + Die lichten Waller wußten ihre Bahn ... + Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer: + „Zusammen rufen wir die Götter an!“ + + Die Hände, wie der Staubgeborne fleht, + Erhob sie ausgebreitet in die Nacht -- + Und sie erhörte selber das Gebet, + Von ihr für den Verlaßnen dargebracht. + + Conr. Ferd. Meyer + + + + +Die sterbende Meduse + + + Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten, + Belauert Perseus bang in seinem Schild + Der schlummernden Meduse Spiegelbild, + Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten. + Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde + Des jungen Wuchses atmende Gebärde -- + + „Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe, + Verderblich der Verderberin genaht? + Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe! + Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat. + Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List + Die wachen Augen! Sie, die grausam ist! + Durch weiße Lider schimmert blaues Licht + Und -- zischte dort der Kopf der Natter nicht?“ + + Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde, + Der Menschen schöner Liebling, der sie war, + Bevor die Stirn der Göttin Angebinde + Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar. + Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern + Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße, + In blühendem Reigen regt sie mit den andern + Die freudehellen, die beschwingten Füße, + Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte, + Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge + Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte, + Der weichmelodisch zieht durch seine Züge. + Es lächelt still, von schwerem Bann befreit, + In unverlorner erster Lieblichkeit. + Der Mörder tritt an ihre Seite dicht, + Und dunkler träumt Medusens Angesicht. + Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon, + Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten, + Die Menschen habe scheu sie erst geflohn, + Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten -- + Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält, + Daß sie dem eignen Leben feind geworden, + Und andres Leben sich ergötzt zu morden -- + Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt, + Die grause Larve, die sie lang geschreckt, + Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt. + Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit, + Begonnen hat der Seele Feierzeit. + Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich. + Als eine der Erlösten fühlt sie sich. + Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr, + Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr, + Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut! + Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen, + Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen + Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht. + + Conr. Ferd. Meyer + + + + +Griechische Spiele + + + Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen, + Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit. + Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall + Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz, + Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge -- sie wußten, + Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug. + Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers, + Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz. + Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat, + Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds. + Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern, + Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel. + + Gustav Pfizer + +[Illustration] + + + + +Die Mutter des Siegers + + + Im weiten Rund des Stadion zu Olympia + Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier + Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan + Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge, + Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt. + Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings, + Nur der Demeter greise Priesterin + Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken, + Denn uralt heiliges Gesetz gebeut: + Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib + Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch + Herabgestürzt von jenen Felsenzacken, + Die in Olympias Ebne niederschaun, + Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen. + + Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab + Sein feurig Viergespann lenkt Helios, + Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe + Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun, + Da wird es still im ungeheuren Ring. + Die Volkesbrandung hält den Atem an, + Und einen schlanken Jüngling an der Hand + Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz + Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern + Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt, + Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen + Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt. + Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen, + Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten, + Eratmend süß im linden Abendhauch, + Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch + Die Kraft der jungen Schenkel eben erst + Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin, + Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt, + Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks. + Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung, + Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann, + Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt, + Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht, + Steht er den tausend Gaffenden zur Schau, + Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name: + „Koröbos, Sohn des Pelias.“ + Und jetzt + Herab vom Hochsitz naht der älteste + Der Kampfesrichter, milden Angesichts. + Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein, + Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen, + Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd, + Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig + Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt, + Indes der Herold laut den Namen ausruft: + „Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis, + Sieger im Fünfkampf.“ + Brausend in der Runde, + Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf, + Und schon erhebt der Palme zarten Zweig, + Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand, + Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt + Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben + Empörter Stimmen. Innehält der Greis + Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder + Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf, + Nachschleppend eine dürftige Gestalt, + Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, -- + Ein Weib! -- Verwünschungen, geballte Fäuste, + Und jetzt -- horch! -- aus des Jünglings Mund ein Schrei: + „Mutter! O Mutter!“ -- und er stürzt zu ihr, + Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne + Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt. + Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer + Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter, + Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße. + Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein, + In sich gebückt, sah sie den Spielen zu, + Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde, + So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien. + Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt + Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören + Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens; + Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust, + Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz. + Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich, + Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit + Befallen, will den Kopf ihm heben. Da + Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar + Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche, + Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb. + Nun bringen wir zu euch die Frevlerin, + Daß ihr sie richten mögt.“ + Alsbald erhob sich + Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend, + In Demut vor die Richter trat sie hin: + „Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt: + Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten + Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag, + Der mich erhöht vor allen Weibern sah! + Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm + Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng + Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann + Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck; + Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren + Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit. + Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn, + Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt, + Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften, + Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach! + Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah + Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam, + Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick + Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir, + Nur mein Koröbos. Als er von mir ging, + Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder, + Da litt es mich im öden Hause nicht. + Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte + Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm + Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, -- + Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben -- + Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß + Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das + Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht, + Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht, + Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus. + Und so, getrost, beging ich, was verpönt, + Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort + Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch + Den Göttern dank ich, die mich so begnadet, + Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je + Vergessen trinken dieses Freudentags, + Der mir der letzte war.“ + Sie schwieg, den Blick + Auf ihren Liebling haftend, tränenlos, + Verklärt. Und eine Stille ward ringsum, + Und in der Brust der strengen Richter schwankte + Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich + Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr + Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme, + Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib, + Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab + Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod + Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir + Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel. + Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer -- + Die Göttin, der ich diene, spricht sie los, + Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“ + So sprechend nahte sie der Staunenden, + Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie + Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß. + Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm, + Schlang um der Mutter Leib den starken Arm + Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter + Trug im Triumph er strahlend sie dahin, + Die weite Bahn umschreitend, allem Volk + Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum + Begrüßten winkend ausgestreckte Hände + Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar: + „Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau, + Der Glücklichen, die ihn gebar.“ + Sie aber, + Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still, + Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt, + Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd, + Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer + Die leichte Last, und tief und tiefer sank + Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken, + Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt + Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen. + „Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten + Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend, + Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin + Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt + Ihn auf die Brust der selig Ruhenden. + Und eine Stille ward im weiten Rund, + Als hörten sie die weichen Flügel rauschen + Des Götterboten, der zur Schattenwelt + Die Seele forttrug dieser Siegerin. + + Paul Heyse + + + + +Die Kraniche des Ibykus + + + Zum Kampf der Wagen und Gesänge, + Der auf Korinthus’ Landesenge + Der Griechen Stämme froh vereint, + Zog Ibykus, der Götterfreund. + Ihm schenkte des Gesanges Gabe, + Der Lieder süßen Mund Apoll; + So wandert er, an leichtem Stabe, + Aus Rhegium, des Gottes voll. + + Schon winkt auf hohem Bergesrücken + Akrokorinth des Wandrers Blicken, + Und in Poseidons Fichtenhain + Tritt er mit frommem Schauder ein, + Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme + Von Kranichen begleiten ihn, + Die fernhin nach des Südens Wärme + In graulichtem Geschwader ziehn. + +[Illustration] + + „Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen! + Die mir zur See Begleiter waren, + Zum guten Zeichen nehm ich euch, + Mein Los, es ist dem euren gleich. + Von fernher kommen wir gezogen + Und flehen um ein wirtlich Dach -- + Sei uns der Gastliche gewogen, + Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“ + + Und munter fördert er die Schritte + Und sieht sich in des Waldes Mitte; + Da sperren auf gedrangem Steg + Zwei Mörder plötzlich seinen Weg. + Zum Kampfe muß er sich bereiten, + Doch bald ermattet sinkt die Hand, + Sie hat der Leier zarte Saiten, + Doch nie des Bogens Kraft gespannt. + + Er ruft die Menschen an, die Götter, + Sein Flehen dringt zu keinem Retter; + Wie weit er auch die Stimme schickt, + Nichts Lebendes wird hier erblickt; + „So muß ich hier verlassen sterben, + Auf fremdem Boden, unbeweint, + Durch böser Buben Hand verderben, + Wo auch kein Rächer mir erscheint!“ + + Und schwer getroffen sinkt er nieder, + Da rauscht der Kraniche Gefieder; + Er hört, schon kann er nicht mehr sehn, + Die nahen Stimmen furchtbar krähn. + „Von euch, ihr Kraniche, dort oben, + Wenn keine andere Stimme spricht, + Sei meines Mordes Klag erhoben!“ + Er ruft es, und sein Auge bricht. + + Der nackte Leichnam wird gefunden, + Und bald, obgleich entstellt von Wunden, + Erkennt der Gastfreund in Korinth + Die Züge, die ihm teuer sind. + „Und muß ich so dich wiederfinden, + Und hoffte mit der Fichte Kranz + Des Sängers Schläfe zu umwinden, + Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“ + + Und jammernd hören’s alle Gäste, + Versammelt bei Poseidons Feste, + Ganz Griechenland ergreift der Schmerz, + Verloren hat ihn jedes Herz. + Und stürmend drängt sich zum Prytanen + Das Volk, es fordert seine Wut, + Zu rächen des Erschlagnen Manen, + Zu sühnen mit des Mörders Blut. + + Doch, wo die Spur, die aus der Menge + Der Völker flutendem Gedränge, + Gelocket von der Spiele Pracht, + Den schwarzen Täter kenntlich macht? + Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen? + Tat’s neidisch ein verborgner Feind? + Nur Helios vermag’s zu sagen, + Der alles Irdische bescheint. + + Er geht vielleicht mit frechem Schritte + Jetzt eben durch der Griechen Mitte, + Und während ihn die Rache sucht, + Genießt er seines Frevels Frucht, + Auf ihres eigenen Tempels Schwelle + Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt + Sich dreist in jene Menschenwelle, + Die dort sich zum Theater drängt. + + Denn Bank an Bank gedränget sitzen, + Es brechen fast der Bühne Stützen, + Herbeigeströmt von fern und nah, + Der Griechen Völker wartend da. + Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen, + Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau + In weiter stets geschweiftem Bogen + Hinauf bis in des Himmels Blau. + + Wer zählt die Völker, nennt die Namen, + Die gastlich hier zusammenkamen? + Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand, + Von Phokis, vom Spartanerland, + Von Asiens entlegner Küste, + Von allen Inseln kamen sie + Und horchen von dem Schaugerüste + Des Chores grauser Melodie, + + Der, streng und ernst, nach alter Sitte, + Mit langsam abgemessnem Schritte + Hervortritt aus dem Hintergrund, + Umwandelnd des Theaters Rund. + So schreiten keine irdschen Weiber, + Die zeugete kein sterblich Haus! + Es steigt das Riesenmaß der Leiber + Hoch über menschliches hinaus. + + Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden, + Sie schwingen in entfleischten Händen + Der Fackel düsterrote Glut, + In ihren Wangen fließt kein Blut; + Und wo die Haare lieblich flattern, + Um Menschenstirnen freundlich wehn, + Da sieht man Schlangen hier und Nattern + Die giftgeschwollnen Bäuche blähn. + + Und schauerlich, gedreht im Kreise, + Beginnen sie des Hymnus Weise, + Der durch das Herz zerreißend dringt, + Die Bande um den Frevler schlingt. + Besinnungraubend, herzbetörend + Schallt der Erinnyen Gesang, + Er schallt, des Hörers Mark verzehrend, + Und duldet nicht der Leier Klang: + + „Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle + Bewahrt die kindlich reine Seele! + Ihm dürfen wir nicht rächend nahn, + Er wandelt frei des Lebens Bahn. + Doch wehe, wehe, wer verstohlen + Des Mordes schwere Tat vollbracht! + Wir heften uns an seine Sohlen, + Das furchtbare Geschlecht der Nacht. + + Und glaubt er fliehend zu entspringen, + Geflügelt sind wir da, die Schlingen + Ihm werfend um den flücht’gen Fuß, + Daß er zu Boden fallen muß. + So jagen wir ihn, ohn Ermatten, + Versöhnen kann uns keine Reu, + Ihn fort und fort bis zu den Schatten + Und geben ihn auch dort nicht frei.“ + + So singend, tanzen sie den Reigen, + Und Stille, wie des Todes Schweigen, + Liegt überm ganzen Hause schwer, + Als ob die Gottheit nahe wär, + Und feierlich, nach alter Sitte, + Umwandelnd des Theaters Rund, + Mit langsam abgemessnem Schritte, + Verschwinden sie im Hintergrund. + + Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet + Noch zweifelnd jede Brust und bebet + Und huldiget der furchtbarn Macht, + Die richtend im Verborgnen wacht, + Die unerforschlich, unergründet + Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht, + Dem tiefen Herzen sich verkündet + Doch fliehet vor dem Sonnenlicht. + + Da hört man auf den höchsten Stufen + Auf einmal eine Stimme rufen: + „Sieh da, sieh da, Timotheus, + Die Kraniche des Ibykus!“ -- + Und finster plötzlich wird der Himmel, + Und über dem Theater hin + Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel + Ein Kranichheer vorüberziehn. + + „Des Ibykus“ -- Der teure Name + Rührt jede Brust mit neuem Grame + Und wie im Meere Well auf Well, + So läuft’s von Mund zu Munde schnell: + „Des Ibykus? Den wir beweinen, + Den eine Mörderhand erschlug! + Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? -- + Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ -- + + Und lauter immer wird die Frage, + Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage + Durch alle Herzen: „Gebet acht, + Das ist der Eumeniden Macht! + Der fromme Dichter wird gerochen, + Der Mörder bietet selbst sich dar -- + Ergreift ihn, der das Wort gesprochen, + Und ihn, an den’s gerichtet war!“ + + Doch dem war kaum das Wort entfahren, + Möcht er’s im Busen gern bewahren: + Umsonst! Der schreckenbleiche Mund + Macht schnell die Schuldbewußten kund, + Man reißt und schleppt sie vor den Richter, + Die Szene wird zum Tribunal, + Und es gestehn die Bösewichter, + Getroffen von der Rache Strahl. + + Friedrich von Schiller + + + + +Der Sieger + + + Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust! + Bin ich derselbe, der ich gestern war? + Der Vollkraft ungeheure Daseinslust + Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar. + Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang + -- Mir selbst ein Wunder -- strömt sich hell und voll + In Harmonien aus von Erzes Klang, + Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll! + + Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan, + Rast wilder Beifall die Arena hin, + Und tausend Kränze regnen in die Bahn, + Und meine Harfe ist die Siegerin. + Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held, + Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz + Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt, + Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz. + + Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus. + Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt + Und ziehe eher nicht die Toga aus, + Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt. + Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt + Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor. + Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt; + Und dies ist meines Vaterhauses Tor. + Aufsteht der Vater von der Ofenbank. + Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz; + Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang, + Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz. + Ich streife langsam von dem Haupt die Zier + Und von den Gliedern ab das Festgewand. + Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier. + Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“ + + Hugo Salus + + + + +Tod des Perikles + + + Auf seinem Sterbebett lag Perikles, + Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn. + Die Freunde, die ihm übrig waren noch, + Umstanden ihn und sprachen unter sich, + Die Größe rühmend seiner Tugenden + Und seiner einst fast unbeschränkten Macht. + Bewegt auch zählten sie die Taten auf, + Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal, + Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf. + Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl, + Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort: + „Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt, + Was nur das wandelbare Glück verleiht + Und was mit manchem andern ich geteilt, + Dagegen ihr verschwiegen unbedacht, + Was mich bedünkt allein des Neides wert: + Daß meinetwegen nie ein Bürger je, + Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“ + + Martin Greif + +[Illustration] + + + + +Der Bote von Marathon + + + Jüngling, schwing dich auf den wilden + Renner, auf dein bäumend Roß, + Nach den himmlischen Gefilden + Fliege, wie ein Pfeilgeschoß, + Laut zu künden, froh zu melden + Göttergleichen Sieg der Helden: + „Marathon, der Perser Schmach, + Wo Athen sich Lorbeer brach!“ + + Schnell im Staubgewölk verloren, + Stürmt er hin im Mittagsschein, + Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen + Kräftig in die Weichen ein. + Vorgeneigt, mit losem Zügel, + Jagt er auf des Windes Flügel. + Herrlich schwellt die junge Brust + Siegesfreude, Botenlust. + + Und er träumt sich schon empfangen + Von Athens besorgter Schar. + Hoch erglühn der Mutter Wangen, + Da sie kränzt sein feuchtes Haar: + „O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“ + Greise singen Siegeslieder, + Donnernd jauchzt von Land zu See + Tausendstimmig Evoe -- -- -- + + Seine dunkeln Augen flammen, + Freudig preist er sein Geschick ... + Plötzlich bricht das Roß zusammen, + Röchelnd, mit erloschnem Blick. + Ungesäumt, auf eignen Füßen, + Eilt er, seine Stadt zu grüßen, + Die sich fern am Himmelsrand + Blendend hebt im Sonnenbrand. + +[Illustration] + + + Mut! Nur Mut! -- er will ermatten. + Seine Sehnen schwellen an. + Nirgends Kühlung, nirgends Schatten + Auf der staubverwehten Bahn. + „Schütze, Göttin, deinen Boten, + Ruf ihn nicht ins Reich der Toten, + Eh Athen die Kunde weiß: + Unser ist der Siegespreis!“ + +[Illustration] + + Von der stolzgetürmten Mauer + Hat ihn schon das Volk gesehn. + Hohe, heil’ge Wonneschauer + Fühlt er durch die Seele wehn. + Auf das Herz gepreßt die Linke, + Mit dem Lorbeer freud’ge Winke: + „Sieg!“ Ein heller Jubelschrei. + „Sieg!“ -- Er stürzt. -- Es ist vorbei. + + Alice von Gaudy + + + + +Der junge Themistokles + + + In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl -- + Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal. + + Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut -- + So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut. + + Ob man hier von Rosen-Jungfraun -- dort vom Vaterlande sprach + Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach: + + So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg, + Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg. + + Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht -- + Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht. + + Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm -- + Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm? + + Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand -- + Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand -- + + Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton, + Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon. + + Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt + Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt. + + Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn, + Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein. + + Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt, + Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht. + + Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis + Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“ + + Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie -- + Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat -- ich leiste sie!“ + + Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch + Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch. + + Und wer waren jene Sänger? -- Ihre Namen hört ich nicht; + Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht. + + Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß? + Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis! + + Karl von Alsen + + + + +Salamis + + + Schmücket die Schiffe mit Persertrophän, + Lasset die purpurnen Segel sich blähn! + Efeu umflattert die Masten und fliegt, + Evoe, der mächtige Feind ist besiegt! + + Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band, + Das der persische Fürst um den Nacken dir wand, + Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr + Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer + Dein wogender Bug, + Dein brückengefesselter Zorn ertrug. + + Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg + Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg. + Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront, + Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt; + Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut, + Mit unendlichem Mut + Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht. + + Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt + Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt + In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn + Nach den herrlichen Mühn + Dithyrambische Tage der Freiheit. + + Hermann Lingg + + + + +Themistokles in Olympia + + + Themistokles, der Held von Salamis, + Als er vom Perserjoch sein Volk befreit, + Und an Olympias geweihtem Sitz + Zum ersten Male nach vertobtem Krieg + Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut, + Die stolzer Griechenland noch nie beging: + Erkannt von allen Gästen saß er da, + Und kein hellenisch Auge wandte sich + Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg + Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu, + So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt. + Nur ihn als Sieger staunten rings sie an, + Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor. + Er aber nahm ihn wohlgefällig auf + Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort: + „Die Götter schenkten heut als Ernte mir + Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“ + + Martin Greif + + + + +Ein Dichter in der Schlacht von Salamis + + + Die Drachen, die so arg gedräuet, + Die Perserschiffe sind zerstreuet, + Versenkt, vernichtet -- Hellas frei + Vom Joche fremder Tyrannei, + Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen + Den Göttern dar ein festlich Spiel + Und heil’ge Opfer; Lieder klingen + Und Wagen donnern an das Ziel. + + Wer ragt hervor dort aus der Menge, + Die Züge schön, doch ernst und strenge? + Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr, + Die frische Wunde schmückt ihn mehr; + Ein Dichter ist es, doch die Waffen + Ergriff er auf des Landes Ruf; + Ein Held kann Heldenbilder schaffen + Wie +Äschylus+, der Bücher schuf + +[Illustration] + + Sein Auge folgt mit Wohlgefallen + Dem schönsten von den Knaben allen, + Die zierlich, mit gelenken Knien, + Im Chore den Altar umziehn. + Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne + -- Von Neid sind solche Seelen frei -- + Daß, der da schwebt, die neue Sonne, + Daß +Sophokles+ der Knabe sei! + + Zur selben Stunde, wie wir lesen, + War eines Sohns ein Weib genesen; + Der Vater hebt ihn auf und spricht: + „Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht. + Mut, teures Weib! Wir alle haben + Nun hinter uns die Zeit des Wehs. + Die Götter segnen meinen Knaben!“ + -- Das Kindlein war +Euripides+. + + Ja, wenn die Götter einmal segnen, + Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen + Im Wetter, überschwenglich auch; + Nichts halb zu tun ist Götterbrauch. + Sieg, Freiheit, Ruhm -- für künft’ge Tage + Voll Glanz ein dreifach Unterpfand. + Das war -- wer hält ihm denn die Wage? -- + Der schönste Tag von Griechenland. + + Wilhelm Fischer + + + + +Grab des Themistokles + + + Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt, + Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib + In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke + Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins. + Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend, + Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien. + Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot + Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad. + + Emanuel Geibel + + + + +Historischer Adelsklub + + + Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus: + „Entbiete mir zu meinem Namensfest + Auf den Olymp die großen Toten sämtlich; + Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“ + + Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft. + Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder + Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen, + Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck, + Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz, + Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit. + + Da tat sich auf die Tür, und feierlich + Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga + In wichtigen Falten um die Brust geworfen, + Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt, + Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich. + + Befremden lähmte die Versammlung. Hera, + Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen. + Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend: + „Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis --“ + Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß, + + Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen + Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große --“ + Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus: + „Ein feierlicher Kerl ist niemals groß. + Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“ + + Carl Spitteler + + + + +Die gefesselten Musen + + + Es herrscht ein König irgendwo + In Dazien oder Thrazien, + Den suchten einst die Musen heim, + Die Musen mit den Grazien. + + Statt milden Nektars Rebenblut + Geruhten sie zu nippen, + Die Seele des Barbaren hing + An ihren sel’gen Lippen. + + Erst sang ein jedes Himmelskind + Im Tone, der ihm eigen, + Dann schritt der ganze Chor im Takt + Und trat den blühnden Reigen. + + Der König klatschte: „Morgen will + Ich wieder euch bestaunen!