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@@ -0,0 +1,2993 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***
+
+
+
+
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+ +Eine Auswahl+ aus dem +Schatze deutscher Dichtung+
+ für Jugend und Volk
+ Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
+
+ [Illustration]
+
+
+ Hellas
+
+ Griechisches Leben und altklassischer
+ Geist in deutscher Wiedergeburt
+
+
+ Zweite, veränderte Auflage
+
+ [Illustration]
+
+ +München 1925+
+ Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns
+
+
+
+
+ Druck von Kastner & Callwey in München
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
+
+ Hyperions Schicksalslied (Hölderlin) 4
+
+ Iphigeniens Parzenlied (Goethe) 5
+
+ Prometheus (Goethe) 6
+
+ Aus der Iliade:
+
+ Hektor und Andromache (Grimm) 8
+
+ Hektors Abschied (Schiller) 14
+
+ Hektors Tod (Voß) 16
+
+ Aus der „Penthesilea“:
+
+ Achills Tod (Kleist) 25
+
+ Aus der Odyssee:
+
+ Odysseus und Polyphem (Richter) 34
+
+ Nächtliche Fahrt (Meyer) 42
+
+ Die sterbende Meduse (Meyer) 45
+
+ Griechische Spiele (Pfizer) 46
+
+ Die Mutter des Siegers (Heyse) 48
+
+ Die Kraniche des Ibykus (Schiller) 52
+
+ Der Sieger (Salus) 59
+
+ Tod des Perikles (Greif) 60
+
+ Der Bote von Marathon (Gaudy) 62
+
+ Der junge Themistokles (Alsen) 66
+
+ Salamis (Lingg) 67
+
+ Themistokles in Olympia (Greif) 68
+
+ Ein Dichter in der Schlacht von Salamis (Fischer) 68
+
+ Grab des Themistokles (Geibel) 70
+
+ Historischer Adelsklub (Spitteler) 71
+
+ Die gefesselten Musen (Meyer) 71
+
+ Der trunkene Gott (Meyer) 72
+
+ Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? (Hebbel) 75
+
+ Der Ring des Polykrates (Schiller) 77
+
+ Der befreite Prometheus (Dehmel) 80
+
+ Alexander Ypsilanti auf Munkacs (Müller) 86
+
+ Aus dem „Abschied von Griechenland“ (Vierordt) 87
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ Hellas! -- Aus abgrundtiefem Meer
+ Hebt sich ein sonnbeglänzter Strand.
+ Blauseiden spannt sich’s drüber her --
+ So schaut ich dich, mein Griechenland.
+ Und hohe Tempel sah ich stehn
+ Auf schlanken Säulen, weit und licht,
+ Und Götter, stolz und marmorschön,
+ Mit reinem Menschenangesicht.
+
+ Du Volk der Schönheit, sei gegrüßt,
+ Gegrüßt mir auf Olympias Flur!
+ Aus deines Lebens Quelle fließt
+ Auch Deutschlands edelste Kultur.
+ Was deine Heldenschar erstritt,
+ Was deiner Künstler schönster Traum,
+ Die deutsche Jugend lebt es mit
+ Noch heut, vergessend Zeit und Raum.
+
+ Und deutsche Dichter schufen neu
+ Die alte Griechenherrlichkeit
+ Und gaben ihre Melodei
+ Dem längstverrauschten Völkerstreit,
+ Und zeigten, wie im heitern Spiel
+ Des Griechen dunkler Ernst gebot,
+ Wie ihn ein stolzes Hochgefühl
+ Ließ lachend schreiten in den Tod.
+
+ Nicht was aus fremdem Idiom
+ Die scharfgeschliffne Brille liest,
+ Nur was als frischer Lebensstrom
+ Durch deutsche Dichteradern fließt,
+ Was wieder Blut von unserm Blut
+ Und Geist von unserm Geiste ward:
+ Das weckt aufs neu den Tatenmut
+ Und lockt die stammverwandte Art.
+
+ Wer finden will hellenisch Land
+ Und griechisch Leben möcht verstehn,
+ Dem reicht der Spielmann heut die Hand
+ Und lehrt mit Dichteraugen sehn,
+ Mit Dichteraugen groß und weit,
+ Durchdringend der Geschichte Dunst --
+ Denn lebenswarme Wirklichkeit
+ Wird Hellas nur im Reich der Kunst.
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+
+
+
+Hyperions Schicksalslied
+
+ Ihr wandelt droben im Licht
+ Auf weichem Boden, selige Genien!
+ Glänzende Götterlüfte
+ Rühren euch leicht,
+ Wie die Finger der Künstlerin
+ Heilige Saiten.
+
+ Schicksallos, wie der schlafende
+ Säugling, atmen die Himmlischen;
+ Keusch bewahrt
+ In bescheidener Knospe,
+ Blühet ewig
+ Ihnen der Geist,
+ Und die seligen Augen
+ Blicken in stiller
+ Ewiger Klarheit.
+
+ Doch uns ist gegeben,
+ Auf keiner Stätte zu ruhn,
+ Es schwinden, es fallen
+ Die leidenden Menschen
+ Blindlings von einer
+ Stunde zur andern,
+ Wie Wasser von Klippe
+ Zu Klippe geworfen,
+ Jahrlang ins Ungewisse hinab.
+
+ Christ. Friedr. Hölderlin
+
+
+
+
+Iphigeniens Parzenlied
+
+ „Es fürchte die Götter
+ Das Menschengeschlecht!
+ Sie halten die Herrschaft
+ In ewigen Händen
+ Und können sie brauchen,
+ Wie’s ihnen gefällt.
+
+ Der fürchte sie doppelt,
+ Den je sie erheben!
+ Auf Klippen und Wolken
+ Sind Stühle bereitet
+ Und goldene Tische.
+
+ Erhebet ein Zwist sich,
+ So stürzen die Gäste,
+ Geschmäht und geschändet,
+ In nächtliche Tiefen,
+ Und harren vergebens,
+ Im Finstern gebunden,
+ Gerechten Gerichtes.
+
+ Sie aber, sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ Sie schreiten vom Berge
+ Zu Bergen hinüber;
+ Aus Schlünden der Tiefe
+ Dampft ihnen der Atem
+ Erstickter Titanen,
+ Gleich Opfergerüchen,
+ Ein leichtes Gewölke.
+
+ Es wenden die Herrscher
+ Ihr segnendes Auge
+ Von ganzen Geschlechtern,
+ Und meiden, im Enkel
+ Die ehemals geliebten
+ Still redenden Züge
+ Des Ahnherrn zu sehn.“
+
+ So sangen die Parzen;
+ Es horcht der Verbannte
+ In nächtlichen Höhlen,
+ Der Alte, die Lieder.
+ Denkt Kinder und Enkel,
+ Und schüttelt das Haupt.
+
+ Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+Prometheus
+
+
+ Bedecke deinen Himmel, Zeus,
+ Mit Wolkendunst
+ Und übe, dem Knaben gleich,
+ Der Disteln köpft,
+ An Eichen dich und Bergeshöhn!
+ Mußt mir meine Erde
+ Doch lassen stehn,
+ Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
+ Und meinen Herd,
+ Um dessen Glut
+ Du mich beneidest.
+
+ Ich kenne nichts Ärmeres
+ Unter der Sonne, als euch, Götter!
+ Ihr nähret kümmerlich
+ Von Opfersteuern
+ Und Gebetshauch
+ Eure Majestät,
+ Und darbtet, wären
+ Nicht Kinder und Bettler
+ Hoffnungsvolle Toren.
+
+ Da ich ein Kind war,
+ Nicht wußte, wo aus noch ein,
+ Kehrt ich mein verirrtes Auge
+ Zur Sonne, als wenn drüber wär
+ Ein Ohr, zu hören meine Klage,
+ Ein Herz, wie meins,
+ Sich des Bedrängten zu erbarmen.
+ Wer half mir
+ Wider der Titanen Übermut?
+ Wer rettete vom Tode mich,
+ Von Sklaverei?
+ Hast du nicht alles selbst vollendet,
+ Heilig glühend Herz,
+ Und glühtest jung und gut,
+ Betrogen, Rettungsdank
+ Dem Schlafenden da droben?
+
+ Ich dich ehren, wofür?
+ Hast du die Schmerzen gelindert
+ Je des Beladenen?
+ Hast du die Tränen gestillet
+ Je des Geängstigten?
+ Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
+ Die allmächtige Zeit
+ Und das ewige Schicksal,
+ Meine Herrn und deine?
+ Wähntest du etwa,
+ Ich sollte das Leben hassen,
+ In Wüsten fliehen,
+ Weil nicht alle
+ Blütenträume reiften?
+ Hier sitz ich, forme Menschen
+ Nach meinem Bilde,
+ Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
+ Zu leiden, zu weinen,
+ Zu genießen und zu freuen sich,
+ Und dein nicht zu achten,
+ Wie ich.
+
+ Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+Aus der Iliade
+
+
+Hektor und Andromache
+
+ Aber Hektor fand in den Gemächern
+ Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde
+ Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte,
+ Und als er nirgends im Hause seine Frau
+ Antraf, trat er unter die Türe des Hauses:
+ „Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin
+ Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa
+ Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen?
+ Oder betet sie mit den andern Fraun,
+ Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt,
+ Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“
+
+ Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf:
+ „Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn:
+ Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen,
+ Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen,
+ Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr,
+ Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie,
+ Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“
+
+[Illustration]
+
+ Aber Hektor eilte denselben Weg
+ Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter,
+ Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt.
+ Dort kam laufend Andromache ihm entgegen,
+ Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter,
+ Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos,
+ Über Kilikiens Männer herrschte: dessen
+ Tochter gewann einst Hektor, und die traf er
+ Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin,
+ Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde.
+ Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst
+ Gern Skamandrios nannte: aber die andern
+ Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch
+ Troja hielt und beschützte.
+
+ Und er lächelte schweigend über dem Kinde,
+ Und Andromache stand an seiner Seite,
+ Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte:
+ „Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert
+ Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau,
+ Die bald nun deine arme Witwe sein wird?
+ Denn dich töten bald nun die Achäer,
+ Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre
+ Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja
+ Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst.
+ Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater
+ Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte
+ Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht:
+ Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung,
+ Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf,
+ Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen,
+ Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich:
+ Alle opfert’ Achill an jenem Tage
+ Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter
+ Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei,
+ Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana
+ Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet.
+ Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder!
+ Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir!
+ Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib
+ Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum
+ Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt
+ Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht.
+ Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf,
+ Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet,
+ Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“
+
+ „Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du.
+ Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas
+ Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen.
+ Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen.
+ Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres
+ Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben.
+ Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s:
+ Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja
+ Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk!
+ Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend
+ Und der Sturz des Königs und meiner Mutter
+ Und der Brüder und all der Tapfern, die
+ Unter den Feinden dann im Staube liegen,
+ So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht,
+ Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern
+ Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage,
+ Die du in Argos dann am fremden Webstuhl
+ Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend
+ Wasser holst an der Quelle Messeis oder
+ Hyperia! Und einer, der dich da
+ Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht:
+ »Das ist Hektors Weib, der so tapfer war,
+ Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.«
+ Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem
+ Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege
+ Längst im Dunkel der Erde und höre
+ Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“
+
+ Und so sprechend griff nach seinem Kinde
+ Hektor; aber das warf sich schreiend herum
+ Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters
+ Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es.
+ Und sein lieber Vater und seine Mutter
+ Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab,
+ Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind,
+ Tänzelte es mit beiden Händen und rief,
+ Auf zu Zeus und den andern Göttern betend:
+
+[Illustration]
+
+ „Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind
+ Gleich mir unter den Troern einst voranstehn!
+ Tapfer sein und über Ilion herrschen,
+ Daß die Sage einmal im Volke gehe:
+ Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe
+ Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten
+ Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt,
+ Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend,
+ Legt er das Kind in seiner Mutter Arme,
+ Und sie nahm es an ihre atmende Brust,
+ Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend,
+ Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß
+ Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten.
+ Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner,
+ Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab,
+ Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden.
+ Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm,
+ Denn es waltet von Anfang an. Deshalb
+ Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft,
+ Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an,
+ Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber
+ Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist,
+ Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte
+ Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau
+ Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie
+ Still und sah sich um nach ihm und weinte.
+ Und zu Hause, als die Mägde sie sahen,
+ Weinten und jammerten sie, und Hektor war
+ Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine,
+ Daß er jemals wieder nach Hause käme.
+
+ Hermann Grimm
+
+
+Hektors Abschied
+
+Andromache:
+
+ Will sich Hektor ewig von mir wenden,
+ Wo Achill mit den unnahbarn Händen
+ Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
+ Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
+ Speere werfen und die Götter ehren,
+ Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?
+
+Hektor:
+
+ Teures Weib, gebiete deinen Tränen!
+ Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,
+ Diese Arme schützen Pergamus,
+ Kämpfend für den heilgen Herd der Götter
+ Fall ich und, des Vaterlands Retter,
+ Steig ich nieder zu dem styg’schen Fluß.
+
+Andromache:
+
+ Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
+ Müßig liegt dein Eisen in der Halle,
+ Priams großer Heldenstamm verdirbt.
+ Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,
+ Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
+ Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
+
+Hektor:
+
+ All mein Sehnen will ich, all mein Denken
+ In des Lethe stillen Strom versenken,
+ Aber meine Liebe nicht.
+ Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern,
+ Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern!
+ Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.
+
+ Friedr. v. Schiller
+
+[Illustration]
+
+
+Hektors Tod
+
+ Also weineten beide, den trautesten Sohn anflehend,
+ Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;
+ Nein, er erharrt Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.
+ So wie ein Drach im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,
+ Statt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;
+ Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft;
+ So unbändigen Mutes verweilt auch Hektor und wich nicht,
+ Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;
+ Unmutvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:
+ „Wehe mir! Wollt ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn,
+ Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,
+ Welcher mir riet, in die Veste das Heer der Troer zu führen;
+ Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.
+ Aber ich hörete nicht; wie heilsam hätt ich gehöret!
+ Jetzo, nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,
+ Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,
+ Daß nicht einst mir sage der Schlechtern einer umher wo:
+ »Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!«
+ Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:
+ Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,
+ Oder auch selbst ihm zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.
+ Aber legt ich zur Erde den Schild von geründeter Wölbung,
+ Samt dem gewichtigen Helm, und, den Speer an die Mauer gelehnet,
+ Eilt ich entgegenzugehn dem tadellosen Achilleus,
+ Und verhieß ihm Helena selbst und ihre Besitzung,
+ Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen
+ Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,
+ Daß er zu Atreus Söhnen es führt; auch dem Volke von Argos
+ Anderes auszuteilen, wieviel auch heget die Stadt hier;
+ Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,
+ Nichts imgeheim zu entziehn, nein, zwiefach alles zu teilen,
+ Was auch die liebliche Stadt an Gut in den Wohnungen einschließt: --
+ Aber warum doch bewegte das Herz mir solche Gedanken?
+ Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein, sonder Erbarmung
+ Würd er, ohn einige Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,
+ Grad hinweg wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.
+ Jetzo fürwahr nicht gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen
+ Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,
+ Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.
+ Besser zu feindlichem Kampf an rennen wir! Daß wir in Eile
+ Sehn, wem etwa von uns der Olympier gönne den Siegesruhm!“
+
+ Also erwog er, und blieb. Doch nah ihm wandelt Achilleus,
+ Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,
+ Welchem Pelions Esch auf der rechten Schulter entsetzlich
+ Bebete; aber das Erz umleuchtet’ ihn, ähnlich dem Schimmer
+ Lodernder Feuersbrunst, und der hell aufgehenden Sonne.
+ Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte: nicht auch vermocht’ er
+ Dort zu bestehn, und er wandte vom Tore sich, ängstlich entfliehend.
+ Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.
+ So wie ein Falk des Gebirgs, der behendeste aller Gevögel,
+ Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;
+ Seitwärts schlüpft sie oft: doch nah mit hellem Getön ihr
+ Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:
+ So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor
+ Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.
+ Beid an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenhügel,
+ Immer hinweg von der Mauer entflogen sie über den Fahrweg.
+ Und sie erreichten die zwei schönsprudelnden Quellen, woher sich
+ Beide Bäch ergießen des wirbelvollen Skamandros.
+ Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr
+ Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;
+ Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel.
+ Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.
+ Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,
+ Schön, aus Steinen gehauen, wo die stattlichen Feiergewande
+ Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,
+ Als noch blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam.
+ Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.
+ Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte,
+ Stürmenden Laufs: denn nicht um ein Weihvieh oder ein Stierfell
+ Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;
+ Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektor.
+ So wie zum Siege gewöhnt, um das Ziel starkhufige Rosse
+ Hurtiger drehen den Lauf; denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,
+ Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:
+ Also kreiseten sie dreimal um Priamos Veste
+ Rasch mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.
+
+[Illustration]
+
+ Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater:
+ „Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja,
+ Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich,
+ Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar
+ Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,
+ Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,
+ Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.
+ Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß,
+ Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo
+ Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“
+ Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
+ „Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!
+ Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis,
+ Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?
+ Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“
+
+ Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
+ „Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
+ Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.
+ Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“
+
+ Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin;
+ Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
+
+ Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus,
+ Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,
+ Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche;
+ Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig,
+ Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden:
+ So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus.
+ Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore
+ Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr,
+ Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten;
+ Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts
+ Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.
+ Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen;
+ Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen.
+ So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener.
+ Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes,
+ Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon
+ Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel?
+
+ Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus,
+ Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;
+ Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme.
+ Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet,
+ Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater,
+ Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes,
+ Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor.
+ Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal
+ Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon.
+ Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene;
+ Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
+
+ „Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus,
+ Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen,
+ Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers.
+ Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,
+ Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon,
+ Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters.
+ Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber
+ Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“
+
+ Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens,
+ Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.
+ Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor,
+ Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;
+ Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
+
+ „Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,
+ Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!
+ Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“
+
+ Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
+ „Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder,
+ Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter;
+ Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren,
+ Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm,
+ Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“
+
+ Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
+ „Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,
+ Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch,
+ Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung.
+ Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer.
+ Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht
+ Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus
+ Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt
+ Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“
+
+ Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.
+ Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
+ Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor:
+
+ „Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo!
+ Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend,
+ Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,
+ Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle!
+ Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten
+ Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.
+ Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir
+ Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben:
+ Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus,
+ Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“
+
+ Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
+ „Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert!
+ Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet,
+ Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen,
+ Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:
+ So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,
+ Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz
+ Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
+ Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir,
+ Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger!
+ Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene,
+ Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal,
+ Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“
+
+[Illustration]
+
+ Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze.
+ Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;
+ Denn er sank in die Knie; und es flog der eherne Wurfspieß
+ über ihn weg in die Erd; ihn begriff und reichte die Göttin
+ Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.
+ Hektor aber begann zu dem tadellosen Achilleus:
+ „Weit gefehlt! Nein, schwerlich, o göttergleicher Achilleus,
+ Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;
+ Sondern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,
+ Daß ich, vor dir hinbebend, des Muts und der Stärke vergäße.
+ Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;
+ Sondern vorn, dem gerad Anstürmenden, stoß in die Brust ihn,
+ Wenn dir ein Gott es verlieh! Nun aber vermeid auch die Schärfe
+ Meines Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!
+ Weit ja erträglicher würde der Kampf für die Männer von Troja,
+ Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!“
+ Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,
+ Traf, und verfehlete nicht, gerad auf den Schild des Peleiden;
+ Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,
+ Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
+ Stand und schaute bestürzt; denn es war kein anderer Wurfspieß.
+ Laut zu Deiphobos drauf, dem weißgeschilderten, ruft er.
+ Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.
+ Hektor erkannt es anjetzt in seinem Geist, und begann so:
+
+ „Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!
+ Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn;
+ Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.
+ Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch;
+ Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches
+ Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich
+ Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal!
+ Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,
+ Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“
+
+ Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus,
+ Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;
+ An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,
+ Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken
+ Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein:
+ Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.
+ Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm
+ Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor,
+ Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend,
+ Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes
+ Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
+ Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,
+ Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:
+ Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus
+ Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor,
+ Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte.
+ Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung,
+ Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;
+ Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet,
+ Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens:
+ Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,
+ Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.
+ Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel,
+ Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche;
+ Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus;
+ „Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos,
+ Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten.
+ Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer
+ Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben,
+ Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel
+ Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“
+
+ Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor:
+ „Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern,
+ Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen;
+ Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes
+ Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter,
+ Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat
+ Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“
+
+ Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
+ „Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern!
+ Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen
+ Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!
+ Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!
+ Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung,
+ Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!
+ Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte
+ Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter
+ Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren;
+ Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“
+
+ Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor:
+ „Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen
+ Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen.
+ Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,
+ Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon
+ Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“
+
+ Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn;
+ Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
+ Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
+
+ Johann Heinrich Voß
+
+
+
+
+Aus der „Penthesilea“
+
+
+Achills Tod
+
++Odysseus+:
+
+ Wir zogen aus, auf des Atriden Rat,
+ Mit der gesamten Schar der Myrmidonen,
+ Achill und ich: Penthesilea, hieß es,
+ Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden,
+ Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten,
+ Von Amazonen, heißer Kampflust voll,
+ Durch der Gebirge Windungen heran,
+ Den Priamus in Troja zu entsetzen.
+ Am Ufer des Skamandros, hören wir,
+ Deiphobus auch, der Priamide, sei
+ Aus Ilium mit einer Schar gezogen,
+ Die Königin, die ihm mit Hilfe naht,
+ Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen
+ Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner
+ Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen;
+ Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug.
+ Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte,
+ Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch,
+ Da wir in einem weiten Tal vor uns
+ Mit des Deiphobus Iliern im Kampf
+ Die Amazonen sehn! Penthesilea,
+ Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk,
+ Weht der Trojaner Reihen vor sich her,
+ Als gält es übern Hellespont hinaus,
+ Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen.
+ Wir sammeln uns,
+ Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein
+ Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn,
+ Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße.
+ Auf diesen Anblick stutzt der Priamide;
+ Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich
+ Die Amazonenfürstin zu begrüßen:
+ Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt.
+ War je ein Rat einfältiger und besser?
+ Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt,
+ Ins Ohr verständiger mir flüstern können?
+ Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch,
+ Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet,
+ In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen,
+ Sie muß zu einer der Partein sich schlagen;
+ Und uns die Freundin müssen wir sie glauben,
+ Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt.
+ Nun gut.
+ Wir finden sie, die Heldin Scythiens,
+ Achill und ich -- in kriegerischer Feier
+ An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt,
+ Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel,
+ Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend,
+ Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund.
+ Gedankenvoll, auf einen Augenblick,
+ Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer,
+ Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden;
+ Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich,
+ Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:
+ Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:
+ Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,
+ Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie
+ Die Welt in helle Flammenlohe auf.
+ Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung,
+ -- Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn --
+ Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt,
+ Die Zügel einer Dienrin überliefernd,
+ Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe.
+ Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut,
+ Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen;
+ Was für ein Haß den Priamiden längst
+ Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich,
+ So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein;
+ Und was der Augenblick noch sonst mir beut:
+ Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede,
+ Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet
+ Mit einem Ausdruck der Verwunderung,
+ Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich,
+ Das von olympischen Spielen wiederkehrt,
+ Zu einer Freundin ihr zur Seite sich,
+ Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist
+ Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“
+ Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt,
+ Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an,
+ Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder
+ Auf des Aeginers schimmernder Gestalt:
+ Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert,
+ Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei.
+ Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham,
+ Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend,
+ Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei
+ Penthesilea, kehrt sie sich zu mir,
+ Der Amazonen Königin, und werde
+ Aus Köchern mir die Antwort übersenden!
+ Hierauf unwissend jetzt,
+ Was wir von diesem Auftritt denken sollen,
+ In grimmiger Beschämung gehn wir heim,
+ Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach
+ Von fern her, die hohnlächelnden, erraten,
+ Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen
+ Im Wahn, sie seien die Begünstigten,
+ Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse,
+ Sei an dem Zorn der Amazone schuld,
+ Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand,
+ Die sie verschmäht, von neuem anzutragen.
+ Doch eh der Bote, den sie senden wollen,
+ Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt,
+ Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel,
+ Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein.
+ Mit eines Waldstroms wütendem Erguß
+ Die einen, wie die andern, niederbrausend.
+ Jetzt hebt
+ Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten,
+ Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken.
+ So viel ich weiß, gibt es in der Natur
+ Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.
+ Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend
+ Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier
+ Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich,
+ Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß,
+ Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser,
+ Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken.
+ Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen,
+ Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche
+ Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte,
+ Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast,
+ Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen,
+ Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.
+
++Diomedes+:
+
+ Seit jenem Tage
+ Grollt über dieser Ebne unverrückt
+ Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein
+ Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln
+ Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern
+ Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken,
+ Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,
+ Als wollte sie den ganzen Griechenstamm
+ Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten.
+ Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston,
+ Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt,
+ Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer
+ Mit ihren jungen, schönen Leibern groß
+ Für diese kühne Tochter Ares’ düngend.
+ Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon,
+ Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme,
+ Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ.
+ -- Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen,
+ Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn
+ Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß
+ Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte.
+ So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht
+ Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,
+ Die sich ihr Auge grimmig auserkor,
+ Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.
+ Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon
+ Sein Leben war in ihre Macht gegeben,
+ Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder:
+ Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt.
+ Denn als sie um die Abenddämmrung gestern
+ Im Kampf, Penthesilea und Achill,
+ Einander trafen, stürmt Deiphobus her,
+ Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,
+ Der Teukrische, trifft er dem Peleiden
+ Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,
+ Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten,
+ Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten
+ Die Arme sinken: und die Locken dann
+ Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,
+ Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf,
+ Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,
+ Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,
+ Daß er zu Füßen hin, der Unberufne,
+ Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.
+ Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,
+ Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals
+ Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,
+ Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft,
+ Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,
+ Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.
+
++Hauptmann+:
+
+ Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl,
+ Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter,
+ Rings der Ätolier wackre Reihen hin,
+ Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie,
+ Die unbesiegten Myrmidonier, gießend.
+ Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog
+ Entgegen uns: in wilder Überschwemmung
+ Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort:
+ Und eher nicht vermögen wir den Fuß,
+ Als fern von den Peliden festzusetzen.
+ Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen,
+ Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt
+ Von eines Hügels Spitze scheu herab,
+ Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden
+ Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu;
+ Doch es erstirbt der Laut im Busen uns,
+ Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück
+ Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken
+ In grause Tiefe bäumend niederschaut.
+ Vergebens jetzt, in der er Meister ist,
+ Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst:
+ Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne,
+ Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe,
+ Und im verworrenen Geschirre fallend,
+ Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt,
+ Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk,
+ Wie in der Schlinge eingefangen da.
+ Es stürzt
+ Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,
+ In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:
+ Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.
+ Doch eh er noch aus allen Knoten rings
+ Die Schenkel, die verwickelten, gelöst,
+ Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm
+ Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,
+ Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.
+ Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie,
+ Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel
+ Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt,
+ Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand:
+ Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte,
+ Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder.
+ Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg,
+ Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig
+ Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt,
+ In ihre beiden kleinen Hände drücken.
+ Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick,
+ Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß
+ Eindringlicher Gebärde sie beschwörend;
+ Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint,
+ Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre,
+ Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift:
+ Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren,
+ Doch sie -- Ihr hört’s.
+ Umsonst sind die Versuche, sie zu halten,
+ Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten
+ Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe
+ An dem Geklüfte auf und nieder streifend,
+ Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete
+ Für einen Wunsch, der keine Flügel hat;
+ Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man
+ Empor sie an des Felsens Wände klimmen,
+ Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort,
+ Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege
+ Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen.
+ Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht,
+ Den sich im Fels der Regen ausgewaschen;
+ Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich;
+ Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um,
+ Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an.
+ Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich
+ Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut,
+ Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher
+ Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem
+ Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum
+ Als eine Gemse sich zu halten braucht;
+ Von ragendem Geklüfte rings geschreckt,
+ Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt;
+ Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft:
+ Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin,
+ Von los sich lösendem Gestein umprasselt,
+ Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd
+ Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück,
+ Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:
+ Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf.
+ Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet --
+ -- Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu
+ Den ganzen erznen Wagen schmieden können --
+ Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel:
+ Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust.
+ Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet,
+ Erspähn die Amazonen einen Pfad,
+ Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen,
+ Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend,
+ Die Königin dahin, die sinnberaubte,
+ Die immer noch des Felsens Sturz versucht.
+ Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend,
+ Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan;
+ Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie
+ Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide,
+ Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend;
+ Doch in den Gründen bald verschwand er mir,
+ Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.
+
+[Illustration]
+
+Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen
+Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen.
+Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht,
+für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins
+Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu
+ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner
+Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden
+ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die
+Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf,
+um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser
+Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit
+Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.
+
++Meroe+:
+
+ Ihr wißt,
+ Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,
+ Sie, die fortan kein Name nennt --
+ In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,
+ Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,
+ Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.
+ Von Hunden rings umheult und Elefanten,
+ Kam sie daher, den Bogen in der Hand:
+ Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er,
+ Die blutumtriefte Graungestalt, einher
+ Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,
+ Die Fackel über blühnde Städte schwingend,
+ Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.
+ Achilleus, der, wie man im Heer versichert,
+ Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig
+ Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen:
+ Denn auch er -- o wie mächtig sind die Götter! --
+ Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,
+ Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen;
+ Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen,
+ Und läßt die Freunde hinter sich zurück.
+ Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen
+ Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein
+ Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:
+ Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht,
+ Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:
+ Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft
+ Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt.
+ Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme,
+ Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“
+ Und will zurück noch zu den Freunden fliehn:
+ Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten,
+ Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt
+ In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge,
+ Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. --
+ Inzwischen schritt die Königin heran,
+ Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald
+ Hochher, gleich einem Jäger, überschauend;
+ Und da er eben, die Gezweige öffnend,
+ Zu ihren Füßen niedersinken will:
+ „Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie
+ Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich
+ Den Bogen an, daß sich die Enden küssen,
+ Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt,
+ Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt!
+ Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.
+ Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen,
+ Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,
+ Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,
+ Und hebt sich wiederum und will entfliehn;
+ Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne!
+ Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“
+ Und stürzt -- stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!
+ Sich über ihn, und reißt -- reißt ihn beim Helmbusch,
+ Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt;
+ Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,
+ Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder!
+ Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,
+ Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
+ „Penthesilea! meine Braut! was tust du?
+ Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“
+ Doch sie -- die Löwin hätte ihn gehört,
+ Die hungrige, die wild nach Raub umher,
+ Auf öden Schneegefilden heulend treibt --
+ Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
+ Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
+ Sie und die Hunde, die wetteifernden,
+ Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,
+ In seine linke sie; als ich erschien,
+ Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.
+
+ Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,
+ Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute,
+ Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt,
+ Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,
+ In das Unendliche hinaus, und schweigt.
+ Wir fragen mit gesträubten Haaren sie:
+ Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?
+ Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,
+ Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.
+
+ Heinrich von Kleist
+
+
+
+
+Aus der Odyssee
+
+
+Odysseus und Polyphem
+
+Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so
+widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte,
+wie dem klugen Helden Odysseus.
+
+[Illustration]
+
+Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja
+absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der
+Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward
+unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald
+weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den
+sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt
+die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark
+waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum
+Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe
+sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen,
+trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen.
+
+Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer,
+und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am
+zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von
+der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren
+und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder
+gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung
+eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die
+Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen
+von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte
+nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die
+ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie
+mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend
+weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der
+Heimat vergäßen.
+
+Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das
+waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das
+Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und
+säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen
+ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach
+Willkür über Mann und Kinder.
+
+Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem
+Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen
+umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser
+Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als
+derselbe heraufstieg, wunderten sie sich des fruchtbaren und doch
+menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur
+Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt,
+und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an
+einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es
+nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen
+erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug.
+
+Von der Insel aus sahen die Griechen auch das Land, der Cyklopen, von
+dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief
+Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil
+derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande
+zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten
+unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben.
+
+Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die
+Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte
+Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes
+Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr
+wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb
+und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich
+nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter
+waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen
+namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich
+blickend, mitten auf der Stirn stand.
+
+Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur
+zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe
+zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht
+wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit,
+auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros
+von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß
+man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser
+vermischen mußte.
+
+In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber
+hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit
+auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da.
+Odysseus’ Gefährten wollten etliche Körbe mit Käsen, auch etliche
+Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen.
+Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da
+zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen
+dann selbst.
+
+[Illustration]
+
+Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er
+krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und
+Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem
+gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte
+man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig
+gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde
+gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene
+in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die
+Griechen, welche sich in den äußersten Winkel der Höhle versteckt
+hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und
+woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres
+getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr
+Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“
+
+Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt,
+Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von
+Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von
+schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande.
+Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst,
+damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und
+Beschützer ist.“
+
+Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an
+Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die
+übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn
+du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner
+Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr
+gekommen.“
+
+Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge
+Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin
+allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“
+
+Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der
+Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das
+Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied
+fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen
+Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die
+Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber
+streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle
+und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden
+Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit
+besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem
+sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande
+gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der
+Höhle gehoben hatte.
+
+Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an,
+molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals
+zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann
+trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem
+er den Felsen vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in
+die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun
+die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich
+reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.
+
+In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war
+sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten
+können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen
+Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg
+er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier
+seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er
+ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.
+
+Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten
+wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat
+Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken
+Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm,
+Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese
+trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher
+noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein,
+aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte
+Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach
+dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er,
+den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm
+den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich
+alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten
+Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber
+Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder,
+und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf
+gefallen war.
+
+Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus
+entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend,
+und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des
+Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte
+er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut
+die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend
+spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende
+Axt hineinhält.
+
+Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den
+entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem
+Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des
+Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten
+hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage,
+wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete
+er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig
+angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas
+zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen
+haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute
+sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.
+
+Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber
+mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er
+sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte
+Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei
+Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner
+Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn
+nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres
+hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.
+
+Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere
+festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder
+der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle
+desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der
+Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der
+Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät,
+da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht
+dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling
+geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich
+versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann
+ließ er den Widder gehen.
+
+Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine
+Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere
+zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben
+waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie
+Polyphem sechs ihrer Gefährten gemordet und verschlungen habe, dann
+stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in
+einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen
+die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen
+fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“
+Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn
+grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte
+das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel,
+und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das
+Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die
+Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als
+am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen
+will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war
+es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem,
+wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch
+Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in
+Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein
+großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun
+hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem
+er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte
+Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit
+entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da
+betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war,
+daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen
+Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.
+
+Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder
+auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus
+opferte.
+
+ Albert Richter
+
+
+[Illustration]
+
+
+Nächtliche Fahrt
+
+ Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll
+ Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand.
+ Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll,
+ Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.
+
+ Der glückbedürft’ge hieß Telemachos
+ Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug,
+ Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß,
+ Athene war’s, die Mentors Züge trug.
+
+ Unendlich brach hervor der Sterne Heer,
+ Die lichten Waller wußten ihre Bahn ...
+ Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer:
+ „Zusammen rufen wir die Götter an!“
+
+ Die Hände, wie der Staubgeborne fleht,
+ Erhob sie ausgebreitet in die Nacht --
+ Und sie erhörte selber das Gebet,
+ Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+
+
+Die sterbende Meduse
+
+
+ Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten,
+ Belauert Perseus bang in seinem Schild
+ Der schlummernden Meduse Spiegelbild,
+ Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.
+ Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde
+ Des jungen Wuchses atmende Gebärde --
+
+ „Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,
+ Verderblich der Verderberin genaht?
+ Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!
+ Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.
+ Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List
+ Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!
+ Durch weiße Lider schimmert blaues Licht
+ Und -- zischte dort der Kopf der Natter nicht?“
+
+ Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde,
+ Der Menschen schöner Liebling, der sie war,
+ Bevor die Stirn der Göttin Angebinde
+ Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.
+ Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern
+ Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,
+ In blühendem Reigen regt sie mit den andern
+ Die freudehellen, die beschwingten Füße,
+ Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte,
+ Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge
+ Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,
+ Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.
+ Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,
+ In unverlorner erster Lieblichkeit.
+ Der Mörder tritt an ihre Seite dicht,
+ Und dunkler träumt Medusens Angesicht.
+ Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,
+ Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,
+ Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,
+ Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten --
+ Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,
+ Daß sie dem eignen Leben feind geworden,
+ Und andres Leben sich ergötzt zu morden --
+ Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt,
+ Die grause Larve, die sie lang geschreckt,
+ Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.
+ Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,
+ Begonnen hat der Seele Feierzeit.
+ Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.
+ Als eine der Erlösten fühlt sie sich.
+ Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,
+ Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,
+ Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!
+ Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,
+ Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen
+ Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+
+
+Griechische Spiele
+
+
+ Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen,
+ Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit.
+ Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall
+ Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz,
+ Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge -- sie wußten,
+ Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug.
+ Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers,
+ Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz.
+ Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat,
+ Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds.
+ Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern,
+ Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel.
+
+ Gustav Pfizer
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Mutter des Siegers
+
+
+ Im weiten Rund des Stadion zu Olympia
+ Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier
+ Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan
+ Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge,
+ Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt.
+ Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings,
+ Nur der Demeter greise Priesterin
+ Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken,
+ Denn uralt heiliges Gesetz gebeut:
+ Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib
+ Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch
+ Herabgestürzt von jenen Felsenzacken,
+ Die in Olympias Ebne niederschaun,
+ Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.
+
+ Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab
+ Sein feurig Viergespann lenkt Helios,
+ Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe
+ Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun,
+ Da wird es still im ungeheuren Ring.
+ Die Volkesbrandung hält den Atem an,
+ Und einen schlanken Jüngling an der Hand
+ Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz
+ Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern
+ Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt,
+ Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen
+ Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt.
+ Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen,
+ Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten,
+ Eratmend süß im linden Abendhauch,
+ Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch
+ Die Kraft der jungen Schenkel eben erst
+ Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin,
+ Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt,
+ Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks.
+ Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung,
+ Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann,
+ Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt,
+ Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht,
+ Steht er den tausend Gaffenden zur Schau,
+ Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name:
+ „Koröbos, Sohn des Pelias.“
+ Und jetzt
+ Herab vom Hochsitz naht der älteste
+ Der Kampfesrichter, milden Angesichts.
+ Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein,
+ Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen,
+ Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd,
+ Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig
+ Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt,
+ Indes der Herold laut den Namen ausruft:
+ „Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis,
+ Sieger im Fünfkampf.“
+ Brausend in der Runde,
+ Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf,
+ Und schon erhebt der Palme zarten Zweig,
+ Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand,
+ Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt
+ Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben
+ Empörter Stimmen. Innehält der Greis
+ Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder
+ Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf,
+ Nachschleppend eine dürftige Gestalt,
+ Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, --
+ Ein Weib! -- Verwünschungen, geballte Fäuste,
+ Und jetzt -- horch! -- aus des Jünglings Mund ein Schrei:
+ „Mutter! O Mutter!“ -- und er stürzt zu ihr,
+ Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne
+ Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt.
+ Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer
+ Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter,
+ Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße.
+ Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein,
+ In sich gebückt, sah sie den Spielen zu,
+ Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde,
+ So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien.
+ Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt
+ Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören
+ Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens;
+ Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust,
+ Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz.
+ Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich,
+ Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit
+ Befallen, will den Kopf ihm heben. Da
+ Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar
+ Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche,
+ Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb.
+ Nun bringen wir zu euch die Frevlerin,
+ Daß ihr sie richten mögt.“
+ Alsbald erhob sich
+ Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend,
+ In Demut vor die Richter trat sie hin:
+ „Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt:
+ Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten
+ Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag,
+ Der mich erhöht vor allen Weibern sah!
+ Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm
+ Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng
+ Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann
+ Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck;
+ Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren
+ Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit.
+ Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn,
+ Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt,
+ Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften,
+ Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach!
+ Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah
+ Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam,
+ Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick
+ Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir,
+ Nur mein Koröbos. Als er von mir ging,
+ Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder,
+ Da litt es mich im öden Hause nicht.
+ Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte
+ Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm
+ Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, --
+ Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben --
+ Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß
+ Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das
+ Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht,
+ Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht,
+ Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus.
+ Und so, getrost, beging ich, was verpönt,
+ Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort
+ Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch
+ Den Göttern dank ich, die mich so begnadet,
+ Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je
+ Vergessen trinken dieses Freudentags,
+ Der mir der letzte war.“
+ Sie schwieg, den Blick
+ Auf ihren Liebling haftend, tränenlos,
+ Verklärt. Und eine Stille ward ringsum,
+ Und in der Brust der strengen Richter schwankte
+ Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich
+ Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr
+ Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme,
+ Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib,
+ Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab
+ Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod
+ Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir
+ Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel.
+ Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer --
+ Die Göttin, der ich diene, spricht sie los,
+ Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“
+ So sprechend nahte sie der Staunenden,
+ Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie
+ Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß.
+ Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm,
+ Schlang um der Mutter Leib den starken Arm
+ Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter
+ Trug im Triumph er strahlend sie dahin,
+ Die weite Bahn umschreitend, allem Volk
+ Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum
+ Begrüßten winkend ausgestreckte Hände
+ Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar:
+ „Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau,
+ Der Glücklichen, die ihn gebar.“
+ Sie aber,
+ Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still,
+ Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt,
+ Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd,
+ Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer
+ Die leichte Last, und tief und tiefer sank
+ Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken,
+ Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt
+ Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen.
+ „Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten
+ Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend,
+ Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin
+ Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt
+ Ihn auf die Brust der selig Ruhenden.
+ Und eine Stille ward im weiten Rund,
+ Als hörten sie die weichen Flügel rauschen
+ Des Götterboten, der zur Schattenwelt
+ Die Seele forttrug dieser Siegerin.
+
+ Paul Heyse
+
+
+
+
+Die Kraniche des Ibykus
+
+
+ Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
+ Der auf Korinthus’ Landesenge
+ Der Griechen Stämme froh vereint,
+ Zog Ibykus, der Götterfreund.
+ Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
+ Der Lieder süßen Mund Apoll;
+ So wandert er, an leichtem Stabe,
+ Aus Rhegium, des Gottes voll.
+
+ Schon winkt auf hohem Bergesrücken
+ Akrokorinth des Wandrers Blicken,
+ Und in Poseidons Fichtenhain
+ Tritt er mit frommem Schauder ein,
+ Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
+ Von Kranichen begleiten ihn,
+ Die fernhin nach des Südens Wärme
+ In graulichtem Geschwader ziehn.
+
+[Illustration]
+
+ „Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
+ Die mir zur See Begleiter waren,
+ Zum guten Zeichen nehm ich euch,
+ Mein Los, es ist dem euren gleich.
+ Von fernher kommen wir gezogen
+ Und flehen um ein wirtlich Dach --
+ Sei uns der Gastliche gewogen,
+ Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“
+
+ Und munter fördert er die Schritte
+ Und sieht sich in des Waldes Mitte;
+ Da sperren auf gedrangem Steg
+ Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
+ Zum Kampfe muß er sich bereiten,
+ Doch bald ermattet sinkt die Hand,
+ Sie hat der Leier zarte Saiten,
+ Doch nie des Bogens Kraft gespannt.
+
+ Er ruft die Menschen an, die Götter,
+ Sein Flehen dringt zu keinem Retter;
+ Wie weit er auch die Stimme schickt,
+ Nichts Lebendes wird hier erblickt;
+ „So muß ich hier verlassen sterben,
+ Auf fremdem Boden, unbeweint,
+ Durch böser Buben Hand verderben,
+ Wo auch kein Rächer mir erscheint!“
+
+ Und schwer getroffen sinkt er nieder,
+ Da rauscht der Kraniche Gefieder;
+ Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
+ Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
+ „Von euch, ihr Kraniche, dort oben,
+ Wenn keine andere Stimme spricht,
+ Sei meines Mordes Klag erhoben!“
+ Er ruft es, und sein Auge bricht.
+
+ Der nackte Leichnam wird gefunden,
+ Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
+ Erkennt der Gastfreund in Korinth
+ Die Züge, die ihm teuer sind.
+ „Und muß ich so dich wiederfinden,
+ Und hoffte mit der Fichte Kranz
+ Des Sängers Schläfe zu umwinden,
+ Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“
+
+ Und jammernd hören’s alle Gäste,
+ Versammelt bei Poseidons Feste,
+ Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
+ Verloren hat ihn jedes Herz.
+ Und stürmend drängt sich zum Prytanen
+ Das Volk, es fordert seine Wut,
+ Zu rächen des Erschlagnen Manen,
+ Zu sühnen mit des Mörders Blut.
+
+ Doch, wo die Spur, die aus der Menge
+ Der Völker flutendem Gedränge,
+ Gelocket von der Spiele Pracht,
+ Den schwarzen Täter kenntlich macht?
+ Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?
+ Tat’s neidisch ein verborgner Feind?
+ Nur Helios vermag’s zu sagen,
+ Der alles Irdische bescheint.
+
+ Er geht vielleicht mit frechem Schritte
+ Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
+ Und während ihn die Rache sucht,
+ Genießt er seines Frevels Frucht,
+ Auf ihres eigenen Tempels Schwelle
+ Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
+ Sich dreist in jene Menschenwelle,
+ Die dort sich zum Theater drängt.
+
+ Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
+ Es brechen fast der Bühne Stützen,
+ Herbeigeströmt von fern und nah,
+ Der Griechen Völker wartend da.
+ Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen,
+ Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
+ In weiter stets geschweiftem Bogen
+ Hinauf bis in des Himmels Blau.
+
+ Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
+ Die gastlich hier zusammenkamen?
+ Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,
+ Von Phokis, vom Spartanerland,
+ Von Asiens entlegner Küste,
+ Von allen Inseln kamen sie
+ Und horchen von dem Schaugerüste
+ Des Chores grauser Melodie,
+
+ Der, streng und ernst, nach alter Sitte,
+ Mit langsam abgemessnem Schritte
+ Hervortritt aus dem Hintergrund,
+ Umwandelnd des Theaters Rund.
+ So schreiten keine irdschen Weiber,
+ Die zeugete kein sterblich Haus!
+ Es steigt das Riesenmaß der Leiber
+ Hoch über menschliches hinaus.
+
+ Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
+ Sie schwingen in entfleischten Händen
+ Der Fackel düsterrote Glut,
+ In ihren Wangen fließt kein Blut;
+ Und wo die Haare lieblich flattern,
+ Um Menschenstirnen freundlich wehn,
+ Da sieht man Schlangen hier und Nattern
+ Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.
+
+ Und schauerlich, gedreht im Kreise,
+ Beginnen sie des Hymnus Weise,
+ Der durch das Herz zerreißend dringt,
+ Die Bande um den Frevler schlingt.
+ Besinnungraubend, herzbetörend
+ Schallt der Erinnyen Gesang,
+ Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
+ Und duldet nicht der Leier Klang:
+
+ „Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
+ Bewahrt die kindlich reine Seele!
+ Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
+ Er wandelt frei des Lebens Bahn.
+ Doch wehe, wehe, wer verstohlen
+ Des Mordes schwere Tat vollbracht!
+ Wir heften uns an seine Sohlen,
+ Das furchtbare Geschlecht der Nacht.
+
+ Und glaubt er fliehend zu entspringen,
+ Geflügelt sind wir da, die Schlingen
+ Ihm werfend um den flücht’gen Fuß,
+ Daß er zu Boden fallen muß.
+ So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
+ Versöhnen kann uns keine Reu,
+ Ihn fort und fort bis zu den Schatten
+ Und geben ihn auch dort nicht frei.“
+
+ So singend, tanzen sie den Reigen,
+ Und Stille, wie des Todes Schweigen,
+ Liegt überm ganzen Hause schwer,
+ Als ob die Gottheit nahe wär,
+ Und feierlich, nach alter Sitte,
+ Umwandelnd des Theaters Rund,
+ Mit langsam abgemessnem Schritte,
+ Verschwinden sie im Hintergrund.
+
+ Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
+ Noch zweifelnd jede Brust und bebet
+ Und huldiget der furchtbarn Macht,
+ Die richtend im Verborgnen wacht,
+ Die unerforschlich, unergründet
+ Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
+ Dem tiefen Herzen sich verkündet
+ Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.
+
+ Da hört man auf den höchsten Stufen
+ Auf einmal eine Stimme rufen:
+ „Sieh da, sieh da, Timotheus,
+ Die Kraniche des Ibykus!“ --
+ Und finster plötzlich wird der Himmel,
+ Und über dem Theater hin
+ Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
+ Ein Kranichheer vorüberziehn.
+
+ „Des Ibykus“ -- Der teure Name
+ Rührt jede Brust mit neuem Grame
+ Und wie im Meere Well auf Well,
+ So läuft’s von Mund zu Munde schnell:
+ „Des Ibykus? Den wir beweinen,
+ Den eine Mörderhand erschlug!
+ Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? --
+ Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ --
+
+ Und lauter immer wird die Frage,
+ Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage
+ Durch alle Herzen: „Gebet acht,
+ Das ist der Eumeniden Macht!
+ Der fromme Dichter wird gerochen,
+ Der Mörder bietet selbst sich dar --
+ Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
+ Und ihn, an den’s gerichtet war!“
+
+ Doch dem war kaum das Wort entfahren,
+ Möcht er’s im Busen gern bewahren:
+ Umsonst! Der schreckenbleiche Mund
+ Macht schnell die Schuldbewußten kund,
+ Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
+ Die Szene wird zum Tribunal,
+ Und es gestehn die Bösewichter,
+ Getroffen von der Rache Strahl.
+
+ Friedrich von Schiller
+
+
+
+
+Der Sieger
+
+
+ Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust!
+ Bin ich derselbe, der ich gestern war?
+ Der Vollkraft ungeheure Daseinslust
+ Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar.
+ Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang
+ -- Mir selbst ein Wunder -- strömt sich hell und voll
+ In Harmonien aus von Erzes Klang,
+ Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!
