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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-25 10:41:58 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Schulmädelgeschichten - für Mädchen von 7-12 Jahren - -Author: Marie Beeg - -Release Date: January 27, 2023 [eBook #69864] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHULMÄDELGESCHICHTEN *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter - Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration] - - - - - Schulmädelgeschichten - - für Mädchen von 7–12 Jahren - - erzählt von - - Marie Beeg. - - Mit zahlreichen Holzschnitten und 4 Farbdruckbildern. - - Sechste Auflage. - - Berlin W. - Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - 1. Kapitel: Der Geburtstag 1 - - 2. Kapitel: Der erste Schultag 8 - - 3. Kapitel: Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft 17 - - 4. Kapitel: Die Handarbeitsstunde 23 - - 5. Kapitel: Lehrstunden 28 - - 6. Kapitel: Ein Tag bei Alma 30 - - 7. Kapitel: Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer 42 - - 8. Kapitel: Schlimme Freundschaft 72 - - 9. Kapitel: Martha 79 - - 10. Kapitel: Ein Brief Almas an Aennchen 92 - - 11. Kapitel: Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch 100 - - 12. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch 108 - - 13. Kapitel: Marthas Hausgarten. Der arme Hansi 114 - - 14. Kapitel: Wintervergnügen und Eisabenteuer 122 - - 15. Kapitel: Klara 126 - - 16. Kapitel: Musikstunden 129 - - 17. Kapitel: Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr 134 - - 18. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation 140 - - 19. Kapitel: Das Kränzchen 144 - - 20. Kapitel: Ein überraschender Besuch 150 - - 21. Kapitel: Schluß 157 - - - - -Erstes Kapitel. - -Der Geburtstag. - - -Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie -mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte -sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher -Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein -wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da -tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf -die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken. - -»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die -Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich -das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte -sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!« - -Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden -sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl -alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine -große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten, -eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine -passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch. - -Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf, -sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief -noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten, -sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch -recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und -begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen -herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel, -der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt -darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett -herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann -wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar -Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich -angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen -mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das -wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann -durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die -Eltern und Geschwister versammelt waren. - -Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb -und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die -große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken -vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und -es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und -schier erschrocken stehen. - -Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die -Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß -eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein -Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren -Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der -verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene -und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten – -kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit -Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein -Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer -Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches -weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter -Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln. - -Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen -Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen« -schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze -Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher -angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in -welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines -Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu -sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche -und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet -fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit -thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort -ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!« - -Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet, -dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre -beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen. - -Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als -sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch -fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach: - -»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich -jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag -beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du -auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden -Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende -Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die -Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen -schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen -ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben -ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken -lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei -haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber -wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald -benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.« - -»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die -Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte, -da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den -Boden und schluchzte und schrie: - -»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!« - -Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch -dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und -starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis -jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat -vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat: - -»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht -gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr -schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf, -sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.« - -Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte -es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen« -geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt, -das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als -ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das -wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so -schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie -sich schon so lange gefreut hatte. - -So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen -Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand; -all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren, -vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und -jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute -bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am -Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch -schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken. - -Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah -sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen -auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus -und fing von neuem an, bitterlich zu weinen. - -»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig -sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor. -Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte: - -»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.« - -»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?« - -»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus -Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr -Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst: - -»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so -schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird. -Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein -Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann. -Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken -noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin -das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem -Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der -nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden, -so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten -und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das -wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter, -wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig -ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es -eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen -kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen, -Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und -ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt, -haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles -begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben -Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe. -Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen -gehören, mein Aennchen?« - -»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches -aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen -dasaß. - -»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute -den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf -nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf -dich.« - -Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde! -Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum -Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen: - -»Aennchen, Aennchen!« - -»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern -entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – was war das? Eine -allerschönste große neue Schaukel war mitten auf dem grünen Rasenplatz -angebracht! War das ein Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich -kaum vor Freude und die Geschwister riefen: - -»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag ist.« - -Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die Schaukel -und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, war so galant -und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte zu schaukeln. O das -war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum ganz nahe und sah die -kleinen Brüderchen Willy und Hermännchen als winzige Punkte unten -stehen. So ging es lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die -andern an die Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so -setzte sie die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem -Vergnügen teilnehmen. - -Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot und die -Kinder durften es im Garten verzehren. So verging Stunde auf Stunde des -so schlimm begonnenen Tages in schönster Lust und als Aennchen endlich -spät am Abend im Bettchen lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen -zu beten, da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr: - -»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute morgen so -unartig gewesen bin?« - -Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort. - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel. - -Der erste Schultag. - - -Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr das kleine Herz recht -schwer, denn gleich fiel ihr ein, daß ja heute der erste Schultag sein -sollte. »Ach,« seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn -doch dieser erste Tag schon vorüber wäre.« - -Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, aufzustehen -und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden zu lassen. Diese -that es heute beinahe etwas respektvoll und sagte: - -»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und so gelehrt -werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir vorlesen kannst aus -deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden kannst du jetzt bald allein -besorgen, ein Schulmädel muß ja alles können. Hast du denn schon die -schönen neuen Schulkleider gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt -hat?« - -Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen mit -weißen Borten und eine große schwarze Schürze mit Spitzen besetzt, ein -helles warmes Mäntelchen und ein hübsches Mützchen – alles nagelneu, -war neben dem Ränzchen auf den Tisch gebreitet. Das war freilich eine -Freude für Aennchen, die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne -putzen ließ. - -Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn selbst -Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und Geschwistern und kam -sich förmlich wichtig vor, als sie nun das Ränzchen auf den Rücken -nahm und Papa auf die Uhr sah und sprach: - -»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist hohe Zeit.« - -Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied von den kleinen -Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach Amerika, dann gab sie -Papa noch einen Kuß und fort ging es an der Mutter Hand zum Hause -hinaus. - -Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen und Knaben -und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der Schule kam, desto -mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben Weg, viele allein, -manche von ihrer Mutter begleitet, denn das neue Schuljahr hatte noch -nicht lange begonnen. - -Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl früher ein -Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal und so viele -Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen stieg an der -Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das Herz klopfte ihr, als ob -es zerspringen wollte, und sie sah gar nicht mehr, wohin sie ging. Da -stand sie auf einmal in einem großen Saale und der Herr Lehrer kam auf -die Mama zu und sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und -sprach zu Aennchen, welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert -hielt: - -»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde eine Hand!« -Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht des Herrn Milde, der so -sanfte Augen hatte, welche hinter einer Brille hervorblickten, und so -freundlich lächelte, daß sie alle Furcht verlor und ihre kleine Hand -in die seine legte. Nun blickte er sich um, die langen Reihe der Bänke -entlang, welche Sitz an Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren, -und fragte: - -»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?« - -In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und streckten die -Finger in die Höhe: - -»Hier!« - -Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie zwischen die beiden -Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der Mama um. Diese hatte sie -allein gelassen bei all den fremden Mädchen. Sie legte den Kopf auf das -Pult, barg das Gesicht in den Händen und weinte leise und ängstlich -vor sich hin. Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine -sanfte Stimme flüsterte beruhigend: - -»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu hegen.« - -Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von schlichten -hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein und schmächtig gebaut -und die rechte Schulter stand bedeutend in die Höhe; sie trug ein -einfaches dunkles Kleid und eine hohe Schürze, um den Hals ein weißes -Halstuch und sah so schlicht aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte -sich neugierig angezogen und fragte, ihre Thränen trocknend: - -»Wie heißt du?« - -»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst seit einigen -Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, also siehst du, daß -es nicht so schlimm ist.« - -Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs sehr -spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, blickte -sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch: - -»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze nun ein -ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.« - -Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr war sie hier -in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! Aeußerlich -war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer daß sie -sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte und die -Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken an einer -Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches Geschöpf mit -goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen um das reizende Gesicht -flatterte; gekleidet war sie in ein blaues Samtkleid, aus dem ihre -bloßen Schultern und Aermchen leuchtend hervorblickten. Aennchen -glaubte, noch nie ein solch entzückendes Wesen erblickt zu haben, und -atemlos flüsterte sie zu Martha hinüber: - -»Wie heißt das Mädchen neben mir?« - -Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt darfst du -nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.« - -Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als die neun Klänge -verklungen waren, da gab Herr Milde auf seinem Katheder, den er -inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen und nahm eine Violine zur Hand. - -Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner Gnade« – sagte -er, »wer von den Neueingetretenen ihn von zu Hause her kennt, darf -mitsingen.« - -Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den Kindern -gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor all der kleinen -Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang mit klarer Stimme mit, Alma -jedoch, obgleich sie schon so lange in der Schule war, hielt das feine -Taschentuch an die Lippen, als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht -mit. Aennchen sah sie verwundert an. - -Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser und dann -trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr Milde gebot, die Griffel -und Tafel sollten hervorgeholt werden. Das thaten nun alle mit großem -Eifer und auch Aennchen nahm mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel -heraus – gewiß hatte keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas -Tafel war wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch -Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel waren mit -Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte! - -Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an die Tafel ein -kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben und nun machten sich -Hunderte von kleinen Fingern an diese Arbeit, während der Herr Lehrer -von einer zur andern ging und Umschau hielt. Das gab harte Plage! -Aennchen mühte und mühte sich, aber sie brachte keinen geraden Strich -zu stande und bewundernd sah sie der kleinen Martha zu, welche schon -eine Menge von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da. - -»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt. - -»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig zur Antwort. - -Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte es sich doch, -daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, was sie wolle, denn er -schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin kein besseres Beispiel -gebe, die kleine Martha aber lobte er sehr und beauftragte sie, -Aennchen etwas mit Rat beizustehen. - -So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen es gedacht -hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde: - -»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten springen!« - -Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig Mädchen wollten -laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber gebot: »Eine nach der -andern und immer hübsch ruhig!« Da dämpften sie die fröhlichen Stimmen -und schoben sich artiger zur Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit -fortgezogen in der Schar und befand sich schließlich in einem großen -Garten, der nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies- -und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten nun -die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten. - -Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis gebildet, sie -kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. Fröhlich -trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« und begann bald herzhaft -zu springen und zu jauchzen und es ihrer Nachbarin, der ausgelassenen -Alma, nachzumachen. Als der Kreis sich wieder drehte, sah sie die -kleine verwachsene Martha ganz still und traurig außen stehen. - -»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu. - -»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma laut und -rücksichtslos ab. - -Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie die schlimmen -Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen Kind zwei große Thränen -in den Augen und flossen langsam die schmalen Wänglein herunter. Aber -Alma zog Aennchen mit sich fort und diese hatte einen solchen Respekt -vor der glänzenden Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen -wagte, sondern sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von -ihrer Gunst beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete -Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied, -wer sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten, -sprang und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in -die Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch nicht -einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte nur so vor -Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an. - -Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der Unterricht -wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas Leistungen bald ein -Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade bei ihr immer am meisten zu -tadeln und zu rügen. - -Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese -verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge -Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich -nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen -und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß -die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein -Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war -schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß -der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und -Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben. - -Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim -Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch -flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde -wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm -und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein -reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte -Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und -dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm. - -»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann -schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp. - -Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig -vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so -stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine -bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte -freundlich: - -»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?« - -»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher -nicht denselben Weg.« - -»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und -ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn -meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit -gemietet.« - -»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?« -fragte Aennchen überrascht. - -»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,« -war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine -Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken -Schwester Gesellschaft leisten.« - -»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen. - -Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas. -»Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue -eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.« - -Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige -Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale -Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden -die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und -leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen. - -Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze -Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie -ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu -erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren -Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte, -da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein -Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen. - -Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte -keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht -einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder -zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese -Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden -durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing -sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so -lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater -mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief: - -»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen -lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?« - -Aennchen murmelte »Ja.« - -»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig -ist!« - -So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte -sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die -aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei -und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu -regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten -genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle -so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel -bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel -und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter -nach dem Garten. - -Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf. -Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit -den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt -etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit -entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig -kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen, -dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer -großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten, -und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein -Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte, -es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte -hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als -vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit -Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten. -Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich: - -»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine -beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute -Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die -Vorstellung.« - -Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und -jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen -alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren -hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die -verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann -im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen. - -Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam, -zankte Lisette tüchtig und sagte: - -»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang. -Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich -konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel -zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.« - -»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und -blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und -schlief fröhlich ein. - - - - -Drittes Kapitel. - -Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft. - - -Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie -verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im -Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis -alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und -anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus -dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und -weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu -sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren -Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten. - -Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn -als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun -Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude -hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert -um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz -zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng -entgegen und faßte sie bei der Hand: - -»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten -eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man -pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der -Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung -vorbringen muß?« - -»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen -verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend. - -»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde. - -»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen -heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so -öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune -wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ, -schlüpfte sie auf ihren Platz. - -Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen, -Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit -ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte -Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen, -daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue -Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung: - -»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s -sieht!« - -Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte -sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges -i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines -Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre -Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen? - -»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende -gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt. - -»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten -vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,« -ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen -kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.« - -»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn -nicht gut verwahrt?« - -»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich -alles liegen und sprang davon.« - -»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst, -»denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets -ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß -sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat. -Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von -dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen -können.« - -Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen -Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen -würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren! - -In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem -Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder -Weise eine Geschichte vom lieben Heiland. - -Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich -aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust, -ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit -sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie -einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche -Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher -nicht gleich den Kopf deswegen abreißen. - -»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten -mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause -brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.