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-The Project Gutenberg eBook of Schulmädelgeschichten, by Marie Beeg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-using this eBook.
-
-Title: Schulmädelgeschichten
- für Mädchen von 7-12 Jahren
-
-Author: Marie Beeg
-
-Release Date: January 27, 2023 [eBook #69864]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHULMÄDELGESCHICHTEN ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter
- Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Schulmädelgeschichten
-
- für Mädchen von 7–12 Jahren
-
- erzählt von
-
- Marie Beeg.
-
- Mit zahlreichen Holzschnitten und 4 Farbdruckbildern.
-
- Sechste Auflage.
-
- Berlin W.
- Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Kapitel: Der Geburtstag 1
-
- 2. Kapitel: Der erste Schultag 8
-
- 3. Kapitel: Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft 17
-
- 4. Kapitel: Die Handarbeitsstunde 23
-
- 5. Kapitel: Lehrstunden 28
-
- 6. Kapitel: Ein Tag bei Alma 30
-
- 7. Kapitel: Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer 42
-
- 8. Kapitel: Schlimme Freundschaft 72
-
- 9. Kapitel: Martha 79
-
- 10. Kapitel: Ein Brief Almas an Aennchen 92
-
- 11. Kapitel: Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch 100
-
- 12. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch 108
-
- 13. Kapitel: Marthas Hausgarten. Der arme Hansi 114
-
- 14. Kapitel: Wintervergnügen und Eisabenteuer 122
-
- 15. Kapitel: Klara 126
-
- 16. Kapitel: Musikstunden 129
-
- 17. Kapitel: Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr 134
-
- 18. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation 140
-
- 19. Kapitel: Das Kränzchen 144
-
- 20. Kapitel: Ein überraschender Besuch 150
-
- 21. Kapitel: Schluß 157
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Der Geburtstag.
-
-
-Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie
-mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte
-sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher
-Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein
-wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da
-tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf
-die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken.
-
-»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die
-Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich
-das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte
-sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!«
-
-Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden
-sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl
-alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine
-große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten,
-eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine
-passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch.
-
-Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf,
-sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief
-noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten,
-sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch
-recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und
-begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen
-herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel,
-der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt
-darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett
-herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann
-wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar
-Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich
-angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen
-mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das
-wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann
-durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die
-Eltern und Geschwister versammelt waren.
-
-Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb
-und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die
-große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken
-vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und
-es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und
-schier erschrocken stehen.
-
-Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die
-Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß
-eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein
-Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren
-Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der
-verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene
-und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten –
-kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit
-Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein
-Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer
-Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches
-weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter
-Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln.
-
-Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen
-Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen«
-schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze
-Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher
-angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in
-welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines
-Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu
-sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche
-und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet
-fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit
-thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort
-ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!«
-
-Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet,
-dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre
-beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen.
-
-Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als
-sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch
-fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach:
-
-»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich
-jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag
-beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du
-auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden
-Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende
-Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die
-Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen
-schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen
-ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben
-ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken
-lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei
-haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber
-wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald
-benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.«
-
-»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die
-Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte,
-da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den
-Boden und schluchzte und schrie:
-
-»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!«
-
-Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch
-dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und
-starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis
-jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat
-vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat:
-
-»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht
-gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr
-schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf,
-sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.«
-
-Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte
-es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen«
-geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt,
-das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als
-ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das
-wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so
-schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie
-sich schon so lange gefreut hatte.
-
-So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen
-Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand;
-all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren,
-vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und
-jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute
-bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am
-Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch
-schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken.
-
-Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah
-sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen
-auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus
-und fing von neuem an, bitterlich zu weinen.
-
-»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig
-sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor.
-Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte:
-
-»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.«
-
-»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?«
-
-»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus
-Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr
-Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst:
-
-»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so
-schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird.
-Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein
-Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann.
-Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken
-noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin
-das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem
-Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der
-nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden,
-so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten
-und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das
-wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter,
-wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig
-ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es
-eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen
-kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen,
-Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und
-ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt,
-haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles
-begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben
-Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe.
-Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen
-gehören, mein Aennchen?«
-
-»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches
-aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen
-dasaß.
-
-»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute
-den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf
-nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf
-dich.«
-
-Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde!
-Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum
-Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen:
-
-»Aennchen, Aennchen!«
-
-»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern
-entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – was war das? Eine
-allerschönste große neue Schaukel war mitten auf dem grünen Rasenplatz
-angebracht! War das ein Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich
-kaum vor Freude und die Geschwister riefen:
-
-»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag ist.«
-
-Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die Schaukel
-und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, war so galant
-und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte zu schaukeln. O das
-war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum ganz nahe und sah die
-kleinen Brüderchen Willy und Hermännchen als winzige Punkte unten
-stehen. So ging es lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die
-andern an die Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so
-setzte sie die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem
-Vergnügen teilnehmen.
-
-Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot und die
-Kinder durften es im Garten verzehren. So verging Stunde auf Stunde des
-so schlimm begonnenen Tages in schönster Lust und als Aennchen endlich
-spät am Abend im Bettchen lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen
-zu beten, da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr:
-
-»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute morgen so
-unartig gewesen bin?«
-
-Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der erste Schultag.
-
-
-Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr das kleine Herz recht
-schwer, denn gleich fiel ihr ein, daß ja heute der erste Schultag sein
-sollte. »Ach,« seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn
-doch dieser erste Tag schon vorüber wäre.«
-
-Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, aufzustehen
-und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden zu lassen. Diese
-that es heute beinahe etwas respektvoll und sagte:
-
-»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und so gelehrt
-werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir vorlesen kannst aus
-deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden kannst du jetzt bald allein
-besorgen, ein Schulmädel muß ja alles können. Hast du denn schon die
-schönen neuen Schulkleider gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt
-hat?«
-
-Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen mit
-weißen Borten und eine große schwarze Schürze mit Spitzen besetzt, ein
-helles warmes Mäntelchen und ein hübsches Mützchen – alles nagelneu,
-war neben dem Ränzchen auf den Tisch gebreitet. Das war freilich eine
-Freude für Aennchen, die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne
-putzen ließ.
-
-Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn selbst
-Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und Geschwistern und kam
-sich förmlich wichtig vor, als sie nun das Ränzchen auf den Rücken
-nahm und Papa auf die Uhr sah und sprach:
-
-»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist hohe Zeit.«
-
-Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied von den kleinen
-Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach Amerika, dann gab sie
-Papa noch einen Kuß und fort ging es an der Mutter Hand zum Hause
-hinaus.
-
-Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen und Knaben
-und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der Schule kam, desto
-mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben Weg, viele allein,
-manche von ihrer Mutter begleitet, denn das neue Schuljahr hatte noch
-nicht lange begonnen.
-
-Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl früher ein
-Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal und so viele
-Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen stieg an der
-Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das Herz klopfte ihr, als ob
-es zerspringen wollte, und sie sah gar nicht mehr, wohin sie ging. Da
-stand sie auf einmal in einem großen Saale und der Herr Lehrer kam auf
-die Mama zu und sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und
-sprach zu Aennchen, welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert
-hielt:
-
-»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde eine Hand!«
-Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht des Herrn Milde, der so
-sanfte Augen hatte, welche hinter einer Brille hervorblickten, und so
-freundlich lächelte, daß sie alle Furcht verlor und ihre kleine Hand
-in die seine legte. Nun blickte er sich um, die langen Reihe der Bänke
-entlang, welche Sitz an Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren,
-und fragte:
-
-»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?«
-
-In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und streckten die
-Finger in die Höhe:
-
-»Hier!«
-
-Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie zwischen die beiden
-Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der Mama um. Diese hatte sie
-allein gelassen bei all den fremden Mädchen. Sie legte den Kopf auf das
-Pult, barg das Gesicht in den Händen und weinte leise und ängstlich
-vor sich hin. Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine
-sanfte Stimme flüsterte beruhigend:
-
-»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu hegen.«
-
-Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von schlichten
-hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein und schmächtig gebaut
-und die rechte Schulter stand bedeutend in die Höhe; sie trug ein
-einfaches dunkles Kleid und eine hohe Schürze, um den Hals ein weißes
-Halstuch und sah so schlicht aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte
-sich neugierig angezogen und fragte, ihre Thränen trocknend:
-
-»Wie heißt du?«
-
-»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst seit einigen
-Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, also siehst du, daß
-es nicht so schlimm ist.«
-
-Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs sehr
-spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, blickte
-sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch:
-
-»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze nun ein
-ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.«
-
-Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr war sie hier
-in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! Aeußerlich
-war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer daß sie
-sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte und die
-Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken an einer
-Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches Geschöpf mit
-goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen um das reizende Gesicht
-flatterte; gekleidet war sie in ein blaues Samtkleid, aus dem ihre
-bloßen Schultern und Aermchen leuchtend hervorblickten. Aennchen
-glaubte, noch nie ein solch entzückendes Wesen erblickt zu haben, und
-atemlos flüsterte sie zu Martha hinüber:
-
-»Wie heißt das Mädchen neben mir?«
-
-Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt darfst du
-nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.«
-
-Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als die neun Klänge
-verklungen waren, da gab Herr Milde auf seinem Katheder, den er
-inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen und nahm eine Violine zur Hand.
-
-Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner Gnade« – sagte
-er, »wer von den Neueingetretenen ihn von zu Hause her kennt, darf
-mitsingen.«
-
-Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den Kindern
-gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor all der kleinen
-Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang mit klarer Stimme mit, Alma
-jedoch, obgleich sie schon so lange in der Schule war, hielt das feine
-Taschentuch an die Lippen, als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht
-mit. Aennchen sah sie verwundert an.
-
-Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser und dann
-trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr Milde gebot, die Griffel
-und Tafel sollten hervorgeholt werden. Das thaten nun alle mit großem
-Eifer und auch Aennchen nahm mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel
-heraus – gewiß hatte keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas
-Tafel war wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch
-Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel waren mit
-Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte!
-
-Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an die Tafel ein
-kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben und nun machten sich
-Hunderte von kleinen Fingern an diese Arbeit, während der Herr Lehrer
-von einer zur andern ging und Umschau hielt. Das gab harte Plage!
-Aennchen mühte und mühte sich, aber sie brachte keinen geraden Strich
-zu stande und bewundernd sah sie der kleinen Martha zu, welche schon
-eine Menge von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da.
-
-»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt.
-
-»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig zur Antwort.
-
-Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte es sich doch,
-daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, was sie wolle, denn er
-schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin kein besseres Beispiel
-gebe, die kleine Martha aber lobte er sehr und beauftragte sie,
-Aennchen etwas mit Rat beizustehen.
-
-So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen es gedacht
-hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde:
-
-»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten springen!«
-
-Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig Mädchen wollten
-laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber gebot: »Eine nach der
-andern und immer hübsch ruhig!« Da dämpften sie die fröhlichen Stimmen
-und schoben sich artiger zur Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit
-fortgezogen in der Schar und befand sich schließlich in einem großen
-Garten, der nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies-
-und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten nun
-die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten.
-
-Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis gebildet, sie
-kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. Fröhlich
-trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« und begann bald herzhaft
-zu springen und zu jauchzen und es ihrer Nachbarin, der ausgelassenen
-Alma, nachzumachen. Als der Kreis sich wieder drehte, sah sie die
-kleine verwachsene Martha ganz still und traurig außen stehen.
-
-»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu.
-
-»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma laut und
-rücksichtslos ab.
-
-Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie die schlimmen
-Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen Kind zwei große Thränen
-in den Augen und flossen langsam die schmalen Wänglein herunter. Aber
-Alma zog Aennchen mit sich fort und diese hatte einen solchen Respekt
-vor der glänzenden Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen
-wagte, sondern sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von
-ihrer Gunst beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete
-Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied,
-wer sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten,
-sprang und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in
-die Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch nicht
-einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte nur so vor
-Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an.
-
-Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der Unterricht
-wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas Leistungen bald ein
-Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade bei ihr immer am meisten zu
-tadeln und zu rügen.
-
-Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese
-verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge
-Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich
-nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen
-und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß
-die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein
-Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war
-schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß
-der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und
-Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben.
-
-Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim
-Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch
-flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde
-wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm
-und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein
-reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte
-Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und
-dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm.
-
-»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann
-schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp.
-
-Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig
-vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so
-stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine
-bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte
-freundlich:
-
-»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?«
-
-»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher
-nicht denselben Weg.«
-
-»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und
-ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn
-meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit
-gemietet.«
-
-»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?«
-fragte Aennchen überrascht.
-
-»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,«
-war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine
-Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken
-Schwester Gesellschaft leisten.«
-
-»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen.
-
-Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas.
-»Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue
-eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.«
-
-Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige
-Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale
-Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden
-die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und
-leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen.
-
-Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze
-Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie
-ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu
-erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren
-Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte,
-da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein
-Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen.
-
-Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte
-keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht
-einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder
-zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese
-Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden
-durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing
-sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so
-lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater
-mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief:
-
-»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen
-lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?«
-
-Aennchen murmelte »Ja.«
-
-»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig
-ist!«
-
-So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte
-sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die
-aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei
-und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu
-regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten
-genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle
-so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel
-bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel
-und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter
-nach dem Garten.
-
-Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf.
-Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit
-den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt
-etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit
-entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig
-kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen,
-dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer
-großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten,
-und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein
-Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte,
-es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte
-hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als
-vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit
-Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten.
-Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich:
-
-»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine
-beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute
-Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die
-Vorstellung.«
-
-Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und
-jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen
-alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren
-hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die
-verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann
-im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen.
-
-Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam,
-zankte Lisette tüchtig und sagte:
-
-»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang.
-Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich
-konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel
-zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.«
-
-»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und
-blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und
-schlief fröhlich ein.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft.
-
-
-Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie
-verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im
-Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis
-alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und
-anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus
-dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und
-weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu
-sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren
-Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten.
-
-Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn
-als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun
-Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude
-hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert
-um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz
-zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng
-entgegen und faßte sie bei der Hand:
-
-»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten
-eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man
-pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der
-Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung
-vorbringen muß?«
-
-»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen
-verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.
-
-»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde.
-
-»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen
-heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so
-öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune
-wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ,
-schlüpfte sie auf ihren Platz.
-
-Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen,
-Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit
-ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte
-Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen,
-daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue
-Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung:
-
-»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s
-sieht!«
-
-Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte
-sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges
-i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines
-Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre
-Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen?
-
-»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende
-gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt.
-
-»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten
-vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,«
-ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen
-kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«
-
-»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn
-nicht gut verwahrt?«
-
-»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich
-alles liegen und sprang davon.«
-
-»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst,
-»denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets
-ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß
-sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat.
-Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von
-dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen
-können.«
-
-Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen
-Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen
-würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren!
-
-In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem
-Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder
-Weise eine Geschichte vom lieben Heiland.
-
-Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich
-aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust,
-ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit
-sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie
-einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche
-Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher
-nicht gleich den Kopf deswegen abreißen.
-
-»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten
-mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause
-brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.«
-
-»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser
-gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein
-Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen.
-Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«
-
-Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich
-tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann
-sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer
-schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen
-Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie
-auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden
-Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele
-eingestellt und standen atemlos im Kreis herum.