+
+ Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan,
+ Rast wilder Beifall die Arena hin,
+ Und tausend Kränze regnen in die Bahn,
+ Und meine Harfe ist die Siegerin.
+ Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held,
+ Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz
+ Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt,
+ Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.
+
+ Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus.
+ Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt
+ Und ziehe eher nicht die Toga aus,
+ Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt.
+ Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt
+ Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor.
+ Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt;
+ Und dies ist meines Vaterhauses Tor.
+ Aufsteht der Vater von der Ofenbank.
+ Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz;
+ Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang,
+ Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz.
+ Ich streife langsam von dem Haupt die Zier
+ Und von den Gliedern ab das Festgewand.
+ Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier.
+ Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“
+
+ Hugo Salus
+
+
+
+
+Tod des Perikles
+
+
+ Auf seinem Sterbebett lag Perikles,
+ Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn.
+ Die Freunde, die ihm übrig waren noch,
+ Umstanden ihn und sprachen unter sich,
+ Die Größe rühmend seiner Tugenden
+ Und seiner einst fast unbeschränkten Macht.
+ Bewegt auch zählten sie die Taten auf,
+ Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal,
+ Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf.
+ Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl,
+ Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort:
+ „Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt,
+ Was nur das wandelbare Glück verleiht
+ Und was mit manchem andern ich geteilt,
+ Dagegen ihr verschwiegen unbedacht,
+ Was mich bedünkt allein des Neides wert:
+ Daß meinetwegen nie ein Bürger je,
+ Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“
+
+ Martin Greif
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Bote von Marathon
+
+
+ Jüngling, schwing dich auf den wilden
+ Renner, auf dein bäumend Roß,
+ Nach den himmlischen Gefilden
+ Fliege, wie ein Pfeilgeschoß,
+ Laut zu künden, froh zu melden
+ Göttergleichen Sieg der Helden:
+ „Marathon, der Perser Schmach,
+ Wo Athen sich Lorbeer brach!“
+
+ Schnell im Staubgewölk verloren,
+ Stürmt er hin im Mittagsschein,
+ Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen
+ Kräftig in die Weichen ein.
+ Vorgeneigt, mit losem Zügel,
+ Jagt er auf des Windes Flügel.
+ Herrlich schwellt die junge Brust
+ Siegesfreude, Botenlust.
+
+ Und er träumt sich schon empfangen
+ Von Athens besorgter Schar.
+ Hoch erglühn der Mutter Wangen,
+ Da sie kränzt sein feuchtes Haar:
+ „O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“
+ Greise singen Siegeslieder,
+ Donnernd jauchzt von Land zu See
+ Tausendstimmig Evoe -- -- --
+
+ Seine dunkeln Augen flammen,
+ Freudig preist er sein Geschick ...
+ Plötzlich bricht das Roß zusammen,
+ Röchelnd, mit erloschnem Blick.
+ Ungesäumt, auf eignen Füßen,
+ Eilt er, seine Stadt zu grüßen,
+ Die sich fern am Himmelsrand
+ Blendend hebt im Sonnenbrand.
+
+[Illustration]
+
+
+ Mut! Nur Mut! -- er will ermatten.
+ Seine Sehnen schwellen an.
+ Nirgends Kühlung, nirgends Schatten
+ Auf der staubverwehten Bahn.
+ „Schütze, Göttin, deinen Boten,
+ Ruf ihn nicht ins Reich der Toten,
+ Eh Athen die Kunde weiß:
+ Unser ist der Siegespreis!“
+
+[Illustration]
+
+ Von der stolzgetürmten Mauer
+ Hat ihn schon das Volk gesehn.
+ Hohe, heil’ge Wonneschauer
+ Fühlt er durch die Seele wehn.
+ Auf das Herz gepreßt die Linke,
+ Mit dem Lorbeer freud’ge Winke:
+ „Sieg!“ Ein heller Jubelschrei.
+ „Sieg!“ -- Er stürzt. -- Es ist vorbei.
+
+ Alice von Gaudy
+
+
+
+
+Der junge Themistokles
+
+
+ In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl --
+ Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.
+
+ Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut --
+ So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.
+
+ Ob man hier von Rosen-Jungfraun -- dort vom Vaterlande sprach
+ Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:
+
+ So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg,
+ Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.
+
+ Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht --
+ Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.
+
+ Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm --
+ Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?
+
+ Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand --
+ Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand --
+
+ Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton,
+ Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.
+
+ Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt
+ Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.
+
+ Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn,
+ Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.
+
+ Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt,
+ Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.
+
+ Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis
+ Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“
+
+ Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie --
+ Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat -- ich leiste sie!“
+
+ Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch
+ Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.
+
+ Und wer waren jene Sänger? -- Ihre Namen hört ich nicht;
+ Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.
+
+ Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß?
+ Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!
+
+ Karl von Alsen
+
+
+
+
+Salamis
+
+
+ Schmücket die Schiffe mit Persertrophän,
+ Lasset die purpurnen Segel sich blähn!
+ Efeu umflattert die Masten und fliegt,
+ Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!
+
+ Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band,
+ Das der persische Fürst um den Nacken dir wand,
+ Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr
+ Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer
+ Dein wogender Bug,
+ Dein brückengefesselter Zorn ertrug.
+
+ Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg
+ Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg.
+ Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront,
+ Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt;
+ Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut,
+ Mit unendlichem Mut
+ Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.
+
+ Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt
+ Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt
+ In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn
+ Nach den herrlichen Mühn
+ Dithyrambische Tage der Freiheit.
+
+ Hermann Lingg
+
+
+
+
+Themistokles in Olympia
+
+
+ Themistokles, der Held von Salamis,
+ Als er vom Perserjoch sein Volk befreit,
+ Und an Olympias geweihtem Sitz
+ Zum ersten Male nach vertobtem Krieg
+ Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut,
+ Die stolzer Griechenland noch nie beging:
+ Erkannt von allen Gästen saß er da,
+ Und kein hellenisch Auge wandte sich
+ Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg
+ Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu,
+ So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt.
+ Nur ihn als Sieger staunten rings sie an,
+ Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor.
+ Er aber nahm ihn wohlgefällig auf
+ Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort:
+ „Die Götter schenkten heut als Ernte mir
+ Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Ein Dichter in der Schlacht von Salamis
+
+
+ Die Drachen, die so arg gedräuet,
+ Die Perserschiffe sind zerstreuet,
+ Versenkt, vernichtet -- Hellas frei
+ Vom Joche fremder Tyrannei,
+ Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen
+ Den Göttern dar ein festlich Spiel
+ Und heil’ge Opfer; Lieder klingen
+ Und Wagen donnern an das Ziel.
+
+ Wer ragt hervor dort aus der Menge,
+ Die Züge schön, doch ernst und strenge?
+ Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr,
+ Die frische Wunde schmückt ihn mehr;
+ Ein Dichter ist es, doch die Waffen
+ Ergriff er auf des Landes Ruf;
+ Ein Held kann Heldenbilder schaffen
+ Wie +Äschylus+, der Bücher schuf
+
+[Illustration]
+
+ Sein Auge folgt mit Wohlgefallen
+ Dem schönsten von den Knaben allen,
+ Die zierlich, mit gelenken Knien,
+ Im Chore den Altar umziehn.
+ Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne
+ -- Von Neid sind solche Seelen frei --
+ Daß, der da schwebt, die neue Sonne,
+ Daß +Sophokles+ der Knabe sei!
+
+ Zur selben Stunde, wie wir lesen,
+ War eines Sohns ein Weib genesen;
+ Der Vater hebt ihn auf und spricht:
+ „Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht.
+ Mut, teures Weib! Wir alle haben
+ Nun hinter uns die Zeit des Wehs.
+ Die Götter segnen meinen Knaben!“
+ -- Das Kindlein war +Euripides+.
+
+ Ja, wenn die Götter einmal segnen,
+ Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen
+ Im Wetter, überschwenglich auch;
+ Nichts halb zu tun ist Götterbrauch.
+ Sieg, Freiheit, Ruhm -- für künft’ge Tage
+ Voll Glanz ein dreifach Unterpfand.
+ Das war -- wer hält ihm denn die Wage? --
+ Der schönste Tag von Griechenland.
+
+ Wilhelm Fischer
+
+
+
+
+Grab des Themistokles
+
+
+ Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,
+ Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib
+ In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke
+ Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins.
+ Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend,
+ Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien.
+ Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot
+ Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.
+
+ Emanuel Geibel
+
+
+
+
+Historischer Adelsklub
+
+
+ Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus:
+ „Entbiete mir zu meinem Namensfest
+ Auf den Olymp die großen Toten sämtlich;
+ Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“
+
+ Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft.
+ Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder
+ Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen,
+ Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck,
+ Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz,
+ Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.
+
+ Da tat sich auf die Tür, und feierlich
+ Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga
+ In wichtigen Falten um die Brust geworfen,
+ Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt,
+ Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.
+
+ Befremden lähmte die Versammlung. Hera,
+ Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen.
+ Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend:
+ „Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis --“
+ Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,
+
+ Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen
+ Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große --“
+ Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus:
+ „Ein feierlicher Kerl ist niemals groß.
+ Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“
+
+ Carl Spitteler
+
+
+
+
+Die gefesselten Musen
+
+
+ Es herrscht ein König irgendwo
+ In Dazien oder Thrazien,
+ Den suchten einst die Musen heim,
+ Die Musen mit den Grazien.
+
+ Statt milden Nektars Rebenblut
+ Geruhten sie zu nippen,
+ Die Seele des Barbaren hing
+ An ihren sel’gen Lippen.
+
+ Erst sang ein jedes Himmelskind
+ Im Tone, der ihm eigen,
+ Dann schritt der ganze Chor im Takt
+ Und trat den blühnden Reigen.
+
+ Der König klatschte: „Morgen will
+ Ich wieder euch bestaunen!“
+ Die Musen schüttelten das Haupt:
+ „Das hangt an unsern Launen.“
+
+ „An euern Launen? ...“ Der Despot
+ Begann zu schmähn und lästern.
+ „Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“
+ Und fesselte die Schwestern.
+
+ Der König wacht, um Mitternacht
+ Vernahm er leises Schreiten,
+ Geflüster: „Seid ihr alle da?“
+ Und Schüttern zarter Saiten.
+
+ Er fuhr empor. „Den hellen Chor
+ Ergreift, getreue Wächter!“
+ Die Schergen griffen in die Luft
+ Und silbern klang Gelächter.
+
+ Am Morgen war der Kerker leer,
+ Der Reigen über die Grenze --
+ Drin hingen statt der Ketten schwer
+ Zerrissne Blumenkränze.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+
+
+Der trunkene Gott
+
+
+ Weiße Marmorstufen steigen
+ Durch der Gärten laub’ge Nacht,
+ Schlanke Palmenfächer neigen
+ In des Himmels blaue Pracht.
+ Über Tempeln, Hainen, Grüften
+ Zecht in abendweichen Lüften
+ Alexanders Lieblingsschar;
+ Knieend bietet ihm ein Knabe,
+ Daß der Erde Herr sich labe,
+ Wein in edler Schale dar.
+
+[Illustration]
+
+ Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen,
+ Lagernd in der Götter Rat,
+ Zwischen schwelgenden Entwürfen
+ Und der wundergleichen Tat!
+ Goldne Becher überquellen,
+ Ruhmesgeister mit den hellen
+ Helmen tauchen aus der Flut --
+ Goldne Schalen überschäumen,
+ Geister, die gebunden träumen,
+ Steigen auf in Zornesglut.
+
+ Kleitos neben Philipps Sohne
+ Furcht die Stirne kummervoll,
+ Der benarbte Macedone
+ Schlürft im Weine Gram und Groll:
+ Er gedenkt der Heergenossen,
+ Die die erste Phalanx schlossen
+ In den Bergen kühl und fern.
+ Seinen dunkeln Mut zu kränken,
+ Lüstet es den schönen Schenken,
+ Lagernd an dem Knie des Herrn.
+
+ Die erhabne Stirn und Braue
+ Träumt den Zug ins Inderland,
+ Lauschend liest den Traum das schlaue
+ Kind, den Blick emporgewandt:
+ „Bacchus bist du, der belaubte,
+ Mit dem schwärmerischen Haupte,
+ Der ins Land der Sonne zieht!
+ Ohne Heer kannst du bezwingen,
+ Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
+ Winke nur, und Indien kniet!“
+
+ Finster grollt der alte Streiter:
+ „Durch der Wüste heißen Sand?
+ Immer ferner, immer weiter?
+ Nach des Indus Fabelstrand?
+ Kann ein Wink dir Sieg erwerben,
+ Warum bluten, warum sterben
+ Wir für dich? Zu deinem Spott?
+ Lebende kannst du belohnen,
+ Deine toten Macedonen,
+ Wecke sie, bist du ein Gott!“ --
+
+ „Welchen dampfenden Altares
+ Freust du auf der Erde dich?
+ Bist du die Gewalt des Ares,
+ Helmumflattert, fürchterlich?
+ Herr, bevor den niedern Talen
+ Du dich nahtest ohne Strahlen,
+ Welches war dein himmlisch Amt?
+ Bist du Zeus? Bist du ein andrer?
+ Bist du Helios, der Wandrer
+ Dessen Stirne sonnig flammt?“
+
+ Grimmig neigt der graue Fechter
+ Sich zum Ohr des Gottes hin,
+ Mit unseligem Gelächter
+ Rührt er an der Schulter ihn:
+ „Gast des Himmels, warum sinken
+ Haupt und Schulter dir zur Linken?[*]
+ Lastet dir der Erde Raub?
+ Mit den Göttern willst du zechen?
+ Spotten hör ich dein Gebrechen:
+ Alexander, du bist Staub!“
+
+ Eine zürnende Gebärde!
+ Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!
+ Ein Erdolchter an der Erde
+ Windet sich in seinem Blut ...
+ In den Abendlüften Schauer,
+ Ein verhülltes Haupt in Trauer,
+ Ausgerast und ausgerollt!
+ Marmorgleich versteinte Zecher
+ Und ein herrenloser Becher,
+ Der hinab die Stufen rollt.
+
+ Conr. Ferd. Meyer
+
+
+ [*] Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die
+ schwächere linke.
+
+
+
+
+Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
+
+
+ Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
+ Dreißig Jahre eingeschlossen,
+ Sitzt er schon in dunkler Klause.
+ Selbst erforschen will’s der Kaiser,
+ Und vom höchsten Glanz umflossen
+ Naht er sich dem öden Hause.
+
+ Auf der Erde hingekauert
+ Liegt der Blöde und betrachtet
+ Sich den Gast mit stolzen Mienen.
+ Alles fühlt sich fremd durchschauert,
+ Daß ein Bettler den verachtet,
+ Dem der Erde Völker dienen.
+
+ „Sollte mich der Greis nicht kennen?“ --
+ Ruft der Kaiser -- „Doch ich staune,
+ Drüben steht ja meine Büste!
+ Nein, ich brauch mich nicht zu nennen,
+ Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune,
+ Mich zu ehren, wie er müßte.
+
+[Illustration]
+
+ Was ihn treibt, wer könnt es sagen?
+ Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen,
+ Doch es will mir Wahnsinn scheinen.
+ Um die Zukunft wollt ich fragen,
+ Aber statt mit dem zu sprechen,
+ Such ich Weisheit bei den Steinen.“
+
+ Doch, sowie das Wort gefallen,
+ Hat der Blöde sich erhoben
+ Und nach seinem Stab gegriffen.
+ Seine langen Locken wallen,
+ Wie zum Rock um ihn verwoben,
+ Und sein Stab ist scharf geschliffen.
+
+ Vor des Kaisers Büste tretend,
+ Schlägt er ihr vom Haupt die Krone,
+ Und in Stücke fällt sie nieder,
+ Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend,
+ Noch die Augen aus zum Hohne,
+ Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.
+
+ Alles sieht ihm zu mit Grauen,
+ Dennoch zwingt man sich zum Lachen,
+ Und des Kaisers Bruder flüstert:
+ „Ich genieße dein Vertrauen,
+ Laß mein Schwert nur fürder wachen,
+ Und dein Stern wird nie verdüstert.“
+
+ Aber eh der Tag noch endet,
+ Steigt, der schmeichelnd so gesprochen,
+ Selber auf den Thron der Griechen,
+ Und der Kaiser liegt geblendet,
+ Wo die Totenwürmer pochen
+ Und die gift’gen Molche kriechen.
+
+ Friedrich Hebbel
+
+
+
+
+Der Ring des Polykrates
+
+
+ Er stand auf seines Daches Zinnen,
+ Er schaute mit vergnügten Sinnen
+ Auf das beherrschte Samos hin.
+ „Dies alles ist mir untertänig,“
+ Begann er zu Ägyptens König,
+ „Gestehe, daß ich glücklich bin.“ --
+
+ „Du hast der Götter Gunst erfahren!
+ Die vormals deinesgleichen waren,
+ Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
+ Doch einer lebt noch, sie zu rächen;
+ Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
+ Solang des Feindes Auge wacht.“ --
+
+ Und eh der König noch geendet,
+ Da stellt sich, von Milet gesendet,
+ Ein Bote dem Tyrannen dar:
+ „Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,
+ Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
+ Bekränze dir dein festlich Haar!
+
+ Getroffen sank dein Feind vom Speere,
+ Mich sendet mit der frohen Märe
+ Dein treuer Feldherr Polydor --“
+ Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
+ Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
+ Ein wohlbekanntes Haupt hervor.
+
+ Der König tritt zurück mit Grauen.
+ „Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“
+ Versetzt er mit besorgtem Blick.
+ „Bedenk, auf ungetreuen Wellen --
+ Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen --
+ Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“
+
+ Und eh er noch das Wort gesprochen,
+ Hat ihn der Jubel unterbrochen,
+ Der von der Reede jauchzend schallt.
+ Mit fremden Schätzen reich beladen,
+ Kehrt zu den heimischen Gestaden
+ Der Schiffe mastenreicher Wald.
+
+ Der königliche Gast erstaunet:
+ „Dein Glück ist heute gut gelaunet,
+ Doch fürchte seinen Unbestand.
+ Der Kreter waffenkund’ge Scharen
+ Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
+ Schon nahe sind sie diesem Strand.“
+
+ Und eh ihm noch das Wort entfallen,
+ Da sieht man’s von den Schiffen wallen,
+ Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
+ Von Feindesnot sind wir befreiet,
+ Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
+ Vorbei, geendet ist der Krieg!“
+
+ Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.
+ „Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!
+ Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil.
+ Mir grauet vor der Götter Neide:
+ Des Lebens ungemischte Freude
+ Ward keinem Irdischen zuteil.
+
+ Auch mir ist alles wohl geraten.
+ Bei allen meinen Herrschertaten
+ Begleitet mich des Himmels Huld;
+ Doch hatt’ ich einen teuren Erben,
+ Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
+ Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.
+
+ Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
+ So flehe zu den Unsichtbaren,
+ Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
+ Noch keinen sah ich fröhlich enden,
+ Auf den mit immer vollen Händen
+ Die Götter ihre Gaben streun.
+
+ Und wenn’s die Götter nicht gewähren,
+ So acht auf eines Freundes Lehren
+ Und rufe selbst das Unglück her;
+ Und was von allen deinen Schätzen
+ Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
+ Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“
+
+ Und jener spricht, von Furcht beweget:
+ „Von allem, was die Insel heget,
+ Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
+ Ihn will ich den Erinnyen weihen,
+ Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“
+ Und wirft das Kleinod in die Flut.
+
+ Und bei des nächsten Morgens Lichte,
+ Da tritt mit fröhlichem Gesichte
+ Ein Fischer vor den Fürsten hin:
+ „Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
+ Wie keiner noch ins Netz gegangen,
+ Dir zum Geschenke bring ich ihn.“
+
+ Und als der Koch den Fisch zerteilet,
+ Kommt er bestürzt herbeigeeilet
+ Und ruft mit hocherstauntem Blick:
+ „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen:
+ Ihn fand ich in des Fisches Magen,
+ O, ohne Grenzen ist dein Glück!“
+
+ Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
+ „So kann ich hier nicht ferner hausen,
+ Mein Freund kannst du nicht weiter sein;
+ Die Götter wollen dein Verderben;
+ Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
+ Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.
+
+ Friedrich von Schiller
+
+
+
+
+Der befreite Prometheus
+
+
+ Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
+ Er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
+ Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
+ Herunter, drauf er büßend lag;
+ Er durfte nun hinab auf seine Erde,
+ Hin zu den Menschen, die er so geliebt,
+ Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
+ Das Feuer des Olympos für sie stahl.
+
+ Nicht dauerte den Götterkönig
+ Der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
+ Warum auch lockte die Versuchung ihn,
+ Den Menschen Göttergut hinabzutragen;
+ Er hatte seinen Lohn dahin,
+ Den Heilandslohn,
+ Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
+ Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
+ Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz
+ Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
+ Die lavastarr gehärteten.
+
+[Illustration]
+
+ O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt!
+ Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel:
+ Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
+ Das große Wundmal unterm Herzen schützen,
+ Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
+ Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
+ O Tag voller Wut und Ohnmacht!
+
+ O Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
+ Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
+ Zum ersten Male
+ Erlahmte vor der Übermacht des Neides,
+ Des weltbeschattenden, der Götter all!
+ O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
+
+ Doch nun war alles überwunden.
+ Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
+ Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
+ Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
+ Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt,
+ Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
+ Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
+ Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
+ So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
+
+ Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
+ Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
+ Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
+ Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
+ Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
+ Seit er den unstet Irrenden
+ Den ersten warmen, festen Herd gebaut.
+ Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
+ Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier
+ Einst um das nackte Leben markteten,
+ Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
+
+ Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
+ Ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
+ Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
+ Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
+ Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
+ Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus,
+ War das nicht wert der tausendjährigen Pein?
+ Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“
+ Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
+ Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,
+
+ Und ging und ging, und suchte hin und her,
+ Und fand:
+ Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor.
+ Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
+ Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
+ Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid --
+ Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
+ Den Neid der Menschen um Besitz --
+ Und war genug doch da, genug für alle.
+ In Hütten sah er, in die Burgen sah er,
+ Doch es war alles eines,
+ War alles wie zuvor -- und schlimmer noch.
+
+ Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
+ Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
+ Den er vergebens bei den andern suchte;
+ Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
+ Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
+ Wollt er noch einmal unter Menschen rasten
+ Und dann auf immer in die Einsamkeit.
+ Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er:
+ „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
+
+ Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
+ Dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
+ Und schlich geduckt davon und schloß sich ein,
+ Und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
+ „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
+ Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder.
+ Ja, damals waren bessre Zeiten noch
+ Als heute!“
+ Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
+
+[Illustration]
+
+ Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
+ Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
+ Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend,
+ Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du!
+ So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
+ Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“
+ Und jäh und gellend riß sich
+ Ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
+ Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
+ „Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer!
+ Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ --
+ Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
+
+ Denn wieder sah er im Gelände unten
+ Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
+ Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
+ Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
+ Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
+ Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
+ Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
+ Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
+ In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend,
+ Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
+ Flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
+ „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
+ Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!
+ -- Ha, meine Menschen, hahaha --“
+
+ Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei,
+ Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
+ Er stierte: dunkel rollend ging die See,
+ Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
+ Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn,
+ Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
+ Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
+ Ein andres Boot heran, draus warf sich
+ Ein zweiter Fischer in die Brandung.
+
+ Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
+ Und stierte, stierte und erkannte sie:
+ Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn,
+ Die ersten Menschen waren’s, die er traf:
+ Todfeinde waren’s -- und jetzt kämpfte dort
+ Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
+ Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
+ Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
+ Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
+ Einander in die Arme.
+
+ Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
+ Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
+ Und sah sie lachen -- und nun jauchzen sie.
+ Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
+ Da überfiel ihn nie erlebte Demut,
+ Und in die Knie taumelte Prometheus,
+ Und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
+ „O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott!
+ Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
+ O laß mich leben, laß mich leiden!
+ Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
+
+ Richard Dehmel
+
+
+
+
+Alexander Ypsilanti auf Munkacs
+
+
+ Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm,
+ An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm,
+ Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin --
+ Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“
+ An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt:
+ „Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“
+ Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein;
+ Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein.
+ Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her
+ Aus dem Lande meiner Väter?“ -- und die Wimper ward ihm schwer --
+ War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die
+ Hand.
+ Seht, sein Antlitz wird so helle -- träumt er von dem Vaterland?
+ Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann,
+ Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an:
+ „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!
+ „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!
+ Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt,
+ Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt.
+ Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt.
+ Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“
+ Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“
+ Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß.
+ Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt
+ Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.