“ + Die Musen schüttelten das Haupt: + „Das hangt an unsern Launen.“ + + „An euern Launen? ...“ Der Despot + Begann zu schmähn und lästern. + „Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“ + Und fesselte die Schwestern. + + Der König wacht, um Mitternacht + Vernahm er leises Schreiten, + Geflüster: „Seid ihr alle da?“ + Und Schüttern zarter Saiten. + + Er fuhr empor. „Den hellen Chor + Ergreift, getreue Wächter!“ + Die Schergen griffen in die Luft + Und silbern klang Gelächter. + + Am Morgen war der Kerker leer, + Der Reigen über die Grenze -- + Drin hingen statt der Ketten schwer + Zerrissne Blumenkränze. + + Conr. Ferd. Meyer + + + + +Der trunkene Gott + + + Weiße Marmorstufen steigen + Durch der Gärten laub’ge Nacht, + Schlanke Palmenfächer neigen + In des Himmels blaue Pracht. + Über Tempeln, Hainen, Grüften + Zecht in abendweichen Lüften + Alexanders Lieblingsschar; + Knieend bietet ihm ein Knabe, + Daß der Erde Herr sich labe, + Wein in edler Schale dar. + +[Illustration] + + Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen, + Lagernd in der Götter Rat, + Zwischen schwelgenden Entwürfen + Und der wundergleichen Tat! + Goldne Becher überquellen, + Ruhmesgeister mit den hellen + Helmen tauchen aus der Flut -- + Goldne Schalen überschäumen, + Geister, die gebunden träumen, + Steigen auf in Zornesglut. + + Kleitos neben Philipps Sohne + Furcht die Stirne kummervoll, + Der benarbte Macedone + Schlürft im Weine Gram und Groll: + Er gedenkt der Heergenossen, + Die die erste Phalanx schlossen + In den Bergen kühl und fern. + Seinen dunkeln Mut zu kränken, + Lüstet es den schönen Schenken, + Lagernd an dem Knie des Herrn. + + Die erhabne Stirn und Braue + Träumt den Zug ins Inderland, + Lauschend liest den Traum das schlaue + Kind, den Blick emporgewandt: + „Bacchus bist du, der belaubte, + Mit dem schwärmerischen Haupte, + Der ins Land der Sonne zieht! + Ohne Heer kannst du bezwingen, + Nur den Thyrsus darfst du schwingen, + Winke nur, und Indien kniet!“ + + Finster grollt der alte Streiter: + „Durch der Wüste heißen Sand? + Immer ferner, immer weiter? + Nach des Indus Fabelstrand? + Kann ein Wink dir Sieg erwerben, + Warum bluten, warum sterben + Wir für dich? Zu deinem Spott? + Lebende kannst du belohnen, + Deine toten Macedonen, + Wecke sie, bist du ein Gott!“ -- + + „Welchen dampfenden Altares + Freust du auf der Erde dich? + Bist du die Gewalt des Ares, + Helmumflattert, fürchterlich? + Herr, bevor den niedern Talen + Du dich nahtest ohne Strahlen, + Welches war dein himmlisch Amt? + Bist du Zeus? Bist du ein andrer? + Bist du Helios, der Wandrer + Dessen Stirne sonnig flammt?“ + + Grimmig neigt der graue Fechter + Sich zum Ohr des Gottes hin, + Mit unseligem Gelächter + Rührt er an der Schulter ihn: + „Gast des Himmels, warum sinken + Haupt und Schulter dir zur Linken?[*] + Lastet dir der Erde Raub? + Mit den Göttern willst du zechen? + Spotten hör ich dein Gebrechen: + Alexander, du bist Staub!“ + + Eine zürnende Gebärde! + Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut! + Ein Erdolchter an der Erde + Windet sich in seinem Blut ... + In den Abendlüften Schauer, + Ein verhülltes Haupt in Trauer, + Ausgerast und ausgerollt! + Marmorgleich versteinte Zecher + Und ein herrenloser Becher, + Der hinab die Stufen rollt. + + Conr. Ferd. Meyer + + + [*] Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die + schwächere linke. + + + + +Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? + + + Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? + Dreißig Jahre eingeschlossen, + Sitzt er schon in dunkler Klause. + Selbst erforschen will’s der Kaiser, + Und vom höchsten Glanz umflossen + Naht er sich dem öden Hause. + + Auf der Erde hingekauert + Liegt der Blöde und betrachtet + Sich den Gast mit stolzen Mienen. + Alles fühlt sich fremd durchschauert, + Daß ein Bettler den verachtet, + Dem der Erde Völker dienen. + + „Sollte mich der Greis nicht kennen?“ -- + Ruft der Kaiser -- „Doch ich staune, + Drüben steht ja meine Büste! + Nein, ich brauch mich nicht zu nennen, + Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune, + Mich zu ehren, wie er müßte. + +[Illustration] + + Was ihn treibt, wer könnt es sagen? + Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen, + Doch es will mir Wahnsinn scheinen. + Um die Zukunft wollt ich fragen, + Aber statt mit dem zu sprechen, + Such ich Weisheit bei den Steinen.“ + + Doch, sowie das Wort gefallen, + Hat der Blöde sich erhoben + Und nach seinem Stab gegriffen. + Seine langen Locken wallen, + Wie zum Rock um ihn verwoben, + Und sein Stab ist scharf geschliffen. + + Vor des Kaisers Büste tretend, + Schlägt er ihr vom Haupt die Krone, + Und in Stücke fällt sie nieder, + Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend, + Noch die Augen aus zum Hohne, + Jauchzt und tanzt und legt sich wieder. + + Alles sieht ihm zu mit Grauen, + Dennoch zwingt man sich zum Lachen, + Und des Kaisers Bruder flüstert: + „Ich genieße dein Vertrauen, + Laß mein Schwert nur fürder wachen, + Und dein Stern wird nie verdüstert.“ + + Aber eh der Tag noch endet, + Steigt, der schmeichelnd so gesprochen, + Selber auf den Thron der Griechen, + Und der Kaiser liegt geblendet, + Wo die Totenwürmer pochen + Und die gift’gen Molche kriechen. + + Friedrich Hebbel + + + + +Der Ring des Polykrates + + + Er stand auf seines Daches Zinnen, + Er schaute mit vergnügten Sinnen + Auf das beherrschte Samos hin. + „Dies alles ist mir untertänig,“ + Begann er zu Ägyptens König, + „Gestehe, daß ich glücklich bin.“ -- + + „Du hast der Götter Gunst erfahren! + Die vormals deinesgleichen waren, + Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht. + Doch einer lebt noch, sie zu rächen; + Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen, + Solang des Feindes Auge wacht.“ -- + + Und eh der König noch geendet, + Da stellt sich, von Milet gesendet, + Ein Bote dem Tyrannen dar: + „Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen, + Und mit des Lorbeers muntern Zweigen + Bekränze dir dein festlich Haar! + + Getroffen sank dein Feind vom Speere, + Mich sendet mit der frohen Märe + Dein treuer Feldherr Polydor --“ + Und nimmt aus einem schwarzen Becken, + Noch blutig, zu der beiden Schrecken, + Ein wohlbekanntes Haupt hervor. + + Der König tritt zurück mit Grauen. + „Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“ + Versetzt er mit besorgtem Blick. + „Bedenk, auf ungetreuen Wellen -- + Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen -- + Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“ + + Und eh er noch das Wort gesprochen, + Hat ihn der Jubel unterbrochen, + Der von der Reede jauchzend schallt. + Mit fremden Schätzen reich beladen, + Kehrt zu den heimischen Gestaden + Der Schiffe mastenreicher Wald. + + Der königliche Gast erstaunet: + „Dein Glück ist heute gut gelaunet, + Doch fürchte seinen Unbestand. + Der Kreter waffenkund’ge Scharen + Bedräuen dich mit Kriegsgefahren; + Schon nahe sind sie diesem Strand.“ + + Und eh ihm noch das Wort entfallen, + Da sieht man’s von den Schiffen wallen, + Und tausend Stimmen rufen: „Sieg! + Von Feindesnot sind wir befreiet, + Die Kreter hat der Sturm zerstreuet, + Vorbei, geendet ist der Krieg!“ + + Das hört der Gastfreund mit Entsetzen. + „Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen! + Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil. + Mir grauet vor der Götter Neide: + Des Lebens ungemischte Freude + Ward keinem Irdischen zuteil. + + Auch mir ist alles wohl geraten. + Bei allen meinen Herrschertaten + Begleitet mich des Himmels Huld; + Doch hatt’ ich einen teuren Erben, + Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben, + Dem Glück bezahlt ich meine Schuld. + + Drum, willst du dich vor Leid bewahren, + So flehe zu den Unsichtbaren, + Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn. + Noch keinen sah ich fröhlich enden, + Auf den mit immer vollen Händen + Die Götter ihre Gaben streun. + + Und wenn’s die Götter nicht gewähren, + So acht auf eines Freundes Lehren + Und rufe selbst das Unglück her; + Und was von allen deinen Schätzen + Dein Herz am höchsten mag ergötzen, + Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“ + + Und jener spricht, von Furcht beweget: + „Von allem, was die Insel heget, + Ist dieser Ring mein höchstes Gut. + Ihn will ich den Erinnyen weihen, + Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“ + Und wirft das Kleinod in die Flut. + + Und bei des nächsten Morgens Lichte, + Da tritt mit fröhlichem Gesichte + Ein Fischer vor den Fürsten hin: + „Herr, diesen Fisch hab ich gefangen, + Wie keiner noch ins Netz gegangen, + Dir zum Geschenke bring ich ihn.“ + + Und als der Koch den Fisch zerteilet, + Kommt er bestürzt herbeigeeilet + Und ruft mit hocherstauntem Blick: + „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen: + Ihn fand ich in des Fisches Magen, + O, ohne Grenzen ist dein Glück!“ + + Hier wendet sich der Gast mit Grausen: + „So kann ich hier nicht ferner hausen, + Mein Freund kannst du nicht weiter sein; + Die Götter wollen dein Verderben; + Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“ + Und sprach’s und schiffte schnell sich ein. + + Friedrich von Schiller + + + + +Der befreite Prometheus + + + Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus; + Er war erlöst, Zeus gab ihn frei. + Der Riese durfte endlich von dem Gletscher + Herunter, drauf er büßend lag; + Er durfte nun hinab auf seine Erde, + Hin zu den Menschen, die er so geliebt, + Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz, + Das Feuer des Olympos für sie stahl. + + Nicht dauerte den Götterkönig + Der Himmelsgünstling, der abtrünnige. + Warum auch lockte die Versuchung ihn, + Den Menschen Göttergut hinabzutragen; + Er hatte seinen Lohn dahin, + Den Heilandslohn, + Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz. + Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus, + Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz + Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte, + Die lavastarr gehärteten. + +[Illustration] + + O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt! + Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel: + Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger + Das große Wundmal unterm Herzen schützen, + Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen + Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars. + O Tag voller Wut und Ohnmacht! + + O Tag der Bitternis, da ihm die Hand, + Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte, + Zum ersten Male + Erlahmte vor der Übermacht des Neides, + Des weltbeschattenden, der Götter all! + O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz! + + Doch nun war alles überwunden. + Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen. + Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft + Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge, + Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt, + Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft. + Um seine schmerzgeübte Stirne zauste + Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel. + So schritt er abwärts, der gebeugte Riese. + + Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen. + Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder. + Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten. + Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen, + Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte, + Seit er den unstet Irrenden + Den ersten warmen, festen Herd gebaut. + Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen, + Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier + Einst um das nackte Leben markteten, + Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf. + + Und nieder kam er in die mildern Lüfte, + Ins ebne Land; da sah er blühende Triften, + Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, + Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, + Und weither prangten Zinnen sichrer Städte. + Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus, + War das nicht wert der tausendjährigen Pein? + Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“ + Und in die Dörfer ging er, in die Städte, + Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben, + + Und ging und ging, und suchte hin und her, + Und fand: + Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor. + Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen + Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß. + Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid -- + Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel, + Den Neid der Menschen um Besitz -- + Und war genug doch da, genug für alle. + In Hütten sah er, in die Burgen sah er, + Doch es war alles eines, + War alles wie zuvor -- und schlimmer noch. + + Zuletzt und matt betrat er eines Priesters + Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede, + Den er vergebens bei den andern suchte; + Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes + Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe, + Wollt er noch einmal unter Menschen rasten + Und dann auf immer in die Einsamkeit. + Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er: + „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“ + + Der wandte sich erschrocken, blickte scheu + Dem großen Mann ins seltsame Gesicht, + Und schlich geduckt davon und schloß sich ein, + Und durch die Tür quoll eine fette Stimme: + „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart! + Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder. + Ja, damals waren bessre Zeiten noch + Als heute!“ + Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach. + +[Illustration] + + Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und + Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle + Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend, + Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du! + So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen! + Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“ + Und jäh und gellend riß sich + Ein Lachen los aus der vernarbten Brust, + Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese: + „Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer! + Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ -- + Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe. + + Denn wieder sah er im Gelände unten + Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften, + Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, + Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, + Und weither prangten Zinnen sichrer Städte. + Da überfiel ihn totgeglaubter Gram, + Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm, + Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und + In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend, + Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend + Flog übers Meer sein weinendes Gelächter: + „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen, + Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast! + -- Ha, meine Menschen, hahaha --“ + + Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei, + Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf? + Er stierte: dunkel rollend ging die See, + Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt, + Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn, + Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben. + Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut + Ein andres Boot heran, draus warf sich + Ein zweiter Fischer in die Brandung. + + Und oben auf der Klippe stand Prometheus, + Und stierte, stierte und erkannte sie: + Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn, + Die ersten Menschen waren’s, die er traf: + Todfeinde waren’s -- und jetzt kämpfte dort + Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben! + Und endlich siegten sie den schweren Sieg, + Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend, + Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter, + Einander in die Arme. + + Und oben auf der Klippe stand Prometheus, + Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken, + Und sah sie lachen -- und nun jauchzen sie. + Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut, + Da überfiel ihn nie erlebte Demut, + Und in die Knie taumelte Prometheus, + Und auf zum Himmel stammelte Prometheus: + „O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott! + Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe! + O laß mich leben, laß mich leiden! + Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“ + + Richard Dehmel + + + + +Alexander Ypsilanti auf Munkacs + + + Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm, + An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm, + Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin -- + Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“ + An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt: + „Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“ + Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein; + Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein. + Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her + Aus dem Lande meiner Väter?“ -- und die Wimper ward ihm schwer -- + War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die + Hand. + Seht, sein Antlitz wird so helle -- träumt er von dem Vaterland? + Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann, + Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an: + „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut! + „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut! + Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt, + Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt. + Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt. + Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“ + Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“ + Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß. + Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt + Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt. + + Wilhelm Müller + + + + +Aus dem „Abschied von Griechenland“ + + + Ob die schönen Tag’ enteilten, + Ob geborsten Ruhm und Glück: + Wo die Götter einmal weilten, + Bleibt ein ew’ger Glanz zurück. + Du, der Schönheit Morgenwiege, + Du, der Menschheit Jugendtraum, + Land, das für die höchsten Siege + Gab den Zweig vom heil’gen Baum; + Das, wenn Sorg und Elend nachten, + Unsre Seelen aufwärts trägt -- + Jenes Herz ist arm zu achten, + Welches nicht für Hellas schlägt. + An den Schiffsbug braust im Dunkeln + Wellenberg auf Wellenberg, + Und des Himmels Lichter funkeln + Durch das schwarze Takelwerk. -- + Längst am Saum des Flutenschlosses + Felsenküst und Wolke schwand: + Fahre wohl, du schönes, großes, + Sonnenfreud’ges Griechenland! + + Heinrich Vierordt + + + + +Der deutsche Spielmann + + +herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem +Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten +deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- +und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, +von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von +einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des +jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung +eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche +Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die +Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand +jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer +vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten +Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das +Jahrhundert behalten. + + Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf) + „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz) + „ 3 Wald (W. Weingärtner) + „ 4 Hochland (Franz Hoch) + „ 5 Meer (J. V. Cissarz) + „ 6 Helden (W. Weingärtner) + „ 7 Schalk (Julius Diez) + „ 8 Legenden (G. A. Stroedel) + „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler) + „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler) + „ 11 Sänger (Hans Röhm) + „ 12 Frühling (H. v. Volkmann) + „ 13 Sommer (Edmund Steppes) + „ 14 Herbst (Karl Biese) + „ 15 Winter (Karl Biese) + „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl) + „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez) + „ 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz) + „ 19 Bach u. Strom (E. Liebermann) + „ 20 Heide (Adalbert Holzer) + „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann) + „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl) + „ 23 Germanentum (H. Röhm) + „ 24 Mittelalter (H. Schroedter) + „ 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch) + „ 26 Neuzeit (Angelo Jank) + „ 27 Gespenster (Julius Diez) + „ 28 Tod (Matthäus Schiestl) + „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck) + „ 30 Nordland (Rudolf Roch-Hanau) + „ 31 Italien (Hans Volkert) + „ 32 Hellas (Karl Bauer) + „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert) + „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.) + „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner) + „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl) + „ 37 Glück und Trost (H. Schwegerle) + „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl) + „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl) + „ 40 Fabelreich (Ernst Weber) + +Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in +Klammern. + +Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen +Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“, +„Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches +Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“, +„Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 *** diff --git a/75285-h/75285-h.htm b/75285-h/75285-h.htm new file mode 100644 index 0000000..4213162 --- /dev/null +++ b/75285-h/75285-h.htm @@ -0,0 +1,4435 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Hellas | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 75%; + margin: auto 12.5%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2,h3 { + text-align: center; 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Typographische +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> + +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber +an den Anfang des Buches versetzt.</p> + +<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe38 x-ebookmaker-drop" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><span class="u">Original-Einband</span></figcaption> +</figure> +<p> + +<div class="eng break-before"> + +<p class="s2 center mtop3"><b>Der deutsche Spielmann</b></p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Eine Auswahl</em> aus dem +<em class="gesperrt">Schatze deutscher Dichtung</em> für Jugend und Volk</p> + +<p class="center">Herausgegeben von Dr. Ernst Weber</p> + +<p class="s2 center mtop1 mbot2"><b>⁘</b></p> + +<h1><b>Hellas</b></h1> + +<p class="s2 center">Griechisches Leben und altklassischer Geist in deutscher +Wiedergeburt</p> + +<p class="center mtop3 mbot3">Zweite, veränderte Auflage</p> + +<p class="s2 center mtop2 mbot1"><b>⁘</b></p> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt">München 1925</em></p> + +<p class="center">Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns</p> + +<p class="s5 center padtop5 break-before mbot3">Druck von Kastner & Callwey in München</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s5" colspan="2"> + <div class="right">Seite</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns">3</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Hyperions Schicksalslied (Hölderlin)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Hyperions_Schicksalslied">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Iphigeniens Parzenlied (Goethe)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Iphigeniens_Parzenlied">5</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Prometheus (Goethe)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Prometheus">6</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left"><a href="#Aus_der_Iliade">Aus der Iliade:</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Hektor und Andromache (Grimm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Hektor_und_Andromache">8</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Hektors Abschied (Schiller)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Hektors_Abschied">14</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Hektors Tod (Voß)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Hektors_Tod">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left"><a href="#Aus_der_Penthesilea">Aus der „Penthesilea“:</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Achills Tod (Kleist)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Achills_Tod">25</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left"><a href="#Aus_der_Odyssee">Aus der Odyssee:</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Odysseus und Polyphem (Richter)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Odysseus_und_Polyphem">34</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Nächtliche Fahrt (Meyer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Naechtliche_Fahrt">42</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die sterbende Meduse (Meyer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_sterbende_Meduse">45</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Griechische Spiele (Pfizer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Griechische_Spiele">46</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Mutter des Siegers (Heyse)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Mutter_des_Siegers">48</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Kraniche des Ibykus (Schiller)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Kraniche_des_Ibykus">52</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Sieger (Salus)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Sieger">59</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Tod des Perikles (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Tod_des_Perikles">60</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Bote von Marathon (Gaudy)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Bote_von_Marathon">62</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der junge Themistokles (Alsen)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_junge_Themistokles">66</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Salamis (Lingg)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Salamis">67</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Themistokles in Olympia (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Themistokles_in_Olympia">68</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Ein Dichter in der Schlacht von Salamis (Fischer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ein_Dichter_in_der_Schlacht_von_Salamis">68</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Grab des Themistokles (Geibel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Grab_des_Themistokles">70</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Historischer Adelsklub (Spitteler)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Historischer_Adelsklub">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die gefesselten Musen (Meyer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_gefesselten_Musen">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der trunkene Gott (Meyer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_trunkene_Gott">72</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? (Hebbel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ists_ein_Narr_blo_Ists_ein_Weiser">75</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Ring des Polykrates (Schiller)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Ring_des_Polykrates">77</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der befreite Prometheus (Dehmel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_befreite_Prometheus">80</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Alexander Ypsilanti auf Munkacs (Müller)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Alexander_Ypsilanti_auf_Munkacs">86</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Aus dem „Abschied von Griechenland“ (Vierordt)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Aus_dem_Abschied_von_Griechenland">87</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak invis" id="Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns" +title="Geleitspruch des deutschen Spielmanns"> </h2> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_003"> + <img class="w100" src="images/illu_003.jpg" alt="Tanzszene aus dem antiken + Griechenland"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hellas! — Aus abgrundtiefem Meer</div> + <div class="verse indent0">Hebt sich ein sonnbeglänzter Strand.</div> + <div class="verse indent0">Blauseiden spannt sich’s drüber her —</div> + <div class="verse indent0">So schaut ich dich, mein Griechenland.</div> + <div class="verse indent0">Und hohe Tempel sah ich stehn</div> + <div class="verse indent0">Auf schlanken Säulen, weit und licht,</div> + <div class="verse indent0">Und Götter, stolz und marmorschön,</div> + <div class="verse indent0">Mit reinem Menschenangesicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du Volk der Schönheit, sei gegrüßt,</div> + <div class="verse indent0">Gegrüßt mir auf Olympias Flur!</div> + <div class="verse indent0">Aus deines Lebens Quelle fließt</div> + <div class="verse indent0">Auch Deutschlands edelste Kultur.</div> + <div class="verse indent0">Was deine Heldenschar erstritt,</div> + <div class="verse indent0">Was deiner Künstler schönster Traum,</div> + <div class="verse indent0">Die deutsche Jugend lebt es mit</div> + <div class="verse indent0">Noch heut, vergessend Zeit und Raum.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und deutsche Dichter schufen neu</div> + <div class="verse indent0">Die alte Griechenherrlichkeit</div> + <div class="verse indent0">Und gaben ihre Melodei</div> + <div class="verse indent0">Dem längstverrauschten Völkerstreit,</div><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> + <div class="verse indent0">Und zeigten, wie im heitern Spiel</div> + <div class="verse indent0">Des Griechen dunkler Ernst gebot,</div> + <div class="verse indent0">Wie ihn ein stolzes Hochgefühl</div> + <div class="verse indent0">Ließ lachend schreiten in den Tod.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nicht was aus fremdem Idiom</div> + <div class="verse indent0">Die scharfgeschliffne Brille liest,</div> + <div class="verse indent0">Nur was als frischer Lebensstrom</div> + <div class="verse indent0">Durch deutsche Dichteradern fließt,</div> + <div class="verse indent0">Was wieder Blut von unserm Blut</div> + <div class="verse indent0">Und Geist von unserm Geiste ward:</div> + <div class="verse indent0">Das weckt aufs neu den Tatenmut</div> + <div class="verse indent0">Und lockt die stammverwandte Art.