-
-Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da
-erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige,
-welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen
-und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte
-hämisch:
-
-»Wie eine Gauklerin!«
-
-Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen
-stürzte sie auf die Sprecherin zu:
-
-»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich
-zurück!«
-
-Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen
-Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden
-auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke
-die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber
-folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und
-ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin
-murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«
-
-Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich
-mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend
-zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute
-den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt
-hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da
-sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit
-ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr
-das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne
-zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und
-mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales
-Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte
-sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn:
-Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!
-
-Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame
-Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der
-Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut
-gefiel Aennchen das schöne Lied:
-
- »Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?«
-
-Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen
-Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als
-»treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die
-kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit
-diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen
-hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis
-zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe
-ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und
-wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!
-
-Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich
-des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende
-unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die
-Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst
-aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste,
-was man begehen könnte!«
-
-So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe
-hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein
-liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus
-gebracht?«
-
-Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der
-Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen
-gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber
-das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir
-nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr
-der Mutter und flüsterte:
-
-»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.«
-
-Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie
-gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem
-Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn
-begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann
-es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei
-deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine
-verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen;
-freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun
-nichts werden.«
-
-Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen
-Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat.
-Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel
-der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz,
-der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung
-fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben
-sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging
-ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie
-heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise:
-
- »Hab ich Unrecht heut gethan,
- Sieh es, lieber Gott nicht an –
- Mache Du durch Christi Blut
- Gnädig allen Schaden gut.«
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Die Handarbeitsstunde.
-
-
-Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde
-bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen
-Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der
-Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz
-führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren,
-welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen
-schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes
-Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus
-wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und
-zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit
-innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle
-»Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie
-sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein
-gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour,
-den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar
-immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde
-austeilte.
-
-Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so
-heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern
-leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn
-sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde
-fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz
-zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht
-wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer
-anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten
-eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich
-zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich
-in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf
-stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster.
-Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle
-Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.«
-
-Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren
-über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich
-ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie
-sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß,
-es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen
-Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch
-niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte
-diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst
-das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam
-richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick
-errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme:
-
-»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der
-Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen,
-weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt
-sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht
-interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu
-hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie
-du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen
-Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was
-ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und
-eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit.
-Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen
-nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald
-wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der
-Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen
-Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich
-über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle
-eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete,
-das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute.
-
-Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines
-Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte
-– das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre
-Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer
-zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine
-vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß
-man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und
-Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts
-mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem
-Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand
-dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter
-und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen
-und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie
-wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl
-mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren
-feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der
-Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten.
-
-Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an der Arbeit
-ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren gar so ungeschickt
-und nichts ging ihr von der Hand. Als aber die Not immer größer wurde,
-da fing sie doch an, der Mutter die Arbeiten abzusehen und sich selbst
-daran zu versuchen, und siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte,
-da ging es auch und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der
-Kaufmann, dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer Jugend
-und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte sie mit
-glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug der Prüfung, die über
-sie gekommen, denn nun begann ihre arme Mutter sehr leidend zu werden
-und zu schwach, selbst etwas zu leisten. Welches Glück, daß nun das
-Töchterlein imstande war, für sie einzutreten, und sich auch in der
-Pflege geschickt und willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte,
-ward ihr ein treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er
-den guten Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich
-imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr Stolz war
-gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft daran, welch ein
-unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren Tagen gewesen. Der
-liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen und Irrwege schließlich zum
-glücklichen Ziel und sie ist zufrieden und glücklich geworden. Und wißt
-ihr, lieben Kinder wer die kleine Marguerite eigentlich war?« fügte
-das alte Fräulein nach einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es
-gewesen.«
-
-»Sie selbst?« riefen überrascht die Kinder, denen bei der schlichten
-Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten waren, und Alma,
-welche besonders aufmerksam diesmal zugehört hatte, fragte noch einmal:
-
-»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« – – – Sie stockte.
-
-»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete Fräulein
-Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln den Satz. »Glaubt
-aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen sollte, über mein
-jetziges Los zu murren. Ich danke im Gegenteil dem gütigen Gott jeden
-Tag, daß er mich so weise Wege geführt und davor bewahrt hat, ein
-übermütiges stolzes Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn
-er mich ferner gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine
-eigenen so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens
-vorzubereiten – möge aber keine von euch allen durch so harte Prüfungen
-gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!«
-
-Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, als sie
-endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen war unbewegt.
-Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht war zeigte sich tief
-ergriffen und von dieser Stunde an war sie viel eifriger als vorher
-bemüht ihre gütige Lehrerin zufrieden zu stellen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Lehrstunden.
-
-
-Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit
-Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt
-worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden,
-daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern
-bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen
-Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle
-bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen
-gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich
-nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein
-volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine
-der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und
-Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern.
-
-So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden,
-wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise
-zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit.
-Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben
-des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im
-Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu
-entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben,
-wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag,
-und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es
-versuchen zu lassen.
-
-Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie
-vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel
-nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl
-zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus,
-und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig
-und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch.
-
-In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave
-und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen
-Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und
-auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das
-Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange
-die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und
-auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar
-leicht dem Gedächtnis ein.
-
-Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die
-Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch
-keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme
-zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen
-und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald
-zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich
-sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende
-ging, baten gar oft die Kinder:
-
-»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.«
-
-Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar
-gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen:
-
-»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder
-»Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich
-weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt
-ihrem Gesang.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Ein Tag bei Alma.
-
-
-»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir
-erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines
-Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen
-leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd:
-
-»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa es immer gern, wenn
-wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt meine Mama auch, ich könnte
-bei dir genieren den ganzen Tag.«
-
-»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn meine Mama dich
-noch besonders einladen läßt,« versicherte Alma eifrig und damit
-trennten sich die Freundinnen.
-
-Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer Mutter von
-der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und meinte:
-
-»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich dich unmöglich in
-ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich betrübt davon.
-
-Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als Aennchen sehen
-wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer Bedienter vor der Thüre
-mit langem blauem Rock und großen goldnen Knöpfen daran und einer
-breiten goldnen Borte am Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der
-Hand für Aennchens Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen
-eine sehr liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche
-zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde sie selbst
-Sorge tragen.
-
-[Illustration]
-
-Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde angenommen
-und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus herum, freute sich auf
-den kommenden Tag und sprang jede Viertelstunde zu Papa in die Stube:
-»Süßes Papachen, glaubst du, daß morgen schönes Wetter wird?«
-
-»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe wie den
-fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater endlich
-ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus.
-
-Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, die Sonne
-ganz wunderbar strahlend auf und der blaue Himmel lachte wolkenlos
-hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen mit den rosaseidenen
-Schleifen denn getrost angezogen werden und Aennchen sah sehr niedlich
-darin aus.
-
-Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage vor und
-der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. Wie eine richtige
-große Dame kam sich Aennchen vor, als sie dann so allein in dem
-wunderhübschen Wagen saß, und sie grüßte ordentlich huldvoll zu den
-Geschwistern hinauf, welche mit den Eltern zum Fenster heruntersahen,
-ihr Aennchen noch abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich
-doch Alma ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich
-dahinfuhr zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann
-durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche hohe
-Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun hielt der
-Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster und Zinnen im
-Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster Spitze eine rote Fahne
-lustig in die Welt hinauswehte.
-
-Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon
-eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus
-hervor und dem Gaste entgegen.
-
-»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens
-Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große
-Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der
-Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es
-kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses
-hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst
-das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die
-Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder
-Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich
-die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses
-hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem
-Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern
-errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und
-sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an
-die Stirn und sprach auf französisch zu Alma:
-
-»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der
-Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.«
-
-Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das
-Zimmer.
-
-»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,«
-sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von
-glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit
-deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung
-stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu
-Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte
-sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt,
-Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine
-kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das
-Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem
-wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall
-auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke
-ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken
-vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher,
-Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz,
-was man sich nur denken kann.
-
-Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber
-sah ganz gleichgiltig aus und meinte:
-
-»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der
-Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.«
-
-»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen.
-
-»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine
-Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist
-eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit
-ihr fertig.«
-
-Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie,
-»wo ist sie denn?«
-
-»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum
-gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie
-nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch
-durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt
-werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er
-sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so
-sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.«
-
-»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen
-gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf
-bestanden hat.«
-
-Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in
-einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes
-köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles
-mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben.
-
-Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von
-da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes
-Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr
-grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum
-andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich
-ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug
-glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte
-ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze
-Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah,
-in dem Heukasten.
-
-»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie
-hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über
-das seltsame Betragen dabeistand.
-
-»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen
-lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall
-und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein
-kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe
-Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen
-behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem
-Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche
-aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der
-Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe
-ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so
-stürmisch, wir könnten herausfallen.«
-
-»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma
-übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte
-diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte
-den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen.
-So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie
-die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung
-machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen
-aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden
-erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über
-Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten
-hin die Räder und Kissen auseinander flogen.
-
-Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen
-Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche
-eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall.
-
-Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern.
-
-»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte
-sie.
-
-Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas
-zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich
-selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem
-abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage
-nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat
-schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht
-waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.«
-
-Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als
-sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in
-einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits
-mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld
-die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel
-gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge
-Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand
-ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif
-wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all
-die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen
-Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge
-angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den
-Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten
-Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche
-mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die
-herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen
-Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie
-vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die
-Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu,
-daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma
-wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen.
-Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach:
-
-»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf
-stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif.
-
-»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu
-Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.«
-
-Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und
-fragte:
-
-»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?«
-
-»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße
-an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen
-und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun
-die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine
-Hand zum Kuß reichte.
-
-»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich –
-
-»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften
-die Mädchen das Zimmer verlassen.
-
-Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen:
-
-»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall
-verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?«
-
-»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der
-Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit
-begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh
-genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein
-kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer
-gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften
-aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie
-freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.«
-
-»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier
-Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie
-zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und
-Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem
-Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?«
-
-»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann
-brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit
-in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder
-alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen
-hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum
-Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen
-der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und
-grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich:
-
-»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern
-Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und
-winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu.
-
-»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd.
-
-»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht
-da ist, so kann es uns niemand verbieten.«
-
-»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.«
-
-»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße,
-»du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich
-eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte
-aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren
-Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg
-sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und
-gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte,
-es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz
-und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma
-wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann,
-ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom
-Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie:
-
-»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber
-gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger
-schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei
-aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte
-kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma
-schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig
-wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe.
-
-Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger
-Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß hinein. Mit
-kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die Stelle erreichte,
-an welcher das verschwundene Kind soeben wieder sichtbar wurde, dann
-ergriff er es mit sicherer Hand und hob es in den schwankenden Kahn,
-bevor er sich selbst hinein schwang.
-
-[Illustration]
-
-»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,« sagte er
-aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem er die Ruder ergriff
-und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete neben der wie leblos daliegenden
-Freundin am Boden.
-
-»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche
-Gesichtchen betrachtend.
-
-»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, »aber sie muß
-so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß keine Erkältung
-nachfolgt.«
-
-»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst Papa
-erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?«
-
-»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das Fräulein zu
-meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob nachdenklich.
-
-»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« rief Alma
-befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es eigentlich nicht um
-sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem Hochmut behandelte und
-ihm kaum einen Gruß schenkte. Er war aber ein guter Bursche und hatte
-das alles im Augenblick vergessen.
-
-Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen in das alte
-Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche früher Almas Amme
-gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig aufnahm und sich sogleich
-damit beschäftigte, Aennchen aus den nassen Kleidern und ins Bett zu
-bringen, wo diese in der Wärme bald die Augen wieder aufschlug und
-behauptete, sich ganz wohl zu fühlen.
-
-Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der
-Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen
-Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären
-konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen
-prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug,
-und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend.
-Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in
-dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen
-und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis
-um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und
-schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie
-geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen
-befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie
-sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für
-die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der
-verunglückten Kahnpartie verraten.
-
-»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?«
-bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig
-nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte
-nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie
-es doch.
-
-Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre
-Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen
-Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes
-Daheim und sprach leise vor sich hin:
-
-»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir
-tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«
-
-Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts
-von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über
-den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach
-Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen,
-denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit
-gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis
-sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer.
-
-
-Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem
-Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit
-seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der
-Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen
-Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie
-in der großen Prüfung gut bestanden hatte.
-
-Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als
-die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern
-im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten
-auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher
-Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und
-Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten.
-An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen
-und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen
-würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich
-gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage
-des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war
-sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem
-ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder,
-in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.
-
-»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich
-gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit
-Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen,
-wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.«
-
-Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte
-plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort
-auf des Herrn Kommissars Rede:
-
-»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.«
-
-Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über
-ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen,
-daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran
-gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr
-Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter
-und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen
-dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen
-Gelehrten getrunken wurde.
-
-Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr
-schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr
-mit vorrücken durfte.
-
-Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich;
-er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn
-Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den
-Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen.
-
-Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt:
-nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte,
-mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen.
-Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der
-Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder,
-ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren
-Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen
-die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die
-Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.
-
-Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle
-des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern
-sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist
-leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als
-eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer
-Tagesausflug veranstaltet werden.
-
-Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der
-Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen;
-als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt.
-
-Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte
-den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles
-Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so
-lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen
-anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges
-Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für
-solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber
-klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf
-durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide
-zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es
-gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie
-alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer
-zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt,
-Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte
-ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem
-tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei
-dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie
-habe keine Lust, sich damit zu belasten.
-
-Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die
-Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und
-ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät,
-den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte
-längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über
-Stock und Stein davon.
-
-Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen
-Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch
-Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren
-schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte.
-Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von
-Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im
-weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz
-sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in
-einem zierlichen Täschchen bei sich trug.
-
-»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen
-Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu
-genommen – da werden wir wohl reichen!«
-
-Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie
-war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den
-Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese
-aber tröstete sie:
-
-»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein
-lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht
-nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.«
-
-»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten
-miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück.
-»Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in
-einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir
-ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!«
-
-Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen
-das schöne Wanderlied zu singen:
-
- »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus –
- Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus –
- Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
- So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
-
- – Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’!
- Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht –
- Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert,
- Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!«
-
-Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die
-herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße
-und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am
-liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt
-hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch
-besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen
-an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas
-Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«
-
-Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie
-seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu
-ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der
-Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten,
-bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man
-es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine
-Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber
-kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude
-an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend
-vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu
-glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden
-träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen
-gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen
-und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber
-nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus
-nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.
-
-Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber
-tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr
-durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann
-euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte
-von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner
-Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er
-mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang
-herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll
-von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz
-vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen
-Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben,
-in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein
-Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke
-in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat
-die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer
-entgegen.
-
-»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich
-Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig
-hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.«
-
-»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die
-Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins
-dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und
-Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee.
-So brauchen sie sich nur zu wählen.«
-
-»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller
-an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das
-ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«
-
-Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während
-sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden
-Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und
-Aennchen kam und frug:
-
-»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd:
-
-»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher
-Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen
-können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich
-wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für
-einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.«
-
-Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.
-
-»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie
-verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn
-das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden
-können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?«
-
-Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah
-nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte
-in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre
-Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer
-Miene befahl:
-
-»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot –
-ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.«
-
-Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und
-danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen,
-saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht
-gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst
-verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte,
-und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem
-Mahle.
-
-Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich
-bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure
-Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den
-letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale
-furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an.
-Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei
-Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig
-um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl,
-welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er
-freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und
-er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht
-wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit
-den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.
-
-[Illustration]
-
-»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das
-schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich
-kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.«
-
-Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl
-genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen
-Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu
-erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag
-vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen
-Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie
-abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede
-weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die
-beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte
-er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl
-neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem
-Walde antraten.
-
-Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen
-währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über
-ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen
-Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen
-verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that,
-daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch
-aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern
-gegangen waren.
-
-»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen
-ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die
-Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß
-Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten,
-wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen
-für so junge Fräuleins.«
-
-»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus
-der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte
-sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen
-der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch
-herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon
-glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie
-gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen
-sind.«
-
-Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte
-sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen
-die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der
-freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße
-entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen
-aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen
-Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald
-hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben
-entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich
-auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier!
-
-Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig
-herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige
-zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch
-und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter
-Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von
-Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen
-rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue
-Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches
-Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor
-Entzücken.
-
-Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem
-erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja
-zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten
-dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden
-Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar
-reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen.
-Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der
-köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich
-zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß
-sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den
-Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit
-sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach
-den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche
-Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so
-tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher
-Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den
-Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes
-Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum
-hindurchzuwinden vermochten.
-
-Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion
-Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre
-nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche
-die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten,
-die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so
-beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber
-Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe
-steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man
-sich auf einer Anhöhe befand.
-
-»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich
-werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden
-und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon
-wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«
-
-»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich
-dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es
-ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.«
-
-»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte
-Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.«
-
-»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte
-Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch
-aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um
-uns würde.«
-
-Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und
-dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen
-atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß
-sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten,
-es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder
-erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten.
-
-Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie
-es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor
-ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters.
-Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten
-dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch
-jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile
-vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den
-Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte
-sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele
-Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand
-die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der
-ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter
-voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu
-ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben
-schossen tief am Boden hin.
-
-Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle,
-durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge,
-aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle
-entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden,
-wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen,
-selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt
-und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf
-zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben
-und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen.
-
-Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer
-in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich
-klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich
-erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma
-darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich
-befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als
-sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche
-wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken!
-
-Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der
-fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher
-See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen
-Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen
-Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war
-so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen
-begann:
-
- »Auf die Höhen möcht ich steigen
- In die freie Bergesluft
- Und den Blick herniederneigen
- In das Thal, erfüllt von Duft,
- Auf die friedlich stillen Hütten,
- Auf des Stromes Silberband,
- Und dann rufen laut inmitten:
- Schön bist du, mein Vaterland!«
-
-»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich
-dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche
-pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie
-unheimlich das aussieht.«
-
-»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch rasch
-erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche
-sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In
-kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen
-überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde
-hinzufegen.
-
-Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und
-schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört
-und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer
-Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich
-her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl
-geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier
-in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht
-verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn
-die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie
-mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem
-Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der
-Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann
-plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle
-Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren
-keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern
-vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden
-verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem
-Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines
-wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die
-kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners,
-das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen
-blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen
-eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die
-fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor
-Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander.
-
-Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der
-Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder
-so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen
-wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm
-wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten
-vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu
-Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen
-Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers
-hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun
-langsam rieselnd zu Boden sickerten.
-
-Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus
-ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des
-Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und
-nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem
-Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle
-beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr
-ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine
-lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger
-verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne
-hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette
-schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die
-Erde auszubreiten.
-
-Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma
-Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung,
-auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine
-blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene
-Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem
-Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein,
-droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis
-tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre
-in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner
-schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den
-allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war.
-
-An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank
-hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch
-lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand
-daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet,
-eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als
-seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein
-kunstvolles silbernes Kruzifix herab.
-
-Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum
-und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten
-sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig
-Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie
-vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet,
-da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger
-damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon
-ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in
-der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch
-Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden,
-die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager
-erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie
-entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland
-hinüber. – –
-
-Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen
-haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit
-goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das
-Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen
-Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar
-nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang
-sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis
-vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete.
-Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den
-Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der
-braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick
-bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde
-Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte
-Stimme des fremden Mannes frug:
-
-»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest
-gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht
-zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?«
-
-Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze
-Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages
-stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles
-selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber
-wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch
-Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie
-verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige
-Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den
-Kopf.
-
-»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt
-und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den
-Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe
-Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst
-bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen
-nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten
-hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen
-ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir
-doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so
-überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas
-Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein;
-meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.«
-
-Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und
-zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann
-ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann
-frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da
-hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt
-und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen:
-
-»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt,
-die uns das Frühstück besorgen soll.«
-
-Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch
-die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande,
-wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine
-Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis
-hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen
-wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von
-kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her.
-
-»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche
-Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und
-rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?«
-
-Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen
-hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen
-in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie
-führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste
-erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund.
-
-»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen
-Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und
-warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch,
-was du kannst.«
-
-Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült
-hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der
-Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum
-Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die
-Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich
-in einem Husch zum Davonlaufen.
-
-»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind
-scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute
-nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei
-meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf
-hinunter zeigen kannst.«
-
-Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die
-aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen
-Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten
-etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den
-köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre
-weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche
-Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit
-darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu
-erzählen anfing.
-
-»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir
-in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst
-wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an
-dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten
-und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen,
-die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und
-hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und
-hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor
-lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.«
-
-»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen
-in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach,
-was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus
-vorfand!«
-
-»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der
-Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich
-benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist
-es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe
-macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein
-Stückchen begleiten!«
-
-So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege
-voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann
-zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den
-gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen
-von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß
-er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause
-und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe.
-Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets
-dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines
-Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder
-nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen
-Kräften bei.
-
-»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist
-so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr
-braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten
-Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein
-wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft:
-
-»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger
-Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!«
-
-Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße
-führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem
-er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so
-leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen
-Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand,
-dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und
-drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so
-rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen
-zurief:
-
-»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig
-versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause
-komme.«
-
-Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein
-freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem
-Finger darauf hinwies:
-
-»Seht, da bin ich zu Hause!«
-
-Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit
-gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte
-Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken:
-
-»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet
-zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich
-aber laufen, soviel ich kann.«
-
-Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht
-vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem
-Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als
-sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so
-Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches
-mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die
-niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu
-sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten
-sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es
-begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd
-gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke
-gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die
-braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um
-das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als
-sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und
-rief munter:
-
-»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der
-Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie
-wird euch sicher willkommen heißen.«
-
-Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und
-rief ihr ins Ohr:
-
-»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der
-Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie
-mit mir geschickt hat!«
-
-»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit
-dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen
-wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der
-Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.«
-
-Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas
-zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe
-mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr
-gerne geladen sein.«
-
-Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum
-von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem
-Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein
-Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei
-große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf
-den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch
-gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr
-Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und
-rief:
-
-»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die
-Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn
-diese satt sind, kommt an euch die Reihe.«
-
-Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf,
-zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie
-fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit
-genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur
-aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des
-Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich
-hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an
-alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und
-Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer
-freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um
-die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die
-Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit
-ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom
-Tisch auf und rief:
-
-»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem
-Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird
-dann schon weiter für euch sorgen.«
-
-Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen
-Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit
-gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen
-entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der
-Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders
-aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes
-einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis
-oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise
-überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ
-doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor
-gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC
-aufzusagen – _abcdefghiklmnop_, und die Stimme des Lehrers schallte oft
-verweisend laut dazwischen.
-
-Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein paarmal an. Man
-schien sie nicht zu hören, endlich riefen mehrere Stimmen:
-
-»Herr Lehrer, es klopft!«
-
-»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der Lehrer. »Ihr
-habt nur wieder Dummheiten im Kopf.«
-
-»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie nur selbst,« gaben
-mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der Lehrer das Ohr und öffnete
-rasch die Thür. Es war ein alter Mann mit einer langen spitzen Nase,
-auf welcher eine große blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt
-war, doch wurde sie zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen
-rasch bis über die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne
-flatterten nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte
-Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern
-äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister eine lange
-Rute, welche nur zu deutliche Spuren der Benützung zeigte und selbst
-in friedlichem Zustand von des Herrn Lehrers Faust immer unruhig hin-
-und hergeschwenkt wurde. Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister
-von Resi berichten, was der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die
-zwei Mädchen aus der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt
-hätten und daß der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres
-Fortkommen sorgen möge.
-
-»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn Kollegen
-gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister mit
-näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen durch seine große
-Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden.
-
-»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen von der Spezies
-wie der Michel da?« Damit deutete er auf einen heulenden, gegen die
-Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote geschwollene Backe leider nur
-zu leicht erraten ließ, daß sie vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit
-der gefürchteten Rute gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und
-bang und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch der
-Herr Lehrer sagte nur:
-
-»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die Stunde zu
-Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch sorgen. Nehmet
-dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere Plätze sind, und spitzet
-wohl eure Oehrlein, was ihr von dem Unterricht vernehmet, denn der
-Mensch soll keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich zu belehren.«
-
-So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte Bank,
-während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll lebhafter Neugier
-ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den seltenen Gästen, sie
-verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis der Herr Lehrer mit
-einem Stock auf den Tisch schlug und rief: »Aufgepaßt, ihr neugierigen
-Rangen. Nun zeigt einmal, was ihr alles wißt, damit die fremden
-Mägdlein aus der Stadt Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten
-sie doch nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten
-sich unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite
-der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen inne –
-die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein paar trugen
-hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der blonde Michel in
-der Ecke prangte sogar in einem braunen Samtwams und trug blanke
-Silberstücke als Knöpfe daran. Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen
-wollte vor seinen fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so
-sprang er mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und
-die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht zu
-unterstützen.
-
-»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener
-Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte den Lehrer ratlos
-an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: »Sag’ mir doch ein,
-Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« doch da fuhr schon die Rute
-flink dazwischen und Hansjörg, der nur die Hälfte verstanden hatte,
-stotterte unsicher: »A– A– – A– –«
-
-»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf nicht einmal mehr
-den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer im hellen Zorn – »zur
-Strafe dafür sollst du aber heute deine zwei Schiefertafeln voll »Adam«
-schreiben und damit du es nicht wieder vergißt, will ich dir für alle
-Fälle noch einen Gedenkzettel geben.«
-
-Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut
-aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der
-Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel
-und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter,
-welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider
-auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister
-den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz
-erschöpft innehalten mußte.
-
-»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer
-Junge und sprang von seiner Bank auf.
-
-»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende
-mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’
-der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen
-geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres
-Aergernis entstehe.«
-
-Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke
-zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen
-das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer
-kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die
-Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die
-fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend:
-
-»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die
-sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.«
-
-Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man
-hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander
-und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas
-ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach:
-
-»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer
-bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.«
-
-Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr
-Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren.
-Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt
-auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt
-auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern
-schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte
-zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien,
-Nachricht zu geben.
-
-Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz
-atemlos zurückgelaufen:
-
-»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt,
-den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der
-kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich
-versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand
-gedrückt.
-
-»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen
-in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen
-im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte
-die Mädchen im pfeilschnellen Lauf.
-
-Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen
-gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere
-Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die
-Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide
-hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen
-Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen
-hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen
-von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden,
-nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese
-längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so
-brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses
-Gewissen.
-
-»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten
-sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da
-fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll
-Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon
-die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger
-Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und
-soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem
-Perron.
-
-»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat
-wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte
-sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden
-und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen
-gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß
-du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch
-ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche
-Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal
-seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn
-von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen
-war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte.
-So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger
-schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten,
-aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts
-durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man
-ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die
-ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien.
-
-Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und
-Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte,
-und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes
-Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der
-kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch
-schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel
-ein Briefchen zusammen zu schreiben.«
-
-Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja
-selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi
-und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die
-kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige
-nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes
-Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte
-Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die
-fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen.
-
-Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch
-gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und
-Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja
-schon ganz gesprungen gewesen.
-
-Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen
-ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben
-und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit
-verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute
-doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete:
-
- »Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut mir
- bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht,
- wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich
- immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei
- und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut
- aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl,
- das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der
- Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein
- tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber was
- ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn
- der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für
- die große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben.
- Ich hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große
- Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da
- steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du
- darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s
- dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen
- gefunden hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin
- aus dem Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön
- erzählt, und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote
- Röckle und Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und
- alles hat mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie
- eine leibhaftige Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und
- die weiß doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück
- und eine Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und
- Zichorie gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie
- hat gesagt: »Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht
- so viel Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies
- doch meine größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß
- mir’s im Leben noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’
- aber gleich ein großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen
- so dick, daß der Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der
- Kaiser selbst noch keinen getrunken hat.« Und sie hat auch
- wirklich so einen gekocht und dann hab’ ich auch ein Schälchen
- und eine Brezel bekommen und unsere Kätzchen mit den schönen
- Halsbändchen sind um uns herumgesprungen, auch die Geiß hat
- mit ihrem neuen Glöckle zur Thür hereingeguckt und vor eitler
- Freude gemeckert. Dann bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen
- und hab’ dem Einsiedel das schöne Gebetbuch und den Krug und
- Eure Briefe gebracht; dem sind die hellen Thränen vor Freude
- herunter gerollt und er hat gar nicht gewußt, über was er
- sich am meisten freuen sollt’. Aus dem schönen Krug haben
- wir gleich zusammen getrunken, und da hat’s noch tausendmal
- besser geschmeckt als aus dem alten; dann hat der Einsiedel
- das neue Buch mit dem schönen Einband genommen und mir Gebete
- daraus vorgelesen, daß mir’s ganz andächtig geworden ist, und
- dann haben wir zusammen ausgemacht, daß ich euch einen Brief
- schreiben sollte, und hier ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht
- übel, daran ist nur die Tinte schuld, auf die Schiefertafel
- mach’ ich keine. Also adieu, liebe Stadtfräuleins, habt
- nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt und Großmutter grüßt
- und ich grüße.
-
- Eure _Resi_.
-
- Nachschrift. Der Herr Lehrer hat mir auch einen Gruß
- aufgetragen und sogar der Herr Pfarrer – das ist eine hohe
- Ehr’, die euch widerfährt, und ich wag’s kaum niederzuschreiben.
-
- * * * * *
-
- Einen Strohhut haben wir auch gefunden, aber er ist ganz
- zerdrückt, und ich hielt ihn für eine Düte.« – – –
-
- * * * * *
-
-So lautete der Brief der kleinen Resi, welchen Alma und Aennchen mit
-großer Freude immer wieder lasen, und der Schulspaziergang mit all
-seinen Abenteuern bildete noch lange Zeit ihr liebstes Gesprächsthema,
-denn alles, was sie da erlebt hatten, entschwand ihrem Gedächtnis nicht
-wieder und noch gar oft weilten sie im Geiste bei dem lieben alten
-Einsiedel und der braunen Resi in der kleinen Hütte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Schlimme Freundschaft.