« - -»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser -gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein -Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen. -Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?« - -Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich -tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann -sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer -schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen -Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie -auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden -Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele -eingestellt und standen atemlos im Kreis herum. - -Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da -erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige, -welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen -und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte -hämisch: - -»Wie eine Gauklerin!« - -Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen -stürzte sie auf die Sprecherin zu: - -»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich -zurück!« - -Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen -Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden -auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke -die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber -folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und -ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin -murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!« - -Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich -mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend -zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute -den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt -hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da -sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit -ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr -das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne -zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und -mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales -Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte -sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn: -Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden! - -Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame -Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der -Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut -gefiel Aennchen das schöne Lied: - - »Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?« - -Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen -Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als -»treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die -kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit -diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen -hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis -zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe -ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und -wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen! - -Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich -des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende -unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die -Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst -aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste, -was man begehen könnte!« - -So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe -hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein -liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus -gebracht?« - -Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der -Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen -gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber -das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir -nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr -der Mutter und flüsterte: - -»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.« - -Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie -gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem -Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn -begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann -es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei -deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine -verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen; -freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun -nichts werden.« - -Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen -Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat. -Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel -der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz, -der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung -fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben -sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging -ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie -heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise: - - »Hab ich Unrecht heut gethan, - Sieh es, lieber Gott nicht an – - Mache Du durch Christi Blut - Gnädig allen Schaden gut.« - - - - -Viertes Kapitel. - -Die Handarbeitsstunde. - - -Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde -bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen -Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der -Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz -führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren, -welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen -schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes -Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus -wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und -zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit -innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle -»Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie -sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein -gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour, -den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar -immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde -austeilte. - -Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so -heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern -leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn -sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde -fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz -zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht -wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer -anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten -eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich -zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich -in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf -stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster. -Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle -Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.« - -Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren -über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich -ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie -sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß, -es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen -Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch -niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte -diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst -das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam -richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick -errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme: - -»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der -Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen, -weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt -sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht -interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu -hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie -du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen -Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was -ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und -eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit. -Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen -nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald -wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der -Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen -Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich -über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle -eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete, -das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute. - -Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines -Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte -– das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre -Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer -zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine -vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß -man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und -Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts -mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem -Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand -dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter -und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen -und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie -wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl -mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren -feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der -Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten. - -Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an der Arbeit -ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren gar so ungeschickt -und nichts ging ihr von der Hand. Als aber die Not immer größer wurde, -da fing sie doch an, der Mutter die Arbeiten abzusehen und sich selbst -daran zu versuchen, und siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte, -da ging es auch und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der -Kaufmann, dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer Jugend -und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte sie mit -glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug der Prüfung, die über -sie gekommen, denn nun begann ihre arme Mutter sehr leidend zu werden -und zu schwach, selbst etwas zu leisten. Welches Glück, daß nun das -Töchterlein imstande war, für sie einzutreten, und sich auch in der -Pflege geschickt und willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte, -ward ihr ein treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er -den guten Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich -imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr Stolz war -gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft daran, welch ein -unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren Tagen gewesen. Der -liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen und Irrwege schließlich zum -glücklichen Ziel und sie ist zufrieden und glücklich geworden. Und wißt -ihr, lieben Kinder wer die kleine Marguerite eigentlich war?« fügte -das alte Fräulein nach einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es -gewesen.« - -»Sie selbst?« riefen überrascht die Kinder, denen bei der schlichten -Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten waren, und Alma, -welche besonders aufmerksam diesmal zugehört hatte, fragte noch einmal: - -»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« – – – Sie stockte. - -»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete Fräulein -Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln den Satz. »Glaubt -aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen sollte, über mein -jetziges Los zu murren. Ich danke im Gegenteil dem gütigen Gott jeden -Tag, daß er mich so weise Wege geführt und davor bewahrt hat, ein -übermütiges stolzes Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn -er mich ferner gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine -eigenen so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens -vorzubereiten – möge aber keine von euch allen durch so harte Prüfungen -gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!« - -Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, als sie -endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen war unbewegt. -Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht war zeigte sich tief -ergriffen und von dieser Stunde an war sie viel eifriger als vorher -bemüht ihre gütige Lehrerin zufrieden zu stellen. - -[Illustration] - - - - -Fünftes Kapitel. - -Lehrstunden. - - -Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit -Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt -worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden, -daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern -bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen -Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle -bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen -gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich -nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein -volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine -der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und -Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern. - -So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden, -wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise -zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit. -Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben -des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im -Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu -entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben, -wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag, -und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es -versuchen zu lassen. - -Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie -vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel -nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl -zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus, -und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig -und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch. - -In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave -und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen -Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und -auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das -Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange -die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und -auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar -leicht dem Gedächtnis ein. - -Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die -Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch -keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme -zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen -und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald -zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich -sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende -ging, baten gar oft die Kinder: - -»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.« - -Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar -gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen: - -»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder -»Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich -weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt -ihrem Gesang. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Ein Tag bei Alma. - - -»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir -erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines -Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen -leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd: - -»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa es immer gern, wenn -wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt meine Mama auch, ich könnte -bei dir genieren den ganzen Tag.« - -»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn meine Mama dich -noch besonders einladen läßt,« versicherte Alma eifrig und damit -trennten sich die Freundinnen. - -Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer Mutter von -der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und meinte: - -»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich dich unmöglich in -ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich betrübt davon. - -Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als Aennchen sehen -wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer Bedienter vor der Thüre -mit langem blauem Rock und großen goldnen Knöpfen daran und einer -breiten goldnen Borte am Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der -Hand für Aennchens Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen -eine sehr liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche -zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde sie selbst -Sorge tragen. - -[Illustration] - -Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde angenommen -und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus herum, freute sich auf -den kommenden Tag und sprang jede Viertelstunde zu Papa in die Stube: -»Süßes Papachen, glaubst du, daß morgen schönes Wetter wird?« - -»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe wie den -fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater endlich -ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus. - -Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, die Sonne -ganz wunderbar strahlend auf und der blaue Himmel lachte wolkenlos -hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen mit den rosaseidenen -Schleifen denn getrost angezogen werden und Aennchen sah sehr niedlich -darin aus. - -Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage vor und -der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. Wie eine richtige -große Dame kam sich Aennchen vor, als sie dann so allein in dem -wunderhübschen Wagen saß, und sie grüßte ordentlich huldvoll zu den -Geschwistern hinauf, welche mit den Eltern zum Fenster heruntersahen, -ihr Aennchen noch abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich -doch Alma ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich -dahinfuhr zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann -durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche hohe -Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun hielt der -Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster und Zinnen im -Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster Spitze eine rote Fahne -lustig in die Welt hinauswehte. - -Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon -eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus -hervor und dem Gaste entgegen. - -»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens -Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große -Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der -Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es -kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses -hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst -das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die -Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder -Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich -die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses -hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem -Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern -errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und -sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an -die Stirn und sprach auf französisch zu Alma: - -»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der -Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.« - -Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das -Zimmer. - -»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,« -sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von -glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit -deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung -stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu -Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte -sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt, -Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine -kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das -Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem -wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall -auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke -ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken -vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher, -Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz, -was man sich nur denken kann. - -Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber -sah ganz gleichgiltig aus und meinte: - -»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der -Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.« - -»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen. - -»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine -Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist -eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit -ihr fertig.« - -Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie, -»wo ist sie denn?« - -»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum -gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie -nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch -durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt -werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er -sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so -sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.« - -»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen -gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf -bestanden hat.« - -Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in -einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes -köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles -mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben. - -Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von -da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes -Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr -grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum -andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich -ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug -glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte -ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze -Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah, -in dem Heukasten. - -»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie -hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über -das seltsame Betragen dabeistand. - -»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen -lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall -und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein -kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe -Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen -behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem -Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche -aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der -Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe -ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so -stürmisch, wir könnten herausfallen.« - -»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma -übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte -diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte -den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen. -So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie -die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung -machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen -aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden -erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über -Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten -hin die Räder und Kissen auseinander flogen. - -Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen -Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche -eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall. - -Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern. - -»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte -sie. - -Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas -zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich -selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem -abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage -nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat -schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht -waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.« - -Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als -sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in -einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits -mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld -die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel -gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge -Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand -ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif -wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all -die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen -Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge -angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den -Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten -Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche -mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die -herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen -Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie -vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die -Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu, -daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma -wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen. -Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach: - -»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf -stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif. - -»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu -Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.« - -Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und -fragte: - -»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?« - -»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße -an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen -und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun -die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine -Hand zum Kuß reichte. - -»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich – - -»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften -die Mädchen das Zimmer verlassen. - -Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen: - -»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall -verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?« - -»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der -Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit -begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh -genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein -kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer -gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften -aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie -freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.« - -»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier -Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie -zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und -Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem -Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?« - -»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann -brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit -in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder -alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen -hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum -Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen -der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und -grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich: - -»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern -Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und -winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu. - -»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd. - -»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht -da ist, so kann es uns niemand verbieten.« - -»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.« - -»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße, -»du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich -eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte -aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren -Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg -sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und -gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte, -es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz -und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma -wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann, -ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom -Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie: - -»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber -gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger -schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei -aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte -kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma -schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig -wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe. - -Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger -Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß hinein. Mit -kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die Stelle erreichte, -an welcher das verschwundene Kind soeben wieder sichtbar wurde, dann -ergriff er es mit sicherer Hand und hob es in den schwankenden Kahn, -bevor er sich selbst hinein schwang. - -[Illustration] - -»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,« sagte er -aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem er die Ruder ergriff -und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete neben der wie leblos daliegenden -Freundin am Boden. - -»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche -Gesichtchen betrachtend. - -»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, »aber sie muß -so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß keine Erkältung -nachfolgt.« - -»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst Papa -erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?« - -»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das Fräulein zu -meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob nachdenklich. - -»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« rief Alma -befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es eigentlich nicht um -sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem Hochmut behandelte und -ihm kaum einen Gruß schenkte. Er war aber ein guter Bursche und hatte -das alles im Augenblick vergessen. - -Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen in das alte -Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche früher Almas Amme -gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig aufnahm und sich sogleich -damit beschäftigte, Aennchen aus den nassen Kleidern und ins Bett zu -bringen, wo diese in der Wärme bald die Augen wieder aufschlug und -behauptete, sich ganz wohl zu fühlen. - -Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der -Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen -Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären -konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen -prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug, -und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend. -Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in -dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen -und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis -um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und -schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie -geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen -befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie -sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für -die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der -verunglückten Kahnpartie verraten. - -»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?« -bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig -nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte -nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie -es doch. - -Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre -Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen -Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes -Daheim und sprach leise vor sich hin: - -»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir -tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.