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer finden will hellenisch Land</div> + <div class="verse indent0">Und griechisch Leben möcht verstehn,</div> + <div class="verse indent0">Dem reicht der Spielmann heut die Hand</div> + <div class="verse indent0">Und lehrt mit Dichteraugen sehn,</div> + <div class="verse indent0">Mit Dichteraugen groß und weit,</div> + <div class="verse indent0">Durchdringend der Geschichte Dunst —</div> + <div class="verse indent0">Denn lebenswarme Wirklichkeit</div> + <div class="verse indent0">Wird Hellas nur im Reich der Kunst.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Der deutsche Spielmann</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Hyperions_Schicksalslied">Hyperions Schicksalslied</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr wandelt droben im Licht</div> + <div class="verse indent0">Auf weichem Boden, selige Genien!</div> + <div class="verse indent0">Glänzende Götterlüfte</div> + <div class="verse indent0">Rühren euch leicht,</div> + <div class="verse indent0">Wie die Finger der Künstlerin</div> + <div class="verse indent0">Heilige Saiten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schicksallos, wie der schlafende</div> + <div class="verse indent0">Säugling, atmen die Himmlischen;</div> + <div class="verse indent0">Keusch bewahrt</div> + <div class="verse indent0">In bescheidener Knospe,</div> + <div class="verse indent0">Blühet ewig</div> + <div class="verse indent0">Ihnen der Geist,</div> + <div class="verse indent0">Und die seligen Augen</div><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> + <div class="verse indent0">Blicken in stiller</div> + <div class="verse indent0">Ewiger Klarheit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch uns ist gegeben,</div> + <div class="verse indent0">Auf keiner Stätte zu ruhn,</div> + <div class="verse indent0">Es schwinden, es fallen</div> + <div class="verse indent0">Die leidenden Menschen</div> + <div class="verse indent0">Blindlings von einer</div> + <div class="verse indent0">Stunde zur andern,</div> + <div class="verse indent0">Wie Wasser von Klippe</div> + <div class="verse indent0">Zu Klippe geworfen,</div> + <div class="verse indent0">Jahrlang ins Ungewisse hinab.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Christ. Friedr. Hölderlin</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Iphigeniens_Parzenlied">Iphigeniens Parzenlied</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Es fürchte die Götter</div> + <div class="verse indent0">Das Menschengeschlecht!</div> + <div class="verse indent0">Sie halten die Herrschaft</div> + <div class="verse indent0">In ewigen Händen</div> + <div class="verse indent0">Und können sie brauchen,</div> + <div class="verse indent0">Wie’s ihnen gefällt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der fürchte sie doppelt,</div> + <div class="verse indent0">Den je sie erheben!</div> + <div class="verse indent0">Auf Klippen und Wolken</div> + <div class="verse indent0">Sind Stühle bereitet</div> + <div class="verse indent0">Und goldene Tische.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Erhebet ein Zwist sich,</div> + <div class="verse indent0">So stürzen die Gäste,</div> + <div class="verse indent0">Geschmäht und geschändet,</div> + <div class="verse indent0">In nächtliche Tiefen,</div> + <div class="verse indent0">Und harren vergebens,</div> + <div class="verse indent0">Im Finstern gebunden,</div> + <div class="verse indent0">Gerechten Gerichtes.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sie aber, sie bleiben</div> + <div class="verse indent0">In ewigen Festen</div> + <div class="verse indent0">An goldenen Tischen.</div> + <div class="verse indent0">Sie schreiten vom Berge</div><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> + <div class="verse indent0">Zu Bergen hinüber;</div> + <div class="verse indent0">Aus Schlünden der Tiefe</div> + <div class="verse indent0">Dampft ihnen der Atem</div> + <div class="verse indent0">Erstickter Titanen,</div> + <div class="verse indent0">Gleich Opfergerüchen,</div> + <div class="verse indent0">Ein leichtes Gewölke.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es wenden die Herrscher</div> + <div class="verse indent0">Ihr segnendes Auge</div> + <div class="verse indent0">Von ganzen Geschlechtern,</div> + <div class="verse indent0">Und meiden, im Enkel</div> + <div class="verse indent0">Die ehemals geliebten</div> + <div class="verse indent0">Still redenden Züge</div> + <div class="verse indent0">Des Ahnherrn zu sehn.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So sangen die Parzen;</div> + <div class="verse indent0">Es horcht der Verbannte</div> + <div class="verse indent0">In nächtlichen Höhlen,</div> + <div class="verse indent0">Der Alte, die Lieder.</div> + <div class="verse indent0">Denkt Kinder und Enkel,</div> + <div class="verse indent0">Und schüttelt das Haupt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Wolfgang von Goethe</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Prometheus">Prometheus</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bedecke deinen Himmel, Zeus,</div> + <div class="verse indent0">Mit Wolkendunst</div> + <div class="verse indent0">Und übe, dem Knaben gleich,</div> + <div class="verse indent0">Der Disteln köpft,</div> + <div class="verse indent0">An Eichen dich und Bergeshöhn!</div> + <div class="verse indent0">Mußt mir meine Erde</div> + <div class="verse indent0">Doch lassen stehn,</div> + <div class="verse indent0">Und meine Hütte, die du nicht gebaut,</div> + <div class="verse indent0">Und meinen Herd,</div> + <div class="verse indent0">Um dessen Glut</div> + <div class="verse indent0">Du mich beneidest.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich kenne nichts Ärmeres</div> + <div class="verse indent0">Unter der Sonne, als euch, Götter!</div> + <div class="verse indent0">Ihr nähret kümmerlich</div><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> + <div class="verse indent0">Von Opfersteuern</div> + <div class="verse indent0">Und Gebetshauch</div> + <div class="verse indent0">Eure Majestät,</div> + <div class="verse indent0">Und darbtet, wären</div> + <div class="verse indent0">Nicht Kinder und Bettler</div> + <div class="verse indent0">Hoffnungsvolle Toren.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da ich ein Kind war,</div> + <div class="verse indent0">Nicht wußte, wo aus noch ein,</div> + <div class="verse indent0">Kehrt ich mein verirrtes Auge</div> + <div class="verse indent0">Zur Sonne, als wenn drüber wär</div> + <div class="verse indent0">Ein Ohr, zu hören meine Klage,</div> + <div class="verse indent0">Ein Herz, wie meins,</div> + <div class="verse indent0">Sich des Bedrängten zu erbarmen.</div> + <div class="verse indent0">Wer half mir</div> + <div class="verse indent0">Wider der Titanen Übermut?</div> + <div class="verse indent0">Wer rettete vom Tode mich,</div> + <div class="verse indent0">Von Sklaverei?</div> + <div class="verse indent0">Hast du nicht alles selbst vollendet,</div> + <div class="verse indent0">Heilig glühend Herz,</div> + <div class="verse indent0">Und glühtest jung und gut,</div> + <div class="verse indent0">Betrogen, Rettungsdank</div> + <div class="verse indent0">Dem Schlafenden da droben?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich dich ehren, wofür?</div> + <div class="verse indent0">Hast du die Schmerzen gelindert</div> + <div class="verse indent0">Je des Beladenen?</div> + <div class="verse indent0">Hast du die Tränen gestillet</div> + <div class="verse indent0">Je des Geängstigten?</div> + <div class="verse indent0">Hat nicht mich zum Manne geschmiedet</div> + <div class="verse indent0">Die allmächtige Zeit</div> + <div class="verse indent0">Und das ewige Schicksal,</div> + <div class="verse indent0">Meine Herrn und deine?</div> + <div class="verse indent0">Wähntest du etwa,</div> + <div class="verse indent0">Ich sollte das Leben hassen,</div> + <div class="verse indent0">In Wüsten fliehen,</div> + <div class="verse indent0">Weil nicht alle</div> + <div class="verse indent0">Blütenträume reiften?</div> + <div class="verse indent0">Hier sitz ich, forme Menschen</div> + <div class="verse indent0">Nach meinem Bilde,</div><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> + <div class="verse indent0">Ein Geschlecht, das mir gleich sei,</div> + <div class="verse indent0">Zu leiden, zu weinen,</div> + <div class="verse indent0">Zu genießen und zu freuen sich,</div> + <div class="verse indent0">Und dein nicht zu achten,</div> + <div class="verse indent0">Wie ich.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Wolfgang von Goethe</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Aus_der_Iliade">Aus der Iliade</h2> + +</div> + +<h3 id="Hektor_und_Andromache">Hektor und Andromache</h3> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aber Hektor fand in den Gemächern</div> + <div class="verse indent0">Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde</div> + <div class="verse indent0">Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte,</div> + <div class="verse indent0">Und als er nirgends im Hause seine Frau</div> + <div class="verse indent0">Antraf, trat er unter die Türe des Hauses:</div> + <div class="verse indent0">„Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin</div> + <div class="verse indent0">Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa</div> + <div class="verse indent0">Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen?</div> + <div class="verse indent0">Oder betet sie mit den andern Fraun,</div> + <div class="verse indent0">Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt,</div> + <div class="verse indent0">Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf:</div> + <div class="verse indent0">„Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn:</div> + <div class="verse indent0">Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen,</div> + <div class="verse indent0">Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen,</div> + <div class="verse indent0">Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr,</div> + <div class="verse indent0">Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie,</div> + <div class="verse indent0">Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_009"> + <img class="w100" src="images/illu_009.jpg" alt="Andromache sitzt trauernd am + Fenster, betrübt über den Sieg der Griechen bei Troja"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_009_gross.jpg" + id="illu_009_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aber Hektor eilte denselben Weg</div> + <div class="verse indent0">Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter,</div> + <div class="verse indent0">Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt.</div> + <div class="verse indent0">Dort kam laufend Andromache ihm entgegen,</div> + <div class="verse indent0">Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter,</div> + <div class="verse indent0">Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos,</div> + <div class="verse indent0">Über Kilikiens Männer herrschte: dessen</div> + <div class="verse indent0">Tochter gewann einst Hektor, und die traf er</div> + <div class="verse indent0">Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin,</div> + <div class="verse indent0">Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde.</div> + <div class="verse indent0">Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst</div> + <div class="verse indent0">Gern Skamandrios nannte: aber die andern</div><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> + <div class="verse indent0">Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch</div> + <div class="verse indent0">Troja hielt und beschützte.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und er lächelte schweigend über dem Kinde,</div> + <div class="verse indent0">Und Andromache stand an seiner Seite,</div> + <div class="verse indent0">Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte:</div> + <div class="verse indent0">„Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert</div> + <div class="verse indent0">Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau,</div> + <div class="verse indent0">Die bald nun deine arme Witwe sein wird?</div> + <div class="verse indent0">Denn dich töten bald nun die Achäer,</div> + <div class="verse indent0">Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre</div> + <div class="verse indent0">Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja</div> + <div class="verse indent0">Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst.</div> + <div class="verse indent0">Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater</div> + <div class="verse indent0">Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte</div> + <div class="verse indent0">Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht:</div> + <div class="verse indent0">Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung,</div> + <div class="verse indent0">Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf,</div> + <div class="verse indent0">Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen,</div> + <div class="verse indent0">Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich:</div> + <div class="verse indent0">Alle opfert’ Achill an jenem Tage</div> + <div class="verse indent0">Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter</div> + <div class="verse indent0">Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei,</div> + <div class="verse indent0">Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana</div> + <div class="verse indent0">Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet.</div> + <div class="verse indent0">Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder!</div> + <div class="verse indent0">Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir!</div> + <div class="verse indent0">Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib</div> + <div class="verse indent0">Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum</div> + <div class="verse indent0">Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt</div> + <div class="verse indent0">Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht.</div> + <div class="verse indent0">Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf,</div> + <div class="verse indent0">Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet,</div> + <div class="verse indent0">Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du.</div> + <div class="verse indent0">Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas</div> + <div class="verse indent0">Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen.</div> + <div class="verse indent0">Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen.</div> + <div class="verse indent0">Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres</div><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> + <div class="verse indent0">Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben.</div> + <div class="verse indent0">Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s:</div> + <div class="verse indent0">Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja</div> + <div class="verse indent0">Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk!</div> + <div class="verse indent0">Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend</div> + <div class="verse indent0">Und der Sturz des Königs und meiner Mutter</div> + <div class="verse indent0">Und der Brüder und all der Tapfern, die</div> + <div class="verse indent0">Unter den Feinden dann im Staube liegen,</div> + <div class="verse indent0">So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht,</div> + <div class="verse indent0">Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern</div> + <div class="verse indent0">Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage,</div> + <div class="verse indent0">Die du in Argos dann am fremden Webstuhl</div> + <div class="verse indent0">Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend</div> + <div class="verse indent0">Wasser holst an der Quelle Messeis oder</div> + <div class="verse indent0">Hyperia! Und einer, der dich da</div> + <div class="verse indent0">Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht:</div> + <div class="verse indent0">»Das ist Hektors Weib, der so tapfer war,</div> + <div class="verse indent0">Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.«</div> + <div class="verse indent0">Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem</div> + <div class="verse indent0">Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege</div> + <div class="verse indent0">Längst im Dunkel der Erde und höre</div> + <div class="verse indent0">Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und so sprechend griff nach seinem Kinde</div> + <div class="verse indent0">Hektor; aber das warf sich schreiend herum</div> + <div class="verse indent0">Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters</div> + <div class="verse indent0">Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es.</div> + <div class="verse indent0">Und sein lieber Vater und seine Mutter</div> + <div class="verse indent0">Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab,</div> + <div class="verse indent0">Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind,</div> + <div class="verse indent0">Tänzelte es mit beiden Händen und rief,</div> + <div class="verse indent0">Auf zu Zeus und den andern Göttern betend:</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe37" id="illu_013"> + <img class="w100" src="images/illu_013.jpg" alt="Hektors und Andromaches + Abschiedskuss"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_013_gross.jpg" + id="illu_013_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind</div> + <div class="verse indent0">Gleich mir unter den Troern einst voranstehn!</div> + <div class="verse indent0">Tapfer sein und über Ilion herrschen,</div> + <div class="verse indent0">Daß die Sage einmal im Volke gehe:</div> + <div class="verse indent0">Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe</div> + <div class="verse indent0">Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten</div> + <div class="verse indent0">Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt,</div><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> + <div class="verse indent0">Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend,</div> + <div class="verse indent0">Legt er das Kind in seiner Mutter Arme,</div> + <div class="verse indent0">Und sie nahm es an ihre atmende Brust,</div> + <div class="verse indent0">Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend,</div> + <div class="verse indent0">Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß</div> + <div class="verse indent0">Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten.</div> + <div class="verse indent0">Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner,</div> + <div class="verse indent0">Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab,</div> + <div class="verse indent0">Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden.</div> + <div class="verse indent0">Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm,</div> + <div class="verse indent0">Denn es waltet von Anfang an. Deshalb</div> + <div class="verse indent0">Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft,</div> + <div class="verse indent0">Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an,</div> + <div class="verse indent0">Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber</div> + <div class="verse indent0">Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist,</div> + <div class="verse indent0">Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte</div> + <div class="verse indent0">Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau</div> + <div class="verse indent0">Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie</div> + <div class="verse indent0">Still und sah sich um nach ihm und weinte.</div> + <div class="verse indent0">Und zu Hause, als die Mägde sie sahen,</div> + <div class="verse indent0">Weinten und jammerten sie, und Hektor war</div> + <div class="verse indent0">Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine,</div> + <div class="verse indent0">Daß er jemals wieder nach Hause käme.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent26">Hermann Grimm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="section"> + +<h3 id="Hektors_Abschied">Hektors Abschied</h3> + +</div> + +<p class="center">Andromache:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Will sich Hektor ewig von mir wenden,</div> + <div class="verse indent0">Wo Achill mit den unnahbarn Händen</div> + <div class="verse indent0">Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?</div> + <div class="verse indent0">Wer wird künftig deinen Kleinen lehren</div> + <div class="verse indent0">Speere werfen und die Götter ehren,</div> + <div class="verse indent0">Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="center">Hektor:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Teures Weib, gebiete deinen Tränen!</div> + <div class="verse indent0">Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,</div> + <div class="verse indent0">Diese Arme schützen Pergamus,</div><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> + <div class="verse indent0">Kämpfend für den heilgen Herd der Götter</div> + <div class="verse indent0">Fall ich und, des Vaterlands Retter,</div> + <div class="verse indent0">Steig ich nieder zu dem styg’schen Fluß.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="center">Andromache:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,</div> + <div class="verse indent0">Müßig liegt dein Eisen in der Halle,</div> + <div class="verse indent0">Priams großer Heldenstamm verdirbt.</div> + <div class="verse indent0">Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,</div> + <div class="verse indent0">Der Cocytus durch die Wüsten weinet,</div> + <div class="verse indent0">Deine Liebe in dem Lethe stirbt.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="center">Hektor:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">All mein Sehnen will ich, all mein Denken</div> + <div class="verse indent0">In des Lethe stillen Strom versenken,</div> + <div class="verse indent0">Aber meine Liebe nicht.</div> + <div class="verse indent0">Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern,</div> + <div class="verse indent0">Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern!</div> + <div class="verse indent0">Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent24">Friedr. v. Schiller</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_015"> + <img class="w100" src="images/illu_015.jpg" alt="Hektor, mit Schild und Lanze, stürmt nach vorne"> +</figure> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<h3 class="mtop2" id="Hektors_Tod">Hektors Tod</h3> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Also weineten beide, den trautesten Sohn anflehend,</div> + <div class="verse indent0">Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;</div> + <div class="verse indent0">Nein, er erharrt Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.</div> + <div class="verse indent0">So wie ein Drach im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,</div> + <div class="verse indent0">Statt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;</div> + <div class="verse indent0">Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft;</div> + <div class="verse indent0">So unbändigen Mutes verweilt auch Hektor und wich nicht,</div> + <div class="verse indent0">Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;</div> + <div class="verse indent0">Unmutvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:</div> + <div class="verse indent0">„Wehe mir! Wollt ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn,</div> + <div class="verse indent0">Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,</div> + <div class="verse indent0">Welcher mir riet, in die Veste das Heer der Troer zu führen;</div> + <div class="verse indent0">Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.</div> + <div class="verse indent0">Aber ich hörete nicht; wie heilsam hätt ich gehöret!</div> + <div class="verse indent0">Jetzo, nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,</div> + <div class="verse indent0">Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,</div> + <div class="verse indent0">Daß nicht einst mir sage der Schlechtern einer umher wo:</div> + <div class="verse indent0">»Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!«</div> + <div class="verse indent0">Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:</div> + <div class="verse indent0">Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,</div> + <div class="verse indent0">Oder auch selbst ihm zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.</div> + <div class="verse indent0">Aber legt ich zur Erde den Schild von geründeter Wölbung,</div> + <div class="verse indent0">Samt dem gewichtigen Helm, und, den Speer an die Mauer gelehnet,</div> + <div class="verse indent0">Eilt ich entgegenzugehn dem tadellosen Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Und verhieß ihm Helena selbst und ihre Besitzung,</div> + <div class="verse indent0">Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen</div> + <div class="verse indent0">Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,</div> + <div class="verse indent0">Daß er zu Atreus Söhnen es führt; auch dem Volke von Argos</div> + <div class="verse indent0">Anderes auszuteilen, wieviel auch heget die Stadt hier;</div> + <div class="verse indent0">Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,</div> + <div class="verse indent0">Nichts imgeheim zu entziehn, nein, zwiefach alles zu teilen,</div> + <div class="verse indent0">Was auch die liebliche Stadt an Gut in den Wohnungen einschließt: —</div> + <div class="verse indent0">Aber warum doch bewegte das Herz mir solche Gedanken?</div> + <div class="verse indent0">Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein, sonder Erbarmung</div> + <div class="verse indent0">Würd er, ohn einige Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,</div> + <div class="verse indent0">Grad hinweg wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.</div><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> + <div class="verse indent0">Jetzo fürwahr nicht gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen</div> + <div class="verse indent0">Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,</div> + <div class="verse indent0">Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.</div> + <div class="verse indent0">Besser zu feindlichem Kampf an rennen wir! Daß wir in Eile</div> + <div class="verse indent0">Sehn, wem etwa von uns der Olympier gönne den Siegesruhm!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Also erwog er, und blieb. Doch nah ihm wandelt Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,</div> + <div class="verse indent0">Welchem Pelions Esch auf der rechten Schulter entsetzlich</div> + <div class="verse indent0">Bebete; aber das Erz umleuchtet’ ihn, ähnlich dem Schimmer</div> + <div class="verse indent0">Lodernder Feuersbrunst, und der hell aufgehenden Sonne.</div> + <div class="verse indent0">Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte: nicht auch vermocht’ er</div> + <div class="verse indent0">Dort zu bestehn, und er wandte vom Tore sich, ängstlich entfliehend.</div> + <div class="verse indent0">Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.</div> + <div class="verse indent0">So wie ein Falk des Gebirgs, der behendeste aller Gevögel,</div> + <div class="verse indent0">Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;</div> + <div class="verse indent0">Seitwärts schlüpft sie oft: doch nah mit hellem Getön ihr</div> + <div class="verse indent0">Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:</div> + <div class="verse indent0">So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor</div> + <div class="verse indent0">Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.</div> + <div class="verse indent0">Beid an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenhügel,</div> + <div class="verse indent0">Immer hinweg von der Mauer entflogen sie über den Fahrweg.</div> + <div class="verse indent0">Und sie erreichten die zwei schönsprudelnden Quellen, woher sich</div> + <div class="verse indent0">Beide Bäch ergießen des wirbelvollen Skamandros.</div> + <div class="verse indent0">Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr</div> + <div class="verse indent0">Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;</div> + <div class="verse indent0">Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel.</div> + <div class="verse indent0">Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.</div> + <div class="verse indent0">Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,</div> + <div class="verse indent0">Schön, aus Steinen gehauen, wo die stattlichen Feiergewande</div> + <div class="verse indent0">Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,</div> + <div class="verse indent0">Als noch blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam.</div> + <div class="verse indent0">Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.</div> + <div class="verse indent0">Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte,</div> + <div class="verse indent0">Stürmenden Laufs: denn nicht um ein Weihvieh oder ein Stierfell</div> + <div class="verse indent0">Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;</div> + <div class="verse indent0">Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektor.</div><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> + <div class="verse indent0">So wie zum Siege gewöhnt, um das Ziel starkhufige Rosse</div> + <div class="verse indent0">Hurtiger drehen den Lauf; denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,</div> + <div class="verse indent0">Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:</div> + <div class="verse indent0">Also kreiseten sie dreimal um Priamos Veste</div> + <div class="verse indent0">Rasch mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illu_018"> + <img class="w100" src="images/illu_018.jpg" alt="Athene mit Helm, Rüstung und + Speer"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_018_gross.jpg" + id="illu_018_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater:</div> + <div class="verse indent0">„Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja,</div> + <div class="verse indent0">Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich,</div> + <div class="verse indent0">Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar</div> + <div class="verse indent0">Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,</div> + <div class="verse indent0">Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.</div> + <div class="verse indent0">Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß,</div> + <div class="verse indent0">Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo</div> + <div class="verse indent0">Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“</div> + <div class="verse indent0">Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:</div> + <div class="verse indent0">„Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!</div> + <div class="verse indent0">Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis,</div> + <div class="verse indent0">Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?</div> + <div class="verse indent0">Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:</div> + <div class="verse indent0">„Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens</div> + <div class="verse indent0">Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.