-
-
-Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten sich fröhlich
-daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen hatte bereits ihren Hut vom
-Nagel genommen und nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie
-beiseite und flüsterte ihr ins Ohr:
-
-»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch einige
-Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es merkt.«
-
-Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese mit Sarah
-Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene im Garten in
-beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig wie immer, wenn
-es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, ging sie auf Sarah zu, welche
-sich soeben zum Fortgehen anschickte, und bat sie um die Gefälligkeit,
-ihr ein Rechenexempel, welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal
-zu erklären. Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn
-nichts schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die
-Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich
-unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, während sie Aennchen
-aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich zu machen versuchte. Die
-andern Mädchen verließen unterdessen alle nach einander die Schule;
-nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, hinter ihr und machte sich hinter
-deren Rücken zu schaffen. Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu
-Ende, wandte sich und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im
-Begriff, ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als
-Alma ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot.
-Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin an, bald
-der verschwindenden Sarah nach.
-
-Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch
-und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte ihr verstohlener
-Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier befestigt, von
-welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, und auf dem Deckel ihres
-Bücherranzens prangte ein rotes Papier, welches mit einem großen
-Eselskopf bemalt war.
-
-»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. »Du kannst doch
-unmöglich wollen, daß Sarah so durch die Stadt läuft!«
-
-»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne ihr eine
-solche Demütigung von Herzen.«
-
-»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche wissen!« rief
-Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von Alma abwandte, »es
-thut mir wirklich leid, daß ich dir durch meine Gefälligkeit noch die
-Sache erleichtert habe.«
-
-»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief Alma
-verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! Aber dann erhältst
-du auch niemals mehr einen freundlichen Blick von mir!«
-
-Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick wenig
-erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber die
-Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die größte
-Beleidigung. So rief sie dann erregt:
-
-»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich und du
-weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.«
-
-»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn du gefragt
-wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma rasch versöhnt,
-und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben.
-
-Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich bösem Gewissen
-ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen Mittag über an
-die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz, welcher eine
-ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte und nun so stolz
-und vergnügt von seinen Schulerlebnissen erzählen konnte.
-
-Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der
-ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft
-erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden
-stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im
-Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle
-zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte,
-ein Zeichen gab und sprach:
-
-»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter
-kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch
-einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der
-Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder
-am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die
-Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei
-und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos
-in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst
-entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen
-Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder
-anzugeben, was sie darüber weiß!«
-
-Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über
-alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte
-diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über
-flammend rot wurde.
-
-»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden
-Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah,
-nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du
-unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und
-dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende
-selbst verübt?«
-
-»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die
-Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges
-Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr:
-
-»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt
-du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute
-nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah
-beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?«
-
-Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie
-gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen:
-»Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma
-versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren
-Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll:
-
-»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht
-– ich kann es nicht sagen!«
-
-»Wenn ich es aber von dir fordere, so _mußt_ du es gestehen!« rief Herr
-Müller, ernstlich böse und entschieden aus.
-
-Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang;
-sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So
-unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch
-nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin,
-welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und
-einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern
-auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit
-bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach
-dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes
-Geständnis abgelegt habe.
-
-Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann,
-von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich
-wenig vernahm.
-
-Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause
-antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach
-freundlich ernst:
-
-»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid
-giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine
-Verzeihung angedeihen lassen.«
-
-Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an,
-schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst
-hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen,
-still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten
-Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren,
-verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das
-Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig
-die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund
-die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher
-Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und
-streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie
-die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah:
-
-»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch
-nicht ganz geschlossen werden!«
-
-Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen
-mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein
-sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals
-gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über
-die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher
-gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der
-Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit
-erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in
-dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert
-erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange
-Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte
-Landkarte an der Wand.
-
-Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre
-liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter
-Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten,
-wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam?
-
-So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie
-eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf,
-aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin,
-sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine
-unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach:
-
-»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?«
-
-Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die
-Eingetretene an:
-
-»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?«
-
-Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern:
-
-»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben
-mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn
-gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit
-dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur
-widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich
-bei dir bleibe?«
-
-Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten
-Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen
-ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über
-welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend
-rief:
-
-»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten
-und wie habe ich es um dich verdient?«
-
-Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen
-Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei:
-
-»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, wenn du mich
-auch nicht beachtet hast. Nun darfst du bald zu deinem Mütterchen nach
-Hause und der erzählst du dann ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist,
-und verschweigst ihr nicht das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder
-gut.«
-
-»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der Sarah den
-Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen.
-
-»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten von uns. Die
-meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß auch gethan hat; du
-wolltest sie nur nicht verklatschen.«
-
-»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, indem ihr die
-Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr klug sein; aber nun
-sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, nachdem ich doch
-versprochen hatte, es nicht zu thun?«
-
-»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« meinte
-Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen werden, auch
-selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war sehr schlimm von dir, daß
-du gegen Herrn Müller so verstockt warst. Nun wollen wir aber nicht
-mehr von der Geschichte sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt
-soeben und ich führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.«
-
-»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen tief
-gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. »O bitte, stehe mir
-noch bei, wenn ich nach Hause komme und Mama die Geschichte erzählen
-muß!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Martha.
-
-
-Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen Nachmittag
-mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen, und während die kleine Martha,
-wie sie gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang
-berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und
-geschluchzt, daß es ganz elend geworden war.
-
-So wurde sie denn rasch zu Bett gebracht und hier begann sie zu
-fiebern. Der Herr Doktor wurde geholt und erklärte, daß der Scharlach
-bei dem Kind im Anzug wäre. Aennchens Eltern erschraken sehr und
-ließen ihr krankes Kind aus dem Kinderzimmer in ein abgelegenes Gemach
-bringen, damit die Brüder nicht von ihm angesteckt würden. Die Mama
-widmete sich Tag und Nacht der Pflege der Kleinen und nur, wenn sie
-zu sehr davon erschöpft war, erlaubte sie der alten Kinderfrau, sie
-abzulösen. Aennchen lag längere Zeit in heftigem Fieber und wußte
-nichts von sich; da phantasierte sie beständig von der Schule und
-Alma – am meisten aber beschäftigte sie sich doch mit Martha und kaum
-begann sie wieder klaren Sinnes zu werden, da verlangte sie dringend,
-das kleine verwachsene Mädchen zu sehen. Es konnte ihr freilich nicht
-gestattet werden; die Gefahr der Ansteckung war noch nicht beseitigt,
-aber die Mama versprach ihr sobald sie wieder vollständig genesen sei,
-würde sie das kleine Mädchen zu ihr herüberbitten.
-
-Und so war denn endlich einmal ein Tag gekommen, an welchem Aennchen
-vollständig fieberfrei und genesen in ihrem Bettchen saß; der Herr
-Doktor war soeben fortgegangen, nachdem er erklärt hatte, seine liebe
-Patientin sei von nun an als vollständig gesund zu betrachten und
-er habe ihr keinen Rat mehr zu erteilen, als sich das Essen recht
-schmecken zu lassen. Die Mama hatte Freudenthränen in den Augen, als
-sie ihr liebes Kind mit Dank gegen Gott in die Arme schloß, und die
-Brüderchen durften alle an ihr Bett kommen und sie begrüßen. Dann
-wurden sie wieder davongeführt und es war still im Zimmerchen; da
-öffnete sich auf einmal die Thüre und an der Hand von Aennchens Mutter
-trat die kleine Martha schüchtern in das Gemach, in den Händen einen
-großen Blumenstrauß haltend.
-
-»Hier hast du denn endlich deine kleine Freundin, welche ein Stündchen
-bei dir bleiben darf,« sprach Aennchens Mama lächelnd. »Ihr dürft
-aber nicht gar zu lang sprechen und euch gegenseitig nicht aufregen.
-Aennchen besonders soll sich ganz ruhig verhalten und sich lieber von
-Marthchen erzählen lassen.«
-
-Damit ließ die gute Mutter die beiden Mädchen allein, welche sich
-innig umschlungen hielten. Die kleine Martha setzte sich an Aennchens
-Bett und erzählte ihr mit ihrer leisen sanften Stimme alles, was sich
-während der langen Wochen, welche Aennchen krank gelegen, zugetragen
-hatte. Und Aennchen hörte voll Staunen, daß bereits so lange vergangen
-sei seit jenem letzten Schultag; daß unterdessen der Herbst ins Land
-gezogen sei und was sich inzwischen in der Schule alles verändert habe.
-
-Alma von Stolzau sei gar nicht mehr in die Schule gekommen, weil
-ihre Mutter eine Reise mit ihr angetreten habe. Der Lehrer habe ihre
-Eltern von dem bösen Streich noch in Kenntnis gesetzt, welchen sie am
-letzten Tag einer Schülerin gespielt habe, und Herr von Stolzau habe
-geantwortet, er würde seine Tochter noch gebührend bestrafen.
-
-»Die arme Alma!« sagte Aennchen bedauernd; »das wird wohl schlimm
-ausgefallen sein, denn ihr Vater ist sehr streng. Aber hat sie mir denn
-kein einziges Wörtlein Lebewohl sagen lassen?«
-
-»O ja, sie sandte in deiner Krankheit wohl Grüße und Blumen an dich,
-aber du warst zu krank, davon zu erfahren. Armes Aennchen, nun hast du
-deine Freundin verloren!« Martha blickte Aennchen mitleidig an, diese
-schlang den Arm um ihren Hals und bat leise:
-
-»Willst du meine Freundin sein, wenn ich dir nicht zu böse bin?«
-
-Damit war der Freundschaftsbund geschlossen und nun kamen Stunden
-schönsten Genusses für die beiden kleinen Mädchen. Jeden Tag, welchen
-Aennchen noch im Zimmer zu verbleiben hatte, brachte Martha einige
-Stunden bei Aennchen zu, machte ihre Schulaufgaben bei ihr und war
-Aennchen behilflich, das, was sie während der Krankheitszeit versäumt
-hatte, unter ihrer Leitung nachzuholen. Und sie verstand es so gut, die
-geduldige, gewissenhafte Lehrerin zu spielen, daß Aennchen wirklich
-Fortschritte machte und sich bestrebte, dem guten Beispiel, das ihr
-geboten war, nachzufolgen.
-
-Als sie wieder ausgehen konnte, durfte ihr erster Gang zu Martha sein,
-um dieser für alles, was sie ihr während der langen Krankheitszeit
-erwiesen hatte, zu danken. Mit klopfendem Herzen stieg sie die enge,
-dunkle Treppe empor und klingelte an der kleinen Thür des Hausganges.
-Trippelnde Schritte näherten sich von innen und Martha selbst öffnete
-ihr. Sie sah wie ein kleines Hausmütterchen aus, war in eine große
-leinene Schürze gekleidet, welche die ganze schmächtige Gestalt
-einhüllte, und ihre schwachen Aermchen schleppten an einem Bündel Holz
-und Reisern, welche sie fest an sich gedrückt trug. Bei Aennchens
-Anblick flog ein verlegenes Erröten über ihr Gesichtchen: »Du findest
-mich sehr beschäftigt,« sagte sie, »ich war eben darüber, ein kleines
-Feuerchen in meiner Schwester Zimmer zu machen.«
-
-»Ist es möglich?« staunte Aennchen. »Du kannst es doch unmöglich
-verstehen?«
-
-»O doch,« versicherte Martha eifrig, »wir haben kein Mädchen und da
-wir deswegen alle Geschäfte selbst verrichten müssen, so habe ich
-Mütterchen vieles abgelernt, um sie etwas bei der Arbeit unterstützen
-zu können. – Aber so komm doch nur herein, damit du die Meinen begrüßen
-kannst!«
-
-Damit führte sie Aennchen in ein kleines, niedriges Zimmer, das
-freilich sehr einfach in seiner Einrichtung war, aber doch höchst
-behaglich wirkte durch die Sauberkeit und Ordnung, welche überall
-herrschte. Die Kommoden und Tische waren mit weißen gehäkelten Deckchen
-geziert, blendend weiße Gardinen verhüllten die kleinen Fenster,
-an welchen einige Blumenstöcke standen, und in einem Messingbauer
-zwitscherte ein gelber Kanarienvogel ein vergnügtes Liedchen. In einer
-Ecke des Gemaches stand ein Bett und auf den weißen Kissen lag ein
-blasses zartes, junges Mädchen mit großen glänzenden Augen und sanftem,
-lieblichem Gesicht. Den Lehnstuhl neben ihrem Bette hatte eine würdige
-alte Dame inne, welche sich bei Aennchens Eintritt freundlich erhob und
-ihr grüßend entgegenkam.
-
-»Gott segne dich, mein liebes Kind, und erhalte dich fortan gesund,«
-sprach sie, indem sie Aennchen küßte; »wie glücklich wird deine Mama
-sein, daß du wieder genesen bist! Könnte doch meine arme Klara auch
-wieder gesund werden!«
-
-Ein trauriger Blick der guten Frau flog zu dem kranken Mädchen im Bett
-hinüber; dieses streckte mit einem süßen Lächeln dem schüchternen
-Aennchen die abgezehrte Hand entgegen und sprach mit unendlich sanfter
-Stimme:
-
-»Komm doch näher, liebes Aennchen! Du bist mir schon längst aus den
-Erzählungen meines Schwesterchens bekannt und vertraut, und ich habe
-mich schon so darauf gefreut, dich kennen zu lernen. Nun mußt du dich
-auch zu mir setzen und mir recht viel erzählen.«
-
-Und sie zog Aennchen zärtlich zu sich heran, welches bald alle Scheu
-verlor und sich außerordentlich angeheimelt und wohl in dem niedrigen
-kleinen Stübchen zu fühlen begann. Das Feuer, welches Martha im Ofen
-entzündet hatte, knisterte so behaglich, Martha ging ab und zu, setzte
-einen Topf mit Wasser auf und begann draußen in der kleinen Küche
-Kaffee zu mahlen, während die Frau Pfarrerin ruhig an ihrer Arbeit,
-einer großen Filetdecke, fortfuhr. Aennchen sah mit hellem Staunen
-diesem fleißigen Walten in der Stube zu; sie hätte niemals gedacht,
-daß ein kleines Mädchen der Mutter schon so an die Hand zu gehen
-vermöchte, denn während diese den Kaffee aufgoß, begann Martha den
-Tisch aufzudecken, Tassen und den Brotkorb und die Zuckerdose darauf zu
-stellen, und als alles fertig war, nahm sie die große Schürze ab und
-lud alle freundlich zum Kaffee ein.