+
+ Wilhelm Müller
+
+
+
+
+Aus dem „Abschied von Griechenland“
+
+
+ Ob die schönen Tag’ enteilten,
+ Ob geborsten Ruhm und Glück:
+ Wo die Götter einmal weilten,
+ Bleibt ein ew’ger Glanz zurück.
+ Du, der Schönheit Morgenwiege,
+ Du, der Menschheit Jugendtraum,
+ Land, das für die höchsten Siege
+ Gab den Zweig vom heil’gen Baum;
+ Das, wenn Sorg und Elend nachten,
+ Unsre Seelen aufwärts trägt --
+ Jenes Herz ist arm zu achten,
+ Welches nicht für Hellas schlägt.
+ An den Schiffsbug braust im Dunkeln
+ Wellenberg auf Wellenberg,
+ Und des Himmels Lichter funkeln
+ Durch das schwarze Takelwerk. --
+ Längst am Saum des Flutenschlosses
+ Felsenküst und Wolke schwand:
+ Fahre wohl, du schönes, großes,
+ Sonnenfreud’ges Griechenland!
+
+ Heinrich Vierordt
+
+
+
+
+Der deutsche Spielmann
+
+
+herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem
+Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten
+deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-
+und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,
+von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von
+einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung
+eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche
+Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die
+Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand
+jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer
+vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten
+Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das
+Jahrhundert behalten.
+
+ Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)
+ „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz)
+ „ 3 Wald (W. Weingärtner)
+ „ 4 Hochland (Franz Hoch)
+ „ 5 Meer (J. V. Cissarz)
+ „ 6 Helden (W. Weingärtner)
+ „ 7 Schalk (Julius Diez)
+ „ 8 Legenden (G. A. Stroedel)
+ „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)
+ „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler)
+ „ 11 Sänger (Hans Röhm)
+ „ 12 Frühling (H. v. Volkmann)
+ „ 13 Sommer (Edmund Steppes)
+ „ 14 Herbst (Karl Biese)
+ „ 15 Winter (Karl Biese)
+ „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)
+ „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)
+ „ 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz)
+ „ 19 Bach u. Strom (E. Liebermann)
+ „ 20 Heide (Adalbert Holzer)
+ „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)
+ „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)
+ „ 23 Germanentum (H. Röhm)
+ „ 24 Mittelalter (H. Schroedter)
+ „ 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch)
+ „ 26 Neuzeit (Angelo Jank)
+ „ 27 Gespenster (Julius Diez)
+ „ 28 Tod (Matthäus Schiestl)
+ „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)
+ „ 30 Nordland (Rudolf Roch-Hanau)
+ „ 31 Italien (Hans Volkert)
+ „ 32 Hellas (Karl Bauer)
+ „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert)
+ „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.)
+ „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner)
+ „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)
+ „ 37 Glück und Trost (H. Schwegerle)
+ „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
+ „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)
+ „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
+
+Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in
+Klammern.
+
+Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“,
+„Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches
+Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“,
+„Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***
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+ Hellas | Project Gutenberg
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1925 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p>
+
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber
+an den Anfang des Buches versetzt.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe38 x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><span class="u">Original-Einband</span></figcaption>
+</figure>
+<p>
+
+<div class="eng break-before">
+
+<p class="s2 center mtop3"><b>Der deutsche Spielmann</b></p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Eine Auswahl</em> aus dem
+<em class="gesperrt">Schatze deutscher Dichtung</em> für Jugend und Volk</p>
+
+<p class="center">Herausgegeben von Dr. Ernst Weber</p>
+
+<p class="s2 center mtop1 mbot2"><b>⁘</b></p>
+
+<h1><b>Hellas</b></h1>
+
+<p class="s2 center">Griechisches Leben und altklassischer Geist in deutscher
+Wiedergeburt</p>
+
+<p class="center mtop3 mbot3">Zweite, veränderte Auflage</p>
+
+<p class="s2 center mtop2 mbot1"><b>⁘</b></p>
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt">München 1925</em></p>
+
+<p class="center">Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns</p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before mbot3">Druck von Kastner &amp; Callwey in München</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="2">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns">3</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hyperions Schicksalslied (Hölderlin)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Hyperions_Schicksalslied">4</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Iphigeniens Parzenlied (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Iphigeniens_Parzenlied">5</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Prometheus (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Prometheus">6</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left"><a href="#Aus_der_Iliade">Aus der Iliade:</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Hektor und Andromache (Grimm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Hektor_und_Andromache">8</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Hektors Abschied (Schiller)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Hektors_Abschied">14</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Hektors Tod (Voß)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Hektors_Tod">16</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left"><a href="#Aus_der_Penthesilea">Aus der „Penthesilea“:</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Achills Tod (Kleist)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Achills_Tod">25</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left"><a href="#Aus_der_Odyssee">Aus der Odyssee:</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Odysseus und Polyphem (Richter)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odysseus_und_Polyphem">34</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Nächtliche Fahrt (Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Naechtliche_Fahrt">42</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die sterbende Meduse (Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_sterbende_Meduse">45</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Griechische Spiele (Pfizer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Griechische_Spiele">46</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Mutter des Siegers (Heyse)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Mutter_des_Siegers">48</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Kraniche des Ibykus (Schiller)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Kraniche_des_Ibykus">52</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Sieger (Salus)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Sieger">59</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tod des Perikles (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Tod_des_Perikles">60</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Bote von Marathon (Gaudy)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Bote_von_Marathon">62</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der junge Themistokles (Alsen)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_junge_Themistokles">66</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Salamis (Lingg)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Salamis">67</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Themistokles in Olympia (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Themistokles_in_Olympia">68</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ein Dichter in der Schlacht von Salamis (Fischer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ein_Dichter_in_der_Schlacht_von_Salamis">68</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Grab des Themistokles (Geibel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Grab_des_Themistokles">70</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Historischer Adelsklub (Spitteler)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Historischer_Adelsklub">71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die gefesselten Musen (Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_gefesselten_Musen">71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der trunkene Gott (Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_trunkene_Gott">72</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? (Hebbel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ists_ein_Narr_blo_Ists_ein_Weiser">75</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Ring des Polykrates (Schiller)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Ring_des_Polykrates">77</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der befreite Prometheus (Dehmel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_befreite_Prometheus">80</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Alexander Ypsilanti auf Munkacs (Müller)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Alexander_Ypsilanti_auf_Munkacs">86</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Aus dem „Abschied von Griechenland“ (Vierordt)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Aus_dem_Abschied_von_Griechenland">87</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak invis" id="Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns"
+title="Geleitspruch des deutschen Spielmanns">&#160;</h2>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_003">
+ <img class="w100" src="images/illu_003.jpg" alt="Tanzszene aus dem antiken
+ Griechenland">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hellas! — Aus abgrundtiefem Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Hebt sich ein sonnbeglänzter Strand.</div>
+ <div class="verse indent0">Blauseiden spannt sich’s drüber her —</div>
+ <div class="verse indent0">So schaut ich dich, mein Griechenland.</div>
+ <div class="verse indent0">Und hohe Tempel sah ich stehn</div>
+ <div class="verse indent0">Auf schlanken Säulen, weit und licht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Götter, stolz und marmorschön,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit reinem Menschenangesicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du Volk der Schönheit, sei gegrüßt,</div>
+ <div class="verse indent0">Gegrüßt mir auf Olympias Flur!</div>
+ <div class="verse indent0">Aus deines Lebens Quelle fließt</div>
+ <div class="verse indent0">Auch Deutschlands edelste Kultur.</div>
+ <div class="verse indent0">Was deine Heldenschar erstritt,</div>
+ <div class="verse indent0">Was deiner Künstler schönster Traum,</div>
+ <div class="verse indent0">Die deutsche Jugend lebt es mit</div>
+ <div class="verse indent0">Noch heut, vergessend Zeit und Raum.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und deutsche Dichter schufen neu</div>
+ <div class="verse indent0">Die alte Griechenherrlichkeit</div>
+ <div class="verse indent0">Und gaben ihre Melodei</div>
+ <div class="verse indent0">Dem längstverrauschten Völkerstreit,</div><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+ <div class="verse indent0">Und zeigten, wie im heitern Spiel</div>
+ <div class="verse indent0">Des Griechen dunkler Ernst gebot,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ihn ein stolzes Hochgefühl</div>
+ <div class="verse indent0">Ließ lachend schreiten in den Tod.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nicht was aus fremdem Idiom</div>
+ <div class="verse indent0">Die scharfgeschliffne Brille liest,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur was als frischer Lebensstrom</div>
+ <div class="verse indent0">Durch deutsche Dichteradern fließt,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wieder Blut von unserm Blut</div>
+ <div class="verse indent0">Und Geist von unserm Geiste ward:</div>
+ <div class="verse indent0">Das weckt aufs neu den Tatenmut</div>
+ <div class="verse indent0">Und lockt die stammverwandte Art.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer finden will hellenisch Land</div>
+ <div class="verse indent0">Und griechisch Leben möcht verstehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem reicht der Spielmann heut die Hand</div>
+ <div class="verse indent0">Und lehrt mit Dichteraugen sehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Dichteraugen groß und weit,</div>
+ <div class="verse indent0">Durchdringend der Geschichte Dunst —</div>
+ <div class="verse indent0">Denn lebenswarme Wirklichkeit</div>
+ <div class="verse indent0">Wird Hellas nur im Reich der Kunst.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Der deutsche Spielmann</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Hyperions_Schicksalslied">Hyperions Schicksalslied</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr wandelt droben im Licht</div>
+ <div class="verse indent0">Auf weichem Boden, selige Genien!</div>
+ <div class="verse indent0">Glänzende Götterlüfte</div>
+ <div class="verse indent0">Rühren euch leicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie die Finger der Künstlerin</div>
+ <div class="verse indent0">Heilige Saiten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schicksallos, wie der schlafende</div>
+ <div class="verse indent0">Säugling, atmen die Himmlischen;</div>
+ <div class="verse indent0">Keusch bewahrt</div>
+ <div class="verse indent0">In bescheidener Knospe,</div>
+ <div class="verse indent0">Blühet ewig</div>
+ <div class="verse indent0">Ihnen der Geist,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die seligen Augen</div><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span>
+ <div class="verse indent0">Blicken in stiller</div>
+ <div class="verse indent0">Ewiger Klarheit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch uns ist gegeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf keiner Stätte zu ruhn,</div>
+ <div class="verse indent0">Es schwinden, es fallen</div>
+ <div class="verse indent0">Die leidenden Menschen</div>
+ <div class="verse indent0">Blindlings von einer</div>
+ <div class="verse indent0">Stunde zur andern,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Wasser von Klippe</div>
+ <div class="verse indent0">Zu Klippe geworfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Jahrlang ins Ungewisse hinab.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Christ. Friedr. Hölderlin</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Iphigeniens_Parzenlied">Iphigeniens Parzenlied</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Es fürchte die Götter</div>
+ <div class="verse indent0">Das Menschengeschlecht!</div>
+ <div class="verse indent0">Sie halten die Herrschaft</div>
+ <div class="verse indent0">In ewigen Händen</div>
+ <div class="verse indent0">Und können sie brauchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie’s ihnen gefällt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der fürchte sie doppelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Den je sie erheben!</div>
+ <div class="verse indent0">Auf Klippen und Wolken</div>
+ <div class="verse indent0">Sind Stühle bereitet</div>
+ <div class="verse indent0">Und goldene Tische.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Erhebet ein Zwist sich,</div>
+ <div class="verse indent0">So stürzen die Gäste,</div>
+ <div class="verse indent0">Geschmäht und geschändet,</div>
+ <div class="verse indent0">In nächtliche Tiefen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und harren vergebens,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Finstern gebunden,</div>
+ <div class="verse indent0">Gerechten Gerichtes.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie aber, sie bleiben</div>
+ <div class="verse indent0">In ewigen Festen</div>
+ <div class="verse indent0">An goldenen Tischen.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schreiten vom Berge</div><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span>
+ <div class="verse indent0">Zu Bergen hinüber;</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Schlünden der Tiefe</div>
+ <div class="verse indent0">Dampft ihnen der Atem</div>
+ <div class="verse indent0">Erstickter Titanen,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich Opfergerüchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein leichtes Gewölke.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es wenden die Herrscher</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr segnendes Auge</div>
+ <div class="verse indent0">Von ganzen Geschlechtern,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meiden, im Enkel</div>
+ <div class="verse indent0">Die ehemals geliebten</div>
+ <div class="verse indent0">Still redenden Züge</div>
+ <div class="verse indent0">Des Ahnherrn zu sehn.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So sangen die Parzen;</div>
+ <div class="verse indent0">Es horcht der Verbannte</div>
+ <div class="verse indent0">In nächtlichen Höhlen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Alte, die Lieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Denkt Kinder und Enkel,</div>
+ <div class="verse indent0">Und schüttelt das Haupt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Wolfgang von Goethe</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Prometheus">Prometheus</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bedecke deinen Himmel, Zeus,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Wolkendunst</div>
+ <div class="verse indent0">Und übe, dem Knaben gleich,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Disteln köpft,</div>
+ <div class="verse indent0">An Eichen dich und Bergeshöhn!</div>
+ <div class="verse indent0">Mußt mir meine Erde</div>
+ <div class="verse indent0">Doch lassen stehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meine Hütte, die du nicht gebaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meinen Herd,</div>
+ <div class="verse indent0">Um dessen Glut</div>
+ <div class="verse indent0">Du mich beneidest.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich kenne nichts Ärmeres</div>
+ <div class="verse indent0">Unter der Sonne, als euch, Götter!</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr nähret kümmerlich</div><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+ <div class="verse indent0">Von Opfersteuern</div>
+ <div class="verse indent0">Und Gebetshauch</div>
+ <div class="verse indent0">Eure Majestät,</div>
+ <div class="verse indent0">Und darbtet, wären</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht Kinder und Bettler</div>
+ <div class="verse indent0">Hoffnungsvolle Toren.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da ich ein Kind war,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht wußte, wo aus noch ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Kehrt ich mein verirrtes Auge</div>
+ <div class="verse indent0">Zur Sonne, als wenn drüber wär</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Ohr, zu hören meine Klage,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Herz, wie meins,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich des Bedrängten zu erbarmen.</div>
+ <div class="verse indent0">Wer half mir</div>
+ <div class="verse indent0">Wider der Titanen Übermut?</div>
+ <div class="verse indent0">Wer rettete vom Tode mich,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Sklaverei?</div>
+ <div class="verse indent0">Hast du nicht alles selbst vollendet,</div>
+ <div class="verse indent0">Heilig glühend Herz,</div>
+ <div class="verse indent0">Und glühtest jung und gut,</div>
+ <div class="verse indent0">Betrogen, Rettungsdank</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Schlafenden da droben?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich dich ehren, wofür?</div>
+ <div class="verse indent0">Hast du die Schmerzen gelindert</div>
+ <div class="verse indent0">Je des Beladenen?</div>
+ <div class="verse indent0">Hast du die Tränen gestillet</div>
+ <div class="verse indent0">Je des Geängstigten?</div>
+ <div class="verse indent0">Hat nicht mich zum Manne geschmiedet</div>
+ <div class="verse indent0">Die allmächtige Zeit</div>
+ <div class="verse indent0">Und das ewige Schicksal,</div>
+ <div class="verse indent0">Meine Herrn und deine?</div>
+ <div class="verse indent0">Wähntest du etwa,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich sollte das Leben hassen,</div>
+ <div class="verse indent0">In Wüsten fliehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Weil nicht alle</div>
+ <div class="verse indent0">Blütenträume reiften?</div>
+ <div class="verse indent0">Hier sitz ich, forme Menschen</div>
+ <div class="verse indent0">Nach meinem Bilde,</div><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>
+ <div class="verse indent0">Ein Geschlecht, das mir gleich sei,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu leiden, zu weinen,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu genießen und zu freuen sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dein nicht zu achten,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ich.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Wolfgang von Goethe</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Aus_der_Iliade">Aus der Iliade</h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="Hektor_und_Andromache">Hektor und Andromache</h3>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber Hektor fand in den Gemächern</div>
+ <div class="verse indent0">Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde</div>
+ <div class="verse indent0">Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte,</div>
+ <div class="verse indent0">Und als er nirgends im Hause seine Frau</div>
+ <div class="verse indent0">Antraf, trat er unter die Türe des Hauses:</div>
+ <div class="verse indent0">„Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin</div>
+ <div class="verse indent0">Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa</div>
+ <div class="verse indent0">Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen?</div>
+ <div class="verse indent0">Oder betet sie mit den andern Fraun,</div>
+ <div class="verse indent0">Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf:</div>
+ <div class="verse indent0">„Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn:</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie,</div>
+ <div class="verse indent0">Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_009">
+ <img class="w100" src="images/illu_009.jpg" alt="Andromache sitzt trauernd am
+ Fenster, betrübt über den Sieg der Griechen bei Troja">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_009_gross.jpg"
+ id="illu_009_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber Hektor eilte denselben Weg</div>
+ <div class="verse indent0">Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt.</div>
+ <div class="verse indent0">Dort kam laufend Andromache ihm entgegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter,</div>
+ <div class="verse indent0">Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos,</div>
+ <div class="verse indent0">Über Kilikiens Männer herrschte: dessen</div>
+ <div class="verse indent0">Tochter gewann einst Hektor, und die traf er</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde.</div>
+ <div class="verse indent0">Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst</div>
+ <div class="verse indent0">Gern Skamandrios nannte: aber die andern</div><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+ <div class="verse indent0">Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch</div>
+ <div class="verse indent0">Troja hielt und beschützte.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und er lächelte schweigend über dem Kinde,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Andromache stand an seiner Seite,</div>
+ <div class="verse indent0">Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte:</div>
+ <div class="verse indent0">„Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau,</div>
+ <div class="verse indent0">Die bald nun deine arme Witwe sein wird?</div>
+ <div class="verse indent0">Denn dich töten bald nun die Achäer,</div>
+ <div class="verse indent0">Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre</div>
+ <div class="verse indent0">Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja</div>
+ <div class="verse indent0">Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst.</div>
+ <div class="verse indent0">Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater</div>
+ <div class="verse indent0">Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte</div>
+ <div class="verse indent0">Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht:</div>
+ <div class="verse indent0">Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung,</div>
+ <div class="verse indent0">Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich:</div>
+ <div class="verse indent0">Alle opfert’ Achill an jenem Tage</div>
+ <div class="verse indent0">Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter</div>
+ <div class="verse indent0">Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana</div>
+ <div class="verse indent0">Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet.</div>
+ <div class="verse indent0">Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder!</div>
+ <div class="verse indent0">Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir!</div>
+ <div class="verse indent0">Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib</div>
+ <div class="verse indent0">Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum</div>
+ <div class="verse indent0">Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt</div>
+ <div class="verse indent0">Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht.</div>
+ <div class="verse indent0">Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf,</div>
+ <div class="verse indent0">Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet,</div>
+ <div class="verse indent0">Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du.</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas</div>
+ <div class="verse indent0">Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen.</div>
+ <div class="verse indent0">Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen.</div>
+ <div class="verse indent0">Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres</div><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>
+ <div class="verse indent0">Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben.</div>
+ <div class="verse indent0">Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s:</div>
+ <div class="verse indent0">Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja</div>
+ <div class="verse indent0">Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk!</div>
+ <div class="verse indent0">Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend</div>
+ <div class="verse indent0">Und der Sturz des Königs und meiner Mutter</div>
+ <div class="verse indent0">Und der Brüder und all der Tapfern, die</div>
+ <div class="verse indent0">Unter den Feinden dann im Staube liegen,</div>
+ <div class="verse indent0">So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern</div>
+ <div class="verse indent0">Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage,</div>
+ <div class="verse indent0">Die du in Argos dann am fremden Webstuhl</div>
+ <div class="verse indent0">Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend</div>
+ <div class="verse indent0">Wasser holst an der Quelle Messeis oder</div>
+ <div class="verse indent0">Hyperia! Und einer, der dich da</div>
+ <div class="verse indent0">Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht:</div>
+ <div class="verse indent0">»Das ist Hektors Weib, der so tapfer war,</div>
+ <div class="verse indent0">Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.«</div>
+ <div class="verse indent0">Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem</div>
+ <div class="verse indent0">Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege</div>
+ <div class="verse indent0">Längst im Dunkel der Erde und höre</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und so sprechend griff nach seinem Kinde</div>
+ <div class="verse indent0">Hektor; aber das warf sich schreiend herum</div>
+ <div class="verse indent0">Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters</div>
+ <div class="verse indent0">Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es.</div>
+ <div class="verse indent0">Und sein lieber Vater und seine Mutter</div>
+ <div class="verse indent0">Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab,</div>
+ <div class="verse indent0">Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind,</div>
+ <div class="verse indent0">Tänzelte es mit beiden Händen und rief,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf zu Zeus und den andern Göttern betend:</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe37" id="illu_013">
+ <img class="w100" src="images/illu_013.jpg" alt="Hektors und Andromaches
+ Abschiedskuss">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_013_gross.jpg"
+ id="illu_013_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich mir unter den Troern einst voranstehn!</div>
+ <div class="verse indent0">Tapfer sein und über Ilion herrschen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß die Sage einmal im Volke gehe:</div>
+ <div class="verse indent0">Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe</div>
+ <div class="verse indent0">Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten</div>
+ <div class="verse indent0">Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt,</div><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>
+ <div class="verse indent0">Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend,</div>
+ <div class="verse indent0">Legt er das Kind in seiner Mutter Arme,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie nahm es an ihre atmende Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend,</div>
+ <div class="verse indent0">Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten.</div>
+ <div class="verse indent0">Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden.</div>
+ <div class="verse indent0">Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn es waltet von Anfang an. Deshalb</div>
+ <div class="verse indent0">Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft,</div>
+ <div class="verse indent0">Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an,</div>
+ <div class="verse indent0">Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber</div>
+ <div class="verse indent0">Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist,</div>
+ <div class="verse indent0">Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte</div>
+ <div class="verse indent0">Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau</div>
+ <div class="verse indent0">Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie</div>
+ <div class="verse indent0">Still und sah sich um nach ihm und weinte.</div>
+ <div class="verse indent0">Und zu Hause, als die Mägde sie sahen,</div>
+ <div class="verse indent0">Weinten und jammerten sie, und Hektor war</div>
+ <div class="verse indent0">Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er jemals wieder nach Hause käme.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Hermann Grimm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Hektors_Abschied">Hektors Abschied</h3>
+
+</div>
+
+<p class="center">Andromache:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Will sich Hektor ewig von mir wenden,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Achill mit den unnahbarn Händen</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?</div>
+ <div class="verse indent0">Wer wird künftig deinen Kleinen lehren</div>
+ <div class="verse indent0">Speere werfen und die Götter ehren,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="center">Hektor:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Teures Weib, gebiete deinen Tränen!</div>
+ <div class="verse indent0">Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Diese Arme schützen Pergamus,</div><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+ <div class="verse indent0">Kämpfend für den heilgen Herd der Götter</div>
+ <div class="verse indent0">Fall ich und, des Vaterlands Retter,</div>
+ <div class="verse indent0">Steig ich nieder zu dem styg’schen Fluß.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="center">Andromache:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,</div>
+ <div class="verse indent0">Müßig liegt dein Eisen in der Halle,</div>
+ <div class="verse indent0">Priams großer Heldenstamm verdirbt.</div>
+ <div class="verse indent0">Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Cocytus durch die Wüsten weinet,</div>
+ <div class="verse indent0">Deine Liebe in dem Lethe stirbt.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="center">Hektor:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">All mein Sehnen will ich, all mein Denken</div>
+ <div class="verse indent0">In des Lethe stillen Strom versenken,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber meine Liebe nicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern,</div>
+ <div class="verse indent0">Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern!</div>
+ <div class="verse indent0">Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent24">Friedr. v. Schiller</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_015">
+ <img class="w100" src="images/illu_015.jpg" alt="Hektor, mit Schild und Lanze, stürmt nach vorne">
+</figure>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<h3 class="mtop2" id="Hektors_Tod">Hektors Tod</h3>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Also weineten beide, den trautesten Sohn anflehend,</div>
+ <div class="verse indent0">Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, er erharrt Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.</div>
+ <div class="verse indent0">So wie ein Drach im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,</div>
+ <div class="verse indent0">Statt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;</div>
+ <div class="verse indent0">Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft;</div>
+ <div class="verse indent0">So unbändigen Mutes verweilt auch Hektor und wich nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;</div>
+ <div class="verse indent0">Unmutvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:</div>
+ <div class="verse indent0">„Wehe mir! Wollt ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,</div>
+ <div class="verse indent0">Welcher mir riet, in die Veste das Heer der Troer zu führen;</div>
+ <div class="verse indent0">Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.</div>
+ <div class="verse indent0">Aber ich hörete nicht; wie heilsam hätt ich gehöret!</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzo, nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,</div>
+ <div class="verse indent0">Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß nicht einst mir sage der Schlechtern einer umher wo:</div>
+ <div class="verse indent0">»Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!«</div>
+ <div class="verse indent0">Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:</div>
+ <div class="verse indent0">Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,</div>
+ <div class="verse indent0">Oder auch selbst ihm zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.</div>
+ <div class="verse indent0">Aber legt ich zur Erde den Schild von geründeter Wölbung,</div>
+ <div class="verse indent0">Samt dem gewichtigen Helm, und, den Speer an die Mauer gelehnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Eilt ich entgegenzugehn dem tadellosen Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und verhieß ihm Helena selbst und ihre Besitzung,</div>