</div> + <div class="verse indent0">Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin;</div> + <div class="verse indent0">Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,</div> + <div class="verse indent0">Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche;</div> + <div class="verse indent0">Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig,</div> + <div class="verse indent0">Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden:</div> + <div class="verse indent0">So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus.</div> + <div class="verse indent0">Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore</div> + <div class="verse indent0">Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr,</div> + <div class="verse indent0">Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten;</div> + <div class="verse indent0">Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts</div><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> + <div class="verse indent0">Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.</div> + <div class="verse indent0">Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen;</div> + <div class="verse indent0">Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen.</div> + <div class="verse indent0">So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener.</div> + <div class="verse indent0">Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes,</div> + <div class="verse indent0">Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon</div> + <div class="verse indent0">Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;</div> + <div class="verse indent0">Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme.</div> + <div class="verse indent0">Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet,</div> + <div class="verse indent0">Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater,</div> + <div class="verse indent0">Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes,</div> + <div class="verse indent0">Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor.</div> + <div class="verse indent0">Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal</div> + <div class="verse indent0">Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon.</div> + <div class="verse indent0">Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene;</div> + <div class="verse indent0">Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen,</div> + <div class="verse indent0">Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers.</div> + <div class="verse indent0">Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,</div> + <div class="verse indent0">Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon,</div> + <div class="verse indent0">Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters.</div> + <div class="verse indent0">Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber</div> + <div class="verse indent0">Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens,</div> + <div class="verse indent0">Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.</div> + <div class="verse indent0">Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor,</div> + <div class="verse indent0">Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;</div> + <div class="verse indent0">Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!</div> + <div class="verse indent0">Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:</div><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> + <div class="verse indent0">„Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder,</div> + <div class="verse indent0">Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter;</div> + <div class="verse indent0">Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren,</div> + <div class="verse indent0">Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm,</div> + <div class="verse indent0">Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:</div> + <div class="verse indent0">„Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,</div> + <div class="verse indent0">Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch,</div> + <div class="verse indent0">Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung.</div> + <div class="verse indent0">Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer.</div> + <div class="verse indent0">Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht</div> + <div class="verse indent0">Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus</div> + <div class="verse indent0">Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt</div> + <div class="verse indent0">Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.</div> + <div class="verse indent0">Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;</div> + <div class="verse indent0">Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo!</div> + <div class="verse indent0">Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend,</div> + <div class="verse indent0">Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,</div> + <div class="verse indent0">Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle!</div> + <div class="verse indent0">Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten</div> + <div class="verse indent0">Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.</div> + <div class="verse indent0">Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir</div> + <div class="verse indent0">Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben:</div> + <div class="verse indent0">Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:</div> + <div class="verse indent0">„Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert!</div> + <div class="verse indent0">Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet,</div> + <div class="verse indent0">Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen,</div> + <div class="verse indent0">Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:</div> + <div class="verse indent0">So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,</div> + <div class="verse indent0">Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz</div> + <div class="verse indent0">Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!</div> + <div class="verse indent0">Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir,</div><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> + <div class="verse indent0">Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger!</div> + <div class="verse indent0">Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene,</div> + <div class="verse indent0">Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal,</div> + <div class="verse indent0">Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_022"> + <img class="w100" src="images/illu_022.jpg" alt="Athene mischt sich in den + Kampf zwischen Hektor und Achilles ein"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze.</div> + <div class="verse indent0">Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;</div> + <div class="verse indent0">Denn er sank in die Knie; und es flog der eherne Wurfspieß</div> + <div class="verse indent0">über ihn weg in die Erd; ihn begriff und reichte die Göttin</div> + <div class="verse indent0">Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.</div> + <div class="verse indent0">Hektor aber begann zu dem tadellosen Achilleus:</div> + <div class="verse indent0">„Weit gefehlt! Nein, schwerlich, o göttergleicher Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;</div> + <div class="verse indent0">Sondern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich, vor dir hinbebend, des Muts und der Stärke vergäße.</div> + <div class="verse indent0">Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;</div> + <div class="verse indent0">Sondern vorn, dem gerad Anstürmenden, stoß in die Brust ihn,</div> + <div class="verse indent0">Wenn dir ein Gott es verlieh! Nun aber vermeid auch die Schärfe</div> + <div class="verse indent0">Meines Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!</div> + <div class="verse indent0">Weit ja erträglicher würde der Kampf für die Männer von Troja,</div> + <div class="verse indent0">Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!“</div> + <div class="verse indent0">Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,</div> + <div class="verse indent0">Traf, und verfehlete nicht, gerad auf den Schild des Peleiden;</div> + <div class="verse indent0">Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,</div><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> + <div class="verse indent0">Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;</div> + <div class="verse indent0">Stand und schaute bestürzt; denn es war kein anderer Wurfspieß.</div> + <div class="verse indent0">Laut zu Deiphobos drauf, dem weißgeschilderten, ruft er.</div> + <div class="verse indent0">Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.</div> + <div class="verse indent0">Hektor erkannt es anjetzt in seinem Geist, und begann so:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!</div> + <div class="verse indent0">Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn;</div> + <div class="verse indent0">Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.</div> + <div class="verse indent0">Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch;</div> + <div class="verse indent0">Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches</div> + <div class="verse indent0">Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich</div> + <div class="verse indent0">Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal!</div> + <div class="verse indent0">Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,</div> + <div class="verse indent0">Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus,</div> + <div class="verse indent0">Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;</div> + <div class="verse indent0">An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,</div> + <div class="verse indent0">Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken</div> + <div class="verse indent0">Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein:</div> + <div class="verse indent0">Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.</div> + <div class="verse indent0">Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm</div> + <div class="verse indent0">Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor,</div> + <div class="verse indent0">Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend,</div> + <div class="verse indent0">Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes</div> + <div class="verse indent0">Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.</div> + <div class="verse indent0">Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,</div> + <div class="verse indent0">Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:</div> + <div class="verse indent0">Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus</div> + <div class="verse indent0">Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor,</div> + <div class="verse indent0">Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte.</div> + <div class="verse indent0">Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung,</div> + <div class="verse indent0">Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;</div> + <div class="verse indent0">Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet,</div> + <div class="verse indent0">Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens:</div> + <div class="verse indent0">Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,</div> + <div class="verse indent0">Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.</div> + <div class="verse indent0">Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel,</div> + <div class="verse indent0">Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche;</div> + <div class="verse indent0">Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus;</div><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> + <div class="verse indent0">„Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos,</div> + <div class="verse indent0">Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten.</div> + <div class="verse indent0">Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer</div> + <div class="verse indent0">Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben,</div> + <div class="verse indent0">Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel</div> + <div class="verse indent0">Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor:</div> + <div class="verse indent0">„Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern,</div> + <div class="verse indent0">Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen;</div> + <div class="verse indent0">Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes</div> + <div class="verse indent0">Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter,</div> + <div class="verse indent0">Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat</div> + <div class="verse indent0">Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:</div> + <div class="verse indent0">„Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern!</div> + <div class="verse indent0">Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen</div> + <div class="verse indent0">Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!</div> + <div class="verse indent0">Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!</div> + <div class="verse indent0">Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung,</div> + <div class="verse indent0">Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!</div> + <div class="verse indent0">Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte</div> + <div class="verse indent0">Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter</div> + <div class="verse indent0">Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren;</div> + <div class="verse indent0">Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor:</div> + <div class="verse indent0">„Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen</div> + <div class="verse indent0">Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen.</div> + <div class="verse indent0">Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,</div> + <div class="verse indent0">Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon</div> + <div class="verse indent0">Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn;</div> + <div class="verse indent0">Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,</div> + <div class="verse indent0">Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Johann Heinrich Voß</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Aus_der_Penthesilea">Aus der „Penthesilea“</h2> + +</div> + +<h3 id="Achills_Tod">Achills Tod</h3> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Odysseus</em>:</div> + <div class="verse indent0">Wir zogen aus, auf des Atriden Rat,</div> + <div class="verse indent0">Mit der gesamten Schar der Myrmidonen,</div> + <div class="verse indent0">Achill und ich: Penthesilea, hieß es,</div> + <div class="verse indent0">Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden,</div> + <div class="verse indent0">Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten,</div> + <div class="verse indent0">Von Amazonen, heißer Kampflust voll,</div> + <div class="verse indent0">Durch der Gebirge Windungen heran,</div> + <div class="verse indent0">Den Priamus in Troja zu entsetzen.</div> + <div class="verse indent0">Am Ufer des Skamandros, hören wir,</div> + <div class="verse indent0">Deiphobus auch, der Priamide, sei</div> + <div class="verse indent0">Aus Ilium mit einer Schar gezogen,</div> + <div class="verse indent0">Die Königin, die ihm mit Hilfe naht,</div> + <div class="verse indent0">Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen</div> + <div class="verse indent0">Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner</div> + <div class="verse indent0">Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen;</div> + <div class="verse indent0">Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug.</div> + <div class="verse indent0">Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte,</div> + <div class="verse indent0">Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch,</div> + <div class="verse indent0">Da wir in einem weiten Tal vor uns</div> + <div class="verse indent0">Mit des Deiphobus Iliern im Kampf</div> + <div class="verse indent0">Die Amazonen sehn! Penthesilea,</div> + <div class="verse indent0">Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk,</div> + <div class="verse indent0">Weht der Trojaner Reihen vor sich her,</div> + <div class="verse indent0">Als gält es übern Hellespont hinaus,</div> + <div class="verse indent0">Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen.</div> + <div class="verse indent0">Wir sammeln uns,</div> + <div class="verse indent0">Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein</div> + <div class="verse indent0">Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn,</div> + <div class="verse indent0">Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße.</div> + <div class="verse indent0">Auf diesen Anblick stutzt der Priamide;</div> + <div class="verse indent0">Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich</div> + <div class="verse indent0">Die Amazonenfürstin zu begrüßen:</div> + <div class="verse indent0">Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt.</div> + <div class="verse indent0">War je ein Rat einfältiger und besser?</div> + <div class="verse indent0">Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt,</div> + <div class="verse indent0">Ins Ohr verständiger mir flüstern können?</div><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> + <div class="verse indent0">Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch,</div> + <div class="verse indent0">Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet,</div> + <div class="verse indent0">In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen,</div> + <div class="verse indent0">Sie muß zu einer der Partein sich schlagen;</div> + <div class="verse indent0">Und uns die Freundin müssen wir sie glauben,</div> + <div class="verse indent0">Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt.</div> + <div class="verse indent0">Nun gut.</div> + <div class="verse indent0">Wir finden sie, die Heldin Scythiens,</div> + <div class="verse indent0">Achill und ich — in kriegerischer Feier</div> + <div class="verse indent0">An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt,</div> + <div class="verse indent0">Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel,</div> + <div class="verse indent0">Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend,</div> + <div class="verse indent0">Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund.</div> + <div class="verse indent0">Gedankenvoll, auf einen Augenblick,</div> + <div class="verse indent0">Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer,</div> + <div class="verse indent0">Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden;</div> + <div class="verse indent0">Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich,</div> + <div class="verse indent0">Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:</div> + <div class="verse indent0">Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:</div> + <div class="verse indent0">Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,</div> + <div class="verse indent0">Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie</div> + <div class="verse indent0">Die Welt in helle Flammenlohe auf.</div> + <div class="verse indent0">Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung,</div> + <div class="verse indent0">— Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn —</div> + <div class="verse indent0">Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt,</div> + <div class="verse indent0">Die Zügel einer Dienrin überliefernd,</div> + <div class="verse indent0">Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe.</div> + <div class="verse indent0">Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut,</div> + <div class="verse indent0">Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen;</div> + <div class="verse indent0">Was für ein Haß den Priamiden längst</div> + <div class="verse indent0">Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich,</div> + <div class="verse indent0">So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein;</div> + <div class="verse indent0">Und was der Augenblick noch sonst mir beut:</div> + <div class="verse indent0">Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede,</div> + <div class="verse indent0">Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet</div> + <div class="verse indent0">Mit einem Ausdruck der Verwunderung,</div> + <div class="verse indent0">Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich,</div> + <div class="verse indent0">Das von olympischen Spielen wiederkehrt,</div> + <div class="verse indent0">Zu einer Freundin ihr zur Seite sich,</div> + <div class="verse indent0">Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist</div><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> + <div class="verse indent0">Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“</div> + <div class="verse indent0">Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt,</div> + <div class="verse indent0">Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an,</div> + <div class="verse indent0">Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder</div> + <div class="verse indent0">Auf des Aeginers schimmernder Gestalt:</div> + <div class="verse indent0">Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei.</div> + <div class="verse indent0">Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham,</div> + <div class="verse indent0">Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend,</div> + <div class="verse indent0">Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei</div> + <div class="verse indent0">Penthesilea, kehrt sie sich zu mir,</div> + <div class="verse indent0">Der Amazonen Königin, und werde</div> + <div class="verse indent0">Aus Köchern mir die Antwort übersenden!</div> + <div class="verse indent0">Hierauf unwissend jetzt,</div> + <div class="verse indent0">Was wir von diesem Auftritt denken sollen,</div> + <div class="verse indent0">In grimmiger Beschämung gehn wir heim,</div> + <div class="verse indent0">Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach</div> + <div class="verse indent0">Von fern her, die hohnlächelnden, erraten,</div> + <div class="verse indent0">Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen</div> + <div class="verse indent0">Im Wahn, sie seien die Begünstigten,</div> + <div class="verse indent0">Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse,</div> + <div class="verse indent0">Sei an dem Zorn der Amazone schuld,</div> + <div class="verse indent0">Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand,</div> + <div class="verse indent0">Die sie verschmäht, von neuem anzutragen.</div> + <div class="verse indent0">Doch eh der Bote, den sie senden wollen,</div> + <div class="verse indent0">Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt,</div> + <div class="verse indent0">Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel,</div> + <div class="verse indent0">Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein.</div> + <div class="verse indent0">Mit eines Waldstroms wütendem Erguß</div> + <div class="verse indent0">Die einen, wie die andern, niederbrausend.</div> + <div class="verse indent0">Jetzt hebt</div> + <div class="verse indent0">Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten,</div> + <div class="verse indent0">Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken.</div> + <div class="verse indent0">So viel ich weiß, gibt es in der Natur</div> + <div class="verse indent0">Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.</div> + <div class="verse indent0">Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend</div> + <div class="verse indent0">Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier</div> + <div class="verse indent0">Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich,</div> + <div class="verse indent0">Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß,</div> + <div class="verse indent0">Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser,</div><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> + <div class="verse indent0">Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken.</div> + <div class="verse indent0">Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen,</div> + <div class="verse indent0">Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche</div> + <div class="verse indent0">Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte,</div> + <div class="verse indent0">Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast,</div> + <div class="verse indent0">Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen,</div> + <div class="verse indent0">Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Diomedes</em>:</div> + <div class="verse indent0">Seit jenem Tage</div> + <div class="verse indent0">Grollt über dieser Ebne unverrückt</div> + <div class="verse indent0">Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein</div> + <div class="verse indent0">Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln</div> + <div class="verse indent0">Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern</div> + <div class="verse indent0">Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken,</div> + <div class="verse indent0">Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,</div> + <div class="verse indent0">Als wollte sie den ganzen Griechenstamm</div> + <div class="verse indent0">Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten.</div> + <div class="verse indent0">Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston,</div> + <div class="verse indent0">Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt,</div> + <div class="verse indent0">Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer</div> + <div class="verse indent0">Mit ihren jungen, schönen Leibern groß</div> + <div class="verse indent0">Für diese kühne Tochter Ares’ düngend.</div> + <div class="verse indent0">Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon,</div> + <div class="verse indent0">Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme,</div> + <div class="verse indent0">Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ.</div> + <div class="verse indent0">— Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen,</div> + <div class="verse indent0">Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn</div> + <div class="verse indent0">Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß</div> + <div class="verse indent0">Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte.</div> + <div class="verse indent0">So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht</div> + <div class="verse indent0">Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,</div> + <div class="verse indent0">Die sich ihr Auge grimmig auserkor,</div> + <div class="verse indent0">Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.</div> + <div class="verse indent0">Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon</div> + <div class="verse indent0">Sein Leben war in ihre Macht gegeben,</div> + <div class="verse indent0">Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder:</div> + <div class="verse indent0">Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt.</div> + <div class="verse indent0">Denn als sie um die Abenddämmrung gestern</div> + <div class="verse indent0">Im Kampf, Penthesilea und Achill,</div><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> + <div class="verse indent0">Einander trafen, stürmt Deiphobus her,</div> + <div class="verse indent0">Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,</div> + <div class="verse indent0">Der Teukrische, trifft er dem Peleiden</div> + <div class="verse indent0">Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,</div> + <div class="verse indent0">Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten,</div> + <div class="verse indent0">Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten</div> + <div class="verse indent0">Die Arme sinken: und die Locken dann</div> + <div class="verse indent0">Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,</div> + <div class="verse indent0">Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf,</div> + <div class="verse indent0">Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,</div> + <div class="verse indent0">Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,</div> + <div class="verse indent0">Daß er zu Füßen hin, der Unberufne,</div> + <div class="verse indent0">Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.</div> + <div class="verse indent0">Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,</div> + <div class="verse indent0">Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals</div> + <div class="verse indent0">Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,</div> + <div class="verse indent0">Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft,</div> + <div class="verse indent0">Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,</div> + <div class="verse indent0">Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Hauptmann</em>:</div> + <div class="verse indent0">Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl,</div> + <div class="verse indent0">Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter,</div> + <div class="verse indent0">Rings der Ätolier wackre Reihen hin,</div> + <div class="verse indent0">Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie,</div> + <div class="verse indent0">Die unbesiegten Myrmidonier, gießend.</div> + <div class="verse indent0">Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog</div> + <div class="verse indent0">Entgegen uns: in wilder Überschwemmung</div> + <div class="verse indent0">Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort:</div> + <div class="verse indent0">Und eher nicht vermögen wir den Fuß,</div> + <div class="verse indent0">Als fern von den Peliden festzusetzen.</div> + <div class="verse indent0">Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen,</div> + <div class="verse indent0">Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt</div> + <div class="verse indent0">Von eines Hügels Spitze scheu herab,</div> + <div class="verse indent0">Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden</div> + <div class="verse indent0">Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu;</div> + <div class="verse indent0">Doch es erstirbt der Laut im Busen uns,</div> + <div class="verse indent0">Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück</div> + <div class="verse indent0">Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken</div> + <div class="verse indent0">In grause Tiefe bäumend niederschaut.</div><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> + <div class="verse indent0">Vergebens jetzt, in der er Meister ist,</div> + <div class="verse indent0">Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst:</div> + <div class="verse indent0">Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne,</div> + <div class="verse indent0">Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe,</div> + <div class="verse indent0">Und im verworrenen Geschirre fallend,</div> + <div class="verse indent0">Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt,</div> + <div class="verse indent0">Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk,</div> + <div class="verse indent0">Wie in der Schlinge eingefangen da.