-
-»Du staunst wohl, liebes Kind, was mein fleißiges Hausmütterchen
-Martha alles zu arbeiten versteht?« sprach die Frau Pfarrerin zu dem
-verblüfften Gast während sie ihm Kaffee einschenkte. »Aber mit gutem
-Willen und einiger Geschicklichkeit vermag ein Mädchen selbst in
-Kinderjahren schon Tüchtiges zu leisten. Ich könnte ohne meine liebe
-kleine Martha gar nicht zurechtkommen; sie ist unser Sonnenstrahl in
-trüben Tagen.« Damit küßte sie ihr vor Freude errötendes Kind auf die
-Stirn und blickte ihr tief in die großen blauen Augen, fragte aber dann
-besorgt:
-
-»Hast du heimlich geweint mein Kind, weil du einen solch trüben,
-umränderten Blick hast?«
-
-Martha neigte das Köpfchen tief auf die schmale Brust, konnte aber doch
-nicht verbergen, daß zwei große Thränen langsam aus ihren Augen über
-die Wangen herabrollten. Leise und betrübt murmelte sie:
-
-»Als ich vorhin über die Straße ging, kreuzten wilde Gassenbuben meinen
-Weg und wie ich ihnen ängstlich auswich, riefen sie mir spottend nach:
-›Dort läuft die bucklige Martha!‹«
-
-Das arme verwachsene Kind brach in Thränen aus und auch Aennchen
-standen die hellen Thränen in den Augen. Sie umschlang die Freundin
-zärtlich mit den Armen und rief:
-
-»Laß dich doch durch solche rohe Buben nicht kränken! Ich werde dir ein
-Märchen erzählen, das mir erst gestern Mama aus einem schönen Buche
-vorgelesen hat und das dich am besten trösten mag. – Da war einmal ein
-armes, kleines buckliges Mädchen, das traute sich nie bei Tag über die
-Straße zu gehen, weil es einen so großen Höcker gleich einem dicken
-Kasten auf dem Rücken trug, daß alle bösen Kinder, die es sahen,
-seinen Spott mit ihm trieben und es verhöhnten. Weil das arme Kind
-aber nie an die Luft kam und seine Eltern zu arme Leute waren, die
-ihm keine kräftige Nahrung bieten konnten, wurde es immer blässer und
-schmächtiger und eines Tages war es so schwach, daß es sich nicht mehr
-aus seinem elenden Bettchen erheben konnte. Es betete zum lieben Gott
-um Erlösung, da sandte er einen lichten Engel, welcher zu dem buckligen
-Mädchen niederflog und es emporholte in das himmlische Reich. Der
-Engel flog mit dem staunenden Kind durch das ganze weite Himmelszelt:
-vor der Pforte zum Eingang in die Ewigkeit setzte er es nieder und
-Petrus öffnete die Thür und lud es zum Eintreten ein. Aber das kleine
-Mädchen zauderte und Thränen rannen ihm die blassen Wänglein herab.
-›Ach,‹ schluchzte es, ›ich bin doch nicht wert, zu all den herrlichen
-himmlischen Englein eintreten zu dürfen, ich habe ja einen so großen
-Buckel.‹ Petrus stand gerührt und des Engels Antlitz erglänzte voll
-himmlischer Milde. Sanft berührte er mit seinem goldenen Stab den
-häßlichen großen Kasten, welchen das arme Kind Zeit seines Lebens auf
-dem Rücken getragen hatte, und siehe – er sprang auf und zwei wunderbar
-lichte Engelsflügel schwangen sich daraus hervor. ›Weißt du nun, was du
-so lange auf dem Rücken getragen hast?‹ fragte der goldene Engel und
-er küßte den neuen kleinen Engel, welcher ganz berauscht von Glück mit
-ihm in die himmlischen Gefilde flog. – Dies ist die Geschichte von dem
-armen, buckligen Mädchen.« schloß Aennchen ihre Erzählung.
-
-Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, dann zog Marthas Mutter die
-kleine Erzählerin an sich und küßte sie mit bebenden Lippen.
-
-»Hab Dank für diese liebe Mär,« flüsterte sie und blickte dann ihre
-Martha an, welche ganz gehoben dasaß und deren demütiges Gesichtchen
-einen beinahe feierlichen Ausdruck zeigte. »Deine kleine Geschichte
-wird ihr künftig bei allen weiteren Demütigungen ein Trost sein, den
-sie auf ihrem Lebensweg gar wohl gebrauchen kann. Willst du aber nun
-auch erfahren durch welchen unglückseligen Fall mein armes Kind zu
-diesem Gebrechen kam? Er hängt mit der Krankheit meiner Tochter Klara
-eng zusammen.«
-
-Aennchen nickte aufs höchste gespannt und die Frau Pfarrerin erzählte:
-
-»Als mein guter Mann noch lebte, da wohnten wir in einem freundlichen
-Pfarrhause auf dem Land. Es war ein reizendes Häuschen, das ein
-blühender Garten dicht umschloß, aber freilich lag es ziemlich einsam
-und abgelegen von allem Verkehr. Uns störte das in unserem Glücke nicht
-und unsere Kinder noch weniger; sie waren damals noch klein: meine
-Tochter Klara acht Jahre alt, Martchen kaum ein einziges Jahr, und die
-köstliche Landluft, in welcher sie aufwuchsen, ließ die beiden gleich
-Röslein erblühen. Eines Tages hatten mein Mann und ich einen weiten
-Weg in die Stadt zu machen; wir übergaben daher die beiden Kinder der
-Wärterin, welche allerdings keine sehr gewissenhafte Person war. Als
-wir halbwegs gegangen waren, begegnete uns eine Schar von Zigeunern und
-besorgt sprach ich gegen meinen Mann die Befürchtung aus, dieselben
-könnten möglicherweise ihren Weg über das Pfarrhaus nehmen. Beinahe
-wäre ich umgekehrt, doch schalt ich mich thörichterweise aus wegen
-meiner Angst – hätte ich doch meinen Entschluß ausgeführt, ich würde
-viel Unglück verhütet haben! – Denn ach, es geschah, wie ich gefürchtet
-hatte: die Zigeuner gerieten in die Nähe unseres Pfarrhauses und ein
-Weib wurde von der Bande zum Betteln ausgeschickt. Sie fand keinen
-einzigen, erwachsenen Menschen im ganzen Hause; die treulose Wärterin
-war zum Plaudern ins Dorf gegangen; Klara spielte hinten im Gärtchen
-und alles war totenstill. So machte sich die Alte mit gieriger Hand
-daran, in dem offenen Wohnzimmer zu stehlen, soviel sie konnte; da fiel
-ihr Blick auf eine kleine Wiege, in welcher ein unschuldiges Kindlein
-in süßem Schlummer lag. Rasch wie der Blitz hatte sie es ergriffen
-und an sich gedrückt, da fühlte sie sich von hinten umfaßt und eine
-bebende Kinderstimme rief: »Laß mir mein Schwesterchen, o nimm mein
-Schwesterchen nicht davon.« Die Alte suchte das sie umklammernde
-Kind von sich abzuschütteln – allein dasselbe hatte sich mit beinahe
-übermenschlicher Gewalt an sie gehangen und rief in lauten gellenden
-Tönen um Hilfe. Lange dauerte der Kampf zwischen der Frau und der
-Kleinen, die mit dem Mut der Löwin um das zarte Schwesterchen kämpfte
-obwohl die Alte ihr einige entsetzliche Stöße versetzt hatte: endlich
-riß der Zigeunerin die Geduld, als sie von fernher Schritte nahen
-hörte; sie warf den kleinen Säugling mitten in die Stube, schleuderte
-das Mädchen von sich ab und rannte ins Freie. – Als wir Eltern nach
-Hause kamen, fanden wir unsere unglücklichen Kinder zwar gottlob noch
-vor, aber beide schwer verletzt von dem furchtbaren Ueberfall. Es
-zittert mir das Herz, mehr davon berichten zu sollen; genug, meine
-arme Klara trug durch den Schrecken ein langes Siechtum davon und
-meiner armen kleinen Martha ward von dem jähen Fall das zarte Rückgrat
-gekrümmt. – Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte, mein Kind?«
-schloß die Frau Pfarrerin, ihre Augen trocknend, zu Aennchen, »aber
-unser Trost ist, daß jedes Leid von Gott kommt, und daß es uns nur so
-viel schickt, als unsere Schultern tragen können. Auch uns ist aus
-dem Leid hohe Tröstung erwachsen; die Herzen meiner Kinder haben sich
-zu Gott gekehrt und sie nehmen dankbar entgegen, was er in seinem
-Ratschluß für sie beschlossen hat.«
-
-Es war Aennchen zu Mut, als wäre sie in einer Kirche, und sie vermochte
-kein Wort zu erwidern. Aber die Frau Pfarrerin, welche fürchten mochte,
-sie zu sehr aufgeregt zu haben, brachte das Gespräch auf andere Dinge
-und forderte Martha auf, Aennchen ihre Spielsachen zu zeigen – »denn,«
-sagte sie, »meine Martha soll auch ihre kindlichen Freuden haben gleich
-andern Kindern.«
-
-»Hast du auch ein Spielzimmer, wie wir?« frug Aennchen neugierig.
-
-»O nein, wie kannst du denken,« lächelte Martha, »wir haben ja nur zwei
-Stuben im ganzen, aber dennoch besitze ich eine so schöne Spielecke mit
-Puppenstube, daß ich sie mit keiner prächtigeren vertauschen möchte.
-Komm nur, ich will sie dir zeigen.«
-
-Damit führte Martha Aennchen mit geheimnisvoller Miene nach einem
-Plätzchen hinter dem Ofen und voll Staunen stand diese davor. Eine
-solche Spielecke hatte sie noch nie gesehen! Der große Kachelofen
-bildete eine tiefe Nische zwischen der Wand und einem vorstehenden
-Tisch, welcher gerade für eine schmale Kindergestalt noch Raum zum
-Durchschlüpfen ließ. Und so war die kleine Ecke denn ein höchst
-gemütliches lauschiges Winkelchen, welches sich Martha mit unendlicher
-Sorgfalt und Mühe und viel Geschicklichkeit zu einem niedlichen
-Puppenzimmer umgeschaffen hatte, in dem sie selbst auf einem
-niedern Schemelchen auch Platz finden konnte. Ein kleines einfaches
-Puppenbettchen, mit weißen Wollvorhängen umzogen, stand in der Ecke,
-daneben eine alte Puppenkommode, auf der ein gehäkeltes Deckchen und
-allerlei niedliche Kleinigkeiten lagen; dann ein Schränkchen und ein
-Puppentisch und Puppenstühlchen, auf dem eine Puppe saß vor einem
-aufgeschlagenen Puppenschreibheft und mehreren Büchelchen. Alles war
-sehr einfach aber außerordentlich sauber gehalten, dann hatte noch ein
-Nähkästchen und ein Korb mit Flickresten seinen Platz dabei.
-
-Aennchen war ganz entzückt von allem; so gut hatten ihr selbst Almas
-Spielsachen nicht gefallen.
-
-»Hat deine Mama dir alles so gemütlich eingerichtet?« frug sie lebhaft.
-
-»Bewahre, Aennchen, das habe ich mir alles selbst gemacht,« erwiderte
-Martha. »Sieh, meine Mama ist viel zu arm, mir kostbares Spielzeug zu
-kaufen, aber sie besaß selbst von ihrer Kinderzeit her noch diese Puppe
-und die kleinen Möbel, welche auch meine Schwester Klara zum Spielen
-hatte. Als es auf mich übertragen wurde, war alles schon recht alt
-und morsch, doch hat ein guter Tischler, den ich darum bat, mir alles
-wieder zusammengeleimt und angestrichen. Dann bat ich Mama um etwas
-Mull zu einem Bettvorhang und Stoff zu Ueberzügen. Das nähte ich dann
-alles selbst und es ist doch sehr hübsch geworden, nicht wahr? Alle
-vierzehn Tage halte ich Puppenwäsche, da wird alles gut durchgewaschen,
-damit es ordentlich und sauber aussieht.«
-
-Aennchen glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. »Das hast du
-wirklich alles selbst genäht?« fragte sie erstaunt. »Aber doch sicher
-nicht die niedlichen Puppenkleider, die hier in dem Schränkchen hängen?«
-
-»Alle hab ich selbst gemacht,« versicherte Martha stolz. »Meine
-Schwester Klara hat sie mir zugeschnitten und ich nähte sie dann in
-meinen freien Stunden, selbst das Mäntelchen und die Kapuze. Wenn ich
-nur mehr hübsche Fleckreste bekommen könnte; ich hätte dann auch gern
-ein paar Staatskleidchen gemacht.«
-
-Aennchen war beinahe stumm vor Beschämung. Sie erinnerte sich jener
-schönen Puppe zu Hause, welche sie unbekleidet zum Geburtstag bekommen
-hatte, damit sie aus den hübschen Zeugresten ihr selbst Kleidungsstücke
-herstellen sollte; das hatte sie aber nicht gethan, sondern die arme
-Puppe lieber die ganze lange Zeit im dünnen Hemdchen im Kasten liegen
-lassen, als daß sie selbst die faulen Fingerchen ihretwegen gerührt
-hätte. Und dies kleine Mädchen hier, welches schon ohnedies so viel
-Anderes zu thun hatte und in der Schule eine Musterschülerin war, hatte
-trotzdem Zeit gefunden, seinen Puppenhaushalt in solch musterhafter
-Ordnung zu erhalten!
-
-»Ich habe auch eine schöne Puppe daheim, welche der Kleidchen bedarf,«
-sagte Aennchen jetzt beinahe schüchtern, »würdest du so freundlich
-sein, mir zu zeigen, wie man dieselben anfertigt? Meine Mama hat mir
-die reizendsten Stoffe zu Kleidchen gegeben.«
-
-»O, das ist ja herrlich,« rief Martha freudig aus. »Da wollen wir
-tüchtig zusammen schneidern; du wirst sehen, welch großes Vergnügen es
-gewährt, etwas Hübsches zu stande zu bringen, und ich bin immer ganz
-stolz, wenn mein Kind neu und schön gekleidet ist. Bringe deine Puppe
-nur recht bald zu mir herüber; wenn ich eine freie Stunde habe, dann
-wollen wir recht fleißig zusammen sein. Nun mußt du aber auch noch die
-Schulbücher meiner Lilly sehen.«
-
-Damit öffnete sie ein kleines Schubfach, in welchem eine Anzahl der
-niedlichsten Heftchen lagen, alle selbst zugeschnitten und genäht,
-liniert und mit sauberer, sorgfältiger Schrift beschrieben, selbst ein
-kleines Zeichenheft, zur Hälfte mit Zeichnungen bedeckt, war dabei
-und eine kleine Schiefertafel mit Schwämmchen. So etwas Niedliches
-hatte Aennchen wirklich noch nicht gesehen und begierig ließ sie sich
-von Martha berichten, in welcher Art sie mit der Puppe immer die
-Lehrstunde halte und wie diese alles, was Martha selbst in der Schule
-gelernt, dann auch in ihre kleinen Hefte eintragen müsse. Bei dieser
-Gelegenheit prägte sich Martha dann spielend alles doppelt leicht
-ein. Welche Freude hatte Aennchen, als die kleine Lehrmeisterin sie
-aufforderte, sich auch künftig an dem Spiel zu beteiligen, und als sie
-dann endlich nach Hause zurückkehrte, da war ihr kleines Herz so voll
-von allen neuen Eindrücken, daß sie es gar nicht erwarten konnte, ihrer
-Mama alles zu berichten. Diese lauschte erfreut den Erzählungen ihres
-Töchterleins und sagte dann:
-
-»Ich bin sehr zufrieden, liebes Kind, wenn du dir ein so vortreffliches
-Mädchen, wie die arme kleine Martha es ist, zur Freundin auswählst.