« - -Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts -von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über -den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach -Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen, -denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit -gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis -sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen. - -[Illustration] - - - - -Siebentes Kapitel. - -Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer. - - -Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem -Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit -seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der -Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen -Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie -in der großen Prüfung gut bestanden hatte. - -Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als -die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern -im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten -auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher -Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und -Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. -An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen -und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen -würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich -gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage -des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war -sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem -ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, -in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte. - -»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich -gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit -Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen, -wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.« - -Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte -plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort -auf des Herrn Kommissars Rede: - -»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.« - -Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über -ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen, -daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran -gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr -Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter -und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen -dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen -Gelehrten getrunken wurde. - -Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr -schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr -mit vorrücken durfte. - -Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich; -er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn -Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den -Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen. - -Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt: -nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte, -mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen. -Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der -Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, -ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren -Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen -die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die -Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze. - -Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle -des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern -sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist -leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als -eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer -Tagesausflug veranstaltet werden. - -Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der -Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen; -als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt. - -Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte -den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles -Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so -lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen -anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges -Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für -solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber -klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf -durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide -zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es -gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie -alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer -zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt, -Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte -ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem -tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei -dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie -habe keine Lust, sich damit zu belasten. - -Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die -Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und -ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät, -den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte -längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über -Stock und Stein davon. - -Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen -Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch -Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren -schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte. -Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von -Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im -weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz -sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in -einem zierlichen Täschchen bei sich trug. - -»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen -Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu -genommen – da werden wir wohl reichen!« - -Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie -war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den -Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese -aber tröstete sie: - -»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein -lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht -nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.« - -»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten -miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück. -»Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in -einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir -ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!« - -Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen -das schöne Wanderlied zu singen: - - »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus – - Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus – - Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, - So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. - - – Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’! - Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht – - Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert, - Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!« - -Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die -herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße -und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am -liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt -hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch -besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen -an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas -Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.« - -Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie -seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu -ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der -Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, -bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man -es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine -Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber -kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude -an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend -vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu -glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden -träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen -gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen -und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber -nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus -nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte. - -Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber -tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr -durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann -euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte -von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner -Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er -mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang -herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll -von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz -vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen -Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben, -in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein -Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke -in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat -die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer -entgegen. - -»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich -Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig -hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.« - -»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die -Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins -dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und -Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. -So brauchen sie sich nur zu wählen.« - -»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller -an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das -ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.« - -Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während -sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden -Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und -Aennchen kam und frug: - -»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd: - -»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher -Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen -können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich -wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für -einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.« - -Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf. - -»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie -verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn -das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden -können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?« - -Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah -nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte -in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre -Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer -Miene befahl: - -»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot – -ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.« - -Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und -danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen, -saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht -gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst -verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte, -und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem -Mahle. - -Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich -bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure -Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den -letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale -furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an. -Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei -Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig -um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl, -welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er -freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und -er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht -wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit -den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte. - -[Illustration] - -»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das -schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich -kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.« - -Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl -genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen -Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu -erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag -vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen -Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie -abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede -weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die -beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte -er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl -neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem -Walde antraten. - -Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen -währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über -ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen -Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen -verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, -daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch -aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern -gegangen waren. - -»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen -ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die -Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß -Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten, -wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen -für so junge Fräuleins.« - -»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus -der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte -sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen -der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch -herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon -glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie -gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen -sind.« - -Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte -sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen -die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der -freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße -entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen -aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen -Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald -hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben -entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich -auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier! - -Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig -herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige -zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch -und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter -Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von -Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen -rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue -Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches -Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor -Entzücken. - -Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem -erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja -zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten -dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden -Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar -reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen. -Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der -köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich -zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß -sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den -Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit -sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach -den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche -Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so -tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher -Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den -Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes -Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum -hindurchzuwinden vermochten. - -Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion -Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre -nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche -die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, -die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so -beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber -Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe -steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man -sich auf einer Anhöhe befand. - -»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich -werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden -und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon -wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.« - -»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich -dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es -ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.« - -»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte -Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.« - -»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte -Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch -aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um -uns würde.« - -Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und -dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen -atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß -sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten, -es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder -erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten. - -Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie -es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor -ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters. -Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten -dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch -jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile -vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den -Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte -sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele -Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand -die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der -ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter -voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu -ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben -schossen tief am Boden hin. - -Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle, -durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge, -aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle -entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden, -wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen, -selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt -und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf -zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben -und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen. - -Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer -in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich -klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich -erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma -darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich -befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als -sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche -wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken! - -Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der -fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher -See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen -Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen -Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war -so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen -begann: - - »Auf die Höhen möcht ich steigen - In die freie Bergesluft - Und den Blick herniederneigen - In das Thal, erfüllt von Duft, - Auf die friedlich stillen Hütten, - Auf des Stromes Silberband, - Und dann rufen laut inmitten: - Schön bist du, mein Vaterland!« - -»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich -dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche -pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie -unheimlich das aussieht.« - -»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch rasch -erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche -sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In -kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen -überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde -hinzufegen. - -Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und -schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört -und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer -Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich -her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl -geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier -in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht -verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn -die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie -mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem -Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der -Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann -plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle -Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren -keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern -vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden -verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem -Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines -wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die -kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners, -das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen -blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen -eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die -fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor -Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander. - -Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der -Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder -so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen -wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm -wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten -vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu -Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen -Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers -hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun -langsam rieselnd zu Boden sickerten. - -Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus -ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des -Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und -nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem -Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle -beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr -ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine -lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger -verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne -hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette -schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die -Erde auszubreiten. - -Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma -Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung, -auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine -blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene -Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem -Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein, -droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis -tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre -in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner -schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den -allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war. - -An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank -hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch -lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand -daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet, -eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als -seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein -kunstvolles silbernes Kruzifix herab. - -Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum -und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten -sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig -Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie -vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet, -da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger -damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon -ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in -der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch -Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden, -die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager -erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie -entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland -hinüber. – – - -Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen -haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit -goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das -Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen -Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar -nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang -sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis -vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete. -Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den -Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der -braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick -bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde -Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte -Stimme des fremden Mannes frug: - -»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest -gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht -zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?« - -Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze -Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages -stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles -selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber -wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch -Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie -verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige -Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den -Kopf. - -»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt -und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den -Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe -Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst -bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen -nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten -hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen -ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir -doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so -überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas -Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein; -meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.« - -Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und -zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann -ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann -frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da -hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt -und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen: - -»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt, -die uns das Frühstück besorgen soll.« - -Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch -die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande, -wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine -Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis -hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen -wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von -kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her. - -»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche -Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und -rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?« - -Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen -hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen -in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie -führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste -erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund. - -»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen -Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und -warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch, -was du kannst.« - -Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült -hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der -Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum -Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die -Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich -in einem Husch zum Davonlaufen. - -»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind -scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute -nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei -meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf -hinunter zeigen kannst.« - -Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die -aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen -Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten -etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den -köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre -weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche -Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit -darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu -erzählen anfing. - -»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir -in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst -wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an -dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten -und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen, -die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und -hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und -hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor -lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.« - -»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen -in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach, -was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus -vorfand!« - -»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der -Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich -benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist -es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe -macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein -Stückchen begleiten!« - -So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege -voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann -zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den -gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen -von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß -er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause -und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe. -Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets -dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines -Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder -nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen -Kräften bei. - -»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist -so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr -braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten -Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein -wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft: - -»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger -Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!« - -Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße -führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem -er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so -leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen -Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand, -dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und -drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so -rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen -zurief: - -»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig -versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause -komme.