</div> + <div class="verse indent0">Es stürzt</div> + <div class="verse indent0">Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,</div> + <div class="verse indent0">In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:</div> + <div class="verse indent0">Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.</div> + <div class="verse indent0">Doch eh er noch aus allen Knoten rings</div> + <div class="verse indent0">Die Schenkel, die verwickelten, gelöst,</div> + <div class="verse indent0">Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm</div> + <div class="verse indent0">Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,</div> + <div class="verse indent0">Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.</div> + <div class="verse indent0">Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie,</div> + <div class="verse indent0">Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel</div> + <div class="verse indent0">Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt,</div> + <div class="verse indent0">Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand:</div> + <div class="verse indent0">Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte,</div> + <div class="verse indent0">Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder.</div> + <div class="verse indent0">Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg,</div> + <div class="verse indent0">Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig</div> + <div class="verse indent0">Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt,</div> + <div class="verse indent0">In ihre beiden kleinen Hände drücken.</div> + <div class="verse indent0">Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick,</div> + <div class="verse indent0">Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß</div> + <div class="verse indent0">Eindringlicher Gebärde sie beschwörend;</div> + <div class="verse indent0">Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint,</div> + <div class="verse indent0">Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre,</div> + <div class="verse indent0">Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift:</div> + <div class="verse indent0">Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren,</div> + <div class="verse indent0">Doch sie — Ihr hört’s.</div> + <div class="verse indent0">Umsonst sind die Versuche, sie zu halten,</div> + <div class="verse indent0">Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten</div> + <div class="verse indent0">Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe</div> + <div class="verse indent0">An dem Geklüfte auf und nieder streifend,</div> + <div class="verse indent0">Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete</div><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> + <div class="verse indent0">Für einen Wunsch, der keine Flügel hat;</div> + <div class="verse indent0">Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man</div> + <div class="verse indent0">Empor sie an des Felsens Wände klimmen,</div> + <div class="verse indent0">Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort,</div> + <div class="verse indent0">Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege</div> + <div class="verse indent0">Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen.</div> + <div class="verse indent0">Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht,</div> + <div class="verse indent0">Den sich im Fels der Regen ausgewaschen;</div> + <div class="verse indent0">Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich;</div> + <div class="verse indent0">Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um,</div> + <div class="verse indent0">Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an.</div> + <div class="verse indent0">Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich</div> + <div class="verse indent0">Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut,</div> + <div class="verse indent0">Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher</div> + <div class="verse indent0">Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem</div> + <div class="verse indent0">Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum</div> + <div class="verse indent0">Als eine Gemse sich zu halten braucht;</div> + <div class="verse indent0">Von ragendem Geklüfte rings geschreckt,</div> + <div class="verse indent0">Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt;</div> + <div class="verse indent0">Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft:</div> + <div class="verse indent0">Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin,</div> + <div class="verse indent0">Von los sich lösendem Gestein umprasselt,</div> + <div class="verse indent0">Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd</div> + <div class="verse indent0">Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück,</div> + <div class="verse indent0">Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:</div> + <div class="verse indent0">Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf.</div> + <div class="verse indent0">Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet —</div> + <div class="verse indent0">— Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu</div> + <div class="verse indent0">Den ganzen erznen Wagen schmieden können —</div> + <div class="verse indent0">Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel:</div> + <div class="verse indent0">Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust.</div> + <div class="verse indent0">Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet,</div> + <div class="verse indent0">Erspähn die Amazonen einen Pfad,</div> + <div class="verse indent0">Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen,</div> + <div class="verse indent0">Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend,</div> + <div class="verse indent0">Die Königin dahin, die sinnberaubte,</div> + <div class="verse indent0">Die immer noch des Felsens Sturz versucht.</div> + <div class="verse indent0">Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend,</div> + <div class="verse indent0">Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan;</div> + <div class="verse indent0">Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie</div><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> + <div class="verse indent0">Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide,</div> + <div class="verse indent0">Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend;</div> + <div class="verse indent0">Doch in den Gründen bald verschwand er mir,</div> + <div class="verse indent0">Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe42" id="illu_032"> + <img class="w100" src="images/illu_032.jpg" alt="Die Amazonenkönigin, in ihrer + Rüstung auf ihrem Pferd"> +</figure> + +<p>Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen +Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen. +Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht, +für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins +Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu +ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner +Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden +ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die +Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf, +um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser +Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit +Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Meroe</em>:</div> + <div class="verse indent0">Ihr wißt,</div> + <div class="verse indent0">Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,</div> + <div class="verse indent0">Sie, die fortan kein Name nennt —</div> + <div class="verse indent0">In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,</div> + <div class="verse indent0">Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,</div> + <div class="verse indent0">Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.</div> + <div class="verse indent0">Von Hunden rings umheult und Elefanten,</div> + <div class="verse indent0">Kam sie daher, den Bogen in der Hand:</div><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> + <div class="verse indent0">Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er,</div> + <div class="verse indent0">Die blutumtriefte Graungestalt, einher</div> + <div class="verse indent0">Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,</div> + <div class="verse indent0">Die Fackel über blühnde Städte schwingend,</div> + <div class="verse indent0">Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.</div> + <div class="verse indent0">Achilleus, der, wie man im Heer versichert,</div> + <div class="verse indent0">Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig</div> + <div class="verse indent0">Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen:</div> + <div class="verse indent0">Denn auch er — o wie mächtig sind die Götter! —</div> + <div class="verse indent0">Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,</div> + <div class="verse indent0">Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen;</div> + <div class="verse indent0">Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen,</div> + <div class="verse indent0">Und läßt die Freunde hinter sich zurück.</div> + <div class="verse indent0">Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen</div> + <div class="verse indent0">Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein</div> + <div class="verse indent0">Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:</div> + <div class="verse indent0">Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht,</div> + <div class="verse indent0">Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:</div> + <div class="verse indent0">Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft</div> + <div class="verse indent0">Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt.</div> + <div class="verse indent0">Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme,</div> + <div class="verse indent0">Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“</div> + <div class="verse indent0">Und will zurück noch zu den Freunden fliehn:</div> + <div class="verse indent0">Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten,</div> + <div class="verse indent0">Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt</div> + <div class="verse indent0">In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge,</div> + <div class="verse indent0">Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. —</div> + <div class="verse indent0">Inzwischen schritt die Königin heran,</div> + <div class="verse indent0">Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald</div> + <div class="verse indent0">Hochher, gleich einem Jäger, überschauend;</div> + <div class="verse indent0">Und da er eben, die Gezweige öffnend,</div> + <div class="verse indent0">Zu ihren Füßen niedersinken will:</div> + <div class="verse indent0">„Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie</div> + <div class="verse indent0">Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich</div> + <div class="verse indent0">Den Bogen an, daß sich die Enden küssen,</div> + <div class="verse indent0">Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt,</div> + <div class="verse indent0">Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt!</div> + <div class="verse indent0">Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.</div> + <div class="verse indent0">Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen,</div> + <div class="verse indent0">Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,</div><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> + <div class="verse indent0">Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,</div> + <div class="verse indent0">Und hebt sich wiederum und will entfliehn;</div> + <div class="verse indent0">Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne!</div> + <div class="verse indent0">Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“</div> + <div class="verse indent0">Und stürzt — stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!</div> + <div class="verse indent0">Sich über ihn, und reißt — reißt ihn beim Helmbusch,</div> + <div class="verse indent0">Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt;</div> + <div class="verse indent0">Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,</div> + <div class="verse indent0">Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder!</div> + <div class="verse indent0">Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,</div> + <div class="verse indent0">Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:</div> + <div class="verse indent0">„Penthesilea! meine Braut! was tust du?</div> + <div class="verse indent0">Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“</div> + <div class="verse indent0">Doch sie — die Löwin hätte ihn gehört,</div> + <div class="verse indent0">Die hungrige, die wild nach Raub umher,</div> + <div class="verse indent0">Auf öden Schneegefilden heulend treibt —</div> + <div class="verse indent0">Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,</div> + <div class="verse indent0">Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,</div> + <div class="verse indent0">Sie und die Hunde, die wetteifernden,</div> + <div class="verse indent0">Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,</div> + <div class="verse indent0">In seine linke sie; als ich erschien,</div> + <div class="verse indent0">Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,</div> + <div class="verse indent0">Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute,</div> + <div class="verse indent0">Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt,</div> + <div class="verse indent0">Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,</div> + <div class="verse indent0">In das Unendliche hinaus, und schweigt.</div> + <div class="verse indent0">Wir fragen mit gesträubten Haaren sie:</div> + <div class="verse indent0">Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?</div> + <div class="verse indent0">Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,</div> + <div class="verse indent0">Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent24">Heinrich von Kleist</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Aus_der_Odyssee">Aus der Odyssee</h2> + +</div> + +<h3 id="Odysseus_und_Polyphem">Odysseus und Polyphem</h3> + +<p>Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so +widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte, +wie dem klugen Helden Odysseus.</p> + +<figure class="figcenter illowe33" id="illu_035"> + <img class="w100" src="images/illu_035.jpg" alt="Odysseus sitzt nachdenkend + auf seinem Schiff"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_035_gross.jpg" + id="illu_035_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p> + +<p>Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja +absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der +Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward +unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald +weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den +sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt +die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark +waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum +Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe +sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen, +trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen.</p> + +<p>Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer, +und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am +zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von +der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren +und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder +gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung +eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die +Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen +von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte +nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die +ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie +mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend +weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der +Heimat vergäßen.</p> + +<p>Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das +waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das +Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und +säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen +ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach +Willkür über Mann und Kinder.</p> + +<p>Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem +Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen +umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser +Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als +derselbe heraufstieg, wunderten<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> sie sich des fruchtbaren und doch +menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur +Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt, +und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an +einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es +nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen +erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug.</p> + +<p>Von der Insel aus sahen die Griechen auch das Land, der Cyklopen, von +dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief +Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil +derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande +zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten +unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben.</p> + +<p>Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die +Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte +Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes +Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr +wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb +und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich +nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter +waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen +namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich +blickend, mitten auf der Stirn stand.</p> + +<p>Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur +zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe +zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht +wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit, +auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros +von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß +man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser +vermischen mußte.</p> + +<p>In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber +hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit +auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da. +Odysseus’ Gefährten wollten<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> etliche Körbe mit Käsen, auch etliche +Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen. +Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da +zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen +dann selbst.</p> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_038"> + <img class="w100" src="images/illu_038.jpg" alt="Odysseus spricht mit dem + Zyklopen Polyphem"> +</figure> + +<p>Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er +krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und +Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem +gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte +man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig +gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde +gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene +in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die +Griechen, welche sich in den äußersten<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Winkel der Höhle versteckt +hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und +woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres +getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr +Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“</p> + +<p>Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt, +Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von +Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von +schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande. +Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst, +damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und +Beschützer ist.“</p> + +<p>Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an +Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die +übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn +du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner +Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr +gekommen.“</p> + +<p>Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge +Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin +allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“</p> + +<p>Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der +Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das +Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied +fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen +Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die +Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber +streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle +und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden +Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit +besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem +sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande +gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der +Höhle gehoben hatte.</p> + +<p>Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an, +molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals +zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann +trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem +er den Felsen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in +die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun +die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich +reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.</p> + +<p>In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war +sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten +können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen +Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg +er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier +seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er +ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.</p> + +<p>Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten +wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat +Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken +Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm, +Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese +trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher +noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein, +aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte +Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach +dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er, +den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm +den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich +alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten +Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber +Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder, +und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf +gefallen war.</p> + +<p>Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus +entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend, +und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des +Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte +er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut +die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend +spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende +Axt hineinhält.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den +entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem +Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des +Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten +hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage, +wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete +er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig +angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas +zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen +haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute +sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.</p> + +<p>Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber +mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er +sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte +Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei +Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner +Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn +nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres +hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.</p> + +<p>Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere +festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder +der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle +desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der +Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der +Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät, +da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht +dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling +geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich +versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann +ließ er den Widder gehen.</p> + +<p>Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine +Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere +zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben +waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie +Polyphem sechs ihrer Gefährten<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> gemordet und verschlungen habe, dann +stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in +einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen +die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen +fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“ +Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn +grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte +das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel, +und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das +Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die +Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als +am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen +will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war +es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem, +wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch +Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in +Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein +großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun +hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem +er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte +Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit +entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da +betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war, +daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen +Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.</p> + +<p>Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder +auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus +opferte.</p> + +<p class="right mright2 mbot2">Albert Richter</p> + +<div class="section"> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_043"> + <img class="w100" src="images/illu_043.jpg" alt="Telemachos fährt nachts auf + dem Meer"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_043_gross.jpg" + id="illu_043_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<h3 id="Naechtliche_Fahrt">Nächtliche Fahrt</h3> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll</div> + <div class="verse indent0">Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand.</div> + <div class="verse indent0">Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll,</div> + <div class="verse indent0">Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.</div><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der glückbedürft’ge hieß Telemachos</div> + <div class="verse indent0">Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug,</div> + <div class="verse indent0">Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß,</div> + <div class="verse indent0">Athene war’s, die Mentors Züge trug.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Unendlich brach hervor der Sterne Heer,</div> + <div class="verse indent0">Die lichten Waller wußten ihre Bahn ...</div> + <div class="verse indent0">Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer:</div> + <div class="verse indent0">„Zusammen rufen wir die Götter an!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Hände, wie der Staubgeborne fleht,</div> + <div class="verse indent0">Erhob sie ausgebreitet in die Nacht —</div> + <div class="verse indent0">Und sie erhörte selber das Gebet,</div> + <div class="verse indent0">Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent22">Conr. Ferd. Meyer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_sterbende_Meduse">Die sterbende Meduse</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten,</div> + <div class="verse indent0">Belauert Perseus bang in seinem Schild</div> + <div class="verse indent0">Der schlummernden Meduse Spiegelbild,</div> + <div class="verse indent0">Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.</div> + <div class="verse indent0">Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde</div> + <div class="verse indent0">Des jungen Wuchses atmende Gebärde —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,</div> + <div class="verse indent0">Verderblich der Verderberin genaht?</div> + <div class="verse indent0">Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!</div> + <div class="verse indent0">Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.</div> + <div class="verse indent0">Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List</div> + <div class="verse indent0">Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!</div> + <div class="verse indent0">Durch weiße Lider schimmert blaues Licht</div> + <div class="verse indent0">Und — zischte dort der Kopf der Natter nicht?“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde,</div> + <div class="verse indent0">Der Menschen schöner Liebling, der sie war,</div> + <div class="verse indent0">Bevor die Stirn der Göttin Angebinde</div> + <div class="verse indent0">Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.