-Du kannst dir an ihrem Fleiß, ihrem Gehorsam und ihrer Pflichttreue
-nur ein gutes Beispiel nehmen und dies wird von unendlichem Nutzen für
-dich sein. ›Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du
-bist,‹ ist ein nur zu wahres Sprichwort. Ein guter Freund vermag den
-ganzen Charakter des andern zu veredeln und seinen Anschauungen eine
-bessere Richtung zu geben. Dir mein kleines flatterhaftes Aennchen,
-wäre dies von ganz besonderem Nutzen, denn durch die Freundschaft,
-welche du so lange mit Alma von Stolzau gepflegt hast, hatten deine
-Neigungen zum Leichtsinn und Uebermut sich sehr verschlimmert; so
-danke ich Gott, wenn du nun auf andere Wege geführt wirst, und werde
-glücklich sein, aus meinem Töchterlein ein recht braves artiges Mädchen
-werden zu sehen.«
-
-Und wirklich, die Freundschaft Aennchens zu der armen Martha trug
-bald so überraschende Früchte, daß Eltern und Lehrer voller Staunen
-die Umwandlung mit ansahen, welche mit dem früher so flatterhaften
-Mädchen vorging. Aennchen bemühte sich, in der Schule eine ebenso
-fleißige und aufmerksame Schülerin zu sein, wie ihre Freundin; sie
-gab in den Unterrichtsstunden genau auf die Worte des Lehrers acht,
-vermied es, mit ihren Nachbarinnen heimlich zu flüstern oder unter
-dem Tisch sich mit Spielereien zu beschäftigen, wie sie es, zu ihrer
-Schande müssen wir es gestehen, leider früher nicht selten versucht
-hatte. Ihre Bücher und Hefte hielt sie von nun an sauberer als vorher,
-denn das war wirklich höchst notwendig, wollte sie die Geduld ihrer
-Lehrer nicht aufs äußerste erschöpfen. Hatte sie doch einmal ein ganzes
-Rechenbuch derartig mit Kritzeleien und kleinen Bildern vollgezeichnet,
-daß es völlig unbrauchbar geworden war und sie dafür tüchtig bestraft
-werden mußte. Ihre Hausaufgaben fertigte Aennchen nur immer mit Martha
-zugleich.
-
-Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches früher das
-»Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer und artiger geworden
-waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen geschaffen, in welchem ein
-großer Schreibtisch und ein Büchergestell mit mehreren Stühlen alles
-boten, was man zum Arbeiten nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit
-durch andere Dinge abzuziehen. Hier saßen nun täglich nach der Schule
-Martha und Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt
-hatten, und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus,
-welche die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht
-mehr allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten
-schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht
-nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren und noch
-verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze wurden geübt, das
-war den Mädchen die liebste Beschäftigung und sie arbeiteten dieselben
-leicht und zufriedenstellend, so daß sie meist gute Noten davontrugen.
-
-Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha nach Hause zu
-ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; hatte dieselbe aber
-keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen vor und bedurfte
-die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft nicht, dann wurde ihr
-erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen.
-
-Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon hatte Aennchen
-mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen für Puppen
-abgelernt und bereits besaß ihre früher so vernachlässigte Puppe eine
-vollständige Garderobe, welche vom hübschesten Sonntagskleidchen bis
-zum einfachsten Hausanzug äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt
-war. Wenn die Weihnachtszeit aber herankam, dann begnügten sich die
-fleißigen Mädchen, nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte
-Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden dann abends
-bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden reizend gekleidet
-und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend eine Anzahl armer Kinder
-erfreuen konnten.
-
-So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha für Aennchen
-wirklich die köstlichsten Früchte getragen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Ein Brief Almas an Aennchen.
-
-
-Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen
-ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört
-hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach
-Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und
-habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz
-plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche
-Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße
-gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr
-längst vergessen.
-
-Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger
-einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum
-glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit
-hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender
-Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten
-Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu
-oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges
-Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von
-Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch
-nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als
-sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen
-Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen
-Kinderschrift geschrieben war:
-
- Venedig.
-
- _Mein liebes Aennchen!_
-
- Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe,
- weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei
- meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm.
- Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und
- hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich
- so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte.
- Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern,
- in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann
- sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat
- die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil
- immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum
- bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich
- nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu
- meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun
- keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute
- war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen;
- sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich
- lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich
- fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz
- verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand,
- niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen
- und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als
- mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da
- floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu
- mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war.
-
- Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß
- dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig
- anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und
- krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem
- großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige
- Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin
- fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses
- und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der
- Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder
- allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in
- französischen Romanen las.
-
- Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas
- eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen,
- da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!«
- rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre
- hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich
- um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern
- tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem
- Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer
- herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich
- wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten;
- als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten
- Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren
- konnte.
-
- Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze
- Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten
- wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe,
- bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In
- dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß
- ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe
- Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel
- mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein
- leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich
- mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama
- zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war,
- meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre
- ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur
- noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen.
-
- Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung
- hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im
- Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den
- Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster
- emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe
- lange Ohnmacht kam über mich. –
-
- Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen
- öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war.
- Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit
- einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände
- in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog
- ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief:
-
- »Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte
- mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich
- wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und
- leise stammelte ich:
-
- »Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein
- inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung
- gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter
- weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz
- für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt
- gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie
- lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um
- mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause
- geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre
- erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe
- sein Kind aus den Flammen rettete.
-
- »Wo ist Mademoiselle?« frug ich.
-
- »Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater
- stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen
- konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende
- Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter
- willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?«
-
- Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen
- Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit
- seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine
- Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt,
- das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute
- erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige
- Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar.
- Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb
- schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir:
-
- »Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die
- Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet,
- darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer,
- elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen
- ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun
- mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen
- tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir,
- Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.«
-
- Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes
- Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder
- und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge
- und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß
- und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so
- lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat
- eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche
- so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und
- ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein
- wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte
- gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile
- ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz
- überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt.
-
- Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig
- von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so
- lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare
- mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt.
- – Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht,
- die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den
- Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum,
- und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe
- begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant
- für uns sind.
-
- Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher
- einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag
- und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer,
- welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich
- nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit
- ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch
- zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht
- und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein
- glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen
- Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört
- er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen
- tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom
- Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte
- sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles
- Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende
- Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji
- und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die
- erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder
- aufgedeckt.
-
- Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen
- dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem
- Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen
- hinabgeschaut.
-
- Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige
- Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche
- wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste
- sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander
- verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man
- über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in
- denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß
- es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser
- zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der
- Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche
- steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine
- unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und
- sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen
- und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend?
-
- Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen,
- daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe
- auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und
- mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert,
- sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende
- dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit
- du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund
- des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie
- finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich
- habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht
- herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr
- wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns
- wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu,
- liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine
- treue Freundin
-
- _Alma von Stolzau_.
-
-Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen
-und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen.
-Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie
-erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre
-Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben
-großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die
-goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber
-sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher
-nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen
-Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen,
-schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß
-das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz
-und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu
-Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen.
-
-Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu
-beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten
-hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur
-sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich
-auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie
-anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von
-ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und
-anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was
-um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Tagebuchblätter.
-
-
-Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar neuerdings
-angefangen, kleine Tagebücher zu führen, seitdem es ihnen ein Leichtes
-war, die Feder zu führen und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft
-zu geben. Bald war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles,
-was sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern
-festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier einen kleinen
-Einblick in einige dieser Blätter gestatten.
-
-
-Aus Aennchens Tagebuch.
-
-Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die
-Erinnerung für mein Leben festhalten möchte.
-
-Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr
-in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am
-Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht,
-er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht,
-auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor
-Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl
-führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die
-kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn
-das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und
-ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht.
-Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa
-befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten.
-Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht
-mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten
-Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen
-Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken
-vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette
-nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte.
-Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte,
-wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter,
-darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte
-er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder
-nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der
-ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine
-Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen
-ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem
-rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah.
-
-So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm,
-welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer
-lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein
-ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen
-Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und
-auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns
-auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht
-davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für
-den ganzen langen Tag aufsparen.
-
-Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen
-Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches
-Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten
-vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte
-dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes
-und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt
-in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen
-eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen
-hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen
-und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber
-Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und
-meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.«
-
-Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt
-aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette
-freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar
-nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein
-passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir
-sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen,
-in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht
-folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun
-sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen
-Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären
-müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger
-aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht:
-»Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?«
-
-Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz so erbaut war
-wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus auf der Etagere stehen
-haben. Es mußte ganz nagelneu sein: die Wände glänzten von dem hellen
-Holz und waren mit vielen Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen
-rings um das Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das
-schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches wehte eine
-Fahne lustig im Wind.
-
-»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen ganz
-entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt.
-
-»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. »Wir sind ja bald
-oben.« Und wirklich standen wir nun alle vor dem Häuschen, dessen
-Thüre gastlich geöffnet war, aber niemand zeigte sich, uns zu begrüßen.
-
-»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr dürft es ohne
-Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir dem Befehl. Anfangs
-getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen Stuben aufzutreten, da
-die Dielen so schneeweiß waren. Ein Zimmerchen war freundlicher und
-niedlicher als das andere, Tische und Stühle, alles war nagelneu, die
-Wände reizend verziert, die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein,
-es war wie in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand
-zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe das
-Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten und erst
-zaghaft, dann immer lauter und herzhafter riefen: »Hausfrau, wo ist
-denn die Hausfrau?«
-
-Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten wieder
-umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand in Hand vor der
-Thür erwarteten, und riefen:
-
-»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist nicht da!«
-
-»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er den Arm um
-unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama heute zum Hochzeitstag
-dies Häuschen als Gabe beschert und ihr dürft auch als kleine Herren
-darin mit uns schalten und walten. Jeden Sonntag in der schönen
-Jahreszeit und jede Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen
-zubringen, das euch hoffentlich allen gut gefällt.«
-
-Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu himmlisch
-schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, wir wußten uns vor
-Freude kaum zu fassen und wurden nicht müde, jeden Winkel des Hauses
-zu durchstöbern und alles zu bewundern. Als wir in die niedliche,
-nagelneue Küche traten, stand schon unsere Lisette voll Stolz darin;
-sie hatte auf dem blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und
-faltete nun betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die
-Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte sie aus
-dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann im Eßzimmer den Tisch
-für das Mahl herzurichten.
-
-Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. Da wartete unser
-neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, noch unbepflanzter Platz
-war in vier gleiche Teile geteilt, an jedem stand ein Stecken in die
-Höhe, welcher eine Tafel mit Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und
-Willy! Papa hatte jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen
-zuteilen lassen; der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen
-eine Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem Stalle
-hörten wir meckern.
-
-»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, welche
-zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber sonst noch keinen
-sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten ihn bei den Hörnern fassen,
-Ziegenböckchen aber ließ nicht mit sich spaßen, und ehe Hermännchen
-sich’s versah, lag es umgeworfen in der weichen Streu auf dem Boden.
-
-»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte der kleine
-Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das weiße Kleidchen hatte
-anziehen lassen. Währenddem hatte aber Fritz eine neue Entdeckung
-gemacht – einen zweiten Stall, in welchem eine glänzende, braune
-Kuh sich befand, daneben ein Milchkämmerchen. Darin war ein langer
-Holztisch, auf welchem eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher
-Milch gefüllt, standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in
-dem schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein junges
-Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und weißer Schürze trat
-herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd hier gedungen, und
-ob wir die Butter verkosten wollten, die sie heute morgen ausgebuttert
-habe.
-
-»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« frug ich
-erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter wächst ja!«
-Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit dem Fuße und rief
-weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und die Eier – der Fritz hat’s
-gesagt.«
-
-»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser wurde ganz
-verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele hieß, zeigte uns, wie
-die Butter aus der Milch hergestellt wird und wie lang die Milch im
-Butterfaß gedreht werden muß, bis sie endlich zu schöner, goldklarer
-Butter geworden ist. Das war wirklich höchst erstaunlich – wir konnten
-uns nicht genug verwundern.
-
-»Wollt ihr auch sehen, wo die Eier zu finden sind?« frug Bärbele
-und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, der in
-einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier für ein Gegluck und
-Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, bunte Hennen, große Hähne,
-kleine Hähne, niedliche Puttchen, Perlhühner und, o Wunder, sogar ein
-großer, prächtiger Pfau spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten
-auf und duckten sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort
-nicht verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften
-wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar auf die
-Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. Nur Willy hatte
-anfangs beinahe Angst und meinte: »sie wollen mich fressen!«
-
-Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War das ein
-Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar Hermännchen
-entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer bringen wollte,
-stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine Händchen ganz gelb
-und klebrig wurden, und als er sich weinend damit ins Gesicht fuhr, da
-wurde auch dieses voll gelber Flecken.
-
-Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief zu Tisch. Und
-nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie in unserem Leben hatte
-es uns so gut gemundet! Papa und Mama sahen ganz glückselig aus und
-waren so gütig und liebreich mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren.
-Zuletzt bekam jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde
-hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa sagte, sie
-dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der Kinder jemand leben
-lassen. Lisette wischte sich erst mit der Schürze über den Mund und sah
-ganz kirschrot vor Verlegenheit aus, dann räusperte sie sich und sagte:
-
-»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger Herr,
-gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, aber ich bin ein
-armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. An die Kinderlein muß ich
-halt denken, wie die in dem schönen Hause aufblühen werden, und ich
-wünsch’, es soll halt jedes von ihnen so gut und so brav und so lieb
-und treu werden wie ihr Papa und ihre Mama.«
-
-»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette die Hand, und
-auch Mama schien ganz gerührt.
-
-Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl auf, stieß an das
-Glas und rief:
-
-»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört und war stolz
-darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, daß niemand weiß, wer von
-uns der Fröhlichste ist. Aber ich weiß, wer heute der Allerbeste ist,
-und das ist der liebe, gute, goldige Papa, der uns ein so wundervolles
-Vergnügen gemacht hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem
-köstlichen Wein hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!«
-
-Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! Nun aber sollte
-ich sprechen und das machte mich so verlegen, daß meine Stimme ganz
-zitterte, als ich stotternd begann:
-
-»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – liebe Mama, lieber
-Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu einem Geburtstag, lieber
-Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« ich wußte gar nicht mehr
-weiter, d’rum schwenkte ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße,
-goldige Mama lebe hoch!«
-
-Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte meine Sache
-sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen Brüder noch besser,
-denn Willy rief ganz keck:
-
-»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen:
-
-»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der Ziegenbock nicht;
-der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!«
-
-Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb brachen sie
-rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer gebracht;
-wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, aber kaum lagen wir auf
-den weichen Betten, so sanken wir alle in tiefen Schlaf. Leider
-verschliefen wir eine lange Zeit des schönen Nachmittags, dann aber
-konnten wir doppelt erfrischt in den Garten springen und uns dem
-Vergnügen hingeben, bis am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg
-wieder angetreten werden mußte.
-
-Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen nicht, sie
-hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die Säcke hineinfielen und
-darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam auch sehr müde zu Hause an
-und hatte nur noch Zeit zu beten:
-
-»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, schönen Tag.« –
-Da fielen mir auch schon die Augen zu. – –
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-Aus Marthas Tagebuch.
-
-
-Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am
-verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im
-Gedächtnis bleiben wird.
-
-Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als
-an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern,
-wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel
-plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für
-die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut
-Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn
-auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen
-geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand
-und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester
-Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich
-jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf
-ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:
-
-»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!«
-daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter
-setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während
-ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden
-Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe.
-
-Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu
-Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so
-wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer
-sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text:
-»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will
-euch erquicken.«
-
-Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle
-die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen
-wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt
-und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen
-glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen
-behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig
-vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie
-unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen
-Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost
-bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen
-hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens
-geben.«
-
-Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm,
-wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand
-und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling
-zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste
-weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst
-teilnehmen.
-
-Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen
-kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen
-aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner
-kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine
-ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich
-sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte
-Zeit einzuholen, nach Hause.