« - -Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein -freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem -Finger darauf hinwies: - -»Seht, da bin ich zu Hause!« - -Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit -gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte -Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken: - -»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet -zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich -aber laufen, soviel ich kann.« - -Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht -vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem -Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als -sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so -Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches -mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die -niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu -sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten -sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es -begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd -gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke -gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die -braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um -das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als -sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und -rief munter: - -»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der -Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie -wird euch sicher willkommen heißen.« - -Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und -rief ihr ins Ohr: - -»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der -Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie -mit mir geschickt hat!« - -»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit -dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen -wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der -Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.« - -Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas -zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe -mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr -gerne geladen sein.« - -Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum -von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem -Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein -Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei -große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf -den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch -gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr -Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und -rief: - -»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die -Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn -diese satt sind, kommt an euch die Reihe.« - -Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf, -zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie -fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit -genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur -aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des -Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich -hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an -alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und -Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer -freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um -die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die -Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit -ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom -Tisch auf und rief: - -»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem -Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird -dann schon weiter für euch sorgen.« - -Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen -Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit -gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen -entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der -Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders -aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes -einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis -oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise -überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ -doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor -gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC -aufzusagen – _abcdefghiklmnop_, und die Stimme des Lehrers schallte oft -verweisend laut dazwischen. - -Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein paarmal an. Man -schien sie nicht zu hören, endlich riefen mehrere Stimmen: - -»Herr Lehrer, es klopft!« - -»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der Lehrer. »Ihr -habt nur wieder Dummheiten im Kopf.« - -»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie nur selbst,« gaben -mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der Lehrer das Ohr und öffnete -rasch die Thür. Es war ein alter Mann mit einer langen spitzen Nase, -auf welcher eine große blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt -war, doch wurde sie zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen -rasch bis über die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne -flatterten nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte -Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern -äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister eine lange -Rute, welche nur zu deutliche Spuren der Benützung zeigte und selbst -in friedlichem Zustand von des Herrn Lehrers Faust immer unruhig hin- -und hergeschwenkt wurde. Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister -von Resi berichten, was der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die -zwei Mädchen aus der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt -hätten und daß der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres -Fortkommen sorgen möge. - -»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn Kollegen -gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister mit -näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen durch seine große -Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden. - -»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen von der Spezies -wie der Michel da?« Damit deutete er auf einen heulenden, gegen die -Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote geschwollene Backe leider nur -zu leicht erraten ließ, daß sie vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit -der gefürchteten Rute gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und -bang und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch der -Herr Lehrer sagte nur: - -»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die Stunde zu -Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch sorgen. Nehmet -dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere Plätze sind, und spitzet -wohl eure Oehrlein, was ihr von dem Unterricht vernehmet, denn der -Mensch soll keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich zu belehren.« - -So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte Bank, -während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll lebhafter Neugier -ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den seltenen Gästen, sie -verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis der Herr Lehrer mit -einem Stock auf den Tisch schlug und rief: »Aufgepaßt, ihr neugierigen -Rangen. Nun zeigt einmal, was ihr alles wißt, damit die fremden -Mägdlein aus der Stadt Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten -sie doch nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten -sich unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite -der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen inne – -die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein paar trugen -hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der blonde Michel in -der Ecke prangte sogar in einem braunen Samtwams und trug blanke -Silberstücke als Knöpfe daran. Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen -wollte vor seinen fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so -sprang er mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und -die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht zu -unterstützen. - -»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener -Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte den Lehrer ratlos -an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: »Sag’ mir doch ein, -Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« doch da fuhr schon die Rute -flink dazwischen und Hansjörg, der nur die Hälfte verstanden hatte, -stotterte unsicher: »A– A– – A– –« - -»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf nicht einmal mehr -den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer im hellen Zorn – »zur -Strafe dafür sollst du aber heute deine zwei Schiefertafeln voll »Adam« -schreiben und damit du es nicht wieder vergißt, will ich dir für alle -Fälle noch einen Gedenkzettel geben.« - -Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut -aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der -Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel -und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter, -welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider -auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister -den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz -erschöpft innehalten mußte. - -»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer -Junge und sprang von seiner Bank auf. - -»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende -mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’ -der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen -geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres -Aergernis entstehe.« - -Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke -zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen -das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer -kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die -Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die -fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend: - -»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die -sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.« - -Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man -hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander -und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas -ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach: - -»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer -bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.« - -Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr -Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren. -Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt -auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt -auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern -schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte -zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien, -Nachricht zu geben. - -Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz -atemlos zurückgelaufen: - -»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt, -den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der -kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich -versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand -gedrückt. - -»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen -in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen -im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte -die Mädchen im pfeilschnellen Lauf. - -Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen -gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere -Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die -Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide -hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen -Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen -hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen -von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden, -nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese -längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so -brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses -Gewissen. - -»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten -sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da -fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll -Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon -die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger -Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und -soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem -Perron. - -»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat -wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte -sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden -und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen -gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß -du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch -ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche -Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal -seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn -von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen -war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte. -So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger -schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten, -aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts -durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man -ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die -ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien. - -Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und -Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte, -und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes -Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der -kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch -schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel -ein Briefchen zusammen zu schreiben.« - -Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja -selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi -und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die -kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige -nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes -Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte -Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die -fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen. - -Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch -gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und -Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja -schon ganz gesprungen gewesen. - -Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen -ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben -und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit -verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute -doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete: - - »Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut mir - bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht, - wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich - immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei - und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut - aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl, - das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der - Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein - tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber was - ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn - der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für - die große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben. - Ich hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große - Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da - steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du - darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s - dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen - gefunden hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin - aus dem Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön - erzählt, und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote - Röckle und Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und - alles hat mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie - eine leibhaftige Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und - die weiß doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück - und eine Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und - Zichorie gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie - hat gesagt: »Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht - so viel Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies - doch meine größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß - mir’s im Leben noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’ - aber gleich ein großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen - so dick, daß der Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der - Kaiser selbst noch keinen getrunken hat.« Und sie hat auch - wirklich so einen gekocht und dann hab’ ich auch ein Schälchen - und eine Brezel bekommen und unsere Kätzchen mit den schönen - Halsbändchen sind um uns herumgesprungen, auch die Geiß hat - mit ihrem neuen Glöckle zur Thür hereingeguckt und vor eitler - Freude gemeckert. Dann bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen - und hab’ dem Einsiedel das schöne Gebetbuch und den Krug und - Eure Briefe gebracht; dem sind die hellen Thränen vor Freude - herunter gerollt und er hat gar nicht gewußt, über was er - sich am meisten freuen sollt’. Aus dem schönen Krug haben - wir gleich zusammen getrunken, und da hat’s noch tausendmal - besser geschmeckt als aus dem alten; dann hat der Einsiedel - das neue Buch mit dem schönen Einband genommen und mir Gebete - daraus vorgelesen, daß mir’s ganz andächtig geworden ist, und - dann haben wir zusammen ausgemacht, daß ich euch einen Brief - schreiben sollte, und hier ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht - übel, daran ist nur die Tinte schuld, auf die Schiefertafel - mach’ ich keine. Also adieu, liebe Stadtfräuleins, habt - nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt und Großmutter grüßt - und ich grüße. - - Eure _Resi_. - - Nachschrift. Der Herr Lehrer hat mir auch einen Gruß - aufgetragen und sogar der Herr Pfarrer – das ist eine hohe - Ehr’, die euch widerfährt, und ich wag’s kaum niederzuschreiben. - - * * * * * - - Einen Strohhut haben wir auch gefunden, aber er ist ganz - zerdrückt, und ich hielt ihn für eine Düte.« – – – - - * * * * * - -So lautete der Brief der kleinen Resi, welchen Alma und Aennchen mit -großer Freude immer wieder lasen, und der Schulspaziergang mit all -seinen Abenteuern bildete noch lange Zeit ihr liebstes Gesprächsthema, -denn alles, was sie da erlebt hatten, entschwand ihrem Gedächtnis nicht -wieder und noch gar oft weilten sie im Geiste bei dem lieben alten -Einsiedel und der braunen Resi in der kleinen Hütte. - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel. - -Schlimme Freundschaft. - - -Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten sich fröhlich -daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen hatte bereits ihren Hut vom -Nagel genommen und nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie -beiseite und flüsterte ihr ins Ohr: - -»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch einige -Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es merkt.« - -Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese mit Sarah -Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene im Garten in -beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig wie immer, wenn -es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, ging sie auf Sarah zu, welche -sich soeben zum Fortgehen anschickte, und bat sie um die Gefälligkeit, -ihr ein Rechenexempel, welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal -zu erklären. Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn -nichts schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die -Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich -unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, während sie Aennchen -aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich zu machen versuchte. Die -andern Mädchen verließen unterdessen alle nach einander die Schule; -nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, hinter ihr und machte sich hinter -deren Rücken zu schaffen. Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu -Ende, wandte sich und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im -Begriff, ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als -Alma ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot. -Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin an, bald -der verschwindenden Sarah nach. - -Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch -und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte ihr verstohlener -Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier befestigt, von -welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, und auf dem Deckel ihres -Bücherranzens prangte ein rotes Papier, welches mit einem großen -Eselskopf bemalt war. - -»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. »Du kannst doch -unmöglich wollen, daß Sarah so durch die Stadt läuft!« - -»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne ihr eine -solche Demütigung von Herzen.« - -»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche wissen!« rief -Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von Alma abwandte, »es -thut mir wirklich leid, daß ich dir durch meine Gefälligkeit noch die -Sache erleichtert habe.« - -»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief Alma -verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! Aber dann erhältst -du auch niemals mehr einen freundlichen Blick von mir!« - -Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick wenig -erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber die -Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die größte -Beleidigung. So rief sie dann erregt: - -»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich und du -weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.« - -»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn du gefragt -wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma rasch versöhnt, -und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben. - -Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich bösem Gewissen -ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen Mittag über an -die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz, welcher eine -ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte und nun so stolz -und vergnügt von seinen Schulerlebnissen erzählen konnte. - -Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der -ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft -erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden -stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im -Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle -zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte, -ein Zeichen gab und sprach: - -»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter -kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch -einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der -Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder -am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die -Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei -und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos -in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst -entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen -Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder -anzugeben, was sie darüber weiß!« - -Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über -alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte -diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über -flammend rot wurde. - -»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden -Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah, -nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du -unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und -dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende -selbst verübt?« - -»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die -Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges -Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr: - -»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt -du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute -nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah -beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?« - -Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie -gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen: -»Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma -versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren -Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll: - -»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht -– ich kann es nicht sagen!« - -»Wenn ich es aber von dir fordere, so _mußt_ du es gestehen!« rief Herr -Müller, ernstlich böse und entschieden aus. - -Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang; -sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So -unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch -nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin, -welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und -einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern -auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit -bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach -dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes -Geständnis abgelegt habe. - -Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann, -von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich -wenig vernahm. - -Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause -antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach -freundlich ernst: - -»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid -giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine -Verzeihung angedeihen lassen.« - -Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an, -schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst -hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen, -still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten -Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren, -verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das -Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig -die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund -die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher -Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und -streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie -die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah: - -»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch -nicht ganz geschlossen werden!« - -Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen -mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein -sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals -gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über -die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher -gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der -Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit -erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in -dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert -erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange -Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte -Landkarte an der Wand. - -Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre -liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter -Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten, -wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam? - -So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie -eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf, -aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin, -sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine -unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach: - -»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?« - -Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die -Eingetretene an: - -»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?« - -Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern: - -»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben -mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn -gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit -dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur -widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich -bei dir bleibe?« - -Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten -Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen -ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über -welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend -rief: - -»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten -und wie habe ich es um dich verdient?« - -Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen -Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei: - -»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, wenn du mich -auch nicht beachtet hast. Nun darfst du bald zu deinem Mütterchen nach -Hause und der erzählst du dann ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist, -und verschweigst ihr nicht das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder -gut.« - -»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der Sarah den -Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen. - -»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten von uns. Die -meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß auch gethan hat; du -wolltest sie nur nicht verklatschen.« - -»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, indem ihr die -Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr klug sein; aber nun -sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, nachdem ich doch -versprochen hatte, es nicht zu thun?« - -»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« meinte -Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen werden, auch -selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war sehr schlimm von dir, daß -du gegen Herrn Müller so verstockt warst. Nun wollen wir aber nicht -mehr von der Geschichte sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt -soeben und ich führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.« - -»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen tief -gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. »O bitte, stehe mir -noch bei, wenn ich nach Hause komme und Mama die Geschichte erzählen -muß!« - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel. - -Martha. - - -Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen Nachmittag -mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen, und während die kleine Martha, -wie sie gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang -berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und -geschluchzt, daß es ganz elend geworden war. - -So wurde sie denn rasch zu Bett gebracht und hier begann sie zu -fiebern. Der Herr Doktor wurde geholt und erklärte, daß der Scharlach -bei dem Kind im Anzug wäre. Aennchens Eltern erschraken sehr und -ließen ihr krankes Kind aus dem Kinderzimmer in ein abgelegenes Gemach -bringen, damit die Brüder nicht von ihm angesteckt würden. Die Mama -widmete sich Tag und Nacht der Pflege der Kleinen und nur, wenn sie -zu sehr davon erschöpft war, erlaubte sie der alten Kinderfrau, sie -abzulösen. Aennchen lag längere Zeit in heftigem Fieber und wußte -nichts von sich; da phantasierte sie beständig von der Schule und -Alma – am meisten aber beschäftigte sie sich doch mit Martha und kaum -begann sie wieder klaren Sinnes zu werden, da verlangte sie dringend, -das kleine verwachsene Mädchen zu sehen. Es konnte ihr freilich nicht -gestattet werden; die Gefahr der Ansteckung war noch nicht beseitigt, -aber die Mama versprach ihr sobald sie wieder vollständig genesen sei, -würde sie das kleine Mädchen zu ihr herüberbitten. - -Und so war denn endlich einmal ein Tag gekommen, an welchem Aennchen -vollständig fieberfrei und genesen in ihrem Bettchen saß; der Herr -Doktor war soeben fortgegangen, nachdem er erklärt hatte, seine liebe -Patientin sei von nun an als vollständig gesund zu betrachten und -er habe ihr keinen Rat mehr zu erteilen, als sich das Essen recht -schmecken zu lassen. Die Mama hatte Freudenthränen in den Augen, als -sie ihr liebes Kind mit Dank gegen Gott in die Arme schloß, und die -Brüderchen durften alle an ihr Bett kommen und sie begrüßen. Dann -wurden sie wieder davongeführt und es war still im Zimmerchen; da -öffnete sich auf einmal die Thüre und an der Hand von Aennchens Mutter -trat die kleine Martha schüchtern in das Gemach, in den Händen einen -großen Blumenstrauß haltend. - -»Hier hast du denn endlich deine kleine Freundin, welche ein Stündchen -bei dir bleiben darf,« sprach Aennchens Mama lächelnd. »Ihr dürft -aber nicht gar zu lang sprechen und euch gegenseitig nicht aufregen. -Aennchen besonders soll sich ganz ruhig verhalten und sich lieber von -Marthchen erzählen lassen.