</div> + <div class="verse indent0">Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern</div> + <div class="verse indent0">Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,</div> + <div class="verse indent0">In blühendem Reigen regt sie mit den andern</div> + <div class="verse indent0">Die freudehellen, die beschwingten Füße,</div> + <div class="verse indent0">Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte,</div> + <div class="verse indent0">Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> + <div class="verse indent0">Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,</div> + <div class="verse indent0">Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.</div> + <div class="verse indent0">Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,</div> + <div class="verse indent0">In unverlorner erster Lieblichkeit.</div> + <div class="verse indent0">Der Mörder tritt an ihre Seite dicht,</div> + <div class="verse indent0">Und dunkler träumt Medusens Angesicht.</div> + <div class="verse indent0">Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,</div> + <div class="verse indent0">Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,</div> + <div class="verse indent0">Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,</div> + <div class="verse indent0">Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten —</div> + <div class="verse indent0">Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie dem eignen Leben feind geworden,</div> + <div class="verse indent0">Und andres Leben sich ergötzt zu morden —</div> + <div class="verse indent0">Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt,</div> + <div class="verse indent0">Die grause Larve, die sie lang geschreckt,</div> + <div class="verse indent0">Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.</div> + <div class="verse indent0">Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,</div> + <div class="verse indent0">Begonnen hat der Seele Feierzeit.</div> + <div class="verse indent0">Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.</div> + <div class="verse indent0">Als eine der Erlösten fühlt sie sich.</div> + <div class="verse indent0">Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,</div> + <div class="verse indent0">Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,</div> + <div class="verse indent0">Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!</div> + <div class="verse indent0">Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,</div> + <div class="verse indent0">Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen</div> + <div class="verse indent0">Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent26">Conr. Ferd. Meyer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Griechische_Spiele">Griechische Spiele</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen,</div> + <div class="verse indent0">Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit.</div> + <div class="verse indent0">Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall</div> + <div class="verse indent0">Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz,</div> + <div class="verse indent0">Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge — sie wußten,</div> + <div class="verse indent0">Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug.</div> + <div class="verse indent0">Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers,</div> + <div class="verse indent0">Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz.</div> + <div class="verse indent0">Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat,</div> + <div class="verse indent0">Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds.</div> + <div class="verse indent0">Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern,</div> + <div class="verse indent0">Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Gustav Pfizer</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe37" id="illu_047"> + <img class="w100" src="images/illu_047.jpg" alt="Das Haupt der Medusa"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_047_gross.jpg" + id="illu_047_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Mutter_des_Siegers">Die Mutter des Siegers</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Im weiten Rund des Stadion zu Olympia</div> + <div class="verse indent0">Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier</div> + <div class="verse indent0">Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan</div> + <div class="verse indent0">Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge,</div> + <div class="verse indent0">Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt.</div> + <div class="verse indent0">Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings,</div> + <div class="verse indent0">Nur der Demeter greise Priesterin</div> + <div class="verse indent0">Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken,</div> + <div class="verse indent0">Denn uralt heiliges Gesetz gebeut:</div> + <div class="verse indent0">Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib</div> + <div class="verse indent0">Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch</div> + <div class="verse indent0">Herabgestürzt von jenen Felsenzacken,</div> + <div class="verse indent0">Die in Olympias Ebne niederschaun,</div> + <div class="verse indent0">Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab</div> + <div class="verse indent0">Sein feurig Viergespann lenkt Helios,</div> + <div class="verse indent0">Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe</div> + <div class="verse indent0">Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun,</div> + <div class="verse indent0">Da wird es still im ungeheuren Ring.</div> + <div class="verse indent0">Die Volkesbrandung hält den Atem an,</div> + <div class="verse indent0">Und einen schlanken Jüngling an der Hand</div> + <div class="verse indent0">Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz</div> + <div class="verse indent0">Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern</div> + <div class="verse indent0">Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt,</div> + <div class="verse indent0">Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen</div> + <div class="verse indent0">Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt.</div> + <div class="verse indent0">Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen,</div> + <div class="verse indent0">Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten,</div> + <div class="verse indent0">Eratmend süß im linden Abendhauch,</div> + <div class="verse indent0">Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch</div> + <div class="verse indent0">Die Kraft der jungen Schenkel eben erst</div> + <div class="verse indent0">Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin,</div> + <div class="verse indent0">Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt,</div> + <div class="verse indent0">Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks.</div> + <div class="verse indent0">Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung,</div> + <div class="verse indent0">Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann,</div> + <div class="verse indent0">Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt,</div> + <div class="verse indent0">Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht,</div><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> + <div class="verse indent0">Steht er den tausend Gaffenden zur Schau,</div> + <div class="verse indent0">Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name:</div> + <div class="verse indent0">„Koröbos, Sohn des Pelias.“</div> + <div class="verse indent24">Und jetzt</div> + <div class="verse indent0">Herab vom Hochsitz naht der älteste</div> + <div class="verse indent0">Der Kampfesrichter, milden Angesichts.</div> + <div class="verse indent0">Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein,</div> + <div class="verse indent0">Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen,</div> + <div class="verse indent0">Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd,</div> + <div class="verse indent0">Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig</div> + <div class="verse indent0">Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt,</div> + <div class="verse indent0">Indes der Herold laut den Namen ausruft:</div> + <div class="verse indent0">„Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis,</div> + <div class="verse indent0">Sieger im Fünfkampf.“</div> + <div class="verse indent20">Brausend in der Runde,</div> + <div class="verse indent0">Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf,</div> + <div class="verse indent0">Und schon erhebt der Palme zarten Zweig,</div> + <div class="verse indent0">Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand,</div> + <div class="verse indent0">Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt</div> + <div class="verse indent0">Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben</div> + <div class="verse indent0">Empörter Stimmen. Innehält der Greis</div> + <div class="verse indent0">Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder</div> + <div class="verse indent0">Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf,</div> + <div class="verse indent0">Nachschleppend eine dürftige Gestalt,</div> + <div class="verse indent0">Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, —</div> + <div class="verse indent0">Ein Weib! — Verwünschungen, geballte Fäuste,</div> + <div class="verse indent0">Und jetzt — horch! — aus des Jünglings Mund ein Schrei:</div> + <div class="verse indent0">„Mutter! O Mutter!“ — und er stürzt zu ihr,</div> + <div class="verse indent0">Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne</div> + <div class="verse indent0">Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt.</div> + <div class="verse indent0">Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer</div> + <div class="verse indent0">Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße.</div> + <div class="verse indent0">Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein,</div> + <div class="verse indent0">In sich gebückt, sah sie den Spielen zu,</div> + <div class="verse indent0">Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde,</div> + <div class="verse indent0">So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien.</div> + <div class="verse indent0">Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt</div> + <div class="verse indent0">Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören</div> + <div class="verse indent0">Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens;</div><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> + <div class="verse indent0">Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust,</div> + <div class="verse indent0">Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz.</div> + <div class="verse indent0">Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich,</div> + <div class="verse indent0">Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit</div> + <div class="verse indent0">Befallen, will den Kopf ihm heben. Da</div> + <div class="verse indent0">Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar</div> + <div class="verse indent0">Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche,</div> + <div class="verse indent0">Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb.</div> + <div class="verse indent0">Nun bringen wir zu euch die Frevlerin,</div> + <div class="verse indent0">Daß ihr sie richten mögt.“</div> + <div class="verse indent22">Alsbald erhob sich</div> + <div class="verse indent0">Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend,</div> + <div class="verse indent0">In Demut vor die Richter trat sie hin:</div> + <div class="verse indent0">„Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt:</div> + <div class="verse indent0">Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten</div> + <div class="verse indent0">Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag,</div> + <div class="verse indent0">Der mich erhöht vor allen Weibern sah!</div> + <div class="verse indent0">Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm</div> + <div class="verse indent0">Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng</div> + <div class="verse indent0">Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann</div> + <div class="verse indent0">Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck;</div> + <div class="verse indent0">Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren</div> + <div class="verse indent0">Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit.</div> + <div class="verse indent0">Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn,</div> + <div class="verse indent0">Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt,</div> + <div class="verse indent0">Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften,</div> + <div class="verse indent0">Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach!</div> + <div class="verse indent0">Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah</div> + <div class="verse indent0">Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam,</div> + <div class="verse indent0">Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick</div> + <div class="verse indent0">Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir,</div> + <div class="verse indent0">Nur mein Koröbos. Als er von mir ging,</div> + <div class="verse indent0">Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder,</div> + <div class="verse indent0">Da litt es mich im öden Hause nicht.</div> + <div class="verse indent0">Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte</div> + <div class="verse indent0">Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm</div> + <div class="verse indent0">Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, —</div> + <div class="verse indent0">Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben —</div> + <div class="verse indent0">Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß</div> + <div class="verse indent0">Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das</div><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> + <div class="verse indent0">Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht,</div> + <div class="verse indent0">Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht,</div> + <div class="verse indent0">Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus.</div> + <div class="verse indent0">Und so, getrost, beging ich, was verpönt,</div> + <div class="verse indent0">Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort</div> + <div class="verse indent0">Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch</div> + <div class="verse indent0">Den Göttern dank ich, die mich so begnadet,</div> + <div class="verse indent0">Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je</div> + <div class="verse indent0">Vergessen trinken dieses Freudentags,</div> + <div class="verse indent0">Der mir der letzte war.“</div> + <div class="verse indent20">Sie schwieg, den Blick</div> + <div class="verse indent0">Auf ihren Liebling haftend, tränenlos,</div> + <div class="verse indent0">Verklärt. Und eine Stille ward ringsum,</div> + <div class="verse indent0">Und in der Brust der strengen Richter schwankte</div> + <div class="verse indent0">Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich</div> + <div class="verse indent0">Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr</div> + <div class="verse indent0">Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme,</div> + <div class="verse indent0">Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib,</div> + <div class="verse indent0">Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab</div> + <div class="verse indent0">Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod</div> + <div class="verse indent0">Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir</div> + <div class="verse indent0">Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel.</div> + <div class="verse indent0">Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer —</div> + <div class="verse indent0">Die Göttin, der ich diene, spricht sie los,</div> + <div class="verse indent0">Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“</div> + <div class="verse indent0">So sprechend nahte sie der Staunenden,</div> + <div class="verse indent0">Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie</div> + <div class="verse indent0">Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß.</div> + <div class="verse indent0">Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm,</div> + <div class="verse indent0">Schlang um der Mutter Leib den starken Arm</div> + <div class="verse indent0">Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter</div> + <div class="verse indent0">Trug im Triumph er strahlend sie dahin,</div> + <div class="verse indent0">Die weite Bahn umschreitend, allem Volk</div> + <div class="verse indent0">Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum</div> + <div class="verse indent0">Begrüßten winkend ausgestreckte Hände</div> + <div class="verse indent0">Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar:</div> + <div class="verse indent0">„Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau,</div> + <div class="verse indent0">Der Glücklichen, die ihn gebar.“</div> + <div class="verse indent26">Sie aber,</div> + <div class="verse indent0">Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still,</div><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> + <div class="verse indent0">Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt,</div> + <div class="verse indent0">Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd,</div> + <div class="verse indent0">Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer</div> + <div class="verse indent0">Die leichte Last, und tief und tiefer sank</div> + <div class="verse indent0">Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken,</div> + <div class="verse indent0">Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt</div> + <div class="verse indent0">Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen.</div> + <div class="verse indent0">„Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten</div> + <div class="verse indent0">Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend,</div> + <div class="verse indent0">Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin</div> + <div class="verse indent0">Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt</div> + <div class="verse indent0">Ihn auf die Brust der selig Ruhenden.</div> + <div class="verse indent0">Und eine Stille ward im weiten Rund,</div> + <div class="verse indent0">Als hörten sie die weichen Flügel rauschen</div> + <div class="verse indent0">Des Götterboten, der zur Schattenwelt</div> + <div class="verse indent0">Die Seele forttrug dieser Siegerin.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Paul Heyse</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Kraniche_des_Ibykus">Die Kraniche des Ibykus</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zum Kampf der Wagen und Gesänge,</div> + <div class="verse indent0">Der auf Korinthus’ Landesenge</div> + <div class="verse indent0">Der Griechen Stämme froh vereint,</div> + <div class="verse indent0">Zog Ibykus, der Götterfreund.</div> + <div class="verse indent0">Ihm schenkte des Gesanges Gabe,</div> + <div class="verse indent0">Der Lieder süßen Mund Apoll;</div> + <div class="verse indent0">So wandert er, an leichtem Stabe,</div> + <div class="verse indent0">Aus Rhegium, des Gottes voll.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schon winkt auf hohem Bergesrücken</div> + <div class="verse indent0">Akrokorinth des Wandrers Blicken,</div> + <div class="verse indent0">Und in Poseidons Fichtenhain</div> + <div class="verse indent0">Tritt er mit frommem Schauder ein,</div> + <div class="verse indent0">Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme</div> + <div class="verse indent0">Von Kranichen begleiten ihn,</div> + <div class="verse indent0">Die fernhin nach des Südens Wärme</div> + <div class="verse indent0">In graulichtem Geschwader ziehn.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe36" id="illu_053"> + <img class="w100" src="images/illu_053.jpg" alt="Ibykus wandert, die Kraniche + über ihm"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_053_gross.jpg" + id="illu_053_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!</div> + <div class="verse indent0">Die mir zur See Begleiter waren,</div><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> + <div class="verse indent0">Zum guten Zeichen nehm ich euch,</div> + <div class="verse indent0">Mein Los, es ist dem euren gleich.</div> + <div class="verse indent0">Von fernher kommen wir gezogen</div> + <div class="verse indent0">Und flehen um ein wirtlich Dach —</div> + <div class="verse indent0">Sei uns der Gastliche gewogen,</div> + <div class="verse indent0">Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und munter fördert er die Schritte</div> + <div class="verse indent0">Und sieht sich in des Waldes Mitte;</div> + <div class="verse indent0">Da sperren auf gedrangem Steg</div> + <div class="verse indent0">Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.</div> + <div class="verse indent0">Zum Kampfe muß er sich bereiten,</div> + <div class="verse indent0">Doch bald ermattet sinkt die Hand,</div> + <div class="verse indent0">Sie hat der Leier zarte Saiten,</div> + <div class="verse indent0">Doch nie des Bogens Kraft gespannt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er ruft die Menschen an, die Götter,</div> + <div class="verse indent0">Sein Flehen dringt zu keinem Retter;</div> + <div class="verse indent0">Wie weit er auch die Stimme schickt,</div> + <div class="verse indent0">Nichts Lebendes wird hier erblickt;</div> + <div class="verse indent0">„So muß ich hier verlassen sterben,</div> + <div class="verse indent0">Auf fremdem Boden, unbeweint,</div> + <div class="verse indent0">Durch böser Buben Hand verderben,</div> + <div class="verse indent0">Wo auch kein Rächer mir erscheint!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und schwer getroffen sinkt er nieder,</div> + <div class="verse indent0">Da rauscht der Kraniche Gefieder;</div> + <div class="verse indent0">Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,</div> + <div class="verse indent0">Die nahen Stimmen furchtbar krähn.</div> + <div class="verse indent0">„Von euch, ihr Kraniche, dort oben,</div> + <div class="verse indent0">Wenn keine andere Stimme spricht,</div> + <div class="verse indent0">Sei meines Mordes Klag erhoben!“</div> + <div class="verse indent0">Er ruft es, und sein Auge bricht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der nackte Leichnam wird gefunden,</div> + <div class="verse indent0">Und bald, obgleich entstellt von Wunden,</div> + <div class="verse indent0">Erkennt der Gastfreund in Korinth</div> + <div class="verse indent0">Die Züge, die ihm teuer sind.</div> + <div class="verse indent0">„Und muß ich so dich wiederfinden,</div> + <div class="verse indent0">Und hoffte mit der Fichte Kranz</div><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> + <div class="verse indent0">Des Sängers Schläfe zu umwinden,</div> + <div class="verse indent0">Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und jammernd hören’s alle Gäste,</div> + <div class="verse indent0">Versammelt bei Poseidons Feste,</div> + <div class="verse indent0">Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,</div> + <div class="verse indent0">Verloren hat ihn jedes Herz.</div> + <div class="verse indent0">Und stürmend drängt sich zum Prytanen</div> + <div class="verse indent0">Das Volk, es fordert seine Wut,</div> + <div class="verse indent0">Zu rächen des Erschlagnen Manen,</div> + <div class="verse indent0">Zu sühnen mit des Mörders Blut.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch, wo die Spur, die aus der Menge</div> + <div class="verse indent0">Der Völker flutendem Gedränge,</div> + <div class="verse indent0">Gelocket von der Spiele Pracht,</div> + <div class="verse indent0">Den schwarzen Täter kenntlich macht?</div> + <div class="verse indent0">Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?</div> + <div class="verse indent0">Tat’s neidisch ein verborgner Feind?</div> + <div class="verse indent0">Nur Helios vermag’s zu sagen,</div> + <div class="verse indent0">Der alles Irdische bescheint.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er geht vielleicht mit frechem Schritte</div> + <div class="verse indent0">Jetzt eben durch der Griechen Mitte,</div> + <div class="verse indent0">Und während ihn die Rache sucht,</div> + <div class="verse indent0">Genießt er seines Frevels Frucht,</div> + <div class="verse indent0">Auf ihres eigenen Tempels Schwelle</div> + <div class="verse indent0">Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt</div> + <div class="verse indent0">Sich dreist in jene Menschenwelle,</div> + <div class="verse indent0">Die dort sich zum Theater drängt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Denn Bank an Bank gedränget sitzen,</div> + <div class="verse indent0">Es brechen fast der Bühne Stützen,</div> + <div class="verse indent0">Herbeigeströmt von fern und nah,</div> + <div class="verse indent0">Der Griechen Völker wartend da.</div> + <div class="verse indent0">Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen,</div> + <div class="verse indent0">Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau</div> + <div class="verse indent0">In weiter stets geschweiftem Bogen</div> + <div class="verse indent0">Hinauf bis in des Himmels Blau.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer zählt die Völker, nennt die Namen,</div> + <div class="verse indent0">Die gastlich hier zusammenkamen?</div><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> + <div class="verse indent0">Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,</div> + <div class="verse indent0">Von Phokis, vom Spartanerland,</div> + <div class="verse indent0">Von Asiens entlegner Küste,</div> + <div class="verse indent0">Von allen Inseln kamen sie</div> + <div class="verse indent0">Und horchen von dem Schaugerüste</div> + <div class="verse indent0">Des Chores grauser Melodie,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der, streng und ernst, nach alter Sitte,</div> + <div class="verse indent0">Mit langsam abgemessnem Schritte</div> + <div class="verse indent0">Hervortritt aus dem Hintergrund,</div> + <div class="verse indent0">Umwandelnd des Theaters Rund.</div> + <div class="verse indent0">So schreiten keine irdschen Weiber,</div> + <div class="verse indent0">Die zeugete kein sterblich Haus!</div> + <div class="verse indent0">Es steigt das Riesenmaß der Leiber</div> + <div class="verse indent0">Hoch über menschliches hinaus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,</div> + <div class="verse indent0">Sie schwingen in entfleischten Händen</div> + <div class="verse indent0">Der Fackel düsterrote Glut,</div> + <div class="verse indent0">In ihren Wangen fließt kein Blut;</div> + <div class="verse indent0">Und wo die Haare lieblich flattern,</div> + <div class="verse indent0">Um Menschenstirnen freundlich wehn,</div> + <div class="verse indent0">Da sieht man Schlangen hier und Nattern</div> + <div class="verse indent0">Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und schauerlich, gedreht im Kreise,</div> + <div class="verse indent0">Beginnen sie des Hymnus Weise,</div> + <div class="verse indent0">Der durch das Herz zerreißend dringt,</div> + <div class="verse indent0">Die Bande um den Frevler schlingt.</div> + <div class="verse indent0">Besinnungraubend, herzbetörend</div> + <div class="verse indent0">Schallt der Erinnyen Gesang,</div> + <div class="verse indent0">Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,</div> + <div class="verse indent0">Und duldet nicht der Leier Klang:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle</div> + <div class="verse indent0">Bewahrt die kindlich reine Seele!</div> + <div class="verse indent0">Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,</div> + <div class="verse indent0">Er wandelt frei des Lebens Bahn.</div> + <div class="verse indent0">Doch wehe, wehe, wer verstohlen</div> + <div class="verse indent0">Des Mordes schwere Tat vollbracht!</div><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> + <div class="verse indent0">Wir heften uns an seine Sohlen,</div> + <div class="verse indent0">Das furchtbare Geschlecht der Nacht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und glaubt er fliehend zu entspringen,</div> + <div class="verse indent0">Geflügelt sind wir da, die Schlingen</div> + <div class="verse indent0">Ihm werfend um den flücht’gen Fuß,</div> + <div class="verse indent0">Daß er zu Boden fallen muß.</div> + <div class="verse indent0">So jagen wir ihn, ohn Ermatten,</div> + <div class="verse indent0">Versöhnen kann uns keine Reu,</div> + <div class="verse indent0">Ihn fort und fort bis zu den Schatten</div> + <div class="verse indent0">Und geben ihn auch dort nicht frei.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So singend, tanzen sie den Reigen,</div> + <div class="verse indent0">Und Stille, wie des Todes Schweigen,</div> + <div class="verse indent0">Liegt überm ganzen Hause schwer,</div> + <div class="verse indent0">Als ob die Gottheit nahe wär,</div> + <div class="verse indent0">Und feierlich, nach alter Sitte,</div> + <div class="verse indent0">Umwandelnd des Theaters Rund,</div> + <div class="verse indent0">Mit langsam abgemessnem Schritte,</div> + <div class="verse indent0">Verschwinden sie im Hintergrund.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet</div> + <div class="verse indent0">Noch zweifelnd jede Brust und bebet</div> + <div class="verse indent0">Und huldiget der furchtbarn Macht,</div> + <div class="verse indent0">Die richtend im Verborgnen wacht,</div> + <div class="verse indent0">Die unerforschlich, unergründet</div> + <div class="verse indent0">Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,</div> + <div class="verse indent0">Dem tiefen Herzen sich verkündet</div> + <div class="verse indent0">Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da hört man auf den höchsten Stufen</div> + <div class="verse indent0">Auf einmal eine Stimme rufen:</div> + <div class="verse indent0">„Sieh da, sieh da, Timotheus,</div> + <div class="verse indent0">Die Kraniche des Ibykus!“ —</div> + <div class="verse indent0">Und finster plötzlich wird der Himmel,</div> + <div class="verse indent0">Und über dem Theater hin</div> + <div class="verse indent0">Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel</div> + <div class="verse indent0">Ein Kranichheer vorüberziehn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Des Ibykus“ — Der teure Name</div> + <div class="verse indent0">Rührt jede Brust mit neuem Grame</div><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> + <div class="verse indent0">Und wie im Meere Well auf Well,</div> + <div class="verse indent0">So läuft’s von Mund zu Munde schnell:</div> + <div class="verse indent0">„Des Ibykus? Den wir beweinen,</div> + <div class="verse indent0">Den eine Mörderhand erschlug!</div> + <div class="verse indent0">Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? —</div> + <div class="verse indent0">Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und lauter immer wird die Frage,</div> + <div class="verse indent0">Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage</div> + <div class="verse indent0">Durch alle Herzen: „Gebet acht,</div> + <div class="verse indent0">Das ist der Eumeniden Macht!