-
-Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere
-laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete
-ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter
-Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes
-kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war
-vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der
-Hand; da rief Mutter:
-
-»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen
-ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit
-seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr
-am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«
-
-»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand
-entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an
-und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß
-ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte
-mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte
-gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache
-nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink,
-draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch
-da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser
-Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden
-hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges
-Nötige herbei.
-
-So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich
-gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es
-freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so
-spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei
-unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch
-mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die
-fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so
-auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr
-nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war
-unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir
-später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen
-müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da
-that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine
-Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte
-sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt
-hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«
-
-»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da
-habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt
-bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der
-langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den
-fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben
-in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei
-Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften
-geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis-
-und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits
-dadurch ein reicher Mann geworden.
-
-»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos.
-
-»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den
-Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen
-gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen.
-Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine
-erbitterte Rothaut schlug.«
-
-Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns
-eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog.
-Mutter schauderte und rief ängstlich:
-
-»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf
-und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten
-Heimat zu verleben?«
-
-»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier.
-Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich
-aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin
-für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre
-sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht
-in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit
-allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft
-sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin
-einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein
-deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.«
-
-Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber
-saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe
-still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O
-nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme:
-
-»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte
-Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst
-auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich
-mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf
-die Uhr und meinte:
-
-»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich
-dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter
-von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen
-bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor
-ich abreise.«
-
-»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen
-nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm.
-»Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich
-kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen
-vermöchte.«
-
-»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel
-kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische
-Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter
-hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll
-suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch
-ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand
-drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:
-
-[Illustration]
-
-»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt
-wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir
-noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach,
-bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich
-wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat
-man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«
-
-»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner
-armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog,
-dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens
-und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am
-Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte
-und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir
-zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück
-auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft
-Schweres auferlegt, gern dankbar sein.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-Marthas Hausgarten. Der arme Hansi.
-
-
-Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche
-Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung
-erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer
-Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von
-deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden
-Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas
-herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen
-ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf
-demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte
-ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie
-Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus
-gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen
-konnte.
-
-Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach
-ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen
-und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die
-Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als
-diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein
-Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen
-mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an
-besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun
-konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben
-Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte
-hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche
-darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen
-und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens
-Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen
-hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt;
-es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog,
-Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter
-ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie
-aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war
-wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben
-über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen
-Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare
-Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies
-alles hervorgebracht hatte.
-
-Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha
-in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des
-schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben,
-wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren
-Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja
-schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem
-hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen
-hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so
-lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe
-noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens
-größtes Entzücken bildete.
-
-Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von
-ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot
-ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie
-ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich
-und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich
-nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein
-aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten
-Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während
-der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die
-hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen,
-befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen
-Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald
-gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten
-Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um
-den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um
-eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft
-friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin
-austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die
-unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten,
-und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha
-beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches
-Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da
-vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur
-Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen
-kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand
-desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das
-kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen
-Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach.
-
-Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah
-den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht
-heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit
-dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht
-ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als
-dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er
-ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen
-kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und
-brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach
-dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die
-Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben
-Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort
-gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war
-sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber
-bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches
-so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ.
-Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die
-Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte
-sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten
-aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen,
-schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich
-dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach
-dem verunglückten Jungen sehen würden.
-
-Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte
-Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran,
-das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen,
-da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder
-und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel
-auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte
-bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte
-der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun
-fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam,
-als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude
-klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür
-und weidete sich an dem hübschen Schauspiel.
-
-Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug
-zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie
-das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die
-Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben.
-Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und
-Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen
-machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit
-gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten.
-
-Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall
-und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus,
-aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm
-herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier
-vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft
-erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der
-Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha
-geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne
-zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn
-sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu
-niedlich.
-
-Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi
-war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson
-geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer
-von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der
-wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und
-possierlich war, gefiel er jedermann.
-
-Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von
-seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha
-Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig,
-zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und
-trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich
-ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben
-in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch
-wenigstens wieder Ruhe.
-
-Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache
-beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen
-warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus,
-denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben.
-
-Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz;
-da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend
-ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und
-Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war
-ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem
-Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um
-durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner
-Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod.
-
-Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die
-Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche
-hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein
-paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die
-ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber
-vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied
-beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe,
-denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art,
-mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen
-pflegen.
-
-Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche
-mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese
-tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut
-klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten
-Schwarm der großen Vogelkörper. – –
-
-Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner
-kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und
-Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen
-konnte.
-
-Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden
-Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr
-zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen.
-
-Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den
-armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen
-durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den
-er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine
-Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen
-kann, und darauf baute er seinen bösen Plan.
-
-Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er
-über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise
-einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß
-sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als
-er gekommen war.
-
-Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte,
-ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief,
-damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen
-sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie
-erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit
-verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl
-schon ein paar Stunden so gelegen haben.
-
-Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen
-unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel
-Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war.
-
-Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine
-Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren
-liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten
-heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten
-wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die
-Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von
-ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit
-goldenen Buchstaben:
-
-»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche
-wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der
-Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen
-Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich
-nicht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-Wintervergnügen und Eisabenteuer.
-
-
-Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die
-ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der
-Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben
-wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern
-einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich
-nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach
-Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß
-genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die
-Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz
-flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem
-Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar
-nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden
-freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das
-Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie
-recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft
-stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang.
-
-Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben
-sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter:
-
-»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn
-ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere
-alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken,
-aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen.
-Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite
-Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird
-wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht
-so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und
-euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.«
-
-Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche
-sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an
-den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da
-gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und
-Fritz sagte entschlossen:
-
-»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht
-wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am
-Ufer entlang?«
-
-Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden
-ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige
-Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche
-pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem
-Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte
-es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da
-waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin
-stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine
-Haus hinein, die Frau zu besuchen.
-
-Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem Hause von
-Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte sie von deren ersten
-Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei Tage vollständig im Hause
-und da von Morgen bis Abend unermüdlich beschäftigt, all die kleinen
-Höschen und Röckchen, die ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten,
-auszubessern und neu zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer
-alten Frau gepflegt, und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen
-und Fritz nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie
-that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre
-kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen erzählen,
-wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige Stunden vergangen, da
-stand Fritz rasch auf und rief:
-
-»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag zu Hause sein
-wollen.«
-
-»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug Kathrin
-erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen greifen sah;
-diese aber lachten fröhlich:
-
-»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen sind.«
-
-Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden.
-
-Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als es vor einigen
-Stunden gewesen war, ein warmer Südwind blies mit voller Macht und
-als sie auf den See kamen, bemerkten sie, daß derselbe schon bei
-weitem mehr Wasser auf der Oberfläche stehen hatte als vorher, aber
-es war ihnen nicht bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So
-faßten sie sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts,
-aber je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter
-ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst recht
-ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts zu kommen, zudem
-der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. Der ganze See war auch
-merkwürdigerweise völlig menschenleer, und es wurde ihnen die Ursache
-erst schrecklich klar, als sie plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten,
-daß das Eis unter ihnen wirklich ganz unsicher war und die Scholle,
-auf welcher sie standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen
-begann.
-
-»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; Fritz,
-selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um den Leib und
-sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann wie gejagt im fliegenden
-Lauf weiter fort. – Gottlob, schon sahen sie das Ufer ziemlich nahe,
-da gähnte vor ihnen plötzlich wieder eine Wassertiefe, welche sie
-nicht zu überspringen wagten. Mit zitternden Knieen standen sie da,
-dann begannen sie laut um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu
-schwenken; da bemerkten sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und
-stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so weit,
-daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen Strick und
-winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige schreckensvolle
-Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine Ewigkeit währten,
-vergingen – da hatte der tapfere Mann den Kindern den Strick zugeworfen
-und denselben bedeutet, ihn um ihren Leib zu schlingen, – Fritz that
-es mit bebenden Händen und als der Strick endlich fest genug saß, da
-zog der Retter auf der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit
-einem blitzartigen Ruck über die gefährliche Stelle und von da an
-vollends bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke
-der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens ging
-durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick der geretteten
-Kinder, welche totenbleich und mit wankenden Gliedern sich kaum
-aufrecht zu halten vermochten. Aennchen konnte vollends keinen Fuß
-mehr rühren, eine mitleidige Frau trug sie auf ihren Armen nach Hause
-und als die ahnungslosen Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren
-Gefahr ihre Kinder preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem
-Herzen, daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der
-hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und Aennchen
-konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, und sie
-gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so unvorsichtig sein zu
-wollen.
-
-[Illustration]
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-Fünfzehntes Kapitel.
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-Klara.
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-
-»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug
-Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn
-niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich
-habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das
-wahr?«
-
-»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich
-über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn
-der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen
-Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische
-Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das
-anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume,
-welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es
-ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen,
-da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt –
-ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme
-greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!«
-
-»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche
-aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser
-neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen?
-Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe
-genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein
-Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem
-Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin
-weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles
-herrlich zusammen?«
-
-»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen,
-dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der
-Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der
-vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei
-jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten
-Planes stimmen.
-
-So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine
-Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der
-Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet
-hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf
-das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei
-kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau
-Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich
-ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut
-anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter,
-deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die
-dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig
-danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt.
-
-So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der
-Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war,
-vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand
-gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim
-und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als
-Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen;
-wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern
-gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre;
-auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften
-Freundin.
-
-Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze
-Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha
-konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen.
-Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte
-Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der
-Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume
-geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil
-werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die
-Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue
-Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war,
-kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie
-im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig
-und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten
-Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen
-durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts
-gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach
-seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den
-Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen
-verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende
-Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte
-sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr,
-sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war
-glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu
-hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde.
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-
-Sechzehntes Kapitel.
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-Musikstunden.
-
-
-»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit
-dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches
-musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere
-Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so
-ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich
-sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die
-Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht
-alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über
-alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen
-und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da
-ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist,
-einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden
-den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und
-strebsam zeigen.«
-
-So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich
-vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen
-Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen
-würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte
-sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie
-konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag
-klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich
-nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte
-die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem
-Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren
-gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu
-wollen.
-
-Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule,
-wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren
-zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das
-Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes
-erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward.
-
-Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe hinauf in
-einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin Fräulein Tamann sie
-mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen Worten mit Aennchens
-Mutter führte sie dann diese mit dem Töchterlein hinüber nach einem
-andern Zimmer, darin standen drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch
-ein Tisch, einige Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere
-Etageren an den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus
-nicht so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der
-Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung zu
-erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, daß sie gar
-keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu zu empfinden. Es
-waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge im Zimmer, zwei Knaben und
-ein Mädchen, letzteres auch von seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen
-sich die Damen, als der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl.
-Tamann, verweilte noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie
-sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden.
-
-Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn sich gedacht,
-denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt wurde und dort
-darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die Lehrerin, Fräulein
-Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches Liedchen vor; »Wenn
-die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in dein Bett hinein – Büblein,
-spring geschwind heraus, sticht dir sonst die Augen aus.« Die Kinder
-mußten das Liedchen nachsingen, bis sie es ohne Fehler konnten,
-natürlich brachte Aennchen dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann
-wurden alle vier an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher
-Notenlinien aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche
-freilich den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war nun
-nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß diese
-Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, die Noten
-~c d e f g a h c~ darstellten; noch viel schwerer war es, die Bedeutung
-der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, den Violinschlüssel
-nachzumalen und vieles andere mehr, und es bedurfte dazu vieler
-Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen hatten. Heute aber
-in dieser ersten Stunde kamen sie doch schon so weit, daß sie einige
-der Noten kennen lernten. Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt,
-die zwei Mädchen an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite,
-und Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie
-gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie Füße und
-Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen mußten. Dies
-war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, denn ihre eckigen
-Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für diese Künste. Nun sollte
-sich jedes der Kinder die Melodie des Liedchens auf dem Klavier
-zusammensuchen. – Aennchen fand sogleich den ersten Ton richtig und,
-o Wunder, auch die nächsten Töne ganz gut bis zum Schluß, während die
-andern Kinder sich weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine
-große Freude an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde
-bekamen alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben,
-ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen
-dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen der Noten darüber zu
-setzen.
-
-So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und Aennchen kehrte
-ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer nahm sie von nun
-an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem Klavier zu üben; es war
-erstaunlich, welche Fortschritte sie schon in den ersten Lehrstunden
-machte, wie sie auch den schriftlichen Teil ihrer Aufgabe stets
-zur Zufriedenheit löste und sogar anfing, kleine Kompositionen zu
-versuchen, welche ganz niedlich ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer
-hatten große Freude darüber, besonders aber war Martha stolz über die
-musikalischen Fortschritte ihrer Freundin, und jede Stunde, welche
-sie am Klavier zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein
-Winkelchen daneben und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst
-konnte ja nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre
-kleine verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann
-hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen
-können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute sich
-aufrichtig des Glückes ihrer Freundin.
-
-Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer wahren Quelle des
-Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich beinahe zurückhalten,
-daß sie nicht zuviel darin that. Bald war sie so weit, daß ihr das
-Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit mehr verursachte und sie
-nach dem Gehör die verschiedensten Akkorde schon auseinanderzukennen
-vermochte; sie spielte mit richtigem Anschlag und gutem Ausdruck schon
-eine Anzahl hübscher kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und
-als nun in der Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«,
-herannahte, da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche
-ein hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften.
-
-Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze Schülerschar
-der Musikschule freute sich schon lange darauf und Aennchen hatte von
-den andern schon so viel erzählen hören, wie hübsch und unterhaltend
-es an solchen Abenden immer sei. Da wurden alle Eltern derjenigen
-Klassenschüler mit eingeladen, welche an dem Abend vorspielen durften,
-es wurde Thee gereicht und die Kleinen mußten sich da wie in einer
-richtigen Gesellschaft benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den
-Kindern erweckt! jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein
-Spiel als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen!
-
-Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, ihre
-Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern auch das
-Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen allerdings nur schwer
-zu überreden war, sich mit in den Kreis all der andern frohen Kinder
-zu mischen; sie war im größeren Kreise immer ängstlich und scheu, da
-sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens verhöhnt zu werden. Aber
-im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie keine Furcht zu hegen, daß
-die Kinder in Unart und Uebermut ausarten könnten; dort waren alle
-liebenswürdig und jedes darauf bedacht, sich so fein und gesittet als
-möglich zu benehmen.
-
-So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn auch zu
-einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, als sie ihr
-Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. Nachdem alle
-Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für Groß und Klein Thee
-und Süßigkeiten herumgereicht und alle durften sich nach Gefallen
-Plätze suchen, schwatzen und lachen. Das war nun eine Fröhlichkeit in
-der kleinen Schar; sie saßen dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas
-die Wände entlang, hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in
-der linken Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen
-unaufhörlich. Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß
-Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu müssen;
-in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, trug
-den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte ihnen lustige
-Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter und Gekicher unter
-allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam und fragte, was es denn so
-Lustiges gebe?
-
-»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat gerade
-erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander heiraten,
-aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will unter die Soldaten?‹
-vorspielen.«
-
-»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie hat so
-schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische kleine
-Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; er wäre
-wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, wenn die Soiree nicht
-ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen Mamas mit ihren Kindern
-aufgebrochen wären. Aber noch lange schwärmten alle von dem schönen
-Abend und Aennchen konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr.