+ <div class="verse indent0">Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen</div>
+ <div class="verse indent0">Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er zu Atreus Söhnen es führt; auch dem Volke von Argos</div>
+ <div class="verse indent0">Anderes auszuteilen, wieviel auch heget die Stadt hier;</div>
+ <div class="verse indent0">Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,</div>
+ <div class="verse indent0">Nichts imgeheim zu entziehn, nein, zwiefach alles zu teilen,</div>
+ <div class="verse indent0">Was auch die liebliche Stadt an Gut in den Wohnungen einschließt: —</div>
+ <div class="verse indent0">Aber warum doch bewegte das Herz mir solche Gedanken?</div>
+ <div class="verse indent0">Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein, sonder Erbarmung</div>
+ <div class="verse indent0">Würd er, ohn einige Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,</div>
+ <div class="verse indent0">Grad hinweg wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.</div><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>
+ <div class="verse indent0">Jetzo fürwahr nicht gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen</div>
+ <div class="verse indent0">Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,</div>
+ <div class="verse indent0">Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.</div>
+ <div class="verse indent0">Besser zu feindlichem Kampf an rennen wir! Daß wir in Eile</div>
+ <div class="verse indent0">Sehn, wem etwa von uns der Olympier gönne den Siegesruhm!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Also erwog er, und blieb. Doch nah ihm wandelt Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,</div>
+ <div class="verse indent0">Welchem Pelions Esch auf der rechten Schulter entsetzlich</div>
+ <div class="verse indent0">Bebete; aber das Erz umleuchtet’ ihn, ähnlich dem Schimmer</div>
+ <div class="verse indent0">Lodernder Feuersbrunst, und der hell aufgehenden Sonne.</div>
+ <div class="verse indent0">Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte: nicht auch vermocht’ er</div>
+ <div class="verse indent0">Dort zu bestehn, und er wandte vom Tore sich, ängstlich entfliehend.</div>
+ <div class="verse indent0">Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.</div>
+ <div class="verse indent0">So wie ein Falk des Gebirgs, der behendeste aller Gevögel,</div>
+ <div class="verse indent0">Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;</div>
+ <div class="verse indent0">Seitwärts schlüpft sie oft: doch nah mit hellem Getön ihr</div>
+ <div class="verse indent0">Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:</div>
+ <div class="verse indent0">So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor</div>
+ <div class="verse indent0">Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.</div>
+ <div class="verse indent0">Beid an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenhügel,</div>
+ <div class="verse indent0">Immer hinweg von der Mauer entflogen sie über den Fahrweg.</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie erreichten die zwei schönsprudelnden Quellen, woher sich</div>
+ <div class="verse indent0">Beide Bäch ergießen des wirbelvollen Skamandros.</div>
+ <div class="verse indent0">Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr</div>
+ <div class="verse indent0">Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel.</div>
+ <div class="verse indent0">Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.</div>
+ <div class="verse indent0">Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,</div>
+ <div class="verse indent0">Schön, aus Steinen gehauen, wo die stattlichen Feiergewande</div>
+ <div class="verse indent0">Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als noch blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam.</div>
+ <div class="verse indent0">Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.</div>
+ <div class="verse indent0">Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte,</div>
+ <div class="verse indent0">Stürmenden Laufs: denn nicht um ein Weihvieh oder ein Stierfell</div>
+ <div class="verse indent0">Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektor.</div><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>
+ <div class="verse indent0">So wie zum Siege gewöhnt, um das Ziel starkhufige Rosse</div>
+ <div class="verse indent0">Hurtiger drehen den Lauf; denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,</div>
+ <div class="verse indent0">Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:</div>
+ <div class="verse indent0">Also kreiseten sie dreimal um Priamos Veste</div>
+ <div class="verse indent0">Rasch mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illu_018">
+ <img class="w100" src="images/illu_018.jpg" alt="Athene mit Helm, Rüstung und
+ Speer">
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+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater:</div>
+ <div class="verse indent0">„Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja,</div>
+ <div class="verse indent0">Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich,</div>
+ <div class="verse indent0">Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar</div>
+ <div class="verse indent0">Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.</div>
+ <div class="verse indent0">Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo</div>
+ <div class="verse indent0">Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“</div>
+ <div class="verse indent0">Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:</div>
+ <div class="verse indent0">„Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!</div>
+ <div class="verse indent0">Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis,</div>
+ <div class="verse indent0">Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?</div>
+ <div class="verse indent0">Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:</div>
+ <div class="verse indent0">„Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens</div>
+ <div class="verse indent0">Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.</div>
+ <div class="verse indent0">Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin;</div>
+ <div class="verse indent0">Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,</div>
+ <div class="verse indent0">Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche;</div>
+ <div class="verse indent0">Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig,</div>
+ <div class="verse indent0">Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden:</div>
+ <div class="verse indent0">So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus.</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore</div>
+ <div class="verse indent0">Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten;</div>
+ <div class="verse indent0">Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts</div><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>
+ <div class="verse indent0">Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.</div>
+ <div class="verse indent0">Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen;</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen.</div>
+ <div class="verse indent0">So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon</div>
+ <div class="verse indent0">Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;</div>
+ <div class="verse indent0">Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme.</div>
+ <div class="verse indent0">Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet,</div>
+ <div class="verse indent0">Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater,</div>
+ <div class="verse indent0">Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes,</div>
+ <div class="verse indent0">Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor.</div>
+ <div class="verse indent0">Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal</div>
+ <div class="verse indent0">Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene;</div>
+ <div class="verse indent0">Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen,</div>
+ <div class="verse indent0">Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon,</div>
+ <div class="verse indent0">Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters.</div>
+ <div class="verse indent0">Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber</div>
+ <div class="verse indent0">Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens,</div>
+ <div class="verse indent0">Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.</div>
+ <div class="verse indent0">Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor,</div>
+ <div class="verse indent0">Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;</div>
+ <div class="verse indent0">Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!</div>
+ <div class="verse indent0">Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:</div><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+ <div class="verse indent0">„Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder,</div>
+ <div class="verse indent0">Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm,</div>
+ <div class="verse indent0">Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:</div>
+ <div class="verse indent0">„Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,</div>
+ <div class="verse indent0">Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch,</div>
+ <div class="verse indent0">Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht</div>
+ <div class="verse indent0">Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus</div>
+ <div class="verse indent0">Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt</div>
+ <div class="verse indent0">Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.</div>
+ <div class="verse indent0">Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo!</div>
+ <div class="verse indent0">Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend,</div>
+ <div class="verse indent0">Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,</div>
+ <div class="verse indent0">Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle!</div>
+ <div class="verse indent0">Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten</div>
+ <div class="verse indent0">Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir</div>
+ <div class="verse indent0">Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben:</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:</div>
+ <div class="verse indent0">„Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet,</div>
+ <div class="verse indent0">Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:</div>
+ <div class="verse indent0">So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,</div>
+ <div class="verse indent0">Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz</div>
+ <div class="verse indent0">Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!</div>
+ <div class="verse indent0">Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir,</div><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>
+ <div class="verse indent0">Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger!</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal,</div>
+ <div class="verse indent0">Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_022">
+ <img class="w100" src="images/illu_022.jpg" alt="Athene mischt sich in den
+ Kampf zwischen Hektor und Achilles ein">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze.</div>
+ <div class="verse indent0">Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;</div>
+ <div class="verse indent0">Denn er sank in die Knie; und es flog der eherne Wurfspieß</div>
+ <div class="verse indent0">über ihn weg in die Erd; ihn begriff und reichte die Göttin</div>
+ <div class="verse indent0">Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.</div>
+ <div class="verse indent0">Hektor aber begann zu dem tadellosen Achilleus:</div>
+ <div class="verse indent0">„Weit gefehlt! Nein, schwerlich, o göttergleicher Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich, vor dir hinbebend, des Muts und der Stärke vergäße.</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern vorn, dem gerad Anstürmenden, stoß in die Brust ihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn dir ein Gott es verlieh! Nun aber vermeid auch die Schärfe</div>
+ <div class="verse indent0">Meines Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!</div>
+ <div class="verse indent0">Weit ja erträglicher würde der Kampf für die Männer von Troja,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!“</div>
+ <div class="verse indent0">Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,</div>
+ <div class="verse indent0">Traf, und verfehlete nicht, gerad auf den Schild des Peleiden;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,</div><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>
+ <div class="verse indent0">Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;</div>
+ <div class="verse indent0">Stand und schaute bestürzt; denn es war kein anderer Wurfspieß.</div>
+ <div class="verse indent0">Laut zu Deiphobos drauf, dem weißgeschilderten, ruft er.</div>
+ <div class="verse indent0">Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.</div>
+ <div class="verse indent0">Hektor erkannt es anjetzt in seinem Geist, und begann so:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn;</div>
+ <div class="verse indent0">Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch;</div>
+ <div class="verse indent0">Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches</div>
+ <div class="verse indent0">Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich</div>
+ <div class="verse indent0">Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal!</div>
+ <div class="verse indent0">Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus,</div>
+ <div class="verse indent0">Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;</div>
+ <div class="verse indent0">An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,</div>
+ <div class="verse indent0">Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken</div>
+ <div class="verse indent0">Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein:</div>
+ <div class="verse indent0">Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.</div>
+ <div class="verse indent0">Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm</div>
+ <div class="verse indent0">Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor,</div>
+ <div class="verse indent0">Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend,</div>
+ <div class="verse indent0">Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes</div>
+ <div class="verse indent0">Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.</div>
+ <div class="verse indent0">Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,</div>
+ <div class="verse indent0">Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:</div>
+ <div class="verse indent0">Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus</div>
+ <div class="verse indent0">Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor,</div>
+ <div class="verse indent0">Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte.</div>
+ <div class="verse indent0">Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung,</div>
+ <div class="verse indent0">Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;</div>
+ <div class="verse indent0">Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet,</div>
+ <div class="verse indent0">Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens:</div>
+ <div class="verse indent0">Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche;</div>
+ <div class="verse indent0">Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus;</div><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+ <div class="verse indent0">„Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos,</div>
+ <div class="verse indent0">Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten.</div>
+ <div class="verse indent0">Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer</div>
+ <div class="verse indent0">Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel</div>
+ <div class="verse indent0">Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor:</div>
+ <div class="verse indent0">„Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern,</div>
+ <div class="verse indent0">Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen;</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes</div>
+ <div class="verse indent0">Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat</div>
+ <div class="verse indent0">Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:</div>
+ <div class="verse indent0">„Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern!</div>
+ <div class="verse indent0">Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen</div>
+ <div class="verse indent0">Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!</div>
+ <div class="verse indent0">Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung,</div>
+ <div class="verse indent0">Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!</div>
+ <div class="verse indent0">Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte</div>
+ <div class="verse indent0">Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter</div>
+ <div class="verse indent0">Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren;</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen</div>
+ <div class="verse indent0">Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen.</div>
+ <div class="verse indent0">Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,</div>
+ <div class="verse indent0">Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon</div>
+ <div class="verse indent0">Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn;</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,</div>
+ <div class="verse indent0">Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Johann Heinrich Voß</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Aus_der_Penthesilea">Aus der „Penthesilea“</h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="Achills_Tod">Achills Tod</h3>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Odysseus</em>:</div>
+ <div class="verse indent0">Wir zogen aus, auf des Atriden Rat,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit der gesamten Schar der Myrmidonen,</div>
+ <div class="verse indent0">Achill und ich: Penthesilea, hieß es,</div>
+ <div class="verse indent0">Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden,</div>
+ <div class="verse indent0">Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Amazonen, heißer Kampflust voll,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch der Gebirge Windungen heran,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Priamus in Troja zu entsetzen.</div>
+ <div class="verse indent0">Am Ufer des Skamandros, hören wir,</div>
+ <div class="verse indent0">Deiphobus auch, der Priamide, sei</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Ilium mit einer Schar gezogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Königin, die ihm mit Hilfe naht,</div>
+ <div class="verse indent0">Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner</div>
+ <div class="verse indent0">Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen;</div>
+ <div class="verse indent0">Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte,</div>
+ <div class="verse indent0">Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch,</div>
+ <div class="verse indent0">Da wir in einem weiten Tal vor uns</div>
+ <div class="verse indent0">Mit des Deiphobus Iliern im Kampf</div>
+ <div class="verse indent0">Die Amazonen sehn! Penthesilea,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk,</div>
+ <div class="verse indent0">Weht der Trojaner Reihen vor sich her,</div>
+ <div class="verse indent0">Als gält es übern Hellespont hinaus,</div>
+ <div class="verse indent0">Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir sammeln uns,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße.</div>
+ <div class="verse indent0">Auf diesen Anblick stutzt der Priamide;</div>
+ <div class="verse indent0">Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich</div>
+ <div class="verse indent0">Die Amazonenfürstin zu begrüßen:</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt.</div>
+ <div class="verse indent0">War je ein Rat einfältiger und besser?</div>
+ <div class="verse indent0">Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ins Ohr verständiger mir flüstern können?</div><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+ <div class="verse indent0">Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch,</div>
+ <div class="verse indent0">Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet,</div>
+ <div class="verse indent0">In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie muß zu einer der Partein sich schlagen;</div>
+ <div class="verse indent0">Und uns die Freundin müssen wir sie glauben,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun gut.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir finden sie, die Heldin Scythiens,</div>
+ <div class="verse indent0">Achill und ich — in kriegerischer Feier</div>
+ <div class="verse indent0">An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt,</div>
+ <div class="verse indent0">Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel,</div>
+ <div class="verse indent0">Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend,</div>
+ <div class="verse indent0">Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund.</div>
+ <div class="verse indent0">Gedankenvoll, auf einen Augenblick,</div>
+ <div class="verse indent0">Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden;</div>
+ <div class="verse indent0">Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:</div>
+ <div class="verse indent0">Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:</div>
+ <div class="verse indent0">Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie</div>
+ <div class="verse indent0">Die Welt in helle Flammenlohe auf.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung,</div>
+ <div class="verse indent0">— Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn —</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Zügel einer Dienrin überliefernd,</div>
+ <div class="verse indent0">Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen;</div>
+ <div class="verse indent0">Was für ein Haß den Priamiden längst</div>
+ <div class="verse indent0">Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich,</div>
+ <div class="verse indent0">So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein;</div>
+ <div class="verse indent0">Und was der Augenblick noch sonst mir beut:</div>
+ <div class="verse indent0">Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede,</div>
+ <div class="verse indent0">Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einem Ausdruck der Verwunderung,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich,</div>
+ <div class="verse indent0">Das von olympischen Spielen wiederkehrt,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu einer Freundin ihr zur Seite sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist</div><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+ <div class="verse indent0">Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“</div>
+ <div class="verse indent0">Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt,</div>
+ <div class="verse indent0">Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder</div>
+ <div class="verse indent0">Auf des Aeginers schimmernder Gestalt:</div>
+ <div class="verse indent0">Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei.</div>
+ <div class="verse indent0">Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend,</div>
+ <div class="verse indent0">Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei</div>
+ <div class="verse indent0">Penthesilea, kehrt sie sich zu mir,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Amazonen Königin, und werde</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Köchern mir die Antwort übersenden!</div>
+ <div class="verse indent0">Hierauf unwissend jetzt,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wir von diesem Auftritt denken sollen,</div>
+ <div class="verse indent0">In grimmiger Beschämung gehn wir heim,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach</div>
+ <div class="verse indent0">Von fern her, die hohnlächelnden, erraten,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen</div>
+ <div class="verse indent0">Im Wahn, sie seien die Begünstigten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse,</div>
+ <div class="verse indent0">Sei an dem Zorn der Amazone schuld,</div>
+ <div class="verse indent0">Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Die sie verschmäht, von neuem anzutragen.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch eh der Bote, den sie senden wollen,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein.</div>
+ <div class="verse indent0">Mit eines Waldstroms wütendem Erguß</div>
+ <div class="verse indent0">Die einen, wie die andern, niederbrausend.</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt hebt</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken.</div>
+ <div class="verse indent0">So viel ich weiß, gibt es in der Natur</div>
+ <div class="verse indent0">Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.</div>
+ <div class="verse indent0">Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend</div>
+ <div class="verse indent0">Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier</div>
+ <div class="verse indent0">Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser,</div><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>
+ <div class="verse indent0">Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche</div>
+ <div class="verse indent0">Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen,</div>
+ <div class="verse indent0">Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Diomedes</em>:</div>
+ <div class="verse indent0">Seit jenem Tage</div>
+ <div class="verse indent0">Grollt über dieser Ebne unverrückt</div>
+ <div class="verse indent0">Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein</div>
+ <div class="verse indent0">Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln</div>
+ <div class="verse indent0">Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern</div>
+ <div class="verse indent0">Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Als wollte sie den ganzen Griechenstamm</div>
+ <div class="verse indent0">Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston,</div>
+ <div class="verse indent0">Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ihren jungen, schönen Leibern groß</div>
+ <div class="verse indent0">Für diese kühne Tochter Ares’ düngend.</div>
+ <div class="verse indent0">Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon,</div>
+ <div class="verse indent0">Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ.</div>
+ <div class="verse indent0">— Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn</div>
+ <div class="verse indent0">Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß</div>
+ <div class="verse indent0">Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte.</div>
+ <div class="verse indent0">So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,</div>
+ <div class="verse indent0">Die sich ihr Auge grimmig auserkor,</div>
+ <div class="verse indent0">Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Leben war in ihre Macht gegeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder:</div>
+ <div class="verse indent0">Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt.</div>
+ <div class="verse indent0">Denn als sie um die Abenddämmrung gestern</div>
+ <div class="verse indent0">Im Kampf, Penthesilea und Achill,</div><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>
+ <div class="verse indent0">Einander trafen, stürmt Deiphobus her,</div>
+ <div class="verse indent0">Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Teukrische, trifft er dem Peleiden</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten</div>
+ <div class="verse indent0">Die Arme sinken: und die Locken dann</div>
+ <div class="verse indent0">Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,</div>
+ <div class="verse indent0">Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er zu Füßen hin, der Unberufne,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.</div>
+ <div class="verse indent0">Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals</div>
+ <div class="verse indent0">Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft,</div>
+ <div class="verse indent0">Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Hauptmann</em>:</div>
+ <div class="verse indent0">Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl,</div>
+ <div class="verse indent0">Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter,</div>
+ <div class="verse indent0">Rings der Ätolier wackre Reihen hin,</div>
+ <div class="verse indent0">Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie,</div>
+ <div class="verse indent0">Die unbesiegten Myrmidonier, gießend.</div>
+ <div class="verse indent0">Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog</div>
+ <div class="verse indent0">Entgegen uns: in wilder Überschwemmung</div>
+ <div class="verse indent0">Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort:</div>
+ <div class="verse indent0">Und eher nicht vermögen wir den Fuß,</div>
+ <div class="verse indent0">Als fern von den Peliden festzusetzen.</div>
+ <div class="verse indent0">Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt</div>
+ <div class="verse indent0">Von eines Hügels Spitze scheu herab,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden</div>
+ <div class="verse indent0">Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch es erstirbt der Laut im Busen uns,</div>
+ <div class="verse indent0">Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück</div>
+ <div class="verse indent0">Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken</div>
+ <div class="verse indent0">In grause Tiefe bäumend niederschaut.</div><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>
+ <div class="verse indent0">Vergebens jetzt, in der er Meister ist,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst:</div>
+ <div class="verse indent0">Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe,</div>
+ <div class="verse indent0">Und im verworrenen Geschirre fallend,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt,</div>
+ <div class="verse indent0">Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie in der Schlinge eingefangen da.</div>
+ <div class="verse indent0">Es stürzt</div>
+ <div class="verse indent0">Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,</div>
+ <div class="verse indent0">In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:</div>
+ <div class="verse indent0">Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch eh er noch aus allen Knoten rings</div>
+ <div class="verse indent0">Die Schenkel, die verwickelten, gelöst,</div>
+ <div class="verse indent0">Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm</div>
+ <div class="verse indent0">Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,</div>
+ <div class="verse indent0">Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel</div>
+ <div class="verse indent0">Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt,</div>
+ <div class="verse indent0">Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand:</div>
+ <div class="verse indent0">Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte,</div>
+ <div class="verse indent0">Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg,</div>
+ <div class="verse indent0">Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig</div>
+ <div class="verse indent0">Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt,</div>
+ <div class="verse indent0">In ihre beiden kleinen Hände drücken.</div>
+ <div class="verse indent0">Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick,</div>
+ <div class="verse indent0">Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß</div>
+ <div class="verse indent0">Eindringlicher Gebärde sie beschwörend;</div>
+ <div class="verse indent0">Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre,</div>
+ <div class="verse indent0">Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift:</div>
+ <div class="verse indent0">Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch sie — Ihr hört’s.</div>
+ <div class="verse indent0">Umsonst sind die Versuche, sie zu halten,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe</div>
+ <div class="verse indent0">An dem Geklüfte auf und nieder streifend,</div>
+ <div class="verse indent0">Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete</div><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+ <div class="verse indent0">Für einen Wunsch, der keine Flügel hat;</div>
+ <div class="verse indent0">Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man</div>
+ <div class="verse indent0">Empor sie an des Felsens Wände klimmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort,</div>
+ <div class="verse indent0">Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege</div>
+ <div class="verse indent0">Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen.</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Den sich im Fels der Regen ausgewaschen;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um,</div>
+ <div class="verse indent0">Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an.</div>
+ <div class="verse indent0">Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich</div>
+ <div class="verse indent0">Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut,</div>
+ <div class="verse indent0">Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher</div>
+ <div class="verse indent0">Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem</div>
+ <div class="verse indent0">Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum</div>
+ <div class="verse indent0">Als eine Gemse sich zu halten braucht;</div>
+ <div class="verse indent0">Von ragendem Geklüfte rings geschreckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft:</div>
+ <div class="verse indent0">Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin,</div>
+ <div class="verse indent0">Von los sich lösendem Gestein umprasselt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd</div>
+ <div class="verse indent0">Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück,</div>
+ <div class="verse indent0">Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:</div>
+ <div class="verse indent0">Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet —</div>
+ <div class="verse indent0">— Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu</div>
+ <div class="verse indent0">Den ganzen erznen Wagen schmieden können —</div>
+ <div class="verse indent0">Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel:</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet,</div>
+ <div class="verse indent0">Erspähn die Amazonen einen Pfad,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Königin dahin, die sinnberaubte,</div>
+ <div class="verse indent0">Die immer noch des Felsens Sturz versucht.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend,</div>
+ <div class="verse indent0">Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan;</div>
+ <div class="verse indent0">Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie</div><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>
+ <div class="verse indent0">Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide,</div>
+ <div class="verse indent0">Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch in den Gründen bald verschwand er mir,</div>
+ <div class="verse indent0">Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe42" id="illu_032">
+ <img class="w100" src="images/illu_032.jpg" alt="Die Amazonenkönigin, in ihrer
+ Rüstung auf ihrem Pferd">
+</figure>
+
+<p>Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen
+Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen.
+Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht,
+für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins
+Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu
+ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner
+Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden
+ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die
+Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf,
+um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser
+Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit
+Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0 padbot0_25"><em class="gesperrt">Meroe</em>:</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr wißt,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie, die fortan kein Name nennt —</div>
+ <div class="verse indent0">In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.</div>
+ <div class="verse indent0">Von Hunden rings umheult und Elefanten,</div>
+ <div class="verse indent0">Kam sie daher, den Bogen in der Hand:</div><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+ <div class="verse indent0">Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er,</div>
+ <div class="verse indent0">Die blutumtriefte Graungestalt, einher</div>
+ <div class="verse indent0">Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fackel über blühnde Städte schwingend,</div>
+ <div class="verse indent0">Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.</div>
+ <div class="verse indent0">Achilleus, der, wie man im Heer versichert,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig</div>
+ <div class="verse indent0">Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen:</div>
+ <div class="verse indent0">Denn auch er — o wie mächtig sind die Götter! —</div>
+ <div class="verse indent0">Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen;</div>
+ <div class="verse indent0">Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und läßt die Freunde hinter sich zurück.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen</div>
+ <div class="verse indent0">Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:</div>
+ <div class="verse indent0">Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft</div>
+ <div class="verse indent0">Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt.</div>
+ <div class="verse indent0">Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und will zurück noch zu den Freunden fliehn:</div>
+ <div class="verse indent0">Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt</div>
+ <div class="verse indent0">In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge,</div>
+ <div class="verse indent0">Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. —</div>
+ <div class="verse indent0">Inzwischen schritt die Königin heran,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald</div>
+ <div class="verse indent0">Hochher, gleich einem Jäger, überschauend;</div>
+ <div class="verse indent0">Und da er eben, die Gezweige öffnend,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu ihren Füßen niedersinken will:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie</div>
+ <div class="verse indent0">Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich</div>
+ <div class="verse indent0">Den Bogen an, daß sich die Enden küssen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt!</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,</div><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+ <div class="verse indent0">Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Und hebt sich wiederum und will entfliehn;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne!</div>
+ <div class="verse indent0">Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und stürzt — stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!</div>
+ <div class="verse indent0">Sich über ihn, und reißt — reißt ihn beim Helmbusch,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt;</div>
+ <div class="verse indent0">Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder!</div>
+ <div class="verse indent0">Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,</div>
+ <div class="verse indent0">Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:</div>
+ <div class="verse indent0">„Penthesilea! meine Braut! was tust du?</div>
+ <div class="verse indent0">Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“</div>
+ <div class="verse indent0">Doch sie — die Löwin hätte ihn gehört,</div>
+ <div class="verse indent0">Die hungrige, die wild nach Raub umher,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf öden Schneegefilden heulend treibt —</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie und die Hunde, die wetteifernden,</div>
+ <div class="verse indent0">Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,</div>
+ <div class="verse indent0">In seine linke sie; als ich erschien,</div>
+ <div class="verse indent0">Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,</div>
+ <div class="verse indent0">Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute,</div>
+ <div class="verse indent0">Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,</div>
+ <div class="verse indent0">In das Unendliche hinaus, und schweigt.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir fragen mit gesträubten Haaren sie:</div>
+ <div class="verse indent0">Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,</div>
+ <div class="verse indent0">Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent24">Heinrich von Kleist</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Aus_der_Odyssee">Aus der Odyssee</h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="Odysseus_und_Polyphem">Odysseus und Polyphem</h3>
+
+<p>Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so
+widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte,
+wie dem klugen Helden Odysseus.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe33" id="illu_035">
+ <img class="w100" src="images/illu_035.jpg" alt="Odysseus sitzt nachdenkend
+ auf seinem Schiff">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_035_gross.jpg"
+ id="illu_035_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p>
+
+<p>Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja
+absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der
+Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward
+unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald
+weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den
+sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt
+die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark
+waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum
+Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe
+sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen,
+trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen.</p>
+
+<p>Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer,
+und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am
+zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von
+der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren
+und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder
+gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung
+eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die
+Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen
+von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte
+nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die
+ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie
+mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend
+weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der
+Heimat vergäßen.</p>
+
+<p>Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das
+waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das
+Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und
+säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen
+ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach
+Willkür über Mann und Kinder.</p>
+
+<p>Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem
+Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen
+umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser
+Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als
+derselbe heraufstieg, wunderten<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> sie sich des fruchtbaren und doch
+menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur
+Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt,
+und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an
+einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es
+nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen
+erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug.</p>
+
+<p>Von der Insel aus sahen die Griechen auch das Land, der Cyklopen, von
+dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief
+Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil
+derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande
+zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten
+unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben.</p>
+
+<p>Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die
+Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte
+Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes
+Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr
+wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb
+und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich
+nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter
+waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen
+namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich
+blickend, mitten auf der Stirn stand.</p>
+
+<p>Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur
+zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe
+zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht
+wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit,
+auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros
+von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß
+man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser
+vermischen mußte.</p>
+
+<p>In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber
+hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit
+auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da.
+Odysseus’ Gefährten wollten<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> etliche Körbe mit Käsen, auch etliche
+Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen.
+Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da
+zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen
+dann selbst.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_038">
+ <img class="w100" src="images/illu_038.jpg" alt="Odysseus spricht mit dem
+ Zyklopen Polyphem">
+</figure>
+
+<p>Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er
+krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und
+Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem
+gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte
+man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig
+gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde
+gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene
+in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die
+Griechen, welche sich in den äußersten<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> Winkel der Höhle versteckt
+hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und
+woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres
+getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr
+Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“</p>
+
+<p>Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt,
+Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von
+Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von
+schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande.
+Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst,
+damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und
+Beschützer ist.“</p>
+
+<p>Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an
+Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die
+übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn
+du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner
+Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr
+gekommen.“</p>
+
+<p>Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge
+Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin
+allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“</p>
+
+<p>Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der
+Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das
+Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied
+fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen
+Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die
+Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber
+streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle
+und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden
+Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit
+besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem
+sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande
+gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der
+Höhle gehoben hatte.</p>
+
+<p>Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an,
+molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals
+zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann
+trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem
+er den Felsen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in
+die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun
+die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich
+reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.</p>
+
+<p>In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war
+sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten
+können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen
+Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg
+er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier
+seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er
+ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.</p>
+
+<p>Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten
+wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat
+Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken
+Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm,
+Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese
+trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher
+noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein,
+aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte
+Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach
+dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er,
+den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm
+den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich
+alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten
+Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber
+Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder,
+und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf
+gefallen war.</p>
+
+<p>Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus
+entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend,
+und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des
+Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte
+er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut
+die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend
+spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende
+Axt hineinhält.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den
+entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem
+Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des
+Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten
+hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage,
+wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete
+er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig
+angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas
+zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen
+haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute
+sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.</p>
+
+<p>Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber
+mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er
+sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte
+Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei
+Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner
+Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn
+nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres
+hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.</p>
+
+<p>Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere
+festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder
+der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle
+desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der
+Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der
+Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät,
+da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht
+dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling
+geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich
+versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann
+ließ er den Widder gehen.</p>
+
+<p>Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine
+Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere
+zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben
+waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie
+Polyphem sechs ihrer Gefährten<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> gemordet und verschlungen habe, dann
+stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in
+einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen
+die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen
+fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“
+Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn
+grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte
+das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel,
+und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das
+Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die
+Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als
+am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen
+will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war
+es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem,
+wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch
+Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in
+Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein
+großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun
+hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem
+er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte
+Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit
+entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da
+betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war,
+daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen
+Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.</p>
+
+<p>Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder
+auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus
+opferte.</p>
+
+<p class="right mright2 mbot2">Albert Richter</p>
+
+<div class="section">
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_043">
+ <img class="w100" src="images/illu_043.jpg" alt="Telemachos fährt nachts auf
+ dem Meer">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_043_gross.jpg"
+ id="illu_043_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<h3 id="Naechtliche_Fahrt">Nächtliche Fahrt</h3>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll</div>
+ <div class="verse indent0">Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.</div><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der glückbedürft’ge hieß Telemachos</div>
+ <div class="verse indent0">Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug,</div>
+ <div class="verse indent0">Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß,</div>
+ <div class="verse indent0">Athene war’s, die Mentors Züge trug.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Unendlich brach hervor der Sterne Heer,</div>
+ <div class="verse indent0">Die lichten Waller wußten ihre Bahn ...</div>
+ <div class="verse indent0">Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer:</div>
+ <div class="verse indent0">„Zusammen rufen wir die Götter an!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Hände, wie der Staubgeborne fleht,</div>
+ <div class="verse indent0">Erhob sie ausgebreitet in die Nacht —</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie erhörte selber das Gebet,</div>
+ <div class="verse indent0">Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Conr. Ferd. Meyer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_sterbende_Meduse">Die sterbende Meduse</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten,</div>
+ <div class="verse indent0">Belauert Perseus bang in seinem Schild</div>
+ <div class="verse indent0">Der schlummernden Meduse Spiegelbild,</div>
+ <div class="verse indent0">Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.</div>
+ <div class="verse indent0">Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde</div>
+ <div class="verse indent0">Des jungen Wuchses atmende Gebärde —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,</div>
+ <div class="verse indent0">Verderblich der Verderberin genaht?</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!</div>
+ <div class="verse indent0">Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List</div>
+ <div class="verse indent0">Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!</div>
+ <div class="verse indent0">Durch weiße Lider schimmert blaues Licht</div>
+ <div class="verse indent0">Und — zischte dort der Kopf der Natter nicht?“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Menschen schöner Liebling, der sie war,</div>
+ <div class="verse indent0">Bevor die Stirn der Göttin Angebinde</div>
+ <div class="verse indent0">Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.</div>
+ <div class="verse indent0">Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern</div>
+ <div class="verse indent0">Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,</div>
+ <div class="verse indent0">In blühendem Reigen regt sie mit den andern</div>
+ <div class="verse indent0">Die freudehellen, die beschwingten Füße,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte,</div>
+ <div class="verse indent0">Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+ <div class="verse indent0">Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,</div>
+ <div class="verse indent0">Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.</div>
+ <div class="verse indent0">Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,</div>
+ <div class="verse indent0">In unverlorner erster Lieblichkeit.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mörder tritt an ihre Seite dicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dunkler träumt Medusens Angesicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,</div>
+ <div class="verse indent0">Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten —</div>
+ <div class="verse indent0">Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie dem eignen Leben feind geworden,</div>
+ <div class="verse indent0">Und andres Leben sich ergötzt zu morden —</div>
+ <div class="verse indent0">Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die grause Larve, die sie lang geschreckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Begonnen hat der Seele Feierzeit.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.</div>
+ <div class="verse indent0">Als eine der Erlösten fühlt sie sich.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!</div>
+ <div class="verse indent0">Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen</div>
+ <div class="verse indent0">Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Conr. Ferd. Meyer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Griechische_Spiele">Griechische Spiele</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen,</div>
+ <div class="verse indent0">Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit.</div>
+ <div class="verse indent0">Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall</div>
+ <div class="verse indent0">Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz,</div>
+ <div class="verse indent0">Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge — sie wußten,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug.</div>
+ <div class="verse indent0">Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers,</div>
+ <div class="verse indent0">Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz.</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat,</div>
+ <div class="verse indent0">Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds.</div>
+ <div class="verse indent0">Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern,</div>
+ <div class="verse indent0">Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Gustav Pfizer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe37" id="illu_047">
+ <img class="w100" src="images/illu_047.jpg" alt="Das Haupt der Medusa">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_047_gross.jpg"
+ id="illu_047_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Mutter_des_Siegers">Die Mutter des Siegers</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im weiten Rund des Stadion zu Olympia</div>
+ <div class="verse indent0">Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier</div>
+ <div class="verse indent0">Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan</div>
+ <div class="verse indent0">Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge,</div>
+ <div class="verse indent0">Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt.</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur der Demeter greise Priesterin</div>
+ <div class="verse indent0">Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn uralt heiliges Gesetz gebeut:</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib</div>
+ <div class="verse indent0">Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch</div>
+ <div class="verse indent0">Herabgestürzt von jenen Felsenzacken,</div>
+ <div class="verse indent0">Die in Olympias Ebne niederschaun,</div>
+ <div class="verse indent0">Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab</div>
+ <div class="verse indent0">Sein feurig Viergespann lenkt Helios,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe</div>
+ <div class="verse indent0">Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun,</div>
+ <div class="verse indent0">Da wird es still im ungeheuren Ring.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Volkesbrandung hält den Atem an,</div>
+ <div class="verse indent0">Und einen schlanken Jüngling an der Hand</div>
+ <div class="verse indent0">Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern</div>
+ <div class="verse indent0">Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen</div>
+ <div class="verse indent0">Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten,</div>
+ <div class="verse indent0">Eratmend süß im linden Abendhauch,</div>
+ <div class="verse indent0">Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kraft der jungen Schenkel eben erst</div>
+ <div class="verse indent0">Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks.</div>
+ <div class="verse indent0">Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann,</div>
+ <div class="verse indent0">Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht,</div><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+ <div class="verse indent0">Steht er den tausend Gaffenden zur Schau,</div>
+ <div class="verse indent0">Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name:</div>
+ <div class="verse indent0">„Koröbos, Sohn des Pelias.“</div>
+ <div class="verse indent24">Und jetzt</div>
+ <div class="verse indent0">Herab vom Hochsitz naht der älteste</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kampfesrichter, milden Angesichts.</div>
+ <div class="verse indent0">Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd,</div>
+ <div class="verse indent0">Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt,</div>
+ <div class="verse indent0">Indes der Herold laut den Namen ausruft:</div>
+ <div class="verse indent0">„Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis,</div>
+ <div class="verse indent0">Sieger im Fünfkampf.“</div>
+ <div class="verse indent20">Brausend in der Runde,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf,</div>
+ <div class="verse indent0">Und schon erhebt der Palme zarten Zweig,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt</div>
+ <div class="verse indent0">Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben</div>
+ <div class="verse indent0">Empörter Stimmen. Innehält der Greis</div>
+ <div class="verse indent0">Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder</div>
+ <div class="verse indent0">Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf,</div>
+ <div class="verse indent0">Nachschleppend eine dürftige Gestalt,</div>
+ <div class="verse indent0">Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, —</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Weib! — Verwünschungen, geballte Fäuste,</div>
+ <div class="verse indent0">Und jetzt — horch! — aus des Jünglings Mund ein Schrei:</div>
+ <div class="verse indent0">„Mutter! O Mutter!“ — und er stürzt zu ihr,</div>
+ <div class="verse indent0">Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne</div>
+ <div class="verse indent0">Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer</div>
+ <div class="verse indent0">Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße.</div>
+ <div class="verse indent0">Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein,</div>
+ <div class="verse indent0">In sich gebückt, sah sie den Spielen zu,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde,</div>
+ <div class="verse indent0">So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt</div>
+ <div class="verse indent0">Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören</div>
+ <div class="verse indent0">Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens;</div><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span>
+ <div class="verse indent0">Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz.</div>
+ <div class="verse indent0">Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit</div>
+ <div class="verse indent0">Befallen, will den Kopf ihm heben. Da</div>
+ <div class="verse indent0">Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar</div>
+ <div class="verse indent0">Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun bringen wir zu euch die Frevlerin,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ihr sie richten mögt.“</div>
+ <div class="verse indent22">Alsbald erhob sich</div>
+ <div class="verse indent0">Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend,</div>
+ <div class="verse indent0">In Demut vor die Richter trat sie hin:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt:</div>
+ <div class="verse indent0">Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten</div>
+ <div class="verse indent0">Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag,</div>
+ <div class="verse indent0">Der mich erhöht vor allen Weibern sah!</div>
+ <div class="verse indent0">Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng</div>
+ <div class="verse indent0">Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann</div>
+ <div class="verse indent0">Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit.</div>
+ <div class="verse indent0">Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften,</div>
+ <div class="verse indent0">Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach!</div>
+ <div class="verse indent0">Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick</div>
+ <div class="verse indent0">Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur mein Koröbos. Als er von mir ging,</div>
+ <div class="verse indent0">Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder,</div>
+ <div class="verse indent0">Da litt es mich im öden Hause nicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm</div>
+ <div class="verse indent0">Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, —</div>
+ <div class="verse indent0">Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben —</div>
+ <div class="verse indent0">Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß</div>
+ <div class="verse indent0">Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das</div><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>
+ <div class="verse indent0">Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus.</div>
+ <div class="verse indent0">Und so, getrost, beging ich, was verpönt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort</div>
+ <div class="verse indent0">Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch</div>
+ <div class="verse indent0">Den Göttern dank ich, die mich so begnadet,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je</div>
+ <div class="verse indent0">Vergessen trinken dieses Freudentags,</div>
+ <div class="verse indent0">Der mir der letzte war.“</div>
+ <div class="verse indent20">Sie schwieg, den Blick</div>
+ <div class="verse indent0">Auf ihren Liebling haftend, tränenlos,</div>
+ <div class="verse indent0">Verklärt. Und eine Stille ward ringsum,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in der Brust der strengen Richter schwankte</div>
+ <div class="verse indent0">Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich</div>
+ <div class="verse indent0">Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr</div>
+ <div class="verse indent0">Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme,</div>
+ <div class="verse indent0">Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib,</div>
+ <div class="verse indent0">Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab</div>
+ <div class="verse indent0">Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod</div>
+ <div class="verse indent0">Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir</div>
+ <div class="verse indent0">Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel.</div>
+ <div class="verse indent0">Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer —</div>
+ <div class="verse indent0">Die Göttin, der ich diene, spricht sie los,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“</div>
+ <div class="verse indent0">So sprechend nahte sie der Staunenden,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie</div>
+ <div class="verse indent0">Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlang um der Mutter Leib den starken Arm</div>
+ <div class="verse indent0">Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter</div>
+ <div class="verse indent0">Trug im Triumph er strahlend sie dahin,</div>
+ <div class="verse indent0">Die weite Bahn umschreitend, allem Volk</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum</div>
+ <div class="verse indent0">Begrüßten winkend ausgestreckte Hände</div>
+ <div class="verse indent0">Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar:</div>
+ <div class="verse indent0">„Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Glücklichen, die ihn gebar.“</div>
+ <div class="verse indent26">Sie aber,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still,</div><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+ <div class="verse indent0">Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer</div>
+ <div class="verse indent0">Die leichte Last, und tief und tiefer sank</div>
+ <div class="verse indent0">Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt</div>
+ <div class="verse indent0">Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen.</div>
+ <div class="verse indent0">„Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten</div>
+ <div class="verse indent0">Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend,</div>
+ <div class="verse indent0">Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin</div>
+ <div class="verse indent0">Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn auf die Brust der selig Ruhenden.</div>
+ <div class="verse indent0">Und eine Stille ward im weiten Rund,</div>