</div> + <div class="verse indent0">Der fromme Dichter wird gerochen,</div> + <div class="verse indent0">Der Mörder bietet selbst sich dar —</div> + <div class="verse indent0">Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,</div> + <div class="verse indent0">Und ihn, an den’s gerichtet war!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch dem war kaum das Wort entfahren,</div> + <div class="verse indent0">Möcht er’s im Busen gern bewahren:</div> + <div class="verse indent0">Umsonst! Der schreckenbleiche Mund</div> + <div class="verse indent0">Macht schnell die Schuldbewußten kund,</div> + <div class="verse indent0">Man reißt und schleppt sie vor den Richter,</div> + <div class="verse indent0">Die Szene wird zum Tribunal,</div> + <div class="verse indent0">Und es gestehn die Bösewichter,</div> + <div class="verse indent0">Getroffen von der Rache Strahl.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent18">Friedrich von Schiller</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Sieger">Der Sieger</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust!</div> + <div class="verse indent0">Bin ich derselbe, der ich gestern war?</div> + <div class="verse indent0">Der Vollkraft ungeheure Daseinslust</div> + <div class="verse indent0">Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar.</div> + <div class="verse indent0">Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang</div> + <div class="verse indent0">— Mir selbst ein Wunder — strömt sich hell und voll</div> + <div class="verse indent0">In Harmonien aus von Erzes Klang,</div> + <div class="verse indent0">Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan,</div> + <div class="verse indent0">Rast wilder Beifall die Arena hin,</div> + <div class="verse indent0">Und tausend Kränze regnen in die Bahn,</div> + <div class="verse indent0">Und meine Harfe ist die Siegerin.</div><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> + <div class="verse indent0">Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held,</div> + <div class="verse indent0">Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz</div> + <div class="verse indent0">Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt,</div> + <div class="verse indent0">Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus.</div> + <div class="verse indent0">Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt</div> + <div class="verse indent0">Und ziehe eher nicht die Toga aus,</div> + <div class="verse indent0">Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt.</div> + <div class="verse indent0">Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt</div> + <div class="verse indent0">Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor.</div> + <div class="verse indent0">Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt;</div> + <div class="verse indent0">Und dies ist meines Vaterhauses Tor.</div> + <div class="verse indent0">Aufsteht der Vater von der Ofenbank.</div> + <div class="verse indent0">Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz;</div> + <div class="verse indent0">Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang,</div> + <div class="verse indent0">Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz.</div> + <div class="verse indent0">Ich streife langsam von dem Haupt die Zier</div> + <div class="verse indent0">Und von den Gliedern ab das Festgewand.</div> + <div class="verse indent0">Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier.</div> + <div class="verse indent0">Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Hugo Salus</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Tod_des_Perikles">Tod des Perikles</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf seinem Sterbebett lag Perikles,</div> + <div class="verse indent0">Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn.</div> + <div class="verse indent0">Die Freunde, die ihm übrig waren noch,</div> + <div class="verse indent0">Umstanden ihn und sprachen unter sich,</div> + <div class="verse indent0">Die Größe rühmend seiner Tugenden</div> + <div class="verse indent0">Und seiner einst fast unbeschränkten Macht.</div> + <div class="verse indent0">Bewegt auch zählten sie die Taten auf,</div> + <div class="verse indent0">Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal,</div> + <div class="verse indent0">Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf.</div> + <div class="verse indent0">Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl,</div> + <div class="verse indent0">Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort:</div> + <div class="verse indent0">„Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt,</div> + <div class="verse indent0">Was nur das wandelbare Glück verleiht</div> + <div class="verse indent0">Und was mit manchem andern ich geteilt,</div> + <div class="verse indent0">Dagegen ihr verschwiegen unbedacht,</div><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> + <div class="verse indent0">Was mich bedünkt allein des Neides wert:</div> + <div class="verse indent0">Daß meinetwegen nie ein Bürger je,</div> + <div class="verse indent0">Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent26">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe22" id="illu_061"> + <img class="w100" src="images/illu_061.jpg" alt="Trauernde Frau am Denkmal + des Perikles"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_061_gross.jpg" + id="illu_061_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Bote_von_Marathon">Der Bote von Marathon</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Jüngling, schwing dich auf den wilden</div> + <div class="verse indent0">Renner, auf dein bäumend Roß,</div> + <div class="verse indent0">Nach den himmlischen Gefilden</div> + <div class="verse indent0">Fliege, wie ein Pfeilgeschoß,</div> + <div class="verse indent0">Laut zu künden, froh zu melden</div> + <div class="verse indent0">Göttergleichen Sieg der Helden:</div> + <div class="verse indent0">„Marathon, der Perser Schmach,</div> + <div class="verse indent0">Wo Athen sich Lorbeer brach!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schnell im Staubgewölk verloren,</div> + <div class="verse indent0">Stürmt er hin im Mittagsschein,</div> + <div class="verse indent0">Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen</div> + <div class="verse indent0">Kräftig in die Weichen ein.</div> + <div class="verse indent0">Vorgeneigt, mit losem Zügel,</div> + <div class="verse indent0">Jagt er auf des Windes Flügel.</div> + <div class="verse indent0">Herrlich schwellt die junge Brust</div> + <div class="verse indent0">Siegesfreude, Botenlust.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und er träumt sich schon empfangen</div> + <div class="verse indent0">Von Athens besorgter Schar.</div> + <div class="verse indent0">Hoch erglühn der Mutter Wangen,</div> + <div class="verse indent0">Da sie kränzt sein feuchtes Haar:</div> + <div class="verse indent0">„O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“</div> + <div class="verse indent0">Greise singen Siegeslieder,</div> + <div class="verse indent0">Donnernd jauchzt von Land zu See</div> + <div class="verse indent0">Tausendstimmig Evoe — — —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Seine dunkeln Augen flammen,</div> + <div class="verse indent0">Freudig preist er sein Geschick ...</div> + <div class="verse indent0">Plötzlich bricht das Roß zusammen,</div> + <div class="verse indent0">Röchelnd, mit erloschnem Blick.</div> + <div class="verse indent0">Ungesäumt, auf eignen Füßen,</div> + <div class="verse indent0">Eilt er, seine Stadt zu grüßen,</div> + <div class="verse indent0">Die sich fern am Himmelsrand</div> + <div class="verse indent0">Blendend hebt im Sonnenbrand.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_063"> + <img class="w100" src="images/illu_063.jpg" alt="Schlacht bei Marathon"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_063_gross.jpg" + id="illu_063_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mut! Nur Mut! — er will ermatten.</div> + <div class="verse indent0">Seine Sehnen schwellen an.</div> + <div class="verse indent0">Nirgends Kühlung, nirgends Schatten</div> + <div class="verse indent0">Auf der staubverwehten Bahn.</div> + <div class="verse indent0">„Schütze, Göttin, deinen Boten,</div> + <div class="verse indent0">Ruf ihn nicht ins Reich der Toten,</div> + <div class="verse indent0">Eh Athen die Kunde weiß:</div> + <div class="verse indent0">Unser ist der Siegespreis!“</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_065"> + <img class="w100" src="images/illu_065.jpg" alt="Im Schlachtengetümmel"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Von der stolzgetürmten Mauer</div> + <div class="verse indent0">Hat ihn schon das Volk gesehn.</div> + <div class="verse indent0">Hohe, heil’ge Wonneschauer</div> + <div class="verse indent0">Fühlt er durch die Seele wehn.</div> + <div class="verse indent0">Auf das Herz gepreßt die Linke,</div> + <div class="verse indent0">Mit dem Lorbeer freud’ge Winke:</div><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> + <div class="verse indent0">„Sieg!“ Ein heller Jubelschrei.</div> + <div class="verse indent0">„Sieg!“ — Er stürzt. — Es ist vorbei.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Alice von Gaudy</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_junge_Themistokles">Der junge Themistokles</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl —</div> + <div class="verse indent0">Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut —</div> + <div class="verse indent0">So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ob man hier von Rosen-Jungfraun — dort vom Vaterlande sprach</div> + <div class="verse indent0">Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg,</div> + <div class="verse indent0">Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht —</div> + <div class="verse indent0">Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm —</div> + <div class="verse indent0">Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand —</div> + <div class="verse indent0">Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton,</div> + <div class="verse indent0">Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt</div> + <div class="verse indent0">Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn,</div> + <div class="verse indent0">Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt,</div> + <div class="verse indent0">Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis</div> + <div class="verse indent0">Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“</div><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie —</div> + <div class="verse indent0">Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat — ich leiste sie!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch</div> + <div class="verse indent0">Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wer waren jene Sänger? — Ihre Namen hört ich nicht;</div> + <div class="verse indent0">Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß?</div> + <div class="verse indent0">Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Karl von Alsen</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Salamis">Salamis</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schmücket die Schiffe mit Persertrophän,</div> + <div class="verse indent0">Lasset die purpurnen Segel sich blähn!</div> + <div class="verse indent0">Efeu umflattert die Masten und fliegt,</div> + <div class="verse indent0">Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band,</div> + <div class="verse indent0">Das der persische Fürst um den Nacken dir wand,</div> + <div class="verse indent0">Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr</div> + <div class="verse indent0">Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer</div> + <div class="verse indent4">Dein wogender Bug,</div> + <div class="verse indent0">Dein brückengefesselter Zorn ertrug.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg</div> + <div class="verse indent0">Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg.</div> + <div class="verse indent0">Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront,</div> + <div class="verse indent0">Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt;</div> + <div class="verse indent0">Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut,</div> + <div class="verse indent4">Mit unendlichem Mut</div> + <div class="verse indent0">Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt</div> + <div class="verse indent0">Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt</div> + <div class="verse indent0">In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn</div> + <div class="verse indent4">Nach den herrlichen Mühn</div> + <div class="verse indent0">Dithyrambische Tage der Freiheit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent28">Hermann Lingg</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Themistokles_in_Olympia">Themistokles in Olympia</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Themistokles, der Held von Salamis,</div> + <div class="verse indent0">Als er vom Perserjoch sein Volk befreit,</div> + <div class="verse indent0">Und an Olympias geweihtem Sitz</div> + <div class="verse indent0">Zum ersten Male nach vertobtem Krieg</div> + <div class="verse indent0">Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut,</div> + <div class="verse indent0">Die stolzer Griechenland noch nie beging:</div> + <div class="verse indent0">Erkannt von allen Gästen saß er da,</div> + <div class="verse indent0">Und kein hellenisch Auge wandte sich</div> + <div class="verse indent0">Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg</div> + <div class="verse indent0">Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu,</div> + <div class="verse indent0">So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt.</div> + <div class="verse indent0">Nur ihn als Sieger staunten rings sie an,</div> + <div class="verse indent0">Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor.</div> + <div class="verse indent0">Er aber nahm ihn wohlgefällig auf</div> + <div class="verse indent0">Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort:</div> + <div class="verse indent0">„Die Götter schenkten heut als Ernte mir</div> + <div class="verse indent0">Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent26">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Ein_Dichter_in_der_Schlacht_von_Salamis">Ein Dichter in der Schlacht von Salamis</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Drachen, die so arg gedräuet,</div> + <div class="verse indent0">Die Perserschiffe sind zerstreuet,</div> + <div class="verse indent0">Versenkt, vernichtet — Hellas frei</div> + <div class="verse indent0">Vom Joche fremder Tyrannei,</div> + <div class="verse indent0">Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen</div> + <div class="verse indent0">Den Göttern dar ein festlich Spiel</div> + <div class="verse indent0">Und heil’ge Opfer; Lieder klingen</div> + <div class="verse indent0">Und Wagen donnern an das Ziel.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer ragt hervor dort aus der Menge,</div> + <div class="verse indent0">Die Züge schön, doch ernst und strenge?</div> + <div class="verse indent0">Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr,</div> + <div class="verse indent0">Die frische Wunde schmückt ihn mehr;</div> + <div class="verse indent0">Ein Dichter ist es, doch die Waffen</div> + <div class="verse indent0">Ergriff er auf des Landes Ruf;</div> + <div class="verse indent0">Ein Held kann Heldenbilder schaffen</div> + <div class="verse indent0">Wie <em class="gesperrt">Äschylus</em>, der Bücher schuf</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe36" id="illu_069"> + <img class="w100" src="images/illu_069.jpg" alt="Themistokles in Helm und + Rüstung"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_069_gross.jpg" + id="illu_069_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sein Auge folgt mit Wohlgefallen</div> + <div class="verse indent0">Dem schönsten von den Knaben allen,</div> + <div class="verse indent0">Die zierlich, mit gelenken Knien,</div> + <div class="verse indent0">Im Chore den Altar umziehn.</div> + <div class="verse indent0">Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne</div> + <div class="verse indent0">— Von Neid sind solche Seelen frei —</div> + <div class="verse indent0">Daß, der da schwebt, die neue Sonne,</div> + <div class="verse indent0">Daß <em class="gesperrt">Sophokles</em> der Knabe sei!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zur selben Stunde, wie wir lesen,</div> + <div class="verse indent0">War eines Sohns ein Weib genesen;</div> + <div class="verse indent0">Der Vater hebt ihn auf und spricht:</div> + <div class="verse indent0">„Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht.</div> + <div class="verse indent0">Mut, teures Weib! Wir alle haben</div> + <div class="verse indent0">Nun hinter uns die Zeit des Wehs.</div> + <div class="verse indent0">Die Götter segnen meinen Knaben!“</div> + <div class="verse indent0">— Das Kindlein war <em class="gesperrt">Euripides</em>.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ja, wenn die Götter einmal segnen,</div> + <div class="verse indent0">Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen</div> + <div class="verse indent0">Im Wetter, überschwenglich auch;</div> + <div class="verse indent0">Nichts halb zu tun ist Götterbrauch.</div> + <div class="verse indent0">Sieg, Freiheit, Ruhm — für künft’ge Tage</div> + <div class="verse indent0">Voll Glanz ein dreifach Unterpfand.</div> + <div class="verse indent0">Das war — wer hält ihm denn die Wage? —</div> + <div class="verse indent0">Der schönste Tag von Griechenland.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent22">Wilhelm Fischer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Grab_des_Themistokles">Grab des Themistokles</h2> +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,</div> + <div class="verse indent0">Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib</div> + <div class="verse indent0">In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke</div> + <div class="verse indent0">Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins.</div> + <div class="verse indent0">Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend,</div> + <div class="verse indent0">Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien.</div> + <div class="verse indent0">Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot</div> + <div class="verse indent0">Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Emanuel Geibel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Historischer_Adelsklub">Historischer Adelsklub</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus:</div> + <div class="verse indent0">„Entbiete mir zu meinem Namensfest</div> + <div class="verse indent0">Auf den Olymp die großen Toten sämtlich;</div> + <div class="verse indent0">Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft.</div> + <div class="verse indent0">Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder</div> + <div class="verse indent0">Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen,</div> + <div class="verse indent0">Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck,</div> + <div class="verse indent0">Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz,</div> + <div class="verse indent0">Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da tat sich auf die Tür, und feierlich</div> + <div class="verse indent0">Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga</div> + <div class="verse indent0">In wichtigen Falten um die Brust geworfen,</div> + <div class="verse indent0">Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt,</div> + <div class="verse indent0">Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Befremden lähmte die Versammlung. Hera,</div> + <div class="verse indent0">Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen.</div> + <div class="verse indent0">Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend:</div> + <div class="verse indent0">„Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis —“</div> + <div class="verse indent0">Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen</div> + <div class="verse indent0">Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große —“</div> + <div class="verse indent0">Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus:</div> + <div class="verse indent0">„Ein feierlicher Kerl ist niemals groß.</div> + <div class="verse indent0">Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent28">Carl Spitteler</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Die_gefesselten_Musen">Die gefesselten Musen</h2> +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es herrscht ein König irgendwo</div> + <div class="verse indent0">In Dazien oder Thrazien,</div> + <div class="verse indent0">Den suchten einst die Musen heim,</div> + <div class="verse indent0">Die Musen mit den Grazien.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Statt milden Nektars Rebenblut</div> + <div class="verse indent0">Geruhten sie zu nippen,</div><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> + <div class="verse indent0">Die Seele des Barbaren hing</div> + <div class="verse indent0">An ihren sel’gen Lippen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Erst sang ein jedes Himmelskind</div> + <div class="verse indent0">Im Tone, der ihm eigen,</div> + <div class="verse indent0">Dann schritt der ganze Chor im Takt</div> + <div class="verse indent0">Und trat den blühnden Reigen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der König klatschte: „Morgen will</div> + <div class="verse indent0">Ich wieder euch bestaunen!“</div> + <div class="verse indent0">Die Musen schüttelten das Haupt:</div> + <div class="verse indent0">„Das hangt an unsern Launen.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„An euern Launen? ...“ Der Despot</div> + <div class="verse indent0">Begann zu schmähn und lästern.</div> + <div class="verse indent0">„Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“</div> + <div class="verse indent0">Und fesselte die Schwestern.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der König wacht, um Mitternacht</div> + <div class="verse indent0">Vernahm er leises Schreiten,</div> + <div class="verse indent0">Geflüster: „Seid ihr alle da?“</div> + <div class="verse indent0">Und Schüttern zarter Saiten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er fuhr empor. „Den hellen Chor</div> + <div class="verse indent0">Ergreift, getreue Wächter!“</div> + <div class="verse indent0">Die Schergen griffen in die Luft</div> + <div class="verse indent0">Und silbern klang Gelächter.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Am Morgen war der Kerker leer,</div> + <div class="verse indent0">Der Reigen über die Grenze —</div> + <div class="verse indent0">Drin hingen statt der Ketten schwer</div> + <div class="verse indent0">Zerrissne Blumenkränze.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Conr. Ferd. Meyer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_trunkene_Gott">Der trunkene Gott</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Weiße Marmorstufen steigen</div> + <div class="verse indent0">Durch der Gärten laub’ge Nacht,</div> + <div class="verse indent0">Schlanke Palmenfächer neigen</div> + <div class="verse indent0">In des Himmels blaue Pracht.</div> + <div class="verse indent0">Über Tempeln, Hainen, Grüften</div><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> + <div class="verse indent0">Zecht in abendweichen Lüften</div> + <div class="verse indent0">Alexanders Lieblingsschar;</div> + <div class="verse indent0">Knieend bietet ihm ein Knabe,</div> + <div class="verse indent0">Daß der Erde Herr sich labe,</div> + <div class="verse indent0">Wein in edler Schale dar.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_073"> + <img class="w100" src="images/illu_073.jpg" alt="Alexander der Große mit + seiner Phalanx"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen,</div> + <div class="verse indent0">Lagernd in der Götter Rat,</div> + <div class="verse indent0">Zwischen schwelgenden Entwürfen</div><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> + <div class="verse indent0">Und der wundergleichen Tat!</div> + <div class="verse indent0">Goldne Becher überquellen,</div> + <div class="verse indent0">Ruhmesgeister mit den hellen</div> + <div class="verse indent0">Helmen tauchen aus der Flut —</div> + <div class="verse indent0">Goldne Schalen überschäumen,</div> + <div class="verse indent0">Geister, die gebunden träumen,</div> + <div class="verse indent0">Steigen auf in Zornesglut.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kleitos neben Philipps Sohne</div> + <div class="verse indent0">Furcht die Stirne kummervoll,</div> + <div class="verse indent0">Der benarbte Macedone</div> + <div class="verse indent0">Schlürft im Weine Gram und Groll:</div> + <div class="verse indent0">Er gedenkt der Heergenossen,</div> + <div class="verse indent0">Die die erste Phalanx schlossen</div> + <div class="verse indent0">In den Bergen kühl und fern.</div> + <div class="verse indent0">Seinen dunkeln Mut zu kränken,</div> + <div class="verse indent0">Lüstet es den schönen Schenken,</div> + <div class="verse indent0">Lagernd an dem Knie des Herrn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die erhabne Stirn und Braue</div> + <div class="verse indent0">Träumt den Zug ins Inderland,</div> + <div class="verse indent0">Lauschend liest den Traum das schlaue</div> + <div class="verse indent0">Kind, den Blick emporgewandt:</div> + <div class="verse indent0">„Bacchus bist du, der belaubte,</div> + <div class="verse indent0">Mit dem schwärmerischen Haupte,</div> + <div class="verse indent0">Der ins Land der Sonne zieht!</div> + <div class="verse indent0">Ohne Heer kannst du bezwingen,</div> + <div class="verse indent0">Nur den Thyrsus darfst du schwingen,</div> + <div class="verse indent0">Winke nur, und Indien kniet!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Finster grollt der alte Streiter:</div> + <div class="verse indent0">„Durch der Wüste heißen Sand?</div> + <div class="verse indent0">Immer ferner, immer weiter?</div> + <div class="verse indent0">Nach des Indus Fabelstrand?</div> + <div class="verse indent0">Kann ein Wink dir Sieg erwerben,</div> + <div class="verse indent0">Warum bluten, warum sterben</div> + <div class="verse indent0">Wir für dich? Zu deinem Spott?</div> + <div class="verse indent0">Lebende kannst du belohnen,</div> + <div class="verse indent0">Deine toten Macedonen,</div> + <div class="verse indent0">Wecke sie, bist du ein Gott!“ —</div><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Welchen dampfenden Altares</div> + <div class="verse indent0">Freust du auf der Erde dich?</div> + <div class="verse indent0">Bist du die Gewalt des Ares,</div> + <div class="verse indent0">Helmumflattert, fürchterlich?</div> + <div class="verse indent0">Herr, bevor den niedern Talen</div> + <div class="verse indent0">Du dich nahtest ohne Strahlen,</div> + <div class="verse indent0">Welches war dein himmlisch Amt?</div> + <div class="verse indent0">Bist du Zeus? Bist du ein andrer?</div> + <div class="verse indent0">Bist du Helios, der Wandrer</div> + <div class="verse indent0">Dessen Stirne sonnig flammt?“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Grimmig neigt der graue Fechter</div> + <div class="verse indent0">Sich zum Ohr des Gottes hin,</div> + <div class="verse indent0">Mit unseligem Gelächter</div> + <div class="verse indent0">Rührt er an der Schulter ihn:</div> + <div class="verse indent0">„Gast des Himmels, warum sinken</div> + <div class="verse indent0">Haupt und Schulter dir zur Linken?<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[*]</a></div> + <div class="verse indent0">Lastet dir der Erde Raub?</div> + <div class="verse indent0">Mit den Göttern willst du zechen?</div> + <div class="verse indent0">Spotten hör ich dein Gebrechen:</div> + <div class="verse indent0">Alexander, du bist Staub!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Eine zürnende Gebärde!</div> + <div class="verse indent0">Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!</div> + <div class="verse indent0">Ein Erdolchter an der Erde</div> + <div class="verse indent0">Windet sich in seinem Blut ...</div> + <div class="verse indent0">In den Abendlüften Schauer,</div> + <div class="verse indent0">Ein verhülltes Haupt in Trauer,</div> + <div class="verse indent0">Ausgerast und ausgerollt!</div> + <div class="verse indent0">Marmorgleich versteinte Zecher</div> + <div class="verse indent0">Und ein herrenloser Becher,</div> + <div class="verse indent0">Der hinab die Stufen rollt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Conr. Ferd. Meyer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[*]</a> Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher +als die schwächere linke.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Ists_ein_Narr_blo_Ists_ein_Weiser">Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?</div> + <div class="verse indent0">Dreißig Jahre eingeschlossen,</div> + <div class="verse indent0">Sitzt er schon in dunkler Klause.</div> + <div class="verse indent0">Selbst erforschen will’s der Kaiser,</div> + <div class="verse indent0">Und vom höchsten Glanz umflossen</div> + <div class="verse indent0">Naht er sich dem öden Hause.</div><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf der Erde hingekauert</div> + <div class="verse indent0">Liegt der Blöde und betrachtet</div> + <div class="verse indent0">Sich den Gast mit stolzen Mienen.</div> + <div class="verse indent0">Alles fühlt sich fremd durchschauert,</div> + <div class="verse indent0">Daß ein Bettler den verachtet,</div> + <div class="verse indent0">Dem der Erde Völker dienen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Sollte mich der Greis nicht kennen?“ —</div> + <div class="verse indent0">Ruft der Kaiser — „Doch ich staune,</div> + <div class="verse indent0">Drüben steht ja meine Büste!</div> + <div class="verse indent0">Nein, ich brauch mich nicht zu nennen,</div> + <div class="verse indent0">Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune,</div> + <div class="verse indent0">Mich zu ehren, wie er müßte.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_076"> + <img class="w100" src="images/illu_076.jpg" alt="Besuch des Kaisers in der + Klause"> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Was ihn treibt, wer könnt es sagen?</div> + <div class="verse indent0">Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen,</div> + <div class="verse indent0">Doch es will mir Wahnsinn scheinen.</div> + <div class="verse indent0">Um die Zukunft wollt ich fragen,</div> + <div class="verse indent0">Aber statt mit dem zu sprechen,</div> + <div class="verse indent0">Such ich Weisheit bei den Steinen.“</div><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch, sowie das Wort gefallen,</div> + <div class="verse indent0">Hat der Blöde sich erhoben</div> + <div class="verse indent0">Und nach seinem Stab gegriffen.