-
-
-Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin
-jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe.
-
-Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu
-unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir
-uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem
-Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und
-dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war
-noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als
-dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg
-über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns
-alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten.
-Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir
-waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.«
-
-Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die
-immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten
-es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so
-inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne
-Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld
-und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand
-sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein
-Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges
-wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel
-gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an
-unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen
-dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so
-herzlich lachen und sich mit uns freuen kann.
-
-So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh«
-näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die
-Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara,
-bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten
-auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und
-frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie
-hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist,
-ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun
-ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie
-jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß
-Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir
-alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara
-voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie
-nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und
-dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen
-fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern!
-Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen,
-was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge
-Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von
-Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch
-acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt
-leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich
-mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s
-lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle.
-
-So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit
-und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf
-dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl
-gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder
-spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts
-Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben
-es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert
-seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen,
-welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine
-ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke
-beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es
-hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben
-nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend:
-
-»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und
-richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher
-und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen,
-mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das
-wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem
-Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief:
-
-»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?«
-
-Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe
-erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen
-Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur
-stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und
-auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte
-und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder,
-die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine
-Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein
-sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen:
-
-»Wo kommst du denn so überraschend hierher?«
-
-»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich
-eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles
-gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier;
-mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause
-berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir
-schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein
-Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich
-nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden
-wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir
-hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß
-du ihn auch kennen lernst?«
-
-Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen
-gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt
-lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas
-fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir
-als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen,
-aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino
-wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch
-ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und
-zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und
-Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen
-runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr
-glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer
-Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte
-nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig
-stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach:
-
-»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm,
-während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie
-wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige
-entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen
-war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha
-sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als
-ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf
-der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen;
-als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes
-Gesichtchen war von Thränen überflutet.
-
-»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang
-sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat
-dringend:
-
-»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?«
-
-»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –«
-
-»Aber?« frug ich dazwischen.
-
-»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –«
-
-»Weil – – –?« drängte ich sie.
-
-»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich nicht mehr lieb
-haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. Also das war’s! Das böse
-Mädchen war eifersüchtig! Sie fürchtete, ich würde sie nun übersehen
-neben der neuen Freundin! In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer,
-hinter den andern zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen,
-daß ihre Befürchtungen gänzlich grundlos waren, denn von der einen
-Seite nahm Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten
-und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann auf
-derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns dreien ein
-Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren ganz begeistert von
-dem Gedanken und entwarfen sofort den Plan, von nun an ein Kränzchen
-stiften zu wollen, welches »Vergißmeinnicht« benannt werden sollte.
-
-Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, welche uns
-lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was uns so lange
-zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, so sehr Peppino in uns
-drang. Derselbe ist gar ein lieber, lustiger Bursche, er befreundete
-sich herzlich mit Bruder Fritz, obgleich derselbe etwas jünger ist, und
-die kleinen Brüder waren bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm
-spielten und ihre Possen treiben.
-
-Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie gedacht, daß
-er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er unterhielt sich sehr
-freundlich mit allen, am meisten aber sprach er doch mit Fräulein
-Klara, welche mit glänzenden Augen zu ihm aufschaute und so frisch und
-wohl aussah, daß wir uns alle nicht genug darüber freuen konnten.
-
-Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage wieder
-vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, Alma recht oft mit
-uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht vor hat, sie noch einmal in
-die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte er sich bei Mama nach einem
-passenden Pensionat. Diese sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte
-zuletzt, wie sie sagte:
-
-»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese Pension senden.«
-
-Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine
-Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und nächste
-Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha zugleich
-Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn Dekan, der so
-recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem wichtigen Schritt,
-der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich fragte sie, ob sie schon
-konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei dafür, daß dies erst mit 18
-Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen im Norden sei dies so Brauch – dies
-wunderte mich sehr.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation.
-
-
-Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch zu schreiben;
-ich hatte gar so viel anderes vor, diesen ganzen Winter. In der
-Schule gab es mehr als je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres
-und die große Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die
-Konfirmation stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und
-Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung dazwischen
-wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das Kränzchen mit meinen
-lieben Freundinnen Aennchen und Alma abzuhalten, und zwar hatten wir
-dafür den Sonntagnachmittag festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben
-wir an diesen Tagen immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche
-zu Woche darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das
-andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen gewidmet;
-wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung in französischer
-Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma darin unsere Meisterin, denn
-sie spricht französisch, als wäre es ihre Muttersprache, während wir
-andern oft nur recht kläglich zu stammeln vermögen; aber das giebt dann
-gerade den größten Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die
-richtigen Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat.
-
-Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, mich als
-Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und zu ihrer Freundin
-zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! Sie ist sehr lebhaft
-und witzig, sehr glänzend und verwöhnt, dabei aber doch von Herzen
-gut und liebenswürdig. Früher in der Schule hatte ich immer Scheu vor
-ihr, da sah sie mit Hochmut über alle hinweg, welche es ihr nicht
-gleichthun konnten; mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist
-vollständig verändert von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch
-äußerlich noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und
-sie sieht so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten
-wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, aus ihrem
-glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens an mir ist, in unser
-kleines, enges Stübchen zu kommen, und wahrhaft merkwürdig ist es, daß
-sie behauptet, sich immer gerade da am wohlsten zu fühlen, weshalb
-mein Herzens-Aennchen schon einmal beinahe eifersüchtig geworden
-ist. Sie hängt mit einer schwärmerischen Liebe an meiner Schwester
-Klara und erscheint niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und
-Blumen von ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor
-Freude; anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob
-es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch Alma
-erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr immer die Blumen
-für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne ihn ja selbst darüber
-befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt es selten, sein Töchterchen
-mit dem Wagen aus dem Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen,
-wenn das Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine
-halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster
-Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht herzlich freute,
-daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, mein liebes, liebes
-Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten Sommer ganz gesund
-und kräftig geworden; sie fühlt keine Schmerzen mehr, kann täglich
-ein Stündchen ausgehen, sich zu Hause beschäftigen und ist darüber
-natürlich sehr glücklich und dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig
-verholfen hat. Und wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern
-meines lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es ja
-nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt
-für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt ist es, als ob
-lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen wäre; der ganze lange
-Winter ging uns wie ein freundlicher Traum vorüber.
-
-Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die Lehrer sind
-alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten der Klasse ernannt.
-Gleich nach mir kommt Aennchen, die es eigentlich noch viel mehr
-verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche Schülerin und lernt
-so rasch und leicht, daß es oft ganz wunderbar ist, während ich mich
-oft viel mehr plagen muß. Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem
-Aufsatz über Kaiser Barbarossa förmliches Aufsehen und erhielt eine
-Extrabelobung.
-
-Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben uns noch drei
-Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. Aennchen und ich, welche
-den ganzen Unterricht miteinander genossen, verlebten auch diese letzte
-Zeit tagtäglich zusammen. Wir waren gegenseitig bemüht, uns auf den
-Ernst dieses wichtigen Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann
-der heilige Ostertag herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen
-sollten fürs Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen,
-als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen
-zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: »Sei getreu bis
-in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!« und
-Aennchen bekam die Worte auf den Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen
-auf die, so ihn lieb haben!«
-
-Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein schönes
-Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden Zöpfen in
-dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht verschmäht, mit der
-mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, welche, ich bemerkte es gar
-wohl, die Blicke der meisten auf sich zog. Als ich mich darüber gegen
-Aennchen äußerte, meinte das liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind
-wir ja alle gleich und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm
-sicher lieber als das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost
-für mich!
-
-Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, Mama, Klara
-und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. Es war ein schönes erhebendes
-Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen wurden als erwachsene Christen
-betrachtet und jedes sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens
-Brüder wagten sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte,
-beinahe etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden.
-
-Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem Gefühl dankbaren
-Glückes beseelt, und als ich mich am Abend niederlegte, da gelobte ich
-dem lieben Gott noch einmal im stillen, ihm »getreu zu sein und zu
-bleiben bis in den Tod.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-Das Kränzchen.
-
-
-Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher Mai voll
-Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. Das reizende Schlößchen
-Stolzau lag wie in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue
-Fliederbüsche guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die
-Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher
-Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig
-herauslugte.
-
-»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« sprach Alma
-halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen schmollend aufwarf.
-In demselben Augenblick aber bog drunten der Wagen um die Ecke, welcher
-allwöchentlich die Freundinnen aus der Stadt heraus brachte, und Alma
-sprang mit einem frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange
-Woche war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten –
-das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu plaudern
-und Neuigkeiten auszutauschen!
-
-»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen im Garten
-abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen Gästen fröhlich
-voransprang an ein reizendes Plätzchen unter einem blühenden Apfelbaum.
-Dort war ein weißgedeckter Tisch höchst einladend mit Tassen und
-Tellern, Früchten und Gebäck besetzt, ein silberner Theekessel summte
-über einer Spiritusflamme und eben brachte der Diener auch die
-dampfende Schokoladenkanne herbei.
-
-»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte Aennchen,
-»Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erlaubt und heute
-weiß ich von keiner.«
-
-»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« sprach Alma
-geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst nicht weiß
-welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir und sprach: ›Ich fahre
-in die Stadt und wenn ich zurückkomme, erfährst du etwas Köstliches und
-ich bringe dir etwas mit, was dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich
-war meine Neugierde gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte
-Papa, mir doch zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur
-gestand er zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen
-könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit meinen
-Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber nur um Gotteswillen
-raten, in was die Ueberraschung bestehen könnte? Mir wirbelt schon ganz
-der Kopf von dem vielen Denken.«
-
-»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die
-Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« riet
-die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt von der Neugierde
-der Freundin, in grübelnde Betrachtungen versank, deren Resultat
-zuletzt darin bestand, daß sie meinte:
-
-»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er ja verheißen
-hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen könne.«
-
-»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend und in
-die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch immer das
-Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich mit einem Stück
-selbstgebackenen Kuchens belohnen.«
-
-»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst
-uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen
-nicht.«
-
-»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief
-Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen
-emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch
-vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem
-ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig
-geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch
-brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar
-keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu
-unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute
-den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt,
-ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann
-endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger
-Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die
-Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding
-begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich
-ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in
-den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war
-der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr
-seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.«
-
-»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in
-die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber
-Papa haben, wenn er das erfährt.«
-
-»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden
-Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und
-spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter
-behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe
-mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich
-sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch
-fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir
-ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den
-Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing,
-für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst
-werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N.
-geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.«
-
-»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in
-die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir
-allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke,
-das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es
-mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in
-ein Institut zu kommen.«
-
-»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich
-werde ich euch entbehren!«
-
-»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du
-deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?«
-
-»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens
-brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu
-trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich
-eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir
-vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der
-Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort
-kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später
-zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im
-zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe
-ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches
-Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der
-Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute
-Stütze werden.«
-
-»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie
-dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes
-Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten;
-dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend:
-
-»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?«
-
-»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort.
-»Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle
-als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts
-strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr
-glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster
-Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig
-die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht.
-Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an
-welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt,
-und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst
-heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch
-zeigen?«
-
-Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte:
-
-»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert,
-daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen
-beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist
-die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir
-rasch beginnen.«
-
-Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn
-in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren
-und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die
-Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!«
-
-Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber
-nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden
-andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen.
-Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr
-von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er
-führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und
-vertraut schien.
-
-»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und
-zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief:
-
-»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?«
-
-»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau
-freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden
-Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir
-mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!«
-
-»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das
-Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama
-habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das
-ist zu viel, zu viel des Glücks!«
-
-Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem
-Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos
-dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging.
-
-»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die
-Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme
-Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen.
-»Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die
-fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?«
-
-»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen
-vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte
-Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise:
-
-»Weiß es denn Mütterchen schon?«
-
-»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch
-hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung
-hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.«
-
-»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen,
-in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut
-sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während
-die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-Ein überraschender Besuch.
-
-
-Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen
-bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren
-Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an
-der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.«
-Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal
-bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber
-ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und
-heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen
-Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit
-allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten
-Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines
-der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von
-Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem
-fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen
-auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob
-man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in
-fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte
-sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,«
-wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe
-beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend
-an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen.
-Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so
-bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der
-sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige
-Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in
-Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien
-sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der
-Mutter Schutz sucht.
-
-[Illustration]
-
-Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft
-der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken
-halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft
-damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob
-es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und
-welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der
-Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man
-in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße
-entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen
-Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es
-wohl da unten zu schauen gebe.
-
-Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um
-eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür
-des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach
-einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten
-es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An
-der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts
-Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen
-Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit
-Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner
-einem kleinen Herrenhütchen bestand.
-
-Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben
-ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und
-schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes
-Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor
-mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche
-die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das
-aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die
-fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und
-kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines
-Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch
-letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim
-Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem
-kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der
-übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer
-Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung
-der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die
-Thür des Hauses trat.
-
-»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich
-habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor
-Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –:
-
-»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten
-die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?«
-
-Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her
-und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren
-Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen.
-
-Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an,
-dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus:
-
-»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?«
-
-»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem
-Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier
-in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,«
-ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem
-Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.«
-
-»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein
-Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge
-Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der
-Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!«
-
-Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte
-aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es
-sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger
-Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen
-neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha
-hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des
-Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und
-mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an
-ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre
-Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer
-frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie
-auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich
-trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie
-hinüber nach Deutschland zu begleiten.
-
-»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg
-bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte,
-während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot.
-
-»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes
-bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe
-verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies
-junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten.
-
-»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der
-armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante,
-indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb
-zerstreut ein.
-
-»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem
-freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits
-meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in
-der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit
-Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich
-aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.«
-
-»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein
-sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht
-daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen
-Schutz!«
-
-»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,«
-erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben
-können!«
-
-»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft.
-
-»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre
-Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt
-zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche
-besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen
-Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter
-zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun
-und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines
-eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die
-gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun
-anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau
-ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.«
-
-»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin
-ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich
-kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem
-mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde
-haben, dich so allein zu wissen.«
-
-»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge
-Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit
-umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die
-Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben
-hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa
-ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für
-heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen
-muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und
-verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.«
-
-»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte
-Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen,
-durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt,
-daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit
-stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an
-ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze
-Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen
-beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der
-Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren
-Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch
-Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie
-hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle,
-herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen.
-
-Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür,
-alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit
-zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr
-hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten
-lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen,
-daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.
-
-»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen
-von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede
-Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete
-Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.«
-
-»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet,
-aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so
-beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie
-lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas
-Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange
-Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte.
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
-Schluß.
-
-
-Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der
-Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt,
-welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren
-Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte
-sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden,
-eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara
-am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden
-sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte
-Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher
-beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem
-halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um
-der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun,
-ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit
-einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum
-zweitenmale.
-
-In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.
-
-»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer
-wieder.
-
-»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt,
-»ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in
-Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.«
-
-»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners
-dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach
-ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu,
-ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum
-drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra,
-nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde
-und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen
-Lebensziel entgegen.
-
-Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren
-waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten.
-
-[Illustration]
-
-
-Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange
- Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge
- gekürzt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 132: son → schon
- und gutem Ausdruck {schon} eine Anzahl
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHULMÄDELGESCHICHTEN ***
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