« - -Damit ließ die gute Mutter die beiden Mädchen allein, welche sich -innig umschlungen hielten. Die kleine Martha setzte sich an Aennchens -Bett und erzählte ihr mit ihrer leisen sanften Stimme alles, was sich -während der langen Wochen, welche Aennchen krank gelegen, zugetragen -hatte. Und Aennchen hörte voll Staunen, daß bereits so lange vergangen -sei seit jenem letzten Schultag; daß unterdessen der Herbst ins Land -gezogen sei und was sich inzwischen in der Schule alles verändert habe. - -Alma von Stolzau sei gar nicht mehr in die Schule gekommen, weil -ihre Mutter eine Reise mit ihr angetreten habe. Der Lehrer habe ihre -Eltern von dem bösen Streich noch in Kenntnis gesetzt, welchen sie am -letzten Tag einer Schülerin gespielt habe, und Herr von Stolzau habe -geantwortet, er würde seine Tochter noch gebührend bestrafen. - -»Die arme Alma!« sagte Aennchen bedauernd; »das wird wohl schlimm -ausgefallen sein, denn ihr Vater ist sehr streng. Aber hat sie mir denn -kein einziges Wörtlein Lebewohl sagen lassen?« - -»O ja, sie sandte in deiner Krankheit wohl Grüße und Blumen an dich, -aber du warst zu krank, davon zu erfahren. Armes Aennchen, nun hast du -deine Freundin verloren!« Martha blickte Aennchen mitleidig an, diese -schlang den Arm um ihren Hals und bat leise: - -»Willst du meine Freundin sein, wenn ich dir nicht zu böse bin?« - -Damit war der Freundschaftsbund geschlossen und nun kamen Stunden -schönsten Genusses für die beiden kleinen Mädchen. Jeden Tag, welchen -Aennchen noch im Zimmer zu verbleiben hatte, brachte Martha einige -Stunden bei Aennchen zu, machte ihre Schulaufgaben bei ihr und war -Aennchen behilflich, das, was sie während der Krankheitszeit versäumt -hatte, unter ihrer Leitung nachzuholen. Und sie verstand es so gut, die -geduldige, gewissenhafte Lehrerin zu spielen, daß Aennchen wirklich -Fortschritte machte und sich bestrebte, dem guten Beispiel, das ihr -geboten war, nachzufolgen. - -Als sie wieder ausgehen konnte, durfte ihr erster Gang zu Martha sein, -um dieser für alles, was sie ihr während der langen Krankheitszeit -erwiesen hatte, zu danken. Mit klopfendem Herzen stieg sie die enge, -dunkle Treppe empor und klingelte an der kleinen Thür des Hausganges. -Trippelnde Schritte näherten sich von innen und Martha selbst öffnete -ihr. Sie sah wie ein kleines Hausmütterchen aus, war in eine große -leinene Schürze gekleidet, welche die ganze schmächtige Gestalt -einhüllte, und ihre schwachen Aermchen schleppten an einem Bündel Holz -und Reisern, welche sie fest an sich gedrückt trug. Bei Aennchens -Anblick flog ein verlegenes Erröten über ihr Gesichtchen: »Du findest -mich sehr beschäftigt,« sagte sie, »ich war eben darüber, ein kleines -Feuerchen in meiner Schwester Zimmer zu machen.« - -»Ist es möglich?« staunte Aennchen. »Du kannst es doch unmöglich -verstehen?« - -»O doch,« versicherte Martha eifrig, »wir haben kein Mädchen und da -wir deswegen alle Geschäfte selbst verrichten müssen, so habe ich -Mütterchen vieles abgelernt, um sie etwas bei der Arbeit unterstützen -zu können. – Aber so komm doch nur herein, damit du die Meinen begrüßen -kannst!« - -Damit führte sie Aennchen in ein kleines, niedriges Zimmer, das -freilich sehr einfach in seiner Einrichtung war, aber doch höchst -behaglich wirkte durch die Sauberkeit und Ordnung, welche überall -herrschte. Die Kommoden und Tische waren mit weißen gehäkelten Deckchen -geziert, blendend weiße Gardinen verhüllten die kleinen Fenster, -an welchen einige Blumenstöcke standen, und in einem Messingbauer -zwitscherte ein gelber Kanarienvogel ein vergnügtes Liedchen. In einer -Ecke des Gemaches stand ein Bett und auf den weißen Kissen lag ein -blasses zartes, junges Mädchen mit großen glänzenden Augen und sanftem, -lieblichem Gesicht. Den Lehnstuhl neben ihrem Bette hatte eine würdige -alte Dame inne, welche sich bei Aennchens Eintritt freundlich erhob und -ihr grüßend entgegenkam. - -»Gott segne dich, mein liebes Kind, und erhalte dich fortan gesund,« -sprach sie, indem sie Aennchen küßte; »wie glücklich wird deine Mama -sein, daß du wieder genesen bist! Könnte doch meine arme Klara auch -wieder gesund werden!« - -Ein trauriger Blick der guten Frau flog zu dem kranken Mädchen im Bett -hinüber; dieses streckte mit einem süßen Lächeln dem schüchternen -Aennchen die abgezehrte Hand entgegen und sprach mit unendlich sanfter -Stimme: - -»Komm doch näher, liebes Aennchen! Du bist mir schon längst aus den -Erzählungen meines Schwesterchens bekannt und vertraut, und ich habe -mich schon so darauf gefreut, dich kennen zu lernen. Nun mußt du dich -auch zu mir setzen und mir recht viel erzählen.« - -Und sie zog Aennchen zärtlich zu sich heran, welches bald alle Scheu -verlor und sich außerordentlich angeheimelt und wohl in dem niedrigen -kleinen Stübchen zu fühlen begann. Das Feuer, welches Martha im Ofen -entzündet hatte, knisterte so behaglich, Martha ging ab und zu, setzte -einen Topf mit Wasser auf und begann draußen in der kleinen Küche -Kaffee zu mahlen, während die Frau Pfarrerin ruhig an ihrer Arbeit, -einer großen Filetdecke, fortfuhr. Aennchen sah mit hellem Staunen -diesem fleißigen Walten in der Stube zu; sie hätte niemals gedacht, -daß ein kleines Mädchen der Mutter schon so an die Hand zu gehen -vermöchte, denn während diese den Kaffee aufgoß, begann Martha den -Tisch aufzudecken, Tassen und den Brotkorb und die Zuckerdose darauf zu -stellen, und als alles fertig war, nahm sie die große Schürze ab und -lud alle freundlich zum Kaffee ein. - -»Du staunst wohl, liebes Kind, was mein fleißiges Hausmütterchen -Martha alles zu arbeiten versteht?« sprach die Frau Pfarrerin zu dem -verblüfften Gast während sie ihm Kaffee einschenkte. »Aber mit gutem -Willen und einiger Geschicklichkeit vermag ein Mädchen selbst in -Kinderjahren schon Tüchtiges zu leisten. Ich könnte ohne meine liebe -kleine Martha gar nicht zurechtkommen; sie ist unser Sonnenstrahl in -trüben Tagen.« Damit küßte sie ihr vor Freude errötendes Kind auf die -Stirn und blickte ihr tief in die großen blauen Augen, fragte aber dann -besorgt: - -»Hast du heimlich geweint mein Kind, weil du einen solch trüben, -umränderten Blick hast?« - -Martha neigte das Köpfchen tief auf die schmale Brust, konnte aber doch -nicht verbergen, daß zwei große Thränen langsam aus ihren Augen über -die Wangen herabrollten. Leise und betrübt murmelte sie: - -»Als ich vorhin über die Straße ging, kreuzten wilde Gassenbuben meinen -Weg und wie ich ihnen ängstlich auswich, riefen sie mir spottend nach: -›Dort läuft die bucklige Martha!‹« - -Das arme verwachsene Kind brach in Thränen aus und auch Aennchen -standen die hellen Thränen in den Augen. Sie umschlang die Freundin -zärtlich mit den Armen und rief: - -»Laß dich doch durch solche rohe Buben nicht kränken! Ich werde dir ein -Märchen erzählen, das mir erst gestern Mama aus einem schönen Buche -vorgelesen hat und das dich am besten trösten mag. – Da war einmal ein -armes, kleines buckliges Mädchen, das traute sich nie bei Tag über die -Straße zu gehen, weil es einen so großen Höcker gleich einem dicken -Kasten auf dem Rücken trug, daß alle bösen Kinder, die es sahen, -seinen Spott mit ihm trieben und es verhöhnten. Weil das arme Kind -aber nie an die Luft kam und seine Eltern zu arme Leute waren, die -ihm keine kräftige Nahrung bieten konnten, wurde es immer blässer und -schmächtiger und eines Tages war es so schwach, daß es sich nicht mehr -aus seinem elenden Bettchen erheben konnte. Es betete zum lieben Gott -um Erlösung, da sandte er einen lichten Engel, welcher zu dem buckligen -Mädchen niederflog und es emporholte in das himmlische Reich. Der -Engel flog mit dem staunenden Kind durch das ganze weite Himmelszelt: -vor der Pforte zum Eingang in die Ewigkeit setzte er es nieder und -Petrus öffnete die Thür und lud es zum Eintreten ein. Aber das kleine -Mädchen zauderte und Thränen rannen ihm die blassen Wänglein herab. -›Ach,‹ schluchzte es, ›ich bin doch nicht wert, zu all den herrlichen -himmlischen Englein eintreten zu dürfen, ich habe ja einen so großen -Buckel.‹ Petrus stand gerührt und des Engels Antlitz erglänzte voll -himmlischer Milde. Sanft berührte er mit seinem goldenen Stab den -häßlichen großen Kasten, welchen das arme Kind Zeit seines Lebens auf -dem Rücken getragen hatte, und siehe – er sprang auf und zwei wunderbar -lichte Engelsflügel schwangen sich daraus hervor. ›Weißt du nun, was du -so lange auf dem Rücken getragen hast?‹ fragte der goldene Engel und -er küßte den neuen kleinen Engel, welcher ganz berauscht von Glück mit -ihm in die himmlischen Gefilde flog. – Dies ist die Geschichte von dem -armen, buckligen Mädchen.« schloß Aennchen ihre Erzählung. - -Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, dann zog Marthas Mutter die -kleine Erzählerin an sich und küßte sie mit bebenden Lippen. - -»Hab Dank für diese liebe Mär,« flüsterte sie und blickte dann ihre -Martha an, welche ganz gehoben dasaß und deren demütiges Gesichtchen -einen beinahe feierlichen Ausdruck zeigte. »Deine kleine Geschichte -wird ihr künftig bei allen weiteren Demütigungen ein Trost sein, den -sie auf ihrem Lebensweg gar wohl gebrauchen kann. Willst du aber nun -auch erfahren durch welchen unglückseligen Fall mein armes Kind zu -diesem Gebrechen kam? Er hängt mit der Krankheit meiner Tochter Klara -eng zusammen.« - -Aennchen nickte aufs höchste gespannt und die Frau Pfarrerin erzählte: - -»Als mein guter Mann noch lebte, da wohnten wir in einem freundlichen -Pfarrhause auf dem Land. Es war ein reizendes Häuschen, das ein -blühender Garten dicht umschloß, aber freilich lag es ziemlich einsam -und abgelegen von allem Verkehr. Uns störte das in unserem Glücke nicht -und unsere Kinder noch weniger; sie waren damals noch klein: meine -Tochter Klara acht Jahre alt, Martchen kaum ein einziges Jahr, und die -köstliche Landluft, in welcher sie aufwuchsen, ließ die beiden gleich -Röslein erblühen. Eines Tages hatten mein Mann und ich einen weiten -Weg in die Stadt zu machen; wir übergaben daher die beiden Kinder der -Wärterin, welche allerdings keine sehr gewissenhafte Person war. Als -wir halbwegs gegangen waren, begegnete uns eine Schar von Zigeunern und -besorgt sprach ich gegen meinen Mann die Befürchtung aus, dieselben -könnten möglicherweise ihren Weg über das Pfarrhaus nehmen. Beinahe -wäre ich umgekehrt, doch schalt ich mich thörichterweise aus wegen -meiner Angst – hätte ich doch meinen Entschluß ausgeführt, ich würde -viel Unglück verhütet haben! – Denn ach, es geschah, wie ich gefürchtet -hatte: die Zigeuner gerieten in die Nähe unseres Pfarrhauses und ein -Weib wurde von der Bande zum Betteln ausgeschickt. Sie fand keinen -einzigen, erwachsenen Menschen im ganzen Hause; die treulose Wärterin -war zum Plaudern ins Dorf gegangen; Klara spielte hinten im Gärtchen -und alles war totenstill. So machte sich die Alte mit gieriger Hand -daran, in dem offenen Wohnzimmer zu stehlen, soviel sie konnte; da fiel -ihr Blick auf eine kleine Wiege, in welcher ein unschuldiges Kindlein -in süßem Schlummer lag. Rasch wie der Blitz hatte sie es ergriffen -und an sich gedrückt, da fühlte sie sich von hinten umfaßt und eine -bebende Kinderstimme rief: »Laß mir mein Schwesterchen, o nimm mein -Schwesterchen nicht davon.« Die Alte suchte das sie umklammernde -Kind von sich abzuschütteln – allein dasselbe hatte sich mit beinahe -übermenschlicher Gewalt an sie gehangen und rief in lauten gellenden -Tönen um Hilfe. Lange dauerte der Kampf zwischen der Frau und der -Kleinen, die mit dem Mut der Löwin um das zarte Schwesterchen kämpfte -obwohl die Alte ihr einige entsetzliche Stöße versetzt hatte: endlich -riß der Zigeunerin die Geduld, als sie von fernher Schritte nahen -hörte; sie warf den kleinen Säugling mitten in die Stube, schleuderte -das Mädchen von sich ab und rannte ins Freie. – Als wir Eltern nach -Hause kamen, fanden wir unsere unglücklichen Kinder zwar gottlob noch -vor, aber beide schwer verletzt von dem furchtbaren Ueberfall. Es -zittert mir das Herz, mehr davon berichten zu sollen; genug, meine -arme Klara trug durch den Schrecken ein langes Siechtum davon und -meiner armen kleinen Martha ward von dem jähen Fall das zarte Rückgrat -gekrümmt. – Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte, mein Kind?« -schloß die Frau Pfarrerin, ihre Augen trocknend, zu Aennchen, »aber -unser Trost ist, daß jedes Leid von Gott kommt, und daß es uns nur so -viel schickt, als unsere Schultern tragen können. Auch uns ist aus -dem Leid hohe Tröstung erwachsen; die Herzen meiner Kinder haben sich -zu Gott gekehrt und sie nehmen dankbar entgegen, was er in seinem -Ratschluß für sie beschlossen hat.« - -Es war Aennchen zu Mut, als wäre sie in einer Kirche, und sie vermochte -kein Wort zu erwidern. Aber die Frau Pfarrerin, welche fürchten mochte, -sie zu sehr aufgeregt zu haben, brachte das Gespräch auf andere Dinge -und forderte Martha auf, Aennchen ihre Spielsachen zu zeigen – »denn,« -sagte sie, »meine Martha soll auch ihre kindlichen Freuden haben gleich -andern Kindern.« - -»Hast du auch ein Spielzimmer, wie wir?« frug Aennchen neugierig. - -»O nein, wie kannst du denken,« lächelte Martha, »wir haben ja nur zwei -Stuben im ganzen, aber dennoch besitze ich eine so schöne Spielecke mit -Puppenstube, daß ich sie mit keiner prächtigeren vertauschen möchte. -Komm nur, ich will sie dir zeigen.« - -Damit führte Martha Aennchen mit geheimnisvoller Miene nach einem -Plätzchen hinter dem Ofen und voll Staunen stand diese davor. Eine -solche Spielecke hatte sie noch nie gesehen! Der große Kachelofen -bildete eine tiefe Nische zwischen der Wand und einem vorstehenden -Tisch, welcher gerade für eine schmale Kindergestalt noch Raum zum -Durchschlüpfen ließ. Und so war die kleine Ecke denn ein höchst -gemütliches lauschiges Winkelchen, welches sich Martha mit unendlicher -Sorgfalt und Mühe und viel Geschicklichkeit zu einem niedlichen -Puppenzimmer umgeschaffen hatte, in dem sie selbst auf einem -niedern Schemelchen auch Platz finden konnte. Ein kleines einfaches -Puppenbettchen, mit weißen Wollvorhängen umzogen, stand in der Ecke, -daneben eine alte Puppenkommode, auf der ein gehäkeltes Deckchen und -allerlei niedliche Kleinigkeiten lagen; dann ein Schränkchen und ein -Puppentisch und Puppenstühlchen, auf dem eine Puppe saß vor einem -aufgeschlagenen Puppenschreibheft und mehreren Büchelchen. Alles war -sehr einfach aber außerordentlich sauber gehalten, dann hatte noch ein -Nähkästchen und ein Korb mit Flickresten seinen Platz dabei. - -Aennchen war ganz entzückt von allem; so gut hatten ihr selbst Almas -Spielsachen nicht gefallen. - -»Hat deine Mama dir alles so gemütlich eingerichtet?« frug sie lebhaft. - -»Bewahre, Aennchen, das habe ich mir alles selbst gemacht,« erwiderte -Martha. »Sieh, meine Mama ist viel zu arm, mir kostbares Spielzeug zu -kaufen, aber sie besaß selbst von ihrer Kinderzeit her noch diese Puppe -und die kleinen Möbel, welche auch meine Schwester Klara zum Spielen -hatte. Als es auf mich übertragen wurde, war alles schon recht alt -und morsch, doch hat ein guter Tischler, den ich darum bat, mir alles -wieder zusammengeleimt und angestrichen. Dann bat ich Mama um etwas -Mull zu einem Bettvorhang und Stoff zu Ueberzügen. Das nähte ich dann -alles selbst und es ist doch sehr hübsch geworden, nicht wahr? Alle -vierzehn Tage halte ich Puppenwäsche, da wird alles gut durchgewaschen, -damit es ordentlich und sauber aussieht.« - -Aennchen glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. »Das hast du -wirklich alles selbst genäht?« fragte sie erstaunt. »Aber doch sicher -nicht die niedlichen Puppenkleider, die hier in dem Schränkchen hängen?« - -»Alle hab ich selbst gemacht,« versicherte Martha stolz. »Meine -Schwester Klara hat sie mir zugeschnitten und ich nähte sie dann in -meinen freien Stunden, selbst das Mäntelchen und die Kapuze. Wenn ich -nur mehr hübsche Fleckreste bekommen könnte; ich hätte dann auch gern -ein paar Staatskleidchen gemacht.« - -Aennchen war beinahe stumm vor Beschämung. Sie erinnerte sich jener -schönen Puppe zu Hause, welche sie unbekleidet zum Geburtstag bekommen -hatte, damit sie aus den hübschen Zeugresten ihr selbst Kleidungsstücke -herstellen sollte; das hatte sie aber nicht gethan, sondern die arme -Puppe lieber die ganze lange Zeit im dünnen Hemdchen im Kasten liegen -lassen, als daß sie selbst die faulen Fingerchen ihretwegen gerührt -hätte. Und dies kleine Mädchen hier, welches schon ohnedies so viel -Anderes zu thun hatte und in der Schule eine Musterschülerin war, hatte -trotzdem Zeit gefunden, seinen Puppenhaushalt in solch musterhafter -Ordnung zu erhalten! - -»Ich habe auch eine schöne Puppe daheim, welche der Kleidchen bedarf,« -sagte Aennchen jetzt beinahe schüchtern, »würdest du so freundlich -sein, mir zu zeigen, wie man dieselben anfertigt? Meine Mama hat mir -die reizendsten Stoffe zu Kleidchen gegeben.« - -»O, das ist ja herrlich,« rief Martha freudig aus. »Da wollen wir -tüchtig zusammen schneidern; du wirst sehen, welch großes Vergnügen es -gewährt, etwas Hübsches zu stande zu bringen, und ich bin immer ganz -stolz, wenn mein Kind neu und schön gekleidet ist. Bringe deine Puppe -nur recht bald zu mir herüber; wenn ich eine freie Stunde habe, dann -wollen wir recht fleißig zusammen sein. Nun mußt du aber auch noch die -Schulbücher meiner Lilly sehen.« - -Damit öffnete sie ein kleines Schubfach, in welchem eine Anzahl der -niedlichsten Heftchen lagen, alle selbst zugeschnitten und genäht, -liniert und mit sauberer, sorgfältiger Schrift beschrieben, selbst ein -kleines Zeichenheft, zur Hälfte mit Zeichnungen bedeckt, war dabei -und eine kleine Schiefertafel mit Schwämmchen. So etwas Niedliches -hatte Aennchen wirklich noch nicht gesehen und begierig ließ sie sich -von Martha berichten, in welcher Art sie mit der Puppe immer die -Lehrstunde halte und wie diese alles, was Martha selbst in der Schule -gelernt, dann auch in ihre kleinen Hefte eintragen müsse. Bei dieser -Gelegenheit prägte sich Martha dann spielend alles doppelt leicht -ein. Welche Freude hatte Aennchen, als die kleine Lehrmeisterin sie -aufforderte, sich auch künftig an dem Spiel zu beteiligen, und als sie -dann endlich nach Hause zurückkehrte, da war ihr kleines Herz so voll -von allen neuen Eindrücken, daß sie es gar nicht erwarten konnte, ihrer -Mama alles zu berichten. Diese lauschte erfreut den Erzählungen ihres -Töchterleins und sagte dann: - -»Ich bin sehr zufrieden, liebes Kind, wenn du dir ein so vortreffliches -Mädchen, wie die arme kleine Martha es ist, zur Freundin auswählst. -Du kannst dir an ihrem Fleiß, ihrem Gehorsam und ihrer Pflichttreue -nur ein gutes Beispiel nehmen und dies wird von unendlichem Nutzen für -dich sein. ›Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du -bist,‹ ist ein nur zu wahres Sprichwort. Ein guter Freund vermag den -ganzen Charakter des andern zu veredeln und seinen Anschauungen eine -bessere Richtung zu geben. Dir mein kleines flatterhaftes Aennchen, -wäre dies von ganz besonderem Nutzen, denn durch die Freundschaft, -welche du so lange mit Alma von Stolzau gepflegt hast, hatten deine -Neigungen zum Leichtsinn und Uebermut sich sehr verschlimmert; so -danke ich Gott, wenn du nun auf andere Wege geführt wirst, und werde -glücklich sein, aus meinem Töchterlein ein recht braves artiges Mädchen -werden zu sehen.« - -Und wirklich, die Freundschaft Aennchens zu der armen Martha trug -bald so überraschende Früchte, daß Eltern und Lehrer voller Staunen -die Umwandlung mit ansahen, welche mit dem früher so flatterhaften -Mädchen vorging. Aennchen bemühte sich, in der Schule eine ebenso -fleißige und aufmerksame Schülerin zu sein, wie ihre Freundin; sie -gab in den Unterrichtsstunden genau auf die Worte des Lehrers acht, -vermied es, mit ihren Nachbarinnen heimlich zu flüstern oder unter -dem Tisch sich mit Spielereien zu beschäftigen, wie sie es, zu ihrer -Schande müssen wir es gestehen, leider früher nicht selten versucht -hatte. Ihre Bücher und Hefte hielt sie von nun an sauberer als vorher, -denn das war wirklich höchst notwendig, wollte sie die Geduld ihrer -Lehrer nicht aufs äußerste erschöpfen. Hatte sie doch einmal ein ganzes -Rechenbuch derartig mit Kritzeleien und kleinen Bildern vollgezeichnet, -daß es völlig unbrauchbar geworden war und sie dafür tüchtig bestraft -werden mußte. Ihre Hausaufgaben fertigte Aennchen nur immer mit Martha -zugleich. - -Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches früher das -»Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer und artiger geworden -waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen geschaffen, in welchem ein -großer Schreibtisch und ein Büchergestell mit mehreren Stühlen alles -boten, was man zum Arbeiten nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit -durch andere Dinge abzuziehen. Hier saßen nun täglich nach der Schule -Martha und Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt -hatten, und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus, -welche die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht -mehr allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten -schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht -nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren und noch -verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze wurden geübt, das -war den Mädchen die liebste Beschäftigung und sie arbeiteten dieselben -leicht und zufriedenstellend, so daß sie meist gute Noten davontrugen. - -Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha nach Hause zu -ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; hatte dieselbe aber -keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen vor und bedurfte -die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft nicht, dann wurde ihr -erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen. - -Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon hatte Aennchen -mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen für Puppen -abgelernt und bereits besaß ihre früher so vernachlässigte Puppe eine -vollständige Garderobe, welche vom hübschesten Sonntagskleidchen bis -zum einfachsten Hausanzug äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt -war. Wenn die Weihnachtszeit aber herankam, dann begnügten sich die -fleißigen Mädchen, nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte -Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden dann abends -bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden reizend gekleidet -und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend eine Anzahl armer Kinder -erfreuen konnten. - -So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha für Aennchen -wirklich die köstlichsten Früchte getragen. - -[Illustration] - - - - -Zehntes Kapitel. - -Ein Brief Almas an Aennchen. - - -Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen -ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört -hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach -Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und -habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz -plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche -Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße -gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr -längst vergessen. - -Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger -einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum -glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit -hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender -Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten -Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu -oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges -Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von -Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch -nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als -sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen -Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen -Kinderschrift geschrieben war: - - Venedig. - - _Mein liebes Aennchen!_ - - Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe, - weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei - meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm. - Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und - hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich - so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte. - Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern, - in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann - sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat - die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil - immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum - bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich - nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu - meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun - keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute - war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen; - sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich - lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich - fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz - verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand, - niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen - und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als - mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da - floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu - mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war. - - Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß - dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig - anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und - krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem - großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige - Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin - fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses - und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der - Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder - allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in - französischen Romanen las. - - Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas - eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen, - da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!« - rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre - hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich - um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern - tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem - Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer - herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich - wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten; - als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten - Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren - konnte. - - Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze - Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten - wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe, - bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In - dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß - ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe - Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel - mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein - leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich - mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama - zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war, - meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre - ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur - noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen. - - Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung - hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im - Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den - Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster - emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe - lange Ohnmacht kam über mich. – - - Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen - öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war. - Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit - einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände - in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog - ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief: - - »Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte - mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich - wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und - leise stammelte ich: - - »Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein - inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung - gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter - weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz - für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt - gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie - lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um - mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause - geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre - erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe - sein Kind aus den Flammen rettete. - - »Wo ist Mademoiselle?« frug ich. - - »Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater - stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen - konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende - Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter - willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?« - - Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen - Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit - seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine - Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt, - das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute - erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige - Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar. - Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb - schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir: - - »Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die - Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet, - darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer, - elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen - ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun - mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen - tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir, - Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.« - - Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes - Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder - und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge - und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß - und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so - lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat - eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche - so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und - ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein - wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte - gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile - ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz - überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt. - - Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig - von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so - lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare - mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt. - – Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht, - die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den - Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum, - und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe - begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant - für uns sind. - - Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher - einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag - und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer, - welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich - nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit - ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch - zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht - und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein - glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen - Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört - er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen - tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom - Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte - sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles - Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende - Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji - und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die - erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder - aufgedeckt. - - Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen - dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem - Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen - hinabgeschaut. - - Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige - Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche - wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste - sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander - verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man - über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in - denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß - es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser - zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der - Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche - steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine - unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und - sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen - und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend? - - Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen, - daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe - auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und - mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert, - sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende - dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit - du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund - des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie - finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich - habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht - herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr - wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns - wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu, - liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine - treue Freundin - - _Alma von Stolzau_. - -Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen -und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen. -Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie -erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre -Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben -großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die -goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber -sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher -nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen -Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen, -schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß -das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz -und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu -Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen. - -Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu -beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten -hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur -sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich -auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie -anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von -ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und -anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was -um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte. - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel. - -Tagebuchblätter. - - -Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar neuerdings -angefangen, kleine Tagebücher zu führen, seitdem es ihnen ein Leichtes -war, die Feder zu führen und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft -zu geben. Bald war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles, -was sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern -festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier einen kleinen -Einblick in einige dieser Blätter gestatten. - - -Aus Aennchens Tagebuch. - -Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die -Erinnerung für mein Leben festhalten möchte. - -Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr -in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am -Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht, -er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht, -auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor -Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl -führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die -kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn -das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und -ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht. -Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa -befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten. -Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht -mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten -Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen -Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken -vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette -nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte. -Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte, -wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter, -darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte -er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder -nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der -ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine -Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen -ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem -rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah. - -So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm, -welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer -lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein -ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen -Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und -auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns -auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht -davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für -den ganzen langen Tag aufsparen. - -Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen -Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches -Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten -vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte -dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes -und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt -in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen -eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen -hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen -und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber -Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und -meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.« - -Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt -aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette -freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar -nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein -passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir -sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen, -in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht -folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun -sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen -Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären -müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger -aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht: -»Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?« - -Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz so erbaut war -wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus auf der Etagere stehen -haben. Es mußte ganz nagelneu sein: die Wände glänzten von dem hellen -Holz und waren mit vielen Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen -rings um das Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das -schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches wehte eine -Fahne lustig im Wind. - -»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen ganz -entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt. - -»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. »Wir sind ja bald -oben.« Und wirklich standen wir nun alle vor dem Häuschen, dessen -Thüre gastlich geöffnet war, aber niemand zeigte sich, uns zu begrüßen. - -»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr dürft es ohne -Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir dem Befehl. Anfangs -getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen Stuben aufzutreten, da -die Dielen so schneeweiß waren. Ein Zimmerchen war freundlicher und -niedlicher als das andere, Tische und Stühle, alles war nagelneu, die -Wände reizend verziert, die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein, -es war wie in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand -zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe das -Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten und erst -zaghaft, dann immer lauter und herzhafter riefen: »Hausfrau, wo ist -denn die Hausfrau?« - -Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten wieder -umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand in Hand vor der -Thür erwarteten, und riefen: - -»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist nicht da!« - -»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er den Arm um -unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama heute zum Hochzeitstag -dies Häuschen als Gabe beschert und ihr dürft auch als kleine Herren -darin mit uns schalten und walten. Jeden Sonntag in der schönen -Jahreszeit und jede Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen -zubringen, das euch hoffentlich allen gut gefällt.« - -Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu himmlisch -schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, wir wußten uns vor -Freude kaum zu fassen und wurden nicht müde, jeden Winkel des Hauses -zu durchstöbern und alles zu bewundern. Als wir in die niedliche, -nagelneue Küche traten, stand schon unsere Lisette voll Stolz darin; -sie hatte auf dem blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und -faltete nun betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die -Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte sie aus -dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann im Eßzimmer den Tisch -für das Mahl herzurichten. - -Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. Da wartete unser -neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, noch unbepflanzter Platz -war in vier gleiche Teile geteilt, an jedem stand ein Stecken in die -Höhe, welcher eine Tafel mit Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und -Willy! Papa hatte jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen -zuteilen lassen; der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen -eine Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem Stalle -hörten wir meckern. - -»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, welche -zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber sonst noch keinen -sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten ihn bei den Hörnern fassen, -Ziegenböckchen aber ließ nicht mit sich spaßen, und ehe Hermännchen -sich’s versah, lag es umgeworfen in der weichen Streu auf dem Boden. - -»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte der kleine -Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das weiße Kleidchen hatte -anziehen lassen. Währenddem hatte aber Fritz eine neue Entdeckung -gemacht – einen zweiten Stall, in welchem eine glänzende, braune -Kuh sich befand, daneben ein Milchkämmerchen. Darin war ein langer -Holztisch, auf welchem eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher -Milch gefüllt, standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in -dem schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein junges -Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und weißer Schürze trat -herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd hier gedungen, und -ob wir die Butter verkosten wollten, die sie heute morgen ausgebuttert -habe. - -»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« frug ich -erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter wächst ja!« -Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit dem Fuße und rief -weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und die Eier – der Fritz hat’s -gesagt.« - -»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser wurde ganz -verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele hieß, zeigte uns, wie -die Butter aus der Milch hergestellt wird und wie lang die Milch im -Butterfaß gedreht werden muß, bis sie endlich zu schöner, goldklarer -Butter geworden ist. Das war wirklich höchst erstaunlich – wir konnten -uns nicht genug verwundern. - -»Wollt ihr auch sehen, wo die Eier zu finden sind?« frug Bärbele -und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, der in -einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier für ein Gegluck und -Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, bunte Hennen, große Hähne, -kleine Hähne, niedliche Puttchen, Perlhühner und, o Wunder, sogar ein -großer, prächtiger Pfau spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten -auf und duckten sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort -nicht verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften -wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar auf die -Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. Nur Willy hatte -anfangs beinahe Angst und meinte: »sie wollen mich fressen!« - -Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War das ein -Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar Hermännchen -entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer bringen wollte, -stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine Händchen ganz gelb -und klebrig wurden, und als er sich weinend damit ins Gesicht fuhr, da -wurde auch dieses voll gelber Flecken. - -Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief zu Tisch. Und -nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie in unserem Leben hatte -es uns so gut gemundet! Papa und Mama sahen ganz glückselig aus und -waren so gütig und liebreich mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren. -Zuletzt bekam jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde -hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa sagte, sie -dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der Kinder jemand leben -lassen. Lisette wischte sich erst mit der Schürze über den Mund und sah -ganz kirschrot vor Verlegenheit aus, dann räusperte sie sich und sagte: - -»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger Herr, -gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, aber ich bin ein -armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. An die Kinderlein muß ich -halt denken, wie die in dem schönen Hause aufblühen werden, und ich -wünsch’, es soll halt jedes von ihnen so gut und so brav und so lieb -und treu werden wie ihr Papa und ihre Mama.« - -»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette die Hand, und -auch Mama schien ganz gerührt. - -Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl auf, stieß an das -Glas und rief: - -»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört und war stolz -darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, daß niemand weiß, wer von -uns der Fröhlichste ist. Aber ich weiß, wer heute der Allerbeste ist, -und das ist der liebe, gute, goldige Papa, der uns ein so wundervolles -Vergnügen gemacht hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem -köstlichen Wein hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!« - -Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! Nun aber sollte -ich sprechen und das machte mich so verlegen, daß meine Stimme ganz -zitterte, als ich stotternd begann: - -»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – liebe Mama, lieber -Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu einem Geburtstag, lieber -Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« ich wußte gar nicht mehr -weiter, d’rum schwenkte ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße, -goldige Mama lebe hoch!« - -Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte meine Sache -sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen Brüder noch besser, -denn Willy rief ganz keck: - -»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen: - -»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der Ziegenbock nicht; -der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!« - -Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb brachen sie -rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer gebracht; -wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, aber kaum lagen wir auf -den weichen Betten, so sanken wir alle in tiefen Schlaf. Leider -verschliefen wir eine lange Zeit des schönen Nachmittags, dann aber -konnten wir doppelt erfrischt in den Garten springen und uns dem -Vergnügen hingeben, bis am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg -wieder angetreten werden mußte. - -Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen nicht, sie -hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die Säcke hineinfielen und -darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam auch sehr müde zu Hause an -und hatte nur noch Zeit zu beten: - -»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, schönen Tag.« – -Da fielen mir auch schon die Augen zu. – – - -[Illustration] - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Aus Marthas Tagebuch. - - -Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am -verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im -Gedächtnis bleiben wird. - -Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als -an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern, -wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel -plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für -die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut -Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn -auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen -geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand -und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester -Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich -jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf -ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll: - -»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!« -daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter -setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während -ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden -Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe. - -Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu -Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so -wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer -sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text: -»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will -euch erquicken.« - -Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle -die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen -wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt -und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen -glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen -behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig -vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie -unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen -Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost -bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen -hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens -geben.« - -Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm, -wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand -und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling -zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste -weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst -teilnehmen. - -Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen -kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen -aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner -kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine -ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich -sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte -Zeit einzuholen, nach Hause. - -Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere -laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete -ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter -Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes -kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war -vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der -Hand; da rief Mutter: - -»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen -ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit -seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr -am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.« - -»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand -entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an -und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß -ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte -mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte -gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache -nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink, -draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch -da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser -Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden -hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges -Nötige herbei. - -So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich -gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es -freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so -spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei -unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch -mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die -fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so -auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr -nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war -unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir -später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen -müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da -that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine -Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte -sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt -hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.« - -»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da -habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt -bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der -langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den -fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben -in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei -Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften -geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis- -und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits -dadurch ein reicher Mann geworden. - -»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos. - -»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den -Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen -gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen. -Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine -erbitterte Rothaut schlug.« - -Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns -eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog. -Mutter schauderte und rief ängstlich: - -»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf -und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten -Heimat zu verleben?« - -»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier. -Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich -aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin -für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre -sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht -in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit -allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft -sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin -einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein -deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.« - -Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber -saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe -still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O -nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme: - -»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte -Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst -auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich -mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf -die Uhr und meinte: - -»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich -dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter -von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen -bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor -ich abreise.« - -»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen -nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm. -»Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich -kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen -vermöchte.« - -»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel -kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische -Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter -hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll -suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch -ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand -drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach: - -[Illustration] - -»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt -wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir -noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach, -bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich -wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat -man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?« - -»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner -armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog, -dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens -und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am -Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte -und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir -zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück -auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft -Schweres auferlegt, gern dankbar sein. - -[Illustration] - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Marthas Hausgarten. Der arme Hansi. - - -Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche -Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung -erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer -Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von -deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden -Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas -herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen -ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf -demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte -ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie -Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus -gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen -konnte. - -Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach -ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen -und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die -Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als -diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein -Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen -mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an -besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun -konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben -Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte -hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche -darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen -und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens -Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen -hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt; -es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog, -Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter -ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie -aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war -wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben -über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen -Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare -Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies -alles hervorgebracht hatte. - -Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha -in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des -schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben, -wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren -Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja -schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem -hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen -hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so -lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe -noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens -größtes Entzücken bildete. - -Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von -ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot -ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie -ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich -und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich -nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein -aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten -Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während -der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die -hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen, -befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen -Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald -gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten -Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um -den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um -eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft -friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin -austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die -unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten, -und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha -beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches -Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da -vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur -Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen -kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand -desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das -kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen -Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach. - -Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah -den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht -heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit -dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht -ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als -dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er -ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen -kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und -brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach -dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die -Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben -Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort -gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war -sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber -bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches -so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ. -Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die -Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte -sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten -aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen, -schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich -dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach -dem verunglückten Jungen sehen würden. - -Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte -Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran, -das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen, -da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder -und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel -auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte -bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte -der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun -fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam, -als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude -klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür -und weidete sich an dem hübschen Schauspiel. - -Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug -zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie -das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die -Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben. -Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und -Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen -machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit -gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten. - -Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall -und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus, -aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm -herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier -vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft -erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der -Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha -geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne -zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn -sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu -niedlich. - -Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi -war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson -geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer -von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der -wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und -possierlich war, gefiel er jedermann. - -Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von -seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha -Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig, -zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und -trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich -ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben -in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch -wenigstens wieder Ruhe. - -Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache -beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen -warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus, -denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben. - -Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz; -da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend -ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und -Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war -ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem -Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um -durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner -Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod. - -Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die -Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche -hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein -paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die -ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber -vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied -beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe, -denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art, -mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen -pflegen. - -Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche -mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese -tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut -klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten -Schwarm der großen Vogelkörper. – – - -Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner -kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und -Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen -konnte. - -Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden -Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr -zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen. - -Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den -armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen -durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den -er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine -Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen -kann, und darauf baute er seinen bösen Plan. - -Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er -über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise -einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß -sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als -er gekommen war. - -Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte, -ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief, -damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen -sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie -erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit -verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl -schon ein paar Stunden so gelegen haben. - -Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen -unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel -Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war. - -Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine -Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren -liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten -heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten -wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die -Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von -ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit -goldenen Buchstaben: - -»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche -wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der -Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen -Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich -nicht. - -[Illustration] - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Wintervergnügen und Eisabenteuer. - - -Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die -ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der -Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben -wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern -einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich -nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach -Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß -genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die -Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz -flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem -Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar -nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden -freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das -Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie -recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft -stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang. - -Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben -sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter: - -»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn -ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere -alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken, -aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen. -Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite -Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird -wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht -so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und -euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.« - -Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche -sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an -den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da -gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und -Fritz sagte entschlossen: - -»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht -wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am -Ufer entlang?« - -Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden -ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige -Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche -pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem -Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte -es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da -waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin -stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine -Haus hinein, die Frau zu besuchen. - -Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem Hause von -Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte sie von deren ersten -Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei Tage vollständig im Hause -und da von Morgen bis Abend unermüdlich beschäftigt, all die kleinen -Höschen und Röckchen, die ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten, -auszubessern und neu zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer -alten Frau gepflegt, und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen -und Fritz nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie -that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre -kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen erzählen, -wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige Stunden vergangen, da -stand Fritz rasch auf und rief: - -»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag zu Hause sein -wollen.« - -»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug Kathrin -erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen greifen sah; -diese aber lachten fröhlich: - -»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen sind.« - -Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden. - -Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als es vor einigen -Stunden gewesen war, ein warmer Südwind blies mit voller Macht und -als sie auf den See kamen, bemerkten sie, daß derselbe schon bei -weitem mehr Wasser auf der Oberfläche stehen hatte als vorher, aber -es war ihnen nicht bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So -faßten sie sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts, -aber je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter -ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst recht -ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts zu kommen, zudem -der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. Der ganze See war auch -merkwürdigerweise völlig menschenleer, und es wurde ihnen die Ursache -erst schrecklich klar, als sie plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten, -daß das Eis unter ihnen wirklich ganz unsicher war und die Scholle, -auf welcher sie standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen -begann. - -»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; Fritz, -selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um den Leib und -sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann wie gejagt im fliegenden -Lauf weiter fort. – Gottlob, schon sahen sie das Ufer ziemlich nahe, -da gähnte vor ihnen plötzlich wieder eine Wassertiefe, welche sie -nicht zu überspringen wagten. Mit zitternden Knieen standen sie da, -dann begannen sie laut um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu -schwenken; da bemerkten sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und -stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so weit, -daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen Strick und -winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige schreckensvolle -Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine Ewigkeit währten, -vergingen – da hatte der tapfere Mann den Kindern den Strick zugeworfen -und denselben bedeutet, ihn um ihren Leib zu schlingen, – Fritz that -es mit bebenden Händen und als der Strick endlich fest genug saß, da -zog der Retter auf der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit -einem blitzartigen Ruck über die gefährliche Stelle und von da an -vollends bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke -der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens ging -durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick der geretteten -Kinder, welche totenbleich und mit wankenden Gliedern sich kaum -aufrecht zu halten vermochten. Aennchen konnte vollends keinen Fuß -mehr rühren, eine mitleidige Frau trug sie auf ihren Armen nach Hause -und als die ahnungslosen Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren -Gefahr ihre Kinder preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem -Herzen, daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der -hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und Aennchen -konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, und sie -gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so unvorsichtig sein zu -wollen. - -[Illustration] - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Klara. - - -»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug -Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn -niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich -habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das -wahr?« - -»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich -über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn -der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen -Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische -Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das -anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume, -welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es -ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen, -da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt – -ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme -greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!« - -»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche -aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser -neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen? -Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe -genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein -Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem -Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin -weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles -herrlich zusammen?« - -»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen, -dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der -Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der -vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei -jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten -Planes stimmen. - -So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine -Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der -Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet -hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf -das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei -kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau -Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich -ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut -anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter, -deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die -dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig -danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt. - -So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der -Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war, -vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand -gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim -und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als -Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen; -wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern -gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre; -auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften -Freundin. - -Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze -Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha -konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen. -Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte -Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der -Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume -geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil -werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die -Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue -Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war, -kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie -im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig -und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten -Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen -durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts -gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach -seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den -Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen -verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende -Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte -sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr, -sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war -glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu -hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Sechzehntes Kapitel. - -Musikstunden. - - -»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit -dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches -musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere -Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so -ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich -sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die -Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht -alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über -alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen -und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da -ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist, -einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden -den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und -strebsam zeigen.« - -So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich -vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen -Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen -würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte -sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie -konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag -klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich -nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte -die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem -Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren -gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu -wollen. - -Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule, -wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren -zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das -Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes -erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward. - -Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe hinauf in -einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin Fräulein Tamann sie -mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen Worten mit Aennchens -Mutter führte sie dann diese mit dem Töchterlein hinüber nach einem -andern Zimmer, darin standen drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch -ein Tisch, einige Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere -Etageren an den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus -nicht so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der -Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung zu -erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, daß sie gar -keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu zu empfinden. Es -waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge im Zimmer, zwei Knaben und -ein Mädchen, letzteres auch von seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen -sich die Damen, als der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl. -Tamann, verweilte noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie -sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden. - -Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn sich gedacht, -denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt wurde und dort -darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die Lehrerin, Fräulein -Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches Liedchen vor; »Wenn -die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in dein Bett hinein – Büblein, -spring geschwind heraus, sticht dir sonst die Augen aus.« Die Kinder -mußten das Liedchen nachsingen, bis sie es ohne Fehler konnten, -natürlich brachte Aennchen dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann -wurden alle vier an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher -Notenlinien aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche -freilich den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war nun -nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß diese -Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, die Noten -~c d e f g a h c~ darstellten; noch viel schwerer war es, die Bedeutung -der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, den Violinschlüssel -nachzumalen und vieles andere mehr, und es bedurfte dazu vieler -Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen hatten. Heute aber -in dieser ersten Stunde kamen sie doch schon so weit, daß sie einige -der Noten kennen lernten. Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt, -die zwei Mädchen an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite, -und Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie -gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie Füße und -Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen mußten. Dies -war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, denn ihre eckigen -Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für diese Künste. Nun sollte -sich jedes der Kinder die Melodie des Liedchens auf dem Klavier -zusammensuchen. – Aennchen fand sogleich den ersten Ton richtig und, -o Wunder, auch die nächsten Töne ganz gut bis zum Schluß, während die -andern Kinder sich weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine -große Freude an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde -bekamen alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben, -ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen -dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen der Noten darüber zu -setzen. - -So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und Aennchen kehrte -ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer nahm sie von nun -an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem Klavier zu üben; es war -erstaunlich, welche Fortschritte sie schon in den ersten Lehrstunden -machte, wie sie auch den schriftlichen Teil ihrer Aufgabe stets -zur Zufriedenheit löste und sogar anfing, kleine Kompositionen zu -versuchen, welche ganz niedlich ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer -hatten große Freude darüber, besonders aber war Martha stolz über die -musikalischen Fortschritte ihrer Freundin, und jede Stunde, welche -sie am Klavier zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein -Winkelchen daneben und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst -konnte ja nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre -kleine verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann -hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen -können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute sich -aufrichtig des Glückes ihrer Freundin. - -Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer wahren Quelle des -Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich beinahe zurückhalten, -daß sie nicht zuviel darin that. Bald war sie so weit, daß ihr das -Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit mehr verursachte und sie -nach dem Gehör die verschiedensten Akkorde schon auseinanderzukennen -vermochte; sie spielte mit richtigem Anschlag und gutem Ausdruck schon -eine Anzahl hübscher kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und -als nun in der Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«, -herannahte, da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche -ein hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften. - -Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze Schülerschar -der Musikschule freute sich schon lange darauf und Aennchen hatte von -den andern schon so viel erzählen hören, wie hübsch und unterhaltend -es an solchen Abenden immer sei. Da wurden alle Eltern derjenigen -Klassenschüler mit eingeladen, welche an dem Abend vorspielen durften, -es wurde Thee gereicht und die Kleinen mußten sich da wie in einer -richtigen Gesellschaft benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den -Kindern erweckt! jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein -Spiel als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen! - -Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, ihre -Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern auch das -Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen allerdings nur schwer -zu überreden war, sich mit in den Kreis all der andern frohen Kinder -zu mischen; sie war im größeren Kreise immer ängstlich und scheu, da -sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens verhöhnt zu werden. Aber -im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie keine Furcht zu hegen, daß -die Kinder in Unart und Uebermut ausarten könnten; dort waren alle -liebenswürdig und jedes darauf bedacht, sich so fein und gesittet als -möglich zu benehmen. - -So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn auch zu -einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, als sie ihr -Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. Nachdem alle -Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für Groß und Klein Thee -und Süßigkeiten herumgereicht und alle durften sich nach Gefallen -Plätze suchen, schwatzen und lachen. Das war nun eine Fröhlichkeit in -der kleinen Schar; sie saßen dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas -die Wände entlang, hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in -der linken Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen -unaufhörlich. Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß -Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu müssen; -in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, trug -den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte ihnen lustige -Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter und Gekicher unter -allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam und fragte, was es denn so -Lustiges gebe? - -»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat gerade -erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander heiraten, -aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will unter die Soldaten?‹ -vorspielen.« - -»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie hat so -schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische kleine -Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; er wäre -wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, wenn die Soiree nicht -ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen Mamas mit ihren Kindern -aufgebrochen wären. Aber noch lange schwärmten alle von dem schönen -Abend und Aennchen konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - -Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr. - - -Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin -jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe. - -Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu -unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir -uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem -Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und -dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war -noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als -dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg -über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns -alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten. -Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir -waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.« - -Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die -immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten -es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so -inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne -Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld -und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand -sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein -Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges -wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel -gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an -unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen -dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so -herzlich lachen und sich mit uns freuen kann. - -So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh« -näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die -Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara, -bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten -auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und -frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie -hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist, -ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun -ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie -jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß -Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir -alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara -voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie -nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und -dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen -fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern! -Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen, -was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge -Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von -Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch -acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt -leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich -mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s -lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle. - -So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit -und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf -dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl -gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder -spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts -Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben -es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert -seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen, -welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine -ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke -beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es -hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben -nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend: - -»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und -richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher -und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen, -mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das -wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem -Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief: - -»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?« - -Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe -erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen -Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur -stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und -auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte -und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder, -die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine -Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein -sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen: - -»Wo kommst du denn so überraschend hierher?« - -»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich -eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles -gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier; -mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause -berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir -schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein -Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich -nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden -wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir -hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß -du ihn auch kennen lernst?« - -Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen -gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt -lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas -fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir -als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen, -aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino -wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch -ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und -zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und -Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen -runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr -glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer -Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte -nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig -stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach: - -»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm, -während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie -wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige -entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen -war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha -sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als -ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf -der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen; -als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes -Gesichtchen war von Thränen überflutet. - -»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang -sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat -dringend: - -»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?