+ <div class="verse indent0">Als hörten sie die weichen Flügel rauschen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Götterboten, der zur Schattenwelt</div>
+ <div class="verse indent0">Die Seele forttrug dieser Siegerin.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Paul Heyse</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Kraniche_des_Ibykus">Die Kraniche des Ibykus</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zum Kampf der Wagen und Gesänge,</div>
+ <div class="verse indent0">Der auf Korinthus’ Landesenge</div>
+ <div class="verse indent0">Der Griechen Stämme froh vereint,</div>
+ <div class="verse indent0">Zog Ibykus, der Götterfreund.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm schenkte des Gesanges Gabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Lieder süßen Mund Apoll;</div>
+ <div class="verse indent0">So wandert er, an leichtem Stabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Rhegium, des Gottes voll.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schon winkt auf hohem Bergesrücken</div>
+ <div class="verse indent0">Akrokorinth des Wandrers Blicken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in Poseidons Fichtenhain</div>
+ <div class="verse indent0">Tritt er mit frommem Schauder ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme</div>
+ <div class="verse indent0">Von Kranichen begleiten ihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Die fernhin nach des Südens Wärme</div>
+ <div class="verse indent0">In graulichtem Geschwader ziehn.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe36" id="illu_053">
+ <img class="w100" src="images/illu_053.jpg" alt="Ibykus wandert, die Kraniche
+ über ihm">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_053_gross.jpg"
+ id="illu_053_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!</div>
+ <div class="verse indent0">Die mir zur See Begleiter waren,</div><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+ <div class="verse indent0">Zum guten Zeichen nehm ich euch,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Los, es ist dem euren gleich.</div>
+ <div class="verse indent0">Von fernher kommen wir gezogen</div>
+ <div class="verse indent0">Und flehen um ein wirtlich Dach —</div>
+ <div class="verse indent0">Sei uns der Gastliche gewogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und munter fördert er die Schritte</div>
+ <div class="verse indent0">Und sieht sich in des Waldes Mitte;</div>
+ <div class="verse indent0">Da sperren auf gedrangem Steg</div>
+ <div class="verse indent0">Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Kampfe muß er sich bereiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch bald ermattet sinkt die Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hat der Leier zarte Saiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch nie des Bogens Kraft gespannt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er ruft die Menschen an, die Götter,</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Flehen dringt zu keinem Retter;</div>
+ <div class="verse indent0">Wie weit er auch die Stimme schickt,</div>
+ <div class="verse indent0">Nichts Lebendes wird hier erblickt;</div>
+ <div class="verse indent0">„So muß ich hier verlassen sterben,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf fremdem Boden, unbeweint,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch böser Buben Hand verderben,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo auch kein Rächer mir erscheint!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und schwer getroffen sinkt er nieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Da rauscht der Kraniche Gefieder;</div>
+ <div class="verse indent0">Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Die nahen Stimmen furchtbar krähn.</div>
+ <div class="verse indent0">„Von euch, ihr Kraniche, dort oben,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn keine andere Stimme spricht,</div>
+ <div class="verse indent0">Sei meines Mordes Klag erhoben!“</div>
+ <div class="verse indent0">Er ruft es, und sein Auge bricht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der nackte Leichnam wird gefunden,</div>
+ <div class="verse indent0">Und bald, obgleich entstellt von Wunden,</div>
+ <div class="verse indent0">Erkennt der Gastfreund in Korinth</div>
+ <div class="verse indent0">Die Züge, die ihm teuer sind.</div>
+ <div class="verse indent0">„Und muß ich so dich wiederfinden,</div>
+ <div class="verse indent0">Und hoffte mit der Fichte Kranz</div><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+ <div class="verse indent0">Des Sängers Schläfe zu umwinden,</div>
+ <div class="verse indent0">Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und jammernd hören’s alle Gäste,</div>
+ <div class="verse indent0">Versammelt bei Poseidons Feste,</div>
+ <div class="verse indent0">Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,</div>
+ <div class="verse indent0">Verloren hat ihn jedes Herz.</div>
+ <div class="verse indent0">Und stürmend drängt sich zum Prytanen</div>
+ <div class="verse indent0">Das Volk, es fordert seine Wut,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu rächen des Erschlagnen Manen,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu sühnen mit des Mörders Blut.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch, wo die Spur, die aus der Menge</div>
+ <div class="verse indent0">Der Völker flutendem Gedränge,</div>
+ <div class="verse indent0">Gelocket von der Spiele Pracht,</div>
+ <div class="verse indent0">Den schwarzen Täter kenntlich macht?</div>
+ <div class="verse indent0">Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?</div>
+ <div class="verse indent0">Tat’s neidisch ein verborgner Feind?</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Helios vermag’s zu sagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der alles Irdische bescheint.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er geht vielleicht mit frechem Schritte</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt eben durch der Griechen Mitte,</div>
+ <div class="verse indent0">Und während ihn die Rache sucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Genießt er seines Frevels Frucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf ihres eigenen Tempels Schwelle</div>
+ <div class="verse indent0">Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt</div>
+ <div class="verse indent0">Sich dreist in jene Menschenwelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Die dort sich zum Theater drängt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Denn Bank an Bank gedränget sitzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Es brechen fast der Bühne Stützen,</div>
+ <div class="verse indent0">Herbeigeströmt von fern und nah,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Griechen Völker wartend da.</div>
+ <div class="verse indent0">Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau</div>
+ <div class="verse indent0">In weiter stets geschweiftem Bogen</div>
+ <div class="verse indent0">Hinauf bis in des Himmels Blau.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer zählt die Völker, nennt die Namen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die gastlich hier zusammenkamen?</div><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>
+ <div class="verse indent0">Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Phokis, vom Spartanerland,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Asiens entlegner Küste,</div>
+ <div class="verse indent0">Von allen Inseln kamen sie</div>
+ <div class="verse indent0">Und horchen von dem Schaugerüste</div>
+ <div class="verse indent0">Des Chores grauser Melodie,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der, streng und ernst, nach alter Sitte,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit langsam abgemessnem Schritte</div>
+ <div class="verse indent0">Hervortritt aus dem Hintergrund,</div>
+ <div class="verse indent0">Umwandelnd des Theaters Rund.</div>
+ <div class="verse indent0">So schreiten keine irdschen Weiber,</div>
+ <div class="verse indent0">Die zeugete kein sterblich Haus!</div>
+ <div class="verse indent0">Es steigt das Riesenmaß der Leiber</div>
+ <div class="verse indent0">Hoch über menschliches hinaus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schwingen in entfleischten Händen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Fackel düsterrote Glut,</div>
+ <div class="verse indent0">In ihren Wangen fließt kein Blut;</div>
+ <div class="verse indent0">Und wo die Haare lieblich flattern,</div>
+ <div class="verse indent0">Um Menschenstirnen freundlich wehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sieht man Schlangen hier und Nattern</div>
+ <div class="verse indent0">Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und schauerlich, gedreht im Kreise,</div>
+ <div class="verse indent0">Beginnen sie des Hymnus Weise,</div>
+ <div class="verse indent0">Der durch das Herz zerreißend dringt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Bande um den Frevler schlingt.</div>
+ <div class="verse indent0">Besinnungraubend, herzbetörend</div>
+ <div class="verse indent0">Schallt der Erinnyen Gesang,</div>
+ <div class="verse indent0">Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,</div>
+ <div class="verse indent0">Und duldet nicht der Leier Klang:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle</div>
+ <div class="verse indent0">Bewahrt die kindlich reine Seele!</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Er wandelt frei des Lebens Bahn.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wehe, wehe, wer verstohlen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Mordes schwere Tat vollbracht!</div><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>
+ <div class="verse indent0">Wir heften uns an seine Sohlen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das furchtbare Geschlecht der Nacht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und glaubt er fliehend zu entspringen,</div>
+ <div class="verse indent0">Geflügelt sind wir da, die Schlingen</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm werfend um den flücht’gen Fuß,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er zu Boden fallen muß.</div>
+ <div class="verse indent0">So jagen wir ihn, ohn Ermatten,</div>
+ <div class="verse indent0">Versöhnen kann uns keine Reu,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn fort und fort bis zu den Schatten</div>
+ <div class="verse indent0">Und geben ihn auch dort nicht frei.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So singend, tanzen sie den Reigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Stille, wie des Todes Schweigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Liegt überm ganzen Hause schwer,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ob die Gottheit nahe wär,</div>
+ <div class="verse indent0">Und feierlich, nach alter Sitte,</div>
+ <div class="verse indent0">Umwandelnd des Theaters Rund,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit langsam abgemessnem Schritte,</div>
+ <div class="verse indent0">Verschwinden sie im Hintergrund.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet</div>
+ <div class="verse indent0">Noch zweifelnd jede Brust und bebet</div>
+ <div class="verse indent0">Und huldiget der furchtbarn Macht,</div>
+ <div class="verse indent0">Die richtend im Verborgnen wacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Die unerforschlich, unergründet</div>
+ <div class="verse indent0">Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem tiefen Herzen sich verkündet</div>
+ <div class="verse indent0">Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da hört man auf den höchsten Stufen</div>
+ <div class="verse indent0">Auf einmal eine Stimme rufen:</div>
+ <div class="verse indent0">„Sieh da, sieh da, Timotheus,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kraniche des Ibykus!“ —</div>
+ <div class="verse indent0">Und finster plötzlich wird der Himmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Und über dem Theater hin</div>
+ <div class="verse indent0">Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Kranichheer vorüberziehn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Des Ibykus“ — Der teure Name</div>
+ <div class="verse indent0">Rührt jede Brust mit neuem Grame</div><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+ <div class="verse indent0">Und wie im Meere Well auf Well,</div>
+ <div class="verse indent0">So läuft’s von Mund zu Munde schnell:</div>
+ <div class="verse indent0">„Des Ibykus? Den wir beweinen,</div>
+ <div class="verse indent0">Den eine Mörderhand erschlug!</div>
+ <div class="verse indent0">Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? —</div>
+ <div class="verse indent0">Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und lauter immer wird die Frage,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage</div>
+ <div class="verse indent0">Durch alle Herzen: „Gebet acht,</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist der Eumeniden Macht!</div>
+ <div class="verse indent0">Der fromme Dichter wird gerochen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mörder bietet selbst sich dar —</div>
+ <div class="verse indent0">Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ihn, an den’s gerichtet war!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch dem war kaum das Wort entfahren,</div>
+ <div class="verse indent0">Möcht er’s im Busen gern bewahren:</div>
+ <div class="verse indent0">Umsonst! Der schreckenbleiche Mund</div>
+ <div class="verse indent0">Macht schnell die Schuldbewußten kund,</div>
+ <div class="verse indent0">Man reißt und schleppt sie vor den Richter,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Szene wird zum Tribunal,</div>
+ <div class="verse indent0">Und es gestehn die Bösewichter,</div>
+ <div class="verse indent0">Getroffen von der Rache Strahl.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Friedrich von Schiller</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Sieger">Der Sieger</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust!</div>
+ <div class="verse indent0">Bin ich derselbe, der ich gestern war?</div>
+ <div class="verse indent0">Der Vollkraft ungeheure Daseinslust</div>
+ <div class="verse indent0">Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar.</div>
+ <div class="verse indent0">Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang</div>
+ <div class="verse indent0">— Mir selbst ein Wunder — strömt sich hell und voll</div>
+ <div class="verse indent0">In Harmonien aus von Erzes Klang,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan,</div>
+ <div class="verse indent0">Rast wilder Beifall die Arena hin,</div>
+ <div class="verse indent0">Und tausend Kränze regnen in die Bahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meine Harfe ist die Siegerin.</div><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+ <div class="verse indent0">Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held,</div>
+ <div class="verse indent0">Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz</div>
+ <div class="verse indent0">Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus.</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt</div>
+ <div class="verse indent0">Und ziehe eher nicht die Toga aus,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt.</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor.</div>
+ <div class="verse indent0">Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt;</div>
+ <div class="verse indent0">Und dies ist meines Vaterhauses Tor.</div>
+ <div class="verse indent0">Aufsteht der Vater von der Ofenbank.</div>
+ <div class="verse indent0">Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz;</div>
+ <div class="verse indent0">Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang,</div>
+ <div class="verse indent0">Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich streife langsam von dem Haupt die Zier</div>
+ <div class="verse indent0">Und von den Gliedern ab das Festgewand.</div>
+ <div class="verse indent0">Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Hugo Salus</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Tod_des_Perikles">Tod des Perikles</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf seinem Sterbebett lag Perikles,</div>
+ <div class="verse indent0">Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Freunde, die ihm übrig waren noch,</div>
+ <div class="verse indent0">Umstanden ihn und sprachen unter sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Größe rühmend seiner Tugenden</div>
+ <div class="verse indent0">Und seiner einst fast unbeschränkten Macht.</div>
+ <div class="verse indent0">Bewegt auch zählten sie die Taten auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal,</div>
+ <div class="verse indent0">Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl,</div>
+ <div class="verse indent0">Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt,</div>
+ <div class="verse indent0">Was nur das wandelbare Glück verleiht</div>
+ <div class="verse indent0">Und was mit manchem andern ich geteilt,</div>
+ <div class="verse indent0">Dagegen ihr verschwiegen unbedacht,</div><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+ <div class="verse indent0">Was mich bedünkt allein des Neides wert:</div>
+ <div class="verse indent0">Daß meinetwegen nie ein Bürger je,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe22" id="illu_061">
+ <img class="w100" src="images/illu_061.jpg" alt="Trauernde Frau am Denkmal
+ des Perikles">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_061_gross.jpg"
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+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Bote_von_Marathon">Der Bote von Marathon</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Jüngling, schwing dich auf den wilden</div>
+ <div class="verse indent0">Renner, auf dein bäumend Roß,</div>
+ <div class="verse indent0">Nach den himmlischen Gefilden</div>
+ <div class="verse indent0">Fliege, wie ein Pfeilgeschoß,</div>
+ <div class="verse indent0">Laut zu künden, froh zu melden</div>
+ <div class="verse indent0">Göttergleichen Sieg der Helden:</div>
+ <div class="verse indent0">„Marathon, der Perser Schmach,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Athen sich Lorbeer brach!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schnell im Staubgewölk verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Stürmt er hin im Mittagsschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen</div>
+ <div class="verse indent0">Kräftig in die Weichen ein.</div>
+ <div class="verse indent0">Vorgeneigt, mit losem Zügel,</div>
+ <div class="verse indent0">Jagt er auf des Windes Flügel.</div>
+ <div class="verse indent0">Herrlich schwellt die junge Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Siegesfreude, Botenlust.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und er träumt sich schon empfangen</div>
+ <div class="verse indent0">Von Athens besorgter Schar.</div>
+ <div class="verse indent0">Hoch erglühn der Mutter Wangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sie kränzt sein feuchtes Haar:</div>
+ <div class="verse indent0">„O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“</div>
+ <div class="verse indent0">Greise singen Siegeslieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Donnernd jauchzt von Land zu See</div>
+ <div class="verse indent0">Tausendstimmig Evoe — — —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Seine dunkeln Augen flammen,</div>
+ <div class="verse indent0">Freudig preist er sein Geschick ...</div>
+ <div class="verse indent0">Plötzlich bricht das Roß zusammen,</div>
+ <div class="verse indent0">Röchelnd, mit erloschnem Blick.</div>
+ <div class="verse indent0">Ungesäumt, auf eignen Füßen,</div>
+ <div class="verse indent0">Eilt er, seine Stadt zu grüßen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die sich fern am Himmelsrand</div>
+ <div class="verse indent0">Blendend hebt im Sonnenbrand.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_063">
+ <img class="w100" src="images/illu_063.jpg" alt="Schlacht bei Marathon">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_063_gross.jpg"
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+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mut! Nur Mut! — er will ermatten.</div>
+ <div class="verse indent0">Seine Sehnen schwellen an.</div>
+ <div class="verse indent0">Nirgends Kühlung, nirgends Schatten</div>
+ <div class="verse indent0">Auf der staubverwehten Bahn.</div>
+ <div class="verse indent0">„Schütze, Göttin, deinen Boten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ruf ihn nicht ins Reich der Toten,</div>
+ <div class="verse indent0">Eh Athen die Kunde weiß:</div>
+ <div class="verse indent0">Unser ist der Siegespreis!“</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_065">
+ <img class="w100" src="images/illu_065.jpg" alt="Im Schlachtengetümmel">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Von der stolzgetürmten Mauer</div>
+ <div class="verse indent0">Hat ihn schon das Volk gesehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Hohe, heil’ge Wonneschauer</div>
+ <div class="verse indent0">Fühlt er durch die Seele wehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Auf das Herz gepreßt die Linke,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Lorbeer freud’ge Winke:</div><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+ <div class="verse indent0">„Sieg!“ Ein heller Jubelschrei.</div>
+ <div class="verse indent0">„Sieg!“ — Er stürzt. — Es ist vorbei.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Alice von Gaudy</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_junge_Themistokles">Der junge Themistokles</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl —</div>
+ <div class="verse indent0">Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut —</div>
+ <div class="verse indent0">So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ob man hier von Rosen-Jungfraun — dort vom Vaterlande sprach</div>
+ <div class="verse indent0">Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg,</div>
+ <div class="verse indent0">Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht —</div>
+ <div class="verse indent0">Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm —</div>
+ <div class="verse indent0">Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand —</div>
+ <div class="verse indent0">Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt</div>
+ <div class="verse indent0">Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis</div>
+ <div class="verse indent0">Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“</div><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie —</div>
+ <div class="verse indent0">Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat — ich leiste sie!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch</div>
+ <div class="verse indent0">Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wer waren jene Sänger? — Ihre Namen hört ich nicht;</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß?</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Karl von Alsen</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Salamis">Salamis</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schmücket die Schiffe mit Persertrophän,</div>
+ <div class="verse indent0">Lasset die purpurnen Segel sich blähn!</div>
+ <div class="verse indent0">Efeu umflattert die Masten und fliegt,</div>
+ <div class="verse indent0">Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band,</div>
+ <div class="verse indent0">Das der persische Fürst um den Nacken dir wand,</div>
+ <div class="verse indent0">Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr</div>
+ <div class="verse indent0">Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer</div>
+ <div class="verse indent4">Dein wogender Bug,</div>
+ <div class="verse indent0">Dein brückengefesselter Zorn ertrug.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg</div>
+ <div class="verse indent0">Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg.</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt;</div>
+ <div class="verse indent0">Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut,</div>
+ <div class="verse indent4">Mit unendlichem Mut</div>
+ <div class="verse indent0">Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt</div>
+ <div class="verse indent0">Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt</div>
+ <div class="verse indent0">In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn</div>
+ <div class="verse indent4">Nach den herrlichen Mühn</div>
+ <div class="verse indent0">Dithyrambische Tage der Freiheit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent28">Hermann Lingg</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Themistokles_in_Olympia">Themistokles in Olympia</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Themistokles, der Held von Salamis,</div>
+ <div class="verse indent0">Als er vom Perserjoch sein Volk befreit,</div>
+ <div class="verse indent0">Und an Olympias geweihtem Sitz</div>
+ <div class="verse indent0">Zum ersten Male nach vertobtem Krieg</div>
+ <div class="verse indent0">Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Die stolzer Griechenland noch nie beging:</div>
+ <div class="verse indent0">Erkannt von allen Gästen saß er da,</div>
+ <div class="verse indent0">Und kein hellenisch Auge wandte sich</div>
+ <div class="verse indent0">Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg</div>
+ <div class="verse indent0">Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu,</div>
+ <div class="verse indent0">So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt.</div>
+ <div class="verse indent0">Nur ihn als Sieger staunten rings sie an,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor.</div>
+ <div class="verse indent0">Er aber nahm ihn wohlgefällig auf</div>
+ <div class="verse indent0">Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort:</div>
+ <div class="verse indent0">„Die Götter schenkten heut als Ernte mir</div>
+ <div class="verse indent0">Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Ein_Dichter_in_der_Schlacht_von_Salamis">Ein Dichter in der Schlacht von Salamis</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Drachen, die so arg gedräuet,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Perserschiffe sind zerstreuet,</div>
+ <div class="verse indent0">Versenkt, vernichtet — Hellas frei</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Joche fremder Tyrannei,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen</div>
+ <div class="verse indent0">Den Göttern dar ein festlich Spiel</div>
+ <div class="verse indent0">Und heil’ge Opfer; Lieder klingen</div>
+ <div class="verse indent0">Und Wagen donnern an das Ziel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer ragt hervor dort aus der Menge,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Züge schön, doch ernst und strenge?</div>
+ <div class="verse indent0">Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Die frische Wunde schmückt ihn mehr;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Dichter ist es, doch die Waffen</div>
+ <div class="verse indent0">Ergriff er auf des Landes Ruf;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Held kann Heldenbilder schaffen</div>
+ <div class="verse indent0">Wie <em class="gesperrt">Äschylus</em>, der Bücher schuf</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe36" id="illu_069">
+ <img class="w100" src="images/illu_069.jpg" alt="Themistokles in Helm und
+ Rüstung">
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+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sein Auge folgt mit Wohlgefallen</div>
+ <div class="verse indent0">Dem schönsten von den Knaben allen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die zierlich, mit gelenken Knien,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Chore den Altar umziehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne</div>
+ <div class="verse indent0">— Von Neid sind solche Seelen frei —</div>
+ <div class="verse indent0">Daß, der da schwebt, die neue Sonne,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß <em class="gesperrt">Sophokles</em> der Knabe sei!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zur selben Stunde, wie wir lesen,</div>
+ <div class="verse indent0">War eines Sohns ein Weib genesen;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Vater hebt ihn auf und spricht:</div>
+ <div class="verse indent0">„Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Mut, teures Weib! Wir alle haben</div>
+ <div class="verse indent0">Nun hinter uns die Zeit des Wehs.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Götter segnen meinen Knaben!“</div>
+ <div class="verse indent0">— Das Kindlein war <em class="gesperrt">Euripides</em>.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ja, wenn die Götter einmal segnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen</div>
+ <div class="verse indent0">Im Wetter, überschwenglich auch;</div>
+ <div class="verse indent0">Nichts halb zu tun ist Götterbrauch.</div>
+ <div class="verse indent0">Sieg, Freiheit, Ruhm — für künft’ge Tage</div>
+ <div class="verse indent0">Voll Glanz ein dreifach Unterpfand.</div>
+ <div class="verse indent0">Das war — wer hält ihm denn die Wage? —</div>
+ <div class="verse indent0">Der schönste Tag von Griechenland.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Wilhelm Fischer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Grab_des_Themistokles">Grab des Themistokles</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,</div>
+ <div class="verse indent0">Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib</div>
+ <div class="verse indent0">In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke</div>
+ <div class="verse indent0">Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins.</div>
+ <div class="verse indent0">Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend,</div>
+ <div class="verse indent0">Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien.</div>
+ <div class="verse indent0">Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot</div>
+ <div class="verse indent0">Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Emanuel Geibel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Historischer_Adelsklub">Historischer Adelsklub</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus:</div>
+ <div class="verse indent0">„Entbiete mir zu meinem Namensfest</div>
+ <div class="verse indent0">Auf den Olymp die großen Toten sämtlich;</div>
+ <div class="verse indent0">Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft.</div>
+ <div class="verse indent0">Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder</div>
+ <div class="verse indent0">Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da tat sich auf die Tür, und feierlich</div>
+ <div class="verse indent0">Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga</div>
+ <div class="verse indent0">In wichtigen Falten um die Brust geworfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Befremden lähmte die Versammlung. Hera,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen.</div>
+ <div class="verse indent0">Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend:</div>
+ <div class="verse indent0">„Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis —“</div>
+ <div class="verse indent0">Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen</div>
+ <div class="verse indent0">Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große —“</div>
+ <div class="verse indent0">Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ein feierlicher Kerl ist niemals groß.</div>
+ <div class="verse indent0">Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent28">Carl Spitteler</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Die_gefesselten_Musen">Die gefesselten Musen</h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es herrscht ein König irgendwo</div>
+ <div class="verse indent0">In Dazien oder Thrazien,</div>
+ <div class="verse indent0">Den suchten einst die Musen heim,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Musen mit den Grazien.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Statt milden Nektars Rebenblut</div>
+ <div class="verse indent0">Geruhten sie zu nippen,</div><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+ <div class="verse indent0">Die Seele des Barbaren hing</div>
+ <div class="verse indent0">An ihren sel’gen Lippen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Erst sang ein jedes Himmelskind</div>
+ <div class="verse indent0">Im Tone, der ihm eigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann schritt der ganze Chor im Takt</div>
+ <div class="verse indent0">Und trat den blühnden Reigen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der König klatschte: „Morgen will</div>
+ <div class="verse indent0">Ich wieder euch bestaunen!“</div>
+ <div class="verse indent0">Die Musen schüttelten das Haupt:</div>
+ <div class="verse indent0">„Das hangt an unsern Launen.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„An euern Launen? ...“ Der Despot</div>
+ <div class="verse indent0">Begann zu schmähn und lästern.</div>
+ <div class="verse indent0">„Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und fesselte die Schwestern.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der König wacht, um Mitternacht</div>
+ <div class="verse indent0">Vernahm er leises Schreiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Geflüster: „Seid ihr alle da?“</div>
+ <div class="verse indent0">Und Schüttern zarter Saiten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er fuhr empor. „Den hellen Chor</div>
+ <div class="verse indent0">Ergreift, getreue Wächter!“</div>
+ <div class="verse indent0">Die Schergen griffen in die Luft</div>
+ <div class="verse indent0">Und silbern klang Gelächter.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Am Morgen war der Kerker leer,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Reigen über die Grenze —</div>
+ <div class="verse indent0">Drin hingen statt der Ketten schwer</div>
+ <div class="verse indent0">Zerrissne Blumenkränze.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Conr. Ferd. Meyer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_trunkene_Gott">Der trunkene Gott</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weiße Marmorstufen steigen</div>
+ <div class="verse indent0">Durch der Gärten laub’ge Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlanke Palmenfächer neigen</div>
+ <div class="verse indent0">In des Himmels blaue Pracht.</div>
+ <div class="verse indent0">Über Tempeln, Hainen, Grüften</div><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>
+ <div class="verse indent0">Zecht in abendweichen Lüften</div>
+ <div class="verse indent0">Alexanders Lieblingsschar;</div>
+ <div class="verse indent0">Knieend bietet ihm ein Knabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß der Erde Herr sich labe,</div>
+ <div class="verse indent0">Wein in edler Schale dar.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_073">
+ <img class="w100" src="images/illu_073.jpg" alt="Alexander der Große mit
+ seiner Phalanx">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Lagernd in der Götter Rat,</div>
+ <div class="verse indent0">Zwischen schwelgenden Entwürfen</div><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+ <div class="verse indent0">Und der wundergleichen Tat!</div>
+ <div class="verse indent0">Goldne Becher überquellen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ruhmesgeister mit den hellen</div>
+ <div class="verse indent0">Helmen tauchen aus der Flut —</div>
+ <div class="verse indent0">Goldne Schalen überschäumen,</div>
+ <div class="verse indent0">Geister, die gebunden träumen,</div>
+ <div class="verse indent0">Steigen auf in Zornesglut.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kleitos neben Philipps Sohne</div>
+ <div class="verse indent0">Furcht die Stirne kummervoll,</div>
+ <div class="verse indent0">Der benarbte Macedone</div>
+ <div class="verse indent0">Schlürft im Weine Gram und Groll:</div>