</div> + <div class="verse indent0">Seine langen Locken wallen,</div> + <div class="verse indent0">Wie zum Rock um ihn verwoben,</div> + <div class="verse indent0">Und sein Stab ist scharf geschliffen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vor des Kaisers Büste tretend,</div> + <div class="verse indent0">Schlägt er ihr vom Haupt die Krone,</div> + <div class="verse indent0">Und in Stücke fällt sie nieder,</div> + <div class="verse indent0">Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend,</div> + <div class="verse indent0">Noch die Augen aus zum Hohne,</div> + <div class="verse indent0">Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Alles sieht ihm zu mit Grauen,</div> + <div class="verse indent0">Dennoch zwingt man sich zum Lachen,</div> + <div class="verse indent0">Und des Kaisers Bruder flüstert:</div> + <div class="verse indent0">„Ich genieße dein Vertrauen,</div> + <div class="verse indent0">Laß mein Schwert nur fürder wachen,</div> + <div class="verse indent0">Und dein Stern wird nie verdüstert.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aber eh der Tag noch endet,</div> + <div class="verse indent0">Steigt, der schmeichelnd so gesprochen,</div> + <div class="verse indent0">Selber auf den Thron der Griechen,</div> + <div class="verse indent0">Und der Kaiser liegt geblendet,</div> + <div class="verse indent0">Wo die Totenwürmer pochen</div> + <div class="verse indent0">Und die gift’gen Molche kriechen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent18">Friedrich Hebbel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Ring_des_Polykrates">Der Ring des Polykrates</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er stand auf seines Daches Zinnen,</div> + <div class="verse indent0">Er schaute mit vergnügten Sinnen</div> + <div class="verse indent0">Auf das beherrschte Samos hin.</div> + <div class="verse indent0">„Dies alles ist mir untertänig,“</div> + <div class="verse indent0">Begann er zu Ägyptens König,</div> + <div class="verse indent0">„Gestehe, daß ich glücklich bin.“ —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Du hast der Götter Gunst erfahren!</div> + <div class="verse indent0">Die vormals deinesgleichen waren,</div> + <div class="verse indent0">Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.</div><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> + <div class="verse indent0">Doch einer lebt noch, sie zu rächen;</div> + <div class="verse indent0">Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,</div> + <div class="verse indent0">Solang des Feindes Auge wacht.“ —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und eh der König noch geendet,</div> + <div class="verse indent0">Da stellt sich, von Milet gesendet,</div> + <div class="verse indent0">Ein Bote dem Tyrannen dar:</div> + <div class="verse indent0">„Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,</div> + <div class="verse indent0">Und mit des Lorbeers muntern Zweigen</div> + <div class="verse indent0">Bekränze dir dein festlich Haar!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Getroffen sank dein Feind vom Speere,</div> + <div class="verse indent0">Mich sendet mit der frohen Märe</div> + <div class="verse indent0">Dein treuer Feldherr Polydor —“</div> + <div class="verse indent0">Und nimmt aus einem schwarzen Becken,</div> + <div class="verse indent0">Noch blutig, zu der beiden Schrecken,</div> + <div class="verse indent0">Ein wohlbekanntes Haupt hervor.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der König tritt zurück mit Grauen.</div> + <div class="verse indent0">„Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“</div> + <div class="verse indent0">Versetzt er mit besorgtem Blick.</div> + <div class="verse indent0">„Bedenk, auf ungetreuen Wellen —</div> + <div class="verse indent0">Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen —</div> + <div class="verse indent0">Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und eh er noch das Wort gesprochen,</div> + <div class="verse indent0">Hat ihn der Jubel unterbrochen,</div> + <div class="verse indent0">Der von der Reede jauchzend schallt.</div> + <div class="verse indent0">Mit fremden Schätzen reich beladen,</div> + <div class="verse indent0">Kehrt zu den heimischen Gestaden</div> + <div class="verse indent0">Der Schiffe mastenreicher Wald.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der königliche Gast erstaunet:</div> + <div class="verse indent0">„Dein Glück ist heute gut gelaunet,</div> + <div class="verse indent0">Doch fürchte seinen Unbestand.</div> + <div class="verse indent0">Der Kreter waffenkund’ge Scharen</div> + <div class="verse indent0">Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;</div> + <div class="verse indent0">Schon nahe sind sie diesem Strand.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und eh ihm noch das Wort entfallen,</div> + <div class="verse indent0">Da sieht man’s von den Schiffen wallen,</div><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> + <div class="verse indent0">Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!</div> + <div class="verse indent0">Von Feindesnot sind wir befreiet,</div> + <div class="verse indent0">Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,</div> + <div class="verse indent0">Vorbei, geendet ist der Krieg!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.</div> + <div class="verse indent0">„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!</div> + <div class="verse indent0">Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil.</div> + <div class="verse indent0">Mir grauet vor der Götter Neide:</div> + <div class="verse indent0">Des Lebens ungemischte Freude</div> + <div class="verse indent0">Ward keinem Irdischen zuteil.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auch mir ist alles wohl geraten.</div> + <div class="verse indent0">Bei allen meinen Herrschertaten</div> + <div class="verse indent0">Begleitet mich des Himmels Huld;</div> + <div class="verse indent0">Doch hatt’ ich einen teuren Erben,</div> + <div class="verse indent0">Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,</div> + <div class="verse indent0">Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Drum, willst du dich vor Leid bewahren,</div> + <div class="verse indent0">So flehe zu den Unsichtbaren,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.</div> + <div class="verse indent0">Noch keinen sah ich fröhlich enden,</div> + <div class="verse indent0">Auf den mit immer vollen Händen</div> + <div class="verse indent0">Die Götter ihre Gaben streun.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wenn’s die Götter nicht gewähren,</div> + <div class="verse indent0">So acht auf eines Freundes Lehren</div> + <div class="verse indent0">Und rufe selbst das Unglück her;</div> + <div class="verse indent0">Und was von allen deinen Schätzen</div> + <div class="verse indent0">Dein Herz am höchsten mag ergötzen,</div> + <div class="verse indent0">Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und jener spricht, von Furcht beweget:</div> + <div class="verse indent0">„Von allem, was die Insel heget,</div> + <div class="verse indent0">Ist dieser Ring mein höchstes Gut.</div> + <div class="verse indent0">Ihn will ich den Erinnyen weihen,</div> + <div class="verse indent0">Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“</div> + <div class="verse indent0">Und wirft das Kleinod in die Flut.</div><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und bei des nächsten Morgens Lichte,</div> + <div class="verse indent0">Da tritt mit fröhlichem Gesichte</div> + <div class="verse indent0">Ein Fischer vor den Fürsten hin:</div> + <div class="verse indent0">„Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,</div> + <div class="verse indent0">Wie keiner noch ins Netz gegangen,</div> + <div class="verse indent0">Dir zum Geschenke bring ich ihn.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und als der Koch den Fisch zerteilet,</div> + <div class="verse indent0">Kommt er bestürzt herbeigeeilet</div> + <div class="verse indent0">Und ruft mit hocherstauntem Blick:</div> + <div class="verse indent0">„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen:</div> + <div class="verse indent0">Ihn fand ich in des Fisches Magen,</div> + <div class="verse indent0">O, ohne Grenzen ist dein Glück!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hier wendet sich der Gast mit Grausen:</div> + <div class="verse indent0">„So kann ich hier nicht ferner hausen,</div> + <div class="verse indent0">Mein Freund kannst du nicht weiter sein;</div> + <div class="verse indent0">Die Götter wollen dein Verderben;</div> + <div class="verse indent0">Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“</div> + <div class="verse indent0">Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent18">Friedrich von Schiller</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_befreite_Prometheus">Der befreite Prometheus</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;</div> + <div class="verse indent0">Er war erlöst, Zeus gab ihn frei.</div> + <div class="verse indent0">Der Riese durfte endlich von dem Gletscher</div> + <div class="verse indent0">Herunter, drauf er büßend lag;</div> + <div class="verse indent0">Er durfte nun hinab auf seine Erde,</div> + <div class="verse indent0">Hin zu den Menschen, die er so geliebt,</div> + <div class="verse indent0">Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,</div> + <div class="verse indent0">Das Feuer des Olympos für sie stahl.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nicht dauerte den Götterkönig</div> + <div class="verse indent0">Der Himmelsgünstling, der abtrünnige.</div> + <div class="verse indent0">Warum auch lockte die Versuchung ihn,</div> + <div class="verse indent0">Den Menschen Göttergut hinabzutragen;</div> + <div class="verse indent0">Er hatte seinen Lohn dahin,</div> + <div class="verse indent0">Den Heilandslohn,</div> + <div class="verse indent0">Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.</div> + <div class="verse indent0">Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,</div><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> + <div class="verse indent0">Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz</div> + <div class="verse indent0">Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,</div> + <div class="verse indent0">Die lavastarr gehärteten.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe33" id="illu_081"> + <img class="w100" src="images/illu_081.jpg" alt="Prometheus stützt sich auf + seinen Stab"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_081_gross.jpg" + id="illu_081_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt!</div> + <div class="verse indent0">Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel:</div> + <div class="verse indent0">Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger</div> + <div class="verse indent0">Das große Wundmal unterm Herzen schützen,</div> + <div class="verse indent0">Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen</div> + <div class="verse indent0">Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.</div> + <div class="verse indent0">O Tag voller Wut und Ohnmacht!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O Tag der Bitternis, da ihm die Hand,</div> + <div class="verse indent0">Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,</div> + <div class="verse indent0">Zum ersten Male</div> + <div class="verse indent0">Erlahmte vor der Übermacht des Neides,</div> + <div class="verse indent0">Des weltbeschattenden, der Götter all!</div> + <div class="verse indent0">O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch nun war alles überwunden.</div> + <div class="verse indent0">Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.</div> + <div class="verse indent0">Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft</div> + <div class="verse indent0">Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,</div> + <div class="verse indent0">Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt,</div> + <div class="verse indent0">Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.</div> + <div class="verse indent0">Um seine schmerzgeübte Stirne zauste</div> + <div class="verse indent0">Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.</div> + <div class="verse indent0">So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.</div> + <div class="verse indent0">Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.</div> + <div class="verse indent0">Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.</div> + <div class="verse indent0">Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,</div> + <div class="verse indent0">Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,</div> + <div class="verse indent0">Seit er den unstet Irrenden</div> + <div class="verse indent0">Den ersten warmen, festen Herd gebaut.</div> + <div class="verse indent0">Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,</div> + <div class="verse indent0">Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier</div> + <div class="verse indent0">Einst um das nackte Leben markteten,</div> + <div class="verse indent0">Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.</div><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und nieder kam er in die mildern Lüfte,</div> + <div class="verse indent0">Ins ebne Land; da sah er blühende Triften,</div> + <div class="verse indent0">Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,</div> + <div class="verse indent0">Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,</div> + <div class="verse indent0">Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.</div> + <div class="verse indent0">Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus,</div> + <div class="verse indent0">War das nicht wert der tausendjährigen Pein?</div> + <div class="verse indent0">Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“</div> + <div class="verse indent0">Und in die Dörfer ging er, in die Städte,</div> + <div class="verse indent0">Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und ging und ging, und suchte hin und her,</div> + <div class="verse indent0">Und fand:</div> + <div class="verse indent0">Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor.</div> + <div class="verse indent0">Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen</div> + <div class="verse indent0">Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.</div> + <div class="verse indent0">Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid —</div> + <div class="verse indent0">Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,</div> + <div class="verse indent0">Den Neid der Menschen um Besitz —</div> + <div class="verse indent0">Und war genug doch da, genug für alle.</div> + <div class="verse indent0">In Hütten sah er, in die Burgen sah er,</div> + <div class="verse indent0">Doch es war alles eines,</div> + <div class="verse indent0">War alles wie zuvor — und schlimmer noch.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zuletzt und matt betrat er eines Priesters</div> + <div class="verse indent0">Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,</div> + <div class="verse indent0">Den er vergebens bei den andern suchte;</div> + <div class="verse indent0">Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes</div> + <div class="verse indent0">Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,</div> + <div class="verse indent0">Wollt er noch einmal unter Menschen rasten</div> + <div class="verse indent0">Und dann auf immer in die Einsamkeit.</div> + <div class="verse indent0">Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er:</div> + <div class="verse indent0">„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der wandte sich erschrocken, blickte scheu</div> + <div class="verse indent0">Dem großen Mann ins seltsame Gesicht,</div> + <div class="verse indent0">Und schlich geduckt davon und schloß sich ein,</div> + <div class="verse indent0">Und durch die Tür quoll eine fette Stimme:</div> + <div class="verse indent0">„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!</div><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> + <div class="verse indent0">Prometheus, der ist tot — und kommt nicht wieder.</div> + <div class="verse indent0">Ja, damals waren bessre Zeiten noch</div> + <div class="verse indent0">Als heute!“</div> + <div class="verse indent0">Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe33" id="illu_084"> + <img class="w100" src="images/illu_084.jpg" alt="Prometheus wirft einen + Felsblock"> + <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_084_gross.jpg" + id="illu_084_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div> +</figure> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und</div> + <div class="verse indent0">Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle</div> + <div class="verse indent0">Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend,</div> + <div class="verse indent0">Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du!</div> + <div class="verse indent0">So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!</div> + <div class="verse indent0">Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“</div> + <div class="verse indent0">Und jäh und gellend riß sich</div> + <div class="verse indent0">Ein Lachen los aus der vernarbten Brust,</div> + <div class="verse indent0">Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:</div> + <div class="verse indent0">„Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer!</div> + <div class="verse indent0">Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ —</div> + <div class="verse indent0">Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Denn wieder sah er im Gelände unten</div> + <div class="verse indent0">Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,</div> + <div class="verse indent0">Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,</div> + <div class="verse indent0">Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,</div> + <div class="verse indent0">Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.</div> + <div class="verse indent0">Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,</div> + <div class="verse indent0">Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,</div> + <div class="verse indent0">Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und</div> + <div class="verse indent0">In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend,</div> + <div class="verse indent0">Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend</div> + <div class="verse indent0">Flog übers Meer sein weinendes Gelächter:</div> + <div class="verse indent0">„O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,</div> + <div class="verse indent0">Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!</div> + <div class="verse indent0">— Ha, meine Menschen, hahaha —“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei,</div> + <div class="verse indent0">Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?</div> + <div class="verse indent0">Er stierte: dunkel rollend ging die See,</div> + <div class="verse indent0">Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,</div> + <div class="verse indent0">Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn,</div> + <div class="verse indent0">Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.</div> + <div class="verse indent0">Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut</div><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> + <div class="verse indent0">Ein andres Boot heran, draus warf sich</div> + <div class="verse indent0">Ein zweiter Fischer in die Brandung.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und oben auf der Klippe stand Prometheus,</div> + <div class="verse indent0">Und stierte, stierte und erkannte sie:</div> + <div class="verse indent0">Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn,</div> + <div class="verse indent0">Die ersten Menschen waren’s, die er traf:</div> + <div class="verse indent0">Todfeinde waren’s — und jetzt kämpfte dort</div> + <div class="verse indent0">Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!</div> + <div class="verse indent0">Und endlich siegten sie den schweren Sieg,</div> + <div class="verse indent0">Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,</div> + <div class="verse indent0">Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,</div> + <div class="verse indent0">Einander in die Arme.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und oben auf der Klippe stand Prometheus,</div> + <div class="verse indent0">Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,</div> + <div class="verse indent0">Und sah sie lachen — und nun jauchzen sie.</div> + <div class="verse indent0">Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,</div> + <div class="verse indent0">Da überfiel ihn nie erlebte Demut,</div> + <div class="verse indent0">Und in die Knie taumelte Prometheus,</div> + <div class="verse indent0">Und auf zum Himmel stammelte Prometheus:</div> + <div class="verse indent0">„O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott!</div> + <div class="verse indent0">Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!</div> + <div class="verse indent0">O laß mich leben, laß mich leiden!</div> + <div class="verse indent0">Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent18">Richard Dehmel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Alexander_Ypsilanti_auf_Munkacs">Alexander Ypsilanti auf +Munkacs</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm,</div> + <div class="verse indent0">An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm,</div> + <div class="verse indent0">Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin —</div> + <div class="verse indent0">Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“</div> + <div class="verse indent0">An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt:</div> + <div class="verse indent0">„Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“</div> + <div class="verse indent0">Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein;</div> + <div class="verse indent0">Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein.</div> + <div class="verse indent0">Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her</div> + <div class="verse indent0">Aus dem Lande meiner Väter?“ — und die Wimper ward ihm schwer —</div><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> + <div class="verse indent0">War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die Hand.</div> + <div class="verse indent0">Seht, sein Antlitz wird so helle — träumt er von dem Vaterland?</div> + <div class="verse indent0">Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann,</div> + <div class="verse indent0">Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an:</div> + <div class="verse indent0">„Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!</div> + <div class="verse indent0">„Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!</div> + <div class="verse indent0">Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt,</div> + <div class="verse indent0">Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt.</div> + <div class="verse indent0">Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt.</div> + <div class="verse indent0">Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“</div> + <div class="verse indent0">Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“</div> + <div class="verse indent0">Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß.</div> + <div class="verse indent0">Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt</div> + <div class="verse indent0">Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent30">Wilhelm Müller</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Aus_dem_Abschied_von_Griechenland">Aus dem „Abschied von Griechenland“</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ob die schönen Tag’ enteilten,</div> + <div class="verse indent0">Ob geborsten Ruhm und Glück:</div> + <div class="verse indent0">Wo die Götter einmal weilten,</div> + <div class="verse indent0">Bleibt ein ew’ger Glanz zurück.</div> + <div class="verse indent0">Du, der Schönheit Morgenwiege,</div> + <div class="verse indent0">Du, der Menschheit Jugendtraum,</div> + <div class="verse indent0">Land, das für die höchsten Siege</div> + <div class="verse indent0">Gab den Zweig vom heil’gen Baum;</div> + <div class="verse indent0">Das, wenn Sorg und Elend nachten,</div> + <div class="verse indent0">Unsre Seelen aufwärts trägt —</div> + <div class="verse indent0">Jenes Herz ist arm zu achten,</div> + <div class="verse indent0">Welches nicht für Hellas schlägt.</div> + <div class="verse indent0">An den Schiffsbug braust im Dunkeln</div> + <div class="verse indent0">Wellenberg auf Wellenberg,</div> + <div class="verse indent0">Und des Himmels Lichter funkeln</div> + <div class="verse indent0">Durch das schwarze Takelwerk. —</div> + <div class="verse indent0">Längst am Saum des Flutenschlosses</div> + <div class="verse indent0">Felsenküst und Wolke schwand:</div> + <div class="verse indent0">Fahre wohl, du schönes, großes,</div> + <div class="verse indent0">Sonnenfreud’ges Griechenland!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Heinrich Vierordt</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="eng break-before"> + +<p class="s2 center mtop3"><em class="gesperrt">Der deutsche +Spielmann</em></p> + +<p class="p0">herausgegeben von <em class="gesperrt">Ernst Weber</em>, eine großangelegte Auswahl +aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus +dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung +auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 +Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet +und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter +des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die +Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für +öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts +und für die Familienbücherei. <em class="gesperrt">Der deutsche Spielmann hofft, zum +eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.</em> Er +huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus +dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine +Geltung für das Jahrhundert behalten.</p> + +<table class="spielmann"> + <tr> + <td> + <div class="center">Bd.</div> + </td> + <td> + <div class="right">1</div> + </td> + <td> + <div class="left">Kindheit (E. Kreidolf)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">2</div> + </td> + <td> + <div class="left">Wanderer (J. V. Cissarz)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">3</div> + </td> + <td> + <div class="left">Wald (W. Weingärtner)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">4</div> + </td> + <td> + <div class="left">Hochland (Franz Hoch)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">5</div> + </td> + <td> + <div class="left">Meer (J. V. Cissarz)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">6</div> + </td> + <td> + <div class="left">Helden (W. Weingärtner)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">7</div> + </td> + <td> + <div class="left">Schalk (Julius Diez)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">8</div> + </td> + <td> + <div class="left">Legenden (G. A. Stroedel)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">9</div> + </td> + <td> + <div class="left">Arbeiter (Gg. O. Erler)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">10</div> + </td> + <td> + <div class="left">Soldaten (Gg. O. Erler)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">11</div> + </td> + <td> + <div class="left">Sänger (Hans Röhm)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">12</div> + </td> + <td> + <div class="left">Frühling (H. v. Volkmann)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">13</div> + </td> + <td> + <div class="left">Sommer (Edmund Steppes)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">14</div> + </td> + <td> + <div class="left">Herbst (Karl Biese)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">15</div> + </td> + <td> + <div class="left">Winter (Karl Biese)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">16</div> + </td> + <td> + <div class="left">Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">17</div> + </td> + <td> + <div class="left">Himmel und Hölle (Jul. Diez)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">18</div> + </td> + <td> + <div class="left">Stadt u. Land (J. V. Cissarz)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">19</div> + </td> + <td> + <div class="left">Bach u. Strom (E. Liebermann)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">20</div> + </td> + <td> + <div class="left">Heide (Adalbert Holzer)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">21</div> + </td> + <td> + <div class="left">Arme und Reiche (J. Widnmann)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">22</div> + </td> + <td> + <div class="left">Abenteurer (Rud. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">23</div> + </td> + <td> + <div class="left">Germanentum (H. Röhm)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">24</div> + </td> + <td> + <div class="left">Mittelalter (H. Schroedter)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">25</div> + </td> + <td> + <div class="left">Zeit der Wandlungen (C. Roesch)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">26</div> + </td> + <td> + <div class="left">Neuzeit (Angelo Jank)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">27</div> + </td> + <td> + <div class="left">Gespenster (Julius Diez)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">28</div> + </td> + <td> + <div class="left">Tod (Matthäus Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">29</div> + </td> + <td> + <div class="left">Blumen und Bäume (R. Sieck)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">30</div> + </td> + <td> + <div class="left">Nordland (Rudolf Roch-Hanau)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">31</div> + </td> + <td> + <div class="left">Italien (Hans Volkert)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">32</div> + </td> + <td> + <div class="left">Hellas (Karl Bauer)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">33</div> + </td> + <td> + <div class="left">Fremde Zonen (H. Volkert)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">34</div> + </td> + <td> + <div class="left">Vaterland (W. Roegge jun.)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">35</div> + </td> + <td> + <div class="left">Tierwelt (Ludwig Werner)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">36</div> + </td> + <td> + <div class="left">Menschenherzen (Rud. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">37</div> + </td> + <td> + <div class="left">Glück und Trost (H. Schwegerle)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">38</div> + </td> + <td> + <div class="left">Tag und Nacht (Otto Bauriedl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">39</div> + </td> + <td> + <div class="left">Riesen und Zwerge (R. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="right">40</div> + </td> + <td> + <div class="left">Fabelreich (Ernst Weber)</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="p0">Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in +Klammern.</p> + +<p class="p0">Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen +Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“, +„Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches +Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“, +„Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“.</p> + +</div> + +<hr class="chap"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75285-h/images/cover.jpg b/75285-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8c056c9 --- /dev/null +++ b/75285-h/images/cover.jpg diff --git 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