« - -»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –« - -»Aber?« frug ich dazwischen. - -»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –« - -»Weil – – –?« drängte ich sie. - -»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich nicht mehr lieb -haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. Also das war’s! Das böse -Mädchen war eifersüchtig! Sie fürchtete, ich würde sie nun übersehen -neben der neuen Freundin! In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer, -hinter den andern zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen, -daß ihre Befürchtungen gänzlich grundlos waren, denn von der einen -Seite nahm Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten -und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann auf -derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns dreien ein -Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren ganz begeistert von -dem Gedanken und entwarfen sofort den Plan, von nun an ein Kränzchen -stiften zu wollen, welches »Vergißmeinnicht« benannt werden sollte. - -Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, welche uns -lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was uns so lange -zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, so sehr Peppino in uns -drang. Derselbe ist gar ein lieber, lustiger Bursche, er befreundete -sich herzlich mit Bruder Fritz, obgleich derselbe etwas jünger ist, und -die kleinen Brüder waren bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm -spielten und ihre Possen treiben. - -Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie gedacht, daß -er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er unterhielt sich sehr -freundlich mit allen, am meisten aber sprach er doch mit Fräulein -Klara, welche mit glänzenden Augen zu ihm aufschaute und so frisch und -wohl aussah, daß wir uns alle nicht genug darüber freuen konnten. - -Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage wieder -vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, Alma recht oft mit -uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht vor hat, sie noch einmal in -die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte er sich bei Mama nach einem -passenden Pensionat. Diese sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte -zuletzt, wie sie sagte: - -»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese Pension senden.« - -Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine -Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und nächste -Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha zugleich -Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn Dekan, der so -recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem wichtigen Schritt, -der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich fragte sie, ob sie schon -konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei dafür, daß dies erst mit 18 -Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen im Norden sei dies so Brauch – dies -wunderte mich sehr. - -[Illustration] - - - - -Achtzehntes Kapitel. - -Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation. - - -Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch zu schreiben; -ich hatte gar so viel anderes vor, diesen ganzen Winter. In der -Schule gab es mehr als je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres -und die große Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die -Konfirmation stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und -Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung dazwischen -wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das Kränzchen mit meinen -lieben Freundinnen Aennchen und Alma abzuhalten, und zwar hatten wir -dafür den Sonntagnachmittag festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben -wir an diesen Tagen immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche -zu Woche darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das -andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen gewidmet; -wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung in französischer -Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma darin unsere Meisterin, denn -sie spricht französisch, als wäre es ihre Muttersprache, während wir -andern oft nur recht kläglich zu stammeln vermögen; aber das giebt dann -gerade den größten Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die -richtigen Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat. - -Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, mich als -Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und zu ihrer Freundin -zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! Sie ist sehr lebhaft -und witzig, sehr glänzend und verwöhnt, dabei aber doch von Herzen -gut und liebenswürdig. Früher in der Schule hatte ich immer Scheu vor -ihr, da sah sie mit Hochmut über alle hinweg, welche es ihr nicht -gleichthun konnten; mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist -vollständig verändert von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch -äußerlich noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und -sie sieht so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten -wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, aus ihrem -glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens an mir ist, in unser -kleines, enges Stübchen zu kommen, und wahrhaft merkwürdig ist es, daß -sie behauptet, sich immer gerade da am wohlsten zu fühlen, weshalb -mein Herzens-Aennchen schon einmal beinahe eifersüchtig geworden -ist. Sie hängt mit einer schwärmerischen Liebe an meiner Schwester -Klara und erscheint niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und -Blumen von ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor -Freude; anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob -es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch Alma -erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr immer die Blumen -für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne ihn ja selbst darüber -befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt es selten, sein Töchterchen -mit dem Wagen aus dem Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen, -wenn das Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine -halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster -Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht herzlich freute, -daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, mein liebes, liebes -Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten Sommer ganz gesund -und kräftig geworden; sie fühlt keine Schmerzen mehr, kann täglich -ein Stündchen ausgehen, sich zu Hause beschäftigen und ist darüber -natürlich sehr glücklich und dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig -verholfen hat. Und wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern -meines lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es ja -nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt -für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt ist es, als ob -lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen wäre; der ganze lange -Winter ging uns wie ein freundlicher Traum vorüber. - -Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die Lehrer sind -alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten der Klasse ernannt. -Gleich nach mir kommt Aennchen, die es eigentlich noch viel mehr -verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche Schülerin und lernt -so rasch und leicht, daß es oft ganz wunderbar ist, während ich mich -oft viel mehr plagen muß. Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem -Aufsatz über Kaiser Barbarossa förmliches Aufsehen und erhielt eine -Extrabelobung. - -Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben uns noch drei -Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. Aennchen und ich, welche -den ganzen Unterricht miteinander genossen, verlebten auch diese letzte -Zeit tagtäglich zusammen. Wir waren gegenseitig bemüht, uns auf den -Ernst dieses wichtigen Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann -der heilige Ostertag herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen -sollten fürs Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen, -als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen -zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: »Sei getreu bis -in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!« und -Aennchen bekam die Worte auf den Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen -auf die, so ihn lieb haben!« - -Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein schönes -Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden Zöpfen in -dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht verschmäht, mit der -mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, welche, ich bemerkte es gar -wohl, die Blicke der meisten auf sich zog. Als ich mich darüber gegen -Aennchen äußerte, meinte das liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind -wir ja alle gleich und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm -sicher lieber als das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost -für mich! - -Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, Mama, Klara -und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. Es war ein schönes erhebendes -Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen wurden als erwachsene Christen -betrachtet und jedes sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens -Brüder wagten sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte, -beinahe etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden. - -Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem Gefühl dankbaren -Glückes beseelt, und als ich mich am Abend niederlegte, da gelobte ich -dem lieben Gott noch einmal im stillen, ihm »getreu zu sein und zu -bleiben bis in den Tod.« - -[Illustration] - - - - -Neunzehntes Kapitel. - -Das Kränzchen. - - -Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher Mai voll -Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. Das reizende Schlößchen -Stolzau lag wie in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue -Fliederbüsche guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die -Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher -Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig -herauslugte. - -»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« sprach Alma -halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen schmollend aufwarf. -In demselben Augenblick aber bog drunten der Wagen um die Ecke, welcher -allwöchentlich die Freundinnen aus der Stadt heraus brachte, und Alma -sprang mit einem frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange -Woche war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten – -das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu plaudern -und Neuigkeiten auszutauschen! - -»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen im Garten -abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen Gästen fröhlich -voransprang an ein reizendes Plätzchen unter einem blühenden Apfelbaum. -Dort war ein weißgedeckter Tisch höchst einladend mit Tassen und -Tellern, Früchten und Gebäck besetzt, ein silberner Theekessel summte -über einer Spiritusflamme und eben brachte der Diener auch die -dampfende Schokoladenkanne herbei. - -»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte Aennchen, -»Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erlaubt und heute -weiß ich von keiner.« - -»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« sprach Alma -geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst nicht weiß -welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir und sprach: ›Ich fahre -in die Stadt und wenn ich zurückkomme, erfährst du etwas Köstliches und -ich bringe dir etwas mit, was dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich -war meine Neugierde gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte -Papa, mir doch zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur -gestand er zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen -könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit meinen -Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber nur um Gotteswillen -raten, in was die Ueberraschung bestehen könnte? Mir wirbelt schon ganz -der Kopf von dem vielen Denken.« - -»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die -Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« riet -die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt von der Neugierde -der Freundin, in grübelnde Betrachtungen versank, deren Resultat -zuletzt darin bestand, daß sie meinte: - -»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er ja verheißen -hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen könne.« - -»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend und in -die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch immer das -Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich mit einem Stück -selbstgebackenen Kuchens belohnen.« - -»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst -uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen -nicht.« - -»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief -Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen -emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch -vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem -ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig -geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch -brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar -keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu -unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute -den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt, -ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann -endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger -Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die -Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding -begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich -ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in -den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war -der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr -seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.« - -»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in -die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber -Papa haben, wenn er das erfährt.« - -»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden -Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und -spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter -behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe -mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich -sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch -fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir -ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den -Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing, -für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst -werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N. -geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.« - -»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in -die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir -allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke, -das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es -mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in -ein Institut zu kommen.« - -»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich -werde ich euch entbehren!« - -»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du -deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?« - -»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens -brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu -trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich -eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir -vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der -Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort -kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später -zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im -zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe -ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches -Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der -Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute -Stütze werden.« - -»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie -dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes -Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten; -dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend: - -»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?« - -»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort. -»Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle -als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts -strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr -glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster -Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig -die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht. -Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an -welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt, -und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst -heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch -zeigen?« - -Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte: - -»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert, -daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen -beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist -die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir -rasch beginnen.« - -Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn -in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren -und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die -Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!« - -Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber -nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden -andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen. -Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr -von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er -führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und -vertraut schien. - -»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und -zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief: - -»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?« - -»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau -freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden -Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir -mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!« - -»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das -Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama -habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das -ist zu viel, zu viel des Glücks!« - -Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem -Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos -dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging. - -»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die -Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme -Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen. -»Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die -fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?« - -»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen -vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte -Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise: - -»Weiß es denn Mütterchen schon?« - -»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch -hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung -hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.« - -»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen, -in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut -sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während -die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten. - -[Illustration] - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - -Ein überraschender Besuch. - - -Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen -bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren -Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an -der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.« -Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal -bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber -ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und -heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen -Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit -allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten -Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines -der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von -Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem -fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen -auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob -man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in -fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte -sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,« -wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe -beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend -an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen. -Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so -bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der -sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige -Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in -Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien -sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der -Mutter Schutz sucht. - -[Illustration] - -Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft -der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken -halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft -damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob -es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und -welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der -Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man -in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße -entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen -Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es -wohl da unten zu schauen gebe. - -Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um -eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür -des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach -einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten -es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An -der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts -Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen -Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit -Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner -einem kleinen Herrenhütchen bestand. - -Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben -ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und -schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes -Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor -mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche -die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das -aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die -fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und -kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines -Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch -letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim -Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem -kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der -übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer -Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung -der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die -Thür des Hauses trat. - -»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich -habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor -Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –: - -»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten -die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?« - -Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her -und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren -Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen. - -Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an, -dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus: - -»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?« - -»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem -Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier -in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,« -ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem -Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.« - -»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein -Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge -Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der -Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!« - -Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte -aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es -sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger -Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen -neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha -hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des -Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und -mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an -ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre -Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer -frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie -auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich -trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie -hinüber nach Deutschland zu begleiten. - -»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg -bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte, -während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot. - -»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes -bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe -verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies -junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten. - -»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der -armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante, -indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb -zerstreut ein. - -»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem -freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits -meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in -der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit -Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich -aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.« - -»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein -sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht -daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen -Schutz!« - -»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,« -erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben -können!« - -»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft. - -»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre -Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt -zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche -besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen -Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter -zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun -und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines -eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die -gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun -anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau -ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.« - -»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin -ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich -kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem -mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde -haben, dich so allein zu wissen.« - -»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge -Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit -umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die -Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben -hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa -ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für -heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen -muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und -verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.« - -»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte -Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen, -durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt, -daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit -stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an -ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze -Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen -beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der -Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren -Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch -Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie -hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle, -herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen. - -Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür, -alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit -zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr -hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten -lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen, -daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei. - -»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen -von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede -Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete -Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.« - -»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet, -aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so -beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie -lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas -Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange -Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte. - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - -Schluß. - - -Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der -Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt, -welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren -Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte -sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden, -eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara -am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden -sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte -Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher -beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem -halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um -der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun, -ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit -einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum -zweitenmale. - -In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse. - -»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer -wieder. - -»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt, -»ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in -Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.« - -»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners -dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach -ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu, -ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum -drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra, -nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde -und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen -Lebensziel entgegen. - -Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren -waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten. - -[Illustration] - - -Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange - Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge - gekürzt. - - Korrekturen: - - S. 132: son → schon - und gutem Ausdruck {schon} eine Anzahl - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHULMÄDELGESCHICHTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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