+ <div class="verse indent0">Er gedenkt der Heergenossen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die die erste Phalanx schlossen</div>
+ <div class="verse indent0">In den Bergen kühl und fern.</div>
+ <div class="verse indent0">Seinen dunkeln Mut zu kränken,</div>
+ <div class="verse indent0">Lüstet es den schönen Schenken,</div>
+ <div class="verse indent0">Lagernd an dem Knie des Herrn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die erhabne Stirn und Braue</div>
+ <div class="verse indent0">Träumt den Zug ins Inderland,</div>
+ <div class="verse indent0">Lauschend liest den Traum das schlaue</div>
+ <div class="verse indent0">Kind, den Blick emporgewandt:</div>
+ <div class="verse indent0">„Bacchus bist du, der belaubte,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem schwärmerischen Haupte,</div>
+ <div class="verse indent0">Der ins Land der Sonne zieht!</div>
+ <div class="verse indent0">Ohne Heer kannst du bezwingen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur den Thyrsus darfst du schwingen,</div>
+ <div class="verse indent0">Winke nur, und Indien kniet!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Finster grollt der alte Streiter:</div>
+ <div class="verse indent0">„Durch der Wüste heißen Sand?</div>
+ <div class="verse indent0">Immer ferner, immer weiter?</div>
+ <div class="verse indent0">Nach des Indus Fabelstrand?</div>
+ <div class="verse indent0">Kann ein Wink dir Sieg erwerben,</div>
+ <div class="verse indent0">Warum bluten, warum sterben</div>
+ <div class="verse indent0">Wir für dich? Zu deinem Spott?</div>
+ <div class="verse indent0">Lebende kannst du belohnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Deine toten Macedonen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wecke sie, bist du ein Gott!“ —</div><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Welchen dampfenden Altares</div>
+ <div class="verse indent0">Freust du auf der Erde dich?</div>
+ <div class="verse indent0">Bist du die Gewalt des Ares,</div>
+ <div class="verse indent0">Helmumflattert, fürchterlich?</div>
+ <div class="verse indent0">Herr, bevor den niedern Talen</div>
+ <div class="verse indent0">Du dich nahtest ohne Strahlen,</div>
+ <div class="verse indent0">Welches war dein himmlisch Amt?</div>
+ <div class="verse indent0">Bist du Zeus? Bist du ein andrer?</div>
+ <div class="verse indent0">Bist du Helios, der Wandrer</div>
+ <div class="verse indent0">Dessen Stirne sonnig flammt?“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Grimmig neigt der graue Fechter</div>
+ <div class="verse indent0">Sich zum Ohr des Gottes hin,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit unseligem Gelächter</div>
+ <div class="verse indent0">Rührt er an der Schulter ihn:</div>
+ <div class="verse indent0">„Gast des Himmels, warum sinken</div>
+ <div class="verse indent0">Haupt und Schulter dir zur Linken?<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[*]</a></div>
+ <div class="verse indent0">Lastet dir der Erde Raub?</div>
+ <div class="verse indent0">Mit den Göttern willst du zechen?</div>
+ <div class="verse indent0">Spotten hör ich dein Gebrechen:</div>
+ <div class="verse indent0">Alexander, du bist Staub!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Eine zürnende Gebärde!</div>
+ <div class="verse indent0">Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Erdolchter an der Erde</div>
+ <div class="verse indent0">Windet sich in seinem Blut ...</div>
+ <div class="verse indent0">In den Abendlüften Schauer,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein verhülltes Haupt in Trauer,</div>
+ <div class="verse indent0">Ausgerast und ausgerollt!</div>
+ <div class="verse indent0">Marmorgleich versteinte Zecher</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein herrenloser Becher,</div>
+ <div class="verse indent0">Der hinab die Stufen rollt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Conr. Ferd. Meyer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[*]</a> Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher
+als die schwächere linke.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Ists_ein_Narr_blo_Ists_ein_Weiser">Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?</div>
+ <div class="verse indent0">Dreißig Jahre eingeschlossen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sitzt er schon in dunkler Klause.</div>
+ <div class="verse indent0">Selbst erforschen will’s der Kaiser,</div>
+ <div class="verse indent0">Und vom höchsten Glanz umflossen</div>
+ <div class="verse indent0">Naht er sich dem öden Hause.</div><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf der Erde hingekauert</div>
+ <div class="verse indent0">Liegt der Blöde und betrachtet</div>
+ <div class="verse indent0">Sich den Gast mit stolzen Mienen.</div>
+ <div class="verse indent0">Alles fühlt sich fremd durchschauert,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ein Bettler den verachtet,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem der Erde Völker dienen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Sollte mich der Greis nicht kennen?“ —</div>
+ <div class="verse indent0">Ruft der Kaiser — „Doch ich staune,</div>
+ <div class="verse indent0">Drüben steht ja meine Büste!</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, ich brauch mich nicht zu nennen,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune,</div>
+ <div class="verse indent0">Mich zu ehren, wie er müßte.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_076">
+ <img class="w100" src="images/illu_076.jpg" alt="Besuch des Kaisers in der
+ Klause">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Was ihn treibt, wer könnt es sagen?</div>
+ <div class="verse indent0">Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch es will mir Wahnsinn scheinen.</div>
+ <div class="verse indent0">Um die Zukunft wollt ich fragen,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber statt mit dem zu sprechen,</div>
+ <div class="verse indent0">Such ich Weisheit bei den Steinen.“</div><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch, sowie das Wort gefallen,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat der Blöde sich erhoben</div>
+ <div class="verse indent0">Und nach seinem Stab gegriffen.</div>
+ <div class="verse indent0">Seine langen Locken wallen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie zum Rock um ihn verwoben,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sein Stab ist scharf geschliffen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vor des Kaisers Büste tretend,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlägt er ihr vom Haupt die Krone,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in Stücke fällt sie nieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch die Augen aus zum Hohne,</div>
+ <div class="verse indent0">Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Alles sieht ihm zu mit Grauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dennoch zwingt man sich zum Lachen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und des Kaisers Bruder flüstert:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ich genieße dein Vertrauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Laß mein Schwert nur fürder wachen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dein Stern wird nie verdüstert.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber eh der Tag noch endet,</div>
+ <div class="verse indent0">Steigt, der schmeichelnd so gesprochen,</div>
+ <div class="verse indent0">Selber auf den Thron der Griechen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und der Kaiser liegt geblendet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo die Totenwürmer pochen</div>
+ <div class="verse indent0">Und die gift’gen Molche kriechen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Friedrich Hebbel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Ring_des_Polykrates">Der Ring des Polykrates</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er stand auf seines Daches Zinnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Er schaute mit vergnügten Sinnen</div>
+ <div class="verse indent0">Auf das beherrschte Samos hin.</div>
+ <div class="verse indent0">„Dies alles ist mir untertänig,“</div>
+ <div class="verse indent0">Begann er zu Ägyptens König,</div>
+ <div class="verse indent0">„Gestehe, daß ich glücklich bin.“ —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Du hast der Götter Gunst erfahren!</div>
+ <div class="verse indent0">Die vormals deinesgleichen waren,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.</div><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span>
+ <div class="verse indent0">Doch einer lebt noch, sie zu rächen;</div>
+ <div class="verse indent0">Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,</div>
+ <div class="verse indent0">Solang des Feindes Auge wacht.“ —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und eh der König noch geendet,</div>
+ <div class="verse indent0">Da stellt sich, von Milet gesendet,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Bote dem Tyrannen dar:</div>
+ <div class="verse indent0">„Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und mit des Lorbeers muntern Zweigen</div>
+ <div class="verse indent0">Bekränze dir dein festlich Haar!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Getroffen sank dein Feind vom Speere,</div>
+ <div class="verse indent0">Mich sendet mit der frohen Märe</div>
+ <div class="verse indent0">Dein treuer Feldherr Polydor —“</div>
+ <div class="verse indent0">Und nimmt aus einem schwarzen Becken,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch blutig, zu der beiden Schrecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein wohlbekanntes Haupt hervor.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der König tritt zurück mit Grauen.</div>
+ <div class="verse indent0">„Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“</div>
+ <div class="verse indent0">Versetzt er mit besorgtem Blick.</div>
+ <div class="verse indent0">„Bedenk, auf ungetreuen Wellen —</div>
+ <div class="verse indent0">Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen —</div>
+ <div class="verse indent0">Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und eh er noch das Wort gesprochen,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat ihn der Jubel unterbrochen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der von der Reede jauchzend schallt.</div>
+ <div class="verse indent0">Mit fremden Schätzen reich beladen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kehrt zu den heimischen Gestaden</div>
+ <div class="verse indent0">Der Schiffe mastenreicher Wald.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der königliche Gast erstaunet:</div>
+ <div class="verse indent0">„Dein Glück ist heute gut gelaunet,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch fürchte seinen Unbestand.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kreter waffenkund’ge Scharen</div>
+ <div class="verse indent0">Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;</div>
+ <div class="verse indent0">Schon nahe sind sie diesem Strand.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und eh ihm noch das Wort entfallen,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sieht man’s von den Schiffen wallen,</div><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span>
+ <div class="verse indent0">Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!</div>
+ <div class="verse indent0">Von Feindesnot sind wir befreiet,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,</div>
+ <div class="verse indent0">Vorbei, geendet ist der Krieg!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.</div>
+ <div class="verse indent0">„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!</div>
+ <div class="verse indent0">Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil.</div>
+ <div class="verse indent0">Mir grauet vor der Götter Neide:</div>
+ <div class="verse indent0">Des Lebens ungemischte Freude</div>
+ <div class="verse indent0">Ward keinem Irdischen zuteil.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auch mir ist alles wohl geraten.</div>
+ <div class="verse indent0">Bei allen meinen Herrschertaten</div>
+ <div class="verse indent0">Begleitet mich des Himmels Huld;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch hatt’ ich einen teuren Erben,</div>
+ <div class="verse indent0">Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drum, willst du dich vor Leid bewahren,</div>
+ <div class="verse indent0">So flehe zu den Unsichtbaren,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.</div>
+ <div class="verse indent0">Noch keinen sah ich fröhlich enden,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf den mit immer vollen Händen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Götter ihre Gaben streun.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wenn’s die Götter nicht gewähren,</div>
+ <div class="verse indent0">So acht auf eines Freundes Lehren</div>
+ <div class="verse indent0">Und rufe selbst das Unglück her;</div>
+ <div class="verse indent0">Und was von allen deinen Schätzen</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Herz am höchsten mag ergötzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und jener spricht, von Furcht beweget:</div>
+ <div class="verse indent0">„Von allem, was die Insel heget,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist dieser Ring mein höchstes Gut.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn will ich den Erinnyen weihen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“</div>
+ <div class="verse indent0">Und wirft das Kleinod in die Flut.</div><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und bei des nächsten Morgens Lichte,</div>
+ <div class="verse indent0">Da tritt mit fröhlichem Gesichte</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Fischer vor den Fürsten hin:</div>
+ <div class="verse indent0">„Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie keiner noch ins Netz gegangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dir zum Geschenke bring ich ihn.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und als der Koch den Fisch zerteilet,</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt er bestürzt herbeigeeilet</div>
+ <div class="verse indent0">Und ruft mit hocherstauntem Blick:</div>
+ <div class="verse indent0">„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen:</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn fand ich in des Fisches Magen,</div>
+ <div class="verse indent0">O, ohne Grenzen ist dein Glück!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier wendet sich der Gast mit Grausen:</div>
+ <div class="verse indent0">„So kann ich hier nicht ferner hausen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Freund kannst du nicht weiter sein;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Götter wollen dein Verderben;</div>
+ <div class="verse indent0">Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“</div>
+ <div class="verse indent0">Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Friedrich von Schiller</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_befreite_Prometheus">Der befreite Prometheus</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;</div>
+ <div class="verse indent0">Er war erlöst, Zeus gab ihn frei.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Riese durfte endlich von dem Gletscher</div>
+ <div class="verse indent0">Herunter, drauf er büßend lag;</div>
+ <div class="verse indent0">Er durfte nun hinab auf seine Erde,</div>
+ <div class="verse indent0">Hin zu den Menschen, die er so geliebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Feuer des Olympos für sie stahl.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nicht dauerte den Götterkönig</div>
+ <div class="verse indent0">Der Himmelsgünstling, der abtrünnige.</div>
+ <div class="verse indent0">Warum auch lockte die Versuchung ihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Menschen Göttergut hinabzutragen;</div>
+ <div class="verse indent0">Er hatte seinen Lohn dahin,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Heilandslohn,</div>
+ <div class="verse indent0">Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.</div>
+ <div class="verse indent0">Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,</div><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span>
+ <div class="verse indent0">Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,</div>
+ <div class="verse indent0">Die lavastarr gehärteten.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe33" id="illu_081">
+ <img class="w100" src="images/illu_081.jpg" alt="Prometheus stützt sich auf
+ seinen Stab">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_081_gross.jpg"
+ id="illu_081_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt!</div>
+ <div class="verse indent0">Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel:</div>
+ <div class="verse indent0">Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger</div>
+ <div class="verse indent0">Das große Wundmal unterm Herzen schützen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.</div>
+ <div class="verse indent0">O Tag voller Wut und Ohnmacht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O Tag der Bitternis, da ihm die Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum ersten Male</div>
+ <div class="verse indent0">Erlahmte vor der Übermacht des Neides,</div>
+ <div class="verse indent0">Des weltbeschattenden, der Götter all!</div>
+ <div class="verse indent0">O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch nun war alles überwunden.</div>
+ <div class="verse indent0">Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.</div>
+ <div class="verse indent0">Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft</div>
+ <div class="verse indent0">Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,</div>
+ <div class="verse indent0">Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.</div>
+ <div class="verse indent0">Um seine schmerzgeübte Stirne zauste</div>
+ <div class="verse indent0">Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.</div>
+ <div class="verse indent0">So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.</div>
+ <div class="verse indent0">Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,</div>
+ <div class="verse indent0">Seit er den unstet Irrenden</div>
+ <div class="verse indent0">Den ersten warmen, festen Herd gebaut.</div>
+ <div class="verse indent0">Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier</div>
+ <div class="verse indent0">Einst um das nackte Leben markteten,</div>
+ <div class="verse indent0">Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.</div><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und nieder kam er in die mildern Lüfte,</div>
+ <div class="verse indent0">Ins ebne Land; da sah er blühende Triften,</div>
+ <div class="verse indent0">Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,</div>
+ <div class="verse indent0">Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.</div>
+ <div class="verse indent0">Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus,</div>
+ <div class="verse indent0">War das nicht wert der tausendjährigen Pein?</div>
+ <div class="verse indent0">Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und in die Dörfer ging er, in die Städte,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und ging und ging, und suchte hin und her,</div>
+ <div class="verse indent0">Und fand:</div>
+ <div class="verse indent0">Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor.</div>
+ <div class="verse indent0">Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen</div>
+ <div class="verse indent0">Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid —</div>
+ <div class="verse indent0">Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Neid der Menschen um Besitz —</div>
+ <div class="verse indent0">Und war genug doch da, genug für alle.</div>
+ <div class="verse indent0">In Hütten sah er, in die Burgen sah er,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch es war alles eines,</div>
+ <div class="verse indent0">War alles wie zuvor — und schlimmer noch.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zuletzt und matt betrat er eines Priesters</div>
+ <div class="verse indent0">Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,</div>
+ <div class="verse indent0">Den er vergebens bei den andern suchte;</div>
+ <div class="verse indent0">Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes</div>
+ <div class="verse indent0">Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,</div>
+ <div class="verse indent0">Wollt er noch einmal unter Menschen rasten</div>
+ <div class="verse indent0">Und dann auf immer in die Einsamkeit.</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der wandte sich erschrocken, blickte scheu</div>
+ <div class="verse indent0">Dem großen Mann ins seltsame Gesicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und schlich geduckt davon und schloß sich ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Und durch die Tür quoll eine fette Stimme:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!</div><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+ <div class="verse indent0">Prometheus, der ist tot — und kommt nicht wieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Ja, damals waren bessre Zeiten noch</div>
+ <div class="verse indent0">Als heute!“</div>
+ <div class="verse indent0">Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe33" id="illu_084">
+ <img class="w100" src="images/illu_084.jpg" alt="Prometheus wirft einen
+ Felsblock">
+ <div class="linkedimage s5"><a href="images/illu_084_gross.jpg"
+ id="illu_084_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und</div>
+ <div class="verse indent0">Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle</div>
+ <div class="verse indent0">Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du!</div>
+ <div class="verse indent0">So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!</div>
+ <div class="verse indent0">Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und jäh und gellend riß sich</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Lachen los aus der vernarbten Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:</div>
+ <div class="verse indent0">„Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer!</div>
+ <div class="verse indent0">Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ —</div>
+ <div class="verse indent0">Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Denn wieder sah er im Gelände unten</div>
+ <div class="verse indent0">Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,</div>
+ <div class="verse indent0">Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,</div>
+ <div class="verse indent0">Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.</div>
+ <div class="verse indent0">Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,</div>
+ <div class="verse indent0">Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,</div>
+ <div class="verse indent0">Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und</div>
+ <div class="verse indent0">In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend,</div>
+ <div class="verse indent0">Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend</div>
+ <div class="verse indent0">Flog übers Meer sein weinendes Gelächter:</div>
+ <div class="verse indent0">„O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!</div>
+ <div class="verse indent0">— Ha, meine Menschen, hahaha —“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?</div>
+ <div class="verse indent0">Er stierte: dunkel rollend ging die See,</div>
+ <div class="verse indent0">Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut</div><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+ <div class="verse indent0">Ein andres Boot heran, draus warf sich</div>
+ <div class="verse indent0">Ein zweiter Fischer in die Brandung.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und oben auf der Klippe stand Prometheus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und stierte, stierte und erkannte sie:</div>
+ <div class="verse indent0">Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ersten Menschen waren’s, die er traf:</div>
+ <div class="verse indent0">Todfeinde waren’s — und jetzt kämpfte dort</div>
+ <div class="verse indent0">Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!</div>
+ <div class="verse indent0">Und endlich siegten sie den schweren Sieg,</div>
+ <div class="verse indent0">Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,</div>
+ <div class="verse indent0">Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,</div>
+ <div class="verse indent0">Einander in die Arme.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und oben auf der Klippe stand Prometheus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sah sie lachen — und nun jauchzen sie.</div>
+ <div class="verse indent0">Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,</div>
+ <div class="verse indent0">Da überfiel ihn nie erlebte Demut,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in die Knie taumelte Prometheus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und auf zum Himmel stammelte Prometheus:</div>
+ <div class="verse indent0">„O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!</div>
+ <div class="verse indent0">O laß mich leben, laß mich leiden!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Richard Dehmel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Alexander_Ypsilanti_auf_Munkacs">Alexander Ypsilanti auf
+Munkacs</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm,</div>
+ <div class="verse indent0">An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm,</div>
+ <div class="verse indent0">Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin —</div>
+ <div class="verse indent0">Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“</div>
+ <div class="verse indent0">An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt:</div>
+ <div class="verse indent0">„Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein;</div>
+ <div class="verse indent0">Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein.</div>
+ <div class="verse indent0">Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her</div>
+ <div class="verse indent0">Aus dem Lande meiner Väter?“ — und die Wimper ward ihm schwer —</div><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span>
+ <div class="verse indent0">War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die Hand.</div>
+ <div class="verse indent0">Seht, sein Antlitz wird so helle — träumt er von dem Vaterland?</div>
+ <div class="verse indent0">Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann,</div>
+ <div class="verse indent0">Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an:</div>
+ <div class="verse indent0">„Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!</div>
+ <div class="verse indent0">„Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut!</div>
+ <div class="verse indent0">Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt,</div>
+ <div class="verse indent0">Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt.</div>
+ <div class="verse indent0">Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt.</div>
+ <div class="verse indent0">Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“</div>
+ <div class="verse indent0">Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß.</div>
+ <div class="verse indent0">Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt</div>
+ <div class="verse indent0">Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Wilhelm Müller</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Aus_dem_Abschied_von_Griechenland">Aus dem „Abschied von Griechenland“</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ob die schönen Tag’ enteilten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob geborsten Ruhm und Glück:</div>
+ <div class="verse indent0">Wo die Götter einmal weilten,</div>
+ <div class="verse indent0">Bleibt ein ew’ger Glanz zurück.</div>
+ <div class="verse indent0">Du, der Schönheit Morgenwiege,</div>
+ <div class="verse indent0">Du, der Menschheit Jugendtraum,</div>
+ <div class="verse indent0">Land, das für die höchsten Siege</div>
+ <div class="verse indent0">Gab den Zweig vom heil’gen Baum;</div>
+ <div class="verse indent0">Das, wenn Sorg und Elend nachten,</div>
+ <div class="verse indent0">Unsre Seelen aufwärts trägt —</div>
+ <div class="verse indent0">Jenes Herz ist arm zu achten,</div>
+ <div class="verse indent0">Welches nicht für Hellas schlägt.</div>
+ <div class="verse indent0">An den Schiffsbug braust im Dunkeln</div>
+ <div class="verse indent0">Wellenberg auf Wellenberg,</div>
+ <div class="verse indent0">Und des Himmels Lichter funkeln</div>
+ <div class="verse indent0">Durch das schwarze Takelwerk. —</div>
+ <div class="verse indent0">Längst am Saum des Flutenschlosses</div>
+ <div class="verse indent0">Felsenküst und Wolke schwand:</div>
+ <div class="verse indent0">Fahre wohl, du schönes, großes,</div>
+ <div class="verse indent0">Sonnenfreud’ges Griechenland!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Heinrich Vierordt</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="eng break-before">
+
+<p class="s2 center mtop3"><em class="gesperrt">Der deutsche
+Spielmann</em></p>
+
+<p class="p0">herausgegeben von <em class="gesperrt">Ernst Weber</em>, eine großangelegte Auswahl
+aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus
+dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung
+auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40
+Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet
+und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter
+des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die
+Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für
+öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts
+und für die Familienbücherei. <em class="gesperrt">Der deutsche Spielmann hofft, zum
+eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.</em> Er
+huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus
+dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine
+Geltung für das Jahrhundert behalten.</p>
+
+<table class="spielmann">
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">Bd.</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">1</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Kindheit (E. Kreidolf)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">2</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Wanderer (J. V. Cissarz)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">3</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Wald (W. Weingärtner)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">4</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Hochland (Franz Hoch)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">5</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Meer (J. V. Cissarz)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Helden (W. Weingärtner)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">7</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Schalk (Julius Diez)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">8</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Legenden (G. A. Stroedel)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">9</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Arbeiter (Gg. O. Erler)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">10</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Soldaten (Gg. O. Erler)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">11</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Sänger (Hans Röhm)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">12</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Frühling (H. v. Volkmann)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">13</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Sommer (Edmund Steppes)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">14</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Herbst (Karl Biese)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">15</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Winter (Karl Biese)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">16</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">17</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Himmel und Hölle (Jul. Diez)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">18</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Stadt u. Land (J. V. Cissarz)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">19</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Bach u. Strom (E. Liebermann)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">20</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Heide (Adalbert Holzer)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">21</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Arme und Reiche (J. Widnmann)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">22</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Abenteurer (Rud. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">23</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Germanentum (H. Röhm)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">24</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Mittelalter (H. Schroedter)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">25</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Zeit der Wandlungen (C. Roesch)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">26</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Neuzeit (Angelo Jank)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">27</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Gespenster (Julius Diez)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">28</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Tod (Matthäus Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">29</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Blumen und Bäume (R. Sieck)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">30</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Nordland (Rudolf Roch-Hanau)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">31</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Italien (Hans Volkert)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">32</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Hellas (Karl Bauer)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">33</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Fremde Zonen (H. Volkert)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">34</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Vaterland (W. Roegge jun.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">35</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Tierwelt (Ludwig Werner)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">36</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Menschenherzen (Rud. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">37</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Glück und Trost (H. Schwegerle)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">38</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Tag und Nacht (Otto Bauriedl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">39</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Riesen und Zwerge (R. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">40</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Fabelreich (Ernst Weber)</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="p0">Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in
+Klammern.</p>
+
+<p class="p0">Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“,
+„Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches
+Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“,
+„Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“.</p>
+
+</div>
+
+<hr class="chap">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75285 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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